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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:33:49 -0700 |
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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +HAMBURGISCHE DRAMATURGIE + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + + + +Inhalt: + +Ankündigung +Erster Band +Zweiter Band +Verzeichnis der Theaterstücke, nach Autorennamen geordnet +Verzeichnis der Theaterstücke, nach Titeln geordnet + + + + +Ankündigung + +Es wird sich leicht erraten lassen, daß die neue Verwaltung des hiesigen +Theaters die Veranlassung des gegenwärtigen Blattes ist. + +Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man +den Männern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders +als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlänglich darüber erklärt, +und ihre Äußerungen sind, sowohl hier, als auswärts, von dem feinern +Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede +freiwillige Beförderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern +Zeiten sich versprechen darf. + +Freilich gibt es immer und überall Leute, die, weil sie sich selbst am +besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten +erblicken. Man könnte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern gönnen; +aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst +aufbringen; wenn ihr hämischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese +scheitern zu lassen bemüht ist: so müssen sie wissen, daß sie die +verachtungswürdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind. + +Glücklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die größere +Anzahl wohlgesinnter Bürger sie in den Schranken der Ehrerbietung hält +und nicht verstattet, daß das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen, +und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen +Aberwitzes werden! + +So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner +Freiheit gelegen: denn es verdienet, so glücklich zu sein! + +Als Schlegel, zur Aufnahme des dänischen Theaters,--(ein deutscher +Dichter des dänischen Theaters!)--Vorschläge tat, von welchen es +Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, daß ihm keine +Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war +dieses der erste und vornehmste, "daß man den Schauspielern selbst die +Sorge nicht überlassen müsse, für ihren Verlust und Gewinst zu +arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu +einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto +nachlässiger und eigennütziger treiben läßt, je gewissere Kunden, je +mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen. + +Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen wäre, als daß +eine Gesellschaft von Freunden der Bühne Hand an das Werk gelegt und, +nach einem gemeinnützigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden hätte: +so wäre dennoch, bloß dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser +ersten Veränderung können, auch bei einer nur mäßigen Begünstigung des +Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen, +deren unser Theater bedarf. + +An Fleiß und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an +Geschmack und Einsicht fehlen dürfte, muß die Zeit lehren. Und hat es +nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden +sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und +höre, und prüfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschätzig +verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden! + +Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publikum halte, und +derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich +selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht +jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines +Stücks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den +Wert aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen +einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre +Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art +verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als +sie nach ihrer Art gewähren kann. + +Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der +Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von +dieser Höhe, natürlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fürchte +sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist. + +Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht +wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, +der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer +geschwinder, als der ohne Ziel herumirret. + +Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden +Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des +Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stücke ist +keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer +Meisterstücke aufgeführet werden sollten, so sieht man wohl, woran die +Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmäßige für nichts mehr +ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens +daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm +Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum +ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke müssen auch +schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche Rollen +haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Stärke zeigen kann. +So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text +dazu elend ist. + +Die größte Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn +er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens unfehlbar zu +unterscheiden weiß, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters, +oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der +andere versehen hat, heißt beide verderben. Jenem wird der Mut benommen, +und dieser wird sicher gemacht. + +Besonders darf es der Schauspieler verlangen, daß man hierin die größte +Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters +kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer +wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist +in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich +schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers +mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen +lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat. + +Eine schöne Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein +reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge, +die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen. Doch sind es auch weder +die einzigen noch größten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schätzbare +Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr nötig, aber noch lange nicht +seinen Beruf erfüllend! Er muß überall mit dem Dichter denken; er muß da, +wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, für ihn denken. + +Man hat allen Grund, häufige Beispiele hiervon sich von unsern +Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums +nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, +und der zu viel erwartet. + +Heute geschieht die Eröffnung der Bühne. Sie wird viel entscheiden; sie +muß aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich +die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es würde Mühe kosten, ein ruhiges +Gehör zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher +als mit dem Anfange des künftigen Monats erscheinen. + +Hamburg, den 22. April 1767. + + +----Fußnote + +[1] "Werke", dritter Teil, S. 252." + +----Fußnote + + + + +Erster Band + + +Erstes Stück +Den 1. Mai 1767 + +Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und +Sophronia" glücklich eröffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit +einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der +Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre +keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen ließe, +daß man eine viel bessere hätte treffen können. + +"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein +unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings für unsere +Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das was +er, nach dem Urteile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leisten +können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische +Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem +sechsundzwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine +wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen? + +Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine rührende +Erzählung in ein rührendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar +kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne +Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese +neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der +Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzählers +in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die +Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers +entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu +lassen, daß dieser sympathisieren muß, er mag wollen oder nicht: das ist +es, was dazu nötig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich +langweilig zu erklären, tut, und was der bloß witzige Kopf nachzumachen, +vergebens sich martert. + +Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus +und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die +Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die +Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldenmütiger Diensteifer, der +die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche +der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die +Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe +so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden. +Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine +fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn +verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natürlich, so wahr und +menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch +zu machen, daß nichts darüber! + +Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch +Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen +Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das +wundertätige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum +machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn +dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der +Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmöglich geben. +Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verrät sich +in mehrern Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem +mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der gröbste Fehler aber ist, daß er +eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als +jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm "ein +Sitz der falschen Götter", und den Priester selbst läßt er ausrufen: + +"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe rüsten, Ihr Götter? +Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!" + +Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostüm, vom Scheitel +bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche +Ungereimtheiten sagen! + +Beim Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man +eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine +höhere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Täter. +Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber +Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr +verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es +wagen können, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des +Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so +ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmut. Beim Tasso läßt +ihn bloß die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder +mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloß um mit ihr zu sterben; kann er mit +ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer +Seite, an den nämlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nämlichen Feuer +verzehret zu werden, empfindet er bloß das Glück einer so süßen +Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe, +und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und +vertrauter sein möge, daß er Brust gegen Brust drücken und auf ihren +Lippen seinen Geist verhauchen dürfe. + +Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz +geistigen Schwärmerin und einem hitzigen, begierigen Jünglinge ist beim +Cronegk völlig verloren. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit; +beide haben nichts als das Märtertum im Kopfe; und nicht genug, daß er, +daß sie für die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena +hätte nicht übel Lust dazu. + +Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten, +einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann. +Die eine betrifft das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldenmütige +Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu +verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mehrern +sieht, höret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in +seinem "Kodrus" sehr versündiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum +freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Kodrus allein auszeichnen +sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art +dastehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm +im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht? +sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere +Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So +auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles hält +gemartert werden und sterben für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese +frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung +verlieren. + +Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere. +Die Helden desselben sind mehrenteils Märtyrer. Nun leben wir zu einer +Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als +daß jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung +aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten in den Tod stürzet, den Titel +eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen +Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr, +als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische +Träne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die +Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Träne ist keine +von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der +Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die +lautersten und triftigsten Bewegungsgründe gebe! daß er ihn ja in die +unumgängliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich +der Gefahr bloßstellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen, +nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum +Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter +leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein ebenso nichtswürdiger +Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher +den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es +entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher +Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen +konnte; daß es noch Länder gibt, wo er der frommen Einfalt nichts +Befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig +für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu +werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle, +wenn er nicht bloß schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, +hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in +Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu +schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt, +läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern; +nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart +zu bestärken. + + + +Zweites Stück +Den 5. Mai 1767 + +Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend, +würde über die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So überzeugt wir +auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen, so wenig +können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem +Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen +entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in +der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das +Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgründe zu +jedem Entschlusse, zu jeder Änderung der geringsten Gedanken und +Meinungen, müssen, nach Maßgebung des einmal angenommenen Charakters, +genau gegeneinander abgewogen sein, und jene müssen nie mehr +hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen können. +Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail, +über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur +einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er +uns abgetäuschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Szene des dritten +Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der +Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätten bewegen können, aber +viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar +keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das +Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz +zuvor erfahren, daß ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine, +erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhern Macht in die +Reihe natürlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand +hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater +gehen dürfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des +Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Großmut und Ermahnungen bestürmet +und bis in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit +der Religion, an deren Bekennern er so viel Großes sieht, mehr vermuten, +als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermutung +unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte +geschehen müssen. + +Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide +Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr +geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer +christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein +Stück, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist +ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren +Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille +Gelassenheit, die unveränderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Züge +sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch +Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung +einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben der Uneigennützigkeit, +mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen +und vollzogen zu sehen wünschen? + +Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann, +wieviel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten +unwidersprechlich widerlegt, wäre also mein Rat:--man ließe alle +bisherige christliche Trauerspiele unaufgeführet. Dieser Rat, welcher aus +den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts +als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter, +weil er den schwächern Gemütern zustatten kömmt, die, ich weiß nicht +welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an +einer heiligern Stätte gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das +Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoß geben; und ich wünschte, +daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte. + +Cronegk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges +gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazugefüget; eine Feder +--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der +Ergänzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als +sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am +besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim +Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der +uneigennützigsten Großmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt +gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei +Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu +rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den +Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen +Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fünften Akte!" +antwortete dieser. In Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse +Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres +Leben versprachen.-- + +Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So +mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich +schweige von der äußeren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters +erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hilfe dazu nötig ist, sind +bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die +Künstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande. + +Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden sein, wenn unter +vier, fünf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet +haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Notnagel so +sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach +Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer +ein Garrick ist. + +Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im +Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann +eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch +immer für den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle übrige +Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses, +daß er Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen +Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer +Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivia1ste von dieser Art in seinem +Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält. + +Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem +"Kodrus" und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze +ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von +dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu +werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für +Ede1steine, und witzige Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen. +Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere +Wirkung auf mich. Die eine, + +"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht." + +Die andere, + +"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht." + +Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und +dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt, +wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Teils dachte +ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet +Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm +erwerben, und ein Sokrates würde sie gern besuchen. Teils fiel es mir +zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese +vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an +jenem Gemurmle den meisten Anteil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen +gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das +sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral +wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater +herabgestürmet zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem +Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert, +entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht +haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß +dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht +anders als so habe urteilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit +muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der +Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er annimmt, ein Mensch +könne das Böse, um des Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften +Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen +sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so +gräßlich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines +schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden für die höchste Schönheit des +Trauerspieles hält. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum +alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer +falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß +ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den +falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht +weil sie Priester, sondern weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf +ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes +gemißbraucht hätten. + +Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen +läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie +als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien? + +Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von +dem Schauspieler sprechen. + + + +Drittes Stück +Den 8. Mai 1767 + +Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), daß wir auch die +gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein +anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso +unterhaltend finden sollen? + +Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund +übergehet; man muß ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu +prahlen scheinen. + +Es verstehst sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich +wohl gelernet sein wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten +Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer +Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskramungen des +Gedächtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage +der Sachen scheinen. + +Ebenso ausgemacht ist es, daß kein falscher Akzent uns muß argwöhnen +lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den +richtigsten, sichersten Ton überzeugen, daß er den ganzen Sinn seiner +Worte durchdrungen habe. + +Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei +beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch +von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man +einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtnis gepräget hat, lassen +sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern +Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele +muß ganz gegenwärtig sein; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein +auf ihre Reden richten, und nur alsdann-- + +Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch +keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das +streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man +sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht +ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen +äußern Merkmalen urteilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge +in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten, +oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse +Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen +wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere +Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und +ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir +glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche. +Gegenteils kann ein anderer so glücklich gebauet sein; er kann so +entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so +geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen +der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime +erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt sein, daß er uns in +denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, sondern nach irgendeinem +guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen +wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische +Nachäffung ist. + +Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte, +dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug +nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln +bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch +deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der +Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, +hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden) er zu +einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer +derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber +doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den +nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren +Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu +können glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die äußerste Wut des Zornes +ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht +verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen, +noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in +Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergröbsten Äußerungen +des Zornes einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat und +getreu nachzumachen weiß--den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den +rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der +Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne usw.--wenn er, +sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will, +gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl +von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da +auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht bloß von unserm +Willen abhangen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen, +seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein +scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es +sein sollte. + +Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt habe ich mir zu +bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung +begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und +welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder +Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann. +Mich dünkt folgendes. + +Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von +Sammlung der Seele und ruhiger Überlegung verlangt. Er will also mit +Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt sein. + +Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindrücken, +welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist +kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine generalisierte Empfindung, +und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung +gesprochen sein. + +Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kälte?-- + +Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach +Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht. + +Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam +einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück oder ihre +Pflichten bloß darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um +durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu genießen, +diese desto williger und mutiger zu beobachten. + +Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral +(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam +von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der +Vernunft, stürmischen Ausbrüchen den Schein vorbedächtlicher +Entschließungen geben zu wollen scheinen. + +Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen +gemäßigten und feierlichen. Denn dort muß das Raisonnement in Affekt +entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskühlen. + +Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen +Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stürmisch heraus, als +das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als +das übrige. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder +in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und daß wir sie in +jenen ebenso unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie +überlegten nie, daß die Stickerei von dem Grunde abstechen muß, und Gold +auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist. + +Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn +sie deren dabei machen sollen, noch was für welche. Sie machen +gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende. + +Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln +scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie +umgibt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des +Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die +Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand +der Ruhe, um die innere Ruhe auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft +nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß +fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrechten +Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer +feierlichen Stille, als ob er sich nicht stören wollte, sich selbst zu +hören. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die +Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu +befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmählich +das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben, +während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch +in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urplötzlich +in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen +ausdrückenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande +des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte, +mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen +sein will. + +Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein; +nur mit dem Unterschiede, daß der Teil der Aktion, welcher dort der +feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der +feurige sein muß. Nämlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte +Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften +Empfindungen einen höhern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird +sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen, +dazu beitragen lassen; die Hände werden in voller Bewegung sein; nur der +Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge +wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern +herausarbeiten möchte. + + + +Viertes Stück +Den 12. Mai 1767 + +Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in +ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet? + +Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln, +welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgeschrieben hatten, wissen +wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händesprache zu +einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner +darin zu leisten imstande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreifen +lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein +unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermögen, +Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte +Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, daß sie nicht +bloß eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes +fähig werden. + +Ich bescheide mich gern, daß man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit +dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bei +weitem so geschwätzig nicht, als die Hände des Pantomimens. Bei diesem +vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den +Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natürliche +Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben +verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände +nicht bloß natürliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle +Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler gänzlich enthalten. + +Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber +ebensowenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts +damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den +gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch +ein so großer Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich +das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald +mit der linken Hand die Hälfte einer krieplichten Achte, abwärts vom +Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich +wegrudern, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen +Tanzmeistergrazie zu tun geübt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern +zu können. + +Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand +in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit +allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres +Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es +ihnen nur zur Übung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um +den Armen die Biegungen des Reizes geläufig zu machen; nicht aber in der +Meinung, daß das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung +solcher schönen Linien, immer nach der nämlichen Direktion, bestehe. + +Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen +Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse; +und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und +endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Sprüchelchen aufsagen, wenn +der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher +man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam +vom Rocken spinnet. + +Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muß +bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man +nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal +Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von +malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren +Gebrauch, in Beispielen zu erläutern. Itzt würde mich dieses zu weit +führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine +Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat, +und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind +dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist +ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umständen der handelnden Personen +gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd, +er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem +weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhörer nicht bemerkt +oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung +sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das +Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein +können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen. + +Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie +mir es itzt beifällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit +einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt, +Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den +Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein +alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrüglichkeit unsrer +Hoffnungen zu Gemüte führen. + +"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!" + +Sein Sohn ist ein feuriger Jüngling, und in der Jugend ist man vorzüglich +geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen. + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft." + +Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler +nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Jüngling nicht ganz +niederschlagen und fähret fort: + +"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft." + +Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als +schönen Bewegung des Armes begleiten, würde weit schlimmer sein, als sie +ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die, +welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt. +Die Zeile, + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft" + +muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterlichen Warnung, an und gegen den +Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne +leichtgläubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung +veranlaßt. Die Zeile hingegen, + +"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft" + +erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene +Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich notwendig +gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evander diesen Satz aus +eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sei, von dem er gelte. + +Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der +moralischen Stellen wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin findet, +hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe +nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie +angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloß +gelingt, sondern der es macht! + +Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig +eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals +gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein +falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den +verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit +einer Präzision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste +Erklärung, den vol1ständigsten Kommentar erhält. Sie verbindet damit +nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr glücklichen +Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube +die Liebeserklärung, welche sie dem Olint tut, noch zu hören: + + "--Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen; + Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen. + Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir-- + Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir; + Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute, + War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite. + Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin, + Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin. + Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen, + Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen, + Verbrechern gleichgestellt, unglücklich und ein Christ, + Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist: + Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!" + +Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst +beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher +Überströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit +ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie +überraschend brach sie auf einmal ab und veränderte auf einmal Stimme und +Blick und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die +dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde +geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen +Tone der Verwirrung, kam endlich + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe +sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß +sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein +zärtliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewöhnt sonst +in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die +Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere +Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimütigkeit wieder da. Sie +fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze +des Affekts fort: + + "--Und stolz auf meine Liebe, + Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann, + Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an." + +Denn die Liebe äußert sich nun als großmütige Freundschaft: und die +Freundschaft spricht ebenso dreist, als schüchtern die Liebe. + + + + +Fünftes Stück +Den 15. Mai 1767 + +Es ist unstreitig, daß die Schauspielerin durch diese meisterhafte +Absetzung der Worte + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in +dem nämlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste +Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen +Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den +Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den +Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen +sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer sein, als so +ein Vorwurf? Freilich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses +Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern +übel aussehen. + +Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes, +widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch +der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die +schöne Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte +Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer +aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von +Weibe, als mit himmelbrütenden Schwärmern sympathisieren. Nur gegen das +Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns ebenso +gleichgültig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt +sie von einem Äußersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt, +so fügt sie hinzu: + +"Wirst du mein Herz verschmähn? Du schweigst?--Entschließe dich; Und wenn +du zweifeln kannst--so zittre!-- + +So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der +Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll +vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen? +--O wenn es der Schauspielerin eingefallen wäre, für diese ungezogene +weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte +zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget +zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint +verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das +ist so unartig als lächerlich. + +Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den +Schranken des Woh1standes und der Mäßigung zu erhalten? Er fährt fort, +Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu +lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr statt. + +Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun könnte, +wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so +ganz hinreißen ließe, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die +äußerste Wut nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit +den gewaltsamsten Gebärden ausdrückte. + +Wenn Shakespeare nicht ein ebenso großer Schauspieler in der Ausübung +gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch +wenigstens ebenso gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der +Kunst des andern gehöret. Ja vielleicht hatte er über die Kunst des +erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu +hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die +Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle +Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beifalle gelegen ist. "Ich +bitte euch", läßt er ihn unter andern zu den Komödianten sagen, "sprecht +die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muß nur eben darüber +hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von +unsern Schauspielern tun: seht, so wäre mir es ebenso lieb gewesen, wenn +der Stadtschreier meine Verse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer +Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles hübsch artig; denn +mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung +beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt." + +Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich +so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche +es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am +unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein könne, als es die +Umstände erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, daß +in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig +Verstand zeige. Überhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem +Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist +es wohl unstreitig, daß der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber +das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle +Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem +Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der +Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu sehen wünschen, +wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem +Verstande anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein, +dessen Mäßigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß bloß jene Heftigkeit der +Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden, +warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet +hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es +gibt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig +würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten +edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren +beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Äußerung der heftigen +Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein +könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch +noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen und ihm +das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen. + +Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Künsten +und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit +ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie +ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten +Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde +eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr +alle das Ausdrückende, welches ihm eigentümlich ist, ohne das +Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den +permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzu lang darin verweilen; +nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten +und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des +Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu +der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar +eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich +machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die +Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfälscht +überliefern soll. + +Es könnte leicht sein, daß sich unsere Schauspieler bei der Mäßigung, zu +der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in +Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden dürften.--Aber welches +Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein großer Liebhaber des Lärmenden +und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten +Händen zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von +diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem +Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rafft sich, gegen +das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal +die Stimme und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn +seiner Rede diese höhere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten +widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was +tut das ihm? Genug, daß er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam +auf ihn zu sein, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschen. +Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug, +teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen, +für die Tat. + +Ich getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem +Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht sein müssen, Fehler zu +bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste +nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir +ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten +lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die +Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet. + +Den Beschluß des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit", +ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französischen des Le Grand. +Es ist eines von den drei kleinen Stücken, welche Le Grand unter +dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die +französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits +einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die lächerlichen Verliebten", +behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der +dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind +sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie es sich mehr +für eine satirische Erzählung, als auf die Bühne schickt. Der Sieg der +Zeit über Schönheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung +eines sechzigjährigen Gecks und einer ebenso alten Närrin, daß die +Zeit nur über ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar +lächerlich; aber diesen Geck und diese Närrin selbst zu sehen, ist +ekelhafter, als lächerlich. + + + +Sechstes Stück +Den 19. Mai 1767 + +Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem großen +Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem +Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen +Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige +Miene des Scherzes zu geben. Womit könnte ich diese Blätter besser +auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie. +Sie bedürfen keines Kommentars. Ich wünsche nur, daß manches darin nicht +in den Wind gesagt sei! + +Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der +Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden +Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte. + +Prolog +(Gesprochen von Madame Löwen) + + Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel + Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel: + Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen, + Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen; + Wenn bald die süße Trän', indem das Herz erweicht, + In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht, + Bald die bestürmte Seel', in jeder Nerv' erschüttert, + Im Leiden Wollust fühlt und mit Vergnügen zittert! + O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt, + Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners wälzt, + Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket, + Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket, + Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt, + Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert? + Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde, + Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde; + Weiht sie, die Lehrerin der Könige zu sein, + Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein; + Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Tränen zu ergötzen, + Das stumpfeste Gefühl der Menschenliebe wetzen; + Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun + Die Bosheit bändigen und an den Seelen baun; + Wohltätig für den Staat, den Wütenden, den Wilden + Zum Menschen, Bürger, Freund und Patrioten bilden. + Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit + Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit; + Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter, + Und Macht wird oft der Schutz erhabner Bösewichter. + Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat, + Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat! + Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen, + Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen, + Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit + Für eines Solons Geist den Geist der Drückung leiht! + Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen, + Das Schwert der Majestät aus ihren Händen drehen: + Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls + Der Redlichkeit, den Fuß der Freiheit auf den Hals. + Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten, + Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten! + Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann, + Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann, + Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken? + Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken. + Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?-- + Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geißel trägt, + Die unerschrockne Kunst, die allen Mißgestalten + Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten; + Die das Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt, + Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind; + Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erblödet, + Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet; + Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeiz nüchtern macht, + Den Heuchler züchtiget und Toren klüger lacht; + Sie, die zum Unterricht die Toten läßt erscheinen, + Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen. + Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier; + In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier. + Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Tränen flossen, + Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen; + Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint + Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint: + Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet und gescheuet + Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet. + Lang hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn: + In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen! + Hier, in dem Schoß der Ruh', im Schutze weiser Gönner, + Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner; + Hier reifet--ja ich wünsch', ich hoff', ich weissag' es!-- + Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles, + Der Gräciens Kothurn Germanien erneute: + Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der eure. + O seid desselben wert! Bleibt eurer Güte gleich, + Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch! + + + +Epilog +(Gesprochen von Madame Hensel) + + Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ! + So lieblos hasset der, dem Irrtum nützlich ist, + Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache, + Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache. + Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt, + Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt. + So konnt' er sein Gespinst von Lügen mit den Blitzen + Der Majestät, mit Gift, mit Meuchelmord beschützen. + Wo Überzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut: + Die Wahrheit überführt, der Irrtum fodert Blut. + Verfolgen muß man die und mit dem Schwert bekehren, + Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren. + Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach + Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Mörder nach + Und muß mit seinem Schwert den, welchen Träumer hassen, + Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit würgen lassen. + Abscheulichs Meisterstück der Herrschsucht und der List, + Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist! + O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen, + In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen, + Dich, die ihr Blutpanier oft über Leichen trug, + Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch! + Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme + Laut für die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme + Ein schuldlos Opfer ward und für die Wahrheit sank: + Habt Dank für dies Gefühl, für jede Träne Dank! + Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes: + Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes! + Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind, + Zwar schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind. + Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Tränen, + Die sonst kein Vorwurf trifft, als daß sie anders wähnen! + Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu, + Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei; + Der für die Wahrheit glüht und, nie durch Furcht gezügelt, + Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt. + Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert: + O wohl uns! hätten wir, was Cronegk schön gelehrt, + Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben, + Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben! + Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist; + Er war, und--o verzeiht die Trän'!--und starb, ein Christ. + Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten, + Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten. + Versaget, hat euch itzt Sophronia gerührt, + Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt, + Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre, + Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zähre. + Uns aber, edle Freund', ermuntre Gütigkeit; + Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht. + Verzeihung mutiget zu edelerm Erkühnen, + Und feiner Tadel lehrt das höchste Lob verdienen. + Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins für einen Garrick sind; + Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen, + Und--doch nur euch gebührt zu richten, uns zu schweigen. + + + + +Siebentes Stück +Den 22. Mai 1767 + +Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner höchsten Würde, indem er es +als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es gibt Dinge in dem +sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren +Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich und in sich +selbst zu veränderlich sind, als daß sie wert oder fähig wären, unter der +eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere, +gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren +Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren +Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz +entgehen oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich +will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des +Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf außerordentliche +Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen +und das Herz in Tumult setzen, die Tragödie einzuschränken. Das Genie +lacht über alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch +unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Vorwurf entweder +diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet und die +eigentlichen Gegenstände desselben nur insofern behandelt, als sie sich +entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche +verbreiten. + +Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil +der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von +dem Hrn. von Cronegk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff +aus den unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge genommen ist, die Toleranz +predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den +Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese +Kreuzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der +Päpste waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten +Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig +gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die +wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben, +zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das +rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten? +Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat, +das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und +Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein +Anlaß dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr +natürlich und dringend finden sollte. + +Übrigens stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bei, welches der +Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich +bereden lassen, daß er mit mir über den poetischen Wert des kritisierten +Stückes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen +gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern +durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen +bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken +lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen. +Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu +verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die +lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit +schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er +entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre +erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den +Verfassern der "Bibliothek der schönen Wissenschaften" gekrönet, aber +wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die +damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die +ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so +bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein +Hinkender. + +Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von +der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt: + + "Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins für einen Garrick sind." + +Quin, habe ich darwider erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler +gewesen.--Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die +Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson, +gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil für seine +Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil für sich: +man weiß, daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er +besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten gewußt; daß +er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer größten Vollkommenheit +gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das +Mißverständnis liegt bloß darin, daß man annimmt, der Dichter habe diesem +allgemeinen und außerordentlichen Schauspieler einen schlechten, und für +schlecht durchgängig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier +einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht; +einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm +zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich +spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu +Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte +ein guter Schauspieler heißen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der +Proteus in seiner Kunst zu sein, für den das einstimmige Gerücht schon +längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel, +den König im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komödie +waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick +anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick +der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken, +sondern er war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu +erschrecken? Gewiß und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so +würden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der +andere hingegen, der König, schien wohl auch etwas gerührt zu sein, aber +als ein guter Akteur gab er sich doch alle mögliche Mühe, es zu +verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch +einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein +Aufhebens macht!" + +Bei den Engländern hat jedes neue Stück seinen Prolog und Epilog, den +entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu +die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu +unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde +liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar +nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei +darin zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm +bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl über ihn als +über die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des +Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die +völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte, +darin erzählen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von +Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die +geschilderten Sitten und über die Kunst, mit der sie geschildert worden; +und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern +sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts +Ungewöhnliches, daß nach dem Blutigsten und Rührendsten die Satire ein so +lautes Gelächter aufschlägt und der Witz so mutwillig wird, daß es +scheinet, es sei die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des +Guten ein Gespötte zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider +diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert +hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bei uns neue Origina1stücke nicht +ganz ohne Einführung und Empfehlung vor das Publikum gebracht würden, so +versteht es sich von selbst, daß bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs +unserm deutschen Ernste angemessener sein müßte. Nach dem Lustspiele +könnte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei +den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt +mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu +welchen er sie verfertiget, zum Teil längst vergessen sind. Hamburg hätte +einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal +zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem +Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde. + + +----Fußnote + +[1] Teil VI, S. 15. + +----Fußnote + + + + +Achtes Stück +Den 26. Mai 1767 + +Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt. + +Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgeführet. +Dieses Stück des Nivelle de la Chaussée ist bekannt. Es ist von der +rührenden Gattung, der man den spöttischen Beinamen der Weinerlichen +gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Tränen nahe bringt, wobei wir +nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser +Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele +Ströme von Tränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele +verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden. +Denn eben bringen sie es ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir +hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser +verstanden hätte. + +"Melanide" ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht es +doch immer mit Vergnügen. Es hat sich selbst auf dem französischen +Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der +Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt, +entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der +zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen +Unbekannten, anstatt des de la Chaussée, um das beneiden, weswegen ich +wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wünschte. + +Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine +italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des +Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer +Übersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüder meistenteils noch +weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa übersetzen, +erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas +anders. Allzu pünktliche Treue macht jede Übersetzung steif, weil +unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der +andern sein kann. Aber eine Übersetzung aus Versen macht sie zugleich +wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versifikateur, den nie +das Silbenmaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas +stärker oder schwächer, früher oder später, sagen ließe, als er es, frei +von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Übersetzer dieses +nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug +hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den +eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder +anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals +überliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben, +welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der +Grundsprache für sie machen. + +Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer +neunjährigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den +Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und +ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen +verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit +dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von +der Welt das feinste, schnel1ste Gefühl, die sicherste, wärmste +Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wünschen, +doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. In ihrer Deklamation +akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel +intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu +können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere +Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und +gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das +Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder +Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist +durch das ganze Stück einförmig; in dem nämlichen Maße der Geschwindigkeit, +in welchem die ersten Takte gespielet worden, müssen sie alle, bis zu den +letzten, gespielet werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik notwendig, +weil ein Stück nur einerlei ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine +Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich sein würde. Mit +der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von +mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stück annehmen und die +Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen die Glieder, auch +alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären und aus der nämlichen +Anzahl von Silben des nämlichen Zeitmaßes bestünden, dennoch nie mit +einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht +auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dem +ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein +können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern +schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlupft; auf den +beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort, +und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser +Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine +künstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen, +so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden, +sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem +durchdrungenen Herzen und nicht bloß aus einem fertigen Gedächtnisse +fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde +Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des +Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und +Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und +Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen +damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich +unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen +entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die +Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die +Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu +vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente +auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget, +bloß dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben +imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich +urteile bloß so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in +welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in +dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort. + +Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches +Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe", +aufgeführet. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt, +daß bereits zwei andere Stücke von ihm den Beifall des dortigen Publikums +erhalten hätten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwärtigen zu +urteilen, müssen sie nicht ganz schlecht sein. + +Die Hauptzüge der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der +"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wünschte, daß Herr Heufeld, +ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den +"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert +hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines +Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stücken glücklicher +gewesen sein. + +Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr +gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung +fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig +guten so weit voneinander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in +den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzügen nicht zwingen lassen. +Die Geschichte konnte sich auf der Bühne unmöglich so schließen, wie sie +sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber +der Julie mußte hier glücklich werden, und Herr Heufeld läßt ihn +glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerin. Aber hat Herr Heufeld auch +überlegt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist? +Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst +eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist +nichts als eine kleine verliebte Närrin, die manchmal artig genug +schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schöne Stelle im Rousseau +besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwähnet +habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein +schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen und wird zuletzt ein +Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals +erdichtet hat, weit übertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren +Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie +über ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke +nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie +gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf +der Zunge, und Torheit im Herzen hat? + +Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft. +Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich +wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten +ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer sein +wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte +Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angeführte Kunstrichter, "den +Philosophen. Den Philosophen! Ich möchte wissen, was der junge Mensch in +der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst? +In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all- +gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt +und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er +abenteuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Tun und +Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Überlegung. Er setzet das +stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen +genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schülerin oder von +seinem Freunde an der Hand geführet zu werden."--Aber wie tief ist der +deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux! + + +----Fußnote + +[1] Teil X, S. 255 u. f. + +----Fußnote + + + + +Neuntes Stück +Den 29. Mai 1767 + +In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen +aufgeklärten Verstand zu zeigen und die tätige Rolle des rechtschaffenen +Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komödie ist weiter nichts, als +ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend +macht und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen +nicht durchgängig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze +Wirksamkeit läuft auf ein paar mächtige Torheiten heraus. Das Bürschchen +will sich schlagen und erstechen. + +Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Siegmund nicht in +genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch +vorzubeugen, wenn er zu erwägen gibt: "daß ein Mensch seinesgleichen, in +einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle +Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten +könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann +sei, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter, +Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten." + +Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den +Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem +Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben +beimißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der +Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch +sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die +Menschen sind, und können es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir +ihnen, bloß auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmöglich für sie +interessieren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die +geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble +Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und +allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deswegen, weil Julie, +ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund für den vortrefflichsten, +vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen +bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller +dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen +Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr, +in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große +Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den +kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das +meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die +größten. Wie traf es sich denn indes, daß vierundzwanzig Stunden Zeit +genug waren, dem Siegmund zu den zwei äußersten Narrheiten Gelegenheit zu +schaffen, die einem Menschen in seinen Umständen nur immer einfallen +können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser +antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so +natürlich herbeigeführet, noch so fein behandelt sein: so würden darum +die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre +üble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stürmischen Scheinweisen +nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln +könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den +allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken. + +Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen +andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählet hatte, +wird beim Rousseau nur kaum berührt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine +ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas +wagt. Er läßt den Vater die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die +Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler +hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der +Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der +Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs +könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, daß, +wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut +zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, daß dieses unterlassen worden. Die +Pantomime muß nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in +solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber +das Auge muß es nicht wirklich sehen. + +Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie +gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die +Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter +fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns, +denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte +übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen außerordentlichen Hebel +verzeihen; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da +keine Gründe bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung +ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlusse nur +noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche +Überraschung der unerwartetsten Begegnung erschüttert, und in einer Art +von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter, +verführerische Zärtlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau +kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er +sich entschließen, ihr sie abzunötigen, oder, wenn man will, abzustehlen. +Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß +sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe. +Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die +Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: hätte Herr Heufeld +die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloß das +Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewöhnliche +derselben vor dem Vorwurfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen +wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan hätte, +so würden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so +recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein +hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht +eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung tut. +Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausführte, die Aktion, mit der er +einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter +beschwor, wären es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu +begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei +Zergliederung des Planes, merklich wird. + +Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des +Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen +Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er +ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der +Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn +ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam +und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten, +die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel +besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf +Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben, +zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine +Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen +gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber +keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden raten, sich dieser +Besondernheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider +Geschlechter gewöhnet, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des reizendern +nicht etwas Leeres empfinden sollten. + +Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen +Destouches, das nämliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Bühne +gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Aufzügen daraus gemacht +und sind daher genötiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen +Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt "Die Mitgift" und wird vom +Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von +den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches +führt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im +Jahre 1745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzige +Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beifall, und ist +erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später, +als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht +der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mehrern mit so vieler +Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es +eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder +zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in +Benennung seiner Stücke; und meistenteils nahm er sie von dem aller- +unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den +Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling für seine Mühe bekam. + + + + +Zehntes Stück +Den 2. Juni 1767 + +Das Stück des fünften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das +unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches. + +Wenn wir die Annales des französischen Theaters nachschlagen, so finden +wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers gerade den +allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch "Der +verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der +poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in +ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf +dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er +seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er +eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu +entfernen; und wenn er es tut, dünket man sich berechtiget, darüber zu +stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas +Schlechters zu finden, sobald man nicht das nämliche findet. Destouches +hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in +seinem "Verschwender" Muster eines feinern, höhern Komischen gegeben, als +man vom Molière, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war. +Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu +seiner eigentümlichen Sphäre; was bei dem Poeten vielleicht nichts als +zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende +Fähigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen +nicht zu können: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern +ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen, +ehe sie ihr voreiliges Urteil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß +das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molièrischen von einerlei Güte +sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin +zu spüren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den +behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern +mehrenteils von der hölzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und +mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sein +Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als lächerlich. Aber +demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen +Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein +verzärtelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus +Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen +Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten. + +Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue +Agnese". + +Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber +insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundin eines gewissen Bernard. +"Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst +in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf +fragte das liebe einfältige Mädchen: "Aber Mama, wer ist denn der +Bernard, der die Leute glücklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten, +faßte sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich +mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese." Nicht +lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute +Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnügen; Mama bekömmt Verdacht; +Mama beschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mama von dem +Töchterchen ebenso schöne Seufzer zu hören, als das Töchterchen jüngst +von Mama gehört hatte. Die Mutter ergrimmt, überfällt sie, tobt. "Nun, +was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Mädchen. "Sie haben sich +den h. Bernard gewählt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum +nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Märchen, mit welchen das +weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart +fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein +muß. Er sahe nichts Anstößiges darin, als die Namen der Heiligen, und +diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine +platonische Weise, eine Anhängerin der Lehre des Gabalis; und der h. +Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt +eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann +auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und +Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen +Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen näherzubringen +gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen +ist von der reizendsten, verehrungswürdigsten Unschuld; und durch das +Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Teil dem +deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veränderungen +selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber +Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß +er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten hätte.--Die Rolle der +Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine +vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung +verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles kömmt ihr hier zustatten; +und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles +von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten +zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht +weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf. + +Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des +Hrn. von Voltaire aufgeführet. + +Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die französische Bühne +gebracht, erhielt großen Beifall und macht in der Geschichte dieser Bühne +gewissermaßen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und +"Alzire", seinen "Brutus" und "Cäsar" geliefert hatte, ward er in der +Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten +Griechen in vielen Stücken weit überträfen. "Von uns Franzosen", sagt er, +"hätten die Griechen eine geschicktere Exposition und die große Kunst, +die Auftritte untereinander so zu verbinden, daß die Szene niemals leer +bleibt und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen +können. Von uns", sagt er, "hätten sie lernen können, wie Nebenbuhler und +Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der +Dichter mit einer Menge erhabner, glänzender Gedanken blenden und in +Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können"--O freilich; +was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar +ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demütig um +Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu dürfen. Er möchte vielleicht +einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzosen auf das Wesentliche des +Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären, +welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es, +dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein +einziges vermißte er bei seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke +derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die +Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewürdiget +hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von +dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das +stehende Volk drängt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders +beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu +dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren +notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß bloß +dieser Übe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem +freiern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel +gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine +"Semiramis". Eine Königin, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um +ihnen ihre Vermählung zu eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft +steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Mörder zu rächen; +diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder +herauszukommen: das alles war in der Tat für die Franzosen etwas ganz +Neues. Es macht so viel Lärmen auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp +und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter +glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und +ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern +so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben, +vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefähr spielen ließ. Bei der +ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich +hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen +erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser +Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frei; +und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so außerordentlichen +Stückes, war, ist nach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber +vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, "Semiramis" +in diesem Stücke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch häufig +bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte +entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu können. + + + + +Eilftes Stück +Den 5. Junius 1767 + +Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele +eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie +mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick +dabei zu verweilen. + +"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire, +"daß man an Gespenster nicht mehr glaube und daß die Erscheinung der +Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch +sein könne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum hätte diese +Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt sein, sich nach dem +Altertume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen +außerordentliche Fügungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte +lächerlich sein, sie zu erneuern?" + +Diese Ausrufungen, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor +allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In +Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gründe, aus ihr genommen, recht +gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht +tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts +entscheiden sollen; nur als eine Art von Überlieferung des Altertums, +gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des +Altertums gelten. Und sonach hätten wir es auch hier nur mit dem +Altertume zu tun. + +Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen +Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn +wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgeführet finden, so wäre +es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozeß zu machen. +Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende +dramatische Dichter die nämliche Befugnis? Gewiß nicht.--Aber wenn er +seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdenn +nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er +erzählt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt +es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen, +nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz +andern und höhern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck, +sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch +die Täuschung rühren. Wenn es also wahr ist, daß wir itzt keine +Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Täuschung notwendig +verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisieren +können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn +er uns demohngeachtet solche unglaubliche Märchen ausstaffieret; alle +Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren. + +Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und +Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des +Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust +wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beispiele für sich, wo das +Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten +Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich +zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung +wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? +Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in +unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon +erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an +Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind +auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm +alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt +vorkommen muß? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine +Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich +fast ebensoviel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist +und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu +denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben +diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen +das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält +sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage +mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit +Grausen davon erzählen. + +Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den +dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu +machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am +häufigsten, für die er vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf seine Kunst +an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den +Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu +geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben +glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will. + +So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein. +Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie +mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von +Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es +macht ihn und seinen Geist des Ninus--lächerlich. + +Shakespeares Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn +es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht, +in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnisvollen Nebenbegriffe, +wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu +denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum +Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der bloße verkleidete +Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich +machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgibt; alle Umstände +vielmehr, unter welchen er erscheinet, stören den Betrug und verraten +das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken +möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur +dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Stände des +Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische +Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß +Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können, +daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und große Gesellschaften gar +nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverlässig das auch; aber er +war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte +uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art +sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich +Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten +unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu sein; +und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion. + +Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so +würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden +haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu +lassen. Alle müssen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und +Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der +Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun +richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie +auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser +vielfache Ausdruck des nämlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und +von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf +uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern +es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare +ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der +Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch +gehört. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale +eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüts wir an ihm entdecken, +desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung +in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das +Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der +Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns über, und die Wirkung ist +zu augenscheinlich und zu stark, als daß wir an der außerordentlichen +Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff +verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel. +Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht +mehr Umstände mit ihm, als man ohngefähr mit einem weit entfernt +geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt. + + + + +Zwölftes Stück +Den 9. Junius 1767 + +Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des +englischen und französischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist +nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es +interessiert uns für sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares +Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen +Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid. + +Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen +Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire +betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare +als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer +denkt, dürfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der +Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem +Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir +also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte bloß damit +lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu +bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen +Gesetzen mache. + +Ich will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter +seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung +irgendeiner großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen, +daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; daß +sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche +einzelne Maxime abzwecken; daß man unrecht tut, den letzten Sittenspruch, +den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so +anzusehen, als ob das Ganze bloß um seinetwillen da wäre. + +Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst +hätte, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, daß man nämlich +daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die, außerordentliche +Lastertaten zu strafen, außerordentliche Wege wähle: so würde "Semiramis" +in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück sein. Besonders da diese +Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem +weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser außerordentlichen Wege +nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die +ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken. + +Doch ich will mich bei dem Stücke nicht länger verweilen, um noch ein +Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle +Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Bühne ist geräumlich genug, die +Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in +verschiedenen Szenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem +besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als +möglich in einen. + +Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, gespielet. + +Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die französische Bühne und +fand so allgemeinen Beifall, daß es in Jahr und Tag sechsunddreißigmal +aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus +den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Destouches; sondern eine +in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Sie hat +wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte und unnatürliche +Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem +Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig französische +Stücke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser +ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das +schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigte +Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront +unverbesserlich. Ich kann es überhoben sein, von dem Stücke selbst zu +reden. Es ist zu bekannt und gehört unstreitig unter die Meisterstücke +der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen +sehen wird. + +Das Stück des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus, +oder Die Schottländerin" des Hrn. von Voltaire. + +Es ließe sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein +Verfasser schickte es als eine Übersetzung aus dem Englischen des Hume, +nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern +dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht +hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke" +des Goldoni etwas Ähnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni +das Urbild des Frélon gewesen zu sein. Was aber dort bloß ein bösartiger +Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frélon nannte, +damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den +Journalisten Fréron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden +schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich +versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Neckereien der +französischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen über die +Persönlichkeiten dieses Stücks weg und finden in dem Frélon nichts als +die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht +fremd ist. Wir haben unsere Frélons so gut, wie die Franzosen und +Engländer, nur daß sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere +Literatur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses +Charakters aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat das Stück doch, +noch außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein könnte +es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmütigkeit, und +die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden. + +Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm auf den +Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein rühmte. +Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die +"Schottländerin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", übersetzt +und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem +Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen +Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verstoßen; z.E. +darin, daß er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Colman +mietet sie dafür bei einer ehrlichen Frau ein, die möblierte Zimmer hält, +und diese Frau ist weit anständiger die Freundin und Wohltäterin der +jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman +für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist +nicht bloß eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie, +von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer +Schutzgöttin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung +wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frélon stehet, +den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphäre von +Tätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso +eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Französischen der Lord +Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und +er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet. + +Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen +durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere +sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige +Stücke weit vor, von welchen man "Die eifersüchtige Ehefrau" auf dem +Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die +sich ihrer erinnern, ungefähr urteilen können. "Der englische Kaufmann" +hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug +darin genähret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar. +Hiernächst hat er ihnen zuviel Ähnlichkeit mit andern Stücken, und den +besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, hätte nicht +den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine +gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw. + +Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegründet; indes sind wir +Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und +verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und +ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal +übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit +Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen +sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst +entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre +besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley würden uns, ohne diesen +Ausbau des allzu wollüstigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren +Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem +so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die +geringste Veränderung, bei uns Glück gemacht, welches ich von keiner +einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte. + +Auch die Italiener haben eine Übersetzung von der "Schottländerin", die +in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie +folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine +Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte, +Frélon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so +verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu +schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte +diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung +des Frélons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der +poetischen Gerechtigkeit. + + + + +Dreizehntes Stück +Den 12. Junius 1767 + +Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden. +Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler durch +einen epidemischen Zufall außerstand gesetzet, zu agieren; und man mußte +sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte "Die neue +Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante". + +Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische +Dorfjunker", vom Destouches, aufgeführt. + +Dieses Stück hat im Französischen drei Aufzüge, und in der Übersetzung +fünfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche +Schaubühne" des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen +zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Übersetzerin, war eine viel +zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres +Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch +für große Mühe, aus drei Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem +andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spaziergang im +Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der +Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie +ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was +hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Übersetzung +selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin +die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie +überall ebenso glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals +eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der +Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe +Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen +hören. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, läßt +Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen, +Mademoiselle; ich habe Sie für eine Virtuosin gehalten." "O pfui!" +erwidert Henriette; "wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches +Mädchen; daß Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", fällt ihr Masuren +ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Virtuosin, +sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, daß man das nicht zugleich +sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched +anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte +man, daß sie das tat. Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin +zu sein, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht +böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der +Person einer dummen Agnese, sagt, hätte die Frau Professorin immer, ohne +Maulspitzen, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde +Wort Virtuosin anstößig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern +Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und +verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht. + +Den Beschluß dieses Abends machte "Die stumme Schönheit", von Schlegeln. + +Schlegel hatte dieses kleine Stück für das neuerrichtete Kopenhagensche +Theater geschrieben, um auf demselben in einer dänischen Übersetzung +aufgeführet zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich +dänischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes +komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall +eine ebenso fließende als zierliche Versifikation, und es war ein Glück +für seine Nachfolger, daß er seine größern Komödien nicht auch in Versen +schrieb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so +würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider +sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komödie sehr +lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben +überstiegen hätte, desto unwiderleglicher würden seine Gründe geschienen +haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel, +wie unsägliche Mühe es koste, nur einen Teil derselben zu übersteigen, +und wie wenig das Vergnügen, welches aus diesen überstiegenen +Schwierigkeiten entstehet, für die Menge kleiner Schönheiten, die man +ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so +ekel, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Molière, nach seinem Tode, +in Verse bringen mußte; und noch itzt hören sie ein prosaisches Lustspiel +als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer +hingegen würde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die +Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger? +Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie +itzt schon wählen und ausmustern wollten? + +Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme +Schöne, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin +hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels +stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts +spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei würde also +dieses sein, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken +müßte, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten ließe, die +bloß mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Ihr +Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu sein; sie +können so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren +kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben, +da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht +spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen. +Auch ihre Kleidung muß weder altvätrisch, noch schlumpicht sein; denn +Frau Praatgern sagt ausdrücklich: + + "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Laß doch sehn! + Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant. + Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?" + +In dieser Musterung der Fr. Praatgern überhaupt hat der Dichter deutlich +genug bemerkt, wie er das Äußerliche seiner stummen Schöne zu sein wünsche. +Gleichfalls schön, nur nicht reizend. + + "Laß sehn, wie trägst du dich?--Den Kopf nicht so zurücke!" + +Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn +zurückhalten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Charlotten den +Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer +Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren +gerade die, welche der stummen Schönheit am meisten entsprechen; sie +zeigen die Schönheit in ihrem besten Vorteile, nur daß sie ihr das +Leben nehmen. + + "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke." + +Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit großen schönen Augen zu +dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht +regen; ihre Blicke müssen langsam und stier sein; sie müssen uns mit +ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber +nichts sagen. + + "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich! + Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich." + +Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische +Neige, einen dummen Knicks machen läßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt +sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau +Praatgern muß sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte +verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das +ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob +ich gleich nicht glaube, daß die Praatgern sonst eine Rolle für sie ist. +Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern +wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer +Tochter ist, durchaus nicht lassen. + +Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miß Sara Sampson" +aufgeführet. + +Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in +der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut +gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den +meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht +zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind; +wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie +gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der übermäßigen Länge eines +Stücks durch das bloße Weglassen nur übel abgeholfen, und ich begreife +nicht, wie man eine Szene verkürzen kann, ohne die ganze Folge des +Dialogs zu ändern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht +anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe wert dünket +und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf +ewig die Hand von ihnen abziehen. + +Madame Henseln starb ungemein anständig; in der malerischsten Stellung; +und besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine +Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder +Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die +glücklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich, +äußerte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes, +ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward +und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden +Lichts; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit +in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf +meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal! + + + + +Vierzehntes Stück +Den 16. Junius 1767 + +Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunstrichter, +welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr +gründlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten +etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben. + +Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät +geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, +deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am +tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden +haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit +Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er +sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein +verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand, +und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen. + +"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man +verkennst die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedürfe, uns zu +bewegen und zu rühren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters, +des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen +überhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte +immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname, +die Geburt des Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige +Freunde und das verführerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen +Wohlstand und seine Ehre darüber zugrunde gerichtet, und nun im +Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er +ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist +er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt +wird, schmachtet in der äußersten Bedürfnis und kann ihren Kindern, +welche Brot verlangen, nichts als Tränen geben. Man zeige mir in der +Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte, +tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche +vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel +ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und +fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes +marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen; +was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu sein? Das Wunderbare, +wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare +genugsam in dem plötzlichen Übergange von der Ehre zur Schande, von der +Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in +dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gestürzet?" + +Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und +Marmontels, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das +bürgerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen +werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche +Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit +Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als +schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel über sein +Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet +vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und +Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem +Stücke gemacht hat, welches er "Das Gemälde der Dürftigkeit" nennet, hat +schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen, +hätten wir es für unser Theater adoptieren sollen. + +Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist +zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird +lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe +einer gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was +Voltaire bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer +alles ausführen, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige +Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte +man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich +sonst ganz gut." + +Den zwölften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom +Regnard, aufgeführet. + +Dieses Stück ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber +Rivière du Frény, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne +brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß +ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard +schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite +nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Plagiarius +gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir es ihm wohl noch dazu danken, +daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu +mißbrauchen; er bemächtigte sich, bloß zu unserm Besten, der Materialien, +von denen er voraussahe, daß sie verhunzt werden würden. Wir hätten nur +einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch +hätte er die Tat eingestehen und dem armen Du Frény einen Teil der damit +erworbnen Ehre lassen müssen. + +Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph" wiederholst; und den Beschluß machte "Der Liebhaber als +Schriftsteller und Bedienter". + +Der Verfasser dieses kleinen artigen Stückes heißt Cerou; er studierte +die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen +gab. Es fällt ungemein wohl aus. + +Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter", +vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgeführt. + +Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf +dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es +ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Molière nicht hätte +schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit +besser sein können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten +gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer +kalten Erzählung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet +worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters +deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darin der erste von +seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel +nicht, und Quinault hätte es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten +Verliebten" können bewenden lassen. + +"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem +funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit außerordentlichen Beifall +fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des +guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der +Personen entspringet und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brueys gab +ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es +gegenwärtig aufgeführet wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz +vortrefflich. + +Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist" +vorgestellt. + +Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschämten Freigeistes", weil man +ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift +führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß +derjenige beschämt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht +einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an +diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der für Wahrheit +und Irrtum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann sind alles +Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stücks erfüllen +müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß die Vorstellung alles +Beifalls würdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und +besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen +Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über +die Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze +Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen. + +Den Beschluß dieses Abends machte das Schäferspiel des Hrn. Pfeffels: +"Der Schatz". + +Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein +anders, "Der Eremit", nicht unrühmlich bekannt gemacht. In den "Schatz" +hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere +Schäferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändelnde Liebe ist. +Sein Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch +die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes +Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes +werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines +Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele, +auf rührende Stücke könnte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber +wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen +übergehen. + + +----Fußnote + +[1] "Journal Étranger", Décembre 1761. + +----Fußnote + + + + +Funfzehntes Stück +Den 19. Junius 1767 + +Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaïre" des +Herrn von Voltaire aufgeführt. + +"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire, +"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stück entstanden. +Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen +Tragödien nicht genug Liebe wäre. Er antwortete ihnen, daß seiner Meinung +nach die Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe +sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten, +so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward +in achtzehn Tagen vollendet und fand großen Beifall. Man nennt es zu +Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des +Polyeukts, vorgestellet worden." + +Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch +lange das Lieblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch, +nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit +besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien +zugänglichen Sitz einer unumschränkten Gebieterin verwandelt; ein +verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als +ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion +streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das +gern fromm sein möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein +Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst rächet; +wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen, +durch was ließe es sich denn bestechen? + +Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaïre diktiert: sagt ein Kunstrichter +artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur +eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist +"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire läßt seine +verliebte Zaïre ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken; +aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemälde aller der +kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele +einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet, +aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich +bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und +Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den +Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache, +denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das +behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will, +als was sie bei der spröden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter +verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den Geheimnissen +der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das +Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat +er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit +unter dem Dichter geblieben. + +Von der Eifersucht läßt sich ohngefähr eben das sagen. Der eifersüchtige +Orosman spielt gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespeare eine sehr +kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman +gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der +den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich hätte +gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu +eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosman +einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines +Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht +mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das +vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei; da können wir alles +lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden. + +Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen, +immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das +ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese +Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsätzlich +vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Übersetzung von Shakespeare. +Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr +darum. Die Kunstrichter haben viel Böses davon gesagt. Ich hätte große +Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern +zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin +bemerkt haben: sondern weil ich glaube, daß man von diesen Fehlern kein +solches Aufheben hätte machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein +jeder anderer, als Herr Wieland, würde in der Eil' noch öftrer verstoßen +und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr überhüpft haben; aber +was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er +uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man +unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die +es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es +sie liefert, so beleidigen, daß wir notwendig eine bessere Übersetzung +haben müßten. + +Doch wieder zur "Zaïre". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die +Pariser Bühne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und +auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Übersetzer war +Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten +Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in +dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines +Stücks an den Engländer Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden. +Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehmen, als er es +ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem +skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben +geschrieben hat! + +Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine +Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist +so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige +Gewohnheit bestand darin, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden +mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Übrige des +Stücks; und notwendig mußten diese Verse eine Vergleichung enthalten. +Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe, +Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen, +bis sie einschlafen. Der Übersetzer der "Zaïre" ist der erste, der es +gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten +Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es +empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen und der Poet +sich überall verbergen müsse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen." + +Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das +ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, daß die +Engländer, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch länger her, +die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein paar +gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als +Vergleichungen enthielten, daß sie notwendig Vergleichungen enthalten +müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von +Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die +tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die +Nase sagen können. Zweitens ist es nicht an dem, daß Hill in seiner +Übersetzung der "Zaïre" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar +beinahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Übersetzung seines +Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer. +Gleichwohl muß es so sein. Denn so gewiß sie in reimfreien Versen ist, so +gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen. +Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter +allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson +und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heißen, ihre +Aufzüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfe, die gleichfalls +keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Hätte er aber auch +wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch +drittens das nicht wahr, daß sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von +dem es Voltaire sein läßt. Noch bis diese Stunde erscheinen in England +ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit +gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem +einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach der Übersetzung +der "Zaïre", gemacht, sich der alten Mode gänzlich entäußert. Und was ist +es denn nun, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind, +können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nämlich, +nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit +schicklicher aus dem Stücke selbst abgenommen würde, als daß es die +Pfeife oder der Schlüssel gibt. + + +----Fußnote + +[1] From English Plays, Zara's French author fir'd, + Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd, + From rack'd Othello's rage, he rais'd his style + And snatch'd the brand, that lights this tragic pile. + +[2] Le plus sage de vos écrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie wäre das +wohl recht zu übersetzen? Sage heißt: weise; aber der weiseste unter den +englischen Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich +besinne mich, daß die Franzosen auch ein Mädchen sage nennen, dem man +keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat. +Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passen. Und nach diesem könnte man ja +wohl geradezu übersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern, +der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt." + +----Fußnote + + + + +Sechzehntes Stück +Den 23. Junius 1767 + +Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr +unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und +übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien +und gebärdeten sie sich als Besessene; und das übrige tönten sie in einer +steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den +Komödianten verriet. Als er daher seine Übersetzung der "Zaïre" aufführen +zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaïre einem jungen +Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urteilte +so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl und Stimme und Figur und +Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie +braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar +Stunden überreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf +sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es +ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, daß +nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge +leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des +Komödianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten +Jahre ward ein Meisterstück. Es ist merkwürdig, daß auch die französische +Schauspielerin, welche die Zaïre zuerst spielte, eine Anfängerin war. Die +junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch berühmt, und +selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht +kläglich bedauerte. + +Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der +kein Komödiant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er +spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken, +öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als +irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen +Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten. +"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist +dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in +der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der französische Hof +hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat +weiter nichts Besonders dabei gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit +aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein +Unterschied, als daß die eine über die andere ebensoweit erhaben ist, als +es Talente, welche vorzügliche Seelenkräfte erfodern, über bloß +körperliche Fertigkeiten sind?" + +Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaïre" übersetzt; sehr genau und +sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher +Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser? Mit der +einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen, +wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, läßt +ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns über das Schicksal des +Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne +Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt +also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller +Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den +Text setzen.[1] + +Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem +welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist +er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er +sich den tödlichen Stoß beigebracht, so lassen wir den Vorhang +niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack +dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mehrern +Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich +ein Trauerspiel wie ein Epigramm schließen soll? Immer mit der Spitze des +Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns +gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die +Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es +auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so +unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache +einer Sache, die nicht ist. Wir hätten kalt Blut genug, den Dichter bis +ans Ende zu hören, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir +würden recht gern die letzten Befehle des großmütigen Sultans vernehmen; +recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber +wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiß ich +kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es wäre +begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten. +Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen. + +Bei keiner Nation hat die "Zaïre" einen schärfern Kunstrichter gefunden, +als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des +berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel +daran auszusetzen, daß er es für etwas Kleines hielt, eine bessere zu +machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung +der Zaïre das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan +über seine Liebe sieget und die christliche Zaïre mit aller der Pracht in +ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der +alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen? +Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, +daß er uns kalt läßt; er interessiere uns und mache mit den kleinen +mechanischen Regeln, was er will. Die Duime können wohl tadeln, aber den +Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich +darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf +den Ungrund der Kritik geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in +vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten, +deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das +Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der +Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der +sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er, +"kömmt, Zaïren in die Moschee abzuholen; Zaïre weigert sich, ohne die +geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und +Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl +seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum +dringt er nicht in Zaïren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er +ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter +Duim! wenn sich Zaïre deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die +andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in +die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts +ist ebenso abgeschmackt: Orosman kömmt wieder zu Zaïren; Zaïre geht +abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosman, der gute +Schlucker (dien goeden hals), tröstet sich desfalls in einer Monologe. +Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewißheit mußte doch bis zum +fünften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare +hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärkern. + +Die letzterwähnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler, +der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem +bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner +zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemütsbewegung in die andere +übergehen, und diesen Übergang durch das stumme Spiel so natürlich zu +machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern +durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit +fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Großmut, +willig und geneigt, Zaïren zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen +sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein +Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue, +und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich +genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch +da Zaïre auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu +haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der äußerste Unwille. +Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit +zur Erbitterung über. Alles was Rémond de Sainte-Albine in seinem +"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf +eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das +Vorbild des Kunstrichters gewesen sein. + + +----Fußnote + +[1] + Questo mortale orror che per le vene + Tutte mi scorre, omai non è dolore, + Che basti ad appagarti, anima bella. + Feroce cor, cor dispietato, e misero, + Paga la pena del delitto orrendo. + Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete + Tinte del sangue di si cara donna. + Voi--voi--dov'è quel ferro? Un' altra volta + In mezzo al petto--Oimè, dov'è quel ferro? + L'acuta punta-- + Tenebre, e notte + Si fanno intorno-- + Perchè non posso-- + Non posso spargere + Il sangue tutto? + Sì, sì, lo spargo tutto, anima mia, + Dove sei?--più non posso--oh Dio! non posso-- + Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio! + +[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745. + +[3] "Le Comédien", Partie II, chap. X. p. 209. + +----Fußnote + + + + +Siebzehntes Stück +Den 26. Junius 1767 + +Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom +Gresset, aufgeführet. + +Dieses Stück kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider +den Selbstmord konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen +sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die +Engländer dürften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er +geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht, +zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine +Reue könnte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem +französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für +eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre. + +Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu +sein. Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und +finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem +dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu +haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein +französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etikette, welche +der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun +erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist, +als der gesundesten einer, so läßt ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich +es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen glücklicher Eifer usw." +Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse +aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das +erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter +seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich +Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu tun, was der +Dichter hätte tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht +das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm +wenigstens den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten +dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann würde ich mich gegen +Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen. +Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart! + +Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von +seinen stärksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das +Gefühl der Fühllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze +Gemütsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit +größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch +die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper gibt, und +seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt. Welcher +fortreißende Ton der Überzeugung!-- + +Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Aufzuge, nach dem +Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man +errät gleich, daß ein Narr oder eine Närrin darin vorkommen muß, der es +hauptsächlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener +Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die +Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der +Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den +Pflegesohn eines gewissen bürgerlichen Lisanders, aber es findet sich, +daß Lisander sein wahrer Vater ist. Nun wäre weiter an die Heirat nicht +zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfälle zu dem +bürgerlichen Stande herablassen müssen. In der Tat ist er von ebenso +guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche +Ausschweifungen aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen +Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung +gelingt und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der +Hauptton desselben rührender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der +Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre +Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen +Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch +zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irreführen. Und dieser tut +es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen +Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr +zum Vorteile des Stücks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast +allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt. + +Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der +Trommel" gespielt. + +Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her. +Addison hat nur eine Tragödie und nur eine Komödie gemacht. Die +dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf +weiß sich überall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden +Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung, +wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen. +Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der französischen +Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addisons, und diese +Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden. +Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet! + +Destouches, der in England persönlichen Umgang mit Addison gehabt hatte, +zog das Lustspiel desselben über einen noch französischern Leisten. Wir +spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und +natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich +mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche +Übersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und +manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet. + +Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, wiederholt. + +Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend +(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde. + +Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch +gefällt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus +dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre +allgemeine Schönheiten sein müssen, und die Fehler vielleicht nur +willkürliche Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen +kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des +Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Übliche aus den Augen gesetzt: +immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stücke +ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl, +so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloß erdichtete Namen +dafür. Regnard hat es gewiß so gut als ein anderer gewußt, daß um Athen +keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des +Demokrits, keinen König hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht +wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden +Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen +Dichters, und nicht die historische Wahrheit. + +Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des +Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das +abgeschmackte Geschwätz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt, +weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern +weil es Unsinn in jedes andern Munde sein würde, der Dichter möchte ihn +genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bei der guten +Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist +gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen +soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er +ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein +zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung +mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit +der Mademoiselle Beauval und La Thorillière diese Szenen zuerst spielten, +hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern +fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen, aber da sie durch +die Überlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so kömmt +es niemanden ein, etwas daran zu ändern, und ich will mich wohl hüten, zu +sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden +sollte. Der beste, drolligste und ausgeführteste Charakter ist der +Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller +boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts +weniger als episodisch, sondern zur Auflösung des Knoten ebenso +schicklich als unentbehrlich ist.[1] + + +----Fußnote + +[1] "Histoire du Théâtre Français", T. XIV. p. 164. + +----Fußnote + + + + +Achtzehntes Stück +Den 30. Junius 1767 + +Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel +des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgeführt. + +Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für die Theater in Paris +gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte +1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele +beläuft sich auf einige dreißig, wovon mehr als zwei Dritteile den +Harlekin haben, weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter +diese gehören auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst, +ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder +hervorgesucht wurden, und desto größern erhielten. + +Seine Stücke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und +Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen +der nämliche schimmernde und öfters allzu gesuchte Witz; in allen die +nämliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die +nämliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von +einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner +Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und +doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende +einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben. + +Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof. +Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben +alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen, +dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im +Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber +den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stücke, +in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bei ihr +Hänschen, und war ganz weiß, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich, +ein großer Triumph für den guten Geschmack! + +Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der +deutschen Übersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot, +Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder +an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht +auch unter seinem? "Er ist ein ausländisches Geschöpf", sagt man. Was tut +das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer wären! "Er trägt +sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt":--so braucht er nicht erst +lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das nämliche Individuum +alle Tage in einem andern Stücke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als +kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht +Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", übermorgen in den +"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen, +vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend +Varietäten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in +Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei +Hauptzüge hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir +ekler, in unsere Vergnügungen wähliger und gegen kahle Vernünfteleien +nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener +sind--sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit +etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene, +besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam? +Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri +eingeflochten werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des +Stücks schicken oder nicht? + +Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der +wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gründlichkeit, verteidiget. +Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Möser über das Groteske-Komische +allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren +Stimme habe ich schon. Es wird darin beiläufig von einem gewissen +Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dermaleins der +Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man +denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr +Möser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja +nicht einmal gedacht zu haben erinnern. + +Außer dem Harlekin kömmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein +anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige führet. Beide wurden sehr +wohl gespielt; und unser Theater hat überhaupt an den Herren Hensel und +Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser +verlangen kann. + +Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die +"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgeführet. + +Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern +französischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der +"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die +Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses +Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf +seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Taten seiner Vorfahren +den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und +von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen +nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den +Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern. +Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es +gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! +Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger +ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit +gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der +mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre? +sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten!--Ich mag mich in +Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von +der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Teil der Achtung und +Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais +gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische +Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit +fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein +genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was +nicht geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies, +von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man +äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten +Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze +getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für andere, die gar keine +Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?) +durch ihre bloße Teilnehmung aufhelfen möge:--und sehe und höre um sich. +"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloß der Wucherer Albinus, "daß unsere +Bürger wichtigere Dinge zu tun haben!" + +------Eu! +Rem poteris servare tuam!-- + +Wichtigere? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freilich +unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Künsten in Verbindung +stehet. Aber, + +--haec animos aerugo er cura peculî +Cum semel imbuerit-- + +Doch ist vergesse mich. Wie gehört das alles zur "Zelmire"? + +Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte +oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum +Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward +Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu +Braunschweig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland +und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so glücklich und berühmt, +als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit hätte machen können, wenn er +auch ein Beaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Genie, das +diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei würden sein +gewissestes Los sein! + +Das erste Trauerspiel des Du Belloy heißt "Titus"; und "Zelmire" war sein +zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal +gespielt. Aber "Zelmire" fand desto größern; es ward vierzehnmal +hintereinander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran +satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung. + +Ein französischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen +die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: "Uns wäre", +sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die +Jahrbücher der Welt sind an berüchtigten Verbrechen ja so reich; und die +Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen +wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem +sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist, +befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde, +ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, daß 'Zaïre', 'Alzire', +'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung wären. Die Namen der +beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist +historisch. Es hat wirklich Kreuzzüge gegeben, in welchen sich Christen +und Türken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und +würgten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die +glücklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europäischen und +amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei und der wahren Religion +äußern müssen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die +Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der +Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophische Gemälde, das +jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden." + + +----Fußnote + +[1] "Journal Encyclopédique", Juillet 1762. + +----Fußnote + + + + +Neunzehntes Stück +Den 3. Julius 1767 + +Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es +ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben +suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine +Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn +zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des +forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen +Gesetzgeber aufwerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt +mit einem bescheidenen "Uns wäre lieber gewesen" an und geht zu so +allgemein verbindenden Aussprüchen fort, daß man glauben sollte, dieses +Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter +folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack +nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert. + +Nun hat es Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische +Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern habe; nicht weiter, als +sie einer wohleingerichteten Fabel ähnlich ist, mit der er seine +Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil +sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie +schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten könnte. Findet +er diese Schicklichkeit von ohngefähr an einem wahren Falle, so ist ihm +der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbücher erst lange darum +nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was +geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß etwas geschehen kann, nur +daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine +gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zu +halten, von der wir nie etwas gehört haben? Was ist das erste, was +uns eine Historie glaubwürdig macht? Ist es nicht ihre innere +Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit +von gar keinen Zeugnissen und Überlieferungen bestätiget wird, oder von +solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne +Grund angenommen, daß es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das +Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist die Geschichte, aber nicht +das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder +jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem +gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die +Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der +Geschichte; und es heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man +sie zu einem bloßen Panegyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den +Nationa1stolz zu nähren mißbraucht. + +Die zweite Erinnerung des nämlichen französischen Kunstrichters gegen die +"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als +ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufälle sei, die in den engen Raum +von vierundzwanzig Stunden zusammengepreßt, aller Illusion unfähig +würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über die andere! ein +Theaterstreich über den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man +nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drängen, können +schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles überrascht, wird +uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. "Warum muß sich z.E. +der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine +Verbrechen zu offenbaren? Fällt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die +Gemütsänderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den +Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines +Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu +empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt. +Welch geringfügige Ursachen gibt hiernächst der Dichter nicht manchmal +den wichtigsten Dingen! So muß Polydor, wenn er aus der Schlacht kömmt +und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Rücken +zukehren, und der Dichter muß uns sorgfältig diesen kleinen Umstand +einschärfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das +Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die +folgende Szene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen +Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen +Eindruck machende Szene fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit +natürlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal +flüchtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen +Wink gegeben hätte? Freilich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die +ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er +seinen Rücken dahin oder dorthin kehret, gründen müssen. Mit dem Billett +des Azor hat es die nämliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten +Akte gleich mit, so wie er es hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann +entlarvet, und das Stück hatte ein Ende." + +Die Übersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht +lieber eine körnichte, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte, +geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Übersetzungen werden +kaum ein halbes Dutzend sein, die erträglich sind. Und daß man mich ja +nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich +aufhören, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen +dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der größte +Versifikateur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch +weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen +Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich, +daß öfters, was dort nur Lückenbüßerei oder Tautologie war, hier zu +förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabei meistens so +niedrig und die Konstruktion so verworfen, daß der Schauspieler allen +seinen Adel nötig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand +brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu +erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden! + +Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß +zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso wäßrig korrekte, ebenso +grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen +poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird +unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der +Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen +Übersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch +der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen kadensierten +Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der +Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter +erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton +der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wünschte +ich unserm prosaischen Übersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich +der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, daß das Silbenmaß +überhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am +wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier kömmt es bloß darauf an, +unter zwei Übeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand und Nachdruck +der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte +war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der +das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstärkung +des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es +etwas mehr, und wir können der griechischen ungleich näher kommen, die +durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin +ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben +nichts als den Wert der überstandenen Schwierigkeit für sich; und +freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert. + +Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit +aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Bösewichte von großem +Verstande so natürlich zu sein scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird +ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Ränken unerschöpflich; +er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner +Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur +noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von +seiten des Schauspielers das getreueste Gedächtnis, die fertigste Stimme, +die freieste, nachlässigste Aktion unumgänglich nötig. Hr. Borchers hat +überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurteil +für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen ebenso gern übet, als in +jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner +unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die +nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich +in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu +lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Beruf zum +Theater ist. + + + + +Zwanzigstes Stück +Den 7. Julius 1767 + +Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie" +aufgeführet. + +Dieses vortreffliche Stück der Graffigny mußte der Gottschedin zum +Übersetzen in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von +sich selbst ablegt, "daß sie die Ehre, welche man durch Übersetzung oder +auch Verfertigung theatralischer Stücke erwerben könne, allezeit nur für +sehr mittelmäßig gehalten habe", läßt sich leicht vermuten, daß sie, +diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige Mühe +werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, daß sie einige lustige Stücke des Destouches eben nicht verdorben +hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine +Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen; +aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre +eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese +verkennt und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle +die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will, +die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem +Méricourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines +Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Méricourt geht; +er verweigert sich dem großmütigen Anerbieten und will sich ihm aus +Uneigennützigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er. +"Warum wollen Sie sich Ihres Vermögens berauben? Genießen Sie Ihrer Güter +selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai, +je vous rendrai tous heureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen +Alten antworten. "Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich +machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlässige +Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte +spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere +glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloß +eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das +andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß +auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das +nämliche zweimal spräche, als ob beide Sätze wahre tautologische Sätze, +vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O +des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst +fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die +Gottschedin jene acht Worte übersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner +Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich +gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber +der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses +Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses +Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle +Bedenklichkeiten der Überlegung geben und eine warme Empfindung in eine +frostige Schlußrede verwandeln. + +Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefähr auf diesen +Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren +gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in +die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt +in vielen Stellen der häßliche Ton des Zeremoniells; verabredete +Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der gerührten Natur +auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie: +"Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau +Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das +ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem +Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem +"Gnädiger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon +père! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein respektuöses Kind! +Wenn ich Dorsainville wäre, ich hätte es ebenso gern gar nicht wieder +gefunden, als mit dieser Anrede. + +Madame Löwen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Würde +und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres +verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem +Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen. + +Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde. +Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus +ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr +Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber +es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswürdiger Fehler. Die +Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der +mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich möchte nicht alles machen, +was ich vortrefflich machen könnte. + +Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung +von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in +so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum +Schlusse des Stücks vom Méricourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, daß +er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag +ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen +Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf +einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des +Méricourt? Ein gefährliches, ein böses Land! + + Tot linguae, quot membra viro! + +Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des +Herrn Weiße aufgeführet. + +"Amalia" wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters +gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgeführtere Charaktere +und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine übrige komische +Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame +Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit +aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr +unwahrscheinlich finden würden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt +zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen +Stücke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafür kann es aber auch nicht +fehlen, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen +veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzten Akts, in +welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn kroquierte Pinselstriche zu +lindern und mit dem übrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl +raten möchte. Ich weiß nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich +mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich +will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit +bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu +brüskieren. Ich will die Vermutung ungeäußert lassen, daß es vielleicht +gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu +treiben; daß ein wahrer Manley die Sache wohl hätte feiner anfangen +können; daß man über einen schnellen Strom nicht in gerader Linie +schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß--Wie gesagt, ich will diese +Vermutungen ungeäußert lassen; denn es könnte leicht bei einem solchen +Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nämlich die Gegenstände +sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau, +bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand +halten werde. Ich will bloß bekennen, daß ich für mein Teil nicht Herz +genug gehabt hätte, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich würde mich, +vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefürchtet +haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch +einer mehr als Crébillonschen Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich +zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich +nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da +sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manley, oder Amalia, wußte +ja, daß Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden +sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm +gänzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es +nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften +Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit +sei? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich, +aber doch unsträflicher geworden sein; er würde, ohne sie in ihren +eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe +wäre ungleich verführerischer und das Bestehen in derselben ungleich +entscheidender für ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man würde zugleich +einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben; +anstatt daß man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun +können, wenn sie unglücklicherweise in ihrer Verführung glücklich +gewesen wäre. + +Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der +Finanzpachter". Es besteht ungefähr aus ein Dutzend Szenen von der +äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer sein, in einen so engen Bezirk +mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die +Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein +Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als er. + +Den fünfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire" +des Du Belloy wiederholt. + + + + +Einundzwanzigstes Stück +Den 10. Julius 1767 + +Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die +Mütterschule" des Nivelle de la Chaussée aufgeführet. + +Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parteiische Zärtlichkeit +gegen einen nichtswürdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kränkung +erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bei ihm ist +es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes, +gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle +Welt und Erfahrung läßt: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten +kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner +Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in +den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem +Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. In jener Schule gibt es eine +Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu +lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es müßte für +Kenner ein Vergnügen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander +besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit; +das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem. + +Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine" +des Herrn von Voltaire gespielt. + +Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre +1749 zuerst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man +dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken +soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte +verrät, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung +dabei, und die Alten haben ihren Komödien selten andere, als +nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den +Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter +gehöret des Plautus "Miles gloriosus". Wie kömmt es, daß man noch nicht +angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann. +Plautus nannte sein Stück bloß Gloriosus; so wie er ein anderes +"Truculentus" überschrieb. Miles muß der Zusatz eines Grammatikers sein. +Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber +seine Prahlereien beziehen sich nicht bloß auf seinen Stand und seine +kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso großsprecherisch; +er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und +liebenswürdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen; +aber sobald man Miles hinzufügt, wird das gloriosus nur auf das erstere +eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte, +eine Stelle des Cicero[1] verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst +mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt: + + ALAZON Graece huic nomen est Comoediae + Id nos latine GLORIOSUM dicimus-- + +und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben +das Stück des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines großsprecherischen +Soldaten kam in mehrern Stücken vor. Cicero kann ebensowohl auf den +Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beiläufig. Ich erinnere +mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt schon einmal +geäußert zu haben. Es könnte sein, daß die Sache so unbedeutend nicht +wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie +gemacht; und bloß des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine +gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für +Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken +sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück +genannt hätten. Der ist längst dagewesen! ruft man. Der auch schon! +Dieser würde vom Molière, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet? +Das kömmt aus den schönen Titeln. Was für ein Eigentumsrecht erhält ein +Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon +hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich +ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich +darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache +z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem +Molièreschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie +heißen. Genug, daß Molière den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat +unrecht, daß er funfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die +unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüts nicht auch unendliche +Benennungen hat. + +Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr: +"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stück nicht +zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die +Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die +Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet +der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In +der nämlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte "Das +besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch +beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, daß zu +einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes +erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die +Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den +Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar +Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück +gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussée sind auch +ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein, +etwas weit Besseres zu machen. + +"Nanine" gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr +viel lächerliche Szenen, und nur insofern, als die lächerlichen Szenen +mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet +wissen. Eine ganz ernsthafte Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht +einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer. +Hingegen findet er den Übergang von dem Rührenden zum Lächerlichen und +von dem Lächerlichen zum Rührenden sehr natürlich. Das menschliche Leben +ist nichts als eine beständige Kette solcher Übergänge, und die Komödie +soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewöhnlicher", +sagt er, "als daß in dem nämlichen Hause der zornige Vater poltert, die +verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält und jeder +Anverwandte bei der nämlichen Szene etwas anders empfindet? Man +verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan äußerst +bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben +Viertelstunde über ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr +ehrwürdige Matrone saß bei einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank +lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in +Tränen zerfließen, sie rang die Hände und rief: 'O Gott, laß mir, laß mir +dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen!' +Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern geheiratet hatte, +näher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Ärmel und fragte: 'Madame, auch +die Schwiegersöhne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese +Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame, +daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und +lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast +erstickt." + +"Homer", sagt er an einem andern Orte, "läßt sogar die Götter, indem sie +das Schicksal der Welt entscheiden, über den possierlichen Anstand des +Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem +Andromacha die heißesten Tränen vergießt. Es trifft sich wohl, daß mitten +unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer +Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine +ungefähre Posse, trotz aller Beängstigung, trotz alles Mitleids das +unbändigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem +Regimente, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat +darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein +Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmöglich +dienen!' Diese Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und +metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komödie das Lachen auf rührende +Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht +Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung +streiten zu wollen." + +Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die +Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komödie für eine ebenso +fehlerhafte als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als +er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein +"Hausvater" vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen, +wenn wir es für möglich erkennen sollen. + + +----Fußnote + +[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33. + +----Fußnote + + + + +Zweiundzwanzigstes Stück +Den 14. Julius 1767 + +Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat +Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert +beschlossen. + +Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert +derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind +wahre Familiengemälde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder +Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Mühmchen aus seiner +eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, daß es +an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und daß nur die Augen ein +wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere +Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über +viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere +Virtuosen an eine allzu flache Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich, +aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand +nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die +Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns +bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Außenlinien uns gleich +an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten +herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig +und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von +dem Seinigen geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der +schmutzigen Nachlässigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb +ihren vier Pfählen herumträumen. Sie müssen nichts von der engen Sphäre +kümmerlicher Umstände verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten +will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das +Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz +geben, damit glänzen zu wollen. + +"Ich weiß gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das für +ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr +Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine +geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstände machen! +Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar +großes Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und +ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und +er muß ja wohl." + +"Ganz gewiß!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern. +Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Andrienne! Welche +Schneidersfrau trägt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, daß +die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie +nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen +vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafür sagen! +Mich in einer Andrienne zu denken; das allein könnte mich krank machen. +Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es +auch die neueste Tracht sein. Wie können wir es sonst wahrscheinlich +finden, daß sie darüber krank geworden?" + +"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr +unanständig, daß die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib +gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie +soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die +Einheit der Zeit! Das Kleid mußte fertig sein; die Stephan sollte es noch +anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid +fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele +vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier +ward meine Kunstrichterin unterbrochen. + +Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der +"Melanide" des de la Chaussée "Der Mann nach der Uhr, oder der +ordentliche Mann" gespielet. + +Der Verfasser dieses Stücks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an +drolligen Einfällen; nur schade, daß ein jeder, sobald er den Titel hört, +alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder +vielmehr provinzial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden, +in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten +schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des +Winkels, in dem er geboren worden, für die eigentlichen Sitten des +gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu +erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort grünen Kohl ißt? + +Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß +jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der +Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das nämliche; außer daß +das erste ohngefähr die Karikatur von dem andern ist. + +Den dreißigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von +Essex", vom Thomas Corneille, auf geführt. Dieses Trauerspiel ist fast +das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des +jüngern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird +auf den deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den +französischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher +bereits Calprenède die nämliche Geschichte bearbeitet hatte. + +"Es ist gewiß", schreibt Corneille, "daß der Graf von Essex bei der +Königin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr +stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr +auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verständnisses mit dem Grafen +von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwählet hatten. +Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando +der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf, +ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um +Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die +Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich +sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des +Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königin dem Grafen zum +Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines +Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich +dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dieser Ring eine Erfindung +des Calprenède ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das +geringste davon gelesen." + +Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu +nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, daß er ihn für +eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist +neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bedächtlichsten, +skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre +Werke aufgenommen. + +Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut +redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die +gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste +war diese, daß dieses Übel aus einer betrübten Reue wegen des Grafen von +Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz außerordentliche Achtung für +das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine +Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne +Tränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung +mit neuer Zärtlichkeit belebte und ihre Betrübnis noch mehr vergällte. +Die Gräfin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wünschte die +Königin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung +sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königin in ihr Zimmer kam, +sagte ihr die Gräfin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen +worden, gewünscht, die Königin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die +Art, die Ihro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr +nämlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit +der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bei einem +etwanigen Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen +Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person, +durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sei +er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände geraten. Sie habe +ihrem Gemahl die Sache erzählt (er war einer von den unversöhnlichsten +Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Königin +zu geben noch dem Grafen zurückzusenden. Wie die Gräfin der Königin ihr +Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth, +die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene +Ungerechtigkeit einsahe, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen +Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es +nimmermehr!' Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem +Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise +noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein +Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein +Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen, +auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst +der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab." + + + + +Dreiundzwanzigstes Stück +Den 17. Julius 1767 + +Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise +kritisiert. Ich möchte nicht gegen ihn behaupten, daß "Essex" ein +vorzüglich gutes Stück sei; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele +von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden, +teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den +richtigsten und würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen. + +Es gehört mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein +sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem +"Essex" auf dieses sein Streitroß und tummelte es gewaltig herum. Schade +nur, daß alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert +sind, den er erregt. + +Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt; +und zum Glücke für den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender. +"Itzt", sagt er, "kennen wir die Königin Elisabeth und den Grafen Essex +besser; itzt würden einem Dichter dergleichen grobe Verstoßungen wider +die historische Wahrheit schärfer aufgemutzet werden". + +Und welches sind denn diese Verstoßungen? Voltaire hat ausgerechnet, daß +die Königin damals, als sie dem Grafen den Prozeß machen ließ, +achtundsechzig Jahr alt war. "Es wäre also lächerlich", sagt er, "wenn +man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Anteil an dieser +Begebenheit könne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Lächerliches +in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so +lächerlich? "Nachdem das Urteil über den Essex abgegeben war", sagt Hume, +"fand sich die Königin in der äußersten Unruhe und in der grausamsten +Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre +eigene Sicherheit und Bekümmernis um das Leben ihres Lieblings stritten +unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande +mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte +den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie +fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf +erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des +Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er +selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders +keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicherweise tat diese Äußerung +von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königin, die der Graf sonach +lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als +sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer +alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen +genähret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete, +war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten. +Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus +Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen +Lauf." + +Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre +geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der es so sehr +schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl +aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muß in diesem +Stücke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten +sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestät, +mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der lächerlichsten Galanterie. +Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen +Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die +Königin eine Venus, eine Diane, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl +war diese Göttin damals schon sechzig Jahr alt. Fünf Jahr darauf führte +Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die nämliche Sprache mit +ihr. Kurz, Corneille ist hinlänglich berechtiget gewesen, ihr alle die +verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zärtliche Weib mit der +stolzen Königin in einen so interessanten Streit bringet. + +Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfälschet. +"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille +macht: er hat nie etwas Merkwürdiges getan." Aber wenn er es nicht war, +so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die +Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil läßt, +hielt er so sehr für sein Werk, daß er es durchaus nicht leiden wollte, +wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, es mit +dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er +kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten +zu beweisen, daß sie ihm allein zugehöre. + +Corneille läßt den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom +Cecil, vom Cobhan, sehr verächtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht +gutheißen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so +gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so +großen Verdiensten, so unwürdig zu mißhandeln. "Aber hier kömmt es ja gar +nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Essex hielt; +und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und +gar keine einzuräumen. + +Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen +gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freilich etwas +sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte +darum doch nicht ausrufen müssen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was für +Recht? unter was für Vorwande? wie wäre das möglich gewesen?" Denn +Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus +dem königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm +gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen, +die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige +Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste +sein, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken +nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger, +als was ihn Corneille voraussetzen läßt. + +Indem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische +Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Über eine hat +sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn nämlich Voltaire die erstern +Lieblinge der Königin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert +Dudley und den Grafen von Leicester. Er wußte nicht, daß beide nur eine +Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den +Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen könnte. +Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der +Ohrfeige verfällt, die die Königin dem Essex gab. Es ist falsch, daß er +sie nach seiner unglücklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie +lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals den Zorn +der Königin durch die geringste Erniedrigung zu besänftigen gesucht, daß +er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art mündlich und schriftlich +seine Empfindlichkeit darüber ausließ. Er tat zu seiner Begnadigung auch +nicht wieder den ersten Schritt; die Königin mußte ihn tun. + +Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von +Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des +Corneille hätte angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur +dieser gegen ihn annehmen. + +Die ganze Tragödie des Corneille sei ein Roman: wenn er rührend ist, wird +er dadurch weniger rührend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat? + +Weswegen wählt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere +aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche +ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu +zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede +nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden +sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der +gewöhnlichen Praxi der Dichter übereinstimmender auszudrücken: sind es +die bloßen Fakta, die Umstände der Zeit und des Ortes, oder sind es die +Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum +der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit wählet? Wenn es die +Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der +Dichter von der historischen Wahrheit abgehen könne? In allem, was die +Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm +heilig; diese zu verstärken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist +alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste +wesentliche Veränderung würde die Ursache aufheben, warum sie diese und +nicht andere Namen führen; und nichts ist anstößiger, als wovon wir uns +keine Ursache geben können. + + +----Fußnote + +[1] "Le Château d'Otrante", Préf. p. XIV. + +----Fußnote + + + + +Vierundzwanzigstes Stück +Den 21. Julius 1767 + +Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von +dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Königin dieses Namens +beilegt; wenn wir in ihr die Unentschlüssigkeit, die Widersprüche, die +Beängstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und +zärtliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei +diesen und jenen Umständen wirklich verfallen ist, sondern auch nur +verfallen zu können vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert +finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun +obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn +vor den Richterstuhl der Geschichte führen, um ihn da jedes Datum, jede +beiläufige Erwähnung, auch wohl solcher Personen, über welche die +Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heißt +ihn und seinen Beruf verkennen, heißt von dem, dem man diese Verkennung +nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren. + +Zwar bei dem Herrn von Voltaire könnte es leicht weder Verkennung noch +Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und +ohnstreitig ein weit größerer, als der jüngere Corneille. Es wäre denn, +daß man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der +Kunst haben könnte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die +ganze Welt weiß, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften +hier und da ähnlich sieht, ist nichts als Laune; aus bloßer Laune spielt +er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den +Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf. + +Sollte er umsonst wissen, daß Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als +sie den Grafen köpfen ließ? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt, +noch eifersüchtig! Die große Nase der Elisabeth dazu genommen, was für +lustige Einfälle muß das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfälle +in dem Kommentare über eine Tragödie; also da, wo sie nicht hingehören. +Der Dichter hätte recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr +Notenmacher, diese Schwänke gehören in Eure allgemeine Geschichte, nicht +unter meinen Text. Denn es ist falsch, daß meine Elisabeth achtundsechzig +Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke, +das Euch hinderte, sie nicht ungefähr mit dem Essex von gleichem Alter +anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie? +Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr +den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt +Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, daß die Erinnerung +bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen +hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine +wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja +meine Elisabeth; und seine eigene Augen überzeugen ihn, daß es nicht Eure +achtundsechzigjährige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras +mehr glauben, als seinen eignen Augen?"-- + +So ungefähr könnte sich auch der Dichter über die Rolle des Essex erklären. +"Euer Essex im Rapin de Thoyras", könnte er sagen, "ist nur der Embryo +von dem meinigen. Was sich jener zu sein dünkte, ist meiner wirklich. Was +jener, unter glücklichem Umständen, für die Königin vielleicht getan +hätte, hat meiner getan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königin selbst +zugesteht; wollt Ihr meiner Königin nicht ebensoviel glauben, als dem +Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und großer, aber stolzer +und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so groß, noch so +unbiegsam: desto schlimmer für ihn. Genug für mich, daß er doch immer +noch groß und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe +seinen Namen zu lassen." + +Kurz: die Tragödie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist +für die Tragödie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir +gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der +Geschichte mehrere Umstände zur Ausschmückung und Individualisierung +seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus +ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache! + +Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr +bereit, das übrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben. +"Essex" ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl in Ansehung der Intrige als +des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu +machen; ihn mehr aus Verzweiflung, daß er der ihrige nicht sein kann, als +aus edelmütigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten +herabzulassen, auf das Schafott zu führen: das war der unglücklichste +Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl +haben mußte. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Übersetzung +ist er oft kriechend geworden. Aber überhaupt ist das Stück nicht ohne +Interesse und hat hier und da glückliche Verse, die aber im Französischen +glücklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von +Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des +Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und +mit einem großen blauen Bande über die Schulter darin erscheinen können. +Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das +macht Eindruck. Übrigens ist die Zahl der guten Tragödien bei allen +Nationen in der Welt so klein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind, +noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur +aufgestutzet werden." + +Er bestätiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne +Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich +vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnügen erinnern +dürfte. Ich teile die vorzüglichsten also hier mit; in der festen +Überzeugung, daß die Kritik dem Genusse nicht schadet und daß diejenigen, +welche ein Stück am schärfesten zu beurteilen gelernt haben, immer +diejenigen sind, welche das Theater am fleißigsten besuchen. + +"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige +Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muß man die Farben +in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat. + +Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernünftige, tugendhafte +Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der +Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser +Charakter würde sehr schön sein, wenn er mehr Leben hätte, und wenn er +zur Verwickelung etwas beitrüge; aber hier vertritt sie bloß die Stelle +eines Freundes. Das ist für das Theater nicht hinlänglich. + +Mich dünket, daß alles, was die Personen in dieser Tragödie sagen und +tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die +Handlung muß deutlich, der Knoten verständlich und jede Gesinnung plan +und natürlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was +will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen? +Ist er schuldig, oder ist er fälschlich angeklagt? Wenn ihn die Königin +für unschuldig hält, so muß sie sich seiner annehmen. Ist er aber +schuldig: so ist es sehr unvernünftig, die Vertraute sagen zu lassen, +daß er nimmermehr um Gnade bitten werde, daß er viel zu stolz dazu sei. +Dieser Stolz schickt sich sehr wohl für einen tugendhaften unschuldigen +Helden, aber für keinen Mann, der des Hochverrats überwiesen ist. Er +soll sich unterwerfen: sagt die Königin. Ist das wohl die eigentliche +Gesinnung, die sie haben muß, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun +unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth +darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als +mich selbst: sagt die Königin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen +gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen +Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten +nicht, daß ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und +unterdrücken, wie es durch das ganze Stück, obwohl ganz ohne +Grund, heißt. + +Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug +werden, ob er ihn für schuldig oder für unschuldig hält. Er stellt der +Königin vor, daß der Anschein öfters betriege, daß man alles von der +Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe. +Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Königin. Was hatte er +dieses nötig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was +soll der Zuschauer glauben? Der weiß ebensowenig, woran er mit der +Verschwörung des Grafen, als woran er mit der Zärtlichkeit der Königin +gegen ihn ist. + +Salisbury sagt der Königin, daß man die Unterschrift des Grafen +nachgemacht habe. Aber die Königin läßt sich im geringsten nicht +einfallen, einen so wichtigen Umstand näher zu untersuchen. Gleichwohl +war sie als Königin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht +einmal auf diese Eröffnung, die sie doch begierig hätte ergreifen müssen. +Sie erwidert bloß mit andern Worten, daß der Graf allzu stolz sei, und +daß sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten." + +Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht +war?" + + + + +Fünfundzwanzigstes Stück +Den 24. Julius 1767 + +"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben, +als die Königin davon überzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er +kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht. +Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemäß? Soll er aus Liebe +zur Irton so widersinnig handeln: so hätte ihn der Dichter durch das +ganze Stück von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen müssen. Die +Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser +Heftigkeit sehen wir ihn nicht. + +Der Stolz der Königin streitet unaufhörlich mit dem Stolze des Essex; ein +solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie +handeln läßt, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen, +bloßer Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um +Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muß vergessen, daß +Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie +verlangt, daß der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches +er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muß es vergessen, +und er vergißt es wirklich, um sich bloß mit den Gesinnungen des Stolzes +zu beschäftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist. + +Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie +sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher +dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die für sich +selbst rührend ist.--Ein großer Mann, den man auf das Schafott führet, +wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch +ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefähr eben den Eindruck, den die +Wirklichkeit selbst machen würde." + +So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch +diese allein können die schwächsten, verwirrtesten Stücke eine Art von +Glück machen; und ich weiß nicht, wie es kömmt, daß es immer solche +Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen. +Selten wird ein Meisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es +geschrieben ist; das Mittelmäßige fährt mit ihnen immer besser. +Vielleicht, weil sie in dem Mittelmäßigen mehr von dem ihrigen hinzutun +können; vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt, +auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmäßigen +alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt +daß in einem vollkommenem Stücke öfters eine jede Person ein Hauptakteur +sein müßte, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt, +zugleich auch die übrigen verderben hilft. + +Beim "Essex" können alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder +der Graf noch die Königin sind von dem Dichter mit der Stärke geschildert, +daß sie durch die Aktion nicht noch weit stärker werden könnten. Essex +spricht so stolz nicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung, +in jeder Gebärde, in jeder Miene noch stolzer zeigen könnte. Es ist sogar +dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte, als durch das +übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt +sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese +Rolle muß also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen +Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht völlig so; aber doch kann sie +auch schwerlich ganz verunglücken. Elisabeth ist so zärtlich als stolz; +ich glaube ganz gern, daß ein weibliches Herz beides zugleich sein kann; +aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen könne, das begreife +ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht +viel Zärtlichkeit, und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen +es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen +den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich +geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt, +so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrückt, zwar +empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so +lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen +als die Natur? Ist sie von einem majestätischen Wuchse, tönt ihre Stimme +voller und männlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell +und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen; +aber wie steht es mit den zärtlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger +imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein +bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in +ihrer Bewegung mehr Anstand und Würde, als Kraft und Geist: so wird sie +den zärtlichen Stellen die völligste Genüge leisten; aber auch den +stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiß nicht; sie wird sie +noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zürnende Liebhaberin in +ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren +General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich +meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich +täuschend zu zeigen vermögend wären, dürften noch seltner sein, als die +Elisabeths selber; und wir können und müssen uns begnügen, wenn eine +Hälfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird. + +Madame Löwen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene +allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zärtliche +Frau, als die stolze Monarchin sehen und hören lassen. Ihre Bildung, ihre +Stimme, ihre bescheidene Aktion ließen es nicht anders erwarten; und mich +dünkt, unser Vergnügen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig +eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als daß nicht +die Königin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte: +so, glaube ich, ist es zuträglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und +der Königin, als von der Liebhaberin und der Zärtlichkeit verloren geht. + +Es ist nicht bloß eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch +weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu +machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein würde, wenn ihr +diese Rolle auch gar nicht gelungen wäre. Ich weiß einem Künstler, er sei +von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu +machen; und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln +Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern +frei und laut über sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und +wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht +versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht +wert, daß wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal, +daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch +so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und +Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede +uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von +dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln. + +Ich wollte sagen, daß sich Gründe anführen lassen, warum es besser ist, +wenn die Aktrice mehr die zärtliche als die stolze Elisabeth ausdrückt. +Stolz muß sie sein, das ist ausgemacht: und daß sie es ist, das hören +wir. Die Frage ist nur, ob sie zärtlicher als stolz, oder stolzer als +zärtlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu wählen +hätte, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte +Königin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der rächerischen +Majestät, auszudrücken vermöchte, oder die, welche die eifersüchtige +Liebhaberin, mit allen kränkenden Empfindungen der verschmähten Liebe, +mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller +Beängstigung über seine Hartnäckigkeit, mit allem Jammer über seinen +Verlust, angemessener wäre? Und ich sage: diese. + +Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des nämlichen Charakters +vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so +muß sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die +Zärtlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muß +bei der Königin die Zärtlichkeit den Stolz überwiegen. Wenn der Graf sich +eine höhere Miene gibt, als ihm zukommt, so muß die Königin etwas weniger +zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer +in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist, +herabblicken lassen, würde die ekelste Einförmigkeit sein. Man muß nicht +glauben können, daß Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle wäre, ebenso +wie Essex handeln würde. Der Ausgang weiset es, daß sie nachgebender ist +als er; sie muß also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren +als er. Wer sich durch äußere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger +Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muß. Wir wissen +darum doch, daß Elisabeth die Königin ist, wenn sie gleich Essex das +königlichere Ansehen gibt. + +Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, daß die Personen in +ihren Gesinnungen steigen, als daß sie fallen. Es ist schicklicher, daß +ein zärtlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als daß ein stolzer +von der Zärtlichkeit sich fortreißen läßt. Jener scheint sich zu erheben; +dieser zu sinken. Eine ernsthafte Königin, mit gerunzelter Stirne, mit +einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der +Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen könnte, wenn die zu +verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Bedürfnissen ihrer +Leidenschaft seufzet, ist fast, fast lächerlich. Eine Geliebte hingegen, +die ihre Eifersucht erinnert, daß sie Königin ist, erhebt sich über sich +selbst, und ihre Schwachheit wird fürchterlich. + + + + +Sechsundzwanzigstes Stück +Den 28. Julius 1767 + +Den einunddreißigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel +der Madame Gottsched, "Die Hausfranzösin, oder die Mamsell" aufgeführet. + +Dieses Stück ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter +Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fünften Bande der "Schaubühne" +beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da +mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es +noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen. +"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber +"Die Hausfranzösin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts: +denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch +obendarein schmutzig, ekel, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir +unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will +hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.-- + +Den zweiunddreißigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die +"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt. + +Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der +alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die +Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem +Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den +Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst +bemerkte. Da er einsahe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf +eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes +Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er +nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch, +besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche +bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und +anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern +Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umständlich darüber aus, was +überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung +mit Ruhm arbeiten wolle. + +"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden, +sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es +gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu +den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich +selbst sind, so verschieden muß auch die dazugehörige Musik sein. +Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der +Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen +eine jede Abteilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonie sich +auf den ersten Aufzug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die +zwischen den Aufzügen vorkommen, müssen teils mit dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden +Aufzuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des +letzten Aufzuges gemäß sein muß." + +"Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich +gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen +und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten. +Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald +diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen +ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die +'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, daß sich +keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die +Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufällen +begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das +Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmut, +die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Unglücksfällen im +Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter +sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus', +'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaïre' erfordern hingegen schon eine etwas +veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen +Stücken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veränderung der +Affekten zeigen." + +"Ebenso müssen die Komödiensymphonien überhaupt frei, fließend und +zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem +eigentümlichen Inhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie +bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die +Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komödien 'Der Falke' und 'Die +beiderseitige Unbeständigkeit' würden ganz andere Symphonien erfordern +als 'Der verlorne Sohn'. So würden sich auch nicht die Symphonien, die +sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl +schicken möchten, zum 'Unentschlüssigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken. +Jene müssen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber +verdrießlicher und ernsthafter." + +"Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich +aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem +ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Sätzen +bestehen, so wie es der Komponist für gut findet.--Die Symphonien +zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten +sollen, werden am natürlichsten zwei Sätze haben können. Im ersten kann +man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende +sehen. Doch ist solches nur allein nötig, wenn die Affekten einander +allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen, +wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der +Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden +können.--Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlusse des Schauspiels +auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto +nachdrücklicher zu machen. Was ist lächerlicher, als wenn der Held auf +eine unglückliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine +lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als +wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine +traurige und bewegliche Symphonie darauf?"-- + +"Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten +bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nötig, damit die Zuhörer +desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht +verlieren möchten, wenn sie immer einerlei Instrumente hören sollten. Es +ist aber beinahe eine Notwendigkeit, daß die Anfangssymphonie sehr stark +und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die +Veränderung der Instrumenten muß also vornehmlich in den Zwischensymphonien +erscheinen. Man muß aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten +zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken +kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige +Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher +erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei +aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veränderung der +Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man +diesen Übelstand vermeidet." + +Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie +in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den +Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich +die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und +Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie +weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten +imstande sei. Die mehresten müssen es von ihren Kunstverwandten erst +hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste +Aufmerksamkeit darauf wenden. + +Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was +geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der +Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankömmt, ist noch einzig das Werk +des Genies. Denn ob es schon Tonkünstler gibt und gegeben, die bis zur +Bewunderung darin glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an +einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsätze +aus ihren Beispielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beispiele +werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto +eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wenn +nicht ein großer Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkünstler in +dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. In der Vokalmusik +hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwächste und +schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der +Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hilfe weg, und sie sagt gar +nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der +Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird +unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken +können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichsten ausdrücken; +wir werden diese öfterer hören, wir werden sie miteinander öfterer +vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein +haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen. + +Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde, +begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers +Theaters hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in +einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer +bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser +Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind. +Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne +Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Aufführung der "Semiramis" +wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgeführt. + + +----Fußnote + +[1] Stück 67. + +----Fußnote + + + + +Siebenundzwanzigstes Stück +Den 31. Julius 1767 + +Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu +machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner +ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten +beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüche, in +unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und +diese sind ebenso ununterrichtend für den Liebhaber, als ekelhaft für den +Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloß nach den Absichten, +die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er +sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen. + +Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Sätzen. Der erste Satz ist ein +Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Flöten; der Grundbaß ist durch +Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und +stürmisch; der Zuhörer soll vermuten, daß er ein Schauspiel ungefähr +dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein; +Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran; +und der zweite Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und +konzertierenden Fagotten, beschäftigst sich also mit dunkeln und +mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen +Tonwendungen mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als +gewöhnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit; +wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr +vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in +dem ersten, außer daß die Hoboen, Flöten und Fagotte miteinander einige +besondere kleinere Sätze haben. + +Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz; +dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der +sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu +billigen. Ich würde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik +soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das +Unerwartete, das Überraschende mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang +nicht gern voraus verraten; und die Musik würde ihn verraten, wenn sie +die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es +ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch +sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht +bestimmter, als ihn ungefähr der Titel angibt. Man darf dem Zuhörer wohl +das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege, +auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen +bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus +dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern, +der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestärkt. Denn gesetzt, daß +die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen, +einander ganz entgegen wären, so würden notwendig auch die beiden Sätze +von ebenso widriger Beschaffenheit sein müssen. Nun begreife ich sehr +wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr +entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widerspiele, ohne unangenehme +Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach; +er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder +hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch +der Musikus? Es sei, daß er es in einem Stücke, von der erforderlichen +Länge, ebensowohl tun könne; aber in zwei besondern, voneinander gänzlich +abgesetzten Stücken muß der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das +Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich +sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche +Übergang aus einem Äußersten in das andere, aus der Finsternis in das +Licht, aus der Kälte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir +in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider +eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider +einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in +Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge +unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle +diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergötzend. Die +Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren; +hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch, +warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die +plötzlichsten Übergänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm. +In der Tat ist diese Motivierung der plötzlichen Übergänge einer der +größten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie +ziehet; ja vielleicht der allergrößte. Denn es ist bei weitem nicht so +notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der +Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude +einzuschränken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer +sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende +Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewähren können, zu +verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben, +welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Übereinstimmung des +Mannigfaltigen bemerke. Nun aber würde, bei dem doppelten Satze zwischen +den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir +würden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in +eine ganz entgegengesetzte überspringen müssen: und das ist für die Musik +so gut, als erführen wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine üble +Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir +nun einsehen, daß er uns nicht hätte beleidigen sollen. Man glaube aber +nicht, daß sonach alle Symphonien verwerflich sein müßten, weil alle aus +mehrern Sätzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren +jeder etwas anders ausdrückt als der andere. Sie drücken etwas anders +aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie drücken das +nämliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren +verschiednen Sätzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften +ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muß nur +eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß ebendieselbe +Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den +Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei +Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertönen lassen und in +uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser +Beschaffenheit; das Ungestüme des ersten Satzes zerfließt in das Klagende +des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen +Würde erhebet. Ein Tonkünstler, der sich in seinen Symphonien mehr +erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden +einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren +läßt, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel +Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann überraschen, kann betäuben, +kann kitzeln, nur rühren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen +und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muß ebensowohl +Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu +belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und +jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines +dauerhaften Eindruckes fähig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem +festen Marmor, an dem sich die Hand des Künstlers verewigen kann. + +Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der +"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat; +Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante +mesto, bloß mit gedämpften Violinen und Bratsche. + +In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als daß er nicht +den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro +assai aus dem G-dur mit Waldhörnern, durch Flöten und Hoboen, auch den +Grundbaß mitspielende Fagotte verstärkt, drückt den durch Zweifel und +Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz +dieses treulosen und herrschsüchtigen Ministers aus. + +In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der +ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese +Erscheinung auf die Anwesenden machen läßt. Aber der Tonkünstler hat +sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter +unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der nämlichen +Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur daß E-Hörner mit G-Hörnern +verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und träges Erstaunen, +sondern die wahre wilde Bestürzung, welche eine dergleichen Erscheinung +unter dem Volke verursachen muß. + +Die Beängstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid; +wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen. +Bedauern und Mitleid läßt also auch die Musik ertönen; in einem Larghetto +aus dem A-moll, mit gedämpften Violinen und Bratsche und einer +konzertierenden Hoboe. + +Endlich folget auch auf den fünften Akt nur ein einziger Satz, ein +Adagio, aus dem E-dur, nächst den Violinen und der Bratsche, mit Hörnern, +mit verstärkenden Hoboen und Flöten und mit Fagotten, die mit dem +Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels +angemessene und ins Erhabene gezogene Betrübnis, mit einiger Rücksicht, +wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit +ihre warnende Stimme gegen die Großen der Erde ebenso würdig als +mächtig erhebt. + +Die Absichten eines Tonkünstlers merken, heißt ihm zugestehen, daß er sie +erreicht hat. Sein Werk soll kein Rätsel sein, dessen Deutung ebenso +mühsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm +vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob wächst mit +seiner Verständlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto +verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm für mich, daß ich recht gehört habe; +aber für den Hrn. Agricola ist es ein so viel größerer, daß in dieser +seiner Komposition niemand etwas anders gehört hat als ich. + + + + +Achtundzwanzigstes Stück +Den 4. August 1767 + +Den dreiunddreißigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine" +wiederholt, und den Beschluß machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus +dem Französischen des Marivaux. + +Dieses kleine Stück ist hier Ware für den Platz und macht daher allezeit +viel Vergnügen. Jürge kömmt aus der Stadt zurück, wo er einen reichen +Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glück +ändert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben, +erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind für seinen Hans und für +seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende +Bote kömmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden, +hat Bankerott gemacht, Jürge ist wieder nichts wie Jürge, Hans bekommt +den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluß würde traurig genug sein, +wenn das Glück mehr nehmen könnte, als es gegeben hat; gesund und +vergnügt waren sie, gesund und vergnügt bleiben sie. + +Diese Fabel hätte jeder erfinden können; aber wenige würden sie so +unterhaltend zu machen gewußt haben, als Marivaux. Die drolligste Laune, +der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen +kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine +ganz eigene Würze. Die Übersetzung ist von Krügern, der das französische +Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu übertragen gewußt +hat. Es ist nur schade, daß verschiedene Stellen höchst fehlerhaft und +verstümmelt abgedruckt werden. Einige müßten notwendig in der Vorstellung +berichtiget und ergänzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene. + +"Jürge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev +niks, as Gullen un Dahlers. + +Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief +Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken? + +Jürge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die. + +Lise. Woto denn, Hans Narr? + +Jürge. För düssen Jungen, de mie mienen Bündel op dee Reise bed in +unse Dörp dragen hed, un ik bün ganß licht und sacht hergahn. + +Lise. Büst du to Foote hergahn? + +Jürge. Ja. Wielt't veel kummoder is. + +Lise. Da hest du een Maark. + +Jürge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat. +Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig. + +Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak +dragen hed? + +Jürge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven. + +Valentin. Sollen die fünf Schilling für mich, Herr Jürge? + +Jürge. Ja, mien Fründ! + +Valentin. Fünf Schilling? ein reicher Erbe! fünf Schillinge? ein +Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele? + +Jürge. O! et kumt mie even darop nich an, jy dörft't man seggen. +Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so." + +Wie ist das? Jürge ist zu Fuße gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert +fünf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fünf +Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen +Schilling hinschmeißen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb +ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem +Hanfe finden. Jürge war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche: +und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging +vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, ließ +er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür gibt er dem +Jungen die fünf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das +hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er erzählt ihr nur, wie +geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden.[1] + +Den vierunddreißigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der +Zerstreute" des Regnard aufgeführt. + +Ich glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses +Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte Distrait durch +"Träumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der +Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das +Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen, +nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das +ist genug. + +Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er +fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreißig Jahr darauf, als +ihn die Komödianten wieder versuchten, fand er einen so viel größern. +Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht +unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche +Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm +es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Possenspiel, +das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes +Publikum dachte: + + --non satis est risu diducere rictum + Auditoris-- + +und dieses: + + --et est quaedam tamen hic quoque virtus. + +Außer der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlässig +ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den +Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyère völlig entworfen. +Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Züge teils in Handlung zu +bringen, teils erzählen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufügte, +will nicht viel sagen. + +Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere +Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto +mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf für die Komödie sein. Warum +nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglück; und +kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden, +als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern +abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei, +der lasse sich durch Spöttereien ebensowenig bessern als ein Hinkender. + +Aber ist es denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist, +dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich +mehr natürliche Verwahrlosung als üble Angewohnheit sein? Ich kann es +nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir +es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir +wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch +unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht, +was er, seinen itzigen sinnlichen Eindrücken zufolge, denken sollte. +Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht außer Tätigkeit +gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts tätig. Aber so gut +sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natürlicher +Beruf, bei den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu sein; +es kostet Mühe, sie dieses Berufs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich +sein, ihr ihn wieder geläufig zu machen? + +Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben, +daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über verbesserliche +Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel +und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit +auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit +seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so +bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch +neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher +entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. "Molière", +sagt er z.E., "macht uns über den Misanthropen zu lachen, und doch ist +der Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molière beweiset sich also +als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften verächtlich macht." + +Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, er bleibt, wer er ist, +und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der +Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste. +Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen über ihn, aber verachten wir ihn +darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie +schätzen sollen; ja ohne sie würden wir nicht einmal über seine +Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften, +nichtswürdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich sein wird? Widrig, +ekel, häßlich wird sie sein; nicht lächerlich. + + +----Fußnote + +[1] +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons +que de grosses pièces. + +Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec +tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire? + +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je. + +Claudine. Pourquoi donc, Nicodème? + +Blaise. Pour ce garçon qui apporte mon paquet depis la voiture +jusqu'à cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et à mon +aise. + +Claudine. T'es venu dans la voiture? + +Blaise. Oui, parce que cela est plus commode. + +Claudine. T'a baillé un écu? + +Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un écu, ce +m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ça. + +Claudine. Et tu dépenses cinq sols en porteurs de paquets? + +Blaise. Oui, par manière de recréation. + +Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise? + +Blaise. Oui, mon ami. etc. + +----Fußnote + + + +Neunundzwanzigstes Stück +Den 7. August 1767 + +Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen; +nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch +weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerlichen Unarten +finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der +Übung unserer Fähigkeit, das Lächerliche zu bemerken; es unter allen +Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen +mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln +des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß +der "Geizige" des Molière nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard +nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumt, daß das Lachen diese Toren +gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die +Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen +kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem +Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt, +ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben +andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu +kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; ersprießlich, sich +wider alle Eindrücke des Beispiels zu verwahren. Ein Präservativ ist auch +eine schätzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kräftigers, +wirksamers, als das Lächerliche.-- + +"Das Rätsel oder Was den Damen am meisten gefällt", ein Lustspiel in +einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß. + +Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzählungen und Märchen geschrieben +hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben +entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen +Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plaît aux dames" gab den Stoff +zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzügen, welches +unter dem Titel "La fée Urgèle", von den italienischen Komödianten zu +Paris, im Dezember 1765 aufgeführet ward. Herr Löwen scheinet nicht +sowohl dieses Stück, als die Erzählung des Voltaire selbst vor Augen +gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsäule mit auf den +Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die +primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, daß dieses oder +jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so +ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Löwen wegen der +Einrichtung seines Stücks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem +Hexenmärchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Löwen selbst gibt +sein Rätsel für nichts anders, als für eine kleine Plaisanterie, die auf +dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und +Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es wäre bloßer +Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar +nicht original, aber doch gut getroffen. Nur dünkt mich, daß ein +Waffenträger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der +irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen +will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gründet und ritterliche +Abenteuer als rühmliche Handlungen eines vernünftigen und tapfern Mannes +annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien +muß man nicht zergliedern wollen. + +Den fünfunddreißigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in +Gegenwart Sr. Königl. Majestät von Dänemark, die "Rodogune" des Peter +Corneille aufgeführt. + +Corneille bekannte, daß er sich auf dieses Trauerspiel das meiste +einbilde, daß er es weit über seinen "Cinna" und "Cid" setze, daß seine +übrige Stücke wenig Vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint +anzutreffen wären; ein glücklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke +Verse, ein gründliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt +zu Akt immer wachsendes Interesse.-- + +Es ist billig, daß wir uns bei dem Meisterstücke dieses großen Mannes +verweilen. + +Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzählt Appianus Alexandrinus +gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit +dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte +als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Königes Phraates, mit +dessen Schwester Rodogune er sich vermählte. Inzwischen bemächtigte sich +Diodotus, der den vorigen Königen gedienet hatte, des syrischen Thrones +und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen +Namen er als Vormund anfangs die Regierung führte. Bald aber schaffte er +den jungen König aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab +sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Königs, +das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu +Rhodus, wo er sich aufhielt, hörte, kam er nach Syrien zurück, überwand +mit vieler Mühe den Tryphon und ließ ihn hinrichten. Hierauf wandte er +seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders. +Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch +wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus +zum Treffen, in welchem dieser den kürzern zog und sich aus Verzweiflung +selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret +war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Haß gegen die Rodogune +umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruß über diese Heirat, sich +mit dem nämlichen Antiochus, seinem Bruder, vermählet hatte. Sie hatte +von dem Demetrius zwei Söhne, wovon sie den ältesten, mit Namen Seleukus, +der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhändig mit einem +Pfeile erschoß; es sei nun, weil sie besorgte, er möchte den Tod seines +Vaters an ihr rächen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemütsart dazu +veranlaßte. Der jüngste Sohn hieß Antiochus; er folgte seinem Bruder in +der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, daß sie den +Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken mußte." + +In dieser Erzählung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es würde +Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen +"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus +zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was +ihn aber vorzüglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die +usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu +können glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, daß +sonach sein Stück nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heißen sollte. +Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daß die Zuhörer diese +Königin von Syrien mit jener berühmten letzten Königin von Ägypten +gleichen Namens verwechseln dürften, wollte er lieber von der zweiten, +als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt +er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt +hatte, daß die Alten selbst es nicht für notwendig gehalten, ein Stück +eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl +nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil +hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles +eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man +itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen +würde." Diese Bemerkung ist an und für sich sehr richtig; die Alten +hielten den Titel für ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht, +daß er den Inhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von dem +andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand +hinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß Sophokles das +Stück, welches er "Die Trachinerinnen" überschrieb, würde haben +"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden +Titel zu geben, aber ihm einen verführerischen Titel zu geben, einen +Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen +möchte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des +Corneille ging hiernächst zu weit; wer die ägyptische Kleopatra kennet, +weiß auch, daß Syrien nicht Ägypten ist, weiß, daß mehr Könige und +Königinnen einerlei Namen geführt haben: wer aber jene nicht kennt, kann +sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens hätte Corneille in dem +Stück selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfältig vermeiden sollen; +die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der +deutsche Übersetzer tat daher sehr wohl, daß er sich über diese kleine +Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muß +seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl +manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen! + + + + +Dreißigstes Stück +Den 11. August 1767 + +Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschießt den einen +von ihren Söhnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel +folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde +nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit +Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die einzige Eifersucht ein wütendes +Eheweib zu einer ebenso wütenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin +an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und +die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes +Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht +allein besitzen konnte. Demetrius muß nicht leben, weil er für Kleopatra +nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt +auch ein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An diese hatte die Mutter +in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Söhne +gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher +Eifer doch, wenn er unter Eltern wählen müßte, ohnfehlbar sich für den +zuerst beleidigten Teil erklären würde. Sie fand es aber so nicht; der +Sohn ward König, und der König sahe in der Kleopatra nicht die Mutter, +sondern die Königsmörderin. Sie hatte alles von ihm zu fürchten; und von +dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem +Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Söhnen übrig; sie fing an, +alles zu hassen, was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die +Selbsterhaltung stärkte diesen Haß; die Mutter war fertiger als der Sohn, +die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten +Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem +Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sie ihn nur an dem +begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich +nicht morde, daß sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des +ältere Sohnes wäre auch das Schicksal des jüngern geworden; aber dieser +war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu +trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen rächet +das andere; und es kömmt bloß auf die Umstände an, auf welcher Seite wir +mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen. + +Dieser dreifache Mord würde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang, +ihr Mittel und ihr Ende in der nämlichen Leidenschaft der nämlichen +Person hätte. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragödie? Für das +Genie fehlt ihr nichts: für den Stümper alles. Da ist keine Liebe, da +ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer +Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Dieser natürliche Gang +reizet das Genie; und den Stümper schrecket er ab. Das Genie können nur +Begebenheiten beschäftigen, die ineinander gegründet sind, nur Ketten von +Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurückzuführen, jene gegen diese +abzuwägen, überall das Ungefähr auszuschließen, alles, was geschieht, so +geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist +seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnützen +Schätze des Gedächtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der +Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegründete, sondern nur +auf das Ähnliche oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die +dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei Begebenheiten +auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als daß sie zugleich +geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu +flechten und zu verwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem +andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestürzt werden; das +kann er, der Witz; und nur das. Aus der beständigen Durchkreuzung solcher +Fäden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in +der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von +dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, grün oder gelb ist; der +beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet; +ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz für Kinder. + +Nun urteile man, ob der große Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie +oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser +Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand +in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung. + +Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus +Eifersucht? dachte Corneille: das wäre ja eine ganz gemeine Frau; nein, +meine Kleopatra muß eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern +verloren hätte, aber durchaus nicht den Thron; daß ihr Mann Rodogunen +liebt, muß sie nicht so sehr schmerzen, als daß Rodogune Königin sein +soll, wie sie; das ist weit erhabner.-- + +Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatürlicher. Denn einmal ist der +Stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres Laster, als die +Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatürlicher, als +der Stolz eines Mannes. Die Natur rüstete das weibliche Geschlecht zur +Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht +erwecken; nur seine Reize sollen es mächtig machen; nur durch Liebkosungen +soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen +kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloß des Herrschens wegen, gefällt, +bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere +Glückseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuß +ganzen Völkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal, +auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet +eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das +minder Natürliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist, +die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle +Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um +sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr +tugendhaft und liebenswürdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea +begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zärtlichen, eifersüchtigen Frau +will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu +heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus überlegtem +Ehrgeize Freveltaten verübet, empört sich das ganze Herz; und alle Kunst +des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an, +wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesättiget +haben, so danken wir dem Himmel, daß sich die Natur nur alle tausend +Jahre einmal so verirret, und ärgern uns über den Dichter, der uns +dergleichen Mißgeschöpfe für Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns +ersprießlich sein könnte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter +funfzig Frauen, die ihre Männer vom Throne gestürzet und ermordet haben, +ist kaum eine, von der man nicht beweisen könnte, daß nur beleidigte +Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus bloßem Regierungsneide, aus +bloßem Stolze das Zepter selbst zu führen, welches ein liebreicher +Ehemann führte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele, +nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen, +haben diese Regierung hernach mit allem männlichen Stolze verwaltet: das +ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, mürrischen, treulosen Gatten +alles, was die Unterwürfigkeit Kränkendes hat, zu sehr erfahren, als daß +ihnen nachher ihre mit der äußersten Gefahr erlangte Unabhängigkeit nicht +um so viel schätzbarer hätte sein sollen. Aber sicherlich hat keine das +bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von +sich sagen läßt; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der größte +Bösewicht weiß sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst +zu überreden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster +sei, oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge. +Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters, als Lasters, rühmet; +und der Dichter ist äußerst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glänzendes +und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen läßt, als ob +seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse, gehen könnten. + +Dergleichen mißgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden, +sind indes bei keinem Dichter häufiger, als bei Corneillen, und es könnte +leicht sein, daß sich zum Teil sein Beiname des Großen mit darauf gründe. +Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines +fähig sein sollte, und wirklich auch keines fähig ist: das Laster. Den +Ungeheuern, den Gigantischen hätte man ihn nennen sollen; aber nicht den +Großen. Denn nichts ist groß, was nicht wahr ist. + + + + +Einunddreißigstes Stück +Den 14. August 1767 + +In der Geschichte rächet sich Kleopatra bloß an ihrem Gemahle; an +Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht rächen. Bei dem Dichter ist +jene Rache längst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloß erzählt, +und alle Handlung des Stücks geht auf Rodogunen. Corneille will seine +Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muß sich noch gar +nicht gerächet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen +rächet. Einer Eifersüchtigen ist es allerdings natürlich, daß sie gegen +ihre Nebenbuhlerin noch unversöhnlicher ist, als gegen ihren treulosen +Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder +gar nicht eifersüchtig; sie ist bloß ehrgeizig; und die Rache einer +Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersüchtigen ähnlich sein. Beide +Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als daß ihre Wirkungen die +nämlichen sein könnten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut, +und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als daß die Rache des +Ehrgeizigen ohne Maß und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck +verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht, +kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kälter und +überlegender zu werden anfängt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach +dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer +ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergißt er es auch wohl, daß er +ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fürchten hat, den verachtet er; und +wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht +hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes +Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gänzliche Verderben +seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie +versöhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret, die +nämliche Beleidigung zu sein, und immer wächset, je länger sie dauert: +so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen, die sie spat oder früh, +immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der +Kleopatra beim Corneille; und die Mißhelligkeit, in der diese Rache also +mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend +sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre und +Unabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seele betrachten, +die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tückischer Groll; ihre +hämische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu +befürchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem +geringsten Funken von Edelmute, vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem +sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die +unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so +klein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben. Endlich muß +diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in +der ganzen Kleopatra nichts übrig, als ein häßliches, abscheuliches Weib, +das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet. + +Aber nicht genug, daß Kleopatra sich an Rodogunen rächet: der Dichter +will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie fängt er +dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist +das Ding viel zu natürlich: denn was ist natürlicher, als seine Feindin +hinzurichten? Ginge es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberin in ihr +hingerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtet würde? +Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogune mit dem Demetrius noch +nicht völlig vermählet gewesen; laßt uns erdichten, daß nach seinem Tode +sich die beiden Söhne in die Braut des Vaters verliebt haben; laßt uns +erdichten, daß die beiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der +Thron gehöret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten, +welcher von ihnen der älteste sei; laßt uns erdichten, daß sich endlich +die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr +nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen für den ältesten +zu erklären und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse +Bedingung eingehen wolle; laßt uns erdichten, daß diese Bedingung der Tod +der Rodogune sei. Nun hätten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen +sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte +umbringen will, der soll regieren. + +Schön; aber könnten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Könnten +wir die guten Prinzen nicht noch in größere Verlegenheit setzen? Wir +wollen versuchen. Laßt uns also weiter erdichten, daß Rodogune den +Anschlag der Kleopatra erfährt; laßt uns weiter erdichten, daß sie zwar +einen von den Prinzen vorzüglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat, +auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, daß sie +fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch +den, welchem der Thron heimfallen dürfte, zu ihrem Gemahle zu wählen, daß +sie allein den wählen wolle, welcher sich ihr am würdigsten erzeigen +werde; Rodogune muß gerächet sein wollen; muß an der Mutter der Prinzen +gerächet sein wollen; Rodogune muß ihnen erklären: wer mich von euch +haben will, der ermorde seine Mutter! + +Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut +angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen! +Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine +Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine +Mutter! Es versteht sich, daß es sehr tugendhafte Prinzen sein müssen, +die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt für den Teufel +von Mama, und ebensoviel Zärtlichkeit für eine liebäugelnde Furie von +Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist +die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, daß +es gar nicht möglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und +schlägt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder +der andere geht hin und schlägt die Mutter tot, um die Prinzessin zu +haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die +Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus +werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das +Mädchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie +beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere +totschlagen; so stehen sie beide hübsch und sperren das Maul auf, und +wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schönheit davon. +Freilich wird das Stück dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen, +daß die Weiber darin ärger als rasende Männer, und die Männer weibischer +als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist +dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegenteil ist so gewöhnlich, +so abgedroschen!-- + +Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet, dergleichen +Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich möchte es auch +schwerlich jemals versuchen. Aber das weiß ich, daß es einem sehr sauer +wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen. + +Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur +in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit hätte sich +Corneille immer ersparen können. "Vielleicht", sagt er, "dürfte man +zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, daß sie +unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es +hier gemacht habe, wo nach der Erzählung im ersten Akte, welche die +Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht das +geringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte. Doch", +fährt er fort, "Mich dünkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte +beibehalten, so sind alle vorläufige Umstände, alle Einleitungen zu +diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wüßte ich mich keiner +Regel dawider zu erinnern, und die Ausübung der Alten ist völlig auf +meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles +mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein +haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen +ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm +eigentümliche Mittel gelanget, so daß wenigstens eine davon notwendig +ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muß. Oder man werfe nur +die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster +einer vollkommenen Tragödie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, daß +sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloß auf das +Vorgeben gründet, daß Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare, +auf welchem sie geopfert werden sollte, entrückt und ein Reh an ihrer +Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des +Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die +Episoden, sowohl der Knoten als die Auflösung, gänzlich erdichtet sind, +und aus der Historie nichts als die Namen haben." + +Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständen nach Gutdünken +verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und +Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte +nachrechnet, daß Rodogune so jung nicht könne gewesen sein; sie habe den +Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens +zwanzig Jahre haben müßten, noch in ihrer Kindheit gewesen wären. Was +geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht +geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und +nicht viel älter, als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit +seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die +Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür verifizieren wollte! + + + + +Zweiunddreißigstes Stück +Den 18. August 1767 + +Mit den Beispielen der Alten hätte Corneille noch weiter zurückgehen +können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödie in Griechenland wirklich +zur Erneuerung des Andenkens großer und sonderbarer Begebenheiten +erfunden worden; daß ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die +Fußtapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken +auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis ließ sich um die +historische Richtigkeit ganz unbekümmert.[1] Es ist wahr, er zog sich +darüber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, daß +Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst +verstanden: so läßt sich den Folgerungen, die man aus seiner Mißbilligung +ziehen könnte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich +unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des +Nutzens, ihrer noch nicht würdig erzeigen konnte. Thespis ersann, +erdichtete, ließ die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte: +aber er wußte seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch +lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne +die geringste Vermutung von dem Nützlichen zu haben. Er eiferte wider ein +Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu führen, leicht von übeln +Folgen sein könnte. + +Ich fürchte sehr, Solon dürfte auch die Erdichtungen des großen Corneille +nichts als leidige Lügen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen? +Machen sie in der Geschichte, die er damit überladet, das Geringste +wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal für sich selbst wahrscheinlich. +Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der +Erdichtungskraft; und er hätte doch wohl wissen sollen, daß nicht das bloße +Erdichten, sondern das zweckmäßige Erdichten, einen schöpfrischen Geist +beweise. + +Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet; +eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich +vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm +weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist ebenso gräßlich als +außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen +nähern Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut +also der Poet? + +So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die +Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kürze der größere Mangel seines +Stückes scheinen. + +Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein, +eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene +unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen müssen. +Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu +gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen; +wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen, +so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen, +die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird +er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen: +daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf +wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt, +bekennen müssen, wir würden ihn, in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, +bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; daß uns nichts +dabei befremdet, als die unmerkliche Annäherung eines Zieles, von dem +unsere Vorstellungen zurückbeben, und an dem wir uns endlich, voll des +innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreißt, und +voll Schrecken über das Bewußtsein befinden, auch uns könne ein ähnlicher +Strom dahinreißen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Geblüte noch so +weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlägt der Dichter diesen +Weg ein, sagt ihm sein Genie, daß er darauf nicht schimpflich ermatten +werde: so ist mit eins auch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden; +es bekümmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällen fünf +Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alle den Stoff nicht +fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer +mehr und mehr vergrößert, wenn er einmal der verborgnen Organisation +desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet. + +Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter +nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage +ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstößig +sein, daß er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden +vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern dürfe, wenn er sich +nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid +zu erregen. Denn er weiß so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und +dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervorzubringen, nicht +sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug häufen zu +können glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den +außerordentlichsten, gräßlichsten Unglücksfällen und Freveltaten nehmen +zu müssen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra, +eine Mörderin ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgesagt, so sieht er, um +eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die +Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen, und sie mit Dingen +auszufüllen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen +selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien, +knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman +zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer +Häcksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das +Drahtgerippe von Akten und Szenen, läßt erzählen und erzählen, läßt rasen +und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter +oder saurer ankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel, +--wird gedruckt und aufgeführt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder +ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glück will. +Denn et habent sua fata libelli. + +Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den großen Corneille zu machen? +Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen +Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist +seine "Rodogune", nun länger als hundert Jahr, als das größte Meisterstück +des größten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit +von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjährige Bewunderung +wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre +Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen +Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn +auf ein Meteor herabzusetzen? + +O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal ein ehrlicher Hurone in +der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war; +und vor langer Weile studierte er die französischen Poeten; diesem +Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu +Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der +hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute +des sechzehnten Säculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls +vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein +Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn, +weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer +armen verlaßnen Enkelin dieses großen Dichters an, ließ sie unter seinen +Augen erziehen, lehrte sie hübsche Verse machen, sammelte Almosen für +sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen großen einträglichen Kommentar über +die Werke ihres Großvaters usw.) aber gleichwohl erklärte er die "Rodogune" +für ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern, +wie ein so großer Mann, als der große Corneille, solch widersinniges +Zeug habe schreiben können.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist +ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach +bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den +Ausländern über die Fehler eines Franzosen die Augen eröffnet. Diesem +ganz gewiß betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem +Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muß er es doch haben. Denn +daß ein Deutscher selbst dächte, von selbst die Kühnheit hätte, an der +Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das +einbilden? + +Ich rede von diesen meinen Vorgängern mehr bei der nächsten Wiederholung +der "Rodogune". Meine Leser wünschen aus der Stelle zu kommen; und ich +mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Übersetzung, nach welcher +dieses Stück aufgeführet worden. Es war nicht die alte Wolfenbüttelsche +vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch +ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die +beste von dieser Art nicht schämen, und ist voller starken, glücklichen +Stellen. Der Verfasser aber, weiß ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack, +als daß er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte. +Corneillen gut zu übersetzen, muß man bessere Verse machen können, als er +selbst. + + +----Fußnote + +[1] Diogenes Laërtius, Lib. I. § 59. + +----Fußnote + + + + +Dreiunddreißigstes Stück +Den 21. August 1767 + +Den sechsunddreißigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel +des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Königl. +Majestät von Dänemark, aufgeführet. + +Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestätiget, daß +Soliman II. sich in eine europäische Sklavin verliebt habe, die ihn so +zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewußt, daß er, wider alle +Gewohnheit seines Reichs, sich förmlich mit ihr verbinden und sie zur +Kaiserin erklären müssen. Genug, daß Marmontel hierauf eine von seinen +moralischen Erzählungen gegründet, in der er aber jene Sklavin, die eine +Italienerin soll gewesen sein, zu einer Französin macht; ohne Zweifel, +weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, daß irgendeine andere Schöne, +als eine französische, einen so seltnen Sieg über einen Großtürken +erhalten können. + +Ich weiß nicht, was ich eigentlich zu der Erzählung des Marmontel sagen +soll; nicht, daß sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen +Kenntnissen der großen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Lächerlichen, +ausgeführet und mit der Eleganz und Anmut geschrieben wäre, welche diesem +Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst. +Aber es soll eine moralische Erzählung sein, und ich kann nur nicht finden, +wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schlüpfrig, so +anstößig, als eine Erzählung des La Fontaine oder Grécourt: aber ist sie +darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist? + +Ein Sultan, der in dem Schoße der Wollüste gähnet, dem sie der alltägliche +und durch nichts erschwerte Genuß unschmackhaft und ekel gemacht hat, der +seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder +gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit, +die raffinierteste Zärtlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschöpft: +dieser kranke Wollüstling ist der leidende Held in der Erzählung. Ich +sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Süßigkeiten den Magen +verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas +verfällt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken würde, auf faule +Eier, auf Rattenschwänze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die +edelste, bescheidenste Schönheit, mit dem schmachtendsten Auge, groß und +blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den +Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestätischer in ihrer Form, +blendender von Kolorit, blühende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer +Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Töne, eine wahre Muse, nur +verführerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein +weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur +Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig +Schönheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses +Ding, als es den Sultan erblickt, fällt mit der plumpesten Schmeichelei, +wie mit der Türe ins Haus: Grâces au ciel, voici une figure humaine! +--(Eine Schmeichelei, die nicht bloß dieser Sultan, auch mancher deutscher +Fürst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch +plumper, zu hören bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut +wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich +enthält, zu fühlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das übrige +--Vous êtes beaucoup mieux, qu'il n'appartient à un Turc: vous avez +même quelque chose d'un Français--En vérité ces Turcs sont plaisants--Je +me charge d'apprendre à vivre à ce Turc--Je ne désespère pas d'en faire +quelque jour un Français.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und +schilt, es droht und spottet, es liebäugelt und mault, bis der Sultan, +nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu +haben, auch Reichsgesetze abändern und Geistlichkeit und Pöbel wider sich +aufzubringen Gefahr laufen muß, wenn er anders mit ihr ebenso glücklich +sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem +Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Mühe! + +Marmontel fängt seine Erzählung mit der Betrachtung an, daß große +Staatsveränderungen oft durch sehr geringfügige Kleinigkeiten veranlaßt +worden, und läßt den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst +schließen: Wie ist es möglich, daß eine kleine aufgestülpte Nase die +Gesetze eines Reiches umstoßen können? Man sollte also fast glauben, daß +er bloß diese Bemerkung, dieses anscheinende Mißverhältnis zwischen +Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehre +wäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst, +daß er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt. +"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche +ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen +wollen; ich wählte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als +die zwei Extrema der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontel muß +sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausarbeitung vergessen +haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten +Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich +bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Französin sagt, der +zurückhaltendste, nachgebendste, gefälligste, folgsamste, untertänigste +Mann, la meilleure pâte de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein +würde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in +dieser Erzählung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben +bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn er alle Blumen +durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen. + +Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel, +ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern läßt oder +nicht; und also war die Erzählung des Marmontel darum nichts mehr und +nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat +Favart, und sehr glücklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus +ähnlichen Erzählungen bereichern wollen, die Favartsche Ausführung mit +dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu +abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veränderungen, die +dieser gelitten und zum Teil leiden müssen, lehrreich sein, und ihre +Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer bloßen +Spekulation wohl unentdeckt geblieben wäre, den noch kein Kritikus zur +Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der öfters mehr +Wahrheit, mehr Leben in ihr Stück bringen wird, als alle die mechanischen +Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren +Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der +Vollkommenheit eines Dramas machen möchten. + +Ich will nur bei einer von diesen Veränderungen stehenbleiben. Aber ich +muß vorher das Urteil anführen, welches Franzosen selbst über das Stück +gefällt haben.[1] Anfangs äußern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des +Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den größten +Fürsten seines Jahrhunderts; die Türken haben keinen Kaiser, dessen +Andenken ihnen teurer wäre als dieses Solimans; seine Siege, seine +Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswürdig, +über die er siegte: aber welche kleine, jämmerliche Rolle läßt ihn +Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener +ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kühnsten, +schwärzesten Streiche fähig war, die den Sultan durch ihre Ränke und +falsche Zärtlichkeit so weit zu bringen wußte, daß er wider sein eigenes +Blut wütete, daß er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen +Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine +närrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf +voller Wind, doch das Herz mehr gut als böse. Sind dergleichen +Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein +Erzähler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese +Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn +er Fakta nach seinem Gutdünken verändern darf, darf er auch eine Lucretia +verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?" + +Das heißt einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich möchte die +Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht übernehmen; ich habe mich +vielmehr schon dahin geäußert,[2] daß die Charaktere dem Dichter weit +heiliger sein müssen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau +beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von +selbst nicht viel anders ausfallen können; da hingegen allerlei Faktum +sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten läßt. Zweitens, weil +das Lehrreiche nicht in den bloßen Faktis, sondern in der Erkenntnis +bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umständen solche Fakta +hervorzubringen pflegen und hervorbringen müssen. Gleichwohl hat es +Marmontel gerade umgekehrt. Daß es einmal in dem Seraglio eine europäische +Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmäßigen Gemahlin des Kaisers zu +machen gewußt: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und +dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich +geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich +werden können, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche +von diesen Arten er wählen will; ob die, welche die Historie bestätiget, +oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner +Erzählung verbindet, das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er +sich, im Fall daß er andere Charaktere als die historischen, oder wohl +gar diesen völlig entgegengesetzte wählet, auch der historischen Namen +enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum +beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten. +Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren +und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir +bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als +etwas Zufälliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die +Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentümliches. Mit jenen +lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht +mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl +ins Licht stellen, aber nicht verändern; die geringste Veränderung +scheinet uns die Individualität aufzuheben und andere Personen +unterzuschieben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpieren +und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind. + + +----Fußnote + +[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762. + +[2] Oben im 23. Stück. + +----Fußnote + + + + +Vierunddreißigstes Stück +Den 25. August 1767 + +Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen +Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt, +als in diesen freiwillig gewählten Charakteren selbst, es sei von seiten +der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu +verstoßen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen; +nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu +wissen, die jeder Schulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrat seines +Gedächtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen +Gefühl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es +gehört oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter +nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstößt also, +bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft, +so gröblich, daß wir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundern +können; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusammen und rufen: +"Aber, wie hat ein so großer Mann nicht wissen können!--Wie ist es +möglich, daß ihm nicht beifiel!--Überlegte er denn nicht?" Oh, laßt uns +ja schweigen; wir glauben ihn zu demütigen, und wir machen uns in seinen +Augen lächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloß, +daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider +nötig, wenn wir nicht vollkommne Dummköpfe bleiben wollten. + +Marmontels Soliman hätte daher meinetwegen immer ein ganz anderer +Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein mögen, als +mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob +sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer +andern Welt gehören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer +andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in +dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer +andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten +abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den +Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das, +sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der +gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich +ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten +verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde, +so kann ich es zufrieden sein, daß man ihm auch jenes nicht für genossen +ausgehen läßt. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muß uns +nicht vorsätzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei +nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt. + +Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen +haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter +ausbildet oder sich schaffet, Übereinstimmung und Absicht zu verlangen, +wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet +zu werden. + +Übereinstimmung:--Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie +müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen +sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nachdem die Umstände auf sie +wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug sein können, +sie von Schwarz auf Weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er +verliebt ist, noch Türk und Despot sein. Dem Türken, der nur die sinnliche +Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements beifallen, die eine +verwöhnte europäische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser +liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts +Anzügliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu +überwinden haben und, wenn ich sie überwunden habe, durch neue +Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein König von Frankreich +denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese +Denkungsart einmal gibt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung; +er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu +genießen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine +dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt: +"Soliman war ein zu großer Mann, als daß er die kleinen Angelegenheiten +seines Seraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgeschäfte hätte treiben +sollen." Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgeschäfte +nicht auf den Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben +müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als +Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er +suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen läßt, freie Herzen, die sich aus +bloßer Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen ließen; er hätte +ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiß er, was er will? Die +zärtliche Elmire wird von einer wollüstigen Delia verdrängt, bis ihm eine +Unbesonnene den Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum +Sklaven machen muß, ehe er die zweideutige Gunst genießet, die bisher +immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein? +Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein +herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal +alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Roxelane, nach +diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht +Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe wert halten, ihr dieses Opfer +gebracht zu haben? Ich fürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen, +sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten +Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre +aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo +habe ich meine Augen gehabt!" + +Ich leugne nicht, daß bei alle den Widersprüchen, die uns diesen Soliman +so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich sein könnte. Es +gibt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen. +Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen +Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende; +es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die +unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch +Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem +Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht. +--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe +erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie +von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten, +die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen +befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese +Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit +dem ebenso geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen +ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet. +Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen fängt das Genie an, zu +lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in größern Werken zu +Füllungen, zu Ruhepunkten unserer wärmern Teilnehmung: allein mit der +Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und +größere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder +zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten +und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht, +uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als +glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich +selbst im Glücke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwürfen, wo keine +unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung für uns statthat, +wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskräfte mit solchen +Gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen, und diese +Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein +falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was +wir verabscheuen sollten zu begehren. + +Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem +Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von +manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten +sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich +erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgefeimte Buhlerin werden +uns mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben geschildert, +daß es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus +berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als +gefälligen Gattin überdrüssig zu sein, weil sie eine Elmire und keine +Roxelane ist. + +Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die +angeführten französischen Kunstrichter recht, daß sie alle das Tadelhafte +des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet +ihnen sogar dabei noch mehr gesündiget zu haben, als jener. "Die +Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzählung +so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich +nötig; und diese ist in dem gegenwärtigen auf das äußerste verletzet. Der +große Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so +einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der +Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein +Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß. +Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man +sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels +gefallen; aber wenn die Überlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit +ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem +Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche; +sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte, +nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles +sagen können; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdrücken gesagt hätte. +Aber wer kann es aushalten, den großen Soliman von einer jungen +Landstreicherin so hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu +regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist +hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unerträglich." + + +----Fußnote + +[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10. + +----Fußnote + + + + +Fünfunddreißigstes Stück +Den 28. August 1767 + +Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein; +Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem +feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches +der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu gönnen, +als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung. +Beim Marmontel hingegen läßt sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben +und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer +Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist, +und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann +sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht +errät oder nicht besser erraten will. + +Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der +Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er +einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen, +besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit +dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, daß seine Roxelane noch +unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat +er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewußt, +als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das? + +Eben auf diese Veränderung wollte ich oben kommen; und mich dünkt, sie +ist so glücklich und vorteilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und +ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte. + +Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines +närrisches, vermessenes Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan +Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack +durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen, +als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen +steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als +zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe +gestellt, als seine Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den +Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine +Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine +Erklärung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf +ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet +werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre +geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, große Seele, ganz den +Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun +auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muß dich wohl lieben! Nimm +all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sei mein Sultan, mein Held, +mein Gebieter! Ich würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen +müssen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget. +Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen +Liebhaber, der meinetwegen nicht erröten darf; sieh hier in Roxelanen +--nichts, als deine untertänige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf +einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso +vernünftiges als drollichtes Mädchen steht vor uns; Soliman höret auf, +uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe +würdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die +nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er +möchte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber möchte den Despoten +wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt, +eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so +bedenklichen Schritte zurückhalten wollen, möchte anstatt einer feurigen +Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind möchte durch +ihre Großmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige +Vermessenheiten so mühsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens, +und das Stück schließt sich zu unserer völligen Zufriedenheit. + +Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung? Ist sie bloß +willkürlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung, +in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel +seiner Erzählung diesen vergnügendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem, +was dort eine Schönheit ist, hier ein Fehler? + +Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben, +welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und +des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen +Erzählung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur +Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht +wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung, +die für sich ein wohlgeründetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht; +der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem +Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen +nehmen, durch welche er sie ausführen läßt, ist er unbekümmert, er hat +uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es +lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses +mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das +Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel +fließende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die +Leidenschaften, welche der Verlauf und die Glücksveränderungen seiner +Fabel anzufachen und zu unterhalten vermögend sind, oder auf das +Vergnügen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und +Charaktere gewähret; und beides erfordert eine gewisse Vollständigkeit +der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der +moralischen Erzählung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit +auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall +derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt. + +Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Erzählung lehren wollte, +die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie müsse durch Nachsicht und +Gefälligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er +recht, so aufzuhören, wie er aufhört. Die unbändige Roxelane wird durch +nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans +Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir sie doch immer für +eine Närrin und ihn für nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht +Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so +wahrscheinlich sein, daß den Sultan seine blinde Gefälligkeit bald +gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die +Gefälligkeit über das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also eines +der wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit wert sei +oder nicht. + +Allein, als Favart diese Erzählung auf das Theater bringen wollte, so +empfand er bald, daß durch die dramatische Form die Intuition des +moralischen Satzes größtenteils verloren gehe und daß, wenn sie auch +vollkommen erhalten werden könne, das daraus erwachsende Vergnügen doch +nicht so groß und lebhaft sei, daß man dabei ein anderes, welches dem +Drama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Vergnügen, welches +uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewähren. +Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch, +in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des +Dichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbst damit +betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das +Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer +Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen +Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt +ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden, +desto strenger verfährt unsere Überlegung; das häßliche Gesicht, das wir +so schön geschminkt sehen, wird für noch einmal so häßlich erklärt, als +es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu wählen, ob er von uns lieber +für einen Giftmischer oder für einen Blödsinnigen will gehalten sein. So +wäre es dem Favart, so wäre es seinen Charakteren des Solimans und der +Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere +nicht von Anfang ändern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu +verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu +sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun übrig, als was er tat. Nun +freuen wir uns, uns an nichts vergnügt zu haben, was wir nicht auch +hochachten könnten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere +Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama +weit stärker ist, als einer bloßen Erzählung, so interessieren uns auch +die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnügen uns +nicht, ihr Schicksal bloß für den gegenwärtigen Augenblick entschieden zu +sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls +zufriedengestellet wissen. + + +----Fußnote + +[1] + Sultan, j'ai pénétré ton âme; + J'en ai démêlé les ressorts. + Elle est grande, elle est fière, et la gloire l'enflamme, + Tant de vertus excitent mes transports. + A ton tour, tu vas me connaître: + Je t'aime, Soliman; mais tu l'as mérité. + Reprends tes droits, reprends ma liberté; + Sois mon Sultan, mon Héros et mon Maître. + Tu me soupçonnerais d'injuste vanité. + Va, ne fais rien que ta loi n'autorise; + Il est des préjugés qu'on ne doit point trahir, + Et je veux un Amant, qui n'ait point à rougir: + Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise. + +----Fußnote + + + + +Sechsunddreißigstes Stück +Den 1. September 1767 + +So unstreitig wir aber, ohne die glückliche Wendung, welche Favart am +Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Krönung nicht +anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den lächerlichen +Triumph einer "Serva Padrona" würden betrachtet haben; so gewiß, ohne +sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein kläglicher Pimpinello, +und die neue Kaiserin nichts als eine häßliche, verschmitzte Serbinette +gewesen wäre, von der wir vorausgesehen hätten, daß sie nun bald dem +armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde: +so leicht und natürlich dünkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir +müssen uns wundern, daß sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht +beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische +Erzählung in der dramatischen Form darüber verunglücken müssen. + +Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beißende Märchen, +und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen +Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzählt; +und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte +man, daß es ein ebenso glücklicher Stoff auch für das Theater sein müsse. +Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich +auf jedes feinere Gefühl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter +der Matrone, der in der Erzählung ein nicht unangenehmes höhnisches +Lächeln über die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem +Drama ekel und häßlich. Wir finden hier die Überredungen, deren sich der +Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und +siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein +empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst +ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre +Schwäche dünkt uns die Schwäche des ganzen Geschlechts zu sein; wir +fassen also keinen besondern Haß gegen sie; was sie tut, glauben wir, +würde ungefähr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den +lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir +ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu müssen; +oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die +Vermutung, daß er wohl auch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzählers +sei, der sein Märchen gern mit einer recht giftigen Spitze schließen +wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir +dort nur hören, daß es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen; +woran wir dort noch zweifeln können, davon überzeugt uns unser eigener +Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der bloßen Möglichkeit ergötzte uns +das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre +Schwärze; der Einfall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des +Einfalls empört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Bühne den +Rücken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem +besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset, +debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere +cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen, +je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verführung angewendet; denn wir +verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein +vorzüglich leichtsinniges, lüderliches Weibsstück insbesondere.--Kurz, +die Petronische Fabel glücklich auf das Theater zu bringen, müßte sie +den nämlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; müßte die +Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklärung +hierüber anderwärts! + +Den siebenunddreißigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden +"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt. + +Den achtunddreißigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope" +des Herrn von Voltaire aufgeführt. + +Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des +Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania, +der Marquise du Châtelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift +davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des +Théâtre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafür +einzuflößen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemäß zu +stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern +mußte er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr +geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire über ein Trauerspiel, über +eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden, +ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darüber zurückschrieb, +welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur +Warnung, jederzeit dem Stücke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin +für eines von den vollkommensten Trauerspielen, für ein wahres Muster +erklärt, und wir können uns nunmehr ganz zufrieden geben, daß das Stück +des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses +ist nun nicht länger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt. + +So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein mußte, so schien er +sich doch mit der Vorstellung nicht übereilen zu wollen, welche erst im +Jahre 1743 erfolgte. Er genoß von seiner staatsklugen Verzögerung auch +alle die Früchte, die er sich nur immer davon versprechen konnte. +"Merope" fand den außerordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte +dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt +hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem großen Corneille sehr +vorzüglich; sein Stuhl auf dem Theater ward beständig freigelassen, wenn +der Zulauf auch noch so groß war, und wenn er kam, so stand jedermann +auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Geblüte +gewürdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause +angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß +ihm die Gäste ihre Höflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch +ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu +kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende +war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und lärmte, bis der +Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen +mußte. Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet hätte, +ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefälligkeit des +Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dichter aussieht? Nicht wie andere +Menschen? Und wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht +hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die +Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich, +erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber +vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern +der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde +in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel +liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so +groß, so überschwenglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es +sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz +denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in +der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der +Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig +Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homers wissen, +ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller +Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im +Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung +dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der +blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so +entzücket. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser +Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu +erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein, +man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so +neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde +für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu +kennen, sein müßte (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten, +dem besten Murmeltiere voraus, welches der Pöbel gesehen zu haben ebenso +begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der +französischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser +Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie +zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden könne, +so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein +neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormußte, +und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von +Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger +gestanden. Wie manches Armesündergesichte muß daruntergewesen sein! Der +Posse ging endlich so weit, daß sich die Ernsthaftern von der Nation +selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell +ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug, +das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus +nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver +und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Übe1stand +lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlaßt haben. + + + + +Siebenunddreißigstes Stück +Den 4. September 1767 + +Ich habe gesagt, daß Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei +veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene +ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehören dem +Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz +andere "Merope" geschrieben haben. + +Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, müssen wir +zuvörderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische +Verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen +einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel +gegründet hat. + +Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stückes +folgendergestalt zusammen. "Daß, einige Zeit nach der Eroberung von +Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in +Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete +durch das Los zugefallen; daß die Gemahlin dieses Kresphonts Merope +geheißen; daß Kresphont, weil er dem Volke sich allzugünstig erwiesen, +von den Mächtigern des Staats, mitsamt seinen Söhnen, umgebracht worden, +den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bei einem Anverwandten seiner +Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er +erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des väterlichen +Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern +gerächet habe: dieses erzählet Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit +seinen zwei Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus +dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß +dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; daß der dritte +Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher +umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet +Apollodorus. Daß Merope selbst den geflüchteten Sohn unbekannterweise +töten wollen; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener +daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den +Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; daß der nun erkannte Sohn +bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses +meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes führet." + +Es wäre zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere +Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis +wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner +Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn +erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Mörder ihres +Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom +Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stück,[1] wenn er sich +auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope +die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer +befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen +könne. Aristoteles erwähnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des +Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen +"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes +als das Werk dieses Dichters gemeiner haben. + +Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser +weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste +Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des +sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet, +daß, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen +Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstücke so gewöhnte +Volk ganz außerordentlich sei betroffen, gerührt und entzückt worden." +--Hübsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden +Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt +und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine +Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein paar Worte zu +sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben. + +Die Sache verhält sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem +vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich für +Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten, +sagt er, müssen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter +gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tötet, +so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der Tat sonst weiter +einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des +Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt verbunden ist. Und so ist +es auch bei gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen +Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muß den Bruder, +ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter töten oder +töten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise mißhandeln oder +mißhandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und +Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollführt oder nicht +vollführt werden muß, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten, +welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die +erste: wenn die Tat wissentlich, mit völliger Kenntnis der Person, gegen +welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird. +Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird. +Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes, +unternommen und vollzogen wird und der Täter die Person, an der er +sie vollzogen, zu spät kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend +unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein +verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen +vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die +Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anführet: so +haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die +Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung +tragischer Fabeln zu sein erkläre. + +Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel +sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses +beides beieinander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und +gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation +allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, glücklich ab. +Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichter offenbar? + +Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit +gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem +ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den +geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede +dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie +mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne +das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und +welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der +Klytämnestra durch den Orest der Inhalt des Stückes sein sollte, so zeige +sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu +bearbeiten, nämlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der +zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun +überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung +als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht +statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den +Orest geschehen müsse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu gräßlich +sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytämnestra dadurch abermals +gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich +bleibe ihm nichts als die dritte Klasse übrig. + +Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht +bloß in einzeln Fällen, nach Maßgebung der Umstände, sondern überhaupt. +Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bei ihm recht, +nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf +der einen Seite eine Blöße von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf +einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit +hat, anstatt nach jener in diese zu stoßen: so ist es ja doch um die +Untrüglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr +als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die +Übereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn der Dichter allgemein +bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf: +wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem +ersten oder zweiten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der +Klytämnestra müßte eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn +Orestes hat sie wissentlich und vorsätzlich vollzogen: der Dichter aber +kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte +doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die +ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders +einschlagen, als den zweiten? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß +sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein +bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen +stattfinden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem +andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben: +so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloß +erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytämnestra wäre +von dieser letztern Art, und es hätte dem Dichter freigestanden, sie +vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige +Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen, +um eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier +sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so +geschähe es bloß aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den +also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt +eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen +erteilet, sind ja die, welche sich unglücklich schließen? Und das ist ja +eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also +gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr. + + +----Fußnote + +[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann, +weil es bei den alten Dichtern nicht gebräuchlich und auch nicht erlaubt +war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), würde sich an der +angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden, +welches Josua Barnes nicht mitgenommen hätte und ein neuer Herausgeber +des Dichters nutzen könnte. + +----Fußnote + + + + +Achtunddreißigstes Stück +Den 8. September 1767 + +Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge +leistet. Unsern deutschen Übersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1] +hat sie ebensowenig befriediget. Er trägt seine Gründe dagegen vor, die +zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch +sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche +zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht +zu retten sei. "Ich überlasse", schließt er, "einer tiefern Einsicht, +diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklärung +finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß unser Philosoph dieses +Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen Vorsicht durchgedacht habe." + +Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines +offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig. +Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das +größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich +verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal und +glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen +Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem +Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten +können, was ihm diesen Widerspruch gewissermaßen unvermeidlich machen +müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst +würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß +am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeübterm Leser, der ich ihn +zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge +den Faden seiner Gedanken zurück, ponderiere ein jedes Wort und sage mir +immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber daß er hier +etwas behaupten sollte, wovon er auf der nächsten Seite gerade das +Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's +auch. + +Doch ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr +Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich +desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer größern +Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen. + +Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute +Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere +Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist +es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen +und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft +und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung +einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine +Verknüpfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung +ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie +die Güte eines jeden Ganzen auf der Güte seiner einzeln Teile und deren +Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger +vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede für +sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger +entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der +tragischen Handlung statthaben können, unter drei Hauptstücke: des +Glückswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou]; +und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern +versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles +zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches +widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der +Glückswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte +Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo], +unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie +machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schöner und +interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit +und Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine +tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muß jedes +Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein; +denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung +des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht +jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht +erreichen, sie in einem höhern Grade erreichen helfen, andere aber ihr +mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem +Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstücke gebrachten Teile +der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet, +welches der beste Glückswechsel, welches die beste Erkennung, welches die +beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern, +daß derjenige Glückswechsel der beste, das ist der fähigste, Schrecken +und Mitleid zu erwecken und zu befördern, sei, welcher aus dem Bessern in +das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, daß diejenige +Behandlung des Leidens die beste in dem nämlichen Verstande sei, wenn die +Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen, +aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen +soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt. + +Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die +Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der +Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von +diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die +möglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des +andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit +des Ganzen? Wenn der Glückswechsel und das, was Aristoteles unter dem +Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind, +warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen? +Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Teile von entgegengesetzten +Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie +nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sei? +Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die +Erkennung dessen hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche +Tat verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der +Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben, +welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern +mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der +Glückswechsel kann sich mitten in dem Stücke ereignen, und wenn er schon +bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so +ist z.E. der Glückswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des +vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos]) +hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schließet. Gleichfalls +kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und +in dem nämlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so +daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie +in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem +vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist, +erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswechsel mit +der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben +Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat +die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch den ersteren haben +könnte, wenn nämlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche +erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu +schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben +beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht ebensowohl mit dem +Untergange der Mutter, als des Tyrannen schließen? Warum sollte es einem +Dichter nicht freistellen können, um unser Mitleiden gegen eine so +zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit +selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht +erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen, +gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde +eine solche Merope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden +Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem +Kunstrichter so widersprechend findet? + +Ich merke wohl, was das Mißverständnis veranlasset haben kann. Man hat +sich einen Glückswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne +Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne +Glückswechsel denken können. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das +andere sein; nicht zu erwähnen, daß auch nicht beides eben die nämliche +Person treffen muß, und wenn es die nämliche Person trifft, daß eben +nicht beides sich zu der nämlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf +das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne +dieses zu überlegen, hat man nur an solche Fälle und Fabeln gedacht, in +welchen beide Teile entweder zusammenfließen, oder der eine den andern +notwendig ausschließt. Daß es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist +der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten +Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen +seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der +andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich +selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine +Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit sein; jener von +einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er +gesagt, daß jede Fabel diese Teile alle notwendig haben müsse? Genug für +ihn, daß es Fabeln gibt, die sie alle haben können. Wenn eure Fabel aus +der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten +Glückswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so +untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren +würdet, und wählet. Das ist es alles! + + +----Fußnote + +[1] Herrn Curtius, S. 214. + +----Fußnote + + + + +Neununddreißigstes Stück +Den 11. September 1767 + +Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen +haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden +haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern +Falle so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu +erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er +ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muß erst untersucht +werden, wo er das größere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber, +nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er +davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln +Teile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bei dem +Pater Tournemine auch nur ein bloßer Jesuiterkniff, um uns mit guter Art +zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel, von einem so großen +Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstück werden müssen. + +Doch Tournemine und Tournemine--Ich fürchte, meine Leser werden fragen: +"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn +viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen, +weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1]. + +Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire +selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stücke +des Euripides die nämlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß +Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten, +daß die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste +Augenblick der ganzen griechischen Bühne sei. Auch er sagt, daß Aristoteles +diesem coup de théâtre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch +versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripides für das rührendste +von allen Stücken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun +gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus +welchem er die Situation der Merope anführt, nicht einmal den Titel namhaft; +er sagt weder, wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sei; +geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripides +erkläre. + +Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der +Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen +griechischen Bühne sei! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten! +Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen +Bühne! Sollte man hieraus nicht schließen: Aristoteles gehe mit Fleiß +alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch, +vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die +er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten +Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher +den Ausspruch für diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es +nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum +Beispiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel +von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beispiele in der "Iphigenia", +wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter +erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu +vergehen. + +Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und +wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters +gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drei Beispiele +von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter +gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente. +Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht +ausschließt; und obschon in der "Iphigenia" die glückliche Erkennung auf +die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich +sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche +Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der +Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten +von allen tragischen Dichtern verdiente? + +Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich; +ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den +wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" übrig sind, nicht +schließen. Sie enthalten nichts als Sittensprüche und moralische +Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und +werfen nicht das geringste Licht auf die Ökonomie des Stückes.[3] Aus +dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttin des +Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die +Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder +hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schließen, +daß die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei ältern Söhne entweder +einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz +vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des jüngern +Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brüder +zu rächen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die größte Schwierigkeit aber +macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des +jüngern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stück +"Kresphontes" heißen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber +hieß nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, daß +jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der +Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts +sicher zu bleiben. Der Vater muß längst tot sein, wenn sich der Sohn des +väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein +Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin +vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind über diese +Schwierigkeit hinwegzusetzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn +gleichfalls Kresphont geheißen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit? +aus welchem Grunde? + +Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich +Maffei schmeichelte: so können wir den Plan des Kresphontes ziemlich +genau wissen. Er glaubte ihn nämlich bei dem Hyginus, in der +hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er hält +die Fabeln des Hyginus überhaupt größtenteils für nichts, als für die +Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius +gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem +verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich +neue zu erdichten. Der Rat ist nicht übel und zu befolgen. Auch hat ihn +mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er +ihn gegeben. Herr Weiße hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube +geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur +möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinste +Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen. +Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien +zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder +unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragödienschreiber selbst +ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation +gemacht, scheinet selbst die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche +betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter +nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte, +ausdrücklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzählt er +z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach +dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des +Euripides. + + +----Fußnote + +[1] "Lettres familières". + +[2] Aristote, dans sa Poétique immortelle, ne balance pas à dire que la +reconnaissance de Mérope et de son fils était le moment le plus +intéressant de toute la scène Grecque. Il donnait à ce coup de Théâtre la +préférence sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si +sensible, frémissaient de crainte que le vieillard, qui devait arrêter le +bras de Mérope, n'arrivât pas asseztôt. Cette pièce, qu'on jouait de son +temps, et dont il nous reste très peu de fragments, lui paraissait la +plus touchante de toutes les tragédies d'Euripide etc. Lettre à +Mr. Maffei. + +[3] Dasjenige, welches Dacier anführet ("Poétique d'Aristote", Chap. XV. +Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem +Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nützen solle". + +[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poét. d'Arist. Une Mère, qui +va tuer son fils, comme Mérope va tuer Cresphonte etc. + +[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184 +d'Igino, la quale a mio credere altro non è, che l'Argomento di quella +Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa. +Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci già in quell' +Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le più di quelle +Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di ciò col +confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto +in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi è stato +caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal +sentimento. Una miniera è pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse +stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a +lor fantasia: io la scoprirò loro di buona voglia, perchè rendano col +loro ingegno alla nostra età ciò, che dal tempo invidioso le fu rapito. +Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto più di considerazione +quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non è stato +creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle +favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole +costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso +convertendole, le avean ridotte. + +----Fußnote + + + + +Vierzigstes Stück +Den 15. September 1767 + +Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über derhundertundvierund- +Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus +Dem "Kresphont" Desselben Könne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Daß +Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So +Daß, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Könnte, +Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizität Weit Näher Käme, Als +Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzählung Des Hyginus, Die +Ich Oben Nur Verkürzt Angeführt, Ist Nach Allen Ihren Umständen Folgende. + +Kresphontes war König von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope +drei Söhne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem +er, nebst seinen beiden ältesten Söhnen, das Leben verlor. Polyphontes +bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche +während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn, +namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit +bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward +Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen und versprach +also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde. +Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine +Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging +nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, daß er den Telephontes +umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung. +Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu +bewirten, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephontes ward also in das +Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indes kam der alte +Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen +Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, daß +Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne daß man wisse, wo er hingekommen. +Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der +angekommene Fremde rühme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und hätte ihn +im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin +nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der +Freveltat verhindert hätte. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche +Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt. +Polyphontes dünkte sich aller seiner Wünsche gewähret und wollte den +Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber +alle um den Altar versammelt waren, führte Telephontes den Streich, mit +dem er das Opfertier fällen zu wollen sich stellte, auf den König; der +Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen +Reiches.[1] + +Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische +Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren +Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus +genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fußtapfen des +Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Überzeugung +ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer bloßen + +Divination über den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in +seiner "Merope" wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von +verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging +und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin gerührt hatte, +in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte. + +Die Mutter nämlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem +Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den +Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern und mit +Ausschließung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und +tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht +also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die +Umstände von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswärtiger +Erziehung treffen mußte. Merope mußte nicht die Gemahlin des Polyphonts +sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so +frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes +überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und +dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche +nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befreien. Der Sohn mußte +nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines väterlichen Hauses, in aller +Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntnis seines Standes +und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die mütterliche Liebe erkaltet +natürlicherweise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des +Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand +geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er mußte nicht in der +ausdrücklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß +nicht von Meropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er +sich selbst dafür ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von +Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so +ist ihre Verlegenheit bei der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr +rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel +genug. + +Und diesen Veränderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan +ungefähr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fünfzehn Jahre, und +doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das +Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugetan und rechnet +auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu +beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er trägt ihr +seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope +weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch +Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht +verhelfen können. Eben dringt er am schärfsten in sie, als ein Jüngling +vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde +ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Jüngling, hatte nichts getan, +als sein eignes Leben gegen einen Räuber verteidiget; sein Ansehen verrät +so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die +noch außerdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl +mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der +König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten +Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode +ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes +Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält, +heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder +aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der +Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen +wäre? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene +Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu +begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestärket, den man bei dem +Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn Aegisth dem +Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls, +den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen, +wenn er erwachsen, und es Zeit sein würde, ihm seinen Stand zu entdecken. +Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an +eine Säule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstoßen. Der +Jüngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfährt +der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort +sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt +der König dazu, und der Jüngling wird befreiet. So nahe Merope der +Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück, +als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung triumphiert. +Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn +vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in +dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den +Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als +ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und +den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Aegisth erwacht +und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem +vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und würde ihn leicht +durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie +der Alte nicht auch hiervon zurückgehalten hätte. Mit frühem Morgen soll +ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare, +aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat +Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den +Tempel, dränget sich durch das Volk, und--das übrige wie bei dem Hyginus. + + +----Fußnote + +[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzählung genommen, +sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste +Verbindung unter sich haben. Sie fängt an mit dem Schicksale des Pentheus +und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar +nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen +können; es wäre denn, daß sie sich bloß in derjenigen Ausgabe, welche ich +vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befände. Diese +Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat. +Genug, daß hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses +excepit, aus sein muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel, +von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehöret, welches mir das +Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so daß, beides miteinander verbunden, +ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu +der 184. machen wollen, folgendermaßen zusammenlegen wurde. Es versteht +sich, daß in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso +Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnötige Wiederholung, mitsamt dem +darauffolgenden ejus, welches auch so schon überflüssig ist, wegfallen +müßte. Merope. + +[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum +interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem +infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem +in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat, +aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem +aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem. +Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis +interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in +hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem +obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad +Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope +credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum +cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex +cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit, +occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum +Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso +simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum +adeptus est. + +----Fußnote + + + + +Einundvierzigstes Stück +Den 18. September 1767 + +Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen +Theater überhaupt aussahe, desto größer war der Beifall und das +Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde. + + Cedite Romani scriptores, cedite Graii, + Nescio quid majus nascitur Oedipode: + +schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon +gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast +kein anderes Stück gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue +Tragödie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbühnen fanden sich +darüber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in +sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreißig Ausgaben, in und +außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie +ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man +hatte vor, sie mit allen diesen Übersetzungen zugleich drucken zu lassen. +Ins Französische war sie bereits zweimal übersetzt, als der Herr von +Voltaire sich nochmals darübermachen wollte, um sie auch wirklich auf die +französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine +eigentliche Übersetzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in +dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope" +vorsetzte, umständlich angibt. + +Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und +bürgerlich, und der Geschmack des französischen Parterrs viel zu fein, +viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es +wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen der Kunst sehen; +und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze +Schreiben ist mit der äußersten Politesse abgefaßt; Maffei hat nirgends +gefehlt; alle seine Nachlässigkeiten und Mängel werden auf die Rechnung +seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten, +aber leider nur Schönheiten für Italien. Gewiß, man kann nicht höflicher +kritisieren! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird +sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet. +Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß; +und der Franzose will ebenso groß, als liebenswürdig scheinen. + +Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire? +Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei +ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte. +Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist +schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und übrigens so +unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich +Lindelle: wer einen französischen Januskopf sehen will, der vorne auf die +einschmeichelndste Weise lächelt und hinten die hämischsten Grimassen +schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen +geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet +Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht +schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener hätte freimütiger, und +dieser gerechter sein müssen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten +sollte, daß der nämliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden +Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen +vergeben habe. + +Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er +einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug +gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze +Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zärtlichste Interesse +aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm +beliebt, daß die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben +wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände +zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die +Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr +hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über den +Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem +Theater mehr hören will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu +jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine +Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt, +zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der +Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, daß ein +junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Eltern hält und in dem +Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord +verübt, demohngeachtet nicht soll für einen Räuber gehalten werden +dürfen, weil es voraussieht, daß er der Held des Stückes werden müsse, +[2] wenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen +kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee +sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich, +hat in diesen und ähnlichen Fällen unrecht; aber warum muß Voltaire auch +in andern Fällen, wo es gewiß nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als +dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische +Höflichkeit gegen Ausländer darin besteht, daß man ihnen auch in solchen +Stücken recht gibt, wo sie sich schämen müßten, recht zu haben, so weiß +ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanständiger sein +kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffei +seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen, +denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in +den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die +Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist: +dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwätz kann +durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen +kultivierten Völkern entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall +der nämliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern +hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gähnet und +darüber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu +dem Marquis, "in Ihrer Tragödie jene schöne und rührende Vergleichung +des Virgils: + + Qualis populea moerens Philomela sub umbra + Amissos queritur foetus-- + +übersetzen und anbringen dürfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen +wollte, so würde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben +nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen müssen; ich +meine unser Publikum. Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der +Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bei +kritischen Vorfällen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen +Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein König, kein Minister +poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses +Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte +nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein +Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muß +Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen +wollen, weil er nicht Freimütigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus +zu sagen, daß er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen +Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, daß ausführliche +Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem +Trauerspiele finden können, hätte er anmerken sollen, daß jenes +Virgilische von dem Maffei äußerst gemißbrauchet worden. Bei dem Virgil +vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem +Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovon +es das Bild sein soll, triumphieret, und müßte nach der Gesinnung des +Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf +das Ganze noch größern Einfluß habende Fehler scheuet sich Voltaire +nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener überhaupt, als einem einzeln +Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfeinsten +Lebensart, wenn er den Maffei damit tröstet, daß es seine ganze Nation +nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehler seiner Nation +wären; daß aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler wären, +weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und für sich gut oder +schlecht sei, sondern was die Nation dafür wolle gelten lassen. "Wie +hätte ich es wagen dürfen", fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber +auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis +fort, "bloße Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie +getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den +Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugänge zu einem schönen +Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem +Palaste befinden. Wir müssen uns also schon nach dem Geschmacke eines +Volks richten, welches sich an Meisterstücken sattgesehen hat und also +äußerst verwöhnt ist." Was heißt dieses anders, als: "Mein Herr Marquis, +Ihr Stück hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnütze Szenen. Aber +es sei fern von mir, daß ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte! +Behüte der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiß zu leben; ich werde +niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben +Sie diese kalten, langweiligen, unnützen Szenen mit Vorbedacht, mit allem +Fleiße gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich +wünschte, daß ich auch so wohlfeil davonkommen könnte; aber leider ist +meine Nation so weit, so weit, daß ich noch viel weiter sein muß, um +meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr +einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr +übersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen; +denn sonst, + +Desinit in piscem mulier formosa superne: + +aus der Höflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses französische +Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der +Persiflage dummer Stolz. + + +----Fußnote + +[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que +depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela +semblerait trop petit sur notre théâtre. + +[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un héros pour un voleur, +quoique la circonstance où il se trouve autorise cette méprise. + +----Fußnote + + + + +Zweiundvierzigstes Stück +Den 22. September 1767 + +Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire +als Eigentümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an +seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen +Nation überhaupt zur Last zu legen, daß, sage ich, diese, und noch +mehrere, und noch größere, sich in der "Merope" des Maffei befinden. +Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit +vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der berühmtesten +Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen +für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie erfodert wird, wenig oder +nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und +Altertümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das +tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben +und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche +Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als +zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen +Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so +müßte er der außerordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragödie +überhaupt ist ein sehr geringfügiges Ding. Was indes ein Gelehrter von +gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr für eine Erholung als für +eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete +auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als glücklich; +seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder +nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert; +sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Literator und der +Versifikateur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und +der Dichter. + +Als Versifikateur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr +nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemälde, die in +seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten, aber in dem Munde +seiner Personen unerträglich sind und in die lächerlichsten +Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, daß +Aegisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich +beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Verteidigung; daß er +aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet, +alle, selbst die allerkleinsten Phänomena malet, die den Fall eines +schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem +Geräusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie +sich die Flut wieder über ihn zuschließt:[1] das würde man auch nicht +einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche, +verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein +Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er +in seiner Erzählung so kindisch genau sein könnte. + +Als Literator hat er zu viel Achtung für die Simplizität der alten +griechischen Sitten und für das Kostüm bezeugt, mit welchem wir sie bei +dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas, +ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostüme näher gebracht +werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich als +zuträglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schöne Stellen aus +den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer +Art von Werken er sie entlehnt und in was für eine Art von Werken er sie +überträgt. Nestor ist in der Epopee ein gesprächiger freundlicher Alte; +aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ekler +Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen +wollen: so würde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht +haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die +kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes übrig sind, zu nutzen und +seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt hätte, daß +sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen +sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher +pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprüche, womit man +seine Lücken füllet, so sind es andere. + +Demohngeachtet möchten sich wiederum Stellen finden, wo man wünschen +dürfte, daß sich der Literator weniger vergessen hätte. Z.E. Nachdem die +Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal +gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Ismene voller +Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie +jemals auf einer Bühne erdichtet worden!" + + Con così strani avvenimenti uom' forse + Non vide mai favoleggiar le scene. + +Maffei hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine +Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem +Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich würde +diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede +entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Messene zu einer Zeit +brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil +Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten +halten, wie er will; nur verlangt man, daß er sich immer gleichbleibet +und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein +andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß +vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen. +Überhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch +keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles +vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald +sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob +Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater +ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte +"Bühne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns +geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen +Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung +Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht +es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert. + +Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach +seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von +selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist +ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so +viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude +des Harlekins, zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und +Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schließt er, "das Werk des Maffei +enthält einen schönen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stück. Alle Welt +kömmt in Paris darin überein, daß man die Vorstellung desselben nicht +würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen +Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen +Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragödie zu +übersetzen; er konnte leichter einen Übersetzer bezahlen, als sein Stück +verbessern." + +So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch +selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stücken +wider den Maffei recht, und möchte er doch höflich oder grob sein, wenn +er sich begnügte, ihn bloß zu tadeln. Aber er will ihn unter die Füße +treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke. +Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche +Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter +aufschlagen zu können. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer +in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder +treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei +Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum +Teil gefühlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an +Lindellen den Maffei in allen Stücken zu verteidigen, in welchen er sich +zugleich mitverteidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit +sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des +Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire hätte mitteilen +wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei +zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum +die Eigentümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen, +ihm zu zeigen, warum die französische "Merope" ebensowenig in Italien, als +die italienische in Frankreich gefallen könne?-- + + +----Fußnote + +[1] + ------In core + Pero mi venne di lanciar nel fiume + Il morto, o semivivio; e con fatica + (Ch' inutil' era per riuscire, e vana) + L' alzai da terra, e in terra rimaneva + Una pozza di sangue: a mezzo il ponte + Portailo in fretta, di vermiglia striscia + Sempre rigando il suol; quinci cadere + Col capo in giù il lasciai; piombò, e gran tonfo + S' udi nel profondarsi: in alto salse + Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse. + +[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia +d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que' +sentimenti di essa, che son rimasti quà e là ; avendone tradotti cinque +versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e +alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso +Stobeo. + +----Fußnote + + + + +Dreiundvierzigstes Stück +Den 25. September 1767 + +So etwas läßt sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich +selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben könnten. + +Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindelle fast in allen +Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump +gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth, +wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!" +und die Königin werde durch dieses Wort "alter Vater" so gerühret, daß +sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth könne +wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er höhnisch hinzu, "eine sehr +gegründete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, daß +ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", fährt er fort, "hat mit +diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler +verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stückes begangen +hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor +war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen +Polydor hätte die Königin gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Aegisth ihr +Sohn sei; und das Stück wäre ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar +weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit gröberer eingenommen." +Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen +Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die +Rede. Die Königin stutzt bloß bei dem Namen Polydor, der den Aegisth +gewarnet habe, ja keinen Fuß in das messenische Gebiete zu setzen. Sie +gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloß nähere Erklärung, +und ehe sie diese erhalten kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den +Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht +worden, billiget und rühmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen +verspricht, so muß wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen. +Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er +ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß notwendig bei ihr mehr gelten, +als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen +Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer +Rache gezaudert habe: + + Che dubitar? misera, ed io da un nome + Trattener mi lasciai, quasi un tal nome + Altri aver non potesse-- + +und die folgenden Äußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in +der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die +allerzuverlässigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Ist denn das also +nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen, +daß ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal für sehr nötig halte. +Laßt es den Aegisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor heiße! Ob es +sein Vater oder sein Freund war, der so hieße und ihn vor Messene warnte, +das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Merope, ohne alle Widerrede, +das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da +sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das, +was sie aus der bloßen Übereinstimmung eines Namens schließen könnte. +Freilich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei +der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung +gründe, so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat +sie allen Grund, zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß sein.--Es +versteht sich, daß ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum +nicht für schön ausgebe; der Poet hätte unstreitig seine Anlage viel +feiner machen können. Sondern ich will nur sagen, daß auch so, wie er sie +gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und +daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Merope in ihrem +Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen +Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also +beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zweitenmale +ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden kömmt, sondern dieses, +daß sie zum zweitenmale durch einen glücklichen ungefähren Zufall daran +verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch +nicht eigentlich nach den Gründen der größern Wahrscheinlichkeit sich +bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den +Gründen der schwächern das Übergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm +nicht verzeihen, daß er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und +mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den +gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall einmal der Mutter +einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel +lieber glauben, je mehr uns die Überraschung gefällt. Aber daß er zum +zweiten Male die nämliche Übereilung auf die nämliche Weise verhindern +werde, das sieht dem Zufalle nicht ähnlich; ebendieselbe Überraschung +wiederholt, hört auf, Überraschung zu sein; ihre Einförmigkeit +beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar ebenso +abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiß, als +der Zufall. + +Von den augenscheinlichen und vorsätzlichen Verfälschungen des Lindelle +will ich nur zwei anführen.--"Der vierte Akt", sagt er, "fängt mit einer +kalten und unnötigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der +Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie, +dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu +begeben, damit, wenn er eingeschlafen wäre, ihn die Königin mit aller +Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft auch wirklich ein, so wie er +es versprochen hat. O schön! und die Königin kömmt zum zweiten Male, +mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der +ausdrücklich deswegen schläft. Diese nämliche Situation, zweimal +wiederholt verrät die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des +jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt nichts lächerlicher +sein kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem +Schlafe beredet? Das lügt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an +und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königin so +ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles +sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt woanders hin; er solle +einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein. +Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königin in die Hände +zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und +Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schläft, nicht seinem +Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist, weil es Nacht ist, +weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können als +hier.[2]--Die zweite Lüge des Lindelle ist von eben dem Schlage. +"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres +Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er dafür verlange; +und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjüngen." Bittet sie, ihn zu +verjüngen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist +dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was +könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts. +Eines möchte ich mir wünschen, aber das stehet weder in deiner; noch in +irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner +Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert würde usw."[3] Heißt das: +Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Stärke und Jugend wieder? Ich +will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungemächlichkeiten +des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen +in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit +Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten +Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den +Mund legte, die Lindelle ihnen anlügt?--Anlügt! Lügen! Verdienen solche +Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle +wichtig genug war, darum zu lügen, soll das einem dritten nicht wichtig +genug sein, ihm zu sagen, daß er gelogen hat?-- + + +----Fußnote + +[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle +sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais +comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand +il sera endormi, la reine puisse le tuer tout à son aise, sondern auch +der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Mérope engage le jeune +Egiste à dormir sur la scène, afin de donner le temps à la reine de venir +l'y assassiner. Was aus dieser Übereinstimmung zu schließen ist, brauche +ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst +überein; und wenn zwei Lügner miteinander übereinstimmen, so ist es gewiß +abgeredete Karte. + +[2] + Egi. Mà di tanto furor, di tanto affanno + Qual' ebbe mai cagion?-- + Ism. Il tutto + Scoprirti io non ricuso; mà egli è d'uopo + Che qui t'arresti per brev' ora: urgente + Cura or mi chiama altrove. + Egi. Io volontieri + T'attendo quanto vuoi. Ism. Mà non partire + E non far sì, ch' io quà ritorni indarno. + Egi. Mia fè dò in pegno; e dove gir dovrei?-- + + + [3] + Mer. Ma quale, ô mio fedel, qual potrò io + Darti già mai mercè, che i merti agguagli? + Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora + M'è, il vederti contenta, ampia mercede. + Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro + Sol mi saria ciò, ch' altri dar non puote; + Che scemato mi fosse il grave incarco + De gli anni, che mi stà su'l capo, e à terra + Il curva, e prime sì, che parmi un monte.-- + +----Fußnote + + + + +Vierundvierzigstes Stück +Den 29. September 1767 + +Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den +Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war. + +Ich übergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fühlte, +daß der Wurf auf ihn zurückpralle.--Lindelle hatte gesagt, daß es sehr +schwache und unedle Merkmale wären, aus welchen Merope bei Maffei +schließe, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet: +"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel +künstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, daß ihr +Sohn der Mörder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu +bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem königlichen Ringe, über +den Boileau in seinen Satiren spottet, würde das auf unserm Theater sehr +klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt +des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn, +auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn +er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe und sich mit der +alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich +nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah +es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine +Rüstung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die +Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche +Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen, +an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder +erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freilich mitnehmen; und +der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, daß er unter den +blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht +hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth +schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die +Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte. +--Zweitens hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei aufgehalten, +der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische +das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch +ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus +Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des +Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr +gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, beträchtlich +ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande +eben hat Maffei den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese +Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?-- + +Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf +sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler +seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar +nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, daß er nicht der +Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde! + +Lindelle wirft dem Maffei vor, daß er seine Szenen oft nicht verbinde, +daß er das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache +auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch +dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses? +Doch das ist die Sprache der französischen Kunstrichter überhaupt; die +muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen +will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein mögen; wollen +wir es Lindellen auf sein Wort glauben, daß sie bei den Dichtern seines +Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten +Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln +eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnet, +sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene +Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen, +als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln +der Kunst so leicht, so weit zu machen, daß er alle Freiheit behält, sich +zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer +und macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied +von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Überwindung, +ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es +bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast +aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem +die Bewunderer des französischen Theaters das lauteste Geschrei erheben: +so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit +einstimme. + +1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich +anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den +Grundsätzen und Beispielen der Alten, ein Hédelin verlangen zu können +glaubte. Die Szene muß kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des +Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu +übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder +eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch +schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein +ausdrückliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und +wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei. +Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so +mußte er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das +muß Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, daß eigentlich +die Szene bald in dem Zimmer der Königin, bald in dem oder jenem Saale, +bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht +muß gedacht werden. Nur hätte er bei diesen Abwechselungen auch die +Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie müssen nicht +in dem nämlichen Akte, am wenigsten in der nämlichen Szene angebracht +werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen +Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abändern oder auch +nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der +Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter +einem Säulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das +Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Königin den Aegisth mit +eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen, +als daß, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth +wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschließen muß? Wie schließt er +sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen +Vorhang das, was Hédelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt +hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache +erwägt, warum Aegisth so plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so +augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach +reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die +ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der +siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um +einen toten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches +Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen, +die Türen dieses Tempels öffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal +mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in +denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Königlichen +Majestät Schloßkapelle, die gerade an den Saal stieß und mit ihm +Kommunikation hatte, damit Allerhöchstdieselben jederzeit trocknes Fußes +zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses +Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen; +wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und +ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat +schon vollbracht haben soll. + + +----Fußnote + +[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit +zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des dänischen +Theaters, "beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes +rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich +damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau +beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der +Szenen nicht verändert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum +die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht +vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine +Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz +vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller +Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne +daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird; +kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten +kommen, um auf die Schaubühne zu treten: so würde der Verfasser des +Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist +ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu +setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden, +es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche +der Engländer die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern +verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgeführet hätte, als daß +er seinem Helden die Mühe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen +Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat." + +[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les +Acteurs paraissent ei disparaissent selon la nécessité du Sujet--ces +rideaux ne sont bons qu'à faire des couvertures pour berner ceux qui les +ont inventés, et ceux qui les approuvent. Pratique du Théâtre. Liv. +II. chap. 6. + +----Fußnote + + + + +Fünfundvierzigstes Stück +Den 2. Oktober 1767 + +2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit +der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner +"Merope" vorgehen läßt, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel +Ungereimtheiten man sich dabei denken muß. Man nehme immer einen +völligen, natürlichen Tag; man gebe ihm immer die dreißig Stunden, auf +die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar +keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem +Zeitraume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es +ist freilich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein +Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man +es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht, +verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die +allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen? +Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch +soll uns, was bloß physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich +werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der +abwesende Aegisth können allein dabei in Betrachtung kommen; um die +Ansprüche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben +heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr +den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und fällt für ihn +aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Aegisth möge +nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwählte König könne es vors +erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und +bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben +des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben +des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat, +und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik. +Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so +zu mißhandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht +König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den +Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König und ist es geworden, ohne +sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag, +und vielleicht gibt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu +vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn +als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu +nötig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen? +Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden? +Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie +nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in +seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich für +verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer +funfzehn Jahr sonst so bedächtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun +selbst in die Hände liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne +alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer +ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß geheiratet +sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bei der +alten Königin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man +sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es +einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen könne, +wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also +dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer +wirklichen Eräugung ungefähr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als +auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und daß diese Zeit mit der, welche +auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen +Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet? +Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was +er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber +kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der +physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu +kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die +Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit +involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil diese +Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stücke +von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als +einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche +den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht +alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es +an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu +welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die +physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der +moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese +jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil +und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf.--Maffei nimmt doch +wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermählung, die Polyphont +der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch +ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget; +die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie +übereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem +Könige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil +er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt. + +3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde öfters die Szenen nicht, und das +Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten +Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist +eine große Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit +der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie +ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich +ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragödie bei den Franzosen +seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was +dieser bloß für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher +Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der +Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen +Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden +ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwürdig sein, als +Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler +bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire +aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es +bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königin +kömmt, und die Königin mit der dritten Szene abgeht, mit was für Recht +kann Polyphont in dem Zimmer der Königin verweilen? Ist dieses Zimmer der +Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das +Bedürfnis des Dichters verrät sich in der vierten Szene gar zu deutlich, +in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen müssen, nur daß +wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet hätten. + +4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar +nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch +schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt, +man muß auch aus der Verbindung einsehen, daß sie darum kommen müssen. +Es ist nicht genug, daß sie sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem +Folgenden sehen, daß sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist +das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Vorwand +und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten +Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königin zu versammeln, so +müßte man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch +hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist +sein Vorgeben ein schülerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten +besten Lügen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu tun, +was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht +wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern erteilen zu +lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer +Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, daß der +Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles +bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt +ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse +hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, und nicht etwa +seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königin nicht in den Tempel gefolgt +ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern +wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über +die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun +schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte. +Polyphont zitiert die Königin nochmals nach dem Tempel, Merope +selbst schreiet, + + Courons tous vers le temple où m'attend mon outrage; + +und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie, + + Vous venez à l'autel entraîner la victime. + +Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel +sein, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut +Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch +einmal wieder, und schickt auch die Königin noch einmal wieder. +Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten +und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen +sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der +dritte und vierte Akt schließen bloß, damit der vierte und fünfte wieder +anfangen können. + + + + +Sechsundvierzigstes Stück +Den 6. Oktober 1767 + +Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich +beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten +verstanden zu haben. + +Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die +Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus +jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene +notwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu +gekommen wäre. Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen +haben mußten und diese Menge immer die nämliche blieb, welche sich weder +weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben +wegbleiben konnte, als man gewöhnlichermaßen der bloßen Neugierde wegen +zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen +und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und +ebendenselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich +denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, daß +sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren. +Denn sie ließen sich diesen Zwang einen Anlaß sein, die Handlung selbst +so zu simplifizieren, alles Überflüssige so sorgfältig von ihr abzusondern, +daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein +Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am +glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit +und des Ortes verlangte. + +Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen +Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stücke +schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplizität kennenlernten, +betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener +Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung +unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und +verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur +immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch gänzlich +entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmöglich öfters +dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren +völligen Gehorsam aufzukündigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen. +Anstatt eines einzigen Ortes führten sie einen unbestimmten Ort ein, +unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden könne; genug, wenn +diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlägen und keiner +eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nämliche Verzierung +ungefähr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der +Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine +gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne +hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal +zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin +ereignen, ließen sie für einen Tag gelten. + +Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich +auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre +das Brett, wo es am dünnsten ist.--Aber ich muß meinen Nachbar nur auch +da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den +astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da +pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die französischen +Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der +Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit, +die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei +diesen Elementen länger aufzuhalten. + +Möchten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und +an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die +Schönheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen! + +Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren +nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei öfters spricht +und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, über die +heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund +legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; das Volk +in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften und weibisch machen +können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der +Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen +unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen? +So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch +keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und +wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber +mitunter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von +dieser Art über die Zunge bringt. Z.E. + + --Des Dieux quelquefois la longue patience + Fait sur nous à pas lents descendre la vengeance-- + +Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie +nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu +neuen Verbrechen aufmuntert: + + Eh bien, encor ce crime!-- + +Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich +schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso +verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von +Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bei dem Opfer +gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwören? In +den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter? +Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er +hat sich für seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth +verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit +eins zu entscheiden; und diesen tollkühnen Aegisth läßt er sich an dem +Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwert +werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen +Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und hält ihn +für seinen Freund. Warum hätte Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht +nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war +geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen +einkommen konnte, den ersten zu rächen. + +"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfährt, daß ihr Sohn +ermordet sei, will dem Mörder das Herz aus dem Leibe reißen und es mit +ihren Zähnen zerfleischen.[3] Das heißt, sich wie eine Kannibalin und +nicht wie eine betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall +beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französische Merope +delikater ist, als daß sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz, +beißen sollte: so dünkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut +Kannibalin, als die italienische.-- + + +----Fußnote + +[1] Atto III. Sc. I. + + ----Quando + Saran da poi sopiti alquanto, e queti + Gli animi, l'arte del regnar mi giovi. + Per mute oblique vie n'andranno a Stige + L'alme più audaci, e generose. A i vizi + I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie + Il freno allargherò. Lunga clemenza + Con pompa di pietà farò, che splenda + Su i delinquenti; a i gran delitti invito, + Onde restino i buoni esposti, e paghi + Renda gl' iniqui la licenza; ed onde + Poi fra se distruggendosi, in crudeli + Gare private il lor furor si stempri. + Udrai sovente risonar gli editti. + E raddopiar le leggi, che al sovrano + Giovan servate, e transgredite. Udrai + Correr minaccia ognor di guerra esterna; + Ond' io n'andrò su l'atterrita plebe + Sempre crescendo i pesi, e peregrine + Milizie introdurrò.-- + +[2] + Si ce fils, tant pleuré, dans Messène est produit, + De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit. + Crois-moi, ces préjugés de sang et de naissance + Revivront dans les coeurs, y prendront sa défense. + Le souvenir du père, et cent rois pour aïeux, + Cet honneur prétendu d'être issu de nos Dieux; + Les cris, le désespoir d'une mère éplorée. + Détruiront ma puissance encor mal assurée. + +[3] + Quel scelerato in mio poter vorrei + Per trarne prima, s'ebbe parte in questo + Assassinio il tiranno; io voglio poi + Con una scure spalancargli il petto, + Voglio strappargli il cor, vogho co' denti + Lacerarlo, e sbranarlo-- + +----Fußnote + + + + +Siebenundvierzigstes Stück +Den 9. Oktober 1767 + +Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, daß man den Menschen mehr nach +seinen Taten, als nach seinen Reden richten muß; daß ein rasches Wort, in +der Hitze der Leidenschaft ausgestoßen, für seinen moralischen Charakter +wenig, eine überlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich +wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewißheit, in welcher sie von +dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer überläßt, die immer +das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie unglücklich ihr +abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid über alle Unglückliche +erstrecket: ist das schöne Ideal einer Mutter. Merope, die in dem +Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit +erfährt, von ihrem Schmerze betäubt dahinsinkt, und plötzlich, sobald sie +den Mörder in ihrer Gewalt höret, wieder aufspringt und tobet und wütet +und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und +wirklich vollziehen würde, wenn er sich eben unter ihren Händen befände: +ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in +welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schönheit und +Rührung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt, +Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die +Henkerin sein, nicht töten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre +Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich +wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken; +eine Mutter, wie es jede Bärin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle +wem da will; mir sage er es nur nicht, daß sie ihm gefällt, wenn ich ihn +nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll. + +Vielleicht dürfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des +Stoffes machen; vielleicht dürfte er sagen, Merope müsse ja wohl den +Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de théâtre, +den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser +ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde +sich wiederum irren und die willkürlichen Abweichungen des Maffei +abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß +Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert +nicht, daß sie es mit aller Überlegung tun muß. Und so scheinet sie es +auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel +des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kömmt +und sagt der Königin weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte +sie gehört, daß ein Fremder angelangt sei, der sich rühme, ihn umgebracht +zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie +ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller +Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung +geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war +sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienser +zitterten für den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu dürfen. Sie +zitterten für Meropen selbst, die durch die gutartigste Übereilung Gefahr +lief, die Mörderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber +machen mich bloß für den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so +ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den +Streich. Möchte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen, +so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie +so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache +in der ersten Hitze mit dem Mörder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie +ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und +verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze +zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz +zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der +Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Rüstung bei ihm +findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Sohnes, an +dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen, +Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich müßte +mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgepfiffen worden. + +Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die +veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des +Stoffes ist, habe ich schon berührt. Denn nach der Fabel des Hyginus +hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts +geheiratet; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripides diesen +Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe, +mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren +bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] hätten sie auch vor +funfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Denkungsart der +alten griechischen Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer +Männer überwanden und sie zu ihren zweiten Männern annahmen, wenn sie +sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen könne. +Ich erinnere mich etwas Ähnliches in dem griechischen Roman des +Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine +Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf +eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle +verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand. +Genug, daß das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt, +hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner "Merope" zu rechtfertigen, +wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten +Szenen einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; und ich sehe +mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch +weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter hätten werden +können. + +Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei +gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es einen +bessern geben könne, daß dieser bessere eben der sei, der schon vor +Alters befahren worden, so begnügte er sich, auf jenem ein paar +Sandsteine aus dem Gleise zu räumen, über die er meinet, daß sein +Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von +ihm beibehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von +ungefähr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige +Merkmale in den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sei? +Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdrücklichen +Vorsatze, sich zu rächen, nach Messene und gab sich selbst für den Mörder +des Aegisth aus: nur daß er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei +aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an der +es ihm der Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar +oben dem Maffei einige Gründe zu allen den Veränderungen, die er mit dem +Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich +bin weit entfernt, die Gründe für wichtig und die Veränderungen für +glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den +er aus den Fußtapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden. +Daß sich Aegisth nicht kennet, daß er von ungefähr nach Messene kommt und +per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrückt) für den Mörder des +Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr +verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwächt auch +das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wußte es der Zuschauer von dem +Aegisth selbst, daß er Aegisth sei, und je gewisser er es wußte, daß +Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte notwendig +das Schrecken sein, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid, +welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter +Zeit verhindert würde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir +es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein +könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick +versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhöret. Das Schlimmste dabei +ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den +Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gründe sind, aus welchen es +Merope selbst vermuten sollte, und daß wir ihn, besonders bei Voltairen, +nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuverlässiger kennen, als +sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gründen entweder +ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen +wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen +Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr +rühren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, daß sie nicht +besser darauf merket und sich von weit seichtern Gründen hinreißen läßt. +Beides aber taugt nicht. + + +----Fußnote + +[1] Acte II. Sc. 1. + + --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas. + L'exil où son enfance a langui condamnée + Lui serait moins affreux que ce lâche hyménée. + Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang, + Il n'en croyait ici que les droits de son sang; + Mais si par les malheurs son âme était instruite, + Sur ses vrais intérêts s'il réglait sa conduite, + De ses tristes amis s'il consultait la voix, + Et la nécessité souveraine des loix, + Il verrait que jamais sa malheureuse mère + Ne lui donna d'amour une marque plus chère. + Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures vérités + Que m'arrachent mon zèle et vos calamités. + Mer. Quoi! Vous me demandez que l'intérêt surmonte + Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte! + Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs! + Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs; + Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui résiste; + Il est sans héritier, et vous aimez Egiste.--. + +----Fußnote + + + + +Achtundvierzigstes Stück +Den 13. Oktober 1767 + +Es ist wahr, unsere Überraschung ist größer, wenn wir es nicht eher mit +völliger Gewißheit erfahren, daß Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope +selbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen einer Überraschung! Und was +braucht der Dichter uns zu überraschen? Er überrasche seine Personen, +soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn +wir, was sie ganz unvermutet treffen muß, auch noch so lange +vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und stärker +sein, je länger und zuverlässiger wir es vorausgesehen haben. + +Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunstrichter für +mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stücken", sagt Diderot,[1] +"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den +einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des +Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen? +Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen +man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben +muß. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es +wissen; für diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne daß +sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in +Bewegung, so werden wir Zuschauer den nämlichen Bewegungen schon auch +nachgeben, sie schon auch empfinden müssen.--Weit gefehlt, daß ich mit +den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben, +glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen. +Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich +mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten +Szene verraten würde und aus diesem Umstande selbst das allerstärkeste +Interesse entspränge.--Für den Zuschauer muß alles klar sein. Er ist der +Vertraute einer jeden Person; er weiß alles, was vorgeht, alles was +vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers +tun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll. +--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst, +und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht +hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, sooft es ihm +beliebt!--Meine Gedanken mögen so paradox scheinen, als sie wollen: +soviel weiß ich gewiß, daß für eine Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem +Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich +ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das +Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis +eine kurze Überraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns +stürzen können, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht hätte!--Wer in +einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch +nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn +ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewitter über +meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darüber +verweilet?--Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen; +wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten, +daß der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein +undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu +ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte +entübrigen können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer +werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu +dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang +von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine +kurze Überraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die +Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle +der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so +große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person +vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder +Hoffnung erfüllet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann +sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker interessieren, als die +Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn +er Licht genug hat und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders sein +würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum +erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie +wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann." + +Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, für welchen von beiden +Planen sich Diderot erklären würde: ob für den alten des Euripides, wo +die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er +sich selbst; oder für den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings +angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Rätsel ist und dadurch +das ganze Stück "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht, +die weiter nichts als eine kurze Überraschung hervorbringen. + +Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken über die +Entbehrlichkeit und Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und +plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für +ebenso neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer +Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie +abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger +nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört +weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was +ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilektion für dieses Gegenteil +hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch +den besten Stücken der Alten abgesehen hatten. + +Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiß, daß er fast +immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen +wollte. Ja, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die +Verteidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so +sehr mißfallen. "Nicht genug", sagt Hédelin, "daß er meistenteils alles, +was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen +Hauptpersonen den Zuhörern geradezu erzählen läßt, um ihnen auf diese +Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters +einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und +durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch +geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die +Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von +weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der +Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen +sollen, gänzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stückes +vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Überraschung +beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte +so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit +höhern Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergötzung einer kindischen +Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine +Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel +wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich +die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich +müßte den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstößig sein, als +nur dieses, daß er uns die nötige Kenntnis des Vergangnen und des +Zukünftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht; +daß er ein höheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen +Anteil nimmt, dazu gebrauchet und daß er dieses höhere Wesen sich +geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung +mit der erzählenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann +bloß hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das +Nützliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns +verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der +Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn +das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, daß wir sie +durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht? +Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? In den +Lehrbüchern sondre man sie so genau voneinander ab, als möglich: aber +wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und +ebendemselben Werke zusammenfließen läßt, so vergesse man das Lehrbuch +und untersuche bloß, ob es diese höhere Absichten erreicht hat. Was geht +mich es an, ob so ein Stück des Euripides weder ganz Erzählung, noch ganz +Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser +Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten +eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heißen. Weil der Maulesel +weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten +lasttragenden Tieren?-- + + +----Fußnote + +[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die +Übers. + +[2] "Prâtique du Théâtre", Liv. III. chap. 1. + +----Fußnote + + + + +Neunundvierzigstes Stück +Den 16. Oktober 1767 + +Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu +sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus +beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die +dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese +in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der +im Grunde ebenso regelmäßig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es +nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stücken eine +Schönheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben. + +Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel +Ärgernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen +verständlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs, +vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der +Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind +beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr +weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht +alles den nämlichen Gang, den nämlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß +die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner sein würden, wenn wir +aus den Prologen nicht wüßten, daß der Ion, welchen Kreusa will vergiften +lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; daß die Kreusa, welche Ion von dem +Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Ion ist; +wenn wir nicht wüßten, daß an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum +Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten +einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die trefflichsten +Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu +vorbereitet genug sein: ohne daß ihr sagen könntet, sie brächen auf +einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten +nicht, sondern sie entständen; man wolle euch nicht auf einmal etwas +entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem +Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm +doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu +machen ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der +Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat. +Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heißt sehr +viel annehmen--daß Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel +Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel +mehr, wie er bei dieser großen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke, +dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her und +betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es +so gut, als wir, daß z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen könne; daß +er, ohne denselben, ein Stück sei, welches die Ungewißheit und Erwartung +des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit +und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst +in dem fünften Akte, daß Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es für ihn +nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten +Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des +Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte rächen will, sondern bloß +die Meuchelmörderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid +herkommen? Die bloße Vermutung, die sich etwa aus übereintreffenden +Umständen hätte ziehen lassen, daß Ion und Kreusa einander wohl näher +angehen könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen +sein. Diese Vermutung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer +diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war, +daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben +konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie ihm auf die +einzige mögliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise, +was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine +Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie sein soll; und wenn ihr noch +unwillig seid, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge +euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stücken, wo das Wesen der Form +aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads +"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem +alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin +ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und +ich werde euch nie beneiden! + +Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen +Dichtern nennet, so sahe er nicht bloß darauf, daß die meisten seiner +Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele +den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststück wäre ihm ja wohl bald +abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden und keine von +seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen ließe, würde +sich ebenso tragisch dünken dürfen, als Euripides. Aristoteles hatte +unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen +Charakter erteilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu +gehörte, vermöge der er nämlich den Zuschauern alle das Unglück, welches +seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer +auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese +Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen. +--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher +dürfte der Meinung sein, daß der Dichter dieser Freundschaft des +Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schönen +Sittensprüchen, den er so verschwendrisch in seinen Stücken ausstreuet. +Ich denke, daß er ihr weit mehr schuldig war; er hätte, ohne sie, ebenso +spruchreich sein können; aber vielleicht würde er, ohne sie, nicht so +tragisch geworden sein. Schöne Sentenzen und Moralen sind überhaupt +gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten +hören; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den +Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein; +in allen die ebensten und kürzesten Wege der Natur ausforschen und lieben; +jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem +Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was +ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so +einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!-- + +Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, daß es gut sein würde, wenn +er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns +mit der Überzeugung, daß der liebenswürdige unglückliche Jüngling, den +Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Mörder ihres +Aegisth hinrichten will, der nämliche Aegisth sei, sofort könne aussetzen +lassen. Aber der Jüngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand +da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn könnten kennen lernen. +Was tut also der Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen, +Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte +Narbas zuruft?--Oh, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen +Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er läßt, sobald der +unbekannte Jüngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen, +schönen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth" +setzen; und so weiter über jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir +es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei +diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan hätte, so dürften +wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht +es lang und breit! Freilich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person, +über deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben, +auf die Frage: + + --Narbas vous est connu? + Le nom d'Egiste au moins jusqu'à vous est venu? + Quel était votre état, votre rang, votre père? + +antwortet: + + Mon père est un vieillard accablé de misère; + Policlète est son nom; mais Egiste, Narbas, + Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas. + +Freilich ist es sehr sonderbar, daß wir von diesem Aegisth, der nicht +Aegisth heißt, auch keinen andern Namen hören; daß, da er der Königin +antwortet, sein Vater heiße Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heiße +so und so. Denn einen Namen muß er doch haben; und den hätte der Herr von +Voltaire ja wohl schon mit erfinden können, da er so viel erfunden hat! +Leser, die den Rummel einer Tragödie nicht recht gut verstehen, können +leicht darüber irre werden. Sie lesen, daß hier ein Bursche gebracht +wird, der auf der Landstraße einen Mord begangen hat; dieser Bursche, +sehen sie, heißt Aegisth, aber er sagt, er heiße nicht so, und sagt doch +auch nicht, wie er heiße: oh, mit dem Burschen, schließen sie, ist es +nicht richtig; das ist ein abgefeimter Straßenräuber, so jung er ist, so +unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken +in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, daß es für die erfahrnen +Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte +Jüngling ist, als gar nicht. Nur daß man mir nicht sage, daß diese Art sie +davon zu unterrichten, im geringsten künstlicher und feiner sei, als ein +Prolog im Geschmacke des Euripides!-- + + + + +Funfzigstes Stück +Den 20. Oktober 1767 + +Bei dem Maffei hat der Jüngling seine zwei Namen, wie es sich gehört; +Aegisth heißt er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn +der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur +unter jenem eingeführt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stücks +als kein geringes Verdienst an, daß dieses Verzeichnis den wahren Stand +des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den +Überraschungen noch größere Liebhaber, als die Franzosen.-- + +Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an +diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei +und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung +nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine +lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beiläufiger +Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie +die doch wohl sein müssen, die sich mit Komödienschreiben abgeben; +anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von +Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser +artigen Sächelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte, +trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen +über das, was in einer Tragödie sein sollte und nicht sein sollte; +mitunter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen? +Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angeführt!--Doch im +Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr sein, +wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre +Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie +vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur +besser vertragen wollten. + +Über die "Merope" indes muß ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich +wollte eigentlich nur erweisen, daß die "Merope" des Voltaire im Grunde +nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich +erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern +ebendieselbe Verwicklung und Auflösung machen, daß zwei oder mehrere +Stücke für ebendieselben Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire +mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit +ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier für weiter nichts, +als für den Übersetzer und Nachahmer desselben zu erklären. Maffei hat +die "Merope" des Euripides nicht bloß wieder hergestellet; er hat eine +eigene "Merope" gemacht: denn er ging völlig von dem Plane des Euripides +ab; und in dem Vorsatze, ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem +das ganze Interesse bloß aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe, +schuf er die ganze Fabel um; gut oder übel, das ist hier die Frage nicht; +genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze +so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, daß Merope mit dem Polyphont +nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus +welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermählung +dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Merope +sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von +seinem vermeintlichen Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall, +der den Aegisth als einen Mörder nach Messene bringt; er entlehnte von +ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten +wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe, +wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den +Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Händen +sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte, +Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht +auch die ganze Auflösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei +welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung +verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und +vielleicht, daß er, bloß darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die +Verbindung mit Meropen fallen ließ, um dieses Opfer desto natürlicher +anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach. + +Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom +Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt daß, beim Maffei, +Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhen in +Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der +unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beim Maffei, +Aegisth von einem Räuber auf der Straße angefallen wird, läßt er ihn in +einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten überfallen werden, die es +ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Herakliden, den Gott des +Tempels für die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt daß beim Maffei +Aegisth durch einen Ring in Verdacht gerät, läßt Voltaire diesen Verdacht +durch eine Rüstung entstehen usw. Aber alle diese Veränderungen betreffen +die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind +und auf die Ökonomie des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch +wollte ich sie Voltairen noch gern als Äußerungen seines schöpferischen +Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen +vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will +mich an dem mitte1sten von den angeführten Beispielen erklären. Maffei +läßt seinen Aegisth von einem Räuber angefallen werden, der den +Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern +einer Brücke über die Pamise; Aegisth erlegt den Räuber und wirft den +Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden +würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein +Räuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den +Beutel nehmen will, ist für mein feines, edles Parterr ein viel zu +niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht, +der dem Aegisth als einem Anhänger der Herakliden zu Leibe will. Und +warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto +größer, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem +ältrern gemacht wird, kann hernach für den Narbas genommen werden. Recht +gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen +von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er trägt den +toten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der +leeren Landstraße in den nahen Fluß; das ist ganz begreiflich: aber aus +dem Tempel in den Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in +diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch +nicht. Das Wie ließe sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis +Aegisth trägt den Körper in den Fluß, weil er sonst verfolgt und erkannt +zu werden fürchtet; weil er glaubt, wenn der Körper beiseite geschafft +sei, daß sodann nichts seine Tat verraten könne; daß diese sodann, +mitsamt dem Körper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens +Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite hätte nicht entkommen +müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben davongetragen zu haben? +Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten +beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn +andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was +hilft es dem Mörder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier +ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hätte er +sparen und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu +kommen. Freilich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser +geworfen werden; es war Voltairen ebenso nötig als dem Maffei, daß Merope +nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden +konnte; nur daß, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er +bei jenem bloß dem Dichter zu Gefallen tun muß. Denn Voltaire korrigierte +die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache +brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Bedürfnis abhängt. + +Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht +hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nämlich, durch welche er +den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Mörder ihres +Sohnes zu rächen, unterdrückt und dafür die Erkennung von seiten des +Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich +den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz +vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der +vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das +Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte geteilet werden können. Denn daß +Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggeführet wird und die Vertiefung +sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht +ein Haar besser, als die übereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem +Maffei rettet, und über die Voltaire seinen Lindelle so spotten läßt. +Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natürlicher; wenn der Dichter +nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht +gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen +gegeneinander vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire die Erkennung +überhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht hätte dehnen +müssen, um fünf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal +über cette longue carrière de cinq actes qui est prodigieusement +difficile à remplir sans épisodes--Und nun für diesesmal genug von +der "Merope"! + + +----Fußnote + +[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si è levato quell' errore, comunissimo +alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per +conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi +messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto. + +----Fußnote + + + + +Einundfunfzigstes Stück +Den 23. Oktober 1767 + +Den neununddreißigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der +verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1] + +Chevrier sagt,[2] daß Destouches sein Stück aus einem Lustspiele des +Campistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen "Jaloux +désabusé" geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten +Philosophen" haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig +bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgendeinem deutschen Theater wäre +gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte +also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem +Vorgeben des Chevrier sei. + +Die Fabel des Campistronschen Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das +ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und um dieses nicht +herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber +die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um +ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf +alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschiedne junge +Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich +um ihre Schwägerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt; +der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den +vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die +Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner +Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann +sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem +Ungrunde seiner Eifersucht überzeugt wird. + +Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen" +Ähnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus +dem zweiten Akte des Campistronschen Stücks, zwischen Dorante, so heißt +der Eifersüchtige, und Dubois, seinem Sekretär. Diese wird gleich zeigen, +was Chevrier gemeiner hat. + +"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn? + +Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige +Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat +mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird, +mich zu martern, zu peinigen-- + +Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker? + +Dorante. Meine Frau. + +Dubois. Ihre Frau, mein Herr? + +Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur +Verzweiflung. + +Dubois. Hassen Sie sie denn? + +Dorante. Wollte Gott! So wäre ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und +liebe sie so sehr--Verwünschte Qual! + +Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig? + +Dorante. Bis zur Raserei. + +Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von +jeher über alles, was Eifersucht heißt,-- + +Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran! +Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinreißen zu +lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich über die +Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und +ich stimmte nicht bloß ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton. +Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was für albernes Zeug habe ich nicht +gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfui, wie schmeckt das +nach dem kleinstädtischen Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht +allen Willen läßt, ist ein Bär! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch +andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins Tollhaus. So sprach +ich, und mich hätte man da sollen ins Tollhaus schicken.-- + +Dubois. Aber warum sprachen Sie so? + +Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es ließe +noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie +verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Mädchen +vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben; +die soll in meiner Denkungsart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt +nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen +sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich +schöner, täglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte +je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie-- + +Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden! + +Dorante. Denn ich bin so eifersüchtig!--Daß ich mich schäme, es auch +nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und +verdächtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe +ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause +zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmeicheleien, +die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere +erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre +himmlischen Augen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst +reizend, höchst anbetungswürdig; und immer schließt sich ihr +verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein +glücklicher, was für ein beneidenswürdiger Mann ich bin. + +Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu. + +Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter! +Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest +du erst sehen und hören! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen +Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall +jagt den andern, eine boshafte Spötterei die andere, ein kitzelndes +Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit +Liebäugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich +erwidert, daß--daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du +glauben, Dubois? ich muß es wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand +küssen. + +Dubois. Das ist arg! + +Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was würde die Welt +dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn ich meinen +Verdruß auslassen wollte? Die Kinder auf der Straße würden mit +Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein +Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw." + + +Diese Situation muß es sein, in welcher Chevrier das Ähnliche mit dem +"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des +Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich +ehedem über diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schämt sich +auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil +er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand für +den einzigen erklärt hatte, der einem freien und weisen Manne anständig +sei. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Scham sie nicht beide +in mancherlei ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die, +in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau +verlangt, ihm die überlästigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber +ihn bedeutet, daß das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen +müsse, fast die nämliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich +Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, daß er sich auf +Meliten keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige, +wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten +und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefähr auf gleiche Weise, als +hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel +viel zu klug und vorsichtig sei, als daß er sich zu so einer Torheit, wie +das Heiraten, sollte haben verleiten lassen. + +Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stücke +notwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir +ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch +nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche +Situationen geraten; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk, +die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen und +ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die +Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück +Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der +Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und +Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Ähnliche Situationen +geben also ähnliche Tragödien, aber nicht ähnliche Komödien. Hingegen +geben ähnliche Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den +Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen. + +Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines +Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbänden aus der +Königlichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu +dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stück betreffende Anekdote. Der +Dichter nämlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen +Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der +Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis früher ausgeplaudert, als +ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten +Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es +seinem Sohne nicht glauben?--so dürfte die vermeinte Nachahmung des +Campistron um so eher wegfallen. + + +----Fußnote + +[1] S. den 5. und 7. Abend + +[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135. + +----Fußnote + + + + +Zweiundfunfzigstes Stück Den 27. Oktober 1767 + +Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels +"Triumph der guten Frauen" aufgeführet. + +Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es +war, soviel ich weiß, das letzte komische Werk des Dichters, das seine +frühern Geschwister unendlich übertrifft und von der Reife seines Urhebers +zeuget. "Der geschäftige Müßiggänger" war der erste jugendliche Versuch +und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz +verzeihe es denen und räche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin +gefunden haben! Er enthält das kalteste, langweiligste Alltagsgewäsche, +das nur immer in dem Hause eines meißnischen Pelzhändlers vorfallen kann. +Ich wüßte nicht, daß er jemals wäre aufgeführt worden, und ich zweifle, +daß seine Vorstellung dürfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist +um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist, +den Molière in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlaß +zu diesem Stücke wollte genommen haben.[1] Molières Geheimnisvoller ist +ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels +Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen +will, um von den Wölfen nicht gefressen zu werden. Daher kömmt es auch, +daß er so viel Ähnliches mit dem Charakter des Mißtrauischen hat, den +Cronegk hernach auf die Bühne brachte. Beide Charaktere aber, oder +vielmehr beide Nuancen des nämlichen Charakters, können nichts anders +als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und +häßlichen Seele sich finden, daß ihre Vorstellungen notwendig mehr +Mitleiden oder Abscheu erwecken müssen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle" +ist wohl sonst hier aufgeführet worden; man versichert mich aber auch +durchgängig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr +begreiflich, daß man ihn läppischer gefunden habe, als lustig. + +"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgeführet +worden, und sooft er noch aufgeführet worden, überall und jederzeit einen +sehr vorzüglichen Beifall erhalten; und daß sich dieser Beifall auf wahre +Schönheiten gründen müsse, daß er nicht das Werk einer überraschenden +blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach +Lesung des Stücks, zurückgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefällt es +um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen +gesehen, dem gefällt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es +die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen übrigen Lustspielen, als +diese überhaupt dem gewöhnlichen Prasse deutscher Komödien vorgezogen. + +"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschäftigen Müßiggänger': die +Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Müßiggänger, +solche in ihre Kinder vernarrte Mütter, solche schalwitzige Besuche und +solche dumme Pelzhändler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so +handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine +Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gähnte +vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher +Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren +Handlungen, echten Witz in ihren Gesprächen und den Ton einer feinen +Lebensart in ihrem ganzen Umgange." + +Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat, +ist der, daß die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider +muß man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu +sehr an fremde, und besonders an französische Sitten gewöhnt, als daß er +eine besonders üble Wirkung auf uns haben könnte. + +"Nikander", heißt es, "ist ein französischer Abenteurer, der auf +Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste +gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stürzen, aller Frauen +Verführer und aller Männer Schrecken zu werden sucht, und der bei allem +diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten +und Grundsätze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! daß ein +Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben +muß.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit +verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, kömmt auf den +Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt +ihm, unter dem Namen Philint, in alle Häuser nach, wo er Avanturen sucht. +Philint ist witziger, flatterhafter und unverschämter als Nikander. Das +Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem +frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen läßt, stehet Nikander da wie +verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die +Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und +glücklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten +Petitmaitre ist gewiß kein Deutscher." + +"Was mir", fährt er fort, "sonst an diesem Lustspiele mißfällt, ist der +Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen, +zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu häßlichen Seite. Er +tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwürdigste und hat +recht seine Lust, sie zu quälen. Grämlich, sooft er sich sehen läßt, +spöttisch bei den Tränen seiner gekränkten Frau, argwöhnisch bei ihren +Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen +durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersüchtig, +hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden können, in seiner +Frauen Kammermädchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als +daß wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen könnten. Der Dichter gibt +ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswürdigen +Herzens nicht genug entwickeln können. Er tobt, und weder Juliane noch +die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum +gehabt, seine Besserung gehörig vorzubereiten und zu veranstalten. Er +mußte sich begnügen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die +Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine, +dieses edelmütige Kammermädchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte, +sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen +sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Mädchen +im Hause ist, möchte ich nicht für die Aufrichtigkeit stehen." + +Ich freue mich, daß die beste deutsche Komödie dem richtigsten deutschen +Beurteiler in die Hände gefallen ist. Und doch war es vielleicht die +erste Komödie, die dieser Mann beurteilte. + + +----Fußnote + +[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4. + + C'est de la tête aux pieds un homme tout mystère, + Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil égaré, + Et sans aucune affaire est toujours affairé. + Tous ce qu'il vous débite en grimaces abonde. + A force de façons il assomme le monde. + Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien, + Un secret à vous dire, et ce secret n'est rien. + De la moindre vétille il fait une merveille, + Et, jusqu' au bon jour, il dit tout à l'oreille. + +[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133. + +----Fußnote + + +Ende des ersten Bandes + + + + + +Zweyter Band + + + +Dreiundfunfzigstes Stück +Den 3. November 1767 + +Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und +"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade +heraus,[2] "führet den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk +des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von +Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die +Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so +ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fügt er hinzu, y a laissé +81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von +einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim +verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier +keinen andern Beweis hatte, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es +sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französischen Verse kommen überhaupt +der Prosa so nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem etwas +gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß sich nicht von selbst ganze +Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade +denjenigen, die gar keine Verse machen, können dergleichen Verse am +ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum haben und +es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen. + +Was hat "Cenie" sonst für Merkmale, daß sie nicht aus der Feder eines +Frauenzimmers könne geflossen sein? "Das Frauenzimmer überhaupt", sagt +Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige, +und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken +glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack, +nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Es +kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich +durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer, +welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende +verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwünge, +die ihr Entzückendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den +Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen." + +Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen, +so muß "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst +würde so nicht schließen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer +überhaupt absprechen zu müssen glaube, wolle er darum keiner Frau +insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas à une femme, mais aux femmes +que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf +Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin +derselben anführt. Dabei merke man wohl, daß Graffigny seine Freundin +nicht war, daß sie Übels von ihm gesprochen hatte, daß er sich an eben +der Stelle über sie beklagt. Demohngeachtet erklärt er sie lieber für +eine Ausnahme seines Satzes, als daß er im geringsten auf das Vorgeben +des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel, +Freimütigkeit genug gehabt hätte, wenn er nicht von dem Gegenteile +überzeugt gewesen wäre. + +Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser +Abt, wie Chevrier wissen will, hat für die Favart gearbeitet. Er hat die +komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice, +von der er sagt, daß sie kaum lesen könne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer, +der in Paris darüber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, daß die +Gassenhauer in der französischen Geschichte überhaupt unter die glaub- +würdigsten Dokumente gehören. + +Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen +in die Welt schicke, ließe sich endlich noch begreifen. Aber warum er +sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten +vorziehen möchte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr +als ein Stück aufführen und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als +den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen. +Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen +wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke +würde getan haben?-- + +Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die +Frauenschule" von Molière aufgeführt. + +Molière hatte bereits seine "Männerschule" gemacht, als er im Jahre 1662 +diese "Frauenschule" darauf folgen ließ. Wer beide Stücke nicht kennet, +würde sich sehr irren, wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den +Männern, ihre Schuldigkeit geprediget würde. Es sind beides witzige +Possenspiele, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller +Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar +alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Männerschule" heißen müßten, +wenn Molière weiter nichts darin hätte lehren wollen, als daß das dümmste +Mädchen noch immer Verstand genug habe, zu betrügen, und daß Zwang und +Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit. +Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht +viel zu lernen; es wäre denn, daß Molière mit diesem Titel auf die +Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen hätte, +mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden. + +"Die zwei glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie", sagt Trublet, +[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille +und Molière bearbeitet worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch +nicht hatten. Diese Anmerkung", fügt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von +Fontenelle." + +Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt hätte, wie er dieses +meine. Oder falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch +auch seinen Lesern mit ein paar Worten hätte verständlich machen wollen. +Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit +diesem Rätsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder +Trublet hat sich verhört. + +Wenn indes, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der "Frauenschule" +so besonders glücklich ist und Molière in der Ausführung desselben nur zu +kurz gefallen: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht viel +einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus +einer spanischen Erzählung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die +vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spaßhaften Nächten" des +Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage +vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, daß +dieser Freund sein Nebenbuhler ist. + +"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stück von einer +ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzählung, aber doch so +künstliche Erzählung ist, daß alles Handlung zu sein scheinet." + +Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, daß man die neue +Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger künstlich, Erzählung bleibt +immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen +sehen.--Aber ist es denn auch wahr, daß alles darin erzählt wird? daß +alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurf +nicht wieder aufwärmen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob +zu verkehren, hätte er wenigstens die Antwort beifügen sollen, die +Molière selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzählungen +nämlich sind in diesem Stücke, vermöge der innern Verfassung desselben, +wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung +erforderlich ist; und es ist bloße Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier +streitig zu machen.[6] Denn es kömmt ja weit weniger auf die Vorfälle an, +welche erzählt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfälle auf +den betrognen Alten machen, wenn er sie erfährt. Das Lächerliche dieses +Alten wollte Molière vornehmlich schildern; ihn müssen wir also +vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebärdet; +und dieses hätten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er +erzählen läßt, vor unsern Augen hätte vorgehen lassen, und das, was er +vorgehen läßt, dafür hätte erzählen lassen. Der Verdruß, den Arnolph +empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruß zu verbergen; der +höhnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz +nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der +wir ihn sehen, wenn er vernimmt, daß Horaz demohngeachtet sein Ziel +glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen, +als alles, was außer der Szene vorgeht. Selbst in der Erzählung der +Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr +Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der +Bühne wirklich machen sähen. + +Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, daß alles darin Handlung +scheine, obgleich alles nur Erzählung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte +sagen zu können, daß alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzählung +zu sein scheine. + + +----Fußnote + +[1] S. den 23. und 29. Abend + +[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211. + +[3] à d'Alembert, p. 133. + +[4] à d'Alembert, p. 78. + +[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295. + +[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les +récits eux-mêmes y sont des actions suivant la constitution du sujet. + +----Fußnote + + + + +Vierundfunfzigstes Stück +Den 6. November 1767 + +Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die +Mütterschule" des La Chaussée, und den vierundvierzigsten Abend (als den +15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1] + +Da die Engländer von jeher so gern domestica facta auf ihre Bühne +gebracht haben, so kann man leicht vermuten, daß es ihnen auch an +Trauerspielen über diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist +das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglückliche Liebling, oder Graf +von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall. +Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenède von +1638; des Boyer von 1678, und des jüngern Corneille von ebendiesem Jahre. +Wollten indes die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin nicht +möchten zuvorgekommen sein, so würden sie sich vielleicht auf Daniels +"Philotas" beziehen können; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die +Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden +glaubte.[2] + +Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu +haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime +Geschichte der Königin Elisabeth und des Grafen von Essex" führet,[3] wo +er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn bloß +zu dialogieren, ihm bloß die äußere dramatische Form zu erteilen brauchte. +Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angeführten +Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern +nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können. + +"Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu +machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königin für +ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden +beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter +nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt +hat. Burleigh, der erste Minister der Königin, der auf ihre Ehre sehr +eifersüchtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit +welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unablässig, ihn verdächtig zu +machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des +Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Gräfin +von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte, +nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie +nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemütsart des +Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf +folgende Weise. + +Die Königin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr +ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen +gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden +Scharmützeln sahe sich der Graf genötiget, mit dem Feinde in Unterhandlung +zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr +abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret +stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben +ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Königin +als ihrer Ehre höchst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger +Beweis vorgestellet, daß Essex mit den Rebellen in einem heimlichen +Verständnisse stehen müsse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern +Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats +anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist, +daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht +bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation +erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid +seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger +Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er +erhebt die Gerechtigkeit der Königin, einen solchen Mann nicht +unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor diesesmal schweigen. +(Erster Akt.) + +Indes ist die Königin mit der Aufführung des Grafen nichts weniger als +zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen, +und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu +Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die +Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde +bei ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu +rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der +Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königin ungeachtet, +nach England über. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden +ebensoviel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die +Gräfin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den +Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königin, da sie sieht, daß ihr +durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten, +wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verraten will, die sie gern vor der +ganzen Welt verbergen möchte. Die Erwägung ihrer Würde, zu welcher ihr +natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt, +erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich +selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den +geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen +sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letztern, +doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn +auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine +Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham +sind bei dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königin ist auf die letztere +gelehnet und scheinet tief im Gespräche zu sein, ohne den Grafen nur ein +einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen, +verläßt sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit +ihr meinen, ihr zu folgen und den Verräter allein zu lassen. Niemand darf +es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab, +kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei +seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königin den Burleigh +und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich +aber, ihn in andere, als in der Königin eigene Hände, zurückzuliefern, und +beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr +verächtlich begegnet. (Zweiter Akt.) + +Die Königin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist +äußerst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann +weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt, +noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der +Fülle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als +jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt +befiehlt sie, demohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden soll. Er +kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu verteidigen. Doch die Gründe, +die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie +ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm, +um der geheimen Neigung, die sie für ihn hegt, ein Genüge zu tun; aber +zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung +dessen, was sie sich selbst, als Königin, schuldig zu sein glaubt. Und +nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine +Ungestümheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Füßen und bedient +sich verschiedner Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klingen, als daß +sie den Zorn der Königin nicht aufs höchste treiben sollten. Auch +antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich +um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nämlich, +anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem +Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königin, daß es nicht +sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau +ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich tätlich an ihr zu +vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt +seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem +Burleigh und Raleigh ihren niederträchtigen Neid, sowie der Königin ihre +Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wut; und niemand +als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt +eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.) + +Der Graf gerät über sein Unglück in Verzweiflung; er läuft wie unsinnig +in der Stadt herum, schreiet über das ihm angetane Unrecht und schmähet +auf die Regierung. Alles das wird der Königin, mit vielen Übertreibungen, +wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern. +Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen +und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Prozeß gemacht +werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Königin gelegt und +günstigern Gedanken für den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn +also, ehe er zum Verhöre geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet, +nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar +befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit +zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald +er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast +aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie +gleich darauf erfährt, daß er mit der Rutland vermählt ist; und es von der +Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.) + + +----Fußnote + +[1] S. den 26. und 30. Abend. + +[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147. + +[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99. + +----Fußnote + + + + +Fünfundfunfzigstes Stück +Den 10. November 1767 + +Was die Königin gefürchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen +schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund +Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königin, +den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche +freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verraten würde, die +keiner Königin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den +Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes, +daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu +ihm und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt +sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das +kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demütigsten Bitte an die +Königin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet; +nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu +rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet +sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest +entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Äußerste +ankommen zu lassen, daß die Königin dem Berichte kaum glauben kann, nach +wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl +erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr +die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen, +nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie +sich einbildet, daß Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr +empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert, +seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht rät +sie der Königin auch, seiner Gemahlin, der Gräfin von Rutland, zu +erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königin williget +in beides, aber zum Unglücke für die grausame Ratgeberin; denn der Graf +gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Königin, die sich eben in dem +Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet, +erhält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den +Ring gegeben und sie durch diese Verräterin um sein Leben bitten lassen. +Sogleich schickt sie und läßt die Vollstreckung des Urteils untersagen; +doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr +damit geeilet, daß die Botschaft zu spät kömmt. Der Graf ist bereits tot. +Die Königin gerät vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche +Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde +des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen." + +Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der "Essex" des Banks ein +Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Übereinstimmung ist, als sich in +dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die +Geschichte gehalten, nur daß er verschiedne Begebenheiten näher zusammen +gerückt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal +seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig +erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon +angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bei einer ganz +andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist +begreiflicher, daß die Königin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben, +da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses +Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer +eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu +gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie +teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese +Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er +unglücklicherweise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was +braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen? +Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht +mächtig zu sein, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will? +Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben +gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den +mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloß +um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten, +er mag wieder in ihre Hände kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch +die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung +des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache +seiner tödlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht +kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen? + +So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung. +Mich dünkt, er würde eine weit bessere tun, wenn ihn die Königin ganz +vergessen hätte und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget +würde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld +des Grafen noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des +Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen +sein, und bloß der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edelmut +nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf +seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königin zu sehr wider ihn +eingenommen sei, als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie +also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die +Überzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung +ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, für +unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber +nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet, +gerecht und erkenntlich zu sein. + +Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück eingeflochten.-- +Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig! +Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der +Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire +darüber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwürdig. +"Heutzutage", sagt er, "dürfte man es nicht wagen, einem Helden eine +Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gäben. Nicht +einmal in der Komödie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das +einzige Exempel, welches man auf der tragischen Bühne davon hat. Es ist +glaublich, daß man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomödie +betitelte; und damals waren fast alle Stücke des Scudéry und des +Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange der Meinung +gewesen, daß sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit +gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst +ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen, +weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in +allem Ernste betrübt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles +schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie +sehr er meistenteils damit verunglückt! + +Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der +tragischen Bühne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht +gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein +diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrät beides; und nur das letztere +noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der +Tragikomödie hinzufügt, ist ebenso unrichtig. Tragikomödie hieß die +Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen +vergnügten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar +nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille +hernach sein Stück eine Tragödie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte, +daß eine Tragödie notwendig eine unglückliche Katastrophe haben müsse. +Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloß im +Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen. +Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem +sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem +einfiel, gewisse von ihren dramatischen Mißgeburten so zu nennen.[1] Wenn +aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt hätte, so wäre +es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet. +Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und +der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus +sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist +ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo +ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische +Handlung größtenteils unter höhern Personen vorgehet, als man in der +Komödie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklärt sich darüber +deutlich genug: + + Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia: + Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia + Reges quo veniant et di, non par arbitror. + Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet, + Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam. + + +----Fußnote + +[1] Ich weiß zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht +hat; aber das weiß ich gewiß, daß es Garnier nicht ist. Hédelin sagte: Je +ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter +ce titre à sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imité. (Prât. du +Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei hätten es die Geschichtschreiber des +französischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen +die leichte Vermutung des Hédelins zur Gewißheit und gratulieren ihrem +Landsmanne zu einer so schönen Erfindung. Voici la première +Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poème du Théâtre qui a +porté ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art +qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans +les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une +idée, qui n'a pas été inutile à beaucoup d'Auteurs du dernier siècle. +Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit frühere +spanische und italienische Stücke, die diesen Titel führen. + +----Fußnote + + + + +Sechsundfunfzigstes Stück +Den 13. November 1767 + +Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, daß +eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem +Höhern bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, daß +alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens +ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem +Beleidigten selbst gerächet, und auf eine ebenso eigenmächtige Art +gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche +Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt, +es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum +soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im +Gange sind: warum nicht auch hier? + +"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine +Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt +sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt +die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung +äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen, +und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene +Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen. + +Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der +Masken bedauern möchte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske +mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit +auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch +weniger gewahr. + +Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der +dramatische Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich +darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist. +Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es +ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen, +daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins +Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es +verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so +weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er +seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine +kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut +wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand +vor; nur verlange er nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr +Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die +er ihn vorstellen läßt. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine +Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider +einzuwenden haben? + +Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder +höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den +sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen, +einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig!--Und wenn sie +das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der +gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache werden soll, und +wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht +hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was +unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muß, soll dennoch +aus der Tragödie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komödie, weil +es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen, +sollen wir ein andermal nicht erschrecken können? + +Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen möchte, +so wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann sie da haben? +Traurige? die sind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr und +gehören dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Mühe, sie +geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer +sie bekömmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also +den beiden Extremis, der Tragödie und dem Possenspiele; die mehrere +dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder spotten oder +zittern wollen. + +Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger +Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen, +wenn der großsprecherische Gormas den alten würdigen Diego zu schlagen +sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen, und +den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal +alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung +nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung +und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung +auf ihn hat, nicht tragisch sein? + +Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von +einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt +eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art, +mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu lächeln +machte, der biß sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die +Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den +Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt. + +Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige +vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs +stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; für jede andere würde +sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten +aufzuopfern. Für diese einzige läßt das Pundonor weder Entschuldigung +noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabei +einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Denkungsart +den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego +zufriedenzustellen, sehr wohl antworten: + + Ces satisfactions n'apaisent point une âme: + Qui les reçoit n'a rien, qui les fait se diffame. + Et de tous ces accords l'effet le plus commun, + C'est de déshonorer deux hommes au lieu d'un. + +Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen, +dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt +also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem +Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus +dem Gedächtnisse und aus seiner Empfindung. + +In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daß sie eine +Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau +und Königin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Über die +handfertige wehrhafte Frau würde er spotten; denn eine Frau kann weder +schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souverän, +dessen Beschimpfungen unauslöschlich sind, da sie von seiner Würde eine +Art von Gesetzmäßigkeit erhalten. Was kann also natürlicher scheinen, +als daß Essex sich wider diese Würde selbst auflehnet und gegen die Höhe +tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wüßte wenigstens +nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich hätte machen +können. Die bloße Ungnade, die bloße Entsetzung seiner Ehrenstellen +konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so +knechtische Behandlung außer sich gebracht, sehen wir ihn alles, was +ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit +Entschuldigung unternehmen. Die Königin selbst muß ihn aus diesem +Gesichtspunkte ihrer Verzeihung würdig erkennen; und wir haben so +ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen +scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekränkten Ehre +tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht. + +Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt, +war über die Wahl eines Königs von Irland. Als er sahe, daß die Königin +auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr verächtlichen +Gebärde den Rücken. In dem Augenblicke fühlte er ihre Hand, und seine +fuhr nach dem Degen. Er schwur, daß er diesen Schimpf weder leiden könne +noch wolle; daß er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht würde +erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den +Kanzler Egerton über diesen Vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten +Stolze abgefaßt, und er schien fest entschlossen, sich der Königin nie +wieder zu nähern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer +völligen Gnade und in der völligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings. +Diese Versöhnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr +schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war. +In diesem Falle war er wirklich ein Verräter, der sich alles gefallen ließ, +bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht, +den ihm die Königin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die +Ohrfeige; und der Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünfte verblendete +ihn so, daß er ohne alle Überlegung losbrach. So finden wir ihn in der +Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen +Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine +treulosen Absichten gegen seine Königin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler +einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloß durch +die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war. + + + + +Siebenundfunfzigstes Stück +Den 17. November 1767 + +Banks hat die nämlichen Worte beibehalten, die Essex über die Ohrfeige +ausstieß. Nur daß er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der +Welt, mitsamt Alexandern, beifügen läßt.[1] Sein Essex ist überhaupt +zuviel Prahler; und es fehlet wenig, daß er nicht ein ebenso großer +Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenède. Dabei erträgt er +sein Unglück viel zu kleinmütig und ist bald gegen die Königin ebenso +kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr +nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergißt, +ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwürdig. +In der Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst für +Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste +des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden +allzu vertraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine +Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet +hätten, übereinstimmen oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es +nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht +nutzen. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bei der Verstellung die +Würde desselben. + +Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau +bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige +Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem +Essex hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm +gewissermaßen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die +Elisabeth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Glut und +Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert +nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch +deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle, +usw. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht +nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man +sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken +Eifersucht verraten sie; sonst würde man sie schlechterdings für nichts, +als für seine Freundin halten können. + +Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion +zu setzen gewußt, das können folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen. +--Die Königin glaubt sich allein und überlegt den unglücklichen Zwang +ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres +Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr +nachgekommen.-- + +"Die Königin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein. + +Nottingham. Verzeihe, Königin, daß ich so kühn bin. Und doch +befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu sein.--Dich bekümmert +etwas. Ich muß fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung +bitten, daß ich es frage--Was ist's, das Dich bekümmert? Was ist es, +das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht +wohl? + +Die Königin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke +dir für deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines +Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu +lange. Es fängt an, meiner überdrüssig zu werden.--Neue Kronen sind +wie neue Kränze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne +neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet +sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen.--Erzähle mir +doch, was sagt man von der Überkunft des Essex? + +Nottingham.--Von seiner Überkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber +von ihm--er ist für einen so tapfern Mann bekannt-- + +Die Königin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verräter! + +Nottingham. Gewiß, es war nicht gut-- + +Die Königin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts? + +Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat. + +Die Königin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu +schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient.--Weit geringere Verbrechen +haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.-- + +Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel größerer +Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben? + +Die Königin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten +Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verräterei, die +größte von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder, +nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf +den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der +vorübergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen, +undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner +Königin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was +sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum +schweigst du? Willst du ihn noch vertreten? + +Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Königin, so will ich Dir alles +sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.-- + +Die Königin. Tu das!--Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir? + +Nottingham. Von Dir, Königin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit +Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm eines verstorbenen +Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen +ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den +heißesten Tränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen, +--dieses einzige, daß Du geruhen möchtest, ihren Beschwerden gegen +diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verräter nicht länger zu +schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande +vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern-- + +Die Königin. Wer hat mir vorzuschreiben? + +Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn +man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles +wider den Mann an, dessen Gemütsart so schlecht, so boshaft ist, daß +er es auch nicht der Mühe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie +stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht +anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbrämten Rock!--Daß +er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der +Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit, +welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von +ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über +ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein +glänzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des +Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und +herrschsüchtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stürzte-- + +Die Königin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus +dem Atem.--Ich will nichts mehr hören--(beiseite) Gift und Blattern +auf ihre Zunge!--Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas +auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften +Pöbels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel +das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er es +sagen möchte. + +Nottingham. Ich erstaune, Königin-- + +Die Königin. Worüber? + +Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden-- + +Die Königin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie gewünscht dir +dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal +glühte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich, +überzufließen, und jedes Wort, jede Gebärde hatte seinen längst +abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft. + +Nottingham. Verzeihe, Königin, wenn ich in dem Ausdrucke meine +Schuldigkeit gefehlet habe. Ich maß ihn nach Deinem ab. + +Die Königin. Nach meinem?--Ich bin seine Königin. Mir steht es frei, +dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch +hat er sich der gräßlichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig +gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit könnte dich +der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er +übertreten, keine Untertanen, die er bedrücken, keine Krone, nach der +er streben könnte. Was findest du denn also für ein grausames +Vergnügen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf +zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen? + +Nottingham. Ich bin zu tadeln-- + +Die Königin. Genug davon!--Seine Königin, die Welt, das Schicksal +selbst erklärt sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein +Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?-- + +Nottingham. Ich bekenne es, Königin, + +Die Königin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland +her.--" + + +----Fußnote + +[1] Act. III. + + --By all + The Subtilty, and Woman in your Sex, + I swear, that had you been a Man, you durst not, + Nay, your bold Father Harry durst not this + Have done--Why say I him? Not all the Harrys, + Not Alexander self, were he alive, + Should boast of such a deed on Essex done + Without revenge.-- + +----Fußnote + + + + +Achtundfunfzigstes Stück +Den 20. November 1767 + +Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich, +daß Rutland, ohne Wissen der Königin, mit dem Essex vermählt ist. + +"Die Königin. Kömmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt. +--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese +trübe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland; +ich will dir einen wackern Mann suchen. + +Rutland. Großmütige Frau!--Ich verdiene es nicht, daß meine Königin +so gnädig auf mich herabsiehet. + +Die Königin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe +ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der +Nottingham, der widerwärtigen!--einen Streit gehabt; und zwar--über +Mylord Essex. + +Rutland. Ha! + +Die Königin. Sie hat mich recht sehr geärgert. Ich konnte sie nicht +länger vor Augen sehen. + +Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen! +Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fühl' es; ich werde blaß--und +wieder rot.-- + +Die Königin. Was ich dir sage, macht dich erröten?-- + +Rutland. Dein so überraschendes, gütiges Vertrauen, Königin,-- + +Die Königin. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest.--Komm, +Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel, +liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider +den armen, unglücklichen Mann schreiet; was für Verbrechen es ihm zur +Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er +ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdrücklichen Befehl; +und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung +gelassen. + +Rutland. Darf ich Dir, Königin, wohl sagen, was ich denke?--Das +Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß +ist öfters so ungegründet-- + +Die Königin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber, +liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine +Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiß, man legt mir +es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen. +Sie vergessen, daß ich ihre Königin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat +mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann!-- + +Rutland. Siehe meine Tränen, Königin--Dich so leiden zu sehen, die +ich so bewundere!--Oh, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele, +und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu +beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen! + +Die Königin. Oh, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste +Rutland!--Sage, ist es nicht schade, daß so ein braver Mann ein +Verräter sein soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward, +sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu +wollen? + +Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königin, +gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hören! +mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem +Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören! + +Die Königin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören? + +Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte +Überlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht +mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttin ihres Geschlechts, so weit +über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten +bewundern, Schönheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein +größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit +verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem +alles überströmenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts übersteigt ihre +Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche +Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels +gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh, +unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues +Herz ausdrückte, oh, daß sie nicht unsterblich sein kann! Ich wünsche +ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit +diesen Abglanz von sich zurückruft und mit eins sich Nacht und +Verwirrung über Britannien verbreiten. + +Die Königin. Sagte er das, Rutland? + +Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe, +dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich +überströmte-- + +Die Königin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du +ihm gibst! + +Rutland. Und kannst ihn noch für einen Verräter halten? + +Die Königin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze übertreten.--Ich muß +mich schämen, ihn länger zu schützen.--Ich darf es nicht einmal wagen, +ihn zu sehen. + +Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königin? nicht zu sehen?--Bei dem +Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre +ich Dich,--Du mußt ihn sehen! Schämen? wessen? daß Du mit einem +Unglücklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte +Könige schimpfen?--Nein, Königin; sei auch hier Dir selbst gleich. +Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen-- + +Die Königin. Ihn, der meinen ausdrücklichen Befehl so geringschätzen +können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen drängen darf? +Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl? + +Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der +Gefahr, in der er sich sahe. Er hörte, was hier vorging; wie sehr man +ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche. Er kam also, +zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich +zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen. + +Die Königin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich +sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer +ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne! + +Rutland. Oh, nähre diese günstige Gedanke! Deine königliche Seele +kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß +finden. Ich wollte für ihn schwören; bei aller Deiner Herrlichkeit +für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu sein. Seine Seele ist +reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Dünste an sich +ziehet und Geschmeiß ausbrütet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt +es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig. +Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem +Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich +verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher, +und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt. + +Die Königin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese +Innigkeit,--das bloße Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich +hören!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt-- + +Rutland. Recht, Königin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den +innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du +selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So +würdig, so edel, so kühn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied, +in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so +sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen +vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus +hundert Gegenständen zusammensuchen muß, was sie hier beieinander +findet! + +Die Königin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht länger +auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du gerätst außer dir. +Ein Wort, ein Bild überjagt das andere. Was spielt so den Meister +über dich? Ist es bloß deine Königin, ist es Essex selbst, was diese +wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie +schweigt; ganz gewiß, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen +neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw. + +Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Königin zu +sagen, daß Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen. +"Rutland", sagt die Königin, "wir sprechen einander schon weiter; geh +nur.--Nottingham, tritt du näher." Dieser Zug der Eifersucht ist +vortrefflich. Essex kömmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige. +Ich wüßte nicht, wie sie verständiger und glücklicher vorbereitet +sein könnte. Essex anfangs, scheinet sich völlig unterwerfen zu +wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach +und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte +alles das die Königin so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz +nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist +eigentlich die eifersüchtige Liebhaberin, welche schlägt, und die +sich nur der Hand der Königin bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt +gern.-- + +Ich, meinesteils, möchte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den +ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch, +so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr +armselige Figur dagegen macht. + + + +Neunundfunfzigstes Stück +Den 24. November 1767 + +Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen. +Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so +gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von +Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von +Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut +als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen +lieber, als an der andern, scheitern wollen. + +Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die +mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig +und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der +Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere +Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia +verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den +wahren Ton der Tragödie. + +"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, daß +er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde +zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versifikation +beibehalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen +Quantitäten und sehr merklichen Akzenten, nur für weitläufige Bühnen, nur +für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so +wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespräche, +und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen." + +Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den +Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen. +Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien, +öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie +müssen also fast immer mit Zurückhaltung und Rücksicht auf ihre Würde +sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den +ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen. +Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen +größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für +Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so +ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand, +als dem sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand +als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also +selbst im Affekte sind und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu +kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er +auch in das Stück eingeflochten war, dennoch niemals mißhandelte und +stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale +wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den höhern +Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdrücken gelernt +als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhörlich, sich +besser auszudrücken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede +ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die +in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut +verstehet, als der Polierteste. + +Bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache kann niemals +Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine +hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten, +gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten. + +Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine +Königin auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen +vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhält, würde man +in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir +nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig; +ein wenig unruhig bin ich.--Erzähle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu +das! Laß hören!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und +Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen +habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei +munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst +du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geärgert. +Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; laß +mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht länger +auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen +Kunstrichter sagen-- + +Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt +es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen +zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne +ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlässigkeiten, die ihr +zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu +finden waren, die er mit so vieler Überlegung dahin und dorthin streuete, +um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein +der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig +zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darüber lachen. Endlich +folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hört wohl, daß der gute Mann die +große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört; +Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe." + +Demohngeachtet würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die +Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen +dürfen. Ich habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht +ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette +aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen +Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so +gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen +natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripides nur fleißig zu; und +tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat. + +Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und +Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem +Erhabnen. Das nämliche Gefühl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt, +wird sie auch hier bemerken. Der schwülstige Dichter ist daher unfehlbar +auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine +Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als +die Tragödie. + +Gleichwohl scheinet die Engländer vornehmlich nur der eine in ihrem Banks +beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die +pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so +glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sein Stück von +einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe, +möchte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu +gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darüber. Heinrich Jones, von +Geburt ein Irländer, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte, +wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon +einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen +Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753 +aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den +von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige +Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, daß er, wie man ihm +Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt +hat. Auch muß noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich +gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten +Tagebüchern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein französischer +Kunstrichter, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der +schönen Poesie des Jones zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle +der Rutland und über derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres +Gemahls hinzufügt,[3] ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser +Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht. + +Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar +ist, als daß ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.-- + + +----Fußnote + +[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natürlichen Sohne". S.d. Übers. 247. + +[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every +where very bad, and in some Places so low, that it even becomes +unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little +Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest +of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to +adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression +befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters +are perhaps the greatest the World ever produced. + +[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en démence la +Comtesse de Rutland au moment que cet illustre époux est conduit à +l'échafaud; ce moment où cette Comtesse est un objet bien digne de pitié, +a produit une très grande sensation, et a été trouvé admirable à Londres: +en France il eût paru ridicule, il aurait été sifflé et l'on aurait +envoyé la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons. + +----Fußnote + + + + +Sechzigstes Stück +Den 27. November 1767 + +Er ist von einem Ungenannten und führet den Titel: "Für seine Gebieterin +sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komödien, die Joseph +Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste +Stück ist. Wenn er verfertiget worden, weiß ich nicht; ich sehe auch +nichts, woraus es sich ungefähr abnehmen ließe. Das ist klar, daß sein +Verfasser weder die französischen und englischen Dichter, welche die +nämliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen +gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner +Leser nicht vorgreifen. + +Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurück und will der +Königin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hört er, daß +sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen, +namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf +diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche +Zusammenkünfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient +sich des Schlüssels, den er noch von der Gartentüre bewahret, durch die +er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natürlich, daß er sich seiner Geliebten +eher zeigen will, als der Königin. Als er durch den Garten nach ihren +Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch +denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist +ein schwüler Sommerabend), das mit den bloßen Füßen in dem Wasser sitzt +und sich abkühlet. Er bleibt voller Verwunderung über ihre Schönheit +stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um +nicht erkannt zu werden. (Diese Schönheit, wie billig, wird weitläuftig +beschrieben, und besonders werden über die allerliebsten weißen Füße in +dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, daß der +entzückte Graf zwei kristallene Säulen in einem fließenden Kristalle +stehen sieht; er weiß vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall +ihrer Füße ist, welcher in Fluß geraten, oder ob ihre Füße der Kristall +des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch +verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weißen Gesichte: +er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches +Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so +glänzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr +zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet, +als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuß auf sie geschieht, +und gleich darauf zwei maskierte Männer mit bloßem Degen auf sie +losgehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex +besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Mörder an, +und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück und +bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er +verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde +damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich +Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen, +ehe über den Schuß mehr Lärmen entsteht; ich möchte nicht gern, daß die +Königin den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure +Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen über diese +sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, namens Cosme, +allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des +Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen, +und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen +dürfen. Die Furcht hielt an der Türe Schildwache und versperrte ihm den +Eingang. Furchtsam ist Cosme für viere;[4] und das sind die spanischen +Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, daß er sich unfehlbar in die +schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Blanca nicht schon so völlig +Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern +Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen +sein? Was dünkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet +Cosme, "als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus +diesem Zuge kann man leicht auf das übrige schließen. Sie gehen endlich +beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte über den +Schuß in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt +zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal. + +Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermädchen. +(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die +vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der +König von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem +jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist, +unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese +Verbindung zustande zu bringen. Es läßt sich alles, sowohl von seiten des +Parlaments als der Königin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die +Blanca und verliebt sich in sie. Itzt kömmt er und bittet Floren, ihm in +seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er +zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit, +in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloß, Blanca +suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne, +dessen Stand so weit über den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung +machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben.--(Man +erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner +Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in +diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er +hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er +wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie +machen werde. Er schenkt Floren eine güldne Kette, und Flora versteckt +ihn in eine anstoßende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt, +welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet. + +Essex kömmt. Nach den zärtlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den +teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig +zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca +bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit +welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie +ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn, +unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentümer ihrer Ehre gemacht. +(Te hice dueño de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig +viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien +obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist +nichts in Abrede und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und +Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen +gekommen sei. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er +unverzüglich die Königin um Erlaubnis zu ihrer Vermählung antreten.--"Und +so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem +Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher +anvertrauen."[6]-- + + +----Fußnote + +[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta +Corte. + +[2] + Las dos columnas bellas + Metió dentro del rÃo, y como al verlas + Vi un cristal en el rio desatado, + Y và cristal en ellas condensado, + No supe si las aguas que se vÃan + Eran sus piés, que lÃquidos corrÃan, + O si sus dos columnas se formaban + De las aguas, que allà se conjelaban. + +Diese Ähnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben +will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand +geschöpft und nach dem Munde geführt habe. Diese Hand, sagt er, war dem +klaren Wasser so ähnlich, daß der Fluß selbst für Schrecken zusammenfuhr, +weil er befürchtete, sie möchte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken. + + Quiso probar a caso + El agua, y fueron cristalino vaso + Sus manos, acercólas a los labios, + Y entonces el arroyo lloró agravios, + Y como tanto, en fin, se parecÃa + A sus manos aquello que bebÃa, + Temà con sobresalto (y no fué en vano) + Que se bebiera parte de la mano. + +[3] + Yo, que al principio vÃ, ciego, y turbado, + A una parte nevado + Y en otra negro el rostro, + Juzgué, mirando tan divino monstruo, + Que la naturaleza cuidadosa + Desigualdad uniendo tau hermosa, + Quiso hacer por asombro, o por ultraje, + De azabache y marfil un maridaie. + +[4] + Ruido de armas en la Quinta, + Y dentro el Conde? Qué aguardo, + Que no voy a socorrerle? + Qué aguardo? Lindo recado: + Aguardo a que quiera el miedo + Dejarme entrar:-- + ------ + Cosme, que ha temido un miedo + Que puede valer por cuatro. + +[5] + La mujer del hortelano, + Que se lavaba las piernas. + +[6] + Bien podré seguramente + Revelarte intentos mÃos, + Como a galán, como a dueño, + Como a esposo, y como a amigo. + +----Fußnote + + + + +Einundsechzigstes Stück +Den 1. Dezember 1767 + +Hierauf beginnt sie eine lange Erzählung von dem Schicksale der Maria von +Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muß alles das, ohne Zweifel, +längst wissen), daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königin +sehr zugetan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der +Unschuld teilzunehmen; daß Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem +Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Blanca die +Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen. +Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie +ihres ganzen Vertrauens gewürdiget. Aber Blanca ist unversöhnlich. +Umsonst wählte die Königin, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut +der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu genießen. +--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen +lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es +möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland +geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen; +und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Königin in dem Garten +ermorden wollen. Nun weiß Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der +er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, daß es Essex ist, +welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die +unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht +bloß zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die +glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an +ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und +gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin müsse sterben; ihr +Name sei allgemein verhaßt; ihr Tod sei eine Wohltat für das Vaterland, +und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu +verschaffen. + +Essex ist über diesen Antrag äußerst betroffen. Blanca, seine teure +Blanca, kann ihm eine solche Verräterei zumuten? Wie sehr schämt er sich +in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr, +wie es billig wäre, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum +weniger bei ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Königin +die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, seine ihm noch immer +teure Blanca, läuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen, +von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was für +ein rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich +durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken läßt. Wie leicht +könnte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, daß sie +sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht wäre und ihr +zuliebe alles unternähme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit überlegt, +faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der +Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhängern in die Falle zu locken. + +Blanca wird ungeduldig, daß ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf", +sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich +nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig, +Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich +will ich dir es schriftlich geben." + +Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der +Herzog aus der Galerie näher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit +der Blanca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Essex zu +erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu +hören bekömmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca +den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken +will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen; +Essex will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Essex hat die Gunst des +Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Königin zu bemächtigen; +sie ist schon so gut als tot.--"Erst müßt' ich sterben!" ruft auf einmal +der Herzog und kömmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen über +diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht +ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Blanca den Herzog bei sich verborgen +gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, daß sie von +seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Galerie offen gefunden und +sei von selbst hereingegangen, die Gemälde darin zu betrachten.[3] + +"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern +Leben der Königin, bei--Aber genug, daß ich es sage: Blanca ist +unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken. +Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie +Sie, machen Leute, wie ich-- + +Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?-- + +Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich +kenne Sie nun. Ich hielt Sie für einen ganz andern Mann: und ich +finde, Sie sind ein Verräter. + +Der Graf. Wer darf das sagen? + +Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören, +Graf! + +Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein-- + +Der Herzog. Denn kurz: ich bin überzeugt, daß ein Verräter kein Herz +hat. Ich treffe Sie als einen Verräter: ich muß Sie für einen Mann +ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils +über Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen +verlustig sind. Wären Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt, +so würde ich Sie zu züchtigen wissen. + +Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand +begegnen dürfen, als der Bruder des Königs von Frankreich. + +Der Herzog. Wenn ich auch der nicht wäre, der ich bin; wenn nur Sie +der wären, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl +empfinden, mit wem Sie zu tun hätten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn +Sie dieser berufene Krieger sind: wie können Sie so viele große Taten +durch eine so unwürdige Tat vernichten wollen?--" + + +----Fußnote + +[1] + Ay tal traición! vive el Cielo, + Que de amarla estoy corrido. + Blanca, que es mi dulce dueño, + Blanca, a quien quiero, y estimo, + Me propone tal traición! + Que haré, porque si ofendido, + Respondiendo, como es justo, + Contra su traición me irrito, + No por eso ha de evitar + So resuelto desatino. + Pues darle cuenta a la Reina + Es imposible, pues quiso + Mi suerte, que tenga parte + Blanca en aqueste delito. + Pues si procuro con ruegos + Disuadirla, es desvarÃo, + Que es una mujer resuelta + Animal tan vengativo, + Que no se dobla a los riesgos: + Antes con afecto impÃo, + En el mismo rendimiento + Suelen aguzar los filos; + Y quizá desesperada + De mi enojo, o mi desvÃo, + Se declarará con otro + Menos leal, menos fino, + Que quizá por ella intente + Lo que yo hacer no he querido. + +[2] + Si estás consultando, Conde, + Allá dentro de tà mismo + Lo que has de hacer, no me quieres, + Ya el dudarlo fué delito. + Vive Dios, que eres ingrato! + +[3] + Por vida del Rey mi hermano, + Y por la que más estimo, + De la Reina mi señora, + Y por--pero yo lo digo, + Que en mà es el mayor empeño + De la verdad del decirlo, + Que no tiene Blanca parte + De estar yo aquÃ-- + ------ + Y estad muy agradecido + A Blanca, de que yo os dé, + No satisfacción, aviso + De esta verdad, porque a vos, + Hombres como yo--Cond. Imagino + Que no me conoceis bien. + Duq. No os habÃa conocido + Hasta aquÃ; mas ya os conozco, + Pues ya tan otro os he visto + Que os reconozco traidor. + Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo + No pronuncieis algo, Conde, + Que ya no puedo sufriros. + Cond. Cualquier cosa que yo intente-- + Duq. Mirad que estoy persuadido + Que hace la traición cobardes; + Y asà cuando os he cogido + En un lance que me da + De que sois cobarde indicios, + No he de aprovecharme de esto, + Y asà os perdona mi brÃo + Ese rato que teneis + El valor desminuÃdo; + Que a estar todo vos entero, + Supiera daros castigo. + Cond. Yo soy el Conde de Sex + Y nadie se me ha atrevido + Sino el hermano del Rey + De Francia. Duq. Yo tengo brÃo + Para que sin ser quien soy, + Pueda mi valor invicto + Castigar, no digo yo + Sólo a vos, mas a vos mismo, + Siendo leal, que es lo más + Con que queda encarecido. + Y pues sois tan gran Soldado, + No echeis a perder, os pido + Tantas heroicas hazañas + Con un hecho tan indigno-- + +----Fußnote + + + + +Zweiundsechzigstes Stück +Den 4. Dezember 1767 + +Der Herzog fährt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern +Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will +es vergessen, was er gehört habe; er ist versichert, daß Blanca mit dem +Grafen nicht einstimmen und daß sie selbst ihm eben das würde gesagt +haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen wäre. Er schließt +endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so +schändlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber +meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, daß Sie einen Kopf haben, +und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist +in der äußersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich für einen Verräter +gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen +den Herzog zu rechtfertigen; er muß sich gedulden, bis es der Ausgang +lehre, daß er da seiner Königin am getreuesten gewesen sei, als er es am +wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur +Blanca aber sagt er, daß er den Brief sogleich an ihren Oheim senden +wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern +verwünscht, sich aber noch damit getröstet, daß es kein Schlimmerer als +der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse. + +Die Königin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was +ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, daß ihre Leibwache alle Zugänge +wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurückkehren. Der Kanzler +ist der Meinung, die Meuchelmörder aufsuchen zu lassen und durch ein +öffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche +Belohnung zu verheißen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein. +"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann +leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser +Untertan ist."[3] Aber die Königin mißbilliget diesen Rat; sie hält es +für besser, den ganzen Vorfall zu unterdrücken und es gar nicht bekannt +werden zu lassen, daß es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat +erkühnen dürfen. "Man muß", sagt sie, "die Welt glauben machen, daß die +Könige so wohl bewacht werden, daß es der Verräterei unmöglich ist, an +sie zu kommen. Außerordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen, +als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der +Sünde unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes +abschrecken."[4] + +Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem +glücklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Königin +sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke, +weiß ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von +keinen nähern Umständen hören, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und +befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von +England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Königin und Essex sind +allein; das Gespräch wird vertraulicher; Essex hat die Schärpe um; die +Königin bemerkt sie, und Essex würde es aus dieser bloßen Bemerkung +schließen, daß er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca +nicht schon geschlossen hätte. Die Königin hat den Grafen schon längst +heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es +kostet ihr alle Mühe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne +Fragen, ihn auszulocken und zu hören, ob sein Herz schon eingenommen, und +ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte +gibt er ihr durch seine Antworten gewissermaßen zu verstehen, und zugleich, +daß er für ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken +sich erkühnen dürfe. Die Königin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen +zu geben: doch siegt noch ihr Stolz über ihre Liebe. Ebensosehr hat der +Graf mit seinem Stolze zu kämpfen: er kann sich des Gedankens nicht +entwehren, daß ihn die Königin liebe, ob er schon die Vermessenheit +dieses Gedankens erkennet. (Daß diese Szene größtenteils aus Reden +bestehen müsse, die jedes seitab führet, ist leicht zu erachten.) Sie +heißt ihn gehen und heißt ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm +das Patent bringe. Er bringt es; sie überreicht es ihm; er bedankt sich, +und das Seitab fängt mit neuem Feuer an. + +"Die Königin. Törichte Liebe!-- + +Essex. Eitler Wahnsinn!-- + +Die Königin. Wie blind!-- + +Essex. Wie verwegen!-- + +Die Königin. So tief willst du, daß ich mich herabsetze?-- + +Essex. So hoch willst Du, daß ich mich versteige?-- + +Die Königin. Bedenke, daß ich Königin bin! + +Essex. Bedenke, daß ich Untertan bin! + +Die Königin. Du stürzest mich bis in den Abgrund,-- + +Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,-- + +Die Königin. Ohne auf meine Hoheit zu achten. + +Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwägen. + +Die Königin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:-- + +Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemächtiget:-- + +Die Königin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge! + +Essex. So stirb da, und komm' nie über die Lippen!"[7] + +(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden +miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hört, was der +andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie +nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele. +Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier sein muß, um an solchen +unnatürlichen Künsteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreißig +Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere +Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den +spanischen Mustern zugeschnitten waren.) + +Nachdem die Königin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald +wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem +ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stücke der Spanier, wie bekannt, haben +deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre +allerältesten Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf +allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von +Komödien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzüge auf drei +brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stücke seiner +Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte. +Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komödien +zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch +finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf +Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der +spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich +dabei nicht aufhalten. + + +----Fußnote + +[1] + Miradlo mejor, dejad + Un intento tan indigno, + Corresponded a quien sois, + Y sino bastan avisos, + Mirad que hay Verdugo en Londres, + Y en vos cabeza, harto os digo. + +[2] + No he de responder al Duque + Hasta que el suceso mismo + Muestre como fueron falsos + De mi traición los indicios, + Y que soy más leal, cuando + Más traidor he parecido. + +[3] + Y pues son dos los culpados + Podrá ser, que alguno de ellos + Entregue al otro; que es llano, + Que será traidor amigo + Quien fué desleal vasallo. + +[4] + Y es gran materia de estado + Dar a entender, que los Reyes + Están en sà tan guardados + Que aunque la traición los busque, + Nunca ha de poder hallarlos; + Y asà el secreto averigüe + Enormes delitos, cuando + Más que el castigo, escarmientos + Dé ejemplares el pecado. + +[5] + Que ya sólo con miraros + Sé el suceso de la guerra. + +[6] + No bastaba, amor tÃrano, + Una inclinación tan fuerte, + Sin que te hayas ayudado + Del deberle yo la vida? + +[7] + Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible-- + Rein. Qué ciego--Cond. Qué temerario-- + Rein. Me abates a tal bajeza-- + Cond. Me quieres subir tan alto-- + Rein. Advierte, que soy la Reina-- + Cond. Advierte, que soy vasallo-- + Rein. Pues me humillas al abismo-- + Cond. Pues me acercas a los rayos-- + Rein. Sin reparar mi grandeza-- + Cond. Sin mirar mi humilde estado-- + Rein. Ya que te miro acá dentro-- + Cond. Ya que en mà te vas entrando-- + Rein. Muere entre el pecho, y la voz. + Cond. Muere entre el alma, y los labios. + +[8] +"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas" +befindet. + El Capitán Virués; insigne ingenio, + Puso en tres actos la Comedia, que antes + Andaba en cuatro, como pies de niño, + Que eran entonces niñas las Comedias, + Y yo las escribà de once, y doce años, + De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos, + Porque cada acto un pliego contenia. + +[9] In der Vorrede zu seinen Komödien: Donde me atrevà a reducir las +Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenÃan. + +----Fußnote + + + + +Dreiundsechzigstes Stück +Den 8. Dezember 1767 + +Die Königin ist von dem Landgute zurückgekommen; und Essex gleichfalls. +Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen +Augenblick vermissen zu lassen. Er eröffnet mit seinem Cosme den zweiten +Akt, der in dem königlichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des +Grafen, sich mit Pistolen versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde; +er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu +werden. Er heißt den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der +Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet +er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist +eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie +haben wollen; und er würde sie ihr abschlagen müssen. Indem er sie dem +Cosme zur Verwahrung übergibt, kömmt Blanca dazu. Cosme will sie +geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es +Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Königin; +und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu +halten und sie niemanden zu zeigen. + +Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, daß er +ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er +fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des +Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr +bereits sechsunddreißig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die +Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von +der maskierten Dame und der Schärpe zu erzählen. Doch eben besinnt er +sich, daß es wohl eine würdigere Person sein müsse, der er sein Geheimnis +zuerst mitteile. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte, +ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muß von allerlei Art des +spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.) + +Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von +ihrer Neugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als +möglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme +vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich +zurück, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach +Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr +geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu +wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme läßt +nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe +weiß; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines +Geheimnisses entlediget, ist äußerst ekel. Sein Magen will es nicht +länger bei sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den +Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack +wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder +Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwätze +zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß +die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden +könnte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt +sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste +ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie +ihn je eher je lieber heiraten. + +Die Königin tritt herein und ist äußerst niedergeschlagen. Blanca fragt, +ob sie die übrigen Hofdamen rufen soll: aber die Königin will lieber +allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht +auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern kömmt der Graf. + +Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber +der Königin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er +bestraft sich deswegen; sein Herz gehört der Blanca; eigennützige +Absichten müssen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muß +keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder +entfernen, als er die Königin gewahr wird: und die Königin, als sie ihn +erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem +fängt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein +kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine +verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so laß das Mitleid, +welches sie verdienen, den Unwillen überwältigen, den du darüber +empfindest, daß ich es bin, der sie führet." Der Königin gefällt das +Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte +Weise, seine Liebe zu erklären. Er sagt, er habe es glossieret[6] und +bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser +Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die +Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die +Königin lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben. +"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht +groß sein; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe +macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig." + + +----Fußnote + +[1] + --Yo no me acordaba + De decirlo, y lo callaba. + Y como me lo entregó, + Ya por decirlo reviento, + Que tengo tal propiedad, + Que en un hora, o la mitad, + Se me hace postema un cuento. + +[2] + Allá va Flora; mas no, + Será persona más grave-- + No es bien que Flora se alabe + Que el cuento me desfloró. + +[3] + Ya se me viene a la boca + La purga.-- + O que regüeldos tan secos + Me vienen! terrible aprieto.-- + Mi estómago no lo lleva; + Protesto que es gran trabajo, + Meto los dedos.-- + Y pues la purga he trocado, + Y el secreto he vomitado + Desde el principio hasta el fin, + Y sin dejar cosa alguna, + Tal asco me dió al decillo, + Voy a probar de en membrillo, + O a morder de una accituna.-- + +[4] + Es hombre al fin, y ay! de aquella + Que a un hombre fiò su honor, + Siendo tan malo, el mejor. + +[5] + Abate, abate las alas + No subas tanto, busquemos + Más proporcionada esfera + A tan limitado vuelo. + Blanca me quiere, y a Blanca + Adoro yo ya en mi dueño; + Pues cómo de amor tan noble + Por una ambición me alejo? + No conveniencia bastarda + Venza un legÃtimo afecto. + +[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen. +Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklären oder +umschreiben diesen Text so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung +oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heißen sie Mote oder +Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der +Name des Gedichts überhaupt ist. Hier läßt der Dichter den Essex das Lied +der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in +einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile +schließt. Das Ganze sieht so aus: + + Mote. + + Si acaso mis desvarÃos + Llegaren a tus umbrales, + La lástima de ser males + Quite el horror de ser mÃos. + + Glosa. + + Aunque el dolor me provoca + Decir mis quejas no puedo, + Que es mi osadÃa tan poca, + Que entre el respeto, y el miedo + Se me mueren en la boca; + Y asà no llegan tan mÃos + Mis males a tus orejas, + Porque no han de ser oÃdos + Si acaso digo mis quejas, + Si acaso mis desvarÃos. + El ser tan mal explicados + Sea su mayor indicio, + Que trocando en mis cuidados + El silencio, y vos su oficio, + Quedarán más ponderados: + Desde hoy por estas señales + Sean de tà conocidos, + Que sin duda son mis males + Si algunos mal repetidos + Llegaren a tus umbrales. + Mas ay Dies! que mis cuidados + De tu crueldad conocidos, + Aunque más acreditados, + Serán menos adquiridos. + Que con los otros mezclados: + Porque no sabiendo a cuales + Más tu ingratitud se deba + Viéndolos todos iguales + Fuerza es que en común te mueva + La lástima de ser males. + En mi este afecto violento + Tu hermoso desdén le causa; + Tuyo, y mÃo es mi tormento; + Tuyo, porque eres la causa; + Y mÃo, porque yo le siento: + Sepan, Laura, tus desvÃos + Que mis males son tan suyos, + Y en mis cuerdos desvarÃos + Esto que tienen de tuyos + Quite el horror de ser mÃos. + +Es müssen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese. +Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote +schließt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht +alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschränken +und diese mehr als einmal wiederholen. übrigens gehören diese Glossen +unter die älteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan +und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen. + + +----Fußnote + + + + +Vierundsechzigstes Stück +Den 11. Dezember 1767 + +Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die sei, welche keine +Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen +selbst mache sein Glück: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie +noch unverworfen, könne er sich noch von der süßen Vorstellung täuschen +lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sei +glücklich, solange er noch nicht wisse, wie unglücklich er sei.[1] Die +Königin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran +gelegen ist, daß Essex nicht länger darnach handle: und Essex, durch +diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen, +von welchem die Königin behauptet, daß es ein Liebhaber auf alle Weise +wagen müsse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese +Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten +Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Cosme +abgenommen, welches zwar die Königin, aber nicht Essex gewahr wird.[2] + +"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum +will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben +kann? Was fürchte ich noch?--Königin, wann denn also,-- + +Blanca. Der Herzog, Ihre Majestät,-- + +Essex. Blanca könnte nicht ungelegener kommen. + +Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,-- + +Die Königin. Ah! Himmel! + +Blanca. Auf Erlaubnis,-- + +Die Königin. Was erblicke ich? + +Blanca. Hereintreten zu dürfen. + +Die Königin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich +komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das. + +Blanca. Ich gehorche. + +Die Königin. Bleib! Komm her! näher! + +Blanca. Was befehlen Ihro Majestät?-- + +Die Königin. Oh, ganz gewiß!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!-- +Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu +ihm herauskomme. Geh, laß mich! + +Blanca. Was ist das?--Ich gehe. + +Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,-- + +Die Königin. Ha, Eifersucht! + +Essex. Mich zu erklären.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene +Überredung. + +Die Königin. Mein Geschenk in fremden Händen! Bei Gott!--Aber ich +muß mich schämen, daß eine Leidenschaft so viel über mich vermag! + +Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestät gesagt, und wie ich +einräumen muß,--das Glück, welches man durch Furcht erkauft,--sehr +teuer zu stehen kömmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch +ich,-- + +Die Königin. Warum sagen Sie das, Graf? + +Essex. Weil ich hoffe, daß, wann ich--Warum fürchte ich mich noch?-- +wann ich Ihre Majestät meine Leidenschaft bekannte,--daß einige +Liebe-- + +Die Königin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie? +Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin? +Und wer Sie sind? Ich muß glauben, daß Sie den Verstand verloren.--" + +Und so fahren Ihre Majestät fort, den armen Grafen auszufenstern, daß es +eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel über +alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, daß der +Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurückbrausen +müsse? Ob er nicht wisse, daß die Dünste, welche sich zur Sonne erhüben, +von ihren Strahlen zerstreuet würden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein +glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschämt zurück und bittet um Verzeihung. +Die Königin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder +zu betreten und sich glücklich zu schätzen, daß sie ihm den Kopf lasse, +in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen können.[3] Er entfernt sich; +und die Königin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie +wenig ihr Herz mit ihren Reden übereinstimme. + +Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Bühne zu füllen. Blanca +hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fuße sie mit dem Grafen +stehe; daß er notwendig ihr Gemahl werden müsse, oder ihre Ehre sei +verloren. Der Herzog faßt den Entschluß, den er wohl fassen muß; er will +sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht +er sogar, sich bei der Königin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die +Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle. + +Die Königin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurück. Sie ist mit +sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er +scheine. Vielleicht, daß es eine andere Schärpe war, die der ihrigen nur +so ähnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine +Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde +sich näher darüber erklären; er wolle sie zusammen allein lassen: und so +läßt er sie. + +Die Königin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschließt sich +Blanca, zu reden. Sie will nicht länger von dem veränderlichen Willen +eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht länger +anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die +Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Königin. Denn +da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen müsse: so suche sie in +ihr nicht die Königin, sondern nur die Frau.[4] + + +----Fußnote + +[1] + --El más verdadero amor + Es el que en sà mismo quieto + Descansa, sin atender + A más paga, o más intento: + La correspondencia es paga, + Y tener por blanco el precio + Es querer per granjeria.-- + ------ + Dentro está del silencio, y del respeto + Mi amor, y asà mi dicha está segura, + Presumiendo tal vez (dulce locura!) + Que es admitido del mayor suieto. + Dejándome engañar de este concepto, + Dura mi bien, porque mi engaño dura; + Necia será la lengua, si aventura + Un bien que está seguro en el secreto.-- + Que es feliz quien no siendo venturoso + Nunca llega á saber, que es desdichado. + + [2] + Por no morir de mal, cuando + Puedo morir de remedio, + Digo pues, ea, osadÃa, + Ella me alentó, qué temo?-- + Que será bien que a tu Alteza-- + (Sale Blanca con la banda puesta.) + Bl. Señora, el duque--Cond. A mal tiempo + Viene Blanca. Bl. Está aguardando + En la antecámara--Rein. Ay, cielo! + Bl. Para entrar--Rein. Qué es lo que miro! + Bl. Licencia. Rein. Decid;--qué veo!-- + Decid que espere;--estoy loca! + Decid, andad. Bl. Ya obedezco. + Rein. Venid acá, volved. Bl. Qué manda + Vuestra Alteza? Rein. Ei daño es cierto. + Decidle--no hay que dudar-- + Entretenedle un momento-- + Ay de mÃ!--miéntras yo salgo-- + Y dejadme. Bl. Qué es aquesto? + Y voy. Cond. Ya Blanca se fué, + Quiero pues volver--Rein. Ha celos! + Cond. A declararme atrevido, + Pues si me atrevo, me atrevo + En fé de sus pretensiones. + Rein. Mi prenda en poder ajeno? + Vive Dios, pero es vergüenza + Que pueda tanto un afecto + En mÃ. Cond. Según lo que dijo + Vuestra Alteza aquÃ, y supuesto, + Que cuesta cara la dicha, + Que se compra con el miedo, + Quiero morir noblemente. + Rein. Porqué lo decÃs? Cond. Qué espero + Si á vuestra Alteza (que dudo!) + Le declarase mi afecto, + Algun amor--Rein. Que decÃs? + A mÃ? cómo, loco, necio, + Conoceisme? Quien soy yo? + Decid, quién soy? que sospecho, + Que se os huyó la memoria.-- + + [3] + --No me veais, + Y agradeced el que os dejo + Cabeza, en que se engendraron + Tan livianos pensamientos. + + [4] + --Ya estoy resuelta; + No a la voluntad mudable + De un hombre esté yo sujeta, + Que aunque no sé que me olvide, + Es necedad, que yo quiera + Dejar á su cortesÃa + Lo que puede hacer la fuerza. + Gran Isabela, escuchadme, + Y al escucharme tu Alteza, + Ponga aun más que la atención, + La piedad con las orejas. + Isabela os he llamado + En esta ocasión, no Reina, + Que cuando vengo a deciros + Del honor una flaqueza + Que he hecho como mujer, + Porque mejor os parezca, + No Reina, mujer os busco. + Sólo mujer os quisiera.-- + +----Fußnote + + + + +Fünfundsechzigstes Stück +Den 15. Dezember 1767 + +Du? mir eine Schwachheit? fragt die Königin. + +"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Tränen, +sind vermögend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer +kömmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf-- + +Die Königin. Der Graf? Was für ein Graf?-- + +Blanca. Von Essex. + +Die Königin. Was höre ich? + +Blanca. Seine verführerische Zärtlichkeit-- + +Die Königin. Der Graf von Essex? + +Blanca. Er selbst, Königin.-- + +Die Königin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter! + +Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--" + +Die Königin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als +Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hören wünscht. +Sie höret, wo und wie der Graf glücklich gewesen;[1] und als sie +endlich auch höret, daß er ihr die Ehe versprochen, und daß Blanca auf +die Erfüllung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange +zurückgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhöhnet das leichtgläubige +Mädchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an +den Grafen weiter zu denken. Blanca errät ohne Mühe, daß dieser Eifer +der Königin Eifersucht sein müsse: und gibt es ihr zu verstehen. + +"Die Königin. Eifersucht?--Nein; bloß deine Aufführung entrüstet mich. +--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn +liebte, und eine andere wäre so vermessen, so töricht, ihn neben mir +zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage +ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu +lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest, +wie sehr mich eine bloß vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht +aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun würde. Itzt +stelle ich mich nur eifersüchtig. Hüte dich, mich es wirklich zu +machen!"[2] + +Mit dieser Drohung geht die Königin ab und läßt die Blanca in der +äußersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, über +die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Königin hat ihr Vater +und Bruder und Vermögen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen +nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch +erst warten, bis sie ein anderer für sie vollzieht? Sie will sie selbst +bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Königin muß +sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr +an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Königin mit dem Kanzler +wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefaßt zu machen. + +Der Kanzler hält verschiedne Briefschaften, die ihm die Königin nur auf +einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch +durchsehen. Der Kanzler erhebt die außerordentliche Wachsamkeit, mit der +sie ihren Reichsgeschäften obliege; die Königin erkennt es für ihre +Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu +den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und +anständigern Sorgen überlassen. Aber das erste Papier, was sie in die +Hände nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muß +es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkömmt!" +Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen +Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine +Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur +Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem +Bruder des Todes Linderung suchen: und so fällt sie in Schlaf. + +Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die +sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses +Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Königin allein +und entschlafen: was für einen bequemem Augenblick könnte sie sich +wünschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem +Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel errät man, was nun geschieht. Er +kömmt also, sie hier zu suchen; und kömmt eben noch zurecht, der Blanca +in den mörderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die +Königin schon gespannt hat, zu entreißen. Indem er aber mit ihr ringt, +geht der Schuß los: die Königin erwacht, und alles kömmt aus dem Schlosse +herzugelaufen. + +"Die Königin (im Erwachen). Ha! Was ist das? + +Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das für ein Knall in dem Zimmer +der Königin? Was geschieht hier? + +Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall! + +Die Königin. Was ist das, Graf? + +Essex. Was soll ich tun? + +Die Königin. Blanca, was ist das? + +Blanca. Mein Tod ist gewiß! + +Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich! + +Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verräter? + +Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschließen? Schweige ich: so +fällt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich +der nichtswürdige Verkläger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner +teuersten Blanca. + +Die Königin. Sind Sie der Verräter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer +von euch war mein Retter? wer mein Mörder? Mich dünkt, ich hörte im +Schlafe euch beide rufen: Verräterin! Verräter! Und doch kann nur +eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben +suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig, +Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich +will in dieser Ungewißheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht +wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht dürfte es mich +ebensosehr schmerzen, meinen Beschützer zu erfahren, als meinen Feind. +Ich will der Blanca gern ihre Verräterei vergeben, ich will sie ihr +verdanken: wenn dafür der Graf nur unschuldig war."[3] + +Aber der Kanzler sagt: wenn es die Königin schon hierbei wolle bewenden +lassen, so dürfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu groß; sein Amt +erfodere, es zu ergründen; besonders da aller Anschein sich wider den +Grafen erkläre. + +"Die Königin. Der Kanzler hat recht; man muß es untersuchen.--Graf,-- + +Essex. Königin!-- + +Die Königin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr +fürchtet meine Liebe, sie zu hören! War es Blanca? + +Essex. Ich Unglücklicher! + +Die Königin. War es Blanca, die meinen Tod wollte? + +Essex. Nein, Königin; Blanca war es nicht. + +Die Königin. Sie waren es also? + +Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiß nicht. + +Die Königin. Sie wissen es nicht?--Und wie kömmt dieses mörderische +Werkzeug in Ihre Hand?--" + +Der Graf schweigt, und die Königin befiehlt, ihn nach dem Tower zu +bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer +bewacht werden. Sie werden abgeführt, und der zweite Aufzug schließt. + + +----Fußnote + +[1] + bl. le llamé una noche obscura-- + rein. y vino a verte? bl. pluguiera + a dios, que no fuera tanta + mi desdicha, y su fineza. + vino más galán que nunca, + y yo que dos veces ciega, + por mi mal, estaba entónces + del amor, y las tinieblas-- + +[2] + rein. este es celo, blanca. bl. celos, + añadiéndole una letra. + rein. qué decis? bl. señora, que + si acaso posible fuera, + a no ser vos la que dice + esas palabras, dijera, + que eran celos. rein. qué son celos? + no son celos, es ofensa + que me estais haciendo vos. + supongamos, que quisiera + al conde en esta ocasión; + pues si yo al conde quisiera + y alguna atrevida, loca + presumida, descompuesta + le quisiera, qué es querer? + que le mirara, o le viera; + qué es verle? no sé que diga. + no hay cosa que ménos sea-- + no la quitara la vida? + la sangre no le bebiera?-- + los celos, aunque fingidos, + me arrebataron la lengua, + y dispararon mi enojo-- + mirad que no me deis celos, + que si fingidos se altera + tanto mi enojo, ved vos, + si fuera verdad, qué hiciera-- + escarmentad en las burlas, + no me deis celos de veras. + + conde, vos traidor? vos, blanca? + el juicio está indiferente, + cual me libra, cual me mata. + conde, bianca, respondedme! + tu á la reina? tu á la reina? + oid, aunque confusamente: + ha, traidora, dijo el conde. + blanca, dijo: traidor eres. + estas razones de entrambos + a entrambas cosas convienen: + uno de los dos me libra, + otro de los me ofende. + conde, cuál me daba vida? + blanca, cuál me daba muerte? + decidme!--no lo digais, + que neutral mi valor quiere, + per no saber el traidor, + no saber el inocente. + mejor es quedar confusa, + en duda mi juicio quede, + porque cuando mire a alguno, + y de la traición me acuerde, + a pensar, que es el traidor, + que es el leal también piense. + yo le agradeciera á blanca, + que ella la traidora fuese, + solo á trueque de que el conde + fuera él, que estaba inocente.-- + +----Fußnote + + + + +Sechsundsechzigstes Stück +Den 18. Dezember 1767 + +Der dritte Aufzug fängt sich mit einer langen Monologe der Königin an, +die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu +finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren +Mörder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu dürfen. Besonders +geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit; +sie denkt über diesen Punkt überhaupt lange so zärtlich und sittsam +nicht, als wir es wohl wünschen möchten, und als sie auf unsern Theatern +denken müßte.[1] + +Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude über die +glückliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen +Beweis, der sich wider den Essex äußert, vorzulegen. Auf der Pistole, die +man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehört ihm; und wem +sie gehört, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen. + +Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was +nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewußten Briefe +nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise +sieht einer Flucht sehr ähnlich, und solche Flucht läßt vermuten, daß er +an dem Verbrechen seines Herrn Anteil könne gehabt haben. Er wird also +vor den Kanzler gebracht, und die Königin befiehlt, ihn in ihrer +Gegenwart zu verhören. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann +man leicht erraten. Er weiß von nichts; und als er sagen soll, wo er +hingewollt, läßt er sich um die Wahrheit nicht lange nötigen. Er zeigt +den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu +überbringen befohlen: und man weiß, was dieser Brief enthält. Er wird +gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hört, wohin es damit +abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er über den Schluß desselben, +worin der Überbringer ein Vertrauter heißt, durch den Roberto seine +Antwort sicher bestellen könne. "Was höre ich?" ruft Cosme. "Ich ein +Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin +niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe +ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich möchte doch wissen, was +mein Herr an mir gefunden hätte, um mich dafür zu nehmen. Ich, ein +Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiß zum +Exempel, daß Blanca und mein Herr einander lieben, und daß sie heimlich +miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdrücken +wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie hübsch sehen, meine +Herren, was für ein Vertrauter ich bin. Schade, daß es nicht etwas viel +Wichtigeres ist: ich würde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht +schmerzt die Königin nicht weniger, als die Überzeugung, zu der sie durch +den unglücklichen Brief von der Verräterei des Grafen gelangt. Der Herzog +glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu müssen und der Königin +nicht länger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufälligerweise +angehört habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verräters, und +sobald die Königin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestät, +als gekränkte Liebe, des Grafen Tod zu beschließen. + +Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefängnis. Der Kanzler kömmt +und eröffnet dem Grafen, daß ihn das Parlament für schuldig erkannt und +zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen +werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld. + +"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so +viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht +geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhändiger Name? + +Essex. Allerdings ist er es. + +Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca, +nicht ausdrücklich den Tod der Königin beschließen hören? + +Essex. Was er gehört hat, hat er freilich gehört. + +Der Kanzler. Sahe die Königin, als sie erwachte, nicht die Pistole in +Ihrer Hand? Gehört die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht +Ihnen? + +Essex. Ich kann es nicht leugnen. + +Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig. + +Essex. Das leugne ich. + +Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, daß Sie den Brief an den +Roberto schrieben? + +Essex. Ich weiß nicht. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, daß der Herzog den verräterischen +Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen mußte? + +Essex. Weil es der Himmel so wollte. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, daß sich das mörderische Werkzeug in +Ihren Händen fand? + +Essex. Weil ich viel Unglück habe. + +Der Kanzler. Wenn alles das Unglück, und nicht Schuld ist: wahrlich, +Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie +werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen müssen. + +Essex. Schlimm genug."[3] + +"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa +mit hängen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr +hinlänglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu +verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der +Kanzler bedauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse; +weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich, +geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er +vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge haben +möchte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf +wünschte bloß deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu +ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich tun +dürfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein +Leben für sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf +der Zunge führen, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er +sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er +setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er +ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca +einzuhändigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen. + + +----Fußnote + +[1] + No pudo ser que mintiera + Blanca en lo que me contó + De gozarla el Conde? No, + Que Blanca no lo fingiera: + No pudo haberla gozado, + Sin estar enamorado, + Y cuando tierno y rendido, + Entónces la haya querido, + No puede haberla olvidado? + No le vieron mis antoios + Entre acogimientos sabios, + Muy callando con los labios, + Muy bachiller con los ojos, + Cuando al decir sus enojos + Yo su despecho reñÃ? + + [2] + Qué escucho? Señores mÃos, + Dos mil demonios me lleven, + Si yo confidente soy, + Si lo he sido, o si lo fuere, + Ni tengo intención de serlo. + --Tengo yo + Cara de ser confidente? + Yo no sé que ha visto en mi + Mi amo para tenerme + En esta opinion; y á fe, + Que me holgara de que fuese + Cosa de más importancia + Un secretillo muy leve, + Que rabio ya per decirlo, + Que es que el Conde a Blanca quiere, + Que están casados los dos + En secreto-- + + [3] + Con. Sólo el descargo que tengo + Es el estar inocente. + Senescal. Aunque yo quiera creerlo + No me dejan los indicios, + Y advertid, que ya no es tiempo + De dilación, que mañana + Habeis de morir. Con. Yo muero + Inocente. Sen. Pues decid: + No escribÃsteis a Roberto + Esta carta? Aquesta firma + No es la vuestra? Con. No lo niego. + Sen. El gran duque de Alanzón + No os oyó en el aposento + De Blanca trazar la muerte + De la Reina? Con. Aqueso es cierto. + Sen. Cuando despertó la Reina + No os halló, Conde, a vos mesmo + Con la pistola en la mano? + Y la pistola que vemos + Vuestro nombre allà gravado + No es vuestro? Con. Os lo concedo. + Sen. Luego vos estais culpado. + Con. Eso solamente niego. + Sen. Pues como escribÃsteis, Conde, + La carta al traidor Roberto? + Con. No lo sè. Sen. Pues cómo el Duque, + Que escuchó vuestros intentos, + Os convence en la traición? + Con. Porque asà lo quiso el cielo. + Sen. Cómo hallado en vuestra mano + Os culpa el vil instrumento? + Con. Porque tengo poca dicha.-- + Sen. Pues sabed, que si es desdicha + Y no culpa, en tanto aprieto + Os pone vuestra fortuna, + Conde amigo, que supuesto + Que no dais otro descargo, + En fe de indicios tan ciertos, + Mañana vuestra cabeza + Ha de pagar-- + +----Fußnote + + + + +Siebenundsechzigstes Stück +Den 22. Dezember 1767 + +Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist +ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem +ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf +dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das +Gefängnis hereintritt. Es ist die Königin. "Der Graf", sagt sie vor sich +im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür +verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um +Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genüge +geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie +näher kommt, wird sie gewahr, daß der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt +sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der +feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!" +--Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen +auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", fährt die Königin fort, "sondern die +Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, und lassen Sie uns kostbare +Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner? +Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich höre, daß Sie morgen sterben +sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben für Leben +zu geben. Ich habe den Schlüssel des Gefängnisses zu bekommen gewußt. +Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die +Pforte in den Park öffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben, +das mir so teuer ist."-- + +"Essex. Teuer? Ihnen, Madame? + +Die Königin. Würde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage? + +Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet +einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich +scheine glücklich, weil die mich zu befreien kömmt, die meinen Tod +will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will, +die meine Freiheit mir anbietet."[2]-- + +Die Königin verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er +verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er +bittet, sie mit einer andern zu vertauschen. + +"Die Königin. Und mit welcher? + +Essex. Mit der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen +steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königin sehen zu +lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie +an das zu erinnern, was ich für Sie getan habe. Bei dem Leben, das +ich Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu +erzeigen. + +Die Königin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich +sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur. + +Essex. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame. + +Die Königin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber +nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich +itzt für Sie tun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen. +Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3] + +Essex (indem er den Schlüssel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit +Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte +der Königin, oder dem Ihrigen zu lesen. + +Die Königin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur das, +welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun +erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Königin. Jenes, mit +welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr. + +Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des +königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der +es erblickt; und auch mir müßte diese Wohltat des Gesetzes zustatten +kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht +nehmen. Ich will es wagen, meine Königin an die Dienste zu erinnern, +die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4] + +Die Königin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr +Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste. + +Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin zu +versprechen? + +Die Königin. Nichts. + +Essex. Wenn die Königin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der +ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir +verfahren? + +Die Königin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat +Ihnen den Weg geöffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen. + +Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr +Leben schuldig ist? + +Die Königin. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin. +Aber gesetzt, ich wäre es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als +ich von Ihnen empfangen habe? + +Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel +gegeben? + +Die Königin. Dadurch allerdings. + +Essex. Der Weg, den mir dieser Schlüssel eröffnen kann, ist weniger +der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll, +muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt +die Königin, mich mit diesem Schlüssel für die Reiche, die ich ihr +erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das +ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das +abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anständigem Mittel zu danken +haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht). + +Die Königin. Wo gehen Sie hin? + +Essex. Nichtwürdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung! +Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in +ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eröffnet das +Fenster und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal.) Durch +die Flucht wäre mein Leben viel zu teuer erkauft.[6] + +Die Königin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr übel getan. + +Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich +eine undankbare Königin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf +nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses +unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf +meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken +derselben ihren Undank zu verewigen. + +Die Königin. Ich muß das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr +konnte ich, ohne Nachteil meiner Würde, für Sie nicht tun. + +Essex. So muß ich denn sterben? + +Die Königin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Königin muß +dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen müssen Sie sterben; und es ist +schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir +das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Könige, daß sie +viel weniger nach ihren Empfindungen handeln können, als andere. +--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--" + + +----Fußnote + +[1] + el conde me dió la vida + y asà obligada me veo; + el conde me daba muerte, + y asà ofendida me quejo. + pues ya que con la sentencia + esta parte he satisfecho, + pues complà con la justicia, + con el amor cumplir quiero.-- + +[2] + ingeniosa mi fortuna + halló en la dicha más nuevo + modo de hacerme infeliz, + pues cuando dichoso veo, + que me libra quien me mata, + tambien desdichado advierto, + que me mata quien me libra. + +[3] + pues si esto ha de ser, primero + tomad, conde, aquesta llave, + que si ha de ser instrumento + de vuestra vida, quizá + tan otra, quitando el velo, + seré, que no pueda entónces + hacer lo que ahora puedo, + y como á daros la vida + me empeñé por lo que os debo, + por si no puedo después, + de esta suerte me prevengo. + +[4] + moriré yo consolado. + aunque si por privilegio + en viendo la cara al rey + queda perdonado el reo; + yo de este indulto, señora + vida por ley me prometo: + esto es en común, que es + lo que a todos da el derecho; + pero si en particular + merecer el perdón quiero, + oÃd, vereis que me ayuda + mayor indulto en mis hechos. + mis hazañas-- + +[5] + luego esta, que asà camino + abrirá a mi vida, abriendo, + también lo abrirá a mi infamia; + luego esta, que instrumento + de mi libertad, también + lo habrá de ser de mi miedo. + esta, que sólo me sirve + de huir, es el desempeño + de reinos, que os he ganado, + de servicios, que os he hecho. + y en fin, de esa vida, de esa, + que teneis hoy por mi esfuerzo? + en esta se cifra tanto?-- + +[6] + vil instrumento + de mi vida, y de mi infamia, + por esta reja cayendo + del parque, que bate el rÃo, + entre sus crÃstales quiero, + si sois mi esperanza, hundiros; + caed al húmido centro, + donde el tamásis sepulte + mi esperanza, y mi remedio. + +----Fußnote + + + + +Achtundsechzigstes Stück +Den 25. Dezember 1767 + +Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der +Stille: und beide, der Graf und die Königin, gehen ab; jedes von einer +besondern Seite. Im Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Essex Cosmen +den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick +darauf kömmt dieser damit herein und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode +führe; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es +versprochen, übergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine +Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung? +die käme ein wenig zu spät. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er +doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch +wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm +ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht +gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. "Wäre ich nicht", sagt er, +"bei einem Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hol' der Geier die +Vertrautschaft! Nein, das muß mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme +beschließt den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn +der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige +und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können; +er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden +könne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der +Königin zu bringen. + +Eben kömmt die Königin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler +nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Königin erteilt dem +Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich +und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon +erfahren, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und +Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und, +nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die +Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu +zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und +ihnen einzuschärfen, daß ihre Königin ebenso strenge zu sein wisse, als +sie gnädig sein zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter +sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2] + +Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königin an. +"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode +der Blanca einzuhändigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht +warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestät wissen müssen, und +die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen können: so bringe ich ihn +Ihro Majestät, und nicht der Blanca." Die Königin nimmt den Brief und +lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir +nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung +schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verräter +gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der +bewußten Sache behilflich zu sein, bloß um der Königin desto nachdrück- +licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu +locken. Urteile, wie groß meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher +selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung: +stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich +nun nicht mehr; und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich +so sehr liebte, daß er den Tod des Verräters für dich sterben wollte. "[3]-- + +"Mensch!" ruft die bestürzte Königin, "was hast du mir da gebracht?" +"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen +Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn +augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er +gebracht: sein Leichnam nämlich. So groß die Freude war, welche die +Königin auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so +groß sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie +verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und +Blanca mag zittern!-- + +So schließt sich dieses Stück, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu +lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den +dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges, +welches man uns übersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet hätte. +Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch +geschrieben; aber kein spanisches Stück. ein bloßer Versuch in der +korrekten Manier der Franzosen, regelmäßig, aber frostig. Ich bekenne sehr +gern, daß ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich +wohl ehedem muß gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stück des nämlichen +Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation, +welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben: +so mögen sie mir es nicht übelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem +alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen. + +Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex". +In allen einerlei Fehler, und einerlei Schönheiten: mehr oder weniger; +das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den +Schönheiten dürfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr +sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue +Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl +angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde +und Stärke im Ausdrucke.-- + +Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten +sind; ich leugne nicht, daß sie zum Teil sehr leicht bis in das +Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche können getrieben werden, daß +sie bei den Spaniern von dieser Übertreibung selten frei sind. Aber man +nehme den meisten französischen Stücken ihre mechanische Regelmäßigkeit: +und sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig +bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und +Theaterstreiche und Situationen? + +Anständigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre +Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre +Theaterstreiche anständiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen +anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit! + +Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der +pöbelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des +Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so berüchtiget +ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloß mit +der Anständigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anständigkeit ich +meine;--wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht +beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der +Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die +man den größern Teil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern +gäbe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so würde mir die unsinnigste +Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf +Weiß, willkommner sein, als die kalte Einförmigkeit, durch die mich der +gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten +mehr heißen, unfehlbar einschläfert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier +in Betrachtung. + + +----Fußnote + +[1] + Hasta que el tronco cadáver + Le sirva de muda lengua. + +[2] + Y asà al salón de palacio + Hareis que llamados vengan + Los Grandes y los Milordes, + Y para que allà le vean, + Debajo de una cortina + Hareis poner la cabeza + Con el sangriento cuchillo, + Que amenaza junto a ella, + Por sÃmbolo de justicia, + Costumbre de Inglaterra: + Y en estando todos juntos, + Monstrándome justiciera, + Exhortándolos primero + Con amor a la obediencia, + Les mostraré luego al Conde, + Para que todos atiendan, + Que en mi hay rigor que los rinda, + Si hay piedad que los atreva. + +[3] + Blanca, en el último trance, + Porque hablarte no me dejan, + He de escribirte un consejo, + Y también una advertencia; + La advertencia es, que yo nunca + Fuà traidor, que la promesa + De ayudar en lo que sabes, + Fué por servir a la Reina, + Cogiendo a Roberto en Londres, + Y a los que seguirle intentan; + Para aquesto fué la carta: + Esto he querido que sepas, + Porque adviertas el prodigio + De mi amor, que asà se deja + Morir, por guardar tu vida. + Esta ha sido la advertencia: + (Valgame dios!) el consejo + Es, que desistas la empresa + A que Roberto te incita. + Mira que sin mà te quedas + Y no ha de haber cada dÃa + Quien, por mucho que te quiera, + Por conservarte la vida + Por traidor la suya pierda.-- + +[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stück, S. 117. + +----Fußnote + + + + +Neunundsechzigstes Stück +Den 29. Dezember 1767 + +Lope de Vega, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters +betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einführte. Das +Volk war bereits so daran gewöhnt, daß er ihn wider Willen mit anstimmen +mußte. In seinem Lehrgedichte über "die Kunst, neue Komödien zu machen", +dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darüber. Da er sahe, daß +es nicht möglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten für seine +Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit +wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er +dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so +müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sei besser, auch nur nach +diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar +keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können +doch noch immer Regeln beobachten und müssen dergleichen beobachten, +wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgeschmacke +hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des +Ernsthaften und Lächerlichen die erste. + +"Auch Könige", sagt er, "könnet ihr in euern Komödien auftreten lassen. +Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht +gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, daß es wider die Regeln laufe, +oder weil er es der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den +Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses wieder zur +ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Götter einführte; wie +unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiß gar +wohl, daß Plutarch, wenn er von Menandern redet, die älteste Komödie +nicht sehr lobt. Es fällt mir also freilich schwer, unsere Mode zu +billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst +entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber schweigen. Es ist +wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz +zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus +der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will +nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft und halb +lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der +sie einen Teil ihrer Schönheit entlehnet."[1] + +Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Ist es +wahr, daß uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und +Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen, +zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope +mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloß die Fehler seiner +Bühne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser +Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung +der Natur ist. + +"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare +--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Könige +bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fa1staff am besten +gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch +gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften +unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; daß Komisches und +Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft +ebendieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur Tränen in +die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen +seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht +zu lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer +wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man +tadelt das und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche +Abbildungen des menschlichen Lebens sind." + +"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürfen) der +Lebenslauf der großen Staatskörper selbst, insofern wir sie als +ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und +Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, daß +man beinahe auf die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser Letztern +wären klüger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie +nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich +zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die +Griechen sich angelegen sein ließen, sie zu verschönern. Um itzt nichts +von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, sowie im +Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten +Akteurs gespielt werden,--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der +Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und +Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen? +Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum +sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft +überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten +vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, +ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder +verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft +sehen wir die größesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen +hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer +leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität +behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und +durcheinander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung +zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch irgendeinen unter +Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch +einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöset, +aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, daß auf +die eine oder die andere Art das Stück ein Ende hat und die Zuschauer +klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen. Übrigens weiß +man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir +reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen +Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt +des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, daß er +seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel große +Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten +mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hanswurst +--aufführen gesehen? Wie oft haben die größesten Männer, dazu geboren, die +schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker und Zeitalter +zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen +schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen +müssen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen, +doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in +beiden Arten der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich daher, +daß Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stückchen von +seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen können, ihr +Spiel verderbt?"-- + +Wenn in dieser Vergleichung des großen und kleinen, des ursprünglichen +und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnügen aus +einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten +unsers Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publikum noch viel zu +früh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England würde es das +äußerste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf +aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere +Großen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus +einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß +schärfer und ihr Magen stärker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt +haben, so kommen sie auch wohl einmal über den "Agathon"[2]. Dieses ist +das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem +schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich +es bewundere: da ich mit der äußersten Befremdung wahrnehme, welches +tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darüber beobachten, oder in +welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der +erste und einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem +Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht, +daß es einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die es darüber +verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.) + + +----Fußnote + +[1] + Eligese el sujeto, y no se mire, + (Perdonen los preceptos) si es de Reyes, + Aunque por esto entiendo, que el prudente, + Filipo Rey de España, y Señor nuestro, + En viendo un Rey en ellos se enfadaba, + O fuese el ver, que al arte contradice, + O que la autoridad real no debe + Andar fingida entre la humilde plebe, + Esto es volver a la Comedia antigua, + Donde vemos que Plauto puso Dioses, + Como en su Anfitrión lo muestra Júpiter. + Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo, + Porque Plutarco hablando de Menandro, + No siente bien de la Comedia antigua, + Mas pues del arte vamos tan remotos, + Y en España le hacemos mil agravios, + Cierren los Doctos esta vez los labios. + Lo Trágico, y lo Cómico mezclado, + Y Terencio con Séneca, aunque sea, + Como otro Minotauro de Pasife, + Harán grave una parte, otra ridÃcula, + Que aquesta variedad deleita mucho, + Buen ejemplo nos da naturaleza, + Que por tal variedad tiene belleza. + +[2] Zweiter Teil (S. 192). + +----Fußnote + + + + +Siebzigstes Stück +Den 1. Januar 1768 + +Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr +vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch- +tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal +auf irgendeinem Titel genannt gefunden), für die geflissentlichste +Ausführung des Gedankens beim Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie +auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie würde zeigen, daß eben das +Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit +der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes +dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen- +verstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte +folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es +doch bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhören; +wenigstens keine höhere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern +des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er +will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, daß er nicht natürlich +scheinen könnte; bloß und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich +zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmaß und Verhältnis, zu viel von dem zeiget, +was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem +Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste. + +Als Kritikus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so +sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine +Mißgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die +ersten Versuche der unter ungeschlachteten Völkern wieder auflebenden +Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluß gewisser +äußerlichen Ursachen oder das Ohngefähr den meisten, Vernunft und +Überlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte. +Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspiels (da das +Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso +getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie +zu verschönern". + +Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung und der Natur, als +dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen +unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche +man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißfalle, +gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es gibt +andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine +Natur, die schöner sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur. +Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene +finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also +müßte notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Mühe haben +würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden. + +Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie +auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider +die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese, +so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner sein will als +die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten +Anstoß von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen +Widerspruch erklären? + +Wir würden notwendig zurückkommen und das, was wir von beiden Gattungen +erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne +uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen +Haupt-und Staatsaktion, über deren Güte wir streiten, mit dem menschlichen +Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig! + +Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gründlich genug +sind, doch gründlichere veranlassen können.--Der Hauptgedanke ist dieser: +Es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gotischer +Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Hälfte +getreu nach und vernachlässiget die andere Hälfte gänzlich; sie ahmet die +Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer +Empfindungen und Seelenkräfte dabei zu achten. + +In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles +wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach +dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen +unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil +nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu +geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit +nach Gutdünken lenken zu können. + +Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe +würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen +Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des +gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was +wir träumten. + +Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser +Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu +erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer +Verbindung verschiedener Gegenstände, es sei der Zeit oder dem Raume +nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen, +sondert sie wirklich ab und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese +Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur +immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet. + +Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und +eine andere von nichtigem Belange läuft quer ein: so suchen wir der +Zerstreuung, die diese uns drohet, möglichst auszuweichen. Wir +abstrahieren von ihr; und es muß uns notwendig ekeln, in der Kunst das +wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten. + +Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen +des Interesse annimmt, und eine nicht bloß auf die andere folgt, sondern +so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die +Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns +die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur alsdenn +verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser +Unmöglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.-- + +Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.-- + +Den fünfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die +Brüder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt. + +Das erstere Stück kann für ein deutsches Original gelten, ob es schon +größtenteils aus den "Brüdern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt, +daß auch Molière aus dieser Quelle geschöpft habe; und zwar seine +"Männerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen über dieses +Vorgeben: und ich führe Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern +an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon +nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er hätte sagen +sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses +Sprüchelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wüßte +keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen könnte, +ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von +Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen, +weniger behilflich sein könnte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer +Schriftsteller, dünkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach +diesem Sprüchelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er +streiten kann: so kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige +findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es +aufrichtig, nun einmal die französischen Skribenten vornehmlich erwählet, +und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach +einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan +mehr mutwillig, als gründlich scheinen wollte: der soll wissen, daß +selbst der gründliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat. +Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand +liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et +casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum +opinionibus, usw. O des Pedanten! würde der Herr von Voltaire rufen. +--Ich bin es bloß aus Mißtrauen in mich selbst. + +"'Die Brüder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "können höchstens +die Idee zu der Männerschule, gegeben haben. In den 'Brüdern' sind zwei +Alte von verschiedner Gemütsart, die ihre Söhne ganz verschieden +erziehen; ebenso sind in der 'Männerschule' zwei Vormünder, ein sehr +strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Ähnlichkeit. In den +'Brüdern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der +'Männerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von +den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle +spielen müßte, erscheinet bloß auf dem Theater, um niederzukommen. Die +Isabelle des Molière ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer +witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem +Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Brüdern' ist +ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, daß ein Alter, der sechzig +Jahre ärgerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und +höflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Männerschule' +aber ist die beste von allen Entwicklungen des Molière; wahrscheinlich, +natürlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht +das Schlechteste daran ist, äußerst komisch." + + + + + +Einundsiebzigstes Stück +Den 5. Januar 1768 + +Es scheinet nicht, daß der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse +bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er +spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur +noch sowas davon im Gedächtnisse; und das schreibt er auf gut Glück so +hin, unbekümmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht +aufmutzen, was er von der Pamphila des Stücks sagt, "daß sie bloß auf dem +Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem +Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloß ihre +Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle +spielen müßte, das läßt sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und +Römern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes +Mädchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und +Gefahr läuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem +sehr ungeschickt.-- + +Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft +die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der mürrische strenge +Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal völlig verändern. Das +ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet +seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam +fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus +an? dürfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche +nur glauben dürfen, daß Donatus den Terenz fleißiger gelesen und besser +verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stücke die +Rede; es ist noch da; man lese selbst. + +Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu +besänftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines +Ärgernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich +bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber +morgen, bei früher Tageszeit, muß der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da +will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen, +wo er es heute gelassen hat; die Sängerin, die diesem der Vetter gekauft, +will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und +eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen, +sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des +fünften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte +nur so obenhin nimmt, als ob er völlig von seiner alten Denkungsart +abgehen und nach den Grundsätzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1] +Doch die Folge zeigt es, daß man alles das nur von dem heutigen Zwange, +den er sich antun soll, verstehen muß. Denn auch diesen Zwang weiß er +hernach so zu nutzen, daß er zu der förmlichsten hämischsten Verspottung +seines gefälligen Bruders ausschlägt. Er stellt sich lustig, um die +andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht +in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwürfe; er wird nicht +freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder +von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er +Verschwenden nennt, lächerlich zu machen. Dieses erhellet unwider- +sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den +Anschein betriegen läßt, und ihn wirklich verändert glaubt.[2] Hic +ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores, +quam mutavisse. + +Ich will aber nicht hoffen, daß der Herr von Voltaire meinet, selbst +diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts +als geschmält und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere +mehr Gelassenheit und Kälte, als man dem Demea zutrauen dürfe. Auch +hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich +motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet, +bei dem geringsten Übergange so feine Schattierungen in acht genommen, +daß man nicht aufhören kann, ihn zu bewundern. + +Nur ist öfters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe +sehr nötig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses +schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen +Künstler, und in dem übrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die +Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäfte ein sehr +ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die +Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre +Stücke überhaupt nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt +waren, als bis man sie gesehen und gehört hatte: so konnten sie es um so +mehr überhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu +unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermaßen mit +unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber +einbildet, daß die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen, +in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebärde, jede Miene, jede +besondere Abänderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten +gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzählige Stellen +vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur +zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der +wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte +gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene +ausdrücken muß. + +Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesänderung des Demea +vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anführen will, weil auf +ihnen gewissermaßen die Mißdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiß +nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, daß es sein +ehrbarer frommer Sohn ist, für den die Sängerin entführet worden, und +stürzt mit dem unbändigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und +der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht. + +"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Söhne, mir sie +beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so mäßige dich, und komm wieder +zu dir! + +Demea. Gut, ich mäßige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes +Wort entfahren. Laß uns bloß bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins +geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte, +daß sich ein jeder nur um den seinen bekümmern sollte? Antworte."[3] usw. + +Wer sich hier nur an die Worte hält und kein so richtiger Beobachter ist, +als es der Dichter war, kann leicht glauben, daß Demea viel zu geschwind +austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger +Überlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, daß jeder Affekt, wenn er +aufs äußerste gekommen, notwendig wieder sinken müsse; daß Demea, auf den +Verweis seines Bruders, sich des ungestümen Jachzorns nicht anders als +schämen könne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht +das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei +vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius +destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam +juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der +Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, daß +sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er +sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den +Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Überzeugung zu +demütigen. Doch da er über die Wallungen seines kochenden Geblüts nicht +so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der überführen will, doch noch +immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid +dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse +iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich mäßige +mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebärde und Stimme +verraten genugsam, daß er sich noch nicht gemäßiget hat, daß er noch +nicht wieder bei sich ist. Er bestürmt den Micio mit einer Frage über die +andere, und Micio hat alle seine Kälte und gute Laune nötig, um nur zum +Worte zu kommen. + + +----Fußnote + +[1] + --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc, + Prope jam excurso spatio mitto-- + +[2] + Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos? + Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi: + Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant, + Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono, + Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio. + Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine, + Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor; + Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet! + + +[3] + --De. Eccum adest + Communis corruptela nostrum liberum. + Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi. + De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia: + Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit, + Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum, + Neve ego tuum? responde!-- + +----Fußnote + + + + +Zweiundsiebzigstes Stück +Den 8. Januar 1768 + +Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im +geringsten nicht überzeugt. Aller Vorwand, über die Lebensart seiner +Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch fängt er wieder von +vorne an, zu nergeln. Micio muß auch nur abbrechen und sich begnügen, daß +ihm die mürrische Laune, die er nicht ändern kann, wenigstens auf heute +Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen läßt, +sind meisterhaft.[1] + +"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schönen +Grundsätzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden. + +Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon! +Heute schenke dich mir. Komm, kläre dich auf. + +Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muß, das muß ich.--Aber +morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche +geht mit. + +Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; dächte ich. Sei nur heute +lustig! + +Demea. Auch das Mensch von einer Sängerin muß mit heraus. + +Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiß nicht weg wünschen. +Nur halte sie auch gut. + +Demea. Da laß mich vor sorgen! Sie soll in der Mühle und vor dem +Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu +soll sie mir am heißen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so +schwarz geworden, als ein Löschbrand. + +Micio. Das gefällt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und +alsdenn, wenn ich wie du wäre, müßte mir der Sohn bei ihr schlafen, er +möchte wollen oder nicht. + +Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemütsart freilich kannst du +wohl glücklich sein. Ich fühl' es, leider-- + +Micio. Du fängst doch wieder an? + +Demea. Nu, nu; ich höre ja auch schon wieder auf." + +Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum +vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus +EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller +Ernst es war, daß er die Sängerin nicht als Sängerin, sondern als eine +gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muß über den Einfall des Micio +lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich +stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?" +und muß sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeißen. Er verbeißt +es auch bald, denn das "Ich fühl' es leider" sagt er wieder in einem +ärgerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch +ist: so große Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat +man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann. +Je seltner ihm diese wohltätige Erschütterung ist, desto länger hält sie +innerlich an; nachdem er längst alle Spur derselben auf seinem Gesichte +vertilgt, dauert sie noch fort, ohne daß er es selbst weiß, und hat auf +sein nächstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluß.-- + +Aber wer hätte wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht? +Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken. +Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war +ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns +gekommen, verdient daher nicht bloß wegen der Sprache studiert zu werden. +Nur muß man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Daß aber +dieser Donatus (Aelius) so vorzüglich reich an Bemerkungen ist, die +unsern Geschmack bilden können, daß er die verstecktesten Schönheiten +seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthüllen weiß: das kömmt +vielleicht weniger von seinen größern Gaben, als von der Beschaffenheit +seines Autors selbst. Das römische Theater war, zur Zeit des Donatus, +noch nicht gänzlich verfallen; die Stücke des Terenz wurden noch +gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Überlieferungen +gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des römischen Geschmacks +herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hörte; er +brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu +machen, daß ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst +schwerlich dürfte ausgegrübelt haben. Ich wüßte daher auch kein Werk, aus +welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen könnte, als diesen +Kommentar des Donatus über den Terenz: und bis das Latein unter unsern +Schauspielern üblicher wird, wünschte ich sehr, daß man ihnen eine gute +Übersetzung davon in die Hände geben wollte. Es versteht sich, daß der +Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben müßte, was die +bloße Worterklärung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den +Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Übersetzung des Textes ist wäßrig +und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der +Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr +gänzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die +Dacier zu brauchen für gut befunden. Es wäre also keine getane Arbeit, +was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun +könnten, können auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun könnten, +werden sich bedanken. + +Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch +sonderbar, daß auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire +gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, daß am Ende mit dem +Charakter des Demea eine gänzliche Veränderung vorgehe; wenigstens läßt +er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", läßt er +ihn rufen, "schweigt doch! Ihr überhäuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn, +Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloß weil ich einmal ein +bißchen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich +werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch hübsch, wenn man geliebt +wird. Ich will auch gewiß so bleiben. Ich wüßte nicht, wenn ich so eine +vergnügte Stunde gehabt hätte." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter +stirbt gewiß bald.[3] Die Veränderung ist gar zu plötzlich." Jawohl; aber +das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veränderungen, +die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier +etwas rechtfertigen? + + +----Fußnote + +[1] + --De. Ne nimium modo + Bonae tuae istae nos rationes, Micio, + Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace; + Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi: + Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert, + Faciendum est: ceterum rus cras cum filio + Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo: + Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam + Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris. + Eo pacto prorsum illic alligaris filium. + Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro, + Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis, + Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec + Meridie ipso faciam ut stipulam colligat: + Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet, + Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium, + Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet. + De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies: + Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino. + +[2] +Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzuführen, +die ich eben itzt übersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen, +ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch +ungefähr daraus sehen können, worin das Verdienst besteht, das ich dieser +Übersetzung absprechen muß. + +"Demea. Aber mein lieber Bruder, daß uns nur nicht deine schönen +Gründe, und dein gleichgültiges Gemüte sie ganz und gar ins Verderben +stürzen. + +Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Laß das +immer sein. Überlaß dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von +der Stirne. + +Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muß es wohl tun. +Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land. + +Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder +gehn wil1st; sei doch heute nur einmal fröhlich! + +Demea. Die Sängerin will ich zugleich mit herausschleppen. + +Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, daß dein Sohn ohne +sie nicht wird leben können. Aber sorge auch, daß du sie gut +verhältst! + +Demea. Dafür werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch, +Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Außerdem soll sie +mir in der größten Mittagshitze gehen und Ähren lesen, und dann will +ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, überliefern. + +Micio. Das gefällt mir; nun seh' ich recht ein, daß du weislich +hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, daß +er sie mit zu Bette nimmt. + +Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist glücklich, daß du ein +solches Gemüt hast; aber ich fühle. + +Micio. Ach! hältst du noch nicht inne? + +Demea. Ich schweige schon." + +So soll es ohne Zweifel heißen, und nicht: stirbt ohnmöglich bald. +Für viele von unsern Schauspielern ist es nötig, auch solche +Druckfehler anzumerken. + +----Fußnote + + + + +Dreiundsiebzigstes Stück +Den 12. Januar 1768 + +Die Schlußrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone. +"Wenn euch nur das gefällt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um +nichts mehr bekümmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der +Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise +künftig zu bequemen versprechen.--Aber wie kömmt es, dürfte man fragen, +daß die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Brüdern" bei +der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der +beständige Rückfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie +komisch: aber bei diesem hätte es auch bleiben müssen.--Ich verspare das +Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stücks. + +"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluß machte, +ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt. + +Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miß +Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2] +wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom +Marivaux, in einem Akte. + +Oder, wie es wörtlicher und besser heißen würde: "Die unvermutete +Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den +Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen +vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen +Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen +Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern +schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, daß es +fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen möchte sie ihn doch noch +lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben, +die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser +kömmt; aber zum Glücke ist es ein so schöner liebenswürdiger Mann, daß +sie gar bald ihre Verstellung vergißt und in aller Geschwindigkeit mit +ihm einig wird. Man gebe dem Stücke einen andern Titel, und alle Leser +und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen +Knoten, den man in zehn Szenen so mühsam geschürzt hat, in einer einzigen +nicht zu lösen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler +in dem Titel selbst angekündiget, und durch diese Ankündigung +gewissermaßen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen +Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden können? Er +sahe ja in der Wirklichkeit einer Komödie so ähnlich: und sollte er denn +eben deswegen um so unschicklicher zur Komödie sein?--Nach der Strenge, +allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre +Komödien nennet, findet man in der Komödie wahren Begebenheiten nicht +sehr gleich; und darauf käme es doch eigentlich an. + +Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus? +Nicht völlig. Der Ausgang ist, daß Jungfer Argante den Erast und nicht +den Dorante heiratet, und dieser ist hinlänglich vorbereitet. Denn ihre +Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterläunisch; sie liebt ihn, weil +sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie +ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es kömmt; hat sie +ihn lange nicht gesehen, so kömmt er ihr liebenswürdig genug vor; sieht +sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stoßen ihr dann +und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so +unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz +von ihm abzubringen, als daß Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein +solches Gesicht ist? Daß sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet, +daß es vielmehr sehr unerwartet sein würde, wenn sie bei jenem bliebe. +Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete +Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von +der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu +bekümmern, in der er einen Teil seiner Personen läßt. Und so ist es hier: +Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt +sich ihm. + +Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das +Trauerspiel des Herrn Weiße "Richard der Dritte" aufgeführt: zum +Beschlusse "Herzog Michel". + +Dieses Stück ist ohnstreitig eines von unsern beträchtlichsten +Originalen; reich an großen Schönheiten, die genugsam zeigen, daß, die +Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht +über die Kräfte des Dichters gewesen wäre, wenn er sich diese Kräfte nur +selbst hätte zutrauen wollen. + +Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf +die Bühne gebracht: aber Herr Weiße erinnerte sich dessen nicht eher, als +bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der +Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden, +daß ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht wäre es ein +Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen." + +Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem +Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm +ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen. +Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, +welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der +fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen! + +Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein. Haben wir Genie, so muß +uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura +ist: er sehe fleißig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen +Fällen auf eine Fläche projektieret; aber er borge nichts daraus. + +Ich wüßte auch wirklich in dem ganzen Stücke des Shakespeares keine +einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weiße so hätte +brauchen können, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim +Shakespeare, sind nach den großen Maßen des historischen Schauspiels +zugeschnitten, und dieses verhält sich zu der Tragödie französischen +Geschmacks ungefähr wie ein weitläuftiges Freskogemälde gegen ein +Miniaturbildchen für einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen, +als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe, +die man sodann als ein eigenes Ganze ausführen muß? Ebenso würden aus +einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen +ganze Aufzüge werden müssen. Denn wenn man den Ärmel aus dem Kleide eines +Riesen für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder +einen Ärmel, sondern einen ganzen Rock daraus machen. + +Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des +Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke +nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst +verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, daß ein Goldkorn so +künstlich kann getrieben sein, daß der Wert der Form den Wert der Materie +bei weitem übersteiget. + +Ich für mein Teil bedauere es also wirklich, daß unserm Dichter +Shakespeares Richard so spät beigefallen. Er hätte ihn können gekannt +haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er hätte +ihn können genutzt haben, ohne daß eine einzige übergetragene Gedanke +davon gezeugt hätte. + +Wäre mir indes eben das begegnet, so würde ich Shakespeares Werk +wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle +die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen +nicht vermögend gewesen wäre.--Aber woher weiß ich, daß Herr Weiße dieses +nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben? + +Kann es nicht ebenso wohl sein, daß er das, was ich für dergleichen +Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß +er mehr recht hat, als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers +größtenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner +Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich +von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie +auch schon sich selbst beantwortet zu haben. + +Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu +hören: denn er hat es gern, daß man über sein Werk urteilet; schal oder +gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles gilt ihm +gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm lieber, +als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in +seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was fängt er mit dieser an? +Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so +etwas Außerordentliches halten: und doch muß er die Achseln über sie +zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz +möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes +Lob auf sich sitzen lassen.-- + +Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.-- +Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--höchstens nur bei einem oder dem +andern Mitsprecher. Ich weiß nicht, wo ich es jüngst gedruckt lesen +mußte, daß ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner übrigen +Lustspiele gelobt hätte.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der +frühern? Ich gönne es Ihnen, mein Herr, daß man niemals Ihre ältern Werke +so möge tadeln können. Der Himmel bewahre Sie vor dem tückischen Lobe: +daß Ihr letztes immer Ihr bestes ist!-- + + +----Fußnote + +[1] S. den 11. Abend. + +[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend. + +[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusätzen zu +seiner Theorie der Poesie", S. 45. + +----Fußnote + + + + +Vierundsiebzigstes Stück +Den 15. Januar 1768 + +Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worüber ich +mir die Erklärung des Dichters wünschte. + +Aristoteles würde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem +Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur +auch mit seinen Gründen zu werden wüßte. + +Die Tragödie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus +folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch +ein völliger Bösewicht sein müsse. Denn weder mit des einen noch mit des +andern Unglücke lasse sich jener Zweck erreichen. + +Räume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragödie, die +ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht +mehr, was eine Tragödie ist. + +Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiße geschildert hat, ist +unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne +getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe, +daran zweifle ich. + +Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das +soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind +ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers +Mitleids gemacht hat. + +Aber Schrecken?--Sollte dieser Bösewicht, der die Kluft, die sich +zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefüllet, mit +Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten sein müssen; sollte +dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine +Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Maße erwecken? + +Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über +unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern +Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns +bei Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden, +überfällt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes +Teil empfinden lassen. + +Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels, +daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn +ihre Personen irgendein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben +öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber +zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den +freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der gräßlichen Idee +wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis +fähig sei. + +Bei den Franzosen führt Crébillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich +fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht +sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der +Tragödie rechnet. + +Und dieses--hätte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort, +welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er, +soll die Tragödie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr, +das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine plötzliche, +überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Überraschende, +welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von +welchen sich hier die Einführung des Wortes "Schrecken", anstatt des +Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht +Aristoteles meine.--Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen: +man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif. + +"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet: +und die Furcht einen unsersgleichen. Der Bösewicht ist weder dieses noch +jenes: folglich kann auch sein Unglück weder das erste noch das andere +erregen."[1] + +Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Übersetzer +Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem +Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen. + +"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "über die Erklärung des +Schreckens nicht vereinigen können; und in der Tat enthält sie in jeder +Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert +und sie allzusehr einschränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz +'unsersgleichen' nur bloß die Ähnlichkeit der Menschheit verstanden hat, +weil nämlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind, +gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer Würde und ihrem Range +ein unendlicher Abstand befände: so war dieser Zusatz überflüssig; denn +er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur +tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich +hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft +und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt +ohnstreitig aus einem Gefühl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist +ihm unterworfen, und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses +Gefühls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl +möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich zu leugnen: +allein dieses würde allemal eine Verleugnung seiner natürlichen +Empfindungen, und also eine bloße Prahlerei aus verderbten Grundsätzen, +und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die +wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall +zustößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen +bloß den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes überhaupt macht +uns traurig, und die plötzliche traurige Empfindung, die wir sodann +haben, ist das Schrecken." + +Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider +den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht, +wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsersgleichen +setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bei der plötzlichen +Erblickung eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein +mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen. +Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der +Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde. + +"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen,[3] +"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande, +und aus der Unlust über dessen Unglück zusammengesetzt ist. Die +Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den +einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden, +denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese +Erscheinung werden! Man ändre nur in dem bedauerten Unglück die einzige +Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere +Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die über die Urne ihres +Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält das +Unglück für geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei +den Schmerzen des Philoktets fühlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber +von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte +auszustehen hat, ist gegenwärtig und überfällt ihn vor unsern Augen. +Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das große Geheimnis sich plötzlich +entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersüchtigen Mithridates +sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fürchtet, da +sie ihren sonst zärtlichen Othello so drohend mit ihr reden höret: was +empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen, +mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden, +allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen einerlei. +Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die +Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen wir alle Arten von Leiden mit +der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden +nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht, +Rachbegier, und überhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar +den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können?--Man sieht +hieraus, wie gar ungeschickt der größte Teil der Kunstrichter die +tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken +und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Für +wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch +ziehet? Gewiß nicht für sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung +man so sehr wünschet, und für die betrogne Königin, die ihn für den +Mörder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust über das +gegenwärtige Übel eines andern Mitleiden nennen: so müssen wir nicht nur +das Schrecken, sondern alle übrige Leidenschaften, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."-- + + +----Fußnote + +[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst". + +[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35. + +[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter +Teil, S. 4. + +----Fußnote + + + + +Fünfundsiebzigstes Stück +Den 19. Januar 1768 + +Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß uns dünkt, +ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich +die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht +unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten +Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu +danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch +Aristoteles im ganzen ungefähr empfunden haben: wenigstens ist es +unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie +könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust +über das gegenwärtige Übel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich +zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen. + +Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte +Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht +hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von +Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht +ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines +andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus +unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; +es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhängst +sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der +bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese +Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid. + +Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen +neuen Kommentar über seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den +Dacierschen weit hinter sich läßt, dem rate ich, vor allen Dingen die +Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird +Aufschlüsse für die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten +vermutet; besonders muß er die Bücher der "Rhetorik" und "Moral" +studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die +Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten, +längst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von +seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabei fehlten +ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht +fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke +desselben nicht. + +Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem +tragischen Mitleid beifüget, findet sich in dem fünften und achten +Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer, +sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner +seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon +gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie +einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, hätten +noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nämlich, +warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht, +warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften +beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchte +wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte: +warum z.E. die Tragödie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als +Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe? + +Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem +Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der +Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der +Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines +von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne +auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief +herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch +der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht +begreife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifelnde +noch der Übermütige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erkläret +daher auch das Fürchterliche und das Mitleidswürdige, eines durch das +andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem +andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken +würde:[1] und alles das finden wir mitleidswürdig, was wir fürchten +würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der +Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht +verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen: +seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld, +sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn +wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne. +Diese Möglichkeit aber finde sich alsdenn und könne zu einer großen +Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, +als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken +und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und +gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und +handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne +schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal +gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein +uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam +zur Reife bringe. + +So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre +Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem +Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier +eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sei, welche +bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr, +erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern +weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig +einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere +Furcht erwecken kann. + +Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich +hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er +hatte funfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung +würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen +Kodex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner +Arbeit fleißiger zu Rate gezogen hätte. Allein dieses scheinet er +höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu +haben. In den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am +Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn +verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und +ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie +gedacht hatte. + +Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht und sie als die +vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die +abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra +aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur +Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht +erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an, +damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des +Aristoteles leiden möge? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles können wir +uns hier leicht vergleichen.[3] Wir dürfen nur annehmen, er habe eben +nicht behaupten wollen, daß beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als +Mitleid, nötig wären, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken, +die er zu dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner +Meinung sei auch eines zureichend.--Wir können diese Erklärung", fährt +er fort, "aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen, +welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den +Trauerspielen mißbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes +schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine +Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die +Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft +sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege +bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht +gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und daß er +ihnen seinen Beifall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von +beiden wirkten." + + +----Fußnote + +[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron +gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiß nicht, was dem +Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598) +eingekommen ist, dieses zu übersetzen: Denique ut simpliciter loquar, +formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt, +vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muß schlechtweg heißen: +quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt. + +[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la +scène, sagt er in seiner Abhandlung über das Drama. Sein erstes Stück +"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches +gerade die funfzig Jahr ausmacht, so daß es gewiß ist, daß er bei den +Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stücke ein Auge haben +konnte und hatte. + +[3] Il est aisé de nous accommoder avec Aristote etc. + +----Fußnote + + + + +Sechsundsiebzigstes Stück +Den 22. Januar 1768 + +Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier, +der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche +Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen +suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie +nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom +Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich +Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man +müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man +müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen +können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Übel eines andern unser Mitleid +erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner +Handlung in der Tragödie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine +Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen +Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu +erwecken fähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns +erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid. +Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen, +welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu +erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns selbst +errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit +bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der +Tragödie, wo wir alle das Übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern +anderen begegnen sehen. + +Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die +Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von +ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer, +wenn sich Corneille durch dieses weder noch verführen lassen. Diese +disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren +läßt. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie +verneinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der +Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und +durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache +demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere +von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie +sei weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden +zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und +Schönheit lassen sich nicht bloß in Gedanken trennen, sondern sie sind +wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder +Himmel noch Hölle", wollen wir damit auch sagen: daß wir zufrieden sein +würden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und +keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht: +denn wer das eine glaubt, muß notwendig auch das andere glauben; Himmel +und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch +das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen; +wenn wir sagen, dieses Gemälde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung +noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemälde sich mit +einem von beiden begnügen könne?--Das ist so klar! + +Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden +gibt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Übeln und Unglücksfällen +Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu +besorgen haben? + +Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust über das +physikalische Übel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese +Unlust entstehet bloß aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie +unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus +dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte +Empfindung, welche wir Mitleid nennen. + +Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig +aufgeben zu müssen. + +Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere +empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene +Furcht dazukommt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es +ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte +Empfindung über das physikalische Übel eines geliebten Gegenstandes nur +allein durch die dazukommende Furcht für uns zu dem Grade erwächst, in +welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet? + +Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht +nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloß als Affekt. Ohne +jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme. +Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie: +und nur den stärkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns +selbst verknüpft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er +zwar, daß das Unglück eines Bösewichts weder unser Mitleid noch unsere +Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der +Bösewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen +moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behält, um sein +Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas +Mitleidähnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden. +Aber, wie schon gesagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennt er nicht +Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muß", sagt er, "keinen Bösewicht aus +unglücklichen in glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das +untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben +sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch +muß es kein völliger Bösewicht sein, der aus glücklichen Umständen in +unglückliche verfällt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar +Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts +Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Übersetzungen dieses +Wortes Philanthropie. Sie geben nämlich das Adjektivum davon im +Lateinischen durch hominibus gratum; im Französischen durch ce que peut +faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnügen machen +kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des +Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon] +durch quod humanitatis sensu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter +dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts +Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern +das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz +der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem +Augenblicke des Leidens in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar +diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Bösewicht nur auf eine +gewisse Gattung der ihn treffenden Übel einschränken. "Solche Zufälle des +Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns +wirken, müssen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufällig, +oder wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer die +Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden +Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht +genug überlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches +den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist, +können wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm +zu leiden. + +"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe über die Empfindungen", +"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen dränget. Sie haben alle +Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel +und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt +und ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sich durch +das Gewühl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Dächer hinan, +um die Züge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist +gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal +entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm verziehen +würde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick +vorher selbst zum Tode verurteilet haben würden? Wodurch wird itzt ein +Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die +Annäherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen +Übel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen und ihm +unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit +seinem Schicksale sein." + +Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter +keinerlei Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit +welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unverlöschlich +fortglimmet und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und +Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen; +ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie +verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids +begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen +eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der +mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer +wahrscheinlichen Furcht für uns selbst, Affekt werden, zu +unterscheiden. + + + + +Siebenundsiebzigstes Stück +Den 26. Januar 1768 + +Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff +von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er notwendig mit der Furcht für +uns selbst verknüpft sein müsse: was war es nötig, der Furcht noch +insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid schloß sie schon in sich, und +es wäre genug gewesen, wenn er bloß gesagt hätte: die Tragödie soll durch +Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn +der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll, +noch dazu schwankend und ungewiß. + +Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloß hätte lehren wollen, welche +Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den +Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich +wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer +Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche +Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gereiniget +werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere +gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch +außer dem Theater ohne Furcht für uns selbst sein kann; ob sie schon ein +notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch +umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingrediens der Furcht für +uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und +nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück als die +wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Übel für uns selbst +schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des +Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine +vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um +anzuzeigen, daß sie dieses tun könne und wirklich tue, fand es +Aristoteles für nötig, ihrer insbesondere zu gedenken. + +Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische +Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloß +wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene +zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht +hatte. Diese indes abgerechnet, und die übrigen Merkmale ineinander +reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nämlich, +daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid +erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so +wie die Epopee und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung +einer mitleidswürdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich +vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form +ist daraus zu bestimmen. + +An dem letztern dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich +keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu +versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas +Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so +läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache +ergründet, aber sie bei seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich +angegeben. "Die Tragödie", sagt er, "ist die Nachahmung einer +Handlung,--die nicht vermittelst der Erzählung, sondern vermittelst des +Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen +Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem +sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der +Erzählung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden? +Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre +Absicht zu erreichen: und die Erzählung kann sich nur auf die Art und +Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen. +Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet +hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzählung, welches die +dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Übersetzer bei dieser +Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber +nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlässigte +Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur +den Sinn des Philosophen liefern. Dacier übersetzt: d'une action--qui, +sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la +terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die +Erzählung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst) +uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der +vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was +Aristoteles sagen will, nur daß sie es nicht so sagen, wie er es sagt. +Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine +bloß vernachlässigte Wortfügung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles +bemerkte, daß das Mitleid notwendig ein vorhandenes Übel erfodere; daß +wir längst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Übel +entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden +können, als ein anwesendes; daß es folglich notwendig sei, die Handlung, +durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist, +nicht in der erzählenden Form, sondern als gegenwärtig, das ist, in der +dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, daß unser Mitleid durch +die Erzählung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch +die gegenwärtige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in +der Erklärung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu +setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist. Hätte er es +für möglich gehalten, daß unser Mitleid auch durch die Erzählung erreget +werden könne: so würde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen +sein, wenn er gesagt hätte, "nicht durch die Erzählung, sondern durch +Mitleid und Furcht". Da er aber überzeugt war, daß Mitleid und Furcht in +der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so +konnte er sich diesen Sprung, der Kürze wegen, erlauben.--Ich verweise +desfalls auf das nämliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner +Rhetorik.[1] + +Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der +Tragödie gibt, und den er mit in die Erklärung derselben bringen zu +müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten, +darüber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, daß alle, +die sich dawider erklärt, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie +haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiß wußten, +welches seine wären. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und +bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen, +indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in +die nähere Erörterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch +nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei +Anmerkungen machen. + +1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragödie solle uns, vermittelst +des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten +Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch +Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist +es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die +Tragödie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen. +Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt +Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges, +darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als +gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedächtlichern Pferde +hinten nachruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erst die Augen +recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles: +und das heißt nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das hätten sie +übersetzen müssen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten +Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das +vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragödie soll unser Mitleid und +unsere Furcht erregen, bloß um diese und dergleichen Leidenschaften, +nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt +aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und +dergleichen" und nicht bloß "dieser": um anzuzeigen, daß er unter dem +Mitleid nicht bloß das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt +alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloß die +Unlust über ein uns bevorstehendes Übel, sondern auch jede damit verwandte +Unlust, auch die Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein +vergangenes Übel, Betrübnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange +soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, unser +Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und +keine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur +Reinigung der andern Leidenschaften nützliche Lehren und Beispiele finden; +doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und +Komödie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung +überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragödie, die Nachahmung einer +mitleidswürdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle +Gattungen der Poesie; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß; +noch kläglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln. +Aber alle Gattungen können nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so +vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann, +worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist +ihre eigentliche Bestimmung. + + +----Fußnote + +[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de +myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi, +ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous +schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei, +eleeinoterous einai.] + +----Fußnote + + + + +Achtundsiebzigstes Stück +Den 29. Januar 1768 + +2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was für +Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der +Tragödie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natürlich, daß sie +sich auch mit der Reinigung selbst irren mußten. Aristoteles verspricht +am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften +durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst +weitläuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar +nichts von dieser Materie darin findet, so ist der größte Teil seiner +Ausleger auf die Gedanken geraten, daß sie nicht ganz auf uns gekommen +sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von +seiner Dichtkunst noch übrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu +finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz +unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nötig halten konnte. +Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung, +Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die +Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo +Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und +die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr +wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und +nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der +Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke", +sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns +die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht +erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, +die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr +Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern, +ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die +Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber +dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch +welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch +und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die +Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei, +die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte +unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß +und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft +ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur +unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn +Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir, +nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften, +durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch +welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben, +in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein +solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person +durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht +ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in +welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles +will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem +einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt. +Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei +gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in +alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier +den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte +seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß +unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der +Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß +der Nutzen der Tragödie sehr gering sein würde, wenn er bloß hierauf +eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des +Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften +beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in +Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei, +die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm +in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand, +daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen +Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn +der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen. +Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden- +schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen +solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr +gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften +viel oder wenig beiträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacier allein +halten sollen: aber freilich hätte er sodann auch einen vollständigem +Begriff damit verbinden müssen. "Wie die Tragödie", sagt er, "Mitleid und +Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu +erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor Augen stellet, in +das unsersgleichen durch nicht vorsätzliche Fehler gefallen sind; und sie +reiniget sie, indem sie uns mit diesem nämlichen Unglücke bekannt macht +und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch allzusehr +davon gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie +bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufälle mutig zu ertragen, und +macht die Allerelendesten geneigt, sich für glücklich zu halten, indem +sie ihre Unglücksfälle mit weit größern vergleichen, die ihnen die +Tragödie vorstellet. Denn in welchen Umständen kann sich wohl ein Mensch +finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests +nicht erkennen müßte, daß alle Übel, die er zu erdulden, gegen die, +welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vergleichung gekommen?" +Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens +gemacht haben. Er fand sie fast mit den nämlichen Worten bei einem +Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes +einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid +neben sich duldet; daß folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu +erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübnis durch das +Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt, +gelten lassen. Nur fragen muß ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im +geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige? +Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des +Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid +und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht, +daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn, +nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muß +der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise +zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische +Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und +4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne und wirklich +reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch +diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Hälfte erläutert. Denn +wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der +Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß +jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet. Da +nämlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als +in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei +jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits +ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muß die Tragödie, +wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis +des Mitleids zu reinigen vermögend sein; welches auch von der Furcht zu +verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids, +die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch +desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht +allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich +ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein +jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in +Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht, +dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die +tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat +nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugroße Furcht mäßige: und +noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie +in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade +erhöhe; geschweige, daß er auch das übrige sollte gezeigt haben. Die nach +ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet; +aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragödie völlig außer +Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte überhaupt, aber +keinesweges der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z.E. daß sie +die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend +und Haß gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte +das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende +Kennzeichen der Tragödie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten. + + +----Fußnote + +[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels", +hinter der Aristotelischen Dichtkunst". + +----Fußnote + + + + +Neunundsiebzigstes Stück +Den 2. Februar 1768 + +Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt +ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemißbrauchten +Verstande, für die plötzliche Überraschung des Mitleids; noch in dem +eigentlichen Verstande des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein +ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er +auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn +wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten würdig fänden. Aber er ist so +ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so +völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich +glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben +sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu +fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie +auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn +trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir, +daß er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königin dieses +erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen: + +"Dies ist etwas!"-- + +Ich habe mich nie enthalten können, bei mir nachzusprechen: nein, das ist +gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem er seine Krone +wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als +ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den +Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch über den Triumph +seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die +einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück +eines Bösewichts auszudrücken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod +selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte, +unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich: +aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische! + +Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das +Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben, +nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; er +hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die +Königin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?-- + +Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es für eine fremde, +herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die +da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das +wünsche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile +gern dabei; und danke dem Dichter für eine so süße Qual. + +Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß sein! Er +spricht von einem [Greek: miaron], von einem Gräßlichen, das sich bei dem +Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die +Königin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie +getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser +Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron +haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch +kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie +unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit +Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider +die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht, +ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heiße, wie er +wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte? + +Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf +etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei: +so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange +aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den +wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und +Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes +machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig +erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, derenwegen wir die Befriedigung +nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen +Plane der Dinge suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers +sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers sein; sollte +uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse, +werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste +Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in +seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darüber +erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt +habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese +kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft +in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen +und fröhlichen Mut behalten sollen: so ist es höchst nötig, daß wir an +die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse +so wenig als möglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg, +wenn es sein könnte, aus allen Büchern mit ihnen!-- + +Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen +Eigenschaften hat, die sie haben müßten, falls er wirklich das sein +sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes +Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und +Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben und +hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese +oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie +vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn notwendig nur nach den +Regeln des Aristoteles beschäftiget und vergnügt werden? + +Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Überhaupt: +wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt er doch ein dramatisches +Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte +er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden; +kühne Gesinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog; glückliche +Veranlassungen für den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den +mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der +Pantomime zu zeigen usw. + +Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die +den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen. + +Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung +unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der +Nachahmung. + +Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen, +welche Größe und Kühnheit in uns erwecken. + +Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in +Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan +wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er +ausgeführt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das +Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des +Zweckes, Vergnügen gewähret. + +Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er +ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen über +ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so +viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist, +möchten wir es nicht gern, auch noch bloß vor langer Weile, vergossen +finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit; +nichts hören wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu +erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts +als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie +nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert +vor der Erreichung. + +Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige +Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese +Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen +Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld +leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer +Besserung kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl. + +Und sonach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese +Beschäftigung unserer Seelenkräfte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht +wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nämlich, daß wir also damit +zufrieden sein können. + +Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben. +Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben, +die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben, +und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen; +besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und +Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn sie +weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine +leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu +erhalten wären. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in +Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit +einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Scheiterhaufen anzünden, um +eine Mücke zu verbrennen. + + +----Fußnote + +[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9. + +----Fußnote + + + + +Achtzigstes Stück +Den 5. Februar 1768 + +Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet, +Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf +einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung +desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, +die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, +ungefähr auch hervorbringen würde. + +Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht +erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften +auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle +andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem +andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist. + +Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man +sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß. + +Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die +Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig, +wie kalt dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit, +wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so +starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie +den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu +haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt +sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu +verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode, +aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft +zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus +anderer Absicht. + +Ich sage, wir, unser Volk, unsere Bühne: ich meine aber nicht bloß, uns +Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, daß wir noch kein +Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses +Bekenntnis mit einstimmen und große Verehrer des französischen Theaters +sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich +weiß wohl, was ich dabei denke. Ich denke nämlich dabei: daß nicht allein +wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit hundert Jahren ein +Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben +prahlen,--daß auch die Franzosen noch kein Theater haben. + +Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die +französische Tragödie macht, sind so flach, so kalt!--Man höre einen +Franzosen selbst davon sprechen. + +"Bei den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters", sagt der Herr von +Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte, +weil das Publikum von selbst keine höhere Ideen haben konnte, als ihm die +großen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond +hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nämlich, daß unsere Stücke nicht +Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid erwecken solle, aufs höchste +Zärtlichkeit errege, daß Rührung die Stelle der Erschütterung, und +Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen +nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit +dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters +getroffen. Man sage immerhin, daß Saint-Evremond der Verfasser der elenden +Komödie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die +Opern' genannt, ist: daß seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das +Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; daß er nichts +als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und +gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war +unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern +Stücken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem +Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles." + +Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere +Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher +kam es, daß sie das nicht waren? + +"Diese Kälte aber", fährt er fort, "diese einförmige Mattigkeit, +entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals +unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragödie in eine +Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des +'Cyrus' und der 'Clelie'. Was für Stücke sich hiervon noch etwa +ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements, +dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den +'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch +eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene +zurückhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und +diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen. +--Was ließ sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit +Zuschauern angefüllt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen +Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln, +täuschen? Welche große tragische Aktion ließ sich da aufführen? Welche +Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stücke +mußten aus langen Erzählungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche +als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glänzen, und ein +Stück, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel +alle theatralische Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der +Leidenschaften, alle die kräftigen Gemälde der menschlichen +Unglücksfälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele +dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu +zerreißen." + +Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und +Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt +gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden. +Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hören: und +diese fodern, daß wir nichts als den Menschen hören sollen. + +Aber die zweite Ursache?--Sollte es möglich sein, daß der Mangel eines +geräumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluß auf +das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische +Handlung Pomp und Zurüstungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht +vielmehr sein Stück so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine +völlige Wirkung hervorbrächte. + +Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt +der Philosoph, "läßt sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch +aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches +letztere vorzüglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die +Fabel muß so eingerichtet sein, daß sie, auch ungesehen, den, der den +Verlauf ihrer Begebenheiten bloß anhört, zu Mitleid und Furcht über diese +Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhören +darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht +erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die +Vorstellung des Stücks übernommen." + +Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon +will man mit den Stücken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung +gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen +Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der +ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war +eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts +bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn +er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten +behangenen Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem +Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Spielers zu Hilfe +kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stücke des +Shakespeares ohne alle Szenen verständlicher, als sie es hernach mit +denselben gewesen sind.[1] + +Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekümmern hat; +wenn die Verzierung, auch wo sie nötig scheinet, ohne besondere Nachteil +seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten +Theater gelegen haben, daß uns die französischen Dichter keine rührendere +Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst. + +Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine +schönere, geräumlichere Bühne; keine Zuschauer werden mehr darauf +geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt +und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie +denn, die wärmern Stücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt +sich der Herr von Voltaire, daß seine "Semiramis" ein solches Stück ist? +Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne +ich nichts Kälteres, als seine "Semiramis". + + +----Fußnote + +[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78. +79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting. +--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain +of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared +either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with +tapestry; so that for the place originally represented, and all the +successive changes, in which the poets of those times freely indulged +themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or +to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and +judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would +insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards +were with them. + +----Fußnote + + + + +Einundachtzigstes Stück +Den 9. Februar 1768 + +Will ich denn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sei, ein +wirklich rührendes tragisches Werk zu machen? daß der volatile Geist der +Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich würde mich schämen, +wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen +Bouhours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Teil, hätte nun gleich die +wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der +Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten +habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose. +Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles +unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Engländer als +witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige +Engländer: der Praß von dem Volke aber ist keines von beidem.-- + +Was will ich denn? Ich will bloß sagen, was die Franzosen gar wohl haben +könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch +nicht haben?--Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen +müssen, wenn er es hätte treffen wollen. + +Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu +haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas +bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völkern haben; aber es ist keine +Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit. + +Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man +wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner +Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter +noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach +und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem +Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und +sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines +Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht +wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich +schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine +Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte +unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er +ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem +träumerischen Besitze zu behaupten. + +Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille +ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der +Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand +angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar +auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch +rührender sein könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für +unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte +sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden +als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre +Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und höre, +was sie antworten! + +Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet +und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat. +Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt; Corneille aber durch +seine Muster und Lehren zugleich. + +Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei +Pedanten, einen Hédelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten, +was sie wollten) als Orakelsprüche angenommen, von allen nachherigen +Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stück vor Stück zu +beweisen,--nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug +hervorbringen können. + +Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie +kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und +schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so +sucht er, bei einer nach der andern, quelque modération, quelque favorable +interprétation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine +jede,--und warum? pour n'être pas obligés de condamner beaucoup de poèmes +que nous avons vû réussir sur nos théâtres; um nicht viele Gedichte +verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beifall gefunden. Eine schöne +Ursache! + +Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon +berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen. + +1. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen.-- +Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht +immer nötig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne +Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der +große Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten +Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl +schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit +meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen +Nichtswürdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille: +und die Franzosen glaubten es ihm nach. + +2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen; +beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille +sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es +eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen +bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner +"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun +es ihm nach. + +3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die +Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen +anhängig, gereiniget werden.--Corneille weiß davon gar nichts und bildet +sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragödie erwecke unser +Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die +Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete +Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht +nicht sprechen: genug, daß es nicht die Aristotelische ist; und daß, da +Corneille seinen Tragödien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig +seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren, +von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mußten +Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht +allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre +Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des +Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacier beide +Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung +wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten +Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur +einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich +daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit noch eher +die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragödie", sagt er, +"ist, zufolge jener, noch so ziemlich glücklich, Mitleid und Furcht zu +erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die +doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die übrigen +Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als +Liebesintrigen enthält, wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es +einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, daß ihr +Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher +französische Tragödien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht +ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche +die unglücklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht +setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend, +ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade +erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus +verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es +erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr +unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, daß es keine +Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr +gute Köpfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen +geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr +Corneille und Racine, ihr Crébillon und Voltaire von dem wenig oder gar +nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum +Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit +den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene +desto öfterer. Denn nur weiter-- + + +----Fußnote + +[1] (Poét. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragédie peut réussir +assez dans la première partie, c'est-à -dire, qu'elle peut exciter et +purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement à la +dernière, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres +passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour, +si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-là seule, et par là il +est aisé de voir qu'elle ne fait que peu de fruit. + +----Fußnote + + + + +Zweiundachtzigstes Stück +Den 12. Februar 1768 + +4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein +Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sei +gräßlich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt +mehr Unwillen und Haß gegen den, welcher das Leiden verursacht, als +Mitleid für den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht +die eigentliche Wirkung der Tragödie sein soll, würde, wenn sie nicht +sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich +hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen, +weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm +gefallen hätte, wenn er es allein mit wegnehmen können. Aber", kömmt +Corneille hintennach; denn mit einem Aber muß er nachkommen--"aber, wenn +diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der +Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid für sich, als Widerwillen gegen +den erweckt, der ihn leiden läßt: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille, +"halte ich dafür, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den +tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."[1] +--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag +hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu +verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat. +Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt +Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich. +Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine +bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhört. Aristoteles +sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber +sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche +findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes selbst: Corneille aber +setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht. +Er sieht nicht, oder will nicht sehen, daß jenes Gräßliche ganz etwas +anders ist als dieser Unwille; daß, wenn auch dieser ganz wegfällt, jenes +doch noch in seinem vollen Maße vorhanden sein kann: genug, daß vors +erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stücken +gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des +Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich +einzubilden, es habe dem Aristoteles bloß an dergleichen Stücken gefehlt, +um seine Lehre darnach näher einzuschränken und verschiedene Manieren +daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglück des ganz +rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. En voici, +sagt er, deux ou trois manières que peut-être Aristote n'a su prévoir, +parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les théâtres de son temps. +Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst? +Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind +sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch +einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und +so, daß der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der +'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unerträglich würde +gewesen sein, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, und in +dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleopatra +und Phokas aber triumphieret hätten. Das Unglück der erstern erweckt ein +Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, +nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß sich irgendein +glücklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das +mag Corneille sonst jemanden weismachen, daß Aristoteles diese Manier +nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht +gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener +der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war es möglich, daß Corneille +dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache +zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar +nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht +unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches +gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu +sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt +Corneille, "daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl +eines andern umkömmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen +allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den +Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix +seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist es nicht aus wütendem Eifer +gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswürdig machen würde, +sondern bloß aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn +in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in +Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und +mißbilliget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Unwille nicht das +Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, und verhindert auch +nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stücks, nicht +völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper, +denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum +sollte es also dem Aristoteles an einem Stücke von ähnlicher Einrichtung +gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille? +Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie +Felix, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr und machen sie noch +obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im +geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche +liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in +dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so +unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder +schwach sein, mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der +Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann, +die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Helden hätten diesen +gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich: +und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen, +die ihn bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeuget haben +sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?--Das nämliche +würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille +nicht selbst näher anzugeben vergessen hätte. + +5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz +Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid +noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bei. +Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht +allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster +desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht +zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern +ähnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den +zwar proportionierten, aber doch noch immer unglücklichen Folgen +derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gründet +sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von +der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte, +und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die +Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und +daß der Bösewicht, wenn es möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen +könne, auch notwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie +Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und +bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu +helfen. Ja, Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter als den +ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdrücklich, falls man den Held aus +der mittlere Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als +schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut +sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler +begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglück stürzet, das uns mit +Mitleid und Wehmut erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu sein, weil es +die natürliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche +der lasterhaften Personen in der Tragödie sagt, ist das nicht, was +Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloß zu +Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloß zur +Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen +lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der +Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch +sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Bösewichter keinen +Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "daß man den Tod des Narciß im +Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon +deswegen ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die +Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße +Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern +Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch +besser sein würde, wenn es die nämliche Wirkung ohne sie hätte. Je +simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie +hat, desto vollkommener ist sie. + + +----Fußnote + +[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulté d'exposer sur la +scène des hommes très vertueux. + +[2] Réflexions cr. T. I. Sect. XV. + +----Fußnote + + + + +Dreiundachtzigstes Stück +Den 16. Februar 1768 + +6. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft, +welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie +sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so +viel als tugendhaft heißen soll: so wird es mit den meisten alten und +neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte, +wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht +bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für +seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Güte, welche Aristoteles +fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen; +es muß eine andere Art von Güte sein, die sich mit dem moralisch Bösen +ebensowohl verträgt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet +Aristoteles schlechterdings eine moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte +Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten +zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche +Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proäresis ist, durch welche +allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder bösen +Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in +einen weitläuftigen Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den +Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen +Kunstrichters einleuchtend genug führen. Ich verspare ihn daher auf eine +andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankömmt, zu +zeigen, was für einen unglücklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des +richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: daß Aristoteles +unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter +irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der +eingeführten Person entweder eigentümlich zukomme oder ihr schicklich +beigeleget werden könne: le caractère brillant et élevé d'une habitude +vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable à la +personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist +äußerst böse: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er +sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt +vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind +mit einer gewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat, +daß man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie +entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Lügner' +zu sagen. Das Lügen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein +Dorant bringt seine Lügen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so +vieler Lebhaftigkeit vor, daß diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl +läßt und die Zuschauer gestehen müssen, daß die Gabe, so zu lügen, ein +Laster sei, dessen kein Dummkopf fähig ist."--Wahrlich, einen +verderblichern Einfall hätte Corneille nicht haben können! Befolget ihn +in der Ausführung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Täuschung, um +allen sittlichen Nutzen der Tragödie getan! Denn die Tugend, die immer +bescheiden und einfältig ist, wird durch jenen glänzenden Charakter eitel +und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis überzogen, der uns +überall blendet, wir mögen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus +welchem wir wollen. Torheit, bloß durch die unglücklichen Folgen von dem +Laster abschrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselben +verbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt, daß sie +ebensooft glücklich als unglücklich fallen. Dieses bezieht sich auf die +Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir +sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht +mit jenem trügerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem +Laster untergelegt wird, macht, daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo +keine sind; macht, daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte. +Zwar hat schon Dacier dieser Erklärung widersprochen, aber aus +untriftigern Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche er mit dem +Pater Le Bossu dafür annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den +poetischen Vollkommenheiten des Stücks ebenso nachteilig werden kann. Er +meinet nämlich, "die Sitten sollen gut sein", heiße nichts mehr als, sie +sollen gut ausgedrückt sein, qu'elles soient bien marquées. Das ist +allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller +Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wenn es die +französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man "gut ausdrücken" für +stark ausdrücken genommen hätte. Man hat den Ausdruck überladen, man hat +Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte +Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe +von Lastern und Tugenden geworden sind.-- + +Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die +Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen. + +Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl +nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat +ihn nicht gesehen oder gelesen? Krüger hat indes das wenigste Verdienst +darum; denn er ist ganz aus einer Erzählung in den Bremischen Beiträgen +genommen. Die vielen guten satirischen Züge, die er enthält, gehören +jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehört nichts, +als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Bühne an Krügern viel +verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten" +beweisen. Wo er aber rührend und edel sein will, ist er frostig und +affektiert. Hr. Löwen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man +jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermißt. Dieses war der erste +dramatische Versuch, welchen Krüger wagte, als er noch auf dem Grauen +Kloster in Berlin studierte. + +Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das +Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und +zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt. + +"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stücken, welche der Hr. von +Voltaire für sein Haustheater gemacht hat. Dafür war es nun auch gut +genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht +zu Paris; soviel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine +schlechtern Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Marins und +Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiß selbst nicht. Denn ich +wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke +und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Feierkleide sehen. + +Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber verschiedne +Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem +allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf +Verkennungen und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht +ekel; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das +Fremde der Sitten und die elende Übersetzung das mot pour rire nur nicht +meistens so unverständlich machte. + +Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney" +wiederholt. Den Beschluß machte "Der sehende Blinde". + +Dieses kleine Stück ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat +Titel und Intrige und alles einem alten Stücke des De Brosse abgeborgt. +Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in +die er verliebt ist, als er Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er +verläßt seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der +aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die +Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben +macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt +einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte +Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu überzeugen, +ihnen schreiben läßt, daß er sein Gesicht verloren habe. Die List +gelingt; er kömmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der +um den Betrug weiß, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die +Entwicklung läßt sich erraten; da der Offizier an der Unbeständigkeit der +Witwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu +heiraten, und der Tochter gibt er die nämliche Erlaubnis, sich mit ihrem +Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des +Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe +versichert, daß ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, daß sie ihn +aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem +Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre +Zärtlichkeit durch Gebärden. Das ist der Inhalt des alten Stückes vom De +Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stücke des Le Grand. Nur +daß in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fünf +Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel +geworden, und was sonst dergleichen kleine Veränderungen mehr sind. Es +mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefällt sehr. Die +Übersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir +haben; sie ist wenigstens sehr fließend und hat viele drollige Zeilen. + + +----Fußnote + +[1] S. den 17. Abend. + +[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226. + +----Fußnote + + + + +Vierundachtzigstes Stück +Den 19. Februar 1768 + +Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der +Hausvater" des Hrn. Diderot aufgeführt. + +Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt, +--wenigstens hat es mit Müh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem +Pariser Theater erscheinen dürfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr +lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch +hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und +Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das +Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von +Zeit zu Zeit angemerkt habe. + +Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natürlichen Sohne", in den +beigefügten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat +Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits +verschiedne Jahre vorher ließ er es sich merken, daß er die hohen +Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute täuschen +und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche, +in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in +welchem der persiflierende Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch +das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Höhnerei +zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit +seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen +wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im +Ernste wiederholen will. + +Dieses Buch heißt "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt +durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber +doch hat er es geschrieben und muß es geschrieben haben, wenn er nicht +ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger +Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es +geschrieben zu haben. + +Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch +kennen. Ich will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen, +als es hier in meinen Kram dienet.-- + +Ein Kaiser--was weiß ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen +magischen Ringe gewisse Kleinode so viel häßliches Zeug schwatzen lassen, +daß seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hören wollte. Sie hätte +lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigstens +nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf +des Sultans Majestät und ein paar witzige Köpfe einzuschränken. Diese +waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied +der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und +ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen +unterhält sich die Favoritin einsmals, und das Gespräch fällt auf den +elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert +als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten +seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hören, und er wohl +voraussieht, daß die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme +seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in +allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater +an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile. + +"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim. +"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre +schönsten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir +nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen könnten. Unser Theater ward +für das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafür +gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es +verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es +ist das klare Altertum!" + +"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans +gesehen und gleichfalls den Faden des Stücks sehr richtig geführet, den +Dialog sehr zierlich und das Anständige sehr wohl beobachtet gefunden." + +"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem +Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genähret, und +dem größten Teile unsrer Neuern!" + +"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker über die Klinge +springen lassen, sind doch bei weitem so verächtlich nicht, als Sie +vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer, +keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was +bekümmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es sind +wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten +Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle +nicht gelesen habe, welche es machen, daß ich die Stücke des Aboulcazem, +des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre! +Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und +haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?" + +"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in +verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich +schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das müssen wir aus den Werken +lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die +gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger +gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt +man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner +Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens +alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt +worden. Sonst ließe sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung, +ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken +haben könne; welches doch wider alle Erfahrung ist." + +"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als +daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zunutze machen können, die +bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein müssen, als die Alten: +oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefällt, daß sie auf den +Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig müssen weiter +sehen können, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre, +ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in +Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit +und Poesie nicht ebensowohl überlegen sein?" + +"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist groß, und Riccaric +kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. Er mag Ihnen sagen, +warum unsere Tragödien schlechter sind, als der Alten ihre; aber daß sie +es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich +will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "daß Sie die Alten nicht +gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse beworben, als +daß Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie +gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre +Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstößig sind, weil sich +die Umstände geändert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff +nicht immer edel, wohlgewählt und interessant ist? ob sich die Handlung +nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem +Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten +gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit +Episoden überladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel +Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hören Sie alles, was von +dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti +ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern Sie sich der Höhle des +unglücklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und +sagen Sie mir, ob das Geringste vorkömmt, was Sie in der Täuschung stören +könnte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stück, welches die nämliche +Prüfung aushalten, welches auf den nämlichen Grad der Vollkommenheit +Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben." + +"Beim Brahma!" rief der Sultan und gähnte; "Madame hat uns da eine +vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!" + +"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch +weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich +weiß, daß nur das Wahre gefällt und rühret. Ich weiß auch, daß die +Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer +Handlung bestehet, daß der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der +Handlung selbst gegenwärtig zu sein glaubt. Findet sich aber in den +Tragödien, die Sie uns so rühmen, nur das geringste, was diesem +ähnlich sähe?" + + + + +Fünfundachtzigstes Stück +Den 23. Februar 1768 + +"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und +verwickelt, daß es ein Wunder sein würde, wenn wirklich so viel Dinge in +so kurzer Zeit geschehen wären. Der Untergang oder die Erhaltung eines +Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das +geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Kömmt es auf eine +Verschwörung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie +beisammen; im dritten werden alle Maßregeln genommen, alle Hindernisse +gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit nächstem wird es +einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer +förmlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut geführt, interessant, +warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben, +der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige +zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen +Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen +geht." + +"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stücke sind ein wenig +überladen; aber das ist ein notwendiges Übel; ohne Hilfe der Episoden +würden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen." + +"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muß +man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein +sollte. Kann etwas Lächerlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es +wäre denn etwa dieses, daß man die Geigen ein lebhaftes Stück, eine +muntere Sonate spielen läßt, während daß die Zuhörer um den Prinzen +bekümmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen +Thron und sein Leben zu verlieren. + +"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien +müßte man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen +gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die +Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort. + +"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, daß, +wenn die Episoden uns aus der Täuschung herausbringen, der Dialog uns +wieder hereinsetzt. Ich wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere +tragische Dichter." + +"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte, +das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend +Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu +verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn +unaufhörlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia +sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei +unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn +Sie wollen, einige Stellen daraus übersetzen; und Sie werden die bloße +Natur hören, die sich durch den Mund derselben ausdrückt. Ich möchte gar +zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt daß ihr euern +Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in +Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben.'" + +"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge +unserer dramatischen Stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte +Selim, "daß Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen." + +"Nein, gewiß nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte +für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich +durch ein Wunder. Weiß der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die +er von Szene zu Szene ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll: +geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstoße ab; die ganze Welt +fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. Hernach, +hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die +Prinzen und Könige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut +geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn +Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man +nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu einem hohen Grade der +Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast für +erwiesen, daß von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die +Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die +unvollkommenste geblieben ist." + +Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische +Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir +einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe +mich darauf, eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde." + +"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es käme +einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele +etwas gehört hätte; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle; +der ungefähr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen der +Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber +nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein +Freund, es äußern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der +Fürst, der mit seinem Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat, +daß er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, an +beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, allem Ansehen nach, +sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, daß Sie +von allem, was vorgeht, Zeuge sein können.' Er nimmt mein Anerbieten an, +und ich führe ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das +Theater sieht, welches er für den Palast des Sultans hält. Glauben Sie +wohl, daß trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemühte, die +Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könnte? Müssen Sie nicht +vielmehr gestehen, daß er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer +wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebärden, bei dem +seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend +andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen würden, gleich in der ersten +Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen würde, daß ich ihn +entweder zum Besten haben wollte, oder daß der Fürst mitsamt seinem Hofe +nicht wohl bei Sinnen sein müßten." + +"Ich bekenne", sagte Selim, "daß mich dieser angenommene Fall verlegen +macht; aber könnte man Ihnen nicht zu bedenken geben, daß wir in das +Schauspiel gehen, mit der Überzeugung, der Nachahmung einer Handlung, +nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen." + +"Und sollte denn diese Überzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die +Handlung auf die allernatürlichste Art vorzustellen?"-- + +Hier kömmt das Gespräch nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts +angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den +klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den +Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen +Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit +Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der +gerügten Mängel zu entfernen und den Weg der Natur und Täuschung besser +einzuschlagen bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es +klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der +Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum +er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: bloß +und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode +seiner Vorgänger verschrien haben, weil er empfand, daß in Befolgung der +nämlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein +elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein +Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots über seine +Stücke her. + +Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natürlichen Sohne", manche +Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der +"Hausvater" ist. Zu viel Einförmigkeit in den Charakteren, das +Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog, +ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen: +alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche +Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heißt), die so +philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie +nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu +erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen, +daß die Einkleidung, welche Diderot den beigefügten Unterredungen gab, +daß der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß +verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen +wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß +andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem +blendenden Vortrage zu haben schienen. + + + + +Sechsundachtzigstes Stück +Den 26. Februar 1768 + +z.E. Diderot behauptete,[1] daß es in der menschlichen Natur aufs +höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gäbe, die großer +Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den +menschlichen Charakteren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten, +als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr +die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte +die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie +machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komödie der Charakter das +Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß +der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem +Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgängig die Umstände, +in welchen er sich am besten äußert, und verband diese Umstände +untereinander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vorteile, +die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese +Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit größerm Umfange, von weit +größerm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein +wenig übertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin +ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man +spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. Er +muß das, was er hört, notwendig auf sich anwenden." + +Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es, +daß die Natur so arm an ursprünglichen Charakteren sei, daß sie die +komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molière sahe noch +genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil +von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in +welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so +merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuten läßt, daß der Misanthrop +schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben +sein, wann er länger gelebt hätte.[3] Palissot selbst ist nicht +unglücklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung +beizufügen: den dummen Mäzen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an +seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekünstelte Anschläge +immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den +Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den +Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler +ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten, +die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche +erweitern. Das ist noch Ernte genug für die wenigen Schnitter, die sich +daran wagen dürfen! + +Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so +wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden +die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z. +E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen +Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder +leichtsinnig, leutselig oder stürmisch sein müssen? Wird es nicht bloß +dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte +heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich +die Grundlage der Intrige und die Moral des Stücks wiederum auf dem +Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das +Zufällige sein? + +Zwar könnte Diderot hierauf antworten: Freilich muß die Person, welche +ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen +Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher sein soll, der mit den +Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs +beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es +mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder +stürmisch machen will: er muß notwendig ernsthaft und leutselig sein, und +jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschäfte erfodert. + +Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich +einer andern Klippe genähert; nämlich der Klippe der vollkommnen +Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders tun, als +was sie nach Pflicht und Gewissen tun müßten; sie würden handeln, völlig +wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komödie? Können +dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den +wir davon hoffen dürfen, groß genug sein, daß es sich der Mühe verlohnt, +eine neue Gattung dafür festzusetzen und für diese eine eigene Dichtkunst +zu schreiben? + +Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt +nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stücken steuert er ziemlich +gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich +durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den +Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei +Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Brüdern" des +Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Väter darin sind mit so gleicher +Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann, +die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Fällt +er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit +Erstaunen wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch für +einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und daß +der, den er für einen Narren gehalten hat, wohl gar der verständige Mann +sein könnte. Man sollte zu Anfange des fünften Aufzuges dieses Drama fast +sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen +worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stücks +umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr +weiß, für wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man für +den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man für keinen von +beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel +zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten." + +Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem +nämlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen, +wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir +verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet +zu werden. + +Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloß verschieden, +als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder +natürlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den +dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft +im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend +zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend +finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist +ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise hält, das ihm +Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung? +Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in +welchen man Väter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder völlig +entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater +aufweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der +nämliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich +sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen, +nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch untereinander +einförmiger sein, als es die sein können, welche Väter von verschiednen +Grundsätzen einführen. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in +ruhigen Gesellschaften bloß verschieden scheinen, sich von selbst +kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja +es ist natürlich, daß sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander +entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und +Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue +wird kalt wie Eis, um jenem soviel Übereilungen begehen zu lassen, als +ihm nur immer nützlich sein können. + + +----Fußnote + +[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natürlichen Sohne", S. 321-322 d. +Übers. + +[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II. + +[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui +(à Molière) fournirons toujours assez de matière, et nous ne prenons +guère le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce +qu'il dit. Crois-tu qu'il ait épuisé dans ses Comédies tous les ridicules +des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt +caractères de gens, où il n'a pas touché? N'a-t-il pas, par exemple, ceux +qui se font les plus grandes amitiés du monde, et qui, le dos tourné, +font galanterie de se déchirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs +à outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les +louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur +fade qui fait mal au coeur à ceux qui les écoutent? N'a-t-il pas ces +lâches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune, +qui vous encensent dans la prospérité, et vous accablent dans la +disgrâce? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mécontents de la Cour, ces +suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour +services ne peuvent compter que des importunités, et qui veulent qu'on +les récompense d'avoir obsédé le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux +qui caressent également tout le monde, qui promènent leurs civilités à +droite, à gauche, et courent à tous ceux qu'ils voyent avec les mêmes +embrassades, et les mêmes protestations d'amitié?--Va, va, Marquis, +Molière aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il +a touché n'est que bagatelle au prix de ce qui reste. + +[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Übers. + +----Fußnote + + + + +Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stück +Den 4. März 1768 + +Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz +richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit +seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens +verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbei. + +So sagt er über den "Natürlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer +Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt das Stück so? Welchen Einfluß hat +die Geburt des Dorval? Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher +Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was kann +also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen +über das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwärmen? Welcher +vernünftige Mensch weiß denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches +Vorurteil ist?" + +Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur +Verwickelung meiner Fabel nötig; ohne ihn würde es weit unwahrscheinlicher +gewesen sein, daß Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester +von keinem Bruder weiß; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen, +und ich hätte den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen können. +--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, wäre Palissot nicht ungefähr +widerlegt? + +Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern +Einwurfe bloßgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer +hätte zusetzen können. Diesem nämlich: daß der Umstand der unehelichen +Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher +sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu +eigentümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung +seines Charakters viel zuviel Einfluß gehabt hat, als daß dieser +diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des +Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muß.--Die Gelegenheit +reizt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Reize von +der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen? + +"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische +hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der +und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein +anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große +Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefähr eine so eigene +Physiognomie, daß ihr nur ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde +die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten.--Terenz scheinet mir +einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein +Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er +seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen +nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich +hält, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit +eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater +nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein +Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben." + +Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter +wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als +den Menander. Menander war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen +nach, in seinem Stücke noch weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als +er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphäre, wegen der +verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen müssen.[2] Aber daß er von +Menandern herrührt, dieses allein schon hätte, mich wenigstens, +abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre +kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als +witzig gesagt: doch würde man es wohl überhaupt von einem Dichter gesagt +haben, der Charaktere zu schildern imstande wäre, wovon sich in der +größten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel +zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl ein solcher +Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und +wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der +Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches +denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt +haben, daß schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack +hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen, +aber fast unmerklich, getadelt habe. + +Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz +zeigen will, "daß die Narren aus einer Übertreibung in die andere +entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fürchtet für +einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er tut? Er leihet +monatlich für fünf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je nötiger +der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiß die Namen +aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten, +dabei aber über harte Väter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr, +daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften +entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in +der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann +sich nicht schlechter quälen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter, +dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal +soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen +beiläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz vollkommen +gemäß. + +Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu +lassen. Denn hier, dünkt mich, würde die beiläufige Anspielung dem +Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn +es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso +abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache hätte, sich zu +peinigen, als Fufidius, so teilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius +ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne +alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der +Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut, +was dieser aus Reu und Betrübnis tat: nur alsdenn wird uns jener +unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitleidswürdig wir +diesen finden. + +Und allerdings ist jede große Betrübnis von der Art, wie die Betrübnis +dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst. +Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Jahre sich ein +Beispiel einer solchen Betrübnis finde: vielmehr handelt jede ungefähr +ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero +hatte auf die Natur der Betrübnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem +Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht +bloß von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kälterm Geblüte +fortsetzen zu müssen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes, +faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri, +quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt +humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad +moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros +vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed +etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est, +aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw. + +Menedemus aber, so heißt der Selbstpeiniger bei dem Terenz, hält sich +nicht allein so hart aus Betrübnis; sondern, warum er sich auch jeden +geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich +dieses: um desto mehr für den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal +ein desto gemächlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein +so ungemächliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Väter +tun würden? Meint aber Diderot, daß das Eigene und Seltsame darin +bestehe, daß Menedemus selbst hackt, selbst gräbt, selbst ackert: so hat +er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten +gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit würde das freilich nicht so +leicht tun: denn die wenigsten würden es zu tun verstehen. Aber die +wohlhabensten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen +Arbeiten bekannter und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen. + +Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des +Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentümlichen, wegen dieser ihm fast +nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so +ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler +gefallen? Denn was kann eigentümlicher sein, als der Charakter seines +Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein +zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? "Gleich nach meiner +Geburt", läßt er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort +verschleudert, der die Grenze zwischen Einöde und Gesellschaft heißen +kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die +mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern davon +erblicken. Dreißig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und +verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden, +noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht +hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern, +vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des +Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen +begegnen. Aber daß es ganze dreißig Jahre in der Welt herumirren könne, +ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne +irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht hätte: +das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder wenn es +möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden +Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten +Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Möglichkeit wirklich zu +machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder +einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das +menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst, ein +Bär geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter +Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will: +wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er unter Wesen, die, ehe er +sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn +anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht +glückliche, so sind es unglückliche Menschen! Menschen sind es doch +immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um +von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfließen: das Wasser +heiße, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean. + +Gleichwohl soll diese dreißigjährige Einsamkeit unter den Menschen den +Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun +ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in +ihm erkennen? + +Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er +sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung +werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen +Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der +tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein +komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte +Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie +füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen +den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so +allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so völlig individuell +sind, als diese; und solcher Art dürfte doch wohl der Charakter des +Dorval sein. + +Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen. +Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, daß die Tragödie Individua, die +Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, daß die Personen der +Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen +müßten; dahingegen der Held der Tragödie nur der und der Mensch, nur +Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat +auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er +die ernsthafte Komödie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter +seines Dorval wäre so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so fällt +auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natürlichen Sohnes kann +aus einer so ungegründeten Einteilung keine Rechtfertigung zufließen. + + +----Fußnote + +[1] Unterred., S. 292 d. Übers. + +[2] Falls nämlich die 6. Zeile des Prologs + +Duplex quae ex argumento facta est simplici, + +von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen +ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Übersetzer des +Terenz, Colman, sie erklären. Terence only meant to say, that he had +doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one +mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very +properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been +implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon +Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius, +hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt +diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item +duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil +ich gar nicht einsehe, was von dem Stücke übrigbleibt, wenn man die +Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte +verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie +Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe +behandeln können; beide sind so genau hineingeflochten, daß ich mir weder +Verwicklung noch Auflösung ohne sie denken kann. Einer andern Erklärung, +durch welche sich Julius Scaliger lächerlich gemacht hat, will ich gar +nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom +Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit +haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu +verändern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermaßen berechtigten. +Einige haben gelesen: + +Duplex quae ex Argumente facta est duplici. + +Andere: + +Simplex quae ex argumento facta est duplici. + +Was bleibt noch übrig, als daß nun auch einer lieset: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici? + +Und in allem Ernste: so möchte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle +im Zusammenhange, und überlege meine Gründe: + + Ex integra Graeca integram comoediam + Hodie sum acturus Heautontimorumenon: + Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern +am Theater vorgeworfen ward: + + Multas contaminasse graecas, dum facit + Paucas latinas-- + +[4] Er schmelzte nämlich öfters zwei Stücke in eines und machte aus zwei +griechischen Komödien eine einzige lateinische. So setzte er seine +"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen +"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine +"Brüder" aus den "Brüdern" des nämlichen und einem Stücke des Diphilus. +Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des +"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit +nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm +getan hätten. + + --Id esse factum hic non negat + Neque se pigere, et deinde factum iri autumat. + Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi + Licere id facere, quod illi fecerunt putat. + +[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, daß ich es noch öfterer +tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stücke, und nicht auf das +gegenwärtige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei +griechischen Stücken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens +genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile +sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +So einfach, will Terenz sagen, als das Stück des Menanders ist, ebenso +einfach ist auch mein Stück; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken +eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stücke +genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem lateinischen; +ich gebe also + +Ex integra Graeca integram Comoediam. + +Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben +fand, daß es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar +falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das +zweite integram schicken würde.--Und so glaube ich, daß sich meine +Vermutung und Auslegung wohl hören läßt! Nur wird man sich an die gleich +folgende Zeile stoßen: + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, daß er das ganze Stück aus einem +einzigen Stücke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch +dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, daß sein Stück neu sei, +novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar +durch eine Erklärung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten +getraue, daß sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur +mir zugehört, und kein Ausleger, soviel ich weiß, sie nur von weitem +vermutet hat. Ich sage nämlich: die Worte, + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem +vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, apud Aediles; +novus aber heißt hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen, +sondern bloß, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Daß mein +Stück, will er sagen, ein neues Stück sei, das ist, ein solches Stück, +welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem +Griechischen übersetzt, das habe ich den Ädilen, die mir es abgekauft, +bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an +den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Ädilen +hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen +übersetztes Stück verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den +Ädilen überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei +alten Stücken des Nävius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der +"Eunuchus" mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die +Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der +griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ihm unwissend, schon Nävius +und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen +bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natürlicher, als daß +er den Ädilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des +Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Ädilen konnten das leicht selbst von +ihm gefodert haben. Und darauf geht das + +Novam esse ostendi, et quae esset. + +[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27. + +----Fußnote + + + + +Neunundachtzigstes Stück +Den 8. März 1768 + +Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Assertion ohne allen Beweis +gelassen hat. Er muß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein +Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um +ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den +wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles +und Alexander und Cato und Augustus heißen und Achilles, Alexander, Cato, +Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus +geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie +sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen, +und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können? Fast scheint +es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren +widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen +Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den größern Nutzen +der letztern vor der ersten gegründet. Auch hat er es auf eine so +einleuchtende Art getan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine +geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein +Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein könne. + +"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen +Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet +klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu erzählen, was geschehen, +sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was +nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei möglich gewesen. +Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die +gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des Herodotus in +gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in +gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener +waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was +geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene +gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher +als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die +Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein +Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln +würde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das +Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der +Komödie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die +Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt man die etwanigen +Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei +dem Einzeln bleiben. Bei der Tragödie aber hält man sich an die schon +vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist und wir +nicht möglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen +offenbar möglich sein muß, weil es nicht geschehen wäre, wenn es nicht +möglich wäre. Und doch sind auch in den Tragödien, in einigen nur ein +oder zwei bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch +gar keiner, so wie in der ›Blume‹ des Agathon. Denn in diesem Stücke sind +Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefällt es darum +nichts weniger." + +In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Übersetzung anführe, mit +welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als möglich, sind +verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen +können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier +zur Sache gehört, muß ich mitnehmen. + +Das ist unwidersprechlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen +Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung +ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst +die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der +poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln, +nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein +jeder von ihrer Beschaffenheit in den nämlichen Umständen sprechen oder +handeln würde und müßte. In diesem [Greek: katholou], in dieser +Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer +und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist, +daß derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene +Physiognomien geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der +Welt ähnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre +Kindheit zurücksetzen und in Satire verkehren würde: so ist es auch +ebenso wahr, daß derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den +Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigentümlichkeiten, +die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie +alle diese Eigentümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato +zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, daß, sage ich, +dieser die Tragödie entkräften und zur Geschichte erniedrigen würde. + +Aber Aristoteles sagt auch, daß die Poesie auf dieses Allgemeine der +Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders +bei der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die +Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnügt, im geringsten aber +nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber +ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas +ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie, +wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser +Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person, +besonders bei der Komödie, schon längst sichtbar gewesen? + +Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei +legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae +poiaesis onomata epitithemenae], übersetzt Dacier: Une chose générale, +c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractère a dû dire, ou +faire vraisemblablement ou nécessairement, ce qui est le but de la poésie +lors même, qu'elle impose les noms à ses personnages. Vollkommen so +übersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermöge +eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit +redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch +wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung +über diese Worte stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen +eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine +ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei: +aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht, +davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors +même, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts +davon zu sagen gewußt, ja, daß sie gar nicht einmal verstanden, was +Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors même, dieses auch wenn, heißt +bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach +bloß sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln +Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser +Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des +Dacier, die ich in der Note anführen will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun +ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es +erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß +die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das +Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst +auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl +meinen, daß beides nicht einerlei wäre. Ist es aber nicht einerlei: so +gerät man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese +Frage antworten die Ausleger nichts. + + +----Fußnote + +[1] Dichtk., 9. Kapitel. + +[2] Aristote prévient ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la +définition qu'il vient de donner d'une chose générale: car les ignorants +n'auraient pas manqué de lui dire qu'Homère, par exemple, n'a point en +vue d'écrire une action générale et universelle, mais une action +particulière, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme +Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par conséquent, il n'y a aucune +différence entre Homère et un Historien, qui aurait écrit les actions +d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir +que les Poètes, c'est-à -dire, les Auteurs d'une Tragédie ou d'un Poème +Épique lors même qu'ils imposent les noms à leurs personnages ne pensent +en aucune manière à les faire parler véritablement, ce qu'ils seraient +obligés de faire, s'ils écrivaient les actions particulières et +véritables d'un certain homme, nommé Achille ou Edipe, mais qu'ils se +proposent de les faire parler et agir nécessairement ou vraisemblablement; +c'est-à -dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce même +caractère doivent faire et dire en cet état, ou par nécessité, ou au moins +selon les règles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que +ce sont des actions générales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr +Curtius in seiner Anmerkung; nur daß er das Allgemeine und Einzelne noch an +Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, daß er auf den +Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge würden es nur personifierte +Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln ließe, da es doch +charakterisierte Personen sein sollen. + +----Fußnote + + + + +Neunzigstes Stück +Den 11. März 1768 + +Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon längst an +der Komödie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae +touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta +tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton +kath' ekaston poiousin]. Ich muß auch hiervon die Übersetzungen des +Dacier und Curtius anführen. Dacier sagt: C'est ce qui est déjà rendu +sensible dans la comédie, car les poètes comiques, après avoir dressé +leur sujet sur la vraisemblance, imposent après cela à leurs personnages +tels noms qu'il leur plaît, et n'imitent pas les poètes satyriques, qui +ne s'attachent qu'aux choses particulières. Und Curtius: "In dem +Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die +Komödienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit +entworfen haben, legen sie den Personen willkürliche Namen bei und setzen +sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum +Ziele." Was findet man in diesen Übersetzungen von dem, was Aristoteles +hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als +daß die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist, +satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das +Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkürliche Namen, tels +noms qu'il leur plaît, beilegten. Gesetzt nun auch, daß [Greek: ta +tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten könnten: wo haben denn beide +Übersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses +"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn +diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren +Personen nicht allein willkürliche Namen bei, sondern sie legten ihnen +diese willkürliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, daß +sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das? +Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius! + +Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die +Komödie gab ihren Personen Namen, welche, vermöge ihrer grammatischen +Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die +Beschaffenheit dieser Personen ausdrückten: mit einem Worte, sie gab +ihnen redende Namen; Namen, die man nur hören durfte, um sogleich zu +wissen, von welcher Art die sein würden, die sie führen. Ich will eine +Stelle des Donatus hierüber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei +Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brüder", in +comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim +absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae +incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus +fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon: +juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo +et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae +vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque +protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut +Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr +Beispiele hiervon überzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus +und Terenz untersuchen. Da ihre Stücke alle aus dem Griechischen genommen +sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und +haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die +Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein +haben können; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und +sicher angeben können. + +Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern +muß ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da +nicht erinnern können, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie +verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klärer sein, als was +der Philosoph von der Rücksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der +Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als daß +[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], daß sich +diese Rücksicht bei der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe? +Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter +von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der +beleidigenden Satire die unterrichtende Komödie entstand: suchte man +jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische +feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder +jenem Stamme: er hieß Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende +Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hieß nicht, wie ein gewisser +armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artotrogus, Brockenschröter. Der +Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater +in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln +Bürgers: er hieß Phidippides, Junker Sparroß. + +Man könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine +Erfindung der neuern griechischen Komödie sein dürften, deren Dichtern +es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber +Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe und folglich bei +seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen können. Das letztere +behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, daß die +ältere griechische Komödie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in +denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine +gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer +dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit +Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet. + + +----Fußnote + +[1] Diese Periode könnte leicht sehr falsch verstanden werden. Nämlich +wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das für etwas +Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist +doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es würde +ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar +erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschäftigungen +beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff +ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein +bei ihm, was er seinen Personen für Namen beilegen, oder was er mit diesen +Namen für einen Stand oder für eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach +dürfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrückt +haben; und mit Veränderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoß vermieden. +Man lese nämlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum +confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere +et nomen personae u.s.w. + +[2] Hurd in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebiete des Drama: +From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of +this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who +defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking +ridicule. His notion was taken from the state and practice of the +Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to +this description. The great revolution, which the introduction of the new +comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses +nimmt Hurd bloß an, damit seine Erklärung der Komödie mit der +Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat +die Neue Komödie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in +der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen +Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton +komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae +aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man könnte zwar sagen, daß +unter der Neuen Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch +keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heißen müssen. +Man könnte hinzusetzen, daß Aristoteles in eben der Olympiade gestorben, +in welcher Menander sein erstes Stück aufführen lassen, und zwar noch das +Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat +unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Menander rechnet; +Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach, +aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehört schrieb viel früher, +und der Übergang von der Mittleren zur Neuen Komödie war so unmerklich, +daß es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselben kann gefehlt haben. +Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein +"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen +Veränderungen zueignen konnte: Kokalon heißt es in dem "Leben des +Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai +talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von +allen verschiedenen Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte auch +Aristoteles seine Erklärung der Komödie überhaupt auf sie alle +einrichten. Das tat er denn; und die Komödie hat nachher keine +Erweiterung bekommen, für welche diese Erklärung zu enge geworden wäre. +Hurd hätte sie nur recht verstehen dürfen, und er würde gar nicht nötig +gehabt haben, um seine an und für sich richtigen Begriffe von der Komödie +außer allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu +der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen. + +----Fußnote + + + + +Einundneunzigstes Stück +Den 15. März 1768 + +Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf +das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte +Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich +mit Erziehung junger Leute bemengten, lächerlich und verdächtig machen. +Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte +diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher +eine Menge Züge, die auf den Sokrates gar nicht paßten; so daß Sokrates +in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben +konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komödie, wenn man diese +nicht treffende Züge für nichts als mutwillige Verleumdungen erklärt und +sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für +Erweiterungen des einzeln Charakters, für Erhebungen des Persönlichen zum +Allgemeinen! + +Hier ließe sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen +Komödie überhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch +nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es ließe sich +anmerken, daß dieser Gebrauch keinesweges in der ältern griechischen +Komödie allgemein gewesen,[1] daß sich nur der und jener Dichter +gelegentlich desselben erkühnet,[2] daß er folglich nicht als ein +unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komödie zu betrachten. [3] +Es ließe sich zeigen, daß, als er endlich durch ausdrückliche Gesetze +untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser +Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch +stillschweigend für ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stücken des +Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt +und lächerlich gemacht.[4] Doch ich muß mich nicht aus einer +Ausschweifung in die andere verlieren. + +Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragödie machen. +So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens +vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal +einer eiteln und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates +bekam, weil Sokrates als ein solcher Täuscher und Verführer zum Teil +bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloß der +Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband +und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens +bestimmte: so ist auch bloß der Begriff des Charakters, den wir mit den +Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum +der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er führt +einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen +Begegnissen dieser Männer bekanntzumachen, nicht um das Gedächtnis +derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu +unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können +und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren +wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht, +daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurückführen müsse; +er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere +bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß +sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und +über Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben +haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen +schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen +lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon +gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in +seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch +wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen und alles, was einmal +geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser +Ursachen fließt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe +überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nötig, sich +umständlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer +von anderwärts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt außer +meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger +mißverstanden als jene. + +Nun also auf die Behauptung des Diderot zurückzukommen. Wenn ich die +Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu haben glauben darf: so darf ich +auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache +selbst unmöglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die +Charaktere der Tragödie müssen ebenso allgemein sein, als die Charaktere +der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder +Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders +verstehen, als Aristoteles darunter verstand. + + +----Fußnote + +[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komödie von dem Margites +des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen +worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die +erdichteten Namen mit eingeführt haben. Denn Margites war wohl nicht der +wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von +[Greek: margaes] gemacht worden, als daß [Greek: margaes] von [Greek: +Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten +Komödie finden wir es auch ausdrücklich angemerkt, daß sie sich aller +Anzüglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht möglich gewesen +wäre. z.E. von dem Pherekrates. + +[2] Die persönliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche +Eigenschaft der alten Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter +gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkühnet. Es war Cratinus, welcher +zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke, +tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae +komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine, +verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten hatte. +Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sei, +welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.): +[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All' +Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei]. + +[3] Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium +betrachten mögen. Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so +viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten. + +[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und +will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten +verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil +gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et +Phormis inventèrent les sujets de leurs pièces, puisque l'un et l'autre +ont été des Poètes de la vieille Comédie, où il n'y avait rien de feint, +et que ces aventures feintes ne commencèrent à être mises sur le théâtre, +que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-à -dire dans la nouvelle Comédie. +(Remarque sur le Chap. V. de la Poét. d'Arist.) Man sollte glauben, wer +so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Aristophanes +getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komödie, war +ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer +sein konnten. Kein einziges von den übriggebliebenen Stücken des +Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen wäre; +und wie kann man sagen, daß sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil +sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als +ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei +poiaetaen ae ton metron]: würde er nicht schlechterdings die Verfasser +der alten griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben +ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer +Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragödie gar wohl +mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus +der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch +in der Komödie bestehen können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß +gewesen sein, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche und +auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmähsucht +zurückfalle; vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das [Greek: katholou +poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den +ältesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und +wird es gewiß dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wußte, +wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles +und Sokrates namentlich mitgenommen. + +[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komödie +lächerlich zu machen, in seiner "Republik" einführen wollte ([Greek: +maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno +maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals +darüber gehalten worden. Ich will nicht anführen, daß in den Stücken des +Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit +Namen genennt ward; man könnte antworten, daß dieser Abschaum von +Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Ktesippus, der Sohn des +Chabrias, war doch gewiß atheniensischer Bürger so gut wie einer, und man +sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.) + +----Fußnote + + + + +Zweiundneunzigstes Stück +Den 18. März 1768 + +Und warum könnte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen +andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso +ausdrückt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu +widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht, +daß ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern für denjenigen erkennen +muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat. + +Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd; +ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Übersetzungen bei uns +immer am spätesten bekannt werden. Ich möchte ihn aber hier nicht gern +anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der +Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so +dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen +daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich +also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unübersetzten +guten Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit +fertigen Feder geben wollen. + +Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Über die verschiednen Gebiete +des Drama" beigefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nur +die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwägung gezogen worden, +ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen. +Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste +einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu fällen. Nachdem +er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drei Gattungen +desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des +Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener +allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen +Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in +welchen sie voneinander unterschieden sein müssen. + +Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch +diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete +Begebenheit zuträglicher sei. Hierauf fährt er fort: The same genius in +the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy +makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of +Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of +covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of +cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem nämlichen Geiste schildern +die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle +ihre Charaktere general; die Tragödie partikulär. Der Geizige des Molière +ist nicht so eigentlich das Gemälde eines geizigen Mannes, als des Geizes +selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemälde der Grausamkeit, +sondern nur eines grausamen Mannes." + +Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit +erfodert, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen +sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die +Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr +wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem +ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so +weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre +Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren; +angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von +Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben +wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält. + +Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein +bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolge bloß annehmen, so wie sie da +liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu +widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloß, welches aus +der weitern Erklärung des Hurd erhellet. + +"Es wird aber", fährt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten +Verstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu +begünstigen scheinen könnte. + +Die erste betrifft die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie +partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind +partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der +Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den +charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so +viele zusammenzieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem +Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung +unumgänglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Züge, durch die er +sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht. + +Es ist fast wie mit dem Porträtmalen. Wenn ein großer Meister ein +einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die +er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nämlichen Art nur so +weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentümlichen +Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Künstler hingegen einen Kopf +überhaupt malen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge +zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt +hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in +Gedanken gemacht hat und in seinem Gemälde darstellen will. + +Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des +Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter +partikular nenne, ich bloß sagen will, daß er die Art, zu welcher er +gehöret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, daß das, +was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig +sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als +wovon ich das Gegenteil anderwärts behauptet und umständlich +erläutert habe.[1] + +Was zweitens die Komödie anbelangt, so habe ich gesagt, daß sie generale +Charaktere geben müsse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Molière +angeführt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen +Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte nicht in aller +ihrer Strenge nehmen. Molière dünkt mich in diesem Beispiele selbst +fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklärung, nicht +ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen. + +Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine +ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese +Charaktere so allgemein macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise +die in dem Stücke aufgeführte Person gleichsam der Repräsentant aller +Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der +Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur möglich. Es muß aber +sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den +möglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken, +sondern nur bis auf die wirkliche Äußerung seiner Kräfte, so wie sie von +der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden +können. Hierin haben Molière, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der +Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige +Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine +grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich +nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer +einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter +und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben +erteilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung +verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder +herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen; +und diese Vermischung muß sich in jedem dramatischen Gemälde von Sitten +finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche +Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden +Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den +andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende +Charakter sich desto kräftiger ausdrücke." + + +----Fußnote + +[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae +morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd +zeigt, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen +Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; +Falschheit hingegen das heiße, was zwar dem vorhabenden besondern Falle +angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur übereinstimmend sei. + +----Fußnote + + + + +Dreiundneunzigstes Stück +Den 22. März 1768 + +"Alles dieses läßt sich abermals aus der Malerei sehr wohl erläutern. In +charakteristischen Porträten, wie wir diejenigen nennen können, welche +eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann +von wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer abstrakten +Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein, +daß irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drückt er stark, +und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden +Leidenschaft am sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses getan hat, so +dürfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein +Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Porträte sagen, +daß es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade +so wie die Alten von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silanion +angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die +Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muß bloß so verstanden +werden, daß er die hauptsächlichen Züge der vorgebildeten Leidenschaft +gut ausgedrückt habe. Denn im übrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso, +wie er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die +mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmaß und +Verhältnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht. +Und das heißt denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von +einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft +verwandelt wäre. Keine Metamorphosis könnte seltsamer und unglaublicher +sein. Gleichwohl sind Porträte, in diesem tadelhaften Geschmacke +verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer +Sammlung das Gemälde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewöhnlicheres gibt +es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede +Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden, +sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darüber zu +äußern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit würde Le Bruns Buch +von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen +Porträte enthalten: und die Charaktere des Theophrasts müßten, in Absicht +auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein. + +Über das erstere dieser Urteile würde jeder Virtuose in den bildenden +Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, fürchte ich, dürften wohl +nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener +unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu +urteilen, welchen dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es +ließen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beispiele +anführen. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten +Ideen auszuführen, in ihrem völligen Lichte sehen will, der darf nur Ben +Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein +charakteristisches Stück sein soll, in der Tat aber nichts als eine +unnatürliche und, wie es die Maler nennen würden, harte Schilderung einer +Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild +in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer +ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von ihrer Einrichtung +sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse' +ausdrücklich nachgeahmet zu haben scheint. + +Auch hierin, müssen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern +noch wesentlichern Schönheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer +seine Komödien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden, +daß seine auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den größten Teil +ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdrücken und ihre +wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die +Umstände eine ungezwungene Äußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese +besondere Vortrefflichkeit seiner Komödien entstand daher, daß er die +Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles +aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstoßen +konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Skribenten +verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen +Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der ängstlichen Sorgfalt +ihre Lieblingscharaktere in beständigem Spiele und ununterbrochner +Tätigkeit zu erhalten. Man könnte über diese ungeschickte Anstrengung +ihres Witzes sagen, daß sie mit den Personen ihres Stücks nicht anders +umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit +ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren Anteil an der allgemeinen +Unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum Vergnügen +der Gesellschaft, Sprünge und Männerchen machen müssen." + + +----Fußnote + +[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8. + +[2] Beim B. Jonson sind zwei Komödien, die er vom Humor benennt hat; +die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of +his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde +auf die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch als +den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst: + + As when some one peculiar quality + Doth so possess a Man, that it doth draw + All his affects, his spirits, and his powers, + In their constructions, all to run one way. + This may be truly said to be a humour. + But that a rook by wearing a py'd feather, + The cable hatband, or the three-pil'd ruff, + A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot + On bis French garters, should affect a humour! + O, it is more than most rediculous. + +[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stücke des Jonson also sehr +wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der +Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals +bei ihnen großenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation +lächerlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen, +müßte auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand +der Komödie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen, +sich durch etwas Eigentümliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine +menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie +wählt, sehr lächerlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber, +wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene +Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel +zu speziell, als daß es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht +des Drama vertragen könnte. Der überhäufte Humor in vielen englischen +Stücken dürfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere +derselben sein. Gewiß ist es, daß sich in dem Drama der Alten keine Spur +von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wußten das Kunststück, +ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter +überhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann +und wann Humor: wenn nämlich die historische Wahrheit oder die Aufklärung +eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich +habe Exempel davon fleißig gesammelt, die ich auch bloß darum in Ordnung +bringen zu können wünschte, um gelegentlich einen Fehler +wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir übersetzen +nämlich itzt fast durchgängig Humor durch Laune; und ich glaube mir +bewußt zu sein, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe +sehr unrecht daran getan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt +wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor +und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade +entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist, +außer diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich hätte die Abstammung unsers +deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben besser +untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune +das französische Humeur ausdrücke, daß es auch das englische Humour +ausdrucken könnte; aber die Franzosen selbst können Humour nicht durch +Humeur übersetzen.--Von den genannten zwei Stücken des Jonson hat das +erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier gerügten Fehler +weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so +individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnlichen Natur nicht +bestehen könnte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung +so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem +Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der +wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiß weder wie noch warum; +und ihr Gespräch ist überall durch ein paar Freunde des Verfassers +unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingeführt sind und Betrachtung +über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu +behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an, +daß alle die Personen in Umstände geraten, in welchen sie ihres Humors +satt und überdrüssig werden. + + +----Fußnote + + + + +Vierundneunzigstes Stück +Den 25. März 1768 + +Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den +Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird nötig +sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklärt zu haben +versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur +partikular wären, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß +überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem +Aristoteles übereinstimmen. + +"Wahrheit", sagt er, "heißt in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der +allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher, +als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit +jener allgemeinen Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in +der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge: +einmal, die Sokratische Philosophie fleißig zu studieren; zweitens, sich +um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil +es der eigentümliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius +accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere +Ähnlichkeit erteilen zu können. Sich hiervon zu überzeugen, darf man nur +erwägen, daß man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau +halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der +Künstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu ängstlich +befleißigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten, +und so die allgemeine Idee der Gattung auszudrücken verfehlen. Oder er +kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemüht, sie aus zu +vielen Fällen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange, +zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich +bloß in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses +letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederländischen +Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und +nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schönheit +entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man +gleichfalls den niederländischen Meistern vorwirft und der dieser ist, +daß sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine +und reizende Natur sich zum Vorbilde wählen. + +Wir sehen also, daß der Dichter, indem er sich von der eigenen und +besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit +nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen +Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegrübelt hatte und nicht ohne +Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Nämlich, daß die poetische +Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen könne. Denn, der +poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters +eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge; +und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem göttlichen +Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild +von dem Bilde eines Bildes und liefert uns ursprüngliche Wahrheit nur +gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernünftelei fällt +weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehörig fasset und +fleißig in Ausübung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles +absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet, +überspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden +besondern Gegenstände und erhebt sich, soviel möglich, zu dem göttlichen +Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus +lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewöhnliche Lob, +welches der große Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; daß +sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere +Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias +estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr +begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d' +historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein +wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den +zwei großen Nebenbuhlern der griechischen Bühne soll befunden haben. Wenn +man dem Sophocles vorwarf, daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle, +so pflegte er sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so +schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie wären: +[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi +eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen +ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung, +welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen +vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische +Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht +hatte und von da aus das Leben übersehen wollte, hielt seinen Blick zu +sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet, +versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den +vorhabenden Gegenständen nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr, +aber auch dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die zur +Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7] + +Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen +müssen. Man könnte sagen, 'daß philosophische Spekulationen die Begriffe +eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das +Individuelle einschränken müßten. Das letztere sei ein Mangel, welcher +aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den Menschen zu +betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch +abzuhelfen, daß man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin +die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die +allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen +Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bücher hätten ihren +allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer +ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben +können, ohne welche ihre Bücher sonst von keinem Werte sein würden.' Die +Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwägung der allgemeinen +Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein +muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften +entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, welches der +beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen, +wieweit und in welchem Grade von Stärke sich dieser oder jener Charakter, +bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist +einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Daß +Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides +war, sehr häufig sollten gewesen sein, läßt sich nicht wohl annehmen: +auch werden, wo sich dergleichen in seinen übriggebliebenen Stücken etwa +finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, daß sie auch einem +gemeinen Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten sein, +die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermögend ist; und +auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit +der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im +Grunde eine Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches +Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche +Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber +gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, wenn ich sie auch +schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine +Meinung zu erläutern dienen kann." + + +----Fußnote + +[1] De arte poet. v. 310. 317. 318. + +[2] De Orat. I. 51. + +[3] Nach Maßgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis +formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret: +sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam +intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum +dirigebat. (Cic. Or. 2.) + +[4] Plato de Repl., L. X. + +[5] "Dichtkunst", Kap. 9. + +[6] "Dichtkunst", Kap. 25. + +[7] Diese Erklärung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles +gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Übersetzung scheinet Dacier +zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Héros, +comme ils devaient être et qu'Euripide les faisait comme ils étaient. +Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd +versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des +Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren +individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich +dabei eine höhere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu +erreichen fähig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese, +sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewöhnlicherweise beigelegt: +Sophocle tâchait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours +bien plus ce qu'une belle Nature était capable de faire, que ce qu'elle +faisait. Allein diese höhere moralische Vollkommenheit gehöret gerade zu +jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht +dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt, +schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des +Sophokles. Die weitere Ausführung hiervon verdienet mehr als eine Note. + +----Fußnote + + + + +Fünfundneunzigstes Stück +Den 29. März 1768 + +"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem +Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll +erfülltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Härte, mit der man +sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit stärkere +Bewegungsgründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. Eine +solche heftige Gemütsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl +schließen, muß immer sehr bereit sein, sich zu äußern. Elektra, kann er +wohl einsehen, muß, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren +Groll an den Tag legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen +zu können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen darf? d.I. +wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, ohne daß ein Mann, der +mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften +im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich? +Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein. +Sogar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier +nicht hinlänglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt +haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf +das Äußerste getrieben hätte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die +Geschichte dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine +tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es +der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die +eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig +und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Fälle als möglich; einzig +und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche +Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen im +wirklichen Leben gewöhnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis +in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der +Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter +von dem Euripides wirklich behandelt worden. + +In der schönen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes +vorfällt, von dem sie aber noch nicht weiß, daß er ihr Bruder ist, kömmt +die Unterredung ganz natürlich auf die Unglücksfälle der Elektra und auf +den Urheber derselben, die Klytämnestra, sowie auch auf die Hoffnung, +welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu +werden. Das Gespräch, wie es hierauf weitergehet, ist dieses: + +Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er käme nach Argos zurück-- + +Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals +zurückkommen wird? + +Orestes. Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen, um den Tod +seines Vaters zu rächen? + +Elektra. Sich eben des erkühnen, wessen die Feinde sich gegen seinen +Vater erkühnten. + +Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen? + +Elektra. Sie mit dem nämlichen Eisen umbringen, mit welchem sie +meinen Vater mordete! + +Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinem Bruder +vermelden? + +Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!' + +Das Griechische ist noch stärker: + +[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes]. + +'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht +habe!' + +Nun kann man nicht behaupten, daß diese letzte Rede schlechterdings +unnatürlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo +unter ähnlichen Umständen die Rache sich ebenso heftig ausgedrückt hat. +Gleichwohl, denke ich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders +als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht für gut, +ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umständen nur +das: 'Jetzt sei dir die Ausführung überlassen! Wäre ich aber allein +geblieben, so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nicht mißlingen +sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!' + +Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus +einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen +Natur überhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemäßer ist, als die +Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen überlassen, die +es zu beurteilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere +sein, als die ich angenommen: daß nämlich Sophokles seine Charaktere so +geschildert, als er, unzähligen von ihm beobachteten Beispielen der +nämlichen Gattung zufolge, glaubte, daß sie sein sollten; Euripides aber +so, als er in der engeren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte, daß +sie wirklich wären‹--". + +Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen +Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sie unstreitig so viel feine +Bemerkungen, daß es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen +Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, daß er meine +Absicht selbst darüber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu +zeigen, daß auch Hurd, so wie Diderot, der Tragödie besondere, und nur +der Komödie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem +Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen +poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget. +Hurd erklärt sich nämlich so: der tragische Charakter müsse zwar +partikulär oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er müsse +die Art, zu welcher er gehöre, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber +müsse das wenige, was man von ihm zu zeigen für gut finde, nach dem +Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1] + +Und nun wäre die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen +wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen wäre, sich nirgends in +Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem +daran gelegen ist, daß zwei denkende Köpfe von der nämlichen Sache nicht +Ja und Nein sagen, könnte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung +unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen. + +Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich dünkt, es ist +eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar +darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die +eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter +verneinen, ist nicht die nämliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet. +Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die +andere schlechterdings ausschlösse? + +In der ersten Bedeutung heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in +welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat, +zusammennimmt; es heißt mit einem Worte, ein überladener Charakter; es +ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine +charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heißt ein +allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern +oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine +mittlere Proportion angenommen; es heißt mit einem Worte, ein +gewöhnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern +nur insofern der Grad, das Maß desselben gewöhnlich ist. + +Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der +Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklären. Aber wenn denn nun +Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als +tragischen Charakteren erfodert: wie ist es möglich, daß der nämliche +Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es +möglich, daß er zugleich überladen und gewöhnlich sein kann? Und gesetzt +auch, er wäre so überladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem +getadelten Stücke des Jonson sind; gesetzt, er ließe sich noch gar wohl +in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, daß er sich wirklich +in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geäußert habe: +würde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewöhnlicher sein, als +jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet? + +Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, daß diese +Blätter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich +bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich +mache. Meine Gedanken mögen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar +sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei +welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als +Fermenta cognitionis ausstreuen. + + +----Fußnote + +[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less +representative of the kind than the comic; not that the draught of so +much character as it is concerned to represent should not be general. + +----Fußnote + + + + +Sechsundneunzigstes Stück +Den 1. April 1768 + +Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn +Romanus "Brüder" wiederholt. + +Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brüder" des Herrn Romanus? +Nach einer Anmerkung nämlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brüder" +des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi +nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti +Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine +fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komödien zwar ohne seinen +Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden. +Noch itzt sind diejenigen Stücke, die sich auf unserer Bühne von ihm +erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen +Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie wäre gehöret worden. +Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit +seinen Arbeiten für das Theater so lange fortzufahren, bis die Stücke +aufgehört hätten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafür die +Stücke empfohlen hätte? + +Das meiste, was wir Deutsche noch in der schönen Literatur haben, sind +Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, daß +es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Männer, sagt +man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschäfte, zu welchen sie +die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komödien heißen +Spielwerke; allenfalls nicht unnützliche Vorübungen, mit welchen man sich +höchstens bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr beschäftigen darf. Sobald +wir uns dem männlichen Alter nähern, sollen wir fein alle unsere Kräfte +einem nützlichen Amte widmen; und läßt uns dieses Amt einige Zeit, etwas +zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der +Gravität und dem bürgerlichen Range desselben bestehen kann; ein hübsches +Kompendium aus den höhern Fakultäten, eine gute Chronike von der lieben +Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen. + +Daher kömmt es denn auch, daß unsere schöne Literatur, ich will nicht +bloß sagen gegen die schöne Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen +aller neuern polierten Völker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches +Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an +Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kräfte und Nerven, Mark +und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein +Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner +Erholung und Stärkung, einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner +alltäglichen Beschäftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann +wohl z.E. in unsern höchst trivialen Komödien finden? Wortspiele, +Sprichwörter, Späßchen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hört: +solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnügt so gut +es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschüttern will, wer +zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und +kömmt nicht wieder. + +Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst +in die Welt tritt, kann unmöglich die Welt kennen und sie schildern. Das +größte komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und +leer; selbst von den ersten Stücken des Menanders sagt Plutarch,[1] daß +sie mit seinen spätern und letztern Stücken gar nicht zu vergleichen +gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, könne man schließen, was er +noch würde geleistet haben, wenn er länger gelebt hätte. Und wie jung +meint man wohl, daß Menander starb? Wieviel Komödien meint man wohl, daß +er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfünfe; und nicht +jünger als zweiundfunfzig. + +Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es +sich noch der Mühe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von +den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte +Teil so viel Stücke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben +das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es +aber nur, und spreche! + +Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hören. Wir +haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern, +deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdächtig zu machen. +"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich über alle Regeln +hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie: +ich glaube, damit wir sie auch für Genies halten sollen. Doch sie +verraten zu sehr, daß sie nicht einen Funken davon in sich spüren, wenn +sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdrücken +das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken +ließe! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm +hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist +ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es +begreift und behält und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in +Worten ausdrücken. Und diese seine in Worten ausgedrückte Empfindung +sollte seine Tätigkeit verringern können? Vernünftelt darüber mit ihm, so +viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Sätze +den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von +diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurück, die während der +Arbeit auf seine Kräfte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die +Erinnerung eines glücklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen +glücklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, daß +Regeln und Kritik das Genie unterdrücken können: heißt mit andern Worten +behaupten, daß Beispiele und Übung eben dieses vermögen; heißt, das Genie +nicht allein auf sich selbst, heißt es sogar lediglich auf seinen ersten +Versuch einschränken. + +Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie über die +nachteiligen Eindrücke, welche die Kritik auf das genießende Publikum +mache, so lustig wimmern! Sie möchten uns lieber bereden, daß kein Mensch +einen Schmetterling mehr bunt und schön findet, seitdem das böse +Vergrößerungsglas erkennen lassen, daß die Farben desselben nur +Staub sind. + +"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als +daß es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen könne.--Es ist fast +nötiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als +darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Bühne +muß durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren +ist leichter als selbst erfinden." + +Heißt das, Gedanken in Worte kleiden: oder heißt es nicht vielmehr, +Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn, +die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was für +Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden? +--Schlaue Köpfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so +wünschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so +möchten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen, +daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist; und glauben +vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an, +daß Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt +zu haben! + +Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muß +raisonnieren können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern +trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind. + +Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang +gehen und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren. +Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. +Ihr Sommer ist so leicht abgewartet! + +Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei +Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brüder" des Herrn Romanus[2] +annoch über dieses Stück versprach!--Die vornehmsten derselben werden die +Veränderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu müssen +geglaubet, um sie unsern Sitten näher zu bringen. + +Was soll man überhaupt von der Notwendigkeit dieser Veränderungen sagen? +Wenn wir so wenig Anstoß finden, römische oder griechische Sitten in der +Tragödie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die +Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein +entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in +unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter +aufbürden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine +Handlung vorgehen läßt, so genau als möglich zu schildern; da wir in +dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen? +"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach +bloßer Eigensinn, bloße Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten +Grund in der Natur. Das Hauptsächlichste, was wir in der Komödie suchen, +ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber +nicht so leicht versichert sein können, wenn wir es in fremde Moden und +Gebräuche verkleidet finden. In der Tragödie hingegen ist es die +Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen +einheimischen Vorfall aber für die Bühne bequem zu machen, dazu muß man +sich mit der Handlung größere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte +Geschichte verstattet." + + +----Fußnote + +[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]", +p. 1588. Ed. Henr. Stephani. + +[2] Dreiundsiebzigstes Stück. + +----Fußnote + + + + +Siebenundneunzigstes Stück +Den 5. April 1768 + +Diese Auflösung, genau betrachtet, dürfte wohl nicht in allen Stücken +befriedigend sein. Denn zugegeben, daß fremde Sitten der Absicht der +Komödie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer +die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der +Tragödie ein besseres Verhältnis haben, als fremde? Diese Frage ist +wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne +allzumerkliche und anstößige Veränderungen für die Bühne bequem zu +machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch +einheimische Vorfälle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragödie am +leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so müßte es ja doch +wohl besser sein, sich über alle Schwierigkeiten, welche sich bei +Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten +zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht +alle einheimische Vorfälle so merklicher und anstößiger Veränderungen +bedürfen; und die deren bedürfen, ist man ja nicht verbunden zu +bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, daß es gar wohl +Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben, +als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat +er auch schon entschieden, daß sich der Dichter um den wenigern Teil +seiner Zuschauer, der von den wahren Umständen vielleicht unterrichtet +ist, lieber nicht bekümmern, als seiner Pflicht minder Genüge +leisten müsse. + +Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komödie haben, beruhet +auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter +braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu nötigen +Beschreibungen und Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach +ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig +zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und +befördern bei dem Zuschauer die Illusion. + +Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten +Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als +möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht an Nebenzwecke zu +verschwenden, sondern sie ganz für den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm +kömmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht +hierauf antworten, daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß +sie ihrer ganz und gar entübriget sein könne. Aber sonach braucht sie +auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben +und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von +einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden. + +Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht +bloß in der Komödie, sondern auch in der Tragödie, zum Grunde gelegt. Ja +sie haben fremden Völkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer +Tragödie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten +leihen, als die Wirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische +Sitten entkräften wollen. Auf das Kostüm, welches unsern tragischen +Dichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der +Beweis hiervon können vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und +die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostüm binden zu dürfen +glaubten, ist aus der Absicht der Tragödie leicht zu folgern. + +Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt +gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, daß einheimische +Sitten auch in der Tragödie zuträglicher sein würden, als fremde: so +setze ich schon als unstreitig voraus, daß sie es wenigstens in der +Komödie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, daß sie es sind: +so kann ich auch die Veränderungen, welche Herr Romanus in Absicht +derselben mit dem Stücke des Terenz gemacht hat, überhaupt nicht anders +als billigen. + +Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und +römische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhält +seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch +nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewöhnlichsten ist. Alle Anwendung +fällt weg, wo wir uns erst mit Mühe in fremde Umstände versetzen müssen. +Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je +vollkommener die Fabel ist, desto weniger läßt sich der geringste Teil +verändern, ohne das Ganze zu zerrütten. Und schlimm! wenn man sich sodann +nur mit Flicken begnügt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen. + +Das Stück heißt "Die Brüder", und dieses bei dem Terenz aus einem +doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea, +sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind +Brüder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den +Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum +unserm Verfasser diese Adoption mißfallen. Ich weiß nicht anders, als daß +die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebräuchlich und vollkommen +auf dem nämlichen Fuß gebräuchlich ist, wie sie es bei den Römern war. +Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten +Brüder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art +erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch +die zwei Alten wirkliche Väter; und das Stück ist wirklich eine Schule +der Väter, d.i. solcher, denen die Natur die väterliche Pflicht +aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar übernommen, die sich +ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen +Gemächlichkeit bestehen kann. + + Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt! + +Sehr wohl! Nur schade, daß durch Auflösung dieses einzigen Knoten, +welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide +mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander +fällt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene +entstehen, die bloß die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre +eigene Natur zusammenhält! + +Denn ist Aeschinus nicht bloß der angenommene, sondern der leibliche Sohn +des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekümmern? Der Sohn eines +Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, daß +jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschähe es auch in der besten +Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verführer mit +aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem +Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn +des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als daß ich +diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn öfters und +ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhältnisse, in +welchem er bei dem Terenz stehet, aber er läßt ihm die nämliche +Ungestümheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhältnis berechtigen +konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit ärger, als bei dem +Terenz. Er will aus der Haut fahren, "daß er an seines Bruders Kinde +Schimpf und Schande erleben muß". Wenn ihm nun aber dieser antwortete: +"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du könntest an +meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und +bleibt, so wird, wie das Unglück, also auch der Schimpf nur meine sein. +Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er +beleidiget mich. Falls du mich nur immer so ärgern wil1st, so komm mir +lieber nicht über die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses +antwortete: nicht wahr, so wäre die Komödie auf einmal aus? Oder könnte +Micio etwa nicht so antworten? Ja, müßte er wohl eigentlich nicht so +antworten? + +Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er +ein so liederliches Leben zu führen glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob +ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet +der römische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast +mir, sagt er, deinen Sohn einmal überlassen; bekümmere dich um den, der +dir noch übrig ist; + + --nam ambos curare; propemodum + Reposcere illum est, quem dedisti-- + +Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurückzugeben, ist es auch, die +ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, daß sie +alle väterliche Empfindungen bei ihm unterdrücken soll. Es muß den Micio +zwar verdrießen, daß Demea auch in der Folge nicht aufhört, ihm immer die +nämlichen Vorwürfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht +verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gänzlich will verderben lassen. +Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der für das Wohl dessen besorgt +ist, für den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die +unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea +unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zänker, der sich aus +Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf +keine Weise an dem bloßen Bruder dulden müßte. + + + + +Achtundneunzigstes Stück +Den 8. April 1768 + +Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten +Brüderschaft, auch das Verhältnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke +es dem deutschen Aeschinus, daß er[1] "vielmals an den Torheiten des +Ktesipho Anteil nehmen zu müssen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der +Gefahr und öffentlichen Schande zu entreißen". Was Vetter? Und schickt es +sich wohl für den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige +deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch +inskünftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den +Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das +sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", müßte er ihm höchstens +sagen, "soviel möglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest, +daß er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter +Name muß dir wertet sein, als seiner." + +Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an +leiblichen Brüdern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern rühmet: + + --Illius opera nunc vivo! Festivum caput, + Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo: + Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit. + +Denn der brüderlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen +gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, daß unser Verfasser seinem Aeschinus +die Torheit überhaupt zu ersparen gewußt hat, die der Aeschinus des +Terenz für seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entführung hat er in +eine kleine Schlägerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Jüngling +weiter keinen Teil hat, als daß er sie gern verhindern wollen. Aber +gleichwohl läßt er diesen wohlgezognen Jüngling für einen ungezognen +Vetter noch viel zuviel tun. Denn müßte es jener wohl auf irgendeine +Weise gestatten, daß dieser ein Kreatürchen, wie Citalise ist, zu ihm in +das Haus brächte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner +tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verführerische Damis, diese Pest +für junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem +liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die bloße +Konvenienz des Dichters. + +Wie vortrefflich hängt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und +notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus +nimmt einem Sklavenhändler ein Mädchen mit Gewalt aus dem Hause, in das +sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung +seines Bruders zu willfahren, als um einem größern Übel vorzubauen. Der +Sklavenhändler will mit diesem Mädchen unverzüglich auf einen auswärtigen +Markt: und der Bruder will dem Mädchen nach; will lieber sein Vaterland +verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3] +Noch erfährt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluß. Was soll er tun? +Er bemächtiget sich in der Geschwindigkeit des Mädchens und bringt sie in +das Haus seines Oheims, um diesem gütigen Manne den ganzen Handel zu +entdecken. Denn das Mädchen ist zwar entführt, aber sie muß ihrem +Eigentümer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und +freuet sich nicht sowohl über die Tat der jungen Leute, als über die +brüderliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und über das Vertrauen, +welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Größte ist geschehen; warum +sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufügen, ihnen einen vollkommen +vergnügten Tag zu machen? + + --Argentum adnumeravit illico: + Dedit praeterea in sumptum dimidium minae. + +Hat er dem Ktesipho das Mädchen gekauft, warum soll er ihm nicht +verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnügen? Da ist nach den +alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit +widerspräche. + +Aber nicht so in unsern "Brüdern"! Das Haus des gütigen Vaters wird auf +das ungeziemendste gemißbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich +gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanständigere Person, +als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn +das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt hätte, so +würde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen +haben. Er würde Citalisen die Türe gewiesen und mit dem Vater die +kräftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so sträflich +emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten. + +Überhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt +geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster +abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem +Vetter über seinen Vater unterhält.[4] + +"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe, +die du deinem Vater schuldig bist? + +Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir +verlangen. + +Leander. Er sollte sie nicht verlangen? + +Lykast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb. +Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte. + +Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst. +Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst +du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal; +hernach will ich dich fragen. + +Lykast. Hm! Ich weiß nun eben nicht, was da geschehen würde. Auf +allen Fall würde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich +glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast +täglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los wäre! wenn du nur weg wärest!' +Heißt das Liebe? Kannst du verlangen, daß ich ihn wieder lieben soll?" + +Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichen Gesinnungen +nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, fähig ist, +verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des +ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so +müssen jenes Ausschweifungen kein grundböses Herz verraten; es müssen +nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche +Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach +diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert. +So streng ihn sein Vater hält, so entfährt ihm doch nie das geringste +böse Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen könnte, macht +er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er möchte seiner Liebe gern +wenigstens ein paar Tage ruhig genießen; er freuet sich, daß der Vater +wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daß er sich +damit so abmatten,--so abmatten möge, daß er ganze drei Tage nicht aus +dem Bette könne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze: + + --utinam quidem + Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim, + Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere. + +Quod cum salute ejus fiat! Nur müßte es ihm weiter nicht schaden!--So +recht! so recht, liebenswürdiger Jüngling! Immer geh, wohin dich Freunde +und Liebe rufen! Für dich drücken wir gern ein Auge zu! Das Böse, das du +begehst, wird nicht sehr böse sein! Du hast einen strengern Aufseher in +dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Züge in der Szene, +aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein +abgefeimter Bube, dem Lügen und Betrug sehr geläufig sind: der römische +hingegen ist in der äußersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch +den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen könnte. + + Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die. + Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam. + SY. Tanto nequior. + Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea? + SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest + fieri! + +Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Jüngling sucht +einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlägt ihm eine Lüge vor. Eine +Lüge! Nein, das geht nicht: non potest fieri! + + +----Fußnote + +[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18. + +[2] Seite 30. + +[3] Act. II. Sc. 4. + + Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum + Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier. + Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob + parvulam + Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant. + +1. Erster Aufz., 6. Auftr. + +----Fußnote + + + + +Neunundneunzigstes Stück +Den 12. April 1768 + +Sonach hatte Terenz auch nicht nötig, uns seinen Ktesipho am Ende des +Stücks beschämt, und durch die Beschämung auf dem Wege der Besserung, zu +zeigen. Wohl aber mußte dieses unser Verfasser tun. Nur fürchte ich, daß +der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so +leichtsinnigen Buben nicht für sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig +als die Gemütsänderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in +ihrem Charakter gegründet, daß man das Bedürfnis des Dichters, sein Stück +schließen zu müssen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu +schließen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiß überhaupt nicht, +woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, daß der Böse +notwendig am Ende des Stücks entweder bestraft werden oder sich bessern +müsse. In der Tragödie möchte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns +da mit dem Schicksale versöhnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der +Komödie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt +vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und +kalt und einförmig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine +Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie +nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muß die Handlung sodann in +etwas mehr, als in einer bloßen Kollision der Charaktere bestehen. Diese +kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veränderung des +einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stück, das wenig +oder nichts mehr hat als sie, nähert sich nicht sowohl seinem Ziele, +sondern schläft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision, +die Handlung mag sich ihrem Ende nähern soviel als sie will, dennoch +gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, daß das Ende ebenso +lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das +ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz +und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hören, +daß der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so können wir uns das +übrige alles an den Fingern abzählen; denn es ist der fünfte Akt. Er wird +anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besänftigen lassen, +wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, daß er nie wieder zu +einer solchen Komödie den Stoff geben kann: desgleichen wird der +ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen; +kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich +sehen, der in dem fünften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters +erraten kann! Die Intrige ist längst zu Ende, aber das fortwährende Spiel +der Charaktere läßt es uns kaum bemerken, daß sie zu Ende ist. Keiner +verändert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als +nötig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der +freigebige Micio wird durch das Manöver des geizigen Demea dahin +gebracht, daß er selbst das Übermaß in seinem Bezeigen erkennst, +und fragt: + +Quod proluvium? quae istaec subita est largitas? + +So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manöver des nachsichtsvollen +Micio endlich erkennet, daß es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und +zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.-- + +Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser +Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem +Muster entfernt hat. + +Terenz sagt es selbst, daß er in die "Brüder" des Menanders eine Episode +aus einem Stücke des Diphilus übertragen, und so seine "Brüder" +zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entführung der +Psaltria durch den Aeschinus: und das Stück des Diphilus hieß: "Die +miteinander Sterbenden". + + Synapothnescontes Diphili comoedia est-- + In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit + Meretricem in prima fabula-- + --eum hic locum sumpsit sibi + In Adelphos-- + +Nach diesen beiden Umständen zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar +Verliebte aufgeführet haben, die fest entschlossen waren, lieber +miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiß, was +geschehen wäre, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel +geschlagen und das Mädchen für den Liebhaber mit Gewalt entführt hätte? +Den Entschluß, miteinander zu sterben, hat Terenz in den bloßen Entschluß +des Liebhabers, dem Mädchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie +zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdrücklich: Menander mori +illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note +des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heißen? Ganz gewiß; wie Peter +Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen, +sagt es ja selbst, daß er diese ganze Episode von der Entführung nicht +aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stück +des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel. + +Indes muß freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten +Entführung, in dem Stücke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein, +an der Aeschinus gleicherweise für den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch +er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende +ihre Verbindung so glücklich beschleunigte. Worin diese eigentlich +bestanden, dürfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben, +worin sie will: so wird sie doch gewiß ebensowohl gleich vor dem Stücke +vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafür gebrauchte Entführung. Denn +auch sie muß es gewesen sein, wovon man noch überall sprach, als Demea in +die Stadt kam; auch sie muß die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein, +worüber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in +welchem sich beider Gemütsarten so vortrefflich entwickeln. + + --Nam illa, quae antehac facta sunt + Omitto: modo quid designavit?-- + Fores effregit, atque in aedes irruit + Alienas-- + --clamant omnes, indignissime + Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio, + Dixere? in ore est omni populo-- + +Nun habe ich schon gesagt, daß unser Verfasser diese gewaltsame +Entführung in eine kleine Schlägerei verwandelt hat. Er mag auch seine +guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlägerei selbst +nicht so spät hätte geschehen lassen. Auch sie sollte und müßte das sein, +was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe +sie geschieht, und man weiß gar nicht worüber? Er tritt auf und zankt, +ohne den geringsten Anlaß. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der +schlechten Aufführung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuß in die +Stadt setzen, so höre ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute +eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt +gehört und worüber er ausdrücklich mit seinem Bruder zu zanken kömmt, das +hören wir nicht und können es auch aus dem Stücke nicht erraten. Kurz, +unser Verfasser hätte den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar +verändern können, aber er hätte ihn nicht versetzen müssen! Wenigstens, +wenn er ihn versetzen wollen, hätte er den Demea im ersten Akte seine +Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach +müssen äußern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.-- + +Möchten wenigstens nur diejenigen Stücke des Menanders auf uns gekommen +sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes +denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den +lateinischen Kopien sein würde. + +Denn gewiß ist es, daß Terenz kein bloßer sklavischer Übersetzer gewesen. +Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stückes völlig beibehalten, +hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstärkung oder +Schwächung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne +Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, daß sich Donatus immer +so kurz und öfters so dunkel darüber ausdrückt (weil zu seiner Zeit die +Stücke des Menanders noch selbst in jedermanns Händen waren), daß es +schwer wird, über den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Künsteleien +etwas Zuverlässiges zu sagen. In den "Brüdern" findet sich hiervon ein +sehr merkwürdiges Exempel. + + +----Fußnote + +[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro +Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius +argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita +cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur +adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino +adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex +eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen +fabulae inditum esse.-- + +----Fußnote + + + + +Hundertstes Stück +Den 15. April 1768 + +Demea, wie schon angemerkt, will im fünften Akte dem Micio eine Lektion +nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre +Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den +Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er +möchte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnügen +zu haben, ihm am Ende sagen zu können: "Nun sieh, was du von deiner +Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermögen +dabei zusetzt, lassen wir uns den hämischen Spaß ziemlich gefallen. Aber +nun kömmt es dem Verräter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten +verlebten Mütterchen zu verkoppeln. Der bloße Einfall macht uns anfangs +zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, daß es Ernst damit wird, daß sich +Micio wirklich die Schlinge über den Kopf werfen läßt, der er mit einer +einzigen ernsthaften Wendung hätte ausweichen können: wahrlich, so wissen +wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea, +oder auf den Micio.[1] + +"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir müssen von nun an mit diesen +guten Leuten nur eine Familie machen; wir müssen ihnen auf alle Weise +aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.-- + +Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater. + +Micio. Ich bin gar nicht dagegen. + +Demea. Es schickt sich auch nicht anders für uns.--Denn erst ist sie +seiner Frauen Mutter-- + +Micio. Nun dann? + +Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar-- + +Micio. So höre ich. + +Demea. Bei Jahren ist sie auch. + +Micio. Jawohl. + +Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist +niemand, der sich um sie bekümmerte; sie ist ganz verlassen. + +Micio. Was will der damit? + +Demea. Die mußt du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus) +mußt ja machen, daß er es tut. + +Micio. Ich? sie heiraten? + +Demea. Du! + +Micio. Ich? + +Demea. Du! wie gesagt, du! + +Micio. Du bist nicht klug. + +Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muß! + +Aeschinus. Mein Vater-- + +Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen? + +Demea. Du sträubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders +sein. + +Micio. Du schwärmst. + +Aeschinus. Laß dich erbitten, mein Vater. + +Micio. Rasest du? Geh! + +Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude! + +Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fünfundsechzigsten +Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das +könnet ihr mir zumuten? + +Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen. + +Micio. Versprochen gar?--Bürschchen, versprich für dich, was du +versprechen wil1st! + +Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres wäre, warum er dich +bäte? + +Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein könnte, wie das? + +Demea. So willfahre ihm doch nur! + +Aeschinus. Sei uns nicht zuwider! + +Demea. Fort, versprich! + +Micio. Wie lange soll das währen? + +Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen. + +Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen. + +Demea. Tu ein übriges, guter Micio. + +Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt +finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner +Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!" + + +"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht +zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen +könnte, wäre dieses, daß er die nachteiligen Folgen einer übermäßigen +Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so +liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der +Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle +Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen +muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise +zu tadeln!" + +Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue +englische Übersetzer des Terenz, Colman, will den größern Teil des Tadels +auf den Menander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des +Donatus beweisen zu können, daß Terenz die Ungereimtheit seines Originals +in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nämlich: +Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon. + +"Es ist sehr sonderbar", erklärt sich Colman, "daß diese Anmerkung des +Donatus so gänzlich von allen Kunstrichtern übersehen worden, da sie, bei +unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit +verdienet. Unstreitig ist es, daß Terenz in dem letzten Akte dem Plane +des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den +Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch +vom Donatus, daß dieser Umstand ihm selber anstößig gewesen, und er sein +Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen +eine solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des Menanders, +wie es scheinet, nicht geäußert hatte." + +Es ist nicht unmöglich, daß ein römischer Dichter nicht einmal etwas +besser könne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der bloßen +Möglichkeit wegen möchte ich es gern in keinem Falle glauben. + +Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de +nuptiis non gravatur, hießen so viel als: beim Menander sträubet sich der +Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hießen? Wenn +sie vielmehr zu übersetzen wären: beim Menander fällt man dem Alten mit +der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari würde zwar allerdings +jenes heißen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird +gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja +wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein +leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie. + +Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Terenz? Er hätte sein +Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er +hätte die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die +Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden. +Terentius euretikon! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer +nicht weit her ist! + + +----Fußnote + +[1] Act. v. Sc. VIII. + + De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus, + Quam maxime unam facere nos hanc familiam; + Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater. + Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet. + Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea? + De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior. + Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest: + Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem + agit? + De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare. + Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi. + Ineptis. De. Si tu sis homo, + Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine, + auscultas. De. Nihil agis, + Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi + pater. + Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es? + Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo + Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi? + Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor + puer. + De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum. + De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non + omittis? + Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age + prolixe Micio. + Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea + Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.-- + +----Fußnote + + + + +Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stück +Den 19. April 1768 + +Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang +dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig +Wochen, und die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundertundviere. +Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen wöchentlichen +Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre +nur viere: ist ja so wenig! + +Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen, +ausdrücklich hundert und vier Stück versprochen. Ich werde die guten +Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen. + +Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon +verschnitten: ich werde einflicken oder recken müssen.--Aber das klingt +so stümpermäßig. Mir fällt ein,--was mir gleich hätte einfallen sollen: +die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines +Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will, +und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu +stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blätter nun füllen, die ich mir +ganz ersparen wollte. + +Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel +einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad +scribendum appulit, anfinge? + +Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen +Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr tun +lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen +könne: so weiß ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich träumen +ließ, daß ich bei diesem Unternehmen wohl nützlich sein könnte?--Ich +stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne +Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese +Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr +gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur +erboten; aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der +ich mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte. + +Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war +also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es +könne? und wie ich es am besten könne? + +Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. + +Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu +erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen +Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. +Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist +ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren +hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie +hält. Was in den neuerern Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr +bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich +fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich +emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen +Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir +heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich +nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an +fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu +stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich +zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie +ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem +Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die +Krücke unmöglich erbauen kann. + +Doch freilich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte +zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann: so auch die +Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser +ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde: so kostet +es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von +unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze +Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle +Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so +ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit +Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein +kann, als ich. + +Was Goldoni für das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit +dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu tun +folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es +auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la +Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch +schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen +noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, daß die ersten +Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen +Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein +Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken +bleibt man am klügsten zu Hause. + +--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen, +oder, wie es meinen rüstigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht, +selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee +zu diesem Blatte. + +Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der +Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles +von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe wert +gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den +grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer +Hochachtung für das Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem +Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen +Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige +Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der +Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des +Geschmacks darin bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Jahr +der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst +aufgeführet worden! + +Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu +nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr +lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie +bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte +mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine +Didaskalie aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch +nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz wäre, die eben dieser +Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust, +meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere +itztlebende Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn +sie gefunden hätten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes +gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher +verlorengegangen wären, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht +werfen könnte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs +des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der +Prinzen vom Geblüte, oder nicht der Prinzen vom Geblüte, dieses oder +jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie +bei mir gesucht und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben. + +Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der +Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser +wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas +anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres. + +"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters +als des Schauspielers hier tun würde." + +Die letztere Hälfte bin ich sehr bald überdrüssig geworden. Wir haben +Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche +Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß +ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber hat +man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann +erkannte, mit Deutlichkeit und Präzision abgefaßte Regeln, nach welchen +der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen +sei, deren wüßte ich kaum zwei oder drei. Daher kömmt es, daß alles +Raisonnement über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig +scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts +als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget +findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel +glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln +oder loben wollen. Überhaupt hat man die Anmerkung schon längst gemacht, +daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem +Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge +der Grundsätze ihrer Künste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu +deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte. + +Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das +Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie hätte es +auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die +Wettläufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen +alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das +Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen +Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das +Publikum getan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas +Schlimmers, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht +befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen. +--Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu +verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von +der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter. +Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir +sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Ausländischen, besonders +noch immer die untertänigen Bewunderer der nie genug bewunderten +Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine kömmt, ist schön, +reizend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör, +als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für +Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein +Geklingle von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen, +als im geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses +liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst +sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben +und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile +erhalten hat.-- + +Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung +desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche. + +Ich war also genötiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des +dramatischen Dichters hier wirklich könnte getan haben, mich bei denen zu +verweilen, die sie vorläufig tun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit +desto schnellern und größern zu durchlaufen. Es waren die Schritte, +welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu +gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen. + +Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische +Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig, +die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nötig ist, +um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von +niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen +weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er +bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen +vermag, doch urteilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine +Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem +oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde, als +ein Fisch. + +Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was +mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das +Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es +vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen +Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahieret hat. Ich habe von dem +Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine +eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitläufigkeit nicht äußern könnte. +Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen +erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein +ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer +sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so +faßlich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese +enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns +die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu +beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt +entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu +entfernen. + + +----Fußnote + +[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted +with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book +(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was +bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were +always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased +with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little +in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the +Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have +the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with +the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil +etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.) + +[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro +eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula +aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos +adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia +praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi +animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem, +cum Didaskalias suas componeret.-- + +----Fußnote + + + + +Nach dieser Überzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster +der französischen Bühne ausführlich zu beurteilen. Denn diese Bühne soll +ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man +uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stufe der +Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern +Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest +geglaubt, daß bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel +gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten. + +Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses +ward, glücklicherweise, durch einige englische Stücke aus seinem +Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die +Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihr Corneille und +Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen +Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes +zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln, +mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten. Was schloß +man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der +Tragödie erreichen lasse; ja, daß diese Regeln wohl gar schuld sein +könnten, wenn man ihn weniger erreiche. + +Und das hätte noch hingehen mögen!--Aber mit diesen Regeln fing man an, +alle Regeln zu vermengen und es überhaupt für Pedanterei zu erklären, dem +Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun müsse. Kurz, wir +waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig +zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die +Kunst aufs neue für sich erfinden solle. + +Ich wäre eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen, +wenn ich glauben dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese +Gärung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich +mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen, +als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu +bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr +verkannt, als die Franzosen. Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über +die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles +fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen und das Wesentliche +durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß +notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit +unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln +kalkuliert hatte. + +Ich wage es, hier eine Äußerung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofür +man will!--Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich +nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?-- + +Doch nein; ich wollte nicht gern, daß man diese Äußerung für Prahlerei +nehmen könne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es +zuverlässig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch +lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig +besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde +nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den +Aristoteles glaubet, wie ich. + +Eine Tonne, für unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie +trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie +ausgeworfen; besonders für den kleinen Walfisch in dem Salzwasser +zu Halle!-- + +Und mit diesem Übergange,--sinnreicher muß er nicht sein,--mag denn der +Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu +ich diese letztern Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern +können, daß es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben +der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat +Klotz den Inhalt desselben bereits angekündiget hat?[1]-- + +Aber was bekömmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jäckchen, daß er +so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, daß ich +ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl bloß zu seinem Vergnügen +trommeln; und der Himmel weiß, wo er alles her hat, was die liebe Jugend +auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der +ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muß einen Wahrsagergeist +haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm +sonst sagen können, daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der +Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheimen Ursachen +entdecken können, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme +beigelegt und das Probestück einer andern so erhoben habe? Ich war +freilich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr +geglaubt, daß es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen können es +ihm auch unmöglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem +Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern, +wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und +Zeitungsschreiber, mit solchen Kälbern pflügen wollen! Wenn sie zu ihren +Beurteilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und +Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stückchen aus der geheimsten +Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen? + +"Ich würde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch +den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen können, wenn nicht die +Abhandlung wider die Buchhändler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als +daß er das Werk bald beschließen könnte." + +Man muß auch einen Kobold nicht zum Lügner machen wollen, wenn er es +gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem +guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich +wollte meinen Lesern erzählen, warum dieses Werk so oft unterbrochen +worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon +fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich über +den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen, +es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte über die nachteiligen Folgen +des Nachdrucks überhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das +einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das wäre ja sonach +keine Abhandlung wider die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für +sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und es gibt +deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so +ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft +noch etwa weiß, das weiß es nur halb.-- + +Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich +nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht +nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist: +antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber +vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende +ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen +ernstlich um Vergebung bitte. + +Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese +Blätter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich +ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich +liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den +Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die +Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen +ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts +dabei, daß diese Hoffnung fehlschlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten +darüber, daß ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an +den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern +wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wünschen ohnedem, daß +ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen +finden, der das Tageregister einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende +führet und mir zeiget, was für einen periodischen Nutzen ich einem +solchen periodischen Blatte hätte erteilen können und sollen. + +Denn ich will und kann es nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein +Jahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße +Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder +verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er +auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung +gehen wird. + +Aber auch das kann mir sehr gleichgültig sein!--Ich möchte überhaupt +nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es für ein großes Unglück +hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen. +Sie können von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil +daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weiterm Belange durch die +nämlichen Undienste scheitern könnten, durch welche meine gescheitert +sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände +Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie könnte +verlieren, wenn einmal ein nützlicheres Werk eines bessern +Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gäbe, +die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste, +unter ähnlichen Umständen unternommene Werk verunglücken sollte +und müßte. + +In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es für meine +Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben +diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken +erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und +geschrieben, bei den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort +so lautet: + +Nachricht an die Herren Buchhändler + +Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhändler entschlossen, +künftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften +in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die +neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen +mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen +nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Hälfte zu +verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhändler, +welche wohl eingesehen, daß eine solche unbefugte Störung für alle +Buchhändler zum größten Nachteil gereichen müsse, haben sich +entschlossen, zu Unterstützung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten, +und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen +vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu +unterstützen. Von den übrigen gutgesinnten Herren Buchhändlern erwarten +wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch +unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schönheit +des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; übrigens +aber uns bemühen, auf die unzählige Menge der Schleichhändler genau +achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu höcken und zu +stören anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende +Herren Mitkollegen, daß wir keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt +nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald +jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht +allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufügen, sondern auch +nicht weniger denenjenigen Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu +verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren +Buchhändler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer +Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhändler- +Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu +erwarten, ihren besten Verlag für die Hälfte des Preises oder noch weit +geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhändlern von unsre +Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir +nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Vergütung +widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, daß sich auch +die übrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter +Herren Buchhändler in kurzer Zeit legen werden. + +Wenn die Umstände erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach +Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir +empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen +Mitkollegen, + +J. Dodsley und Compagnie. + +Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern +Verbindung der Buchhändler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu +steuern, so würde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen. +Aber wie hat es vernünftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen können, +diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen +Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Straßenräuber werden? +"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das möchte sein; wenn +es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu +rächen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind +die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren +wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das +Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein? +Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmälern, aus seinem +eigentümlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er möglicherweise +daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen +Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das für erforderliche +Eigenschaften? Daß man fünf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden +gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf +sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine +Innung? Welches sind seine ausschließenden Privilegien? Wer hat sie +ihm erteilt? + +Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so +bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstümmeln, sondern auch +das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Daß +sie ihre Verteidigung beifügen--wenn anders eine Verteidigung für sie +möglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie mögen sie auch in einem +Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen +seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen: +selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei +Histörchen und Anekdötchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache. +Nur erkläre ich im voraus die geringste Insinuation, daß es gekränkter +Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, für eine Lüge. +Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es +schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als +einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhändlern, dessen Vermittelung +ich ein solches Geschäft gern überlasse. Aber keiner von ihnen muß mir es +auch verübeln, daß ich meine Verachtung und meinen Haß gegen Leute +bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich +nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen +coup de main für sich: Dodsley und Compagnie aber wollen +bandenweise rauben. + +Das beste ist, daß ihre Einladung wohl von den wenigsten dürfte angenommen +werden. Sonst wäre es Zeit, daß die Gelehrten mit Ernst darauf dächten, +das bekannte Leibnizische Projekt auszuführen. + +Ende des zweiten Bandes + + +----Fußnote + +[1] Neuntes Stück, S. 56. + +----Fußnote + + + + +Verzeichnis der Theaterstücke + +geordnet nach Autorennamen + +John Banks: Der Graf von Essex +Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin +Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift +Chevalier de Cérou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter +Pierre Corneille: Rodogune +Thomas Corneille: Der Graf von Essex +Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia +Philippe Néricault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel +Philippe Néricault Destouches: Das unvermutete Hindernis +Philippe Néricault Destouches: Der poetische Dorfjunker +Philippe Néricault Destouches: Der verborgene Schatz +Philippe Néricault Destouches: Der verheiratete Philosoph +Denis Diderot: Der Hausvater +Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire +Frederik Duim: Zaïre +Charles Simon Favart: Soliman der Zweite +Christian Fürchtegott Gellert: Die kranke Frau +Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzösin +Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie +Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney +Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe +Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr +Johann Christian Krüger: Herzog Michel +Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Die Mütterschule +Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Melanide +Thomas l'Affichard: Ist er von Familie? +Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde +Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit +Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist +Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz +Gotthold Ephraim Lessing: Miß Sara Sampson +Johann Friedrich Löwen: Die neue Agnese +Johann Friedrich Löwen: Das Rätsel +Francesco Scipione Maffei: Merope +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten +Molière: Die Frauenschule +Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz +Philemon von Syrakus: Der Schatz +Plautus: Trinummus +Philippe Quinault: Die kokette Mutter +Jean François Regnard: Demokrit +Jean François Regnard: Der Spieler +Jean François Regnard: Der Zerstreute +Karl Franz Romanus: Die Brüder +Germain François Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter +Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen +Johann Elias Schlegel: Die stumme Schönheit +Voltaire: Das Kaffeehaus +Voltaire: Die Frau, die recht hat +Voltaire: Merope +Voltaire: Nanine +Voltaire: Semiramis +Voltaire: Zaïre +Christian Felix Weiße: Amalia +Christian Felix Weiße: Richard der Dritte + + + + + +Verzeichnis der Theaterstücke + +geordnet nach Titeln + + +Amalia (Christian Felix Weiße) +Cenie (Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny) +Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Néricault Destouches) +Das Kaffeehaus (Voltaire) +Das Rätsel (Johann Friedrich Löwen) +Das unvermutete Hindernis (Philippe Néricault Destouches) +Demokrit (Jean François Regnard) +Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys) +Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der Finanzpachter (Germain François Poullain de Saint-Foix) +Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Graf von Essex (John Banks) +Der Graf von Essex (Thomas Corneille) +Der Hausvater (Denis Diderot) +Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cérou) +Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel) +Der poetische Dorfjunker (Philippe Néricault Destouches) +Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel) +Der Schatz (Philemon von Syrakus) +Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand) +Der Spieler (Jean François Regnard) +Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel) +Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand) +Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der verborgene Schatz (Philippe Néricault Destouches) +Der verheiratete Philosoph (Philippe Néricault Destouches) +Der Zerstreute (Jean François Regnard) +Die Brüder (Karl Franz Romanus) +Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Die Frau, die recht hat (Voltaire) +Die Frauenschule (Molière) +Die Hausfranzösin (Luise Adelgunde Gottsched) +Die kokette Mutter (Philippe Quinault) +Die kranke Frau (Christian Fürchtegott Gellert) +Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi) +Die Mütterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée) +Die neue Agnese (Johann Friedrich Löwen) +Die stumme Schönheit (Johann Elias Schlegel) +Herzog Michel (Johann Christian Krüger) +Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard) +Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld) +Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée) +Merope (Francesco Scipione Maffei) +Merope (Voltaire) +Miß Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing) +Nanine (Voltaire) +Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk) +Richard der Dritte (Christian Felix Weiße) +Rodogune (Pierre Corneille) +Semiramis (Voltaire) +Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset) +Soliman der Zweite (Charles Simon Favart) +Trinummus (Plautus) +Zaïre (Frederik Duim) +Zaïre (Voltaire) +Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie +by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10055 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Hamburgische Dramaturgie + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: November 15, 2003 [EBook #10055] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. That project is reachable at the web site +http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +HAMBURGISCHE DRAMATURGIE + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + + + +Inhalt: + +Ankündigung +Erster Band +Zweiter Band +Verzeichnis der Theaterstücke, nach Autorennamen geordnet +Verzeichnis der Theaterstücke, nach Titeln geordnet + + + + +Ankündigung + +Es wird sich leicht erraten lassen, daß die neue Verwaltung des hiesigen +Theaters die Veranlassung des gegenwärtigen Blattes ist. + +Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man +den Männern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders +als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlänglich darüber erklärt, +und ihre Äußerungen sind, sowohl hier, als auswärts, von dem feinern +Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede +freiwillige Beförderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern +Zeiten sich versprechen darf. + +Freilich gibt es immer und überall Leute, die, weil sie sich selbst am +besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten +erblicken. Man könnte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern gönnen; +aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst +aufbringen; wenn ihr hämischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese +scheitern zu lassen bemüht ist: so müssen sie wissen, daß sie die +verachtungswürdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind. + +Glücklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die größere +Anzahl wohlgesinnter Bürger sie in den Schranken der Ehrerbietung hält +und nicht verstattet, daß das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen, +und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen +Aberwitzes werden! + +So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner +Freiheit gelegen: denn es verdienet, so glücklich zu sein! + +Als Schlegel, zur Aufnahme des dänischen Theaters,--(ein deutscher +Dichter des dänischen Theaters!)--Vorschläge tat, von welchen es +Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, daß ihm keine +Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war +dieses der erste und vornehmste, "daß man den Schauspielern selbst die +Sorge nicht überlassen müsse, für ihren Verlust und Gewinst zu +arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu +einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto +nachlässiger und eigennütziger treiben läßt, je gewissere Kunden, je +mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen. + +Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen wäre, als daß +eine Gesellschaft von Freunden der Bühne Hand an das Werk gelegt und, +nach einem gemeinnützigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden hätte: +so wäre dennoch, bloß dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser +ersten Veränderung können, auch bei einer nur mäßigen Begünstigung des +Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen, +deren unser Theater bedarf. + +An Fleiß und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an +Geschmack und Einsicht fehlen dürfte, muß die Zeit lehren. Und hat es +nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden +sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und +höre, und prüfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschätzig +verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden! + +Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publikum halte, und +derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich +selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht +jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines +Stücks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den +Wert aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen +einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre +Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art +verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als +sie nach ihrer Art gewähren kann. + +Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der +Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von +dieser Höhe, natürlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fürchte +sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist. + +Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht +wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, +der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer +geschwinder, als der ohne Ziel herumirret. + +Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden +Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des +Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stücke ist +keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer +Meisterstücke aufgeführet werden sollten, so sieht man wohl, woran die +Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmäßige für nichts mehr +ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens +daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm +Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum +ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke müssen auch +schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche Rollen +haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Stärke zeigen kann. +So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text +dazu elend ist. + +Die größte Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn +er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens unfehlbar zu +unterscheiden weiß, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters, +oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der +andere versehen hat, heißt beide verderben. Jenem wird der Mut benommen, +und dieser wird sicher gemacht. + +Besonders darf es der Schauspieler verlangen, daß man hierin die größte +Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters +kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer +wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist +in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich +schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers +mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen +lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat. + +Eine schöne Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein +reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge, +die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen. Doch sind es auch weder +die einzigen noch größten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schätzbare +Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr nötig, aber noch lange nicht +seinen Beruf erfüllend! Er muß überall mit dem Dichter denken; er muß da, +wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, für ihn denken. + +Man hat allen Grund, häufige Beispiele hiervon sich von unsern +Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums +nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, +und der zu viel erwartet. + +Heute geschieht die Eröffnung der Bühne. Sie wird viel entscheiden; sie +muß aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich +die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es würde Mühe kosten, ein ruhiges +Gehör zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher +als mit dem Anfange des künftigen Monats erscheinen. + +Hamburg, den 22. April 1767. + + +----Fußnote + +[1] "Werke", dritter Teil, S. 252." + +----Fußnote + + + + +Erster Band + + +Erstes Stück +Den 1. Mai 1767 + +Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und +Sophronia" glücklich eröffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit +einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der +Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre +keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen ließe, +daß man eine viel bessere hätte treffen können. + +"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein +unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings für unsere +Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das was +er, nach dem Urteile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leisten +können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische +Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem +sechsundzwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine +wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen? + +Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine rührende +Erzählung in ein rührendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar +kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne +Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese +neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der +Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzählers +in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die +Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers +entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu +lassen, daß dieser sympathisieren muß, er mag wollen oder nicht: das ist +es, was dazu nötig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich +langweilig zu erklären, tut, und was der bloß witzige Kopf nachzumachen, +vergebens sich martert. + +Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus +und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die +Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die +Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldenmütiger Diensteifer, der +die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche +der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die +Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe +so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden. +Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine +fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn +verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natürlich, so wahr und +menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch +zu machen, daß nichts darüber! + +Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch +Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen +Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das +wundertätige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum +machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn +dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der +Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmöglich geben. +Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verrät sich +in mehrern Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem +mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der gröbste Fehler aber ist, daß er +eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als +jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm "ein +Sitz der falschen Götter", und den Priester selbst läßt er ausrufen: + +"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe rüsten, Ihr Götter? +Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!" + +Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostüm, vom Scheitel +bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche +Ungereimtheiten sagen! + +Beim Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man +eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine +höhere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Täter. +Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber +Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr +verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es +wagen können, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des +Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so +ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmut. Beim Tasso läßt +ihn bloß die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder +mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloß um mit ihr zu sterben; kann er mit +ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer +Seite, an den nämlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nämlichen Feuer +verzehret zu werden, empfindet er bloß das Glück einer so süßen +Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe, +und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und +vertrauter sein möge, daß er Brust gegen Brust drücken und auf ihren +Lippen seinen Geist verhauchen dürfe. + +Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz +geistigen Schwärmerin und einem hitzigen, begierigen Jünglinge ist beim +Cronegk völlig verloren. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit; +beide haben nichts als das Märtertum im Kopfe; und nicht genug, daß er, +daß sie für die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena +hätte nicht übel Lust dazu. + +Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten, +einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann. +Die eine betrifft das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldenmütige +Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu +verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mehrern +sieht, höret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in +seinem "Kodrus" sehr versündiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum +freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Kodrus allein auszeichnen +sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art +dastehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm +im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht? +sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere +Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So +auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles hält +gemartert werden und sterben für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese +frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung +verlieren. + +Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere. +Die Helden desselben sind mehrenteils Märtyrer. Nun leben wir zu einer +Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als +daß jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung +aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten in den Tod stürzet, den Titel +eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen +Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr, +als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische +Träne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die +Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Träne ist keine +von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der +Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die +lautersten und triftigsten Bewegungsgründe gebe! daß er ihn ja in die +unumgängliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich +der Gefahr bloßstellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen, +nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum +Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter +leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein ebenso nichtswürdiger +Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher +den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es +entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher +Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen +konnte; daß es noch Länder gibt, wo er der frommen Einfalt nichts +Befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig +für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu +werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle, +wenn er nicht bloß schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, +hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in +Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu +schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt, +läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern; +nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart +zu bestärken. + + + +Zweites Stück +Den 5. Mai 1767 + +Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend, +würde über die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So überzeugt wir +auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen, so wenig +können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem +Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen +entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in +der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das +Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgründe zu +jedem Entschlusse, zu jeder Änderung der geringsten Gedanken und +Meinungen, müssen, nach Maßgebung des einmal angenommenen Charakters, +genau gegeneinander abgewogen sein, und jene müssen nie mehr +hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen können. +Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail, +über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur +einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er +uns abgetäuschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Szene des dritten +Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der +Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätten bewegen können, aber +viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar +keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das +Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz +zuvor erfahren, daß ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine, +erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhern Macht in die +Reihe natürlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand +hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater +gehen dürfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des +Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Großmut und Ermahnungen bestürmet +und bis in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit +der Religion, an deren Bekennern er so viel Großes sieht, mehr vermuten, +als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermutung +unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte +geschehen müssen. + +Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide +Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr +geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer +christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein +Stück, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist +ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren +Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille +Gelassenheit, die unveränderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Züge +sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch +Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung +einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben der Uneigennützigkeit, +mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen +und vollzogen zu sehen wünschen? + +Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann, +wieviel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten +unwidersprechlich widerlegt, wäre also mein Rat:--man ließe alle +bisherige christliche Trauerspiele unaufgeführet. Dieser Rat, welcher aus +den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts +als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter, +weil er den schwächern Gemütern zustatten kömmt, die, ich weiß nicht +welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an +einer heiligern Stätte gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das +Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoß geben; und ich wünschte, +daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte. + +Cronegk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges +gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazugefüget; eine Feder +--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der +Ergänzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als +sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am +besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim +Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der +uneigennützigsten Großmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt +gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei +Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu +rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den +Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen +Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fünften Akte!" +antwortete dieser. In Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse +Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres +Leben versprachen.-- + +Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So +mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich +schweige von der äußeren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters +erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hilfe dazu nötig ist, sind +bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die +Künstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande. + +Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden sein, wenn unter +vier, fünf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet +haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Notnagel so +sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach +Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer +ein Garrick ist. + +Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im +Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann +eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch +immer für den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle übrige +Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses, +daß er Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen +Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer +Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivia1ste von dieser Art in seinem +Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält. + +Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem +"Kodrus" und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze +ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von +dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu +werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für +Ede1steine, und witzige Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen. +Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere +Wirkung auf mich. Die eine, + +"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht." + +Die andere, + +"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht." + +Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und +dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt, +wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Teils dachte +ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet +Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm +erwerben, und ein Sokrates würde sie gern besuchen. Teils fiel es mir +zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese +vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an +jenem Gemurmle den meisten Anteil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen +gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das +sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral +wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater +herabgestürmet zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem +Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert, +entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht +haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß +dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht +anders als so habe urteilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit +muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der +Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er annimmt, ein Mensch +könne das Böse, um des Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften +Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen +sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so +gräßlich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines +schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden für die höchste Schönheit des +Trauerspieles hält. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum +alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer +falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß +ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den +falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht +weil sie Priester, sondern weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf +ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes +gemißbraucht hätten. + +Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen +läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie +als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien? + +Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von +dem Schauspieler sprechen. + + + +Drittes Stück +Den 8. Mai 1767 + +Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), daß wir auch die +gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein +anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso +unterhaltend finden sollen? + +Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund +übergehet; man muß ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu +prahlen scheinen. + +Es verstehst sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich +wohl gelernet sein wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten +Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer +Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskramungen des +Gedächtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage +der Sachen scheinen. + +Ebenso ausgemacht ist es, daß kein falscher Akzent uns muß argwöhnen +lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den +richtigsten, sichersten Ton überzeugen, daß er den ganzen Sinn seiner +Worte durchdrungen habe. + +Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei +beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch +von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man +einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtnis gepräget hat, lassen +sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern +Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele +muß ganz gegenwärtig sein; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein +auf ihre Reden richten, und nur alsdann-- + +Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch +keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das +streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man +sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht +ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen +äußern Merkmalen urteilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge +in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten, +oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse +Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen +wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere +Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und +ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir +glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche. +Gegenteils kann ein anderer so glücklich gebauet sein; er kann so +entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so +geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen +der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime +erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt sein, daß er uns in +denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, sondern nach irgendeinem +guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen +wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische +Nachäffung ist. + +Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte, +dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug +nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln +bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch +deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der +Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, +hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden) er zu +einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer +derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber +doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den +nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren +Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu +können glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die äußerste Wut des Zornes +ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht +verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen, +noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in +Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergröbsten Äußerungen +des Zornes einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat und +getreu nachzumachen weiß--den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den +rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der +Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne usw.--wenn er, +sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will, +gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl +von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da +auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht bloß von unserm +Willen abhangen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen, +seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein +scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es +sein sollte. + +Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt habe ich mir zu +bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung +begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und +welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder +Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann. +Mich dünkt folgendes. + +Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von +Sammlung der Seele und ruhiger Überlegung verlangt. Er will also mit +Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt sein. + +Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindrücken, +welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist +kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine generalisierte Empfindung, +und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung +gesprochen sein. + +Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kälte?-- + +Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach +Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht. + +Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam +einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück oder ihre +Pflichten bloß darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um +durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu genießen, +diese desto williger und mutiger zu beobachten. + +Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral +(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam +von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der +Vernunft, stürmischen Ausbrüchen den Schein vorbedächtlicher +Entschließungen geben zu wollen scheinen. + +Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen +gemäßigten und feierlichen. Denn dort muß das Raisonnement in Affekt +entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskühlen. + +Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen +Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stürmisch heraus, als +das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als +das übrige. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder +in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und daß wir sie in +jenen ebenso unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie +überlegten nie, daß die Stickerei von dem Grunde abstechen muß, und Gold +auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist. + +Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn +sie deren dabei machen sollen, noch was für welche. Sie machen +gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende. + +Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln +scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie +umgibt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des +Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die +Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand +der Ruhe, um die innere Ruhe auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft +nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß +fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrechten +Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer +feierlichen Stille, als ob er sich nicht stören wollte, sich selbst zu +hören. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die +Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu +befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmählich +das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben, +während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch +in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urplötzlich +in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen +ausdrückenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande +des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte, +mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen +sein will. + +Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein; +nur mit dem Unterschiede, daß der Teil der Aktion, welcher dort der +feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der +feurige sein muß. Nämlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte +Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften +Empfindungen einen höhern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird +sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen, +dazu beitragen lassen; die Hände werden in voller Bewegung sein; nur der +Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge +wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern +herausarbeiten möchte. + + + +Viertes Stück +Den 12. Mai 1767 + +Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in +ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet? + +Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln, +welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgeschrieben hatten, wissen +wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händesprache zu +einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner +darin zu leisten imstande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreifen +lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein +unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermögen, +Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte +Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, daß sie nicht +bloß eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes +fähig werden. + +Ich bescheide mich gern, daß man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit +dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bei +weitem so geschwätzig nicht, als die Hände des Pantomimens. Bei diesem +vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den +Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natürliche +Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben +verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände +nicht bloß natürliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle +Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler gänzlich enthalten. + +Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber +ebensowenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts +damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den +gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch +ein so großer Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich +das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald +mit der linken Hand die Hälfte einer krieplichten Achte, abwärts vom +Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich +wegrudern, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen +Tanzmeistergrazie zu tun geübt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern +zu können. + +Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand +in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit +allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres +Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es +ihnen nur zur Übung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um +den Armen die Biegungen des Reizes geläufig zu machen; nicht aber in der +Meinung, daß das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung +solcher schönen Linien, immer nach der nämlichen Direktion, bestehe. + +Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen +Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse; +und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und +endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Sprüchelchen aufsagen, wenn +der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher +man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam +vom Rocken spinnet. + +Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muß +bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man +nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal +Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von +malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren +Gebrauch, in Beispielen zu erläutern. Itzt würde mich dieses zu weit +führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine +Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat, +und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind +dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist +ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umständen der handelnden Personen +gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd, +er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem +weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhörer nicht bemerkt +oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung +sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das +Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein +können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen. + +Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie +mir es itzt beifällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit +einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt, +Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den +Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein +alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrüglichkeit unsrer +Hoffnungen zu Gemüte führen. + +"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!" + +Sein Sohn ist ein feuriger Jüngling, und in der Jugend ist man vorzüglich +geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen. + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft." + +Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler +nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Jüngling nicht ganz +niederschlagen und fähret fort: + +"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft." + +Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als +schönen Bewegung des Armes begleiten, würde weit schlimmer sein, als sie +ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die, +welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt. +Die Zeile, + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft" + +muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterlichen Warnung, an und gegen den +Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne +leichtgläubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung +veranlaßt. Die Zeile hingegen, + +"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft" + +erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene +Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich notwendig +gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evander diesen Satz aus +eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sei, von dem er gelte. + +Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der +moralischen Stellen wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin findet, +hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe +nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie +angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloß +gelingt, sondern der es macht! + +Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig +eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals +gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein +falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den +verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit +einer Präzision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste +Erklärung, den vol1ständigsten Kommentar erhält. Sie verbindet damit +nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr glücklichen +Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube +die Liebeserklärung, welche sie dem Olint tut, noch zu hören: + + "--Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen; + Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen. + Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir-- + Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir; + Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute, + War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite. + Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin, + Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin. + Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen, + Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen, + Verbrechern gleichgestellt, unglücklich und ein Christ, + Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist: + Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!" + +Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst +beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher +Überströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit +ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie +überraschend brach sie auf einmal ab und veränderte auf einmal Stimme und +Blick und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die +dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde +geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen +Tone der Verwirrung, kam endlich + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe +sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß +sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein +zärtliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewöhnt sonst +in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die +Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere +Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimütigkeit wieder da. Sie +fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze +des Affekts fort: + + "--Und stolz auf meine Liebe, + Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann, + Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an." + +Denn die Liebe äußert sich nun als großmütige Freundschaft: und die +Freundschaft spricht ebenso dreist, als schüchtern die Liebe. + + + + +Fünftes Stück +Den 15. Mai 1767 + +Es ist unstreitig, daß die Schauspielerin durch diese meisterhafte +Absetzung der Worte + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in +dem nämlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste +Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen +Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den +Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den +Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen +sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer sein, als so +ein Vorwurf? Freilich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses +Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern +übel aussehen. + +Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes, +widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch +der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die +schöne Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte +Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer +aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von +Weibe, als mit himmelbrütenden Schwärmern sympathisieren. Nur gegen das +Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns ebenso +gleichgültig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt +sie von einem Äußersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt, +so fügt sie hinzu: + +"Wirst du mein Herz verschmähn? Du schweigst?--Entschließe dich; Und wenn +du zweifeln kannst--so zittre!-- + +So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der +Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll +vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen? +--O wenn es der Schauspielerin eingefallen wäre, für diese ungezogene +weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte +zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget +zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint +verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das +ist so unartig als lächerlich. + +Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den +Schranken des Woh1standes und der Mäßigung zu erhalten? Er fährt fort, +Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu +lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr statt. + +Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun könnte, +wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so +ganz hinreißen ließe, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die +äußerste Wut nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit +den gewaltsamsten Gebärden ausdrückte. + +Wenn Shakespeare nicht ein ebenso großer Schauspieler in der Ausübung +gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch +wenigstens ebenso gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der +Kunst des andern gehöret. Ja vielleicht hatte er über die Kunst des +erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu +hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die +Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle +Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beifalle gelegen ist. "Ich +bitte euch", läßt er ihn unter andern zu den Komödianten sagen, "sprecht +die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muß nur eben darüber +hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von +unsern Schauspielern tun: seht, so wäre mir es ebenso lieb gewesen, wenn +der Stadtschreier meine Verse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer +Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles hübsch artig; denn +mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung +beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt." + +Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich +so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche +es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am +unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein könne, als es die +Umstände erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, daß +in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig +Verstand zeige. Überhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem +Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist +es wohl unstreitig, daß der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber +das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle +Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem +Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der +Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu sehen wünschen, +wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem +Verstande anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein, +dessen Mäßigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß bloß jene Heftigkeit der +Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden, +warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet +hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es +gibt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig +würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten +edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren +beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Äußerung der heftigen +Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein +könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch +noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen und ihm +das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen. + +Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Künsten +und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit +ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie +ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten +Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde +eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr +alle das Ausdrückende, welches ihm eigentümlich ist, ohne das +Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den +permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzu lang darin verweilen; +nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten +und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des +Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu +der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar +eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich +machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die +Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfälscht +überliefern soll. + +Es könnte leicht sein, daß sich unsere Schauspieler bei der Mäßigung, zu +der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in +Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden dürften.--Aber welches +Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein großer Liebhaber des Lärmenden +und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten +Händen zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von +diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem +Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rafft sich, gegen +das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal +die Stimme und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn +seiner Rede diese höhere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten +widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was +tut das ihm? Genug, daß er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam +auf ihn zu sein, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschen. +Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug, +teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen, +für die Tat. + +Ich getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem +Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht sein müssen, Fehler zu +bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste +nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir +ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten +lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die +Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet. + +Den Beschluß des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit", +ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französischen des Le Grand. +Es ist eines von den drei kleinen Stücken, welche Le Grand unter +dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die +französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits +einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die lächerlichen Verliebten", +behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der +dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind +sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie es sich mehr +für eine satirische Erzählung, als auf die Bühne schickt. Der Sieg der +Zeit über Schönheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung +eines sechzigjährigen Gecks und einer ebenso alten Närrin, daß die +Zeit nur über ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar +lächerlich; aber diesen Geck und diese Närrin selbst zu sehen, ist +ekelhafter, als lächerlich. + + + +Sechstes Stück +Den 19. Mai 1767 + +Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem großen +Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem +Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen +Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige +Miene des Scherzes zu geben. Womit könnte ich diese Blätter besser +auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie. +Sie bedürfen keines Kommentars. Ich wünsche nur, daß manches darin nicht +in den Wind gesagt sei! + +Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der +Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden +Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte. + +Prolog +(Gesprochen von Madame Löwen) + + Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel + Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel: + Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen, + Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen; + Wenn bald die süße Trän', indem das Herz erweicht, + In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht, + Bald die bestürmte Seel', in jeder Nerv' erschüttert, + Im Leiden Wollust fühlt und mit Vergnügen zittert! + O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt, + Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners wälzt, + Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket, + Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket, + Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt, + Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert? + Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde, + Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde; + Weiht sie, die Lehrerin der Könige zu sein, + Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein; + Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Tränen zu ergötzen, + Das stumpfeste Gefühl der Menschenliebe wetzen; + Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun + Die Bosheit bändigen und an den Seelen baun; + Wohltätig für den Staat, den Wütenden, den Wilden + Zum Menschen, Bürger, Freund und Patrioten bilden. + Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit + Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit; + Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter, + Und Macht wird oft der Schutz erhabner Bösewichter. + Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat, + Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat! + Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen, + Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen, + Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit + Für eines Solons Geist den Geist der Drückung leiht! + Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen, + Das Schwert der Majestät aus ihren Händen drehen: + Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls + Der Redlichkeit, den Fuß der Freiheit auf den Hals. + Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten, + Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten! + Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann, + Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann, + Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken? + Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken. + Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?-- + Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geißel trägt, + Die unerschrockne Kunst, die allen Mißgestalten + Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten; + Die das Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt, + Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind; + Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erblödet, + Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet; + Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeiz nüchtern macht, + Den Heuchler züchtiget und Toren klüger lacht; + Sie, die zum Unterricht die Toten läßt erscheinen, + Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen. + Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier; + In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier. + Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Tränen flossen, + Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen; + Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint + Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint: + Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet und gescheuet + Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet. + Lang hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn: + In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen! + Hier, in dem Schoß der Ruh', im Schutze weiser Gönner, + Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner; + Hier reifet--ja ich wünsch', ich hoff', ich weissag' es!-- + Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles, + Der Gräciens Kothurn Germanien erneute: + Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der eure. + O seid desselben wert! Bleibt eurer Güte gleich, + Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch! + + + +Epilog +(Gesprochen von Madame Hensel) + + Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ! + So lieblos hasset der, dem Irrtum nützlich ist, + Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache, + Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache. + Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt, + Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt. + So konnt' er sein Gespinst von Lügen mit den Blitzen + Der Majestät, mit Gift, mit Meuchelmord beschützen. + Wo Überzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut: + Die Wahrheit überführt, der Irrtum fodert Blut. + Verfolgen muß man die und mit dem Schwert bekehren, + Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren. + Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach + Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Mörder nach + Und muß mit seinem Schwert den, welchen Träumer hassen, + Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit würgen lassen. + Abscheulichs Meisterstück der Herrschsucht und der List, + Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist! + O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen, + In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen, + Dich, die ihr Blutpanier oft über Leichen trug, + Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch! + Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme + Laut für die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme + Ein schuldlos Opfer ward und für die Wahrheit sank: + Habt Dank für dies Gefühl, für jede Träne Dank! + Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes: + Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes! + Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind, + Zwar schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind. + Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Tränen, + Die sonst kein Vorwurf trifft, als daß sie anders wähnen! + Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu, + Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei; + Der für die Wahrheit glüht und, nie durch Furcht gezügelt, + Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt. + Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert: + O wohl uns! hätten wir, was Cronegk schön gelehrt, + Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben, + Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben! + Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist; + Er war, und--o verzeiht die Trän'!--und starb, ein Christ. + Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten, + Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten. + Versaget, hat euch itzt Sophronia gerührt, + Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt, + Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre, + Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zähre. + Uns aber, edle Freund', ermuntre Gütigkeit; + Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht. + Verzeihung mutiget zu edelerm Erkühnen, + Und feiner Tadel lehrt das höchste Lob verdienen. + Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins für einen Garrick sind; + Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen, + Und--doch nur euch gebührt zu richten, uns zu schweigen. + + + + +Siebentes Stück +Den 22. Mai 1767 + +Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner höchsten Würde, indem er es +als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es gibt Dinge in dem +sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren +Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich und in sich +selbst zu veränderlich sind, als daß sie wert oder fähig wären, unter der +eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere, +gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren +Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren +Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz +entgehen oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich +will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des +Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf außerordentliche +Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen +und das Herz in Tumult setzen, die Tragödie einzuschränken. Das Genie +lacht über alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch +unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Vorwurf entweder +diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet und die +eigentlichen Gegenstände desselben nur insofern behandelt, als sie sich +entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche +verbreiten. + +Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil +der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von +dem Hrn. von Cronegk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff +aus den unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge genommen ist, die Toleranz +predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den +Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese +Kreuzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der +Päpste waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten +Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig +gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die +wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben, +zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das +rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten? +Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat, +das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und +Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein +Anlaß dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr +natürlich und dringend finden sollte. + +Übrigens stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bei, welches der +Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich +bereden lassen, daß er mit mir über den poetischen Wert des kritisierten +Stückes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen +gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern +durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen +bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken +lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen. +Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu +verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die +lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit +schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er +entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre +erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den +Verfassern der "Bibliothek der schönen Wissenschaften" gekrönet, aber +wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die +damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die +ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so +bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein +Hinkender. + +Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von +der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt: + + "Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins für einen Garrick sind." + +Quin, habe ich darwider erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler +gewesen.--Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die +Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson, +gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil für seine +Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil für sich: +man weiß, daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er +besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten gewußt; daß +er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer größten Vollkommenheit +gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das +Mißverständnis liegt bloß darin, daß man annimmt, der Dichter habe diesem +allgemeinen und außerordentlichen Schauspieler einen schlechten, und für +schlecht durchgängig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier +einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht; +einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm +zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich +spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu +Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte +ein guter Schauspieler heißen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der +Proteus in seiner Kunst zu sein, für den das einstimmige Gerücht schon +längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel, +den König im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komödie +waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick +anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick +der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken, +sondern er war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu +erschrecken? Gewiß und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so +würden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der +andere hingegen, der König, schien wohl auch etwas gerührt zu sein, aber +als ein guter Akteur gab er sich doch alle mögliche Mühe, es zu +verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch +einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein +Aufhebens macht!" + +Bei den Engländern hat jedes neue Stück seinen Prolog und Epilog, den +entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu +die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu +unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde +liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar +nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei +darin zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm +bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl über ihn als +über die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des +Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die +völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte, +darin erzählen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von +Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die +geschilderten Sitten und über die Kunst, mit der sie geschildert worden; +und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern +sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts +Ungewöhnliches, daß nach dem Blutigsten und Rührendsten die Satire ein so +lautes Gelächter aufschlägt und der Witz so mutwillig wird, daß es +scheinet, es sei die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des +Guten ein Gespötte zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider +diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert +hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bei uns neue Origina1stücke nicht +ganz ohne Einführung und Empfehlung vor das Publikum gebracht würden, so +versteht es sich von selbst, daß bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs +unserm deutschen Ernste angemessener sein müßte. Nach dem Lustspiele +könnte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei +den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt +mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu +welchen er sie verfertiget, zum Teil längst vergessen sind. Hamburg hätte +einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal +zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem +Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde. + + +----Fußnote + +[1] Teil VI, S. 15. + +----Fußnote + + + + +Achtes Stück +Den 26. Mai 1767 + +Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt. + +Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgeführet. +Dieses Stück des Nivelle de la Chaussée ist bekannt. Es ist von der +rührenden Gattung, der man den spöttischen Beinamen der Weinerlichen +gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Tränen nahe bringt, wobei wir +nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser +Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele +Ströme von Tränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele +verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden. +Denn eben bringen sie es ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir +hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser +verstanden hätte. + +"Melanide" ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht es +doch immer mit Vergnügen. Es hat sich selbst auf dem französischen +Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der +Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt, +entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der +zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen +Unbekannten, anstatt des de la Chaussée, um das beneiden, weswegen ich +wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wünschte. + +Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine +italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des +Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer +Übersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüder meistenteils noch +weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa übersetzen, +erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas +anders. Allzu pünktliche Treue macht jede Übersetzung steif, weil +unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der +andern sein kann. Aber eine Übersetzung aus Versen macht sie zugleich +wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versifikateur, den nie +das Silbenmaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas +stärker oder schwächer, früher oder später, sagen ließe, als er es, frei +von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Übersetzer dieses +nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug +hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den +eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder +anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals +überliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben, +welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der +Grundsprache für sie machen. + +Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer +neunjährigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den +Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und +ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen +verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit +dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von +der Welt das feinste, schnel1ste Gefühl, die sicherste, wärmste +Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wünschen, +doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. In ihrer Deklamation +akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel +intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu +können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere +Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und +gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das +Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder +Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist +durch das ganze Stück einförmig; in dem nämlichen Maße der Geschwindigkeit, +in welchem die ersten Takte gespielet worden, müssen sie alle, bis zu den +letzten, gespielet werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik notwendig, +weil ein Stück nur einerlei ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine +Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich sein würde. Mit +der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von +mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stück annehmen und die +Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen die Glieder, auch +alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären und aus der nämlichen +Anzahl von Silben des nämlichen Zeitmaßes bestünden, dennoch nie mit +einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht +auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dem +ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein +können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern +schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlupft; auf den +beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort, +und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser +Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine +künstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen, +so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden, +sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem +durchdrungenen Herzen und nicht bloß aus einem fertigen Gedächtnisse +fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde +Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des +Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und +Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und +Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen +damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich +unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen +entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die +Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die +Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu +vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente +auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget, +bloß dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben +imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich +urteile bloß so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in +welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in +dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort. + +Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches +Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe", +aufgeführet. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt, +daß bereits zwei andere Stücke von ihm den Beifall des dortigen Publikums +erhalten hätten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwärtigen zu +urteilen, müssen sie nicht ganz schlecht sein. + +Die Hauptzüge der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der +"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wünschte, daß Herr Heufeld, +ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den +"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert +hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines +Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stücken glücklicher +gewesen sein. + +Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr +gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung +fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig +guten so weit voneinander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in +den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzügen nicht zwingen lassen. +Die Geschichte konnte sich auf der Bühne unmöglich so schließen, wie sie +sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber +der Julie mußte hier glücklich werden, und Herr Heufeld läßt ihn +glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerin. Aber hat Herr Heufeld auch +überlegt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist? +Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst +eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist +nichts als eine kleine verliebte Närrin, die manchmal artig genug +schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schöne Stelle im Rousseau +besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwähnet +habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein +schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen und wird zuletzt ein +Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals +erdichtet hat, weit übertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren +Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie +über ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke +nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie +gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf +der Zunge, und Torheit im Herzen hat? + +Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft. +Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich +wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten +ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer sein +wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte +Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angeführte Kunstrichter, "den +Philosophen. Den Philosophen! Ich möchte wissen, was der junge Mensch in +der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst? +In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all- +gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt +und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er +abenteuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Tun und +Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Überlegung. Er setzet das +stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen +genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schülerin oder von +seinem Freunde an der Hand geführet zu werden."--Aber wie tief ist der +deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux! + + +----Fußnote + +[1] Teil X, S. 255 u. f. + +----Fußnote + + + + +Neuntes Stück +Den 29. Mai 1767 + +In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen +aufgeklärten Verstand zu zeigen und die tätige Rolle des rechtschaffenen +Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komödie ist weiter nichts, als +ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend +macht und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen +nicht durchgängig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze +Wirksamkeit läuft auf ein paar mächtige Torheiten heraus. Das Bürschchen +will sich schlagen und erstechen. + +Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Siegmund nicht in +genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch +vorzubeugen, wenn er zu erwägen gibt: "daß ein Mensch seinesgleichen, in +einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle +Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten +könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann +sei, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter, +Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten." + +Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den +Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem +Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben +beimißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der +Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch +sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die +Menschen sind, und können es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir +ihnen, bloß auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmöglich für sie +interessieren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die +geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble +Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und +allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deswegen, weil Julie, +ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund für den vortrefflichsten, +vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen +bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller +dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen +Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr, +in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große +Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den +kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das +meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die +größten. Wie traf es sich denn indes, daß vierundzwanzig Stunden Zeit +genug waren, dem Siegmund zu den zwei äußersten Narrheiten Gelegenheit zu +schaffen, die einem Menschen in seinen Umständen nur immer einfallen +können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser +antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so +natürlich herbeigeführet, noch so fein behandelt sein: so würden darum +die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre +üble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stürmischen Scheinweisen +nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln +könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den +allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken. + +Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen +andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählet hatte, +wird beim Rousseau nur kaum berührt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine +ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas +wagt. Er läßt den Vater die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die +Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler +hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der +Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der +Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs +könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, daß, +wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut +zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, daß dieses unterlassen worden. Die +Pantomime muß nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in +solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber +das Auge muß es nicht wirklich sehen. + +Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie +gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die +Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter +fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns, +denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte +übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen außerordentlichen Hebel +verzeihen; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da +keine Gründe bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung +ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlusse nur +noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche +Überraschung der unerwartetsten Begegnung erschüttert, und in einer Art +von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter, +verführerische Zärtlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau +kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er +sich entschließen, ihr sie abzunötigen, oder, wenn man will, abzustehlen. +Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß +sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe. +Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die +Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: hätte Herr Heufeld +die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloß das +Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewöhnliche +derselben vor dem Vorwurfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen +wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan hätte, +so würden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so +recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein +hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht +eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung tut. +Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausführte, die Aktion, mit der er +einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter +beschwor, wären es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu +begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei +Zergliederung des Planes, merklich wird. + +Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des +Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen +Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er +ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der +Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn +ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam +und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten, +die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel +besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf +Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben, +zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine +Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen +gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber +keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden raten, sich dieser +Besondernheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider +Geschlechter gewöhnet, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des reizendern +nicht etwas Leeres empfinden sollten. + +Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen +Destouches, das nämliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Bühne +gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Aufzügen daraus gemacht +und sind daher genötiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen +Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt "Die Mitgift" und wird vom +Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von +den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches +führt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im +Jahre 1745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzige +Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beifall, und ist +erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später, +als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht +der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mehrern mit so vieler +Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es +eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder +zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in +Benennung seiner Stücke; und meistenteils nahm er sie von dem aller- +unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den +Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling für seine Mühe bekam. + + + + +Zehntes Stück +Den 2. Juni 1767 + +Das Stück des fünften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das +unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches. + +Wenn wir die Annales des französischen Theaters nachschlagen, so finden +wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers gerade den +allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch "Der +verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der +poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in +ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf +dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er +seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er +eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu +entfernen; und wenn er es tut, dünket man sich berechtiget, darüber zu +stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas +Schlechters zu finden, sobald man nicht das nämliche findet. Destouches +hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in +seinem "Verschwender" Muster eines feinern, höhern Komischen gegeben, als +man vom Molière, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war. +Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu +seiner eigentümlichen Sphäre; was bei dem Poeten vielleicht nichts als +zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende +Fähigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen +nicht zu können: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern +ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen, +ehe sie ihr voreiliges Urteil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß +das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molièrischen von einerlei Güte +sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin +zu spüren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den +behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern +mehrenteils von der hölzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und +mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sein +Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als lächerlich. Aber +demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen +Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein +verzärtelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus +Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen +Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten. + +Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue +Agnese". + +Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber +insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundin eines gewissen Bernard. +"Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst +in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf +fragte das liebe einfältige Mädchen: "Aber Mama, wer ist denn der +Bernard, der die Leute glücklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten, +faßte sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich +mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese." Nicht +lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute +Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnügen; Mama bekömmt Verdacht; +Mama beschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mama von dem +Töchterchen ebenso schöne Seufzer zu hören, als das Töchterchen jüngst +von Mama gehört hatte. Die Mutter ergrimmt, überfällt sie, tobt. "Nun, +was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Mädchen. "Sie haben sich +den h. Bernard gewählt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum +nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Märchen, mit welchen das +weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart +fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein +muß. Er sahe nichts Anstößiges darin, als die Namen der Heiligen, und +diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine +platonische Weise, eine Anhängerin der Lehre des Gabalis; und der h. +Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt +eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann +auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und +Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen +Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen näherzubringen +gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen +ist von der reizendsten, verehrungswürdigsten Unschuld; und durch das +Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Teil dem +deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veränderungen +selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber +Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß +er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten hätte.--Die Rolle der +Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine +vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung +verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles kömmt ihr hier zustatten; +und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles +von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten +zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht +weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf. + +Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des +Hrn. von Voltaire aufgeführet. + +Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die französische Bühne +gebracht, erhielt großen Beifall und macht in der Geschichte dieser Bühne +gewissermaßen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und +"Alzire", seinen "Brutus" und "Cäsar" geliefert hatte, ward er in der +Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten +Griechen in vielen Stücken weit überträfen. "Von uns Franzosen", sagt er, +"hätten die Griechen eine geschicktere Exposition und die große Kunst, +die Auftritte untereinander so zu verbinden, daß die Szene niemals leer +bleibt und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen +können. Von uns", sagt er, "hätten sie lernen können, wie Nebenbuhler und +Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der +Dichter mit einer Menge erhabner, glänzender Gedanken blenden und in +Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können"--O freilich; +was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar +ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demütig um +Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu dürfen. Er möchte vielleicht +einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzosen auf das Wesentliche des +Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären, +welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es, +dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein +einziges vermißte er bei seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke +derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die +Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewürdiget +hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von +dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das +stehende Volk drängt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders +beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu +dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren +notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß bloß +dieser Übe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem +freiern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel +gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine +"Semiramis". Eine Königin, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um +ihnen ihre Vermählung zu eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft +steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Mörder zu rächen; +diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder +herauszukommen: das alles war in der Tat für die Franzosen etwas ganz +Neues. Es macht so viel Lärmen auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp +und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter +glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und +ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern +so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben, +vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefähr spielen ließ. Bei der +ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich +hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen +erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser +Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frei; +und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so außerordentlichen +Stückes, war, ist nach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber +vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, "Semiramis" +in diesem Stücke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch häufig +bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte +entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu können. + + + + +Eilftes Stück +Den 5. Junius 1767 + +Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele +eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie +mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick +dabei zu verweilen. + +"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire, +"daß man an Gespenster nicht mehr glaube und daß die Erscheinung der +Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch +sein könne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum hätte diese +Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt sein, sich nach dem +Altertume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen +außerordentliche Fügungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte +lächerlich sein, sie zu erneuern?" + +Diese Ausrufungen, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor +allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In +Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gründe, aus ihr genommen, recht +gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht +tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts +entscheiden sollen; nur als eine Art von Überlieferung des Altertums, +gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des +Altertums gelten. Und sonach hätten wir es auch hier nur mit dem +Altertume zu tun. + +Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen +Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn +wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgeführet finden, so wäre +es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozeß zu machen. +Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende +dramatische Dichter die nämliche Befugnis? Gewiß nicht.--Aber wenn er +seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdenn +nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er +erzählt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt +es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen, +nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz +andern und höhern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck, +sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch +die Täuschung rühren. Wenn es also wahr ist, daß wir itzt keine +Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Täuschung notwendig +verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisieren +können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn +er uns demohngeachtet solche unglaubliche Märchen ausstaffieret; alle +Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren. + +Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und +Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des +Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust +wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beispiele für sich, wo das +Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten +Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich +zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung +wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? +Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in +unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon +erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an +Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind +auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm +alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt +vorkommen muß? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine +Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich +fast ebensoviel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist +und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu +denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben +diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen +das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält +sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage +mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit +Grausen davon erzählen. + +Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den +dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu +machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am +häufigsten, für die er vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf seine Kunst +an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den +Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu +geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben +glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will. + +So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein. +Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie +mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von +Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es +macht ihn und seinen Geist des Ninus--lächerlich. + +Shakespeares Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn +es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht, +in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnisvollen Nebenbegriffe, +wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu +denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum +Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der bloße verkleidete +Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich +machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgibt; alle Umstände +vielmehr, unter welchen er erscheinet, stören den Betrug und verraten +das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken +möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur +dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Stände des +Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische +Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß +Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können, +daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und große Gesellschaften gar +nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverlässig das auch; aber er +war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte +uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art +sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich +Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten +unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu sein; +und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion. + +Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so +würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden +haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu +lassen. Alle müssen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und +Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der +Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun +richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie +auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser +vielfache Ausdruck des nämlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und +von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf +uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern +es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare +ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der +Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch +gehört. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale +eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüts wir an ihm entdecken, +desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung +in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das +Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der +Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns über, und die Wirkung ist +zu augenscheinlich und zu stark, als daß wir an der außerordentlichen +Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff +verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel. +Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht +mehr Umstände mit ihm, als man ohngefähr mit einem weit entfernt +geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt. + + + + +Zwölftes Stück +Den 9. Junius 1767 + +Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des +englischen und französischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist +nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es +interessiert uns für sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares +Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen +Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid. + +Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen +Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire +betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare +als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer +denkt, dürfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der +Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem +Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir +also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte bloß damit +lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu +bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen +Gesetzen mache. + +Ich will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter +seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung +irgendeiner großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen, +daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; daß +sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche +einzelne Maxime abzwecken; daß man unrecht tut, den letzten Sittenspruch, +den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so +anzusehen, als ob das Ganze bloß um seinetwillen da wäre. + +Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst +hätte, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, daß man nämlich +daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die, außerordentliche +Lastertaten zu strafen, außerordentliche Wege wähle: so würde "Semiramis" +in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück sein. Besonders da diese +Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem +weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser außerordentlichen Wege +nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die +ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken. + +Doch ich will mich bei dem Stücke nicht länger verweilen, um noch ein +Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle +Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Bühne ist geräumlich genug, die +Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in +verschiedenen Szenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem +besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als +möglich in einen. + +Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, gespielet. + +Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die französische Bühne und +fand so allgemeinen Beifall, daß es in Jahr und Tag sechsunddreißigmal +aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus +den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Destouches; sondern eine +in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Sie hat +wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte und unnatürliche +Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem +Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig französische +Stücke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser +ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das +schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigte +Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront +unverbesserlich. Ich kann es überhoben sein, von dem Stücke selbst zu +reden. Es ist zu bekannt und gehört unstreitig unter die Meisterstücke +der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen +sehen wird. + +Das Stück des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus, +oder Die Schottländerin" des Hrn. von Voltaire. + +Es ließe sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein +Verfasser schickte es als eine Übersetzung aus dem Englischen des Hume, +nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern +dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht +hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke" +des Goldoni etwas Ähnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni +das Urbild des Frélon gewesen zu sein. Was aber dort bloß ein bösartiger +Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frélon nannte, +damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den +Journalisten Fréron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden +schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich +versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Neckereien der +französischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen über die +Persönlichkeiten dieses Stücks weg und finden in dem Frélon nichts als +die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht +fremd ist. Wir haben unsere Frélons so gut, wie die Franzosen und +Engländer, nur daß sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere +Literatur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses +Charakters aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat das Stück doch, +noch außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein könnte +es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmütigkeit, und +die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden. + +Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm auf den +Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein rühmte. +Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die +"Schottländerin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", übersetzt +und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem +Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen +Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verstoßen; z.E. +darin, daß er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Colman +mietet sie dafür bei einer ehrlichen Frau ein, die möblierte Zimmer hält, +und diese Frau ist weit anständiger die Freundin und Wohltäterin der +jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman +für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist +nicht bloß eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie, +von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer +Schutzgöttin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung +wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frélon stehet, +den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphäre von +Tätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso +eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Französischen der Lord +Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und +er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet. + +Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen +durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere +sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige +Stücke weit vor, von welchen man "Die eifersüchtige Ehefrau" auf dem +Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die +sich ihrer erinnern, ungefähr urteilen können. "Der englische Kaufmann" +hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug +darin genähret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar. +Hiernächst hat er ihnen zuviel Ähnlichkeit mit andern Stücken, und den +besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, hätte nicht +den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine +gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw. + +Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegründet; indes sind wir +Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und +verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und +ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal +übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit +Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen +sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst +entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre +besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley würden uns, ohne diesen +Ausbau des allzu wollüstigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren +Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem +so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die +geringste Veränderung, bei uns Glück gemacht, welches ich von keiner +einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte. + +Auch die Italiener haben eine Übersetzung von der "Schottländerin", die +in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie +folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine +Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte, +Frélon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so +verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu +schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte +diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung +des Frélons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der +poetischen Gerechtigkeit. + + + + +Dreizehntes Stück +Den 12. Junius 1767 + +Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden. +Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler durch +einen epidemischen Zufall außerstand gesetzet, zu agieren; und man mußte +sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte "Die neue +Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante". + +Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische +Dorfjunker", vom Destouches, aufgeführt. + +Dieses Stück hat im Französischen drei Aufzüge, und in der Übersetzung +fünfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche +Schaubühne" des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen +zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Übersetzerin, war eine viel +zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres +Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch +für große Mühe, aus drei Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem +andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spaziergang im +Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der +Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie +ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was +hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Übersetzung +selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin +die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie +überall ebenso glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals +eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der +Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe +Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen +hören. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, läßt +Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen, +Mademoiselle; ich habe Sie für eine Virtuosin gehalten." "O pfui!" +erwidert Henriette; "wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches +Mädchen; daß Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", fällt ihr Masuren +ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Virtuosin, +sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, daß man das nicht zugleich +sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched +anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte +man, daß sie das tat. Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin +zu sein, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht +böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der +Person einer dummen Agnese, sagt, hätte die Frau Professorin immer, ohne +Maulspitzen, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde +Wort Virtuosin anstößig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern +Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und +verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht. + +Den Beschluß dieses Abends machte "Die stumme Schönheit", von Schlegeln. + +Schlegel hatte dieses kleine Stück für das neuerrichtete Kopenhagensche +Theater geschrieben, um auf demselben in einer dänischen Übersetzung +aufgeführet zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich +dänischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes +komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall +eine ebenso fließende als zierliche Versifikation, und es war ein Glück +für seine Nachfolger, daß er seine größern Komödien nicht auch in Versen +schrieb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so +würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider +sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komödie sehr +lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben +überstiegen hätte, desto unwiderleglicher würden seine Gründe geschienen +haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel, +wie unsägliche Mühe es koste, nur einen Teil derselben zu übersteigen, +und wie wenig das Vergnügen, welches aus diesen überstiegenen +Schwierigkeiten entstehet, für die Menge kleiner Schönheiten, die man +ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so +ekel, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Molière, nach seinem Tode, +in Verse bringen mußte; und noch itzt hören sie ein prosaisches Lustspiel +als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer +hingegen würde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die +Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger? +Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie +itzt schon wählen und ausmustern wollten? + +Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme +Schöne, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin +hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels +stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts +spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei würde also +dieses sein, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken +müßte, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten ließe, die +bloß mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Ihr +Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu sein; sie +können so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren +kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben, +da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht +spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen. +Auch ihre Kleidung muß weder altvätrisch, noch schlumpicht sein; denn +Frau Praatgern sagt ausdrücklich: + + "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Laß doch sehn! + Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant. + Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?" + +In dieser Musterung der Fr. Praatgern überhaupt hat der Dichter deutlich +genug bemerkt, wie er das Äußerliche seiner stummen Schöne zu sein wünsche. +Gleichfalls schön, nur nicht reizend. + + "Laß sehn, wie trägst du dich?--Den Kopf nicht so zurücke!" + +Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn +zurückhalten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Charlotten den +Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer +Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren +gerade die, welche der stummen Schönheit am meisten entsprechen; sie +zeigen die Schönheit in ihrem besten Vorteile, nur daß sie ihr das +Leben nehmen. + + "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke." + +Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit großen schönen Augen zu +dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht +regen; ihre Blicke müssen langsam und stier sein; sie müssen uns mit +ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber +nichts sagen. + + "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich! + Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich." + +Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische +Neige, einen dummen Knicks machen läßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt +sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau +Praatgern muß sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte +verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das +ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob +ich gleich nicht glaube, daß die Praatgern sonst eine Rolle für sie ist. +Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern +wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer +Tochter ist, durchaus nicht lassen. + +Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miß Sara Sampson" +aufgeführet. + +Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in +der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut +gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den +meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht +zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind; +wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie +gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der übermäßigen Länge eines +Stücks durch das bloße Weglassen nur übel abgeholfen, und ich begreife +nicht, wie man eine Szene verkürzen kann, ohne die ganze Folge des +Dialogs zu ändern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht +anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe wert dünket +und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf +ewig die Hand von ihnen abziehen. + +Madame Henseln starb ungemein anständig; in der malerischsten Stellung; +und besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine +Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder +Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die +glücklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich, +äußerte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes, +ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward +und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden +Lichts; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit +in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf +meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal! + + + + +Vierzehntes Stück +Den 16. Junius 1767 + +Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunstrichter, +welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr +gründlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten +etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben. + +Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät +geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen, +deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am +tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden +haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit +Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er +sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein +verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand, +und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen. + +"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man +verkennst die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedürfe, uns zu +bewegen und zu rühren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters, +des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen +überhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte +immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname, +die Geburt des Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige +Freunde und das verführerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen +Wohlstand und seine Ehre darüber zugrunde gerichtet, und nun im +Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er +ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist +er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt +wird, schmachtet in der äußersten Bedürfnis und kann ihren Kindern, +welche Brot verlangen, nichts als Tränen geben. Man zeige mir in der +Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte, +tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche +vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel +ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und +fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes +marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen; +was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu sein? Das Wunderbare, +wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare +genugsam in dem plötzlichen Übergange von der Ehre zur Schande, von der +Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in +dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gestürzet?" + +Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und +Marmontels, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das +bürgerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen +werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche +Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit +Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als +schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel über sein +Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet +vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und +Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem +Stücke gemacht hat, welches er "Das Gemälde der Dürftigkeit" nennet, hat +schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen, +hätten wir es für unser Theater adoptieren sollen. + +Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist +zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird +lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe +einer gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was +Voltaire bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer +alles ausführen, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige +Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte +man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich +sonst ganz gut." + +Den zwölften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom +Regnard, aufgeführet. + +Dieses Stück ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber +Rivière du Frény, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne +brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß +ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard +schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite +nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Plagiarius +gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir es ihm wohl noch dazu danken, +daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu +mißbrauchen; er bemächtigte sich, bloß zu unserm Besten, der Materialien, +von denen er voraussahe, daß sie verhunzt werden würden. Wir hätten nur +einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch +hätte er die Tat eingestehen und dem armen Du Frény einen Teil der damit +erworbnen Ehre lassen müssen. + +Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph" wiederholst; und den Beschluß machte "Der Liebhaber als +Schriftsteller und Bedienter". + +Der Verfasser dieses kleinen artigen Stückes heißt Cerou; er studierte +die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen +gab. Es fällt ungemein wohl aus. + +Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter", +vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgeführt. + +Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf +dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es +ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Molière nicht hätte +schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit +besser sein können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten +gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer +kalten Erzählung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet +worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters +deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darin der erste von +seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel +nicht, und Quinault hätte es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten +Verliebten" können bewenden lassen. + +"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem +funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit außerordentlichen Beifall +fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des +guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der +Personen entspringet und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brueys gab +ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es +gegenwärtig aufgeführet wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz +vortrefflich. + +Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist" +vorgestellt. + +Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschämten Freigeistes", weil man +ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift +führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß +derjenige beschämt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht +einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an +diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der für Wahrheit +und Irrtum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann sind alles +Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stücks erfüllen +müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß die Vorstellung alles +Beifalls würdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und +besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen +Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über +die Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze +Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen. + +Den Beschluß dieses Abends machte das Schäferspiel des Hrn. Pfeffels: +"Der Schatz". + +Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein +anders, "Der Eremit", nicht unrühmlich bekannt gemacht. In den "Schatz" +hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere +Schäferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändelnde Liebe ist. +Sein Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch +die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes +Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes +werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines +Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele, +auf rührende Stücke könnte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber +wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen +übergehen. + + +----Fußnote + +[1] "Journal Étranger", Décembre 1761. + +----Fußnote + + + + +Funfzehntes Stück +Den 19. Junius 1767 + +Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaïre" des +Herrn von Voltaire aufgeführt. + +"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire, +"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stück entstanden. +Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen +Tragödien nicht genug Liebe wäre. Er antwortete ihnen, daß seiner Meinung +nach die Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe +sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten, +so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward +in achtzehn Tagen vollendet und fand großen Beifall. Man nennt es zu +Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des +Polyeukts, vorgestellet worden." + +Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch +lange das Lieblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch, +nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit +besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien +zugänglichen Sitz einer unumschränkten Gebieterin verwandelt; ein +verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als +ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion +streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das +gern fromm sein möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein +Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst rächet; +wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen, +durch was ließe es sich denn bestechen? + +Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaïre diktiert: sagt ein Kunstrichter +artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur +eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist +"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire läßt seine +verliebte Zaïre ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken; +aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemälde aller der +kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele +einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet, +aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich +bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und +Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den +Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache, +denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das +behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will, +als was sie bei der spröden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter +verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den Geheimnissen +der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das +Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat +er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit +unter dem Dichter geblieben. + +Von der Eifersucht läßt sich ohngefähr eben das sagen. Der eifersüchtige +Orosman spielt gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespeare eine sehr +kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman +gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der +den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich hätte +gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu +eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosman +einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines +Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht +mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das +vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei; da können wir alles +lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden. + +Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen, +immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das +ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese +Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsätzlich +vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Übersetzung von Shakespeare. +Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr +darum. Die Kunstrichter haben viel Böses davon gesagt. Ich hätte große +Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern +zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin +bemerkt haben: sondern weil ich glaube, daß man von diesen Fehlern kein +solches Aufheben hätte machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein +jeder anderer, als Herr Wieland, würde in der Eil' noch öftrer verstoßen +und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr überhüpft haben; aber +was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er +uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man +unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die +es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es +sie liefert, so beleidigen, daß wir notwendig eine bessere Übersetzung +haben müßten. + +Doch wieder zur "Zaïre". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die +Pariser Bühne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und +auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Übersetzer war +Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten +Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in +dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines +Stücks an den Engländer Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden. +Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehmen, als er es +ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem +skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben +geschrieben hat! + +Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine +Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist +so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige +Gewohnheit bestand darin, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden +mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Übrige des +Stücks; und notwendig mußten diese Verse eine Vergleichung enthalten. +Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe, +Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen, +bis sie einschlafen. Der Übersetzer der "Zaïre" ist der erste, der es +gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten +Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es +empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen und der Poet +sich überall verbergen müsse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen." + +Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das +ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, daß die +Engländer, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch länger her, +die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein paar +gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als +Vergleichungen enthielten, daß sie notwendig Vergleichungen enthalten +müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von +Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die +tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die +Nase sagen können. Zweitens ist es nicht an dem, daß Hill in seiner +Übersetzung der "Zaïre" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar +beinahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Übersetzung seines +Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer. +Gleichwohl muß es so sein. Denn so gewiß sie in reimfreien Versen ist, so +gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen. +Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter +allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson +und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heißen, ihre +Aufzüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfe, die gleichfalls +keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Hätte er aber auch +wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch +drittens das nicht wahr, daß sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von +dem es Voltaire sein läßt. Noch bis diese Stunde erscheinen in England +ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit +gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem +einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach der Übersetzung +der "Zaïre", gemacht, sich der alten Mode gänzlich entäußert. Und was ist +es denn nun, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind, +können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nämlich, +nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit +schicklicher aus dem Stücke selbst abgenommen würde, als daß es die +Pfeife oder der Schlüssel gibt. + + +----Fußnote + +[1] From English Plays, Zara's French author fir'd, + Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd, + From rack'd Othello's rage, he rais'd his style + And snatch'd the brand, that lights this tragic pile. + +[2] Le plus sage de vos écrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie wäre das +wohl recht zu übersetzen? Sage heißt: weise; aber der weiseste unter den +englischen Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich +besinne mich, daß die Franzosen auch ein Mädchen sage nennen, dem man +keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat. +Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passen. Und nach diesem könnte man ja +wohl geradezu übersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern, +der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt." + +----Fußnote + + + + +Sechzehntes Stück +Den 23. Junius 1767 + +Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr +unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und +übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien +und gebärdeten sie sich als Besessene; und das übrige tönten sie in einer +steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den +Komödianten verriet. Als er daher seine Übersetzung der "Zaïre" aufführen +zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaïre einem jungen +Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urteilte +so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl und Stimme und Figur und +Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie +braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar +Stunden überreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf +sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es +ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, daß +nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge +leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des +Komödianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten +Jahre ward ein Meisterstück. Es ist merkwürdig, daß auch die französische +Schauspielerin, welche die Zaïre zuerst spielte, eine Anfängerin war. Die +junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch berühmt, und +selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht +kläglich bedauerte. + +Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der +kein Komödiant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er +spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken, +öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als +irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen +Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten. +"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist +dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in +der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der französische Hof +hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat +weiter nichts Besonders dabei gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit +aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein +Unterschied, als daß die eine über die andere ebensoweit erhaben ist, als +es Talente, welche vorzügliche Seelenkräfte erfodern, über bloß +körperliche Fertigkeiten sind?" + +Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaïre" übersetzt; sehr genau und +sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher +Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser? Mit der +einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen, +wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, läßt +ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns über das Schicksal des +Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne +Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt +also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller +Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den +Text setzen.[1] + +Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem +welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist +er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er +sich den tödlichen Stoß beigebracht, so lassen wir den Vorhang +niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack +dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mehrern +Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich +ein Trauerspiel wie ein Epigramm schließen soll? Immer mit der Spitze des +Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns +gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die +Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es +auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so +unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache +einer Sache, die nicht ist. Wir hätten kalt Blut genug, den Dichter bis +ans Ende zu hören, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir +würden recht gern die letzten Befehle des großmütigen Sultans vernehmen; +recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber +wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiß ich +kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es wäre +begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten. +Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen. + +Bei keiner Nation hat die "Zaïre" einen schärfern Kunstrichter gefunden, +als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des +berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel +daran auszusetzen, daß er es für etwas Kleines hielt, eine bessere zu +machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung +der Zaïre das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan +über seine Liebe sieget und die christliche Zaïre mit aller der Pracht in +ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der +alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen? +Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, +daß er uns kalt läßt; er interessiere uns und mache mit den kleinen +mechanischen Regeln, was er will. Die Duime können wohl tadeln, aber den +Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich +darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf +den Ungrund der Kritik geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in +vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten, +deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das +Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der +Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der +sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er, +"kömmt, Zaïren in die Moschee abzuholen; Zaïre weigert sich, ohne die +geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und +Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl +seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum +dringt er nicht in Zaïren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er +ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter +Duim! wenn sich Zaïre deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die +andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in +die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts +ist ebenso abgeschmackt: Orosman kömmt wieder zu Zaïren; Zaïre geht +abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosman, der gute +Schlucker (dien goeden hals), tröstet sich desfalls in einer Monologe. +Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewißheit mußte doch bis zum +fünften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare +hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärkern. + +Die letzterwähnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler, +der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem +bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner +zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemütsbewegung in die andere +übergehen, und diesen Übergang durch das stumme Spiel so natürlich zu +machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern +durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit +fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Großmut, +willig und geneigt, Zaïren zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen +sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein +Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue, +und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich +genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch +da Zaïre auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu +haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der äußerste Unwille. +Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit +zur Erbitterung über. Alles was Rémond de Sainte-Albine in seinem +"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf +eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das +Vorbild des Kunstrichters gewesen sein. + + +----Fußnote + +[1] + Questo mortale orror che per le vene + Tutte mi scorre, omai non è dolore, + Che basti ad appagarti, anima bella. + Feroce cor, cor dispietato, e misero, + Paga la pena del delitto orrendo. + Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete + Tinte del sangue di si cara donna. + Voi--voi--dov'è quel ferro? Un' altra volta + In mezzo al petto--Oimè, dov'è quel ferro? + L'acuta punta-- + Tenebre, e notte + Si fanno intorno-- + Perchè non posso-- + Non posso spargere + Il sangue tutto? + Sì, sì, lo spargo tutto, anima mia, + Dove sei?--più non posso--oh Dio! non posso-- + Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio! + +[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745. + +[3] "Le Comédien", Partie II, chap. X. p. 209. + +----Fußnote + + + + +Siebzehntes Stück +Den 26. Junius 1767 + +Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom +Gresset, aufgeführet. + +Dieses Stück kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider +den Selbstmord konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen +sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die +Engländer dürften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er +geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht, +zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine +Reue könnte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem +französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für +eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre. + +Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu +sein. Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und +finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem +dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu +haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein +französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etikette, welche +der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun +erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist, +als der gesundesten einer, so läßt ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich +es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen glücklicher Eifer usw." +Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse +aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das +erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter +seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich +Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu tun, was der +Dichter hätte tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht +das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm +wenigstens den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten +dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann würde ich mich gegen +Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen. +Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart! + +Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von +seinen stärksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das +Gefühl der Fühllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze +Gemütsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit +größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch +die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper gibt, und +seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt. Welcher +fortreißende Ton der Überzeugung!-- + +Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Aufzuge, nach dem +Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man +errät gleich, daß ein Narr oder eine Närrin darin vorkommen muß, der es +hauptsächlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener +Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die +Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der +Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den +Pflegesohn eines gewissen bürgerlichen Lisanders, aber es findet sich, +daß Lisander sein wahrer Vater ist. Nun wäre weiter an die Heirat nicht +zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfälle zu dem +bürgerlichen Stande herablassen müssen. In der Tat ist er von ebenso +guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche +Ausschweifungen aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen +Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung +gelingt und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der +Hauptton desselben rührender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der +Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre +Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen +Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch +zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irreführen. Und dieser tut +es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen +Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr +zum Vorteile des Stücks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast +allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt. + +Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der +Trommel" gespielt. + +Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her. +Addison hat nur eine Tragödie und nur eine Komödie gemacht. Die +dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf +weiß sich überall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden +Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung, +wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen. +Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der französischen +Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addisons, und diese +Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden. +Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet! + +Destouches, der in England persönlichen Umgang mit Addison gehabt hatte, +zog das Lustspiel desselben über einen noch französischern Leisten. Wir +spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und +natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich +mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche +Übersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und +manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet. + +Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, wiederholt. + +Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend +(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde. + +Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch +gefällt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus +dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre +allgemeine Schönheiten sein müssen, und die Fehler vielleicht nur +willkürliche Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen +kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des +Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Übliche aus den Augen gesetzt: +immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stücke +ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl, +so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloß erdichtete Namen +dafür. Regnard hat es gewiß so gut als ein anderer gewußt, daß um Athen +keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des +Demokrits, keinen König hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht +wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden +Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen +Dichters, und nicht die historische Wahrheit. + +Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des +Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das +abgeschmackte Geschwätz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt, +weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern +weil es Unsinn in jedes andern Munde sein würde, der Dichter möchte ihn +genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bei der guten +Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist +gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen +soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er +ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein +zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung +mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit +der Mademoiselle Beauval und La Thorillière diese Szenen zuerst spielten, +hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern +fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen, aber da sie durch +die Überlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so kömmt +es niemanden ein, etwas daran zu ändern, und ich will mich wohl hüten, zu +sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden +sollte. Der beste, drolligste und ausgeführteste Charakter ist der +Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller +boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts +weniger als episodisch, sondern zur Auflösung des Knoten ebenso +schicklich als unentbehrlich ist.[1] + + +----Fußnote + +[1] "Histoire du Théâtre Français", T. XIV. p. 164. + +----Fußnote + + + + +Achtzehntes Stück +Den 30. Junius 1767 + +Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel +des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgeführt. + +Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für die Theater in Paris +gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte +1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele +beläuft sich auf einige dreißig, wovon mehr als zwei Dritteile den +Harlekin haben, weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter +diese gehören auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst, +ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder +hervorgesucht wurden, und desto größern erhielten. + +Seine Stücke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und +Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen +der nämliche schimmernde und öfters allzu gesuchte Witz; in allen die +nämliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die +nämliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von +einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner +Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und +doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende +einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben. + +Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof. +Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben +alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen, +dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im +Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber +den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stücke, +in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bei ihr +Hänschen, und war ganz weiß, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich, +ein großer Triumph für den guten Geschmack! + +Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der +deutschen Übersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot, +Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder +an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht +auch unter seinem? "Er ist ein ausländisches Geschöpf", sagt man. Was tut +das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer wären! "Er trägt +sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt":--so braucht er nicht erst +lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das nämliche Individuum +alle Tage in einem andern Stücke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als +kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht +Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", übermorgen in den +"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen, +vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend +Varietäten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in +Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei +Hauptzüge hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir +ekler, in unsere Vergnügungen wähliger und gegen kahle Vernünfteleien +nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener +sind--sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit +etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene, +besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam? +Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri +eingeflochten werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des +Stücks schicken oder nicht? + +Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der +wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gründlichkeit, verteidiget. +Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Möser über das Groteske-Komische +allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren +Stimme habe ich schon. Es wird darin beiläufig von einem gewissen +Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dermaleins der +Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man +denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr +Möser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja +nicht einmal gedacht zu haben erinnern. + +Außer dem Harlekin kömmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein +anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige führet. Beide wurden sehr +wohl gespielt; und unser Theater hat überhaupt an den Herren Hensel und +Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser +verlangen kann. + +Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die +"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgeführet. + +Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern +französischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der +"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die +Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses +Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf +seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Taten seiner Vorfahren +den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und +von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen +nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den +Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern. +Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es +gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! +Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger +ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit +gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der +mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre? +sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten!--Ich mag mich in +Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von +der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Teil der Achtung und +Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais +gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische +Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit +fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein +genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was +nicht geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies, +von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man +äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten +Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze +getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für andere, die gar keine +Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?) +durch ihre bloße Teilnehmung aufhelfen möge:--und sehe und höre um sich. +"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloß der Wucherer Albinus, "daß unsere +Bürger wichtigere Dinge zu tun haben!" + +------Eu! +Rem poteris servare tuam!-- + +Wichtigere? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freilich +unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Künsten in Verbindung +stehet. Aber, + +--haec animos aerugo er cura peculî +Cum semel imbuerit-- + +Doch ist vergesse mich. Wie gehört das alles zur "Zelmire"? + +Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte +oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum +Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward +Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu +Braunschweig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland +und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so glücklich und berühmt, +als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit hätte machen können, wenn er +auch ein Beaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Genie, das +diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei würden sein +gewissestes Los sein! + +Das erste Trauerspiel des Du Belloy heißt "Titus"; und "Zelmire" war sein +zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal +gespielt. Aber "Zelmire" fand desto größern; es ward vierzehnmal +hintereinander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran +satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung. + +Ein französischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen +die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: "Uns wäre", +sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die +Jahrbücher der Welt sind an berüchtigten Verbrechen ja so reich; und die +Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen +wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem +sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist, +befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde, +ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, daß 'Zaïre', 'Alzire', +'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung wären. Die Namen der +beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist +historisch. Es hat wirklich Kreuzzüge gegeben, in welchen sich Christen +und Türken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und +würgten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die +glücklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europäischen und +amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei und der wahren Religion +äußern müssen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die +Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der +Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophische Gemälde, das +jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden." + + +----Fußnote + +[1] "Journal Encyclopédique", Juillet 1762. + +----Fußnote + + + + +Neunzehntes Stück +Den 3. Julius 1767 + +Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es +ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben +suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine +Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn +zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des +forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen +Gesetzgeber aufwerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt +mit einem bescheidenen "Uns wäre lieber gewesen" an und geht zu so +allgemein verbindenden Aussprüchen fort, daß man glauben sollte, dieses +Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter +folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack +nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert. + +Nun hat es Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische +Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern habe; nicht weiter, als +sie einer wohleingerichteten Fabel ähnlich ist, mit der er seine +Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil +sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie +schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten könnte. Findet +er diese Schicklichkeit von ohngefähr an einem wahren Falle, so ist ihm +der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbücher erst lange darum +nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was +geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß etwas geschehen kann, nur +daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine +gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zu +halten, von der wir nie etwas gehört haben? Was ist das erste, was +uns eine Historie glaubwürdig macht? Ist es nicht ihre innere +Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit +von gar keinen Zeugnissen und Überlieferungen bestätiget wird, oder von +solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne +Grund angenommen, daß es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das +Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist die Geschichte, aber nicht +das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder +jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem +gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die +Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der +Geschichte; und es heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man +sie zu einem bloßen Panegyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den +Nationa1stolz zu nähren mißbraucht. + +Die zweite Erinnerung des nämlichen französischen Kunstrichters gegen die +"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als +ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufälle sei, die in den engen Raum +von vierundzwanzig Stunden zusammengepreßt, aller Illusion unfähig +würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über die andere! ein +Theaterstreich über den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man +nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drängen, können +schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles überrascht, wird +uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. "Warum muß sich z.E. +der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine +Verbrechen zu offenbaren? Fällt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die +Gemütsänderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den +Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines +Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu +empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt. +Welch geringfügige Ursachen gibt hiernächst der Dichter nicht manchmal +den wichtigsten Dingen! So muß Polydor, wenn er aus der Schlacht kömmt +und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Rücken +zukehren, und der Dichter muß uns sorgfältig diesen kleinen Umstand +einschärfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das +Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die +folgende Szene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen +Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen +Eindruck machende Szene fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit +natürlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal +flüchtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen +Wink gegeben hätte? Freilich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die +ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er +seinen Rücken dahin oder dorthin kehret, gründen müssen. Mit dem Billett +des Azor hat es die nämliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten +Akte gleich mit, so wie er es hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann +entlarvet, und das Stück hatte ein Ende." + +Die Übersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht +lieber eine körnichte, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte, +geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Übersetzungen werden +kaum ein halbes Dutzend sein, die erträglich sind. Und daß man mich ja +nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich +aufhören, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen +dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der größte +Versifikateur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch +weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen +Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich, +daß öfters, was dort nur Lückenbüßerei oder Tautologie war, hier zu +förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabei meistens so +niedrig und die Konstruktion so verworfen, daß der Schauspieler allen +seinen Adel nötig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand +brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu +erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden! + +Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß +zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso wäßrig korrekte, ebenso +grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen +poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird +unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der +Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen +Übersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch +der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen kadensierten +Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der +Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter +erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton +der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wünschte +ich unserm prosaischen Übersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich +der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, daß das Silbenmaß +überhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am +wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier kömmt es bloß darauf an, +unter zwei Übeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand und Nachdruck +der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte +war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der +das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstärkung +des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es +etwas mehr, und wir können der griechischen ungleich näher kommen, die +durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin +ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben +nichts als den Wert der überstandenen Schwierigkeit für sich; und +freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert. + +Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit +aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Bösewichte von großem +Verstande so natürlich zu sein scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird +ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Ränken unerschöpflich; +er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner +Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur +noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von +seiten des Schauspielers das getreueste Gedächtnis, die fertigste Stimme, +die freieste, nachlässigste Aktion unumgänglich nötig. Hr. Borchers hat +überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurteil +für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen ebenso gern übet, als in +jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner +unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die +nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich +in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu +lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Beruf zum +Theater ist. + + + + +Zwanzigstes Stück +Den 7. Julius 1767 + +Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie" +aufgeführet. + +Dieses vortreffliche Stück der Graffigny mußte der Gottschedin zum +Übersetzen in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von +sich selbst ablegt, "daß sie die Ehre, welche man durch Übersetzung oder +auch Verfertigung theatralischer Stücke erwerben könne, allezeit nur für +sehr mittelmäßig gehalten habe", läßt sich leicht vermuten, daß sie, +diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige Mühe +werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, daß sie einige lustige Stücke des Destouches eben nicht verdorben +hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine +Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen; +aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre +eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese +verkennt und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle +die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will, +die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem +Méricourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines +Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Méricourt geht; +er verweigert sich dem großmütigen Anerbieten und will sich ihm aus +Uneigennützigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er. +"Warum wollen Sie sich Ihres Vermögens berauben? Genießen Sie Ihrer Güter +selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai, +je vous rendrai tous heureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen +Alten antworten. "Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich +machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlässige +Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte +spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere +glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloß +eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das +andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß +auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das +nämliche zweimal spräche, als ob beide Sätze wahre tautologische Sätze, +vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O +des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst +fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die +Gottschedin jene acht Worte übersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner +Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich +gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber +der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses +Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses +Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle +Bedenklichkeiten der Überlegung geben und eine warme Empfindung in eine +frostige Schlußrede verwandeln. + +Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefähr auf diesen +Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren +gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in +die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt +in vielen Stellen der häßliche Ton des Zeremoniells; verabredete +Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der gerührten Natur +auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie: +"Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau +Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das +ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem +Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem +"Gnädiger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon +père! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein respektuöses Kind! +Wenn ich Dorsainville wäre, ich hätte es ebenso gern gar nicht wieder +gefunden, als mit dieser Anrede. + +Madame Löwen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Würde +und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres +verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem +Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen. + +Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde. +Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus +ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr +Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber +es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswürdiger Fehler. Die +Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der +mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich möchte nicht alles machen, +was ich vortrefflich machen könnte. + +Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung +von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in +so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum +Schlusse des Stücks vom Méricourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, daß +er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag +ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen +Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf +einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des +Méricourt? Ein gefährliches, ein böses Land! + + Tot linguae, quot membra viro! + +Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des +Herrn Weiße aufgeführet. + +"Amalia" wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters +gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgeführtere Charaktere +und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine übrige komische +Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame +Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit +aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr +unwahrscheinlich finden würden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt +zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen +Stücke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafür kann es aber auch nicht +fehlen, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen +veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzten Akts, in +welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn kroquierte Pinselstriche zu +lindern und mit dem übrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl +raten möchte. Ich weiß nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich +mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich +will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit +bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu +brüskieren. Ich will die Vermutung ungeäußert lassen, daß es vielleicht +gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu +treiben; daß ein wahrer Manley die Sache wohl hätte feiner anfangen +können; daß man über einen schnellen Strom nicht in gerader Linie +schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß--Wie gesagt, ich will diese +Vermutungen ungeäußert lassen; denn es könnte leicht bei einem solchen +Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nämlich die Gegenstände +sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau, +bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand +halten werde. Ich will bloß bekennen, daß ich für mein Teil nicht Herz +genug gehabt hätte, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich würde mich, +vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefürchtet +haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch +einer mehr als Crébillonschen Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich +zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich +nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da +sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manley, oder Amalia, wußte +ja, daß Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden +sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm +gänzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es +nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften +Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit +sei? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich, +aber doch unsträflicher geworden sein; er würde, ohne sie in ihren +eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe +wäre ungleich verführerischer und das Bestehen in derselben ungleich +entscheidender für ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man würde zugleich +einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben; +anstatt daß man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun +können, wenn sie unglücklicherweise in ihrer Verführung glücklich +gewesen wäre. + +Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der +Finanzpachter". Es besteht ungefähr aus ein Dutzend Szenen von der +äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer sein, in einen so engen Bezirk +mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die +Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein +Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als er. + +Den fünfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire" +des Du Belloy wiederholt. + + + + +Einundzwanzigstes Stück +Den 10. Julius 1767 + +Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die +Mütterschule" des Nivelle de la Chaussée aufgeführet. + +Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parteiische Zärtlichkeit +gegen einen nichtswürdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kränkung +erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bei ihm ist +es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes, +gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle +Welt und Erfahrung läßt: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten +kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner +Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in +den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem +Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. In jener Schule gibt es eine +Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu +lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es müßte für +Kenner ein Vergnügen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander +besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit; +das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem. + +Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine" +des Herrn von Voltaire gespielt. + +Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre +1749 zuerst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man +dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken +soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte +verrät, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung +dabei, und die Alten haben ihren Komödien selten andere, als +nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den +Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter +gehöret des Plautus "Miles gloriosus". Wie kömmt es, daß man noch nicht +angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann. +Plautus nannte sein Stück bloß Gloriosus; so wie er ein anderes +"Truculentus" überschrieb. Miles muß der Zusatz eines Grammatikers sein. +Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber +seine Prahlereien beziehen sich nicht bloß auf seinen Stand und seine +kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso großsprecherisch; +er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und +liebenswürdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen; +aber sobald man Miles hinzufügt, wird das gloriosus nur auf das erstere +eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte, +eine Stelle des Cicero[1] verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst +mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt: + + ALAZON Graece huic nomen est Comoediae + Id nos latine GLORIOSUM dicimus-- + +und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben +das Stück des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines großsprecherischen +Soldaten kam in mehrern Stücken vor. Cicero kann ebensowohl auf den +Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beiläufig. Ich erinnere +mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt schon einmal +geäußert zu haben. Es könnte sein, daß die Sache so unbedeutend nicht +wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie +gemacht; und bloß des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine +gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für +Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken +sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück +genannt hätten. Der ist längst dagewesen! ruft man. Der auch schon! +Dieser würde vom Molière, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet? +Das kömmt aus den schönen Titeln. Was für ein Eigentumsrecht erhält ein +Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon +hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich +ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich +darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache +z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem +Molièreschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie +heißen. Genug, daß Molière den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat +unrecht, daß er funfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die +unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüts nicht auch unendliche +Benennungen hat. + +Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr: +"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stück nicht +zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die +Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die +Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet +der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In +der nämlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte "Das +besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch +beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, daß zu +einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes +erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die +Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den +Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar +Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück +gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussée sind auch +ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein, +etwas weit Besseres zu machen. + +"Nanine" gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr +viel lächerliche Szenen, und nur insofern, als die lächerlichen Szenen +mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet +wissen. Eine ganz ernsthafte Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht +einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer. +Hingegen findet er den Übergang von dem Rührenden zum Lächerlichen und +von dem Lächerlichen zum Rührenden sehr natürlich. Das menschliche Leben +ist nichts als eine beständige Kette solcher Übergänge, und die Komödie +soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewöhnlicher", +sagt er, "als daß in dem nämlichen Hause der zornige Vater poltert, die +verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält und jeder +Anverwandte bei der nämlichen Szene etwas anders empfindet? Man +verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan äußerst +bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben +Viertelstunde über ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr +ehrwürdige Matrone saß bei einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank +lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in +Tränen zerfließen, sie rang die Hände und rief: 'O Gott, laß mir, laß mir +dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen!' +Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern geheiratet hatte, +näher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Ärmel und fragte: 'Madame, auch +die Schwiegersöhne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese +Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame, +daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und +lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast +erstickt." + +"Homer", sagt er an einem andern Orte, "läßt sogar die Götter, indem sie +das Schicksal der Welt entscheiden, über den possierlichen Anstand des +Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem +Andromacha die heißesten Tränen vergießt. Es trifft sich wohl, daß mitten +unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer +Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine +ungefähre Posse, trotz aller Beängstigung, trotz alles Mitleids das +unbändigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem +Regimente, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat +darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein +Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmöglich +dienen!' Diese Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und +metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komödie das Lachen auf rührende +Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht +Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung +streiten zu wollen." + +Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die +Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komödie für eine ebenso +fehlerhafte als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als +er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein +"Hausvater" vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen, +wenn wir es für möglich erkennen sollen. + + +----Fußnote + +[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33. + +----Fußnote + + + + +Zweiundzwanzigstes Stück +Den 14. Julius 1767 + +Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat +Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert +beschlossen. + +Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert +derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind +wahre Familiengemälde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder +Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Mühmchen aus seiner +eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, daß es +an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und daß nur die Augen ein +wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere +Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über +viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere +Virtuosen an eine allzu flache Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich, +aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand +nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die +Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns +bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Außenlinien uns gleich +an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten +herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig +und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von +dem Seinigen geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der +schmutzigen Nachlässigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb +ihren vier Pfählen herumträumen. Sie müssen nichts von der engen Sphäre +kümmerlicher Umstände verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten +will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das +Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz +geben, damit glänzen zu wollen. + +"Ich weiß gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das für +ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr +Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine +geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstände machen! +Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar +großes Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und +ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und +er muß ja wohl." + +"Ganz gewiß!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern. +Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Andrienne! Welche +Schneidersfrau trägt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, daß +die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie +nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen +vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafür sagen! +Mich in einer Andrienne zu denken; das allein könnte mich krank machen. +Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es +auch die neueste Tracht sein. Wie können wir es sonst wahrscheinlich +finden, daß sie darüber krank geworden?" + +"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr +unanständig, daß die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib +gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie +soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die +Einheit der Zeit! Das Kleid mußte fertig sein; die Stephan sollte es noch +anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid +fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele +vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier +ward meine Kunstrichterin unterbrochen. + +Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der +"Melanide" des de la Chaussée "Der Mann nach der Uhr, oder der +ordentliche Mann" gespielet. + +Der Verfasser dieses Stücks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an +drolligen Einfällen; nur schade, daß ein jeder, sobald er den Titel hört, +alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder +vielmehr provinzial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden, +in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten +schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des +Winkels, in dem er geboren worden, für die eigentlichen Sitten des +gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu +erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort grünen Kohl ißt? + +Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß +jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der +Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das nämliche; außer daß +das erste ohngefähr die Karikatur von dem andern ist. + +Den dreißigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von +Essex", vom Thomas Corneille, auf geführt. Dieses Trauerspiel ist fast +das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des +jüngern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird +auf den deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den +französischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher +bereits Calprenède die nämliche Geschichte bearbeitet hatte. + +"Es ist gewiß", schreibt Corneille, "daß der Graf von Essex bei der +Königin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr +stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr +auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verständnisses mit dem Grafen +von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwählet hatten. +Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando +der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf, +ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um +Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die +Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich +sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des +Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königin dem Grafen zum +Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines +Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich +dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dieser Ring eine Erfindung +des Calprenède ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das +geringste davon gelesen." + +Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu +nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, daß er ihn für +eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist +neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bedächtlichsten, +skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre +Werke aufgenommen. + +Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut +redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die +gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste +war diese, daß dieses Übel aus einer betrübten Reue wegen des Grafen von +Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz außerordentliche Achtung für +das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine +Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne +Tränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung +mit neuer Zärtlichkeit belebte und ihre Betrübnis noch mehr vergällte. +Die Gräfin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wünschte die +Königin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung +sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königin in ihr Zimmer kam, +sagte ihr die Gräfin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen +worden, gewünscht, die Königin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die +Art, die Ihro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr +nämlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit +der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bei einem +etwanigen Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen +Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person, +durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sei +er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände geraten. Sie habe +ihrem Gemahl die Sache erzählt (er war einer von den unversöhnlichsten +Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Königin +zu geben noch dem Grafen zurückzusenden. Wie die Gräfin der Königin ihr +Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth, +die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene +Ungerechtigkeit einsahe, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen +Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es +nimmermehr!' Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem +Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise +noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein +Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein +Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen, +auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst +der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab." + + + + +Dreiundzwanzigstes Stück +Den 17. Julius 1767 + +Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise +kritisiert. Ich möchte nicht gegen ihn behaupten, daß "Essex" ein +vorzüglich gutes Stück sei; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele +von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden, +teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den +richtigsten und würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen. + +Es gehört mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein +sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem +"Essex" auf dieses sein Streitroß und tummelte es gewaltig herum. Schade +nur, daß alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert +sind, den er erregt. + +Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt; +und zum Glücke für den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender. +"Itzt", sagt er, "kennen wir die Königin Elisabeth und den Grafen Essex +besser; itzt würden einem Dichter dergleichen grobe Verstoßungen wider +die historische Wahrheit schärfer aufgemutzet werden". + +Und welches sind denn diese Verstoßungen? Voltaire hat ausgerechnet, daß +die Königin damals, als sie dem Grafen den Prozeß machen ließ, +achtundsechzig Jahr alt war. "Es wäre also lächerlich", sagt er, "wenn +man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Anteil an dieser +Begebenheit könne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Lächerliches +in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so +lächerlich? "Nachdem das Urteil über den Essex abgegeben war", sagt Hume, +"fand sich die Königin in der äußersten Unruhe und in der grausamsten +Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre +eigene Sicherheit und Bekümmernis um das Leben ihres Lieblings stritten +unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande +mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte +den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie +fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf +erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des +Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er +selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders +keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicherweise tat diese Äußerung +von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königin, die der Graf sonach +lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als +sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer +alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen +genähret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete, +war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten. +Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus +Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen +Lauf." + +Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre +geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der es so sehr +schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl +aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muß in diesem +Stücke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten +sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestät, +mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der lächerlichsten Galanterie. +Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen +Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die +Königin eine Venus, eine Diane, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl +war diese Göttin damals schon sechzig Jahr alt. Fünf Jahr darauf führte +Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die nämliche Sprache mit +ihr. Kurz, Corneille ist hinlänglich berechtiget gewesen, ihr alle die +verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zärtliche Weib mit der +stolzen Königin in einen so interessanten Streit bringet. + +Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfälschet. +"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille +macht: er hat nie etwas Merkwürdiges getan." Aber wenn er es nicht war, +so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die +Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil läßt, +hielt er so sehr für sein Werk, daß er es durchaus nicht leiden wollte, +wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, es mit +dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er +kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten +zu beweisen, daß sie ihm allein zugehöre. + +Corneille läßt den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom +Cecil, vom Cobhan, sehr verächtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht +gutheißen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so +gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so +großen Verdiensten, so unwürdig zu mißhandeln. "Aber hier kömmt es ja gar +nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Essex hielt; +und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und +gar keine einzuräumen. + +Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen +gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freilich etwas +sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte +darum doch nicht ausrufen müssen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was für +Recht? unter was für Vorwande? wie wäre das möglich gewesen?" Denn +Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus +dem königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm +gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen, +die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige +Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste +sein, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken +nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger, +als was ihn Corneille voraussetzen läßt. + +Indem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische +Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Über eine hat +sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn nämlich Voltaire die erstern +Lieblinge der Königin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert +Dudley und den Grafen von Leicester. Er wußte nicht, daß beide nur eine +Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den +Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen könnte. +Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der +Ohrfeige verfällt, die die Königin dem Essex gab. Es ist falsch, daß er +sie nach seiner unglücklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie +lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals den Zorn +der Königin durch die geringste Erniedrigung zu besänftigen gesucht, daß +er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art mündlich und schriftlich +seine Empfindlichkeit darüber ausließ. Er tat zu seiner Begnadigung auch +nicht wieder den ersten Schritt; die Königin mußte ihn tun. + +Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von +Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des +Corneille hätte angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur +dieser gegen ihn annehmen. + +Die ganze Tragödie des Corneille sei ein Roman: wenn er rührend ist, wird +er dadurch weniger rührend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat? + +Weswegen wählt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere +aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche +ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu +zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede +nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden +sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der +gewöhnlichen Praxi der Dichter übereinstimmender auszudrücken: sind es +die bloßen Fakta, die Umstände der Zeit und des Ortes, oder sind es die +Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum +der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit wählet? Wenn es die +Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der +Dichter von der historischen Wahrheit abgehen könne? In allem, was die +Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm +heilig; diese zu verstärken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist +alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste +wesentliche Veränderung würde die Ursache aufheben, warum sie diese und +nicht andere Namen führen; und nichts ist anstößiger, als wovon wir uns +keine Ursache geben können. + + +----Fußnote + +[1] "Le Château d'Otrante", Préf. p. XIV. + +----Fußnote + + + + +Vierundzwanzigstes Stück +Den 21. Julius 1767 + +Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von +dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Königin dieses Namens +beilegt; wenn wir in ihr die Unentschlüssigkeit, die Widersprüche, die +Beängstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und +zärtliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei +diesen und jenen Umständen wirklich verfallen ist, sondern auch nur +verfallen zu können vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert +finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun +obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn +vor den Richterstuhl der Geschichte führen, um ihn da jedes Datum, jede +beiläufige Erwähnung, auch wohl solcher Personen, über welche die +Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heißt +ihn und seinen Beruf verkennen, heißt von dem, dem man diese Verkennung +nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren. + +Zwar bei dem Herrn von Voltaire könnte es leicht weder Verkennung noch +Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und +ohnstreitig ein weit größerer, als der jüngere Corneille. Es wäre denn, +daß man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der +Kunst haben könnte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die +ganze Welt weiß, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften +hier und da ähnlich sieht, ist nichts als Laune; aus bloßer Laune spielt +er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den +Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf. + +Sollte er umsonst wissen, daß Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als +sie den Grafen köpfen ließ? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt, +noch eifersüchtig! Die große Nase der Elisabeth dazu genommen, was für +lustige Einfälle muß das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfälle +in dem Kommentare über eine Tragödie; also da, wo sie nicht hingehören. +Der Dichter hätte recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr +Notenmacher, diese Schwänke gehören in Eure allgemeine Geschichte, nicht +unter meinen Text. Denn es ist falsch, daß meine Elisabeth achtundsechzig +Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke, +das Euch hinderte, sie nicht ungefähr mit dem Essex von gleichem Alter +anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie? +Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr +den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt +Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, daß die Erinnerung +bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen +hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine +wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja +meine Elisabeth; und seine eigene Augen überzeugen ihn, daß es nicht Eure +achtundsechzigjährige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras +mehr glauben, als seinen eignen Augen?"-- + +So ungefähr könnte sich auch der Dichter über die Rolle des Essex erklären. +"Euer Essex im Rapin de Thoyras", könnte er sagen, "ist nur der Embryo +von dem meinigen. Was sich jener zu sein dünkte, ist meiner wirklich. Was +jener, unter glücklichem Umständen, für die Königin vielleicht getan +hätte, hat meiner getan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königin selbst +zugesteht; wollt Ihr meiner Königin nicht ebensoviel glauben, als dem +Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und großer, aber stolzer +und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so groß, noch so +unbiegsam: desto schlimmer für ihn. Genug für mich, daß er doch immer +noch groß und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe +seinen Namen zu lassen." + +Kurz: die Tragödie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist +für die Tragödie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir +gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der +Geschichte mehrere Umstände zur Ausschmückung und Individualisierung +seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus +ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache! + +Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr +bereit, das übrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben. +"Essex" ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl in Ansehung der Intrige als +des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu +machen; ihn mehr aus Verzweiflung, daß er der ihrige nicht sein kann, als +aus edelmütigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten +herabzulassen, auf das Schafott zu führen: das war der unglücklichste +Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl +haben mußte. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Übersetzung +ist er oft kriechend geworden. Aber überhaupt ist das Stück nicht ohne +Interesse und hat hier und da glückliche Verse, die aber im Französischen +glücklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von +Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des +Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und +mit einem großen blauen Bande über die Schulter darin erscheinen können. +Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das +macht Eindruck. Übrigens ist die Zahl der guten Tragödien bei allen +Nationen in der Welt so klein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind, +noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur +aufgestutzet werden." + +Er bestätiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne +Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich +vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnügen erinnern +dürfte. Ich teile die vorzüglichsten also hier mit; in der festen +Überzeugung, daß die Kritik dem Genusse nicht schadet und daß diejenigen, +welche ein Stück am schärfesten zu beurteilen gelernt haben, immer +diejenigen sind, welche das Theater am fleißigsten besuchen. + +"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige +Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muß man die Farben +in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat. + +Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernünftige, tugendhafte +Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der +Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser +Charakter würde sehr schön sein, wenn er mehr Leben hätte, und wenn er +zur Verwickelung etwas beitrüge; aber hier vertritt sie bloß die Stelle +eines Freundes. Das ist für das Theater nicht hinlänglich. + +Mich dünket, daß alles, was die Personen in dieser Tragödie sagen und +tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die +Handlung muß deutlich, der Knoten verständlich und jede Gesinnung plan +und natürlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was +will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen? +Ist er schuldig, oder ist er fälschlich angeklagt? Wenn ihn die Königin +für unschuldig hält, so muß sie sich seiner annehmen. Ist er aber +schuldig: so ist es sehr unvernünftig, die Vertraute sagen zu lassen, +daß er nimmermehr um Gnade bitten werde, daß er viel zu stolz dazu sei. +Dieser Stolz schickt sich sehr wohl für einen tugendhaften unschuldigen +Helden, aber für keinen Mann, der des Hochverrats überwiesen ist. Er +soll sich unterwerfen: sagt die Königin. Ist das wohl die eigentliche +Gesinnung, die sie haben muß, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun +unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth +darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als +mich selbst: sagt die Königin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen +gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen +Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten +nicht, daß ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und +unterdrücken, wie es durch das ganze Stück, obwohl ganz ohne +Grund, heißt. + +Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug +werden, ob er ihn für schuldig oder für unschuldig hält. Er stellt der +Königin vor, daß der Anschein öfters betriege, daß man alles von der +Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe. +Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Königin. Was hatte er +dieses nötig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was +soll der Zuschauer glauben? Der weiß ebensowenig, woran er mit der +Verschwörung des Grafen, als woran er mit der Zärtlichkeit der Königin +gegen ihn ist. + +Salisbury sagt der Königin, daß man die Unterschrift des Grafen +nachgemacht habe. Aber die Königin läßt sich im geringsten nicht +einfallen, einen so wichtigen Umstand näher zu untersuchen. Gleichwohl +war sie als Königin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht +einmal auf diese Eröffnung, die sie doch begierig hätte ergreifen müssen. +Sie erwidert bloß mit andern Worten, daß der Graf allzu stolz sei, und +daß sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten." + +Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht +war?" + + + + +Fünfundzwanzigstes Stück +Den 24. Julius 1767 + +"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben, +als die Königin davon überzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er +kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht. +Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemäß? Soll er aus Liebe +zur Irton so widersinnig handeln: so hätte ihn der Dichter durch das +ganze Stück von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen müssen. Die +Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser +Heftigkeit sehen wir ihn nicht. + +Der Stolz der Königin streitet unaufhörlich mit dem Stolze des Essex; ein +solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie +handeln läßt, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen, +bloßer Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um +Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muß vergessen, daß +Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie +verlangt, daß der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches +er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muß es vergessen, +und er vergißt es wirklich, um sich bloß mit den Gesinnungen des Stolzes +zu beschäftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist. + +Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie +sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher +dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die für sich +selbst rührend ist.--Ein großer Mann, den man auf das Schafott führet, +wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch +ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefähr eben den Eindruck, den die +Wirklichkeit selbst machen würde." + +So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch +diese allein können die schwächsten, verwirrtesten Stücke eine Art von +Glück machen; und ich weiß nicht, wie es kömmt, daß es immer solche +Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen. +Selten wird ein Meisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es +geschrieben ist; das Mittelmäßige fährt mit ihnen immer besser. +Vielleicht, weil sie in dem Mittelmäßigen mehr von dem ihrigen hinzutun +können; vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt, +auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmäßigen +alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt +daß in einem vollkommenem Stücke öfters eine jede Person ein Hauptakteur +sein müßte, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt, +zugleich auch die übrigen verderben hilft. + +Beim "Essex" können alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder +der Graf noch die Königin sind von dem Dichter mit der Stärke geschildert, +daß sie durch die Aktion nicht noch weit stärker werden könnten. Essex +spricht so stolz nicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung, +in jeder Gebärde, in jeder Miene noch stolzer zeigen könnte. Es ist sogar +dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte, als durch das +übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt +sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese +Rolle muß also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen +Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht völlig so; aber doch kann sie +auch schwerlich ganz verunglücken. Elisabeth ist so zärtlich als stolz; +ich glaube ganz gern, daß ein weibliches Herz beides zugleich sein kann; +aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen könne, das begreife +ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht +viel Zärtlichkeit, und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen +es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen +den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich +geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt, +so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrückt, zwar +empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so +lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen +als die Natur? Ist sie von einem majestätischen Wuchse, tönt ihre Stimme +voller und männlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell +und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen; +aber wie steht es mit den zärtlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger +imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein +bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in +ihrer Bewegung mehr Anstand und Würde, als Kraft und Geist: so wird sie +den zärtlichen Stellen die völligste Genüge leisten; aber auch den +stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiß nicht; sie wird sie +noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zürnende Liebhaberin in +ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren +General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich +meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich +täuschend zu zeigen vermögend wären, dürften noch seltner sein, als die +Elisabeths selber; und wir können und müssen uns begnügen, wenn eine +Hälfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird. + +Madame Löwen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene +allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zärtliche +Frau, als die stolze Monarchin sehen und hören lassen. Ihre Bildung, ihre +Stimme, ihre bescheidene Aktion ließen es nicht anders erwarten; und mich +dünkt, unser Vergnügen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig +eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als daß nicht +die Königin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte: +so, glaube ich, ist es zuträglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und +der Königin, als von der Liebhaberin und der Zärtlichkeit verloren geht. + +Es ist nicht bloß eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch +weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu +machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein würde, wenn ihr +diese Rolle auch gar nicht gelungen wäre. Ich weiß einem Künstler, er sei +von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu +machen; und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln +Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern +frei und laut über sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und +wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht +versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht +wert, daß wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal, +daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch +so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und +Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede +uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von +dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln. + +Ich wollte sagen, daß sich Gründe anführen lassen, warum es besser ist, +wenn die Aktrice mehr die zärtliche als die stolze Elisabeth ausdrückt. +Stolz muß sie sein, das ist ausgemacht: und daß sie es ist, das hören +wir. Die Frage ist nur, ob sie zärtlicher als stolz, oder stolzer als +zärtlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu wählen +hätte, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte +Königin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der rächerischen +Majestät, auszudrücken vermöchte, oder die, welche die eifersüchtige +Liebhaberin, mit allen kränkenden Empfindungen der verschmähten Liebe, +mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller +Beängstigung über seine Hartnäckigkeit, mit allem Jammer über seinen +Verlust, angemessener wäre? Und ich sage: diese. + +Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des nämlichen Charakters +vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so +muß sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die +Zärtlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muß +bei der Königin die Zärtlichkeit den Stolz überwiegen. Wenn der Graf sich +eine höhere Miene gibt, als ihm zukommt, so muß die Königin etwas weniger +zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer +in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist, +herabblicken lassen, würde die ekelste Einförmigkeit sein. Man muß nicht +glauben können, daß Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle wäre, ebenso +wie Essex handeln würde. Der Ausgang weiset es, daß sie nachgebender ist +als er; sie muß also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren +als er. Wer sich durch äußere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger +Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muß. Wir wissen +darum doch, daß Elisabeth die Königin ist, wenn sie gleich Essex das +königlichere Ansehen gibt. + +Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, daß die Personen in +ihren Gesinnungen steigen, als daß sie fallen. Es ist schicklicher, daß +ein zärtlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als daß ein stolzer +von der Zärtlichkeit sich fortreißen läßt. Jener scheint sich zu erheben; +dieser zu sinken. Eine ernsthafte Königin, mit gerunzelter Stirne, mit +einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der +Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen könnte, wenn die zu +verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Bedürfnissen ihrer +Leidenschaft seufzet, ist fast, fast lächerlich. Eine Geliebte hingegen, +die ihre Eifersucht erinnert, daß sie Königin ist, erhebt sich über sich +selbst, und ihre Schwachheit wird fürchterlich. + + + + +Sechsundzwanzigstes Stück +Den 28. Julius 1767 + +Den einunddreißigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel +der Madame Gottsched, "Die Hausfranzösin, oder die Mamsell" aufgeführet. + +Dieses Stück ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter +Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fünften Bande der "Schaubühne" +beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da +mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es +noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen. +"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber +"Die Hausfranzösin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts: +denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch +obendarein schmutzig, ekel, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir +unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will +hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.-- + +Den zweiunddreißigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die +"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt. + +Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der +alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die +Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem +Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den +Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst +bemerkte. Da er einsahe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf +eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes +Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er +nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch, +besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche +bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und +anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern +Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umständlich darüber aus, was +überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung +mit Ruhm arbeiten wolle. + +"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden, +sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es +gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu +den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich +selbst sind, so verschieden muß auch die dazugehörige Musik sein. +Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der +Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen +eine jede Abteilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonie sich +auf den ersten Aufzug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die +zwischen den Aufzügen vorkommen, müssen teils mit dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden +Aufzuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des +letzten Aufzuges gemäß sein muß." + +"Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich +gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen +und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten. +Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald +diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen +ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die +'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, daß sich +keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die +Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufällen +begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das +Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmut, +die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Unglücksfällen im +Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter +sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus', +'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaïre' erfordern hingegen schon eine etwas +veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen +Stücken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veränderung der +Affekten zeigen." + +"Ebenso müssen die Komödiensymphonien überhaupt frei, fließend und +zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem +eigentümlichen Inhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie +bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die +Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komödien 'Der Falke' und 'Die +beiderseitige Unbeständigkeit' würden ganz andere Symphonien erfordern +als 'Der verlorne Sohn'. So würden sich auch nicht die Symphonien, die +sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl +schicken möchten, zum 'Unentschlüssigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken. +Jene müssen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber +verdrießlicher und ernsthafter." + +"Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich +aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem +ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Sätzen +bestehen, so wie es der Komponist für gut findet.--Die Symphonien +zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten +sollen, werden am natürlichsten zwei Sätze haben können. Im ersten kann +man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende +sehen. Doch ist solches nur allein nötig, wenn die Affekten einander +allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen, +wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der +Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden +können.--Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlusse des Schauspiels +auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto +nachdrücklicher zu machen. Was ist lächerlicher, als wenn der Held auf +eine unglückliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine +lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als +wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine +traurige und bewegliche Symphonie darauf?"-- + +"Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten +bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nötig, damit die Zuhörer +desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht +verlieren möchten, wenn sie immer einerlei Instrumente hören sollten. Es +ist aber beinahe eine Notwendigkeit, daß die Anfangssymphonie sehr stark +und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die +Veränderung der Instrumenten muß also vornehmlich in den Zwischensymphonien +erscheinen. Man muß aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten +zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken +kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige +Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher +erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei +aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veränderung der +Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man +diesen Übelstand vermeidet." + +Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie +in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den +Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich +die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und +Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie +weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten +imstande sei. Die mehresten müssen es von ihren Kunstverwandten erst +hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste +Aufmerksamkeit darauf wenden. + +Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was +geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der +Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankömmt, ist noch einzig das Werk +des Genies. Denn ob es schon Tonkünstler gibt und gegeben, die bis zur +Bewunderung darin glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an +einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsätze +aus ihren Beispielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beispiele +werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto +eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wenn +nicht ein großer Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkünstler in +dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. In der Vokalmusik +hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwächste und +schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der +Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hilfe weg, und sie sagt gar +nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der +Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird +unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken +können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichsten ausdrücken; +wir werden diese öfterer hören, wir werden sie miteinander öfterer +vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein +haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen. + +Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde, +begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers +Theaters hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in +einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer +bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser +Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind. +Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne +Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Aufführung der "Semiramis" +wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgeführt. + + +----Fußnote + +[1] Stück 67. + +----Fußnote + + + + +Siebenundzwanzigstes Stück +Den 31. Julius 1767 + +Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu +machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner +ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten +beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüche, in +unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und +diese sind ebenso ununterrichtend für den Liebhaber, als ekelhaft für den +Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloß nach den Absichten, +die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er +sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen. + +Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Sätzen. Der erste Satz ist ein +Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Flöten; der Grundbaß ist durch +Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und +stürmisch; der Zuhörer soll vermuten, daß er ein Schauspiel ungefähr +dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein; +Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran; +und der zweite Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und +konzertierenden Fagotten, beschäftigst sich also mit dunkeln und +mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen +Tonwendungen mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als +gewöhnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit; +wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr +vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in +dem ersten, außer daß die Hoboen, Flöten und Fagotte miteinander einige +besondere kleinere Sätze haben. + +Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz; +dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der +sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu +billigen. Ich würde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik +soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das +Unerwartete, das Überraschende mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang +nicht gern voraus verraten; und die Musik würde ihn verraten, wenn sie +die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es +ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch +sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht +bestimmter, als ihn ungefähr der Titel angibt. Man darf dem Zuhörer wohl +das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege, +auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen +bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus +dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern, +der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestärkt. Denn gesetzt, daß +die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen, +einander ganz entgegen wären, so würden notwendig auch die beiden Sätze +von ebenso widriger Beschaffenheit sein müssen. Nun begreife ich sehr +wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr +entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widerspiele, ohne unangenehme +Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach; +er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder +hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch +der Musikus? Es sei, daß er es in einem Stücke, von der erforderlichen +Länge, ebensowohl tun könne; aber in zwei besondern, voneinander gänzlich +abgesetzten Stücken muß der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das +Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich +sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche +Übergang aus einem Äußersten in das andere, aus der Finsternis in das +Licht, aus der Kälte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir +in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider +eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider +einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in +Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge +unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle +diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergötzend. Die +Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren; +hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch, +warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die +plötzlichsten Übergänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm. +In der Tat ist diese Motivierung der plötzlichen Übergänge einer der +größten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie +ziehet; ja vielleicht der allergrößte. Denn es ist bei weitem nicht so +notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der +Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude +einzuschränken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer +sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende +Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewähren können, zu +verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben, +welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Übereinstimmung des +Mannigfaltigen bemerke. Nun aber würde, bei dem doppelten Satze zwischen +den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir +würden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in +eine ganz entgegengesetzte überspringen müssen: und das ist für die Musik +so gut, als erführen wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine üble +Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir +nun einsehen, daß er uns nicht hätte beleidigen sollen. Man glaube aber +nicht, daß sonach alle Symphonien verwerflich sein müßten, weil alle aus +mehrern Sätzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren +jeder etwas anders ausdrückt als der andere. Sie drücken etwas anders +aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie drücken das +nämliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren +verschiednen Sätzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften +ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muß nur +eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß ebendieselbe +Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den +Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei +Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertönen lassen und in +uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser +Beschaffenheit; das Ungestüme des ersten Satzes zerfließt in das Klagende +des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen +Würde erhebet. Ein Tonkünstler, der sich in seinen Symphonien mehr +erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden +einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren +läßt, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel +Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann überraschen, kann betäuben, +kann kitzeln, nur rühren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen +und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muß ebensowohl +Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu +belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und +jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines +dauerhaften Eindruckes fähig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem +festen Marmor, an dem sich die Hand des Künstlers verewigen kann. + +Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der +"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat; +Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante +mesto, bloß mit gedämpften Violinen und Bratsche. + +In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als daß er nicht +den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro +assai aus dem G-dur mit Waldhörnern, durch Flöten und Hoboen, auch den +Grundbaß mitspielende Fagotte verstärkt, drückt den durch Zweifel und +Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz +dieses treulosen und herrschsüchtigen Ministers aus. + +In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der +ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese +Erscheinung auf die Anwesenden machen läßt. Aber der Tonkünstler hat +sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter +unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der nämlichen +Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur daß E-Hörner mit G-Hörnern +verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und träges Erstaunen, +sondern die wahre wilde Bestürzung, welche eine dergleichen Erscheinung +unter dem Volke verursachen muß. + +Die Beängstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid; +wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen. +Bedauern und Mitleid läßt also auch die Musik ertönen; in einem Larghetto +aus dem A-moll, mit gedämpften Violinen und Bratsche und einer +konzertierenden Hoboe. + +Endlich folget auch auf den fünften Akt nur ein einziger Satz, ein +Adagio, aus dem E-dur, nächst den Violinen und der Bratsche, mit Hörnern, +mit verstärkenden Hoboen und Flöten und mit Fagotten, die mit dem +Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels +angemessene und ins Erhabene gezogene Betrübnis, mit einiger Rücksicht, +wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit +ihre warnende Stimme gegen die Großen der Erde ebenso würdig als +mächtig erhebt. + +Die Absichten eines Tonkünstlers merken, heißt ihm zugestehen, daß er sie +erreicht hat. Sein Werk soll kein Rätsel sein, dessen Deutung ebenso +mühsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm +vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob wächst mit +seiner Verständlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto +verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm für mich, daß ich recht gehört habe; +aber für den Hrn. Agricola ist es ein so viel größerer, daß in dieser +seiner Komposition niemand etwas anders gehört hat als ich. + + + + +Achtundzwanzigstes Stück +Den 4. August 1767 + +Den dreiunddreißigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine" +wiederholt, und den Beschluß machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus +dem Französischen des Marivaux. + +Dieses kleine Stück ist hier Ware für den Platz und macht daher allezeit +viel Vergnügen. Jürge kömmt aus der Stadt zurück, wo er einen reichen +Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glück +ändert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben, +erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind für seinen Hans und für +seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende +Bote kömmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden, +hat Bankerott gemacht, Jürge ist wieder nichts wie Jürge, Hans bekommt +den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluß würde traurig genug sein, +wenn das Glück mehr nehmen könnte, als es gegeben hat; gesund und +vergnügt waren sie, gesund und vergnügt bleiben sie. + +Diese Fabel hätte jeder erfinden können; aber wenige würden sie so +unterhaltend zu machen gewußt haben, als Marivaux. Die drolligste Laune, +der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen +kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine +ganz eigene Würze. Die Übersetzung ist von Krügern, der das französische +Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu übertragen gewußt +hat. Es ist nur schade, daß verschiedene Stellen höchst fehlerhaft und +verstümmelt abgedruckt werden. Einige müßten notwendig in der Vorstellung +berichtiget und ergänzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene. + +"Jürge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev +niks, as Gullen un Dahlers. + +Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief +Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken? + +Jürge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die. + +Lise. Woto denn, Hans Narr? + +Jürge. För düssen Jungen, de mie mienen Bündel op dee Reise bed in +unse Dörp dragen hed, un ik bün ganß licht und sacht hergahn. + +Lise. Büst du to Foote hergahn? + +Jürge. Ja. Wielt't veel kummoder is. + +Lise. Da hest du een Maark. + +Jürge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat. +Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig. + +Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak +dragen hed? + +Jürge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven. + +Valentin. Sollen die fünf Schilling für mich, Herr Jürge? + +Jürge. Ja, mien Fründ! + +Valentin. Fünf Schilling? ein reicher Erbe! fünf Schillinge? ein +Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele? + +Jürge. O! et kumt mie even darop nich an, jy dörft't man seggen. +Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so." + +Wie ist das? Jürge ist zu Fuße gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert +fünf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fünf +Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen +Schilling hinschmeißen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb +ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem +Hanfe finden. Jürge war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche: +und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging +vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, ließ +er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür gibt er dem +Jungen die fünf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das +hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er erzählt ihr nur, wie +geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden.[1] + +Den vierunddreißigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der +Zerstreute" des Regnard aufgeführt. + +Ich glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses +Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte Distrait durch +"Träumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der +Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das +Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen, +nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das +ist genug. + +Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er +fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreißig Jahr darauf, als +ihn die Komödianten wieder versuchten, fand er einen so viel größern. +Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht +unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche +Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm +es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Possenspiel, +das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes +Publikum dachte: + + --non satis est risu diducere rictum + Auditoris-- + +und dieses: + + --et est quaedam tamen hic quoque virtus. + +Außer der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlässig +ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den +Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyère völlig entworfen. +Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Züge teils in Handlung zu +bringen, teils erzählen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufügte, +will nicht viel sagen. + +Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere +Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto +mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf für die Komödie sein. Warum +nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglück; und +kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden, +als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern +abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei, +der lasse sich durch Spöttereien ebensowenig bessern als ein Hinkender. + +Aber ist es denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist, +dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich +mehr natürliche Verwahrlosung als üble Angewohnheit sein? Ich kann es +nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir +es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir +wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch +unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht, +was er, seinen itzigen sinnlichen Eindrücken zufolge, denken sollte. +Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht außer Tätigkeit +gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts tätig. Aber so gut +sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natürlicher +Beruf, bei den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu sein; +es kostet Mühe, sie dieses Berufs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich +sein, ihr ihn wieder geläufig zu machen? + +Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben, +daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über verbesserliche +Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel +und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit +auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit +seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so +bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch +neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher +entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. "Molière", +sagt er z.E., "macht uns über den Misanthropen zu lachen, und doch ist +der Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molière beweiset sich also +als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften verächtlich macht." + +Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, er bleibt, wer er ist, +und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der +Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste. +Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen über ihn, aber verachten wir ihn +darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie +schätzen sollen; ja ohne sie würden wir nicht einmal über seine +Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften, +nichtswürdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich sein wird? Widrig, +ekel, häßlich wird sie sein; nicht lächerlich. + + +----Fußnote + +[1] +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons +que de grosses pièces. + +Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec +tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire? + +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je. + +Claudine. Pourquoi donc, Nicodème? + +Blaise. Pour ce garçon qui apporte mon paquet depis la voiture +jusqu'à cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et à mon +aise. + +Claudine. T'es venu dans la voiture? + +Blaise. Oui, parce que cela est plus commode. + +Claudine. T'a baillé un écu? + +Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un écu, ce +m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ça. + +Claudine. Et tu dépenses cinq sols en porteurs de paquets? + +Blaise. Oui, par manière de recréation. + +Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise? + +Blaise. Oui, mon ami. etc. + +----Fußnote + + + +Neunundzwanzigstes Stück +Den 7. August 1767 + +Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen; +nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch +weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerlichen Unarten +finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der +Übung unserer Fähigkeit, das Lächerliche zu bemerken; es unter allen +Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen +mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln +des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß +der "Geizige" des Molière nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard +nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumt, daß das Lachen diese Toren +gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die +Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen +kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem +Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt, +ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben +andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu +kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; ersprießlich, sich +wider alle Eindrücke des Beispiels zu verwahren. Ein Präservativ ist auch +eine schätzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kräftigers, +wirksamers, als das Lächerliche.-- + +"Das Rätsel oder Was den Damen am meisten gefällt", ein Lustspiel in +einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß. + +Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzählungen und Märchen geschrieben +hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben +entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen +Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plaît aux dames" gab den Stoff +zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzügen, welches +unter dem Titel "La fée Urgèle", von den italienischen Komödianten zu +Paris, im Dezember 1765 aufgeführet ward. Herr Löwen scheinet nicht +sowohl dieses Stück, als die Erzählung des Voltaire selbst vor Augen +gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsäule mit auf den +Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die +primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, daß dieses oder +jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so +ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Löwen wegen der +Einrichtung seines Stücks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem +Hexenmärchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Löwen selbst gibt +sein Rätsel für nichts anders, als für eine kleine Plaisanterie, die auf +dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und +Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es wäre bloßer +Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar +nicht original, aber doch gut getroffen. Nur dünkt mich, daß ein +Waffenträger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der +irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen +will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gründet und ritterliche +Abenteuer als rühmliche Handlungen eines vernünftigen und tapfern Mannes +annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien +muß man nicht zergliedern wollen. + +Den fünfunddreißigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in +Gegenwart Sr. Königl. Majestät von Dänemark, die "Rodogune" des Peter +Corneille aufgeführt. + +Corneille bekannte, daß er sich auf dieses Trauerspiel das meiste +einbilde, daß er es weit über seinen "Cinna" und "Cid" setze, daß seine +übrige Stücke wenig Vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint +anzutreffen wären; ein glücklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke +Verse, ein gründliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt +zu Akt immer wachsendes Interesse.-- + +Es ist billig, daß wir uns bei dem Meisterstücke dieses großen Mannes +verweilen. + +Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzählt Appianus Alexandrinus +gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit +dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte +als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Königes Phraates, mit +dessen Schwester Rodogune er sich vermählte. Inzwischen bemächtigte sich +Diodotus, der den vorigen Königen gedienet hatte, des syrischen Thrones +und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen +Namen er als Vormund anfangs die Regierung führte. Bald aber schaffte er +den jungen König aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab +sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Königs, +das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu +Rhodus, wo er sich aufhielt, hörte, kam er nach Syrien zurück, überwand +mit vieler Mühe den Tryphon und ließ ihn hinrichten. Hierauf wandte er +seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders. +Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch +wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus +zum Treffen, in welchem dieser den kürzern zog und sich aus Verzweiflung +selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret +war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Haß gegen die Rodogune +umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruß über diese Heirat, sich +mit dem nämlichen Antiochus, seinem Bruder, vermählet hatte. Sie hatte +von dem Demetrius zwei Söhne, wovon sie den ältesten, mit Namen Seleukus, +der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhändig mit einem +Pfeile erschoß; es sei nun, weil sie besorgte, er möchte den Tod seines +Vaters an ihr rächen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemütsart dazu +veranlaßte. Der jüngste Sohn hieß Antiochus; er folgte seinem Bruder in +der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, daß sie den +Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken mußte." + +In dieser Erzählung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es würde +Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen +"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus +zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was +ihn aber vorzüglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die +usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu +können glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, daß +sonach sein Stück nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heißen sollte. +Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daß die Zuhörer diese +Königin von Syrien mit jener berühmten letzten Königin von Ägypten +gleichen Namens verwechseln dürften, wollte er lieber von der zweiten, +als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt +er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt +hatte, daß die Alten selbst es nicht für notwendig gehalten, ein Stück +eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl +nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil +hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles +eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man +itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen +würde." Diese Bemerkung ist an und für sich sehr richtig; die Alten +hielten den Titel für ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht, +daß er den Inhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von dem +andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand +hinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß Sophokles das +Stück, welches er "Die Trachinerinnen" überschrieb, würde haben +"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden +Titel zu geben, aber ihm einen verführerischen Titel zu geben, einen +Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen +möchte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des +Corneille ging hiernächst zu weit; wer die ägyptische Kleopatra kennet, +weiß auch, daß Syrien nicht Ägypten ist, weiß, daß mehr Könige und +Königinnen einerlei Namen geführt haben: wer aber jene nicht kennt, kann +sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens hätte Corneille in dem +Stück selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfältig vermeiden sollen; +die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der +deutsche Übersetzer tat daher sehr wohl, daß er sich über diese kleine +Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muß +seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl +manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen! + + + + +Dreißigstes Stück +Den 11. August 1767 + +Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschießt den einen +von ihren Söhnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel +folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde +nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit +Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die einzige Eifersucht ein wütendes +Eheweib zu einer ebenso wütenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin +an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und +die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes +Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht +allein besitzen konnte. Demetrius muß nicht leben, weil er für Kleopatra +nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt +auch ein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An diese hatte die Mutter +in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Söhne +gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher +Eifer doch, wenn er unter Eltern wählen müßte, ohnfehlbar sich für den +zuerst beleidigten Teil erklären würde. Sie fand es aber so nicht; der +Sohn ward König, und der König sahe in der Kleopatra nicht die Mutter, +sondern die Königsmörderin. Sie hatte alles von ihm zu fürchten; und von +dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem +Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Söhnen übrig; sie fing an, +alles zu hassen, was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die +Selbsterhaltung stärkte diesen Haß; die Mutter war fertiger als der Sohn, +die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten +Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem +Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sie ihn nur an dem +begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich +nicht morde, daß sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des +ältere Sohnes wäre auch das Schicksal des jüngern geworden; aber dieser +war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu +trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen rächet +das andere; und es kömmt bloß auf die Umstände an, auf welcher Seite wir +mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen. + +Dieser dreifache Mord würde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang, +ihr Mittel und ihr Ende in der nämlichen Leidenschaft der nämlichen +Person hätte. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragödie? Für das +Genie fehlt ihr nichts: für den Stümper alles. Da ist keine Liebe, da +ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer +Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Dieser natürliche Gang +reizet das Genie; und den Stümper schrecket er ab. Das Genie können nur +Begebenheiten beschäftigen, die ineinander gegründet sind, nur Ketten von +Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurückzuführen, jene gegen diese +abzuwägen, überall das Ungefähr auszuschließen, alles, was geschieht, so +geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist +seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnützen +Schätze des Gedächtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der +Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegründete, sondern nur +auf das Ähnliche oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die +dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei Begebenheiten +auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als daß sie zugleich +geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu +flechten und zu verwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem +andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestürzt werden; das +kann er, der Witz; und nur das. Aus der beständigen Durchkreuzung solcher +Fäden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in +der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von +dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, grün oder gelb ist; der +beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet; +ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz für Kinder. + +Nun urteile man, ob der große Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie +oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser +Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand +in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung. + +Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus +Eifersucht? dachte Corneille: das wäre ja eine ganz gemeine Frau; nein, +meine Kleopatra muß eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern +verloren hätte, aber durchaus nicht den Thron; daß ihr Mann Rodogunen +liebt, muß sie nicht so sehr schmerzen, als daß Rodogune Königin sein +soll, wie sie; das ist weit erhabner.-- + +Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatürlicher. Denn einmal ist der +Stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres Laster, als die +Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatürlicher, als +der Stolz eines Mannes. Die Natur rüstete das weibliche Geschlecht zur +Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht +erwecken; nur seine Reize sollen es mächtig machen; nur durch Liebkosungen +soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen +kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloß des Herrschens wegen, gefällt, +bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere +Glückseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuß +ganzen Völkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal, +auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet +eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das +minder Natürliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist, +die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle +Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um +sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr +tugendhaft und liebenswürdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea +begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zärtlichen, eifersüchtigen Frau +will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu +heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus überlegtem +Ehrgeize Freveltaten verübet, empört sich das ganze Herz; und alle Kunst +des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an, +wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesättiget +haben, so danken wir dem Himmel, daß sich die Natur nur alle tausend +Jahre einmal so verirret, und ärgern uns über den Dichter, der uns +dergleichen Mißgeschöpfe für Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns +ersprießlich sein könnte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter +funfzig Frauen, die ihre Männer vom Throne gestürzet und ermordet haben, +ist kaum eine, von der man nicht beweisen könnte, daß nur beleidigte +Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus bloßem Regierungsneide, aus +bloßem Stolze das Zepter selbst zu führen, welches ein liebreicher +Ehemann führte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele, +nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen, +haben diese Regierung hernach mit allem männlichen Stolze verwaltet: das +ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, mürrischen, treulosen Gatten +alles, was die Unterwürfigkeit Kränkendes hat, zu sehr erfahren, als daß +ihnen nachher ihre mit der äußersten Gefahr erlangte Unabhängigkeit nicht +um so viel schätzbarer hätte sein sollen. Aber sicherlich hat keine das +bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von +sich sagen läßt; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der größte +Bösewicht weiß sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst +zu überreden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster +sei, oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge. +Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters, als Lasters, rühmet; +und der Dichter ist äußerst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glänzendes +und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen läßt, als ob +seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse, gehen könnten. + +Dergleichen mißgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden, +sind indes bei keinem Dichter häufiger, als bei Corneillen, und es könnte +leicht sein, daß sich zum Teil sein Beiname des Großen mit darauf gründe. +Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines +fähig sein sollte, und wirklich auch keines fähig ist: das Laster. Den +Ungeheuern, den Gigantischen hätte man ihn nennen sollen; aber nicht den +Großen. Denn nichts ist groß, was nicht wahr ist. + + + + +Einunddreißigstes Stück +Den 14. August 1767 + +In der Geschichte rächet sich Kleopatra bloß an ihrem Gemahle; an +Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht rächen. Bei dem Dichter ist +jene Rache längst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloß erzählt, +und alle Handlung des Stücks geht auf Rodogunen. Corneille will seine +Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muß sich noch gar +nicht gerächet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen +rächet. Einer Eifersüchtigen ist es allerdings natürlich, daß sie gegen +ihre Nebenbuhlerin noch unversöhnlicher ist, als gegen ihren treulosen +Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder +gar nicht eifersüchtig; sie ist bloß ehrgeizig; und die Rache einer +Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersüchtigen ähnlich sein. Beide +Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als daß ihre Wirkungen die +nämlichen sein könnten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut, +und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als daß die Rache des +Ehrgeizigen ohne Maß und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck +verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht, +kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kälter und +überlegender zu werden anfängt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach +dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer +ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergißt er es auch wohl, daß er +ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fürchten hat, den verachtet er; und +wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht +hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes +Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gänzliche Verderben +seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie +versöhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret, die +nämliche Beleidigung zu sein, und immer wächset, je länger sie dauert: +so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen, die sie spat oder früh, +immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der +Kleopatra beim Corneille; und die Mißhelligkeit, in der diese Rache also +mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend +sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre und +Unabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seele betrachten, +die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tückischer Groll; ihre +hämische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu +befürchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem +geringsten Funken von Edelmute, vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem +sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die +unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so +klein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben. Endlich muß +diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in +der ganzen Kleopatra nichts übrig, als ein häßliches, abscheuliches Weib, +das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet. + +Aber nicht genug, daß Kleopatra sich an Rodogunen rächet: der Dichter +will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie fängt er +dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist +das Ding viel zu natürlich: denn was ist natürlicher, als seine Feindin +hinzurichten? Ginge es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberin in ihr +hingerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtet würde? +Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogune mit dem Demetrius noch +nicht völlig vermählet gewesen; laßt uns erdichten, daß nach seinem Tode +sich die beiden Söhne in die Braut des Vaters verliebt haben; laßt uns +erdichten, daß die beiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der +Thron gehöret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten, +welcher von ihnen der älteste sei; laßt uns erdichten, daß sich endlich +die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr +nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen für den ältesten +zu erklären und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse +Bedingung eingehen wolle; laßt uns erdichten, daß diese Bedingung der Tod +der Rodogune sei. Nun hätten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen +sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte +umbringen will, der soll regieren. + +Schön; aber könnten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Könnten +wir die guten Prinzen nicht noch in größere Verlegenheit setzen? Wir +wollen versuchen. Laßt uns also weiter erdichten, daß Rodogune den +Anschlag der Kleopatra erfährt; laßt uns weiter erdichten, daß sie zwar +einen von den Prinzen vorzüglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat, +auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, daß sie +fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch +den, welchem der Thron heimfallen dürfte, zu ihrem Gemahle zu wählen, daß +sie allein den wählen wolle, welcher sich ihr am würdigsten erzeigen +werde; Rodogune muß gerächet sein wollen; muß an der Mutter der Prinzen +gerächet sein wollen; Rodogune muß ihnen erklären: wer mich von euch +haben will, der ermorde seine Mutter! + +Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut +angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen! +Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine +Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine +Mutter! Es versteht sich, daß es sehr tugendhafte Prinzen sein müssen, +die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt für den Teufel +von Mama, und ebensoviel Zärtlichkeit für eine liebäugelnde Furie von +Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist +die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, daß +es gar nicht möglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und +schlägt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder +der andere geht hin und schlägt die Mutter tot, um die Prinzessin zu +haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die +Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus +werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das +Mädchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie +beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere +totschlagen; so stehen sie beide hübsch und sperren das Maul auf, und +wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schönheit davon. +Freilich wird das Stück dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen, +daß die Weiber darin ärger als rasende Männer, und die Männer weibischer +als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist +dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegenteil ist so gewöhnlich, +so abgedroschen!-- + +Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet, dergleichen +Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich möchte es auch +schwerlich jemals versuchen. Aber das weiß ich, daß es einem sehr sauer +wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen. + +Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur +in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit hätte sich +Corneille immer ersparen können. "Vielleicht", sagt er, "dürfte man +zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, daß sie +unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es +hier gemacht habe, wo nach der Erzählung im ersten Akte, welche die +Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht das +geringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte. Doch", +fährt er fort, "Mich dünkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte +beibehalten, so sind alle vorläufige Umstände, alle Einleitungen zu +diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wüßte ich mich keiner +Regel dawider zu erinnern, und die Ausübung der Alten ist völlig auf +meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles +mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein +haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen +ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm +eigentümliche Mittel gelanget, so daß wenigstens eine davon notwendig +ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muß. Oder man werfe nur +die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster +einer vollkommenen Tragödie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, daß +sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloß auf das +Vorgeben gründet, daß Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare, +auf welchem sie geopfert werden sollte, entrückt und ein Reh an ihrer +Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des +Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die +Episoden, sowohl der Knoten als die Auflösung, gänzlich erdichtet sind, +und aus der Historie nichts als die Namen haben." + +Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständen nach Gutdünken +verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und +Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte +nachrechnet, daß Rodogune so jung nicht könne gewesen sein; sie habe den +Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens +zwanzig Jahre haben müßten, noch in ihrer Kindheit gewesen wären. Was +geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht +geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und +nicht viel älter, als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit +seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die +Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür verifizieren wollte! + + + + +Zweiunddreißigstes Stück +Den 18. August 1767 + +Mit den Beispielen der Alten hätte Corneille noch weiter zurückgehen +können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödie in Griechenland wirklich +zur Erneuerung des Andenkens großer und sonderbarer Begebenheiten +erfunden worden; daß ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die +Fußtapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken +auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis ließ sich um die +historische Richtigkeit ganz unbekümmert.[1] Es ist wahr, er zog sich +darüber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, daß +Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst +verstanden: so läßt sich den Folgerungen, die man aus seiner Mißbilligung +ziehen könnte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich +unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des +Nutzens, ihrer noch nicht würdig erzeigen konnte. Thespis ersann, +erdichtete, ließ die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte: +aber er wußte seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch +lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne +die geringste Vermutung von dem Nützlichen zu haben. Er eiferte wider ein +Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu führen, leicht von übeln +Folgen sein könnte. + +Ich fürchte sehr, Solon dürfte auch die Erdichtungen des großen Corneille +nichts als leidige Lügen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen? +Machen sie in der Geschichte, die er damit überladet, das Geringste +wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal für sich selbst wahrscheinlich. +Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der +Erdichtungskraft; und er hätte doch wohl wissen sollen, daß nicht das bloße +Erdichten, sondern das zweckmäßige Erdichten, einen schöpfrischen Geist +beweise. + +Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet; +eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich +vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm +weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist ebenso gräßlich als +außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen +nähern Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut +also der Poet? + +So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die +Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kürze der größere Mangel seines +Stückes scheinen. + +Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein, +eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene +unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen müssen. +Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu +gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen; +wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen, +so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen, +die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird +er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen: +daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf +wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt, +bekennen müssen, wir würden ihn, in dem nämlichen Grade der Leidenschaft, +bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; daß uns nichts +dabei befremdet, als die unmerkliche Annäherung eines Zieles, von dem +unsere Vorstellungen zurückbeben, und an dem wir uns endlich, voll des +innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreißt, und +voll Schrecken über das Bewußtsein befinden, auch uns könne ein ähnlicher +Strom dahinreißen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Geblüte noch so +weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlägt der Dichter diesen +Weg ein, sagt ihm sein Genie, daß er darauf nicht schimpflich ermatten +werde: so ist mit eins auch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden; +es bekümmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällen fünf +Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alle den Stoff nicht +fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer +mehr und mehr vergrößert, wenn er einmal der verborgnen Organisation +desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet. + +Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter +nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage +ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstößig +sein, daß er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden +vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern dürfe, wenn er sich +nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid +zu erregen. Denn er weiß so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und +dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervorzubringen, nicht +sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug häufen zu +können glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den +außerordentlichsten, gräßlichsten Unglücksfällen und Freveltaten nehmen +zu müssen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra, +eine Mörderin ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgesagt, so sieht er, um +eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die +Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen, und sie mit Dingen +auszufüllen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen +selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien, +knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman +zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer +Häcksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das +Drahtgerippe von Akten und Szenen, läßt erzählen und erzählen, läßt rasen +und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter +oder saurer ankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel, +--wird gedruckt und aufgeführt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder +ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glück will. +Denn et habent sua fata libelli. + +Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den großen Corneille zu machen? +Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen +Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist +seine "Rodogune", nun länger als hundert Jahr, als das größte Meisterstück +des größten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit +von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjährige Bewunderung +wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre +Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen +Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn +auf ein Meteor herabzusetzen? + +O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal ein ehrlicher Hurone in +der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war; +und vor langer Weile studierte er die französischen Poeten; diesem +Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu +Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der +hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute +des sechzehnten Säculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls +vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein +Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn, +weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer +armen verlaßnen Enkelin dieses großen Dichters an, ließ sie unter seinen +Augen erziehen, lehrte sie hübsche Verse machen, sammelte Almosen für +sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen großen einträglichen Kommentar über +die Werke ihres Großvaters usw.) aber gleichwohl erklärte er die "Rodogune" +für ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern, +wie ein so großer Mann, als der große Corneille, solch widersinniges +Zeug habe schreiben können.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist +ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach +bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den +Ausländern über die Fehler eines Franzosen die Augen eröffnet. Diesem +ganz gewiß betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem +Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muß er es doch haben. Denn +daß ein Deutscher selbst dächte, von selbst die Kühnheit hätte, an der +Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das +einbilden? + +Ich rede von diesen meinen Vorgängern mehr bei der nächsten Wiederholung +der "Rodogune". Meine Leser wünschen aus der Stelle zu kommen; und ich +mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Übersetzung, nach welcher +dieses Stück aufgeführet worden. Es war nicht die alte Wolfenbüttelsche +vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch +ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die +beste von dieser Art nicht schämen, und ist voller starken, glücklichen +Stellen. Der Verfasser aber, weiß ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack, +als daß er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte. +Corneillen gut zu übersetzen, muß man bessere Verse machen können, als er +selbst. + + +----Fußnote + +[1] Diogenes Laërtius, Lib. I. § 59. + +----Fußnote + + + + +Dreiunddreißigstes Stück +Den 21. August 1767 + +Den sechsunddreißigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel +des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Königl. +Majestät von Dänemark, aufgeführet. + +Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestätiget, daß +Soliman II. sich in eine europäische Sklavin verliebt habe, die ihn so +zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewußt, daß er, wider alle +Gewohnheit seines Reichs, sich förmlich mit ihr verbinden und sie zur +Kaiserin erklären müssen. Genug, daß Marmontel hierauf eine von seinen +moralischen Erzählungen gegründet, in der er aber jene Sklavin, die eine +Italienerin soll gewesen sein, zu einer Französin macht; ohne Zweifel, +weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, daß irgendeine andere Schöne, +als eine französische, einen so seltnen Sieg über einen Großtürken +erhalten können. + +Ich weiß nicht, was ich eigentlich zu der Erzählung des Marmontel sagen +soll; nicht, daß sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen +Kenntnissen der großen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Lächerlichen, +ausgeführet und mit der Eleganz und Anmut geschrieben wäre, welche diesem +Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst. +Aber es soll eine moralische Erzählung sein, und ich kann nur nicht finden, +wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schlüpfrig, so +anstößig, als eine Erzählung des La Fontaine oder Grécourt: aber ist sie +darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist? + +Ein Sultan, der in dem Schoße der Wollüste gähnet, dem sie der alltägliche +und durch nichts erschwerte Genuß unschmackhaft und ekel gemacht hat, der +seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder +gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit, +die raffinierteste Zärtlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschöpft: +dieser kranke Wollüstling ist der leidende Held in der Erzählung. Ich +sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Süßigkeiten den Magen +verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas +verfällt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken würde, auf faule +Eier, auf Rattenschwänze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die +edelste, bescheidenste Schönheit, mit dem schmachtendsten Auge, groß und +blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den +Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestätischer in ihrer Form, +blendender von Kolorit, blühende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer +Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Töne, eine wahre Muse, nur +verführerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein +weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur +Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig +Schönheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses +Ding, als es den Sultan erblickt, fällt mit der plumpesten Schmeichelei, +wie mit der Türe ins Haus: Grâces au ciel, voici une figure humaine! +--(Eine Schmeichelei, die nicht bloß dieser Sultan, auch mancher deutscher +Fürst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch +plumper, zu hören bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut +wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich +enthält, zu fühlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das übrige +--Vous êtes beaucoup mieux, qu'il n'appartient à un Turc: vous avez +même quelque chose d'un Français--En vérité ces Turcs sont plaisants--Je +me charge d'apprendre à vivre à ce Turc--Je ne désespère pas d'en faire +quelque jour un Français.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und +schilt, es droht und spottet, es liebäugelt und mault, bis der Sultan, +nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu +haben, auch Reichsgesetze abändern und Geistlichkeit und Pöbel wider sich +aufzubringen Gefahr laufen muß, wenn er anders mit ihr ebenso glücklich +sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem +Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Mühe! + +Marmontel fängt seine Erzählung mit der Betrachtung an, daß große +Staatsveränderungen oft durch sehr geringfügige Kleinigkeiten veranlaßt +worden, und läßt den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst +schließen: Wie ist es möglich, daß eine kleine aufgestülpte Nase die +Gesetze eines Reiches umstoßen können? Man sollte also fast glauben, daß +er bloß diese Bemerkung, dieses anscheinende Mißverhältnis zwischen +Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehre +wäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst, +daß er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt. +"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche +ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen +wollen; ich wählte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als +die zwei Extrema der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontel muß +sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausarbeitung vergessen +haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten +Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich +bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Französin sagt, der +zurückhaltendste, nachgebendste, gefälligste, folgsamste, untertänigste +Mann, la meilleure pâte de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein +würde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in +dieser Erzählung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben +bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn er alle Blumen +durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen. + +Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel, +ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern läßt oder +nicht; und also war die Erzählung des Marmontel darum nichts mehr und +nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat +Favart, und sehr glücklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus +ähnlichen Erzählungen bereichern wollen, die Favartsche Ausführung mit +dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu +abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veränderungen, die +dieser gelitten und zum Teil leiden müssen, lehrreich sein, und ihre +Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer bloßen +Spekulation wohl unentdeckt geblieben wäre, den noch kein Kritikus zur +Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der öfters mehr +Wahrheit, mehr Leben in ihr Stück bringen wird, als alle die mechanischen +Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren +Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der +Vollkommenheit eines Dramas machen möchten. + +Ich will nur bei einer von diesen Veränderungen stehenbleiben. Aber ich +muß vorher das Urteil anführen, welches Franzosen selbst über das Stück +gefällt haben.[1] Anfangs äußern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des +Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den größten +Fürsten seines Jahrhunderts; die Türken haben keinen Kaiser, dessen +Andenken ihnen teurer wäre als dieses Solimans; seine Siege, seine +Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswürdig, +über die er siegte: aber welche kleine, jämmerliche Rolle läßt ihn +Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener +ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kühnsten, +schwärzesten Streiche fähig war, die den Sultan durch ihre Ränke und +falsche Zärtlichkeit so weit zu bringen wußte, daß er wider sein eigenes +Blut wütete, daß er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen +Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine +närrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf +voller Wind, doch das Herz mehr gut als böse. Sind dergleichen +Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein +Erzähler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese +Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn +er Fakta nach seinem Gutdünken verändern darf, darf er auch eine Lucretia +verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?" + +Das heißt einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich möchte die +Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht übernehmen; ich habe mich +vielmehr schon dahin geäußert,[2] daß die Charaktere dem Dichter weit +heiliger sein müssen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau +beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von +selbst nicht viel anders ausfallen können; da hingegen allerlei Faktum +sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten läßt. Zweitens, weil +das Lehrreiche nicht in den bloßen Faktis, sondern in der Erkenntnis +bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umständen solche Fakta +hervorzubringen pflegen und hervorbringen müssen. Gleichwohl hat es +Marmontel gerade umgekehrt. Daß es einmal in dem Seraglio eine europäische +Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmäßigen Gemahlin des Kaisers zu +machen gewußt: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und +dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich +geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich +werden können, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche +von diesen Arten er wählen will; ob die, welche die Historie bestätiget, +oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner +Erzählung verbindet, das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er +sich, im Fall daß er andere Charaktere als die historischen, oder wohl +gar diesen völlig entgegengesetzte wählet, auch der historischen Namen +enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum +beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten. +Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren +und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir +bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als +etwas Zufälliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die +Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentümliches. Mit jenen +lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht +mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl +ins Licht stellen, aber nicht verändern; die geringste Veränderung +scheinet uns die Individualität aufzuheben und andere Personen +unterzuschieben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpieren +und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind. + + +----Fußnote + +[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762. + +[2] Oben im 23. Stück. + +----Fußnote + + + + +Vierunddreißigstes Stück +Den 25. August 1767 + +Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen +Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt, +als in diesen freiwillig gewählten Charakteren selbst, es sei von seiten +der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu +verstoßen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen; +nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu +wissen, die jeder Schulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrat seines +Gedächtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen +Gefühl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es +gehört oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter +nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstößt also, +bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft, +so gröblich, daß wir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundern +können; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusammen und rufen: +"Aber, wie hat ein so großer Mann nicht wissen können!--Wie ist es +möglich, daß ihm nicht beifiel!--Überlegte er denn nicht?" Oh, laßt uns +ja schweigen; wir glauben ihn zu demütigen, und wir machen uns in seinen +Augen lächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloß, +daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider +nötig, wenn wir nicht vollkommne Dummköpfe bleiben wollten. + +Marmontels Soliman hätte daher meinetwegen immer ein ganz anderer +Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein mögen, als +mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob +sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer +andern Welt gehören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer +andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in +dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer +andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten +abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den +Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das, +sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der +gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich +ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten +verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde, +so kann ich es zufrieden sein, daß man ihm auch jenes nicht für genossen +ausgehen läßt. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muß uns +nicht vorsätzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei +nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt. + +Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen +haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter +ausbildet oder sich schaffet, Übereinstimmung und Absicht zu verlangen, +wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet +zu werden. + +Übereinstimmung:--Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie +müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen +sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nachdem die Umstände auf sie +wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug sein können, +sie von Schwarz auf Weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er +verliebt ist, noch Türk und Despot sein. Dem Türken, der nur die sinnliche +Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements beifallen, die eine +verwöhnte europäische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser +liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts +Anzügliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu +überwinden haben und, wenn ich sie überwunden habe, durch neue +Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein König von Frankreich +denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese +Denkungsart einmal gibt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung; +er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu +genießen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine +dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt: +"Soliman war ein zu großer Mann, als daß er die kleinen Angelegenheiten +seines Seraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgeschäfte hätte treiben +sollen." Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgeschäfte +nicht auf den Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben +müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als +Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er +suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen läßt, freie Herzen, die sich aus +bloßer Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen ließen; er hätte +ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiß er, was er will? Die +zärtliche Elmire wird von einer wollüstigen Delia verdrängt, bis ihm eine +Unbesonnene den Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum +Sklaven machen muß, ehe er die zweideutige Gunst genießet, die bisher +immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein? +Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein +herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal +alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Roxelane, nach +diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht +Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe wert halten, ihr dieses Opfer +gebracht zu haben? Ich fürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen, +sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten +Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre +aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo +habe ich meine Augen gehabt!" + +Ich leugne nicht, daß bei alle den Widersprüchen, die uns diesen Soliman +so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich sein könnte. Es +gibt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen. +Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen +Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende; +es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die +unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch +Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem +Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht. +--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe +erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie +von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten, +die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen +befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese +Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit +dem ebenso geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen +ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet. +Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen fängt das Genie an, zu +lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in größern Werken zu +Füllungen, zu Ruhepunkten unserer wärmern Teilnehmung: allein mit der +Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und +größere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder +zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten +und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht, +uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als +glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich +selbst im Glücke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwürfen, wo keine +unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung für uns statthat, +wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskräfte mit solchen +Gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen, und diese +Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein +falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was +wir verabscheuen sollten zu begehren. + +Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem +Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von +manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten +sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich +erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgefeimte Buhlerin werden +uns mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben geschildert, +daß es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus +berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als +gefälligen Gattin überdrüssig zu sein, weil sie eine Elmire und keine +Roxelane ist. + +Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die +angeführten französischen Kunstrichter recht, daß sie alle das Tadelhafte +des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet +ihnen sogar dabei noch mehr gesündiget zu haben, als jener. "Die +Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzählung +so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich +nötig; und diese ist in dem gegenwärtigen auf das äußerste verletzet. Der +große Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so +einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der +Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein +Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß. +Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man +sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels +gefallen; aber wenn die Überlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit +ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem +Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche; +sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte, +nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles +sagen können; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdrücken gesagt hätte. +Aber wer kann es aushalten, den großen Soliman von einer jungen +Landstreicherin so hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu +regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist +hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unerträglich." + + +----Fußnote + +[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10. + +----Fußnote + + + + +Fünfunddreißigstes Stück +Den 28. August 1767 + +Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein; +Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem +feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches +der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu gönnen, +als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung. +Beim Marmontel hingegen läßt sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben +und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer +Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist, +und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann +sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht +errät oder nicht besser erraten will. + +Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der +Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er +einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen, +besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit +dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, daß seine Roxelane noch +unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat +er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewußt, +als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das? + +Eben auf diese Veränderung wollte ich oben kommen; und mich dünkt, sie +ist so glücklich und vorteilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und +ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte. + +Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines +närrisches, vermessenes Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan +Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack +durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen, +als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen +steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als +zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe +gestellt, als seine Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den +Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine +Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine +Erklärung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf +ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet +werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre +geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, große Seele, ganz den +Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun +auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muß dich wohl lieben! Nimm +all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sei mein Sultan, mein Held, +mein Gebieter! Ich würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen +müssen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget. +Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen +Liebhaber, der meinetwegen nicht erröten darf; sieh hier in Roxelanen +--nichts, als deine untertänige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf +einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso +vernünftiges als drollichtes Mädchen steht vor uns; Soliman höret auf, +uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe +würdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die +nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er +möchte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber möchte den Despoten +wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt, +eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so +bedenklichen Schritte zurückhalten wollen, möchte anstatt einer feurigen +Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind möchte durch +ihre Großmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige +Vermessenheiten so mühsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens, +und das Stück schließt sich zu unserer völligen Zufriedenheit. + +Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung? Ist sie bloß +willkürlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung, +in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel +seiner Erzählung diesen vergnügendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem, +was dort eine Schönheit ist, hier ein Fehler? + +Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben, +welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und +des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen +Erzählung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur +Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht +wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung, +die für sich ein wohlgeründetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht; +der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem +Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen +nehmen, durch welche er sie ausführen läßt, ist er unbekümmert, er hat +uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es +lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses +mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das +Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel +fließende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die +Leidenschaften, welche der Verlauf und die Glücksveränderungen seiner +Fabel anzufachen und zu unterhalten vermögend sind, oder auf das +Vergnügen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und +Charaktere gewähret; und beides erfordert eine gewisse Vollständigkeit +der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der +moralischen Erzählung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit +auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall +derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt. + +Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Erzählung lehren wollte, +die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie müsse durch Nachsicht und +Gefälligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er +recht, so aufzuhören, wie er aufhört. Die unbändige Roxelane wird durch +nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans +Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir sie doch immer für +eine Närrin und ihn für nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht +Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so +wahrscheinlich sein, daß den Sultan seine blinde Gefälligkeit bald +gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die +Gefälligkeit über das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also eines +der wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit wert sei +oder nicht. + +Allein, als Favart diese Erzählung auf das Theater bringen wollte, so +empfand er bald, daß durch die dramatische Form die Intuition des +moralischen Satzes größtenteils verloren gehe und daß, wenn sie auch +vollkommen erhalten werden könne, das daraus erwachsende Vergnügen doch +nicht so groß und lebhaft sei, daß man dabei ein anderes, welches dem +Drama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Vergnügen, welches +uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewähren. +Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch, +in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des +Dichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbst damit +betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das +Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer +Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen +Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt +ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden, +desto strenger verfährt unsere Überlegung; das häßliche Gesicht, das wir +so schön geschminkt sehen, wird für noch einmal so häßlich erklärt, als +es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu wählen, ob er von uns lieber +für einen Giftmischer oder für einen Blödsinnigen will gehalten sein. So +wäre es dem Favart, so wäre es seinen Charakteren des Solimans und der +Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere +nicht von Anfang ändern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu +verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu +sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun übrig, als was er tat. Nun +freuen wir uns, uns an nichts vergnügt zu haben, was wir nicht auch +hochachten könnten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere +Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama +weit stärker ist, als einer bloßen Erzählung, so interessieren uns auch +die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnügen uns +nicht, ihr Schicksal bloß für den gegenwärtigen Augenblick entschieden zu +sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls +zufriedengestellet wissen. + + +----Fußnote + +[1] + Sultan, j'ai pénétré ton âme; + J'en ai démêlé les ressorts. + Elle est grande, elle est fière, et la gloire l'enflamme, + Tant de vertus excitent mes transports. + A ton tour, tu vas me connaître: + Je t'aime, Soliman; mais tu l'as mérité. + Reprends tes droits, reprends ma liberté; + Sois mon Sultan, mon Héros et mon Maître. + Tu me soupçonnerais d'injuste vanité. + Va, ne fais rien que ta loi n'autorise; + Il est des préjugés qu'on ne doit point trahir, + Et je veux un Amant, qui n'ait point à rougir: + Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise. + +----Fußnote + + + + +Sechsunddreißigstes Stück +Den 1. September 1767 + +So unstreitig wir aber, ohne die glückliche Wendung, welche Favart am +Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Krönung nicht +anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den lächerlichen +Triumph einer "Serva Padrona" würden betrachtet haben; so gewiß, ohne +sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein kläglicher Pimpinello, +und die neue Kaiserin nichts als eine häßliche, verschmitzte Serbinette +gewesen wäre, von der wir vorausgesehen hätten, daß sie nun bald dem +armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde: +so leicht und natürlich dünkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir +müssen uns wundern, daß sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht +beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische +Erzählung in der dramatischen Form darüber verunglücken müssen. + +Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beißende Märchen, +und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen +Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzählt; +und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte +man, daß es ein ebenso glücklicher Stoff auch für das Theater sein müsse. +Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich +auf jedes feinere Gefühl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter +der Matrone, der in der Erzählung ein nicht unangenehmes höhnisches +Lächeln über die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem +Drama ekel und häßlich. Wir finden hier die Überredungen, deren sich der +Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und +siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein +empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst +ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre +Schwäche dünkt uns die Schwäche des ganzen Geschlechts zu sein; wir +fassen also keinen besondern Haß gegen sie; was sie tut, glauben wir, +würde ungefähr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den +lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir +ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu müssen; +oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die +Vermutung, daß er wohl auch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzählers +sei, der sein Märchen gern mit einer recht giftigen Spitze schließen +wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir +dort nur hören, daß es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen; +woran wir dort noch zweifeln können, davon überzeugt uns unser eigener +Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der bloßen Möglichkeit ergötzte uns +das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre +Schwärze; der Einfall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des +Einfalls empört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Bühne den +Rücken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem +besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset, +debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere +cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen, +je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verführung angewendet; denn wir +verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein +vorzüglich leichtsinniges, lüderliches Weibsstück insbesondere.--Kurz, +die Petronische Fabel glücklich auf das Theater zu bringen, müßte sie +den nämlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; müßte die +Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklärung +hierüber anderwärts! + +Den siebenunddreißigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden +"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt. + +Den achtunddreißigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope" +des Herrn von Voltaire aufgeführt. + +Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des +Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania, +der Marquise du Châtelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift +davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des +Théâtre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafür +einzuflößen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemäß zu +stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern +mußte er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr +geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire über ein Trauerspiel, über +eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden, +ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darüber zurückschrieb, +welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur +Warnung, jederzeit dem Stücke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin +für eines von den vollkommensten Trauerspielen, für ein wahres Muster +erklärt, und wir können uns nunmehr ganz zufrieden geben, daß das Stück +des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses +ist nun nicht länger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt. + +So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein mußte, so schien er +sich doch mit der Vorstellung nicht übereilen zu wollen, welche erst im +Jahre 1743 erfolgte. Er genoß von seiner staatsklugen Verzögerung auch +alle die Früchte, die er sich nur immer davon versprechen konnte. +"Merope" fand den außerordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte +dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt +hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem großen Corneille sehr +vorzüglich; sein Stuhl auf dem Theater ward beständig freigelassen, wenn +der Zulauf auch noch so groß war, und wenn er kam, so stand jedermann +auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Geblüte +gewürdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause +angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß +ihm die Gäste ihre Höflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch +ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu +kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende +war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und lärmte, bis der +Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen +mußte. Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet hätte, +ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefälligkeit des +Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dichter aussieht? Nicht wie andere +Menschen? Und wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht +hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die +Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich, +erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber +vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern +der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde +in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel +liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so +groß, so überschwenglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es +sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz +denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in +der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der +Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig +Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homers wissen, +ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller +Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im +Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung +dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der +blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so +entzücket. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser +Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu +erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein, +man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so +neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde +für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu +kennen, sein müßte (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten, +dem besten Murmeltiere voraus, welches der Pöbel gesehen zu haben ebenso +begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der +französischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser +Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie +zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden könne, +so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein +neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormußte, +und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von +Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger +gestanden. Wie manches Armesündergesichte muß daruntergewesen sein! Der +Posse ging endlich so weit, daß sich die Ernsthaftern von der Nation +selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell +ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug, +das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus +nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver +und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Übe1stand +lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlaßt haben. + + + + +Siebenunddreißigstes Stück +Den 4. September 1767 + +Ich habe gesagt, daß Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei +veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene +ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehören dem +Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz +andere "Merope" geschrieben haben. + +Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, müssen wir +zuvörderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische +Verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen +einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel +gegründet hat. + +Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stückes +folgendergestalt zusammen. "Daß, einige Zeit nach der Eroberung von +Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in +Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete +durch das Los zugefallen; daß die Gemahlin dieses Kresphonts Merope +geheißen; daß Kresphont, weil er dem Volke sich allzugünstig erwiesen, +von den Mächtigern des Staats, mitsamt seinen Söhnen, umgebracht worden, +den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bei einem Anverwandten seiner +Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er +erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des väterlichen +Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern +gerächet habe: dieses erzählet Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit +seinen zwei Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus +dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß +dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; daß der dritte +Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher +umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet +Apollodorus. Daß Merope selbst den geflüchteten Sohn unbekannterweise +töten wollen; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener +daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den +Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; daß der nun erkannte Sohn +bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses +meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes führet." + +Es wäre zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere +Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis +wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner +Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn +erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Mörder ihres +Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom +Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stück,[1] wenn er sich +auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope +die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer +befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen +könne. Aristoteles erwähnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des +Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen +"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes +als das Werk dieses Dichters gemeiner haben. + +Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser +weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste +Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des +sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet, +daß, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen +Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstücke so gewöhnte +Volk ganz außerordentlich sei betroffen, gerührt und entzückt worden." +--Hübsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden +Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt +und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine +Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein paar Worte zu +sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben. + +Die Sache verhält sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem +vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich für +Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten, +sagt er, müssen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter +gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tötet, +so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der Tat sonst weiter +einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des +Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt verbunden ist. Und so ist +es auch bei gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen +Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muß den Bruder, +ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter töten oder +töten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise mißhandeln oder +mißhandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und +Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollführt oder nicht +vollführt werden muß, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten, +welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die +erste: wenn die Tat wissentlich, mit völliger Kenntnis der Person, gegen +welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird. +Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird. +Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes, +unternommen und vollzogen wird und der Täter die Person, an der er +sie vollzogen, zu spät kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend +unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein +verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen +vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die +Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anführet: so +haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die +Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung +tragischer Fabeln zu sein erkläre. + +Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel +sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses +beides beieinander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und +gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation +allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, glücklich ab. +Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichter offenbar? + +Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit +gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem +ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den +geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede +dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie +mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne +das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und +welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der +Klytämnestra durch den Orest der Inhalt des Stückes sein sollte, so zeige +sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu +bearbeiten, nämlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der +zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun +überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung +als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht +statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den +Orest geschehen müsse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu gräßlich +sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytämnestra dadurch abermals +gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich +bleibe ihm nichts als die dritte Klasse übrig. + +Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht +bloß in einzeln Fällen, nach Maßgebung der Umstände, sondern überhaupt. +Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bei ihm recht, +nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf +der einen Seite eine Blöße von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf +einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit +hat, anstatt nach jener in diese zu stoßen: so ist es ja doch um die +Untrüglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr +als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die +Übereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn der Dichter allgemein +bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf: +wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem +ersten oder zweiten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der +Klytämnestra müßte eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn +Orestes hat sie wissentlich und vorsätzlich vollzogen: der Dichter aber +kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte +doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die +ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders +einschlagen, als den zweiten? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß +sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein +bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen +stattfinden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem +andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben: +so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloß +erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytämnestra wäre +von dieser letztern Art, und es hätte dem Dichter freigestanden, sie +vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige +Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen, +um eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier +sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so +geschähe es bloß aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den +also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt +eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen +erteilet, sind ja die, welche sich unglücklich schließen? Und das ist ja +eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also +gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr. + + +----Fußnote + +[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann, +weil es bei den alten Dichtern nicht gebräuchlich und auch nicht erlaubt +war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), würde sich an der +angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden, +welches Josua Barnes nicht mitgenommen hätte und ein neuer Herausgeber +des Dichters nutzen könnte. + +----Fußnote + + + + +Achtunddreißigstes Stück +Den 8. September 1767 + +Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge +leistet. Unsern deutschen Übersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1] +hat sie ebensowenig befriediget. Er trägt seine Gründe dagegen vor, die +zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch +sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche +zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht +zu retten sei. "Ich überlasse", schließt er, "einer tiefern Einsicht, +diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklärung +finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß unser Philosoph dieses +Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen Vorsicht durchgedacht habe." + +Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines +offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig. +Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das +größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich +verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal und +glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen +Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem +Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten +können, was ihm diesen Widerspruch gewissermaßen unvermeidlich machen +müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst +würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß +am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeübterm Leser, der ich ihn +zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge +den Faden seiner Gedanken zurück, ponderiere ein jedes Wort und sage mir +immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber daß er hier +etwas behaupten sollte, wovon er auf der nächsten Seite gerade das +Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's +auch. + +Doch ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr +Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich +desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer größern +Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen. + +Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute +Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere +Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist +es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen +und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft +und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung +einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine +Verknüpfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung +ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie +die Güte eines jeden Ganzen auf der Güte seiner einzeln Teile und deren +Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger +vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede für +sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger +entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der +tragischen Handlung statthaben können, unter drei Hauptstücke: des +Glückswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou]; +und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern +versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles +zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches +widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der +Glückswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte +Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo], +unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie +machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schöner und +interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit +und Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine +tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muß jedes +Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein; +denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung +des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht +jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht +erreichen, sie in einem höhern Grade erreichen helfen, andere aber ihr +mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem +Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstücke gebrachten Teile +der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet, +welches der beste Glückswechsel, welches die beste Erkennung, welches die +beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern, +daß derjenige Glückswechsel der beste, das ist der fähigste, Schrecken +und Mitleid zu erwecken und zu befördern, sei, welcher aus dem Bessern in +das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, daß diejenige +Behandlung des Leidens die beste in dem nämlichen Verstande sei, wenn die +Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen, +aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen +soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt. + +Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die +Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der +Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von +diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die +möglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des +andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit +des Ganzen? Wenn der Glückswechsel und das, was Aristoteles unter dem +Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind, +warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen? +Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Teile von entgegengesetzten +Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie +nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sei? +Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die +Erkennung dessen hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche +Tat verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der +Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben, +welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern +mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der +Glückswechsel kann sich mitten in dem Stücke ereignen, und wenn er schon +bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so +ist z.E. der Glückswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des +vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos]) +hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schließet. Gleichfalls +kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und +in dem nämlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so +daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie +in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem +vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist, +erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswechsel mit +der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben +Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat +die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch den ersteren haben +könnte, wenn nämlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche +erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu +schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben +beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht ebensowohl mit dem +Untergange der Mutter, als des Tyrannen schließen? Warum sollte es einem +Dichter nicht freistellen können, um unser Mitleiden gegen eine so +zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit +selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht +erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen, +gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde +eine solche Merope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden +Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem +Kunstrichter so widersprechend findet? + +Ich merke wohl, was das Mißverständnis veranlasset haben kann. Man hat +sich einen Glückswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne +Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne +Glückswechsel denken können. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das +andere sein; nicht zu erwähnen, daß auch nicht beides eben die nämliche +Person treffen muß, und wenn es die nämliche Person trifft, daß eben +nicht beides sich zu der nämlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf +das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne +dieses zu überlegen, hat man nur an solche Fälle und Fabeln gedacht, in +welchen beide Teile entweder zusammenfließen, oder der eine den andern +notwendig ausschließt. Daß es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist +der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten +Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen +seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der +andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich +selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine +Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit sein; jener von +einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er +gesagt, daß jede Fabel diese Teile alle notwendig haben müsse? Genug für +ihn, daß es Fabeln gibt, die sie alle haben können. Wenn eure Fabel aus +der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten +Glückswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so +untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren +würdet, und wählet. Das ist es alles! + + +----Fußnote + +[1] Herrn Curtius, S. 214. + +----Fußnote + + + + +Neununddreißigstes Stück +Den 11. September 1767 + +Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen +haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden +haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern +Falle so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu +erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er +ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muß erst untersucht +werden, wo er das größere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber, +nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er +davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln +Teile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bei dem +Pater Tournemine auch nur ein bloßer Jesuiterkniff, um uns mit guter Art +zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel, von einem so großen +Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstück werden müssen. + +Doch Tournemine und Tournemine--Ich fürchte, meine Leser werden fragen: +"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn +viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen, +weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1]. + +Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire +selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stücke +des Euripides die nämlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß +Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten, +daß die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste +Augenblick der ganzen griechischen Bühne sei. Auch er sagt, daß Aristoteles +diesem coup de théâtre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch +versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripides für das rührendste +von allen Stücken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun +gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus +welchem er die Situation der Merope anführt, nicht einmal den Titel namhaft; +er sagt weder, wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sei; +geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripides +erkläre. + +Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der +Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen +griechischen Bühne sei! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten! +Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen +Bühne! Sollte man hieraus nicht schließen: Aristoteles gehe mit Fleiß +alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch, +vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die +er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten +Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher +den Ausspruch für diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es +nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum +Beispiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel +von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beispiele in der "Iphigenia", +wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter +erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu +vergehen. + +Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und +wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters +gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drei Beispiele +von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter +gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente. +Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht +ausschließt; und obschon in der "Iphigenia" die glückliche Erkennung auf +die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich +sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche +Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der +Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten +von allen tragischen Dichtern verdiente? + +Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich; +ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den +wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" übrig sind, nicht +schließen. Sie enthalten nichts als Sittensprüche und moralische +Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und +werfen nicht das geringste Licht auf die Ökonomie des Stückes.[3] Aus +dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttin des +Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die +Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder +hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schließen, +daß die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei ältern Söhne entweder +einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz +vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des jüngern +Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brüder +zu rächen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die größte Schwierigkeit aber +macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des +jüngern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stück +"Kresphontes" heißen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber +hieß nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, daß +jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der +Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts +sicher zu bleiben. Der Vater muß längst tot sein, wenn sich der Sohn des +väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein +Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin +vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind über diese +Schwierigkeit hinwegzusetzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn +gleichfalls Kresphont geheißen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit? +aus welchem Grunde? + +Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich +Maffei schmeichelte: so können wir den Plan des Kresphontes ziemlich +genau wissen. Er glaubte ihn nämlich bei dem Hyginus, in der +hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er hält +die Fabeln des Hyginus überhaupt größtenteils für nichts, als für die +Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius +gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem +verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich +neue zu erdichten. Der Rat ist nicht übel und zu befolgen. Auch hat ihn +mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er +ihn gegeben. Herr Weiße hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube +geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur +möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinste +Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen. +Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien +zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder +unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragödienschreiber selbst +ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation +gemacht, scheinet selbst die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche +betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter +nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte, +ausdrücklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzählt er +z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach +dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des +Euripides. + + +----Fußnote + +[1] "Lettres familières". + +[2] Aristote, dans sa Poétique immortelle, ne balance pas à dire que la +reconnaissance de Mérope et de son fils était le moment le plus +intéressant de toute la scène Grecque. Il donnait à ce coup de Théâtre la +préférence sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si +sensible, frémissaient de crainte que le vieillard, qui devait arrêter le +bras de Mérope, n'arrivât pas asseztôt. Cette pièce, qu'on jouait de son +temps, et dont il nous reste très peu de fragments, lui paraissait la +plus touchante de toutes les tragédies d'Euripide etc. Lettre à +Mr. Maffei. + +[3] Dasjenige, welches Dacier anführet ("Poétique d'Aristote", Chap. XV. +Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem +Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nützen solle". + +[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poét. d'Arist. Une Mère, qui +va tuer son fils, comme Mérope va tuer Cresphonte etc. + +[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184 +d'Igino, la quale a mio credere altro non è, che l'Argomento di quella +Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa. +Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci già in quell' +Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le più di quelle +Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di ciò col +confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto +in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi è stato +caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal +sentimento. Una miniera è pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse +stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a +lor fantasia: io la scoprirò loro di buona voglia, perchè rendano col +loro ingegno alla nostra età ciò, che dal tempo invidioso le fu rapito. +Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto più di considerazione +quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non è stato +creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle +favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole +costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso +convertendole, le avean ridotte. + +----Fußnote + + + + +Vierzigstes Stück +Den 15. September 1767 + +Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über derhundertundvierund- +Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus +Dem "Kresphont" Desselben Könne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Daß +Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So +Daß, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Könnte, +Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizität Weit Näher Käme, Als +Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzählung Des Hyginus, Die +Ich Oben Nur Verkürzt Angeführt, Ist Nach Allen Ihren Umständen Folgende. + +Kresphontes war König von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope +drei Söhne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem +er, nebst seinen beiden ältesten Söhnen, das Leben verlor. Polyphontes +bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche +während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn, +namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit +bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward +Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen und versprach +also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde. +Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine +Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging +nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, daß er den Telephontes +umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung. +Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu +bewirten, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephontes ward also in das +Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indes kam der alte +Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen +Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, daß +Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne daß man wisse, wo er hingekommen. +Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der +angekommene Fremde rühme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und hätte ihn +im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin +nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der +Freveltat verhindert hätte. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche +Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt. +Polyphontes dünkte sich aller seiner Wünsche gewähret und wollte den +Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber +alle um den Altar versammelt waren, führte Telephontes den Streich, mit +dem er das Opfertier fällen zu wollen sich stellte, auf den König; der +Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen +Reiches.[1] + +Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische +Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren +Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus +genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fußtapfen des +Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Überzeugung +ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer bloßen + +Divination über den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in +seiner "Merope" wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von +verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging +und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin gerührt hatte, +in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte. + +Die Mutter nämlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem +Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den +Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern und mit +Ausschließung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und +tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht +also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die +Umstände von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswärtiger +Erziehung treffen mußte. Merope mußte nicht die Gemahlin des Polyphonts +sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so +frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes +überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und +dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche +nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befreien. Der Sohn mußte +nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines väterlichen Hauses, in aller +Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntnis seines Standes +und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die mütterliche Liebe erkaltet +natürlicherweise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des +Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand +geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er mußte nicht in der +ausdrücklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß +nicht von Meropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er +sich selbst dafür ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von +Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so +ist ihre Verlegenheit bei der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr +rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel +genug. + +Und diesen Veränderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan +ungefähr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fünfzehn Jahre, und +doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das +Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugetan und rechnet +auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu +beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er trägt ihr +seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope +weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch +Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht +verhelfen können. Eben dringt er am schärfsten in sie, als ein Jüngling +vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde +ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Jüngling, hatte nichts getan, +als sein eignes Leben gegen einen Räuber verteidiget; sein Ansehen verrät +so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die +noch außerdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl +mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der +König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten +Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode +ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes +Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält, +heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder +aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der +Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen +wäre? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene +Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu +begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestärket, den man bei dem +Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn Aegisth dem +Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls, +den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen, +wenn er erwachsen, und es Zeit sein würde, ihm seinen Stand zu entdecken. +Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an +eine Säule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstoßen. Der +Jüngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfährt +der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort +sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt +der König dazu, und der Jüngling wird befreiet. So nahe Merope der +Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück, +als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung triumphiert. +Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn +vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in +dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den +Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als +ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und +den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Aegisth erwacht +und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem +vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und würde ihn leicht +durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie +der Alte nicht auch hiervon zurückgehalten hätte. Mit frühem Morgen soll +ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare, +aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat +Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den +Tempel, dränget sich durch das Volk, und--das übrige wie bei dem Hyginus. + + +----Fußnote + +[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzählung genommen, +sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste +Verbindung unter sich haben. Sie fängt an mit dem Schicksale des Pentheus +und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar +nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen +können; es wäre denn, daß sie sich bloß in derjenigen Ausgabe, welche ich +vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befände. Diese +Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat. +Genug, daß hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses +excepit, aus sein muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel, +von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehöret, welches mir das +Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so daß, beides miteinander verbunden, +ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu +der 184. machen wollen, folgendermaßen zusammenlegen wurde. Es versteht +sich, daß in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso +Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnötige Wiederholung, mitsamt dem +darauffolgenden ejus, welches auch so schon überflüssig ist, wegfallen +müßte. Merope. + +[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum +interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem +infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem +in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat, +aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem +aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem. +Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis +interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in +hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem +obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad +Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope +credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum +cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex +cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit, +occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum +Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso +simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum +adeptus est. + +----Fußnote + + + + +Einundvierzigstes Stück +Den 18. September 1767 + +Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen +Theater überhaupt aussahe, desto größer war der Beifall und das +Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde. + + Cedite Romani scriptores, cedite Graii, + Nescio quid majus nascitur Oedipode: + +schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon +gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast +kein anderes Stück gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue +Tragödie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbühnen fanden sich +darüber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in +sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreißig Ausgaben, in und +außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie +ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man +hatte vor, sie mit allen diesen Übersetzungen zugleich drucken zu lassen. +Ins Französische war sie bereits zweimal übersetzt, als der Herr von +Voltaire sich nochmals darübermachen wollte, um sie auch wirklich auf die +französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine +eigentliche Übersetzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in +dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope" +vorsetzte, umständlich angibt. + +Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und +bürgerlich, und der Geschmack des französischen Parterrs viel zu fein, +viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es +wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen der Kunst sehen; +und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze +Schreiben ist mit der äußersten Politesse abgefaßt; Maffei hat nirgends +gefehlt; alle seine Nachlässigkeiten und Mängel werden auf die Rechnung +seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten, +aber leider nur Schönheiten für Italien. Gewiß, man kann nicht höflicher +kritisieren! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird +sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet. +Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß; +und der Franzose will ebenso groß, als liebenswürdig scheinen. + +Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire? +Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei +ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte. +Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist +schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und übrigens so +unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich +Lindelle: wer einen französischen Januskopf sehen will, der vorne auf die +einschmeichelndste Weise lächelt und hinten die hämischsten Grimassen +schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen +geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet +Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht +schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener hätte freimütiger, und +dieser gerechter sein müssen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten +sollte, daß der nämliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden +Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen +vergeben habe. + +Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er +einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug +gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze +Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zärtlichste Interesse +aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm +beliebt, daß die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben +wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände +zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die +Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr +hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über den +Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem +Theater mehr hören will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu +jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine +Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt, +zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der +Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, daß ein +junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Eltern hält und in dem +Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord +verübt, demohngeachtet nicht soll für einen Räuber gehalten werden +dürfen, weil es voraussieht, daß er der Held des Stückes werden müsse, +[2] wenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen +kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee +sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich, +hat in diesen und ähnlichen Fällen unrecht; aber warum muß Voltaire auch +in andern Fällen, wo es gewiß nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als +dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische +Höflichkeit gegen Ausländer darin besteht, daß man ihnen auch in solchen +Stücken recht gibt, wo sie sich schämen müßten, recht zu haben, so weiß +ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanständiger sein +kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffei +seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen, +denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in +den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die +Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist: +dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwätz kann +durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen +kultivierten Völkern entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall +der nämliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern +hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gähnet und +darüber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu +dem Marquis, "in Ihrer Tragödie jene schöne und rührende Vergleichung +des Virgils: + + Qualis populea moerens Philomela sub umbra + Amissos queritur foetus-- + +übersetzen und anbringen dürfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen +wollte, so würde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben +nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen müssen; ich +meine unser Publikum. Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der +Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bei +kritischen Vorfällen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen +Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein König, kein Minister +poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses +Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte +nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein +Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muß +Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen +wollen, weil er nicht Freimütigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus +zu sagen, daß er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen +Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, daß ausführliche +Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem +Trauerspiele finden können, hätte er anmerken sollen, daß jenes +Virgilische von dem Maffei äußerst gemißbrauchet worden. Bei dem Virgil +vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem +Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovon +es das Bild sein soll, triumphieret, und müßte nach der Gesinnung des +Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf +das Ganze noch größern Einfluß habende Fehler scheuet sich Voltaire +nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener überhaupt, als einem einzeln +Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfeinsten +Lebensart, wenn er den Maffei damit tröstet, daß es seine ganze Nation +nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehler seiner Nation +wären; daß aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler wären, +weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und für sich gut oder +schlecht sei, sondern was die Nation dafür wolle gelten lassen. "Wie +hätte ich es wagen dürfen", fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber +auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis +fort, "bloße Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie +getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den +Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugänge zu einem schönen +Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem +Palaste befinden. Wir müssen uns also schon nach dem Geschmacke eines +Volks richten, welches sich an Meisterstücken sattgesehen hat und also +äußerst verwöhnt ist." Was heißt dieses anders, als: "Mein Herr Marquis, +Ihr Stück hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnütze Szenen. Aber +es sei fern von mir, daß ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte! +Behüte der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiß zu leben; ich werde +niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben +Sie diese kalten, langweiligen, unnützen Szenen mit Vorbedacht, mit allem +Fleiße gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich +wünschte, daß ich auch so wohlfeil davonkommen könnte; aber leider ist +meine Nation so weit, so weit, daß ich noch viel weiter sein muß, um +meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr +einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr +übersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen; +denn sonst, + +Desinit in piscem mulier formosa superne: + +aus der Höflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses französische +Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der +Persiflage dummer Stolz. + + +----Fußnote + +[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que +depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela +semblerait trop petit sur notre théâtre. + +[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un héros pour un voleur, +quoique la circonstance où il se trouve autorise cette méprise. + +----Fußnote + + + + +Zweiundvierzigstes Stück +Den 22. September 1767 + +Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire +als Eigentümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an +seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen +Nation überhaupt zur Last zu legen, daß, sage ich, diese, und noch +mehrere, und noch größere, sich in der "Merope" des Maffei befinden. +Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit +vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der berühmtesten +Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen +für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie erfodert wird, wenig oder +nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und +Altertümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das +tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben +und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche +Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als +zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen +Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so +müßte er der außerordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragödie +überhaupt ist ein sehr geringfügiges Ding. Was indes ein Gelehrter von +gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr für eine Erholung als für +eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete +auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als glücklich; +seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder +nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert; +sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Literator und der +Versifikateur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und +der Dichter. + +Als Versifikateur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr +nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemälde, die in +seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten, aber in dem Munde +seiner Personen unerträglich sind und in die lächerlichsten +Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, daß +Aegisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich +beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Verteidigung; daß er +aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet, +alle, selbst die allerkleinsten Phänomena malet, die den Fall eines +schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem +Geräusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie +sich die Flut wieder über ihn zuschließt:[1] das würde man auch nicht +einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche, +verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein +Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er +in seiner Erzählung so kindisch genau sein könnte. + +Als Literator hat er zu viel Achtung für die Simplizität der alten +griechischen Sitten und für das Kostüm bezeugt, mit welchem wir sie bei +dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas, +ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostüme näher gebracht +werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich als +zuträglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schöne Stellen aus +den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer +Art von Werken er sie entlehnt und in was für eine Art von Werken er sie +überträgt. Nestor ist in der Epopee ein gesprächiger freundlicher Alte; +aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ekler +Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen +wollen: so würde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht +haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die +kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes übrig sind, zu nutzen und +seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt hätte, daß +sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen +sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher +pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprüche, womit man +seine Lücken füllet, so sind es andere. + +Demohngeachtet möchten sich wiederum Stellen finden, wo man wünschen +dürfte, daß sich der Literator weniger vergessen hätte. Z.E. Nachdem die +Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal +gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Ismene voller +Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie +jemals auf einer Bühne erdichtet worden!" + + Con così strani avvenimenti uom' forse + Non vide mai favoleggiar le scene. + +Maffei hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine +Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem +Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich würde +diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede +entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Messene zu einer Zeit +brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil +Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten +halten, wie er will; nur verlangt man, daß er sich immer gleichbleibet +und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein +andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß +vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen. +Überhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch +keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles +vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald +sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob +Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater +ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte +"Bühne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns +geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen +Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung +Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht +es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert. + +Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach +seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von +selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist +ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so +viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude +des Harlekins, zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und +Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schließt er, "das Werk des Maffei +enthält einen schönen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stück. Alle Welt +kömmt in Paris darin überein, daß man die Vorstellung desselben nicht +würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen +Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen +Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragödie zu +übersetzen; er konnte leichter einen Übersetzer bezahlen, als sein Stück +verbessern." + +So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch +selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stücken +wider den Maffei recht, und möchte er doch höflich oder grob sein, wenn +er sich begnügte, ihn bloß zu tadeln. Aber er will ihn unter die Füße +treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke. +Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche +Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter +aufschlagen zu können. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer +in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder +treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei +Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum +Teil gefühlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an +Lindellen den Maffei in allen Stücken zu verteidigen, in welchen er sich +zugleich mitverteidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit +sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des +Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire hätte mitteilen +wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei +zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum +die Eigentümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen, +ihm zu zeigen, warum die französische "Merope" ebensowenig in Italien, als +die italienische in Frankreich gefallen könne?-- + + +----Fußnote + +[1] + ------In core + Pero mi venne di lanciar nel fiume + Il morto, o semivivio; e con fatica + (Ch' inutil' era per riuscire, e vana) + L' alzai da terra, e in terra rimaneva + Una pozza di sangue: a mezzo il ponte + Portailo in fretta, di vermiglia striscia + Sempre rigando il suol; quinci cadere + Col capo in giù il lasciai; piombò, e gran tonfo + S' udi nel profondarsi: in alto salse + Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse. + +[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia +d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que' +sentimenti di essa, che son rimasti quà e là; avendone tradotti cinque +versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e +alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso +Stobeo. + +----Fußnote + + + + +Dreiundvierzigstes Stück +Den 25. September 1767 + +So etwas läßt sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich +selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben könnten. + +Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindelle fast in allen +Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump +gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth, +wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!" +und die Königin werde durch dieses Wort "alter Vater" so gerühret, daß +sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth könne +wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er höhnisch hinzu, "eine sehr +gegründete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, daß +ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", fährt er fort, "hat mit +diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler +verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stückes begangen +hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor +war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen +Polydor hätte die Königin gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Aegisth ihr +Sohn sei; und das Stück wäre ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar +weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit gröberer eingenommen." +Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen +Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die +Rede. Die Königin stutzt bloß bei dem Namen Polydor, der den Aegisth +gewarnet habe, ja keinen Fuß in das messenische Gebiete zu setzen. Sie +gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloß nähere Erklärung, +und ehe sie diese erhalten kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den +Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht +worden, billiget und rühmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen +verspricht, so muß wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen. +Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er +ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß notwendig bei ihr mehr gelten, +als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen +Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer +Rache gezaudert habe: + + Che dubitar? misera, ed io da un nome + Trattener mi lasciai, quasi un tal nome + Altri aver non potesse-- + +und die folgenden Äußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in +der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die +allerzuverlässigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Ist denn das also +nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen, +daß ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal für sehr nötig halte. +Laßt es den Aegisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor heiße! Ob es +sein Vater oder sein Freund war, der so hieße und ihn vor Messene warnte, +das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Merope, ohne alle Widerrede, +das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da +sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das, +was sie aus der bloßen Übereinstimmung eines Namens schließen könnte. +Freilich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei +der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung +gründe, so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat +sie allen Grund, zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß sein.--Es +versteht sich, daß ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum +nicht für schön ausgebe; der Poet hätte unstreitig seine Anlage viel +feiner machen können. Sondern ich will nur sagen, daß auch so, wie er sie +gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und +daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Merope in ihrem +Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen +Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also +beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zweitenmale +ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden kömmt, sondern dieses, +daß sie zum zweitenmale durch einen glücklichen ungefähren Zufall daran +verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch +nicht eigentlich nach den Gründen der größern Wahrscheinlichkeit sich +bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den +Gründen der schwächern das Übergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm +nicht verzeihen, daß er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und +mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den +gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall einmal der Mutter +einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel +lieber glauben, je mehr uns die Überraschung gefällt. Aber daß er zum +zweiten Male die nämliche Übereilung auf die nämliche Weise verhindern +werde, das sieht dem Zufalle nicht ähnlich; ebendieselbe Überraschung +wiederholt, hört auf, Überraschung zu sein; ihre Einförmigkeit +beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar ebenso +abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiß, als +der Zufall. + +Von den augenscheinlichen und vorsätzlichen Verfälschungen des Lindelle +will ich nur zwei anführen.--"Der vierte Akt", sagt er, "fängt mit einer +kalten und unnötigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der +Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie, +dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu +begeben, damit, wenn er eingeschlafen wäre, ihn die Königin mit aller +Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft auch wirklich ein, so wie er +es versprochen hat. O schön! und die Königin kömmt zum zweiten Male, +mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der +ausdrücklich deswegen schläft. Diese nämliche Situation, zweimal +wiederholt verrät die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des +jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt nichts lächerlicher +sein kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem +Schlafe beredet? Das lügt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an +und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königin so +ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles +sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt woanders hin; er solle +einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein. +Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königin in die Hände +zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und +Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schläft, nicht seinem +Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist, weil es Nacht ist, +weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können als +hier.[2]--Die zweite Lüge des Lindelle ist von eben dem Schlage. +"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres +Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er dafür verlange; +und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjüngen." Bittet sie, ihn zu +verjüngen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist +dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was +könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts. +Eines möchte ich mir wünschen, aber das stehet weder in deiner; noch in +irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner +Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert würde usw."[3] Heißt das: +Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Stärke und Jugend wieder? Ich +will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungemächlichkeiten +des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen +in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit +Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten +Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den +Mund legte, die Lindelle ihnen anlügt?--Anlügt! Lügen! Verdienen solche +Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle +wichtig genug war, darum zu lügen, soll das einem dritten nicht wichtig +genug sein, ihm zu sagen, daß er gelogen hat?-- + + +----Fußnote + +[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle +sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais +comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand +il sera endormi, la reine puisse le tuer tout à son aise, sondern auch +der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Mérope engage le jeune +Egiste à dormir sur la scène, afin de donner le temps à la reine de venir +l'y assassiner. Was aus dieser Übereinstimmung zu schließen ist, brauche +ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst +überein; und wenn zwei Lügner miteinander übereinstimmen, so ist es gewiß +abgeredete Karte. + +[2] + Egi. Mà di tanto furor, di tanto affanno + Qual' ebbe mai cagion?-- + Ism. Il tutto + Scoprirti io non ricuso; mà egli è d'uopo + Che qui t'arresti per brev' ora: urgente + Cura or mi chiama altrove. + Egi. Io volontieri + T'attendo quanto vuoi. Ism. Mà non partire + E non far sì, ch' io quà ritorni indarno. + Egi. Mia fè dò in pegno; e dove gir dovrei?-- + + + [3] + Mer. Ma quale, ô mio fedel, qual potrò io + Darti già mai mercè, che i merti agguagli? + Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora + M'è, il vederti contenta, ampia mercede. + Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro + Sol mi saria ciò, ch' altri dar non puote; + Che scemato mi fosse il grave incarco + De gli anni, che mi stà su'l capo, e à terra + Il curva, e prime sì, che parmi un monte.-- + +----Fußnote + + + + +Vierundvierzigstes Stück +Den 29. September 1767 + +Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den +Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war. + +Ich übergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fühlte, +daß der Wurf auf ihn zurückpralle.--Lindelle hatte gesagt, daß es sehr +schwache und unedle Merkmale wären, aus welchen Merope bei Maffei +schließe, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet: +"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel +künstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, daß ihr +Sohn der Mörder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu +bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem königlichen Ringe, über +den Boileau in seinen Satiren spottet, würde das auf unserm Theater sehr +klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt +des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn, +auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn +er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe und sich mit der +alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich +nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah +es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine +Rüstung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die +Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche +Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen, +an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder +erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freilich mitnehmen; und +der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, daß er unter den +blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht +hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth +schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die +Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte. +--Zweitens hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei aufgehalten, +der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische +das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch +ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus +Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des +Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr +gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, beträchtlich +ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande +eben hat Maffei den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese +Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?-- + +Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf +sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler +seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar +nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, daß er nicht der +Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde! + +Lindelle wirft dem Maffei vor, daß er seine Szenen oft nicht verbinde, +daß er das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache +auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch +dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses? +Doch das ist die Sprache der französischen Kunstrichter überhaupt; die +muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen +will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein mögen; wollen +wir es Lindellen auf sein Wort glauben, daß sie bei den Dichtern seines +Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten +Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln +eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnet, +sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene +Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen, +als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln +der Kunst so leicht, so weit zu machen, daß er alle Freiheit behält, sich +zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer +und macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied +von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Überwindung, +ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es +bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast +aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem +die Bewunderer des französischen Theaters das lauteste Geschrei erheben: +so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit +einstimme. + +1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich +anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den +Grundsätzen und Beispielen der Alten, ein Hédelin verlangen zu können +glaubte. Die Szene muß kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des +Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu +übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder +eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch +schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein +ausdrückliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und +wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei. +Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so +mußte er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das +muß Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, daß eigentlich +die Szene bald in dem Zimmer der Königin, bald in dem oder jenem Saale, +bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht +muß gedacht werden. Nur hätte er bei diesen Abwechselungen auch die +Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie müssen nicht +in dem nämlichen Akte, am wenigsten in der nämlichen Szene angebracht +werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen +Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abändern oder auch +nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der +Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter +einem Säulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das +Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Königin den Aegisth mit +eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen, +als daß, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth +wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschließen muß? Wie schließt er +sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen +Vorhang das, was Hédelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt +hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache +erwägt, warum Aegisth so plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so +augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach +reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die +ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der +siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um +einen toten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches +Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen, +die Türen dieses Tempels öffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal +mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in +denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Königlichen +Majestät Schloßkapelle, die gerade an den Saal stieß und mit ihm +Kommunikation hatte, damit Allerhöchstdieselben jederzeit trocknes Fußes +zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses +Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen; +wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und +ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat +schon vollbracht haben soll. + + +----Fußnote + +[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit +zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des dänischen +Theaters, "beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes +rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich +damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau +beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der +Szenen nicht verändert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum +die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht +vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine +Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz +vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller +Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne +daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird; +kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten +kommen, um auf die Schaubühne zu treten: so würde der Verfasser des +Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist +ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu +setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden, +es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche +der Engländer die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern +verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgeführet hätte, als daß +er seinem Helden die Mühe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen +Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat." + +[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les +Acteurs paraissent ei disparaissent selon la nécessité du Sujet--ces +rideaux ne sont bons qu'à faire des couvertures pour berner ceux qui les +ont inventés, et ceux qui les approuvent. Pratique du Théâtre. Liv. +II. chap. 6. + +----Fußnote + + + + +Fünfundvierzigstes Stück +Den 2. Oktober 1767 + +2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit +der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner +"Merope" vorgehen läßt, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel +Ungereimtheiten man sich dabei denken muß. Man nehme immer einen +völligen, natürlichen Tag; man gebe ihm immer die dreißig Stunden, auf +die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar +keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem +Zeitraume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es +ist freilich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein +Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man +es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht, +verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die +allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen? +Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch +soll uns, was bloß physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich +werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der +abwesende Aegisth können allein dabei in Betrachtung kommen; um die +Ansprüche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben +heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr +den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und fällt für ihn +aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Aegisth möge +nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwählte König könne es vors +erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und +bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben +des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben +des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat, +und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik. +Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so +zu mißhandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht +König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den +Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König und ist es geworden, ohne +sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag, +und vielleicht gibt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu +vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn +als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu +nötig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen? +Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden? +Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie +nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in +seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich für +verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer +funfzehn Jahr sonst so bedächtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun +selbst in die Hände liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne +alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer +ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß geheiratet +sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bei der +alten Königin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man +sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es +einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen könne, +wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also +dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer +wirklichen Eräugung ungefähr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als +auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und daß diese Zeit mit der, welche +auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen +Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet? +Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was +er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber +kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der +physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu +kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die +Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit +involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil diese +Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stücke +von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als +einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche +den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht +alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es +an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu +welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die +physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der +moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese +jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil +und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf.--Maffei nimmt doch +wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermählung, die Polyphont +der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch +ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget; +die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie +übereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem +Könige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil +er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt. + +3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde öfters die Szenen nicht, und das +Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten +Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist +eine große Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit +der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie +ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich +ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragödie bei den Franzosen +seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was +dieser bloß für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher +Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der +Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen +Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden +ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwürdig sein, als +Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler +bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire +aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es +bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königin +kömmt, und die Königin mit der dritten Szene abgeht, mit was für Recht +kann Polyphont in dem Zimmer der Königin verweilen? Ist dieses Zimmer der +Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das +Bedürfnis des Dichters verrät sich in der vierten Szene gar zu deutlich, +in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen müssen, nur daß +wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet hätten. + +4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar +nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch +schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt, +man muß auch aus der Verbindung einsehen, daß sie darum kommen müssen. +Es ist nicht genug, daß sie sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem +Folgenden sehen, daß sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist +das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Vorwand +und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten +Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königin zu versammeln, so +müßte man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch +hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist +sein Vorgeben ein schülerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten +besten Lügen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu tun, +was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht +wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern erteilen zu +lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer +Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, daß der +Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles +bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt +ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse +hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, und nicht etwa +seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königin nicht in den Tempel gefolgt +ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern +wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über +die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun +schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte. +Polyphont zitiert die Königin nochmals nach dem Tempel, Merope +selbst schreiet, + + Courons tous vers le temple où m'attend mon outrage; + +und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie, + + Vous venez à l'autel entraîner la victime. + +Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel +sein, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut +Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch +einmal wieder, und schickt auch die Königin noch einmal wieder. +Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten +und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen +sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der +dritte und vierte Akt schließen bloß, damit der vierte und fünfte wieder +anfangen können. + + + + +Sechsundvierzigstes Stück +Den 6. Oktober 1767 + +Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich +beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten +verstanden zu haben. + +Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die +Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus +jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene +notwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu +gekommen wäre. Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen +haben mußten und diese Menge immer die nämliche blieb, welche sich weder +weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben +wegbleiben konnte, als man gewöhnlichermaßen der bloßen Neugierde wegen +zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen +und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und +ebendenselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich +denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, daß +sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren. +Denn sie ließen sich diesen Zwang einen Anlaß sein, die Handlung selbst +so zu simplifizieren, alles Überflüssige so sorgfältig von ihr abzusondern, +daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein +Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am +glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit +und des Ortes verlangte. + +Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen +Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stücke +schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplizität kennenlernten, +betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener +Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung +unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und +verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur +immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch gänzlich +entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmöglich öfters +dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren +völligen Gehorsam aufzukündigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen. +Anstatt eines einzigen Ortes führten sie einen unbestimmten Ort ein, +unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden könne; genug, wenn +diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlägen und keiner +eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nämliche Verzierung +ungefähr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der +Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine +gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne +hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal +zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin +ereignen, ließen sie für einen Tag gelten. + +Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich +auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre +das Brett, wo es am dünnsten ist.--Aber ich muß meinen Nachbar nur auch +da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den +astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da +pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die französischen +Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der +Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit, +die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei +diesen Elementen länger aufzuhalten. + +Möchten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und +an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die +Schönheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen! + +Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren +nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei öfters spricht +und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, über die +heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund +legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; das Volk +in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften und weibisch machen +können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der +Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen +unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen? +So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch +keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und +wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber +mitunter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von +dieser Art über die Zunge bringt. Z.E. + + --Des Dieux quelquefois la longue patience + Fait sur nous à pas lents descendre la vengeance-- + +Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie +nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu +neuen Verbrechen aufmuntert: + + Eh bien, encor ce crime!-- + +Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich +schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso +verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von +Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bei dem Opfer +gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwören? In +den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter? +Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er +hat sich für seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth +verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit +eins zu entscheiden; und diesen tollkühnen Aegisth läßt er sich an dem +Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwert +werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen +Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und hält ihn +für seinen Freund. Warum hätte Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht +nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war +geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen +einkommen konnte, den ersten zu rächen. + +"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfährt, daß ihr Sohn +ermordet sei, will dem Mörder das Herz aus dem Leibe reißen und es mit +ihren Zähnen zerfleischen.[3] Das heißt, sich wie eine Kannibalin und +nicht wie eine betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall +beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französische Merope +delikater ist, als daß sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz, +beißen sollte: so dünkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut +Kannibalin, als die italienische.-- + + +----Fußnote + +[1] Atto III. Sc. I. + + ----Quando + Saran da poi sopiti alquanto, e queti + Gli animi, l'arte del regnar mi giovi. + Per mute oblique vie n'andranno a Stige + L'alme più audaci, e generose. A i vizi + I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie + Il freno allargherò. Lunga clemenza + Con pompa di pietà farò, che splenda + Su i delinquenti; a i gran delitti invito, + Onde restino i buoni esposti, e paghi + Renda gl' iniqui la licenza; ed onde + Poi fra se distruggendosi, in crudeli + Gare private il lor furor si stempri. + Udrai sovente risonar gli editti. + E raddopiar le leggi, che al sovrano + Giovan servate, e transgredite. Udrai + Correr minaccia ognor di guerra esterna; + Ond' io n'andrò su l'atterrita plebe + Sempre crescendo i pesi, e peregrine + Milizie introdurrò.-- + +[2] + Si ce fils, tant pleuré, dans Messène est produit, + De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit. + Crois-moi, ces préjugés de sang et de naissance + Revivront dans les coeurs, y prendront sa défense. + Le souvenir du père, et cent rois pour aïeux, + Cet honneur prétendu d'être issu de nos Dieux; + Les cris, le désespoir d'une mère éplorée. + Détruiront ma puissance encor mal assurée. + +[3] + Quel scelerato in mio poter vorrei + Per trarne prima, s'ebbe parte in questo + Assassinio il tiranno; io voglio poi + Con una scure spalancargli il petto, + Voglio strappargli il cor, vogho co' denti + Lacerarlo, e sbranarlo-- + +----Fußnote + + + + +Siebenundvierzigstes Stück +Den 9. Oktober 1767 + +Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, daß man den Menschen mehr nach +seinen Taten, als nach seinen Reden richten muß; daß ein rasches Wort, in +der Hitze der Leidenschaft ausgestoßen, für seinen moralischen Charakter +wenig, eine überlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich +wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewißheit, in welcher sie von +dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer überläßt, die immer +das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie unglücklich ihr +abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid über alle Unglückliche +erstrecket: ist das schöne Ideal einer Mutter. Merope, die in dem +Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit +erfährt, von ihrem Schmerze betäubt dahinsinkt, und plötzlich, sobald sie +den Mörder in ihrer Gewalt höret, wieder aufspringt und tobet und wütet +und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und +wirklich vollziehen würde, wenn er sich eben unter ihren Händen befände: +ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in +welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schönheit und +Rührung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt, +Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die +Henkerin sein, nicht töten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre +Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich +wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken; +eine Mutter, wie es jede Bärin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle +wem da will; mir sage er es nur nicht, daß sie ihm gefällt, wenn ich ihn +nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll. + +Vielleicht dürfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des +Stoffes machen; vielleicht dürfte er sagen, Merope müsse ja wohl den +Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de théâtre, +den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser +ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde +sich wiederum irren und die willkürlichen Abweichungen des Maffei +abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß +Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert +nicht, daß sie es mit aller Überlegung tun muß. Und so scheinet sie es +auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel +des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kömmt +und sagt der Königin weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte +sie gehört, daß ein Fremder angelangt sei, der sich rühme, ihn umgebracht +zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie +ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller +Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung +geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war +sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienser +zitterten für den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu dürfen. Sie +zitterten für Meropen selbst, die durch die gutartigste Übereilung Gefahr +lief, die Mörderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber +machen mich bloß für den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so +ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den +Streich. Möchte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen, +so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie +so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache +in der ersten Hitze mit dem Mörder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie +ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und +verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze +zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz +zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der +Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Rüstung bei ihm +findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Sohnes, an +dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen, +Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich müßte +mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgepfiffen worden. + +Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die +veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des +Stoffes ist, habe ich schon berührt. Denn nach der Fabel des Hyginus +hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts +geheiratet; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripides diesen +Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe, +mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren +bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] hätten sie auch vor +funfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Denkungsart der +alten griechischen Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer +Männer überwanden und sie zu ihren zweiten Männern annahmen, wenn sie +sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen könne. +Ich erinnere mich etwas Ähnliches in dem griechischen Roman des +Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine +Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf +eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle +verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand. +Genug, daß das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt, +hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner "Merope" zu rechtfertigen, +wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten +Szenen einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; und ich sehe +mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch +weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter hätten werden +können. + +Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei +gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es einen +bessern geben könne, daß dieser bessere eben der sei, der schon vor +Alters befahren worden, so begnügte er sich, auf jenem ein paar +Sandsteine aus dem Gleise zu räumen, über die er meinet, daß sein +Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von +ihm beibehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von +ungefähr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige +Merkmale in den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sei? +Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdrücklichen +Vorsatze, sich zu rächen, nach Messene und gab sich selbst für den Mörder +des Aegisth aus: nur daß er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei +aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an der +es ihm der Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar +oben dem Maffei einige Gründe zu allen den Veränderungen, die er mit dem +Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich +bin weit entfernt, die Gründe für wichtig und die Veränderungen für +glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den +er aus den Fußtapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden. +Daß sich Aegisth nicht kennet, daß er von ungefähr nach Messene kommt und +per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrückt) für den Mörder des +Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr +verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwächt auch +das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wußte es der Zuschauer von dem +Aegisth selbst, daß er Aegisth sei, und je gewisser er es wußte, daß +Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte notwendig +das Schrecken sein, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid, +welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter +Zeit verhindert würde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir +es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein +könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick +versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhöret. Das Schlimmste dabei +ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den +Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gründe sind, aus welchen es +Merope selbst vermuten sollte, und daß wir ihn, besonders bei Voltairen, +nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuverlässiger kennen, als +sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gründen entweder +ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen +wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen +Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr +rühren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, daß sie nicht +besser darauf merket und sich von weit seichtern Gründen hinreißen läßt. +Beides aber taugt nicht. + + +----Fußnote + +[1] Acte II. Sc. 1. + + --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas. + L'exil où son enfance a langui condamnée + Lui serait moins affreux que ce lâche hyménée. + Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang, + Il n'en croyait ici que les droits de son sang; + Mais si par les malheurs son âme était instruite, + Sur ses vrais intérêts s'il réglait sa conduite, + De ses tristes amis s'il consultait la voix, + Et la nécessité souveraine des loix, + Il verrait que jamais sa malheureuse mère + Ne lui donna d'amour une marque plus chère. + Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures vérités + Que m'arrachent mon zèle et vos calamités. + Mer. Quoi! Vous me demandez que l'intérêt surmonte + Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte! + Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs! + Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs; + Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui résiste; + Il est sans héritier, et vous aimez Egiste.--. + +----Fußnote + + + + +Achtundvierzigstes Stück +Den 13. Oktober 1767 + +Es ist wahr, unsere Überraschung ist größer, wenn wir es nicht eher mit +völliger Gewißheit erfahren, daß Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope +selbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen einer Überraschung! Und was +braucht der Dichter uns zu überraschen? Er überrasche seine Personen, +soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn +wir, was sie ganz unvermutet treffen muß, auch noch so lange +vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und stärker +sein, je länger und zuverlässiger wir es vorausgesehen haben. + +Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunstrichter für +mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stücken", sagt Diderot,[1] +"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den +einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des +Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen? +Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen +man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben +muß. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es +wissen; für diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne daß +sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in +Bewegung, so werden wir Zuschauer den nämlichen Bewegungen schon auch +nachgeben, sie schon auch empfinden müssen.--Weit gefehlt, daß ich mit +den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben, +glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen. +Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich +mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten +Szene verraten würde und aus diesem Umstande selbst das allerstärkeste +Interesse entspränge.--Für den Zuschauer muß alles klar sein. Er ist der +Vertraute einer jeden Person; er weiß alles, was vorgeht, alles was +vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers +tun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll. +--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst, +und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht +hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, sooft es ihm +beliebt!--Meine Gedanken mögen so paradox scheinen, als sie wollen: +soviel weiß ich gewiß, daß für eine Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem +Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich +ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das +Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis +eine kurze Überraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns +stürzen können, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht hätte!--Wer in +einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch +nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn +ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewitter über +meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darüber +verweilet?--Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen; +wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten, +daß der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein +undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu +ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte +entübrigen können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer +werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu +dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang +von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine +kurze Überraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die +Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle +der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so +große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person +vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder +Hoffnung erfüllet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann +sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker interessieren, als die +Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn +er Licht genug hat und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders sein +würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum +erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie +wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann." + +Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, für welchen von beiden +Planen sich Diderot erklären würde: ob für den alten des Euripides, wo +die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er +sich selbst; oder für den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings +angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Rätsel ist und dadurch +das ganze Stück "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht, +die weiter nichts als eine kurze Überraschung hervorbringen. + +Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken über die +Entbehrlichkeit und Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und +plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für +ebenso neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer +Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie +abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger +nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört +weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was +ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilektion für dieses Gegenteil +hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch +den besten Stücken der Alten abgesehen hatten. + +Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiß, daß er fast +immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen +wollte. Ja, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die +Verteidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so +sehr mißfallen. "Nicht genug", sagt Hédelin, "daß er meistenteils alles, +was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen +Hauptpersonen den Zuhörern geradezu erzählen läßt, um ihnen auf diese +Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters +einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und +durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch +geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die +Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von +weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der +Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen +sollen, gänzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stückes +vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Überraschung +beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte +so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit +höhern Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergötzung einer kindischen +Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine +Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel +wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich +die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich +müßte den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstößig sein, als +nur dieses, daß er uns die nötige Kenntnis des Vergangnen und des +Zukünftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht; +daß er ein höheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen +Anteil nimmt, dazu gebrauchet und daß er dieses höhere Wesen sich +geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung +mit der erzählenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann +bloß hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das +Nützliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns +verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der +Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn +das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, daß wir sie +durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht? +Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? In den +Lehrbüchern sondre man sie so genau voneinander ab, als möglich: aber +wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und +ebendemselben Werke zusammenfließen läßt, so vergesse man das Lehrbuch +und untersuche bloß, ob es diese höhere Absichten erreicht hat. Was geht +mich es an, ob so ein Stück des Euripides weder ganz Erzählung, noch ganz +Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser +Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten +eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heißen. Weil der Maulesel +weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten +lasttragenden Tieren?-- + + +----Fußnote + +[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die +Übers. + +[2] "Prâtique du Théâtre", Liv. III. chap. 1. + +----Fußnote + + + + +Neunundvierzigstes Stück +Den 16. Oktober 1767 + +Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu +sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus +beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die +dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese +in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der +im Grunde ebenso regelmäßig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es +nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stücken eine +Schönheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben. + +Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel +Ärgernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen +verständlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs, +vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der +Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind +beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr +weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht +alles den nämlichen Gang, den nämlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß +die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner sein würden, wenn wir +aus den Prologen nicht wüßten, daß der Ion, welchen Kreusa will vergiften +lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; daß die Kreusa, welche Ion von dem +Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Ion ist; +wenn wir nicht wüßten, daß an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum +Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten +einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die trefflichsten +Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu +vorbereitet genug sein: ohne daß ihr sagen könntet, sie brächen auf +einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten +nicht, sondern sie entständen; man wolle euch nicht auf einmal etwas +entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem +Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm +doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu +machen ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der +Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat. +Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heißt sehr +viel annehmen--daß Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel +Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel +mehr, wie er bei dieser großen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke, +dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her und +betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es +so gut, als wir, daß z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen könne; daß +er, ohne denselben, ein Stück sei, welches die Ungewißheit und Erwartung +des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit +und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst +in dem fünften Akte, daß Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es für ihn +nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten +Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des +Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte rächen will, sondern bloß +die Meuchelmörderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid +herkommen? Die bloße Vermutung, die sich etwa aus übereintreffenden +Umständen hätte ziehen lassen, daß Ion und Kreusa einander wohl näher +angehen könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen +sein. Diese Vermutung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer +diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war, +daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben +konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie ihm auf die +einzige mögliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise, +was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine +Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie sein soll; und wenn ihr noch +unwillig seid, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge +euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stücken, wo das Wesen der Form +aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads +"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem +alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin +ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und +ich werde euch nie beneiden! + +Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen +Dichtern nennet, so sahe er nicht bloß darauf, daß die meisten seiner +Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele +den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststück wäre ihm ja wohl bald +abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden und keine von +seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen ließe, würde +sich ebenso tragisch dünken dürfen, als Euripides. Aristoteles hatte +unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen +Charakter erteilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu +gehörte, vermöge der er nämlich den Zuschauern alle das Unglück, welches +seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer +auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese +Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen. +--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher +dürfte der Meinung sein, daß der Dichter dieser Freundschaft des +Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schönen +Sittensprüchen, den er so verschwendrisch in seinen Stücken ausstreuet. +Ich denke, daß er ihr weit mehr schuldig war; er hätte, ohne sie, ebenso +spruchreich sein können; aber vielleicht würde er, ohne sie, nicht so +tragisch geworden sein. Schöne Sentenzen und Moralen sind überhaupt +gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten +hören; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den +Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein; +in allen die ebensten und kürzesten Wege der Natur ausforschen und lieben; +jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem +Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was +ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so +einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!-- + +Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, daß es gut sein würde, wenn +er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns +mit der Überzeugung, daß der liebenswürdige unglückliche Jüngling, den +Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Mörder ihres +Aegisth hinrichten will, der nämliche Aegisth sei, sofort könne aussetzen +lassen. Aber der Jüngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand +da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn könnten kennen lernen. +Was tut also der Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen, +Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte +Narbas zuruft?--Oh, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen +Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er läßt, sobald der +unbekannte Jüngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen, +schönen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth" +setzen; und so weiter über jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir +es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei +diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan hätte, so dürften +wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht +es lang und breit! Freilich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person, +über deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben, +auf die Frage: + + --Narbas vous est connu? + Le nom d'Egiste au moins jusqu'à vous est venu? + Quel était votre état, votre rang, votre père? + +antwortet: + + Mon père est un vieillard accablé de misère; + Policlète est son nom; mais Egiste, Narbas, + Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas. + +Freilich ist es sehr sonderbar, daß wir von diesem Aegisth, der nicht +Aegisth heißt, auch keinen andern Namen hören; daß, da er der Königin +antwortet, sein Vater heiße Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heiße +so und so. Denn einen Namen muß er doch haben; und den hätte der Herr von +Voltaire ja wohl schon mit erfinden können, da er so viel erfunden hat! +Leser, die den Rummel einer Tragödie nicht recht gut verstehen, können +leicht darüber irre werden. Sie lesen, daß hier ein Bursche gebracht +wird, der auf der Landstraße einen Mord begangen hat; dieser Bursche, +sehen sie, heißt Aegisth, aber er sagt, er heiße nicht so, und sagt doch +auch nicht, wie er heiße: oh, mit dem Burschen, schließen sie, ist es +nicht richtig; das ist ein abgefeimter Straßenräuber, so jung er ist, so +unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken +in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, daß es für die erfahrnen +Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte +Jüngling ist, als gar nicht. Nur daß man mir nicht sage, daß diese Art sie +davon zu unterrichten, im geringsten künstlicher und feiner sei, als ein +Prolog im Geschmacke des Euripides!-- + + + + +Funfzigstes Stück +Den 20. Oktober 1767 + +Bei dem Maffei hat der Jüngling seine zwei Namen, wie es sich gehört; +Aegisth heißt er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn +der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur +unter jenem eingeführt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stücks +als kein geringes Verdienst an, daß dieses Verzeichnis den wahren Stand +des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den +Überraschungen noch größere Liebhaber, als die Franzosen.-- + +Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an +diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei +und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung +nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine +lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beiläufiger +Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie +die doch wohl sein müssen, die sich mit Komödienschreiben abgeben; +anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von +Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser +artigen Sächelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte, +trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen +über das, was in einer Tragödie sein sollte und nicht sein sollte; +mitunter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen? +Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angeführt!--Doch im +Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr sein, +wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre +Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie +vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur +besser vertragen wollten. + +Über die "Merope" indes muß ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich +wollte eigentlich nur erweisen, daß die "Merope" des Voltaire im Grunde +nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich +erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern +ebendieselbe Verwicklung und Auflösung machen, daß zwei oder mehrere +Stücke für ebendieselben Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire +mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit +ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier für weiter nichts, +als für den Übersetzer und Nachahmer desselben zu erklären. Maffei hat +die "Merope" des Euripides nicht bloß wieder hergestellet; er hat eine +eigene "Merope" gemacht: denn er ging völlig von dem Plane des Euripides +ab; und in dem Vorsatze, ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem +das ganze Interesse bloß aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe, +schuf er die ganze Fabel um; gut oder übel, das ist hier die Frage nicht; +genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze +so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, daß Merope mit dem Polyphont +nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus +welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermählung +dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Merope +sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von +seinem vermeintlichen Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall, +der den Aegisth als einen Mörder nach Messene bringt; er entlehnte von +ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten +wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe, +wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den +Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Händen +sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte, +Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht +auch die ganze Auflösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei +welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung +verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und +vielleicht, daß er, bloß darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die +Verbindung mit Meropen fallen ließ, um dieses Opfer desto natürlicher +anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach. + +Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom +Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt daß, beim Maffei, +Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhen in +Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der +unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beim Maffei, +Aegisth von einem Räuber auf der Straße angefallen wird, läßt er ihn in +einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten überfallen werden, die es +ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Herakliden, den Gott des +Tempels für die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt daß beim Maffei +Aegisth durch einen Ring in Verdacht gerät, läßt Voltaire diesen Verdacht +durch eine Rüstung entstehen usw. Aber alle diese Veränderungen betreffen +die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind +und auf die Ökonomie des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch +wollte ich sie Voltairen noch gern als Äußerungen seines schöpferischen +Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen +vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will +mich an dem mitte1sten von den angeführten Beispielen erklären. Maffei +läßt seinen Aegisth von einem Räuber angefallen werden, der den +Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern +einer Brücke über die Pamise; Aegisth erlegt den Räuber und wirft den +Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden +würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein +Räuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den +Beutel nehmen will, ist für mein feines, edles Parterr ein viel zu +niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht, +der dem Aegisth als einem Anhänger der Herakliden zu Leibe will. Und +warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto +größer, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem +ältrern gemacht wird, kann hernach für den Narbas genommen werden. Recht +gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen +von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er trägt den +toten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der +leeren Landstraße in den nahen Fluß; das ist ganz begreiflich: aber aus +dem Tempel in den Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in +diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch +nicht. Das Wie ließe sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis +Aegisth trägt den Körper in den Fluß, weil er sonst verfolgt und erkannt +zu werden fürchtet; weil er glaubt, wenn der Körper beiseite geschafft +sei, daß sodann nichts seine Tat verraten könne; daß diese sodann, +mitsamt dem Körper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens +Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite hätte nicht entkommen +müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben davongetragen zu haben? +Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten +beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn +andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was +hilft es dem Mörder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier +ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hätte er +sparen und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu +kommen. Freilich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser +geworfen werden; es war Voltairen ebenso nötig als dem Maffei, daß Merope +nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden +konnte; nur daß, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er +bei jenem bloß dem Dichter zu Gefallen tun muß. Denn Voltaire korrigierte +die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache +brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Bedürfnis abhängt. + +Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht +hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nämlich, durch welche er +den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Mörder ihres +Sohnes zu rächen, unterdrückt und dafür die Erkennung von seiten des +Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich +den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz +vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der +vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das +Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte geteilet werden können. Denn daß +Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggeführet wird und die Vertiefung +sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht +ein Haar besser, als die übereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem +Maffei rettet, und über die Voltaire seinen Lindelle so spotten läßt. +Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natürlicher; wenn der Dichter +nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht +gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen +gegeneinander vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire die Erkennung +überhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht hätte dehnen +müssen, um fünf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal +über cette longue carrière de cinq actes qui est prodigieusement +difficile à remplir sans épisodes--Und nun für diesesmal genug von +der "Merope"! + + +----Fußnote + +[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si è levato quell' errore, comunissimo +alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per +conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi +messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto. + +----Fußnote + + + + +Einundfunfzigstes Stück +Den 23. Oktober 1767 + +Den neununddreißigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der +verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1] + +Chevrier sagt,[2] daß Destouches sein Stück aus einem Lustspiele des +Campistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen "Jaloux +désabusé" geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten +Philosophen" haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig +bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgendeinem deutschen Theater wäre +gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte +also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem +Vorgeben des Chevrier sei. + +Die Fabel des Campistronschen Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das +ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und um dieses nicht +herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber +die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um +ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf +alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschiedne junge +Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich +um ihre Schwägerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt; +der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den +vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die +Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner +Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann +sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem +Ungrunde seiner Eifersucht überzeugt wird. + +Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen" +Ähnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus +dem zweiten Akte des Campistronschen Stücks, zwischen Dorante, so heißt +der Eifersüchtige, und Dubois, seinem Sekretär. Diese wird gleich zeigen, +was Chevrier gemeiner hat. + +"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn? + +Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige +Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat +mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird, +mich zu martern, zu peinigen-- + +Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker? + +Dorante. Meine Frau. + +Dubois. Ihre Frau, mein Herr? + +Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur +Verzweiflung. + +Dubois. Hassen Sie sie denn? + +Dorante. Wollte Gott! So wäre ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und +liebe sie so sehr--Verwünschte Qual! + +Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig? + +Dorante. Bis zur Raserei. + +Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von +jeher über alles, was Eifersucht heißt,-- + +Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran! +Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinreißen zu +lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich über die +Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und +ich stimmte nicht bloß ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton. +Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was für albernes Zeug habe ich nicht +gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfui, wie schmeckt das +nach dem kleinstädtischen Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht +allen Willen läßt, ist ein Bär! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch +andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins Tollhaus. So sprach +ich, und mich hätte man da sollen ins Tollhaus schicken.-- + +Dubois. Aber warum sprachen Sie so? + +Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es ließe +noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie +verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Mädchen +vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben; +die soll in meiner Denkungsart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt +nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen +sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich +schöner, täglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte +je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie-- + +Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden! + +Dorante. Denn ich bin so eifersüchtig!--Daß ich mich schäme, es auch +nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und +verdächtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe +ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause +zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmeicheleien, +die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere +erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre +himmlischen Augen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst +reizend, höchst anbetungswürdig; und immer schließt sich ihr +verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein +glücklicher, was für ein beneidenswürdiger Mann ich bin. + +Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu. + +Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter! +Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest +du erst sehen und hören! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen +Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall +jagt den andern, eine boshafte Spötterei die andere, ein kitzelndes +Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit +Liebäugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich +erwidert, daß--daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du +glauben, Dubois? ich muß es wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand +küssen. + +Dubois. Das ist arg! + +Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was würde die Welt +dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn ich meinen +Verdruß auslassen wollte? Die Kinder auf der Straße würden mit +Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein +Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw." + + +Diese Situation muß es sein, in welcher Chevrier das Ähnliche mit dem +"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des +Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich +ehedem über diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schämt sich +auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil +er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand für +den einzigen erklärt hatte, der einem freien und weisen Manne anständig +sei. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Scham sie nicht beide +in mancherlei ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die, +in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau +verlangt, ihm die überlästigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber +ihn bedeutet, daß das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen +müsse, fast die nämliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich +Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, daß er sich auf +Meliten keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige, +wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten +und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefähr auf gleiche Weise, als +hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel +viel zu klug und vorsichtig sei, als daß er sich zu so einer Torheit, wie +das Heiraten, sollte haben verleiten lassen. + +Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stücke +notwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir +ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch +nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche +Situationen geraten; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk, +die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen und +ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die +Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück +Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der +Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und +Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Ähnliche Situationen +geben also ähnliche Tragödien, aber nicht ähnliche Komödien. Hingegen +geben ähnliche Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den +Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen. + +Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines +Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbänden aus der +Königlichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu +dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stück betreffende Anekdote. Der +Dichter nämlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen +Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der +Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis früher ausgeplaudert, als +ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten +Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es +seinem Sohne nicht glauben?--so dürfte die vermeinte Nachahmung des +Campistron um so eher wegfallen. + + +----Fußnote + +[1] S. den 5. und 7. Abend + +[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135. + +----Fußnote + + + + +Zweiundfunfzigstes Stück Den 27. Oktober 1767 + +Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels +"Triumph der guten Frauen" aufgeführet. + +Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es +war, soviel ich weiß, das letzte komische Werk des Dichters, das seine +frühern Geschwister unendlich übertrifft und von der Reife seines Urhebers +zeuget. "Der geschäftige Müßiggänger" war der erste jugendliche Versuch +und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz +verzeihe es denen und räche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin +gefunden haben! Er enthält das kalteste, langweiligste Alltagsgewäsche, +das nur immer in dem Hause eines meißnischen Pelzhändlers vorfallen kann. +Ich wüßte nicht, daß er jemals wäre aufgeführt worden, und ich zweifle, +daß seine Vorstellung dürfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist +um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist, +den Molière in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlaß +zu diesem Stücke wollte genommen haben.[1] Molières Geheimnisvoller ist +ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels +Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen +will, um von den Wölfen nicht gefressen zu werden. Daher kömmt es auch, +daß er so viel Ähnliches mit dem Charakter des Mißtrauischen hat, den +Cronegk hernach auf die Bühne brachte. Beide Charaktere aber, oder +vielmehr beide Nuancen des nämlichen Charakters, können nichts anders +als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und +häßlichen Seele sich finden, daß ihre Vorstellungen notwendig mehr +Mitleiden oder Abscheu erwecken müssen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle" +ist wohl sonst hier aufgeführet worden; man versichert mich aber auch +durchgängig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr +begreiflich, daß man ihn läppischer gefunden habe, als lustig. + +"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgeführet +worden, und sooft er noch aufgeführet worden, überall und jederzeit einen +sehr vorzüglichen Beifall erhalten; und daß sich dieser Beifall auf wahre +Schönheiten gründen müsse, daß er nicht das Werk einer überraschenden +blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach +Lesung des Stücks, zurückgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefällt es +um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen +gesehen, dem gefällt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es +die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen übrigen Lustspielen, als +diese überhaupt dem gewöhnlichen Prasse deutscher Komödien vorgezogen. + +"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschäftigen Müßiggänger': die +Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Müßiggänger, +solche in ihre Kinder vernarrte Mütter, solche schalwitzige Besuche und +solche dumme Pelzhändler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so +handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine +Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gähnte +vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher +Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren +Handlungen, echten Witz in ihren Gesprächen und den Ton einer feinen +Lebensart in ihrem ganzen Umgange." + +Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat, +ist der, daß die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider +muß man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu +sehr an fremde, und besonders an französische Sitten gewöhnt, als daß er +eine besonders üble Wirkung auf uns haben könnte. + +"Nikander", heißt es, "ist ein französischer Abenteurer, der auf +Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste +gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stürzen, aller Frauen +Verführer und aller Männer Schrecken zu werden sucht, und der bei allem +diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten +und Grundsätze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! daß ein +Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben +muß.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit +verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, kömmt auf den +Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt +ihm, unter dem Namen Philint, in alle Häuser nach, wo er Avanturen sucht. +Philint ist witziger, flatterhafter und unverschämter als Nikander. Das +Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem +frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen läßt, stehet Nikander da wie +verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die +Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und +glücklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten +Petitmaitre ist gewiß kein Deutscher." + +"Was mir", fährt er fort, "sonst an diesem Lustspiele mißfällt, ist der +Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen, +zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu häßlichen Seite. Er +tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwürdigste und hat +recht seine Lust, sie zu quälen. Grämlich, sooft er sich sehen läßt, +spöttisch bei den Tränen seiner gekränkten Frau, argwöhnisch bei ihren +Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen +durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersüchtig, +hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden können, in seiner +Frauen Kammermädchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als +daß wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen könnten. Der Dichter gibt +ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswürdigen +Herzens nicht genug entwickeln können. Er tobt, und weder Juliane noch +die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum +gehabt, seine Besserung gehörig vorzubereiten und zu veranstalten. Er +mußte sich begnügen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die +Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine, +dieses edelmütige Kammermädchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte, +sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen +sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Mädchen +im Hause ist, möchte ich nicht für die Aufrichtigkeit stehen." + +Ich freue mich, daß die beste deutsche Komödie dem richtigsten deutschen +Beurteiler in die Hände gefallen ist. Und doch war es vielleicht die +erste Komödie, die dieser Mann beurteilte. + + +----Fußnote + +[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4. + + C'est de la tête aux pieds un homme tout mystère, + Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil égaré, + Et sans aucune affaire est toujours affairé. + Tous ce qu'il vous débite en grimaces abonde. + A force de façons il assomme le monde. + Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien, + Un secret à vous dire, et ce secret n'est rien. + De la moindre vétille il fait une merveille, + Et, jusqu' au bon jour, il dit tout à l'oreille. + +[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133. + +----Fußnote + + +Ende des ersten Bandes + + + + + +Zweyter Band + + + +Dreiundfunfzigstes Stück +Den 3. November 1767 + +Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und +"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade +heraus,[2] "führet den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk +des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von +Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die +Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so +ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fügt er hinzu, y a laissé +81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von +einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim +verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier +keinen andern Beweis hatte, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es +sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französischen Verse kommen überhaupt +der Prosa so nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem etwas +gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß sich nicht von selbst ganze +Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade +denjenigen, die gar keine Verse machen, können dergleichen Verse am +ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum haben und +es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen. + +Was hat "Cenie" sonst für Merkmale, daß sie nicht aus der Feder eines +Frauenzimmers könne geflossen sein? "Das Frauenzimmer überhaupt", sagt +Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige, +und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken +glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack, +nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Es +kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich +durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer, +welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende +verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwünge, +die ihr Entzückendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den +Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen." + +Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen, +so muß "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst +würde so nicht schließen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer +überhaupt absprechen zu müssen glaube, wolle er darum keiner Frau +insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas à une femme, mais aux femmes +que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf +Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin +derselben anführt. Dabei merke man wohl, daß Graffigny seine Freundin +nicht war, daß sie Übels von ihm gesprochen hatte, daß er sich an eben +der Stelle über sie beklagt. Demohngeachtet erklärt er sie lieber für +eine Ausnahme seines Satzes, als daß er im geringsten auf das Vorgeben +des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel, +Freimütigkeit genug gehabt hätte, wenn er nicht von dem Gegenteile +überzeugt gewesen wäre. + +Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser +Abt, wie Chevrier wissen will, hat für die Favart gearbeitet. Er hat die +komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice, +von der er sagt, daß sie kaum lesen könne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer, +der in Paris darüber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, daß die +Gassenhauer in der französischen Geschichte überhaupt unter die glaub- +würdigsten Dokumente gehören. + +Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen +in die Welt schicke, ließe sich endlich noch begreifen. Aber warum er +sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten +vorziehen möchte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr +als ein Stück aufführen und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als +den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen. +Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen +wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke +würde getan haben?-- + +Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die +Frauenschule" von Molière aufgeführt. + +Molière hatte bereits seine "Männerschule" gemacht, als er im Jahre 1662 +diese "Frauenschule" darauf folgen ließ. Wer beide Stücke nicht kennet, +würde sich sehr irren, wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den +Männern, ihre Schuldigkeit geprediget würde. Es sind beides witzige +Possenspiele, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller +Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar +alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Männerschule" heißen müßten, +wenn Molière weiter nichts darin hätte lehren wollen, als daß das dümmste +Mädchen noch immer Verstand genug habe, zu betrügen, und daß Zwang und +Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit. +Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht +viel zu lernen; es wäre denn, daß Molière mit diesem Titel auf die +Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen hätte, +mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden. + +"Die zwei glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie", sagt Trublet, +[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille +und Molière bearbeitet worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch +nicht hatten. Diese Anmerkung", fügt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von +Fontenelle." + +Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt hätte, wie er dieses +meine. Oder falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch +auch seinen Lesern mit ein paar Worten hätte verständlich machen wollen. +Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit +diesem Rätsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder +Trublet hat sich verhört. + +Wenn indes, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der "Frauenschule" +so besonders glücklich ist und Molière in der Ausführung desselben nur zu +kurz gefallen: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht viel +einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus +einer spanischen Erzählung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die +vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spaßhaften Nächten" des +Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage +vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, daß +dieser Freund sein Nebenbuhler ist. + +"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stück von einer +ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzählung, aber doch so +künstliche Erzählung ist, daß alles Handlung zu sein scheinet." + +Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, daß man die neue +Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger künstlich, Erzählung bleibt +immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen +sehen.--Aber ist es denn auch wahr, daß alles darin erzählt wird? daß +alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurf +nicht wieder aufwärmen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob +zu verkehren, hätte er wenigstens die Antwort beifügen sollen, die +Molière selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzählungen +nämlich sind in diesem Stücke, vermöge der innern Verfassung desselben, +wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung +erforderlich ist; und es ist bloße Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier +streitig zu machen.[6] Denn es kömmt ja weit weniger auf die Vorfälle an, +welche erzählt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfälle auf +den betrognen Alten machen, wenn er sie erfährt. Das Lächerliche dieses +Alten wollte Molière vornehmlich schildern; ihn müssen wir also +vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebärdet; +und dieses hätten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er +erzählen läßt, vor unsern Augen hätte vorgehen lassen, und das, was er +vorgehen läßt, dafür hätte erzählen lassen. Der Verdruß, den Arnolph +empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruß zu verbergen; der +höhnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz +nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der +wir ihn sehen, wenn er vernimmt, daß Horaz demohngeachtet sein Ziel +glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen, +als alles, was außer der Szene vorgeht. Selbst in der Erzählung der +Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr +Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der +Bühne wirklich machen sähen. + +Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, daß alles darin Handlung +scheine, obgleich alles nur Erzählung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte +sagen zu können, daß alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzählung +zu sein scheine. + + +----Fußnote + +[1] S. den 23. und 29. Abend + +[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211. + +[3] à d'Alembert, p. 133. + +[4] à d'Alembert, p. 78. + +[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295. + +[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les +récits eux-mêmes y sont des actions suivant la constitution du sujet. + +----Fußnote + + + + +Vierundfunfzigstes Stück +Den 6. November 1767 + +Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die +Mütterschule" des La Chaussée, und den vierundvierzigsten Abend (als den +15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1] + +Da die Engländer von jeher so gern domestica facta auf ihre Bühne +gebracht haben, so kann man leicht vermuten, daß es ihnen auch an +Trauerspielen über diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist +das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglückliche Liebling, oder Graf +von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall. +Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenède von +1638; des Boyer von 1678, und des jüngern Corneille von ebendiesem Jahre. +Wollten indes die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin nicht +möchten zuvorgekommen sein, so würden sie sich vielleicht auf Daniels +"Philotas" beziehen können; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die +Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden +glaubte.[2] + +Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu +haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime +Geschichte der Königin Elisabeth und des Grafen von Essex" führet,[3] wo +er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn bloß +zu dialogieren, ihm bloß die äußere dramatische Form zu erteilen brauchte. +Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angeführten +Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern +nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können. + +"Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu +machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königin für +ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden +beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter +nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt +hat. Burleigh, der erste Minister der Königin, der auf ihre Ehre sehr +eifersüchtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit +welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unablässig, ihn verdächtig zu +machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des +Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Gräfin +von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte, +nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie +nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemütsart des +Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf +folgende Weise. + +Die Königin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr +ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen +gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden +Scharmützeln sahe sich der Graf genötiget, mit dem Feinde in Unterhandlung +zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr +abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret +stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben +ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Königin +als ihrer Ehre höchst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger +Beweis vorgestellet, daß Essex mit den Rebellen in einem heimlichen +Verständnisse stehen müsse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern +Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats +anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist, +daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht +bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation +erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid +seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger +Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er +erhebt die Gerechtigkeit der Königin, einen solchen Mann nicht +unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor diesesmal schweigen. +(Erster Akt.) + +Indes ist die Königin mit der Aufführung des Grafen nichts weniger als +zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen, +und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu +Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die +Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde +bei ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu +rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der +Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königin ungeachtet, +nach England über. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden +ebensoviel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die +Gräfin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den +Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königin, da sie sieht, daß ihr +durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten, +wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verraten will, die sie gern vor der +ganzen Welt verbergen möchte. Die Erwägung ihrer Würde, zu welcher ihr +natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt, +erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich +selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den +geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen +sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letztern, +doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn +auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine +Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham +sind bei dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königin ist auf die letztere +gelehnet und scheinet tief im Gespräche zu sein, ohne den Grafen nur ein +einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen, +verläßt sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit +ihr meinen, ihr zu folgen und den Verräter allein zu lassen. Niemand darf +es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab, +kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei +seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königin den Burleigh +und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich +aber, ihn in andere, als in der Königin eigene Hände, zurückzuliefern, und +beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr +verächtlich begegnet. (Zweiter Akt.) + +Die Königin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist +äußerst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann +weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt, +noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der +Fülle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als +jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt +befiehlt sie, demohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden soll. Er +kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu verteidigen. Doch die Gründe, +die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie +ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm, +um der geheimen Neigung, die sie für ihn hegt, ein Genüge zu tun; aber +zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung +dessen, was sie sich selbst, als Königin, schuldig zu sein glaubt. Und +nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine +Ungestümheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Füßen und bedient +sich verschiedner Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klingen, als daß +sie den Zorn der Königin nicht aufs höchste treiben sollten. Auch +antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich +um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nämlich, +anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem +Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königin, daß es nicht +sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau +ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich tätlich an ihr zu +vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt +seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem +Burleigh und Raleigh ihren niederträchtigen Neid, sowie der Königin ihre +Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wut; und niemand +als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt +eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.) + +Der Graf gerät über sein Unglück in Verzweiflung; er läuft wie unsinnig +in der Stadt herum, schreiet über das ihm angetane Unrecht und schmähet +auf die Regierung. Alles das wird der Königin, mit vielen Übertreibungen, +wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern. +Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen +und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Prozeß gemacht +werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Königin gelegt und +günstigern Gedanken für den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn +also, ehe er zum Verhöre geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet, +nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar +befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit +zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald +er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast +aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie +gleich darauf erfährt, daß er mit der Rutland vermählt ist; und es von der +Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.) + + +----Fußnote + +[1] S. den 26. und 30. Abend. + +[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147. + +[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99. + +----Fußnote + + + + +Fünfundfunfzigstes Stück +Den 10. November 1767 + +Was die Königin gefürchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen +schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund +Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königin, +den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche +freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verraten würde, die +keiner Königin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den +Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes, +daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu +ihm und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt +sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das +kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demütigsten Bitte an die +Königin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet; +nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu +rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet +sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest +entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Äußerste +ankommen zu lassen, daß die Königin dem Berichte kaum glauben kann, nach +wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl +erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr +die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen, +nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie +sich einbildet, daß Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr +empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert, +seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht rät +sie der Königin auch, seiner Gemahlin, der Gräfin von Rutland, zu +erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königin williget +in beides, aber zum Unglücke für die grausame Ratgeberin; denn der Graf +gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Königin, die sich eben in dem +Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet, +erhält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den +Ring gegeben und sie durch diese Verräterin um sein Leben bitten lassen. +Sogleich schickt sie und läßt die Vollstreckung des Urteils untersagen; +doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr +damit geeilet, daß die Botschaft zu spät kömmt. Der Graf ist bereits tot. +Die Königin gerät vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche +Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde +des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen." + +Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der "Essex" des Banks ein +Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Übereinstimmung ist, als sich in +dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die +Geschichte gehalten, nur daß er verschiedne Begebenheiten näher zusammen +gerückt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal +seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig +erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon +angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bei einer ganz +andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist +begreiflicher, daß die Königin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben, +da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses +Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer +eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu +gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie +teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese +Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er +unglücklicherweise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was +braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen? +Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht +mächtig zu sein, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will? +Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben +gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den +mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloß +um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten, +er mag wieder in ihre Hände kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch +die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung +des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache +seiner tödlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht +kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen? + +So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung. +Mich dünkt, er würde eine weit bessere tun, wenn ihn die Königin ganz +vergessen hätte und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget +würde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld +des Grafen noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des +Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen +sein, und bloß der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edelmut +nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf +seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königin zu sehr wider ihn +eingenommen sei, als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie +also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die +Überzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung +ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, für +unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber +nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet, +gerecht und erkenntlich zu sein. + +Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück eingeflochten.-- +Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig! +Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der +Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire +darüber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwürdig. +"Heutzutage", sagt er, "dürfte man es nicht wagen, einem Helden eine +Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gäben. Nicht +einmal in der Komödie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das +einzige Exempel, welches man auf der tragischen Bühne davon hat. Es ist +glaublich, daß man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomödie +betitelte; und damals waren fast alle Stücke des Scudéry und des +Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange der Meinung +gewesen, daß sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit +gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst +ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen, +weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in +allem Ernste betrübt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles +schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie +sehr er meistenteils damit verunglückt! + +Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der +tragischen Bühne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht +gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein +diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrät beides; und nur das letztere +noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der +Tragikomödie hinzufügt, ist ebenso unrichtig. Tragikomödie hieß die +Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen +vergnügten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar +nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille +hernach sein Stück eine Tragödie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte, +daß eine Tragödie notwendig eine unglückliche Katastrophe haben müsse. +Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloß im +Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen. +Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem +sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem +einfiel, gewisse von ihren dramatischen Mißgeburten so zu nennen.[1] Wenn +aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt hätte, so wäre +es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet. +Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und +der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus +sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist +ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo +ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische +Handlung größtenteils unter höhern Personen vorgehet, als man in der +Komödie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklärt sich darüber +deutlich genug: + + Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia: + Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia + Reges quo veniant et di, non par arbitror. + Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet, + Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam. + + +----Fußnote + +[1] Ich weiß zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht +hat; aber das weiß ich gewiß, daß es Garnier nicht ist. Hédelin sagte: Je +ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter +ce titre à sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imité. (Prât. du +Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei hätten es die Geschichtschreiber des +französischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen +die leichte Vermutung des Hédelins zur Gewißheit und gratulieren ihrem +Landsmanne zu einer so schönen Erfindung. Voici la première +Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poème du Théâtre qui a +porté ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art +qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans +les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une +idée, qui n'a pas été inutile à beaucoup d'Auteurs du dernier siècle. +Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit frühere +spanische und italienische Stücke, die diesen Titel führen. + +----Fußnote + + + + +Sechsundfunfzigstes Stück +Den 13. November 1767 + +Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, daß +eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem +Höhern bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, daß +alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens +ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem +Beleidigten selbst gerächet, und auf eine ebenso eigenmächtige Art +gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche +Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt, +es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum +soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im +Gange sind: warum nicht auch hier? + +"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine +Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt +sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt +die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung +äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen, +und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene +Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen. + +Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der +Masken bedauern möchte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske +mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit +auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch +weniger gewahr. + +Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der +dramatische Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich +darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist. +Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es +ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen, +daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins +Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es +verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so +weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er +seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine +kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut +wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand +vor; nur verlange er nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr +Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die +er ihn vorstellen läßt. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine +Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider +einzuwenden haben? + +Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder +höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den +sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen, +einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig!--Und wenn sie +das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der +gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache werden soll, und +wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht +hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was +unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muß, soll dennoch +aus der Tragödie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komödie, weil +es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen, +sollen wir ein andermal nicht erschrecken können? + +Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen möchte, +so wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann sie da haben? +Traurige? die sind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr und +gehören dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Mühe, sie +geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer +sie bekömmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also +den beiden Extremis, der Tragödie und dem Possenspiele; die mehrere +dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder spotten oder +zittern wollen. + +Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger +Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen, +wenn der großsprecherische Gormas den alten würdigen Diego zu schlagen +sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen, und +den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal +alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung +nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung +und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung +auf ihn hat, nicht tragisch sein? + +Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von +einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt +eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art, +mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu lächeln +machte, der biß sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die +Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den +Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt. + +Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige +vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs +stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; für jede andere würde +sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten +aufzuopfern. Für diese einzige läßt das Pundonor weder Entschuldigung +noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabei +einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Denkungsart +den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego +zufriedenzustellen, sehr wohl antworten: + + Ces satisfactions n'apaisent point une âme: + Qui les reçoit n'a rien, qui les fait se diffame. + Et de tous ces accords l'effet le plus commun, + C'est de déshonorer deux hommes au lieu d'un. + +Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen, +dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt +also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem +Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus +dem Gedächtnisse und aus seiner Empfindung. + +In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daß sie eine +Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau +und Königin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Über die +handfertige wehrhafte Frau würde er spotten; denn eine Frau kann weder +schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souverän, +dessen Beschimpfungen unauslöschlich sind, da sie von seiner Würde eine +Art von Gesetzmäßigkeit erhalten. Was kann also natürlicher scheinen, +als daß Essex sich wider diese Würde selbst auflehnet und gegen die Höhe +tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wüßte wenigstens +nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich hätte machen +können. Die bloße Ungnade, die bloße Entsetzung seiner Ehrenstellen +konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so +knechtische Behandlung außer sich gebracht, sehen wir ihn alles, was +ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit +Entschuldigung unternehmen. Die Königin selbst muß ihn aus diesem +Gesichtspunkte ihrer Verzeihung würdig erkennen; und wir haben so +ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen +scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekränkten Ehre +tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht. + +Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt, +war über die Wahl eines Königs von Irland. Als er sahe, daß die Königin +auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr verächtlichen +Gebärde den Rücken. In dem Augenblicke fühlte er ihre Hand, und seine +fuhr nach dem Degen. Er schwur, daß er diesen Schimpf weder leiden könne +noch wolle; daß er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht würde +erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den +Kanzler Egerton über diesen Vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten +Stolze abgefaßt, und er schien fest entschlossen, sich der Königin nie +wieder zu nähern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer +völligen Gnade und in der völligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings. +Diese Versöhnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr +schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war. +In diesem Falle war er wirklich ein Verräter, der sich alles gefallen ließ, +bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht, +den ihm die Königin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die +Ohrfeige; und der Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünfte verblendete +ihn so, daß er ohne alle Überlegung losbrach. So finden wir ihn in der +Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen +Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine +treulosen Absichten gegen seine Königin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler +einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloß durch +die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war. + + + + +Siebenundfunfzigstes Stück +Den 17. November 1767 + +Banks hat die nämlichen Worte beibehalten, die Essex über die Ohrfeige +ausstieß. Nur daß er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der +Welt, mitsamt Alexandern, beifügen läßt.[1] Sein Essex ist überhaupt +zuviel Prahler; und es fehlet wenig, daß er nicht ein ebenso großer +Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenède. Dabei erträgt er +sein Unglück viel zu kleinmütig und ist bald gegen die Königin ebenso +kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr +nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergißt, +ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwürdig. +In der Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst für +Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste +des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden +allzu vertraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine +Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet +hätten, übereinstimmen oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es +nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht +nutzen. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bei der Verstellung die +Würde desselben. + +Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau +bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige +Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem +Essex hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm +gewissermaßen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die +Elisabeth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Glut und +Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert +nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch +deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle, +usw. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht +nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man +sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken +Eifersucht verraten sie; sonst würde man sie schlechterdings für nichts, +als für seine Freundin halten können. + +Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion +zu setzen gewußt, das können folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen. +--Die Königin glaubt sich allein und überlegt den unglücklichen Zwang +ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres +Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr +nachgekommen.-- + +"Die Königin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein. + +Nottingham. Verzeihe, Königin, daß ich so kühn bin. Und doch +befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu sein.--Dich bekümmert +etwas. Ich muß fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung +bitten, daß ich es frage--Was ist's, das Dich bekümmert? Was ist es, +das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht +wohl? + +Die Königin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke +dir für deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines +Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu +lange. Es fängt an, meiner überdrüssig zu werden.--Neue Kronen sind +wie neue Kränze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne +neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet +sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen.--Erzähle mir +doch, was sagt man von der Überkunft des Essex? + +Nottingham.--Von seiner Überkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber +von ihm--er ist für einen so tapfern Mann bekannt-- + +Die Königin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verräter! + +Nottingham. Gewiß, es war nicht gut-- + +Die Königin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts? + +Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat. + +Die Königin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu +schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient.--Weit geringere Verbrechen +haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.-- + +Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel größerer +Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben? + +Die Königin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten +Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verräterei, die +größte von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder, +nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf +den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der +vorübergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen, +undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner +Königin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was +sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum +schweigst du? Willst du ihn noch vertreten? + +Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Königin, so will ich Dir alles +sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.-- + +Die Königin. Tu das!--Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir? + +Nottingham. Von Dir, Königin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit +Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm eines verstorbenen +Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen +ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den +heißesten Tränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen, +--dieses einzige, daß Du geruhen möchtest, ihren Beschwerden gegen +diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verräter nicht länger zu +schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande +vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern-- + +Die Königin. Wer hat mir vorzuschreiben? + +Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn +man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles +wider den Mann an, dessen Gemütsart so schlecht, so boshaft ist, daß +er es auch nicht der Mühe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie +stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht +anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbrämten Rock!--Daß +er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der +Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit, +welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von +ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über +ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein +glänzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des +Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und +herrschsüchtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stürzte-- + +Die Königin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus +dem Atem.--Ich will nichts mehr hören--(beiseite) Gift und Blattern +auf ihre Zunge!--Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas +auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften +Pöbels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel +das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er es +sagen möchte. + +Nottingham. Ich erstaune, Königin-- + +Die Königin. Worüber? + +Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden-- + +Die Königin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie gewünscht dir +dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal +glühte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich, +überzufließen, und jedes Wort, jede Gebärde hatte seinen längst +abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft. + +Nottingham. Verzeihe, Königin, wenn ich in dem Ausdrucke meine +Schuldigkeit gefehlet habe. Ich maß ihn nach Deinem ab. + +Die Königin. Nach meinem?--Ich bin seine Königin. Mir steht es frei, +dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch +hat er sich der gräßlichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig +gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit könnte dich +der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er +übertreten, keine Untertanen, die er bedrücken, keine Krone, nach der +er streben könnte. Was findest du denn also für ein grausames +Vergnügen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf +zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen? + +Nottingham. Ich bin zu tadeln-- + +Die Königin. Genug davon!--Seine Königin, die Welt, das Schicksal +selbst erklärt sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein +Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?-- + +Nottingham. Ich bekenne es, Königin, + +Die Königin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland +her.--" + + +----Fußnote + +[1] Act. III. + + --By all + The Subtilty, and Woman in your Sex, + I swear, that had you been a Man, you durst not, + Nay, your bold Father Harry durst not this + Have done--Why say I him? Not all the Harrys, + Not Alexander self, were he alive, + Should boast of such a deed on Essex done + Without revenge.-- + +----Fußnote + + + + +Achtundfunfzigstes Stück +Den 20. November 1767 + +Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich, +daß Rutland, ohne Wissen der Königin, mit dem Essex vermählt ist. + +"Die Königin. Kömmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt. +--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese +trübe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland; +ich will dir einen wackern Mann suchen. + +Rutland. Großmütige Frau!--Ich verdiene es nicht, daß meine Königin +so gnädig auf mich herabsiehet. + +Die Königin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe +ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der +Nottingham, der widerwärtigen!--einen Streit gehabt; und zwar--über +Mylord Essex. + +Rutland. Ha! + +Die Königin. Sie hat mich recht sehr geärgert. Ich konnte sie nicht +länger vor Augen sehen. + +Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen! +Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fühl' es; ich werde blaß--und +wieder rot.-- + +Die Königin. Was ich dir sage, macht dich erröten?-- + +Rutland. Dein so überraschendes, gütiges Vertrauen, Königin,-- + +Die Königin. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest.--Komm, +Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel, +liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider +den armen, unglücklichen Mann schreiet; was für Verbrechen es ihm zur +Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er +ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdrücklichen Befehl; +und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung +gelassen. + +Rutland. Darf ich Dir, Königin, wohl sagen, was ich denke?--Das +Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß +ist öfters so ungegründet-- + +Die Königin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber, +liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine +Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiß, man legt mir +es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen. +Sie vergessen, daß ich ihre Königin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat +mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann!-- + +Rutland. Siehe meine Tränen, Königin--Dich so leiden zu sehen, die +ich so bewundere!--Oh, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele, +und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu +beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen! + +Die Königin. Oh, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste +Rutland!--Sage, ist es nicht schade, daß so ein braver Mann ein +Verräter sein soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward, +sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu +wollen? + +Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königin, +gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hören! +mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem +Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören! + +Die Königin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören? + +Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte +Überlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht +mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttin ihres Geschlechts, so weit +über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten +bewundern, Schönheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein +größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit +verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem +alles überströmenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts übersteigt ihre +Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche +Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels +gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh, +unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues +Herz ausdrückte, oh, daß sie nicht unsterblich sein kann! Ich wünsche +ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit +diesen Abglanz von sich zurückruft und mit eins sich Nacht und +Verwirrung über Britannien verbreiten. + +Die Königin. Sagte er das, Rutland? + +Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe, +dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich +überströmte-- + +Die Königin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du +ihm gibst! + +Rutland. Und kannst ihn noch für einen Verräter halten? + +Die Königin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze übertreten.--Ich muß +mich schämen, ihn länger zu schützen.--Ich darf es nicht einmal wagen, +ihn zu sehen. + +Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königin? nicht zu sehen?--Bei dem +Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre +ich Dich,--Du mußt ihn sehen! Schämen? wessen? daß Du mit einem +Unglücklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte +Könige schimpfen?--Nein, Königin; sei auch hier Dir selbst gleich. +Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen-- + +Die Königin. Ihn, der meinen ausdrücklichen Befehl so geringschätzen +können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen drängen darf? +Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl? + +Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der +Gefahr, in der er sich sahe. Er hörte, was hier vorging; wie sehr man +ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche. Er kam also, +zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich +zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen. + +Die Königin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich +sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer +ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne! + +Rutland. Oh, nähre diese günstige Gedanke! Deine königliche Seele +kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß +finden. Ich wollte für ihn schwören; bei aller Deiner Herrlichkeit +für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu sein. Seine Seele ist +reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Dünste an sich +ziehet und Geschmeiß ausbrütet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt +es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig. +Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem +Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich +verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher, +und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt. + +Die Königin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese +Innigkeit,--das bloße Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich +hören!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt-- + +Rutland. Recht, Königin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den +innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du +selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So +würdig, so edel, so kühn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied, +in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so +sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen +vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus +hundert Gegenständen zusammensuchen muß, was sie hier beieinander +findet! + +Die Königin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht länger +auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du gerätst außer dir. +Ein Wort, ein Bild überjagt das andere. Was spielt so den Meister +über dich? Ist es bloß deine Königin, ist es Essex selbst, was diese +wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie +schweigt; ganz gewiß, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen +neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw. + +Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Königin zu +sagen, daß Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen. +"Rutland", sagt die Königin, "wir sprechen einander schon weiter; geh +nur.--Nottingham, tritt du näher." Dieser Zug der Eifersucht ist +vortrefflich. Essex kömmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige. +Ich wüßte nicht, wie sie verständiger und glücklicher vorbereitet +sein könnte. Essex anfangs, scheinet sich völlig unterwerfen zu +wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach +und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte +alles das die Königin so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz +nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist +eigentlich die eifersüchtige Liebhaberin, welche schlägt, und die +sich nur der Hand der Königin bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt +gern.-- + +Ich, meinesteils, möchte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den +ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch, +so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr +armselige Figur dagegen macht. + + + +Neunundfunfzigstes Stück +Den 24. November 1767 + +Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen. +Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so +gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von +Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von +Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut +als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen +lieber, als an der andern, scheitern wollen. + +Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die +mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig +und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der +Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere +Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia +verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den +wahren Ton der Tragödie. + +"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, daß +er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde +zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versifikation +beibehalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen +Quantitäten und sehr merklichen Akzenten, nur für weitläufige Bühnen, nur +für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so +wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespräche, +und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen." + +Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den +Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen. +Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien, +öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie +müssen also fast immer mit Zurückhaltung und Rücksicht auf ihre Würde +sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den +ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen. +Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen +größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für +Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so +ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand, +als dem sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand +als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also +selbst im Affekte sind und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu +kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er +auch in das Stück eingeflochten war, dennoch niemals mißhandelte und +stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale +wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den höhern +Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdrücken gelernt +als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhörlich, sich +besser auszudrücken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede +ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die +in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut +verstehet, als der Polierteste. + +Bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache kann niemals +Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine +hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten, +gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten. + +Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine +Königin auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen +vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhält, würde man +in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir +nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig; +ein wenig unruhig bin ich.--Erzähle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu +das! Laß hören!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und +Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen +habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei +munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst +du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geärgert. +Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; laß +mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht länger +auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen +Kunstrichter sagen-- + +Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt +es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen +zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne +ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlässigkeiten, die ihr +zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu +finden waren, die er mit so vieler Überlegung dahin und dorthin streuete, +um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein +der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig +zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darüber lachen. Endlich +folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hört wohl, daß der gute Mann die +große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört; +Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe." + +Demohngeachtet würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die +Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen +dürfen. Ich habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht +ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette +aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen +Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so +gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen +natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripides nur fleißig zu; und +tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat. + +Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und +Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem +Erhabnen. Das nämliche Gefühl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt, +wird sie auch hier bemerken. Der schwülstige Dichter ist daher unfehlbar +auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine +Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als +die Tragödie. + +Gleichwohl scheinet die Engländer vornehmlich nur der eine in ihrem Banks +beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die +pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so +glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sein Stück von +einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe, +möchte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu +gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darüber. Heinrich Jones, von +Geburt ein Irländer, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte, +wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon +einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen +Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753 +aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den +von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige +Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, daß er, wie man ihm +Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt +hat. Auch muß noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich +gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten +Tagebüchern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein französischer +Kunstrichter, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der +schönen Poesie des Jones zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle +der Rutland und über derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres +Gemahls hinzufügt,[3] ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser +Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht. + +Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar +ist, als daß ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.-- + + +----Fußnote + +[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natürlichen Sohne". S.d. Übers. 247. + +[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every +where very bad, and in some Places so low, that it even becomes +unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little +Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest +of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to +adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression +befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters +are perhaps the greatest the World ever produced. + +[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en démence la +Comtesse de Rutland au moment que cet illustre époux est conduit à +l'échafaud; ce moment où cette Comtesse est un objet bien digne de pitié, +a produit une très grande sensation, et a été trouvé admirable à Londres: +en France il eût paru ridicule, il aurait été sifflé et l'on aurait +envoyé la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons. + +----Fußnote + + + + +Sechzigstes Stück +Den 27. November 1767 + +Er ist von einem Ungenannten und führet den Titel: "Für seine Gebieterin +sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komödien, die Joseph +Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste +Stück ist. Wenn er verfertiget worden, weiß ich nicht; ich sehe auch +nichts, woraus es sich ungefähr abnehmen ließe. Das ist klar, daß sein +Verfasser weder die französischen und englischen Dichter, welche die +nämliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen +gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner +Leser nicht vorgreifen. + +Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurück und will der +Königin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hört er, daß +sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen, +namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf +diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche +Zusammenkünfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient +sich des Schlüssels, den er noch von der Gartentüre bewahret, durch die +er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natürlich, daß er sich seiner Geliebten +eher zeigen will, als der Königin. Als er durch den Garten nach ihren +Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch +denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist +ein schwüler Sommerabend), das mit den bloßen Füßen in dem Wasser sitzt +und sich abkühlet. Er bleibt voller Verwunderung über ihre Schönheit +stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um +nicht erkannt zu werden. (Diese Schönheit, wie billig, wird weitläuftig +beschrieben, und besonders werden über die allerliebsten weißen Füße in +dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, daß der +entzückte Graf zwei kristallene Säulen in einem fließenden Kristalle +stehen sieht; er weiß vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall +ihrer Füße ist, welcher in Fluß geraten, oder ob ihre Füße der Kristall +des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch +verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weißen Gesichte: +er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches +Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so +glänzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr +zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet, +als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuß auf sie geschieht, +und gleich darauf zwei maskierte Männer mit bloßem Degen auf sie +losgehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex +besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Mörder an, +und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück und +bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er +verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde +damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich +Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen, +ehe über den Schuß mehr Lärmen entsteht; ich möchte nicht gern, daß die +Königin den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure +Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen über diese +sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, namens Cosme, +allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des +Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen, +und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen +dürfen. Die Furcht hielt an der Türe Schildwache und versperrte ihm den +Eingang. Furchtsam ist Cosme für viere;[4] und das sind die spanischen +Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, daß er sich unfehlbar in die +schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Blanca nicht schon so völlig +Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern +Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen +sein? Was dünkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet +Cosme, "als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus +diesem Zuge kann man leicht auf das übrige schließen. Sie gehen endlich +beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte über den +Schuß in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt +zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal. + +Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermädchen. +(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die +vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der +König von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem +jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist, +unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese +Verbindung zustande zu bringen. Es läßt sich alles, sowohl von seiten des +Parlaments als der Königin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die +Blanca und verliebt sich in sie. Itzt kömmt er und bittet Floren, ihm in +seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er +zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit, +in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloß, Blanca +suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne, +dessen Stand so weit über den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung +machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben.--(Man +erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner +Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in +diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er +hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er +wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie +machen werde. Er schenkt Floren eine güldne Kette, und Flora versteckt +ihn in eine anstoßende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt, +welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet. + +Essex kömmt. Nach den zärtlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den +teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig +zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca +bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit +welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie +ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn, +unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentümer ihrer Ehre gemacht. +(Te hice dueño de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig +viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien +obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist +nichts in Abrede und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und +Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen +gekommen sei. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er +unverzüglich die Königin um Erlaubnis zu ihrer Vermählung antreten.--"Und +so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem +Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher +anvertrauen."[6]-- + + +----Fußnote + +[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta +Corte. + +[2] + Las dos columnas bellas + Metió dentro del río, y como al verlas + Vi un cristal en el rio desatado, + Y ví cristal en ellas condensado, + No supe si las aguas que se vían + Eran sus piés, que líquidos corrían, + O si sus dos columnas se formaban + De las aguas, que allí se conjelaban. + +Diese Ähnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben +will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand +geschöpft und nach dem Munde geführt habe. Diese Hand, sagt er, war dem +klaren Wasser so ähnlich, daß der Fluß selbst für Schrecken zusammenfuhr, +weil er befürchtete, sie möchte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken. + + Quiso probar a caso + El agua, y fueron cristalino vaso + Sus manos, acercólas a los labios, + Y entonces el arroyo lloró agravios, + Y como tanto, en fin, se parecía + A sus manos aquello que bebía, + Temí con sobresalto (y no fué en vano) + Que se bebiera parte de la mano. + +[3] + Yo, que al principio ví, ciego, y turbado, + A una parte nevado + Y en otra negro el rostro, + Juzgué, mirando tan divino monstruo, + Que la naturaleza cuidadosa + Desigualdad uniendo tau hermosa, + Quiso hacer por asombro, o por ultraje, + De azabache y marfil un maridaie. + +[4] + Ruido de armas en la Quinta, + Y dentro el Conde? Qué aguardo, + Que no voy a socorrerle? + Qué aguardo? Lindo recado: + Aguardo a que quiera el miedo + Dejarme entrar:-- + ------ + Cosme, que ha temido un miedo + Que puede valer por cuatro. + +[5] + La mujer del hortelano, + Que se lavaba las piernas. + +[6] + Bien podré seguramente + Revelarte intentos míos, + Como a galán, como a dueño, + Como a esposo, y como a amigo. + +----Fußnote + + + + +Einundsechzigstes Stück +Den 1. Dezember 1767 + +Hierauf beginnt sie eine lange Erzählung von dem Schicksale der Maria von +Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muß alles das, ohne Zweifel, +längst wissen), daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königin +sehr zugetan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der +Unschuld teilzunehmen; daß Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem +Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Blanca die +Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen. +Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie +ihres ganzen Vertrauens gewürdiget. Aber Blanca ist unversöhnlich. +Umsonst wählte die Königin, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut +der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu genießen. +--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen +lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es +möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland +geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen; +und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Königin in dem Garten +ermorden wollen. Nun weiß Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der +er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, daß es Essex ist, +welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die +unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht +bloß zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die +glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an +ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und +gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin müsse sterben; ihr +Name sei allgemein verhaßt; ihr Tod sei eine Wohltat für das Vaterland, +und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu +verschaffen. + +Essex ist über diesen Antrag äußerst betroffen. Blanca, seine teure +Blanca, kann ihm eine solche Verräterei zumuten? Wie sehr schämt er sich +in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr, +wie es billig wäre, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum +weniger bei ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Königin +die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, seine ihm noch immer +teure Blanca, läuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen, +von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was für +ein rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich +durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken läßt. Wie leicht +könnte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, daß sie +sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht wäre und ihr +zuliebe alles unternähme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit überlegt, +faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der +Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhängern in die Falle zu locken. + +Blanca wird ungeduldig, daß ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf", +sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich +nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig, +Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich +will ich dir es schriftlich geben." + +Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der +Herzog aus der Galerie näher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit +der Blanca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Essex zu +erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu +hören bekömmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca +den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken +will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen; +Essex will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Essex hat die Gunst des +Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Königin zu bemächtigen; +sie ist schon so gut als tot.--"Erst müßt' ich sterben!" ruft auf einmal +der Herzog und kömmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen über +diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht +ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Blanca den Herzog bei sich verborgen +gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, daß sie von +seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Galerie offen gefunden und +sei von selbst hereingegangen, die Gemälde darin zu betrachten.[3] + +"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern +Leben der Königin, bei--Aber genug, daß ich es sage: Blanca ist +unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken. +Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie +Sie, machen Leute, wie ich-- + +Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?-- + +Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich +kenne Sie nun. Ich hielt Sie für einen ganz andern Mann: und ich +finde, Sie sind ein Verräter. + +Der Graf. Wer darf das sagen? + +Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören, +Graf! + +Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein-- + +Der Herzog. Denn kurz: ich bin überzeugt, daß ein Verräter kein Herz +hat. Ich treffe Sie als einen Verräter: ich muß Sie für einen Mann +ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils +über Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen +verlustig sind. Wären Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt, +so würde ich Sie zu züchtigen wissen. + +Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand +begegnen dürfen, als der Bruder des Königs von Frankreich. + +Der Herzog. Wenn ich auch der nicht wäre, der ich bin; wenn nur Sie +der wären, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl +empfinden, mit wem Sie zu tun hätten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn +Sie dieser berufene Krieger sind: wie können Sie so viele große Taten +durch eine so unwürdige Tat vernichten wollen?--" + + +----Fußnote + +[1] + Ay tal traición! vive el Cielo, + Que de amarla estoy corrido. + Blanca, que es mi dulce dueño, + Blanca, a quien quiero, y estimo, + Me propone tal traición! + Que haré, porque si ofendido, + Respondiendo, como es justo, + Contra su traición me irrito, + No por eso ha de evitar + So resuelto desatino. + Pues darle cuenta a la Reina + Es imposible, pues quiso + Mi suerte, que tenga parte + Blanca en aqueste delito. + Pues si procuro con ruegos + Disuadirla, es desvarío, + Que es una mujer resuelta + Animal tan vengativo, + Que no se dobla a los riesgos: + Antes con afecto impío, + En el mismo rendimiento + Suelen aguzar los filos; + Y quizá desesperada + De mi enojo, o mi desvío, + Se declarará con otro + Menos leal, menos fino, + Que quizá por ella intente + Lo que yo hacer no he querido. + +[2] + Si estás consultando, Conde, + Allá dentro de tí mismo + Lo que has de hacer, no me quieres, + Ya el dudarlo fué delito. + Vive Dios, que eres ingrato! + +[3] + Por vida del Rey mi hermano, + Y por la que más estimo, + De la Reina mi señora, + Y por--pero yo lo digo, + Que en mí es el mayor empeño + De la verdad del decirlo, + Que no tiene Blanca parte + De estar yo aquí-- + ------ + Y estad muy agradecido + A Blanca, de que yo os dé, + No satisfacción, aviso + De esta verdad, porque a vos, + Hombres como yo--Cond. Imagino + Que no me conoceis bien. + Duq. No os había conocido + Hasta aquí; mas ya os conozco, + Pues ya tan otro os he visto + Que os reconozco traidor. + Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo + No pronuncieis algo, Conde, + Que ya no puedo sufriros. + Cond. Cualquier cosa que yo intente-- + Duq. Mirad que estoy persuadido + Que hace la traición cobardes; + Y así cuando os he cogido + En un lance que me da + De que sois cobarde indicios, + No he de aprovecharme de esto, + Y así os perdona mi brío + Ese rato que teneis + El valor desminuído; + Que a estar todo vos entero, + Supiera daros castigo. + Cond. Yo soy el Conde de Sex + Y nadie se me ha atrevido + Sino el hermano del Rey + De Francia. Duq. Yo tengo brío + Para que sin ser quien soy, + Pueda mi valor invicto + Castigar, no digo yo + Sólo a vos, mas a vos mismo, + Siendo leal, que es lo más + Con que queda encarecido. + Y pues sois tan gran Soldado, + No echeis a perder, os pido + Tantas heroicas hazañas + Con un hecho tan indigno-- + +----Fußnote + + + + +Zweiundsechzigstes Stück +Den 4. Dezember 1767 + +Der Herzog fährt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern +Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will +es vergessen, was er gehört habe; er ist versichert, daß Blanca mit dem +Grafen nicht einstimmen und daß sie selbst ihm eben das würde gesagt +haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen wäre. Er schließt +endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so +schändlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber +meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, daß Sie einen Kopf haben, +und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist +in der äußersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich für einen Verräter +gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen +den Herzog zu rechtfertigen; er muß sich gedulden, bis es der Ausgang +lehre, daß er da seiner Königin am getreuesten gewesen sei, als er es am +wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur +Blanca aber sagt er, daß er den Brief sogleich an ihren Oheim senden +wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern +verwünscht, sich aber noch damit getröstet, daß es kein Schlimmerer als +der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse. + +Die Königin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was +ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, daß ihre Leibwache alle Zugänge +wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurückkehren. Der Kanzler +ist der Meinung, die Meuchelmörder aufsuchen zu lassen und durch ein +öffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche +Belohnung zu verheißen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein. +"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann +leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser +Untertan ist."[3] Aber die Königin mißbilliget diesen Rat; sie hält es +für besser, den ganzen Vorfall zu unterdrücken und es gar nicht bekannt +werden zu lassen, daß es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat +erkühnen dürfen. "Man muß", sagt sie, "die Welt glauben machen, daß die +Könige so wohl bewacht werden, daß es der Verräterei unmöglich ist, an +sie zu kommen. Außerordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen, +als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der +Sünde unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes +abschrecken."[4] + +Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem +glücklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Königin +sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke, +weiß ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von +keinen nähern Umständen hören, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und +befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von +England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Königin und Essex sind +allein; das Gespräch wird vertraulicher; Essex hat die Schärpe um; die +Königin bemerkt sie, und Essex würde es aus dieser bloßen Bemerkung +schließen, daß er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca +nicht schon geschlossen hätte. Die Königin hat den Grafen schon längst +heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es +kostet ihr alle Mühe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne +Fragen, ihn auszulocken und zu hören, ob sein Herz schon eingenommen, und +ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte +gibt er ihr durch seine Antworten gewissermaßen zu verstehen, und zugleich, +daß er für ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken +sich erkühnen dürfe. Die Königin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen +zu geben: doch siegt noch ihr Stolz über ihre Liebe. Ebensosehr hat der +Graf mit seinem Stolze zu kämpfen: er kann sich des Gedankens nicht +entwehren, daß ihn die Königin liebe, ob er schon die Vermessenheit +dieses Gedankens erkennet. (Daß diese Szene größtenteils aus Reden +bestehen müsse, die jedes seitab führet, ist leicht zu erachten.) Sie +heißt ihn gehen und heißt ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm +das Patent bringe. Er bringt es; sie überreicht es ihm; er bedankt sich, +und das Seitab fängt mit neuem Feuer an. + +"Die Königin. Törichte Liebe!-- + +Essex. Eitler Wahnsinn!-- + +Die Königin. Wie blind!-- + +Essex. Wie verwegen!-- + +Die Königin. So tief willst du, daß ich mich herabsetze?-- + +Essex. So hoch willst Du, daß ich mich versteige?-- + +Die Königin. Bedenke, daß ich Königin bin! + +Essex. Bedenke, daß ich Untertan bin! + +Die Königin. Du stürzest mich bis in den Abgrund,-- + +Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,-- + +Die Königin. Ohne auf meine Hoheit zu achten. + +Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwägen. + +Die Königin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:-- + +Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemächtiget:-- + +Die Königin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge! + +Essex. So stirb da, und komm' nie über die Lippen!"[7] + +(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden +miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hört, was der +andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie +nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele. +Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier sein muß, um an solchen +unnatürlichen Künsteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreißig +Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere +Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den +spanischen Mustern zugeschnitten waren.) + +Nachdem die Königin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald +wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem +ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stücke der Spanier, wie bekannt, haben +deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre +allerältesten Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf +allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von +Komödien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzüge auf drei +brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stücke seiner +Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte. +Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komödien +zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch +finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf +Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der +spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich +dabei nicht aufhalten. + + +----Fußnote + +[1] + Miradlo mejor, dejad + Un intento tan indigno, + Corresponded a quien sois, + Y sino bastan avisos, + Mirad que hay Verdugo en Londres, + Y en vos cabeza, harto os digo. + +[2] + No he de responder al Duque + Hasta que el suceso mismo + Muestre como fueron falsos + De mi traición los indicios, + Y que soy más leal, cuando + Más traidor he parecido. + +[3] + Y pues son dos los culpados + Podrá ser, que alguno de ellos + Entregue al otro; que es llano, + Que será traidor amigo + Quien fué desleal vasallo. + +[4] + Y es gran materia de estado + Dar a entender, que los Reyes + Están en sí tan guardados + Que aunque la traición los busque, + Nunca ha de poder hallarlos; + Y así el secreto averigüe + Enormes delitos, cuando + Más que el castigo, escarmientos + Dé ejemplares el pecado. + +[5] + Que ya sólo con miraros + Sé el suceso de la guerra. + +[6] + No bastaba, amor tírano, + Una inclinación tan fuerte, + Sin que te hayas ayudado + Del deberle yo la vida? + +[7] + Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible-- + Rein. Qué ciego--Cond. Qué temerario-- + Rein. Me abates a tal bajeza-- + Cond. Me quieres subir tan alto-- + Rein. Advierte, que soy la Reina-- + Cond. Advierte, que soy vasallo-- + Rein. Pues me humillas al abismo-- + Cond. Pues me acercas a los rayos-- + Rein. Sin reparar mi grandeza-- + Cond. Sin mirar mi humilde estado-- + Rein. Ya que te miro acá dentro-- + Cond. Ya que en mí te vas entrando-- + Rein. Muere entre el pecho, y la voz. + Cond. Muere entre el alma, y los labios. + +[8] +"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas" +befindet. + El Capitán Virués; insigne ingenio, + Puso en tres actos la Comedia, que antes + Andaba en cuatro, como pies de niño, + Que eran entonces niñas las Comedias, + Y yo las escribí de once, y doce años, + De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos, + Porque cada acto un pliego contenia. + +[9] In der Vorrede zu seinen Komödien: Donde me atreví a reducir las +Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenían. + +----Fußnote + + + + +Dreiundsechzigstes Stück +Den 8. Dezember 1767 + +Die Königin ist von dem Landgute zurückgekommen; und Essex gleichfalls. +Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen +Augenblick vermissen zu lassen. Er eröffnet mit seinem Cosme den zweiten +Akt, der in dem königlichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des +Grafen, sich mit Pistolen versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde; +er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu +werden. Er heißt den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der +Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet +er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist +eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie +haben wollen; und er würde sie ihr abschlagen müssen. Indem er sie dem +Cosme zur Verwahrung übergibt, kömmt Blanca dazu. Cosme will sie +geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es +Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Königin; +und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu +halten und sie niemanden zu zeigen. + +Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, daß er +ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er +fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des +Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr +bereits sechsunddreißig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die +Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von +der maskierten Dame und der Schärpe zu erzählen. Doch eben besinnt er +sich, daß es wohl eine würdigere Person sein müsse, der er sein Geheimnis +zuerst mitteile. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte, +ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muß von allerlei Art des +spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.) + +Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von +ihrer Neugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als +möglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme +vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich +zurück, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach +Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr +geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu +wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme läßt +nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe +weiß; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines +Geheimnisses entlediget, ist äußerst ekel. Sein Magen will es nicht +länger bei sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den +Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack +wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder +Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwätze +zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß +die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden +könnte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt +sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste +ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie +ihn je eher je lieber heiraten. + +Die Königin tritt herein und ist äußerst niedergeschlagen. Blanca fragt, +ob sie die übrigen Hofdamen rufen soll: aber die Königin will lieber +allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht +auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern kömmt der Graf. + +Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber +der Königin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er +bestraft sich deswegen; sein Herz gehört der Blanca; eigennützige +Absichten müssen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muß +keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder +entfernen, als er die Königin gewahr wird: und die Königin, als sie ihn +erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem +fängt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein +kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine +verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so laß das Mitleid, +welches sie verdienen, den Unwillen überwältigen, den du darüber +empfindest, daß ich es bin, der sie führet." Der Königin gefällt das +Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte +Weise, seine Liebe zu erklären. Er sagt, er habe es glossieret[6] und +bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser +Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die +Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die +Königin lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben. +"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht +groß sein; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe +macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig." + + +----Fußnote + +[1] + --Yo no me acordaba + De decirlo, y lo callaba. + Y como me lo entregó, + Ya por decirlo reviento, + Que tengo tal propiedad, + Que en un hora, o la mitad, + Se me hace postema un cuento. + +[2] + Allá va Flora; mas no, + Será persona más grave-- + No es bien que Flora se alabe + Que el cuento me desfloró. + +[3] + Ya se me viene a la boca + La purga.-- + O que regüeldos tan secos + Me vienen! terrible aprieto.-- + Mi estómago no lo lleva; + Protesto que es gran trabajo, + Meto los dedos.-- + Y pues la purga he trocado, + Y el secreto he vomitado + Desde el principio hasta el fin, + Y sin dejar cosa alguna, + Tal asco me dió al decillo, + Voy a probar de en membrillo, + O a morder de una accituna.-- + +[4] + Es hombre al fin, y ay! de aquella + Que a un hombre fiò su honor, + Siendo tan malo, el mejor. + +[5] + Abate, abate las alas + No subas tanto, busquemos + Más proporcionada esfera + A tan limitado vuelo. + Blanca me quiere, y a Blanca + Adoro yo ya en mi dueño; + Pues cómo de amor tan noble + Por una ambición me alejo? + No conveniencia bastarda + Venza un legítimo afecto. + +[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen. +Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklären oder +umschreiben diesen Text so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung +oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heißen sie Mote oder +Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der +Name des Gedichts überhaupt ist. Hier läßt der Dichter den Essex das Lied +der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in +einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile +schließt. Das Ganze sieht so aus: + + Mote. + + Si acaso mis desvaríos + Llegaren a tus umbrales, + La lástima de ser males + Quite el horror de ser míos. + + Glosa. + + Aunque el dolor me provoca + Decir mis quejas no puedo, + Que es mi osadía tan poca, + Que entre el respeto, y el miedo + Se me mueren en la boca; + Y así no llegan tan míos + Mis males a tus orejas, + Porque no han de ser oídos + Si acaso digo mis quejas, + Si acaso mis desvaríos. + El ser tan mal explicados + Sea su mayor indicio, + Que trocando en mis cuidados + El silencio, y vos su oficio, + Quedarán más ponderados: + Desde hoy por estas señales + Sean de tí conocidos, + Que sin duda son mis males + Si algunos mal repetidos + Llegaren a tus umbrales. + Mas ay Dies! que mis cuidados + De tu crueldad conocidos, + Aunque más acreditados, + Serán menos adquiridos. + Que con los otros mezclados: + Porque no sabiendo a cuales + Más tu ingratitud se deba + Viéndolos todos iguales + Fuerza es que en común te mueva + La lástima de ser males. + En mi este afecto violento + Tu hermoso desdén le causa; + Tuyo, y mío es mi tormento; + Tuyo, porque eres la causa; + Y mío, porque yo le siento: + Sepan, Laura, tus desvíos + Que mis males son tan suyos, + Y en mis cuerdos desvaríos + Esto que tienen de tuyos + Quite el horror de ser míos. + +Es müssen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese. +Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote +schließt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht +alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschränken +und diese mehr als einmal wiederholen. übrigens gehören diese Glossen +unter die älteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan +und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen. + + +----Fußnote + + + + +Vierundsechzigstes Stück +Den 11. Dezember 1767 + +Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die sei, welche keine +Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen +selbst mache sein Glück: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie +noch unverworfen, könne er sich noch von der süßen Vorstellung täuschen +lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sei +glücklich, solange er noch nicht wisse, wie unglücklich er sei.[1] Die +Königin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran +gelegen ist, daß Essex nicht länger darnach handle: und Essex, durch +diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen, +von welchem die Königin behauptet, daß es ein Liebhaber auf alle Weise +wagen müsse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese +Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten +Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Cosme +abgenommen, welches zwar die Königin, aber nicht Essex gewahr wird.[2] + +"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum +will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben +kann? Was fürchte ich noch?--Königin, wann denn also,-- + +Blanca. Der Herzog, Ihre Majestät,-- + +Essex. Blanca könnte nicht ungelegener kommen. + +Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,-- + +Die Königin. Ah! Himmel! + +Blanca. Auf Erlaubnis,-- + +Die Königin. Was erblicke ich? + +Blanca. Hereintreten zu dürfen. + +Die Königin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich +komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das. + +Blanca. Ich gehorche. + +Die Königin. Bleib! Komm her! näher! + +Blanca. Was befehlen Ihro Majestät?-- + +Die Königin. Oh, ganz gewiß!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!-- +Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu +ihm herauskomme. Geh, laß mich! + +Blanca. Was ist das?--Ich gehe. + +Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,-- + +Die Königin. Ha, Eifersucht! + +Essex. Mich zu erklären.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene +Überredung. + +Die Königin. Mein Geschenk in fremden Händen! Bei Gott!--Aber ich +muß mich schämen, daß eine Leidenschaft so viel über mich vermag! + +Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestät gesagt, und wie ich +einräumen muß,--das Glück, welches man durch Furcht erkauft,--sehr +teuer zu stehen kömmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch +ich,-- + +Die Königin. Warum sagen Sie das, Graf? + +Essex. Weil ich hoffe, daß, wann ich--Warum fürchte ich mich noch?-- +wann ich Ihre Majestät meine Leidenschaft bekannte,--daß einige +Liebe-- + +Die Königin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie? +Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin? +Und wer Sie sind? Ich muß glauben, daß Sie den Verstand verloren.--" + +Und so fahren Ihre Majestät fort, den armen Grafen auszufenstern, daß es +eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel über +alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, daß der +Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurückbrausen +müsse? Ob er nicht wisse, daß die Dünste, welche sich zur Sonne erhüben, +von ihren Strahlen zerstreuet würden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein +glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschämt zurück und bittet um Verzeihung. +Die Königin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder +zu betreten und sich glücklich zu schätzen, daß sie ihm den Kopf lasse, +in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen können.[3] Er entfernt sich; +und die Königin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie +wenig ihr Herz mit ihren Reden übereinstimme. + +Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Bühne zu füllen. Blanca +hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fuße sie mit dem Grafen +stehe; daß er notwendig ihr Gemahl werden müsse, oder ihre Ehre sei +verloren. Der Herzog faßt den Entschluß, den er wohl fassen muß; er will +sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht +er sogar, sich bei der Königin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die +Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle. + +Die Königin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurück. Sie ist mit +sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er +scheine. Vielleicht, daß es eine andere Schärpe war, die der ihrigen nur +so ähnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine +Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde +sich näher darüber erklären; er wolle sie zusammen allein lassen: und so +läßt er sie. + +Die Königin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschließt sich +Blanca, zu reden. Sie will nicht länger von dem veränderlichen Willen +eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht länger +anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die +Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Königin. Denn +da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen müsse: so suche sie in +ihr nicht die Königin, sondern nur die Frau.[4] + + +----Fußnote + +[1] + --El más verdadero amor + Es el que en sí mismo quieto + Descansa, sin atender + A más paga, o más intento: + La correspondencia es paga, + Y tener por blanco el precio + Es querer per granjeria.-- + ------ + Dentro está del silencio, y del respeto + Mi amor, y así mi dicha está segura, + Presumiendo tal vez (dulce locura!) + Que es admitido del mayor suieto. + Dejándome engañar de este concepto, + Dura mi bien, porque mi engaño dura; + Necia será la lengua, si aventura + Un bien que está seguro en el secreto.-- + Que es feliz quien no siendo venturoso + Nunca llega á saber, que es desdichado. + + [2] + Por no morir de mal, cuando + Puedo morir de remedio, + Digo pues, ea, osadía, + Ella me alentó, qué temo?-- + Que será bien que a tu Alteza-- + (Sale Blanca con la banda puesta.) + Bl. Señora, el duque--Cond. A mal tiempo + Viene Blanca. Bl. Está aguardando + En la antecámara--Rein. Ay, cielo! + Bl. Para entrar--Rein. Qué es lo que miro! + Bl. Licencia. Rein. Decid;--qué veo!-- + Decid que espere;--estoy loca! + Decid, andad. Bl. Ya obedezco. + Rein. Venid acá, volved. Bl. Qué manda + Vuestra Alteza? Rein. Ei daño es cierto. + Decidle--no hay que dudar-- + Entretenedle un momento-- + Ay de mí!--miéntras yo salgo-- + Y dejadme. Bl. Qué es aquesto? + Y voy. Cond. Ya Blanca se fué, + Quiero pues volver--Rein. Ha celos! + Cond. A declararme atrevido, + Pues si me atrevo, me atrevo + En fé de sus pretensiones. + Rein. Mi prenda en poder ajeno? + Vive Dios, pero es vergüenza + Que pueda tanto un afecto + En mí. Cond. Según lo que dijo + Vuestra Alteza aquí, y supuesto, + Que cuesta cara la dicha, + Que se compra con el miedo, + Quiero morir noblemente. + Rein. Porqué lo decís? Cond. Qué espero + Si á vuestra Alteza (que dudo!) + Le declarase mi afecto, + Algun amor--Rein. Que decís? + A mí? cómo, loco, necio, + Conoceisme? Quien soy yo? + Decid, quién soy? que sospecho, + Que se os huyó la memoria.-- + + [3] + --No me veais, + Y agradeced el que os dejo + Cabeza, en que se engendraron + Tan livianos pensamientos. + + [4] + --Ya estoy resuelta; + No a la voluntad mudable + De un hombre esté yo sujeta, + Que aunque no sé que me olvide, + Es necedad, que yo quiera + Dejar á su cortesía + Lo que puede hacer la fuerza. + Gran Isabela, escuchadme, + Y al escucharme tu Alteza, + Ponga aun más que la atención, + La piedad con las orejas. + Isabela os he llamado + En esta ocasión, no Reina, + Que cuando vengo a deciros + Del honor una flaqueza + Que he hecho como mujer, + Porque mejor os parezca, + No Reina, mujer os busco. + Sólo mujer os quisiera.-- + +----Fußnote + + + + +Fünfundsechzigstes Stück +Den 15. Dezember 1767 + +Du? mir eine Schwachheit? fragt die Königin. + +"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Tränen, +sind vermögend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer +kömmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf-- + +Die Königin. Der Graf? Was für ein Graf?-- + +Blanca. Von Essex. + +Die Königin. Was höre ich? + +Blanca. Seine verführerische Zärtlichkeit-- + +Die Königin. Der Graf von Essex? + +Blanca. Er selbst, Königin.-- + +Die Königin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter! + +Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--" + +Die Königin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als +Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hören wünscht. +Sie höret, wo und wie der Graf glücklich gewesen;[1] und als sie +endlich auch höret, daß er ihr die Ehe versprochen, und daß Blanca auf +die Erfüllung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange +zurückgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhöhnet das leichtgläubige +Mädchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an +den Grafen weiter zu denken. Blanca errät ohne Mühe, daß dieser Eifer +der Königin Eifersucht sein müsse: und gibt es ihr zu verstehen. + +"Die Königin. Eifersucht?--Nein; bloß deine Aufführung entrüstet mich. +--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn +liebte, und eine andere wäre so vermessen, so töricht, ihn neben mir +zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage +ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu +lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest, +wie sehr mich eine bloß vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht +aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun würde. Itzt +stelle ich mich nur eifersüchtig. Hüte dich, mich es wirklich zu +machen!"[2] + +Mit dieser Drohung geht die Königin ab und läßt die Blanca in der +äußersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, über +die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Königin hat ihr Vater +und Bruder und Vermögen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen +nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch +erst warten, bis sie ein anderer für sie vollzieht? Sie will sie selbst +bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Königin muß +sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr +an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Königin mit dem Kanzler +wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefaßt zu machen. + +Der Kanzler hält verschiedne Briefschaften, die ihm die Königin nur auf +einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch +durchsehen. Der Kanzler erhebt die außerordentliche Wachsamkeit, mit der +sie ihren Reichsgeschäften obliege; die Königin erkennt es für ihre +Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu +den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und +anständigern Sorgen überlassen. Aber das erste Papier, was sie in die +Hände nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muß +es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkömmt!" +Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen +Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine +Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur +Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem +Bruder des Todes Linderung suchen: und so fällt sie in Schlaf. + +Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die +sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses +Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Königin allein +und entschlafen: was für einen bequemem Augenblick könnte sie sich +wünschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem +Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel errät man, was nun geschieht. Er +kömmt also, sie hier zu suchen; und kömmt eben noch zurecht, der Blanca +in den mörderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die +Königin schon gespannt hat, zu entreißen. Indem er aber mit ihr ringt, +geht der Schuß los: die Königin erwacht, und alles kömmt aus dem Schlosse +herzugelaufen. + +"Die Königin (im Erwachen). Ha! Was ist das? + +Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das für ein Knall in dem Zimmer +der Königin? Was geschieht hier? + +Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall! + +Die Königin. Was ist das, Graf? + +Essex. Was soll ich tun? + +Die Königin. Blanca, was ist das? + +Blanca. Mein Tod ist gewiß! + +Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich! + +Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verräter? + +Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschließen? Schweige ich: so +fällt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich +der nichtswürdige Verkläger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner +teuersten Blanca. + +Die Königin. Sind Sie der Verräter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer +von euch war mein Retter? wer mein Mörder? Mich dünkt, ich hörte im +Schlafe euch beide rufen: Verräterin! Verräter! Und doch kann nur +eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben +suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig, +Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich +will in dieser Ungewißheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht +wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht dürfte es mich +ebensosehr schmerzen, meinen Beschützer zu erfahren, als meinen Feind. +Ich will der Blanca gern ihre Verräterei vergeben, ich will sie ihr +verdanken: wenn dafür der Graf nur unschuldig war."[3] + +Aber der Kanzler sagt: wenn es die Königin schon hierbei wolle bewenden +lassen, so dürfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu groß; sein Amt +erfodere, es zu ergründen; besonders da aller Anschein sich wider den +Grafen erkläre. + +"Die Königin. Der Kanzler hat recht; man muß es untersuchen.--Graf,-- + +Essex. Königin!-- + +Die Königin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr +fürchtet meine Liebe, sie zu hören! War es Blanca? + +Essex. Ich Unglücklicher! + +Die Königin. War es Blanca, die meinen Tod wollte? + +Essex. Nein, Königin; Blanca war es nicht. + +Die Königin. Sie waren es also? + +Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiß nicht. + +Die Königin. Sie wissen es nicht?--Und wie kömmt dieses mörderische +Werkzeug in Ihre Hand?--" + +Der Graf schweigt, und die Königin befiehlt, ihn nach dem Tower zu +bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer +bewacht werden. Sie werden abgeführt, und der zweite Aufzug schließt. + + +----Fußnote + +[1] + bl. le llamé una noche obscura-- + rein. y vino a verte? bl. pluguiera + a dios, que no fuera tanta + mi desdicha, y su fineza. + vino más galán que nunca, + y yo que dos veces ciega, + por mi mal, estaba entónces + del amor, y las tinieblas-- + +[2] + rein. este es celo, blanca. bl. celos, + añadiéndole una letra. + rein. qué decis? bl. señora, que + si acaso posible fuera, + a no ser vos la que dice + esas palabras, dijera, + que eran celos. rein. qué son celos? + no son celos, es ofensa + que me estais haciendo vos. + supongamos, que quisiera + al conde en esta ocasión; + pues si yo al conde quisiera + y alguna atrevida, loca + presumida, descompuesta + le quisiera, qué es querer? + que le mirara, o le viera; + qué es verle? no sé que diga. + no hay cosa que ménos sea-- + no la quitara la vida? + la sangre no le bebiera?-- + los celos, aunque fingidos, + me arrebataron la lengua, + y dispararon mi enojo-- + mirad que no me deis celos, + que si fingidos se altera + tanto mi enojo, ved vos, + si fuera verdad, qué hiciera-- + escarmentad en las burlas, + no me deis celos de veras. + + conde, vos traidor? vos, blanca? + el juicio está indiferente, + cual me libra, cual me mata. + conde, bianca, respondedme! + tu á la reina? tu á la reina? + oid, aunque confusamente: + ha, traidora, dijo el conde. + blanca, dijo: traidor eres. + estas razones de entrambos + a entrambas cosas convienen: + uno de los dos me libra, + otro de los me ofende. + conde, cuál me daba vida? + blanca, cuál me daba muerte? + decidme!--no lo digais, + que neutral mi valor quiere, + per no saber el traidor, + no saber el inocente. + mejor es quedar confusa, + en duda mi juicio quede, + porque cuando mire a alguno, + y de la traición me acuerde, + a pensar, que es el traidor, + que es el leal también piense. + yo le agradeciera á blanca, + que ella la traidora fuese, + solo á trueque de que el conde + fuera él, que estaba inocente.-- + +----Fußnote + + + + +Sechsundsechzigstes Stück +Den 18. Dezember 1767 + +Der dritte Aufzug fängt sich mit einer langen Monologe der Königin an, +die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu +finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren +Mörder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu dürfen. Besonders +geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit; +sie denkt über diesen Punkt überhaupt lange so zärtlich und sittsam +nicht, als wir es wohl wünschen möchten, und als sie auf unsern Theatern +denken müßte.[1] + +Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude über die +glückliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen +Beweis, der sich wider den Essex äußert, vorzulegen. Auf der Pistole, die +man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehört ihm; und wem +sie gehört, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen. + +Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was +nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewußten Briefe +nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise +sieht einer Flucht sehr ähnlich, und solche Flucht läßt vermuten, daß er +an dem Verbrechen seines Herrn Anteil könne gehabt haben. Er wird also +vor den Kanzler gebracht, und die Königin befiehlt, ihn in ihrer +Gegenwart zu verhören. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann +man leicht erraten. Er weiß von nichts; und als er sagen soll, wo er +hingewollt, läßt er sich um die Wahrheit nicht lange nötigen. Er zeigt +den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu +überbringen befohlen: und man weiß, was dieser Brief enthält. Er wird +gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hört, wohin es damit +abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er über den Schluß desselben, +worin der Überbringer ein Vertrauter heißt, durch den Roberto seine +Antwort sicher bestellen könne. "Was höre ich?" ruft Cosme. "Ich ein +Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin +niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe +ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich möchte doch wissen, was +mein Herr an mir gefunden hätte, um mich dafür zu nehmen. Ich, ein +Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiß zum +Exempel, daß Blanca und mein Herr einander lieben, und daß sie heimlich +miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdrücken +wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie hübsch sehen, meine +Herren, was für ein Vertrauter ich bin. Schade, daß es nicht etwas viel +Wichtigeres ist: ich würde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht +schmerzt die Königin nicht weniger, als die Überzeugung, zu der sie durch +den unglücklichen Brief von der Verräterei des Grafen gelangt. Der Herzog +glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu müssen und der Königin +nicht länger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufälligerweise +angehört habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verräters, und +sobald die Königin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestät, +als gekränkte Liebe, des Grafen Tod zu beschließen. + +Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefängnis. Der Kanzler kömmt +und eröffnet dem Grafen, daß ihn das Parlament für schuldig erkannt und +zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen +werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld. + +"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so +viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht +geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhändiger Name? + +Essex. Allerdings ist er es. + +Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca, +nicht ausdrücklich den Tod der Königin beschließen hören? + +Essex. Was er gehört hat, hat er freilich gehört. + +Der Kanzler. Sahe die Königin, als sie erwachte, nicht die Pistole in +Ihrer Hand? Gehört die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht +Ihnen? + +Essex. Ich kann es nicht leugnen. + +Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig. + +Essex. Das leugne ich. + +Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, daß Sie den Brief an den +Roberto schrieben? + +Essex. Ich weiß nicht. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, daß der Herzog den verräterischen +Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen mußte? + +Essex. Weil es der Himmel so wollte. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, daß sich das mörderische Werkzeug in +Ihren Händen fand? + +Essex. Weil ich viel Unglück habe. + +Der Kanzler. Wenn alles das Unglück, und nicht Schuld ist: wahrlich, +Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie +werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen müssen. + +Essex. Schlimm genug."[3] + +"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa +mit hängen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr +hinlänglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu +verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der +Kanzler bedauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse; +weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich, +geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er +vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge haben +möchte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf +wünschte bloß deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu +ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich tun +dürfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein +Leben für sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf +der Zunge führen, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er +sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er +setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er +ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca +einzuhändigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen. + + +----Fußnote + +[1] + No pudo ser que mintiera + Blanca en lo que me contó + De gozarla el Conde? No, + Que Blanca no lo fingiera: + No pudo haberla gozado, + Sin estar enamorado, + Y cuando tierno y rendido, + Entónces la haya querido, + No puede haberla olvidado? + No le vieron mis antoios + Entre acogimientos sabios, + Muy callando con los labios, + Muy bachiller con los ojos, + Cuando al decir sus enojos + Yo su despecho reñí? + + [2] + Qué escucho? Señores míos, + Dos mil demonios me lleven, + Si yo confidente soy, + Si lo he sido, o si lo fuere, + Ni tengo intención de serlo. + --Tengo yo + Cara de ser confidente? + Yo no sé que ha visto en mi + Mi amo para tenerme + En esta opinion; y á fe, + Que me holgara de que fuese + Cosa de más importancia + Un secretillo muy leve, + Que rabio ya per decirlo, + Que es que el Conde a Blanca quiere, + Que están casados los dos + En secreto-- + + [3] + Con. Sólo el descargo que tengo + Es el estar inocente. + Senescal. Aunque yo quiera creerlo + No me dejan los indicios, + Y advertid, que ya no es tiempo + De dilación, que mañana + Habeis de morir. Con. Yo muero + Inocente. Sen. Pues decid: + No escribísteis a Roberto + Esta carta? Aquesta firma + No es la vuestra? Con. No lo niego. + Sen. El gran duque de Alanzón + No os oyó en el aposento + De Blanca trazar la muerte + De la Reina? Con. Aqueso es cierto. + Sen. Cuando despertó la Reina + No os halló, Conde, a vos mesmo + Con la pistola en la mano? + Y la pistola que vemos + Vuestro nombre allí gravado + No es vuestro? Con. Os lo concedo. + Sen. Luego vos estais culpado. + Con. Eso solamente niego. + Sen. Pues como escribísteis, Conde, + La carta al traidor Roberto? + Con. No lo sè. Sen. Pues cómo el Duque, + Que escuchó vuestros intentos, + Os convence en la traición? + Con. Porque así lo quiso el cielo. + Sen. Cómo hallado en vuestra mano + Os culpa el vil instrumento? + Con. Porque tengo poca dicha.-- + Sen. Pues sabed, que si es desdicha + Y no culpa, en tanto aprieto + Os pone vuestra fortuna, + Conde amigo, que supuesto + Que no dais otro descargo, + En fe de indicios tan ciertos, + Mañana vuestra cabeza + Ha de pagar-- + +----Fußnote + + + + +Siebenundsechzigstes Stück +Den 22. Dezember 1767 + +Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist +ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem +ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf +dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das +Gefängnis hereintritt. Es ist die Königin. "Der Graf", sagt sie vor sich +im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür +verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um +Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genüge +geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie +näher kommt, wird sie gewahr, daß der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt +sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der +feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!" +--Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen +auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", fährt die Königin fort, "sondern die +Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, und lassen Sie uns kostbare +Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner? +Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich höre, daß Sie morgen sterben +sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben für Leben +zu geben. Ich habe den Schlüssel des Gefängnisses zu bekommen gewußt. +Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die +Pforte in den Park öffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben, +das mir so teuer ist."-- + +"Essex. Teuer? Ihnen, Madame? + +Die Königin. Würde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage? + +Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet +einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich +scheine glücklich, weil die mich zu befreien kömmt, die meinen Tod +will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will, +die meine Freiheit mir anbietet."[2]-- + +Die Königin verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er +verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er +bittet, sie mit einer andern zu vertauschen. + +"Die Königin. Und mit welcher? + +Essex. Mit der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen +steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königin sehen zu +lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie +an das zu erinnern, was ich für Sie getan habe. Bei dem Leben, das +ich Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu +erzeigen. + +Die Königin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich +sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur. + +Essex. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame. + +Die Königin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber +nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich +itzt für Sie tun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen. +Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3] + +Essex (indem er den Schlüssel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit +Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte +der Königin, oder dem Ihrigen zu lesen. + +Die Königin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur das, +welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun +erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Königin. Jenes, mit +welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr. + +Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des +königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der +es erblickt; und auch mir müßte diese Wohltat des Gesetzes zustatten +kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht +nehmen. Ich will es wagen, meine Königin an die Dienste zu erinnern, +die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4] + +Die Königin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr +Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste. + +Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin zu +versprechen? + +Die Königin. Nichts. + +Essex. Wenn die Königin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der +ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir +verfahren? + +Die Königin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat +Ihnen den Weg geöffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen. + +Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr +Leben schuldig ist? + +Die Königin. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin. +Aber gesetzt, ich wäre es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als +ich von Ihnen empfangen habe? + +Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel +gegeben? + +Die Königin. Dadurch allerdings. + +Essex. Der Weg, den mir dieser Schlüssel eröffnen kann, ist weniger +der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll, +muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt +die Königin, mich mit diesem Schlüssel für die Reiche, die ich ihr +erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das +ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das +abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anständigem Mittel zu danken +haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht). + +Die Königin. Wo gehen Sie hin? + +Essex. Nichtwürdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung! +Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in +ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eröffnet das +Fenster und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal.) Durch +die Flucht wäre mein Leben viel zu teuer erkauft.[6] + +Die Königin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr übel getan. + +Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich +eine undankbare Königin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf +nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses +unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf +meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken +derselben ihren Undank zu verewigen. + +Die Königin. Ich muß das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr +konnte ich, ohne Nachteil meiner Würde, für Sie nicht tun. + +Essex. So muß ich denn sterben? + +Die Königin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Königin muß +dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen müssen Sie sterben; und es ist +schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir +das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Könige, daß sie +viel weniger nach ihren Empfindungen handeln können, als andere. +--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--" + + +----Fußnote + +[1] + el conde me dió la vida + y así obligada me veo; + el conde me daba muerte, + y así ofendida me quejo. + pues ya que con la sentencia + esta parte he satisfecho, + pues complí con la justicia, + con el amor cumplir quiero.-- + +[2] + ingeniosa mi fortuna + halló en la dicha más nuevo + modo de hacerme infeliz, + pues cuando dichoso veo, + que me libra quien me mata, + tambien desdichado advierto, + que me mata quien me libra. + +[3] + pues si esto ha de ser, primero + tomad, conde, aquesta llave, + que si ha de ser instrumento + de vuestra vida, quizá + tan otra, quitando el velo, + seré, que no pueda entónces + hacer lo que ahora puedo, + y como á daros la vida + me empeñé por lo que os debo, + por si no puedo después, + de esta suerte me prevengo. + +[4] + moriré yo consolado. + aunque si por privilegio + en viendo la cara al rey + queda perdonado el reo; + yo de este indulto, señora + vida por ley me prometo: + esto es en común, que es + lo que a todos da el derecho; + pero si en particular + merecer el perdón quiero, + oíd, vereis que me ayuda + mayor indulto en mis hechos. + mis hazañas-- + +[5] + luego esta, que así camino + abrirá a mi vida, abriendo, + también lo abrirá a mi infamia; + luego esta, que instrumento + de mi libertad, también + lo habrá de ser de mi miedo. + esta, que sólo me sirve + de huir, es el desempeño + de reinos, que os he ganado, + de servicios, que os he hecho. + y en fin, de esa vida, de esa, + que teneis hoy por mi esfuerzo? + en esta se cifra tanto?-- + +[6] + vil instrumento + de mi vida, y de mi infamia, + por esta reja cayendo + del parque, que bate el río, + entre sus crístales quiero, + si sois mi esperanza, hundiros; + caed al húmido centro, + donde el tamásis sepulte + mi esperanza, y mi remedio. + +----Fußnote + + + + +Achtundsechzigstes Stück +Den 25. Dezember 1767 + +Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der +Stille: und beide, der Graf und die Königin, gehen ab; jedes von einer +besondern Seite. Im Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Essex Cosmen +den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick +darauf kömmt dieser damit herein und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode +führe; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es +versprochen, übergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine +Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung? +die käme ein wenig zu spät. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er +doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch +wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm +ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht +gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. "Wäre ich nicht", sagt er, +"bei einem Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hol' der Geier die +Vertrautschaft! Nein, das muß mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme +beschließt den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn +der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige +und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können; +er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden +könne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der +Königin zu bringen. + +Eben kömmt die Königin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler +nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Königin erteilt dem +Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich +und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon +erfahren, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und +Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und, +nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die +Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu +zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und +ihnen einzuschärfen, daß ihre Königin ebenso strenge zu sein wisse, als +sie gnädig sein zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter +sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2] + +Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königin an. +"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode +der Blanca einzuhändigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht +warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestät wissen müssen, und +die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen können: so bringe ich ihn +Ihro Majestät, und nicht der Blanca." Die Königin nimmt den Brief und +lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir +nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung +schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verräter +gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der +bewußten Sache behilflich zu sein, bloß um der Königin desto nachdrück- +licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu +locken. Urteile, wie groß meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher +selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung: +stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich +nun nicht mehr; und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich +so sehr liebte, daß er den Tod des Verräters für dich sterben wollte. "[3]-- + +"Mensch!" ruft die bestürzte Königin, "was hast du mir da gebracht?" +"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen +Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn +augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er +gebracht: sein Leichnam nämlich. So groß die Freude war, welche die +Königin auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so +groß sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie +verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und +Blanca mag zittern!-- + +So schließt sich dieses Stück, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu +lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den +dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges, +welches man uns übersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet hätte. +Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch +geschrieben; aber kein spanisches Stück. ein bloßer Versuch in der +korrekten Manier der Franzosen, regelmäßig, aber frostig. Ich bekenne sehr +gern, daß ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich +wohl ehedem muß gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stück des nämlichen +Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation, +welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben: +so mögen sie mir es nicht übelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem +alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen. + +Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex". +In allen einerlei Fehler, und einerlei Schönheiten: mehr oder weniger; +das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den +Schönheiten dürfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr +sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue +Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl +angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde +und Stärke im Ausdrucke.-- + +Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten +sind; ich leugne nicht, daß sie zum Teil sehr leicht bis in das +Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche können getrieben werden, daß +sie bei den Spaniern von dieser Übertreibung selten frei sind. Aber man +nehme den meisten französischen Stücken ihre mechanische Regelmäßigkeit: +und sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig +bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und +Theaterstreiche und Situationen? + +Anständigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre +Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre +Theaterstreiche anständiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen +anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit! + +Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der +pöbelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des +Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so berüchtiget +ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloß mit +der Anständigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anständigkeit ich +meine;--wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht +beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der +Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die +man den größern Teil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern +gäbe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so würde mir die unsinnigste +Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf +Weiß, willkommner sein, als die kalte Einförmigkeit, durch die mich der +gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten +mehr heißen, unfehlbar einschläfert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier +in Betrachtung. + + +----Fußnote + +[1] + Hasta que el tronco cadáver + Le sirva de muda lengua. + +[2] + Y así al salón de palacio + Hareis que llamados vengan + Los Grandes y los Milordes, + Y para que allí le vean, + Debajo de una cortina + Hareis poner la cabeza + Con el sangriento cuchillo, + Que amenaza junto a ella, + Por símbolo de justicia, + Costumbre de Inglaterra: + Y en estando todos juntos, + Monstrándome justiciera, + Exhortándolos primero + Con amor a la obediencia, + Les mostraré luego al Conde, + Para que todos atiendan, + Que en mi hay rigor que los rinda, + Si hay piedad que los atreva. + +[3] + Blanca, en el último trance, + Porque hablarte no me dejan, + He de escribirte un consejo, + Y también una advertencia; + La advertencia es, que yo nunca + Fuí traidor, que la promesa + De ayudar en lo que sabes, + Fué por servir a la Reina, + Cogiendo a Roberto en Londres, + Y a los que seguirle intentan; + Para aquesto fué la carta: + Esto he querido que sepas, + Porque adviertas el prodigio + De mi amor, que así se deja + Morir, por guardar tu vida. + Esta ha sido la advertencia: + (Valgame dios!) el consejo + Es, que desistas la empresa + A que Roberto te incita. + Mira que sin mí te quedas + Y no ha de haber cada día + Quien, por mucho que te quiera, + Por conservarte la vida + Por traidor la suya pierda.-- + +[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stück, S. 117. + +----Fußnote + + + + +Neunundsechzigstes Stück +Den 29. Dezember 1767 + +Lope de Vega, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters +betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einführte. Das +Volk war bereits so daran gewöhnt, daß er ihn wider Willen mit anstimmen +mußte. In seinem Lehrgedichte über "die Kunst, neue Komödien zu machen", +dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darüber. Da er sahe, daß +es nicht möglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten für seine +Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit +wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er +dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so +müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sei besser, auch nur nach +diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar +keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können +doch noch immer Regeln beobachten und müssen dergleichen beobachten, +wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgeschmacke +hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des +Ernsthaften und Lächerlichen die erste. + +"Auch Könige", sagt er, "könnet ihr in euern Komödien auftreten lassen. +Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht +gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, daß es wider die Regeln laufe, +oder weil er es der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den +Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses wieder zur +ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Götter einführte; wie +unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiß gar +wohl, daß Plutarch, wenn er von Menandern redet, die älteste Komödie +nicht sehr lobt. Es fällt mir also freilich schwer, unsere Mode zu +billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst +entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber schweigen. Es ist +wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz +zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus +der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will +nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft und halb +lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der +sie einen Teil ihrer Schönheit entlehnet."[1] + +Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Ist es +wahr, daß uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und +Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen, +zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope +mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloß die Fehler seiner +Bühne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser +Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung +der Natur ist. + +"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare +--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Könige +bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fa1staff am besten +gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch +gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften +unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; daß Komisches und +Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft +ebendieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur Tränen in +die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen +seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht +zu lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer +wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man +tadelt das und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche +Abbildungen des menschlichen Lebens sind." + +"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürfen) der +Lebenslauf der großen Staatskörper selbst, insofern wir sie als +ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und +Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, daß +man beinahe auf die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser Letztern +wären klüger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie +nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich +zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die +Griechen sich angelegen sein ließen, sie zu verschönern. Um itzt nichts +von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, sowie im +Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten +Akteurs gespielt werden,--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der +Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und +Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen? +Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum +sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft +überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten +vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, +ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder +verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft +sehen wir die größesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen +hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer +leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität +behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und +durcheinander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung +zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch irgendeinen unter +Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch +einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöset, +aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, daß auf +die eine oder die andere Art das Stück ein Ende hat und die Zuschauer +klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen. Übrigens weiß +man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir +reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen +Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt +des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, daß er +seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel große +Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten +mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hanswurst +--aufführen gesehen? Wie oft haben die größesten Männer, dazu geboren, die +schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker und Zeitalter +zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen +schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen +müssen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen, +doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in +beiden Arten der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich daher, +daß Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stückchen von +seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen können, ihr +Spiel verderbt?"-- + +Wenn in dieser Vergleichung des großen und kleinen, des ursprünglichen +und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnügen aus +einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten +unsers Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publikum noch viel zu +früh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England würde es das +äußerste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf +aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere +Großen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus +einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß +schärfer und ihr Magen stärker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt +haben, so kommen sie auch wohl einmal über den "Agathon"[2]. Dieses ist +das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem +schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich +es bewundere: da ich mit der äußersten Befremdung wahrnehme, welches +tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darüber beobachten, oder in +welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der +erste und einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem +Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht, +daß es einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die es darüber +verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.) + + +----Fußnote + +[1] + Eligese el sujeto, y no se mire, + (Perdonen los preceptos) si es de Reyes, + Aunque por esto entiendo, que el prudente, + Filipo Rey de España, y Señor nuestro, + En viendo un Rey en ellos se enfadaba, + O fuese el ver, que al arte contradice, + O que la autoridad real no debe + Andar fingida entre la humilde plebe, + Esto es volver a la Comedia antigua, + Donde vemos que Plauto puso Dioses, + Como en su Anfitrión lo muestra Júpiter. + Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo, + Porque Plutarco hablando de Menandro, + No siente bien de la Comedia antigua, + Mas pues del arte vamos tan remotos, + Y en España le hacemos mil agravios, + Cierren los Doctos esta vez los labios. + Lo Trágico, y lo Cómico mezclado, + Y Terencio con Séneca, aunque sea, + Como otro Minotauro de Pasife, + Harán grave una parte, otra ridícula, + Que aquesta variedad deleita mucho, + Buen ejemplo nos da naturaleza, + Que por tal variedad tiene belleza. + +[2] Zweiter Teil (S. 192). + +----Fußnote + + + + +Siebzigstes Stück +Den 1. Januar 1768 + +Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr +vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch- +tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal +auf irgendeinem Titel genannt gefunden), für die geflissentlichste +Ausführung des Gedankens beim Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie +auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie würde zeigen, daß eben das +Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit +der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes +dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen- +verstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte +folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es +doch bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhören; +wenigstens keine höhere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern +des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er +will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, daß er nicht natürlich +scheinen könnte; bloß und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich +zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmaß und Verhältnis, zu viel von dem zeiget, +was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem +Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste. + +Als Kritikus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so +sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine +Mißgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die +ersten Versuche der unter ungeschlachteten Völkern wieder auflebenden +Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluß gewisser +äußerlichen Ursachen oder das Ohngefähr den meisten, Vernunft und +Überlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte. +Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspiels (da das +Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso +getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie +zu verschönern". + +Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung und der Natur, als +dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen +unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche +man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißfalle, +gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es gibt +andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine +Natur, die schöner sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur. +Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene +finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also +müßte notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Mühe haben +würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden. + +Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie +auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider +die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese, +so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner sein will als +die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten +Anstoß von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen +Widerspruch erklären? + +Wir würden notwendig zurückkommen und das, was wir von beiden Gattungen +erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne +uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen +Haupt-und Staatsaktion, über deren Güte wir streiten, mit dem menschlichen +Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig! + +Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gründlich genug +sind, doch gründlichere veranlassen können.--Der Hauptgedanke ist dieser: +Es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gotischer +Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Hälfte +getreu nach und vernachlässiget die andere Hälfte gänzlich; sie ahmet die +Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer +Empfindungen und Seelenkräfte dabei zu achten. + +In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles +wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach +dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen +unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil +nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu +geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit +nach Gutdünken lenken zu können. + +Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe +würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen +Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des +gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was +wir träumten. + +Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser +Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu +erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer +Verbindung verschiedener Gegenstände, es sei der Zeit oder dem Raume +nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen, +sondert sie wirklich ab und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese +Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur +immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet. + +Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und +eine andere von nichtigem Belange läuft quer ein: so suchen wir der +Zerstreuung, die diese uns drohet, möglichst auszuweichen. Wir +abstrahieren von ihr; und es muß uns notwendig ekeln, in der Kunst das +wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten. + +Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen +des Interesse annimmt, und eine nicht bloß auf die andere folgt, sondern +so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die +Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns +die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur alsdenn +verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser +Unmöglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.-- + +Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.-- + +Den fünfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die +Brüder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt. + +Das erstere Stück kann für ein deutsches Original gelten, ob es schon +größtenteils aus den "Brüdern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt, +daß auch Molière aus dieser Quelle geschöpft habe; und zwar seine +"Männerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen über dieses +Vorgeben: und ich führe Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern +an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon +nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er hätte sagen +sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses +Sprüchelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wüßte +keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen könnte, +ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von +Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen, +weniger behilflich sein könnte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer +Schriftsteller, dünkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach +diesem Sprüchelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er +streiten kann: so kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige +findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es +aufrichtig, nun einmal die französischen Skribenten vornehmlich erwählet, +und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach +einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan +mehr mutwillig, als gründlich scheinen wollte: der soll wissen, daß +selbst der gründliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat. +Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand +liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et +casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum +opinionibus, usw. O des Pedanten! würde der Herr von Voltaire rufen. +--Ich bin es bloß aus Mißtrauen in mich selbst. + +"'Die Brüder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "können höchstens +die Idee zu der Männerschule, gegeben haben. In den 'Brüdern' sind zwei +Alte von verschiedner Gemütsart, die ihre Söhne ganz verschieden +erziehen; ebenso sind in der 'Männerschule' zwei Vormünder, ein sehr +strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Ähnlichkeit. In den +'Brüdern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der +'Männerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von +den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle +spielen müßte, erscheinet bloß auf dem Theater, um niederzukommen. Die +Isabelle des Molière ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer +witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem +Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Brüdern' ist +ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, daß ein Alter, der sechzig +Jahre ärgerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und +höflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Männerschule' +aber ist die beste von allen Entwicklungen des Molière; wahrscheinlich, +natürlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht +das Schlechteste daran ist, äußerst komisch." + + + + + +Einundsiebzigstes Stück +Den 5. Januar 1768 + +Es scheinet nicht, daß der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse +bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er +spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur +noch sowas davon im Gedächtnisse; und das schreibt er auf gut Glück so +hin, unbekümmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht +aufmutzen, was er von der Pamphila des Stücks sagt, "daß sie bloß auf dem +Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem +Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloß ihre +Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle +spielen müßte, das läßt sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und +Römern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes +Mädchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und +Gefahr läuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem +sehr ungeschickt.-- + +Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft +die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der mürrische strenge +Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal völlig verändern. Das +ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet +seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam +fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus +an? dürfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche +nur glauben dürfen, daß Donatus den Terenz fleißiger gelesen und besser +verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stücke die +Rede; es ist noch da; man lese selbst. + +Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu +besänftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines +Ärgernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich +bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber +morgen, bei früher Tageszeit, muß der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da +will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen, +wo er es heute gelassen hat; die Sängerin, die diesem der Vetter gekauft, +will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und +eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen, +sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des +fünften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte +nur so obenhin nimmt, als ob er völlig von seiner alten Denkungsart +abgehen und nach den Grundsätzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1] +Doch die Folge zeigt es, daß man alles das nur von dem heutigen Zwange, +den er sich antun soll, verstehen muß. Denn auch diesen Zwang weiß er +hernach so zu nutzen, daß er zu der förmlichsten hämischsten Verspottung +seines gefälligen Bruders ausschlägt. Er stellt sich lustig, um die +andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht +in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwürfe; er wird nicht +freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder +von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er +Verschwenden nennt, lächerlich zu machen. Dieses erhellet unwider- +sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den +Anschein betriegen läßt, und ihn wirklich verändert glaubt.[2] Hic +ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores, +quam mutavisse. + +Ich will aber nicht hoffen, daß der Herr von Voltaire meinet, selbst +diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts +als geschmält und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere +mehr Gelassenheit und Kälte, als man dem Demea zutrauen dürfe. Auch +hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich +motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet, +bei dem geringsten Übergange so feine Schattierungen in acht genommen, +daß man nicht aufhören kann, ihn zu bewundern. + +Nur ist öfters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe +sehr nötig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses +schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen +Künstler, und in dem übrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die +Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäfte ein sehr +ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die +Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre +Stücke überhaupt nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt +waren, als bis man sie gesehen und gehört hatte: so konnten sie es um so +mehr überhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu +unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermaßen mit +unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber +einbildet, daß die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen, +in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebärde, jede Miene, jede +besondere Abänderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten +gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzählige Stellen +vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur +zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der +wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte +gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene +ausdrücken muß. + +Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesänderung des Demea +vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anführen will, weil auf +ihnen gewissermaßen die Mißdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiß +nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, daß es sein +ehrbarer frommer Sohn ist, für den die Sängerin entführet worden, und +stürzt mit dem unbändigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und +der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht. + +"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Söhne, mir sie +beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so mäßige dich, und komm wieder +zu dir! + +Demea. Gut, ich mäßige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes +Wort entfahren. Laß uns bloß bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins +geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte, +daß sich ein jeder nur um den seinen bekümmern sollte? Antworte."[3] usw. + +Wer sich hier nur an die Worte hält und kein so richtiger Beobachter ist, +als es der Dichter war, kann leicht glauben, daß Demea viel zu geschwind +austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger +Überlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, daß jeder Affekt, wenn er +aufs äußerste gekommen, notwendig wieder sinken müsse; daß Demea, auf den +Verweis seines Bruders, sich des ungestümen Jachzorns nicht anders als +schämen könne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht +das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei +vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius +destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam +juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der +Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, daß +sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er +sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den +Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Überzeugung zu +demütigen. Doch da er über die Wallungen seines kochenden Geblüts nicht +so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der überführen will, doch noch +immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid +dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse +iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich mäßige +mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebärde und Stimme +verraten genugsam, daß er sich noch nicht gemäßiget hat, daß er noch +nicht wieder bei sich ist. Er bestürmt den Micio mit einer Frage über die +andere, und Micio hat alle seine Kälte und gute Laune nötig, um nur zum +Worte zu kommen. + + +----Fußnote + +[1] + --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc, + Prope jam excurso spatio mitto-- + +[2] + Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos? + Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi: + Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant, + Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono, + Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio. + Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine, + Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor; + Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet! + + +[3] + --De. Eccum adest + Communis corruptela nostrum liberum. + Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi. + De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia: + Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit, + Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum, + Neve ego tuum? responde!-- + +----Fußnote + + + + +Zweiundsiebzigstes Stück +Den 8. Januar 1768 + +Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im +geringsten nicht überzeugt. Aller Vorwand, über die Lebensart seiner +Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch fängt er wieder von +vorne an, zu nergeln. Micio muß auch nur abbrechen und sich begnügen, daß +ihm die mürrische Laune, die er nicht ändern kann, wenigstens auf heute +Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen läßt, +sind meisterhaft.[1] + +"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schönen +Grundsätzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden. + +Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon! +Heute schenke dich mir. Komm, kläre dich auf. + +Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muß, das muß ich.--Aber +morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche +geht mit. + +Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; dächte ich. Sei nur heute +lustig! + +Demea. Auch das Mensch von einer Sängerin muß mit heraus. + +Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiß nicht weg wünschen. +Nur halte sie auch gut. + +Demea. Da laß mich vor sorgen! Sie soll in der Mühle und vor dem +Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu +soll sie mir am heißen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so +schwarz geworden, als ein Löschbrand. + +Micio. Das gefällt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und +alsdenn, wenn ich wie du wäre, müßte mir der Sohn bei ihr schlafen, er +möchte wollen oder nicht. + +Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemütsart freilich kannst du +wohl glücklich sein. Ich fühl' es, leider-- + +Micio. Du fängst doch wieder an? + +Demea. Nu, nu; ich höre ja auch schon wieder auf." + +Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum +vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus +EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller +Ernst es war, daß er die Sängerin nicht als Sängerin, sondern als eine +gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muß über den Einfall des Micio +lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich +stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?" +und muß sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeißen. Er verbeißt +es auch bald, denn das "Ich fühl' es leider" sagt er wieder in einem +ärgerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch +ist: so große Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat +man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann. +Je seltner ihm diese wohltätige Erschütterung ist, desto länger hält sie +innerlich an; nachdem er längst alle Spur derselben auf seinem Gesichte +vertilgt, dauert sie noch fort, ohne daß er es selbst weiß, und hat auf +sein nächstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluß.-- + +Aber wer hätte wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht? +Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken. +Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war +ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns +gekommen, verdient daher nicht bloß wegen der Sprache studiert zu werden. +Nur muß man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Daß aber +dieser Donatus (Aelius) so vorzüglich reich an Bemerkungen ist, die +unsern Geschmack bilden können, daß er die verstecktesten Schönheiten +seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthüllen weiß: das kömmt +vielleicht weniger von seinen größern Gaben, als von der Beschaffenheit +seines Autors selbst. Das römische Theater war, zur Zeit des Donatus, +noch nicht gänzlich verfallen; die Stücke des Terenz wurden noch +gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Überlieferungen +gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des römischen Geschmacks +herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hörte; er +brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu +machen, daß ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst +schwerlich dürfte ausgegrübelt haben. Ich wüßte daher auch kein Werk, aus +welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen könnte, als diesen +Kommentar des Donatus über den Terenz: und bis das Latein unter unsern +Schauspielern üblicher wird, wünschte ich sehr, daß man ihnen eine gute +Übersetzung davon in die Hände geben wollte. Es versteht sich, daß der +Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben müßte, was die +bloße Worterklärung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den +Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Übersetzung des Textes ist wäßrig +und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der +Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr +gänzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die +Dacier zu brauchen für gut befunden. Es wäre also keine getane Arbeit, +was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun +könnten, können auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun könnten, +werden sich bedanken. + +Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch +sonderbar, daß auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire +gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, daß am Ende mit dem +Charakter des Demea eine gänzliche Veränderung vorgehe; wenigstens läßt +er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", läßt er +ihn rufen, "schweigt doch! Ihr überhäuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn, +Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloß weil ich einmal ein +bißchen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich +werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch hübsch, wenn man geliebt +wird. Ich will auch gewiß so bleiben. Ich wüßte nicht, wenn ich so eine +vergnügte Stunde gehabt hätte." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter +stirbt gewiß bald.[3] Die Veränderung ist gar zu plötzlich." Jawohl; aber +das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veränderungen, +die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier +etwas rechtfertigen? + + +----Fußnote + +[1] + --De. Ne nimium modo + Bonae tuae istae nos rationes, Micio, + Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace; + Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi: + Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert, + Faciendum est: ceterum rus cras cum filio + Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo: + Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam + Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris. + Eo pacto prorsum illic alligaris filium. + Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro, + Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis, + Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec + Meridie ipso faciam ut stipulam colligat: + Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet, + Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium, + Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet. + De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies: + Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino. + +[2] +Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzuführen, +die ich eben itzt übersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen, +ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch +ungefähr daraus sehen können, worin das Verdienst besteht, das ich dieser +Übersetzung absprechen muß. + +"Demea. Aber mein lieber Bruder, daß uns nur nicht deine schönen +Gründe, und dein gleichgültiges Gemüte sie ganz und gar ins Verderben +stürzen. + +Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Laß das +immer sein. Überlaß dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von +der Stirne. + +Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muß es wohl tun. +Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land. + +Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder +gehn wil1st; sei doch heute nur einmal fröhlich! + +Demea. Die Sängerin will ich zugleich mit herausschleppen. + +Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, daß dein Sohn ohne +sie nicht wird leben können. Aber sorge auch, daß du sie gut +verhältst! + +Demea. Dafür werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch, +Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Außerdem soll sie +mir in der größten Mittagshitze gehen und Ähren lesen, und dann will +ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, überliefern. + +Micio. Das gefällt mir; nun seh' ich recht ein, daß du weislich +hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, daß +er sie mit zu Bette nimmt. + +Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist glücklich, daß du ein +solches Gemüt hast; aber ich fühle. + +Micio. Ach! hältst du noch nicht inne? + +Demea. Ich schweige schon." + +So soll es ohne Zweifel heißen, und nicht: stirbt ohnmöglich bald. +Für viele von unsern Schauspielern ist es nötig, auch solche +Druckfehler anzumerken. + +----Fußnote + + + + +Dreiundsiebzigstes Stück +Den 12. Januar 1768 + +Die Schlußrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone. +"Wenn euch nur das gefällt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um +nichts mehr bekümmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der +Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise +künftig zu bequemen versprechen.--Aber wie kömmt es, dürfte man fragen, +daß die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Brüdern" bei +der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der +beständige Rückfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie +komisch: aber bei diesem hätte es auch bleiben müssen.--Ich verspare das +Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stücks. + +"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluß machte, +ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt. + +Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miß +Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2] +wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom +Marivaux, in einem Akte. + +Oder, wie es wörtlicher und besser heißen würde: "Die unvermutete +Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den +Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen +vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen +Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen +Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern +schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, daß es +fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen möchte sie ihn doch noch +lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben, +die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser +kömmt; aber zum Glücke ist es ein so schöner liebenswürdiger Mann, daß +sie gar bald ihre Verstellung vergißt und in aller Geschwindigkeit mit +ihm einig wird. Man gebe dem Stücke einen andern Titel, und alle Leser +und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen +Knoten, den man in zehn Szenen so mühsam geschürzt hat, in einer einzigen +nicht zu lösen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler +in dem Titel selbst angekündiget, und durch diese Ankündigung +gewissermaßen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen +Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden können? Er +sahe ja in der Wirklichkeit einer Komödie so ähnlich: und sollte er denn +eben deswegen um so unschicklicher zur Komödie sein?--Nach der Strenge, +allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre +Komödien nennet, findet man in der Komödie wahren Begebenheiten nicht +sehr gleich; und darauf käme es doch eigentlich an. + +Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus? +Nicht völlig. Der Ausgang ist, daß Jungfer Argante den Erast und nicht +den Dorante heiratet, und dieser ist hinlänglich vorbereitet. Denn ihre +Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterläunisch; sie liebt ihn, weil +sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie +ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es kömmt; hat sie +ihn lange nicht gesehen, so kömmt er ihr liebenswürdig genug vor; sieht +sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stoßen ihr dann +und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so +unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz +von ihm abzubringen, als daß Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein +solches Gesicht ist? Daß sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet, +daß es vielmehr sehr unerwartet sein würde, wenn sie bei jenem bliebe. +Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete +Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von +der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu +bekümmern, in der er einen Teil seiner Personen läßt. Und so ist es hier: +Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt +sich ihm. + +Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das +Trauerspiel des Herrn Weiße "Richard der Dritte" aufgeführt: zum +Beschlusse "Herzog Michel". + +Dieses Stück ist ohnstreitig eines von unsern beträchtlichsten +Originalen; reich an großen Schönheiten, die genugsam zeigen, daß, die +Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht +über die Kräfte des Dichters gewesen wäre, wenn er sich diese Kräfte nur +selbst hätte zutrauen wollen. + +Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf +die Bühne gebracht: aber Herr Weiße erinnerte sich dessen nicht eher, als +bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der +Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden, +daß ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht wäre es ein +Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen." + +Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem +Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm +ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen. +Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, +welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der +fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen! + +Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein. Haben wir Genie, so muß +uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura +ist: er sehe fleißig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen +Fällen auf eine Fläche projektieret; aber er borge nichts daraus. + +Ich wüßte auch wirklich in dem ganzen Stücke des Shakespeares keine +einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weiße so hätte +brauchen können, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim +Shakespeare, sind nach den großen Maßen des historischen Schauspiels +zugeschnitten, und dieses verhält sich zu der Tragödie französischen +Geschmacks ungefähr wie ein weitläuftiges Freskogemälde gegen ein +Miniaturbildchen für einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen, +als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe, +die man sodann als ein eigenes Ganze ausführen muß? Ebenso würden aus +einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen +ganze Aufzüge werden müssen. Denn wenn man den Ärmel aus dem Kleide eines +Riesen für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder +einen Ärmel, sondern einen ganzen Rock daraus machen. + +Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des +Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke +nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst +verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, daß ein Goldkorn so +künstlich kann getrieben sein, daß der Wert der Form den Wert der Materie +bei weitem übersteiget. + +Ich für mein Teil bedauere es also wirklich, daß unserm Dichter +Shakespeares Richard so spät beigefallen. Er hätte ihn können gekannt +haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er hätte +ihn können genutzt haben, ohne daß eine einzige übergetragene Gedanke +davon gezeugt hätte. + +Wäre mir indes eben das begegnet, so würde ich Shakespeares Werk +wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle +die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen +nicht vermögend gewesen wäre.--Aber woher weiß ich, daß Herr Weiße dieses +nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben? + +Kann es nicht ebenso wohl sein, daß er das, was ich für dergleichen +Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß +er mehr recht hat, als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers +größtenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner +Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich +von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie +auch schon sich selbst beantwortet zu haben. + +Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu +hören: denn er hat es gern, daß man über sein Werk urteilet; schal oder +gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles gilt ihm +gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm lieber, +als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in +seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was fängt er mit dieser an? +Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so +etwas Außerordentliches halten: und doch muß er die Achseln über sie +zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz +möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes +Lob auf sich sitzen lassen.-- + +Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.-- +Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--höchstens nur bei einem oder dem +andern Mitsprecher. Ich weiß nicht, wo ich es jüngst gedruckt lesen +mußte, daß ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner übrigen +Lustspiele gelobt hätte.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der +frühern? Ich gönne es Ihnen, mein Herr, daß man niemals Ihre ältern Werke +so möge tadeln können. Der Himmel bewahre Sie vor dem tückischen Lobe: +daß Ihr letztes immer Ihr bestes ist!-- + + +----Fußnote + +[1] S. den 11. Abend. + +[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend. + +[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusätzen zu +seiner Theorie der Poesie", S. 45. + +----Fußnote + + + + +Vierundsiebzigstes Stück +Den 15. Januar 1768 + +Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worüber ich +mir die Erklärung des Dichters wünschte. + +Aristoteles würde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem +Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur +auch mit seinen Gründen zu werden wüßte. + +Die Tragödie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus +folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch +ein völliger Bösewicht sein müsse. Denn weder mit des einen noch mit des +andern Unglücke lasse sich jener Zweck erreichen. + +Räume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragödie, die +ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht +mehr, was eine Tragödie ist. + +Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiße geschildert hat, ist +unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne +getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe, +daran zweifle ich. + +Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das +soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind +ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers +Mitleids gemacht hat. + +Aber Schrecken?--Sollte dieser Bösewicht, der die Kluft, die sich +zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefüllet, mit +Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten sein müssen; sollte +dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine +Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Maße erwecken? + +Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über +unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern +Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns +bei Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden, +überfällt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes +Teil empfinden lassen. + +Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels, +daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn +ihre Personen irgendein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben +öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber +zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den +freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der gräßlichen Idee +wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis +fähig sei. + +Bei den Franzosen führt Crébillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich +fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht +sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der +Tragödie rechnet. + +Und dieses--hätte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort, +welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er, +soll die Tragödie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr, +das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine plötzliche, +überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Überraschende, +welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von +welchen sich hier die Einführung des Wortes "Schrecken", anstatt des +Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht +Aristoteles meine.--Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen: +man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif. + +"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet: +und die Furcht einen unsersgleichen. Der Bösewicht ist weder dieses noch +jenes: folglich kann auch sein Unglück weder das erste noch das andere +erregen."[1] + +Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Übersetzer +Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem +Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen. + +"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "über die Erklärung des +Schreckens nicht vereinigen können; und in der Tat enthält sie in jeder +Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert +und sie allzusehr einschränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz +'unsersgleichen' nur bloß die Ähnlichkeit der Menschheit verstanden hat, +weil nämlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind, +gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer Würde und ihrem Range +ein unendlicher Abstand befände: so war dieser Zusatz überflüssig; denn +er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur +tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich +hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft +und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt +ohnstreitig aus einem Gefühl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist +ihm unterworfen, und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses +Gefühls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl +möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich zu leugnen: +allein dieses würde allemal eine Verleugnung seiner natürlichen +Empfindungen, und also eine bloße Prahlerei aus verderbten Grundsätzen, +und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die +wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall +zustößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen +bloß den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes überhaupt macht +uns traurig, und die plötzliche traurige Empfindung, die wir sodann +haben, ist das Schrecken." + +Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider +den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht, +wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsersgleichen +setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bei der plötzlichen +Erblickung eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein +mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen. +Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der +Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde. + +"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen,[3] +"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande, +und aus der Unlust über dessen Unglück zusammengesetzt ist. Die +Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den +einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden, +denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese +Erscheinung werden! Man ändre nur in dem bedauerten Unglück die einzige +Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere +Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die über die Urne ihres +Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält das +Unglück für geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei +den Schmerzen des Philoktets fühlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber +von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte +auszustehen hat, ist gegenwärtig und überfällt ihn vor unsern Augen. +Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das große Geheimnis sich plötzlich +entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersüchtigen Mithridates +sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fürchtet, da +sie ihren sonst zärtlichen Othello so drohend mit ihr reden höret: was +empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen, +mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden, +allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen einerlei. +Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die +Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen wir alle Arten von Leiden mit +der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden +nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht, +Rachbegier, und überhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar +den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können?--Man sieht +hieraus, wie gar ungeschickt der größte Teil der Kunstrichter die +tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken +und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Für +wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch +ziehet? Gewiß nicht für sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung +man so sehr wünschet, und für die betrogne Königin, die ihn für den +Mörder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust über das +gegenwärtige Übel eines andern Mitleiden nennen: so müssen wir nicht nur +das Schrecken, sondern alle übrige Leidenschaften, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."-- + + +----Fußnote + +[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst". + +[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35. + +[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter +Teil, S. 4. + +----Fußnote + + + + +Fünfundsiebzigstes Stück +Den 19. Januar 1768 + +Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß uns dünkt, +ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich +die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht +unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten +Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu +danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch +Aristoteles im ganzen ungefähr empfunden haben: wenigstens ist es +unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie +könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust +über das gegenwärtige Übel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich +zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen. + +Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte +Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht +hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von +Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht +ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines +andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus +unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; +es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhängst +sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der +bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese +Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid. + +Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen +neuen Kommentar über seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den +Dacierschen weit hinter sich läßt, dem rate ich, vor allen Dingen die +Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird +Aufschlüsse für die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten +vermutet; besonders muß er die Bücher der "Rhetorik" und "Moral" +studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die +Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten, +längst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von +seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabei fehlten +ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht +fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke +desselben nicht. + +Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem +tragischen Mitleid beifüget, findet sich in dem fünften und achten +Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer, +sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner +seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon +gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie +einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, hätten +noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nämlich, +warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht, +warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften +beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchte +wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte: +warum z.E. die Tragödie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als +Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe? + +Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem +Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der +Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der +Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines +von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne +auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief +herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch +der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht +begreife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifelnde +noch der Übermütige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erkläret +daher auch das Fürchterliche und das Mitleidswürdige, eines durch das +andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem +andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken +würde:[1] und alles das finden wir mitleidswürdig, was wir fürchten +würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der +Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht +verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen: +seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld, +sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn +wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne. +Diese Möglichkeit aber finde sich alsdenn und könne zu einer großen +Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, +als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken +und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und +gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und +handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne +schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal +gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein +uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam +zur Reife bringe. + +So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre +Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem +Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier +eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sei, welche +bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr, +erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern +weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig +einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere +Furcht erwecken kann. + +Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich +hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er +hatte funfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung +würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen +Kodex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner +Arbeit fleißiger zu Rate gezogen hätte. Allein dieses scheinet er +höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu +haben. In den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am +Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn +verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und +ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie +gedacht hatte. + +Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht und sie als die +vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die +abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra +aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur +Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht +erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an, +damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des +Aristoteles leiden möge? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles können wir +uns hier leicht vergleichen.[3] Wir dürfen nur annehmen, er habe eben +nicht behaupten wollen, daß beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als +Mitleid, nötig wären, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken, +die er zu dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner +Meinung sei auch eines zureichend.--Wir können diese Erklärung", fährt +er fort, "aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen, +welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den +Trauerspielen mißbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes +schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine +Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die +Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft +sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege +bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht +gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und daß er +ihnen seinen Beifall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von +beiden wirkten." + + +----Fußnote + +[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron +gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiß nicht, was dem +Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598) +eingekommen ist, dieses zu übersetzen: Denique ut simpliciter loquar, +formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt, +vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muß schlechtweg heißen: +quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt. + +[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la +scène, sagt er in seiner Abhandlung über das Drama. Sein erstes Stück +"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches +gerade die funfzig Jahr ausmacht, so daß es gewiß ist, daß er bei den +Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stücke ein Auge haben +konnte und hatte. + +[3] Il est aisé de nous accommoder avec Aristote etc. + +----Fußnote + + + + +Sechsundsiebzigstes Stück +Den 22. Januar 1768 + +Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier, +der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche +Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen +suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie +nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom +Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich +Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man +müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man +müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen +können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Übel eines andern unser Mitleid +erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner +Handlung in der Tragödie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine +Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen +Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu +erwecken fähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns +erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid. +Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen, +welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu +erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns selbst +errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit +bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der +Tragödie, wo wir alle das Übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern +anderen begegnen sehen. + +Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die +Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von +ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer, +wenn sich Corneille durch dieses weder noch verführen lassen. Diese +disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren +läßt. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie +verneinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der +Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und +durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache +demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere +von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie +sei weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden +zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und +Schönheit lassen sich nicht bloß in Gedanken trennen, sondern sie sind +wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder +Himmel noch Hölle", wollen wir damit auch sagen: daß wir zufrieden sein +würden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und +keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht: +denn wer das eine glaubt, muß notwendig auch das andere glauben; Himmel +und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch +das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen; +wenn wir sagen, dieses Gemälde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung +noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemälde sich mit +einem von beiden begnügen könne?--Das ist so klar! + +Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden +gibt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Übeln und Unglücksfällen +Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu +besorgen haben? + +Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust über das +physikalische Übel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese +Unlust entstehet bloß aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie +unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus +dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte +Empfindung, welche wir Mitleid nennen. + +Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig +aufgeben zu müssen. + +Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere +empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene +Furcht dazukommt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es +ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte +Empfindung über das physikalische Übel eines geliebten Gegenstandes nur +allein durch die dazukommende Furcht für uns zu dem Grade erwächst, in +welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet? + +Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht +nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloß als Affekt. Ohne +jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme. +Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie: +und nur den stärkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns +selbst verknüpft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er +zwar, daß das Unglück eines Bösewichts weder unser Mitleid noch unsere +Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der +Bösewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen +moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behält, um sein +Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas +Mitleidähnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden. +Aber, wie schon gesagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennt er nicht +Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muß", sagt er, "keinen Bösewicht aus +unglücklichen in glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das +untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben +sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch +muß es kein völliger Bösewicht sein, der aus glücklichen Umständen in +unglückliche verfällt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar +Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts +Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Übersetzungen dieses +Wortes Philanthropie. Sie geben nämlich das Adjektivum davon im +Lateinischen durch hominibus gratum; im Französischen durch ce que peut +faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnügen machen +kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des +Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon] +durch quod humanitatis sensu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter +dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts +Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern +das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz +der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem +Augenblicke des Leidens in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar +diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Bösewicht nur auf eine +gewisse Gattung der ihn treffenden Übel einschränken. "Solche Zufälle des +Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns +wirken, müssen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufällig, +oder wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer die +Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden +Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht +genug überlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches +den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist, +können wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm +zu leiden. + +"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe über die Empfindungen", +"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen dränget. Sie haben alle +Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel +und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt +und ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sich durch +das Gewühl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Dächer hinan, +um die Züge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist +gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal +entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm verziehen +würde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick +vorher selbst zum Tode verurteilet haben würden? Wodurch wird itzt ein +Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die +Annäherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen +Übel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen und ihm +unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit +seinem Schicksale sein." + +Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter +keinerlei Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit +welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unverlöschlich +fortglimmet und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und +Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen; +ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie +verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids +begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen +eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der +mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer +wahrscheinlichen Furcht für uns selbst, Affekt werden, zu +unterscheiden. + + + + +Siebenundsiebzigstes Stück +Den 26. Januar 1768 + +Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff +von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er notwendig mit der Furcht für +uns selbst verknüpft sein müsse: was war es nötig, der Furcht noch +insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid schloß sie schon in sich, und +es wäre genug gewesen, wenn er bloß gesagt hätte: die Tragödie soll durch +Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn +der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll, +noch dazu schwankend und ungewiß. + +Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloß hätte lehren wollen, welche +Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den +Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich +wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer +Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche +Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gereiniget +werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere +gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch +außer dem Theater ohne Furcht für uns selbst sein kann; ob sie schon ein +notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch +umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingrediens der Furcht für +uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und +nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück als die +wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Übel für uns selbst +schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des +Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine +vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um +anzuzeigen, daß sie dieses tun könne und wirklich tue, fand es +Aristoteles für nötig, ihrer insbesondere zu gedenken. + +Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische +Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloß +wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene +zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht +hatte. Diese indes abgerechnet, und die übrigen Merkmale ineinander +reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nämlich, +daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid +erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so +wie die Epopee und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung +einer mitleidswürdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich +vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form +ist daraus zu bestimmen. + +An dem letztern dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich +keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu +versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas +Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so +läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache +ergründet, aber sie bei seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich +angegeben. "Die Tragödie", sagt er, "ist die Nachahmung einer +Handlung,--die nicht vermittelst der Erzählung, sondern vermittelst des +Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen +Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem +sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der +Erzählung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden? +Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre +Absicht zu erreichen: und die Erzählung kann sich nur auf die Art und +Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen. +Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet +hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzählung, welches die +dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Übersetzer bei dieser +Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber +nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlässigte +Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur +den Sinn des Philosophen liefern. Dacier übersetzt: d'une action--qui, +sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la +terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die +Erzählung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst) +uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der +vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was +Aristoteles sagen will, nur daß sie es nicht so sagen, wie er es sagt. +Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine +bloß vernachlässigte Wortfügung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles +bemerkte, daß das Mitleid notwendig ein vorhandenes Übel erfodere; daß +wir längst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Übel +entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden +können, als ein anwesendes; daß es folglich notwendig sei, die Handlung, +durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist, +nicht in der erzählenden Form, sondern als gegenwärtig, das ist, in der +dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, daß unser Mitleid durch +die Erzählung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch +die gegenwärtige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in +der Erklärung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu +setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist. Hätte er es +für möglich gehalten, daß unser Mitleid auch durch die Erzählung erreget +werden könne: so würde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen +sein, wenn er gesagt hätte, "nicht durch die Erzählung, sondern durch +Mitleid und Furcht". Da er aber überzeugt war, daß Mitleid und Furcht in +der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so +konnte er sich diesen Sprung, der Kürze wegen, erlauben.--Ich verweise +desfalls auf das nämliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner +Rhetorik.[1] + +Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der +Tragödie gibt, und den er mit in die Erklärung derselben bringen zu +müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten, +darüber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, daß alle, +die sich dawider erklärt, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie +haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiß wußten, +welches seine wären. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und +bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen, +indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in +die nähere Erörterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch +nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei +Anmerkungen machen. + +1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragödie solle uns, vermittelst +des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten +Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch +Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist +es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die +Tragödie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen. +Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt +Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges, +darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als +gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedächtlichern Pferde +hinten nachruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erst die Augen +recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles: +und das heißt nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das hätten sie +übersetzen müssen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten +Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das +vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragödie soll unser Mitleid und +unsere Furcht erregen, bloß um diese und dergleichen Leidenschaften, +nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt +aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und +dergleichen" und nicht bloß "dieser": um anzuzeigen, daß er unter dem +Mitleid nicht bloß das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt +alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloß die +Unlust über ein uns bevorstehendes Übel, sondern auch jede damit verwandte +Unlust, auch die Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein +vergangenes Übel, Betrübnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange +soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, unser +Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und +keine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur +Reinigung der andern Leidenschaften nützliche Lehren und Beispiele finden; +doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und +Komödie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung +überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragödie, die Nachahmung einer +mitleidswürdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle +Gattungen der Poesie; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß; +noch kläglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln. +Aber alle Gattungen können nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so +vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann, +worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist +ihre eigentliche Bestimmung. + + +----Fußnote + +[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de +myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi, +ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous +schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei, +eleeinoterous einai.] + +----Fußnote + + + + +Achtundsiebzigstes Stück +Den 29. Januar 1768 + +2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was für +Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der +Tragödie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natürlich, daß sie +sich auch mit der Reinigung selbst irren mußten. Aristoteles verspricht +am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften +durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst +weitläuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar +nichts von dieser Materie darin findet, so ist der größte Teil seiner +Ausleger auf die Gedanken geraten, daß sie nicht ganz auf uns gekommen +sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von +seiner Dichtkunst noch übrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu +finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz +unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nötig halten konnte. +Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung, +Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die +Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo +Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und +die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr +wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und +nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der +Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke", +sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns +die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht +erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, +die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr +Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern, +ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die +Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber +dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch +welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch +und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die +Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei, +die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte +unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß +und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft +ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur +unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn +Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir, +nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften, +durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch +welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben, +in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein +solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person +durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht +ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in +welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles +will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem +einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt. +Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei +gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in +alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier +den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte +seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß +unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der +Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß +der Nutzen der Tragödie sehr gering sein würde, wenn er bloß hierauf +eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des +Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften +beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in +Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei, +die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm +in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand, +daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen +Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn +der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen. +Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden- +schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen +solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr +gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften +viel oder wenig beiträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacier allein +halten sollen: aber freilich hätte er sodann auch einen vollständigem +Begriff damit verbinden müssen. "Wie die Tragödie", sagt er, "Mitleid und +Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu +erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor Augen stellet, in +das unsersgleichen durch nicht vorsätzliche Fehler gefallen sind; und sie +reiniget sie, indem sie uns mit diesem nämlichen Unglücke bekannt macht +und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch allzusehr +davon gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie +bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufälle mutig zu ertragen, und +macht die Allerelendesten geneigt, sich für glücklich zu halten, indem +sie ihre Unglücksfälle mit weit größern vergleichen, die ihnen die +Tragödie vorstellet. Denn in welchen Umständen kann sich wohl ein Mensch +finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests +nicht erkennen müßte, daß alle Übel, die er zu erdulden, gegen die, +welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vergleichung gekommen?" +Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens +gemacht haben. Er fand sie fast mit den nämlichen Worten bei einem +Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes +einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid +neben sich duldet; daß folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu +erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübnis durch das +Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt, +gelten lassen. Nur fragen muß ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im +geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige? +Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des +Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid +und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht, +daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn, +nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muß +der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise +zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische +Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und +4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne und wirklich +reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch +diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Hälfte erläutert. Denn +wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der +Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß +jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet. Da +nämlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als +in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei +jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits +ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muß die Tragödie, +wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis +des Mitleids zu reinigen vermögend sein; welches auch von der Furcht zu +verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids, +die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch +desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht +allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich +ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein +jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in +Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht, +dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die +tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat +nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugroße Furcht mäßige: und +noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie +in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade +erhöhe; geschweige, daß er auch das übrige sollte gezeigt haben. Die nach +ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet; +aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragödie völlig außer +Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte überhaupt, aber +keinesweges der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z.E. daß sie +die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend +und Haß gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte +das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende +Kennzeichen der Tragödie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten. + + +----Fußnote + +[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels", +hinter der Aristotelischen Dichtkunst". + +----Fußnote + + + + +Neunundsiebzigstes Stück +Den 2. Februar 1768 + +Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt +ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemißbrauchten +Verstande, für die plötzliche Überraschung des Mitleids; noch in dem +eigentlichen Verstande des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein +ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er +auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn +wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten würdig fänden. Aber er ist so +ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so +völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich +glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben +sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu +fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie +auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn +trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir, +daß er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königin dieses +erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen: + +"Dies ist etwas!"-- + +Ich habe mich nie enthalten können, bei mir nachzusprechen: nein, das ist +gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem er seine Krone +wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als +ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den +Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch über den Triumph +seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die +einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück +eines Bösewichts auszudrücken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod +selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte, +unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich: +aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische! + +Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das +Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben, +nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; er +hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die +Königin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?-- + +Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es für eine fremde, +herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die +da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das +wünsche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile +gern dabei; und danke dem Dichter für eine so süße Qual. + +Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß sein! Er +spricht von einem [Greek: miaron], von einem Gräßlichen, das sich bei dem +Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die +Königin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie +getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser +Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron +haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch +kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie +unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit +Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider +die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht, +ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heiße, wie er +wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte? + +Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf +etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei: +so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange +aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den +wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und +Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes +machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig +erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, derenwegen wir die Befriedigung +nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen +Plane der Dinge suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers +sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers sein; sollte +uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse, +werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste +Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in +seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darüber +erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt +habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese +kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft +in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen +und fröhlichen Mut behalten sollen: so ist es höchst nötig, daß wir an +die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse +so wenig als möglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg, +wenn es sein könnte, aus allen Büchern mit ihnen!-- + +Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen +Eigenschaften hat, die sie haben müßten, falls er wirklich das sein +sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes +Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und +Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben und +hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese +oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie +vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn notwendig nur nach den +Regeln des Aristoteles beschäftiget und vergnügt werden? + +Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Überhaupt: +wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt er doch ein dramatisches +Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte +er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden; +kühne Gesinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog; glückliche +Veranlassungen für den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den +mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der +Pantomime zu zeigen usw. + +Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die +den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen. + +Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung +unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der +Nachahmung. + +Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen, +welche Größe und Kühnheit in uns erwecken. + +Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in +Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan +wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er +ausgeführt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das +Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des +Zweckes, Vergnügen gewähret. + +Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er +ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen über +ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so +viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist, +möchten wir es nicht gern, auch noch bloß vor langer Weile, vergossen +finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit; +nichts hören wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu +erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts +als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie +nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert +vor der Erreichung. + +Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige +Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese +Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen +Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld +leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer +Besserung kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl. + +Und sonach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese +Beschäftigung unserer Seelenkräfte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht +wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nämlich, daß wir also damit +zufrieden sein können. + +Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben. +Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben, +die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben, +und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen; +besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und +Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn sie +weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine +leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu +erhalten wären. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in +Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit +einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Scheiterhaufen anzünden, um +eine Mücke zu verbrennen. + + +----Fußnote + +[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9. + +----Fußnote + + + + +Achtzigstes Stück +Den 5. Februar 1768 + +Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet, +Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf +einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung +desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, +die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, +ungefähr auch hervorbringen würde. + +Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht +erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften +auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle +andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem +andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist. + +Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man +sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß. + +Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die +Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig, +wie kalt dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit, +wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so +starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie +den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu +haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt +sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu +verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode, +aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft +zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus +anderer Absicht. + +Ich sage, wir, unser Volk, unsere Bühne: ich meine aber nicht bloß, uns +Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, daß wir noch kein +Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses +Bekenntnis mit einstimmen und große Verehrer des französischen Theaters +sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich +weiß wohl, was ich dabei denke. Ich denke nämlich dabei: daß nicht allein +wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit hundert Jahren ein +Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben +prahlen,--daß auch die Franzosen noch kein Theater haben. + +Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die +französische Tragödie macht, sind so flach, so kalt!--Man höre einen +Franzosen selbst davon sprechen. + +"Bei den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters", sagt der Herr von +Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte, +weil das Publikum von selbst keine höhere Ideen haben konnte, als ihm die +großen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond +hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nämlich, daß unsere Stücke nicht +Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid erwecken solle, aufs höchste +Zärtlichkeit errege, daß Rührung die Stelle der Erschütterung, und +Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen +nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit +dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters +getroffen. Man sage immerhin, daß Saint-Evremond der Verfasser der elenden +Komödie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die +Opern' genannt, ist: daß seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das +Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; daß er nichts +als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und +gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war +unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern +Stücken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem +Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles." + +Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere +Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher +kam es, daß sie das nicht waren? + +"Diese Kälte aber", fährt er fort, "diese einförmige Mattigkeit, +entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals +unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragödie in eine +Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des +'Cyrus' und der 'Clelie'. Was für Stücke sich hiervon noch etwa +ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements, +dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den +'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch +eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene +zurückhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und +diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen. +--Was ließ sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit +Zuschauern angefüllt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen +Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln, +täuschen? Welche große tragische Aktion ließ sich da aufführen? Welche +Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stücke +mußten aus langen Erzählungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche +als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glänzen, und ein +Stück, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel +alle theatralische Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der +Leidenschaften, alle die kräftigen Gemälde der menschlichen +Unglücksfälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele +dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu +zerreißen." + +Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und +Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt +gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden. +Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hören: und +diese fodern, daß wir nichts als den Menschen hören sollen. + +Aber die zweite Ursache?--Sollte es möglich sein, daß der Mangel eines +geräumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluß auf +das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische +Handlung Pomp und Zurüstungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht +vielmehr sein Stück so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine +völlige Wirkung hervorbrächte. + +Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt +der Philosoph, "läßt sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch +aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches +letztere vorzüglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die +Fabel muß so eingerichtet sein, daß sie, auch ungesehen, den, der den +Verlauf ihrer Begebenheiten bloß anhört, zu Mitleid und Furcht über diese +Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhören +darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht +erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die +Vorstellung des Stücks übernommen." + +Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon +will man mit den Stücken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung +gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen +Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der +ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war +eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts +bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn +er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten +behangenen Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem +Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Spielers zu Hilfe +kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stücke des +Shakespeares ohne alle Szenen verständlicher, als sie es hernach mit +denselben gewesen sind.[1] + +Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekümmern hat; +wenn die Verzierung, auch wo sie nötig scheinet, ohne besondere Nachteil +seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten +Theater gelegen haben, daß uns die französischen Dichter keine rührendere +Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst. + +Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine +schönere, geräumlichere Bühne; keine Zuschauer werden mehr darauf +geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt +und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie +denn, die wärmern Stücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt +sich der Herr von Voltaire, daß seine "Semiramis" ein solches Stück ist? +Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne +ich nichts Kälteres, als seine "Semiramis". + + +----Fußnote + +[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78. +79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting. +--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain +of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared +either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with +tapestry; so that for the place originally represented, and all the +successive changes, in which the poets of those times freely indulged +themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or +to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and +judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would +insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards +were with them. + +----Fußnote + + + + +Einundachtzigstes Stück +Den 9. Februar 1768 + +Will ich denn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sei, ein +wirklich rührendes tragisches Werk zu machen? daß der volatile Geist der +Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich würde mich schämen, +wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen +Bouhours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Teil, hätte nun gleich die +wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der +Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten +habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose. +Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles +unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Engländer als +witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige +Engländer: der Praß von dem Volke aber ist keines von beidem.-- + +Was will ich denn? Ich will bloß sagen, was die Franzosen gar wohl haben +könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch +nicht haben?--Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen +müssen, wenn er es hätte treffen wollen. + +Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu +haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas +bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völkern haben; aber es ist keine +Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit. + +Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man +wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner +Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter +noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach +und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem +Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und +sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines +Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht +wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich +schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine +Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte +unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er +ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem +träumerischen Besitze zu behaupten. + +Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille +ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der +Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand +angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar +auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch +rührender sein könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für +unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte +sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden +als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre +Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und höre, +was sie antworten! + +Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet +und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat. +Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt; Corneille aber durch +seine Muster und Lehren zugleich. + +Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei +Pedanten, einen Hédelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten, +was sie wollten) als Orakelsprüche angenommen, von allen nachherigen +Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stück vor Stück zu +beweisen,--nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug +hervorbringen können. + +Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie +kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und +schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so +sucht er, bei einer nach der andern, quelque modération, quelque favorable +interprétation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine +jede,--und warum? pour n'être pas obligés de condamner beaucoup de poèmes +que nous avons vû réussir sur nos théâtres; um nicht viele Gedichte +verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beifall gefunden. Eine schöne +Ursache! + +Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon +berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen. + +1. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen.-- +Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht +immer nötig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne +Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der +große Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten +Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl +schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit +meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen +Nichtswürdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille: +und die Franzosen glaubten es ihm nach. + +2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen; +beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille +sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es +eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen +bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner +"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun +es ihm nach. + +3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die +Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen +anhängig, gereiniget werden.--Corneille weiß davon gar nichts und bildet +sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragödie erwecke unser +Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die +Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete +Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht +nicht sprechen: genug, daß es nicht die Aristotelische ist; und daß, da +Corneille seinen Tragödien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig +seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren, +von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mußten +Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht +allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre +Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des +Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacier beide +Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung +wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten +Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur +einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich +daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit noch eher +die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragödie", sagt er, +"ist, zufolge jener, noch so ziemlich glücklich, Mitleid und Furcht zu +erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die +doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die übrigen +Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als +Liebesintrigen enthält, wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es +einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, daß ihr +Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher +französische Tragödien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht +ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche +die unglücklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht +setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend, +ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade +erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus +verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es +erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr +unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, daß es keine +Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr +gute Köpfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen +geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr +Corneille und Racine, ihr Crébillon und Voltaire von dem wenig oder gar +nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum +Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit +den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene +desto öfterer. Denn nur weiter-- + + +----Fußnote + +[1] (Poét. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragédie peut réussir +assez dans la première partie, c'est-à-dire, qu'elle peut exciter et +purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement à la +dernière, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres +passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour, +si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-là seule, et par là il +est aisé de voir qu'elle ne fait que peu de fruit. + +----Fußnote + + + + +Zweiundachtzigstes Stück +Den 12. Februar 1768 + +4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein +Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sei +gräßlich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt +mehr Unwillen und Haß gegen den, welcher das Leiden verursacht, als +Mitleid für den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht +die eigentliche Wirkung der Tragödie sein soll, würde, wenn sie nicht +sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich +hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen, +weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm +gefallen hätte, wenn er es allein mit wegnehmen können. Aber", kömmt +Corneille hintennach; denn mit einem Aber muß er nachkommen--"aber, wenn +diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der +Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid für sich, als Widerwillen gegen +den erweckt, der ihn leiden läßt: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille, +"halte ich dafür, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den +tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."[1] +--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag +hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu +verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat. +Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt +Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich. +Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine +bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhört. Aristoteles +sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber +sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche +findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes selbst: Corneille aber +setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht. +Er sieht nicht, oder will nicht sehen, daß jenes Gräßliche ganz etwas +anders ist als dieser Unwille; daß, wenn auch dieser ganz wegfällt, jenes +doch noch in seinem vollen Maße vorhanden sein kann: genug, daß vors +erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stücken +gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des +Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich +einzubilden, es habe dem Aristoteles bloß an dergleichen Stücken gefehlt, +um seine Lehre darnach näher einzuschränken und verschiedene Manieren +daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglück des ganz +rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. En voici, +sagt er, deux ou trois manières que peut-être Aristote n'a su prévoir, +parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les théâtres de son temps. +Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst? +Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind +sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch +einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und +so, daß der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der +'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unerträglich würde +gewesen sein, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, und in +dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleopatra +und Phokas aber triumphieret hätten. Das Unglück der erstern erweckt ein +Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, +nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß sich irgendein +glücklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das +mag Corneille sonst jemanden weismachen, daß Aristoteles diese Manier +nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht +gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener +der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war es möglich, daß Corneille +dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache +zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar +nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht +unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches +gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu +sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt +Corneille, "daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl +eines andern umkömmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen +allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den +Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix +seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist es nicht aus wütendem Eifer +gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswürdig machen würde, +sondern bloß aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn +in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in +Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und +mißbilliget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Unwille nicht das +Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, und verhindert auch +nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stücks, nicht +völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper, +denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum +sollte es also dem Aristoteles an einem Stücke von ähnlicher Einrichtung +gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille? +Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie +Felix, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr und machen sie noch +obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im +geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche +liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in +dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so +unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder +schwach sein, mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der +Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann, +die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Helden hätten diesen +gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich: +und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen, +die ihn bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeuget haben +sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?--Das nämliche +würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille +nicht selbst näher anzugeben vergessen hätte. + +5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz +Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid +noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bei. +Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht +allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster +desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht +zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern +ähnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den +zwar proportionierten, aber doch noch immer unglücklichen Folgen +derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gründet +sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von +der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte, +und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die +Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und +daß der Bösewicht, wenn es möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen +könne, auch notwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie +Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und +bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu +helfen. Ja, Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter als den +ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdrücklich, falls man den Held aus +der mittlere Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als +schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut +sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler +begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglück stürzet, das uns mit +Mitleid und Wehmut erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu sein, weil es +die natürliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche +der lasterhaften Personen in der Tragödie sagt, ist das nicht, was +Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloß zu +Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloß zur +Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen +lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der +Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch +sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Bösewichter keinen +Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "daß man den Tod des Narciß im +Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon +deswegen ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die +Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße +Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern +Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch +besser sein würde, wenn es die nämliche Wirkung ohne sie hätte. Je +simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie +hat, desto vollkommener ist sie. + + +----Fußnote + +[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulté d'exposer sur la +scène des hommes très vertueux. + +[2] Réflexions cr. T. I. Sect. XV. + +----Fußnote + + + + +Dreiundachtzigstes Stück +Den 16. Februar 1768 + +6. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft, +welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie +sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so +viel als tugendhaft heißen soll: so wird es mit den meisten alten und +neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte, +wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht +bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für +seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Güte, welche Aristoteles +fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen; +es muß eine andere Art von Güte sein, die sich mit dem moralisch Bösen +ebensowohl verträgt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet +Aristoteles schlechterdings eine moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte +Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten +zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche +Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proäresis ist, durch welche +allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder bösen +Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in +einen weitläuftigen Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den +Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen +Kunstrichters einleuchtend genug führen. Ich verspare ihn daher auf eine +andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankömmt, zu +zeigen, was für einen unglücklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des +richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: daß Aristoteles +unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter +irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der +eingeführten Person entweder eigentümlich zukomme oder ihr schicklich +beigeleget werden könne: le caractère brillant et élevé d'une habitude +vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable à la +personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist +äußerst böse: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er +sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt +vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind +mit einer gewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat, +daß man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie +entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Lügner' +zu sagen. Das Lügen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein +Dorant bringt seine Lügen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so +vieler Lebhaftigkeit vor, daß diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl +läßt und die Zuschauer gestehen müssen, daß die Gabe, so zu lügen, ein +Laster sei, dessen kein Dummkopf fähig ist."--Wahrlich, einen +verderblichern Einfall hätte Corneille nicht haben können! Befolget ihn +in der Ausführung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Täuschung, um +allen sittlichen Nutzen der Tragödie getan! Denn die Tugend, die immer +bescheiden und einfältig ist, wird durch jenen glänzenden Charakter eitel +und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis überzogen, der uns +überall blendet, wir mögen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus +welchem wir wollen. Torheit, bloß durch die unglücklichen Folgen von dem +Laster abschrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselben +verbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt, daß sie +ebensooft glücklich als unglücklich fallen. Dieses bezieht sich auf die +Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir +sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht +mit jenem trügerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem +Laster untergelegt wird, macht, daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo +keine sind; macht, daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte. +Zwar hat schon Dacier dieser Erklärung widersprochen, aber aus +untriftigern Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche er mit dem +Pater Le Bossu dafür annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den +poetischen Vollkommenheiten des Stücks ebenso nachteilig werden kann. Er +meinet nämlich, "die Sitten sollen gut sein", heiße nichts mehr als, sie +sollen gut ausgedrückt sein, qu'elles soient bien marquées. Das ist +allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller +Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wenn es die +französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man "gut ausdrücken" für +stark ausdrücken genommen hätte. Man hat den Ausdruck überladen, man hat +Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte +Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe +von Lastern und Tugenden geworden sind.-- + +Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die +Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen. + +Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl +nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat +ihn nicht gesehen oder gelesen? Krüger hat indes das wenigste Verdienst +darum; denn er ist ganz aus einer Erzählung in den Bremischen Beiträgen +genommen. Die vielen guten satirischen Züge, die er enthält, gehören +jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehört nichts, +als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Bühne an Krügern viel +verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten" +beweisen. Wo er aber rührend und edel sein will, ist er frostig und +affektiert. Hr. Löwen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man +jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermißt. Dieses war der erste +dramatische Versuch, welchen Krüger wagte, als er noch auf dem Grauen +Kloster in Berlin studierte. + +Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das +Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und +zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt. + +"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stücken, welche der Hr. von +Voltaire für sein Haustheater gemacht hat. Dafür war es nun auch gut +genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht +zu Paris; soviel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine +schlechtern Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Marins und +Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiß selbst nicht. Denn ich +wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke +und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Feierkleide sehen. + +Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber verschiedne +Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem +allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf +Verkennungen und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht +ekel; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das +Fremde der Sitten und die elende Übersetzung das mot pour rire nur nicht +meistens so unverständlich machte. + +Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney" +wiederholt. Den Beschluß machte "Der sehende Blinde". + +Dieses kleine Stück ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat +Titel und Intrige und alles einem alten Stücke des De Brosse abgeborgt. +Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in +die er verliebt ist, als er Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er +verläßt seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der +aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die +Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben +macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt +einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte +Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu überzeugen, +ihnen schreiben läßt, daß er sein Gesicht verloren habe. Die List +gelingt; er kömmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der +um den Betrug weiß, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die +Entwicklung läßt sich erraten; da der Offizier an der Unbeständigkeit der +Witwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu +heiraten, und der Tochter gibt er die nämliche Erlaubnis, sich mit ihrem +Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des +Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe +versichert, daß ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, daß sie ihn +aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem +Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre +Zärtlichkeit durch Gebärden. Das ist der Inhalt des alten Stückes vom De +Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stücke des Le Grand. Nur +daß in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fünf +Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel +geworden, und was sonst dergleichen kleine Veränderungen mehr sind. Es +mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefällt sehr. Die +Übersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir +haben; sie ist wenigstens sehr fließend und hat viele drollige Zeilen. + + +----Fußnote + +[1] S. den 17. Abend. + +[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226. + +----Fußnote + + + + +Vierundachtzigstes Stück +Den 19. Februar 1768 + +Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der +Hausvater" des Hrn. Diderot aufgeführt. + +Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt, +--wenigstens hat es mit Müh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem +Pariser Theater erscheinen dürfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr +lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch +hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und +Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das +Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von +Zeit zu Zeit angemerkt habe. + +Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natürlichen Sohne", in den +beigefügten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat +Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits +verschiedne Jahre vorher ließ er es sich merken, daß er die hohen +Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute täuschen +und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche, +in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in +welchem der persiflierende Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch +das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Höhnerei +zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit +seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen +wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im +Ernste wiederholen will. + +Dieses Buch heißt "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt +durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber +doch hat er es geschrieben und muß es geschrieben haben, wenn er nicht +ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger +Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es +geschrieben zu haben. + +Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch +kennen. Ich will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen, +als es hier in meinen Kram dienet.-- + +Ein Kaiser--was weiß ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen +magischen Ringe gewisse Kleinode so viel häßliches Zeug schwatzen lassen, +daß seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hören wollte. Sie hätte +lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigstens +nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf +des Sultans Majestät und ein paar witzige Köpfe einzuschränken. Diese +waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied +der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und +ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen +unterhält sich die Favoritin einsmals, und das Gespräch fällt auf den +elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert +als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten +seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hören, und er wohl +voraussieht, daß die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme +seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in +allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater +an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile. + +"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim. +"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre +schönsten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir +nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen könnten. Unser Theater ward +für das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafür +gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es +verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es +ist das klare Altertum!" + +"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans +gesehen und gleichfalls den Faden des Stücks sehr richtig geführet, den +Dialog sehr zierlich und das Anständige sehr wohl beobachtet gefunden." + +"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem +Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genähret, und +dem größten Teile unsrer Neuern!" + +"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker über die Klinge +springen lassen, sind doch bei weitem so verächtlich nicht, als Sie +vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer, +keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was +bekümmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es sind +wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten +Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle +nicht gelesen habe, welche es machen, daß ich die Stücke des Aboulcazem, +des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre! +Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und +haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?" + +"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in +verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich +schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das müssen wir aus den Werken +lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die +gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger +gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt +man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner +Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens +alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt +worden. Sonst ließe sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung, +ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken +haben könne; welches doch wider alle Erfahrung ist." + +"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als +daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zunutze machen können, die +bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein müssen, als die Alten: +oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefällt, daß sie auf den +Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig müssen weiter +sehen können, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre, +ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in +Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit +und Poesie nicht ebensowohl überlegen sein?" + +"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist groß, und Riccaric +kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. Er mag Ihnen sagen, +warum unsere Tragödien schlechter sind, als der Alten ihre; aber daß sie +es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich +will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "daß Sie die Alten nicht +gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse beworben, als +daß Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie +gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre +Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstößig sind, weil sich +die Umstände geändert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff +nicht immer edel, wohlgewählt und interessant ist? ob sich die Handlung +nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem +Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten +gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit +Episoden überladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel +Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hören Sie alles, was von +dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti +ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern Sie sich der Höhle des +unglücklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und +sagen Sie mir, ob das Geringste vorkömmt, was Sie in der Täuschung stören +könnte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stück, welches die nämliche +Prüfung aushalten, welches auf den nämlichen Grad der Vollkommenheit +Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben." + +"Beim Brahma!" rief der Sultan und gähnte; "Madame hat uns da eine +vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!" + +"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch +weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich +weiß, daß nur das Wahre gefällt und rühret. Ich weiß auch, daß die +Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer +Handlung bestehet, daß der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der +Handlung selbst gegenwärtig zu sein glaubt. Findet sich aber in den +Tragödien, die Sie uns so rühmen, nur das geringste, was diesem +ähnlich sähe?" + + + + +Fünfundachtzigstes Stück +Den 23. Februar 1768 + +"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und +verwickelt, daß es ein Wunder sein würde, wenn wirklich so viel Dinge in +so kurzer Zeit geschehen wären. Der Untergang oder die Erhaltung eines +Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das +geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Kömmt es auf eine +Verschwörung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie +beisammen; im dritten werden alle Maßregeln genommen, alle Hindernisse +gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit nächstem wird es +einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer +förmlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut geführt, interessant, +warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben, +der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige +zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen +Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen +geht." + +"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stücke sind ein wenig +überladen; aber das ist ein notwendiges Übel; ohne Hilfe der Episoden +würden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen." + +"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muß +man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein +sollte. Kann etwas Lächerlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es +wäre denn etwa dieses, daß man die Geigen ein lebhaftes Stück, eine +muntere Sonate spielen läßt, während daß die Zuhörer um den Prinzen +bekümmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen +Thron und sein Leben zu verlieren. + +"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien +müßte man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen +gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die +Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort. + +"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, daß, +wenn die Episoden uns aus der Täuschung herausbringen, der Dialog uns +wieder hereinsetzt. Ich wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere +tragische Dichter." + +"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte, +das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend +Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu +verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn +unaufhörlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia +sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei +unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn +Sie wollen, einige Stellen daraus übersetzen; und Sie werden die bloße +Natur hören, die sich durch den Mund derselben ausdrückt. Ich möchte gar +zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt daß ihr euern +Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in +Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben.'" + +"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge +unserer dramatischen Stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte +Selim, "daß Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen." + +"Nein, gewiß nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte +für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich +durch ein Wunder. Weiß der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die +er von Szene zu Szene ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll: +geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstoße ab; die ganze Welt +fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. Hernach, +hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die +Prinzen und Könige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut +geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn +Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man +nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu einem hohen Grade der +Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast für +erwiesen, daß von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die +Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die +unvollkommenste geblieben ist." + +Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische +Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir +einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe +mich darauf, eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde." + +"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es käme +einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele +etwas gehört hätte; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle; +der ungefähr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen der +Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber +nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein +Freund, es äußern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der +Fürst, der mit seinem Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat, +daß er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, an +beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, allem Ansehen nach, +sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, daß Sie +von allem, was vorgeht, Zeuge sein können.' Er nimmt mein Anerbieten an, +und ich führe ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das +Theater sieht, welches er für den Palast des Sultans hält. Glauben Sie +wohl, daß trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemühte, die +Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könnte? Müssen Sie nicht +vielmehr gestehen, daß er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer +wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebärden, bei dem +seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend +andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen würden, gleich in der ersten +Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen würde, daß ich ihn +entweder zum Besten haben wollte, oder daß der Fürst mitsamt seinem Hofe +nicht wohl bei Sinnen sein müßten." + +"Ich bekenne", sagte Selim, "daß mich dieser angenommene Fall verlegen +macht; aber könnte man Ihnen nicht zu bedenken geben, daß wir in das +Schauspiel gehen, mit der Überzeugung, der Nachahmung einer Handlung, +nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen." + +"Und sollte denn diese Überzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die +Handlung auf die allernatürlichste Art vorzustellen?"-- + +Hier kömmt das Gespräch nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts +angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den +klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den +Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen +Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit +Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der +gerügten Mängel zu entfernen und den Weg der Natur und Täuschung besser +einzuschlagen bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es +klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der +Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum +er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: bloß +und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode +seiner Vorgänger verschrien haben, weil er empfand, daß in Befolgung der +nämlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein +elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein +Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots über seine +Stücke her. + +Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natürlichen Sohne", manche +Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der +"Hausvater" ist. Zu viel Einförmigkeit in den Charakteren, das +Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog, +ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen: +alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche +Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heißt), die so +philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie +nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu +erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen, +daß die Einkleidung, welche Diderot den beigefügten Unterredungen gab, +daß der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß +verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen +wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß +andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem +blendenden Vortrage zu haben schienen. + + + + +Sechsundachtzigstes Stück +Den 26. Februar 1768 + +z.E. Diderot behauptete,[1] daß es in der menschlichen Natur aufs +höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gäbe, die großer +Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den +menschlichen Charakteren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten, +als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr +die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte +die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie +machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komödie der Charakter das +Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß +der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem +Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgängig die Umstände, +in welchen er sich am besten äußert, und verband diese Umstände +untereinander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vorteile, +die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese +Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit größerm Umfange, von weit +größerm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein +wenig übertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin +ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man +spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. Er +muß das, was er hört, notwendig auf sich anwenden." + +Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es, +daß die Natur so arm an ursprünglichen Charakteren sei, daß sie die +komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molière sahe noch +genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil +von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in +welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so +merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuten läßt, daß der Misanthrop +schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben +sein, wann er länger gelebt hätte.[3] Palissot selbst ist nicht +unglücklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung +beizufügen: den dummen Mäzen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an +seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekünstelte Anschläge +immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den +Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den +Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler +ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten, +die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche +erweitern. Das ist noch Ernte genug für die wenigen Schnitter, die sich +daran wagen dürfen! + +Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so +wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden +die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z. +E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen +Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder +leichtsinnig, leutselig oder stürmisch sein müssen? Wird es nicht bloß +dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte +heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich +die Grundlage der Intrige und die Moral des Stücks wiederum auf dem +Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das +Zufällige sein? + +Zwar könnte Diderot hierauf antworten: Freilich muß die Person, welche +ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen +Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher sein soll, der mit den +Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs +beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es +mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder +stürmisch machen will: er muß notwendig ernsthaft und leutselig sein, und +jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschäfte erfodert. + +Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich +einer andern Klippe genähert; nämlich der Klippe der vollkommnen +Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders tun, als +was sie nach Pflicht und Gewissen tun müßten; sie würden handeln, völlig +wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komödie? Können +dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den +wir davon hoffen dürfen, groß genug sein, daß es sich der Mühe verlohnt, +eine neue Gattung dafür festzusetzen und für diese eine eigene Dichtkunst +zu schreiben? + +Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt +nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stücken steuert er ziemlich +gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich +durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den +Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei +Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Brüdern" des +Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Väter darin sind mit so gleicher +Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann, +die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Fällt +er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit +Erstaunen wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch für +einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und daß +der, den er für einen Narren gehalten hat, wohl gar der verständige Mann +sein könnte. Man sollte zu Anfange des fünften Aufzuges dieses Drama fast +sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen +worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stücks +umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr +weiß, für wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man für +den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man für keinen von +beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel +zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten." + +Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem +nämlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen, +wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir +verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet +zu werden. + +Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloß verschieden, +als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder +natürlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den +dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft +im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend +zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend +finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist +ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise hält, das ihm +Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung? +Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in +welchen man Väter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder völlig +entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater +aufweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der +nämliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich +sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen, +nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch untereinander +einförmiger sein, als es die sein können, welche Väter von verschiednen +Grundsätzen einführen. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in +ruhigen Gesellschaften bloß verschieden scheinen, sich von selbst +kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja +es ist natürlich, daß sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander +entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und +Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue +wird kalt wie Eis, um jenem soviel Übereilungen begehen zu lassen, als +ihm nur immer nützlich sein können. + + +----Fußnote + +[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natürlichen Sohne", S. 321-322 d. +Übers. + +[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II. + +[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui +(à Molière) fournirons toujours assez de matière, et nous ne prenons +guère le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce +qu'il dit. Crois-tu qu'il ait épuisé dans ses Comédies tous les ridicules +des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt +caractères de gens, où il n'a pas touché? N'a-t-il pas, par exemple, ceux +qui se font les plus grandes amitiés du monde, et qui, le dos tourné, +font galanterie de se déchirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs +à outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les +louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur +fade qui fait mal au coeur à ceux qui les écoutent? N'a-t-il pas ces +lâches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune, +qui vous encensent dans la prospérité, et vous accablent dans la +disgrâce? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mécontents de la Cour, ces +suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour +services ne peuvent compter que des importunités, et qui veulent qu'on +les récompense d'avoir obsédé le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux +qui caressent également tout le monde, qui promènent leurs civilités à +droite, à gauche, et courent à tous ceux qu'ils voyent avec les mêmes +embrassades, et les mêmes protestations d'amitié?--Va, va, Marquis, +Molière aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il +a touché n'est que bagatelle au prix de ce qui reste. + +[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Übers. + +----Fußnote + + + + +Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stück +Den 4. März 1768 + +Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz +richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit +seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens +verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbei. + +So sagt er über den "Natürlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer +Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt das Stück so? Welchen Einfluß hat +die Geburt des Dorval? Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher +Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was kann +also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen +über das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwärmen? Welcher +vernünftige Mensch weiß denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches +Vorurteil ist?" + +Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur +Verwickelung meiner Fabel nötig; ohne ihn würde es weit unwahrscheinlicher +gewesen sein, daß Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester +von keinem Bruder weiß; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen, +und ich hätte den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen können. +--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, wäre Palissot nicht ungefähr +widerlegt? + +Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern +Einwurfe bloßgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer +hätte zusetzen können. Diesem nämlich: daß der Umstand der unehelichen +Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher +sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu +eigentümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung +seines Charakters viel zuviel Einfluß gehabt hat, als daß dieser +diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des +Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muß.--Die Gelegenheit +reizt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Reize von +der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen? + +"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische +hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der +und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein +anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große +Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefähr eine so eigene +Physiognomie, daß ihr nur ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde +die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten.--Terenz scheinet mir +einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein +Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er +seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen +nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich +hält, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit +eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater +nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein +Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben." + +Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter +wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als +den Menander. Menander war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen +nach, in seinem Stücke noch weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als +er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphäre, wegen der +verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen müssen.[2] Aber daß er von +Menandern herrührt, dieses allein schon hätte, mich wenigstens, +abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre +kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als +witzig gesagt: doch würde man es wohl überhaupt von einem Dichter gesagt +haben, der Charaktere zu schildern imstande wäre, wovon sich in der +größten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel +zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl ein solcher +Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und +wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der +Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches +denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt +haben, daß schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack +hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen, +aber fast unmerklich, getadelt habe. + +Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz +zeigen will, "daß die Narren aus einer Übertreibung in die andere +entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fürchtet für +einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er tut? Er leihet +monatlich für fünf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je nötiger +der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiß die Namen +aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten, +dabei aber über harte Väter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr, +daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften +entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in +der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann +sich nicht schlechter quälen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter, +dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal +soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen +beiläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz vollkommen +gemäß. + +Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu +lassen. Denn hier, dünkt mich, würde die beiläufige Anspielung dem +Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn +es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso +abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache hätte, sich zu +peinigen, als Fufidius, so teilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius +ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne +alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der +Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut, +was dieser aus Reu und Betrübnis tat: nur alsdenn wird uns jener +unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitleidswürdig wir +diesen finden. + +Und allerdings ist jede große Betrübnis von der Art, wie die Betrübnis +dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst. +Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Jahre sich ein +Beispiel einer solchen Betrübnis finde: vielmehr handelt jede ungefähr +ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero +hatte auf die Natur der Betrübnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem +Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht +bloß von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kälterm Geblüte +fortsetzen zu müssen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes, +faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri, +quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt +humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad +moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros +vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed +etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est, +aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw. + +Menedemus aber, so heißt der Selbstpeiniger bei dem Terenz, hält sich +nicht allein so hart aus Betrübnis; sondern, warum er sich auch jeden +geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich +dieses: um desto mehr für den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal +ein desto gemächlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein +so ungemächliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Väter +tun würden? Meint aber Diderot, daß das Eigene und Seltsame darin +bestehe, daß Menedemus selbst hackt, selbst gräbt, selbst ackert: so hat +er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten +gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit würde das freilich nicht so +leicht tun: denn die wenigsten würden es zu tun verstehen. Aber die +wohlhabensten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen +Arbeiten bekannter und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen. + +Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des +Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentümlichen, wegen dieser ihm fast +nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so +ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler +gefallen? Denn was kann eigentümlicher sein, als der Charakter seines +Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein +zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? "Gleich nach meiner +Geburt", läßt er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort +verschleudert, der die Grenze zwischen Einöde und Gesellschaft heißen +kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die +mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern davon +erblicken. Dreißig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und +verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden, +noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht +hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern, +vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des +Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen +begegnen. Aber daß es ganze dreißig Jahre in der Welt herumirren könne, +ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne +irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht hätte: +das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder wenn es +möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden +Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten +Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Möglichkeit wirklich zu +machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder +einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das +menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst, ein +Bär geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter +Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will: +wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er unter Wesen, die, ehe er +sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn +anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht +glückliche, so sind es unglückliche Menschen! Menschen sind es doch +immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um +von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfließen: das Wasser +heiße, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean. + +Gleichwohl soll diese dreißigjährige Einsamkeit unter den Menschen den +Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun +ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in +ihm erkennen? + +Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er +sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung +werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen +Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der +tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein +komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte +Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie +füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen +den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so +allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so völlig individuell +sind, als diese; und solcher Art dürfte doch wohl der Charakter des +Dorval sein. + +Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen. +Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, daß die Tragödie Individua, die +Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, daß die Personen der +Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen +müßten; dahingegen der Held der Tragödie nur der und der Mensch, nur +Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat +auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er +die ernsthafte Komödie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter +seines Dorval wäre so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so fällt +auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natürlichen Sohnes kann +aus einer so ungegründeten Einteilung keine Rechtfertigung zufließen. + + +----Fußnote + +[1] Unterred., S. 292 d. Übers. + +[2] Falls nämlich die 6. Zeile des Prologs + +Duplex quae ex argumento facta est simplici, + +von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen +ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Übersetzer des +Terenz, Colman, sie erklären. Terence only meant to say, that he had +doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one +mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very +properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been +implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon +Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius, +hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt +diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item +duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil +ich gar nicht einsehe, was von dem Stücke übrigbleibt, wenn man die +Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte +verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie +Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe +behandeln können; beide sind so genau hineingeflochten, daß ich mir weder +Verwicklung noch Auflösung ohne sie denken kann. Einer andern Erklärung, +durch welche sich Julius Scaliger lächerlich gemacht hat, will ich gar +nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom +Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit +haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu +verändern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermaßen berechtigten. +Einige haben gelesen: + +Duplex quae ex Argumente facta est duplici. + +Andere: + +Simplex quae ex argumento facta est duplici. + +Was bleibt noch übrig, als daß nun auch einer lieset: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici? + +Und in allem Ernste: so möchte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle +im Zusammenhange, und überlege meine Gründe: + + Ex integra Graeca integram comoediam + Hodie sum acturus Heautontimorumenon: + Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern +am Theater vorgeworfen ward: + + Multas contaminasse graecas, dum facit + Paucas latinas-- + +[4] Er schmelzte nämlich öfters zwei Stücke in eines und machte aus zwei +griechischen Komödien eine einzige lateinische. So setzte er seine +"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen +"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine +"Brüder" aus den "Brüdern" des nämlichen und einem Stücke des Diphilus. +Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des +"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit +nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm +getan hätten. + + --Id esse factum hic non negat + Neque se pigere, et deinde factum iri autumat. + Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi + Licere id facere, quod illi fecerunt putat. + +[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, daß ich es noch öfterer +tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stücke, und nicht auf das +gegenwärtige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei +griechischen Stücken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens +genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile +sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +So einfach, will Terenz sagen, als das Stück des Menanders ist, ebenso +einfach ist auch mein Stück; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken +eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stücke +genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem lateinischen; +ich gebe also + +Ex integra Graeca integram Comoediam. + +Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben +fand, daß es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar +falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das +zweite integram schicken würde.--Und so glaube ich, daß sich meine +Vermutung und Auslegung wohl hören läßt! Nur wird man sich an die gleich +folgende Zeile stoßen: + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, daß er das ganze Stück aus einem +einzigen Stücke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch +dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, daß sein Stück neu sei, +novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar +durch eine Erklärung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten +getraue, daß sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur +mir zugehört, und kein Ausleger, soviel ich weiß, sie nur von weitem +vermutet hat. Ich sage nämlich: die Worte, + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem +vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, apud Aediles; +novus aber heißt hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen, +sondern bloß, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Daß mein +Stück, will er sagen, ein neues Stück sei, das ist, ein solches Stück, +welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem +Griechischen übersetzt, das habe ich den Ädilen, die mir es abgekauft, +bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an +den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Ädilen +hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen +übersetztes Stück verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den +Ädilen überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei +alten Stücken des Nävius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der +"Eunuchus" mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die +Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der +griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ihm unwissend, schon Nävius +und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen +bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natürlicher, als daß +er den Ädilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des +Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Ädilen konnten das leicht selbst von +ihm gefodert haben. Und darauf geht das + +Novam esse ostendi, et quae esset. + +[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27. + +----Fußnote + + + + +Neunundachtzigstes Stück +Den 8. März 1768 + +Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Assertion ohne allen Beweis +gelassen hat. Er muß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein +Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um +ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den +wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles +und Alexander und Cato und Augustus heißen und Achilles, Alexander, Cato, +Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus +geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie +sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen, +und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können? Fast scheint +es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren +widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen +Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den größern Nutzen +der letztern vor der ersten gegründet. Auch hat er es auf eine so +einleuchtende Art getan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine +geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein +Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein könne. + +"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen +Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet +klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu erzählen, was geschehen, +sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was +nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei möglich gewesen. +Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die +gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des Herodotus in +gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in +gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener +waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was +geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene +gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher +als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die +Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein +Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln +würde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das +Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der +Komödie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die +Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt man die etwanigen +Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei +dem Einzeln bleiben. Bei der Tragödie aber hält man sich an die schon +vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist und wir +nicht möglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen +offenbar möglich sein muß, weil es nicht geschehen wäre, wenn es nicht +möglich wäre. Und doch sind auch in den Tragödien, in einigen nur ein +oder zwei bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch +gar keiner, so wie in der ›Blume‹ des Agathon. Denn in diesem Stücke sind +Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefällt es darum +nichts weniger." + +In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Übersetzung anführe, mit +welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als möglich, sind +verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen +können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier +zur Sache gehört, muß ich mitnehmen. + +Das ist unwidersprechlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen +Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung +ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst +die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der +poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln, +nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein +jeder von ihrer Beschaffenheit in den nämlichen Umständen sprechen oder +handeln würde und müßte. In diesem [Greek: katholou], in dieser +Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer +und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist, +daß derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene +Physiognomien geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der +Welt ähnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre +Kindheit zurücksetzen und in Satire verkehren würde: so ist es auch +ebenso wahr, daß derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den +Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigentümlichkeiten, +die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie +alle diese Eigentümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato +zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, daß, sage ich, +dieser die Tragödie entkräften und zur Geschichte erniedrigen würde. + +Aber Aristoteles sagt auch, daß die Poesie auf dieses Allgemeine der +Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders +bei der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die +Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnügt, im geringsten aber +nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber +ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas +ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie, +wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser +Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person, +besonders bei der Komödie, schon längst sichtbar gewesen? + +Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei +legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae +poiaesis onomata epitithemenae], übersetzt Dacier: Une chose générale, +c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractère a dû dire, ou +faire vraisemblablement ou nécessairement, ce qui est le but de la poésie +lors même, qu'elle impose les noms à ses personnages. Vollkommen so +übersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermöge +eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit +redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch +wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung +über diese Worte stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen +eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine +ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei: +aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht, +davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors +même, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts +davon zu sagen gewußt, ja, daß sie gar nicht einmal verstanden, was +Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors même, dieses auch wenn, heißt +bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach +bloß sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln +Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser +Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des +Dacier, die ich in der Note anführen will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun +ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es +erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß +die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das +Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst +auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl +meinen, daß beides nicht einerlei wäre. Ist es aber nicht einerlei: so +gerät man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese +Frage antworten die Ausleger nichts. + + +----Fußnote + +[1] Dichtk., 9. Kapitel. + +[2] Aristote prévient ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la +définition qu'il vient de donner d'une chose générale: car les ignorants +n'auraient pas manqué de lui dire qu'Homère, par exemple, n'a point en +vue d'écrire une action générale et universelle, mais une action +particulière, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme +Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par conséquent, il n'y a aucune +différence entre Homère et un Historien, qui aurait écrit les actions +d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir +que les Poètes, c'est-à-dire, les Auteurs d'une Tragédie ou d'un Poème +Épique lors même qu'ils imposent les noms à leurs personnages ne pensent +en aucune manière à les faire parler véritablement, ce qu'ils seraient +obligés de faire, s'ils écrivaient les actions particulières et +véritables d'un certain homme, nommé Achille ou Edipe, mais qu'ils se +proposent de les faire parler et agir nécessairement ou vraisemblablement; +c'est-à-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce même +caractère doivent faire et dire en cet état, ou par nécessité, ou au moins +selon les règles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que +ce sont des actions générales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr +Curtius in seiner Anmerkung; nur daß er das Allgemeine und Einzelne noch an +Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, daß er auf den +Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge würden es nur personifierte +Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln ließe, da es doch +charakterisierte Personen sein sollen. + +----Fußnote + + + + +Neunzigstes Stück +Den 11. März 1768 + +Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon längst an +der Komödie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae +touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta +tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton +kath' ekaston poiousin]. Ich muß auch hiervon die Übersetzungen des +Dacier und Curtius anführen. Dacier sagt: C'est ce qui est déjà rendu +sensible dans la comédie, car les poètes comiques, après avoir dressé +leur sujet sur la vraisemblance, imposent après cela à leurs personnages +tels noms qu'il leur plaît, et n'imitent pas les poètes satyriques, qui +ne s'attachent qu'aux choses particulières. Und Curtius: "In dem +Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die +Komödienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit +entworfen haben, legen sie den Personen willkürliche Namen bei und setzen +sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum +Ziele." Was findet man in diesen Übersetzungen von dem, was Aristoteles +hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als +daß die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist, +satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das +Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkürliche Namen, tels +noms qu'il leur plaît, beilegten. Gesetzt nun auch, daß [Greek: ta +tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten könnten: wo haben denn beide +Übersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses +"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn +diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren +Personen nicht allein willkürliche Namen bei, sondern sie legten ihnen +diese willkürliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, daß +sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das? +Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius! + +Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die +Komödie gab ihren Personen Namen, welche, vermöge ihrer grammatischen +Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die +Beschaffenheit dieser Personen ausdrückten: mit einem Worte, sie gab +ihnen redende Namen; Namen, die man nur hören durfte, um sogleich zu +wissen, von welcher Art die sein würden, die sie führen. Ich will eine +Stelle des Donatus hierüber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei +Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brüder", in +comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim +absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae +incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus +fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon: +juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo +et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae +vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque +protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut +Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr +Beispiele hiervon überzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus +und Terenz untersuchen. Da ihre Stücke alle aus dem Griechischen genommen +sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und +haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die +Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein +haben können; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und +sicher angeben können. + +Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern +muß ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da +nicht erinnern können, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie +verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klärer sein, als was +der Philosoph von der Rücksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der +Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als daß +[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], daß sich +diese Rücksicht bei der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe? +Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter +von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der +beleidigenden Satire die unterrichtende Komödie entstand: suchte man +jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische +feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder +jenem Stamme: er hieß Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende +Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hieß nicht, wie ein gewisser +armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artotrogus, Brockenschröter. Der +Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater +in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln +Bürgers: er hieß Phidippides, Junker Sparroß. + +Man könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine +Erfindung der neuern griechischen Komödie sein dürften, deren Dichtern +es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber +Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe und folglich bei +seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen können. Das letztere +behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, daß die +ältere griechische Komödie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in +denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine +gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer +dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit +Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet. + + +----Fußnote + +[1] Diese Periode könnte leicht sehr falsch verstanden werden. Nämlich +wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das für etwas +Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist +doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es würde +ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar +erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschäftigungen +beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff +ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein +bei ihm, was er seinen Personen für Namen beilegen, oder was er mit diesen +Namen für einen Stand oder für eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach +dürfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrückt +haben; und mit Veränderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoß vermieden. +Man lese nämlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum +confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere +et nomen personae u.s.w. + +[2] Hurd in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebiete des Drama: +From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of +this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who +defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking +ridicule. His notion was taken from the state and practice of the +Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to +this description. The great revolution, which the introduction of the new +comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses +nimmt Hurd bloß an, damit seine Erklärung der Komödie mit der +Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat +die Neue Komödie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in +der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen +Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton +komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae +aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man könnte zwar sagen, daß +unter der Neuen Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch +keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heißen müssen. +Man könnte hinzusetzen, daß Aristoteles in eben der Olympiade gestorben, +in welcher Menander sein erstes Stück aufführen lassen, und zwar noch das +Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat +unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Menander rechnet; +Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach, +aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehört schrieb viel früher, +und der Übergang von der Mittleren zur Neuen Komödie war so unmerklich, +daß es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselben kann gefehlt haben. +Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein +"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen +Veränderungen zueignen konnte: Kokalon heißt es in dem "Leben des +Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai +talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von +allen verschiedenen Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte auch +Aristoteles seine Erklärung der Komödie überhaupt auf sie alle +einrichten. Das tat er denn; und die Komödie hat nachher keine +Erweiterung bekommen, für welche diese Erklärung zu enge geworden wäre. +Hurd hätte sie nur recht verstehen dürfen, und er würde gar nicht nötig +gehabt haben, um seine an und für sich richtigen Begriffe von der Komödie +außer allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu +der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen. + +----Fußnote + + + + +Einundneunzigstes Stück +Den 15. März 1768 + +Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf +das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte +Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich +mit Erziehung junger Leute bemengten, lächerlich und verdächtig machen. +Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte +diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher +eine Menge Züge, die auf den Sokrates gar nicht paßten; so daß Sokrates +in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben +konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komödie, wenn man diese +nicht treffende Züge für nichts als mutwillige Verleumdungen erklärt und +sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für +Erweiterungen des einzeln Charakters, für Erhebungen des Persönlichen zum +Allgemeinen! + +Hier ließe sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen +Komödie überhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch +nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es ließe sich +anmerken, daß dieser Gebrauch keinesweges in der ältern griechischen +Komödie allgemein gewesen,[1] daß sich nur der und jener Dichter +gelegentlich desselben erkühnet,[2] daß er folglich nicht als ein +unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komödie zu betrachten. [3] +Es ließe sich zeigen, daß, als er endlich durch ausdrückliche Gesetze +untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser +Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch +stillschweigend für ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stücken des +Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt +und lächerlich gemacht.[4] Doch ich muß mich nicht aus einer +Ausschweifung in die andere verlieren. + +Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragödie machen. +So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens +vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal +einer eiteln und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates +bekam, weil Sokrates als ein solcher Täuscher und Verführer zum Teil +bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloß der +Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband +und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens +bestimmte: so ist auch bloß der Begriff des Charakters, den wir mit den +Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum +der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er führt +einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen +Begegnissen dieser Männer bekanntzumachen, nicht um das Gedächtnis +derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu +unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können +und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren +wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht, +daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurückführen müsse; +er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere +bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß +sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und +über Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben +haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen +schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen +lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon +gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in +seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch +wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen und alles, was einmal +geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser +Ursachen fließt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe +überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nötig, sich +umständlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer +von anderwärts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt außer +meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger +mißverstanden als jene. + +Nun also auf die Behauptung des Diderot zurückzukommen. Wenn ich die +Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu haben glauben darf: so darf ich +auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache +selbst unmöglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die +Charaktere der Tragödie müssen ebenso allgemein sein, als die Charaktere +der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder +Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders +verstehen, als Aristoteles darunter verstand. + + +----Fußnote + +[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komödie von dem Margites +des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen +worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die +erdichteten Namen mit eingeführt haben. Denn Margites war wohl nicht der +wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von +[Greek: margaes] gemacht worden, als daß [Greek: margaes] von [Greek: +Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten +Komödie finden wir es auch ausdrücklich angemerkt, daß sie sich aller +Anzüglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht möglich gewesen +wäre. z.E. von dem Pherekrates. + +[2] Die persönliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche +Eigenschaft der alten Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter +gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkühnet. Es war Cratinus, welcher +zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke, +tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae +komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine, +verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten hatte. +Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sei, +welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.): +[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All' +Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei]. + +[3] Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium +betrachten mögen. Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so +viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten. + +[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und +will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten +verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil +gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et +Phormis inventèrent les sujets de leurs pièces, puisque l'un et l'autre +ont été des Poètes de la vieille Comédie, où il n'y avait rien de feint, +et que ces aventures feintes ne commencèrent à être mises sur le théâtre, +que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-à-dire dans la nouvelle Comédie. +(Remarque sur le Chap. V. de la Poét. d'Arist.) Man sollte glauben, wer +so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Aristophanes +getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komödie, war +ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer +sein konnten. Kein einziges von den übriggebliebenen Stücken des +Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen wäre; +und wie kann man sagen, daß sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil +sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als +ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei +poiaetaen ae ton metron]: würde er nicht schlechterdings die Verfasser +der alten griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben +ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer +Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragödie gar wohl +mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus +der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch +in der Komödie bestehen können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß +gewesen sein, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche und +auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmähsucht +zurückfalle; vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das [Greek: katholou +poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den +ältesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und +wird es gewiß dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wußte, +wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles +und Sokrates namentlich mitgenommen. + +[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komödie +lächerlich zu machen, in seiner "Republik" einführen wollte ([Greek: +maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno +maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals +darüber gehalten worden. Ich will nicht anführen, daß in den Stücken des +Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit +Namen genennt ward; man könnte antworten, daß dieser Abschaum von +Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Ktesippus, der Sohn des +Chabrias, war doch gewiß atheniensischer Bürger so gut wie einer, und man +sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.) + +----Fußnote + + + + +Zweiundneunzigstes Stück +Den 18. März 1768 + +Und warum könnte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen +andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso +ausdrückt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu +widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht, +daß ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern für denjenigen erkennen +muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat. + +Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd; +ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Übersetzungen bei uns +immer am spätesten bekannt werden. Ich möchte ihn aber hier nicht gern +anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der +Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so +dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen +daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich +also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unübersetzten +guten Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit +fertigen Feder geben wollen. + +Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Über die verschiednen Gebiete +des Drama" beigefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nur +die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwägung gezogen worden, +ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen. +Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste +einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu fällen. Nachdem +er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drei Gattungen +desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des +Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener +allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen +Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in +welchen sie voneinander unterschieden sein müssen. + +Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch +diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete +Begebenheit zuträglicher sei. Hierauf fährt er fort: The same genius in +the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy +makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of +Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of +covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of +cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem nämlichen Geiste schildern +die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle +ihre Charaktere general; die Tragödie partikulär. Der Geizige des Molière +ist nicht so eigentlich das Gemälde eines geizigen Mannes, als des Geizes +selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemälde der Grausamkeit, +sondern nur eines grausamen Mannes." + +Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit +erfodert, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen +sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die +Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr +wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem +ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so +weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre +Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren; +angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von +Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben +wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält. + +Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein +bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolge bloß annehmen, so wie sie da +liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu +widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloß, welches aus +der weitern Erklärung des Hurd erhellet. + +"Es wird aber", fährt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten +Verstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu +begünstigen scheinen könnte. + +Die erste betrifft die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie +partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind +partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der +Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den +charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so +viele zusammenzieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem +Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung +unumgänglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Züge, durch die er +sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht. + +Es ist fast wie mit dem Porträtmalen. Wenn ein großer Meister ein +einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die +er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nämlichen Art nur so +weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentümlichen +Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Künstler hingegen einen Kopf +überhaupt malen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge +zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt +hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in +Gedanken gemacht hat und in seinem Gemälde darstellen will. + +Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des +Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter +partikular nenne, ich bloß sagen will, daß er die Art, zu welcher er +gehöret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, daß das, +was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig +sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als +wovon ich das Gegenteil anderwärts behauptet und umständlich +erläutert habe.[1] + +Was zweitens die Komödie anbelangt, so habe ich gesagt, daß sie generale +Charaktere geben müsse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Molière +angeführt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen +Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte nicht in aller +ihrer Strenge nehmen. Molière dünkt mich in diesem Beispiele selbst +fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklärung, nicht +ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen. + +Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine +ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese +Charaktere so allgemein macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise +die in dem Stücke aufgeführte Person gleichsam der Repräsentant aller +Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der +Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur möglich. Es muß aber +sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den +möglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken, +sondern nur bis auf die wirkliche Äußerung seiner Kräfte, so wie sie von +der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden +können. Hierin haben Molière, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der +Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige +Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine +grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich +nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer +einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter +und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben +erteilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung +verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder +herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen; +und diese Vermischung muß sich in jedem dramatischen Gemälde von Sitten +finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche +Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden +Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den +andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende +Charakter sich desto kräftiger ausdrücke." + + +----Fußnote + +[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae +morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd +zeigt, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen +Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; +Falschheit hingegen das heiße, was zwar dem vorhabenden besondern Falle +angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur übereinstimmend sei. + +----Fußnote + + + + +Dreiundneunzigstes Stück +Den 22. März 1768 + +"Alles dieses läßt sich abermals aus der Malerei sehr wohl erläutern. In +charakteristischen Porträten, wie wir diejenigen nennen können, welche +eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann +von wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer abstrakten +Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein, +daß irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drückt er stark, +und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden +Leidenschaft am sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses getan hat, so +dürfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein +Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Porträte sagen, +daß es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade +so wie die Alten von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silanion +angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die +Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muß bloß so verstanden +werden, daß er die hauptsächlichen Züge der vorgebildeten Leidenschaft +gut ausgedrückt habe. Denn im übrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso, +wie er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die +mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmaß und +Verhältnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht. +Und das heißt denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von +einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft +verwandelt wäre. Keine Metamorphosis könnte seltsamer und unglaublicher +sein. Gleichwohl sind Porträte, in diesem tadelhaften Geschmacke +verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer +Sammlung das Gemälde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewöhnlicheres gibt +es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede +Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden, +sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darüber zu +äußern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit würde Le Bruns Buch +von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen +Porträte enthalten: und die Charaktere des Theophrasts müßten, in Absicht +auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein. + +Über das erstere dieser Urteile würde jeder Virtuose in den bildenden +Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, fürchte ich, dürften wohl +nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener +unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu +urteilen, welchen dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es +ließen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beispiele +anführen. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten +Ideen auszuführen, in ihrem völligen Lichte sehen will, der darf nur Ben +Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein +charakteristisches Stück sein soll, in der Tat aber nichts als eine +unnatürliche und, wie es die Maler nennen würden, harte Schilderung einer +Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild +in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer +ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von ihrer Einrichtung +sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse' +ausdrücklich nachgeahmet zu haben scheint. + +Auch hierin, müssen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern +noch wesentlichern Schönheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer +seine Komödien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden, +daß seine auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den größten Teil +ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdrücken und ihre +wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die +Umstände eine ungezwungene Äußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese +besondere Vortrefflichkeit seiner Komödien entstand daher, daß er die +Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles +aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstoßen +konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Skribenten +verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen +Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der ängstlichen Sorgfalt +ihre Lieblingscharaktere in beständigem Spiele und ununterbrochner +Tätigkeit zu erhalten. Man könnte über diese ungeschickte Anstrengung +ihres Witzes sagen, daß sie mit den Personen ihres Stücks nicht anders +umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit +ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren Anteil an der allgemeinen +Unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum Vergnügen +der Gesellschaft, Sprünge und Männerchen machen müssen." + + +----Fußnote + +[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8. + +[2] Beim B. Jonson sind zwei Komödien, die er vom Humor benennt hat; +die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of +his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde +auf die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch als +den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst: + + As when some one peculiar quality + Doth so possess a Man, that it doth draw + All his affects, his spirits, and his powers, + In their constructions, all to run one way. + This may be truly said to be a humour. + But that a rook by wearing a py'd feather, + The cable hatband, or the three-pil'd ruff, + A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot + On bis French garters, should affect a humour! + O, it is more than most rediculous. + +[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stücke des Jonson also sehr +wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der +Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals +bei ihnen großenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation +lächerlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen, +müßte auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand +der Komödie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen, +sich durch etwas Eigentümliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine +menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie +wählt, sehr lächerlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber, +wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene +Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel +zu speziell, als daß es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht +des Drama vertragen könnte. Der überhäufte Humor in vielen englischen +Stücken dürfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere +derselben sein. Gewiß ist es, daß sich in dem Drama der Alten keine Spur +von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wußten das Kunststück, +ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter +überhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann +und wann Humor: wenn nämlich die historische Wahrheit oder die Aufklärung +eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich +habe Exempel davon fleißig gesammelt, die ich auch bloß darum in Ordnung +bringen zu können wünschte, um gelegentlich einen Fehler +wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir übersetzen +nämlich itzt fast durchgängig Humor durch Laune; und ich glaube mir +bewußt zu sein, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe +sehr unrecht daran getan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt +wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor +und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade +entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist, +außer diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich hätte die Abstammung unsers +deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben besser +untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune +das französische Humeur ausdrücke, daß es auch das englische Humour +ausdrucken könnte; aber die Franzosen selbst können Humour nicht durch +Humeur übersetzen.--Von den genannten zwei Stücken des Jonson hat das +erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier gerügten Fehler +weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so +individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnlichen Natur nicht +bestehen könnte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung +so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem +Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der +wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiß weder wie noch warum; +und ihr Gespräch ist überall durch ein paar Freunde des Verfassers +unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingeführt sind und Betrachtung +über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu +behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an, +daß alle die Personen in Umstände geraten, in welchen sie ihres Humors +satt und überdrüssig werden. + + +----Fußnote + + + + +Vierundneunzigstes Stück +Den 25. März 1768 + +Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den +Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird nötig +sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklärt zu haben +versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur +partikular wären, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß +überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem +Aristoteles übereinstimmen. + +"Wahrheit", sagt er, "heißt in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der +allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher, +als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit +jener allgemeinen Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in +der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge: +einmal, die Sokratische Philosophie fleißig zu studieren; zweitens, sich +um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil +es der eigentümliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius +accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere +Ähnlichkeit erteilen zu können. Sich hiervon zu überzeugen, darf man nur +erwägen, daß man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau +halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der +Künstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu ängstlich +befleißigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten, +und so die allgemeine Idee der Gattung auszudrücken verfehlen. Oder er +kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemüht, sie aus zu +vielen Fällen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange, +zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich +bloß in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses +letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederländischen +Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und +nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schönheit +entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man +gleichfalls den niederländischen Meistern vorwirft und der dieser ist, +daß sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine +und reizende Natur sich zum Vorbilde wählen. + +Wir sehen also, daß der Dichter, indem er sich von der eigenen und +besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit +nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen +Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegrübelt hatte und nicht ohne +Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Nämlich, daß die poetische +Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen könne. Denn, der +poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters +eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge; +und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem göttlichen +Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild +von dem Bilde eines Bildes und liefert uns ursprüngliche Wahrheit nur +gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernünftelei fällt +weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehörig fasset und +fleißig in Ausübung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles +absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet, +überspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden +besondern Gegenstände und erhebt sich, soviel möglich, zu dem göttlichen +Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus +lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewöhnliche Lob, +welches der große Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; daß +sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere +Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias +estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr +begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d' +historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein +wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den +zwei großen Nebenbuhlern der griechischen Bühne soll befunden haben. Wenn +man dem Sophocles vorwarf, daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle, +so pflegte er sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so +schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie wären: +[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi +eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen +ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung, +welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen +vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische +Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht +hatte und von da aus das Leben übersehen wollte, hielt seinen Blick zu +sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet, +versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den +vorhabenden Gegenständen nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr, +aber auch dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die zur +Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7] + +Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen +müssen. Man könnte sagen, 'daß philosophische Spekulationen die Begriffe +eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das +Individuelle einschränken müßten. Das letztere sei ein Mangel, welcher +aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den Menschen zu +betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch +abzuhelfen, daß man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin +die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die +allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen +Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bücher hätten ihren +allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer +ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben +können, ohne welche ihre Bücher sonst von keinem Werte sein würden.' Die +Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwägung der allgemeinen +Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein +muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften +entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, welches der +beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen, +wieweit und in welchem Grade von Stärke sich dieser oder jener Charakter, +bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist +einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Daß +Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides +war, sehr häufig sollten gewesen sein, läßt sich nicht wohl annehmen: +auch werden, wo sich dergleichen in seinen übriggebliebenen Stücken etwa +finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, daß sie auch einem +gemeinen Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten sein, +die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermögend ist; und +auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit +der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im +Grunde eine Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches +Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche +Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber +gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, wenn ich sie auch +schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine +Meinung zu erläutern dienen kann." + + +----Fußnote + +[1] De arte poet. v. 310. 317. 318. + +[2] De Orat. I. 51. + +[3] Nach Maßgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis +formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret: +sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam +intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum +dirigebat. (Cic. Or. 2.) + +[4] Plato de Repl., L. X. + +[5] "Dichtkunst", Kap. 9. + +[6] "Dichtkunst", Kap. 25. + +[7] Diese Erklärung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles +gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Übersetzung scheinet Dacier +zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Héros, +comme ils devaient être et qu'Euripide les faisait comme ils étaient. +Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd +versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des +Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren +individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich +dabei eine höhere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu +erreichen fähig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese, +sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewöhnlicherweise beigelegt: +Sophocle tâchait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours +bien plus ce qu'une belle Nature était capable de faire, que ce qu'elle +faisait. Allein diese höhere moralische Vollkommenheit gehöret gerade zu +jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht +dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt, +schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des +Sophokles. Die weitere Ausführung hiervon verdienet mehr als eine Note. + +----Fußnote + + + + +Fünfundneunzigstes Stück +Den 29. März 1768 + +"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem +Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll +erfülltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Härte, mit der man +sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit stärkere +Bewegungsgründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. Eine +solche heftige Gemütsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl +schließen, muß immer sehr bereit sein, sich zu äußern. Elektra, kann er +wohl einsehen, muß, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren +Groll an den Tag legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen +zu können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen darf? d.I. +wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, ohne daß ein Mann, der +mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften +im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich? +Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein. +Sogar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier +nicht hinlänglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt +haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf +das Äußerste getrieben hätte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die +Geschichte dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine +tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es +der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die +eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig +und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Fälle als möglich; einzig +und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche +Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen im +wirklichen Leben gewöhnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis +in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der +Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter +von dem Euripides wirklich behandelt worden. + +In der schönen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes +vorfällt, von dem sie aber noch nicht weiß, daß er ihr Bruder ist, kömmt +die Unterredung ganz natürlich auf die Unglücksfälle der Elektra und auf +den Urheber derselben, die Klytämnestra, sowie auch auf die Hoffnung, +welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu +werden. Das Gespräch, wie es hierauf weitergehet, ist dieses: + +Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er käme nach Argos zurück-- + +Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals +zurückkommen wird? + +Orestes. Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen, um den Tod +seines Vaters zu rächen? + +Elektra. Sich eben des erkühnen, wessen die Feinde sich gegen seinen +Vater erkühnten. + +Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen? + +Elektra. Sie mit dem nämlichen Eisen umbringen, mit welchem sie +meinen Vater mordete! + +Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinem Bruder +vermelden? + +Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!' + +Das Griechische ist noch stärker: + +[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes]. + +'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht +habe!' + +Nun kann man nicht behaupten, daß diese letzte Rede schlechterdings +unnatürlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo +unter ähnlichen Umständen die Rache sich ebenso heftig ausgedrückt hat. +Gleichwohl, denke ich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders +als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht für gut, +ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umständen nur +das: 'Jetzt sei dir die Ausführung überlassen! Wäre ich aber allein +geblieben, so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nicht mißlingen +sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!' + +Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus +einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen +Natur überhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemäßer ist, als die +Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen überlassen, die +es zu beurteilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere +sein, als die ich angenommen: daß nämlich Sophokles seine Charaktere so +geschildert, als er, unzähligen von ihm beobachteten Beispielen der +nämlichen Gattung zufolge, glaubte, daß sie sein sollten; Euripides aber +so, als er in der engeren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte, daß +sie wirklich wären‹--". + +Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen +Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sie unstreitig so viel feine +Bemerkungen, daß es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen +Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, daß er meine +Absicht selbst darüber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu +zeigen, daß auch Hurd, so wie Diderot, der Tragödie besondere, und nur +der Komödie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem +Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen +poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget. +Hurd erklärt sich nämlich so: der tragische Charakter müsse zwar +partikulär oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er müsse +die Art, zu welcher er gehöre, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber +müsse das wenige, was man von ihm zu zeigen für gut finde, nach dem +Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1] + +Und nun wäre die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen +wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen wäre, sich nirgends in +Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem +daran gelegen ist, daß zwei denkende Köpfe von der nämlichen Sache nicht +Ja und Nein sagen, könnte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung +unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen. + +Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich dünkt, es ist +eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar +darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die +eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter +verneinen, ist nicht die nämliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet. +Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die +andere schlechterdings ausschlösse? + +In der ersten Bedeutung heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in +welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat, +zusammennimmt; es heißt mit einem Worte, ein überladener Charakter; es +ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine +charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heißt ein +allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern +oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine +mittlere Proportion angenommen; es heißt mit einem Worte, ein +gewöhnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern +nur insofern der Grad, das Maß desselben gewöhnlich ist. + +Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der +Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklären. Aber wenn denn nun +Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als +tragischen Charakteren erfodert: wie ist es möglich, daß der nämliche +Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es +möglich, daß er zugleich überladen und gewöhnlich sein kann? Und gesetzt +auch, er wäre so überladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem +getadelten Stücke des Jonson sind; gesetzt, er ließe sich noch gar wohl +in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, daß er sich wirklich +in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geäußert habe: +würde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewöhnlicher sein, als +jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet? + +Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, daß diese +Blätter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich +bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich +mache. Meine Gedanken mögen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar +sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei +welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als +Fermenta cognitionis ausstreuen. + + +----Fußnote + +[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less +representative of the kind than the comic; not that the draught of so +much character as it is concerned to represent should not be general. + +----Fußnote + + + + +Sechsundneunzigstes Stück +Den 1. April 1768 + +Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn +Romanus "Brüder" wiederholt. + +Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brüder" des Herrn Romanus? +Nach einer Anmerkung nämlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brüder" +des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi +nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti +Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine +fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komödien zwar ohne seinen +Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden. +Noch itzt sind diejenigen Stücke, die sich auf unserer Bühne von ihm +erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen +Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie wäre gehöret worden. +Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit +seinen Arbeiten für das Theater so lange fortzufahren, bis die Stücke +aufgehört hätten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafür die +Stücke empfohlen hätte? + +Das meiste, was wir Deutsche noch in der schönen Literatur haben, sind +Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, daß +es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Männer, sagt +man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschäfte, zu welchen sie +die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komödien heißen +Spielwerke; allenfalls nicht unnützliche Vorübungen, mit welchen man sich +höchstens bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr beschäftigen darf. Sobald +wir uns dem männlichen Alter nähern, sollen wir fein alle unsere Kräfte +einem nützlichen Amte widmen; und läßt uns dieses Amt einige Zeit, etwas +zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der +Gravität und dem bürgerlichen Range desselben bestehen kann; ein hübsches +Kompendium aus den höhern Fakultäten, eine gute Chronike von der lieben +Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen. + +Daher kömmt es denn auch, daß unsere schöne Literatur, ich will nicht +bloß sagen gegen die schöne Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen +aller neuern polierten Völker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches +Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an +Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kräfte und Nerven, Mark +und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein +Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner +Erholung und Stärkung, einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner +alltäglichen Beschäftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann +wohl z.E. in unsern höchst trivialen Komödien finden? Wortspiele, +Sprichwörter, Späßchen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hört: +solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnügt so gut +es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschüttern will, wer +zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und +kömmt nicht wieder. + +Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst +in die Welt tritt, kann unmöglich die Welt kennen und sie schildern. Das +größte komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und +leer; selbst von den ersten Stücken des Menanders sagt Plutarch,[1] daß +sie mit seinen spätern und letztern Stücken gar nicht zu vergleichen +gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, könne man schließen, was er +noch würde geleistet haben, wenn er länger gelebt hätte. Und wie jung +meint man wohl, daß Menander starb? Wieviel Komödien meint man wohl, daß +er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfünfe; und nicht +jünger als zweiundfunfzig. + +Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es +sich noch der Mühe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von +den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte +Teil so viel Stücke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben +das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es +aber nur, und spreche! + +Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hören. Wir +haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern, +deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdächtig zu machen. +"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich über alle Regeln +hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie: +ich glaube, damit wir sie auch für Genies halten sollen. Doch sie +verraten zu sehr, daß sie nicht einen Funken davon in sich spüren, wenn +sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdrücken +das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken +ließe! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm +hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist +ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es +begreift und behält und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in +Worten ausdrücken. Und diese seine in Worten ausgedrückte Empfindung +sollte seine Tätigkeit verringern können? Vernünftelt darüber mit ihm, so +viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Sätze +den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von +diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurück, die während der +Arbeit auf seine Kräfte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die +Erinnerung eines glücklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen +glücklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, daß +Regeln und Kritik das Genie unterdrücken können: heißt mit andern Worten +behaupten, daß Beispiele und Übung eben dieses vermögen; heißt, das Genie +nicht allein auf sich selbst, heißt es sogar lediglich auf seinen ersten +Versuch einschränken. + +Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie über die +nachteiligen Eindrücke, welche die Kritik auf das genießende Publikum +mache, so lustig wimmern! Sie möchten uns lieber bereden, daß kein Mensch +einen Schmetterling mehr bunt und schön findet, seitdem das böse +Vergrößerungsglas erkennen lassen, daß die Farben desselben nur +Staub sind. + +"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als +daß es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen könne.--Es ist fast +nötiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als +darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Bühne +muß durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren +ist leichter als selbst erfinden." + +Heißt das, Gedanken in Worte kleiden: oder heißt es nicht vielmehr, +Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn, +die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was für +Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden? +--Schlaue Köpfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so +wünschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so +möchten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen, +daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist; und glauben +vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an, +daß Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt +zu haben! + +Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muß +raisonnieren können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern +trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind. + +Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang +gehen und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren. +Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. +Ihr Sommer ist so leicht abgewartet! + +Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei +Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brüder" des Herrn Romanus[2] +annoch über dieses Stück versprach!--Die vornehmsten derselben werden die +Veränderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu müssen +geglaubet, um sie unsern Sitten näher zu bringen. + +Was soll man überhaupt von der Notwendigkeit dieser Veränderungen sagen? +Wenn wir so wenig Anstoß finden, römische oder griechische Sitten in der +Tragödie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die +Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein +entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in +unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter +aufbürden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine +Handlung vorgehen läßt, so genau als möglich zu schildern; da wir in +dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen? +"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach +bloßer Eigensinn, bloße Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten +Grund in der Natur. Das Hauptsächlichste, was wir in der Komödie suchen, +ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber +nicht so leicht versichert sein können, wenn wir es in fremde Moden und +Gebräuche verkleidet finden. In der Tragödie hingegen ist es die +Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen +einheimischen Vorfall aber für die Bühne bequem zu machen, dazu muß man +sich mit der Handlung größere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte +Geschichte verstattet." + + +----Fußnote + +[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]", +p. 1588. Ed. Henr. Stephani. + +[2] Dreiundsiebzigstes Stück. + +----Fußnote + + + + +Siebenundneunzigstes Stück +Den 5. April 1768 + +Diese Auflösung, genau betrachtet, dürfte wohl nicht in allen Stücken +befriedigend sein. Denn zugegeben, daß fremde Sitten der Absicht der +Komödie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer +die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der +Tragödie ein besseres Verhältnis haben, als fremde? Diese Frage ist +wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne +allzumerkliche und anstößige Veränderungen für die Bühne bequem zu +machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch +einheimische Vorfälle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragödie am +leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so müßte es ja doch +wohl besser sein, sich über alle Schwierigkeiten, welche sich bei +Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten +zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht +alle einheimische Vorfälle so merklicher und anstößiger Veränderungen +bedürfen; und die deren bedürfen, ist man ja nicht verbunden zu +bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, daß es gar wohl +Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben, +als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat +er auch schon entschieden, daß sich der Dichter um den wenigern Teil +seiner Zuschauer, der von den wahren Umständen vielleicht unterrichtet +ist, lieber nicht bekümmern, als seiner Pflicht minder Genüge +leisten müsse. + +Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komödie haben, beruhet +auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter +braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu nötigen +Beschreibungen und Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach +ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig +zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und +befördern bei dem Zuschauer die Illusion. + +Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten +Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als +möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht an Nebenzwecke zu +verschwenden, sondern sie ganz für den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm +kömmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht +hierauf antworten, daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß +sie ihrer ganz und gar entübriget sein könne. Aber sonach braucht sie +auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben +und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von +einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden. + +Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht +bloß in der Komödie, sondern auch in der Tragödie, zum Grunde gelegt. Ja +sie haben fremden Völkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer +Tragödie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten +leihen, als die Wirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische +Sitten entkräften wollen. Auf das Kostüm, welches unsern tragischen +Dichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der +Beweis hiervon können vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und +die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostüm binden zu dürfen +glaubten, ist aus der Absicht der Tragödie leicht zu folgern. + +Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt +gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, daß einheimische +Sitten auch in der Tragödie zuträglicher sein würden, als fremde: so +setze ich schon als unstreitig voraus, daß sie es wenigstens in der +Komödie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, daß sie es sind: +so kann ich auch die Veränderungen, welche Herr Romanus in Absicht +derselben mit dem Stücke des Terenz gemacht hat, überhaupt nicht anders +als billigen. + +Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und +römische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhält +seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch +nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewöhnlichsten ist. Alle Anwendung +fällt weg, wo wir uns erst mit Mühe in fremde Umstände versetzen müssen. +Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je +vollkommener die Fabel ist, desto weniger läßt sich der geringste Teil +verändern, ohne das Ganze zu zerrütten. Und schlimm! wenn man sich sodann +nur mit Flicken begnügt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen. + +Das Stück heißt "Die Brüder", und dieses bei dem Terenz aus einem +doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea, +sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind +Brüder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den +Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum +unserm Verfasser diese Adoption mißfallen. Ich weiß nicht anders, als daß +die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebräuchlich und vollkommen +auf dem nämlichen Fuß gebräuchlich ist, wie sie es bei den Römern war. +Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten +Brüder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art +erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch +die zwei Alten wirkliche Väter; und das Stück ist wirklich eine Schule +der Väter, d.i. solcher, denen die Natur die väterliche Pflicht +aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar übernommen, die sich +ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen +Gemächlichkeit bestehen kann. + + Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt! + +Sehr wohl! Nur schade, daß durch Auflösung dieses einzigen Knoten, +welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide +mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander +fällt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene +entstehen, die bloß die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre +eigene Natur zusammenhält! + +Denn ist Aeschinus nicht bloß der angenommene, sondern der leibliche Sohn +des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekümmern? Der Sohn eines +Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, daß +jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschähe es auch in der besten +Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verführer mit +aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem +Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn +des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als daß ich +diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn öfters und +ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhältnisse, in +welchem er bei dem Terenz stehet, aber er läßt ihm die nämliche +Ungestümheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhältnis berechtigen +konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit ärger, als bei dem +Terenz. Er will aus der Haut fahren, "daß er an seines Bruders Kinde +Schimpf und Schande erleben muß". Wenn ihm nun aber dieser antwortete: +"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du könntest an +meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und +bleibt, so wird, wie das Unglück, also auch der Schimpf nur meine sein. +Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er +beleidiget mich. Falls du mich nur immer so ärgern wil1st, so komm mir +lieber nicht über die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses +antwortete: nicht wahr, so wäre die Komödie auf einmal aus? Oder könnte +Micio etwa nicht so antworten? Ja, müßte er wohl eigentlich nicht so +antworten? + +Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er +ein so liederliches Leben zu führen glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob +ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet +der römische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast +mir, sagt er, deinen Sohn einmal überlassen; bekümmere dich um den, der +dir noch übrig ist; + + --nam ambos curare; propemodum + Reposcere illum est, quem dedisti-- + +Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurückzugeben, ist es auch, die +ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, daß sie +alle väterliche Empfindungen bei ihm unterdrücken soll. Es muß den Micio +zwar verdrießen, daß Demea auch in der Folge nicht aufhört, ihm immer die +nämlichen Vorwürfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht +verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gänzlich will verderben lassen. +Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der für das Wohl dessen besorgt +ist, für den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die +unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea +unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zänker, der sich aus +Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf +keine Weise an dem bloßen Bruder dulden müßte. + + + + +Achtundneunzigstes Stück +Den 8. April 1768 + +Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten +Brüderschaft, auch das Verhältnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke +es dem deutschen Aeschinus, daß er[1] "vielmals an den Torheiten des +Ktesipho Anteil nehmen zu müssen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der +Gefahr und öffentlichen Schande zu entreißen". Was Vetter? Und schickt es +sich wohl für den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige +deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch +inskünftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den +Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das +sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", müßte er ihm höchstens +sagen, "soviel möglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest, +daß er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter +Name muß dir wertet sein, als seiner." + +Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an +leiblichen Brüdern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern rühmet: + + --Illius opera nunc vivo! Festivum caput, + Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo: + Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit. + +Denn der brüderlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen +gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, daß unser Verfasser seinem Aeschinus +die Torheit überhaupt zu ersparen gewußt hat, die der Aeschinus des +Terenz für seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entführung hat er in +eine kleine Schlägerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Jüngling +weiter keinen Teil hat, als daß er sie gern verhindern wollen. Aber +gleichwohl läßt er diesen wohlgezognen Jüngling für einen ungezognen +Vetter noch viel zuviel tun. Denn müßte es jener wohl auf irgendeine +Weise gestatten, daß dieser ein Kreatürchen, wie Citalise ist, zu ihm in +das Haus brächte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner +tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verführerische Damis, diese Pest +für junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem +liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die bloße +Konvenienz des Dichters. + +Wie vortrefflich hängt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und +notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus +nimmt einem Sklavenhändler ein Mädchen mit Gewalt aus dem Hause, in das +sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung +seines Bruders zu willfahren, als um einem größern Übel vorzubauen. Der +Sklavenhändler will mit diesem Mädchen unverzüglich auf einen auswärtigen +Markt: und der Bruder will dem Mädchen nach; will lieber sein Vaterland +verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3] +Noch erfährt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluß. Was soll er tun? +Er bemächtiget sich in der Geschwindigkeit des Mädchens und bringt sie in +das Haus seines Oheims, um diesem gütigen Manne den ganzen Handel zu +entdecken. Denn das Mädchen ist zwar entführt, aber sie muß ihrem +Eigentümer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und +freuet sich nicht sowohl über die Tat der jungen Leute, als über die +brüderliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und über das Vertrauen, +welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Größte ist geschehen; warum +sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufügen, ihnen einen vollkommen +vergnügten Tag zu machen? + + --Argentum adnumeravit illico: + Dedit praeterea in sumptum dimidium minae. + +Hat er dem Ktesipho das Mädchen gekauft, warum soll er ihm nicht +verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnügen? Da ist nach den +alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit +widerspräche. + +Aber nicht so in unsern "Brüdern"! Das Haus des gütigen Vaters wird auf +das ungeziemendste gemißbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich +gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanständigere Person, +als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn +das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt hätte, so +würde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen +haben. Er würde Citalisen die Türe gewiesen und mit dem Vater die +kräftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so sträflich +emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten. + +Überhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt +geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster +abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem +Vetter über seinen Vater unterhält.[4] + +"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe, +die du deinem Vater schuldig bist? + +Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir +verlangen. + +Leander. Er sollte sie nicht verlangen? + +Lykast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb. +Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte. + +Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst. +Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst +du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal; +hernach will ich dich fragen. + +Lykast. Hm! Ich weiß nun eben nicht, was da geschehen würde. Auf +allen Fall würde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich +glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast +täglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los wäre! wenn du nur weg wärest!' +Heißt das Liebe? Kannst du verlangen, daß ich ihn wieder lieben soll?" + +Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichen Gesinnungen +nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, fähig ist, +verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des +ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so +müssen jenes Ausschweifungen kein grundböses Herz verraten; es müssen +nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche +Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach +diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert. +So streng ihn sein Vater hält, so entfährt ihm doch nie das geringste +böse Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen könnte, macht +er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er möchte seiner Liebe gern +wenigstens ein paar Tage ruhig genießen; er freuet sich, daß der Vater +wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daß er sich +damit so abmatten,--so abmatten möge, daß er ganze drei Tage nicht aus +dem Bette könne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze: + + --utinam quidem + Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim, + Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere. + +Quod cum salute ejus fiat! Nur müßte es ihm weiter nicht schaden!--So +recht! so recht, liebenswürdiger Jüngling! Immer geh, wohin dich Freunde +und Liebe rufen! Für dich drücken wir gern ein Auge zu! Das Böse, das du +begehst, wird nicht sehr böse sein! Du hast einen strengern Aufseher in +dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Züge in der Szene, +aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein +abgefeimter Bube, dem Lügen und Betrug sehr geläufig sind: der römische +hingegen ist in der äußersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch +den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen könnte. + + Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die. + Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam. + SY. Tanto nequior. + Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea? + SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest + fieri! + +Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Jüngling sucht +einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlägt ihm eine Lüge vor. Eine +Lüge! Nein, das geht nicht: non potest fieri! + + +----Fußnote + +[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18. + +[2] Seite 30. + +[3] Act. II. Sc. 4. + + Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum + Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier. + Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob + parvulam + Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant. + +1. Erster Aufz., 6. Auftr. + +----Fußnote + + + + +Neunundneunzigstes Stück +Den 12. April 1768 + +Sonach hatte Terenz auch nicht nötig, uns seinen Ktesipho am Ende des +Stücks beschämt, und durch die Beschämung auf dem Wege der Besserung, zu +zeigen. Wohl aber mußte dieses unser Verfasser tun. Nur fürchte ich, daß +der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so +leichtsinnigen Buben nicht für sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig +als die Gemütsänderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in +ihrem Charakter gegründet, daß man das Bedürfnis des Dichters, sein Stück +schließen zu müssen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu +schließen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiß überhaupt nicht, +woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, daß der Böse +notwendig am Ende des Stücks entweder bestraft werden oder sich bessern +müsse. In der Tragödie möchte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns +da mit dem Schicksale versöhnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der +Komödie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt +vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und +kalt und einförmig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine +Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie +nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muß die Handlung sodann in +etwas mehr, als in einer bloßen Kollision der Charaktere bestehen. Diese +kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veränderung des +einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stück, das wenig +oder nichts mehr hat als sie, nähert sich nicht sowohl seinem Ziele, +sondern schläft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision, +die Handlung mag sich ihrem Ende nähern soviel als sie will, dennoch +gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, daß das Ende ebenso +lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das +ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz +und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hören, +daß der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so können wir uns das +übrige alles an den Fingern abzählen; denn es ist der fünfte Akt. Er wird +anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besänftigen lassen, +wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, daß er nie wieder zu +einer solchen Komödie den Stoff geben kann: desgleichen wird der +ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen; +kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich +sehen, der in dem fünften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters +erraten kann! Die Intrige ist längst zu Ende, aber das fortwährende Spiel +der Charaktere läßt es uns kaum bemerken, daß sie zu Ende ist. Keiner +verändert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als +nötig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der +freigebige Micio wird durch das Manöver des geizigen Demea dahin +gebracht, daß er selbst das Übermaß in seinem Bezeigen erkennst, +und fragt: + +Quod proluvium? quae istaec subita est largitas? + +So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manöver des nachsichtsvollen +Micio endlich erkennet, daß es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und +zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.-- + +Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser +Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem +Muster entfernt hat. + +Terenz sagt es selbst, daß er in die "Brüder" des Menanders eine Episode +aus einem Stücke des Diphilus übertragen, und so seine "Brüder" +zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entführung der +Psaltria durch den Aeschinus: und das Stück des Diphilus hieß: "Die +miteinander Sterbenden". + + Synapothnescontes Diphili comoedia est-- + In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit + Meretricem in prima fabula-- + --eum hic locum sumpsit sibi + In Adelphos-- + +Nach diesen beiden Umständen zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar +Verliebte aufgeführet haben, die fest entschlossen waren, lieber +miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiß, was +geschehen wäre, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel +geschlagen und das Mädchen für den Liebhaber mit Gewalt entführt hätte? +Den Entschluß, miteinander zu sterben, hat Terenz in den bloßen Entschluß +des Liebhabers, dem Mädchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie +zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdrücklich: Menander mori +illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note +des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heißen? Ganz gewiß; wie Peter +Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen, +sagt es ja selbst, daß er diese ganze Episode von der Entführung nicht +aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stück +des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel. + +Indes muß freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten +Entführung, in dem Stücke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein, +an der Aeschinus gleicherweise für den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch +er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende +ihre Verbindung so glücklich beschleunigte. Worin diese eigentlich +bestanden, dürfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben, +worin sie will: so wird sie doch gewiß ebensowohl gleich vor dem Stücke +vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafür gebrauchte Entführung. Denn +auch sie muß es gewesen sein, wovon man noch überall sprach, als Demea in +die Stadt kam; auch sie muß die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein, +worüber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in +welchem sich beider Gemütsarten so vortrefflich entwickeln. + + --Nam illa, quae antehac facta sunt + Omitto: modo quid designavit?-- + Fores effregit, atque in aedes irruit + Alienas-- + --clamant omnes, indignissime + Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio, + Dixere? in ore est omni populo-- + +Nun habe ich schon gesagt, daß unser Verfasser diese gewaltsame +Entführung in eine kleine Schlägerei verwandelt hat. Er mag auch seine +guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlägerei selbst +nicht so spät hätte geschehen lassen. Auch sie sollte und müßte das sein, +was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe +sie geschieht, und man weiß gar nicht worüber? Er tritt auf und zankt, +ohne den geringsten Anlaß. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der +schlechten Aufführung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuß in die +Stadt setzen, so höre ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute +eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt +gehört und worüber er ausdrücklich mit seinem Bruder zu zanken kömmt, das +hören wir nicht und können es auch aus dem Stücke nicht erraten. Kurz, +unser Verfasser hätte den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar +verändern können, aber er hätte ihn nicht versetzen müssen! Wenigstens, +wenn er ihn versetzen wollen, hätte er den Demea im ersten Akte seine +Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach +müssen äußern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.-- + +Möchten wenigstens nur diejenigen Stücke des Menanders auf uns gekommen +sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes +denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den +lateinischen Kopien sein würde. + +Denn gewiß ist es, daß Terenz kein bloßer sklavischer Übersetzer gewesen. +Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stückes völlig beibehalten, +hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstärkung oder +Schwächung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne +Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, daß sich Donatus immer +so kurz und öfters so dunkel darüber ausdrückt (weil zu seiner Zeit die +Stücke des Menanders noch selbst in jedermanns Händen waren), daß es +schwer wird, über den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Künsteleien +etwas Zuverlässiges zu sagen. In den "Brüdern" findet sich hiervon ein +sehr merkwürdiges Exempel. + + +----Fußnote + +[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro +Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius +argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita +cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur +adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino +adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex +eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen +fabulae inditum esse.-- + +----Fußnote + + + + +Hundertstes Stück +Den 15. April 1768 + +Demea, wie schon angemerkt, will im fünften Akte dem Micio eine Lektion +nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre +Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den +Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er +möchte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnügen +zu haben, ihm am Ende sagen zu können: "Nun sieh, was du von deiner +Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermögen +dabei zusetzt, lassen wir uns den hämischen Spaß ziemlich gefallen. Aber +nun kömmt es dem Verräter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten +verlebten Mütterchen zu verkoppeln. Der bloße Einfall macht uns anfangs +zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, daß es Ernst damit wird, daß sich +Micio wirklich die Schlinge über den Kopf werfen läßt, der er mit einer +einzigen ernsthaften Wendung hätte ausweichen können: wahrlich, so wissen +wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea, +oder auf den Micio.[1] + +"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir müssen von nun an mit diesen +guten Leuten nur eine Familie machen; wir müssen ihnen auf alle Weise +aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.-- + +Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater. + +Micio. Ich bin gar nicht dagegen. + +Demea. Es schickt sich auch nicht anders für uns.--Denn erst ist sie +seiner Frauen Mutter-- + +Micio. Nun dann? + +Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar-- + +Micio. So höre ich. + +Demea. Bei Jahren ist sie auch. + +Micio. Jawohl. + +Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist +niemand, der sich um sie bekümmerte; sie ist ganz verlassen. + +Micio. Was will der damit? + +Demea. Die mußt du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus) +mußt ja machen, daß er es tut. + +Micio. Ich? sie heiraten? + +Demea. Du! + +Micio. Ich? + +Demea. Du! wie gesagt, du! + +Micio. Du bist nicht klug. + +Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muß! + +Aeschinus. Mein Vater-- + +Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen? + +Demea. Du sträubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders +sein. + +Micio. Du schwärmst. + +Aeschinus. Laß dich erbitten, mein Vater. + +Micio. Rasest du? Geh! + +Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude! + +Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fünfundsechzigsten +Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das +könnet ihr mir zumuten? + +Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen. + +Micio. Versprochen gar?--Bürschchen, versprich für dich, was du +versprechen wil1st! + +Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres wäre, warum er dich +bäte? + +Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein könnte, wie das? + +Demea. So willfahre ihm doch nur! + +Aeschinus. Sei uns nicht zuwider! + +Demea. Fort, versprich! + +Micio. Wie lange soll das währen? + +Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen. + +Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen. + +Demea. Tu ein übriges, guter Micio. + +Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt +finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner +Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!" + + +"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht +zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen +könnte, wäre dieses, daß er die nachteiligen Folgen einer übermäßigen +Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so +liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der +Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle +Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen +muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise +zu tadeln!" + +Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue +englische Übersetzer des Terenz, Colman, will den größern Teil des Tadels +auf den Menander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des +Donatus beweisen zu können, daß Terenz die Ungereimtheit seines Originals +in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nämlich: +Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon. + +"Es ist sehr sonderbar", erklärt sich Colman, "daß diese Anmerkung des +Donatus so gänzlich von allen Kunstrichtern übersehen worden, da sie, bei +unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit +verdienet. Unstreitig ist es, daß Terenz in dem letzten Akte dem Plane +des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den +Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch +vom Donatus, daß dieser Umstand ihm selber anstößig gewesen, und er sein +Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen +eine solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des Menanders, +wie es scheinet, nicht geäußert hatte." + +Es ist nicht unmöglich, daß ein römischer Dichter nicht einmal etwas +besser könne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der bloßen +Möglichkeit wegen möchte ich es gern in keinem Falle glauben. + +Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de +nuptiis non gravatur, hießen so viel als: beim Menander sträubet sich der +Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hießen? Wenn +sie vielmehr zu übersetzen wären: beim Menander fällt man dem Alten mit +der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari würde zwar allerdings +jenes heißen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird +gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja +wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein +leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie. + +Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Terenz? Er hätte sein +Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er +hätte die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die +Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden. +Terentius euretikon! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer +nicht weit her ist! + + +----Fußnote + +[1] Act. v. Sc. VIII. + + De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus, + Quam maxime unam facere nos hanc familiam; + Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater. + Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet. + Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea? + De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior. + Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest: + Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem + agit? + De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare. + Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi. + Ineptis. De. Si tu sis homo, + Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine, + auscultas. De. Nihil agis, + Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi + pater. + Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es? + Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo + Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi? + Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor + puer. + De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum. + De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non + omittis? + Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age + prolixe Micio. + Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea + Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.-- + +----Fußnote + + + + +Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stück +Den 19. April 1768 + +Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang +dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig +Wochen, und die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundertundviere. +Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen wöchentlichen +Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre +nur viere: ist ja so wenig! + +Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen, +ausdrücklich hundert und vier Stück versprochen. Ich werde die guten +Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen. + +Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon +verschnitten: ich werde einflicken oder recken müssen.--Aber das klingt +so stümpermäßig. Mir fällt ein,--was mir gleich hätte einfallen sollen: +die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines +Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will, +und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu +stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blätter nun füllen, die ich mir +ganz ersparen wollte. + +Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel +einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad +scribendum appulit, anfinge? + +Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen +Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr tun +lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen +könne: so weiß ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich träumen +ließ, daß ich bei diesem Unternehmen wohl nützlich sein könnte?--Ich +stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne +Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese +Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr +gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur +erboten; aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der +ich mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte. + +Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war +also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es +könne? und wie ich es am besten könne? + +Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. + +Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu +erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen +Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. +Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist +ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren +hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie +hält. Was in den neuerern Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr +bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich +fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich +emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen +Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir +heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich +nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an +fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu +stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich +zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie +ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem +Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die +Krücke unmöglich erbauen kann. + +Doch freilich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte +zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann: so auch die +Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser +ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde: so kostet +es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von +unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze +Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle +Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so +ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit +Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein +kann, als ich. + +Was Goldoni für das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit +dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu tun +folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es +auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la +Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch +schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen +noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, daß die ersten +Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen +Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein +Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken +bleibt man am klügsten zu Hause. + +--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen, +oder, wie es meinen rüstigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht, +selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee +zu diesem Blatte. + +Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der +Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles +von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe wert +gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den +grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer +Hochachtung für das Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem +Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen +Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige +Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der +Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des +Geschmacks darin bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Jahr +der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst +aufgeführet worden! + +Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu +nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr +lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie +bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte +mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine +Didaskalie aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch +nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz wäre, die eben dieser +Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust, +meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere +itztlebende Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn +sie gefunden hätten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes +gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher +verlorengegangen wären, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht +werfen könnte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs +des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der +Prinzen vom Geblüte, oder nicht der Prinzen vom Geblüte, dieses oder +jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie +bei mir gesucht und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben. + +Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der +Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser +wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas +anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres. + +"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters +als des Schauspielers hier tun würde." + +Die letztere Hälfte bin ich sehr bald überdrüssig geworden. Wir haben +Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche +Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß +ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber hat +man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann +erkannte, mit Deutlichkeit und Präzision abgefaßte Regeln, nach welchen +der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen +sei, deren wüßte ich kaum zwei oder drei. Daher kömmt es, daß alles +Raisonnement über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig +scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts +als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget +findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel +glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln +oder loben wollen. Überhaupt hat man die Anmerkung schon längst gemacht, +daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem +Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge +der Grundsätze ihrer Künste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu +deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte. + +Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das +Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie hätte es +auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die +Wettläufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen +alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das +Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen +Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das +Publikum getan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas +Schlimmers, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht +befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen. +--Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu +verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von +der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter. +Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir +sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Ausländischen, besonders +noch immer die untertänigen Bewunderer der nie genug bewunderten +Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine kömmt, ist schön, +reizend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör, +als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für +Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein +Geklingle von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen, +als im geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses +liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst +sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben +und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile +erhalten hat.-- + +Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung +desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche. + +Ich war also genötiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des +dramatischen Dichters hier wirklich könnte getan haben, mich bei denen zu +verweilen, die sie vorläufig tun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit +desto schnellern und größern zu durchlaufen. Es waren die Schritte, +welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu +gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen. + +Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische +Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig, +die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nötig ist, +um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von +niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen +weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er +bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen +vermag, doch urteilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine +Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem +oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde, als +ein Fisch. + +Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was +mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das +Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es +vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen +Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahieret hat. Ich habe von dem +Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine +eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitläufigkeit nicht äußern könnte. +Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen +erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein +ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer +sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so +faßlich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese +enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns +die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu +beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt +entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu +entfernen. + + +----Fußnote + +[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted +with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book +(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was +bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were +always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased +with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little +in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the +Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have +the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with +the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil +etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.) + +[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro +eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula +aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos +adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia +praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi +animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem, +cum Didaskalias suas componeret.-- + +----Fußnote + + + + +Nach dieser Überzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster +der französischen Bühne ausführlich zu beurteilen. Denn diese Bühne soll +ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man +uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stufe der +Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern +Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest +geglaubt, daß bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel +gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten. + +Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses +ward, glücklicherweise, durch einige englische Stücke aus seinem +Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die +Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihr Corneille und +Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen +Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes +zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln, +mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten. Was schloß +man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der +Tragödie erreichen lasse; ja, daß diese Regeln wohl gar schuld sein +könnten, wenn man ihn weniger erreiche. + +Und das hätte noch hingehen mögen!--Aber mit diesen Regeln fing man an, +alle Regeln zu vermengen und es überhaupt für Pedanterei zu erklären, dem +Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun müsse. Kurz, wir +waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig +zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die +Kunst aufs neue für sich erfinden solle. + +Ich wäre eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen, +wenn ich glauben dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese +Gärung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich +mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen, +als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu +bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr +verkannt, als die Franzosen. Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über +die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles +fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen und das Wesentliche +durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß +notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit +unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln +kalkuliert hatte. + +Ich wage es, hier eine Äußerung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofür +man will!--Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich +nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?-- + +Doch nein; ich wollte nicht gern, daß man diese Äußerung für Prahlerei +nehmen könne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es +zuverlässig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch +lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig +besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde +nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den +Aristoteles glaubet, wie ich. + +Eine Tonne, für unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie +trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie +ausgeworfen; besonders für den kleinen Walfisch in dem Salzwasser +zu Halle!-- + +Und mit diesem Übergange,--sinnreicher muß er nicht sein,--mag denn der +Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu +ich diese letztern Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern +können, daß es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben +der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat +Klotz den Inhalt desselben bereits angekündiget hat?[1]-- + +Aber was bekömmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jäckchen, daß er +so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, daß ich +ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl bloß zu seinem Vergnügen +trommeln; und der Himmel weiß, wo er alles her hat, was die liebe Jugend +auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der +ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muß einen Wahrsagergeist +haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm +sonst sagen können, daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der +Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheimen Ursachen +entdecken können, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme +beigelegt und das Probestück einer andern so erhoben habe? Ich war +freilich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr +geglaubt, daß es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen können es +ihm auch unmöglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem +Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern, +wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und +Zeitungsschreiber, mit solchen Kälbern pflügen wollen! Wenn sie zu ihren +Beurteilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und +Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stückchen aus der geheimsten +Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen? + +"Ich würde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch +den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen können, wenn nicht die +Abhandlung wider die Buchhändler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als +daß er das Werk bald beschließen könnte." + +Man muß auch einen Kobold nicht zum Lügner machen wollen, wenn er es +gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem +guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich +wollte meinen Lesern erzählen, warum dieses Werk so oft unterbrochen +worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon +fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich über +den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen, +es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte über die nachteiligen Folgen +des Nachdrucks überhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das +einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das wäre ja sonach +keine Abhandlung wider die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für +sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und es gibt +deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so +ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft +noch etwa weiß, das weiß es nur halb.-- + +Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich +nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht +nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist: +antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber +vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende +ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen +ernstlich um Vergebung bitte. + +Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese +Blätter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich +ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich +liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den +Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die +Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen +ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts +dabei, daß diese Hoffnung fehlschlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten +darüber, daß ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an +den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern +wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wünschen ohnedem, daß +ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen +finden, der das Tageregister einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende +führet und mir zeiget, was für einen periodischen Nutzen ich einem +solchen periodischen Blatte hätte erteilen können und sollen. + +Denn ich will und kann es nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein +Jahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße +Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder +verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er +auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung +gehen wird. + +Aber auch das kann mir sehr gleichgültig sein!--Ich möchte überhaupt +nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es für ein großes Unglück +hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen. +Sie können von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil +daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weiterm Belange durch die +nämlichen Undienste scheitern könnten, durch welche meine gescheitert +sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände +Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie könnte +verlieren, wenn einmal ein nützlicheres Werk eines bessern +Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gäbe, +die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste, +unter ähnlichen Umständen unternommene Werk verunglücken sollte +und müßte. + +In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es für meine +Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben +diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken +erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und +geschrieben, bei den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort +so lautet: + +Nachricht an die Herren Buchhändler + +Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhändler entschlossen, +künftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften +in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die +neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen +mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen +nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Hälfte zu +verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhändler, +welche wohl eingesehen, daß eine solche unbefugte Störung für alle +Buchhändler zum größten Nachteil gereichen müsse, haben sich +entschlossen, zu Unterstützung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten, +und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen +vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu +unterstützen. Von den übrigen gutgesinnten Herren Buchhändlern erwarten +wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch +unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schönheit +des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; übrigens +aber uns bemühen, auf die unzählige Menge der Schleichhändler genau +achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu höcken und zu +stören anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende +Herren Mitkollegen, daß wir keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt +nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald +jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht +allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufügen, sondern auch +nicht weniger denenjenigen Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu +verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren +Buchhändler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer +Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhändler- +Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu +erwarten, ihren besten Verlag für die Hälfte des Preises oder noch weit +geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhändlern von unsre +Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir +nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Vergütung +widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, daß sich auch +die übrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter +Herren Buchhändler in kurzer Zeit legen werden. + +Wenn die Umstände erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach +Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir +empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen +Mitkollegen, + +J. Dodsley und Compagnie. + +Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern +Verbindung der Buchhändler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu +steuern, so würde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen. +Aber wie hat es vernünftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen können, +diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen +Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Straßenräuber werden? +"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das möchte sein; wenn +es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu +rächen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind +die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren +wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das +Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein? +Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmälern, aus seinem +eigentümlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er möglicherweise +daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen +Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das für erforderliche +Eigenschaften? Daß man fünf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden +gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf +sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine +Innung? Welches sind seine ausschließenden Privilegien? Wer hat sie +ihm erteilt? + +Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so +bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstümmeln, sondern auch +das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Daß +sie ihre Verteidigung beifügen--wenn anders eine Verteidigung für sie +möglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie mögen sie auch in einem +Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen +seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen: +selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei +Histörchen und Anekdötchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache. +Nur erkläre ich im voraus die geringste Insinuation, daß es gekränkter +Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, für eine Lüge. +Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es +schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als +einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhändlern, dessen Vermittelung +ich ein solches Geschäft gern überlasse. Aber keiner von ihnen muß mir es +auch verübeln, daß ich meine Verachtung und meinen Haß gegen Leute +bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich +nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen +coup de main für sich: Dodsley und Compagnie aber wollen +bandenweise rauben. + +Das beste ist, daß ihre Einladung wohl von den wenigsten dürfte angenommen +werden. Sonst wäre es Zeit, daß die Gelehrten mit Ernst darauf dächten, +das bekannte Leibnizische Projekt auszuführen. + +Ende des zweiten Bandes + + +----Fußnote + +[1] Neuntes Stück, S. 56. + +----Fußnote + + + + +Verzeichnis der Theaterstücke + +geordnet nach Autorennamen + +John Banks: Der Graf von Essex +Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin +Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift +Chevalier de Cérou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter +Pierre Corneille: Rodogune +Thomas Corneille: Der Graf von Essex +Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia +Philippe Néricault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel +Philippe Néricault Destouches: Das unvermutete Hindernis +Philippe Néricault Destouches: Der poetische Dorfjunker +Philippe Néricault Destouches: Der verborgene Schatz +Philippe Néricault Destouches: Der verheiratete Philosoph +Denis Diderot: Der Hausvater +Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire +Frederik Duim: Zaïre +Charles Simon Favart: Soliman der Zweite +Christian Fürchtegott Gellert: Die kranke Frau +Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzösin +Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie +Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney +Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe +Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr +Johann Christian Krüger: Herzog Michel +Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Die Mütterschule +Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Melanide +Thomas l'Affichard: Ist er von Familie? +Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde +Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit +Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist +Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz +Gotthold Ephraim Lessing: Miß Sara Sampson +Johann Friedrich Löwen: Die neue Agnese +Johann Friedrich Löwen: Das Rätsel +Francesco Scipione Maffei: Merope +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten +Molière: Die Frauenschule +Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz +Philemon von Syrakus: Der Schatz +Plautus: Trinummus +Philippe Quinault: Die kokette Mutter +Jean François Regnard: Demokrit +Jean François Regnard: Der Spieler +Jean François Regnard: Der Zerstreute +Karl Franz Romanus: Die Brüder +Germain François Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter +Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen +Johann Elias Schlegel: Die stumme Schönheit +Voltaire: Das Kaffeehaus +Voltaire: Die Frau, die recht hat +Voltaire: Merope +Voltaire: Nanine +Voltaire: Semiramis +Voltaire: Zaïre +Christian Felix Weiße: Amalia +Christian Felix Weiße: Richard der Dritte + + + + + +Verzeichnis der Theaterstücke + +geordnet nach Titeln + + +Amalia (Christian Felix Weiße) +Cenie (Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny) +Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Néricault Destouches) +Das Kaffeehaus (Voltaire) +Das Rätsel (Johann Friedrich Löwen) +Das unvermutete Hindernis (Philippe Néricault Destouches) +Demokrit (Jean François Regnard) +Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys) +Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der Finanzpachter (Germain François Poullain de Saint-Foix) +Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Graf von Essex (John Banks) +Der Graf von Essex (Thomas Corneille) +Der Hausvater (Denis Diderot) +Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cérou) +Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel) +Der poetische Dorfjunker (Philippe Néricault Destouches) +Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel) +Der Schatz (Philemon von Syrakus) +Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand) +Der Spieler (Jean François Regnard) +Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel) +Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand) +Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der verborgene Schatz (Philippe Néricault Destouches) +Der verheiratete Philosoph (Philippe Néricault Destouches) +Der Zerstreute (Jean François Regnard) +Die Brüder (Karl Franz Romanus) +Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Die Frau, die recht hat (Voltaire) +Die Frauenschule (Molière) +Die Hausfranzösin (Luise Adelgunde Gottsched) +Die kokette Mutter (Philippe Quinault) +Die kranke Frau (Christian Fürchtegott Gellert) +Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi) +Die Mütterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée) +Die neue Agnese (Johann Friedrich Löwen) +Die stumme Schönheit (Johann Elias Schlegel) +Herzog Michel (Johann Christian Krüger) +Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard) +Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld) +Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée) +Merope (Francesco Scipione Maffei) +Merope (Voltaire) +Miß Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing) +Nanine (Voltaire) +Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk) +Richard der Dritte (Christian Felix Weiße) +Rodogune (Pierre Corneille) +Semiramis (Voltaire) +Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset) +Soliman der Zweite (Charles Simon Favart) +Trinummus (Plautus) +Zaïre (Frederik Duim) +Zaïre (Voltaire) +Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie +by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE *** + +***** This file should be named 10055-8.txt or 10055-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/0/5/10055/ + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Hamburgische Dramaturgie + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: November 15, 2003 [EBook #10055] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg +Projekt-DE. That project is reachable at the web site +http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +HAMBURGISCHE DRAMATURGIE + +von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING + + + +Inhalt: + +Ankuendigung +Erster Band +Zweiter Band +Verzeichnis der Theaterstuecke, nach Autorennamen geordnet +Verzeichnis der Theaterstuecke, nach Titeln geordnet + + + + +Ankuendigung + +Es wird sich leicht erraten lassen, dass die neue Verwaltung des hiesigen +Theaters die Veranlassung des gegenwaertigen Blattes ist. + +Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man +den Maennern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders +als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlaenglich darueber erklaert, +und ihre Aeusserungen sind, sowohl hier, als auswaerts, von dem feinern +Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede +freiwillige Befoerderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern +Zeiten sich versprechen darf. + +Freilich gibt es immer und ueberall Leute, die, weil sie sich selbst am +besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten +erblicken. Man koennte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern goennen; +aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst +aufbringen; wenn ihr haemischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese +scheitern zu lassen bemueht ist: so muessen sie wissen, dass sie die +verachtungswuerdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind. + +Gluecklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die groessere +Anzahl wohlgesinnter Buerger sie in den Schranken der Ehrerbietung haelt +und nicht verstattet, dass das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen, +und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spoettischen +Aberwitzes werden! + +So gluecklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner +Freiheit gelegen: denn es verdienet, so gluecklich zu sein! + +Als Schlegel, zur Aufnahme des daenischen Theaters,--(ein deutscher +Dichter des daenischen Theaters!)--Vorschlaege tat, von welchen es +Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, dass ihm keine +Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war +dieses der erste und vornehmste, "dass man den Schauspielern selbst die +Sorge nicht ueberlassen muesse, fuer ihren Verlust und Gewinst zu +arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu +einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto +nachlaessiger und eigennuetziger treiben laesst, je gewissere Kunden, je +mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen. + +Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen waere, als dass +eine Gesellschaft von Freunden der Buehne Hand an das Werk gelegt und, +nach einem gemeinnuetzigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden haette: +so waere dennoch, bloss dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser +ersten Veraenderung koennen, auch bei einer nur maessigen Beguenstigung des +Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen, +deren unser Theater bedarf. + +An Fleiss und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an +Geschmack und Einsicht fehlen duerfte, muss die Zeit lehren. Und hat es +nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden +sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und +hoere, und pruefe und richte. Seine Stimme soll nie geringschaetzig +verhoeret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden! + +Nur dass sich nicht jeder kleine Kritikaster fuer das Publikum halte, und +derjenige, dessen Erwartungen getaeuscht werden, auch ein wenig mit sich +selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht +jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schoenheiten eines +Stuecks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den +Wert aller andern schaetzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen +einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre +Geschmack ist der allgemeine, der sich ueber Schoenheiten von jeder Art +verbreitet, aber von keiner mehr Vergnuegen und Entzuecken erwartet, als +sie nach ihrer Art gewaehren kann. + +Der Stufen sind viel, die eine werdende Buehne bis zum Gipfel der +Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Buehne ist von +dieser Hoehe, natuerlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fuerchte +sehr, dass die deutsche mehr dieses als jenes ist. + +Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht +wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, +der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer +geschwinder, als der ohne Ziel herumirret. + +Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzufuehrenden +Stuecken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des +Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stuecke ist +keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer +Meisterstuecke aufgefuehret werden sollten, so sieht man wohl, woran die +Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmaessige fuer nichts mehr +ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens +daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm +Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum +ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmaessige Stuecke muessen auch +schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzuegliche Rollen +haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Staerke zeigen kann. +So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text +dazu elend ist. + +Die groesste Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn +er in jedem Falle des Vergnuegens und Missvergnuegens unfehlbar zu +unterscheiden weiss, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters, +oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der +andere versehen hat, heisst beide verderben. Jenem wird der Mut benommen, +und dieser wird sicher gemacht. + +Besonders darf es der Schauspieler verlangen, dass man hierin die groesste +Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters +kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer +wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist +in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich +schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers +mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen +lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat. + +Eine schoene Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein +reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge, +die sich nicht wohl mit Worten ausdruecken lassen. Doch sind es auch weder +die einzigen noch groessten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schaetzbare +Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr noetig, aber noch lange nicht +seinen Beruf erfuellend! Er muss ueberall mit dem Dichter denken; er muss da, +wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, fuer ihn denken. + +Man hat allen Grund, haeufige Beispiele hiervon sich von unsern +Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums +nicht hoeher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, +und der zu viel erwartet. + +Heute geschieht die Eroeffnung der Buehne. Sie wird viel entscheiden; sie +muss aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich +die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es wuerde Muehe kosten, ein ruhiges +Gehoer zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher +als mit dem Anfange des kuenftigen Monats erscheinen. + +Hamburg, den 22. April 1767. + + +----Fussnote + +[1] "Werke", dritter Teil, S. 252." + +----Fussnote + + + + +Erster Band + + +Erstes Stueck +Den 1. Mai 1767 + +Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und +Sophronia" gluecklich eroeffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit +einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der +Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stueckes konnte auf eine solche Ehre +keinen Anspruch machen. Die Wahl waere zu tadeln, wenn sich zeigen liesse, +dass man eine viel bessere haette treffen koennen. + +"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein +unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings fuer unsere +Buehne zu frueh; aber eigentlich gruendet sich sein Ruhm mehr auf das was +er, nach dem Urteile seiner Freunde, fuer dieselbe noch haette leisten +koennen, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische +Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, haette in seinem +sechsundzwanzigsten Jahre sterben koennen, ohne die Kritik ueber seine +wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen? + +Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine ruehrende +Erzaehlung in ein ruehrendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar +kostet es wenig Muehe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne +Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhueten wissen, dass diese +neue Verwickelungen weder das Interesse schwaechen, noch der +Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzaehlers +in den wahren Standort einer jeden Person versetzen koennen; die +Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers +entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu +lassen, dass dieser sympathisieren muss, er mag wollen oder nicht: das ist +es, was dazu noetig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich +langweilig zu erklaeren, tut, und was der bloss witzige Kopf nachzumachen, +vergebens sich martert. + +Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus +und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die +Staerke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die +Staerke der Liebe schildern. Dort war es heldenmuetiger Diensteifer, der +die Probe der Freundschaft veranlasste: hier ist es die Religion, welche +der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die +Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe +so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden. +Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiss, eine +fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn +verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natuerlich, so wahr und +menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch +zu machen, dass nichts darueber! + +Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch +Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen +Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das +wundertaetige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum +machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn +dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der +Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmoeglich geben. +Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verraet sich +in mehrern Stuecken, dass ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem +mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der groebste Fehler aber ist, dass er +eine Religion ueberall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als +jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heisst ihm "ein +Sitz der falschen Goetter", und den Priester selbst laesst er ausrufen: + +"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe ruesten, Ihr Goetter? +Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!" + +Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostuem, vom Scheitel +bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muss solche +Ungereimtheiten sagen! + +Beim Tasso koemmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne dass man +eigentlich weiss, ob es von Menschenhaenden entwendet worden, oder ob eine +hoehere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Taeter. +Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber +Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr +veraechtliche Seite. Man kann ihm unmoeglich wieder gut werden, dass er es +wagen koennen, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des +Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so +ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Grossmut. Beim Tasso laesst +ihn bloss die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder +mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloss um mit ihr zu sterben; kann er mit +ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer +Seite, an den naemlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem naemlichen Feuer +verzehret zu werden, empfindet er bloss das Glueck einer so suessen +Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe, +und wuenschet nichts, als dass diese Nachbarschaft noch enger und +vertrauter sein moege, dass er Brust gegen Brust druecken und auf ihren +Lippen seinen Geist verhauchen duerfe. + +Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz +geistigen Schwaermerin und einem hitzigen, begierigen Juenglinge ist beim +Cronegk voellig verloren. Sie sind beide von der kaeltesten Einfoermigkeit; +beide haben nichts als das Maertertum im Kopfe; und nicht genug, dass er, +dass sie fuer die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena +haette nicht uebel Lust dazu. + +Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten, +einen angehenden tragischen Dichter vor grossen Fehltritten bewahren kann. +Die eine betrifft das Trauerspiel ueberhaupt. Wenn heldenmuetige +Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muss der Dichter nicht zu +verschwenderisch damit umgehen; denn was man oefters, was man an mehrern +sieht, hoeret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in +seinem "Kodrus" sehr versuendiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum +freiwilligen Tode fuer dasselbe, haette den Kodrus allein auszeichnen +sollen: er haette als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art +dastehen muessen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm +im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht? +sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere +Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So +auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles haelt +gemartert werden und sterben fuer ein Glas Wasser trinken. Wir hoeren diese +frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, dass sie alle Wirkung +verlieren. + +Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere. +Die Helden desselben sind mehrenteils Maertyrer. Nun leben wir zu einer +Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als +dass jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung +aller seiner buergerlichen Obliegenheiten in den Tod stuerzet, den Titel +eines Maertyrers sich anmassen duerfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen +Maertyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr, +als wir diese verehren, und hoechstens koennen sie uns eine melancholische +Traene ueber die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die +Menschheit ueberhaupt in ihnen faehig erblicken. Doch diese Traene ist keine +von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der +Dichter einen Maertyrer zu seinem Helden waehlet: dass er ihm ja die +lautersten und triftigsten Bewegungsgruende gebe! dass er ihn ja in die +unumgaengliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich +der Gefahr blossstellet! dass er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen, +nicht hoehnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum +Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter +leiden. Ich habe schon beruehret, dass es nur ein ebenso nichtswuerdiger +Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher +den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es +entschuldiget den Dichter nicht, dass es Zeiten gegeben, wo ein solcher +Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen +konnte; dass es noch Laender gibt, wo er der frommen Einfalt nichts +Befremdendes haben wuerde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig +fuer jene Zeiten, als er es bestimmte, in Boehmen oder Spanien gespielt zu +werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle, +wenn er nicht bloss schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, +hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in +Augen, und nur was diesen gefallen, was diese ruehren kann, wuerdiget er zu +schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Poebel herablaesst, +laesst sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern; +nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart +zu bestaerken. + + + +Zweites Stueck +Den 5. Mai 1767 + +Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend, +wuerde ueber die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So ueberzeugt wir +auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein moegen, so wenig +koennen sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem +Charakter der Personen gehoeret, aus den natuerlichsten Ursachen +entspringen muss. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in +der moralischen muss alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das +Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgruende zu +jedem Entschlusse, zu jeder Aenderung der geringsten Gedanken und +Meinungen, muessen, nach Massgebung des einmal angenommenen Charakters, +genau gegeneinander abgewogen sein, und jene muessen nie mehr +hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen koennen. +Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schoenheiten des Detail, +ueber Missverhaeltnisse dieser Art zu taeuschen; aber er taeuscht uns nur +einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er +uns abgetaeuschet hat, zurueck. Dieses auf die vierte Szene des dritten +Akts angewendet, wird man finden, dass die Reden und das Betragen der +Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden haetten bewegen koennen, aber +viel zu unvermoegend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar +keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das +Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz +zuvor erfahren, dass ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine, +erhebliche Umstaende, durch welche die Wirkung einer hoehern Macht in die +Reihe natuerlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand +hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stuecke auf dem Theater +gehen duerfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des +Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Grossmut und Ermahnungen bestuermet +und bis in das Innerste erschuettert worden, laesst er ihn doch die Wahrheit +der Religion, an deren Bekennern er so viel Grosses sieht, mehr vermuten, +als glauben. Und vielleicht wuerde Voltaire auch diese Vermutung +unterdrueckt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas haette +geschehen muessen. + +Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide +Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr +geworden sind, so duerfte die erste Tragoedie, die den Namen einer +christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein +Stueck, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist +ein solches Stueck aber auch wohl moeglich? Ist der Charakter des wahren +Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille +Gelassenheit, die unveraenderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Zuege +sind, mit dem ganzen Geschaefte der Tragoedie, welches Leidenschaften durch +Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung +einer belohnenden Glueckseligkeit nach diesem Leben der Uneigennuetzigkeit, +mit welcher wir alle grosse und gute Handlungen auf der Buehne unternommen +und vollzogen zu sehen wuenschen? + +Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann, +wieviel Schwierigkeiten es zu uebersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten +unwidersprechlich widerlegt, waere also mein Rat:--man liesse alle +bisherige christliche Trauerspiele unaufgefuehret. Dieser Rat, welcher aus +den Beduerfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts +als sehr mittelmaessige Stuecke bringen kann, ist darum nichts schlechter, +weil er den schwaechern Gemuetern zustatten koemmt, die, ich weiss nicht +welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an +einer heiligern Staette gefasst machen, im Theater zu hoeren bekommen. Das +Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoss geben; und ich wuenschte, +dass es auch allem genommenen Anstosse vorbeugen koennte und wollte. + +Cronegk hatte sein Stueck nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges +gebracht. Das uebrige hat eine Feder in Wien dazugefueget; eine Feder +--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der +Ergaenzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als +sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod loeset alle Verwirrungen am +besten; darum laesst er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim +Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der +uneigennuetzigsten Grossmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt +gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei +Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu +rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den +Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen +Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fuenften Akte!" +antwortete dieser. In Wahrheit; der fuenfte Akt ist eine garstige boese +Staupe, die manchen hinreisst, dem die ersten vier Akte ein weit laengeres +Leben versprachen.-- + +Doch ich will mich in die Kritik des Stueckes nicht tiefer einlassen. So +mittelmaessig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich +schweige von der aeusseren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters +erfordert nichts als Geld. Die Kuenste, deren Hilfe dazu noetig ist, sind +bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die +Kuenstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande. + +Man muss mit der Vorstellung eines Stueckes zufrieden sein, wenn unter +vier, fuenf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet +haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfaenger oder sonst ein Notnagel so +sehr beleidiget, dass er ueber das Ganze die Nase ruempft, der reise nach +Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer +ein Garrick ist. + +Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im +Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann +eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch +immer fuer den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle uebrige +Rollen von ihm sehen zu koennen. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses, +dass er Sittensprueche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen +Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer +Innigkeit zu sagen weiss, dass das Trivia1ste von dieser Art in seinem +Munde Neuheit und Wuerde, das Frostigste Feuer und Leben erhaelt. + +Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem +"Kodrus" und hier, so manche in einer so schoenen nachdruecklichen Kuerze +ausgedrueckt, dass viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von +dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu +werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch oefters gefaerbtes Glas fuer +Ede1steine, und witzige Antithesen fuer gesunden Verstand einzuschwatzen. +Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere +Wirkung auf mich. Die eine, + +"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht." + +Die andere, + +"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Boesewicht." + +Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und +dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrueckt, +wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gaenzlich ausbrechen laesst. Teils dachte +ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet +Geschmack an Maximen; auf dieser Buehne koennte sich ein Euripides Ruhm +erwerben, und ein Sokrates wuerde sie gern besuchen. Teils fiel es mir +zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstoessig diese +vermeinten Maximen waeren, und ich wuenschte sehr, dass die Missbilligung an +jenem Gemurmle den meisten Anteil moege gehabt haben. Es ist nur ein Athen +gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Poebel das +sittliche Gefuehl so fein, so zaertlich war, dass einer unlautern Moral +wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater +herabgestuermet zu werden! Ich weiss wohl, die Gesinnungen muessen in dem +Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie aeussert, +entsprechen; sie koennen also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht +haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen muessen, dass +dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht +anders als so habe urteilen koennen. Aber auch diese poetische Wahrheit +muss sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum naehern, und der +Dichter muss nie so unphilosophisch denken, dass er annimmt, ein Mensch +koenne das Boese, um des Boesen wegen, wollen, er koenne nach lasterhaften +Grundsaetzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen +sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so +graesslich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines +schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden fuer die hoechste Schoenheit des +Trauerspieles haelt. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum +alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, dass von Priestern einer +falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, dass +ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein muessen. Priester haben in den +falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht +weil sie Priester, sondern weil sie Boesewichter waren, die, zum Behuf +ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes +gemissbraucht haetten. + +Wenn die Buehne so unbesonnene Urteile ueber die Priester ueberhaupt ertoenen +laesst, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie +als die grade Heerstrasse zur Hoelle ausschreien? + +Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stueckes, und ich wollte von +dem Schauspieler sprechen. + + + +Drittes Stueck +Den 8. Mai 1767 + +Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), dass wir auch die +gemeinste Moral so gern von ihm hoeren? Was ist es eigentlich, was ein +anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso +unterhaltend finden sollen? + +Alle Moral muss aus der Fuelle des Herzens kommen, von der der Mund +uebergehet; man muss ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu +prahlen scheinen. + +Es verstehst sich also von selbst, dass die moralischen Stellen vorzueglich +wohl gelernet sein wollen. Sie muessen ohne Stocken, ohne den geringsten +Anstoss, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer +Leichtigkeit gesprochen werden, dass sie keine muehsame Auskramungen des +Gedaechtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwaertigen Lage +der Sachen scheinen. + +Ebenso ausgemacht ist es, dass kein falscher Akzent uns muss argwoehnen +lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muss uns durch den +richtigsten, sichersten Ton ueberzeugen, dass er den ganzen Sinn seiner +Worte durchdrungen habe. + +Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei +beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch +von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man +einmal gefasst, die man sich einmal ins Gedaechtnis gepraeget hat, lassen +sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern +Dingen beschaeftiget; aber alsdann ist keine Empfindung moeglich. Die Seele +muss ganz gegenwaertig sein; sie muss ihre Aufmerksamkeit einzig und allein +auf ihre Reden richten, und nur alsdann-- + +Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch +keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist ueberhaupt immer das +streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man +sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht +ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen +aeussern Merkmalen urteilen koennen. Nun ist es moeglich, dass gewisse Dinge +in dem Baue des Koerpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten, +oder doch schwaechen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse +Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen +wir ganz andere Faehigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere +Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwaertig aeussern und +ausdruecken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir +glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche. +Gegenteils kann ein anderer so gluecklich gebauet sein; er kann so +entscheidende Zuege besitzen; alle seine Muskeln koennen ihm so leicht, so +geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfaeltige Abaenderungen +der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime +erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglueckt sein, dass er uns in +denjenigen Rollen, die er nicht urspruenglich, sondern nach irgendeinem +guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen +wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische +Nachaeffung ist. + +Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgueltigkeit und Kaelte, +dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug +nichts als nachgeaeffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln +bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfaengt, und durch +deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, dass eben die Modifikationen der +Seele, welche gewisse Veraenderungen des Koerpers hervorbringen, +hinwiederum durch diese koerperliche Veraenderungen bewirket werden) er zu +einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer +derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber +doch in dem Augenblicke der Vorstellung kraeftig genug ist, etwas von den +nicht freiwilligen Veraenderungen des Koerpers hervorzubringen, aus deren +Dasein wir fast allein auf das innere Gefuehl zuverlaessig schliessen zu +koennen glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die aeusserste Wut des Zornes +ausdruecken; ich nehme an, dass er seine Rolle nicht einmal recht +verstehet, dass er die Gruende dieses Zornes weder hinlaenglich zu fassen, +noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in +Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergroebsten Aeusserungen +des Zornes einem Akteur von urspruenglicher Empfindung abgelernet hat und +getreu nachzumachen weiss--den hastigen Gang, den stampfenden Fuss, den +rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der +Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zaehne usw.--wenn er, +sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will, +gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefuehl +von Zorn befallen, welches wiederum in den Koerper zurueckwirkt, und da +auch diejenigen Veraenderungen hervorbringt, die nicht bloss von unserm +Willen abhangen; sein Gesicht wird gluehen, seine Augen werden blitzen, +seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein +scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es +sein sollte. + +Nach diesen Grundsaetzen von der Empfindung ueberhaupt habe ich mir zu +bestimmen gesucht, welche aeusserliche Merkmale diejenige Empfindung +begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und +welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so dass sie jeder +Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann. +Mich duenkt folgendes. + +Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von +Sammlung der Seele und ruhiger Ueberlegung verlangt. Er will also mit +Gelassenheit und einer gewissen Kaelte gesagt sein. + +Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindruecken, +welche individuelle Umstaende auf die handelnden Personen machen; er ist +kein blosser symbolischer Schluss; er ist eine generalisierte Empfindung, +und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung +gesprochen sein. + +Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kaelte?-- + +Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach +Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht. + +Ist die Situation ruhig, so muss sich die Seele durch die Moral gleichsam +einen neuen Schwung geben wollen; sie muss ueber ihr Glueck oder ihre +Pflichten bloss darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um +durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu geniessen, +diese desto williger und mutiger zu beobachten. + +Ist die Situation hingegen heftig, so muss sich die Seele durch die Moral +(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam +von ihrem Fluge zurueckholen; sie muss ihren Leidenschaften das Ansehen der +Vernunft, stuermischen Ausbruechen den Schein vorbedaechtlicher +Entschliessungen geben zu wollen scheinen. + +Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen +gemaessigten und feierlichen. Denn dort muss das Raisonnement in Affekt +entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskuehlen. + +Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen +Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stuermisch heraus, als +das uebrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als +das uebrige. Daher geschieht es denn aber auch, dass sich die Moral weder +in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und dass wir sie in +jenen ebenso unnatuerlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie +ueberlegten nie, dass die Stickerei von dem Grunde abstechen muss, und Gold +auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist. + +Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn +sie deren dabei machen sollen, noch was fuer welche. Sie machen +gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende. + +Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln +scheinet, um einen ueberlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie +umgibt, zu werfen; so ist es natuerlich, dass sie allen Bewegungen des +Koerpers, die von ihrem blossen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die +Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand +der Ruhe, um die innere Ruhe auszudruecken, ohne die das Auge der Vernunft +nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuss +fest auf, die Arme sinken, der ganze Koerper zieht sich in den wagrechten +Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer +feierlichen Stille, als ob er sich nicht stoeren wollte, sich selbst zu +hoeren. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die +Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu maessigen, oder zu +befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmaehlich +das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben, +waehrend der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch +in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urploetzlich +in unserer Gewalt, als Fuss und Hand. Und hierin dann, in diesen +ausdrueckenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande +des ganzen uebrigen Koerpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kaelte, +mit welcher ich glaube, dass die Moral in heftigen Situationen gesprochen +sein will. + +Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein; +nur mit dem Unterschiede, dass der Teil der Aktion, welcher dort der +feurige war, hier der kaeltere, und welcher dort der kaeltere war, hier der +feurige sein muss. Naemlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte +Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften +Empfindungen einen hoehern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird +sie auch die Glieder des Koerpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen, +dazu beitragen lassen; die Haende werden in voller Bewegung sein; nur der +Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge +wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der uebrige Koerper gern +herausarbeiten moechte. + + + +Viertes Stueck +Den 12. Mai 1767 + +Aber von was fuer Art sind die Bewegungen der Haende, mit welchen, in +ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet? + +Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln, +welche die Alten den Bewegungen der Haende vorgeschrieben hatten, wissen +wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, dass sie die Haendesprache zu +einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner +darin zu leisten imstande sind, kaum die Moeglichkeit sollte begreifen +lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein +unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermoegen, +Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte +Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, dass sie nicht +bloss eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes +faehig werden. + +Ich bescheide mich gern, dass man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit +dem Schauspieler vermengen muss. Die Haende des Schauspielers waren bei +weitem so geschwaetzig nicht, als die Haende des Pantomimens. Bei diesem +vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den +Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natuerliche +Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben +verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Haende +nicht bloss natuerliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle +Bedeutung, und dieser musste sich der Schauspieler gaenzlich enthalten. + +Er gebrauchte sich also seiner Haende sparsamer, als der Pantomime, aber +ebensowenig vergebens, als dieser. Er ruehrte keine Hand, wenn er nichts +damit bedeuten oder verstaerken konnte. Er wusste nichts von den +gleichgueltigen Bewegungen, durch deren bestaendigen einfoermigen Gebrauch +ein so grosser Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich +das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald +mit der linken Hand die Haelfte einer krieplichten Achte, abwaerts vom +Koerper, beschreiben, oder mit beiden Haenden zugleich die Luft von sich +wegrudern, heisst ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen +Tanzmeistergrazie zu tun geuebt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern +zu koennen. + +Ich weiss wohl, dass selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand +in schoenen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit +allen moeglichen Abaenderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres +Schwunges, ihrer Groesse und Dauer, faehig sind. Und endlich befiehlt er es +ihnen nur zur Uebung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um +den Armen die Biegungen des Reizes gelaeufig zu machen; nicht aber in der +Meinung, dass das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung +solcher schoenen Linien, immer nach der naemlichen Direktion, bestehe. + +Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen +Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse; +und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und +endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Spruechelchen aufsagen, wenn +der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher +man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam +vom Rocken spinnet. + +Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muss +bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man +nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal +Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von +malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren +Gebrauch, in Beispielen zu erlaeutern. Itzt wuerde mich dieses zu weit +fuehren, und ich merke nur an, dass es unter den bedeutenden Gesten eine +Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat, +und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind +dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist +ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umstaenden der handelnden Personen +gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermassen der Sache fremd, +er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwaertige von dem +weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhoerer nicht bemerkt +oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung +sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das +Anschauende zurueckzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein +koennen, so muss sie der Schauspieler ja nicht zu machen versaeumen. + +Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie +mir es itzt beifaellt; der Schauspieler wird sich ohne Muehe auf noch weit +einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt, +Gott werde das Herz des Aladin bewegen, dass er so grausam mit den +Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein +alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrueglichkeit unsrer +Hoffnungen zu Gemuete fuehren. + +"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!" + +Sein Sohn ist ein feuriger Juengling, und in der Jugend ist man vorzueglich +geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen. + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft." + +Doch indem besinnt er sich, dass das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler +nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Juengling nicht ganz +niederschlagen und faehret fort: + +"Das Alter quaelt sich selbst, weil es zu wenig hofft." + +Diese Sentenzen mit einer gleichgueltigen Aktion, mit einer nichts als +schoenen Bewegung des Armes begleiten, wuerde weit schlimmer sein, als sie +ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die, +welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschraenkt. +Die Zeile, + +"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft" + +muss in dem Tone, mit dem Gestu der vaeterlichen Warnung, an und gegen den +Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne +leichtglaeubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung +veranlasst. Die Zeile hingegen, + +"Das Alter quaelt sich selbst, weil es zu wenig hofft" + +erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene +Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Haende muessen sich notwendig +gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, dass Evander diesen Satz aus +eigener Erfahrung habe, dass er selbst der Alte sei, von dem er gelte. + +Es ist Zeit, dass ich von dieser Ausschweifung ueber den Vortrag der +moralischen Stellen wieder zurueckkomme. Was man Lehrreiches darin findet, +hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe +nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie +angenehm ist es, einem Kuenstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloss +gelingt, sondern der es macht! + +Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig +eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals +gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein +falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiss den +verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit +einer Praezision zu sagen, dass er durch ihre Stimme die deutlichste +Erklaerung, den vol1staendigsten Kommentar erhaelt. Sie verbindet damit +nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr gluecklichen +Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube +die Liebeserklaerung, welche sie dem Olint tut, noch zu hoeren: + + "--Erkenne mich! Ich kann nicht laenger schweigen; + Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen. + Olint ist in Gefahr, und ich bin ausser mir-- + Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir; + Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute, + War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite. + Dein Unglueck aber reisst die ganze Seele hin, + Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin. + Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen, + Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen, + Verbrechern gleichgestellt, ungluecklich und ein Christ, + Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist: + Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!" + +Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst +beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher +Ueberstroemung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit +ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie +ueberraschend brach sie auf einmal ab und veraenderte auf einmal Stimme und +Blick und die ganze Haltung des Koerpers, da es nun darauf ankam, die +duerren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde +geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen +Tone der Verwirrung, kam endlich + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiss, ob die Liebe +sich so erklaert, empfand, dass sie sich so erklaeren sollte. Sie entschloss +sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein +zaertliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewoehnt sonst +in allem zu maennlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die +Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere +Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimuetigkeit wieder da. Sie +fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekuemmerten Hitze +des Affekts fort: + + "--Und stolz auf meine Liebe, + Stolz, dass dir meine Macht dein Leben retten kann, + Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an." + +Denn die Liebe aeussert sich nun als grossmuetige Freundschaft: und die +Freundschaft spricht ebenso dreist, als schuechtern die Liebe. + + + + +Fuenftes Stueck +Den 15. Mai 1767 + +Es ist unstreitig, dass die Schauspielerin durch diese meisterhafte +Absetzung der Worte + + "Ich liebe dich, Olint,--" + +der Stelle eine Schoenheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in +dem naemlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste +Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen haette, in diesen +Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den +Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den +Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er haette sagen +sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob koennte groesser sein, als so +ein Vorwurf? Freilich muss sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses +Lob verdienen zu koennen. Denn sonst moechte es mit den armen Dichtern +uebel aussehen. + +Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes, +widerwaertiges, haessliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch +der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die +schoene Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte +Natur einige Wirkung. Das macht, weil die uebrigen Charaktere ganz ausser +aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von +Weibe, als mit himmelbruetenden Schwaermern sympathisieren. Nur gegen das +Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton faellt, wird sie uns ebenso +gleichgueltig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt +sie von einem Aeussersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklaert, +so fuegt sie hinzu: + +"Wirst du mein Herz verschmaehn? Du schweigst?--Entschliesse dich; Und wenn +du zweifeln kannst--so zittre!-- + +So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der +Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll +vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen? +--O wenn es der Schauspielerin eingefallen waere, fuer diese ungezogene +weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte +zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmaeht, ihren Stolz beleidiget +zu finden. Das waere sehr natuerlich gewesen. Aber es von dem Olint +verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das +ist so unartig als laecherlich. + +Doch was haette es geholfen, den Dichter einen Augenblick laenger in den +Schranken des Woh1standes und der Maessigung zu erhalten? Er faehrt fort, +Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu +lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemaentelung mehr statt. + +Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun koennte, +waere vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so +ganz hinreissen liesse, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die +aeusserste Wut nicht mit der aeussersten Anstrengung der Stimme, nicht mit +den gewaltsamsten Gebaerden ausdrueckte. + +Wenn Shakespeare nicht ein ebenso grosser Schauspieler in der Ausuebung +gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch +wenigstens ebenso gut gewusst, was zu der Kunst des einen, als was zu der +Kunst des andern gehoeret. Ja vielleicht hatte er ueber die Kunst des +erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu +hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die +Komoedianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel fuer alle +Schauspieler, denen an einem vernuenftigen Beifalle gelegen ist. "Ich +bitte euch", laesst er ihn unter andern zu den Komoedianten sagen, "sprecht +die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muss nur eben darueber +hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von +unsern Schauspielern tun: seht, so waere mir es ebenso lieb gewesen, wenn +der Stadtschreier meine Verse gesagt haette. Auch durchsaegt mir mit eurer +Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles huebsch artig; denn +mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaften, muesst ihr noch einen Grad von Maessigung +beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt." + +Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich +so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben koenne. Wenn die, welche +es behaupten, zum Beweise anfuehren, dass ein Schauspieler ja wohl am +unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein koenne, als es die +Umstaende erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, dass +in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig +Verstand zeige. Ueberhaupt koemmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem +Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist +es wohl unstreitig, dass der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber +das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle +Stuecke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem +Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so muessten wir diesen Schein der +Wahrheit nicht bis zur aeussersten Illusion getrieben zu sehen wuenschen, +wenn es moeglich waere, dass der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem +Verstande anwenden koennte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein, +dessen Maessigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem +Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muss bloss jene Heftigkeit der +Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden, +warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Maessigung beobachtet +hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stuecken maessigen muesse. Es +gibt wenig Stimmen, die in ihrer aeussersten Anstrengung nicht widerwaertig +wuerden; und allzu schnelle, allzu stuermische Bewegungen werden selten +edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren +beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Aeusserung der heftigen +Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein +koennte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch +noch da von ihnen verlangt, wenn sie den hoechsten Eindruck machen und ihm +das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen. + +Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Kuensten +und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muss zwar die Schoenheit +ihr hoechstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie +ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten +Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muss sich das Wilde +eines Tempesta, das Freche eines Bernini oefters erlauben; es hat bei ihr +alle das Ausdrueckende, welches ihm eigentuemlich ist, ohne das +Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Kuensten durch den +permanenten Stand erhaelt. Nur muss sie nicht allzu lang darin verweilen; +nur muss sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmaehlich vorbereiten +und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des +Wohlanstaendigen aufloesen; nur muss sie ihm nie alle die Staerke geben, zu +der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar +eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verstaendlich +machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die +Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfaelscht +ueberliefern soll. + +Es koennte leicht sein, dass sich unsere Schauspieler bei der Maessigung, zu +der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in +Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden duerften.--Aber welches +Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein grosser Liebhaber des Laermenden +und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten +Haenden zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von +diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem +Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schlaefrigste rafft sich, gegen +das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal +die Stimme und ueberladet die Aktion, ohne zu ueberlegen, ob der Sinn +seiner Rede diese hoehere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten +widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was +tut das ihm? Genug, dass er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam +auf ihn zu sein, und wenn es die Guete haben will, ihm nachzuklatschen. +Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug, +teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen, +fuer die Tat. + +Ich getraue mich nicht, von der Aktion der uebrigen Schauspieler in diesem +Stuecke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemueht sein muessen, Fehler zu +bemaenteln, und das Mittelmaessige geltend zu machen: so kann auch der Beste +nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir +ihn auch den Verdruss, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten +lassen, so sind wir doch nicht aufgeraeumt genug, ihm alle die +Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet. + +Den Beschluss des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit", +ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Franzoesischen des Le Grand. +Es ist eines von den drei kleinen Stuecken, welche Le Grand unter +dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die +franzoesische Buehne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits +einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die laecherlichen Verliebten", +behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der +dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind +sehr laecherlich. Nur ist das Laecherliche von der Art, wie es sich mehr +fuer eine satirische Erzaehlung, als auf die Buehne schickt. Der Sieg der +Zeit ueber Schoenheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung +eines sechzigjaehrigen Gecks und einer ebenso alten Naerrin, dass die +Zeit nur ueber ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar +laecherlich; aber diesen Geck und diese Naerrin selbst zu sehen, ist +ekelhafter, als laecherlich. + + + +Sechstes Stueck +Den 19. Mai 1767 + +Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem grossen +Stuecke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem +Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen +Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefaellige +Miene des Scherzes zu geben. Womit koennte ich diese Blaetter besser +auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie. +Sie beduerfen keines Kommentars. Ich wuensche nur, dass manches darin nicht +in den Wind gesagt sei! + +Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der +Wuerde, und die andere mit alle der Waerme und Feinheit und einschmeichelnden +Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte. + +Prolog +(Gesprochen von Madame Loewen) + + Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel + Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel: + Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen, + Wie schoen, wie edel ist die Lust, sich so zu quaelen; + Wenn bald die suesse Traen', indem das Herz erweicht, + In Zaertlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht, + Bald die bestuermte Seel', in jeder Nerv' erschuettert, + Im Leiden Wollust fuehlt und mit Vergnuegen zittert! + O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt, + Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners waelzt, + Vergnuegend, wenn sie ruehrt, entzueckend, wenn sie schrecket, + Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket, + Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt, + Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert? + Die Fuersicht sendet sie mitleidig auf die Erde, + Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde; + Weiht sie, die Lehrerin der Koenige zu sein, + Mit Wuerde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein; + Heisst sie, mit ihrer Macht, durch Traenen zu ergoetzen, + Das stumpfeste Gefuehl der Menschenliebe wetzen; + Durch suesse Herzensangst, und angenehmes Graun + Die Bosheit baendigen und an den Seelen baun; + Wohltaetig fuer den Staat, den Wuetenden, den Wilden + Zum Menschen, Buerger, Freund und Patrioten bilden. + Gesetze staerken zwar der Staaten Sicherheit + Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit; + Doch deckt noch immer List den Boesen vor dem Richter, + Und Macht wird oft der Schutz erhabner Boesewichter. + Wer raecht die Unschuld dann? Weh dem gedrueckten Staat, + Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat! + Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen, + Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen, + Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit + Fuer eines Solons Geist den Geist der Drueckung leiht! + Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen, + Das Schwert der Majestaet aus ihren Haenden drehen: + Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls + Der Redlichkeit, den Fuss der Freiheit auf den Hals. + Laesst den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten, + Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten! + Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann, + Der schlaue Boesewicht, der blutige Tyrann, + Wenn der die Unschuld drueckt, wer wagt es, sie zu decken? + Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken. + Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?-- + Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geissel traegt, + Die unerschrockne Kunst, die allen Missgestalten + Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten; + Die das Geweb' enthuellt, worin sich List verspinnt, + Und den Tyrannen sagt, dass sie Tyrannen sind; + Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erbloedet, + Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fuersten redet; + Gekroente Moerder schreckt, den Ehrgeiz nuechtern macht, + Den Heuchler zuechtiget und Toren klueger lacht; + Sie, die zum Unterricht die Toten laesst erscheinen, + Die grosse Kunst, mit der wir lachen, oder weinen. + Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier; + In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier. + Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Traenen flossen, + Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen; + Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint + Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint: + Wie sie gehasst, geliebt, gehoffet und gescheuet + Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet. + Lang hat sie sich umsonst nach Buehnen umgesehn: + In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen! + Hier, in dem Schoss der Ruh', im Schutze weiser Goenner, + Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner; + Hier reifet--ja ich wuensch', ich hoff', ich weissag' es!-- + Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles, + Der Graeciens Kothurn Germanien erneute: + Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Goenner, wird der eure. + O seid desselben wert! Bleibt eurer Guete gleich, + Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch! + + + +Epilog +(Gesprochen von Madame Hensel) + + Seht hier! so standhaft stirbt der ueberzeugte Christ! + So lieblos hasset der, dem Irrtum nuetzlich ist, + Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache, + Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache. + Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt, + Wo Blindheit fuer Verdienst, und Furcht fuer Andacht galt. + So konnt' er sein Gespinst von Luegen mit den Blitzen + Der Majestaet, mit Gift, mit Meuchelmord beschuetzen. + Wo Ueberzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut: + Die Wahrheit ueberfuehrt, der Irrtum fodert Blut. + Verfolgen muss man die und mit dem Schwert bekehren, + Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren. + Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach + Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Moerder nach + Und muss mit seinem Schwert den, welchen Traeumer hassen, + Den Freund, den Maertyrer der Wahrheit wuergen lassen. + Abscheulichs Meisterstueck der Herrschsucht und der List, + Wofuer kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist! + O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst missbrauchen, + In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen, + Dich, die ihr Blutpanier oft ueber Leichen trug, + Dich, Greuel, zu verschmaehn, wer leiht mir einen Fluch! + Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme + Laut fuer die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme + Ein schuldlos Opfer ward und fuer die Wahrheit sank: + Habt Dank fuer dies Gefuehl, fuer jede Traene Dank! + Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes: + Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes! + Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind, + Zwar schwaechere vielleicht, doch immer Menschen sind. + Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Traenen, + Die sonst kein Vorwurf trifft, als dass sie anders waehnen! + Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu, + Nichts zur Verstellung zwingt, zu boeser Heuchelei; + Der fuer die Wahrheit glueht und, nie durch Furcht gezuegelt, + Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt. + Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert: + O wohl uns! haetten wir, was Cronegk schoen gelehrt, + Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben, + Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben! + Des Dichters Leben war schoen, wie sein Nachruhm ist; + Er war, und--o verzeiht die Traen'!--und starb, ein Christ. + Liess sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten, + Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten. + Versaget, hat euch itzt Sophronia geruehrt, + Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebuehrt, + Den Seufzer, dass er starb, den Dank fuer seine Lehre, + Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zaehre. + Uns aber, edle Freund', ermuntre Guetigkeit; + Und haetten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht. + Verzeihung mutiget zu edelerm Erkuehnen, + Und feiner Tadel lehrt das hoechste Lob verdienen. + Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind; + Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen, + Und--doch nur euch gebuehrt zu richten, uns zu schweigen. + + + + +Siebentes Stueck +Den 22. Mai 1767 + +Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner hoechsten Wuerde, indem er es +als das Supplement der Gesetze betrachten laesst. Es gibt Dinge in dem +sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren +Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbetraechtlich und in sich +selbst zu veraenderlich sind, als dass sie wert oder faehig waeren, unter der +eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere, +gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz faellt; die in ihren +Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren +Folgen so unermesslich sind, dass sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz +entgehen oder doch unmoeglich nach Verdienst geahndet werden koennen. Ich +will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des +Laecherlichen, die Komoedie; und auf die andern, als auf ausserordentliche +Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen +und das Herz in Tumult setzen, die Tragoedie einzuschraenken. Das Genie +lacht ueber alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch +unstreitig, dass das Schauspiel ueberhaupt seinen Vorwurf entweder +diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes waehlet und die +eigentlichen Gegenstaende desselben nur insofern behandelt, als sie sich +entweder in das Laecherliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche +verbreiten. + +Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil +der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von +dem Hrn. von Cronegk ein wenig unueberlegt, in einem Stuecke, dessen Stoff +aus den ungluecklichen Zeiten der Kreuzzuege genommen ist, die Toleranz +predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den +Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese +Kreuzzuege selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der +Paepste waren, wurden in ihrer Ausfuehrung die unmenschlichsten +Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig +gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die +wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben, +zur Strafe ziehen, koemmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das +rechtglaeubige Europa entvoelkerte, um das unglaeubige Asien zu verwuesten? +Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat, +das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und +Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein +Anlass dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr +natuerlich und dringend finden sollte. + +Uebrigens stimme ich mit Vergnuegen dem ruehrenden Lobe bei, welches der +Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich +bereden lassen, dass er mit mir ueber den poetischen Wert des kritisierten +Stueckes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen +gewesen, als man mich versichert, dass ich verschiedene von meinen Lesern +durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht haette. Wenn ihnen +bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken +lassen, missfaellt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen. +Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu +verleiden, den ungekuenstelter Witz, viel feine Empfindung und die +lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit +schaetzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muss, zu denen er +entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre +erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den +Verfassern der "Bibliothek der schoenen Wissenschaften" gekroenet, aber +wahrlich nicht als ein gutes Stueck, sondern als das beste von denen, die +damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die +ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so +bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel koemmt, doch noch ein +Hinkender. + +Eine Stelle in dem Epilog ist einer Missdeutung ausgesetzt gewesen, von +der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt: + + "Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt, + In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind." + +Quin, habe ich darwider erinnern hoeren, ist kein schlechter Schauspieler +gewesen.--Nein, gewiss nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die +Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson, +gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil fuer seine +Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil fuer sich: +man weiss, dass er in der Tragoedie mit vieler Wuerde gespielet; dass er +besonders der erhabenen Sprache des Milton Genuege zu leisten gewusst; dass +er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer groessten Vollkommenheit +gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das +Missverstaendnis liegt bloss darin, dass man annimmt, der Dichter habe diesem +allgemeinen und ausserordentlichen Schauspieler einen schlechten, und fuer +schlecht durchgaengig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier +einen von der gewoehnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht; +einen Mann, der ueberhaupt seine Sache so gut wegmacht, dass man mit ihm +zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich +spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu +Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte +ein guter Schauspieler heissen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der +Proteus in seiner Kunst zu sein, fuer den das einstimmige Geruecht schon +laengst den Garrick erklaeret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel, +den Koenig im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komoedie +waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick +anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick +der groesste Akteur? Er schien ja nicht ueber das Gespenst erschrocken, +sondern er war es. Was ist das fuer eine Kunst, ueber ein Gespenst zu +erschrecken? Gewiss und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen haetten, so +wuerden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der +andere hingegen, der Koenig, schien wohl auch etwas geruehrt zu sein, aber +als ein guter Akteur gab er sich doch alle moegliche Muehe, es zu +verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch +einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein +Aufhebens macht!" + +Bei den Englaendern hat jedes neue Stueck seinen Prolog und Epilog, den +entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu +die Alten den Prolog brauchten, den Zuhoerer von verschiedenen Dingen zu +unterrichten, die zu einem geschwindem Verstaendnisse der zum Grunde +liegenden Geschichte des Stueckes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar +nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei +darin zu sagen, was das Auditorium fuer den Dichter, oder fuer den von ihm +bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl ueber ihn als +ueber die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des +Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die +voellige Aufloesung des Stuecks, die in dem fuenften Akte nicht Raum hatte, +darin erzaehlen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von +Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen ueber die +geschilderten Sitten und ueber die Kunst, mit der sie geschildert worden; +und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton aendern +sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts +Ungewoehnliches, dass nach dem Blutigsten und Ruehrendsten die Satire ein so +lautes Gelaechter aufschlaegt und der Witz so mutwillig wird, dass es +scheinet, es sei die ausdrueckliche Absicht, mit allen Eindruecken des +Guten ein Gespoette zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider +diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert +hat. Wenn ich daher wuenschte, dass auch bei uns neue Origina1stuecke nicht +ganz ohne Einfuehrung und Empfehlung vor das Publikum gebracht wuerden, so +versteht es sich von selbst, dass bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs +unserm deutschen Ernste angemessener sein muesste. Nach dem Lustspiele +koennte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei +den Englaendern Meisterstuecke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt +mit dem groessten Vergnuegen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu +welchen er sie verfertiget, zum Teil laengst vergessen sind. Hamburg haette +einen deutschen Dryden in der Naehe; und ich brauche ihn nicht noch einmal +zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem +Salze zu wuerzen, so gut als der Englaender verstehen wuerde. + + +----Fussnote + +[1] Teil VI, S. 15. + +----Fussnote + + + + +Achtes Stueck +Den 26. Mai 1767 + +Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt. + +Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgefuehret. +Dieses Stueck des Nivelle de la Chaussee ist bekannt. Es ist von der +ruehrenden Gattung, der man den spoettischen Beinamen der Weinerlichen +gegeben. Wenn weinerlich heisst, was uns die Traenen nahe bringt, wobei wir +nicht uebel Lust haetten zu weinen, so sind verschiedene Stuecke von dieser +Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele +Stroeme von Traenen; und der gemeine Prass franzoesischer Trauerspiele +verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden. +Denn eben bringen sie es ungefaehr so weit, dass uns wird, als ob wir +haetten weinen koennen, wenn der Dichter seine Kunst besser +verstanden haette. + +"Melanide" ist kein Meisterstueck von dieser Gattung; aber man sieht es +doch immer mit Vergnuegen. Es hat sich selbst auf dem franzoesischen +Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der +Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt, +entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der +zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muss ich einen +Unbekannten, anstatt des de la Chaussee, um das beneiden, weswegen ich +wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wuenschte. + +Die Uebersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine +italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des +Diodati stehet. Ich muss es zum Troste des groessten Haufens unserer +Uebersetzer anfuehren, dass ihre italienischen Mitbrueder meistenteils noch +weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa uebersetzen, +erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich moechte wohl sagen, etwas +anders. Allzu puenktliche Treue macht jede Uebersetzung steif, weil +unmoeglich alles, was in der einen Sprache natuerlich ist, es auch in der +andern sein kann. Aber eine Uebersetzung aus Versen macht sie zugleich +waessrig und schielend. Denn wo ist der glueckliche Versifikateur, den nie +das Silbenmass, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas +staerker oder schwaecher, frueher oder spaeter, sagen liesse, als er es, frei +von diesem Zwange, wuerde gesagt haben? Wenn nun der Uebersetzer dieses +nicht zu unterscheiden weiss; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug +hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den +eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergaenzen oder +anzubringen: so wird er uns alle Nachlaessigkeiten seines Originals +ueberliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben, +welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der +Grundsprache fuer sie machen. + +Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer +neunjaehrigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den +Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und +ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Loewen +verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit +dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfaehigsten Gesichte von +der Welt das feinste, schnel1ste Gefuehl, die sicherste, waermste +Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wuenschen, +doch allezeit mit Anstand und Wuerde aeussert. In ihrer Deklamation +akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gaenzliche Mangel +intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu +koennen, weiss sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere +Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und +gar nichts wissen. Ich will mich erklaeren. Man weiss, was in der Musik das +Mouvement heisst; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder +Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist +durch das ganze Stueck einfoermig; in dem naemlichen Masse der Geschwindigkeit, +in welchem die ersten Takte gespielet worden, muessen sie alle, bis zu den +letzten, gespielet werden. Diese Einfoermigkeit ist in der Musik notwendig, +weil ein Stueck nur einerlei ausdruecken kann, und ohne dieselbe gar keine +Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen moeglich sein wuerde. Mit +der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von +mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stueck annehmen und die +Glieder als die Takte desselben betrachten, so muessen die Glieder, auch +alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Laenge waeren und aus der naemlichen +Anzahl von Silben des naemlichen Zeitmasses bestuenden, dennoch nie mit +einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht +auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Ruecksicht auf den in dem +ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein +koennen: so ist es der Natur gemaess, dass die Stimme die geringfuegigern +schnell herausstoesst, fluechtig und nachlaessig darueber hinschlupft; auf den +betraechtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort, +und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzaehlet. Die Grade dieser +Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine +kuenstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen, +so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden, +sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem +durchdrungenen Herzen und nicht bloss aus einem fertigen Gedaechtnisse +fliesset. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses bestaendig abwechselnde +Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abaenderungen des +Tones, nicht bloss in Ansehung der Hoehe und Tiefe, der Staerke und +Schwaeche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und +Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen +damit verbunden: so entstehet jene natuerliche Musik, gegen die sich +unfehlbar unser Herz eroeffnet, weil es empfindet, dass sie aus dem Herzen +entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die +Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die +Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu +vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente +auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleissiget, noch hinzufueget, +bloss dadurch seiner Deklamation eine hoehere Vollkommenheit zu geben +imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich +urteile bloss so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in +welchen sich das Ruehrende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in +dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort. + +Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches +Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe", +aufgefuehret. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt, +dass bereits zwei andere Stuecke von ihm den Beifall des dortigen Publikums +erhalten haetten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwaertigen zu +urteilen, muessen sie nicht ganz schlecht sein. + +Die Hauptzuege der Fabel und der groesste Teil der Situationen sind aus der +"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wuenschte, dass Herr Heufeld, +ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den +"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert +haette. Er wuerde mit einer sicherern Einsicht in die Schoenheiten seines +Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stuecken gluecklicher +gewesen sein. + +Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr +gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung +faehig. Die Situationen sind alltaeglich oder unnatuerlich, und die wenig +guten so weit voneinander entfernt, dass sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in +den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzuegen nicht zwingen lassen. +Die Geschichte konnte sich auf der Buehne unmoeglich so schliessen, wie sie +sich in dem Romane nicht sowohl schliesst, als verlieret. Der Liebhaber +der Julie musste hier gluecklich werden, und Herr Heufeld laesst ihn +gluecklich werden. Er bekoemmt seine Schuelerin. Aber hat Herr Heufeld auch +ueberlegt, dass seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist? +Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst +eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist +nichts als eine kleine verliebte Naerrin, die manchmal artig genug +schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schoene Stelle im Rousseau +besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwaehnet +habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein +schwaches und sogar etwas verfuehrerisches Maedchen und wird zuletzt ein +Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals +erdichtet hat, weit uebertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren +Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie +ueber ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stuecke +nichts zu hoeren und zu sehen ist: was bleibt von ihr uebrig, als, wie +gesagt, das schwache verfuehrerische Maedchen, das Tugend und Weisheit auf +der Zunge, und Torheit im Herzen hat? + +Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft. +Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich +wuenschte, dass unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten +ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der grossen Welt aufmerksamer sein +wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte +Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angefuehrte Kunstrichter, "den +Philosophen. Den Philosophen! Ich moechte wissen, was der junge Mensch in +der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst? +In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all- +gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt +und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er +abenteuerlich, schwuelstig, ausgelassen, und in seinem uebrigen Tun und +Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Ueberlegung. Er setzet das +stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen +genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schuelerin oder von +seinem Freunde an der Hand gefuehret zu werden."--Aber wie tief ist der +deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux! + + +----Fussnote + +[1] Teil X, S. 255 u. f. + +----Fussnote + + + + +Neuntes Stueck +Den 29. Mai 1767 + +In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen +aufgeklaerten Verstand zu zeigen und die taetige Rolle des rechtschaffenen +Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komoedie ist weiter nichts, als +ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend +macht und sich sehr beleidiget findet, dass man seinem zaertlichen Herzchen +nicht durchgaengig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze +Wirksamkeit laeuft auf ein paar maechtige Torheiten heraus. Das Buerschchen +will sich schlagen und erstechen. + +Der Verfasser hat es selbst empfunden, dass sein Siegmund nicht in +genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch +vorzubeugen, wenn er zu erwaegen gibt: "dass ein Mensch seinesgleichen, in +einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein Koenig, dem alle +Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, grosse Handlungen verrichten +koenne. Man muesse zum voraus annehmen, dass er ein rechtschaffener Mann +sei, wie er beschrieben werde; und genug, dass Julie, ihre Mutter, +Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafuer erkannt haetten." + +Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den +Charakter anderer kein beleidigendes Misstrauen setzt; wenn man dem +Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben +beimisst. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der +Billigkeit abspeisen? Gewiss nicht; ob er sich schon sein Geschaeft dadurch +sehr leicht machen koennte. Wir wollen es auf der Buehne sehen, wer die +Menschen sind, und koennen es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir +ihnen, bloss auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmoeglich fuer sie +interessieren; es laesst uns voellig gleichgueltig, und wenn wir nie die +geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine ueble +Rueckwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und +allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, dass wir deswegen, weil Julie, +ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund fuer den vortrefflichsten, +vollkommensten jungen Menschen erklaeren, ihn auch dafuer zu erkennen +bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller +dieser Personen ein Misstrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen +Augen etwas sehen, was ihre guenstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr, +in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel grosse +Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn grosse? Auch in den +kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das +meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schaetzung, die +groessten. Wie traf es sich denn indes, dass vierundzwanzig Stunden Zeit +genug waren, dem Siegmund zu den zwei aeussersten Narrheiten Gelegenheit zu +schaffen, die einem Menschen in seinen Umstaenden nur immer einfallen +koennen? Die Gelegenheiten sind auch darnach; koennte der Verfasser +antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie moechten aber noch so +natuerlich herbeigefuehret, noch so fein behandelt sein: so wuerden darum +die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre +ueble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stuermischen Scheinweisen +nicht verlieren. Dass er schlecht handele, sehen wir: dass er gut handeln +koenne, hoeren wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den +allgemeinsten schwankendsten Ausdruecken. + +Die Haerte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen +andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewaehlet hatte, +wird beim Rousseau nur kaum beruehrt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine +ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas +wagt. Er laesst den Vater die Tochter zu Boden stossen. Ich war um die +Ausfuehrung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler +hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der +Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der +Wahrheit so wenig Abbruch, dass ich mir gestehen musste, diesen Akteurs +koenne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, dass, +wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut +zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, dass dieses unterlassen worden. Die +Pantomime muss nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in +solchen Faellen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber +das Auge muss es nicht wirklich sehen. + +Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stueckes. Sie +gehoert dem Rousseau. Ich weiss selbst nicht, welcher Unwille sich in die +Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter +fussfaellig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kraenket uns, +denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte +uebertragen hat. Dem Rousseau muss man diesen ausserordentlichen Hebel +verzeihen; die Masse ist zu gross, die er in Bewegung setzen soll. Da +keine Gruende bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung +ist, dass es sich durch die aeusserste Strenge in seinem Entschlusse nur +noch mehr befestigen wuerde: so konnte sie nur durch die ploetzliche +Ueberraschung der unerwartetsten Begegnung erschuettert, und in einer Art +von Betaeubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter, +verfuehrerische Zaertlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau +kein Mittel sahe, der Natur diese Veraenderung abzugewinnen, so musste er +sich entschliessen, ihr sie abzunoetigen, oder, wenn man will, abzustehlen. +Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, dass +sie den inbruenstigsten Liebhaber dem kaeltesten Ehemanne aufgeopfert habe. +Aber da diese Aufopferung in der Komoedie nicht erfolget; da es nicht die +Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: haette Herr Heufeld +die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloss das +Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewoehnliche +derselben vor dem Vorwurfe des Unnatuerlichen in Sicherheit setzen +wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan haette, +so wuerden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so +recht in das Ganze passen will, doch sehr kraeftig ist; er wuerde uns ein +hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht +eigentlich weiss, wo es herkoemmt, das aber eine treffliche Wirkung tut. +Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausfuehrte, die Aktion, mit der er +einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter +beschwor, waeren es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu +begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei +Zergliederung des Planes, merklich wird. + +Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des +Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen +Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er +ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wussten ihre Rollen mit der +Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn +ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam +und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten, +die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel +besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen muessen Schlag auf +Schlag gesagt werden, und der Zuhoerer muss keinen Augenblick Zeit haben, +zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine +Frauenzimmer in diesem Stuecke; das einzige, welches noch anzubringen +gewesen waere, wuerde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber +keines, als so eines. Sonst moechte ich es niemanden raten, sich dieser +Besondernheit zu befleissigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider +Geschlechter gewoehnet, als dass wir bei gaenzlicher Vermissung des reizendern +nicht etwas Leeres empfinden sollten. + +Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen +Destouches, das naemliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Buehne +gebracht. Sie haben beide grosse Stuecke von fuenf Aufzuegen daraus gemacht +und sind daher genoetiget gewesen, den Plan des Roemers mit eignen +Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heisst "Die Mitgift" und wird vom +Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von +den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches +fuehrt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im +Jahre 1745, auf der italienischen Buehne zu Paris, und auch dieses einzige +Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgefuehret. Es fand keinen Beifall, und ist +erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre spaeter, +als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht +der erste Erfinder dieses so gluecklichen, und von mehrern mit so vieler +Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es +eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder +zurueckgefuehret worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in +Benennung seiner Stuecke; und meistenteils nahm er sie von dem aller- +unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den +Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling fuer seine Muehe bekam. + + + + +Zehntes Stueck +Den 2. Juni 1767 + +Das Stueck des fuenften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das +unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches. + +Wenn wir die Annales des franzoesischen Theaters nachschlagen, so finden +wir, dass die lustigsten Stuecke dieses Verfassers gerade den +allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwaertige, noch "Der +verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der +poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in +ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgefuehret worden. Es beruhet sehr viel auf +dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankuendiget, oder in welchem er +seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er +eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu +entfernen; und wenn er es tut, duenket man sich berechtiget, darueber zu +stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas +Schlechters zu finden, sobald man nicht das naemliche findet. Destouches +hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in +seinem "Verschwender" Muster eines feinern, hoehern Komischen gegeben, als +man vom Moliere, selbst in seinen ernsthaftesten Stuecken, gewohnt war. +Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu +seiner eigentuemlichen Sphaere; was bei dem Poeten vielleicht nichts als +zufaellige Wahl war, erklaerten sie fuer vorzueglichen Hang und herrschende +Faehigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen +nicht zu koennen: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern +aehnlicher, als dass sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren liessen, +ehe sie ihr voreiliges Urteil aenderten? Ich will damit nicht sagen, dass +das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molierischen von einerlei Guete +sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin +zu spueren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den +behaglichen Narren, wie sie aus den Haenden der Natur kommen, sondern +mehrenteils von der hoelzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und +mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie ueberladet; sein +Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als laecherlich. Aber +demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen +Stuecke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein +verzaertelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus +Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen +Rang unter den komischen Dichtern versichern koennten. + +Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue +Agnese". + +Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Sproede; aber +insgeheim war sie die gefaellige, feurige Freundin eines gewissen Bernard. +"Wie gluecklich, o wie gluecklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst +in der Entzueckung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf +fragte das liebe einfaeltige Maedchen: "Aber Mama, wer ist denn der +Bernard, der die Leute gluecklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten, +fasste sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich +mir kuerzlich gewaehlt habe; einer von den groessten im Paradiese." Nicht +lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute +Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnuegen; Mama bekoemmt Verdacht; +Mama beschleicht das glueckliche Paar; und da bekoemmt Mama von dem +Toechterchen ebenso schoene Seufzer zu hoeren, als das Toechterchen juengst +von Mama gehoert hatte. Die Mutter ergrimmt, ueberfaellt sie, tobt. "Nun, +was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Maedchen. "Sie haben sich +den h. Bernard gewaehlt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum +nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Maerchen, mit welchen das +weise Alter des goettlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart +fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein +muss. Er sahe nichts Anstoessiges darin, als die Namen der Heiligen, und +diesem Anstosse wusste er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine +platonische Weise, eine Anhaengerin der Lehre des Gabalis; und der h. +Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt +eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann +auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und +Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen +Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen naeherzubringen +gesucht; man hat sich aller Anstaendigkeit beflissen; das liebe Maedchen +ist von der reizendsten, verehrungswuerdigsten Unschuld; und durch das +Ganze sind eine Menge gute komische Einfaelle verstreuet, die zum Teil dem +deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veraenderungen +selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht naeher einlassen; aber +Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wuenschten, dass +er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten haette.--Die Rolle der +Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine +vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung +verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles koemmt ihr hier zustatten; +und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles +von selbst spielet: so muss man ihr doch auch eine Menge Feinheiten +zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht +weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf. + +Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des +Hrn. von Voltaire aufgefuehret. + +Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die franzoesische Buehne +gebracht, erhielt grossen Beifall und macht in der Geschichte dieser Buehne +gewissermassen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und +"Alzire", seinen "Brutus" und "Caesar" geliefert hatte, ward er in der +Meinung bestaerkt, dass die tragischen Dichter seiner Nation die alten +Griechen in vielen Stuecken weit uebertraefen. "Von uns Franzosen", sagt er, +"haetten die Griechen eine geschicktere Exposition und die grosse Kunst, +die Auftritte untereinander so zu verbinden, dass die Szene niemals leer +bleibt und keine Person weder ohne Ursache koemmt noch abgehet, lernen +koennen. Von uns", sagt er, "haetten sie lernen koennen, wie Nebenbuhler und +Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der +Dichter mit einer Menge erhabner, glaenzender Gedanken blenden und in +Erstaunen setzen muesse. Von uns haetten sie lernen koennen"--O freilich; +was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da moechte zwar +ein Auslaender, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demuetig um +Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu duerfen. Er moechte vielleicht +einwenden, dass alle diese Vorzuege der Franzosen auf das Wesentliche des +Trauerspiels eben keinen grossen Einfluss haetten; dass es Schoenheiten waeren, +welche die einfaeltige Groesse der Alten verachtet habe. Doch was hilft es, +dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein +einziges vermisste er bei seiner Buehne; dass die grossen Meisterstuecke +derselben nicht mit der Pracht aufgefuehret wuerden, deren doch die +Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewuerdiget +haetten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von +dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das +stehende Volk draengt und stoesst, beleidigte ihn mit Recht; und besonders +beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Buehne zu +dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren +notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war ueberzeugt, dass bloss +dieser Uebe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem +freiern, zu Handlungen bequemern und praechtigern Theater, ohne Zweifel +gewagt haette. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine +"Semiramis". Eine Koenigin, welche die Staende ihres Reichs versammelt, um +ihnen ihre Vermaehlung zu eroeffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft +steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Moerder zu raechen; +diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder +herauszukommen: das alles war in der Tat fuer die Franzosen etwas ganz +Neues. Es macht so viel Laermen auf der Buehne, es erfordert so viel Pomp +und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter +glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und +ob er es schon nicht fuer die franzoesische Buehne, so wie sie war, sondern +so wie er sie wuenschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben, +vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefaehr spielen liess. Bei der +ersten Vorstellung sassen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich +haette wohl ein altvaetrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel moegen +erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser +Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Buehne frei; +und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so ausserordentlichen +Stueckes, war, ist nach der Zeit die bestaendige Einrichtung geworden. Aber +vornehmlich nur fuer die Buehne in Paris; fuer die, wie gesagt, "Semiramis" +in diesem Stuecke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch haeufig +bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte +entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu koennen. + + + + +Eilftes Stueck +Den 5. Junius 1767 + +Die Erscheinung eines Geistes war in einem franzoesischen Trauerspiele +eine so kuehne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie +mit so eignen Gruenden, dass es sich der Muehe lohnet, einen Augenblick +dabei zu verweilen. + +"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire, +"dass man an Gespenster nicht mehr glaube und dass die Erscheinung der +Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch +sein koenne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum haette diese +Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergoennt sein, sich nach dem +Altertume zu richten? Wie? unsere Religion haette dergleichen +ausserordentliche Fuegungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte +laecherlich sein, sie zu erneuern?" + +Diese Ausrufungen, duenkt mich, sind rhetorischer, als gruendlich. Vor +allen Dingen wuenschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In +Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gruende, aus ihr genommen, recht +gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht +tauglich, ihn zu ueberzeugen. Die Religion, als Religion, muss hier nichts +entscheiden sollen; nur als eine Art von Ueberlieferung des Altertums, +gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des +Altertums gelten. Und sonach haetten wir es auch hier nur mit dem +Altertume zu tun. + +Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen +Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn +wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgefuehret finden, so waere +es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozess zu machen. +Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende +dramatische Dichter die naemliche Befugnis? Gewiss nicht.--Aber wenn er +seine Geschichte in jene leichtglaeubigere Zeiten zuruecklegt? Auch alsdenn +nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er +erzaehlt nicht, was man ehedem geglaubt, dass es geschehen, sondern er laesst +es vor unsern Augen nochmals geschehen; und laesst es nochmals geschehen, +nicht der blossen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz +andern und hoehern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck, +sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns taeuschen, und durch +die Taeuschung ruehren. Wenn es also wahr ist, dass wir itzt keine +Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Taeuschung notwendig +verhindern muesste; wenn ohne Taeuschung wir unmoeglich sympathisieren +koennen: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn +er uns demohngeachtet solche unglaubliche Maerchen ausstaffieret; alle +Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren. + +Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und +Erscheinungen auf die Buehne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des +Schrecklichen und Pathetischen fuer uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust +waere fuer die Poesie zu gross; und hat sie nicht Beispiele fuer sich, wo das +Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten +Vernunft sehr spoettisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fuerchterlich +zu machen weiss? Die Folge muss daher anders fallen; und die Voraussetzung +wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? +Oder vielmehr, was heisst das? Heisst es so viel: wir sind endlich in +unsern Einsichten so weit gekommen, dass wir die Unmoeglichkeit davon +erweisen koennen; gewisse unumstoessliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an +Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind +auch dem gemeinsten Manne immer und bestaendig so gegenwaertig, dass ihm +alles, was damit streitet, notwendig laecherlich und abgeschmackt +vorkommen muss? Das kann es nicht heissen. Wir glauben itzt keine +Gespenster, kann also nur so viel heissen: in dieser Sache, ueber die sich +fast ebensoviel dafuer als darwider sagen laesst, die nicht entschieden ist +und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwaertig herrschende Art zu +denken den Gruenden darwider das Uebergewicht gegeben; einige wenige haben +diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen +das Geschrei und geben den Ton; der groesste Haufe schweigt und verhaelt +sich gleichgueltig und denkt bald so, bald anders, hoert beim hellen Tage +mit Vergnuegen ueber die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit +Grausen davon erzaehlen. + +Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den +dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu +machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am +haeufigsten, fuer die er vornehmlich dichtet. Es koemmt nur auf seine Kunst +an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den +Gruenden fuer ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu +geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so moegen wir in gemeinem Leben +glauben, was wir wollen; im Theater muessen wir glauben, was Er will. + +So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein. +Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie +moegen ein glaeubiges oder unglaeubiges Gehirn bedecken. Der Herr von +Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es +macht ihn und seinen Geist des Ninus--laecherlich. + +Shakespeares Gespenst koemmt wirklich aus jener Welt; so duenkt uns. Denn +es koemmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht, +in der vollen Begleitung aller der duestern, geheimnisvollen Nebenbegriffe, +wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu +denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum +Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der blosse verkleidete +Komoediant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich +machen koennte, er waere das, wofuer er sich ausgibt; alle Umstaende +vielmehr, unter welchen er erscheinet, stoeren den Betrug und verraten +das Geschoepf eines kalten Dichters, der uns gern taeuschen und schrecken +moechte, ohne dass er weiss, wie er es anfangen soll. Man ueberlege auch nur +dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Staende des +Reichs, von einem Donnerschlage angekuendiget, tritt das Voltairische +Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehoert, dass +Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau haette ihm nicht sagen koennen, +dass die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und grosse Gesellschaften gar +nicht gern besuchten? Doch Voltaire wusste zuverlaessig das auch; aber er +war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstaende zu nutzen; er wollte +uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art +sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich +Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten +unter den Gespenstern sind, duenket mich kein rechtes Gespenst zu sein; +und alles, was die Illusion hier nicht befoerdert, stoeret die Illusion. + +Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen haette, so +wuerde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden +haben, ein Gespenst vor den Augen einer grossen Menge erscheinen zu +lassen. Alle muessen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und +Entsetzen aeussern; alle muessen es auf verschiedene Art aeussern, wenn der +Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun +richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie +auf das gluecklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser +vielfache Ausdruck des naemlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und +von den Hauptpersonen abziehen muss. Wenn diese den rechten Eindruck auf +uns machen sollen, so muessen wir sie nicht allein sehen koennen, sondern +es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare +ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einlaesst; in der +Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch +gehoert. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale +eines von Schauder und Schrecken zerruetteten Gemuets wir an ihm entdecken, +desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerruettung +in ihm verursacht, fuer eben das zu halten, wofuer er sie haelt. Das +Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der +Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns ueber, und die Wirkung ist +zu augenscheinlich und zu stark, als dass wir an der ausserordentlichen +Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff +verstanden! Es erschrecken ueber seinen Geist viele; aber nicht viel. +Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht +mehr Umstaende mit ihm, als man ohngefaehr mit einem weit entfernt +geglaubten Freunde machen wuerde, der auf einmal ins Zimmer tritt. + + + + +Zwoelftes Stueck +Den 9. Junius 1767 + +Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des +englischen und franzoesischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist +nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es +interessiert uns fuer sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares +Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen +Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid. + +Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen +Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern ueberhaupt. Voltaire +betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare +als eine ganz natuerliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer +denkt, duerfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der +Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem +Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen faehig ist, mit welchem wir +also Mitleiden haben koennen, in keine Betrachtung. Er wollte bloss damit +lehren, dass die hoechste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu +bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen +Gesetzen mache. + +Ich will nicht sagen, dass es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter +seine Fabel so einrichtet, dass sie zur Erlaeuterung oder Bestaetigung +irgendeiner grossen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen, +dass diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; dass +sehr lehrreiche vollkommene Stuecke geben kann, die auf keine solche +einzelne Maxime abzwecken; dass man unrecht tut, den letzten Sittenspruch, +den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so +anzusehen, als ob das Ganze bloss um seinetwillen da waere. + +Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst +haette, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, dass man naemlich +daraus die hoechste Gerechtigkeit verehren lerne, die, ausserordentliche +Lastertaten zu strafen, ausserordentliche Wege waehle: so wuerde "Semiramis" +in meinen Augen nur ein sehr mittelmaessiges Stueck sein. Besonders da diese +Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem +weisesten Wesen weit anstaendiger, wenn es dieser ausserordentlichen Wege +nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Boesen in die +ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken. + +Doch ich will mich bei dem Stuecke nicht laenger verweilen, um noch ein +Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgefuehret worden. Man hat alle +Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Buehne ist geraeumlich genug, die +Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in +verschiedenen Szenen auftreten laesst. Die Verzierungen sind neu, von dem +besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als +moeglich in einen. + +Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, gespielet. + +Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die franzoesische Buehne und +fand so allgemeinen Beifall, dass es in Jahr und Tag sechsunddreissigmal +aufgefuehret ward. Die deutsche Uebersetzung ist nicht die prosaische aus +den zu Berlin uebersetzten saemtlichen Werken des Destouches; sondern eine +in Versen, an der mehrere Haende geflickt und gebessert haben. Sie hat +wirklich viel glueckliche Verse, aber auch viel harte und unnatuerliche +Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem +Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig franzoesische +Stuecke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser +ausgefallen waeren, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das +schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Loewen die launigte +Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront +unverbesserlich. Ich kann es ueberhoben sein, von dem Stuecke selbst zu +reden. Es ist zu bekannt und gehoert unstreitig unter die Meisterstuecke +der franzoesischen Buehne, die man auch unter uns immer mit Vergnuegen +sehen wird. + +Das Stueck des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus, +oder Die Schottlaenderin" des Hrn. von Voltaire. + +Es liesse sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein +Verfasser schickte es als eine Uebersetzung aus dem Englischen des Hume, +nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern +dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht +hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke" +des Goldoni etwas Aehnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni +das Urbild des Frelon gewesen zu sein. Was aber dort bloss ein boesartiger +Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frelon nannte, +damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den +Journalisten Freron, fallen moechten. Diesen wollte er damit zu Boden +schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich +versetzt. Wir Auslaender, die wir an den haemischen Neckereien der +franzoesischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen ueber die +Persoenlichkeiten dieses Stuecks weg und finden in dem Frelon nichts als +die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht +fremd ist. Wir haben unsere Frelons so gut, wie die Franzosen und +Englaender, nur dass sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere +Literatur ueberhaupt gleichgueltiger ist. Fiele das Treffende dieses +Charakters aber auch gaenzlich in Deutschland weg, so hat das Stueck doch, +noch ausser ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein koennte +es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmuetigkeit, und +die Englaender selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden. + +Denn nur seinetwegen haben sie erst kuerzlich den ganzen Stamm auf den +Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein ruehmte. +Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die +"Schottlaenderin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", uebersetzt +und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem +Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen +Sitten auch kennen will, so hatte er doch haeufig dagegen verstossen; z.E. +darin, dass er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen laesst. Colman +mietet sie dafuer bei einer ehrlichen Frau ein, die moeblierte Zimmer haelt, +und diese Frau ist weit anstaendiger die Freundin und Wohltaeterin der +jungen verlassenen Schoene, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman +fuer den englischen Geschmack kraeftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist +nicht bloss eine eifersuechtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie, +von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer +Schutzgoettin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung +wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frelon stehet, +den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphaere von +Taetigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso +eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Franzoesischen der Lord +Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und +er ist es allein, der alles zu einem gluecklichen Ende bringet. + +Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen +durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere +sehr wohl ausgefuehrt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans uebrige +Stuecke weit vor, von welchen man "Die eifersuechtige Ehefrau" auf dem +Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die +sich ihrer erinnern, ungefaehr urteilen koennen. "Der englische Kaufmann" +hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug +darin genaehret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar. +Hiernaechst hat er ihnen zuviel Aehnlichkeit mit andern Stuecken, und den +besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, haette nicht +den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden muessen; seine +gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw. + +Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegruendet; indes sind wir +Deutschen es sehr wohl zufrieden, dass die Handlung nicht reicher und +verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und +ermuedet uns; wir lieben einen einfaeltigen Plan, der sich auf einmal +uebersehen laesst. So wie die Englaender die franzoesischen Stuecke mit +Episoden erst vollpfropfen muessen, wenn sie auf ihrer Buehne gefallen +sollen; so muessten wir die englischen Stuecke von ihren Episoden erst +entladen, wenn wir unsere Buehne gluecklich damit bereichern wollten. Ihre +besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley wuerden uns, ohne diesen +Ausbau des allzu wolluestigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren +Tragoedien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem +so verworren nicht, als ihre Komoedien, und verschiedene haben, ohne die +geringste Veraenderung, bei uns Glueck gemacht, welches ich von keiner +einzigen ihrer Komoedien zu sagen wuesste. + +Auch die Italiener haben eine Uebersetzung von der "Schottlaenderin", die +in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie +folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine +Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte, +Frelon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so +verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu +schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener duenkte +diese Entschuldigung nicht hinlaenglich, und er ergaenzte die Bestrafung +des Frelons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind grosse Liebhaber der +poetischen Gerechtigkeit. + + + + +Dreizehntes Stueck +Den 12. Junius 1767 + +Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden. +Es wurden aber auf einmal mehr als die Haelfte der Schauspieler durch +einen epidemischen Zufall ausserstand gesetzet, zu agieren; und man musste +sich so gut zu helfen suchen, als moeglich. Man wiederholte "Die neue +Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante". + +Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische +Dorfjunker", vom Destouches, aufgefuehrt. + +Dieses Stueck hat im Franzoesischen drei Aufzuege, und in der Uebersetzung +fuenfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche +Schaubuehne" des weiland beruehmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen +zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Uebersetzerin, war eine viel +zu brave Ehefrau, als dass sie sich nicht den kritischen Ausspruechen ihres +Gemahls blindlings haette unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch +fuer grosse Muehe, aus drei Aufzuegen fuenfe zu machen? Man laesst in einem +andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlaegt einen Spaziergang im +Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der +Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie +ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was +hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Uebersetzung +selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin +die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie +ueberall ebenso gluecklich gewesen, wo sie den Einfaellen ihres Originals +eine andere Wendung geben zu muessen geglaubt, wuerde sich aus der +Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe +Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen +hoeren. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, laesst +Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen, +Mademoiselle; ich habe Sie fuer eine Virtuosin gehalten." "O pfui!" +erwidert Henriette; "wofuer haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches +Maedchen; dass Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", faellt ihr Masuren +ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Maedchen und eine Virtuosin, +sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, dass man das nicht zugleich +sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched +anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte +man, dass sie das tat. Sie fuehlte sich auch so etwas von einer Virtuosin +zu sein, und ward ueber den vermeinten Stich boese. Aber sie haette nicht +boese werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der +Person einer dummen Agnese, sagt, haette die Frau Professorin immer, ohne +Maulspitzen, nachsagen koennen. Doch vielleicht war ihr nur das fremde +Wort Virtuosin anstoessig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern +Schoenen fuenfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und +verstaendlich uebersetzen; sie hatte sehr recht. + +Den Beschluss dieses Abends machte "Die stumme Schoenheit", von Schlegeln. + +Schlegel hatte dieses kleine Stueck fuer das neuerrichtete Kopenhagensche +Theater geschrieben, um auf demselben in einer daenischen Uebersetzung +aufgefuehret zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich +daenischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes +komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte ueberall +eine ebenso fliessende als zierliche Versifikation, und es war ein Glueck +fuer seine Nachfolger, dass er seine groessern Komoedien nicht auch in Versen +schrieb. Er haette ihnen leicht das Publikum verwoehnen koennen, und so +wuerden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider +sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komoedie sehr +lebhaft angenommen; und je gluecklicher er die Schwierigkeiten derselben +ueberstiegen haette, desto unwiderleglicher wuerden seine Gruende geschienen +haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel, +wie unsaegliche Muehe es koste, nur einen Teil derselben zu uebersteigen, +und wie wenig das Vergnuegen, welches aus diesen ueberstiegenen +Schwierigkeiten entstehet, fuer die Menge kleiner Schoenheiten, die man +ihnen aufopfern muesse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so +ekel, dass man ihnen die prosaischen Stuecke des Moliere, nach seinem Tode, +in Verse bringen musste; und noch itzt hoeren sie ein prosaisches Lustspiel +als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen koenne. Den Englaender +hingegen wuerde eine gereimte Komoedie aus dem Theater jagen. Nur die +Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgueltiger? +Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was waere es auch, wenn sie +itzt schon waehlen und ausmustern wollten? + +Die Rolle der stummen Schoene hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme +Schoene, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin +hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels +stumme Schoenheit ist allerdings dumm zugleich; denn dass sie nichts +spricht, koemmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei wuerde also +dieses sein, dass man sie ueberall, wo sie, um artig zu scheinen, denken +muesste, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten liesse, die +bloss mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben koennte. Ihr +Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht baeurisch zu sein; sie +koennen so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren +kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben, +da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muss Quadrille nicht schlecht +spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen. +Auch ihre Kleidung muss weder altvaetrisch, noch schlumpicht sein; denn +Frau Praatgern sagt ausdruecklich: + + "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Lass doch sehn! + Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant. + Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?" + +In dieser Musterung der Fr. Praatgern ueberhaupt hat der Dichter deutlich +genug bemerkt, wie er das Aeusserliche seiner stummen Schoene zu sein wuensche. +Gleichfalls schoen, nur nicht reizend. + + "Lass sehn, wie traegst du dich?--Den Kopf nicht so zuruecke!" + +Dummheit ohne Erziehung haelt den Kopf mehr vorwaerts, als zurueck; ihn +zurueckhalten, lehrt der Tanzmeister; man muss also Charlotten den +Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer +Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren +gerade die, welche der stummen Schoenheit am meisten entsprechen; sie +zeigen die Schoenheit in ihrem besten Vorteile, nur dass sie ihr das +Leben nehmen. + + "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke." + +Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit grossen schoenen Augen zu +dieser Rolle hat. Nur muessen sich diese schoene Augen wenig oder gar nicht +regen; ihre Blicke muessen langsam und stier sein; sie muessen uns mit +ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber +nichts sagen. + + "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich! + Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich." + +Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine baeurische +Neige, einen dummen Knicks machen laesst. Ihre Verbeugung muss wohl gelernt +sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau +Praatgern muss sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte +verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das +ist der ganze Unterschied, und Madame Loewen bemerkte ihn sehr wohl, ob +ich gleich nicht glaube, dass die Praatgern sonst eine Rolle fuer sie ist. +Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern +wollen nichtswuerdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer +Tochter ist, durchaus nicht lassen. + +Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miss Sara Sampson" +aufgefuehret. + +Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in +der Rolle der Sara leistet, und das Stueck ward ueberhaupt sehr gut +gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkuerzt es daher auf den +meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkuerzungen so recht +zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiss ja, wie die Autores sind; +wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie +gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der uebermaessigen Laenge eines +Stuecks durch das blosse Weglassen nur uebel abgeholfen, und ich begreife +nicht, wie man eine Szene verkuerzen kann, ohne die ganze Folge des +Dialogs zu aendern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkuerzungen nicht +anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Muehe wert duenket +und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf +ewig die Hand von ihnen abziehen. + +Madame Henseln starb ungemein anstaendig; in der malerischsten Stellung; +und besonders hat mich ein Zug ausserordentlich ueberrascht. Es ist eine +Bemerkung an Sterbenden, dass sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder +Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die +gluecklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich, +aeusserte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes, +ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward +und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verloeschenden +Lichts; der juengste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit +in meiner Beschreibung nicht schoen findet, der schiebe die Schuld auf +meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal! + + + + +Vierzehntes Stueck +Den 16. Junius 1767 + +Das buergerliche Trauerspiel hat an dem franzoesischen Kunstrichter, +welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr +gruendlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten +etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben. + +Die Namen von Fuersten und Helden koennen einem Stuecke Pomp und Majestaet +geben; aber zur Ruehrung tragen sie nichts bei. Das Unglueck derjenigen, +deren Umstaende den unsrigen am naechsten kommen, muss natuerlicherweise am +tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Koenigen Mitleiden +haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit +Koenigen. Macht ihr Stand schon oefters ihre Unfaelle wichtiger, so macht er +sie darum nicht interessanter. Immerhin moegen ganze Voelker darein +verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand, +und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff fuer unsere Empfindungen. + +"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man +verkennst die Natur, wenn man glaubt, dass sie Titel beduerfe, uns zu +bewegen und zu ruehren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters, +des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen +ueberhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte +immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname, +die Geburt des Ungluecklichen ist, den seine Gefaelligkeit gegen unwuerdige +Freunde und das verfuehrerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen +Wohlstand und seine Ehre darueber zugrunde gerichtet, und nun im +Gefaengnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er +ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist +er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt +wird, schmachtet in der aeussersten Beduerfnis und kann ihren Kindern, +welche Brot verlangen, nichts als Traenen geben. Man zeige mir in der +Geschichte der Helden eine ruehrendere, moralischere, mit einem Worte, +tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglueckliche +vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfaehrt, dass der Himmel +ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und +fuerchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes +marternde Vorstellungen, wie gluecklich er habe leben koennen, gesellen; +was fehlt ihm, frage ich, um der Tragoedie wuerdig zu sein? Das Wunderbare, +wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare +genugsam in dem ploetzlichen Uebergange von der Ehre zur Schande, von der +Unschuld zum Verbrechen, von der suessesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in +dem aeussersten Ungluecke, in das eine blosse Schwachheit gestuerzet?" + +Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und +Marmontels, noch so eingeschaerft werden: es scheint doch nicht, dass das +buergerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen +werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere aeusserliche +Vorzuege zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit +Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als +schlechte Gesellschaft. Zwar ein glueckliches Genie vermag viel ueber sein +Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet +vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und +Staerke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem +Stuecke gemacht hat, welches er "Das Gemaelde der Duerftigkeit" nennet, hat +schon grosse Schoenheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen, +haetten wir es fuer unser Theater adoptieren sollen. + +Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist +zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird +lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht ungluecklichen Muehe +einer gaenzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was +Voltaire bei einer aehnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer +alles ausfuehren, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige +Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, muesste +man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich +sonst ganz gut." + +Den zwoelften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom +Regnard, aufgefuehret. + +Dieses Stueck ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber +Riviere du Freny, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Buehne +brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, dass +ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard +schob die Beschuldigung zurueck, und itzt wissen wir von diesem Streite +nur so viel mit Zuverlaessigkeit, dass einer von beiden der Plagiarius +gewesen. Wenn es Regnard war, so muessen wir es ihm wohl noch dazu danken, +dass er sich ueberwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu +missbrauchen; er bemaechtigte sich, bloss zu unserm Besten, der Materialien, +von denen er voraussahe, dass sie verhunzt werden wuerden. Wir haetten nur +einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen waere. Doch +haette er die Tat eingestehen und dem armen Du Freny einen Teil der damit +erworbnen Ehre lassen muessen. + +Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph" wiederholst; und den Beschluss machte "Der Liebhaber als +Schriftsteller und Bedienter". + +Der Verfasser dieses kleinen artigen Stueckes heisst Cerou; er studierte +die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen +gab. Es faellt ungemein wohl aus. + +Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter", +vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgefuehrt. + +Jene wird von den Kennern unter die besten Stuecke gerechnet, die sich auf +dem franzoesischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es +ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Moliere nicht haette +schaemen duerfen. Aber der fuenfte Akt und die ganze Aufloesung haette weit +besser sein koennen; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten +gedacht wird, koemmt nicht zum Vorscheine; das Stueck schliesst mit einer +kalten Erzaehlung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet +worden. Sonst ist es in der Geschichte des franzoesischen Theaters +deswegen mit merkwuerdig, weil der laecherliche Marquis darin der erste von +seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel +nicht, und Quinault haette es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten +Verliebten" koennen bewenden lassen. + +"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem +funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit ausserordentlichen Beifall +fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des +guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der +Personen entspringet und nicht auf blossen Einfaellen beruhet. Brueys gab +ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es +gegenwaertig aufgefuehret wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz +vortrefflich. + +Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist" +vorgestellt. + +Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschaemten Freigeistes", weil man +ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift +fuehret, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, dass +derjenige beschaemt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht +einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an +diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der fuer Wahrheit +und Irrtum gleichgueltige Lisidor, der spitzbuebische Johann sind alles +Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stuecks erfuellen +muessen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, dass die Vorstellung alles +Beifalls wuerdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und +besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen +Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen ueber +die Hartnaeckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze +Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen. + +Den Beschluss dieses Abends machte das Schaeferspiel des Hrn. Pfeffels: +"Der Schatz". + +Dieser Dichter hat sich, ausser diesem kleinen Stuecke, noch durch ein +anders, "Der Eremit", nicht unruehmlich bekannt gemacht. In den "Schatz" +hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere +Schaeferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt taendelnde Liebe ist. +Sein Ausdruck ist nur oefters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch +die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein hoechst studiertes +Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes +werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines +Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele, +auf ruehrende Stuecke koennte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber +wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gaehnen +uebergehen. + + +----Fussnote + +[1] "Journal Etranger", Decembre 1761. + +----Fussnote + + + + +Funfzehntes Stueck +Den 19. Junius 1767 + +Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaire" des +Herrn von Voltaire aufgefuehrt. + +"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire, +"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stueck entstanden. +Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, dass in seinen +Tragoedien nicht genug Liebe waere. Er antwortete ihnen, dass seiner Meinung +nach die Tragoedie auch eben nicht der schicklichste Ort fuer die Liebe +sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben muessten, +so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stueck ward +in achtzehn Tagen vollendet und fand grossen Beifall. Man nennt es zu +Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des +Polyeukts, vorgestellet worden." + +Den Damen haben wir also dieses Stueck zu verdanken, und es wird noch +lange das Lieblingsstueck der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch, +nur der Liebe unterwuerfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schoenheit +besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien +zugaenglichen Sitz einer unumschraenkten Gebieterin verwandelt; ein +verlassenes Maedchen, zur hoechsten Staffel des Gluecks, durch nichts als +ihre schoenen Augen, erhoehet; ein Herz, um das Zaertlichkeit und Religion +streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das +gern fromm sein moechte, wenn es nur nicht aufhoeren sollte zu lieben; ein +Eifersuechtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst raechet; +wenn diese schmeichelnde Ideen das schoene Geschlecht nicht bestechen, +durch was liesse es sich denn bestechen? + +Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaire diktiert: sagt ein Kunstrichter +artig genug. Richtiger haette er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur +eine Tragoedie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist +"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire laesst seine +verliebte Zaire ihre Empfindungen sehr fein, sehr anstaendig ausdruecken; +aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemaelde aller der +kleinsten geheimsten Raenke, durch die sich die Liebe in unsere Seele +einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet, +aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich +bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und +Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den +Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache, +denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das +behutsamste und gemessenste ausdruecken will, wenn sie nichts sagen will, +als was sie bei der sproeden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter +verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiss von den Geheimnissen +der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das +Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat +er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit +unter dem Dichter geblieben. + +Von der Eifersucht laesst sich ohngefaehr eben das sagen. Der eifersuechtige +Orosman spielt gegen den eifersuechtigen Othello des Shakespeare eine sehr +kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman +gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemaechtiget, der +den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich haette +gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu +eines, der mehr dampft, als leuchtet und waermet. Wir hoeren in dem Orosman +einen Eifersuechtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines +Eifersuechtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht +mehr und nicht weniger, als wir vorher wussten. Othello hingegen ist das +vollstaendigste Lehrbuch ueber diese traurige Raserei; da koennen wir alles +lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden. + +Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen, +immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das +aergert uns; wir koennen ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese +Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsaetzlich +vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Uebersetzung von Shakespeare. +Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekuemmert sich schon mehr +darum. Die Kunstrichter haben viel Boeses davon gesagt. Ich haette grosse +Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Maennern +zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin +bemerkt haben: sondern weil ich glaube, dass man von diesen Fehlern kein +solches Aufheben haette machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein +jeder anderer, als Herr Wieland, wuerde in der Eil' noch oeftrer verstossen +und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr ueberhuepft haben; aber +was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er +uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man +unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schoenheiten, die +es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es +sie liefert, so beleidigen, dass wir notwendig eine bessere Uebersetzung +haben muessten. + +Doch wieder zur "Zaire". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die +Pariser Buehne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische uebersetzt, und +auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Uebersetzer war +Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten +Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in +dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines +Stuecks an den Englaender Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden. +Nur muss man nicht alles fuer vollkommen so wahr annehmen, als er es +ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften ueberhaupt nicht mit dem +skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben +geschrieben hat! + +Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine +Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist +so maechtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernuenftige +Gewohnheit bestand darin, dass jeder Akt mit Versen beschlossen werden +musste, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Uebrige des +Stuecks; und notwendig mussten diese Verse eine Vergleichung enthalten. +Phaedra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe, +Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen, +bis sie einschlafen. Der Uebersetzer der "Zaire" ist der erste, der es +gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten +Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es +empfunden, dass die Leidenschaft ihre wahre Sprache fuehren und der Poet +sich ueberall verbergen muesse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen." + +Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das +ist fuer den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, dass die +Englaender, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch laenger her, +die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzuege in ungereimten Versen mit ein paar +gereimten Zeilen zu enden. Aber dass diese gereimten Zeilen nichts als +Vergleichungen enthielten, dass sie notwendig Vergleichungen enthalten +muessen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von +Voltaire einem Englaender, von dem er doch glauben konnte, dass er die +tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die +Nase sagen koennen. Zweitens ist es nicht an dem, dass Hill in seiner +Uebersetzung der "Zaire" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar +beinahe nicht glaublich, dass der Hr. von Voltaire die Uebersetzung seines +Stuecks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer. +Gleichwohl muss es so sein. Denn so gewiss sie in reimfreien Versen ist, so +gewiss schliesst sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen. +Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter +allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson +und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heissen, ihre +Aufzuege schliessen, sind sicherlich hundert gegen fuenfe, die gleichfalls +keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Haette er aber auch +wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so waere doch +drittens das nicht wahr, dass sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von +dem es Voltaire sein laesst. Noch bis diese Stunde erscheinen in England +ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit +gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem +einzigen Stuecke, deren er doch verschiedene, noch nach der Uebersetzung +der "Zaire", gemacht, sich der alten Mode gaenzlich entaeussert. Und was ist +es denn nun, ob wir zuletzt Reime hoeren oder keine? Wenn sie da sind, +koennen sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen naemlich, +nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit +schicklicher aus dem Stuecke selbst abgenommen wuerde, als dass es die +Pfeife oder der Schluessel gibt. + + +----Fussnote + +[1] From English Plays, Zara's French author fir'd, + Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd, + From rack'd Othello's rage, he rais'd his style + And snatch'd the brand, that lights this tragic pile. + +[2] Le plus sage de vos ecrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie waere das +wohl recht zu uebersetzen? Sage heisst: weise; aber der weiseste unter den +englischen Schriftstellern, wer wuerde den Addison dafuer erkennen? Ich +besinne mich, dass die Franzosen auch ein Maedchen sage nennen, dem man +keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat. +Dieser Sinn duerfte vielleicht hier passen. Und nach diesem koennte man ja +wohl geradezu uebersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern, +der uns harmlosen, nuechternen Franzosen am naechsten koemmt." + +----Fussnote + + + + +Sechzehntes Stueck +Den 23. Junius 1767 + +Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr +unnatuerlich; besonders war ihr tragisches Spiel aeusserst wild und +uebertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudruecken hatten, schrien +und gebaerdeten sie sich als Besessene; und das uebrige toenten sie in einer +steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den +Komoedianten verriet. Als er daher seine Uebersetzung der "Zaire" auffuehren +zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaire einem jungen +Frauenzimmer, das noch nie in der Tragoedie gespielt hatte. Er urteilte +so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefuehl und Stimme und Figur und +Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie +braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar +Stunden ueberreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf +sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es +ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, dass +nur eine sehr geuebte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genuege +leisten koenne, wurden beschaemt. Diese junge Aktrice war die Frau des +Komoedianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten +Jahre ward ein Meisterstueck. Es ist merkwuerdig, dass auch die franzoesische +Schauspielerin, welche die Zaire zuerst spielte, eine Anfaengerin war. Die +junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch beruehmt, und +selbst Voltaire ward so entzueckt ueber sie, dass er sein Alter recht +klaeglich bedauerte. + +Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill uebernommen, der +kein Komoediant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er +spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken, +oeffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schaetzbar als +irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen +Leuten, die zu ihrem blossen Vergnuegen einmal mitspielen, nicht selten. +"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist +dieses, dass es uns befremdet. Wir sollten ueberlegen, dass alle Dinge in +der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der franzoesische Hof +hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat +weiter nichts Besonders dabei gefunden, als dass diese Art von Lustbarkeit +aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Kuensten fuer ein +Unterschied, als dass die eine ueber die andere ebensoweit erhaben ist, als +es Talente, welche vorzuegliche Seelenkraefte erfodern, ueber bloss +koerperliche Fertigkeiten sind?" + +Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaire" uebersetzt; sehr genau und +sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher +Sprache koennen zaertliche Klagen ruehrender klingen, als in dieser? Mit der +einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stuecks genommen, +wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, laesst +ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns ueber das Schicksal des +Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne +Zweifel zu kalt, einen Tuerken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt +also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller +Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den +Text setzen.[1] + +Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem +welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist +er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er +sich den toedlichen Stoss beigebracht, so lassen wir den Vorhang +niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, dass der deutsche Geschmack +dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkuerzung mit mehrern +Stuecken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, dass sich +ein Trauerspiel wie ein Epigramm schliessen soll? Immer mit der Spitze des +Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher koemmt uns +gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die +Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hoeren zu wollen, wenn es +auch noch so wenige, zur voelligen Rundung des Stuecks noch so +unentbehrliche Worte waeren? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache +einer Sache, die nicht ist. Wir haetten kalt Blut genug, den Dichter bis +ans Ende zu hoeren, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir +wuerden recht gern die letzten Befehle des grossmuetigen Sultans vernehmen; +recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber +wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiss ich +kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es waere +begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten. +Erstochen und geklatscht! Man muss Kuenstlern kleine Eitelkeiten verzeihen. + +Bei keiner Nation hat die "Zaire" einen schaerfern Kunstrichter gefunden, +als unter den Hollaendern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des +beruehmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel +daran auszusetzen, dass er es fuer etwas Kleines hielt, eine bessere zu +machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung +der Zaire das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, dass der Sultan +ueber seine Liebe sieget und die christliche Zaire mit aller der Pracht in +ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhoehung gemaess ist; der +alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen? +Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, +dass er uns kalt laesst; er interessiere uns und mache mit den kleinen +mechanischen Regeln, was er will. Die Duime koennen wohl tadeln, aber den +Bogen des Ulysses muessen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich +darum, weil ich nicht gern zurueck, von der misslungenen Verbesserung auf +den Ungrund der Kritik geschlossen wissen moechte. Duims Tadel ist in +vielen Stuecken ganz gegruendet; besonders hat er die Unschicklichkeiten, +deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das +Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der +Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der +sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er, +"koemmt, Zairen in die Moschee abzuholen; Zaire weigert sich, ohne die +geringste Ursache von ihrer Weigerung anzufuehren; sie geht ab, und +Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl +seiner Wuerde gemaess? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum +dringt er nicht in Zairen, sich deutlicher zu erklaeren? Warum folgt er +ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter +Duim! wenn sich Zaire deutlicher erklaeret haette: wo haetten denn die +andern Akte sollen herkommen? Waere nicht die ganze Tragoedie darueber in +die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts +ist ebenso abgeschmackt: Orosman koemmt wieder zu Zairen; Zaire geht +abermals, ohne die geringste naehere Erklaerung, ab, und Orosman, der gute +Schlucker (dien goeden hals), troestet sich desfalls in einer Monologe. +Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewissheit musste doch bis zum +fuenften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare +haengt, so haengen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem staerkern. + +Die letzterwaehnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler, +der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem +bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner +zu empfinden faehig ist. Er muss aus einer Gemuetsbewegung in die andere +uebergehen, und diesen Uebergang durch das stumme Spiel so natuerlich zu +machen wissen, dass der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern +durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit +fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Grossmut, +willig und geneigt, Zairen zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen +sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm laenger kein +Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue, +und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zaertlich +genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch +da Zaire auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu +haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der aeusserste Unwille. +Und so geht er von dem Stolze zur Zaertlichkeit, und von der Zaertlichkeit +zur Erbitterung ueber. Alles was Remond de Sainte-Albine in seinem +"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf +eine so vollkommene Art, dass man glauben sollte, er allein koenne das +Vorbild des Kunstrichters gewesen sein. + + +----Fussnote + +[1] + Questo mortale orror che per le vene + Tutte mi scorre, omai non e dolore, + Che basti ad appagarti, anima bella. + Feroce cor, cor dispietato, e misero, + Paga la pena del delitto orrendo. + Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete + Tinte del sangue di si cara donna. + Voi--voi--dov'e quel ferro? Un' altra volta + In mezzo al petto--Oime, dov'e quel ferro? + L'acuta punta-- + Tenebre, e notte + Si fanno intorno-- + Perche non posso-- + Non posso spargere + Il sangue tutto? + Si, si, lo spargo tutto, anima mia, + Dove sei?--piu non posso--oh Dio! non posso-- + Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio! + +[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745. + +[3] "Le Comedien", Partie II, chap. X. p. 209. + +----Fussnote + + + + +Siebzehntes Stueck +Den 26. Junius 1767 + +Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom +Gresset, aufgefuehret. + +Dieses Stueck kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider +den Selbstmord konnte in Paris kein grosses Glueck machen. Die Franzosen +sagten: es waere ein Stueck fuer London. Ich weiss auch nicht; denn die +Englaender duerften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er +geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht, +zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine +Reue koennte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem +franzoesischen Bedienten so angefuehrt zu sehen, moechte von manchen fuer +eine Beschaemung gehalten werden, die des Haengens allein wuerdig waere. + +Doch so wie das Stueck ist, scheinet es fuer uns Deutsche recht gut zu +sein. Wir moegen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemaenteln und +finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem +dummen Streiche zurueckhaelt und das Gestaendnis, falsch philosophiert zu +haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein +franzoesischer Prahler ist, so herzlich gut, dass uns die Etikette, welche +der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun +erfaehrt, dass er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht naeher ist, +als der gesundesten einer, so laesst ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich +es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen gluecklicher Eifer usw." +Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse +aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehoert das +erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter +seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich +Schauspieler waere, hier wuerde ich es kuehnlich wagen, zu tun, was der +Dichter haette tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht +das erste Wort an meinen Erretter richten duerfte, so wuerde ich ihm +wenigstens den ersten geruehrten Blick zuschicken, mit der ersten +dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann wuerde ich mich gegen +Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurueckkommen. +Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart! + +Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von +seinen staerksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das +Gefuehl der Fuehllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze +Gemuetsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit +groesserer Wahrheit ausdruecken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch +die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Koerper gibt, und +seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstaende verwandelt. Welcher +fortreissende Ton der Ueberzeugung!-- + +Den Beschluss machte diesen Abend ein Stueck in einem Aufzuge, nach dem +Franzoesischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man +erraet gleich, dass ein Narr oder eine Naerrin darin vorkommen muss, der es +hauptsaechlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener +Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die +Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter haengt von der +Aufklaerung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur fuer den +Pflegesohn eines gewissen buergerlichen Lisanders, aber es findet sich, +dass Lisander sein wahrer Vater ist. Nun waere weiter an die Heirat nicht +zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfaelle zu dem +buergerlichen Stande herablassen muessen. In der Tat ist er von ebenso +guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche +Ausschweifungen aus dem vaeterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen +Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusoehnen. Die Aussoehnung +gelingt und macht das Stueck gegen das Ende sehr ruehrend. Da also der +Hauptton desselben ruehrender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der +Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre +Kleinigkeit; aber dasmal haette ich ihn von dem einzigen laecherlichen +Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch +zu erschoepfen; aber er sollte doch auch nicht irrefuehren. Und dieser tut +es ein wenig. Was ist leichter zu aendern, als ein Titel? Die uebrigen +Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr +zum Vorteile des Stuecks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast +allen von dem franzoesischen Theater entlehnten Stuecken mangelt. + +Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der +Trommel" gespielt. + +Dieses Stueck schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her. +Addison hat nur eine Tragoedie und nur eine Komoedie gemacht. Die +dramatische Poesie ueberhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf +weiss sich ueberall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden +Stuecke, wenn schon nicht die hoechsten Schoenheiten ihrer Gattung, +wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schaetzbaren Werken machen. +Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der franzoesischen +Regelmaessigkeit mehr zu naehern; aber noch zwanzig Addisons, und diese +Regelmaessigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Englaender werden. +Begnuege sich damit, wer keine hoehere Schoenheiten kennet! + +Destouches, der in England persoenlichen Umgang mit Addison gehabt hatte, +zog das Lustspiel desselben ueber einen noch franzoesischern Leisten. Wir +spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und +natuerlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich +mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche +Uebersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und +manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet. + +Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete +Philosoph", vom Destouches, wiederholt. + +Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stueck, welches den zwanzigsten Abend +(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde. + +Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch +gefaellt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus +dem Poebel. Was folgt hieraus? Dass die Schoenheiten, die es hat, wahre +allgemeine Schoenheiten sein muessen, und die Fehler vielleicht nur +willkuerliche Regeln betreffen, ueber die man sich leichter hinaussetzen +kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des +Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Uebliche aus den Augen gesetzt: +immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stuecke +aehnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl, +so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloss erdichtete Namen +dafuer. Regnard hat es gewiss so gut als ein anderer gewusst, dass um Athen +keine Wueste und keine Tiger und Baere waren; dass es, zu der Zeit des +Demokrits, keinen Koenig hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht +wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden +Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen +Dichters, und nicht die historische Wahrheit. + +Andere Fehler moechten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des +Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge muessiger Personen, das +abgeschmackte Geschwaetz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt, +weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern +weil es Unsinn in jedes andern Munde sein wuerde, der Dichter moechte ihn +genannt haben, wie er wolle. Aber was uebersieht man nicht bei der guten +Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist +gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiss nicht, was man aus ihm machen +soll; er aendert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er +ein feiner witziger Spoetter, bald ein plumper Spassmacher, bald ein +zaertlicher Schulfuchs, bald ein unverschaemter Stutzer. Seine Erkennung +mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatuerlich. Die Art, mit +der Mademoiselle Beauval und La Thorilliere diese Szenen zuerst spielten, +hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern +fortgepflanzt. Es sind die unanstaendigsten Grimassen, aber da sie durch +die Ueberlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so koemmt +es niemanden ein, etwas daran zu aendern, und ich will mich wohl hueten, zu +sagen, dass man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden +sollte. Der beste, drolligste und ausgefuehrteste Charakter ist der +Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller +boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts +weniger als episodisch, sondern zur Aufloesung des Knoten ebenso +schicklich als unentbehrlich ist.[1] + + +----Fussnote + +[1] "Histoire du Theatre Francais", T. XIV. p. 164. + +----Fussnote + + + + +Achtzehntes Stueck +Den 30. Junius 1767 + +Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel +des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgefuehrt. + +Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert fuer die Theater in Paris +gearbeitet; sein erstes Stueck ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte +1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele +belaeuft sich auf einige dreissig, wovon mehr als zwei Dritteile den +Harlekin haben, weil er sie fuer die italienische Buehne verfertigte. Unter +diese gehoeren auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst, +ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder +hervorgesucht wurden, und desto groessern erhielten. + +Seine Stuecke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und +Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr aehnlich. In allen +der naemliche schimmernde und oefters allzu gesuchte Witz; in allen die +naemliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die +naemliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von +einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner +Kunst, weiss er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und +doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, dass wir am Ende +einen noch so weiten Weg mit ihm zurueckgelegt zu haben glauben. + +Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof. +Gottscheds, den Harlekin oeffentlich von ihrem Theater verbannte, haben +alle deutsche Buehnen, denen daran gelegen war, regelmaessig zu heissen, +dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im +Grunde hatten sie nur das bunte Jaeckchen und den Namen abgeschafft, aber +den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stuecke, +in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hiess bei ihr +Haenschen, und war ganz weiss, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich, +ein grosser Triumph fuer den guten Geschmack! + +Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der +deutschen Uebersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot, +Gottsched ist auch tot: ich daechte, wir zoegen ihm das Jaeckchen wieder +an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht +auch unter seinem? "Er ist ein auslaendisches Geschoepf", sagt man. Was tut +das? Ich wollte, dass alle Narren unter uns Auslaender waeren! "Er traegt +sich, wie sich kein Mensch unter uns traegt":--so braucht er nicht erst +lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das naemliche Individuum +alle Tage in einem andern Stuecke erscheinen zu sehen." Man muss ihn als +kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht +Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", uebermorgen in den +"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen, +vorkoemmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend +Varietaeten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in +Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei +Hauptzuege hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir +ekler, in unsere Vergnuegungen waehliger und gegen kahle Vernuenfteleien +nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener +sind--sondern, als selbst die Roemer und Griechen waren? War ihr Parasit +etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene, +besondere Tracht, in der er in einem Stuecke ueber dem andern vorkam? +Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri +eingeflochten werden mussten, sie mochten sich nun in die Geschichte des +Stuecks schicken oder nicht? + +Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der +wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gruendlichkeit, verteidiget. +Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Moeser ueber das Groteske-Komische +allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren +Stimme habe ich schon. Es wird darin beilaeufig von einem gewissen +Schriftsteller gesagt, dass er Einsicht genug besitze, dermaleins der +Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man +denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr +Moeser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja +nicht einmal gedacht zu haben erinnern. + +Ausser dem Harlekin koemmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein +anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige fuehret. Beide wurden sehr +wohl gespielt; und unser Theater hat ueberhaupt an den Herren Hensel und +Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser +verlangen kann. + +Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die +"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgefuehret. + +Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern +franzoesischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der +"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stueck nicht verdiente, dass die +Franzosen ein solches Laermen damit machten, so gereicht doch dieses +Laermen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf +seinen Ruhm eifersuechtig ist; auf das die grossen Taten seiner Vorfahren +den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und +von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten ueberzeugt, jenen +nicht zu seinen unnuetzen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den +Gegenstaenden zaehlet, um die sich nur geschaeftige Muessiggaenger bekuemmern. +Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stuecke noch hinter den Franzosen! Es +gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! +Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersaenger +ein sehr schaetzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgueltigkeit +gegen Kuenste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der +mit Baerfellen und Bernstein handelt, der nuetzlichere Buerger waere? +sicherlich fuer die Frage eines Narren gehalten haetten!--Ich mag mich in +Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von +der sich erwarten liesse, dass sie nur den tausendsten Teil der Achtung und +Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben wuerde, die Calais +gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer fuer franzoesische +Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit +faehig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein +genug, die Nation in der Geringschaetzung alles dessen zu bestaerken, was +nicht geradezu den Beutel fuellet. Man spreche von einem Werke des Genies, +von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Kuenstler; man +aeussere den Wunsch, dass eine reiche bluehende Stadt der anstaendigsten +Erholung fuer Maenner, die in ihren Geschaeften des Tages Last und Hitze +getragen, und der nuetzlichsten Zeitverkuerzung fuer andere, die gar keine +Geschaefte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?) +durch ihre blosse Teilnehmung aufhelfen moege:--und sehe und hoere um sich. +"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloss der Wucherer Albinus, "dass unsere +Buerger wichtigere Dinge zu tun haben!" + +------Eu! +Rem poteris servare tuam!-- + +Wichtigere? Eintraeglichere; das gebe ich zu! Eintraeglich ist freilich +unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Kuensten in Verbindung +stehet. Aber, + +--haec animos aerugo er cura peculi +Cum semel imbuerit-- + +Doch ist vergesse mich. Wie gehoert das alles zur "Zelmire"? + +Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte +oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum +Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward +Komoediant. Er spielte einige Zeit unter der franzoesischen Truppe zu +Braunschweig, machte verschiedene Stuecke, kam wieder in sein Vaterland +und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so gluecklich und beruehmt, +als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit haette machen koennen, wenn er +auch ein Beaumont geworden waere. Wehe dem jungen deutschen Genie, das +diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei wuerden sein +gewissestes Los sein! + +Das erste Trauerspiel des Du Belloy heisst "Titus"; und "Zelmire" war sein +zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal +gespielt. Aber "Zelmire" fand desto groessern; es ward vierzehnmal +hintereinander aufgefuehrt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran +satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung. + +Ein franzoesischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen +die Trauerspiele von dieser Gattung ueberhaupt zu erklaeren: "Uns waere", +sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die +Jahrbuecher der Welt sind an beruechtigten Verbrechen ja so reich; und die +Tragoedie ist ja ausdruecklich dazu, dass sie uns die grossen Handlungen +wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem +sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist, +befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde, +ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, dass 'Zaire', 'Alzire', +'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung waeren. Die Namen der +beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist +historisch. Es hat wirklich Kreuzzuege gegeben, in welchen sich Christen +und Tuerken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, hassten und +wuergten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die +gluecklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europaeischen und +amerikanischen Sitten, zwischen der Schwaermerei und der wahren Religion +aeussern muessen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die +Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betruegers; der +Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schoenste philosophische Gemaelde, das +jemals von diesem gefaehrlichen Ungeheuer gemacht worden." + + +----Fussnote + +[1] "Journal Encyclopedique", Juillet 1762. + +----Fussnote + + + + +Neunzehntes Stueck +Den 3. Julius 1767 + +Es ist einem jeden vergoennt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es +ist ruehmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben +suchen. Aber den Gruenden, durch die man ihn rechtfertigen will, eine +Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit haette, ihn +zu dem einzigen wahren Geschmacke machen muesste, heisst aus den Grenzen des +forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen +Gesetzgeber aufwerfen. Der angefuehrte franzoesische Schriftsteller faengt +mit einem bescheidenen "Uns waere lieber gewesen" an und geht zu so +allgemein verbindenden Ausspruechen fort, dass man glauben sollte, dieses +Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter +folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack +nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert. + +Nun hat es Aristoteles laengst entschieden, wie weit sich der tragische +Dichter um die historische Wahrheit zu bekuemmern habe; nicht weiter, als +sie einer wohleingerichteten Fabel aehnlich ist, mit der er seine +Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil +sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, dass er sie +schwerlich zu seinem gegenwaertigen Zwecke besser erdichten koennte. Findet +er diese Schicklichkeit von ohngefaehr an einem wahren Falle, so ist ihm +der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbuecher erst lange darum +nachzuschlagen, lohnt der Muehe nicht. Und wie viele wissen denn, was +geschehen ist? Wenn wir die Moeglichkeit, dass etwas geschehen kann, nur +daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine +gaenzlich erdichtete Fabel fuer eine wirklich geschehene Historie zu +halten, von der wir nie etwas gehoert haben? Was ist das erste, was +uns eine Historie glaubwuerdig macht? Ist es nicht ihre innere +Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit +von gar keinen Zeugnissen und Ueberlieferungen bestaetiget wird, oder von +solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne +Grund angenommen, dass es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das +Andenken grosser Maenner zu erhalten; dafuer ist die Geschichte, aber nicht +das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder +jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem +gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umstaenden tun werde. Die +Absicht der Tragoedie ist weit philosophischer, als die Absicht der +Geschichte; und es heisst sie von ihrer wahren Wuerde herabsetzen, wenn man +sie zu einem blossen Panegyrikus beruehmter Maenner macht, oder sie gar den +Nationa1stolz zu naehren missbraucht. + +Die zweite Erinnerung des naemlichen franzoesischen Kunstrichters gegen die +"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, dass sie fast nichts als +ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufaelle sei, die in den engen Raum +von vierundzwanzig Stunden zusammengepresst, aller Illusion unfaehig +wuerden. Eine seltsam ausgesparte Situation ueber die andere! ein +Theaterstreich ueber den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man +nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so draengen, koennen +schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles ueberrascht, wird +uns leicht manches mehr befremden, als ueberraschen. "Warum muss sich z.E. +der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine +Verbrechen zu offenbaren? Faellt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die +Gemuetsaenderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den +Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines +Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu +empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrueckt. +Welch geringfuegige Ursachen gibt hiernaechst der Dichter nicht manchmal +den wichtigsten Dingen! So muss Polydor, wenn er aus der Schlacht koemmt +und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Ruecken +zukehren, und der Dichter muss uns sorgfaeltig diesen kleinen Umstand +einschaerfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das +Gesicht, anstatt den Ruecken zuwendete: so wuerde sie ihn erkennen, und die +folgende Szene, wo diese zaertliche Tochter unwissend ihren Vater seinen +Henkern ueberliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so grossen +Eindruck machende Szene fiele weg. Waere es gleichwohl nicht weit +natuerlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal +fluechtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen +Wink gegeben haette? Freilich waere es so natuerlicher gewesen, als dass die +ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er +seinen Ruecken dahin oder dorthin kehret, gruenden muessen. Mit dem Billett +des Azor hat es die naemliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten +Akte gleich mit, so wie er es haette mitbringen sollen, so war der Tyrann +entlarvet, und das Stueck hatte ein Ende." + +Die Uebersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht +lieber eine koernichte, wohlklingende Prosa hoeren wollen, als matte, +geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Uebersetzungen werden +kaum ein halbes Dutzend sein, die ertraeglich sind. Und dass man mich ja +nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich wuerde eher wissen, wo ich +aufhoeren, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen +dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der groesste +Versifikateur, sondern stuemperte und flickte; der Deutsche war es noch +weniger, und indem er sich bemuehte, die gluecklichen und ungluecklichen +Zeilen seines Originals gleich treu zu uebersetzen, so ist es natuerlich, +dass oefters, was dort nur Lueckenbuesserei oder Tautologie war, hier zu +foermlichem Unsinne werden musste. Der Ausdruck ist dabei meistens so +niedrig und die Konstruktion so verworfen, dass der Schauspieler allen +seinen Adel noetig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand +brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu +erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden! + +Aber verlohnt es denn auch der Muehe, auf franzoesische Verse so viel Fleiss +zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso waessrig korrekte, ebenso +grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen +poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa uebertragen, so wird +unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der +Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen +Uebersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch +der kuehnsten Tropen und Figuren, ausser einer gebundenen kadensierten +Wortfuegung, uns an Besoffene denken laesst, die ohne Musik tanzen. Der +Ausdruck wird sich hoechstens ueber die alltaegliche Sprache nicht weiter +erheben, als sich die theatralische Deklamation ueber den gewoehnlichen Ton +der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wuenschte +ich unserm prosaischen Uebersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich +der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, dass das Silbenmass +ueberhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am +wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier koemmt es bloss darauf an, +unter zwei Uebeln das kleinste zu waehlen; entweder Verstand und Nachdruck +der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte +war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der +das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstaerkung +des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es +etwas mehr, und wir koennen der griechischen ungleich naeher kommen, die +durch den blossen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin +ausgedrueckt werden, anzudeuten vermag. Die franzoesischen Verse haben +nichts als den Wert der ueberstandenen Schwierigkeit fuer sich; und +freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert. + +Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit +aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Boesewichte von grossem +Verstande so natuerlich zu sein scheinen. Kein misslungener Anschlag wird +ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Raenken unerschoepflich; +er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner +Bloesse darzustellen drohte, empfaengt eine Wendung, die ihm die Larve nur +noch fester aufdrueckt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von +seiten des Schauspielers das getreueste Gedaechtnis, die fertigste Stimme, +die freieste, nachlaessigste Aktion unumgaenglich noetig. Hr. Borchers hat +ueberhaupt sehr viele Talente, und schon das muss ein guenstiges Vorurteil +fuer ihn erwecken, dass er sich in alten Rollen ebenso gern uebet, als in +jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner +unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die +nur immer auf der Buehne glaenzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich +in lauter galanten liebenswuerdigen Rollen begaffen und bewundern zu +lassen, ihr vornehmster, auch wohl oefters ihr einziger Beruf zum +Theater ist. + + + + +Zwanzigstes Stueck +Den 7. Julius 1767 + +Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie" +aufgefuehret. + +Dieses vortreffliche Stueck der Graffigny musste der Gottschedin zum +Uebersetzen in die Haende fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von +sich selbst ablegt, "dass sie die Ehre, welche man durch Uebersetzung oder +auch Verfertigung theatralischer Stuecke erwerben koenne, allezeit nur fuer +sehr mittelmaessig gehalten habe", laesst sich leicht vermuten, dass sie, +diese mittelmaessige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmaessige Muehe +werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, dass sie einige lustige Stuecke des Destouches eben nicht verdorben +hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu uebersetzen, als eine +Empfindung! Das Laecherliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen; +aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre +eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese +verkennt und sie dafuer den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle +die kalte Vollstaendigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will, +die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem +Mericourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines +Vermoegens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Mericourt geht; +er verweigert sich dem grossmuetigen Anerbieten und will sich ihm aus +Uneigennuetzigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er. +"Warum wollen Sie sich Ihres Vermoegens berauben? Geniessen Sie Ihrer Gueter +selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai, +je vous rendrai tous heureux: laesst die Graffigny den lieben gutherzigen +Alten antworten. "Ich will ihrer geniessen, ich will euch alle gluecklich +machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlaessige +Kuerze, mit der ein Mann, dem Guete zur Natur geworden ist, von seiner Guete +spricht, wenn er davon sprechen muss! Seines Glueckes geniessen, andere +gluecklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloss +eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das +andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiss +auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das +naemliche zweimal spraeche, als ob beide Saetze wahre tautologische Saetze, +vollkommen identische Saetze waeren; ohne das geringste Verbindungswort. O +des Elenden, der die Verbindung nicht fuehlt, dem sie eine Partikel erst +fuehlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, dass die +Gottschedin jene acht Worte uebersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner +Gueter erst recht geniessen, wenn ich euch beide dadurch werde gluecklich +gemacht haben." Unertraeglich! Der Sinn ist vollkommen uebergetragen, aber +der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses +Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses +Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle +Bedenklichkeiten der Ueberlegung geben und eine warme Empfindung in eine +frostige Schlussrede verwandeln. + +Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, dass ungefaehr auf diesen +Schlag das ganze Stueck uebersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren +gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in +die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgeloeset worden. Hierzu koemmt +in vielen Stellen der haessliche Ton des Zeremoniells; verabredete +Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der geruehrten Natur +auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie: +"Frau Mutter! o welch ein suesser Name!" Der Name Mutter ist suess; aber Frau +Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das +ganze, der Empfindung sich oeffnende Herz wieder zusammen. Und in dem +Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem +"Gnaediger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon +pere! auf deutsch: Gnaediger Herr Vater. Was fuer ein respektuoeses Kind! +Wenn ich Dorsainville waere, ich haette es ebenso gern gar nicht wieder +gefunden, als mit dieser Anrede. + +Madame Loewen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Wuerde +und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewusstsein ihres +verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudruecken, kann nur ihrem +Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen. + +Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort faellt aus ihrem Munde auf die Erde. +Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es koemmt aus ihrem eignen Kopfe, aus +ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr +Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wuesste nur einen einzigen Fehler; aber +es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswuerdiger Fehler. Die +Aktrice ist fuer die Rolle zu gross. Mich duenkt einen Riesen zu sehen, der +mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich moechte nicht alles machen, +was ich vortrefflich machen koennte. + +Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung +von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in +so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum +Schlusse des Stuecks vom Mericourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, dass +er in der grossen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag +ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen +Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf +einmal zu zeigen, was das fuer ein Land ist, dieses Vaterland des +Mericourt? Ein gefaehrliches, ein boeses Land! + + Tot linguae, quot membra viro! + +Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des +Herrn Weisse aufgefuehret. + +"Amalia" wird von Kennern fuer das beste Lustspiel dieses Dichters +gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgefuehrtere Charaktere +und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine uebrige komische +Stuecke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame +Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit +aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr +unwahrscheinlich finden wuerden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt +zu sehen. Dergleichen Verkleidungen ueberhaupt geben einem dramatischen +Stuecke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafuer kann es aber auch nicht +fehlen, dass sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen +veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fuenfte des letzten Akts, in +welcher ich meinem Freunde einige allzu kuehn kroquierte Pinselstriche zu +lindern und mit dem uebrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl +raten moechte. Ich weiss nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich +mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich +will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit +bestehen koenne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu +brueskieren. Ich will die Vermutung ungeaeussert lassen, dass es vielleicht +gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu +treiben; dass ein wahrer Manley die Sache wohl haette feiner anfangen +koennen; dass man ueber einen schnellen Strom nicht in gerader Linie +schwimmen zu wollen verlangen muesse; dass--Wie gesagt, ich will diese +Vermutungen ungeaeussert lassen; denn es koennte leicht bei einem solchen +Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem naemlich die Gegenstaende +sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, dass diejenige Frau, +bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen uebrigen Arten Obstand +halten werde. Ich will bloss bekennen, dass ich fuer mein Teil nicht Herz +genug gehabt haette, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich wuerde mich, +vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefuerchtet +haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch +einer mehr als Crebillonschen Faehigkeit bewusst gewesen waere, mich +zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiss ich doch nicht, ob ich +nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen waere. Besonders da +sich dieser andere Weg hier von selbst oeffnet. Manley, oder Amalia, wusste +ja, dass Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmaessig verbunden +sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm +gaenzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es +nur um fluechtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften +Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit +sei? Seine Bewerbungen wuerden dadurch, ich will nicht sagen unstraeflich, +aber doch unstraeflicher geworden sein; er wuerde, ohne sie in ihren +eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen koennen; die Probe +waere ungleich verfuehrerischer und das Bestehen in derselben ungleich +entscheidender fuer ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man wuerde zugleich +einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben; +anstatt dass man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun +koennen, wenn sie ungluecklicherweise in ihrer Verfuehrung gluecklich +gewesen waere. + +Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der +Finanzpachter". Es besteht ungefaehr aus ein Dutzend Szenen von der +aeussersten Lebhaftigkeit. Es duerfte schwer sein, in einen so engen Bezirk +mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die +Manier dieses liebenswuerdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein +Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewusst, als er. + +Den fuenfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire" +des Du Belloy wiederholt. + + + + +Einundzwanzigstes Stueck +Den 10. Julius 1767 + +Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die +Muetterschule" des Nivelle de la Chaussee aufgefuehret. + +Es ist die Geschichte einer Mutter, die fuer ihre parteiische Zaertlichkeit +gegen einen nichtswuerdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kraenkung +erhaelt. Marivaux hat auch ein Stueck unter diesem Titel. Aber bei ihm ist +es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes, +gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle +Welt und Erfahrung laesst: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten +kann. Das liebe Maedchen hat ein empfindliches Herz; sie weiss keiner +Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in +den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem +Himmel danken, dass es noch so gut ablaeuft. In jener Schule gibt es eine +Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu +lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es muesste fuer +Kenner ein Vergnuegen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander +besuchen zu koennen. Sie haben hierzu auch alle aeusserliche Schicklichkeit; +das erste Stueck ist von fuenf Akten, das andere von einem. + +Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine" +des Herrn von Voltaire gespielt. + +Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre +1749 zuerst erschien. Was ist das fuer ein Titel? Was denkt man +dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken +soll. Ein Titel muss kein Kuechenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte +verraet, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung +dabei, und die Alten haben ihren Komoedien selten andere, als +nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den +Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter +gehoeret des Plautus "Miles gloriosus". Wie koemmt es, dass man noch nicht +angemerket, dass dieser Titel dem Plautus nur zur Haelfte gehoeren kann. +Plautus nannte sein Stueck bloss Gloriosus; so wie er ein anderes +"Truculentus" ueberschrieb. Miles muss der Zusatz eines Grammatikers sein. +Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber +seine Prahlereien beziehen sich nicht bloss auf seinen Stand und seine +kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso grosssprecherisch; +er ruehmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schoenste und +liebenswuerdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen; +aber sobald man Miles hinzufuegt, wird das gloriosus nur auf das erstere +eingeschraenkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte, +eine Stelle des Cicero[1] verfuehrt; aber hier haette ihm Plautus selbst +mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt: + + ALAZON Graece huic nomen est Comoediae + Id nos latine GLORIOSUM dicimus-- + +und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, dass eben +das Stueck des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines grosssprecherischen +Soldaten kam in mehrern Stuecken vor. Cicero kann ebensowohl auf den +Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beilaeufig. Ich erinnere +mich, meine Meinung von den Titeln der Komoedien ueberhaupt schon einmal +geaeussert zu haben. Es koennte sein, dass die Sache so unbedeutend nicht +waere. Mancher Stuemper hat zu einem schoenen Titel eine schlechte Komoedie +gemacht; und bloss des schoenen Titels wegen. Ich moechte doch lieber eine +gute Komoedie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was fuer +Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken +sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stueck +genannt haetten. Der ist laengst dagewesen! ruft man. Der auch schon! +Dieser wuerde vom Moliere, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet? +Das koemmt aus den schoenen Titeln. Was fuer ein Eigentumsrecht erhaelt ein +Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, dass er seinen Titel davon +hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht haette, so wuerde ich +ihn wiederum stillschweigend brauchen duerfen, und niemand wuerde mich +darueber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache +z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem +Moliereschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie +heissen. Genug, dass Moliere den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat +unrecht, dass er funfzig Jahr spaeter lebet; und dass die Sprache fuer die +unendlichen Varietaeten des menschlichen Gemuets nicht auch unendliche +Benennungen hat. + +Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr: +"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stueck nicht +zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die +Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die +Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet +der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In +der naemlichen Ausgabe seiner Werke heisst er auf einem Blatte "Das +besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch +beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, dass zu +einer vernuenftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes +erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die +Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den +Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar +Stuecke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein grosses Glueck +gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussee sind auch +ziemlich kahle Stuecke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein, +etwas weit Besseres zu machen. + +"Nanine" gehoert unter die ruehrenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr +viel laecherliche Szenen, und nur insofern, als die laecherlichen Szenen +mit den ruehrenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komoedie geduldet +wissen. Eine ganz ernsthafte Komoedie, wo man niemals lacht, auch nicht +einmal laechelt, wo man nur immer weinen moechte, ist ihm ein Ungeheuer. +Hingegen findet er den Uebergang von dem Ruehrenden zum Laecherlichen und +von dem Laecherlichen zum Ruehrenden sehr natuerlich. Das menschliche Leben +ist nichts als eine bestaendige Kette solcher Uebergaenge, und die Komoedie +soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewoehnlicher", +sagt er, "als dass in dem naemlichen Hause der zornige Vater poltert, die +verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich ueber beide aufhaelt und jeder +Anverwandte bei der naemlichen Szene etwas anders empfindet? Man +verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan aeusserst +bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben +Viertelstunde ueber ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr +ehrwuerdige Matrone sass bei einer von ihren Toechtern, die gefaehrlich krank +lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in +Traenen zerfliessen, sie rang die Haende und rief: 'O Gott, lass mir, lass mir +dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafuer nehmen!' +Hier trat ein Mann, der eine von ihren uebrigen Toechtern geheiratet hatte, +naeher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Aermel und fragte: 'Madame, auch +die Schwiegersoehne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese +Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betruebte Dame, +dass sie in vollem Gelaechter herauslaufen musste; alles folgte ihr und +lachte; die Kranke selbst, als sie es hoerte, waere vor Lachen fast +erstickt." + +"Homer", sagt er an einem andern Orte, "laesst sogar die Goetter, indem sie +das Schicksal der Welt entscheiden, ueber den possierlichen Anstand des +Vulkans lachen. Hektor lacht ueber die Furcht seines kleinen Sohnes, indem +Andromacha die heissesten Traenen vergiesst. Es trifft sich wohl, dass mitten +unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer +Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhaengnisses, ein Einfall, eine +ungefaehre Posse, trotz aller Beaengstigung, trotz alles Mitleids das +unbaendigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem +Regimente, dass es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat +darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein +Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmoeglich +dienen!' Diese Naivetaet ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und +metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komoedie das Lachen auf ruehrende +Empfindungen folgen koennen? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht +Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung +streiten zu wollen." + +Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die +Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komoedie fuer eine ebenso +fehlerhafte als langweilige Gattung erklaeret? Vielleicht damals, als +er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein +"Hausvater" vorhanden; und vieles muss das Genie erst wirklich machen, +wenn wir es fuer moeglich erkennen sollen. + + +----Fussnote + +[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33. + +----Fussnote + + + + +Zweiundzwanzigstes Stueck +Den 14. Julius 1767 + +Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat +Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert +beschlossen. + +Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert +derjenige, dessen Stuecke das meiste urspruenglich Deutsche haben. Es sind +wahre Familiengemaelde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder +Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Muehmchen aus seiner +eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, dass es +an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und dass nur die Augen ein +wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere +Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir ueber +viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere +Virtuosen an eine allzu flache Manier gewoehnet. Sie machen sie aehnlich, +aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand +nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewusst, so mangelt dem Bilde die +Rundung, das Koerperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns +bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Aussenlinien uns gleich +an die Taeuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die uebrigen Seiten +herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig +und ekel; wann sie belustigen sollen, muss ihnen der Dichter etwas von +dem Seinigen geben. Er muss sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der +schmutzigen Nachlaessigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb +ihren vier Pfaehlen herumtraeumen. Sie muessen nichts von der engen Sphaere +kuemmerlicher Umstaende verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten +will. Er muss sie aufputzen; er muss ihnen Witz und Verstand leihen, das +Armselige ihrer Torheiten bemaenteln zu koennen; er muss ihnen den Ehrgeiz +geben, damit glaenzen zu wollen. + +"Ich weiss gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das fuer +ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr +Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muss seine +geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstaende machen! +Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar +grosses Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und +ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und +er muss ja wohl." + +"Ganz gewiss!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern. +Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Muetter. Eine Andrienne! Welche +Schneidersfrau traegt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, dass +die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie +nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen +vergessen, ich wuerde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafuer sagen! +Mich in einer Andrienne zu denken; das allein koennte mich krank machen. +Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muss es +auch die neueste Tracht sein. Wie koennen wir es sonst wahrscheinlich +finden, dass sie darueber krank geworden?" + +"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr +unanstaendig, dass die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib +gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie +soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die +Einheit der Zeit! Das Kleid musste fertig sein; die Stephan sollte es noch +anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid +fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele +vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier +ward meine Kunstrichterin unterbrochen. + +Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der +"Melanide" des de la Chaussee "Der Mann nach der Uhr, oder der +ordentliche Mann" gespielet. + +Der Verfasser dieses Stuecks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an +drolligen Einfaellen; nur schade, dass ein jeder, sobald er den Titel hoert, +alle diese Einfaelle voraussieht. National ist es auch genug; oder +vielmehr provinzial. Und dieses koennte leicht das andere Extremum werden, +in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten +schildern wollten. Ich fuerchte, dass jeder die armseligen Gewohnheiten des +Winkels, in dem er geboren worden, fuer die eigentlichen Sitten des +gemeinschaftlichen Vaterlandes halten duerfte. Wem aber liegt daran, zu +erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort gruenen Kohl isst? + +Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, dass +jeder etwas anders sagen muss. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der +Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das naemliche; ausser dass +das erste ohngefaehr die Karikatur von dem andern ist. + +Den dreissigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von +Essex", vom Thomas Corneille, auf gefuehrt. Dieses Trauerspiel ist fast +das einzige, welches sich aus der betraechtlichen Anzahl der Stuecke des +juengern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird +auf den deutschen Buehnen noch oefterer wiederholt, als auf den +franzoesischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher +bereits Calprenede die naemliche Geschichte bearbeitet hatte. + +"Es ist gewiss", schreibt Corneille, "dass der Graf von Essex bei der +Koenigin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr +stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr +auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verstaendnisses mit dem Grafen +von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwaehlet hatten. +Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando +der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf, +ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um +Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die +Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, dass ich +sie in einem wichtigen Stuecke verfaelscht haette, weil ich mich des +Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Koenigin dem Grafen zum +Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines +Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muss mich +dieses sehr befremden. Ich bin versichert, dass dieser Ring eine Erfindung +des Calprenede ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das +geringste davon gelesen." + +Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu +nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, dass er ihn fuer +eine poetische Erfindung erklaerte. Seine historische Richtigkeit ist +neuerlich fast ausser Zweifel gesetzt worden; und die bedaechtlichsten, +skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre +Werke aufgenommen. + +Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut +redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die +gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste +war diese, dass dieses Uebel aus einer betruebten Reue wegen des Grafen von +Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz ausserordentliche Achtung fuer +das Andenken dieses ungluecklichen Herrn; und wiewohl sie oft ueber seine +Hartnaeckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne +Traenen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung +mit neuer Zaertlichkeit belebte und ihre Betruebnis noch mehr vergaellte. +Die Graefin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wuenschte die +Koenigin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung +sie nicht ruhig wuerde sterben lassen. Wie die Koenigin in ihr Zimmer kam, +sagte ihr die Graefin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen +worden, gewuenscht, die Koenigin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die +Art, die Ihro Majestaet ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr +naemlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit +der Versicherung geschenkt, dass, wenn er ihr denselben, bei einem +etwanigen Ungluecke, als ein Zeichen senden wuerde, er sich ihrer voelligen +Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person, +durch welche er ihn habe uebersenden wollen; durch ein Versehen aber sei +er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Haende geraten. Sie habe +ihrem Gemahl die Sache erzaehlt (er war einer von den unversoehnlichsten +Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Koenigin +zu geben noch dem Grafen zurueckzusenden. Wie die Graefin der Koenigin ihr +Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth, +die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene +Ungerechtigkeit einsahe, dass sie ihn im Verdacht eines unbaendigen +Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es +nimmermehr!' Sie verliess das Zimmer in grosser Entsetzung, und von dem +Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gaenzlich. Sie nahm weder Speise +noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein +Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Naechte auf einem Polster, ohne ein +Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen, +auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst +der Seelen und von so langem Fasten ganz entkraeftet, den Geist aufgab." + + + + +Dreiundzwanzigstes Stueck +Den 17. Julius 1767 + +Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise +kritisiert. Ich moechte nicht gegen ihn behaupten, dass "Essex" ein +vorzueglich gutes Stueck sei; aber das ist leicht zu erweisen, dass viele +von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden, +teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den +richtigsten und wuerdigsten Begriff von der Tragoedie voraussetzen. + +Es gehoert mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, dass er ein +sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem +"Essex" auf dieses sein Streitross und tummelte es gewaltig herum. Schade +nur, dass alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert +sind, den er erregt. + +Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewusst; +und zum Gluecke fuer den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender. +"Itzt", sagt er, "kennen wir die Koenigin Elisabeth und den Grafen Essex +besser; itzt wuerden einem Dichter dergleichen grobe Verstossungen wider +die historische Wahrheit schaerfer aufgemutzet werden". + +Und welches sind denn diese Verstossungen? Voltaire hat ausgerechnet, dass +die Koenigin damals, als sie dem Grafen den Prozess machen liess, +achtundsechzig Jahr alt war. "Es waere also laecherlich", sagt er, "wenn +man sich einbilden wollte, dass die Liebe den geringsten Anteil an dieser +Begebenheit koenne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Laecherliches +in der Welt? Sich etwas Laecherliches als geschehen denken, ist das so +laecherlich? "Nachdem das Urteil ueber den Essex abgegeben war", sagt Hume, +"fand sich die Koenigin in der aeussersten Unruhe und in der grausamsten +Ungewissheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge fuer ihre +eigene Sicherheit und Bekuemmernis um das Leben ihres Lieblings stritten +unaufhoerlich in ihr: und vielleicht, dass sie in diesem quaelenden Zustande +mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte +den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal ueber das andere; itzt war sie +fast entschlossen, ihn dem Tode zu ueberliefern; den Augenblick darauf +erwachte ihre Zaertlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des +Grafen liessen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, dass er +selbst den Tod wuensche, dass er selbst erklaeret habe, wie sie doch anders +keine Ruhe vor ihm haben wuerde. Wahrscheinlicherweise tat diese Aeusserung +von Reue und Achtung fuer die Sicherheit der Koenigin, die der Graf sonach +lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als +sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer +alten Leidenschaft, die sie so lange fuer den ungluecklichen Gefangnen +genaehret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhaertete, +war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten. +Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus +Verdruss, dass er nicht erfolgen wollte, liess sie dem Rechte endlich seinen +Lauf." + +Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre +geliebt haben, sie, die sich so gern lieben liess? Sie, der es so sehr +schmeichelte, wenn man ihre Schoenheit ruehmte? Sie, die es so wohl +aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muss in diesem +Stuecke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Hoeflinge stellten +sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestaet, +mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der laecherlichsten Galanterie. +Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen +Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die +Koenigin eine Venus, eine Diane, und ich weiss nicht was, war. Gleichwohl +war diese Goettin damals schon sechzig Jahr alt. Fuenf Jahr darauf fuehrte +Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die naemliche Sprache mit +ihr. Kurz, Corneille ist hinlaenglich berechtiget gewesen, ihr alle die +verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zaertliche Weib mit der +stolzen Koenigin in einen so interessanten Streit bringet. + +Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfaelschet. +"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille +macht: er hat nie etwas Merkwuerdiges getan." Aber wenn er es nicht war, +so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die +Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil laesst, +hielt er so sehr fuer sein Werk, dass er es durchaus nicht leiden wollte, +wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmasste. Er erbot sich, es mit +dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er +kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten +zu beweisen, dass sie ihm allein zugehoere. + +Corneille laesst den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom +Cecil, vom Cobhan, sehr veraechtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht +gutheissen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so +groeblich zu verfaelschen, und Maenner von so vornehmer Geburt, von so +grossen Verdiensten, so unwuerdig zu misshandeln. "Aber hier koemmt es ja gar +nicht darauf an, was diese Maenner waren, sondern wofuer sie Essex hielt; +und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und +gar keine einzuraeumen. + +Wenn Corneille den Essex sagen laesst, dass es nur an seinem Willen +gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so laesst er ihn freilich etwas +sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire haette +darum doch nicht ausrufen muessen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was fuer +Recht? unter was fuer Vorwande? wie waere das moeglich gewesen?" Denn +Voltaire haette sich erinnern sollen, dass Essex von muetterlicher Seite aus +dem koeniglichen Hause abstammte, und dass es wirklich Anhaenger von ihm +gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zaehlen, +die Ansprueche auf die Krone machen koennten. Als er daher mit dem Koenige +Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, liess er es das erste +sein, ihn zu versichern, dass er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken +nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger, +als was ihn Corneille voraussetzen laesst. + +Indem also Voltaire durch das ganze Stueck nichts als historische +Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Ueber eine hat +sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn naemlich Voltaire die erstern +Lieblinge der Koenigin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert +Dudley und den Grafen von Leicester. Er wusste nicht, dass beide nur eine +Person waren, und dass man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den +Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen koennte. +Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der +Ohrfeige verfaellt, die die Koenigin dem Essex gab. Es ist falsch, dass er +sie nach seiner ungluecklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie +lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, dass er damals den Zorn +der Koenigin durch die geringste Erniedrigung zu besaenftigen gesucht, dass +er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art muendlich und schriftlich +seine Empfindlichkeit darueber ausliess. Er tat zu seiner Begnadigung auch +nicht wieder den ersten Schritt; die Koenigin musste ihn tun. + +Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von +Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des +Corneille haette angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur +dieser gegen ihn annehmen. + +Die ganze Tragoedie des Corneille sei ein Roman: wenn er ruehrend ist, wird +er dadurch weniger ruehrend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat? + +Weswegen waehlt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere +aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche +ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu +zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede +nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden +sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der +gewoehnlichen Praxi der Dichter uebereinstimmender auszudruecken: sind es +die blossen Fakta, die Umstaende der Zeit und des Ortes, oder sind es die +Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum +der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit waehlet? Wenn es die +Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der +Dichter von der historischen Wahrheit abgehen koenne? In allem, was die +Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm +heilig; diese zu verstaerken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist +alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste +wesentliche Veraenderung wuerde die Ursache aufheben, warum sie diese und +nicht andere Namen fuehren; und nichts ist anstoessiger, als wovon wir uns +keine Ursache geben koennen. + + +----Fussnote + +[1] "Le Chateau d'Otrante", Pref. p. XIV. + +----Fussnote + + + + +Vierundzwanzigstes Stueck +Den 21. Julius 1767 + +Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von +dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Koenigin dieses Namens +beilegt; wenn wir in ihr die Unentschluessigkeit, die Widersprueche, die +Beaengstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und +zaertliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei +diesen und jenen Umstaenden wirklich verfallen ist, sondern auch nur +verfallen zu koennen vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert +finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun +obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn +vor den Richterstuhl der Geschichte fuehren, um ihn da jedes Datum, jede +beilaeufige Erwaehnung, auch wohl solcher Personen, ueber welche die +Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heisst +ihn und seinen Beruf verkennen, heisst von dem, dem man diese Verkennung +nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren. + +Zwar bei dem Herrn von Voltaire koennte es leicht weder Verkennung noch +Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und +ohnstreitig ein weit groesserer, als der juengere Corneille. Es waere denn, +dass man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der +Kunst haben koennte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die +ganze Welt weiss, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften +hier und da aehnlich sieht, ist nichts als Laune; aus blosser Laune spielt +er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den +Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf. + +Sollte er umsonst wissen, dass Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als +sie den Grafen koepfen liess? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt, +noch eifersuechtig! Die grosse Nase der Elisabeth dazu genommen, was fuer +lustige Einfaelle muss das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfaelle +in dem Kommentare ueber eine Tragoedie; also da, wo sie nicht hingehoeren. +Der Dichter haette recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr +Notenmacher, diese Schwaenke gehoeren in Eure allgemeine Geschichte, nicht +unter meinen Text. Denn es ist falsch, dass meine Elisabeth achtundsechzig +Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stuecke, +das Euch hinderte, sie nicht ungefaehr mit dem Essex von gleichem Alter +anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie? +Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr +den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt +Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, dass die Erinnerung +bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen +hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine +wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja +meine Elisabeth; und seine eigene Augen ueberzeugen ihn, dass es nicht Eure +achtundsechzigjaehrige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras +mehr glauben, als seinen eignen Augen?"-- + +So ungefaehr koennte sich auch der Dichter ueber die Rolle des Essex erklaeren. +"Euer Essex im Rapin de Thoyras", koennte er sagen, "ist nur der Embryo +von dem meinigen. Was sich jener zu sein duenkte, ist meiner wirklich. Was +jener, unter gluecklichem Umstaenden, fuer die Koenigin vielleicht getan +haette, hat meiner getan. Ihr hoert ja, dass es ihm die Koenigin selbst +zugesteht; wollt Ihr meiner Koenigin nicht ebensoviel glauben, als dem +Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und grosser, aber stolzer +und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so gross, noch so +unbiegsam: desto schlimmer fuer ihn. Genug fuer mich, dass er doch immer +noch gross und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe +seinen Namen zu lassen." + +Kurz: die Tragoedie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist +fuer die Tragoedie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir +gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der +Geschichte mehrere Umstaende zur Ausschmueckung und Individualisierung +seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur dass man ihm hieraus +ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache! + +Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr +bereit, das uebrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben. +"Essex" ist ein mittelmaessiges Stueck, sowohl in Ansehung der Intrige als +des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu +machen; ihn mehr aus Verzweiflung, dass er der ihrige nicht sein kann, als +aus edelmuetigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten +herabzulassen, auf das Schafott zu fuehren: das war der ungluecklichste +Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl +haben musste. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Uebersetzung +ist er oft kriechend geworden. Aber ueberhaupt ist das Stueck nicht ohne +Interesse und hat hier und da glueckliche Verse, die aber im Franzoesischen +gluecklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von +Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des +Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und +mit einem grossen blauen Bande ueber die Schulter darin erscheinen koennen. +Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das +macht Eindruck. Uebrigens ist die Zahl der guten Tragoedien bei allen +Nationen in der Welt so klein, dass die, welche nicht ganz schlecht sind, +noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur +aufgestutzet werden." + +Er bestaetiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne +Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich +vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnuegen erinnern +duerfte. Ich teile die vorzueglichsten also hier mit; in der festen +Ueberzeugung, dass die Kritik dem Genusse nicht schadet und dass diejenigen, +welche ein Stueck am schaerfesten zu beurteilen gelernt haben, immer +diejenigen sind, welche das Theater am fleissigsten besuchen. + +"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige +Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muss man die Farben +in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat. + +Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernuenftige, tugendhafte +Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der +Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser +Charakter wuerde sehr schoen sein, wenn er mehr Leben haette, und wenn er +zur Verwickelung etwas beitruege; aber hier vertritt sie bloss die Stelle +eines Freundes. Das ist fuer das Theater nicht hinlaenglich. + +Mich duenket, dass alles, was die Personen in dieser Tragoedie sagen und +tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die +Handlung muss deutlich, der Knoten verstaendlich und jede Gesinnung plan +und natuerlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was +will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen? +Ist er schuldig, oder ist er faelschlich angeklagt? Wenn ihn die Koenigin +fuer unschuldig haelt, so muss sie sich seiner annehmen. Ist er aber +schuldig: so ist es sehr unvernuenftig, die Vertraute sagen zu lassen, +dass er nimmermehr um Gnade bitten werde, dass er viel zu stolz dazu sei. +Dieser Stolz schickt sich sehr wohl fuer einen tugendhaften unschuldigen +Helden, aber fuer keinen Mann, der des Hochverrats ueberwiesen ist. Er +soll sich unterwerfen: sagt die Koenigin. Ist das wohl die eigentliche +Gesinnung, die sie haben muss, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun +unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth +darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als +mich selbst: sagt die Koenigin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen +gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen +Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten +nicht, dass ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und +unterdruecken, wie es durch das ganze Stueck, obwohl ganz ohne +Grund, heisst. + +Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug +werden, ob er ihn fuer schuldig oder fuer unschuldig haelt. Er stellt der +Koenigin vor, dass der Anschein oefters betriege, dass man alles von der +Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe. +Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Koenigin. Was hatte er +dieses noetig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was +soll der Zuschauer glauben? Der weiss ebensowenig, woran er mit der +Verschwoerung des Grafen, als woran er mit der Zaertlichkeit der Koenigin +gegen ihn ist. + +Salisbury sagt der Koenigin, dass man die Unterschrift des Grafen +nachgemacht habe. Aber die Koenigin laesst sich im geringsten nicht +einfallen, einen so wichtigen Umstand naeher zu untersuchen. Gleichwohl +war sie als Koenigin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht +einmal auf diese Eroeffnung, die sie doch begierig haette ergreifen muessen. +Sie erwidert bloss mit andern Worten, dass der Graf allzu stolz sei, und +dass sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten." + +Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht +war?" + + + + +Fuenfundzwanzigstes Stueck +Den 24. Julius 1767 + +"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben, +als die Koenigin davon ueberzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er +kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht. +Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemaess? Soll er aus Liebe +zur Irton so widersinnig handeln: so haette ihn der Dichter durch das +ganze Stueck von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen muessen. Die +Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser +Heftigkeit sehen wir ihn nicht. + +Der Stolz der Koenigin streitet unaufhoerlich mit dem Stolze des Essex; ein +solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie +handeln laesst, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen, +blosser Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um +Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muss vergessen, dass +Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie +verlangt, dass der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches +er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muss es vergessen, +und er vergisst es wirklich, um sich bloss mit den Gesinnungen des Stolzes +zu beschaeftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist. + +Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie +sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher +dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die fuer sich +selbst ruehrend ist.--Ein grosser Mann, den man auf das Schafott fuehret, +wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch +ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefaehr eben den Eindruck, den die +Wirklichkeit selbst machen wuerde." + +So viel liegt fuer den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch +diese allein koennen die schwaechsten, verwirrtesten Stuecke eine Art von +Glueck machen; und ich weiss nicht, wie es koemmt, dass es immer solche +Stuecke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen. +Selten wird ein Meisterstueck so meisterhaft vorgestellt, als es +geschrieben ist; das Mittelmaessige faehrt mit ihnen immer besser. +Vielleicht, weil sie in dem Mittelmaessigen mehr von dem ihrigen hinzutun +koennen; vielleicht, weil uns das Mittelmaessige mehr Zeit und Ruhe laesst, +auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmaessigen +alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt +dass in einem vollkommenem Stuecke oefters eine jede Person ein Hauptakteur +sein muesste, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt, +zugleich auch die uebrigen verderben hilft. + +Beim "Essex" koennen alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder +der Graf noch die Koenigin sind von dem Dichter mit der Staerke geschildert, +dass sie durch die Aktion nicht noch weit staerker werden koennten. Essex +spricht so stolz nicht, dass ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung, +in jeder Gebaerde, in jeder Miene noch stolzer zeigen koennte. Es ist sogar +dem Stolze wesentlich, dass er sich weniger durch Worte, als durch das +uebrige Betragen aeussert. Seine Worte sind oefters bescheiden, und es laesst +sich nur sehen, nicht hoeren, dass es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese +Rolle muss also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen +Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht voellig so; aber doch kann sie +auch schwerlich ganz verungluecken. Elisabeth ist so zaertlich als stolz; +ich glaube ganz gern, dass ein weibliches Herz beides zugleich sein kann; +aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen koenne, das begreife +ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht +viel Zaertlichkeit, und einer zaertlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen +es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen +den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich +gelaeufig sind; hat sie aber nur die einen vorzueglich in ihrer Gewalt, +so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrueckt, zwar +empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, dass sie dieselbe so +lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen +als die Natur? Ist sie von einem majestaetischen Wuchse, toent ihre Stimme +voller und maennlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell +und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen; +aber wie steht es mit den zaertlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger +imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein +bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in +ihrer Bewegung mehr Anstand und Wuerde, als Kraft und Geist: so wird sie +den zaertlichen Stellen die voelligste Genuege leisten; aber auch den +stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiss nicht; sie wird sie +noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zuernende Liebhaberin in +ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren +General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich +meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich +taeuschend zu zeigen vermoegend waeren, duerften noch seltner sein, als die +Elisabeths selber; und wir koennen und muessen uns begnuegen, wenn eine +Haelfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird. + +Madame Loewen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene +allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zaertliche +Frau, als die stolze Monarchin sehen und hoeren lassen. Ihre Bildung, ihre +Stimme, ihre bescheidene Aktion liessen es nicht anders erwarten; und mich +duenkt, unser Vergnuegen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig +eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als dass nicht +die Koenigin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte: +so, glaube ich, ist es zutraeglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und +der Koenigin, als von der Liebhaberin und der Zaertlichkeit verloren geht. + +Es ist nicht bloss eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch +weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu +machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein wuerde, wenn ihr +diese Rolle auch gar nicht gelungen waere. Ich weiss einem Kuenstler, er sei +von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu +machen; und diese besteht darin, dass ich annehme, er sei von aller eiteln +Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm ueber alles, er hoere gern +frei und laut ueber sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und +wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht +versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht +wert, dass wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal, +dass wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch +so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, dass wir auch Augen und +Gefuehl fuer seine Schwaeche haben. Er spottet bei sich ueber jede +uneingeschraenkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von +dem er weiss, dass er auch das Herz hat, ihn zu tadeln. + +Ich wollte sagen, dass sich Gruende anfuehren lassen, warum es besser ist, +wenn die Aktrice mehr die zaertliche als die stolze Elisabeth ausdrueckt. +Stolz muss sie sein, das ist ausgemacht: und dass sie es ist, das hoeren +wir. Die Frage ist nur, ob sie zaertlicher als stolz, oder stolzer als +zaertlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu waehlen +haette, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte +Koenigin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der raecherischen +Majestaet, auszudruecken vermoechte, oder die, welche die eifersuechtige +Liebhaberin, mit allen kraenkenden Empfindungen der verschmaehten Liebe, +mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller +Beaengstigung ueber seine Hartnaeckigkeit, mit allem Jammer ueber seinen +Verlust, angemessener waere? Und ich sage: diese. + +Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des naemlichen Charakters +vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so +muss sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die +Zaertlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muss +bei der Koenigin die Zaertlichkeit den Stolz ueberwiegen. Wenn der Graf sich +eine hoehere Miene gibt, als ihm zukommt, so muss die Koenigin etwas weniger +zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer +in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist, +herabblicken lassen, wuerde die ekelste Einfoermigkeit sein. Man muss nicht +glauben koennen, dass Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle waere, ebenso +wie Essex handeln wuerde. Der Ausgang weiset es, dass sie nachgebender ist +als er; sie muss also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren +als er. Wer sich durch aeussere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger +Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muss. Wir wissen +darum doch, dass Elisabeth die Koenigin ist, wenn sie gleich Essex das +koeniglichere Ansehen gibt. + +Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, dass die Personen in +ihren Gesinnungen steigen, als dass sie fallen. Es ist schicklicher, dass +ein zaertlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als dass ein stolzer +von der Zaertlichkeit sich fortreissen laesst. Jener scheint sich zu erheben; +dieser zu sinken. Eine ernsthafte Koenigin, mit gerunzelter Stirne, mit +einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der +Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen koennte, wenn die zu +verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Beduerfnissen ihrer +Leidenschaft seufzet, ist fast, fast laecherlich. Eine Geliebte hingegen, +die ihre Eifersucht erinnert, dass sie Koenigin ist, erhebt sich ueber sich +selbst, und ihre Schwachheit wird fuerchterlich. + + + + +Sechsundzwanzigstes Stueck +Den 28. Julius 1767 + +Den einunddreissigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel +der Madame Gottsched, "Die Hausfranzoesin, oder die Mamsell" aufgefuehret. + +Dieses Stueck ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter +Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fuenften Bande der "Schaubuehne" +beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da +mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es +noch erhalten wuerde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen. +"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber +"Die Hausfranzoesin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts: +denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch +obendarein schmutzig, ekel, und im hoechsten Grade beleidigend. Es ist mir +unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben koennen. Ich will +hoffen, dass man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.-- + +Den zweiunddreissigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die +"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt. + +Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermassen die Stelle der +alten Choere vertritt, so haben Kenner schon laengst gewuenscht, dass die +Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stuecke gespielt wird, mit dem +Inhalte desselben mehr uebereinstimmen moechte. Herr Scheibe ist unter den +Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld fuer die Kunst +bemerkte. Da er einsahe, dass, wenn die Ruehrung des Zuschauers nicht auf +eine unangenehme Art geschwaecht und unterbrochen werden sollte, ein jedes +Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er +nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch, +besondere diesen Stuecken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche +bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und +anderwaerts aufgefuehret wurden; sondern liess sich auch in einem besondern +Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umstaendlich darueber aus, was +ueberhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung +mit Ruhm arbeiten wolle. + +"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden, +sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es +gehoeren also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu +den Lustspielen. So verschieden die Tragoedien und Komoedien unter sich +selbst sind, so verschieden muss auch die dazugehoerige Musik sein. +Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der +Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen +eine jede Abteilung gehoert, zu sehen. Daher muss die Anfangssymphonie sich +auf den ersten Aufzug des Stueckes beziehen; die Symphonien aber, die +zwischen den Aufzuegen vorkommen, muessen teils mit dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden +Aufzuges uebereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des +letzten Aufzuges gemaess sein muss." + +"Alle Symphonien zu Trauerspielen muessen praechtig, feurig und geistreich +gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen +und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten. +Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragoedien, da bald +diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen +ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die +'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, dass sich +keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die +Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufaellen +begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermassen das +Praechtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Grossmut, +die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Ungluecksfaellen im +Trauerspiele herrschen: so muss auch die Musik weit feuriger und lebhafter +sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus', +'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaire' erfordern hingegen schon eine etwas +veraenderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen +Stuecken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veraenderung der +Affekten zeigen." + +"Ebenso muessen die Komoediensymphonien ueberhaupt frei, fliessend und +zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem +eigentuemlichen Inhalte einer jeden Komoedie richten. So wie die Komoedie +bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muss auch die +Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komoedien 'Der Falke' und 'Die +beiderseitige Unbestaendigkeit' wuerden ganz andere Symphonien erfordern +als 'Der verlorne Sohn'. So wuerden sich auch nicht die Symphonien, die +sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl +schicken moechten, zum 'Unentschluessigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken. +Jene muessen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber +verdriesslicher und ernsthafter." + +"Die Anfangssymphonie muss sich auf das ganze Stueck beziehen; zugleich +aber muss sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem +ersten Auftritte uebereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Saetzen +bestehen, so wie es der Komponist fuer gut findet.--Die Symphonien +zwischen den Aufzuegen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des +vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten +sollen, werden am natuerlichsten zwei Saetze haben koennen. Im ersten kann +man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende +sehen. Doch ist solches nur allein noetig, wenn die Affekten einander +allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen, +wenn er nur die gehoerige Laenge erhaelt, damit die Beduerfnisse der +Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden +koennen.--Die Schlusssymphonie endlich muss mit dem Schlusse des Schauspiels +auf das genaueste uebereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto +nachdruecklicher zu machen. Was ist laecherlicher, als wenn der Held auf +eine unglueckliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine +lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als +wenn sich die Komoedie auf eine froehliche Art endiget, und es folgt eine +traurige und bewegliche Symphonie darauf?"-- + +"Da uebrigens die Musik zu den Schauspielen bloss allein aus Instrumenten +bestehet, so ist eine Veraenderung derselben sehr noetig, damit die Zuhoerer +desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht +verlieren moechten, wenn sie immer einerlei Instrumente hoeren sollten. Es +ist aber beinahe eine Notwendigkeit, dass die Anfangssymphonie sehr stark +und vollstaendig ist, und also desto nachdruecklicher ins Gehoer falle. Die +Veraenderung der Instrumenten muss also vornehmlich in den Zwischensymphonien +erscheinen. Man muss aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten +zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdruecken +kann, was man ausdruecken soll. Es muss also auch hier eine vernuenftige +Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher +erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei +aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veraenderung der +Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man +diesen Uebelstand vermeidet." + +Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie +in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den +Worten eines Tonkuenstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich +die Ehre der Erfindung anmassen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und +Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, dass sie +weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten +imstande sei. Die mehresten muessen es von ihren Kunstverwandten erst +hoeren, dass die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste +Aufmerksamkeit darauf wenden. + +Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was +geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der +Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankoemmt, ist noch einzig das Werk +des Genies. Denn ob es schon Tonkuenstler gibt und gegeben, die bis zur +Bewunderung darin gluecklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an +einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsaetze +aus ihren Beispielen hergeleitet haette. Aber je haeufiger diese Beispiele +werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto +eher koennen wir sie uns versprechen; und ich muesste mich sehr irren, wenn +nicht ein grosser Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkuenstler in +dergleichen dramatischen Symphonien geschehen koennte. In der Vokalmusik +hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwaechste und +schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstaerkt: in der +Instrumentalmusik hingegen faellt diese Hilfe weg, und sie sagt gar +nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der +Kuenstler wird also hier seine aeusserste Staerke anwenden muessen; er wird +unter den verschiedenen Folgen von Toenen, die eine Empfindung ausdruecken +koennen, nur immer diejenigen waehlen, die sie am deutlichsten ausdruecken; +wir werden diese oefterer hoeren, wir werden sie miteinander oefterer +vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie bestaendig gemein +haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen. + +Welchen Zuwachs unser Vergnuegen im Theater dadurch erhalten wuerde, +begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers +Theaters hat man sich daher nicht nur ueberhaupt bemueht, das Orchester in +einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch wuerdige Maenner +bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser +Art von Komposition zu machen, die ueber alle Erwartung ausgefallen sind. +Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne +Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Auffuehrung der "Semiramis" +wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgefuehrt. + + +----Fussnote + +[1] Stueck 67. + +----Fussnote + + + + +Siebenundzwanzigstes Stueck +Den 31. Julius 1767 + +Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu +machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner +ein sinnliches Vergnuegen ist, desto weniger laesst es sich mit Worten +beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprueche, in +unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und +diese sind ebenso ununterrichtend fuer den Liebhaber, als ekelhaft fuer den +Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloss nach den Absichten, +die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln ueberhaupt, deren er +sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen. + +Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Saetzen. Der erste Satz ist ein +Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Floeten; der Grundbass ist durch +Fagotte verstaerkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und +stuermisch; der Zuhoerer soll vermuten, dass er ein Schauspiel ungefaehr +dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein; +Zaertlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran; +und der zweite Satz, ein Andante mit gedaempften Violinen und +konzertierenden Fagotten, beschaeftigst sich also mit dunkeln und +mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen +Tonwendungen mit stolzen; denn die Buehne eroeffnet sich mit mehr als +gewoehnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit; +wie diese Herrlichkeit das Auge spueren muss, soll sie auch das Ohr +vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in +dem ersten, ausser dass die Hoboen, Floeten und Fagotte miteinander einige +besondere kleinere Saetze haben. + +Die Musik zwischen den Akten hat durchgaengig nur einen einzigen Satz; +dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der +sich auf das Folgende bezoege, scheinet Herr Agricola also nicht zu +billigen. Ich wuerde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik +soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das +Unerwartete, das Ueberraschende mehr als ein anderer; er laesst seinen Gang +nicht gern voraus verraten; und die Musik wuerde ihn verraten, wenn sie +die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es +ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muss auch +sie nur den allgemeinen Ton des Stuecks angeben, und nicht staerker, nicht +bestimmter, als ihn ungefaehr der Titel angibt. Man darf dem Zuhoerer wohl +das Ziel zeigen, wohin man ihn fuehren will, aber die verschiedenen Wege, +auf welchen er dahin gelangen soll, muessen ihm gaenzlich verborgen +bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus +dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern, +der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestaerkt. Denn gesetzt, dass +die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen, +einander ganz entgegen waeren, so wuerden notwendig auch die beiden Saetze +von ebenso widriger Beschaffenheit sein muessen. Nun begreife ich sehr +wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr +entgegenstehenden, zu ihrem voelligen Widerspiele, ohne unangenehme +Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach; +er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder +hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch +der Musikus? Es sei, dass er es in einem Stuecke, von der erforderlichen +Laenge, ebensowohl tun koenne; aber in zwei besondern, voneinander gaenzlich +abgesetzten Stuecken muss der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das +Stuermische, aus dem Zaertlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich +sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder ploetzliche +Uebergang aus einem Aeussersten in das andere, aus der Finsternis in das +Licht, aus der Kaelte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir +in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider +eben den, fuer den unsere Seele ganz mitleidiges Gefuehl war? oder wider +einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie laesst uns in +Ungewissheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge +unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle +diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergoetzend. Die +Poesie hingegen laesst uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren; +hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch, +warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die +ploetzlichsten Uebergaenge nicht allein ertraeglich, sondern auch angenehm. +In der Tat ist diese Motivierung der ploetzlichen Uebergaenge einer der +groessten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie +ziehet; ja vielleicht der allergroesste. Denn es ist bei weitem nicht so +notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der +Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude +einzuschraenken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer +sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende +Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewaehren koennen, zu +verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben, +welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Uebereinstimmung des +Mannigfaltigen bemerke. Nun aber wuerde, bei dem doppelten Satze zwischen +den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir +wuerden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in +eine ganz entgegengesetzte ueberspringen muessen: und das ist fuer die Musik +so gut, als erfuehren wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine ueble +Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir +nun einsehen, dass er uns nicht haette beleidigen sollen. Man glaube aber +nicht, dass sonach alle Symphonien verwerflich sein muessten, weil alle aus +mehrern Saetzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren +jeder etwas anders ausdrueckt als der andere. Sie druecken etwas anders +aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie druecken das +naemliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren +verschiednen Saetzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften +ausdrueckt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muss nur +eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muss ebendieselbe +Leidenschaft, bloss mit verschiednen Abaenderungen, es sei nun nach den +Graden ihrer Staerke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei +Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertoenen lassen und in +uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser +Beschaffenheit; das Ungestueme des ersten Satzes zerfliesst in das Klagende +des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen +Wuerde erhebet. Ein Tonkuenstler, der sich in seinen Symphonien mehr +erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden +einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren +laesst, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel +Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann ueberraschen, kann betaeuben, +kann kitzeln, nur ruehren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen +und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muss ebensowohl +Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu +belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und +jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines +dauerhaften Eindruckes faehig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem +festen Marmor, an dem sich die Hand des Kuenstlers verewigen kann. + +Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der +"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat; +Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante +mesto, bloss mit gedaempften Violinen und Bratsche. + +In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als dass er nicht +den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro +assai aus dem G-dur mit Waldhoernern, durch Floeten und Hoboen, auch den +Grundbass mitspielende Fagotte verstaerkt, drueckt den durch Zweifel und +Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz +dieses treulosen und herrschsuechtigen Ministers aus. + +In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der +ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese +Erscheinung auf die Anwesenden machen laesst. Aber der Tonkuenstler hat +sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter +unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der naemlichen +Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur dass E-Hoerner mit G-Hoernern +verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und traeges Erstaunen, +sondern die wahre wilde Bestuerzung, welche eine dergleichen Erscheinung +unter dem Volke verursachen muss. + +Die Beaengstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid; +wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen. +Bedauern und Mitleid laesst also auch die Musik ertoenen; in einem Larghetto +aus dem A-moll, mit gedaempften Violinen und Bratsche und einer +konzertierenden Hoboe. + +Endlich folget auch auf den fuenften Akt nur ein einziger Satz, ein +Adagio, aus dem E-dur, naechst den Violinen und der Bratsche, mit Hoernern, +mit verstaerkenden Hoboen und Floeten und mit Fagotten, die mit dem +Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels +angemessene und ins Erhabene gezogene Betruebnis, mit einiger Ruecksicht, +wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit +ihre warnende Stimme gegen die Grossen der Erde ebenso wuerdig als +maechtig erhebt. + +Die Absichten eines Tonkuenstlers merken, heisst ihm zugestehen, dass er sie +erreicht hat. Sein Werk soll kein Raetsel sein, dessen Deutung ebenso +muehsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm +vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob waechst mit +seiner Verstaendlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto +verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm fuer mich, dass ich recht gehoert habe; +aber fuer den Hrn. Agricola ist es ein so viel groesserer, dass in dieser +seiner Komposition niemand etwas anders gehoert hat als ich. + + + + +Achtundzwanzigstes Stueck +Den 4. August 1767 + +Den dreiunddreissigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine" +wiederholt, und den Beschluss machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus +dem Franzoesischen des Marivaux. + +Dieses kleine Stueck ist hier Ware fuer den Platz und macht daher allezeit +viel Vergnuegen. Juerge koemmt aus der Stadt zurueck, wo er einen reichen +Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glueck +aendert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben, +erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind fuer seinen Hans und fuer +seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende +Bote koemmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden, +hat Bankerott gemacht, Juerge ist wieder nichts wie Juerge, Hans bekommt +den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluss wuerde traurig genug sein, +wenn das Glueck mehr nehmen koennte, als es gegeben hat; gesund und +vergnuegt waren sie, gesund und vergnuegt bleiben sie. + +Diese Fabel haette jeder erfinden koennen; aber wenige wuerden sie so +unterhaltend zu machen gewusst haben, als Marivaux. Die drolligste Laune, +der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen +kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine +ganz eigene Wuerze. Die Uebersetzung ist von Kruegern, der das franzoesische +Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu uebertragen gewusst +hat. Es ist nur schade, dass verschiedene Stellen hoechst fehlerhaft und +verstuemmelt abgedruckt werden. Einige muessten notwendig in der Vorstellung +berichtiget und ergaenzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene. + +"Juerge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev +niks, as Gullen un Dahlers. + +Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief +Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken? + +Juerge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die. + +Lise. Woto denn, Hans Narr? + +Juerge. Foer duessen Jungen, de mie mienen Buendel op dee Reise bed in +unse Doerp dragen hed, un ik buen ganss licht und sacht hergahn. + +Lise. Buest du to Foote hergahn? + +Juerge. Ja. Wielt't veel kummoder is. + +Lise. Da hest du een Maark. + +Juerge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat. +Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig. + +Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak +dragen hed? + +Juerge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven. + +Valentin. Sollen die fuenf Schilling fuer mich, Herr Juerge? + +Juerge. Ja, mien Fruend! + +Valentin. Fuenf Schilling? ein reicher Erbe! fuenf Schillinge? ein +Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele? + +Juerge. O! et kumt mie even darop nich an, jy doerft't man seggen. +Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so." + +Wie ist das? Juerge ist zu Fusse gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert +fuenf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fuenf +Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen +Schilling hinschmeissen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb +ihm ja noch uebrig. Ohne das Franzoesische wird man sich schwerlich aus dem +Hanfe finden. Juerge war nicht zu Fusse gekommen, sondern mit der Kutsche: +und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging +vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, liess +er sich bis zu seinem Hause das Buendel nachtragen. Dafuer gibt er dem +Jungen die fuenf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das +hat er fuer die Kutsche bezahlen muessen, und er erzaehlt ihr nur, wie +geschwind er mit dem Kutscher darueber fertig geworden.[1] + +Den vierunddreissigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der +Zerstreute" des Regnard aufgefuehrt. + +Ich glaube schwerlich, dass unsere Grossvaeter den deutschen Titel dieses +Stuecks verstanden haetten. Noch Schlegel uebersetzte Distrait durch +"Traeumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der +Analogie des Franzoesischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das +Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen, +nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das +ist genug. + +Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er +fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreissig Jahr darauf, als +ihn die Komoedianten wieder versuchten, fand er einen so viel groessern. +Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht +unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stueck als eine gute foermliche +Komoedie, wofuer es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm +es fuer nichts mehr auf, als es ist; fuer eine Farce, fuer ein Possenspiel, +das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes +Publikum dachte: + + --non satis est risu diducere rictum + Auditoris-- + +und dieses: + + --et est quaedam tamen hic quoque virtus. + +Ausser der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlaessig +ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Muehe gemacht haben. Den +Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyere voellig entworfen. +Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Zuege teils in Handlung zu +bringen, teils erzaehlen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufuegte, +will nicht viel sagen. + +Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere +Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralitaet fassen will, desto +mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf fuer die Komoedie sein. Warum +nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglueck; und +kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden, +als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komoedie muesse sich nur mit Fehlern +abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei, +der lasse sich durch Spoettereien ebensowenig bessern als ein Hinkender. + +Aber ist es denn wahr, dass die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist, +dem unsere besten Bemuehungen nicht abhelfen koennen? Sollte sie wirklich +mehr natuerliche Verwahrlosung als ueble Angewohnheit sein? Ich kann es +nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir +es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir +wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch +unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht, +was er, seinen itzigen sinnlichen Eindruecken zufolge, denken sollte. +Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betaeubt, nicht ausser Taetigkeit +gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwaerts taetig. Aber so gut +sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natuerlicher +Beruf, bei den sinnlichen Veraenderungen ihres Koerpers gegenwaertig zu sein; +es kostet Muehe, sie dieses Berufs zu entwoehnen, und es sollte unmoeglich +sein, ihr ihn wieder gelaeufig zu machen? + +Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben, +dass wir in der Komoedie nur ueber moralische Fehler, nur ueber verbesserliche +Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel +und Realitaet ist laecherlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit +auseinander. Wir koennen ueber einen Menschen lachen, bei Gelegenheit +seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so +bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch +neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komoedie gemacht hat, nur daher +entstanden, weil er ihn nicht gehoerig in Erwaegung gezogen. "Moliere", +sagt er z.E., "macht uns ueber den Misanthropen zu lachen, und doch ist +der Misanthrop der ehrliche Mann des Stuecks; Moliere beweiset sich also +als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften veraechtlich macht." + +Nicht doch; der Misanthrop wird nicht veraechtlich, er bleibt, wer er ist, +und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der +Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste. +Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen ueber ihn, aber verachten wir ihn +darum? Wir schaetzen seine uebrige guten Eigenschaften, wie wir sie +schaetzen sollen; ja ohne sie wuerden wir nicht einmal ueber seine +Zerstreuung lachen koennen. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften, +nichtswuerdigen Manne, und sehe, ob sie noch laecherlich sein wird? Widrig, +ekel, haesslich wird sie sein; nicht laecherlich. + + +----Fussnote + +[1] +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons +que de grosses pieces. + +Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec +tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire? + +Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je. + +Claudine. Pourquoi donc, Nicodeme? + +Blaise. Pour ce garcon qui apporte mon paquet depis la voiture +jusqu'a cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et a mon +aise. + +Claudine. T'es venu dans la voiture? + +Blaise. Oui, parce que cela est plus commode. + +Claudine. T'a baille un ecu? + +Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un ecu, ce +m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ca. + +Claudine. Et tu depenses cinq sols en porteurs de paquets? + +Blaise. Oui, par maniere de recreation. + +Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise? + +Blaise. Oui, mon ami. etc. + +----Fussnote + + + +Neunundzwanzigstes Stueck +Den 7. August 1767 + +Die Komoedie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen; +nicht gerade diejenigen Unarten, ueber die sie zu lachen macht, noch +weniger bloss und allein die, an welchen sich diese laecherlichen Unarten +finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der +Uebung unserer Faehigkeit, das Laecherliche zu bemerken; es unter allen +Bemaentelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen +mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln +des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, dass +der "Geizige" des Moliere nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard +nie einen Spieler gebessert habe; eingeraeumt, dass das Lachen diese Toren +gar nicht bessern koenne: desto schlimmer fuer sie, aber nicht fuer die +Komoedie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen +kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem +Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt, +ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben +andere, mit welchen sie leben muessen; es ist erspriesslich, diejenigen zu +kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; erspriesslich, sich +wider alle Eindruecke des Beispiels zu verwahren. Ein Praeservativ ist auch +eine schaetzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kraeftigers, +wirksamers, als das Laecherliche.-- + +"Das Raetsel oder Was den Damen am meisten gefaellt", ein Lustspiel in +einem Aufzuge von Herr Loewen, machte diesen Abend den Beschluss. + +Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzaehlungen und Maerchen geschrieben +haetten, so wuerde das franzoesische Theater eine Menge Neuigkeiten haben +entbehren muessen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen +Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plait aux dames" gab den Stoff +zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzuegen, welches +unter dem Titel "La fee Urgele", von den italienischen Komoedianten zu +Paris, im Dezember 1765 aufgefuehret ward. Herr Loewen scheinet nicht +sowohl dieses Stueck, als die Erzaehlung des Voltaire selbst vor Augen +gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsaeule mit auf den +Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die +primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, dass dieses oder +jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so +ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Loewen wegen der +Einrichtung seines Stuecks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem +Hexenmaerchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Loewen selbst gibt +sein Raetsel fuer nichts anders, als fuer eine kleine Plaisanterie, die auf +dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und +Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es waere blosser +Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar +nicht original, aber doch gut getroffen. Nur duenkt mich, dass ein +Waffentraeger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der +irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen +will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gruendet und ritterliche +Abenteuer als ruehmliche Handlungen eines vernuenftigen und tapfern Mannes +annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien +muss man nicht zergliedern wollen. + +Den fuenfunddreissigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in +Gegenwart Sr. Koenigl. Majestaet von Daenemark, die "Rodogune" des Peter +Corneille aufgefuehrt. + +Corneille bekannte, dass er sich auf dieses Trauerspiel das meiste +einbilde, dass er es weit ueber seinen "Cinna" und "Cid" setze, dass seine +uebrige Stuecke wenig Vorzuege haetten, die in diesem nicht vereint +anzutreffen waeren; ein gluecklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke +Verse, ein gruendliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt +zu Akt immer wachsendes Interesse.-- + +Es ist billig, dass wir uns bei dem Meisterstuecke dieses grossen Mannes +verweilen. + +Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzaehlt Appianus Alexandrinus +gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit +dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte +als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Koeniges Phraates, mit +dessen Schwester Rodogune er sich vermaehlte. Inzwischen bemaechtigte sich +Diodotus, der den vorigen Koenigen gedienet hatte, des syrischen Thrones +und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen +Namen er als Vormund anfangs die Regierung fuehrte. Bald aber schaffte er +den jungen Koenig aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab +sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Koenigs, +das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu +Rhodus, wo er sich aufhielt, hoerte, kam er nach Syrien zurueck, ueberwand +mit vieler Muehe den Tryphon und liess ihn hinrichten. Hierauf wandte er +seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders. +Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch +wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus +zum Treffen, in welchem dieser den kuerzern zog und sich aus Verzweiflung +selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret +war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Hass gegen die Rodogune +umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruss ueber diese Heirat, sich +mit dem naemlichen Antiochus, seinem Bruder, vermaehlet hatte. Sie hatte +von dem Demetrius zwei Soehne, wovon sie den aeltesten, mit Namen Seleukus, +der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhaendig mit einem +Pfeile erschoss; es sei nun, weil sie besorgte, er moechte den Tod seines +Vaters an ihr raechen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemuetsart dazu +veranlasste. Der juengste Sohn hiess Antiochus; er folgte seinem Bruder in +der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, dass sie den +Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken musste." + +In dieser Erzaehlung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es wuerde +Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen +"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus +zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was +ihn aber vorzueglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die +usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug raechen zu +koennen glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, dass +sonach sein Stueck nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heissen sollte. +Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, dass die Zuhoerer diese +Koenigin von Syrien mit jener beruehmten letzten Koenigin von Aegypten +gleichen Namens verwechseln duerften, wollte er lieber von der zweiten, +als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt +er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu koennen, da ich angemerkt +hatte, dass die Alten selbst es nicht fuer notwendig gehalten, ein Stueck +eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl +nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil +hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles +eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man +itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen +wuerde." Diese Bemerkung ist an und fuer sich sehr richtig; die Alten +hielten den Titel fuer ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht, +dass er den Inhalt angeben muesse; genug, wenn dadurch ein Stueck von dem +andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand +hinlaenglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, dass Sophokles das +Stueck, welches er "Die Trachinerinnen" ueberschrieb, wuerde haben +"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden +Titel zu geben, aber ihm einen verfuehrerischen Titel zu geben, einen +Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen +moechte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des +Corneille ging hiernaechst zu weit; wer die aegyptische Kleopatra kennet, +weiss auch, dass Syrien nicht Aegypten ist, weiss, dass mehr Koenige und +Koeniginnen einerlei Namen gefuehrt haben: wer aber jene nicht kennt, kann +sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens haette Corneille in dem +Stueck selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfaeltig vermeiden sollen; +die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der +deutsche Uebersetzer tat daher sehr wohl, dass er sich ueber diese kleine +Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muss +seine Leser oder Zuhoerer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl +manchmal denken: was sie nicht wissen, das moegen sie fragen! + + + + +Dreissigstes Stueck +Den 11. August 1767 + +Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschiesst den einen +von ihren Soehnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel +folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde +nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens laesst es sich mit +Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die einzige Eifersucht ein wuetendes +Eheweib zu einer ebenso wuetenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin +an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und +die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes +Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht +allein besitzen konnte. Demetrius muss nicht leben, weil er fuer Kleopatra +nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl faellt; aber in ihm faellt +auch ein Vater, der raechende Soehne hinterlaesst. An diese hatte die Mutter +in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Soehne +gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher +Eifer doch, wenn er unter Eltern waehlen muesste, ohnfehlbar sich fuer den +zuerst beleidigten Teil erklaeren wuerde. Sie fand es aber so nicht; der +Sohn ward Koenig, und der Koenig sahe in der Kleopatra nicht die Mutter, +sondern die Koenigsmoerderin. Sie hatte alles von ihm zu fuerchten; und von +dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem +Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Soehnen uebrig; sie fing an, +alles zu hassen, was sie erinnern musste, ihn einmal geliebt zu haben; die +Selbsterhaltung staerkte diesen Hass; die Mutter war fertiger als der Sohn, +die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten +Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem +Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, dass sie ihn nur an dem +begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, dass sie eigentlich +nicht morde, dass sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des +aeltere Sohnes waere auch das Schicksal des juengern geworden; aber dieser +war rascher, oder war gluecklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu +trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen raechet +das andere; und es koemmt bloss auf die Umstaende an, auf welcher Seite wir +mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen. + +Dieser dreifache Mord wuerde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang, +ihr Mittel und ihr Ende in der naemlichen Leidenschaft der naemlichen +Person haette. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragoedie? Fuer das +Genie fehlt ihr nichts: fuer den Stuemper alles. Da ist keine Liebe, da +ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer +Zwischenfall; alles geht seinen natuerlichen Gang. Dieser natuerliche Gang +reizet das Genie; und den Stuemper schrecket er ab. Das Genie koennen nur +Begebenheiten beschaeftigen, die ineinander gegruendet sind, nur Ketten von +Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurueckzufuehren, jene gegen diese +abzuwaegen, ueberall das Ungefaehr auszuschliessen, alles, was geschieht, so +geschehen zu lassen, dass es nicht anders geschehen koennen: das, das ist +seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnuetzen +Schaetze des Gedaechtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der +Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegruendete, sondern nur +auf das Aehnliche oder Unaehnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die +dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, haelt sich bei Begebenheiten +auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als dass sie zugleich +geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu +flechten und zu verwirren, dass wir jeden Augenblick den einen unter dem +andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestuerzt werden; das +kann er, der Witz; und nur das. Aus der bestaendigen Durchkreuzung solcher +Faeden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in +der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von +dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, gruen oder gelb ist; der +beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet; +ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz fuer Kinder. + +Nun urteile man, ob der grosse Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie +oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser +Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand +in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung. + +Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus +Eifersucht? dachte Corneille: das waere ja eine ganz gemeine Frau; nein, +meine Kleopatra muss eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern +verloren haette, aber durchaus nicht den Thron; dass ihr Mann Rodogunen +liebt, muss sie nicht so sehr schmerzen, als dass Rodogune Koenigin sein +soll, wie sie; das ist weit erhabner.-- + +Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatuerlicher. Denn einmal ist der +Stolz ueberhaupt ein unnatuerlicheres, ein gekuenstelteres Laster, als die +Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatuerlicher, als +der Stolz eines Mannes. Die Natur ruestete das weibliche Geschlecht zur +Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zaertlichkeit, nicht Furcht +erwecken; nur seine Reize sollen es maechtig machen; nur durch Liebkosungen +soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es geniessen +kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloss des Herrschens wegen, gefaellt, +bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere +Glueckseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuss +ganzen Voelkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal, +auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet +eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das +minder Natuerliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist, +die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle +Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um +sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr +tugendhaft und liebenswuerdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea +begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zaertlichen, eifersuechtigen Frau +will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu +heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus ueberlegtem +Ehrgeize Freveltaten veruebet, empoert sich das ganze Herz; und alle Kunst +des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an, +wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesaettiget +haben, so danken wir dem Himmel, dass sich die Natur nur alle tausend +Jahre einmal so verirret, und aergern uns ueber den Dichter, der uns +dergleichen Missgeschoepfe fuer Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns +erspriesslich sein koennte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter +funfzig Frauen, die ihre Maenner vom Throne gestuerzet und ermordet haben, +ist kaum eine, von der man nicht beweisen koennte, dass nur beleidigte +Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus blossem Regierungsneide, aus +blossem Stolze das Zepter selbst zu fuehren, welches ein liebreicher +Ehemann fuehrte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele, +nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen, +haben diese Regierung hernach mit allem maennlichen Stolze verwaltet: das +ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, muerrischen, treulosen Gatten +alles, was die Unterwuerfigkeit Kraenkendes hat, zu sehr erfahren, als dass +ihnen nachher ihre mit der aeussersten Gefahr erlangte Unabhaengigkeit nicht +um so viel schaetzbarer haette sein sollen. Aber sicherlich hat keine das +bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von +sich sagen laesst; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der groesste +Boesewicht weiss sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst +zu ueberreden, dass das Laster, welches er begeht, kein so grosses Laster +sei, oder dass ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge. +Es ist wider alle Natur, dass er sich des Lasters, als Lasters, ruehmet; +und der Dichter ist aeusserst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glaenzendes +und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen laesst, als ob +seine Grundneigungen auf das Boese, als auf das Boese, gehen koennten. + +Dergleichen missgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden, +sind indes bei keinem Dichter haeufiger, als bei Corneillen, und es koennte +leicht sein, dass sich zum Teil sein Beiname des Grossen mit darauf gruende. +Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines +faehig sein sollte, und wirklich auch keines faehig ist: das Laster. Den +Ungeheuern, den Gigantischen haette man ihn nennen sollen; aber nicht den +Grossen. Denn nichts ist gross, was nicht wahr ist. + + + + +Einunddreissigstes Stueck +Den 14. August 1767 + +In der Geschichte raechet sich Kleopatra bloss an ihrem Gemahle; an +Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht raechen. Bei dem Dichter ist +jene Rache laengst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloss erzaehlt, +und alle Handlung des Stuecks geht auf Rodogunen. Corneille will seine +Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muss sich noch gar +nicht geraechet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen +raechet. Einer Eifersuechtigen ist es allerdings natuerlich, dass sie gegen +ihre Nebenbuhlerin noch unversoehnlicher ist, als gegen ihren treulosen +Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder +gar nicht eifersuechtig; sie ist bloss ehrgeizig; und die Rache einer +Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersuechtigen aehnlich sein. Beide +Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als dass ihre Wirkungen die +naemlichen sein koennten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut, +und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als dass die Rache des +Ehrgeizigen ohne Mass und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck +verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht, +kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kaelter und +ueberlegender zu werden anfaengt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach +dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer +ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergisst er es auch wohl, dass er +ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fuerchten hat, den verachtet er; und +wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht +hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes +Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gaenzliche Verderben +seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie +versoehnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhoeret, die +naemliche Beleidigung zu sein, und immer waechset, je laenger sie dauert: +so kann auch ihr Durst nach Rache nie erloeschen, die sie spat oder frueh, +immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der +Kleopatra beim Corneille; und die Misshelligkeit, in der diese Rache also +mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als aeusserst beleidigend +sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbaendiger Trieb nach Ehre und +Unabhaengigkeit, lassen sie uns als eine grosse, erhabne Seele betrachten, +die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tueckischer Groll; ihre +haemische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu +befuerchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem +geringsten Funken von Edelmute, vergeben muesste; ihr Leichtsinn, mit dem +sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die +unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so +klein, dass wir sie nicht genug verachten zu koennen glauben. Endlich muss +diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in +der ganzen Kleopatra nichts uebrig, als ein haessliches, abscheuliches Weib, +das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet. + +Aber nicht genug, dass Kleopatra sich an Rodogunen raechet: der Dichter +will, dass sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie faengt er +dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist +das Ding viel zu natuerlich: denn was ist natuerlicher, als seine Feindin +hinzurichten? Ginge es nicht an, dass zugleich eine Liebhaberin in ihr +hingerichtet wuerde? Und dass sie von ihrem Liebhaber hingerichtet wuerde? +Warum nicht? Lasst uns erdichten, dass Rodogune mit dem Demetrius noch +nicht voellig vermaehlet gewesen; lasst uns erdichten, dass nach seinem Tode +sich die beiden Soehne in die Braut des Vaters verliebt haben; lasst uns +erdichten, dass die beiden Soehne Zwillinge sind, dass dem aeltesten der +Thron gehoeret, dass die Mutter es aber bestaendig verborgen gehalten, +welcher von ihnen der aelteste sei; lasst uns erdichten, dass sich endlich +die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr +nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen fuer den aeltesten +zu erklaeren und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse +Bedingung eingehen wolle; lasst uns erdichten, dass diese Bedingung der Tod +der Rodogune sei. Nun haetten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen +sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte +umbringen will, der soll regieren. + +Schoen; aber koennten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Koennten +wir die guten Prinzen nicht noch in groessere Verlegenheit setzen? Wir +wollen versuchen. Lasst uns also weiter erdichten, dass Rodogune den +Anschlag der Kleopatra erfaehrt; lasst uns weiter erdichten, dass sie zwar +einen von den Prinzen vorzueglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat, +auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, dass sie +fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch +den, welchem der Thron heimfallen duerfte, zu ihrem Gemahle zu waehlen, dass +sie allein den waehlen wolle, welcher sich ihr am wuerdigsten erzeigen +werde; Rodogune muss geraechet sein wollen; muss an der Mutter der Prinzen +geraechet sein wollen; Rodogune muss ihnen erklaeren: wer mich von euch +haben will, der ermorde seine Mutter! + +Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut +angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen! +Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine +Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine +Mutter! Es versteht sich, dass es sehr tugendhafte Prinzen sein muessen, +die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt fuer den Teufel +von Mama, und ebensoviel Zaertlichkeit fuer eine liebaeugelnde Furie von +Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist +die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, dass +es gar nicht moeglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und +schlaegt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder +der andere geht hin und schlaegt die Mutter tot, um die Prinzessin zu +haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die +Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus +werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das +Maedchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie +beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere +totschlagen; so stehen sie beide huebsch und sperren das Maul auf, und +wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schoenheit davon. +Freilich wird das Stueck dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen, +dass die Weiber darin aerger als rasende Maenner, und die Maenner weibischer +als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist +dieses ein Vorzug des Stueckes mehr; denn das Gegenteil ist so gewoehnlich, +so abgedroschen!-- + +Doch im Ernste: ich weiss nicht, ob es viel Muehe kostet, dergleichen +Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich moechte es auch +schwerlich jemals versuchen. Aber das weiss ich, dass es einem sehr sauer +wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen. + +Nicht zwar, weil es blosse Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur +in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit haette sich +Corneille immer ersparen koennen. "Vielleicht", sagt er, "duerfte man +zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, dass sie +unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es +hier gemacht habe, wo nach der Erzaehlung im ersten Akte, welche die +Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fuenften, nicht das +geringste vorkoemmt, welches einigen historischen Grund haette. Doch", +faehrt er fort, "Mich duenkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte +beibehalten, so sind alle vorlaeufige Umstaende, alle Einleitungen zu +diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wuesste ich mich keiner +Regel dawider zu erinnern, und die Ausuebung der Alten ist voellig auf +meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles +mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein +haben, als das blosse Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen +ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm +eigentuemliche Mittel gelanget, so dass wenigstens eine davon notwendig +ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muss. Oder man werfe nur +die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster +einer vollkommenen Tragoedie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, dass +sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloss auf das +Vorgeben gruendet, dass Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare, +auf welchem sie geopfert werden sollte, entrueckt und ein Reh an ihrer +Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des +Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die +Episoden, sowohl der Knoten als die Aufloesung, gaenzlich erdichtet sind, +und aus der Historie nichts als die Namen haben." + +Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umstaenden nach Gutduenken +verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und +Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte +nachrechnet, dass Rodogune so jung nicht koenne gewesen sein; sie habe den +Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens +zwanzig Jahre haben muessten, noch in ihrer Kindheit gewesen waeren. Was +geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht +geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und +nicht viel aelter, als sich die Soehne in sie verliebten. Voltaire ist mit +seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die +Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafuer verifizieren wollte! + + + + +Zweiunddreissigstes Stueck +Den 18. August 1767 + +Mit den Beispielen der Alten haette Corneille noch weiter zurueckgehen +koennen. Viele stellen sich vor, dass die Tragoedie in Griechenland wirklich +zur Erneuerung des Andenkens grosser und sonderbarer Begebenheiten +erfunden worden; dass ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die +Fusstapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken +auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis liess sich um die +historische Richtigkeit ganz unbekuemmert.[1] Es ist wahr, er zog sich +darueber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, dass +Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst +verstanden: so laesst sich den Folgerungen, die man aus seiner Missbilligung +ziehen koennte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich +unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des +Nutzens, ihrer noch nicht wuerdig erzeigen konnte. Thespis ersann, +erdichtete, liess die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte: +aber er wusste seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch +lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne +die geringste Vermutung von dem Nuetzlichen zu haben. Er eiferte wider ein +Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu fuehren, leicht von uebeln +Folgen sein koennte. + +Ich fuerchte sehr, Solon duerfte auch die Erdichtungen des grossen Corneille +nichts als leidige Luegen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen? +Machen sie in der Geschichte, die er damit ueberladet, das Geringste +wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal fuer sich selbst wahrscheinlich. +Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der +Erdichtungskraft; und er haette doch wohl wissen sollen, dass nicht das blosse +Erdichten, sondern das zweckmaessige Erdichten, einen schoepfrischen Geist +beweise. + +Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Soehne mordet; +eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich +vor, sie in einer Tragoedie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm +weiter nichts, als das blosse Faktum, und dieses ist ebenso graesslich als +ausserordentlich. Es gibt hoechstens drei Szenen, und da es von allen +naehern Umstaenden entbloesst ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut +also der Poet? + +So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die +Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kuerze der groessere Mangel seines +Stueckes scheinen. + +Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein, +eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene +unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen muessen. +Unzufrieden, ihre Moeglichkeit bloss auf die historische Glaubwuerdigkeit zu +gruenden, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen; +wird er suchen, die Vorfaelle, welche diese Charaktere in Handlung setzen, +so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen, +die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird +er suchen, diese Leidenschaften durch so allmaehliche Stufen durchzufuehren: +dass wir ueberall nichts als den natuerlichsten, ordentlichsten Verlauf +wahrnehmen; dass wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun laesst, +bekennen muessen, wir wuerden ihn, in dem naemlichen Grade der Leidenschaft, +bei der naemlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; dass uns nichts +dabei befremdet, als die unmerkliche Annaeherung eines Zieles, von dem +unsere Vorstellungen zurueckbeben, und an dem wir uns endlich, voll des +innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreisst, und +voll Schrecken ueber das Bewusstsein befinden, auch uns koenne ein aehnlicher +Strom dahinreissen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Gebluete noch so +weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlaegt der Dichter diesen +Weg ein, sagt ihm sein Genie, dass er darauf nicht schimpflich ermatten +werde: so ist mit eins auch jene magere Kuerze seiner Fabel verschwunden; +es bekuemmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfaellen fuenf +Akte fuellen wolle; ihm ist nur bange, dass fuenf Akte alle den Stoff nicht +fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer +mehr und mehr vergroessert, wenn er einmal der verborgnen Organisation +desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet. + +Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter +nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage +ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstoessig +sein, dass er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden +vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern duerfe, wenn er sich +nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid +zu erregen. Denn er weiss so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und +dieses Mitleid bestehet, dass er, um jenes hervorzubringen, nicht +sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug haeufen zu +koennen glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den +ausserordentlichsten, graesslichsten Ungluecksfaellen und Freveltaten nehmen +zu muessen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra, +eine Moerderin ihres Gemahls und ihrer Soehne, aufgesagt, so sieht er, um +eine Tragoedie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die +Luecken zwischen beiden Verbrechen auszufuellen, und sie mit Dingen +auszufuellen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen +selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien, +knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman +zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer +Haecksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das +Drahtgerippe von Akten und Szenen, laesst erzaehlen und erzaehlen, laesst rasen +und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter +oder saurer ankoemmt, ist das Wunder fertig; es heisst ein Trauerspiel, +--wird gedruckt und aufgefuehrt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder +ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glueck will. +Denn et habent sua fata libelli. + +Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den grossen Corneille zu machen? +Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen +Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist +seine "Rodogune", nun laenger als hundert Jahr, als das groesste Meisterstueck +des groessten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit +von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjaehrige Bewunderung +wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre +Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen +Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn +auf ein Meteor herabzusetzen? + +O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte sass einmal ein ehrlicher Hurone in +der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war; +und vor langer Weile studierte er die franzoesischen Poeten; diesem +Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu +Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der +hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute +des sechzehnten Saeculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls +vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein +Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn, +weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer +armen verlassnen Enkelin dieses grossen Dichters an, liess sie unter seinen +Augen erziehen, lehrte sie huebsche Verse machen, sammelte Almosen fuer +sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen grossen eintraeglichen Kommentar ueber +die Werke ihres Grossvaters usw.) aber gleichwohl erklaerte er die "Rodogune" +fuer ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern, +wie ein so grosser Mann, als der grosse Corneille, solch widersinniges +Zeug habe schreiben koennen.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist +ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach +bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den +Auslaendern ueber die Fehler eines Franzosen die Augen eroeffnet. Diesem +ganz gewiss betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem +Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muss er es doch haben. Denn +dass ein Deutscher selbst daechte, von selbst die Kuehnheit haette, an der +Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das +einbilden? + +Ich rede von diesen meinen Vorgaengern mehr bei der naechsten Wiederholung +der "Rodogune". Meine Leser wuenschen aus der Stelle zu kommen; und ich +mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Uebersetzung, nach welcher +dieses Stueck aufgefuehret worden. Es war nicht die alte Wolfenbuettelsche +vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch +ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die +beste von dieser Art nicht schaemen, und ist voller starken, gluecklichen +Stellen. Der Verfasser aber, weiss ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack, +als dass er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte. +Corneillen gut zu uebersetzen, muss man bessere Verse machen koennen, als er +selbst. + + +----Fussnote + +[1] Diogenes Laertius, Lib. I. Sec. 59. + +----Fussnote + + + + +Dreiunddreissigstes Stueck +Den 21. August 1767 + +Den sechsunddreissigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel +des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Koenigl. +Majestaet von Daenemark, aufgefuehret. + +Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestaetiget, dass +Soliman II. sich in eine europaeische Sklavin verliebt habe, die ihn so +zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewusst, dass er, wider alle +Gewohnheit seines Reichs, sich foermlich mit ihr verbinden und sie zur +Kaiserin erklaeren muessen. Genug, dass Marmontel hierauf eine von seinen +moralischen Erzaehlungen gegruendet, in der er aber jene Sklavin, die eine +Italienerin soll gewesen sein, zu einer Franzoesin macht; ohne Zweifel, +weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, dass irgendeine andere Schoene, +als eine franzoesische, einen so seltnen Sieg ueber einen Grosstuerken +erhalten koennen. + +Ich weiss nicht, was ich eigentlich zu der Erzaehlung des Marmontel sagen +soll; nicht, dass sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen +Kenntnissen der grossen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Laecherlichen, +ausgefuehret und mit der Eleganz und Anmut geschrieben waere, welche diesem +Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst. +Aber es soll eine moralische Erzaehlung sein, und ich kann nur nicht finden, +wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schluepfrig, so +anstoessig, als eine Erzaehlung des La Fontaine oder Grecourt: aber ist sie +darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist? + +Ein Sultan, der in dem Schosse der Wollueste gaehnet, dem sie der alltaegliche +und durch nichts erschwerte Genuss unschmackhaft und ekel gemacht hat, der +seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder +gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit, +die raffinierteste Zaertlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschoepft: +dieser kranke Wolluestling ist der leidende Held in der Erzaehlung. Ich +sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Suessigkeiten den Magen +verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas +verfaellt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken wuerde, auf faule +Eier, auf Rattenschwaenze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die +edelste, bescheidenste Schoenheit, mit dem schmachtendsten Auge, gross und +blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den +Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestaetischer in ihrer Form, +blendender von Kolorit, bluehende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer +Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Toene, eine wahre Muse, nur +verfuehrerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein +weibliches Ding, fluechtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur +Unverschaemtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig +Schoenheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses +Ding, als es den Sultan erblickt, faellt mit der plumpesten Schmeichelei, +wie mit der Tuere ins Haus: Graces au ciel, voici une figure humaine! +--(Eine Schmeichelei, die nicht bloss dieser Sultan, auch mancher deutscher +Fuerst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch +plumper, zu hoeren bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut +wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich +enthaelt, zu fuehlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das uebrige +--Vous etes beaucoup mieux, qu'il n'appartient a un Turc: vous avez +meme quelque chose d'un Francais--En verite ces Turcs sont plaisants--Je +me charge d'apprendre a vivre a ce Turc--Je ne desespere pas d'en faire +quelque jour un Francais.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und +schilt, es droht und spottet, es liebaeugelt und mault, bis der Sultan, +nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu +haben, auch Reichsgesetze abaendern und Geistlichkeit und Poebel wider sich +aufzubringen Gefahr laufen muss, wenn er anders mit ihr ebenso gluecklich +sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem +Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Muehe! + +Marmontel faengt seine Erzaehlung mit der Betrachtung an, dass grosse +Staatsveraenderungen oft durch sehr geringfuegige Kleinigkeiten veranlasst +worden, und laesst den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst +schliessen: Wie ist es moeglich, dass eine kleine aufgestuelpte Nase die +Gesetze eines Reiches umstossen koennen? Man sollte also fast glauben, dass +er bloss diese Bemerkung, dieses anscheinende Missverhaeltnis zwischen +Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erlaeutern wollen. Doch diese Lehre +waere unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst, +dass er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt. +"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche +ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefaelligkeit bringen +wollen; ich waehlte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als +die zwei Extrema der Herrschaft und Abhaengigkeit." Allein Marmontel muss +sicherlich auch diesen seinen Vorsatz waehrend der Ausarbeitung vergessen +haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten +Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich +bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Franzoesin sagt, der +zurueckhaltendste, nachgebendste, gefaelligste, folgsamste, untertaenigste +Mann, la meilleure pate de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein +wuerde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in +dieser Erzaehlung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben +bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Kaefer, wenn er alle Blumen +durchschwaermt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen. + +Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel, +ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern laesst oder +nicht; und also war die Erzaehlung des Marmontel darum nichts mehr und +nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat +Favart, und sehr gluecklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus +aehnlichen Erzaehlungen bereichern wollen, die Favartsche Ausfuehrung mit +dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu +abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veraenderungen, die +dieser gelitten und zum Teil leiden muessen, lehrreich sein, und ihre +Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer blossen +Spekulation wohl unentdeckt geblieben waere, den noch kein Kritikus zur +Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der oefters mehr +Wahrheit, mehr Leben in ihr Stueck bringen wird, als alle die mechanischen +Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren +Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der +Vollkommenheit eines Dramas machen moechten. + +Ich will nur bei einer von diesen Veraenderungen stehenbleiben. Aber ich +muss vorher das Urteil anfuehren, welches Franzosen selbst ueber das Stueck +gefaellt haben.[1] Anfangs aeussern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des +Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den groessten +Fuersten seines Jahrhunderts; die Tuerken haben keinen Kaiser, dessen +Andenken ihnen teurer waere als dieses Solimans; seine Siege, seine +Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswuerdig, +ueber die er siegte: aber welche kleine, jaemmerliche Rolle laesst ihn +Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener +ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kuehnsten, +schwaerzesten Streiche faehig war, die den Sultan durch ihre Raenke und +falsche Zaertlichkeit so weit zu bringen wusste, dass er wider sein eigenes +Blut wuetete, dass er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen +Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine +naerrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf +voller Wind, doch das Herz mehr gut als boese. Sind dergleichen +Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein +Erzaehler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese +Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn +er Fakta nach seinem Gutduenken veraendern darf, darf er auch eine Lucretia +verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?" + +Das heisst einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich moechte die +Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht uebernehmen; ich habe mich +vielmehr schon dahin geaeussert,[2] dass die Charaktere dem Dichter weit +heiliger sein muessen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau +beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von +selbst nicht viel anders ausfallen koennen; da hingegen allerlei Faktum +sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten laesst. Zweitens, weil +das Lehrreiche nicht in den blossen Faktis, sondern in der Erkenntnis +bestehet, dass diese Charaktere unter diesen Umstaenden solche Fakta +hervorzubringen pflegen und hervorbringen muessen. Gleichwohl hat es +Marmontel gerade umgekehrt. Dass es einmal in dem Seraglio eine europaeische +Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmaessigen Gemahlin des Kaisers zu +machen gewusst: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und +dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich +geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich +werden koennen, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche +von diesen Arten er waehlen will; ob die, welche die Historie bestaetiget, +oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner +Erzaehlung verbindet, das eine oder das andere gemaesser ist. Nur sollte er +sich, im Fall dass er andere Charaktere als die historischen, oder wohl +gar diesen voellig entgegengesetzte waehlet, auch der historischen Namen +enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum +beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten. +Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren +und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir +bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als +etwas Zufaelliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die +Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentuemliches. Mit jenen +lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht +mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl +ins Licht stellen, aber nicht veraendern; die geringste Veraenderung +scheinet uns die Individualitaet aufzuheben und andere Personen +unterzuschieben, betruegerische Personen, die fremde Namen usurpieren +und sich fuer etwas ausgeben, was sie nicht sind. + + +----Fussnote + +[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762. + +[2] Oben im 23. Stueck. + +----Fussnote + + + + +Vierunddreissigstes Stueck +Den 25. August 1767 + +Aber dennoch duenkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen +Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt, +als in diesen freiwillig gewaehlten Charakteren selbst, es sei von seiten +der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu +verstossen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen; +nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergoennt, tausend Dinge nicht zu +wissen, die jeder Schulknabe weiss; nicht der erworbene Vorrat seines +Gedaechtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen +Gefuehl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es +gehoert oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter +nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstoesst also, +bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft, +so groeblich, dass wir andern guten Leute uns nicht genug darueber verwundern +koennen; wir stehen und staunen und schlagen die Haende zusammen und rufen: +"Aber, wie hat ein so grosser Mann nicht wissen koennen!--Wie ist es +moeglich, dass ihm nicht beifiel!--Ueberlegte er denn nicht?" Oh, lasst uns +ja schweigen; wir glauben ihn zu demuetigen, und wir machen uns in seinen +Augen laecherlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloss, +dass wir fleissiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider +noetig, wenn wir nicht vollkommne Dummkoepfe bleiben wollten. + +Marmontels Soliman haette daher meinetwegen immer ein ganz anderer +Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein moegen, als +mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden haette, dass, ob +sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer +andern Welt gehoeren koennten; zu einer Welt, deren Zufaelligkeiten in einer +andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in +dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer +andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten +abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den +Schoepfer ohne Namen durch sein edelstes Geschoepf zu bezeichnen!) das, +sage ich, um das hoechste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der +gegenwaertigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich +ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten +verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde, +so kann ich es zufrieden sein, dass man ihm auch jenes nicht fuer genossen +ausgehen laesst. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muss uns +nicht vorsaetzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei +nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt. + +Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen +haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter +ausbildet oder sich schaffet, Uebereinstimmung und Absicht zu verlangen, +wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet +zu werden. + +Uebereinstimmung:--Nichts muss sich in den Charakteren widersprechen; sie +muessen immer einfoermig, immer sich selbst aehnlich bleiben; sie duerfen +sich itzt staerker, itzt schwaecher aeussern, nachdem die Umstaende auf sie +wirken; aber keine von diesen Umstaenden muessen maechtig genug sein koennen, +sie von Schwarz auf Weiss zu aendern. Ein Tuerk und Despot muss, auch wenn er +verliebt ist, noch Tuerk und Despot sein. Dem Tuerken, der nur die sinnliche +Liebe kennt, muessen keine von den Raffinements beifallen, die eine +verwoehnte europaeische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser +liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts +Anzuegliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu +ueberwinden haben und, wenn ich sie ueberwunden habe, durch neue +Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein Koenig von Frankreich +denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese +Denkungsart einmal gibt, so koemmt der Despot nicht mehr in Betrachtung; +er entaeussert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu +geniessen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine +dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt: +"Soliman war ein zu grosser Mann, als dass er die kleinen Angelegenheiten +seines Seraglio auf den Fuss wichtiger Staatsgeschaefte haette treiben +sollen." Sehr wohl; aber so haette er auch am Ende wichtige Staatsgeschaefte +nicht auf den Fuss der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben +muessen. Denn zu einem grossen Manne gehoert beides: Kleinigkeiten als +Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er +suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen laesst, freie Herzen, die sich aus +blosser Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen liessen; er haette +ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiss er, was er will? Die +zaertliche Elmire wird von einer wolluestigen Delia verdraengt, bis ihm eine +Unbesonnene den Strick ueber die Hoerner wirft, der er sich selbst zum +Sklaven machen muss, ehe er die zweideutige Gunst geniesset, die bisher +immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein? +Ich muss lachen ueber den guten Sultan, und er verdiente doch mein +herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal +alles verlieren, was ihn vorher entzueckte: was wird denn Roxelane, nach +diesem kritischen Augenblicke, fuer ihn noch behalten? Wird er es, acht +Tage nach ihrer Kroenung, noch der Muehe wert halten, ihr dieses Opfer +gebracht zu haben? Ich fuerchte sehr, dass er schon den ersten Morgen, +sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten +Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre +aufgestuelpte Nase. Mich duenkt, ich hoere ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo +habe ich meine Augen gehabt!" + +Ich leugne nicht, dass bei alle den Widerspruechen, die uns diesen Soliman +so armselig und veraechtlich machen, er nicht wirklich sein koennte. Es +gibt Menschen genug, die noch klaeglichere Widersprueche in sich vereinigen. +Aber diese koennen auch, eben darum, keine Gegenstaende der poetischen +Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende; +es waere denn, dass man ihre Widersprueche selbst, das Laecherliche oder die +ungluecklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch +Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem +Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht. +--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen ueber geringere Geschoepfe +erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie +von den kleinen Kuenstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten, +die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnuegen +befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese +Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, dass auch wir uns mit +dem ebenso geringen Vergnuegen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen +ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet. +Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen faengt das Genie an, zu +lernen; es sind seine Voruebungen; auch braucht es sie in groessern Werken zu +Fuellungen, zu Ruhepunkten unserer waermern Teilnehmung: allein mit der +Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und +groessere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder +zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten +und Boesen, des Anstaendigen und Laecherlichen bekannt zu machen; die Absicht, +uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schoen und als +gluecklich selbst im Ungluecke, dieses hingegen als haesslich und ungluecklich +selbst im Gluecke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwuerfen, wo keine +unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung fuer uns statthat, +wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskraefte mit solchen +Gegenstaenden zu beschaeftigen, die es zu sein verdienen, und diese +Gegenstaende jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein +falscher Tag verfuehrt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was +wir verabscheuen sollten zu begehren. + +Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem +Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von +manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten +sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich +erregen muesste, ein stumpfer Wolluestling, eine abgefeimte Buhlerin werden +uns mit so verfuehrerischen Zuegen, mit so lachenden Farben geschildert, +dass es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus +berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schoenen als +gefaelligen Gattin ueberdruessig zu sein, weil sie eine Elmire und keine +Roxelane ist. + +Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die +angefuehrten franzoesischen Kunstrichter recht, dass sie alle das Tadelhafte +des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet +ihnen sogar dabei noch mehr gesuendiget zu haben, als jener. "Die +Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzaehlung +so sehr nicht ankoemmt, ist in einem dramatischen Stuecke unumgaenglich +noetig; und diese ist in dem gegenwaertigen auf das aeusserste verletzet. Der +grosse Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so +einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der +Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein +Schatten von der unumschraenkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muss. +Man haette diese Gewalt wohl lindern koennen; nur ganz vertilgen haette man +sie nicht muessen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels +gefallen; aber wenn die Ueberlegung darueber koemmt, wie sieht es dann mit +ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem +Sultan, wie mit einem Pariser Buerger; sie tadelt alle seine Gebraeuche; +sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte, +nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar haette sie das alles +sagen koennen; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdruecken gesagt haette. +Aber wer kann es aushalten, den grossen Soliman von einer jungen +Landstreicherin so hofmeistern zu hoeren? Er soll sogar die Kunst zu +regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmaehten Schnupftuche ist +hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unertraeglich." + + +----Fussnote + +[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10. + +----Fussnote + + + + +Fuenfunddreissigstes Stueck +Den 28. August 1767 + +Der letztere Zug, muss man wissen, gehoert dem Favart ganz allein; +Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem +feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches +der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu goennen, +als sich selbst; sie scheinet es zu verschmaehen: das ist Beleidigung. +Beim Marmontel hingegen laesst sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben +und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer +Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist, +und das mit der uneigennuetzigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann +sich ueber nichts beschweren, als dass sie seine Gesinnungen so schlecht +erraet oder nicht besser erraten will. + +Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Ueberladungen das Spiel der +Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er +einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen, +besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit +dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, dass seine Roxelane noch +unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat +er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewusst, +als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das? + +Eben auf diese Veraenderung wollte ich oben kommen; und mich duenkt, sie +ist so gluecklich und vorteilhaft, dass sie von den Franzosen bemerkt und +ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient haette. + +Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines +naerrisches, vermessenes Ding, dessen Glueck es ist, dass der Sultan +Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack +durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen, +als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen +steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als +zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe +gestellt, als seine Schwaeche gemissbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den +Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, dass seine +Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine +Erklaerung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf +ihre vorige Auffuehrung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesoehnet +werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre +geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, grosse Seele, ganz den +Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzueckt mich! Aber lerne nun +auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muss dich wohl lieben! Nimm +all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurueck; sei mein Sultan, mein Held, +mein Gebieter! Ich wuerde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen +muessen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget. +Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen +Liebhaber, der meinetwegen nicht erroeten darf; sieh hier in Roxelanen +--nichts, als deine untertaenige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf +einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso +vernuenftiges als drollichtes Maedchen steht vor uns; Soliman hoeret auf, +uns veraechtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe +wuerdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fuerchten, er moechte die +nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er +moechte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber moechte den Despoten +wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt, +eine kalte Danksagung, dass sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so +bedenklichen Schritte zurueckhalten wollen, moechte anstatt einer feurigen +Bestaetigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind moechte durch +ihre Grossmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige +Vermessenheiten so muehsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens, +und das Stueck schliesst sich zu unserer voelligen Zufriedenheit. + +Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veraenderung? Ist sie bloss +willkuerlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung, +in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel +seiner Erzaehlung diesen vergnuegendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem, +was dort eine Schoenheit ist, hier ein Fehler? + +Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben, +welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und +des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen +Erzaehlung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur +Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht +wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollstaendige Handlung, +die fuer sich ein wohlgeruendetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht; +der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem +Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen +nehmen, durch welche er sie ausfuehren laesst, ist er unbekuemmert, er hat +uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es +lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses +mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das +Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel +fliessende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die +Leidenschaften, welche der Verlauf und die Gluecksveraenderungen seiner +Fabel anzufachen und zu unterhalten vermoegend sind, oder auf das +Vergnuegen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und +Charaktere gewaehret; und beides erfordert eine gewisse Vollstaendigkeit +der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der +moralischen Erzaehlung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit +auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall +derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt. + +Wenn es also wahr ist, dass Marmontel durch seine Erzaehlung lehren wollte, +die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie muesse durch Nachsicht und +Gefaelligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er +recht, so aufzuhoeren, wie er aufhoert. Die unbaendige Roxelane wird durch +nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans +Charakter denken, ist ihm ganz gleichgueltig, moegen wir sie doch immer fuer +eine Naerrin und ihn fuer nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht +Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so +wahrscheinlich sein, dass den Sultan seine blinde Gefaelligkeit bald +gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die +Gefaelligkeit ueber das Frauenzimmer ueberhaupt vermag; er nahm also eines +der wildesten; unbekuemmert, ob es eine solche Gefaelligkeit wert sei +oder nicht. + +Allein, als Favart diese Erzaehlung auf das Theater bringen wollte, so +empfand er bald, dass durch die dramatische Form die Intuition des +moralischen Satzes groesstenteils verloren gehe und dass, wenn sie auch +vollkommen erhalten werden koenne, das daraus erwachsende Vergnuegen doch +nicht so gross und lebhaft sei, dass man dabei ein anderes, welches dem +Drama wesentlicher ist, entbehren koenne. Ich meine das Vergnuegen, welches +uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewaehren. +Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch, +in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des +Dichters finden; wenn wir finden, dass sich dieser entweder selbst damit +betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das +Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer +Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen +Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der grossen Welt +ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden, +desto strenger verfaehrt unsere Ueberlegung; das haessliche Gesicht, das wir +so schoen geschminkt sehen, wird fuer noch einmal so haesslich erklaert, als +es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu waehlen, ob er von uns lieber +fuer einen Giftmischer oder fuer einen Bloedsinnigen will gehalten sein. So +waere es dem Favart, so waere es seinen Charakteren des Solimans und der +Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere +nicht von Anfang aendern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu +verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu +sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun uebrig, als was er tat. Nun +freuen wir uns, uns an nichts vergnuegt zu haben, was wir nicht auch +hochachten koennten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere +Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama +weit staerker ist, als einer blossen Erzaehlung, so interessieren uns auch +die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnuegen uns +nicht, ihr Schicksal bloss fuer den gegenwaertigen Augenblick entschieden zu +sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls +zufriedengestellet wissen. + + +----Fussnote + +[1] + Sultan, j'ai penetre ton ame; + J'en ai demele les ressorts. + Elle est grande, elle est fiere, et la gloire l'enflamme, + Tant de vertus excitent mes transports. + A ton tour, tu vas me connaitre: + Je t'aime, Soliman; mais tu l'as merite. + Reprends tes droits, reprends ma liberte; + Sois mon Sultan, mon Heros et mon Maitre. + Tu me soupconnerais d'injuste vanite. + Va, ne fais rien que ta loi n'autorise; + Il est des prejuges qu'on ne doit point trahir, + Et je veux un Amant, qui n'ait point a rougir: + Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise. + +----Fussnote + + + + +Sechsunddreissigstes Stueck +Den 1. September 1767 + +So unstreitig wir aber, ohne die glueckliche Wendung, welche Favart am +Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Kroenung nicht +anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den laecherlichen +Triumph einer "Serva Padrona" wuerden betrachtet haben; so gewiss, ohne +sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein klaeglicher Pimpinello, +und die neue Kaiserin nichts als eine haessliche, verschmitzte Serbinette +gewesen waere, von der wir vorausgesehen haetten, dass sie nun bald dem +armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde: +so leicht und natuerlich duenkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir +muessen uns wundern, dass sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht +beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische +Erzaehlung in der dramatischen Form darueber verungluecken muessen. + +Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beissende Maerchen, +und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen +Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzaehlt; +und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte +man, dass es ein ebenso gluecklicher Stoff auch fuer das Theater sein muesse. +Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich +auf jedes feinere Gefuehl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter +der Matrone, der in der Erzaehlung ein nicht unangenehmes hoehnisches +Laecheln ueber die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem +Drama ekel und haesslich. Wir finden hier die Ueberredungen, deren sich der +Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und +siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein +empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst +ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre +Schwaeche duenkt uns die Schwaeche des ganzen Geschlechts zu sein; wir +fassen also keinen besondern Hass gegen sie; was sie tut, glauben wir, +wuerde ungefaehr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den +lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir +ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu muessen; +oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die +Vermutung, dass er wohl auch nur ein blosser Zusatz des haemischen Erzaehlers +sei, der sein Maerchen gern mit einer recht giftigen Spitze schliessen +wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir +dort nur hoeren, dass es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen; +woran wir dort noch zweifeln koennen, davon ueberzeugt uns unser eigener +Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der blossen Moeglichkeit ergoetzte uns +das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloss ihre +Schwaerze; der Einfall vergnuegte unsern Witz, aber die Ausfuehrung des +Einfalls empoert unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Buehne den +Ruecken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem +besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset, +debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere +cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen, +je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verfuehrung angewendet; denn wir +verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib ueberhaupt, sondern ein +vorzueglich leichtsinniges, luederliches Weibsstueck insbesondere.--Kurz, +die Petronische Fabel gluecklich auf das Theater zu bringen, muesste sie +den naemlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; muesste die +Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklaerung +hierueber anderwaerts! + +Den siebenunddreissigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden +"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt. + +Den achtunddreissigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope" +des Herrn von Voltaire aufgefuehrt. + +Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des +Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania, +der Marquise du Chatelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift +davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des +Theatre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafuer +einzufloessen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemaess zu +stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern +musste er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr +geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire ueber ein Trauerspiel, ueber +eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden, +ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darueber zurueckschrieb, +welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur +Warnung, jederzeit dem Stuecke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin +fuer eines von den vollkommensten Trauerspielen, fuer ein wahres Muster +erklaert, und wir koennen uns nunmehr ganz zufrieden geben, dass das Stueck +des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses +ist nun nicht laenger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt. + +So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein musste, so schien er +sich doch mit der Vorstellung nicht uebereilen zu wollen, welche erst im +Jahre 1743 erfolgte. Er genoss von seiner staatsklugen Verzoegerung auch +alle die Fruechte, die er sich nur immer davon versprechen konnte. +"Merope" fand den ausserordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte +dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt +hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem grossen Corneille sehr +vorzueglich; sein Stuhl auf dem Theater ward bestaendig freigelassen, wenn +der Zulauf auch noch so gross war, und wenn er kam, so stand jedermann +auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Gebluete +gewuerdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause +angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als dass +ihm die Gaeste ihre Hoeflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch +ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu +kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende +war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und laermte, bis der +Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen +musste. Ich weiss nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet haette, +ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefaelligkeit des +Dichters. Wie denkt man denn, dass ein Dichter aussieht? Nicht wie andere +Menschen? Und wie schwach muss der Eindruck sein, den das Werk gemacht +hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die +Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstueck, duenkt mich, +erfuellet uns so ganz mit sich selbst, dass wir des Urhebers darueber +vergessen; dass wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern +der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es waere Suende +in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel +liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so +gross, so ueberschwenglich, dass es dem rohern Menschen zu verzeihen, dass es +sehr natuerlich war, wenn er sich keine groessere Herrlichkeit, keinen Glanz +denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in +der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, dass er an den Schoepfer der +Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig +Zuverlaessiges von der Person und den Lebensumstaenden des Homers wissen, +ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller +Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im +Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung +dabei, es zu vergessen, dass Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der +blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so +entzuecket. Er bringt uns unter Goetter und Helden; wir muessten in dieser +Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Tuersteher so genau zu +erkundigen, der uns hereingelassen. Die Taeuschung muss sehr schwach sein, +man muss wenig Natur, aber desto mehr Kuenstelei empfinden, wenn man so +neugierig nach dem Kuenstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde +fuer einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu +kennen, sein muesste (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten, +dem besten Murmeltiere voraus, welches der Poebel gesehen zu haben ebenso +begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der +franzoesischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser +Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie +zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden koenne, +so machte es sich dieses Vergnuegen oeftrer, und selten ward nachher ein +neues Stueck aufgefuehrt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormusste, +und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von +Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger +gestanden. Wie manches Armesuendergesichte muss daruntergewesen sein! Der +Posse ging endlich so weit, dass sich die Ernsthaftern von der Nation +selbst darueber aergerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell +ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kuehn genug, +das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus +nicht; sein Stueck war mittelmaessig, aber dieses sein Betragen desto braver +und ruehmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Uebe1stand +lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlasst haben. + + + + +Siebenunddreissigstes Stueck +Den 4. September 1767 + +Ich habe gesagt, dass Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei +veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene +ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehoeren dem +Maffei; Voltaire wuerde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz +andere "Merope" geschrieben haben. + +Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, muessen wir +zuvoerderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische +Verdienst des letztern gehoerig zu schaetzen, muessen wir vor allen Dingen +einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel +gegruendet hat. + +Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stueckes +folgendergestalt zusammen. "Dass, einige Zeit nach der Eroberung von +Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in +Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete +durch das Los zugefallen; dass die Gemahlin dieses Kresphonts Merope +geheissen; dass Kresphont, weil er dem Volke sich allzuguenstig erwiesen, +von den Maechtigern des Staats, mitsamt seinen Soehnen, umgebracht worden, +den juengsten ausgenommen, welcher auswaerts bei einem Anverwandten seiner +Mutter erzogen ward; dass dieser juengste Sohn, Namens Aepytus, als er +erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des vaeterlichen +Reiches wieder bemaechtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Moerdern +geraechet habe: dieses erzaehlet Pausanias. Dass, nachdem Kresphont mit +seinen zwei Soehnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus +dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; dass +dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; dass der dritte +Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher +umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet +Apollodorus. Dass Merope selbst den gefluechteten Sohn unbekannterweise +toeten wollen; dass sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener +daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, dass der, den sie fuer den +Moerder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; dass der nun erkannte Sohn +bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses +meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes fuehret." + +Es waere zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere +Glueckswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis +waere genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner +Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn +erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Moerder ihres +Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom +Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stueck,[1] wenn er sich +auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope +die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer +befalle, dass der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen +koenne. Aristoteles erwaehnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des +Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen +"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes +als das Werk dieses Dichters gemeiner haben. + +Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser +weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste +Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des +sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet, +dass, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen +Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstuecke so gewoehnte +Volk ganz ausserordentlich sei betroffen, geruehrt und entzueckt worden." +--Huebsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden +Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt +und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine +Kleinigkeit, aber ueber dieses verlohnet es der Muehe, ein paar Worte zu +sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben. + +Die Sache verhaelt sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem +vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich fuer +Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten, +sagt er, muessen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter +gleichgueltigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind toetet, +so erweckt weder der Anschlag noch die Ausfuehrung der Tat sonst weiter +einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des +Schmerzlichen und Verderblichen ueberhaupt verbunden ist. Und so ist +es auch bei gleichgueltigen Personen. Folglich muessen die tragischen +Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muss den Bruder, +ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter toeten oder +toeten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise misshandeln oder +misshandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und +Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollfuehrt oder nicht +vollfuehrt werden muss, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten, +welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die +erste: wenn die Tat wissentlich, mit voelliger Kenntnis der Person, gegen +welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird. +Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird. +Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes, +unternommen und vollzogen wird und der Taeter die Person, an der er +sie vollzogen, zu spaet kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend +unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein +verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen +vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die +Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anfuehret: so +haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die +Fabel dieses Trauerspiels ueberhaupt von der vollkommensten Gattung +tragischer Fabeln zu sein erklaere. + +Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, dass eine gute tragische Fabel +sich nicht gluecklich, sondern ungluecklich enden muesse. Wie kann dieses +beides beieinander bestehen? Sie soll sich ungluecklich enden, und +gleichwohl laeuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation +allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, gluecklich ab. +Widerspricht sich nicht also der grosse Kunstrichter offenbar? + +Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit +gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem +ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den +geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede +dort gar nicht von der Fabel ueberhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie +mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln koenne, ohne +das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu veraendern, und +welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der +Klytaemnestra durch den Orest der Inhalt des Stueckes sein sollte, so zeige +sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu +bearbeiten, naemlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der +zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter muesse nun +ueberlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung +als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht +statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen muesse, und durch den +Orest geschehen muesse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu graesslich +sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytaemnestra dadurch abermals +gerettet wuerde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich +bleibe ihm nichts als die dritte Klasse uebrig. + +Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht +bloss in einzeln Faellen, nach Massgebung der Umstaende, sondern ueberhaupt. +Der ehrliche Dacier macht es oeftrer so: Aristoteles behaelt bei ihm recht, +nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf +der einen Seite eine Bloesse von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf +einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit +hat, anstatt nach jener in diese zu stossen: so ist es ja doch um die +Untrueglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr +als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die +Uebereinstimmung der Geschichte ankoemmt, wenn der Dichter allgemein +bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gaenzlich veraendern darf: +wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem +ersten oder zweiten Plane behandelt werden muessen? Die Ermordung der +Klytaemnestra muesste eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn +Orestes hat sie wissentlich und vorsaetzlich vollzogen: der Dichter aber +kann den dritten waehlen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte +doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die +ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders +einschlagen, als den zweiten? Denn sie muss sie umbringen, und sie muss +sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein +bekannt. Was fuer eine Rangordnung kann also unter diesen Planen +stattfinden? Der in einem Falle der vorzueglichste ist, koemmt in einem +andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben: +so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloss +erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytaemnestra waere +von dieser letztern Art, und es haette dem Dichter freigestanden, sie +vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne voellige +Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan haette er dann waehlen muessen, +um eine so viel als moeglich vollkommene Tragoedie daraus zu machen? Dacier +sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so +geschaehe es bloss aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den +also, welcher sich gluecklich schliesst? Aber die besten Tragoedien, sagt +eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen +erteilet, sind ja die, welche sich ungluecklich schliessen? Und das ist ja +eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also +gehoben? Bestaetiget hat er ihn vielmehr. + + +----Fussnote + +[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann, +weil es bei den alten Dichtern nicht gebraeuchlich und auch nicht erlaubt +war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), wuerde sich an der +angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden, +welches Josua Barnes nicht mitgenommen haette und ein neuer Herausgeber +des Dichters nutzen koennte. + +----Fussnote + + + + +Achtunddreissigstes Stueck +Den 8. September 1767 + +Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genuege +leistet. Unsern deutschen Uebersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1] +hat sie ebensowenig befriediget. Er traegt seine Gruende dagegen vor, die +zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch +sonst erheblich genug duenken, um seinen Autor lieber gaenzlich im Stiche +zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht +zu retten sei. "Ich ueberlasse", schliesst er, "einer tiefern Einsicht, +diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklaerung +finden, und scheinet mir wahrscheinlich, dass unser Philosoph dieses +Kapitel nicht mit seiner gewoehnlichen Vorsicht durchgedacht habe." + +Ich bekenne, dass mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines +offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig. +Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das +groessere Misstrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich +verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich ueberlese die Stelle zehnmal und +glaube nicht eher, dass er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen +Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem +Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten +koennen, was ihm diesen Widerspruch gewissermassen unvermeidlich machen +muessen, so bin ich ueberzeugt, dass er nur anscheinend ist. Denn sonst +wuerde er dem Verfasser, der seine Materie so oft ueberdenken muessen, gewiss +am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeuebterm Leser, der ich ihn +zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge +den Faden seiner Gedanken zurueck, ponderiere ein jedes Wort und sage mir +immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber dass er hier +etwas behaupten sollte, wovon er auf der naechsten Seite gerade das +Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's +auch. + +Doch ohne weitere Umstaende; hier ist die Erklaerung, an welcher Herr +Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich +desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer groessern +Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnuegen. + +Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute +Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere +Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist +es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen +und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft +und vortrefflich ist. Er erklaert aber die Fabel durch die Nachahmung +einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine +Verknuepfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung +ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie +die Guete eines jeden Ganzen auf der Guete seiner einzeln Teile und deren +Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger +vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede fuer +sich und alle zusammen, den Absichten der Tragoedie mehr oder weniger +entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der +tragischen Handlung statthaben koennen, unter drei Hauptstuecke: des +Glueckswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou]; +und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern +versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber fasst er alles +zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches +widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der +Glueckswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte +Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo], +unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stuecke der Fabel; sie +machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schoener und +interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre voellige Einheit +und Rundung und Groesse haben. Ohne das dritte hingegen laesst sich gar keine +tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muss jedes +Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein; +denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung +des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glueckswechsel, nicht +jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht +erreichen, sie in einem hoehern Grade erreichen helfen, andere aber ihr +mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem +Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstuecke gebrachten Teile +der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet, +welches der beste Glueckswechsel, welches die beste Erkennung, welches die +beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern, +dass derjenige Glueckswechsel der beste, das ist der faehigste, Schrecken +und Mitleid zu erwecken und zu befoerdern, sei, welcher aus dem Bessern in +das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, dass diejenige +Behandlung des Leidens die beste in dem naemlichen Verstande sei, wenn die +Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen, +aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen +soll, einander kennen lernen, so dass es dadurch unterbleibt. + +Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die +Gedanken haben muss, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der +Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von +diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten muessen? Ist denn die +moeglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des +andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit +des Ganzen? Wenn der Glueckswechsel und das, was Aristoteles unter dem +Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind, +warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen? +Oder ist es unmoeglich, dass ein Ganzes Teile von entgegengesetzten +Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, dass die beste Tragoedie +nichts als die Vorstellung einer Veraenderung des Glueckes in Unglueck sei? +Oder, wo sagt er, dass die beste Tragoedie auf nichts, als auf die +Erkennung dessen hinauslaufen muesse, an dem eine grausam widernatuerliche +Tat veruebet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der +Tragoedie ueberhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben, +welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern +mehr oder weniger Einfluss, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der +Glueckswechsel kann sich mitten in dem Stuecke ereignen, und wenn er schon +bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so +ist z.E. der Glueckswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des +vierten Akts aeussert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos]) +hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stueck schliesset. Gleichfalls +kann das Leiden mitten in dem Stuecke zur Vollziehung gelangen sollen, und +in dem naemlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so +dass durch diese Erkennung das Stueck nichts weniger als geendet ist; wie +in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem +vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist, +erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glueckswechsel mit +der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben +Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat +die letztere; aber was hindert es, dass sie nicht auch den ersteren haben +koennte, wenn naemlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche +erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu +schuetzen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben +befoerderte? Warum koennte sich dieses Stueck nicht ebensowohl mit dem +Untergange der Mutter, als des Tyrannen schliessen? Warum sollte es einem +Dichter nicht freistellen koennen, um unser Mitleiden gegen eine so +zaertliche Mutter auf das hoechste zu treiben, sie durch ihre Zaertlichkeit +selbst ungluecklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht +erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen, +gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Wuerde +eine solche Merope, in beiden Faellen, nicht wirklich die beiden +Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem +Kunstrichter so widersprechend findet? + +Ich merke wohl, was das Missverstaendnis veranlasset haben kann. Man hat +sich einen Glueckswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne +Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne +Glueckswechsel denken koennen. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das +andere sein; nicht zu erwaehnen, dass auch nicht beides eben die naemliche +Person treffen muss, und wenn es die naemliche Person trifft, dass eben +nicht beides sich zu der naemlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf +das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne +dieses zu ueberlegen, hat man nur an solche Faelle und Fabeln gedacht, in +welchen beide Teile entweder zusammenfliessen, oder der eine den andern +notwendig ausschliesst. Dass es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist +der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der moeglichsten +Allgemeinheit abfasst, ohne sich um die Faelle zu bekuemmern, in welchen +seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der +andern aufgeopfert werden muss? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich +selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine +Vollkommenheit haben soll, muss von dieser Beschaffenheit sein; jener von +einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er +gesagt, dass jede Fabel diese Teile alle notwendig haben muesse? Genug fuer +ihn, dass es Fabeln gibt, die sie alle haben koennen. Wenn eure Fabel aus +der Zahl dieser gluecklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten +Glueckswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so +untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten ueberhaupt fahren +wuerdet, und waehlet. Das ist es alles! + + +----Fussnote + +[1] Herrn Curtius, S. 214. + +----Fussnote + + + + +Neununddreissigstes Stueck +Den 11. September 1767 + +Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen +haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden +haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern +Falle so schlechterdings fuer eine vollkommene tragische Fabel zu +erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er +ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muss erst untersucht +werden, wo er das groessere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber, +nach meiner Erklaerung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er +davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln +Teile derselben. Vielleicht war der Missbrauch seines Ansehens bei dem +Pater Tournemine auch nur ein blosser Jesuiterkniff, um uns mit guter Art +zu verstehen zu geben, dass eine so vollkommene Fabel, von einem so grossen +Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstueck werden muessen. + +Doch Tournemine und Tournemine--Ich fuerchte, meine Leser werden fragen: +"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn +viele duerften ihn wirklich nicht kennen; und manche duerften so fragen, +weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1]. + +Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire +selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stuecke +des Euripides die naemlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, dass +Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten, +dass die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste +Augenblick der ganzen griechischen Buehne sei. Auch er sagt, dass Aristoteles +diesem coup de theatre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch +versichert er uns gar, dass er dieses Stueck des Euripides fuer das ruehrendste +von allen Stuecken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun +gaenzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stuecke, aus +welchem er die Situation der Merope anfuehrt, nicht einmal den Titel namhaft; +er sagt weder, wie es heisst, noch wer der Verfasser desselben sei; +geschweige, dass er es fuer das ruehrendste von allen Stuecken des Euripides +erklaere. + +Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, dass die Erkennung der +Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen +griechischen Buehne sei! Welche Ausdruecke: nicht anstehen, zu behaupten! +Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen +Buehne! Sollte man hieraus nicht schliessen: Aristoteles gehe mit Fleiss +alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben koenne, durch, +vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die +er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten +Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher +den Ausspruch fuer diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es +nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum +Beispiele anfuehret; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel +von dieser Art. Denn Aristoteles fand aehnliche Beispiele in der "Iphigenia", +wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter +erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu +vergehen. + +Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und +wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters +gewesen: so waere es doch sonderbar, dass Aristoteles alle drei Beispiele +von einer solchen gluecklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter +gefunden haette, der sich der ungluecklichen Peripetie am meisten bediente. +Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, dass die eine die andere nicht +ausschliesst; und obschon in der "Iphigenia" die glueckliche Erkennung auf +die unglueckliche Peripetie folgt, und das Stueck ueberhaupt also gluecklich +sich endet: wer weiss, ob nicht in den beiden andern eine unglueckliche +Peripetie auf die glueckliche Erkennung folgte, und sie also voellig in der +Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten +von allen tragischen Dichtern verdiente? + +Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art moeglich; +ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, laesst sich aus den +wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" uebrig sind, nicht +schliessen. Sie enthalten nichts als Sittensprueche und moralische +Gesinnungen, von spaetern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und +werfen nicht das geringste Licht auf die Oekonomie des Stueckes.[3] Aus +dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Goettin des +Friedens ist, scheinet zu erhellen, dass zu der Zeit, in welche die +Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder +hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schliessen, +dass die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei aeltern Soehne entweder +einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz +vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des juengern +Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brueder +zu raechen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die groesste Schwierigkeit aber +macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des +juengern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stueck +"Kresphontes" heissen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber +hiess nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, dass +jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der +Fremde fuehrte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts +sicher zu bleiben. Der Vater muss laengst tot sein, wenn sich der Sohn des +vaeterlichen Reiches wieder bemaechtiget. Hat man jemals gehoert, dass ein +Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin +vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind ueber diese +Schwierigkeit hinwegzusetzen gewusst, indem sie angenommen, dass der Sohn +gleichfalls Kresphont geheissen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit? +aus welchem Grunde? + +Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich +Maffei schmeichelte: so koennen wir den Plan des Kresphontes ziemlich +genau wissen. Er glaubte ihn naemlich bei dem Hyginus, in der +hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er haelt +die Fabeln des Hyginus ueberhaupt groesstenteils fuer nichts, als fuer die +Argumente alter Tragoedien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius +gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem +verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich +neue zu erdichten. Der Rat ist nicht uebel und zu befolgen. Auch hat ihn +mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, dass er +ihn gegeben. Herr Weisse hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube +geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verstaendiges Auge. Nur +moechte es nicht der groesste, sondern vielleicht gerade der allerkleinste +Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen. +Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragoedien +zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder +unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragoedienschreiber selbst +ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation +gemacht, scheinet selbst die Tragoedien als abgeleitete verdorbene Baeche +betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter +nichts als die Glaubwuerdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte, +ausdruecklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzaehlt er +z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach +dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des +Euripides. + + +----Fussnote + +[1] "Lettres familieres". + +[2] Aristote, dans sa Poetique immortelle, ne balance pas a dire que la +reconnaissance de Merope et de son fils etait le moment le plus +interessant de toute la scene Grecque. Il donnait a ce coup de Theatre la +preference sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si +sensible, fremissaient de crainte que le vieillard, qui devait arreter le +bras de Merope, n'arrivat pas asseztot. Cette piece, qu'on jouait de son +temps, et dont il nous reste tres peu de fragments, lui paraissait la +plus touchante de toutes les tragedies d'Euripide etc. Lettre a +Mr. Maffei. + +[3] Dasjenige, welches Dacier anfuehret ("Poetique d'Aristote", Chap. XV. +Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem +Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nuetzen solle". + +[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poet. d'Arist. Une Mere, qui +va tuer son fils, comme Merope va tuer Cresphonte etc. + +[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184 +d'Igino, la quale a mio credere altro non e, che l'Argomento di quella +Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa. +Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci gia in quell' +Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le piu di quelle +Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di cio col +confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto +in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi e stato +caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal +sentimento. Una miniera e pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse +stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a +lor fantasia: io la scopriro loro di buona voglia, perche rendano col +loro ingegno alla nostra eta cio, che dal tempo invidioso le fu rapito. +Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto piu di considerazione +quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non e stato +creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle +favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole +costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso +convertendole, le avean ridotte. + +----Fussnote + + + + +Vierzigstes Stueck +Den 15. September 1767 + +Damit will ich jedoch nicht sagen, dass, weil ueber derhundertundvierund- +Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus +Dem "Kresphont" Desselben Koenne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Dass +Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So +Dass, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Koennte, +Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizitaet Weit Naeher Kaeme, Als +Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzaehlung Des Hyginus, Die +Ich Oben Nur Verkuerzt Angefuehrt, Ist Nach Allen Ihren Umstaenden Folgende. + +Kresphontes war Koenig von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope +drei Soehne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem +er, nebst seinen beiden aeltesten Soehnen, das Leben verlor. Polyphontes +bemaechtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche +waehrend dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn, +namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit +bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward +Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewaertigen und versprach +also demjenigen eine grosse Belohnung, der ihn aus dem Wege raeumen wuerde. +Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr faehig fuehlte, seine +Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging +nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, dass er den Telephontes +umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafuer ausgesetzte Belohnung. +Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu +bewirten, bis er ihn weiter ausfragen koenne. Telephontes ward also in das +Gastzimmer gebracht, wo er vor Muedigkeit einschlief. Indes kam der alte +Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen +Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, dass +Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne dass man wisse, wo er hingekommen. +Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der +angekommene Fremde ruehme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und haette ihn +im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin +nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der +Freveltat verhindert haette. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche +Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versoehnt. +Polyphontes duenkte sich aller seiner Wuensche gewaehret und wollte den +Goettern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber +alle um den Altar versammelt waren, fuehrte Telephontes den Streich, mit +dem er das Opfertier faellen zu wollen sich stellte, auf den Koenig; der +Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines vaeterlichen +Reiches.[1] + +Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische +Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren +Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus +genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fusstapfen des +Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Ueberzeugung +ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer blossen + +Divination ueber den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in +seiner "Merope" wieder aufleben lassen, dass er vielmehr mit Fleiss von +verschiednen Hauptzuegen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging +und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin geruehrt hatte, +in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte. + +Die Mutter naemlich, die ihren Sohn so feurig liebte, dass sie sich an dem +Moerder desselben mit eigner Hand raechen wollte, brachte ihn auf den +Gedanken, die muetterliche Zaertlichkeit ueberhaupt zu schildern und mit +Ausschliessung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und +tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stueck zu beleben. Was dieser Absicht +also nicht vollkommen zusprach, ward veraendert; welches besonders die +Umstaende von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswaertiger +Erziehung treffen musste. Merope musste nicht die Gemahlin des Polyphonts +sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so +frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes +ueberlassen zu haben, in dem sie den Moerder ihres ersten kannte, und +dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche +naehere Ansprueche auf den Thron haben koennten, zu befreien. Der Sohn musste +nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines vaeterlichen Hauses, in aller +Sicherheit und Gemaechlichkeit, in der voelligen Kenntnis seines Standes +und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die muetterliche Liebe erkaltet +natuerlicherweise, wenn sie nicht durch die bestaendigen Vorstellungen des +Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand +geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er musste nicht in der +ausdruecklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu raechen; er muss +nicht von Meropen fuer den Moerder ihres Sohnes gehalten werden, weil er +sich selbst dafuer ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von +Zufaellen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so +ist ihre Verlegenheit bei der ersten muendlichen Erklaerung aus, und ihr +ruehrender Kummer, ihre zaertliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel +genug. + +Und diesen Veraenderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan +ungefaehr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fuenfzehn Jahre, und +doch fuehlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das +Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Koeniges zugetan und rechnet +auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Missvergnuegten zu +beruhigen, faellt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er traegt ihr +seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope +weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch +Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht +verhelfen koennen. Eben dringt er am schaerfsten in sie, als ein Juengling +vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstrasse ueber einem Morde +ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Juengling, hatte nichts getan, +als sein eignes Leben gegen einen Raeuber verteidiget; sein Ansehen verraet +so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, dass Merope, die +noch ausserdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl +mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den Koenig fuer ihn zu bitten; und der +Koenig begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermisst Merope ihren juengsten +Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode +ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes +Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er fuer seinen Vater haelt, +heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder +aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der +Landstrasse ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen +waere? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene +Umstaende, durch die Bereitwilligkeit des Koenigs, den Moerder zu +begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestaerket, den man bei dem +Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, dass ihn Aegisth dem +Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls, +den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhaendigen, +wenn er erwachsen, und es Zeit sein wuerde, ihm seinen Stand zu entdecken. +Sogleich laesst sie den Juengling, fuer den sie vorher selbst gebeten, an +eine Saeule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstossen. Der +Juengling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfaehrt +der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort +sorgfaeltig zu vermeiden; Merope verlangt hierueber Erklaerung: indem koemmt +der Koenig dazu, und der Juengling wird befreiet. So nahe Merope der +Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfaellt sie wiederum darein zurueck, +als sie siehet, wie hoehnisch der Koenig ueber ihre Verzweiflung triumphiert. +Nun ist Aegisth unfehlbar der Moerder ihres Sohnes, und nichts soll ihn +vor ihrer Rache schuetzen. Sie erfaehrt mit einbrechender Nacht, dass er in +dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und koemmt mit einer Axt, ihm den +Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als +ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und +den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme faellt. Aegisth erwacht +und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem +vermeinten Moerder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und wuerde ihn leicht +durch ihre stuermische Zaertlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie +der Alte nicht auch hiervon zurueckgehalten haette. Mit fruehem Morgen soll +ihre Vermaehlung mit dem Koenige vollzogen werden; sie muss zu dem Altare, +aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat +Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den +Tempel, draenget sich durch das Volk, und--das uebrige wie bei dem Hyginus. + + +----Fussnote + +[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzaehlung genommen, +sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste +Verbindung unter sich haben. Sie faengt an mit dem Schicksale des Pentheus +und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar +nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen +koennen; es waere denn, dass sie sich bloss in derjenigen Ausgabe, welche ich +vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befaende. Diese +Untersuchung ueberlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat. +Genug, dass hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses +excepit, aus sein muss. Das uebrige macht entweder eine besondere Fabel, +von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehoeret, welches mir das +Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so dass, beides miteinander verbunden, +ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu +der 184. machen wollen, folgendermassen zusammenlegen wurde. Es versteht +sich, dass in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso +Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnoetige Wiederholung, mitsamt dem +darauffolgenden ejus, welches auch so schon ueberfluessig ist, wegfallen +muesste. Merope. + +[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum +interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem +infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem +in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat, +aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem +aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem. +Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis +interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in +hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem +obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad +Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope +credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum +cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex +cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit, +occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum +Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso +simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum +adeptus est. + +----Fussnote + + + + +Einundvierzigstes Stueck +Den 18. September 1767 + +Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen +Theater ueberhaupt aussahe, desto groesser war der Beifall und das +Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde. + + Cedite Romani scriptores, cedite Graii, + Nescio quid majus nascitur Oedipode: + +schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon +gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast +kein anderes Stueck gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue +Tragoedie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbuehnen fanden sich +darueber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in +sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreissig Ausgaben, in und +ausser Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie +ward ins Franzoesische, ins Englische, ins Deutsche uebersetzt; und man +hatte vor, sie mit allen diesen Uebersetzungen zugleich drucken zu lassen. +Ins Franzoesische war sie bereits zweimal uebersetzt, als der Herr von +Voltaire sich nochmals daruebermachen wollte, um sie auch wirklich auf die +franzoesische Buehne zu bringen. Doch er fand bald, dass dieses durch eine +eigentliche Uebersetzung nicht geschehen koennte, wovon er die Ursachen in +dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope" +vorsetzte, umstaendlich angibt. + +Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und +buergerlich, und der Geschmack des franzoesischen Parterrs viel zu fein, +viel zu verzaertelt, als dass ihm die blosse simple Natur gefallen koenne. Es +wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zuegen der Kunst sehen; +und diese Zuege muessten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze +Schreiben ist mit der aeussersten Politesse abgefasst; Maffei hat nirgends +gefehlt; alle seine Nachlaessigkeiten und Maengel werden auf die Rechnung +seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schoenheiten, +aber leider nur Schoenheiten fuer Italien. Gewiss, man kann nicht hoeflicher +kritisieren! Aber die verzweifelte Hoeflichkeit! Auch einem Franzosen wird +sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet. +Die Hoeflichkeit macht, dass wir liebenswuerdig scheinen, aber nicht gross; +und der Franzose will ebenso gross, als liebenswuerdig scheinen. + +Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire? +Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei +ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte. +Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist +schade, dass eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und uebrigens so +unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich +Lindelle: wer einen franzoesischen Januskopf sehen will, der vorne auf die +einschmeichelndste Weise laechelt und hinten die haemischsten Grimassen +schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich moechte keinen +geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Hoeflichkeit bleibet +Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht +schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener haette freimuetiger, und +dieser gerechter sein muessen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten +sollte, dass der naemliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden +Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen +vergeben habe. + +Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, dass er +einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug +gehabt, eine Tragoedie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze +Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zaertlichste Interesse +aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm +beliebt, dass die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben +wollen, von den leichtesten natuerlichsten Mitteln, welche die Umstaende +zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die +Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr +hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem koeniglichen Ringe, ueber den +Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem +Theater mehr hoeren will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu +jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine +Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt, +zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der +Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, dass ein +junger Mensch, der sich fuer den Sohn gemeiner Eltern haelt und in dem +Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord +veruebt, demohngeachtet nicht soll fuer einen Raeuber gehalten werden +duerfen, weil es voraussieht, dass er der Held des Stueckes werden muesse, +[2] wenn es beleidiget wird, dass man einem solchen Menschen keinen +kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Faehndrich in des Koenigs Armee +sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich, +hat in diesen und aehnlichen Faellen unrecht; aber warum muss Voltaire auch +in andern Faellen, wo es gewiss nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als +dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die franzoesische +Hoeflichkeit gegen Auslaender darin besteht, dass man ihnen auch in solchen +Stuecken recht gibt, wo sie sich schaemen muessten, recht zu haben, so weiss +ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanstaendiger sein +kann, als diese franzoesische Hoeflichkeit. Das Geschwaetz, welches Maffei +seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von praechtigen Kroenungen, +denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in +den Mund legt, wenn das Interesse aufs hoechste gestiegen und die +Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschaeftiget ist: +dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwaetz kann +durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen +kultivierten Voelkern entschuldiget werden; hier muss der Geschmack ueberall +der naemliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern +hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gaehnet und +darueber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu +dem Marquis, "in Ihrer Tragoedie jene schoene und ruehrende Vergleichung +des Virgils: + + Qualis populea moerens Philomela sub umbra + Amissos queritur foetus-- + +uebersetzen und anbringen duerfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen +wollte, so wuerde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben +nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen muessen; ich +meine unser Publikum. Dieses verlangt, dass in der Tragoedie ueberall der +Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, dass bei +kritischen Vorfaellen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen +Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein Koenig, kein Minister +poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses +Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte +nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein +Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muss +Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen +wollen, weil er nicht Freimuetigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus +zu sagen, dass er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen +Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, dass ausfuehrliche +Gleichnisse ueberhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem +Trauerspiele finden koennen, haette er anmerken sollen, dass jenes +Virgilische von dem Maffei aeusserst gemissbrauchet worden. Bei dem Virgil +vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem +Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der ueber das Unglueck, wovon +es das Bild sein soll, triumphieret, und muesste nach der Gesinnung des +Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf +das Ganze noch groessern Einfluss habende Fehler scheuet sich Voltaire +nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener ueberhaupt, als einem einzeln +Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und duenkt sich von der allerfeinsten +Lebensart, wenn er den Maffei damit troestet, dass es seine ganze Nation +nicht besser verstehe, als er; dass seine Fehler die Fehler seiner Nation +waeren; dass aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler waeren, +weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und fuer sich gut oder +schlecht sei, sondern was die Nation dafuer wolle gelten lassen. "Wie +haette ich es wagen duerfen", faehrt er mit einem tiefen Buecklinge, aber +auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis +fort, "blosse Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie +getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den +Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugaenge zu einem schoenen +Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem +Palaste befinden. Wir muessen uns also schon nach dem Geschmacke eines +Volks richten, welches sich an Meisterstuecken sattgesehen hat und also +aeusserst verwoehnt ist." Was heisst dieses anders, als: "Mein Herr Marquis, +Ihr Stueck hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnuetze Szenen. Aber +es sei fern von mir, dass ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte! +Behuete der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiss zu leben; ich werde +niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben +Sie diese kalten, langweiligen, unnuetzen Szenen mit Vorbedacht, mit allem +Fleisse gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich +wuenschte, dass ich auch so wohlfeil davonkommen koennte; aber leider ist +meine Nation so weit, so weit, dass ich noch viel weiter sein muss, um +meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr +einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr +uebersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen; +denn sonst, + +Desinit in piscem mulier formosa superne: + +aus der Hoeflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses franzoesische +Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der +Persiflage dummer Stolz. + + +----Fussnote + +[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que +depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela +semblerait trop petit sur notre theatre. + +[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un heros pour un voleur, +quoique la circonstance ou il se trouve autorise cette meprise. + +----Fussnote + + + + +Zweiundvierzigstes Stueck +Den 22. September 1767 + +Es ist nicht zu leugnen, dass ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire +als Eigentuemlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an +seinem Vorgaenger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen +Nation ueberhaupt zur Last zu legen, dass, sage ich, diese, und noch +mehrere, und noch groessere, sich in der "Merope" des Maffei befinden. +Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit +vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der beruehmtesten +Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen +fuer das eigentliche Genie, welches zur Tragoedie erfodert wird, wenig oder +nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und +Altertuemer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung fuer das +tragische Genie sind. Er war unter Kirchenvaeter und Diplomen vergraben +und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche +Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als +zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen +Beschaeftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstueck gemacht haette, so +muesste er der ausserordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragoedie +ueberhaupt ist ein sehr geringfuegiges Ding. Was indes ein Gelehrter von +gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr fuer eine Erholung als fuer +eine Arbeit ansieht, die seiner wuerdig waere, leisten kann, das leistete +auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als gluecklich; +seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder +nach bekannten Vorbildern in Buechern, als nach dem Leben geschildert; +sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefuehl; der Literator und der +Versifikateur laesst sich ueberall spueren, aber nur selten das Genie und +der Dichter. + +Als Versifikateur laeuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr +nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemaelde, die in +seinem Munde nicht genug bewundert werden koennten, aber in dem Munde +seiner Personen unertraeglich sind und in die laecherlichsten +Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, dass +Aegisth seinen Kampf mit dem Raeuber, den er umgebracht, umstaendlich +beschreibet, denn auf diesen Umstaenden beruhet seine Verteidigung; dass er +aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluss geworfen zu haben bekennet, +alle, selbst die allerkleinsten Phaenomena malet, die den Fall eines +schweren Koerpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschiesst, mit welchem +Geraeusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie +sich die Flut wieder ueber ihn zuschliesst:[1] das wuerde man auch nicht +einmal einem kalten geschwaetzigen Advokaten, der fuer ihn spraeche, +verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein +Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als dass er +in seiner Erzaehlung so kindisch genau sein koennte. + +Als Literator hat er zu viel Achtung fuer die Simplizitaet der alten +griechischen Sitten und fuer das Kostuem bezeugt, mit welchem wir sie bei +dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas, +ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostueme naeher gebracht +werden muss, wenn es der Ruehrung im Trauerspiele nicht mehr schaedlich als +zutraeglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schoene Stellen aus +den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was fuer einer +Art von Werken er sie entlehnt und in was fuer eine Art von Werken er sie +uebertraegt. Nestor ist in der Epopee ein gespraechiger freundlicher Alte; +aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragoedie ein alter ekler +Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides haette folgen +wollen: so wuerde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht +haben. Er haette es sodann fuer seine Schuldigkeit geachtet, alle die +kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes uebrig sind, zu nutzen und +seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt haette, dass +sie sich hinpassten, haette er sie als Pfaehle aufgerichtet, nach welchen +sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen muessen. Welcher +pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprueche, womit man +seine Luecken fuellet, so sind es andere. + +Demohngeachtet moechten sich wiederum Stellen finden, wo man wuenschen +duerfte, dass sich der Literator weniger vergessen haette. Z.E. Nachdem die +Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal +gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so laesst er die Ismene voller +Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie +jemals auf einer Buehne erdichtet worden!" + + Con cosi strani avvenimenti uom' forse + Non vide mai favoleggiar le scene. + +Maffei hat sich nicht erinnert, dass die Geschichte seines Stuecks in eine +Zeit faellt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem +Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich wuerde +diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede +entschuldigen zu muessen glaubte, dass er den Namen Messene zu einer Zeit +brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil +Homer keiner erwaehne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten +halten, wie er will; nur verlangt man, dass er sich immer gleichbleibet +und dass er sich nicht einmal ueber etwas Bedenken macht, worueber er ein +andermal kuehnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, dass er den Anstoss +vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen. +Ueberhaupt wuerden mir die angefuehrten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch +keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles +vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald +sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob +Maffei die Illusion eher noch bestaerken wollen, indem er das Theater +ausdruecklich ausser dem Theater annehmen laesst; doch die blossen Worte +"Buehne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns +geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen +Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung +Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht +es des Grades der Taeuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert. + +Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach +seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnuegt, was ihm sein Stoff von +selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist +ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Wuerde; da ist so +viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude +des Harlekins, zu dulden waere; alles wimmelt von Ungereimtheiten und +Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schliesst er, "das Werk des Maffei +enthaelt einen schoenen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stueck. Alle Welt +koemmt in Paris darin ueberein, dass man die Vorstellung desselben nicht +wuerde haben aushalten koennen; und in Italien selbst wird von verstaendigen +Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen +Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragoedie zu +uebersetzen; er konnte leichter einen Uebersetzer bezahlen, als sein Stueck +verbessern." + +So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Luegen, so finden sich auch +selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stuecken +wider den Maffei recht, und moechte er doch hoeflich oder grob sein, wenn +er sich begnuegte, ihn bloss zu tadeln. Aber er will ihn unter die Fuesse +treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke. +Er schaemt sich nicht, offenbare Luegen zu sagen, augenscheinliche +Verfaelschungen zu begehen, um nur ein recht haemisches Gelaechter +aufschlagen zu koennen. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer +in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder +treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei +Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum +Teil gefuehlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an +Lindellen den Maffei in allen Stuecken zu verteidigen, in welchen er sich +zugleich mitverteidigen zu muessen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit +sich selbst, duenkt mich, fehlt das interessanteste Stueck; die Antwort des +Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire haette mitteilen +wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei +zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum +die Eigentuemlichkeiten des franzoesischen Geschmacks ins Licht zu stellen, +ihm zu zeigen, warum die franzoesische "Merope" ebensowenig in Italien, als +die italienische in Frankreich gefallen koenne?-- + + +----Fussnote + +[1] + ------In core + Pero mi venne di lanciar nel fiume + Il morto, o semivivio; e con fatica + (Ch' inutil' era per riuscire, e vana) + L' alzai da terra, e in terra rimaneva + Una pozza di sangue: a mezzo il ponte + Portailo in fretta, di vermiglia striscia + Sempre rigando il suol; quinci cadere + Col capo in giu il lasciai; piombo, e gran tonfo + S' udi nel profondarsi: in alto salse + Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse. + +[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia +d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que' +sentimenti di essa, che son rimasti qua e la; avendone tradotti cinque +versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e +alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso +Stobeo. + +----Fussnote + + + + +Dreiundvierzigstes Stueck +Den 25. September 1767 + +So etwas laesst sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich +selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben koennten. + +Lindern, vors erste, liesse sich der Tadel des Lindelle fast in allen +Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump +gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth, +wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!" +und die Koenigin werde durch dieses Wort "alter Vater" so geruehret, dass +sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth koenne +wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er hoehnisch hinzu, "eine sehr +gegruendete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, dass +ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", faehrt er fort, "hat mit +diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler +verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stueckes begangen +hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor +war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen +Polydor haette die Koenigin gar nicht mehr zweifeln muessen, dass Aegisth ihr +Sohn sei; und das Stueck waere ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar +weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit groeberer eingenommen." +Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen +Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die +Rede. Die Koenigin stutzt bloss bei dem Namen Polydor, der den Aegisth +gewarnet habe, ja keinen Fuss in das messenische Gebiete zu setzen. Sie +gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloss naehere Erklaerung, +und ehe sie diese erhalten kann, koemmt der Koenig dazu. Der Koenig laesst den +Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht +worden, billiget und ruehmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen +verspricht, so muss wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurueckfallen. +Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er +ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluss muss notwendig bei ihr mehr gelten, +als ein blosser Name. Sie bereuet es nunmehr auch, dass sie eines blossen +Namens wegen, den ja wohl mehrere fuehren koennen, mit der Vollziehung ihrer +Rache gezaudert habe: + + Che dubitar? misera, ed io da un nome + Trattener mi lasciai, quasi un tal nome + Altri aver non potesse-- + +und die folgenden Aeusserungen des Tyrannen koennen sie nicht anders als in +der Meinung vollends bestaerken, dass er von dem Tode ihres Sohnes die +allerzuverlaessigste, gewisseste Nachricht haben muesse. Ist denn das also +nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muss ich gestehen, +dass ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal fuer sehr noetig halte. +Lasst es den Aegisth immerhin sagen, dass sein Vater Polydor heisse! Ob es +sein Vater oder sein Freund war, der so hiesse und ihn vor Messene warnte, +das nimmt einander nicht viel. Genug, dass Merope, ohne alle Widerrede, +das fuer wahrscheinlicher halten muss, was der Tyrann von ihm glaubet, da +sie weiss, dass er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das, +was sie aus der blossen Uebereinstimmung eines Namens schliessen koennte. +Freilich, wenn sie wuesste, dass sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei +der Moerder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung +gruende, so waere es etwas anders. Aber dieses weiss sie nicht; vielmehr hat +sie allen Grund, zu glauben, dass er seiner Sache werde gewiss sein.--Es +versteht sich, dass ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum +nicht fuer schoen ausgebe; der Poet haette unstreitig seine Anlage viel +feiner machen koennen. Sondern ich will nur sagen, dass auch so, wie er sie +gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und +dass es gar wohl moeglich und wahrscheinlich ist, dass Merope in ihrem +Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen +Versuch, sie zu vollziehen, wagen koennen. Worueber ich mich also +beleidiget finden moechte, waere nicht dieses, dass sie zum zweitenmale +ihren Sohn als den Moerder ihres Sohnes zu ermorden koemmt, sondern dieses, +dass sie zum zweitenmale durch einen gluecklichen ungefaehren Zufall daran +verhindert wird. Ich wuerde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch +nicht eigentlich nach den Gruenden der groessern Wahrscheinlichkeit sich +bestimmen liesse; denn die Leidenschaft, in der sie ist, koennte auch den +Gruenden der schwaechern das Uebergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm +nicht verzeihen, dass er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und +mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den +gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Dass der Zufall einmal der Mutter +einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel +lieber glauben, je mehr uns die Ueberraschung gefaellt. Aber dass er zum +zweiten Male die naemliche Uebereilung auf die naemliche Weise verhindern +werde, das sieht dem Zufalle nicht aehnlich; ebendieselbe Ueberraschung +wiederholt, hoert auf, Ueberraschung zu sein; ihre Einfoermigkeit +beleidiget, und wir aergern uns ueber den Dichter, der zwar ebenso +abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiss, als +der Zufall. + +Von den augenscheinlichen und vorsaetzlichen Verfaelschungen des Lindelle +will ich nur zwei anfuehren.--"Der vierte Akt", sagt er, "faengt mit einer +kalten und unnoetigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der +Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiss selbst nicht wie, +dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu +begeben, damit, wenn er eingeschlafen waere, ihn die Koenigin mit aller +Gemaechlichkeit umbringen koenne. Er schlaeft auch wirklich ein, so wie er +es versprochen hat. O schoen! und die Koenigin koemmt zum zweiten Male, +mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der +ausdruecklich deswegen schlaeft. Diese naemliche Situation, zweimal +wiederholt verraet die aeusserste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des +jungen Menschen ist so laecherlich, dass in der Welt nichts laecherlicher +sein kann." Aber ist es denn auch wahr, dass ihn die Vertraute zu diesem +Schlafe beredet? Das luegt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an +und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Koenigin so +ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles +sagen; aber ein wichtiges Geschaefte rufe sie itzt woanders hin; er solle +einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein. +Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Koenigin in die Haende +zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und +Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schlaeft, nicht seinem +Versprechen nach, sondern schlaeft, weil er muede ist, weil es Nacht ist, +weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen koennen als +hier.[2]--Die zweite Luege des Lindelle ist von eben dem Schlage. +"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres +Sohnes verhindert, fragt ihn, was fuer eine Belohnung er dafuer verlange; +und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjuengen." Bittet sie, ihn zu +verjuengen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist +dieser Dienst selbst; ist dieses, dass ich dich vergnuegt sehe. Was +koenntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts. +Eines moechte ich mir wuenschen, aber das stehet weder in deiner; noch in +irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewaehren; dass mir die Last meiner +Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert wuerde usw."[3] Heisst das: +Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Staerke und Jugend wieder? Ich +will gar nicht sagen, dass eine solche Klage ueber die Ungemaechlichkeiten +des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen +in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit +Wahnwitz? Und mussten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten +Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den +Mund legte, die Lindelle ihnen anluegt?--Anluegt! Luegen! Verdienen solche +Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle +wichtig genug war, darum zu luegen, soll das einem dritten nicht wichtig +genug sein, ihm zu sagen, dass er gelogen hat?-- + + +----Fussnote + +[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle +sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais +comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand +il sera endormi, la reine puisse le tuer tout a son aise, sondern auch +der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Merope engage le jeune +Egiste a dormir sur la scene, afin de donner le temps a la reine de venir +l'y assassiner. Was aus dieser Uebereinstimmung zu schliessen ist, brauche +ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Luegner mit sich selbst +ueberein; und wenn zwei Luegner miteinander uebereinstimmen, so ist es gewiss +abgeredete Karte. + +[2] + Egi. Ma di tanto furor, di tanto affanno + Qual' ebbe mai cagion?-- + Ism. Il tutto + Scoprirti io non ricuso; ma egli e d'uopo + Che qui t'arresti per brev' ora: urgente + Cura or mi chiama altrove. + Egi. Io volontieri + T'attendo quanto vuoi. Ism. Ma non partire + E non far si, ch' io qua ritorni indarno. + Egi. Mia fe do in pegno; e dove gir dovrei?-- + + + [3] + Mer. Ma quale, o mio fedel, qual potro io + Darti gia mai merce, che i merti agguagli? + Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora + M'e, il vederti contenta, ampia mercede. + Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro + Sol mi saria cio, ch' altri dar non puote; + Che scemato mi fosse il grave incarco + De gli anni, che mi sta su'l capo, e a terra + Il curva, e prime si, che parmi un monte.-- + +----Fussnote + + + + +Vierundvierzigstes Stueck +Den 29. September 1767 + +Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den +Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war. + +Ich uebergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fuehlte, +dass der Wurf auf ihn zurueckpralle.--Lindelle hatte gesagt, dass es sehr +schwache und unedle Merkmale waeren, aus welchen Merope bei Maffei +schliesse, dass Aegisth der Moerder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet: +"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel +kuenstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, dass ihr +Sohn der Moerder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu +bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem koeniglichen Ringe, ueber +den Boileau in seinen Satiren spottet, wuerde das auf unserm Theater sehr +klein scheinen." Aber musste denn Voltaire eben eine alte Ruestung anstatt +des Ringes waehlen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn, +auch die Ruestung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn +er erwachsen waere, sich keine neue Ruestung kaufen duerfe und sich mit der +alten seines Vaters behelfen koenne? Der vorsichtige Alte! Liess er sich +nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah +es, damit Aegisth einmal an dieser Ruestung erkannt werden koenne? So eine +Ruestung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienruestung, die +Vulkan selbst dem Grossgrossvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche +Ruestung? Oder wenigstens mit schoenen Figuren und Sinnbildern versehen, +an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder +erkannten? Wenn das ist: so musste sie der Alte freilich mitnehmen; und +der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, dass er unter den +blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht +haette, auch zugleich an eine so nuetzliche Moebel dachte. Wenn Aegisth +schon das Reich seines Vaters verlor, so musste er doch nicht auch die +Ruestung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte. +--Zweitens hatte sich Lindelle ueber den Polyphont des Maffei aufgehalten, +der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische +das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch +ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus +Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des +Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, dass ich einen solchen Fehler fuer sehr +gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, betraechtlich +ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande +eben hat Maffei den Stoff veraendert. Was brauchte Voltaire diese +Veraenderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?-- + +Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine aehnliche Ruecksicht auf +sich selbst haette nehmen koennen: aber welcher Vater sieht alle Fehler +seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar +nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, dass er nicht der +Vater ist. Gesetzt also, ich waere dieser Fremde! + +Lindelle wirft dem Maffei vor, dass er seine Szenen oft nicht verbinde, +dass er das Theater oft leer lasse, dass seine Personen oft ohne Ursache +auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch +dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses? +Doch das ist die Sprache der franzoesischen Kunstrichter ueberhaupt; die +muss ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen +will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein moegen; wollen +wir es Lindellen auf sein Wort glauben, dass sie bei den Dichtern seines +Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der groessten +Regelmaessigkeit ruehmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln +eine solche Ausdehnung geben, dass es sich kaum mehr der Muehe verlohnet, +sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene +Art beobachten, dass es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen, +als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln +der Kunst so leicht, so weit zu machen, dass er alle Freiheit behaelt, sich +zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer +und macht so aengstliche Verdrehungen, dass man meinen sollte, jedes Glied +von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Ueberwindung, +ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es +bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast +aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem +die Bewunderer des franzoesischen Theaters das lauteste Geschrei erheben: +so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit +einstimme. + +1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich +anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den +Grundsaetzen und Beispielen der Alten, ein Hedelin verlangen zu koennen +glaubte. Die Szene muss kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des +Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu +uebersehen faehig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder +eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch +schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein +ausdrueckliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und +wollte, dass eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei. +Wenn er seine besten Stuecke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so +musste er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das +muss Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, dass eigentlich +die Szene bald in dem Zimmer der Koenigin, bald in dem oder jenem Saale, +bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht +muss gedacht werden. Nur haette er bei diesen Abwechselungen auch die +Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie muessen nicht +in dem naemlichen Akte, am wenigsten in der naemlichen Szene angebracht +werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muss durch diesen ganzen +Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abaendern oder auch +nur erweitern oder verengern, ist die aeusserste Ungereimtheit von der +Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter +einem Saeulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das +Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Koenigin den Aegisth mit +eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen, +als dass, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth +wegfuehret, diese Vertiefung hinter sich zuschliessen muss? Wie schliesst er +sie zu? Faellt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen +Vorhang das, was Hedelin von dergleichen Vorhaengen ueberhaupt sagt, gepasst +hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache +erwaegt, warum Aegisth so ploetzlich abgefuehrt, durch diese Maschinerie so +augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muss, von der ich hernach +reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fuenften Akte aufgezogen. Die +ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der +siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um +einen toten Koerper in einem blutigen Rocke sehen zu koennen. Durch welches +Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen, +die Tueren dieses Tempels oeffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal +mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in +denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Koeniglichen +Majestaet Schlosskapelle, die gerade an den Saal stiess und mit ihm +Kommunikation hatte, damit Allerhoechstdieselben jederzeit trocknes Fusses +zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses +Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen; +wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und +ja den kuerzesten Weg nehmen muss, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat +schon vollbracht haben soll. + + +----Fussnote + +[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit +zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des daenischen +Theaters, "beobachten die Englaender, die sich keiner Einheit des Ortes +ruehmen, dieselbe grossenteils viel besser als die Franzosen, die sich +damit viel wissen, dass sie die Regeln des Aristoteles so genau +beobachten. Darauf koemmt gerade am allerwenigsten an, dass das Gemaelde der +Szenen nicht veraendert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum +die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht +vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine +Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers auffuehrt, wo kurz +vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause waere, in aller +Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne +dass dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird; +kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten +kommen, um auf die Schaubuehne zu treten: so wuerde der Verfasser des +Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist +ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu +setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden, +es wuerde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche +der Englaender die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern +verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgefuehret haette, als dass +er seinem Helden die Muehe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen +Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat." + +[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les +Acteurs paraissent ei disparaissent selon la necessite du Sujet--ces +rideaux ne sont bons qu'a faire des couvertures pour berner ceux qui les +ont inventes, et ceux qui les approuvent. Pratique du Theatre. Liv. +II. chap. 6. + +----Fussnote + + + + +Fuenfundvierzigstes Stueck +Den 2. Oktober 1767 + +2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit +der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner +"Merope" vorgehen laesst, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel +Ungereimtheiten man sich dabei denken muss. Man nehme immer einen +voelligen, natuerlichen Tag; man gebe ihm immer die dreissig Stunden, auf +die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar +keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem +Zeitraume nicht haetten geschehen koennen; aber desto mehr moralische. Es +ist freilich nicht unmoeglich, dass man innerhalb zwoelf Stunden um ein +Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man +es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht, +verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die +allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen? +Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch +soll uns, was bloss physikalischer Weise moeglich ist, denn wahrscheinlich +werden? Der Staat will sich einen Koenig waehlen; Polyphont und der +abwesende Aegisth koennen allein dabei in Betrachtung kommen; um die +Ansprueche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben +heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr +den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und faellt fuer ihn +aus; Polyphont ist also Koenig, und man sollte glauben, Aegisth moege +nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwaehlte Koenig koenne es vors +erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und +bestehet darauf, dass sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben +des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben +des Tages, da ihn das Volk zum Koenige ausgerufen. Ein so alter Soldat, +und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik. +Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so +zu misshandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht +Koenig war, als sie glauben musste, dass ihn ihre Hand vornehmlich auf den +Thron verhelfen sollte; aber nun ist er Koenig und ist es geworden, ohne +sich auf den Titel ihres Gemahls zu gruenden; er wiederhole seinen Antrag, +und vielleicht gibt sie es naeher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu +vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewoehnen, ihn +als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu +noetig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen? +Wird es ihren Anhaengern unbekannt bleiben, dass sie gezwungen worden? +Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu muessen glauben? Werden sie +nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in +seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich fuer +verbunden achten? Vergebens, dass das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer +funfzehn Jahr sonst so bedaechtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun +selbst in die Haende liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne +alle Ansprueche zu besitzen, anbietet, das weit kuerzer, weit unfehlbarer +ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muss geheiratet +sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue Koenig will bei der +alten Koenigin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man +sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn dass es +einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen koenne, +wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also +dem Dichter, dass die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer +wirklichen Eraeugung ungefaehr nicht viel mehr Zeit brauchen wuerden, als +auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und dass diese Zeit mit der, welche +auf die Zwischenakte gerechnet werden muss, noch lange keinen voelligen +Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet? +Die Worte dieser Regel hat er erfuellt, aber nicht ihren Geist. Denn was +er an einem Tage tun laesst, kann zwar an einem Tage getan werden, aber +kein vernuenftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der +physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muss auch die moralische dazu +kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt dass die +Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmoeglichkeit +involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstoessig ist, weil diese +Unmoeglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stuecke +von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als +einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche +den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht +alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen koennen es +an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu +welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die +physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der +moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese +jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil +und opfert das Wesentlichere dem Zufaelligen auf.--Maffei nimmt doch +wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermaehlung, die Polyphont +der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch +ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget; +die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie +uebereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem +Koenige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil +er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfaengt. + +3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde oefters die Szenen nicht, und das +Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten +Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist +eine grosse Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit +der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie +ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich +ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragoedie bei den Franzosen +seit ihrem grossen Corneille so viel vollkommener geworden, dass das, was +dieser bloss fuer eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher +Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der +Tragoedie noch mehr verkennen gelernt, dass sie auf Dinge einen so grossen +Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden +ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwuerdig sein, als +Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler +bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire +aufgehen, nach welchem er das Theater oefters laenger voll laesst, als es +bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Koenigin +koemmt, und die Koenigin mit der dritten Szene abgeht, mit was fuer Recht +kann Polyphont in dem Zimmer der Koenigin verweilen? Ist dieses Zimmer der +Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das +Beduerfnis des Dichters verraet sich in der vierten Szene gar zu deutlich, +in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen muessen, nur dass +wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet haetten. + +4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar +nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch +schlimmer ist. Es ist nicht genug, dass eine Person sagt, warum sie koemmt, +man muss auch aus der Verbindung einsehen, dass sie darum kommen muessen. +Es ist nicht genug, dass sie sagt, warum sie abgeht, man muss auch in dem +Folgenden sehen, dass sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist +das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein blosser Vorwand +und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten +Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Koenigin zu versammeln, so +muesste man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch +hernach etwas hoeren. Da wir aber nichts davon zu hoeren bekommen, so ist +sein Vorgeben ein schuelerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten +besten Luegen, die dem Knaben einfaellt. Er geht nicht ab, um das zu tun, +was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht +wiederkommen zu koennen, die der Poet durch keinen andern erteilen zu +lassen wusste. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer +Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, dass der +Altar ihrer erwarte, dass zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles +bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt +ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse +hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfaengt, und nicht etwa +seinen Unwillen aeussert, dass ihm die Koenigin nicht in den Tempel gefolgt +ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern +wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, ueber die er nicht hier, ueber +die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm haette schwatzen sollen. Nun +schliesst auch der vierte Akt, und schliesst vollkommen wie der dritte. +Polyphont zitiert die Koenigin nochmals nach dem Tempel, Merope +selbst schreiet, + + Courons tous vers le temple ou m'attend mon outrage; + +und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie, + + Vous venez a l'autel entrainer la victime. + +Folglich werden sie doch gewiss zu Anfange des fuenften Akts in dem Tempel +sein, wo sie nicht schon gar wieder zurueck sind? Keines von beiden; gut +Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und koemmt noch +einmal wieder, und schickt auch die Koenigin noch einmal wieder. +Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten +und fuenften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen +sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der +dritte und vierte Akt schliessen bloss, damit der vierte und fuenfte wieder +anfangen koennen. + + + + +Sechsundvierzigstes Stueck +Den 6. Oktober 1767 + +Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich +beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten +verstanden zu haben. + +Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die +Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus +jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben wuerden, als es jene +notwendig erfordert haette, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu +gekommen waere. Da naemlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen +haben mussten und diese Menge immer die naemliche blieb, welche sich weder +weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch laenger aus denselben +wegbleiben konnte, als man gewoehnlichermassen der blossen Neugierde wegen +zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen +und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und +ebendenselben Tag einschraenken. Dieser Einschraenkung unterwarfen sie sich +denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, dass +sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren. +Denn sie liessen sich diesen Zwang einen Anlass sein, die Handlung selbst +so zu simplifizieren, alles Ueberfluessige so sorgfaeltig von ihr abzusondern, +dass sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein +Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am +gluecklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umstaenden der Zeit +und des Ortes verlangte. + +Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen +Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stuecke +schon verwoehnt waren, ehe sie die griechische Simplizitaet kennenlernten, +betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener +Einheit, sondern als fuer sich zur Vorstellung einer Handlung +unumgaengliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und +verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen muessten, als es nur +immer der Gebrauch des Chors erfordern koennte, dem sie doch gaenzlich +entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmoeglich oefters +dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren +voelligen Gehorsam aufzukuendigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen. +Anstatt eines einzigen Ortes fuehrten sie einen unbestimmten Ort ein, +unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden koenne; genug, wenn +diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlaegen und keiner +eine besondere Verzierung beduerfe, sondern die naemliche Verzierung +ungefaehr dem einen so gut als dem andern zukommen koenne. Anstatt der +Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine +gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne +hoerte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht oefterer als einmal +zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin +ereignen, liessen sie fuer einen Tag gelten. + +Niemand wuerde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich +auch so noch vortreffliche Stuecke machen; und das Sprichwort sagt, bohre +das Brett, wo es am duennsten ist.--Aber ich muss meinen Nachbar nur auch +da bohren lassen. Ich muss ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den +astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da +pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die franzoesischen +Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stuecke der +Englaender kommen. Was fuer ein Aufhebens machen sie von der Regelmaessigkeit, +die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei +diesen Elementen laenger aufzuhalten. + +Moechten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und +an sieben Orten in Griechenland spielen! Moechten sie aber auch nur die +Schoenheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen! + +Die strengste Regelmaessigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren +nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei oefters spricht +und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, ueber die +heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund +legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu raeumen; das Volk +in alle die Wollueste zu versenken, die es entkraeften und weibisch machen +koennen; die groessten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der +Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen +unsinnigen Weg zu regieren einschlaegt, wird er sich dessen auch ruehmen? +So schildert man die Tyrannen in einer Schuluebung; aber so hat noch +keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und +wahnwitzig laesst Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber +mitunter laesst er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiss kein Mann von +dieser Art ueber die Zunge bringt. Z.E. + + --Des Dieux quelquefois la longue patience + Fait sur nous a pas lents descendre la vengeance-- + +Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie +nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu +neuen Verbrechen aufmuntert: + + Eh bien, encor ce crime!-- + +Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich +schon beruehrt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso +verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von +Anfange schildert, noch weniger aehnlich. Aegisth haette bei dem Opfer +gerade nicht erscheinen muessen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwoeren? In +den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter? +Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er +hat sich fuer seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth +verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit +eins zu entscheiden; und diesen tollkuehnen Aegisth laesst er sich an dem +Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand faellt, ein Schwert +werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen +Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und haelt ihn +fuer seinen Freund. Warum haette Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht +naehern duerfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war +geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen +einkommen konnte, den ersten zu raechen. + +"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfaehrt, dass ihr Sohn +ermordet sei, will dem Moerder das Herz aus dem Leibe reissen und es mit +ihren Zaehnen zerfleischen.[3] Das heisst, sich wie eine Kannibalin und +nicht wie eine betruebte Mutter ausdruecken; das Anstaendige muss ueberall +beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die franzoesische Merope +delikater ist, als dass sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz, +beissen sollte: so duenkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut +Kannibalin, als die italienische.-- + + +----Fussnote + +[1] Atto III. Sc. I. + + ----Quando + Saran da poi sopiti alquanto, e queti + Gli animi, l'arte del regnar mi giovi. + Per mute oblique vie n'andranno a Stige + L'alme piu audaci, e generose. A i vizi + I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie + Il freno allarghero. Lunga clemenza + Con pompa di pieta faro, che splenda + Su i delinquenti; a i gran delitti invito, + Onde restino i buoni esposti, e paghi + Renda gl' iniqui la licenza; ed onde + Poi fra se distruggendosi, in crudeli + Gare private il lor furor si stempri. + Udrai sovente risonar gli editti. + E raddopiar le leggi, che al sovrano + Giovan servate, e transgredite. Udrai + Correr minaccia ognor di guerra esterna; + Ond' io n'andro su l'atterrita plebe + Sempre crescendo i pesi, e peregrine + Milizie introdurro.-- + +[2] + Si ce fils, tant pleure, dans Messene est produit, + De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit. + Crois-moi, ces prejuges de sang et de naissance + Revivront dans les coeurs, y prendront sa defense. + Le souvenir du pere, et cent rois pour aieux, + Cet honneur pretendu d'etre issu de nos Dieux; + Les cris, le desespoir d'une mere eploree. + Detruiront ma puissance encor mal assuree. + +[3] + Quel scelerato in mio poter vorrei + Per trarne prima, s'ebbe parte in questo + Assassinio il tiranno; io voglio poi + Con una scure spalancargli il petto, + Voglio strappargli il cor, vogho co' denti + Lacerarlo, e sbranarlo-- + +----Fussnote + + + + +Siebenundvierzigstes Stueck +Den 9. Oktober 1767 + +Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, dass man den Menschen mehr nach +seinen Taten, als nach seinen Reden richten muss; dass ein rasches Wort, in +der Hitze der Leidenschaft ausgestossen, fuer seinen moralischen Charakter +wenig, eine ueberlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich +wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewissheit, in welcher sie von +dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer ueberlaesst, die immer +das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie ungluecklich ihr +abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid ueber alle Unglueckliche +erstrecket: ist das schoene Ideal einer Mutter. Merope, die in dem +Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zaertlichkeit +erfaehrt, von ihrem Schmerze betaeubt dahinsinkt, und ploetzlich, sobald sie +den Moerder in ihrer Gewalt hoeret, wieder aufspringt und tobet und wuetet +und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und +wirklich vollziehen wuerde, wenn er sich eben unter ihren Haenden befaende: +ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in +welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schoenheit und +Ruehrung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt, +Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die +Henkerin sein, nicht toeten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre +Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich +wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken; +eine Mutter, wie es jede Baerin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle +wem da will; mir sage er es nur nicht, dass sie ihm gefaellt, wenn ich ihn +nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll. + +Vielleicht duerfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des +Stoffes machen; vielleicht duerfte er sagen, Merope muesse ja wohl den +Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de theatre, +den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser +ehedem so sehr entzueckt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire wuerde +sich wiederum irren und die willkuerlichen Abweichungen des Maffei +abermals fuer den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, dass +Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert +nicht, dass sie es mit aller Ueberlegung tun muss. Und so scheinet sie es +auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel +des Hyginus fuer den Auszug seines Stuecks annehmen duerfen. Der Alte koemmt +und sagt der Koenigin weinend, dass ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte +sie gehoert, dass ein Fremder angelangt sei, der sich ruehme, ihn umgebracht +zu haben, und dass dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie +ergreift das erste das beste, was ihr in die Haende faellt, eilet voller +Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung +geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war +sehr simpel und natuerlich, sehr ruehrend und menschlich! Die Athenienser +zitterten fuer den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu duerfen. Sie +zitterten fuer Meropen selbst, die durch die gutartigste Uebereilung Gefahr +lief, die Moerderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber +machen mich bloss fuer den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so +ungehalten, dass ich es ihr fast goennen moechte, sie vollfuehrte den +Streich. Moechte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen, +so haette sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie +so eine blutduerstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache +in der ersten Hitze mit dem Moerder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie +ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und +verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze +zu verwuenschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz +zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der +Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Ruestung bei ihm +findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Moerder Ihres Sohnes, an +dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen, +Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich muesste +mich sehr irren, oder Sie waeren in Athen ausgepfiffen worden. + +Dass die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die +veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des +Stoffes ist, habe ich schon beruehrt. Denn nach der Fabel des Hyginus +hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts +geheiratet; und es ist sehr glaublich, dass selbst Euripides diesen +Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gruende, +mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren +bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] haetten sie auch vor +funfzehn Jahren dazu vermoegen koennen. Es war sehr in der Denkungsart der +alten griechischen Frauen, dass sie ihren Abscheu gegen die Moerder ihrer +Maenner ueberwanden und sie zu ihren zweiten Maennern annahmen, wenn sie +sahen, dass den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen koenne. +Ich erinnere mich etwas Aehnliches in dem griechischen Roman des +Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine +Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen traegt, auf +eine sehr ruehrende Art darueber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle +verdiente angefuehrt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand. +Genug, dass das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt, +hinreichend gewesen waere, die Auffuehrung seiner "Merope" zu rechtfertigen, +wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingefuehret haette. Die kalten +Szenen einer politischen Liebe waeren dadurch weggefallen; und ich sehe +mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch +weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter haetten werden +koennen. + +Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei +gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, dass es einen +bessern geben koenne, dass dieser bessere eben der sei, der schon vor +Alters befahren worden, so begnuegte er sich, auf jenem ein paar +Sandsteine aus dem Gleise zu raeumen, ueber die er meinet, dass sein +Vorgaenger fast umgeschmissen haette. Wuerde er wohl sonst auch dieses von +ihm beibehalten haben, dass Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von +ungefaehr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige +Merkmale in den Verdacht kommen muss, dass er der Moerder seiner selbst sei? +Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdruecklichen +Vorsatze, sich zu raechen, nach Messene und gab sich selbst fuer den Moerder +des Aegisth aus: nur dass er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei +aus Vorsicht, oder aus Misstrauen, oder aus was sonst fuer Ursache, an der +es ihm der Dichter gewiss nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar +oben dem Maffei einige Gruende zu allen den Veraenderungen, die er mit dem +Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich +bin weit entfernt, die Gruende fuer wichtig und die Veraenderungen fuer +gluecklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, dass jeder Tritt, den +er aus den Fusstapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden. +Dass sich Aegisth nicht kennet, dass er von ungefaehr nach Messene kommt und +per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrueckt) fuer den Moerder des +Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr +verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwaecht auch +das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wusste es der Zuschauer von dem +Aegisth selbst, dass er Aegisth sei, und je gewisser er es wusste, dass +Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto groesser musste notwendig +das Schrecken sein, das ihn darueber befiel, desto quaelender das Mitleid, +welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter +Zeit verhindert wuerde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir +es nur, dass der vermeinte Moerder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein +koenne, und unser groesstes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick +versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhoeret. Das Schlimmste dabei +ist noch dieses, dass die Gruende, die uns in dem jungen Fremdlinge den +Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gruende sind, aus welchen es +Merope selbst vermuten sollte, und dass wir ihn, besonders bei Voltairen, +nicht in dem allergeringsten Stuecke naeher und zuverlaessiger kennen, als +sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gruenden entweder +ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen +wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Juengling mit ihr fuer einen +Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr +ruehren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, dass sie nicht +besser darauf merket und sich von weit seichtern Gruenden hinreissen laesst. +Beides aber taugt nicht. + + +----Fussnote + +[1] Acte II. Sc. 1. + + --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas. + L'exil ou son enfance a langui condamnee + Lui serait moins affreux que ce lache hymenee. + Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang, + Il n'en croyait ici que les droits de son sang; + Mais si par les malheurs son ame etait instruite, + Sur ses vrais interets s'il reglait sa conduite, + De ses tristes amis s'il consultait la voix, + Et la necessite souveraine des loix, + Il verrait que jamais sa malheureuse mere + Ne lui donna d'amour une marque plus chere. + Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures verites + Que m'arrachent mon zele et vos calamites. + Mer. Quoi! Vous me demandez que l'interet surmonte + Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte! + Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs! + Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs; + Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui resiste; + Il est sans heritier, et vous aimez Egiste.--. + +----Fussnote + + + + +Achtundvierzigstes Stueck +Den 13. Oktober 1767 + +Es ist wahr, unsere Ueberraschung ist groesser, wenn wir es nicht eher mit +voelliger Gewissheit erfahren, dass Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope +selbst erfaehrt. Aber das armselige Vergnuegen einer Ueberraschung! Und was +braucht der Dichter uns zu ueberraschen? Er ueberrasche seine Personen, +soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn +wir, was sie ganz unvermutet treffen muss, auch noch so lange +vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und staerker +sein, je laenger und zuverlaessiger wir es vorausgesehen haben. + +Ich will, ueber diesen Punkt, den besten franzoesischen Kunstrichter fuer +mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stuecken", sagt Diderot,[1] +"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den +einfachen Stuecken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des +Plans. Allein worauf muss sich das Interesse beziehen? Auf die Personen? +Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen +man nichts weiss. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben +muss. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schuerzen, ohne dass sie es +wissen; fuer diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne dass +sie es merken, der Aufloesung immer naeher und naeher. Sind diese nur in +Bewegung, so werden wir Zuschauer den naemlichen Bewegungen schon auch +nachgeben, sie schon auch empfinden muessen.--Weit gefehlt, dass ich mit +den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben, +glauben sollte, man muesse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen. +Ich daechte vielmehr, es sollte meine Kraefte nicht uebersteigen, wenn ich +mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten +Szene verraten wuerde und aus diesem Umstande selbst das allerstaerkeste +Interesse entspraenge.--Fuer den Zuschauer muss alles klar sein. Er ist der +Vertraute einer jeden Person; er weiss alles, was vorgeht, alles was +vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers +tun kann, als dass man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll. +--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst, +und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht +hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie uebertreten kann, sooft es ihm +beliebt!--Meine Gedanken moegen so paradox scheinen, als sie wollen: +soviel weiss ich gewiss, dass fuer eine Gelegenheit, wo es nuetzlich ist, dem +Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich +ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das +Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis +eine kurze Ueberraschung; und in welche anhaltende Unruhe haette er uns +stuerzen koennen, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht haette!--Wer in +einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch +nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn +ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, dass sich das Ungewitter ueber +meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darueber +verweilet?--Meinetwegen moegen die Personen alle einander nicht kennen; +wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten, +dass der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein +undankbarer Stoff ist; dass der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu +ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie haette +entuebrigen koennen. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlass geben. Immer +werden wir uns mit Vorbereitungen beschaeftigen muessen, die entweder allzu +dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang +von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine +kurze Ueberraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die +Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle +der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so +grosse Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschlaege einer Person +vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder +Hoffnung erfuellet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann +sich der Zuschauer fuer die Handlung nicht staerker interessieren, als die +Personen. Das Interesse aber wird sich fuer den Zuschauer verdoppeln, wenn +er Licht genug hat und es fuehlet, dass Handlung und Reden ganz anders sein +wuerden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum +erwarten koennen, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie +wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann." + +Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, fuer welchen von beiden +Planen sich Diderot erklaeren wuerde: ob fuer den alten des Euripides, wo +die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er +sich selbst; oder fuer den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings +angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Raetsel ist und dadurch +das ganze Stueck "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht, +die weiter nichts als eine kurze Ueberraschung hervorbringen. + +Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken ueber die +Entbehrlichkeit und Geringfuegigkeit aller ungewissen Erwartungen und +ploetzlichen Ueberraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, fuer +ebenso neu als gegruendet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer +Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie +abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, dass seine Vorgaenger +nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgaenger gehoert +weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was +ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Praedilektion fuer dieses Gegenteil +haette bestaerken koennen, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch +den besten Stuecken der Alten abgesehen hatten. + +Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiss, dass er fast +immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie fuehren +wollte. Ja, ich waere sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die +Verteidigung seiner Prologen zu uebernehmen, die den neuern Kriticis so +sehr missfallen. "Nicht genug", sagt Hedelin, "dass er meistenteils alles, +was vor der Handlung des Stuecks vorhergegangen, durch eine von seinen +Hauptpersonen den Zuhoerern geradezu erzaehlen laesst, um ihnen auf diese +Weise das Folgende verstaendlich zu machen: er nimmt auch wohl oefters +einen Gott dazu, von dem wir annehmen muessen, dass er alles weiss, und +durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch +geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die +Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von +weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der +Ungewissheit und Erwartung, die auf dem Theater bestaendig herrschen +sollen, gaenzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stueckes +vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Ueberraschung +beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte +so geringschaetzig von seiner Kunst nicht; er wusste, dass sie einer weit +hoehern Vollkommenheit faehig waere, und dass die Ergoetzung einer kindischen +Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er liess seine +Zuhoerer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel +wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich +die Ruehrung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was +geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich +muesste den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstoessig sein, als +nur dieses, dass er uns die noetige Kenntnis des Vergangnen und des +Zukuenftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht; +dass er ein hoeheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen +Anteil nimmt, dazu gebrauchet und dass er dieses hoehere Wesen sich +geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung +mit der erzaehlenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann +bloss hierauf einschraenkten, was waere denn ihr Tadel? Ist uns das +Nuetzliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns +verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der +Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn +das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, dass wir sie +durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht? +Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen ueberhaupt? In den +Lehrbuechern sondre man sie so genau voneinander ab, als moeglich: aber +wenn ein Genie, hoeherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und +ebendemselben Werke zusammenfliessen laesst, so vergesse man das Lehrbuch +und untersuche bloss, ob es diese hoehere Absichten erreicht hat. Was geht +mich es an, ob so ein Stueck des Euripides weder ganz Erzaehlung, noch ganz +Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, dass mich dieser +Zwitter mehr vergnuegt, mehr erbauet, als die gesetzmaessigsten Geburten +eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heissen. Weil der Maulesel +weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten +lasttragenden Tieren?-- + + +----Fussnote + +[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die +Uebers. + +[2] "Pratique du Theatre", Liv. III. chap. 1. + +----Fussnote + + + + +Neunundvierzigstes Stueck +Den 16. Oktober 1767 + +Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu +sehen glauben, der sich aus Unvermoegen, oder aus Gemaechlichkeit, oder aus +beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als moeglich; wo sie die +dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese +in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der +im Grunde ebenso regelmaessig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es +nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stuecken eine +Schoenheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben. + +Denn es ist klar, dass alle die Stuecke, deren Prologe ihnen so viel +Aergernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen +verstaendlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs, +vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; lasst jenen sogleich mit der +Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind +beide darum im geringsten verstuemmelt? Woher wuerdet ihr, was ihr +weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da waere? Behaelt nicht +alles den naemlichen Gang, den naemlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, dass +die Stuecke, nach eurer Art zu denken, desto schoener sein wuerden, wenn wir +aus den Prologen nicht wuessten, dass der Ion, welchen Kreusa will vergiften +lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; dass die Kreusa, welche Ion von dem +Altar zu einem schmaehlichen Tode reissen will, die Mutter dieses Ion ist; +wenn wir nicht wuessten, dass an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum +Opfer hingeben muss, die alte unglueckliche Frau auch den Tod ihres letzten +einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses wuerde die trefflichsten +Ueberraschungen geben, und diese Ueberraschungen wuerden noch dazu +vorbereitet genug sein: ohne dass ihr sagen koenntet, sie braechen auf +einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten +nicht, sondern sie entstaenden; man wolle euch nicht auf einmal etwas +entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem +Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm +doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu +machen ist. Einen wolluestigen Schoessling schneidet der Gaertner in der +Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat. +Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heisst sehr +viel annehmen--dass Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel +Geschmack koenne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel +mehr, wie er bei dieser grossen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke, +dennoch einen so groben Fehler begehen koennen: so tretet zu mir her und +betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es +so gut, als wir, dass z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen koenne; dass +er, ohne denselben, ein Stueck sei, welches die Ungewissheit und Erwartung +des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewissheit +und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst +in dem fuenften Akte, dass Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es fuer ihn +nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten +Akte aus dem Wege raeumen will; so ist es fuer ihn nicht die Mutter des +Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte raechen will, sondern bloss +die Meuchelmoerderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid +herkommen? Die blosse Vermutung, die sich etwa aus uebereintreffenden +Umstaenden haette ziehen lassen, dass Ion und Kreusa einander wohl naeher +angehen koennten, als sie meinen, wuerde dazu nicht hinreichend gewesen +sein. Diese Vermutung musste zur Gewissheit werden; und wenn der Zuhoerer +diese Gewissheit nur von aussen erhalten konnte, wenn es nicht moeglich war, +dass er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben +konnte: war es nicht immer besser, dass der Dichter sie ihm auf die +einzige moegliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise, +was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine +Tragoedie ist dadurch, was eine Tragoedie sein soll; und wenn ihr noch +unwillig seid, dass er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge +euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stuecken, wo das Wesen der Form +aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads +"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem +alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin +ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und +ich werde euch nie beneiden! + +Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen +Dichtern nennet, so sahe er nicht bloss darauf, dass die meisten seiner +Stuecke eine unglueckliche Katastrophe haben; ob ich schon weiss, dass viele +den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststueck waere ihm ja wohl bald +abgelernt; und der Stuemper, der brav wuergen und morden und keine von +seinen Personen gesund oder lebendig von der Buehne kommen liesse, wuerde +sich ebenso tragisch duenken duerfen, als Euripides. Aristoteles hatte +unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen +Charakter erteilte; und ohne Zweifel, dass die eben beruehrte mit dazu +gehoerte, vermoege der er naemlich den Zuschauern alle das Unglueck, welches +seine Personen ueberraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer +auch dann schon mit Mitleiden fuer die Personen einzunehmen, wenn diese +Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen. +--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher +duerfte der Meinung sein, dass der Dichter dieser Freundschaft des +Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schoenen +Sittenspruechen, den er so verschwendrisch in seinen Stuecken ausstreuet. +Ich denke, dass er ihr weit mehr schuldig war; er haette, ohne sie, ebenso +spruchreich sein koennen; aber vielleicht wuerde er, ohne sie, nicht so +tragisch geworden sein. Schoene Sentenzen und Moralen sind ueberhaupt +gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten +hoeren; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den +Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein; +in allen die ebensten und kuerzesten Wege der Natur ausforschen und lieben; +jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem +Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was +ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Gluecklich der Dichter, der so +einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!-- + +Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, dass es gut sein wuerde, wenn +er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns +mit der Ueberzeugung, dass der liebenswuerdige unglueckliche Juengling, den +Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Moerder ihres +Aegisth hinrichten will, der naemliche Aegisth sei, sofort koenne aussetzen +lassen. Aber der Juengling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand +da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn koennten kennen lernen. +Was tut also der Dichter? Wie faengt er es an, dass wir es gewiss wissen, +Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte +Narbas zuruft?--Oh, das faengt er sehr sinnreich an! Auf so einen +Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er laesst, sobald der +unbekannte Juengling auftritt, ueber das erste, was er sagt, mit grossen, +schoenen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth" +setzen; und so weiter ueber jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir +es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei +diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan haette, so duerften +wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht +es lang und breit! Freilich ist es ein wenig laecherlich, wenn die Person, +ueber deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben, +auf die Frage: + + --Narbas vous est connu? + Le nom d'Egiste au moins jusqu'a vous est venu? + Quel etait votre etat, votre rang, votre pere? + +antwortet: + + Mon pere est un vieillard accable de misere; + Policlete est son nom; mais Egiste, Narbas, + Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas. + +Freilich ist es sehr sonderbar, dass wir von diesem Aegisth, der nicht +Aegisth heisst, auch keinen andern Namen hoeren; dass, da er der Koenigin +antwortet, sein Vater heisse Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heisse +so und so. Denn einen Namen muss er doch haben; und den haette der Herr von +Voltaire ja wohl schon mit erfinden koennen, da er so viel erfunden hat! +Leser, die den Rummel einer Tragoedie nicht recht gut verstehen, koennen +leicht darueber irre werden. Sie lesen, dass hier ein Bursche gebracht +wird, der auf der Landstrasse einen Mord begangen hat; dieser Bursche, +sehen sie, heisst Aegisth, aber er sagt, er heisse nicht so, und sagt doch +auch nicht, wie er heisse: oh, mit dem Burschen, schliessen sie, ist es +nicht richtig; das ist ein abgefeimter Strassenraeuber, so jung er ist, so +unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken +in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, dass es fuer die erfahrnen +Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte +Juengling ist, als gar nicht. Nur dass man mir nicht sage, dass diese Art sie +davon zu unterrichten, im geringsten kuenstlicher und feiner sei, als ein +Prolog im Geschmacke des Euripides!-- + + + + +Funfzigstes Stueck +Den 20. Oktober 1767 + +Bei dem Maffei hat der Juengling seine zwei Namen, wie es sich gehoert; +Aegisth heisst er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn +der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur +unter jenem eingefuehrt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stuecks +als kein geringes Verdienst an, dass dieses Verzeichnis den wahren Stand +des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den +Ueberraschungen noch groessere Liebhaber, als die Franzosen.-- + +Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an +diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei +und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung +nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stuecke, in kleine +lustige oder ruehrende Romane gebracht; anstatt beilaeufiger +Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, naerrischer Geschoepfe, wie +die doch wohl sein muessen, die sich mit Komoedienschreiben abgeben; +anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandaloeser Anekdoten von +Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser +artigen Saechelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte, +trockne Kritiken ueber alte bekannte Stuecke; schwerfaellige Untersuchungen +ueber das, was in einer Tragoedie sein sollte und nicht sein sollte; +mitunter wohl gar Erklaerungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen? +Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angefuehrt!--Doch im +Vertrauen: besser, dass sie es sind, als ich. Und ich wuerde es sehr sein, +wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen muesste. Nicht dass ihre +Erwartungen sehr schwer zu erfuellen waeren; wirklich nicht; ich wuerde sie +vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur +besser vertragen wollten. + +Ueber die "Merope" indes muss ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich +wollte eigentlich nur erweisen, dass die "Merope" des Voltaire im Grunde +nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich +erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern +ebendieselbe Verwicklung und Aufloesung machen, dass zwei oder mehrere +Stuecke fuer ebendieselben Stuecke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire +mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit +ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier fuer weiter nichts, +als fuer den Uebersetzer und Nachahmer desselben zu erklaeren. Maffei hat +die "Merope" des Euripides nicht bloss wieder hergestellet; er hat eine +eigene "Merope" gemacht: denn er ging voellig von dem Plane des Euripides +ab; und in dem Vorsatze, ein Stueck ohne Galanterie zu machen, in welchem +das ganze Interesse bloss aus der muetterlichen Zaertlichkeit entspringe, +schuf er die ganze Fabel um; gut oder uebel, das ist hier die Frage nicht; +genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze +so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, dass Merope mit dem Polyphont +nicht vermaehlt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus +welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermaehlung +dringen zu muessen glaubet; er entlehnte von ihm, dass der Sohn der Merope +sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von +seinem vermeintlichen Vater entkoemmt; er entlehnte von ihm den Vorfall, +der den Aegisth als einen Moerder nach Messene bringt; er entlehnte von +ihm die Missdeutung, durch die er fuer den Moerder seiner selbst gehalten +wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der muetterlichen Liebe, +wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den +Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Haenden +sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte, +Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht +auch die ganze Aufloesung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei +welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung +verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und +vielleicht, dass er, bloss darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die +Verbindung mit Meropen fallen liess, um dieses Opfer desto natuerlicher +anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach. + +Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umstaenden, die er vom +Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt dass, beim Maffei, +Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, laesst er die Unruhen in +Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der +unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt dass, beim Maffei, +Aegisth von einem Raeuber auf der Strasse angefallen wird, laesst er ihn in +einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten ueberfallen werden, die es +ihm uebel nehmen, dass er den Herkules fuer die Herakliden, den Gott des +Tempels fuer die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt dass beim Maffei +Aegisth durch einen Ring in Verdacht geraet, laesst Voltaire diesen Verdacht +durch eine Ruestung entstehen usw. Aber alle diese Veraenderungen betreffen +die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle ausser dem Stuecke sind +und auf die Oekonomie des Stueckes selbst keinen Einfluss haben. Und doch +wollte ich sie Voltairen noch gern als Aeusserungen seines schoepferischen +Genies anrechnen, wenn ich nur faende, dass er das, was er aendern zu muessen +vermeinte, in allen seinen Folgen zu aendern verstanden haette. Ich will +mich an dem mitte1sten von den angefuehrten Beispielen erklaeren. Maffei +laesst seinen Aegisth von einem Raeuber angefallen werden, der den +Augenblick abpasst, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern +einer Bruecke ueber die Pamise; Aegisth erlegt den Raeuber und wirft den +Koerper in den Fluss, aus Furcht, wenn der Koerper auf der Strasse gefunden +wuerde, dass man den Moerder verfolgen und ihn dafuer erkennen duerfte. Ein +Raeuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den +Beutel nehmen will, ist fuer mein feines, edles Parterr ein viel zu +niedriges Bild; besser, aus diesem Raeuber einen Missvergnuegten gemacht, +der dem Aegisth als einem Anhaenger der Herakliden zu Leibe will. Und +warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto +groesser, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem +aeltrern gemacht wird, kann hernach fuer den Narbas genommen werden. Recht +gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen +von diesen Missvergnuegten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er traegt den +toten Koerper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der +leeren Landstrasse in den nahen Fluss; das ist ganz begreiflich: aber aus +dem Tempel in den Fluss, dieses auch? War denn ausser ihnen niemand in +diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die groesste Ungereimtheit noch +nicht. Das Wie liesse sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis +Aegisth traegt den Koerper in den Fluss, weil er sonst verfolgt und erkannt +zu werden fuerchtet; weil er glaubt, wenn der Koerper beiseite geschafft +sei, dass sodann nichts seine Tat verraten koenne; dass diese sodann, +mitsamt dem Koerper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens +Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite haette nicht entkommen +muessen. Wird sich dieser begnuegen, sein Leben davongetragen zu haben? +Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten +beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn +andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was +hilft es dem Moerder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier +ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Muehe haette er +sparen und dafuer eilen sollen, je eher je lieber ueber die Grenze zu +kommen. Freilich musste der Koerper, des Folgenden wegen, ins Wasser +geworfen werden; es war Voltairen ebenso noetig als dem Maffei, dass Merope +nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden +konnte; nur dass, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er +bei jenem bloss dem Dichter zu Gefallen tun muss. Denn Voltaire korrigierte +die Ursache weg, ohne zu ueberlegen, dass er die Wirkung dieser Ursache +brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Beduerfnis abhaengt. + +Eine einzige Veraenderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht +hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die naemlich, durch welche er +den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Moerder ihres +Sohnes zu raechen, unterdrueckt und dafuer die Erkennung von seiten des +Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen laesst. Hier erkenne ich +den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz +vortrefflich. Ich wuenschte nur, dass die Erkennung ueberhaupt, die in der +vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu muessen das +Ansehen hat, mit mehrerer Kunst haette geteilet werden koennen. Denn dass +Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggefuehret wird und die Vertiefung +sich hinter ihm schliesst, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht +ein Haar besser, als die uebereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem +Maffei rettet, und ueber die Voltaire seinen Lindelle so spotten laesst. +Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natuerlicher; wenn der Dichter +nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht +gaenzlich die ersten ruehrenden Ausbrueche ihrer beiderseitigen Empfindungen +gegeneinander vorenthalten haette. Vielleicht wuerde Voltaire die Erkennung +ueberhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht haette dehnen +muessen, um fuenf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal +ueber cette longue carriere de cinq actes qui est prodigieusement +difficile a remplir sans episodes--Und nun fuer diesesmal genug von +der "Merope"! + + +----Fussnote + +[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si e levato quell' errore, comunissimo +alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per +conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi +messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto. + +----Fussnote + + + + +Einundfunfzigstes Stueck +Den 23. Oktober 1767 + +Den neununddreissigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der +verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1] + +Chevrier sagt,[2] dass Destouches sein Stueck aus einem Lustspiele des +Campistron geschoepft habe, und dass, wenn dieser nicht seinen "Jaloux +desabuse" geschrieben haette, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten +Philosophen" haben wuerden. Die Komoedie des Campistron ist unter uns wenig +bekannt; ich wuesste nicht, dass sie auf irgendeinem deutschen Theater waere +gespielt worden; auch ist keine Uebersetzung davon vorhanden. Man duerfte +also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem +Vorgeben des Chevrier sei. + +Die Fabel des Campistronschen Stuecks ist kurz diese: Ein Bruder hat das +ansehnliche Vermoegen seiner Schwester in Haenden, und um dieses nicht +herausgeben zu duerfen, moechte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber +die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um +ihren Mann zu vermoegen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf +alle Weise eifersuechtig zu machen, indem sie verschiedne junge +Mannspersonen sehr guetig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich +um ihre Schwaegerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt; +der Mann wird eifersuechtig; und williget endlich, um seiner Frau den +vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die +Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner +Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann +sieht sich berueckt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem +Ungrunde seiner Eifersucht ueberzeugt wird. + +Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen" +Aehnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus +dem zweiten Akte des Campistronschen Stuecks, zwischen Dorante, so heisst +der Eifersuechtige, und Dubois, seinem Sekretaer. Diese wird gleich zeigen, +was Chevrier gemeiner hat. + +"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn? + +Dorante. Ich bin verdruesslich, aergerlich; alle meine ehemalige +Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat +mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhoeren wird, +mich zu martern, zu peinigen-- + +Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker? + +Dorante. Meine Frau. + +Dubois. Ihre Frau, mein Herr? + +Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur +Verzweiflung. + +Dubois. Hassen Sie sie denn? + +Dorante. Wollte Gott! So waere ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und +liebe sie so sehr--Verwuenschte Qual! + +Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersuechtig? + +Dorante. Bis zur Raserei. + +Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersuechtig? Sie, der Sie von +jeher ueber alles, was Eifersucht heisst,-- + +Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran! +Ich Geck, mich von den elenden Sitten der grossen Welt so hinreissen zu +lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich ueber die +Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und +ich stimmte nicht bloss ein; es waehrte nicht lange, so gab ich den Ton. +Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was fuer albernes Zeug habe ich nicht +gesprochen! Eheliche Treue, bestaendige Liebe, pfui, wie schmeckt das +nach dem kleinstaedtischen Buerger! Der Mann, der seiner Frau nicht +allen Willen laesst, ist ein Baer! Der es ihr uebel nimmt, wenn sie auch +andern gefaellt und zu gefallen sucht, gehoert ins Tollhaus. So sprach +ich, und mich haette man da sollen ins Tollhaus schicken.-- + +Dubois. Aber warum sprachen Sie so? + +Dorante. Hoerst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es liesse +noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie +verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Maedchen +vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben; +die soll in meiner Denkungsart nicht viel aendern; ich liebe sie itzt +nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgueltiger gegen +sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward taeglich +schoener, taeglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte +je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie-- + +Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden! + +Dorante. Denn ich bin so eifersuechtig!--Dass ich mich schaeme, es auch +nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und +verdaechtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe +ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause +zu suchen? Was wollen die Muessiggaenger? Wozu alle die Schmeicheleien, +die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere +erhebt ihr gefaelliges Wesen bis in den Himmel. Den entzuecken ihre +himmlischen Augen, und den ihre schoenen Zaehne. Alle finden sie hoechst +reizend, hoechst anbetungswuerdig; und immer schliesst sich ihr +verdammtes Geschwaetze mit der verwuenschten Betrachtung, was fuer ein +gluecklicher, was fuer ein beneidenswuerdiger Mann ich bin. + +Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu. + +Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschaemte Kuehnheit wohl noch weiter! +Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest +du erst sehen und hoeren! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen +Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall +jagt den andern, eine boshafte Spoetterei die andere, ein kitzelndes +Histoerchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit +Liebaeugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich +erwidert, dass--dass mich der Schlag oft ruehren moechte! Kannst du +glauben, Dubois? ich muss es wohl mit ansehen, dass sie ihr die Hand +kuessen. + +Dubois. Das ist arg! + +Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was wuerde die Welt +dazu sagen? Wie laecherlich wuerde ich mich machen, wenn ich meinen +Verdruss auslassen wollte? Die Kinder auf der Strasse wuerden mit +Fingern auf mich weisen. Alle Tage wuerde ein Epigramm, ein +Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw." + + +Diese Situation muss es sein, in welcher Chevrier das Aehnliche mit dem +"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersuechtige des +Campistron sich schaemet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich +ehedem ueber diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schaemt sich +auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil +er ehedem ueber alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand fuer +den einzigen erklaert hatte, der einem freien und weisen Manne anstaendig +sei. Es kann auch nicht fehlen, dass diese aehnliche Scham sie nicht beide +in mancherlei aehnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die, +in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau +verlangt, ihm die ueberlaestigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber +ihn bedeutet, dass das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen +muesse, fast die naemliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich +Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, dass er sich auf +Meliten keine Rechnung machen koenne. Auch leidet dort der Eifersuechtige, +wenn seine Freunde in seiner Gegenwart ueber die Eifersuechtigen spotten +und er selbst sein Wort dazu geben muss, ungefaehr auf gleiche Weise, als +hier der Philosoph, wenn er sich muss sagen lassen, dass er ohne Zweifel +viel zu klug und vorsichtig sei, als dass er sich zu so einer Torheit, wie +das Heiraten, sollte haben verleiten lassen. + +Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stuecke +notwendig das Stueck des Campistron vor Augen gehabt haben muesste; und mir +ist es ganz begreiflich, dass wir jenes haben koennten, wenn dieses auch +nicht vorhanden waere. Die verschiedensten Charaktere koennen in aehnliche +Situationen geraten; und da in der Komoedie die Charaktere das Hauptwerk, +die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich aeussern zu lassen und +ins Spiel zu setzen: so muss man nicht die Situationen, sondern die +Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stueck +Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der +Tragoedie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und +Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Aehnliche Situationen +geben also aehnliche Tragoedien, aber nicht aehnliche Komoedien. Hingegen +geben aehnliche Charaktere aehnliche Komoedien, anstatt dass sie in den +Tragoedien fast gar nicht in Erwaegung kommen. + +Der Sohn unsers Dichters, welcher die praechtige Ausgabe der Werke seines +Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbaenden aus der +Koeniglichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu +dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stueck betreffende Anekdote. Der +Dichter naemlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen +Ursachen seine Verbindung geheim halten muessen. Eine Person aus der +Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis frueher ausgeplaudert, als +ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten +Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es +seinem Sohne nicht glauben?--so duerfte die vermeinte Nachahmung des +Campistron um so eher wegfallen. + + +----Fussnote + +[1] S. den 5. und 7. Abend + +[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135. + +----Fussnote + + + + +Zweiundfunfzigstes Stueck Den 27. Oktober 1767 + +Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels +"Triumph der guten Frauen" aufgefuehret. + +Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es +war, soviel ich weiss, das letzte komische Werk des Dichters, das seine +fruehern Geschwister unendlich uebertrifft und von der Reife seines Urhebers +zeuget. "Der geschaeftige Muessiggaenger" war der erste jugendliche Versuch +und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz +verzeihe es denen und raeche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin +gefunden haben! Er enthaelt das kalteste, langweiligste Alltagsgewaesche, +das nur immer in dem Hause eines meissnischen Pelzhaendlers vorfallen kann. +Ich wuesste nicht, dass er jemals waere aufgefuehrt worden, und ich zweifle, +dass seine Vorstellung duerfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist +um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist, +den Moliere in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlass +zu diesem Stuecke wollte genommen haben.[1] Molieres Geheimnisvoller ist +ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels +Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen +will, um von den Woelfen nicht gefressen zu werden. Daher koemmt es auch, +dass er so viel Aehnliches mit dem Charakter des Misstrauischen hat, den +Cronegk hernach auf die Buehne brachte. Beide Charaktere aber, oder +vielmehr beide Nuancen des naemlichen Charakters, koennen nichts anders +als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und +haesslichen Seele sich finden, dass ihre Vorstellungen notwendig mehr +Mitleiden oder Abscheu erwecken muessen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle" +ist wohl sonst hier aufgefuehret worden; man versichert mich aber auch +durchgaengig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr +begreiflich, dass man ihn laeppischer gefunden habe, als lustig. + +"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgefuehret +worden, und sooft er noch aufgefuehret worden, ueberall und jederzeit einen +sehr vorzueglichen Beifall erhalten; und dass sich dieser Beifall auf wahre +Schoenheiten gruenden muesse, dass er nicht das Werk einer ueberraschenden +blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach +Lesung des Stuecks, zurueckgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefaellt es +um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen +gesehen, dem gefaellt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es +die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen uebrigen Lustspielen, als +diese ueberhaupt dem gewoehnlichen Prasse deutscher Komoedien vorgezogen. + +"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschaeftigen Muessiggaenger': die +Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Muessiggaenger, +solche in ihre Kinder vernarrte Muetter, solche schalwitzige Besuche und +solche dumme Pelzhaendler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so +handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine +Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gaehnte +vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher +Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren +Handlungen, echten Witz in ihren Gespraechen und den Ton einer feinen +Lebensart in ihrem ganzen Umgange." + +Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat, +ist der, dass die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider +muss man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu +sehr an fremde, und besonders an franzoesische Sitten gewoehnt, als dass er +eine besonders ueble Wirkung auf uns haben koennte. + +"Nikander", heisst es, "ist ein franzoesischer Abenteurer, der auf +Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste +gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stuerzen, aller Frauen +Verfuehrer und aller Maenner Schrecken zu werden sucht, und der bei allem +diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten +und Grundsaetze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! dass ein +Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben +muss.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit +verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, koemmt auf den +Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt +ihm, unter dem Namen Philint, in alle Haeuser nach, wo er Avanturen sucht. +Philint ist witziger, flatterhafter und unverschaemter als Nikander. Das +Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem +frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen laesst, stehet Nikander da wie +verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die +Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und +gluecklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten +Petitmaitre ist gewiss kein Deutscher." + +"Was mir", faehrt er fort, "sonst an diesem Lustspiele missfaellt, ist der +Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen, +zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu haesslichen Seite. Er +tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwuerdigste und hat +recht seine Lust, sie zu quaelen. Graemlich, sooft er sich sehen laesst, +spoettisch bei den Traenen seiner gekraenkten Frau, argwoehnisch bei ihren +Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen +durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersuechtig, +hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden koennen, in seiner +Frauen Kammermaedchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als +dass wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen koennten. Der Dichter gibt +ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswuerdigen +Herzens nicht genug entwickeln koennen. Er tobt, und weder Juliane noch +die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum +gehabt, seine Besserung gehoerig vorzubereiten und zu veranstalten. Er +musste sich begnuegen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die +Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine, +dieses edelmuetige Kammermaedchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte, +sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen +sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Maedchen +im Hause ist, moechte ich nicht fuer die Aufrichtigkeit stehen." + +Ich freue mich, dass die beste deutsche Komoedie dem richtigsten deutschen +Beurteiler in die Haende gefallen ist. Und doch war es vielleicht die +erste Komoedie, die dieser Mann beurteilte. + + +----Fussnote + +[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4. + + C'est de la tete aux pieds un homme tout mystere, + Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil egare, + Et sans aucune affaire est toujours affaire. + Tous ce qu'il vous debite en grimaces abonde. + A force de facons il assomme le monde. + Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien, + Un secret a vous dire, et ce secret n'est rien. + De la moindre vetille il fait une merveille, + Et, jusqu' au bon jour, il dit tout a l'oreille. + +[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133. + +----Fussnote + + +Ende des ersten Bandes + + + + + +Zweyter Band + + + +Dreiundfunfzigstes Stueck +Den 3. November 1767 + +Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und +"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade +heraus,[2] "fuehret den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk +des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von +Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die +Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so +ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fuegt er hinzu, y a laisse +81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von +einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim +verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier +keinen andern Beweis hatte, dass das Stueck in Versen gewesen: so ist es +sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die franzoesischen Verse kommen ueberhaupt +der Prosa so nahe, dass es Muehe kosten soll, nur in einem etwas +gesuchteren Stile zu schreiben, ohne dass sich nicht von selbst ganze +Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade +denjenigen, die gar keine Verse machen, koennen dergleichen Verse am +ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr fuer das Metrum haben und +es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen. + +Was hat "Cenie" sonst fuer Merkmale, dass sie nicht aus der Feder eines +Frauenzimmers koenne geflossen sein? "Das Frauenzimmer ueberhaupt", sagt +Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige, +und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken +gluecklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack, +nichts als Anmut, hoechstens Gruendlichkeit und Philosophie verlangen. Es +kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich +durch Muehe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer, +welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende +verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwuenge, +die ihr Entzueckendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den +Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen." + +Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen, +so muss "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst +wuerde so nicht schliessen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer +ueberhaupt absprechen zu muessen glaube, wolle er darum keiner Frau +insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas a une femme, mais aux femmes +que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf +Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin +derselben anfuehrt. Dabei merke man wohl, dass Graffigny seine Freundin +nicht war, dass sie Uebels von ihm gesprochen hatte, dass er sich an eben +der Stelle ueber sie beklagt. Demohngeachtet erklaert er sie lieber fuer +eine Ausnahme seines Satzes, als dass er im geringsten auf das Vorgeben +des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel, +Freimuetigkeit genug gehabt haette, wenn er nicht von dem Gegenteile +ueberzeugt gewesen waere. + +Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser +Abt, wie Chevrier wissen will, hat fuer die Favart gearbeitet. Er hat die +komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice, +von der er sagt, dass sie kaum lesen koenne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer, +der in Paris darueber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, dass die +Gassenhauer in der franzoesischen Geschichte ueberhaupt unter die glaub- +wuerdigsten Dokumente gehoeren. + +Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen +in die Welt schicke, liesse sich endlich noch begreifen. Aber warum er +sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten +vorziehen moechte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr +als ein Stueck auffuehren und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als +den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen. +Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen +wollte, ist es wahrscheinlich, dass er es gerade mit seinem besten Werke +wuerde getan haben?-- + +Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die +Frauenschule" von Moliere aufgefuehrt. + +Moliere hatte bereits seine "Maennerschule" gemacht, als er im Jahre 1662 +diese "Frauenschule" darauf folgen liess. Wer beide Stuecke nicht kennet, +wuerde sich sehr irren, wenn er glaubte, dass hier den Frauen, wie dort den +Maennern, ihre Schuldigkeit geprediget wuerde. Es sind beides witzige +Possenspiele, in welchen ein Paar junge Maedchen, wovon das eine in aller +Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar +alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Maennerschule" heissen muessten, +wenn Moliere weiter nichts darin haette lehren wollen, als dass das duemmste +Maedchen noch immer Verstand genug habe, zu betruegen, und dass Zwang und +Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit. +Wirklich ist fuer das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht +viel zu lernen; es waere denn, dass Moliere mit diesem Titel auf die +Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen haette, +mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher laecherlich gemacht werden. + +"Die zwei gluecklichsten Stoffe zur Tragoedie und Komoedie", sagt Trublet, +[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille +und Moliere bearbeitet worden, als diese Dichter ihre voellige Staerke noch +nicht hatten. Diese Anmerkung", fuegt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von +Fontenelle." + +Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt haette, wie er dieses +meine. Oder falls es ihm so schon verstaendlich genug war, wenn er es doch +auch seinen Lesern mit ein paar Worten haette verstaendlich machen wollen. +Ich wenigstens bekenne, dass ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit +diesem Raetsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder +Trublet hat sich verhoert. + +Wenn indes, nach der Meinung dieser Maenner, der Stoff der "Frauenschule" +so besonders gluecklich ist und Moliere in der Ausfuehrung desselben nur zu +kurz gefallen: so haette sich dieser auf das ganze Stueck eben nicht viel +einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus +einer spanischen Erzaehlung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die +vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spasshaften Naechten" des +Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage +vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, dass +dieser Freund sein Nebenbuhler ist. + +"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stueck von einer +ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzaehlung, aber doch so +kuenstliche Erzaehlung ist, dass alles Handlung zu sein scheinet." + +Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, dass man die neue +Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger kuenstlich, Erzaehlung bleibt +immer Erzaehlung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen +sehen.--Aber ist es denn auch wahr, dass alles darin erzaehlt wird? dass +alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire haette diesen alten Einwurf +nicht wieder aufwaermen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob +zu verkehren, haette er wenigstens die Antwort beifuegen sollen, die +Moliere selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzaehlungen +naemlich sind in diesem Stuecke, vermoege der innern Verfassung desselben, +wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung +erforderlich ist; und es ist blosse Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier +streitig zu machen.[6] Denn es koemmt ja weit weniger auf die Vorfaelle an, +welche erzaehlt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfaelle auf +den betrognen Alten machen, wenn er sie erfaehrt. Das Laecherliche dieses +Alten wollte Moliere vornehmlich schildern; ihn muessen wir also +vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebaerdet; +und dieses haetten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er +erzaehlen laesst, vor unsern Augen haette vorgehen lassen, und das, was er +vorgehen laesst, dafuer haette erzaehlen lassen. Der Verdruss, den Arnolph +empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruss zu verbergen; der +hoehnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz +nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der +wir ihn sehen, wenn er vernimmt, dass Horaz demohngeachtet sein Ziel +gluecklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen, +als alles, was ausser der Szene vorgeht. Selbst in der Erzaehlung der +Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr +Handlung, als wir finden wuerden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der +Buehne wirklich machen saehen. + +Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, dass alles darin Handlung +scheine, obgleich alles nur Erzaehlung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte +sagen zu koennen, dass alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzaehlung +zu sein scheine. + + +----Fussnote + +[1] S. den 23. und 29. Abend + +[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211. + +[3] a d'Alembert, p. 133. + +[4] a d'Alembert, p. 78. + +[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295. + +[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les +recits eux-memes y sont des actions suivant la constitution du sujet. + +----Fussnote + + + + +Vierundfunfzigstes Stueck +Den 6. November 1767 + +Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die +Muetterschule" des La Chaussee, und den vierundvierzigsten Abend (als den +15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1] + +Da die Englaender von jeher so gern domestica facta auf ihre Buehne +gebracht haben, so kann man leicht vermuten, dass es ihnen auch an +Trauerspielen ueber diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das aelteste ist +das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglueckliche Liebling, oder Graf +von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall. +Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenede von +1638; des Boyer von 1678, und des juengern Corneille von ebendiesem Jahre. +Wollten indes die Englaender, dass ihnen die Franzosen auch hierin nicht +moechten zuvorgekommen sein, so wuerden sie sich vielleicht auf Daniels +"Philotas" beziehen koennen; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die +Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden +glaubte.[2] + +Banks scheinet keinen von seinen franzoesischen Vorgaengern gekannt zu +haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime +Geschichte der Koenigin Elisabeth und des Grafen von Essex" fuehret,[3] wo +er den ganzen Stoff sich so in die Haende gearbeitet fand, dass er ihn bloss +zu dialogieren, ihm bloss die aeussere dramatische Form zu erteilen brauchte. +Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angefuehrten +Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, dass es meinen Lesern +nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stueck des Corneille halten zu koennen. + +"Um unser Mitleid gegen den ungluecklichen Grafen desto lebhafter zu +machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Koenigin fuer +ihn aeussert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden +beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter +nichts, als dass er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt +hat. Burleigh, der erste Minister der Koenigin, der auf ihre Ehre sehr +eifersuechtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit +welchen sie ihn ueberhaeuft, bemueht sich unablaessig, ihn verdaechtig zu +machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des +Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Graefin +von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte, +nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten koennen, was sie +nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestueme Gemuetsart des +Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf +folgende Weise. + +Die Koenigin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr +ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen +gefaehrlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden +Scharmuetzeln sahe sich der Graf genoetiget, mit dem Feinde in Unterhandlung +zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr +abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret +stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anfuehrern muendlich betrieben +ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Koenigin +als ihrer Ehre hoechst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger +Beweis vorgestellet, dass Essex mit den Rebellen in einem heimlichen +Verstaendnisse stehen muesse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern +Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats +anklagen zu duerfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist, +dass sie sich vielmehr ueber ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht +bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation +erwiesen, und erklaert, dass sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid +seiner Anklaeger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger +Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er +erhebt die Gerechtigkeit der Koenigin, einen solchen Mann nicht +unterdruecken zu lassen; und seine Feinde muessen vor diesesmal schweigen. +(Erster Akt.) + +Indes ist die Koenigin mit der Auffuehrung des Grafen nichts weniger als +zufrieden, sondern laesst ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen, +und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen voellig zu +Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die +Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde +bei ihr anzuschwaerzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu +rechtfertigen, und koemmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der +Waffen vermocht, des ausdruecklichen Verbots der Koenigin ungeachtet, +nach England ueber. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden +ebensoviel Vergnuegen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die +Graefin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den +Folgen. Am meisten aber betruebt sich die Koenigin, da sie sieht, dass ihr +durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten, +wenn sie nicht eine Zaertlichkeit verraten will, die sie gern vor der +ganzen Welt verbergen moechte. Die Erwaegung ihrer Wuerde, zu welcher ihr +natuerlicher Stolz koemmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm traegt, +erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich +selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den +geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen +sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschliesst sie sich zu dem letztern, +doch nicht ohne alle Einschraenkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn +auf eine Art empfangen, dass er die Hoffnung wohl verlieren soll, fuer seine +Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham +sind bei dieser Zusammenkunft gegenwaertig. Die Koenigin ist auf die letztere +gelehnet und scheinet tief im Gespraeche zu sein, ohne den Grafen nur ein +einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen, +verlaesst sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit +ihr meinen, ihr zu folgen und den Verraeter allein zu lassen. Niemand darf +es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab, +koemmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei +seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Koenigin den Burleigh +und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich +aber, ihn in andere, als in der Koenigin eigene Haende, zurueckzuliefern, und +beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr +veraechtlich begegnet. (Zweiter Akt.) + +Die Koenigin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist +aeusserst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann +weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkuehnt, +noch die Lobsprueche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der +Fuelle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als +jene, weil sie daraus entdeckt, dass die Rutland ihn liebet. Zuletzt +befiehlt sie, demohngeachtet, dass er vor sie gebracht werden soll. Er +koemmt, und versucht es, seine Auffuehrung zu verteidigen. Doch die Gruende, +die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als dass sie +ihren Verstand von seiner Unschuld ueberzeugen sollten. Sie verzeihet ihm, +um der geheimen Neigung, die sie fuer ihn hegt, ein Genuege zu tun; aber +zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung +dessen, was sie sich selbst, als Koenigin, schuldig zu sein glaubt. Und +nun ist der Graf nicht laenger vermoegend, sich zu maessigen; seine +Ungestuemheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Fuessen und bedient +sich verschiedner Ausdruecke, die zu sehr wie Vorwuerfe klingen, als dass +sie den Zorn der Koenigin nicht aufs hoechste treiben sollten. Auch +antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natuerlich ist; ohne sich +um Anstand und Wuerde, ohne sich um die Folgen zu bekuemmern: naemlich, +anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem +Degen; und nur der einzige Gedanke, dass es seine Koenigin, dass es nicht +sein Koenig ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, dass es eine Frau +ist, von der er die Ohrfeige hat, haelt ihn zurueck, sich taetlich an ihr zu +vergehen. Southampton beschwoert ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt +seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem +Burleigh und Raleigh ihren niedertraechtigen Neid, sowie der Koenigin ihre +Ungerechtigkeit vor. Sie verlaesst ihn in der aeussersten Wut; und niemand +als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt +eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.) + +Der Graf geraet ueber sein Unglueck in Verzweiflung; er laeuft wie unsinnig +in der Stadt herum, schreiet ueber das ihm angetane Unrecht und schmaehet +auf die Regierung. Alles das wird der Koenigin, mit vielen Uebertreibungen, +wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern. +Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen +und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis dass ihnen der Prozess gemacht +werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Koenigin gelegt und +guenstigern Gedanken fuer den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn +also, ehe er zum Verhoere geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet, +nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen moechten zu strafbar +befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit +zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald +er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen wuerde, zu gewaehren. Fast +aber bereuet sie es wieder, dass sie so guetig gegen ihn gewesen, als sie +gleich darauf erfaehrt, dass er mit der Rutland vermaehlt ist; und es von der +Rutland selbst erfaehrt, die fuer ihn um Gnade zu bitten koemmt. (Vierter Akt.) + + +----Fussnote + +[1] S. den 26. und 30. Abend. + +[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147. + +[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99. + +----Fussnote + + + + +Fuenfundfunfzigstes Stueck +Den 10. November 1767 + +Was die Koenigin gefuerchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen +schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund +Southampton desgleichen. Nun weiss zwar Elisabeth, dass sie, als Koenigin, +den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, dass eine solche +freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwaeche verraten wuerde, die +keiner Koenigin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den +Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes, +dass es je eher je lieber geschehen moege, schickt sie die Nottingham zu +ihm und laesst ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt +sich, das zaertlichste Mitleid fuer ihn zu fuehlen; und er vertrauet ihr das +kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demuetigsten Bitte an die +Koenigin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wuenschet; +nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu +raechen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet +sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest +entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Aeusserste +ankommen zu lassen, dass die Koenigin dem Berichte kaum glauben kann, nach +wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl +erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr +die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen, +nicht weil ihr das Unglueck desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie +sich einbildet, dass Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr +empfinden werde, wenn er sieht, dass die Gnade, die man ihm verweigert, +seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht raet +sie der Koenigin auch, seiner Gemahlin, der Graefin von Rutland, zu +erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Koenigin williget +in beides, aber zum Ungluecke fuer die grausame Ratgeberin; denn der Graf +gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Koenigin, die sich eben in dem +Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgefuehret, +erhaelt. Aus diesem Briefe ersieht sie, dass der Graf der Nottingham den +Ring gegeben und sie durch diese Verraeterin um sein Leben bitten lassen. +Sogleich schickt sie und laesst die Vollstreckung des Urteils untersagen; +doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr +damit geeilet, dass die Botschaft zu spaet koemmt. Der Graf ist bereits tot. +Die Koenigin geraet vor Schmerz ausser sich, verbannt die abscheuliche +Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde +des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen." + +Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, dass der "Essex" des Banks ein +Stueck von weit mehr Natur, Wahrheit und Uebereinstimmung ist, als sich in +dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die +Geschichte gehalten, nur dass er verschiedne Begebenheiten naeher zusammen +gerueckt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluss auf das endliche Schicksal +seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig +erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon +angemerkt, in der Historie, nur jener weit frueher und bei einer ganz +andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist +begreiflicher, dass die Koenigin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben, +da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als dass sie ihm dieses +Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer +eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu +gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie +teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese +Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er +ungluecklicherweise in ihren Augen etwa koennte verloren haben. Aber was +braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen? +Glaubt sie ihrer guenstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht +maechtig zu sein, dass sie sich mit Fleiss auf eine solche Art fesseln will? +Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben +gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den +muendlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloss +um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten, +er mag wieder in ihre Haende kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch +die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung +des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache +seiner toedlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht +kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen? + +So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung. +Mich duenkt, er wuerde eine weit bessere tun, wenn ihn die Koenigin ganz +vergessen haette und er ihr ploetzlich, aber auch zu spaet, eingehaendiget +wuerde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld +des Grafen noch aus andern Gruenden ueberzeugt wuerde. Die Schenkung des +Ringes haette vor der Handlung des Stuecks lange muessen vorhergegangen +sein, und bloss der Graf haette darauf rechnen muessen, aber aus Edelmut +nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, dass man auf +seine Rechtfertigung nicht achte, dass die Koenigin zu sehr wider ihn +eingenommen sei, als dass er sie zu ueberzeugen hoffen koenne, dass er sie +also zu bewegen suchen muesse. Und indem sie so bewegt wuerde, muesste die +Ueberzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung +ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, fuer +unschuldig gelten zu lassen, muessten sie auf einmal ueberraschen, aber +nicht eher ueberraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermoegen stehet, +gerecht und erkenntlich zu sein. + +Viel gluecklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stueck eingeflochten.-- +Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanstaendig! +Ehe meine feinern Leser zu sehr darueber spotten, bitte ich sie, sich der +Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire +darueber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwuerdig. +"Heutzutage", sagt er, "duerfte man es nicht wagen, einem Helden eine +Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gaeben. Nicht +einmal in der Komoedie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das +einzige Exempel, welches man auf der tragischen Buehne davon hat. Es ist +glaublich, dass man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomoedie +betitelte; und damals waren fast alle Stuecke des Scudery und des +Boisrobert Tragikomoedien. Man war in Frankreich lange der Meinung +gewesen, dass sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit +gemeinen Zuegen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomoedie selbst +ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen, +weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in +allem Ernste betruebt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles +schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie +sehr er meistenteils damit verunglueckt! + +Es ist nicht wahr, dass die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der +tragischen Buehne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht +gekannt, oder vorausgesetzt, dass die tragische Buehne seiner Nation allein +diesen Namen verdiene. Unwissenheit verraet beides; und nur das letztere +noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der +Tragikomoedie hinzufuegt, ist ebenso unrichtig. Tragikomoedie hiess die +Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen +vergnuegten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar +nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille +hernach sein Stueck eine Tragoedie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte, +dass eine Tragoedie notwendig eine unglueckliche Katastrophe haben muesse. +Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloss im +Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen. +Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem +sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem +einfiel, gewisse von ihren dramatischen Missgeburten so zu nennen.[1] Wenn +aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt haette, so waere +es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet. +Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und +der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum haette Plautus +sein Stueck lieber eine Tragikomoedie nennen wollen. Denn sein Stueck ist +ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo +ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische +Handlung groesstenteils unter hoehern Personen vorgehet, als man in der +Komoedie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklaert sich darueber +deutlich genug: + + Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia: + Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia + Reges quo veniant et di, non par arbitror. + Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet, + Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam. + + +----Fussnote + +[1] Ich weiss zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht +hat; aber das weiss ich gewiss, dass es Garnier nicht ist. Hedelin sagte: Je +ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter +ce titre a sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imite. (Prat. du +Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei haetten es die Geschichtschreiber des +franzoesischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen +die leichte Vermutung des Hedelins zur Gewissheit und gratulieren ihrem +Landsmanne zu einer so schoenen Erfindung. Voici la premiere +Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poeme du Theatre qui a +porte ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art +qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans +les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une +idee, qui n'a pas ete inutile a beaucoup d'Auteurs du dernier siecle. +Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit fruehere +spanische und italienische Stuecke, die diesen Titel fuehren. + +----Fussnote + + + + +Sechsundfunfzigstes Stueck +Den 13. November 1767 + +Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, dass +eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem +Hoehern bekoemmt, fuer eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, dass +alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafuer verschaffen koennen, vergebens +ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem +Beleidigten selbst geraechet, und auf eine ebenso eigenmaechtige Art +geraechet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche +Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt, +es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum +soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im +Gange sind: warum nicht auch hier? + +"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie +sich dabei anstellen sollen." Sie wuessten es wohl; aber man will eine +Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt +sie in Feuer; die Person erhaelt ihn, aber sie fuehlen ihn; das Gefuehl hebt +die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung +aeussert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen, +und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene +Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen. + +Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der +Masken bedauern moechte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske +mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit +auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch +weniger gewahr. + +Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der +dramatische Dichter arbeitet zwar fuer den Schauspieler, aber er muss sich +darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist. +Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es +ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen, +dass er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins +Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn veraechtlich; es +verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so +weit noch nicht gebracht hat, dass ihn so etwas nicht verwirret; wenn er +seine Kunst so sehr nicht liebet, dass er sich, ihr zum Besten, eine +kleine Kraenkung will gefallen lassen: so suche er ueber die Stelle so gut +wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand +vor; nur verlange er nicht, dass sich der Dichter seinetwegen mehr +Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die +er ihn vorstellen laesst. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine +Ohrfeige hinnehmen muss: was wollen ihre Repraesentanten dawider +einzuwenden haben? + +Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder +hoechstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, fuer den +sie eine seinem Stande angemessene Zuechtigung ist? Einem Helden hingegen, +einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanstaendig!--Und wenn sie +das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanstaendigkeit die Quelle der +gewaltsamsten Entschliessungen, der blutigsten Rache werden soll, und +wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht +haette haben koennen? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was +unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muss, soll dennoch +aus der Tragoedie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komoedie, weil +es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worueber wir einmal lachen, +sollen wir ein andermal nicht erschrecken koennen? + +Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen moechte, +so waere es aus der Komoedie. Denn was fuer Folgen kann sie da haben? +Traurige? die sind ueber ihrer Sphaere. Laecherliche? die sind unter ihr und +gehoeren dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Muehe, sie +geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als poebelhafte Hitze, und wer +sie bekoemmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also +den beiden Extremis, der Tragoedie und dem Possenspiele; die mehrere +dergleichen Dinge gemein haben, ueber die wir entweder spotten oder +zittern wollen. + +Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger +Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder ueberlaufen, +wenn der grosssprecherische Gormas den alten wuerdigen Diego zu schlagen +sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid fuer diesen, und +den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal +alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung +nach sich ziehen muesse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung +und Furcht erfuellet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung +auf ihn hat, nicht tragisch sein? + +Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von +einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt +eine von seinem Nachbar verdient haette. Wen aber die ungeschickte Art, +mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu laecheln +machte, der biss sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die +Taeuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den +Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt. + +Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige +vertreten koennte? Fuer jede andere wuerde es in der Macht des Koenigs +stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; fuer jede andere wuerde +sich der Sohn weigern duerfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten +aufzuopfern. Fuer diese einzige laesst das Pundonor weder Entschuldigung +noch Abbitte gelten; und alle guetliche Wege, die selbst der Monarch dabei +einleiten will, sind fruchtlos. Corneille liess nach dieser Denkungsart +den Gormas, wenn ihm der Koenig andeuten laesst, den Diego +zufriedenzustellen, sehr wohl antworten: + + Ces satisfactions n'apaisent point une ame: + Qui les recoit n'a rien, qui les fait se diffame. + Et de tous ces accords l'effet le plus commun, + C'est de deshonorer deux hommes au lieu d'un. + +Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen, +dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt +also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem +Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergaenzte sie aus +dem Gedaechtnisse und aus seiner Empfindung. + +In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, dass sie eine +Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau +und Koenigin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Ueber die +handfertige wehrhafte Frau wuerde er spotten; denn eine Frau kann weder +schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souveraen, +dessen Beschimpfungen unausloeschlich sind, da sie von seiner Wuerde eine +Art von Gesetzmaessigkeit erhalten. Was kann also natuerlicher scheinen, +als dass Essex sich wider diese Wuerde selbst auflehnet und gegen die Hoehe +tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wuesste wenigstens +nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich haette machen +koennen. Die blosse Ungnade, die blosse Entsetzung seiner Ehrenstellen +konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so +knechtische Behandlung ausser sich gebracht, sehen wir ihn alles, was +ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit +Entschuldigung unternehmen. Die Koenigin selbst muss ihn aus diesem +Gesichtspunkte ihrer Verzeihung wuerdig erkennen; und wir haben so +ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen +scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekraenkten Ehre +tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht. + +Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt, +war ueber die Wahl eines Koenigs von Irland. Als er sahe, dass die Koenigin +auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr veraechtlichen +Gebaerde den Ruecken. In dem Augenblicke fuehlte er ihre Hand, und seine +fuhr nach dem Degen. Er schwur, dass er diesen Schimpf weder leiden koenne +noch wolle; dass er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht wuerde +erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den +Kanzler Egerton ueber diesen Vorfall schrieb, ist mit dem wuerdigsten +Stolze abgefasst, und er schien fest entschlossen, sich der Koenigin nie +wieder zu naehern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer +voelligen Gnade und in der voelligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings. +Diese Versoehnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr +schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war. +In diesem Falle war er wirklich ein Verraeter, der sich alles gefallen liess, +bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht, +den ihm die Koenigin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die +Ohrfeige; und der Zorn ueber diese Verschmaelerung seiner Einkuenfte verblendete +ihn so, dass er ohne alle Ueberlegung losbrach. So finden wir ihn in der +Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen +Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine +treulosen Absichten gegen seine Koenigin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler +einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloss durch +die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war. + + + + +Siebenundfunfzigstes Stueck +Den 17. November 1767 + +Banks hat die naemlichen Worte beibehalten, die Essex ueber die Ohrfeige +ausstiess. Nur dass er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der +Welt, mitsamt Alexandern, beifuegen laesst.[1] Sein Essex ist ueberhaupt +zuviel Prahler; und es fehlet wenig, dass er nicht ein ebenso grosser +Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenede. Dabei ertraegt er +sein Unglueck viel zu kleinmuetig und ist bald gegen die Koenigin ebenso +kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr +nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergisst, +ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwuerdig. +In der Geschichte kann man dergleichen Widersprueche mit sich selbst fuer +Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste +des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden +allzu vertraut, als dass wir nicht gleich wissen sollten, ob seine +Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet +haetten, uebereinstimmen oder nicht. Ja, sie moegen es, oder sie moegen es +nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Faellen nicht recht +nutzen. Ohne Verstellung faellt der Charakter weg; bei der Verstellung die +Wuerde desselben. + +Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen koennen. Diese Frau +bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige +Maenner bleiben. Ihre Zaertlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem +Essex hat er mit vieler Anstaendigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm +gewissermassen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die +Elisabeth des Corneille, ueber Kaelte und Verachtung, ueber Glut und +Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert +nicht, dass ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch +deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er um sie allein seufzen solle, +usw. Keine von diesen Armseligkeiten koemmt ueber ihre Lippen. Sie spricht +nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hoert es nie, aber man +sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken +Eifersucht verraten sie; sonst wuerde man sie schlechterdings fuer nichts, +als fuer seine Freundin halten koennen. + +Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion +zu setzen gewusst, das koennen folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen. +--Die Koenigin glaubt sich allein und ueberlegt den ungluecklichen Zwang +ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres +Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr +nachgekommen.-- + +"Die Koenigin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein. + +Nottingham. Verzeihe, Koenigin, dass ich so kuehn bin. Und doch +befiehlt mir meine Pflicht, noch kuehner zu sein.--Dich bekuemmert +etwas. Ich muss fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung +bitten, dass ich es frage--Was ist's, das Dich bekuemmert? Was ist es, +das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht +wohl? + +Die Koenigin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke +dir fuer deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines +Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fuerchte, ihm nur zu +lange. Es faengt an, meiner ueberdruessig zu werden.--Neue Kronen sind +wie neue Kraenze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne +neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewaermet; man fuehlet +sich zu heiss; man wuenscht, sie waere schon untergegangen.--Erzaehle mir +doch, was sagt man von der Ueberkunft des Essex? + +Nottingham.--Von seiner Ueberkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber +von ihm--er ist fuer einen so tapfern Mann bekannt-- + +Die Koenigin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verraeter! + +Nottingham. Gewiss, es war nicht gut-- + +Die Koenigin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts? + +Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat. + +Die Koenigin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu +schaetzen! Er haette den Tod dafuer verdient.--Weit geringere Verbrechen +haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.-- + +Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel groesserer +Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben? + +Die Koenigin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten +Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verraeterei, die +groesste von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder, +nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Bruecken, auf +den hoechsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der +voruebergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen, +undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner +Koenigin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was +sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum +schweigst du? Willst du ihn noch vertreten? + +Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Koenigin, so will ich Dir alles +sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.-- + +Die Koenigin. Tu das!--Lass hoeren: was sagt die Welt von ihm und mir? + +Nottingham. Von Dir, Koenigin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit +Entzuecken und Bewunderung spraeche? Der Nachruhm eines verstorbenen +Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen +ertoenen. Nur dieses einzige wuenschet man, und wuenschet es mit den +heissesten Traenen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen, +--dieses einzige, dass Du geruhen moechtest, ihren Beschwerden gegen +diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verraeter nicht laenger zu +schuetzen, ihn nicht laenger der Gerechtigkeit und der Schande +vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu ueberliefern-- + +Die Koenigin. Wer hat mir vorzuschreiben? + +Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn +man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles +wider den Mann an, dessen Gemuetsart so schlecht, so boshaft ist, dass +er es auch nicht der Muehe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie +stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, poebelhaft stolz; nicht +anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbraemten Rock!--Dass +er tapfer ist, raeumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der +Baer ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit, +welche eine edle Seele ueber Glueck und Unglueck erhebt, ist fern von +ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset ueber +ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; ueberall will er allein +glaenzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des +Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und +herrschsuechtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stuerzte-- + +Die Koenigin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus +dem Atem.--Ich will nichts mehr hoeren--(beiseite) Gift und Blattern +auf ihre Zunge!--Gewiss, Nottingham, du solltest dich schaemen, so etwas +auch nur nachzusagen; dergleichen Niedertraechtigkeiten des boshaften +Poebels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, dass der Poebel +das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wuenscht, dass er es +sagen moechte. + +Nottingham. Ich erstaune, Koenigin-- + +Die Koenigin. Worueber? + +Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden-- + +Die Koenigin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt haette, wie gewuenscht dir +dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal +gluehte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich, +ueberzufliessen, und jedes Wort, jede Gebaerde hatte seinen laengst +abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft. + +Nottingham. Verzeihe, Koenigin, wenn ich in dem Ausdrucke meine +Schuldigkeit gefehlet habe. Ich mass ihn nach Deinem ab. + +Die Koenigin. Nach meinem?--Ich bin seine Koenigin. Mir steht es frei, +dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch +hat er sich der graesslichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig +gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit koennte dich +der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er +uebertreten, keine Untertanen, die er bedruecken, keine Krone, nach der +er streben koennte. Was findest du denn also fuer ein grausames +Vergnuegen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf +zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen? + +Nottingham. Ich bin zu tadeln-- + +Die Koenigin. Genug davon!--Seine Koenigin, die Welt, das Schicksal +selbst erklaert sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein +Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?-- + +Nottingham. Ich bekenne es, Koenigin, + +Die Koenigin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland +her.--" + + +----Fussnote + +[1] Act. III. + + --By all + The Subtilty, and Woman in your Sex, + I swear, that had you been a Man, you durst not, + Nay, your bold Father Harry durst not this + Have done--Why say I him? Not all the Harrys, + Not Alexander self, were he alive, + Should boast of such a deed on Essex done + Without revenge.-- + +----Fussnote + + + + +Achtundfunfzigstes Stueck +Den 20. November 1767 + +Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich, +dass Rutland, ohne Wissen der Koenigin, mit dem Essex vermaehlt ist. + +"Die Koenigin. Koemmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt. +--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese +truebe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland; +ich will dir einen wackern Mann suchen. + +Rutland. Grossmuetige Frau!--Ich verdiene es nicht, dass meine Koenigin +so gnaedig auf mich herabsiehet. + +Die Koenigin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe +ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der +Nottingham, der widerwaertigen!--einen Streit gehabt; und zwar--ueber +Mylord Essex. + +Rutland. Ha! + +Die Koenigin. Sie hat mich recht sehr geaergert. Ich konnte sie nicht +laenger vor Augen sehen. + +Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen! +Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fuehl' es; ich werde blass--und +wieder rot.-- + +Die Koenigin. Was ich dir sage, macht dich erroeten?-- + +Rutland. Dein so ueberraschendes, guetiges Vertrauen, Koenigin,-- + +Die Koenigin. Ich weiss, dass du mein Vertrauen verdienest.--Komm, +Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel, +liebe Rutland, wirst du es auch gehoert haben, wie sehr das Volk wider +den armen, ungluecklichen Mann schreiet; was fuer Verbrechen es ihm zur +Last leget. Aber das Schlimmste weisst du vielleicht noch nicht? Er +ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdruecklichen Befehl; +und hat die dortigen Angelegenheiten in der groessten Verwirrung +gelassen. + +Rutland. Darf ich Dir, Koenigin, wohl sagen, was ich denke?--Das +Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Hass +ist oefters so ungegruendet-- + +Die Koenigin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber, +liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine +Liebe; lass mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiss, man legt mir +es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen. +Sie vergessen, dass ich ihre Koenigin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat +mir laengst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschuetten kann!-- + +Rutland. Siehe meine Traenen, Koenigin--Dich so leiden zu sehen, die +ich so bewundere!--Oh, dass mein guter Engel Gedanken in meine Seele, +und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu +beschwoeren, und Balsam in Deine Wunden zu giessen! + +Die Koenigin. Oh, so waerest du mein guter Engel! mitleidige, beste +Rutland!--Sage, ist es nicht schade, dass so ein braver Mann ein +Verraeter sein soll? dass so ein Held, der wie ein Gott verehret ward, +sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu +wollen? + +Rutland. Das haette er gewollt? das koennte er wollen? Nein, Koenigin, +gewiss nicht, gewiss nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hoeren! +mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem +Entzuecken habe ich ihn von Dir sprechen hoeren! + +Die Koenigin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hoeren? + +Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte +Ueberlegung, aus dem ein inneres Gefuehl spricht, dessen er nicht +maechtig ist. Sie ist, sagte er, die Goettin ihres Geschlechts, so weit +ueber alle andere Frauen erhaben, dass das, was wir in diesen am meisten +bewundern, Schoenheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein +groesseres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit +verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem +alles ueberstroemenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts uebersteigt ihre +Guete; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glueckliche +Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels +gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh, +unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues +Herz ausdrueckte, oh, dass sie nicht unsterblich sein kann! Ich wuensche +ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit +diesen Abglanz von sich zurueckruft und mit eins sich Nacht und +Verwirrung ueber Britannien verbreiten. + +Die Koenigin. Sagte er das, Rutland? + +Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe, +dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich +ueberstroemte-- + +Die Koenigin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du +ihm gibst! + +Rutland. Und kannst ihn noch fuer einen Verraeter halten? + +Die Koenigin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze uebertreten.--Ich muss +mich schaemen, ihn laenger zu schuetzen.--Ich darf es nicht einmal wagen, +ihn zu sehen. + +Rutland. Ihn nicht zu sehen, Koenigin? nicht zu sehen?--Bei dem +Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwoere +ich Dich,--Du musst ihn sehen! Schaemen? wessen? dass Du mit einem +Ungluecklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte +Koenige schimpfen?--Nein, Koenigin; sei auch hier Dir selbst gleich. +Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen-- + +Die Koenigin. Ihn, der meinen ausdruecklichen Befehl so geringschaetzen +koennen? Ihn, der sich so eigenmaechtig vor meine Augen draengen darf? +Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl? + +Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der +Gefahr, in der er sich sahe. Er hoerte, was hier vorging; wie sehr man +ihn zu verkleinern, ihn Dir verdaechtig zu machen suche. Er kam also, +zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich +zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen. + +Die Koenigin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich +sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wuensche ich es, ihn noch immer +ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne! + +Rutland. Oh, naehre diese guenstige Gedanke! Deine koenigliche Seele +kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiss +finden. Ich wollte fuer ihn schwoeren; bei aller Deiner Herrlichkeit +fuer ihn schwoeren, dass er es nie aufgehoeret zu sein. Seine Seele ist +reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Duenste an sich +ziehet und Geschmeiss ausbruetet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt +es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niedertraechtigkeit faehig. +Bedenke, wie er die Rebellen gezuechtiget; wie furchtbar er Dich dem +Spanier gemacht, der vergebens die Schaetze seiner Indien wider Dich +verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Voelkern vorher, +und ehe diese noch eintrafen, hatte oefters schon sein Name gesiegt. + +Die Koenigin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese +Innigkeit,--das blosse Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich +hoeren!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt-- + +Rutland. Recht, Koenigin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den +innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du +selbst so schoen bist, dass man nie einen schoenern Mann gesehen! So +wuerdig, so edel, so kuehn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied, +in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so +sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen +vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus +hundert Gegenstaenden zusammensuchen muss, was sie hier beieinander +findet! + +Die Koenigin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht laenger +auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du geraetst ausser dir. +Ein Wort, ein Bild ueberjagt das andere. Was spielt so den Meister +ueber dich? Ist es bloss deine Koenigin, ist es Essex selbst, was diese +wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie +schweigt; ganz gewiss, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen +neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw. + +Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Koenigin zu +sagen, dass Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen. +"Rutland", sagt die Koenigin, "wir sprechen einander schon weiter; geh +nur.--Nottingham, tritt du naeher." Dieser Zug der Eifersucht ist +vortrefflich. Essex koemmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige. +Ich wuesste nicht, wie sie verstaendiger und gluecklicher vorbereitet +sein koennte. Essex anfangs, scheinet sich voellig unterwerfen zu +wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach +und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl haette +alles das die Koenigin so weit nicht aufbringen koennen, wenn ihr Herz +nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen waere. Es ist +eigentlich die eifersuechtige Liebhaberin, welche schlaegt, und die +sich nur der Hand der Koenigin bedienet. Eifersucht ueberhaupt schlaegt +gern.-- + +Ich, meinesteils, moechte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den +ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch, +so voller Leben und Wahrheit, dass das Beste des Franzosen eine sehr +armselige Figur dagegen macht. + + + +Neunundfunfzigstes Stueck +Den 24. November 1767 + +Nur den Stil des Banks muss man aus meiner Uebersetzung nicht beurteilen. +Von seinem Ausdrucke habe ich gaenzlich abgehen muessen. Er ist zugleich so +gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von +Person zu Person, sondern ganz durchaus, dass er zum Muster dieser Art von +Misshelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut +als moeglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen +lieber, als an der andern, scheitern wollen. + +Ich habe mich mehr vor dem Schwuelstigen gehuetet, als vor dem Platten. Die +mehresten haetten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwuelstig +und tragisch halten viele so ziemlich fuer einerlei. Nicht nur viele der +Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere +Menschen sprechen? Was waeren das fuer Helden? Ampullae et sesquipedalia +verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den +wahren Ton der Tragoedie. + +"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, dass +er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde +zu verderben. Wir haben von den Alten die volle praechtige Versifikation +beibehalten, die sich doch nur fuer Sprachen von sehr abgemessenen +Quantitaeten und sehr merklichen Akzenten, nur fuer weitlaeufige Buehnen, nur +fuer eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so +wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespraeche, +und die Wahrheit ihrer Gemaelde haben wir fahren lassen." + +Diderot haette noch einen Grund hinzufuegen koennen, warum wir uns den +Ausdruck der alten Tragoedien nicht durchgaengig zum Muster nehmen duerfen. +Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien, +oeffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie +muessen also fast immer mit Zurueckhaltung und Ruecksicht auf ihre Wuerde +sprechen; sie koennen sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den +ersten den besten Worten entladen; sie muessen sie abmessen und waehlen. +Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen +groesstenteils zwischen ihren vier Waenden lassen: was koennen wir fuer +Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so +ausgesuchte, so rhetorische Sprache fuehren zu lassen? Sie hoert niemand, +als dem sie es erlauben wollen, sie zu hoeren; mit ihnen spricht niemand +als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also +selbst im Affekte sind und weder Lust noch Musse haben, Ausdruecke zu +kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er +auch in das Stueck eingeflochten war, dennoch niemals misshandelte und +stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale +wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den hoehern +Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdruecken gelernt +als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhoerlich, sich +besser auszudruecken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede +ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die +in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut +verstehet, als der Polierteste. + +Bei einer gesuchten, kostbaren, schwuelstigen Sprache kann niemals +Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine +hervorbringen. Aber wohl vertraegt sie sich mit den simpelsten, +gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten. + +Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiss ich wohl, hat noch keine +Koenigin auf dem franzoesischen Theater gesprochen. Den niedrigen +vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhaelt, wuerde man +in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir +nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig; +ein wenig unruhig bin ich.--Erzaehle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu +das! Lass hoeren!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und +Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen +habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei +munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst +du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geaergert. +Ich konnte sie nicht laenger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; lass +mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht laenger +auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! wuerden die feinen +Kunstrichter sagen-- + +Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt +es Deutsche, die noch weit franzoesischer sind, als die Franzosen. Ihnen +zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne +ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlaessigkeiten, die ihr +zaertliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu +finden waren, die er mit so vieler Ueberlegung dahin und dorthin streuete, +um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein +der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig +zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darueber lachen. Endlich +folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hoert wohl, dass der gute Mann die +grosse Welt nicht kennet; dass er nicht viele Koeniginnen reden gehoert; +Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe." + +Demohngeachtet wuerde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer fuer die +Koeniginnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen +duerfen. Ich habe es lange schon geglaubt, dass der Hof der Ort eben nicht +ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette +aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen +Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Koeniginnen moegen so +gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Koeniginnen muessen +natuerlich sprechen. Er hoere der Hekuba des Euripides nur fleissig zu; und +troeste sich immer, wenn er schon sonst keine Koeniginnen gesprochen hat. + +Nichts ist zuechtiger und anstaendiger als die simple Natur. Grobheit und +Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem +Erhabnen. Das naemliche Gefuehl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt, +wird sie auch hier bemerken. Der schwuelstige Dichter ist daher unfehlbar +auch der poebelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine +Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als +die Tragoedie. + +Gleichwohl scheinet die Englaender vornehmlich nur der eine in ihrem Banks +beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die +poebelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so +glaenzende Personen fuehren lasse; und wuenschten lange, dass sein Stueck von +einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe, +moechte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu +gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darueber. Heinrich Jones, von +Geburt ein Irlaender, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte, +wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon +einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen +Mann von grossem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753 +aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den +von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook liess seinen erst einige +Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, dass er, wie man ihm +Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt +hat. Auch muss noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich +gestehe, dass ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten +Tagebuechern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein franzoesischer +Kunstrichter, dass er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der +schoenen Poesie des Jones zu verbinden gewusst habe. Was er ueber die Rolle +der Rutland und ueber derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres +Gemahls hinzufuegt,[3] ist merkwuerdig; man lernt auch daraus das Pariser +Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht. + +Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar +ist, als dass ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.-- + + +----Fussnote + +[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natuerlichen Sohne". S.d. Uebers. 247. + +[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every +where very bad, and in some Places so low, that it even becomes +unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little +Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest +of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to +adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression +befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters +are perhaps the greatest the World ever produced. + +[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en demence la +Comtesse de Rutland au moment que cet illustre epoux est conduit a +l'echafaud; ce moment ou cette Comtesse est un objet bien digne de pitie, +a produit une tres grande sensation, et a ete trouve admirable a Londres: +en France il eut paru ridicule, il aurait ete siffle et l'on aurait +envoye la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons. + +----Fussnote + + + + +Sechzigstes Stueck +Den 27. November 1767 + +Er ist von einem Ungenannten und fuehret den Titel: "Fuer seine Gebieterin +sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komoedien, die Joseph +Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste +Stueck ist. Wenn er verfertiget worden, weiss ich nicht; ich sehe auch +nichts, woraus es sich ungefaehr abnehmen liesse. Das ist klar, dass sein +Verfasser weder die franzoesischen und englischen Dichter, welche die +naemliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen +gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner +Leser nicht vorgreifen. + +Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurueck und will der +Koenigin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hoert er, dass +sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen, +namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf +diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche +Zusammenkuenfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient +sich des Schluessels, den er noch von der Gartentuere bewahret, durch die +er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natuerlich, dass er sich seiner Geliebten +eher zeigen will, als der Koenigin. Als er durch den Garten nach ihren +Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch +denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist +ein schwueler Sommerabend), das mit den blossen Fuessen in dem Wasser sitzt +und sich abkuehlet. Er bleibt voller Verwunderung ueber ihre Schoenheit +stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um +nicht erkannt zu werden. (Diese Schoenheit, wie billig, wird weitlaeuftig +beschrieben, und besonders werden ueber die allerliebsten weissen Fuesse in +dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, dass der +entzueckte Graf zwei kristallene Saeulen in einem fliessenden Kristalle +stehen sieht; er weiss vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall +ihrer Fuesse ist, welcher in Fluss geraten, oder ob ihre Fuesse der Kristall +des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch +verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weissen Gesichte: +er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so goettliches +Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so +glaenzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr +zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet, +als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuss auf sie geschieht, +und gleich darauf zwei maskierte Maenner mit blossem Degen auf sie +losgehen, weil der Schuss sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex +besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Moerder an, +und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurueck und +bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, dass er +verwundet ist, knuepft ihre Schaerpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde +damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schaerpe dienen, mich +Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muss ich mich entfernen, +ehe ueber den Schuss mehr Laermen entsteht; ich moechte nicht gern, dass die +Koenigin den Zufall erfuehre, und ich beschwoere Euch daher um Eure +Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen ueber diese +sonderbare Begebenheit, ueber die er mit seinem Bedienten, namens Cosme, +allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des +Stuecks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen, +und hatte den Schuss zwar gehoert, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen +duerfen. Die Furcht hielt an der Tuere Schildwache und versperrte ihm den +Eingang. Furchtsam ist Cosme fuer viere;[4] und das sind die spanischen +Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, dass er sich unfehlbar in die +schoene Unbekannte verliebt haben wuerde, wenn Blanca nicht schon so voellig +Besitz von seinem Herzen genommen haette, dass sie durchaus keiner andern +Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen +sein? Was duenkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet +Cosme, "als des Gaertners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus +diesem Zuge kann man leicht auf das uebrige schliessen. Sie gehen endlich +beide wieder fort; es ist zu spaet geworden; das Haus koennte ueber den +Schuss in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt +zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal. + +Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermaedchen. +(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die +vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der +Koenig von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem +juengsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist, +unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese +Verbindung zustande zu bringen. Es laesst sich alles, sowohl von seiten des +Parlaments als der Koenigin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die +Blanca und verliebt sich in sie. Itzt koemmt er und bittet Floren, ihm in +seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er +zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit, +in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloss, Blanca +suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne, +dessen Stand so weit ueber den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung +machen koenne, so duerfte sie schwerlich seiner Liebe Gehoer geben.--(Man +erwartet, dass der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner +Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in +diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er +hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora uebergeben soll. Er +wuenscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief fuer Eindruck auf sie +machen werde. Er schenkt Floren eine gueldne Kette, und Flora versteckt +ihn in eine anstossende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt, +welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet. + +Essex koemmt. Nach den zaertlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den +teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich wuerdig +zu zeigen wuensche, muessen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca +bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit +welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie +ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn, +unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentuemer ihrer Ehre gemacht. +(Te hice dueno de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig +viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien +obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist +nichts in Abrede und fuegt hinzu, dass, nach dem Tode ihres Vaters und +Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen +gekommen sei. Nun aber habe er diese gluecklich vollendet; nun wolle er +unverzueglich die Koenigin um Erlaubnis zu ihrer Vermaehlung antreten.--"Und +so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem +Braeutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher +anvertrauen."[6]-- + + +----Fussnote + +[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta +Corte. + +[2] + Las dos columnas bellas + Metio dentro del rio, y como al verlas + Vi un cristal en el rio desatado, + Y vi cristal en ellas condensado, + No supe si las aguas que se vian + Eran sus pies, que liquidos corrian, + O si sus dos columnas se formaban + De las aguas, que alli se conjelaban. + +Diese Aehnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben +will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand +geschoepft und nach dem Munde gefuehrt habe. Diese Hand, sagt er, war dem +klaren Wasser so aehnlich, dass der Fluss selbst fuer Schrecken zusammenfuhr, +weil er befuerchtete, sie moechte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken. + + Quiso probar a caso + El agua, y fueron cristalino vaso + Sus manos, acercolas a los labios, + Y entonces el arroyo lloro agravios, + Y como tanto, en fin, se parecia + A sus manos aquello que bebia, + Temi con sobresalto (y no fue en vano) + Que se bebiera parte de la mano. + +[3] + Yo, que al principio vi, ciego, y turbado, + A una parte nevado + Y en otra negro el rostro, + Juzgue, mirando tan divino monstruo, + Que la naturaleza cuidadosa + Desigualdad uniendo tau hermosa, + Quiso hacer por asombro, o por ultraje, + De azabache y marfil un maridaie. + +[4] + Ruido de armas en la Quinta, + Y dentro el Conde? Que aguardo, + Que no voy a socorrerle? + Que aguardo? Lindo recado: + Aguardo a que quiera el miedo + Dejarme entrar:-- + ------ + Cosme, que ha temido un miedo + Que puede valer por cuatro. + +[5] + La mujer del hortelano, + Que se lavaba las piernas. + +[6] + Bien podre seguramente + Revelarte intentos mios, + Como a galan, como a dueno, + Como a esposo, y como a amigo. + +----Fussnote + + + + +Einundsechzigstes Stueck +Den 1. Dezember 1767 + +Hierauf beginnt sie eine lange Erzaehlung von dem Schicksale der Maria von +Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muss alles das, ohne Zweifel, +laengst wissen), dass ihr Vater und Bruder dieser ungluecklichen Koenigin +sehr zugetan gewesen; dass sie sich geweigert, an der Unterdrueckung der +Unschuld teilzunehmen; dass Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem +Gefaengnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, dass Blanca die +Elisabeth hasst; dass sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu raechen. +Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie +ihres ganzen Vertrauens gewuerdiget. Aber Blanca ist unversoehnlich. +Umsonst waehlte die Koenigin, nur kuerzlich, vor allen andern das Landgut +der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu geniessen. +--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen +lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es +moechte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland +geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen; +und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Koenigin in dem Garten +ermorden wollen. Nun weiss Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der +er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiss nicht, dass es Essex ist, +welcher ihren Anschlag vereiteln muessen. Sie rechnet vielmehr auf die +unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht +bloss zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm voellig die +gluecklichere Vollziehung ihrer Rache zu uebertragen. Er soll sogleich an +ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und +gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin muesse sterben; ihr +Name sei allgemein verhasst; ihr Tod sei eine Wohltat fuer das Vaterland, +und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu +verschaffen. + +Essex ist ueber diesen Antrag aeusserst betroffen. Blanca, seine teure +Blanca, kann ihm eine solche Verraeterei zumuten? Wie sehr schaemt er sich +in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr, +wie es billig waere, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum +weniger bei ihren schaendlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Koenigin +die Sache hinterbringen? Das ist unmoeglich: Blanca, seine ihm noch immer +teure Blanca, laeuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen, +von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er muesste nicht wissen, was fuer +ein rachsuechtiges Geschoepf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich +durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken laesst. Wie leicht +koennte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, dass sie +sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht waere und ihr +zuliebe alles unternaehme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit ueberlegt, +fasst er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heisst der +Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhaengern in die Falle zu locken. + +Blanca wird ungeduldig, dass ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf", +sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich +nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig, +Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich +will ich dir es schriftlich geben." + +Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der +Herzog aus der Galerie naeher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit +der Blanca so lange unterhaelt; und erstaunt, den Grafen von Essex zu +erblicken. Aber noch mehr erstaunt er ueber das, was er gleich darauf zu +hoeren bekoemmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca +den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken +will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen; +Essex will ihn mit seinen Leuten unterstuetzen; Essex hat die Gunst des +Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Koenigin zu bemaechtigen; +sie ist schon so gut als tot.--"Erst muesst' ich sterben!" ruft auf einmal +der Herzog und koemmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen ueber +diese ploetzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht +ohne Eifersucht. Er glaubt, dass Blanca den Herzog bei sich verborgen +gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, dass sie von +seiner Anwesenheit nichts gewusst; er habe die Galerie offen gefunden und +sei von selbst hereingegangen, die Gemaelde darin zu betrachten.[3] + +"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern +Leben der Koenigin, bei--Aber genug, dass ich es sage: Blanca ist +unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklaerung zu danken. +Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie +Sie, machen Leute, wie ich-- + +Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?-- + +Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich +kenne Sie nun. Ich hielt Sie fuer einen ganz andern Mann: und ich +finde, Sie sind ein Verraeter. + +Der Graf. Wer darf das sagen? + +Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hoeren, +Graf! + +Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein-- + +Der Herzog. Denn kurz: ich bin ueberzeugt, dass ein Verraeter kein Herz +hat. Ich treffe Sie als einen Verraeter: ich muss Sie fuer einen Mann +ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils +ueber Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen +verlustig sind. Waeren Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt, +so wuerde ich Sie zu zuechtigen wissen. + +Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand +begegnen duerfen, als der Bruder des Koenigs von Frankreich. + +Der Herzog. Wenn ich auch der nicht waere, der ich bin; wenn nur Sie +der waeren, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl +empfinden, mit wem Sie zu tun haetten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn +Sie dieser berufene Krieger sind: wie koennen Sie so viele grosse Taten +durch eine so unwuerdige Tat vernichten wollen?--" + + +----Fussnote + +[1] + Ay tal traicion! vive el Cielo, + Que de amarla estoy corrido. + Blanca, que es mi dulce dueno, + Blanca, a quien quiero, y estimo, + Me propone tal traicion! + Que hare, porque si ofendido, + Respondiendo, como es justo, + Contra su traicion me irrito, + No por eso ha de evitar + So resuelto desatino. + Pues darle cuenta a la Reina + Es imposible, pues quiso + Mi suerte, que tenga parte + Blanca en aqueste delito. + Pues si procuro con ruegos + Disuadirla, es desvario, + Que es una mujer resuelta + Animal tan vengativo, + Que no se dobla a los riesgos: + Antes con afecto impio, + En el mismo rendimiento + Suelen aguzar los filos; + Y quiza desesperada + De mi enojo, o mi desvio, + Se declarara con otro + Menos leal, menos fino, + Que quiza por ella intente + Lo que yo hacer no he querido. + +[2] + Si estas consultando, Conde, + Alla dentro de ti mismo + Lo que has de hacer, no me quieres, + Ya el dudarlo fue delito. + Vive Dios, que eres ingrato! + +[3] + Por vida del Rey mi hermano, + Y por la que mas estimo, + De la Reina mi senora, + Y por--pero yo lo digo, + Que en mi es el mayor empeno + De la verdad del decirlo, + Que no tiene Blanca parte + De estar yo aqui-- + ------ + Y estad muy agradecido + A Blanca, de que yo os de, + No satisfaccion, aviso + De esta verdad, porque a vos, + Hombres como yo--Cond. Imagino + Que no me conoceis bien. + Duq. No os habia conocido + Hasta aqui; mas ya os conozco, + Pues ya tan otro os he visto + Que os reconozco traidor. + Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo + No pronuncieis algo, Conde, + Que ya no puedo sufriros. + Cond. Cualquier cosa que yo intente-- + Duq. Mirad que estoy persuadido + Que hace la traicion cobardes; + Y asi cuando os he cogido + En un lance que me da + De que sois cobarde indicios, + No he de aprovecharme de esto, + Y asi os perdona mi brio + Ese rato que teneis + El valor desminuido; + Que a estar todo vos entero, + Supiera daros castigo. + Cond. Yo soy el Conde de Sex + Y nadie se me ha atrevido + Sino el hermano del Rey + De Francia. Duq. Yo tengo brio + Para que sin ser quien soy, + Pueda mi valor invicto + Castigar, no digo yo + Solo a vos, mas a vos mismo, + Siendo leal, que es lo mas + Con que queda encarecido. + Y pues sois tan gran Soldado, + No echeis a perder, os pido + Tantas heroicas hazanas + Con un hecho tan indigno-- + +----Fussnote + + + + +Zweiundsechzigstes Stueck +Den 4. Dezember 1767 + +Der Herzog faehrt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern +Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will +es vergessen, was er gehoert habe; er ist versichert, dass Blanca mit dem +Grafen nicht einstimmen und dass sie selbst ihm eben das wuerde gesagt +haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen waere. Er schliesst +endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so +schaendlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber +meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, dass Sie einen Kopf haben, +und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist +in der aeussersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich fuer einen Verraeter +gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen +den Herzog zu rechtfertigen; er muss sich gedulden, bis es der Ausgang +lehre, dass er da seiner Koenigin am getreuesten gewesen sei, als er es am +wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur +Blanca aber sagt er, dass er den Brief sogleich an ihren Oheim senden +wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern +verwuenscht, sich aber noch damit getroestet, dass es kein Schlimmerer als +der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse. + +Die Koenigin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was +ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, dass ihre Leibwache alle Zugaenge +wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurueckkehren. Der Kanzler +ist der Meinung, die Meuchelmoerder aufsuchen zu lassen und durch ein +oeffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche +Belohnung zu verheissen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein. +"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann +leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser +Untertan ist."[3] Aber die Koenigin missbilliget diesen Rat; sie haelt es +fuer besser, den ganzen Vorfall zu unterdruecken und es gar nicht bekannt +werden zu lassen, dass es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat +erkuehnen duerfen. "Man muss", sagt sie, "die Welt glauben machen, dass die +Koenige so wohl bewacht werden, dass es der Verraeterei unmoeglich ist, an +sie zu kommen. Ausserordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen, +als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der +Suende unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes +abschrecken."[4] + +Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem +gluecklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Koenigin +sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke, +weiss ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von +keinen naehern Umstaenden hoeren, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und +befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von +England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Koenigin und Essex sind +allein; das Gespraech wird vertraulicher; Essex hat die Schaerpe um; die +Koenigin bemerkt sie, und Essex wuerde es aus dieser blossen Bemerkung +schliessen, dass er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca +nicht schon geschlossen haette. Die Koenigin hat den Grafen schon laengst +heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es +kostet ihr alle Muehe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne +Fragen, ihn auszulocken und zu hoeren, ob sein Herz schon eingenommen, und +ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte +gibt er ihr durch seine Antworten gewissermassen zu verstehen, und zugleich, +dass er fuer ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken +sich erkuehnen duerfe. Die Koenigin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen +zu geben: doch siegt noch ihr Stolz ueber ihre Liebe. Ebensosehr hat der +Graf mit seinem Stolze zu kaempfen: er kann sich des Gedankens nicht +entwehren, dass ihn die Koenigin liebe, ob er schon die Vermessenheit +dieses Gedankens erkennet. (Dass diese Szene groesstenteils aus Reden +bestehen muesse, die jedes seitab fuehret, ist leicht zu erachten.) Sie +heisst ihn gehen und heisst ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm +das Patent bringe. Er bringt es; sie ueberreicht es ihm; er bedankt sich, +und das Seitab faengt mit neuem Feuer an. + +"Die Koenigin. Toerichte Liebe!-- + +Essex. Eitler Wahnsinn!-- + +Die Koenigin. Wie blind!-- + +Essex. Wie verwegen!-- + +Die Koenigin. So tief willst du, dass ich mich herabsetze?-- + +Essex. So hoch willst Du, dass ich mich versteige?-- + +Die Koenigin. Bedenke, dass ich Koenigin bin! + +Essex. Bedenke, dass ich Untertan bin! + +Die Koenigin. Du stuerzest mich bis in den Abgrund,-- + +Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,-- + +Die Koenigin. Ohne auf meine Hoheit zu achten. + +Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwaegen. + +Die Koenigin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:-- + +Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemaechtiget:-- + +Die Koenigin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge! + +Essex. So stirb da, und komm' nie ueber die Lippen!"[7] + +(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden +miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hoert, was der +andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehoert hat. Sie +nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele. +Man sage jedoch nicht, dass man ein Spanier sein muss, um an solchen +unnatuerlichen Kuensteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreissig +Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere +Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den +spanischen Mustern zugeschnitten waren.) + +Nachdem die Koenigin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald +wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem +ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stuecke der Spanier, wie bekannt, haben +deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre +alleraeltesten Stuecke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf +allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von +Komoedien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzuege auf drei +brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stuecke seiner +Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte. +Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komoedien +zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch +finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmasst, die spanische Komoedie von fuenf +Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der +spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich +dabei nicht aufhalten. + + +----Fussnote + +[1] + Miradlo mejor, dejad + Un intento tan indigno, + Corresponded a quien sois, + Y sino bastan avisos, + Mirad que hay Verdugo en Londres, + Y en vos cabeza, harto os digo. + +[2] + No he de responder al Duque + Hasta que el suceso mismo + Muestre como fueron falsos + De mi traicion los indicios, + Y que soy mas leal, cuando + Mas traidor he parecido. + +[3] + Y pues son dos los culpados + Podra ser, que alguno de ellos + Entregue al otro; que es llano, + Que sera traidor amigo + Quien fue desleal vasallo. + +[4] + Y es gran materia de estado + Dar a entender, que los Reyes + Estan en si tan guardados + Que aunque la traicion los busque, + Nunca ha de poder hallarlos; + Y asi el secreto averiguee + Enormes delitos, cuando + Mas que el castigo, escarmientos + De ejemplares el pecado. + +[5] + Que ya solo con miraros + Se el suceso de la guerra. + +[6] + No bastaba, amor tirano, + Una inclinacion tan fuerte, + Sin que te hayas ayudado + Del deberle yo la vida? + +[7] + Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible-- + Rein. Que ciego--Cond. Que temerario-- + Rein. Me abates a tal bajeza-- + Cond. Me quieres subir tan alto-- + Rein. Advierte, que soy la Reina-- + Cond. Advierte, que soy vasallo-- + Rein. Pues me humillas al abismo-- + Cond. Pues me acercas a los rayos-- + Rein. Sin reparar mi grandeza-- + Cond. Sin mirar mi humilde estado-- + Rein. Ya que te miro aca dentro-- + Cond. Ya que en mi te vas entrando-- + Rein. Muere entre el pecho, y la voz. + Cond. Muere entre el alma, y los labios. + +[8] +"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas" +befindet. + El Capitan Virues; insigne ingenio, + Puso en tres actos la Comedia, que antes + Andaba en cuatro, como pies de nino, + Que eran entonces ninas las Comedias, + Y yo las escribi de once, y doce anos, + De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos, + Porque cada acto un pliego contenia. + +[9] In der Vorrede zu seinen Komoedien: Donde me atrevi a reducir las +Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenian. + +----Fussnote + + + + +Dreiundsechzigstes Stueck +Den 8. Dezember 1767 + +Die Koenigin ist von dem Landgute zurueckgekommen; und Essex gleichfalls. +Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen +Augenblick vermissen zu lassen. Er eroeffnet mit seinem Cosme den zweiten +Akt, der in dem koeniglichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des +Grafen, sich mit Pistolen versehen muessen; der Graf hat heimliche Feinde; +er besorgt, wenn er des Nachts spaet vom Schlosse gehe, ueberfallen zu +werden. Er heisst den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der +Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet +er die Schaerpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist +eifersuechtig; die Schaerpe koennte ihr Gedanken machen; sie koennte sie +haben wollen; und er wuerde sie ihr abschlagen muessen. Indem er sie dem +Cosme zur Verwahrung uebergibt, koemmt Blanca dazu. Cosme will sie +geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, dass es +Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Koenigin; +und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schaerpe reinen Mund zu +halten und sie niemanden zu zeigen. + +Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, dass er +ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er +fuerchtet ein Geschwaer im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des +Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, dass er sich dieser Gefahr +bereits sechsunddreissig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die +Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von +der maskierten Dame und der Schaerpe zu erzaehlen. Doch eben besinnt er +sich, dass es wohl eine wuerdigere Person sein muesse, der er sein Geheimnis +zuerst mitteile. Es wuerde nicht lassen, wenn sich Flora ruehmen koennte, +ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muss von allerlei Art des +spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.) + +Cosme darf auf diese wuerdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von +ihrer Neugierde viel zu sehr gequaelt, dass sie sich nicht, sobald als +moeglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme +vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie koemmt also sogleich +zurueck, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach +Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr +geantwortet, dass er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu +wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme laesst +nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schaerpe +weiss; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines +Geheimnisses entlediget, ist aeusserst ekel. Sein Magen will es nicht +laenger bei sich behalten; es stoesst ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den +Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack +wieder in den Mund zu bekommen, laeuft er geschwind ab, eine Quitte oder +Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwaetze +zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, dass +die Schaerpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden +koennte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt +sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste +ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie +ihn je eher je lieber heiraten. + +Die Koenigin tritt herein und ist aeusserst niedergeschlagen. Blanca fragt, +ob sie die uebrigen Hofdamen rufen soll: aber die Koenigin will lieber +allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht +auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern koemmt der Graf. + +Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber +der Koenigin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er +bestraft sich deswegen; sein Herz gehoert der Blanca; eigennuetzige +Absichten muessen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muss +keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder +entfernen, als er die Koenigin gewahr wird: und die Koenigin, als sie ihn +erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem +faengt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein +kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine +verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so lass das Mitleid, +welches sie verdienen, den Unwillen ueberwaeltigen, den du darueber +empfindest, dass ich es bin, der sie fuehret." Der Koenigin gefaellt das +Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte +Weise, seine Liebe zu erklaeren. Er sagt, er habe es glossieret[6] und +bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu duerfen. In dieser +Glosse beschreibt er sich als den zaertlichsten Liebhaber, dem es aber die +Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die +Koenigin lobt seine Poesie: aber sie missbilliget seine Art zu lieben. +"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht +gross sein; denn Liebe waechst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe +macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig." + + +----Fussnote + +[1] + --Yo no me acordaba + De decirlo, y lo callaba. + Y como me lo entrego, + Ya por decirlo reviento, + Que tengo tal propiedad, + Que en un hora, o la mitad, + Se me hace postema un cuento. + +[2] + Alla va Flora; mas no, + Sera persona mas grave-- + No es bien que Flora se alabe + Que el cuento me desfloro. + +[3] + Ya se me viene a la boca + La purga.-- + O que regueeldos tan secos + Me vienen! terrible aprieto.-- + Mi estomago no lo lleva; + Protesto que es gran trabajo, + Meto los dedos.-- + Y pues la purga he trocado, + Y el secreto he vomitado + Desde el principio hasta el fin, + Y sin dejar cosa alguna, + Tal asco me dio al decillo, + Voy a probar de en membrillo, + O a morder de una accituna.-- + +[4] + Es hombre al fin, y ay! de aquella + Que a un hombre fio su honor, + Siendo tan malo, el mejor. + +[5] + Abate, abate las alas + No subas tanto, busquemos + Mas proporcionada esfera + A tan limitado vuelo. + Blanca me quiere, y a Blanca + Adoro yo ya en mi dueno; + Pues como de amor tan noble + Por una ambicion me alejo? + No conveniencia bastarda + Venza un legitimo afecto. + +[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen. +Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklaeren oder +umschreiben diesen Text so, dass sie die Zeilen selbst in diese Erklaerung +oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heissen sie Mote oder +Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der +Name des Gedichts ueberhaupt ist. Hier laesst der Dichter den Essex das Lied +der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in +einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile +schliesst. Das Ganze sieht so aus: + + Mote. + + Si acaso mis desvarios + Llegaren a tus umbrales, + La lastima de ser males + Quite el horror de ser mios. + + Glosa. + + Aunque el dolor me provoca + Decir mis quejas no puedo, + Que es mi osadia tan poca, + Que entre el respeto, y el miedo + Se me mueren en la boca; + Y asi no llegan tan mios + Mis males a tus orejas, + Porque no han de ser oidos + Si acaso digo mis quejas, + Si acaso mis desvarios. + El ser tan mal explicados + Sea su mayor indicio, + Que trocando en mis cuidados + El silencio, y vos su oficio, + Quedaran mas ponderados: + Desde hoy por estas senales + Sean de ti conocidos, + Que sin duda son mis males + Si algunos mal repetidos + Llegaren a tus umbrales. + Mas ay Dies! que mis cuidados + De tu crueldad conocidos, + Aunque mas acreditados, + Seran menos adquiridos. + Que con los otros mezclados: + Porque no sabiendo a cuales + Mas tu ingratitud se deba + Viendolos todos iguales + Fuerza es que en comun te mueva + La lastima de ser males. + En mi este afecto violento + Tu hermoso desden le causa; + Tuyo, y mio es mi tormento; + Tuyo, porque eres la causa; + Y mio, porque yo le siento: + Sepan, Laura, tus desvios + Que mis males son tan suyos, + Y en mis cuerdos desvarios + Esto que tienen de tuyos + Quite el horror de ser mios. + +Es muessen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese. +Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote +schliesst, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht +alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschraenken +und diese mehr als einmal wiederholen. uebrigens gehoeren diese Glossen +unter die aelteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan +und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen. + + +----Fussnote + + + + +Vierundsechzigstes Stueck +Den 11. Dezember 1767 + +Der Graf versetzt, dass die vollkommenste Liebe die sei, welche keine +Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen +selbst mache sein Glueck: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie +noch unverworfen, koenne er sich noch von der suessen Vorstellung taeuschen +lassen, dass sie vielleicht duerfe genehmiget werden. Der Unglueckliche sei +gluecklich, solange er noch nicht wisse, wie ungluecklich er sei.[1] Die +Koenigin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran +gelegen ist, dass Essex nicht laenger darnach handle: und Essex, durch +diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen, +von welchem die Koenigin behauptet, dass es ein Liebhaber auf alle Weise +wagen muesse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese +Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten +Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schaerpe um, die sie dem Cosme +abgenommen, welches zwar die Koenigin, aber nicht Essex gewahr wird.[2] + +"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum +will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben +kann? Was fuerchte ich noch?--Koenigin, wann denn also,-- + +Blanca. Der Herzog, Ihre Majestaet,-- + +Essex. Blanca koennte nicht ungelegener kommen. + +Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,-- + +Die Koenigin. Ah! Himmel! + +Blanca. Auf Erlaubnis,-- + +Die Koenigin. Was erblicke ich? + +Blanca. Hereintreten zu duerfen. + +Die Koenigin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich +komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das. + +Blanca. Ich gehorche. + +Die Koenigin. Bleib! Komm her! naeher! + +Blanca. Was befehlen Ihro Majestaet?-- + +Die Koenigin. Oh, ganz gewiss!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!-- +Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu +ihm herauskomme. Geh, lass mich! + +Blanca. Was ist das?--Ich gehe. + +Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,-- + +Die Koenigin. Ha, Eifersucht! + +Essex. Mich zu erklaeren.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene +Ueberredung. + +Die Koenigin. Mein Geschenk in fremden Haenden! Bei Gott!--Aber ich +muss mich schaemen, dass eine Leidenschaft so viel ueber mich vermag! + +Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestaet gesagt, und wie ich +einraeumen muss,--das Glueck, welches man durch Furcht erkauft,--sehr +teuer zu stehen koemmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch +ich,-- + +Die Koenigin. Warum sagen Sie das, Graf? + +Essex. Weil ich hoffe, dass, wann ich--Warum fuerchte ich mich noch?-- +wann ich Ihre Majestaet meine Leidenschaft bekannte,--dass einige +Liebe-- + +Die Koenigin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie? +Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin? +Und wer Sie sind? Ich muss glauben, dass Sie den Verstand verloren.--" + +Und so fahren Ihre Majestaet fort, den armen Grafen auszufenstern, dass es +eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel ueber +alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, dass der +Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurueckbrausen +muesse? Ob er nicht wisse, dass die Duenste, welche sich zur Sonne erhueben, +von ihren Strahlen zerstreuet wuerden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein +glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschaemt zurueck und bittet um Verzeihung. +Die Koenigin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder +zu betreten und sich gluecklich zu schaetzen, dass sie ihm den Kopf lasse, +in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen koennen.[3] Er entfernt sich; +und die Koenigin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie +wenig ihr Herz mit ihren Reden uebereinstimme. + +Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Buehne zu fuellen. Blanca +hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fusse sie mit dem Grafen +stehe; dass er notwendig ihr Gemahl werden muesse, oder ihre Ehre sei +verloren. Der Herzog fasst den Entschluss, den er wohl fassen muss; er will +sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht +er sogar, sich bei der Koenigin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die +Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle. + +Die Koenigin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurueck. Sie ist mit +sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er +scheine. Vielleicht, dass es eine andere Schaerpe war, die der ihrigen nur +so aehnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine +Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde +sich naeher darueber erklaeren; er wolle sie zusammen allein lassen: und so +laesst er sie. + +Die Koenigin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschliesst sich +Blanca, zu reden. Sie will nicht laenger von dem veraenderlichen Willen +eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht laenger +anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die +Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Koenigin. Denn +da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen muesse: so suche sie in +ihr nicht die Koenigin, sondern nur die Frau.[4] + + +----Fussnote + +[1] + --El mas verdadero amor + Es el que en si mismo quieto + Descansa, sin atender + A mas paga, o mas intento: + La correspondencia es paga, + Y tener por blanco el precio + Es querer per granjeria.-- + ------ + Dentro esta del silencio, y del respeto + Mi amor, y asi mi dicha esta segura, + Presumiendo tal vez (dulce locura!) + Que es admitido del mayor suieto. + Dejandome enganar de este concepto, + Dura mi bien, porque mi engano dura; + Necia sera la lengua, si aventura + Un bien que esta seguro en el secreto.-- + Que es feliz quien no siendo venturoso + Nunca llega a saber, que es desdichado. + + [2] + Por no morir de mal, cuando + Puedo morir de remedio, + Digo pues, ea, osadia, + Ella me alento, que temo?-- + Que sera bien que a tu Alteza-- + (Sale Blanca con la banda puesta.) + Bl. Senora, el duque--Cond. A mal tiempo + Viene Blanca. Bl. Esta aguardando + En la antecamara--Rein. Ay, cielo! + Bl. Para entrar--Rein. Que es lo que miro! + Bl. Licencia. Rein. Decid;--que veo!-- + Decid que espere;--estoy loca! + Decid, andad. Bl. Ya obedezco. + Rein. Venid aca, volved. Bl. Que manda + Vuestra Alteza? Rein. Ei dano es cierto. + Decidle--no hay que dudar-- + Entretenedle un momento-- + Ay de mi!--mientras yo salgo-- + Y dejadme. Bl. Que es aquesto? + Y voy. Cond. Ya Blanca se fue, + Quiero pues volver--Rein. Ha celos! + Cond. A declararme atrevido, + Pues si me atrevo, me atrevo + En fe de sus pretensiones. + Rein. Mi prenda en poder ajeno? + Vive Dios, pero es vergueenza + Que pueda tanto un afecto + En mi. Cond. Segun lo que dijo + Vuestra Alteza aqui, y supuesto, + Que cuesta cara la dicha, + Que se compra con el miedo, + Quiero morir noblemente. + Rein. Porque lo decis? Cond. Que espero + Si a vuestra Alteza (que dudo!) + Le declarase mi afecto, + Algun amor--Rein. Que decis? + A mi? como, loco, necio, + Conoceisme? Quien soy yo? + Decid, quien soy? que sospecho, + Que se os huyo la memoria.-- + + [3] + --No me veais, + Y agradeced el que os dejo + Cabeza, en que se engendraron + Tan livianos pensamientos. + + [4] + --Ya estoy resuelta; + No a la voluntad mudable + De un hombre este yo sujeta, + Que aunque no se que me olvide, + Es necedad, que yo quiera + Dejar a su cortesia + Lo que puede hacer la fuerza. + Gran Isabela, escuchadme, + Y al escucharme tu Alteza, + Ponga aun mas que la atencion, + La piedad con las orejas. + Isabela os he llamado + En esta ocasion, no Reina, + Que cuando vengo a deciros + Del honor una flaqueza + Que he hecho como mujer, + Porque mejor os parezca, + No Reina, mujer os busco. + Solo mujer os quisiera.-- + +----Fussnote + + + + +Fuenfundsechzigstes Stueck +Den 15. Dezember 1767 + +Du? mir eine Schwachheit? fragt die Koenigin. + +"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Traenen, +sind vermoegend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer +koemmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf-- + +Die Koenigin. Der Graf? Was fuer ein Graf?-- + +Blanca. Von Essex. + +Die Koenigin. Was hoere ich? + +Blanca. Seine verfuehrerische Zaertlichkeit-- + +Die Koenigin. Der Graf von Essex? + +Blanca. Er selbst, Koenigin.-- + +Die Koenigin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter! + +Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--" + +Die Koenigin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als +Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hoeren wuenscht. +Sie hoeret, wo und wie der Graf gluecklich gewesen;[1] und als sie +endlich auch hoeret, dass er ihr die Ehe versprochen, und dass Blanca auf +die Erfuellung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange +zurueckgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhoehnet das leichtglaeubige +Maedchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an +den Grafen weiter zu denken. Blanca erraet ohne Muehe, dass dieser Eifer +der Koenigin Eifersucht sein muesse: und gibt es ihr zu verstehen. + +"Die Koenigin. Eifersucht?--Nein; bloss deine Auffuehrung entruestet mich. +--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn +liebte, und eine andere waere so vermessen, so toericht, ihn neben mir +zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage +ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu +lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest, +wie sehr mich eine bloss vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht +aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun wuerde. Itzt +stelle ich mich nur eifersuechtig. Huete dich, mich es wirklich zu +machen!"[2] + +Mit dieser Drohung geht die Koenigin ab und laesst die Blanca in der +aeussersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, ueber +die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Koenigin hat ihr Vater +und Bruder und Vermoegen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen +nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch +erst warten, bis sie ein anderer fuer sie vollzieht? Sie will sie selbst +bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Koenigin muss +sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr +an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Koenigin mit dem Kanzler +wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefasst zu machen. + +Der Kanzler haelt verschiedne Briefschaften, die ihm die Koenigin nur auf +einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch +durchsehen. Der Kanzler erhebt die ausserordentliche Wachsamkeit, mit der +sie ihren Reichsgeschaeften obliege; die Koenigin erkennt es fuer ihre +Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu +den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und +anstaendigern Sorgen ueberlassen. Aber das erste Papier, was sie in die +Haende nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muss +es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkoemmt!" +Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen +Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine +Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur +Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem +Bruder des Todes Linderung suchen: und so faellt sie in Schlaf. + +Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die +sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses +Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Koenigin allein +und entschlafen: was fuer einen bequemem Augenblick koennte sie sich +wuenschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem +Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel erraet man, was nun geschieht. Er +koemmt also, sie hier zu suchen; und koemmt eben noch zurecht, der Blanca +in den moerderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die +Koenigin schon gespannt hat, zu entreissen. Indem er aber mit ihr ringt, +geht der Schuss los: die Koenigin erwacht, und alles koemmt aus dem Schlosse +herzugelaufen. + +"Die Koenigin (im Erwachen). Ha! Was ist das? + +Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das fuer ein Knall in dem Zimmer +der Koenigin? Was geschieht hier? + +Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall! + +Die Koenigin. Was ist das, Graf? + +Essex. Was soll ich tun? + +Die Koenigin. Blanca, was ist das? + +Blanca. Mein Tod ist gewiss! + +Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich! + +Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verraeter? + +Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschliessen? Schweige ich: so +faellt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich +der nichtswuerdige Verklaeger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner +teuersten Blanca. + +Die Koenigin. Sind Sie der Verraeter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer +von euch war mein Retter? wer mein Moerder? Mich duenkt, ich hoerte im +Schlafe euch beide rufen: Verraeterin! Verraeter! Und doch kann nur +eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben +suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig, +Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich +will in dieser Ungewissheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht +wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht duerfte es mich +ebensosehr schmerzen, meinen Beschuetzer zu erfahren, als meinen Feind. +Ich will der Blanca gern ihre Verraeterei vergeben, ich will sie ihr +verdanken: wenn dafuer der Graf nur unschuldig war."[3] + +Aber der Kanzler sagt: wenn es die Koenigin schon hierbei wolle bewenden +lassen, so duerfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu gross; sein Amt +erfodere, es zu ergruenden; besonders da aller Anschein sich wider den +Grafen erklaere. + +"Die Koenigin. Der Kanzler hat recht; man muss es untersuchen.--Graf,-- + +Essex. Koenigin!-- + +Die Koenigin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr +fuerchtet meine Liebe, sie zu hoeren! War es Blanca? + +Essex. Ich Ungluecklicher! + +Die Koenigin. War es Blanca, die meinen Tod wollte? + +Essex. Nein, Koenigin; Blanca war es nicht. + +Die Koenigin. Sie waren es also? + +Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiss nicht. + +Die Koenigin. Sie wissen es nicht?--Und wie koemmt dieses moerderische +Werkzeug in Ihre Hand?--" + +Der Graf schweigt, und die Koenigin befiehlt, ihn nach dem Tower zu +bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer +bewacht werden. Sie werden abgefuehrt, und der zweite Aufzug schliesst. + + +----Fussnote + +[1] + bl. le llame una noche obscura-- + rein. y vino a verte? bl. pluguiera + a dios, que no fuera tanta + mi desdicha, y su fineza. + vino mas galan que nunca, + y yo que dos veces ciega, + por mi mal, estaba entonces + del amor, y las tinieblas-- + +[2] + rein. este es celo, blanca. bl. celos, + anadiendole una letra. + rein. que decis? bl. senora, que + si acaso posible fuera, + a no ser vos la que dice + esas palabras, dijera, + que eran celos. rein. que son celos? + no son celos, es ofensa + que me estais haciendo vos. + supongamos, que quisiera + al conde en esta ocasion; + pues si yo al conde quisiera + y alguna atrevida, loca + presumida, descompuesta + le quisiera, que es querer? + que le mirara, o le viera; + que es verle? no se que diga. + no hay cosa que menos sea-- + no la quitara la vida? + la sangre no le bebiera?-- + los celos, aunque fingidos, + me arrebataron la lengua, + y dispararon mi enojo-- + mirad que no me deis celos, + que si fingidos se altera + tanto mi enojo, ved vos, + si fuera verdad, que hiciera-- + escarmentad en las burlas, + no me deis celos de veras. + + conde, vos traidor? vos, blanca? + el juicio esta indiferente, + cual me libra, cual me mata. + conde, bianca, respondedme! + tu a la reina? tu a la reina? + oid, aunque confusamente: + ha, traidora, dijo el conde. + blanca, dijo: traidor eres. + estas razones de entrambos + a entrambas cosas convienen: + uno de los dos me libra, + otro de los me ofende. + conde, cual me daba vida? + blanca, cual me daba muerte? + decidme!--no lo digais, + que neutral mi valor quiere, + per no saber el traidor, + no saber el inocente. + mejor es quedar confusa, + en duda mi juicio quede, + porque cuando mire a alguno, + y de la traicion me acuerde, + a pensar, que es el traidor, + que es el leal tambien piense. + yo le agradeciera a blanca, + que ella la traidora fuese, + solo a trueque de que el conde + fuera el, que estaba inocente.-- + +----Fussnote + + + + +Sechsundsechzigstes Stueck +Den 18. Dezember 1767 + +Der dritte Aufzug faengt sich mit einer langen Monologe der Koenigin an, +die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu +finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren +Moerder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu duerfen. Besonders +geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit; +sie denkt ueber diesen Punkt ueberhaupt lange so zaertlich und sittsam +nicht, als wir es wohl wuenschen moechten, und als sie auf unsern Theatern +denken muesste.[1] + +Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude ueber die +glueckliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen +Beweis, der sich wider den Essex aeussert, vorzulegen. Auf der Pistole, die +man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehoert ihm; und wem +sie gehoert, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen. + +Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was +nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewussten Briefe +nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise +sieht einer Flucht sehr aehnlich, und solche Flucht laesst vermuten, dass er +an dem Verbrechen seines Herrn Anteil koenne gehabt haben. Er wird also +vor den Kanzler gebracht, und die Koenigin befiehlt, ihn in ihrer +Gegenwart zu verhoeren. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann +man leicht erraten. Er weiss von nichts; und als er sagen soll, wo er +hingewollt, laesst er sich um die Wahrheit nicht lange noetigen. Er zeigt +den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu +ueberbringen befohlen: und man weiss, was dieser Brief enthaelt. Er wird +gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hoert, wohin es damit +abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er ueber den Schluss desselben, +worin der Ueberbringer ein Vertrauter heisst, durch den Roberto seine +Antwort sicher bestellen koenne. "Was hoere ich?" ruft Cosme. "Ich ein +Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin +niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe +ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich moechte doch wissen, was +mein Herr an mir gefunden haette, um mich dafuer zu nehmen. Ich, ein +Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiss zum +Exempel, dass Blanca und mein Herr einander lieben, und dass sie heimlich +miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdruecken +wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie huebsch sehen, meine +Herren, was fuer ein Vertrauter ich bin. Schade, dass es nicht etwas viel +Wichtigeres ist: ich wuerde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht +schmerzt die Koenigin nicht weniger, als die Ueberzeugung, zu der sie durch +den ungluecklichen Brief von der Verraeterei des Grafen gelangt. Der Herzog +glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu muessen und der Koenigin +nicht laenger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufaelligerweise +angehoert habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verraeters, und +sobald die Koenigin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestaet, +als gekraenkte Liebe, des Grafen Tod zu beschliessen. + +Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefaengnis. Der Kanzler koemmt +und eroeffnet dem Grafen, dass ihn das Parlament fuer schuldig erkannt und +zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen +werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld. + +"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so +viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht +geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhaendiger Name? + +Essex. Allerdings ist er es. + +Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca, +nicht ausdruecklich den Tod der Koenigin beschliessen hoeren? + +Essex. Was er gehoert hat, hat er freilich gehoert. + +Der Kanzler. Sahe die Koenigin, als sie erwachte, nicht die Pistole in +Ihrer Hand? Gehoert die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht +Ihnen? + +Essex. Ich kann es nicht leugnen. + +Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig. + +Essex. Das leugne ich. + +Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, dass Sie den Brief an den +Roberto schrieben? + +Essex. Ich weiss nicht. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, dass der Herzog den verraeterischen +Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen musste? + +Essex. Weil es der Himmel so wollte. + +Der Kanzler. Wie kam es denn, dass sich das moerderische Werkzeug in +Ihren Haenden fand? + +Essex. Weil ich viel Unglueck habe. + +Der Kanzler. Wenn alles das Unglueck, und nicht Schuld ist: wahrlich, +Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie +werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen muessen. + +Essex. Schlimm genug."[3] + +"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa +mit haengen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr +hinlaenglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu +verstatten, dass er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen duerfe. Der +Kanzler bedauert, dass er, als Richter, ihm diese Bitte versagen muesse; +weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als moeglich, +geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er +vielleicht sowohl unter den Grossen, als unter dem Poebel in Menge haben +moechte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf +wuenschte bloss deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu +ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht muendlich tun +duerfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein +Leben fuer sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf +der Zunge fuehren, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er +sie beschwoeren, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er +setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er +ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca +einzuhaendigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen. + + +----Fussnote + +[1] + No pudo ser que mintiera + Blanca en lo que me conto + De gozarla el Conde? No, + Que Blanca no lo fingiera: + No pudo haberla gozado, + Sin estar enamorado, + Y cuando tierno y rendido, + Entonces la haya querido, + No puede haberla olvidado? + No le vieron mis antoios + Entre acogimientos sabios, + Muy callando con los labios, + Muy bachiller con los ojos, + Cuando al decir sus enojos + Yo su despecho reni? + + [2] + Que escucho? Senores mios, + Dos mil demonios me lleven, + Si yo confidente soy, + Si lo he sido, o si lo fuere, + Ni tengo intencion de serlo. + --Tengo yo + Cara de ser confidente? + Yo no se que ha visto en mi + Mi amo para tenerme + En esta opinion; y a fe, + Que me holgara de que fuese + Cosa de mas importancia + Un secretillo muy leve, + Que rabio ya per decirlo, + Que es que el Conde a Blanca quiere, + Que estan casados los dos + En secreto-- + + [3] + Con. Solo el descargo que tengo + Es el estar inocente. + Senescal. Aunque yo quiera creerlo + No me dejan los indicios, + Y advertid, que ya no es tiempo + De dilacion, que manana + Habeis de morir. Con. Yo muero + Inocente. Sen. Pues decid: + No escribisteis a Roberto + Esta carta? Aquesta firma + No es la vuestra? Con. No lo niego. + Sen. El gran duque de Alanzon + No os oyo en el aposento + De Blanca trazar la muerte + De la Reina? Con. Aqueso es cierto. + Sen. Cuando desperto la Reina + No os hallo, Conde, a vos mesmo + Con la pistola en la mano? + Y la pistola que vemos + Vuestro nombre alli gravado + No es vuestro? Con. Os lo concedo. + Sen. Luego vos estais culpado. + Con. Eso solamente niego. + Sen. Pues como escribisteis, Conde, + La carta al traidor Roberto? + Con. No lo se. Sen. Pues como el Duque, + Que escucho vuestros intentos, + Os convence en la traicion? + Con. Porque asi lo quiso el cielo. + Sen. Como hallado en vuestra mano + Os culpa el vil instrumento? + Con. Porque tengo poca dicha.-- + Sen. Pues sabed, que si es desdicha + Y no culpa, en tanto aprieto + Os pone vuestra fortuna, + Conde amigo, que supuesto + Que no dais otro descargo, + En fe de indicios tan ciertos, + Manana vuestra cabeza + Ha de pagar-- + +----Fussnote + + + + +Siebenundsechzigstes Stueck +Den 22. Dezember 1767 + +Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet haette. Alles ist +ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem +ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf +dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das +Gefaengnis hereintritt. Es ist die Koenigin. "Der Graf", sagt sie vor sich +im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafuer +verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um +Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genuege +geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie +naeher kommt, wird sie gewahr, dass der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt +sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der +feurigsten, uneigennuetzigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!" +--Der Graf hoert sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen +auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", faehrt die Koenigin fort, "sondern die +Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu ueberzeugen, und lassen Sie uns kostbare +Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner? +Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich hoere, dass Sie morgen sterben +sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben fuer Leben +zu geben. Ich habe den Schluessel des Gefaengnisses zu bekommen gewusst. +Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die +Pforte in den Park oeffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben, +das mir so teuer ist."-- + +"Essex. Teuer? Ihnen, Madame? + +Die Koenigin. Wuerde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage? + +Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet +einen Weg, mich durch mein Glueck selbst ungluecklich zu machen. Ich +scheine gluecklich, weil die mich zu befreien koemmt, die meinen Tod +will: aber ich bin um so viel ungluecklicher, weil die meinen Tod will, +die meine Freiheit mir anbietet."[2]-- + +Die Koenigin verstehet hieraus genugsam, dass sie Essex kennet. Er +verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gaenzlich; aber er +bittet, sie mit einer andern zu vertauschen. + +"Die Koenigin. Und mit welcher? + +Essex. Mit der, Madame, von der ich weiss, dass sie in Ihrem Vermoegen +steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Koenigin sehen zu +lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie +an das zu erinnern, was ich fuer Sie getan habe. Bei dem Leben, das +ich Ihnen gerettet, beschwoere ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu +erzeigen. + +Die Koenigin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich +sieht, dass er sich rechtfertiget! Das wuensche ich ja nur. + +Essex. Verzoegern Sie mein Glueck nicht, Madame. + +Die Koenigin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber +nehmen Sie erst diesen Schluessel; von ihm haengt Ihr Leben ab. Was ich +itzt fuer Sie tun darf, koennte ich hernach vielleicht nicht duerfen. +Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3] + +Essex (indem er den Schluessel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit +Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte +der Koenigin, oder dem Ihrigen zu lesen. + +Die Koenigin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehoert doch nur das, +welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun +erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Koenigin. Jenes, mit +welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr. + +Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des +koeniglichen Antlitzes, dass es jeden Schuldigen begnadigen muss, der +es erblickt; und auch mir muesste diese Wohltat des Gesetzes zustatten +kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht +nehmen. Ich will es wagen, meine Koenigin an die Dienste zu erinnern, +die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4] + +Die Koenigin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr +Verbrechen, Graf, ist groesser als Ihre Dienste. + +Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Koenigin zu +versprechen? + +Die Koenigin. Nichts. + +Essex. Wenn die Koenigin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der +ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl guetiger mit mir +verfahren? + +Die Koenigin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat +Ihnen den Weg geoeffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen. + +Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr +Leben schuldig ist? + +Die Koenigin. Sie haben schon gehoert, dass ich diese Dame nicht bin. +Aber gesetzt, ich waere es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als +ich von Ihnen empfangen habe? + +Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, dass Sie mir den Schluessel +gegeben? + +Die Koenigin. Dadurch allerdings. + +Essex. Der Weg, den mir dieser Schluessel eroeffnen kann, ist weniger +der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll, +muss nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt +die Koenigin, mich mit diesem Schluessel fuer die Reiche, die ich ihr +erfochten, fuer das Blut, das ich um sie vergossen, fuer das Leben, das +ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schluessel fuer alles das +abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anstaendigem Mittel zu danken +haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht). + +Die Koenigin. Wo gehen Sie hin? + +Essex. Nichtwuerdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung! +Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in +ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eroeffnet das +Fenster und wirft den Schluessel durch das Gitter in den Kanal.) Durch +die Flucht waere mein Leben viel zu teuer erkauft.[6] + +Die Koenigin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr uebel getan. + +Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, dass ich +eine undankbare Koenigin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf +nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses +unanstaendigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf +meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken +derselben ihren Undank zu verewigen. + +Die Koenigin. Ich muss das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr +konnte ich, ohne Nachteil meiner Wuerde, fuer Sie nicht tun. + +Essex. So muss ich denn sterben? + +Die Koenigin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Koenigin muss +dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen muessen Sie sterben; und es ist +schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir +das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Koenige, dass sie +viel weniger nach ihren Empfindungen handeln koennen, als andere. +--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--" + + +----Fussnote + +[1] + el conde me dio la vida + y asi obligada me veo; + el conde me daba muerte, + y asi ofendida me quejo. + pues ya que con la sentencia + esta parte he satisfecho, + pues compli con la justicia, + con el amor cumplir quiero.-- + +[2] + ingeniosa mi fortuna + hallo en la dicha mas nuevo + modo de hacerme infeliz, + pues cuando dichoso veo, + que me libra quien me mata, + tambien desdichado advierto, + que me mata quien me libra. + +[3] + pues si esto ha de ser, primero + tomad, conde, aquesta llave, + que si ha de ser instrumento + de vuestra vida, quiza + tan otra, quitando el velo, + sere, que no pueda entonces + hacer lo que ahora puedo, + y como a daros la vida + me empene por lo que os debo, + por si no puedo despues, + de esta suerte me prevengo. + +[4] + morire yo consolado. + aunque si por privilegio + en viendo la cara al rey + queda perdonado el reo; + yo de este indulto, senora + vida por ley me prometo: + esto es en comun, que es + lo que a todos da el derecho; + pero si en particular + merecer el perdon quiero, + oid, vereis que me ayuda + mayor indulto en mis hechos. + mis hazanas-- + +[5] + luego esta, que asi camino + abrira a mi vida, abriendo, + tambien lo abrira a mi infamia; + luego esta, que instrumento + de mi libertad, tambien + lo habra de ser de mi miedo. + esta, que solo me sirve + de huir, es el desempeno + de reinos, que os he ganado, + de servicios, que os he hecho. + y en fin, de esa vida, de esa, + que teneis hoy por mi esfuerzo? + en esta se cifra tanto?-- + +[6] + vil instrumento + de mi vida, y de mi infamia, + por esta reja cayendo + del parque, que bate el rio, + entre sus cristales quiero, + si sois mi esperanza, hundiros; + caed al humido centro, + donde el tamasis sepulte + mi esperanza, y mi remedio. + +----Fussnote + + + + +Achtundsechzigstes Stueck +Den 25. Dezember 1767 + +Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der +Stille: und beide, der Graf und die Koenigin, gehen ab; jedes von einer +besondern Seite. Im Herausgehen, muss man sich einbilden, hat Essex Cosmen +den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick +darauf koemmt dieser damit herein und sagt, dass man seinen Herrn zum Tode +fuehre; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es +versprochen, uebergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine +Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung? +die kaeme ein wenig zu spaet. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er +doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch +wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich faellt ihm +ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet haette, dass er nicht +gewusst, was in dem Briefe seines Herrn stuende. "Waere ich nicht", sagt er, +"bei einem Haare zum Vertrauten darueber geworden? Hol' der Geier die +Vertrautschaft! Nein, das muss mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme +beschliesst den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natuerlich, dass ihn +der Inhalt aeusserst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige +und gefaehrliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu koennen; +er zittert ueber den blossen Gedanken, dass man es in seinen Haenden finden +koenne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der +Koenigin zu bringen. + +Eben koemmt die Koenigin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler +nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Koenigin erteilt dem +Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich +und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon +erfahren, bis der gekoepfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und +Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und, +nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die +Grossen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu +zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und +ihnen einzuschaerfen, dass ihre Koenigin ebenso strenge zu sein wisse, als +sie gnaedig sein zu koennen wuensche: und das alles, wie sie der Dichter +sagen laesst, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2] + +Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Koenigin an. +"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode +der Blanca einzuhaendigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiss selbst nicht +warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestaet wissen muessen, und +die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen koennen: so bringe ich ihn +Ihro Majestaet, und nicht der Blanca." Die Koenigin nimmt den Brief und +lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir +nicht vergoennen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung +schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verraeter +gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der +bewussten Sache behilflich zu sein, bloss um der Koenigin desto nachdrueck- +licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhaengern, nach London zu +locken. Urteile, wie gross meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher +selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung: +stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich +nun nicht mehr; und es moechte sich nicht alle Tage einer finden, der dich +so sehr liebte, dass er den Tod des Verraeters fuer dich sterben wollte. "[3]-- + +"Mensch!" ruft die bestuerzte Koenigin, "was hast du mir da gebracht?" +"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen +Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn +augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er +gebracht: sein Leichnam naemlich. So gross die Freude war, welche die +Koenigin auf einmal ueberstroemte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so +gross sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie +verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und +Blanca mag zittern!-- + +So schliesst sich dieses Stueck, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu +lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den +dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wuesste kein einziges, +welches man uns uebersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet haette. +Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch +geschrieben; aber kein spanisches Stueck. ein blosser Versuch in der +korrekten Manier der Franzosen, regelmaessig, aber frostig. Ich bekenne sehr +gern, dass ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich +wohl ehedem muss gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stueck des naemlichen +Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation, +welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht gluecklicher betreten haben: +so moegen sie mir es nicht uebelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem +alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen. + +Die echten spanischen Stuecke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex". +In allen einerlei Fehler, und einerlei Schoenheiten: mehr oder weniger; +das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den +Schoenheiten duerfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr +sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue +Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl +angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Wuerde +und Staerke im Ausdrucke.-- + +Das sind allerdings Schoenheiten: ich sage nicht, dass es die hoechsten +sind; ich leugne nicht, dass sie zum Teil sehr leicht bis in das +Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatuerliche koennen getrieben werden, dass +sie bei den Spaniern von dieser Uebertreibung selten frei sind. Aber man +nehme den meisten franzoesischen Stuecken ihre mechanische Regelmaessigkeit: +und sage mir, ob ihnen andere, als Schoenheiten solcher Art, uebrig +bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und +Theaterstreiche und Situationen? + +Anstaendigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anstaendigkeit. Alle ihre +Verwicklungen sind anstaendiger, und einfoermiger; alle ihre +Theaterstreiche anstaendiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen +anstaendiger, und gezwungner. Das koemmt von der Anstaendigkeit! + +Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der +poebelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des +Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so beruechtiget +ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloss mit +der Anstaendigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anstaendigkeit ich +meine;--wenn sie weiter keinen Fehler haette, als dass sie die Ehrfurcht +beleidigte, welche die Grossen verlangen, dass sie der Lebensart, der +Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die +man den groessern Teil der Menschen bereden will, dass es einen kleinern +gaebe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so wuerde mir die unsinnigste +Abwechslung von Niedrig auf Gross, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf +Weiss, willkommner sein, als die kalte Einfoermigkeit, durch die mich der +gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten +mehr heissen, unfehlbar einschlaefert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier +in Betrachtung. + + +----Fussnote + +[1] + Hasta que el tronco cadaver + Le sirva de muda lengua. + +[2] + Y asi al salon de palacio + Hareis que llamados vengan + Los Grandes y los Milordes, + Y para que alli le vean, + Debajo de una cortina + Hareis poner la cabeza + Con el sangriento cuchillo, + Que amenaza junto a ella, + Por simbolo de justicia, + Costumbre de Inglaterra: + Y en estando todos juntos, + Monstrandome justiciera, + Exhortandolos primero + Con amor a la obediencia, + Les mostrare luego al Conde, + Para que todos atiendan, + Que en mi hay rigor que los rinda, + Si hay piedad que los atreva. + +[3] + Blanca, en el ultimo trance, + Porque hablarte no me dejan, + He de escribirte un consejo, + Y tambien una advertencia; + La advertencia es, que yo nunca + Fui traidor, que la promesa + De ayudar en lo que sabes, + Fue por servir a la Reina, + Cogiendo a Roberto en Londres, + Y a los que seguirle intentan; + Para aquesto fue la carta: + Esto he querido que sepas, + Porque adviertas el prodigio + De mi amor, que asi se deja + Morir, por guardar tu vida. + Esta ha sido la advertencia: + (Valgame dios!) el consejo + Es, que desistas la empresa + A que Roberto te incita. + Mira que sin mi te quedas + Y no ha de haber cada dia + Quien, por mucho que te quiera, + Por conservarte la vida + Por traidor la suya pierda.-- + +[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stueck, S. 117. + +----Fussnote + + + + +Neunundsechzigstes Stueck +Den 29. Dezember 1767 + +Lope de Vega, ob er schon als der Schoepfer des spanischen Theaters +betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einfuehrte. Das +Volk war bereits so daran gewoehnt, dass er ihn wider Willen mit anstimmen +musste. In seinem Lehrgedichte ueber "die Kunst, neue Komoedien zu machen", +dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darueber. Da er sahe, dass +es nicht moeglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten fuer seine +Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit +wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er +dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so +muesse er doch seine Grundsaetze haben; und es sei besser, auch nur nach +diesen mit einer bestaendigen Gleichfoermigkeit zu handeln, als nach gar +keinen. Stuecke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, koennen +doch noch immer Regeln beobachten und muessen dergleichen beobachten, +wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem blossen Nationalgeschmacke +hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des +Ernsthaften und Laecherlichen die erste. + +"Auch Koenige", sagt er, "koennet ihr in euern Komoedien auftreten lassen. +Ich hoere zwar, dass unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht +gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, dass es wider die Regeln laufe, +oder weil er es der Wuerde eines Koeniges zuwider glaubte, so mit unter den +Poebel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, dass dieses wieder zur +aeltesten Komoedie zurueckkehren heisst, die selbst Goetter einfuehrte; wie +unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiss gar +wohl, dass Plutarch, wenn er von Menandern redet, die aelteste Komoedie +nicht sehr lobt. Es faellt mir also freilich schwer, unsere Mode zu +billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst +entfernen: so muessen die Gelehrten schon auch hierueber schweigen. Es ist +wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz +zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus +der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefaellt nun einmal; man will +nun einmal keine andere Stuecke sehen, als die halb ernsthaft und halb +lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der +sie einen Teil ihrer Schoenheit entlehnet."[1] + +Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anfuehre. Ist es +wahr, dass uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und +Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen, +zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope +mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloss die Fehler seiner +Buehne beschoeniget; er hat eigentlich erwiesen, dass wenigstens dieser +Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung +der Natur ist. + +"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare +--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Koenige +bis zum Bettler, und von Julius Caesar bis zu Jack Fa1staff am besten +gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch +gesehen hat--dass seine Stuecke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften +unregelmaessigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; dass Komisches und +Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft +ebendieselbe Person, die uns durch die ruehrende Sprache der Natur Traenen in +die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen +seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht +zu lachen macht, doch dergestalt abkuehlt, dass es ihm hernach sehr schwer +wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben moechte.--Man +tadelt das und denkt nicht daran, dass seine Stuecke eben darin natuerliche +Abbildungen des menschlichen Lebens sind." + +"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen duerfen) der +Lebenslauf der grossen Staatskoerper selbst, insofern wir sie als +ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und +Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, dass +man beinahe auf die Gedanken kommen moechte, die Erfinder dieser Letztern +waeren klueger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und haetten, wofern sie +nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben laecherlich +zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die +Griechen sich angelegen sein liessen, sie zu verschoenern. Um itzt nichts +von der zufaelligen Aehnlichkeit zu sagen, dass in diesen Stuecken, sowie im +Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten +Akteurs gespielt werden,--was kann aehnlicher sein, als es beide Arten der +Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und +Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen? +Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum +sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft +ueberraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten +vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, +ohne dass sich begreifen laesst, warum sie kamen, oder warum sie wieder +verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall ueberlassen? Wie oft +sehen wir die groessesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen +hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer +leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit laecherlicher Gravitaet +behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so klaeglich verworren und +durcheinander geschlungen ist, dass man an der Moeglichkeit der Entwicklung +zu verzweifeln anfaengt: wie gluecklich sehen wir durch irgendeinen unter +Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch +einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgeloeset, +aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, dass auf +die eine oder die andere Art das Stueck ein Ende hat und die Zuschauer +klatschen oder zischen koennen, wie sie wollen oder--duerfen. Uebrigens weiss +man, was fuer eine wichtige Person in den komischen Tragoedien, wovon wir +reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen +Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt +des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, dass er +seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel grosse +Aufzuege auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten +mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig aerger ist, durch Hanswurst +--auffuehren gesehen? Wie oft haben die groessesten Maenner, dazu geboren, die +schuetzenden Genii eines Throns, die Wohltaeter ganzer Voelker und Zeitalter +zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen +schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen +muessen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen, +doch gewiss seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in +beiden Arten der Tragikomoedien die Verwicklung selbst lediglich daher, +dass Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stueckchen von +seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen koennen, ihr +Spiel verderbt?"-- + +Wenn in dieser Vergleichung des grossen und kleinen, des urspruenglichen +und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnuegen aus +einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten +unsers Jahrhunderts gehoert, aber fuer das deutsche Publikum noch viel zu +frueh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England wuerde es das +aeusserste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers wuerde auf +aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere +Grossen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus +einem franzoesischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiss +schaerfer und ihr Magen staerker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt +haben, so kommen sie auch wohl einmal ueber den "Agathon"[2]. Dieses ist +das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem +schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich +es bewundere: da ich mit der aeussersten Befremdung wahrnehme, welches +tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darueber beobachten, oder in +welchem kalten und gleichgueltigen Tone sie davon sprechen. Es ist der +erste und einzige Roman fuer den denkenden Kopf, von klassischem +Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht, +dass es einige Leser mehr dadurch bekoemmt. Die wenigen, die es darueber +verlieren moechte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.) + + +----Fussnote + +[1] + Eligese el sujeto, y no se mire, + (Perdonen los preceptos) si es de Reyes, + Aunque por esto entiendo, que el prudente, + Filipo Rey de Espana, y Senor nuestro, + En viendo un Rey en ellos se enfadaba, + O fuese el ver, que al arte contradice, + O que la autoridad real no debe + Andar fingida entre la humilde plebe, + Esto es volver a la Comedia antigua, + Donde vemos que Plauto puso Dioses, + Como en su Anfitrion lo muestra Jupiter. + Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo, + Porque Plutarco hablando de Menandro, + No siente bien de la Comedia antigua, + Mas pues del arte vamos tan remotos, + Y en Espana le hacemos mil agravios, + Cierren los Doctos esta vez los labios. + Lo Tragico, y lo Comico mezclado, + Y Terencio con Seneca, aunque sea, + Como otro Minotauro de Pasife, + Haran grave una parte, otra ridicula, + Que aquesta variedad deleita mucho, + Buen ejemplo nos da naturaleza, + Que por tal variedad tiene belleza. + +[2] Zweiter Teil (S. 192). + +----Fussnote + + + + +Siebzigstes Stueck +Den 1. Januar 1768 + +Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr +vorstaeche: so wuerde man sie fuer die beste Schutzschrift des komisch- +tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal +auf irgendeinem Titel genannt gefunden), fuer die geflissentlichste +Ausfuehrung des Gedankens beim Lope halten duerfen. Aber zugleich wuerde sie +auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie wuerde zeigen, dass eben das +Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit +der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes +dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen- +verstand hat, rechtfertigen koenne. Die Nachahmung der Natur muesste +folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es +doch bliebe, wuerde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhoeren; +wenigstens keine hoehere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern +des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er +will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, dass er nicht natuerlich +scheinen koennte; bloss und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich +zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmass und Verhaeltnis, zu viel von dem zeiget, +was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der kuenstlichste in diesem +Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste. + +Als Kritikus duerfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so +sinnreich aufstuetzen zu wollen scheinet, wuerde er ohne Zweifel als eine +Missgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die +ersten Versuche der unter ungeschlachteten Voelkern wieder auflebenden +Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluss gewisser +aeusserlichen Ursachen oder das Ohngefaehr den meisten, Vernunft und +Ueberlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte. +Er wuerde schwerlich sagen, dass die ersten Erfinder des Mischspiels (da das +Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso +getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie +zu verschoenern". + +Die Worte getreu und verschoenert, von der Nachahmung und der Natur, als +dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Missdeutungen +unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche +man zu getreu nachahmen koenne; selbst was uns in der Natur missfalle, +gefalle in der getreuen Nachahmung, vermoege der Nachahmung. Es gibt +andere, welche die Verschoenerung der Natur fuer eine Grille halten; eine +Natur, die schoener sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur. +Beide erklaeren sich fuer Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene +finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also +muesste notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Muehe haben +wuerden, an den Meisterstuecken der Alten Geschmack zu finden. + +Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so grosse Bewunderer sie +auch von der gemeinsten und alltaeglichsten Natur sind, sich dennoch wider +die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklaerten? Wann diese, +so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schoener sein will als +die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten +Anstoss von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen +Widerspruch erklaeren? + +Wir wuerden notwendig zurueckkommen und das, was wir von beiden Gattungen +erst behauptet, widerrufen muessen. Aber wie muessten wir widerrufen, ohne +uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen +Haupt-und Staatsaktion, ueber deren Guete wir streiten, mit dem menschlichen +Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig! + +Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gruendlich genug +sind, doch gruendlichere veranlassen koennen.--Der Hauptgedanke ist dieser: +Es ist wahr, und auch nicht wahr, dass die komische Tragoedie, gotischer +Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Haelfte +getreu nach und vernachlaessiget die andere Haelfte gaenzlich; sie ahmet die +Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer +Empfindungen und Seelenkraefte dabei zu achten. + +In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles +wechselt mit allem, alles veraendert sich eines in das andere. Aber nach +dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel fuer einen +unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil +nehmen zu lassen, mussten diese das Vermoegen erhalten, ihr Schranken zu +geben, die sie nicht hat; das Vermoegen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit +nach Gutduenken lenken zu koennen. + +Dieses Vermoegen ueben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe +wuerde es fuer uns gar kein Leben geben; wir wuerden vor allzu verschiedenen +Empfindungen nichts empfinden; wir wuerden ein bestaendiger Raub des +gegenwaertigen Eindruckes sein; wir wuerden traeumen, ohne zu wissen, was +wir traeumten. + +Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schoenen dieser +Absonderung zu ueberheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu +erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer +Verbindung verschiedener Gegenstaende, es sei der Zeit oder dem Raume +nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu koennen wuenschen, +sondert sie wirklich ab und gewaehrt uns diesen Gegenstand, oder diese +Verbindung verschiedener Gegenstaende, so lauter und buendig, als es nur +immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet. + +Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und ruehrenden Begebenheit sind, und +eine andere von nichtigem Belange laeuft quer ein: so suchen wir der +Zerstreuung, die diese uns drohet, moeglichst auszuweichen. Wir +abstrahieren von ihr; und es muss uns notwendig ekeln, in der Kunst das +wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwuenschten. + +Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen +des Interesse annimmt, und eine nicht bloss auf die andere folgt, sondern +so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die +Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, dass uns +die Abstraktion des einen oder des andern unmoeglich faellt: nur alsdenn +verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiss aus dieser +Unmoeglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.-- + +Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.-- + +Den fuenfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die +Brueder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt. + +Das erstere Stueck kann fuer ein deutsches Original gelten, ob es schon +groesstenteils aus den "Bruedern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt, +dass auch Moliere aus dieser Quelle geschoepft habe; und zwar seine +"Maennerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen ueber dieses +Vorgeben: und ich fuehre Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern +an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon +nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er haette sagen +sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses +Spruechelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wuesste +keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen koennte, +ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von +Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen, +weniger behilflich sein koennte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer +Schriftsteller, duenkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach +diesem Spruechelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er +streiten kann: so koemmt er nach und nach in die Materie, und das uebrige +findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es +aufrichtig, nun einmal die franzoesischen Skribenten vornehmlich erwaehlet, +und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach +einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan +mehr mutwillig, als gruendlich scheinen wollte: der soll wissen, dass +selbst der gruendliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat. +Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand +liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et +casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum +opinionibus, usw. O des Pedanten! wuerde der Herr von Voltaire rufen. +--Ich bin es bloss aus Misstrauen in mich selbst. + +"'Die Brueder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "koennen hoechstens +die Idee zu der Maennerschule, gegeben haben. In den 'Bruedern' sind zwei +Alte von verschiedner Gemuetsart, die ihre Soehne ganz verschieden +erziehen; ebenso sind in der 'Maennerschule' zwei Vormuender, ein sehr +strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Aehnlichkeit. In den +'Bruedern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der +'Maennerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von +den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle +spielen muesste, erscheinet bloss auf dem Theater, um niederzukommen. Die +Isabelle des Moliere ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer +witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem +Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Bruedern' ist +ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, dass ein Alter, der sechzig +Jahre aergerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und +hoeflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Maennerschule' +aber ist die beste von allen Entwicklungen des Moliere; wahrscheinlich, +natuerlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht +das Schlechteste daran ist, aeusserst komisch." + + + + + +Einundsiebzigstes Stueck +Den 5. Januar 1768 + +Es scheinet nicht, dass der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse +bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er +spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur +noch sowas davon im Gedaechtnisse; und das schreibt er auf gut Glueck so +hin, unbekuemmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht +aufmutzen, was er von der Pamphila des Stuecks sagt, "dass sie bloss auf dem +Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem +Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloss ihre +Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle +spielen muesste, das laesst sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und +Roemern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes +Maedchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und +Gefahr laeuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem +sehr ungeschickt.-- + +Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft +die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der muerrische strenge +Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal voellig veraendern. Das +ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet +seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam +fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus +an? duerfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche +nur glauben duerfen, dass Donatus den Terenz fleissiger gelesen und besser +verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stuecke die +Rede; es ist noch da; man lese selbst. + +Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu +besaenftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines +Aergernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich +bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber +morgen, bei frueher Tageszeit, muss der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da +will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen, +wo er es heute gelassen hat; die Saengerin, die diesem der Vetter gekauft, +will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und +eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen, +sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des +fuenften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte +nur so obenhin nimmt, als ob er voellig von seiner alten Denkungsart +abgehen und nach den Grundsaetzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1] +Doch die Folge zeigt es, dass man alles das nur von dem heutigen Zwange, +den er sich antun soll, verstehen muss. Denn auch diesen Zwang weiss er +hernach so zu nutzen, dass er zu der foermlichsten haemischsten Verspottung +seines gefaelligen Bruders ausschlaegt. Er stellt sich lustig, um die +andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht +in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwuerfe; er wird nicht +freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder +von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er +Verschwenden nennt, laecherlich zu machen. Dieses erhellet unwider- +sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den +Anschein betriegen laesst, und ihn wirklich veraendert glaubt.[2] Hic +ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores, +quam mutavisse. + +Ich will aber nicht hoffen, dass der Herr von Voltaire meinet, selbst +diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts +als geschmaelt und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere +mehr Gelassenheit und Kaelte, als man dem Demea zutrauen duerfe. Auch +hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich +motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet, +bei dem geringsten Uebergange so feine Schattierungen in acht genommen, +dass man nicht aufhoeren kann, ihn zu bewundern. + +Nur ist oefters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe +sehr noetig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses +schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen +Kuenstler, und in dem uebrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die +Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschaefte ein sehr +ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die +Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre +Stuecke ueberhaupt nicht eher bekannt werden liessen, als bis sie gespielt +waren, als bis man sie gesehen und gehoert hatte: so konnten sie es um so +mehr ueberhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu +unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermassen mit +unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber +einbildet, dass die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen, +in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebaerde, jede Miene, jede +besondere Abaenderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten +gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzaehlige Stellen +vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur +zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der +wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte +gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene +ausdruecken muss. + +Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesaenderung des Demea +vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anfuehren will, weil auf +ihnen gewissermassen die Missdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiss +nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, dass es sein +ehrbarer frommer Sohn ist, fuer den die Saengerin entfuehret worden, und +stuerzt mit dem unbaendigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und +der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht. + +"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Soehne, mir sie +beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so maessige dich, und komm wieder +zu dir! + +Demea. Gut, ich maessige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes +Wort entfahren. Lass uns bloss bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins +geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte, +dass sich ein jeder nur um den seinen bekuemmern sollte? Antworte."[3] usw. + +Wer sich hier nur an die Worte haelt und kein so richtiger Beobachter ist, +als es der Dichter war, kann leicht glauben, dass Demea viel zu geschwind +austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger +Ueberlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, dass jeder Affekt, wenn er +aufs aeusserste gekommen, notwendig wieder sinken muesse; dass Demea, auf den +Verweis seines Bruders, sich des ungestuemen Jachzorns nicht anders als +schaemen koenne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht +das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei +vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius +destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam +juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der +Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, dass +sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er +sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den +Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Ueberzeugung zu +demuetigen. Doch da er ueber die Wallungen seines kochenden Gebluets nicht +so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der ueberfuehren will, doch noch +immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid +dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse +iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich maessige +mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebaerde und Stimme +verraten genugsam, dass er sich noch nicht gemaessiget hat, dass er noch +nicht wieder bei sich ist. Er bestuermt den Micio mit einer Frage ueber die +andere, und Micio hat alle seine Kaelte und gute Laune noetig, um nur zum +Worte zu kommen. + + +----Fussnote + +[1] + --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc, + Prope jam excurso spatio mitto-- + +[2] + Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos? + Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi: + Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant, + Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono, + Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio. + Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine, + Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor; + Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet! + + +[3] + --De. Eccum adest + Communis corruptela nostrum liberum. + Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi. + De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia: + Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit, + Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum, + Neve ego tuum? responde!-- + +----Fussnote + + + + +Zweiundsiebzigstes Stueck +Den 8. Januar 1768 + +Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im +geringsten nicht ueberzeugt. Aller Vorwand, ueber die Lebensart seiner +Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch faengt er wieder von +vorne an, zu nergeln. Micio muss auch nur abbrechen und sich begnuegen, dass +ihm die muerrische Laune, die er nicht aendern kann, wenigstens auf heute +Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen laesst, +sind meisterhaft.[1] + +"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schoenen +Grundsaetzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden. + +Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon! +Heute schenke dich mir. Komm, klaere dich auf. + +Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muss, das muss ich.--Aber +morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche +geht mit. + +Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; daechte ich. Sei nur heute +lustig! + +Demea. Auch das Mensch von einer Saengerin muss mit heraus. + +Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiss nicht weg wuenschen. +Nur halte sie auch gut. + +Demea. Da lass mich vor sorgen! Sie soll in der Muehle und vor dem +Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu +soll sie mir am heissen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so +schwarz geworden, als ein Loeschbrand. + +Micio. Das gefaellt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und +alsdenn, wenn ich wie du waere, muesste mir der Sohn bei ihr schlafen, er +moechte wollen oder nicht. + +Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemuetsart freilich kannst du +wohl gluecklich sein. Ich fuehl' es, leider-- + +Micio. Du faengst doch wieder an? + +Demea. Nu, nu; ich hoere ja auch schon wieder auf." + +Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum +vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus +EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller +Ernst es war, dass er die Saengerin nicht als Saengerin, sondern als eine +gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muss ueber den Einfall des Micio +lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich +stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?" +und muss sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeissen. Er verbeisst +es auch bald, denn das "Ich fuehl' es leider" sagt er wieder in einem +aergerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch +ist: so grosse Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat +man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann. +Je seltner ihm diese wohltaetige Erschuetterung ist, desto laenger haelt sie +innerlich an; nachdem er laengst alle Spur derselben auf seinem Gesichte +vertilgt, dauert sie noch fort, ohne dass er es selbst weiss, und hat auf +sein naechstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluss.-- + +Aber wer haette wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht? +Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken. +Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war +ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns +gekommen, verdient daher nicht bloss wegen der Sprache studiert zu werden. +Nur muss man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Dass aber +dieser Donatus (Aelius) so vorzueglich reich an Bemerkungen ist, die +unsern Geschmack bilden koennen, dass er die verstecktesten Schoenheiten +seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthuellen weiss: das koemmt +vielleicht weniger von seinen groessern Gaben, als von der Beschaffenheit +seines Autors selbst. Das roemische Theater war, zur Zeit des Donatus, +noch nicht gaenzlich verfallen; die Stuecke des Terenz wurden noch +gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Ueberlieferungen +gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des roemischen Geschmacks +herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hoerte; er +brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu +machen, dass ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst +schwerlich duerfte ausgegruebelt haben. Ich wuesste daher auch kein Werk, aus +welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen koennte, als diesen +Kommentar des Donatus ueber den Terenz: und bis das Latein unter unsern +Schauspielern ueblicher wird, wuenschte ich sehr, dass man ihnen eine gute +Uebersetzung davon in die Haende geben wollte. Es versteht sich, dass der +Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben muesste, was die +blosse Worterklaerung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den +Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Uebersetzung des Textes ist waessrig +und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der +Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr +gaenzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die +Dacier zu brauchen fuer gut befunden. Es waere also keine getane Arbeit, +was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun +koennten, koennen auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun koennten, +werden sich bedanken. + +Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch +sonderbar, dass auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire +gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, dass am Ende mit dem +Charakter des Demea eine gaenzliche Veraenderung vorgehe; wenigstens laesst +er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", laesst er +ihn rufen, "schweigt doch! Ihr ueberhaeuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn, +Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloss weil ich einmal ein +bisschen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich +werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch huebsch, wenn man geliebt +wird. Ich will auch gewiss so bleiben. Ich wuesste nicht, wenn ich so eine +vergnuegte Stunde gehabt haette." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter +stirbt gewiss bald.[3] Die Veraenderung ist gar zu ploetzlich." Jawohl; aber +das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veraenderungen, +die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier +etwas rechtfertigen? + + +----Fussnote + +[1] + --De. Ne nimium modo + Bonae tuae istae nos rationes, Micio, + Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace; + Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi: + Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert, + Faciendum est: ceterum rus cras cum filio + Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo: + Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam + Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris. + Eo pacto prorsum illic alligaris filium. + Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro, + Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis, + Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec + Meridie ipso faciam ut stipulam colligat: + Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet, + Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium, + Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet. + De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies: + Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino. + +[2] +Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzufuehren, +die ich eben itzt uebersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen, +ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch +ungefaehr daraus sehen koennen, worin das Verdienst besteht, das ich dieser +Uebersetzung absprechen muss. + +"Demea. Aber mein lieber Bruder, dass uns nur nicht deine schoenen +Gruende, und dein gleichgueltiges Gemuete sie ganz und gar ins Verderben +stuerzen. + +Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Lass das +immer sein. Ueberlass dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von +der Stirne. + +Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muss es wohl tun. +Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land. + +Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder +gehn wil1st; sei doch heute nur einmal froehlich! + +Demea. Die Saengerin will ich zugleich mit herausschleppen. + +Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, dass dein Sohn ohne +sie nicht wird leben koennen. Aber sorge auch, dass du sie gut +verhaeltst! + +Demea. Dafuer werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch, +Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Ausserdem soll sie +mir in der groessten Mittagshitze gehen und Aehren lesen, und dann will +ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, ueberliefern. + +Micio. Das gefaellt mir; nun seh' ich recht ein, dass du weislich +hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, dass +er sie mit zu Bette nimmt. + +Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist gluecklich, dass du ein +solches Gemuet hast; aber ich fuehle. + +Micio. Ach! haeltst du noch nicht inne? + +Demea. Ich schweige schon." + +So soll es ohne Zweifel heissen, und nicht: stirbt ohnmoeglich bald. +Fuer viele von unsern Schauspielern ist es noetig, auch solche +Druckfehler anzumerken. + +----Fussnote + + + + +Dreiundsiebzigstes Stueck +Den 12. Januar 1768 + +Die Schlussrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone. +"Wenn euch nur das gefaellt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um +nichts mehr bekuemmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der +Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise +kuenftig zu bequemen versprechen.--Aber wie koemmt es, duerfte man fragen, +dass die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Bruedern" bei +der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der +bestaendige Rueckfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie +komisch: aber bei diesem haette es auch bleiben muessen.--Ich verspare das +Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stuecks. + +"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluss machte, +ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt. + +Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miss +Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2] +wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom +Marivaux, in einem Akte. + +Oder, wie es woertlicher und besser heissen wuerde: "Die unvermutete +Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den +Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen +vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen +Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen +Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern +schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, dass es +fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen moechte sie ihn doch noch +lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben, +die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser +koemmt; aber zum Gluecke ist es ein so schoener liebenswuerdiger Mann, dass +sie gar bald ihre Verstellung vergisst und in aller Geschwindigkeit mit +ihm einig wird. Man gebe dem Stuecke einen andern Titel, und alle Leser +und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen +Knoten, den man in zehn Szenen so muehsam geschuerzt hat, in einer einzigen +nicht zu loesen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler +in dem Titel selbst angekuendiget, und durch diese Ankuendigung +gewissermassen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen +Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden koennen? Er +sahe ja in der Wirklichkeit einer Komoedie so aehnlich: und sollte er denn +eben deswegen um so unschicklicher zur Komoedie sein?--Nach der Strenge, +allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre +Komoedien nennet, findet man in der Komoedie wahren Begebenheiten nicht +sehr gleich; und darauf kaeme es doch eigentlich an. + +Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus? +Nicht voellig. Der Ausgang ist, dass Jungfer Argante den Erast und nicht +den Dorante heiratet, und dieser ist hinlaenglich vorbereitet. Denn ihre +Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterlaeunisch; sie liebt ihn, weil +sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie +ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es koemmt; hat sie +ihn lange nicht gesehen, so koemmt er ihr liebenswuerdig genug vor; sieht +sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stossen ihr dann +und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so +unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz +von ihm abzubringen, als dass Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein +solches Gesicht ist? Dass sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet, +dass es vielmehr sehr unerwartet sein wuerde, wenn sie bei jenem bliebe. +Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete +Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von +der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu +bekuemmern, in der er einen Teil seiner Personen laesst. Und so ist es hier: +Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt +sich ihm. + +Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das +Trauerspiel des Herrn Weisse "Richard der Dritte" aufgefuehrt: zum +Beschlusse "Herzog Michel". + +Dieses Stueck ist ohnstreitig eines von unsern betraechtlichsten +Originalen; reich an grossen Schoenheiten, die genugsam zeigen, dass, die +Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht +ueber die Kraefte des Dichters gewesen waere, wenn er sich diese Kraefte nur +selbst haette zutrauen wollen. + +Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf +die Buehne gebracht: aber Herr Weisse erinnerte sich dessen nicht eher, als +bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der +Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden, +dass ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht waere es ein +Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen." + +Vorausgesetzt, dass man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem +Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm +ein Vers abringen, das laesst sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen. +Auf die geringste von seinen Schoenheiten ist ein Stempel gedruckt, +welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der +fremden Schoenheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen! + +Shakespeare will studiert, nicht gepluendert sein. Haben wir Genie, so muss +uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura +ist: er sehe fleissig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen +Faellen auf eine Flaeche projektieret; aber er borge nichts daraus. + +Ich wuesste auch wirklich in dem ganzen Stuecke des Shakespeares keine +einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weisse so haette +brauchen koennen, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim +Shakespeare, sind nach den grossen Massen des historischen Schauspiels +zugeschnitten, und dieses verhaelt sich zu der Tragoedie franzoesischen +Geschmacks ungefaehr wie ein weitlaeuftiges Freskogemaelde gegen ein +Miniaturbildchen fuer einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen, +als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, hoechstens eine kleine Gruppe, +die man sodann als ein eigenes Ganze ausfuehren muss? Ebenso wuerden aus +einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen +ganze Aufzuege werden muessen. Denn wenn man den Aermel aus dem Kleide eines +Riesen fuer einen Zwerg recht nutzen will, so muss man ihm nicht wieder +einen Aermel, sondern einen ganzen Rock daraus machen. + +Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des +Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke +nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst +verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, dass ein Goldkorn so +kuenstlich kann getrieben sein, dass der Wert der Form den Wert der Materie +bei weitem uebersteiget. + +Ich fuer mein Teil bedauere es also wirklich, dass unserm Dichter +Shakespeares Richard so spaet beigefallen. Er haette ihn koennen gekannt +haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er haette +ihn koennen genutzt haben, ohne dass eine einzige uebergetragene Gedanke +davon gezeugt haette. + +Waere mir indes eben das begegnet, so wuerde ich Shakespeares Werk +wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle +die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen +nicht vermoegend gewesen waere.--Aber woher weiss ich, dass Herr Weisse dieses +nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben? + +Kann es nicht ebenso wohl sein, dass er das, was ich fuer dergleichen +Flecken halte, fuer keine haelt? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass +er mehr recht hat, als ich? Ich bin ueberzeugt, dass das Auge des Kuenstlers +groesstenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner +Betrachter. Unter zwanzig Einwuerfen, die ihm diese machen, wird er sich +von neunzehn erinnern, sie waehrend der Arbeit sich selbst gemacht und sie +auch schon sich selbst beantwortet zu haben. + +Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu +hoeren: denn er hat es gern, dass man ueber sein Werk urteilet; schal oder +gruendlich, links oder rechts, gutartig oder haemisch, alles gilt ihm +gleich; und auch das schalste, linkste, haemischste Urteil ist ihm lieber, +als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in +seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was faengt er mit dieser an? +Verachten moechte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn fuer so +etwas Ausserordentliches halten: und doch muss er die Achseln ueber sie +zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz +moechte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes +Lob auf sich sitzen lassen.-- + +Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.-- +Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--hoechstens nur bei einem oder dem +andern Mitsprecher. Ich weiss nicht, wo ich es juengst gedruckt lesen +musste, dass ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner uebrigen +Lustspiele gelobt haette.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der +fruehern? Ich goenne es Ihnen, mein Herr, dass man niemals Ihre aeltern Werke +so moege tadeln koennen. Der Himmel bewahre Sie vor dem tueckischen Lobe: +dass Ihr letztes immer Ihr bestes ist!-- + + +----Fussnote + +[1] S. den 11. Abend. + +[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend. + +[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusaetzen zu +seiner Theorie der Poesie", S. 45. + +----Fussnote + + + + +Vierundsiebzigstes Stueck +Den 15. Januar 1768 + +Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worueber ich +mir die Erklaerung des Dichters wuenschte. + +Aristoteles wuerde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem +Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur +auch mit seinen Gruenden zu werden wuesste. + +Die Tragoedie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus +folgert er, dass der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch +ein voelliger Boesewicht sein muesse. Denn weder mit des einen noch mit des +andern Ungluecke lasse sich jener Zweck erreichen. + +Raeume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragoedie, die +ihres Zweckes verfehlt. Raeume ich es nicht ein: so weiss ich gar nicht +mehr, was eine Tragoedie ist. + +Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weisse geschildert hat, ist +unstreitig das groesste, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Buehne +getragen. Ich sage, die Buehne: dass es die Erde wirklich getragen habe, +daran zweifle ich. + +Was fuer Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das +soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind +ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenstaenden unsers +Mitleids gemacht hat. + +Aber Schrecken?--Sollte dieser Boesewicht, der die Kluft, die sich +zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefuellet, mit +Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt haetten sein muessen; sollte +dieser blutduerstige, seines Blutdurstes sich ruehmende, ueber seine +Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Masse erwecken? + +Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen ueber +unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen ueber Bosheiten, die unsern +Begriff uebersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns +bei Erblickung vorsaetzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden, +ueberfaellt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes +Teil empfinden lassen. + +Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels, +dass es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn +ihre Personen irgendein grosses Verbrechen begehen mussten. Sie schoben +oefters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber +zu einem Verhaengnisse einer raechenden Gottheit, verwandelten lieber den +freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der graesslichen Idee +wollten verweilen lassen, dass der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis +faehig sei. + +Bei den Franzosen fuehrt Crebillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich +fuerchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragoedie nicht +sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der +Tragoedie rechnet. + +Und dieses--haette man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort, +welches Aristoteles braucht, heisst Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er, +soll die Tragoedie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr, +das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine ploetzliche, +ueberraschende Furcht. Aber eben dieses Ploetzliche, dieses Ueberraschende, +welches die Idee desselben einschliesst, zeiget deutlich, dass die, von +welchen sich hier die Einfuehrung des Wortes "Schrecken", anstatt des +Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was fuer eine Furcht +Aristoteles meine.--Ich moechte dieses Weges sobald nicht wieder kommen: +man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif. + +"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet: +und die Furcht einen unsersgleichen. Der Boesewicht ist weder dieses noch +jenes: folglich kann auch sein Unglueck weder das erste noch das andere +erregen."[1] + +Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Uebersetzer +Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem +Philosophen die seltsamsten Haendel von der Welt zu machen. + +"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "ueber die Erklaerung des +Schreckens nicht vereinigen koennen; und in der Tat enthaelt sie in jeder +Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert +und sie allzusehr einschraenkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz +'unsersgleichen' nur bloss die Aehnlichkeit der Menschheit verstanden hat, +weil naemlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind, +gesetzt auch, dass sich unter ihrem Charakter, ihrer Wuerde und ihrem Range +ein unendlicher Abstand befaende: so war dieser Zusatz ueberfluessig; denn +er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, dass nur +tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich +haetten, Schrecken erregen koennten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft +und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt +ohnstreitig aus einem Gefuehl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist +ihm unterworfen, und jeder Mensch erschuettert sich, vermoege dieses +Gefuehls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl +moeglich, dass irgend jemand einfallen koennte, dieses von sich zu leugnen: +allein dieses wuerde allemal eine Verleugnung seiner natuerlichen +Empfindungen, und also eine blosse Prahlerei aus verderbten Grundsaetzen, +und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die +wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall +zustoesst, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen +bloss den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes ueberhaupt macht +uns traurig, und die ploetzliche traurige Empfindung, die wir sodann +haben, ist das Schrecken." + +Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider +den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht, +wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglueck unsersgleichen +setzen koenne. Dieses Schrecken, welches uns bei der ploetzlichen +Erblickung eines Leidens befaellt, das einem andern bevorstehet, ist ein +mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen. +Aristoteles wuerde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der +Furcht weiter nichts als eine blosse Modifikation des Mitleids verstuende. + +"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe ueber die Empfindungen,[3] +"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande, +und aus der Unlust ueber dessen Unglueck zusammengesetzt ist. Die +Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den +einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden, +denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese +Erscheinung werden! Man aendre nur in dem bedauerten Unglueck die einzige +Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere +Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die ueber die Urne ihres +Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie haelt das +Unglueck fuer geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei +den Schmerzen des Philoktets fuehlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber +von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte +auszustehen hat, ist gegenwaertig und ueberfaellt ihn vor unsern Augen. +Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das grosse Geheimnis sich ploetzlich +entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersuechtigen Mithridates +sich entfaerben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fuerchtet, da +sie ihren sonst zaertlichen Othello so drohend mit ihr reden hoeret: was +empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen, +mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden, +allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Faellen einerlei. +Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die +Stelle des Geliebten zu setzen: so muessen wir alle Arten von Leiden mit +der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdruecklich Mitleiden +nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht, +Rachbegier, und ueberhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar +den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen koennen?--Man sieht +hieraus, wie gar ungeschickt der groesste Teil der Kunstrichter die +tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken +und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Fuer +wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch +ziehet? Gewiss nicht fuer sich, sondern fuer den Aegisth, dessen Erhaltung +man so sehr wuenschet, und fuer die betrogne Koenigin, die ihn fuer den +Moerder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust ueber das +gegenwaertige Uebel eines andern Mitleiden nennen: so muessen wir nicht nur +das Schrecken, sondern alle uebrige Leidenschaften, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."-- + + +----Fussnote + +[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst". + +[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35. + +[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter +Teil, S. 4. + +----Fussnote + + + + +Fuenfundsiebzigstes Stueck +Den 19. Januar 1768 + +Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, dass uns duenkt, +ein jeder haette sie haben koennen und haben muessen. Gleichwohl will ich +die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht +unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten +Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu +danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch +Aristoteles im ganzen ungefaehr empfunden haben: wenigstens ist es +unleugbar, dass Aristoteles entweder muss geglaubt haben, die Tragoedie +koenne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust +ueber das gegenwaertige Uebel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich +zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften ueberhaupt, die uns von einem +andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen. + +Denn er, Aristoteles, ist es gewiss nicht, der die mit Recht getadelte +Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht +hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch uebersetzt. Er spricht von +Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht +ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Uebel eines +andern, fuer diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus +unserer Aehnlichkeit mit der leidenden Person fuer uns selbst entspringt; +es ist die Furcht, dass die Ungluecksfaelle, die wir ueber diese verhaengst +sehen, uns selbst treffen koennen; es ist die Furcht, dass wir der +bemitleidete Gegenstand selbst werden koennen. Mit einem Worte: diese +Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid. + +Aristoteles will ueberall aus sich selbst erklaert werden. Wer uns einen +neuen Kommentar ueber seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den +Dacierschen weit hinter sich laesst, dem rate ich, vor allen Dingen die +Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird +Aufschluesse fuer die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten +vermutet; besonders muss er die Buecher der "Rhetorik" und "Moral" +studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschluesse muessten die +Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wussten, +laengst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von +seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekuemmerten. Dabei fehlten +ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschluesse wenigstens nicht +fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstuecke +desselben nicht. + +Die authentische Erklaerung dieser Furcht, welche Aristoteles dem +tragischen Mitleid beifueget, findet sich in dem fuenften und achten +Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer, +sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner +seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon +gemacht, der sich davon machen laesst. Denn auch die, welche ohne sie +einsahen, dass diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, haetten +noch ein wichtiges Stueck aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache naemlich, +warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht, +warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften +beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich moechte +wohl hoeren, was sie aus ihrem Kopfe antworten wuerden, wenn man sie fragte: +warum z.E. die Tragoedie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als +Mitleid und Furcht, erregen koenne und duerfe? + +Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem +Mitleiden gemacht hat. Er glaubte naemlich, dass das Uebel, welches der +Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der +Beschaffenheit sein muesse, dass wir es auch fuer uns selbst, oder fuer eines +von den Unsrigen, zu befuerchten haetten. Wo diese Furcht nicht sei, koenne +auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglueck so tief +herabgedrueckt habe, dass er weiter nichts fuer sich zu fuerchten saehe, noch +der, welcher sich so vollkommen gluecklich glaube, dass er gar nicht +begreife, woher ihm ein Unglueck zustossen koenne, weder der Verzweifelnde +noch der Uebermuetige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erklaeret +daher auch das Fuerchterliche und das Mitleidswuerdige, eines durch das +andere. Alles das, sagt er, ist uns fuerchterlich, was, wenn es einem +andern begegnet waere, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken +wuerde:[1] und alles das finden wir mitleidswuerdig, was wir fuerchten +wuerden, wenn es uns selbst bevorstuende. Nicht genug also, dass der +Unglueckliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglueck nicht +verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen: +seine gequaelte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld, +sei fuer uns verloren, sei nicht vermoegend, unser Mitleid zu erregen, wenn +wir keine Moeglichkeit saehen, dass uns sein Leiden auch treffen koenne. +Diese Moeglichkeit aber finde sich alsdenn und koenne zu einer grossen +Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, +als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken +und handeln lasse, als wir in seinen Umstaenden wuerden gedacht und +gehandelt haben, oder wenigstens glauben, dass wir haetten denken und +handeln muessen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne +schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, dass unser Schicksal +gar leicht dem seinigen ebenso aehnlich werden koenne, als wir ihm zu sein +uns selbst fuehlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam +zur Reife bringe. + +So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre +Ursache begreiflich, warum er in der Erklaerung der Tragoedie, naechst dem +Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier +eine besondere, von dem Mitleiden unabhaengige Leidenschaft sei, welche +bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr, +erreget werden koenne; welches die Missdeutung des Corneille war: sondern +weil, nach seiner Erklaerung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig +einschliesst; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere +Furcht erwecken kann. + +Corneille hatte seine Stuecke schon alle geschrieben, als er sich +hinsetzte, ueber die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er +hatte funfzig Jahre fuer das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung +wuerde er uns unstreitig vortreffliche Dinge ueber den alten dramatischen +Kodex haben sagen koennen, wenn er ihn nur auch waehrend der Zeit seiner +Arbeit fleissiger zu Rate gezogen haette. Allein dieses scheinet er +hoechstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu +haben. In den wesentlichem liess er sich um ihn unbekuemmert, und als er am +Ende fand, dass er wider ihn verstossen, gleichwohl nicht wider ihn +verstossen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und +liess seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie +gedacht hatte. + +Corneille hatte Maertyrer auf die Buehne gebracht und sie als die +vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die +abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra +aufgefuehrt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, dass sie zur +Tragoedie unschicklich waeren, weil beide weder Mitleid noch Furcht +erwecken koennten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie faengt er es an, +damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des +Aristoteles leiden moege? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles koennen wir +uns hier leicht vergleichen.[3] Wir duerfen nur annehmen, er habe eben +nicht behaupten wollen, dass beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als +Mitleid, noetig waeren, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken, +die er zu dem letzten Endzwecke der Tragoedie macht: sondern nach seiner +Meinung sei auch eines zureichend.--Wir koennen diese Erklaerung", faehrt +er fort, "aus ihm selbst bekraeftigen, wenn wir die Gruende recht erwaegen, +welche er von der Ausschliessung derjenigen Begebenheiten, die er in den +Trauerspielen missbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes +schickt sich in die Tragoedie nicht, weil es bloss Mitleiden und keine +Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unertraeglich, weil es bloss die +Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft +sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege +bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, dass sie ihm deswegen nicht +gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und dass er +ihnen seinen Beifall nicht versagen wuerde, wenn sie nur eines von +beiden wirkten." + + +----Fussnote + +[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron +gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiss nicht, was dem +Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598) +eingekommen ist, dieses zu uebersetzen: Denique ut simpliciter loquar, +formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt, +vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muss schlechtweg heissen: +quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt. + +[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la +scene, sagt er in seiner Abhandlung ueber das Drama. Sein erstes Stueck +"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches +gerade die funfzig Jahr ausmacht, so dass es gewiss ist, dass er bei den +Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stuecke ein Auge haben +konnte und hatte. + +[3] Il est aise de nous accommoder avec Aristote etc. + +----Fussnote + + + + +Sechsundsiebzigstes Stueck +Den 22. Januar 1768 + +Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier, +der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche +Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen +suchte, diese groesste von allen uebersehen koennen. Zwar, wie konnte er sie +nicht uebersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklaerung vom +Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich +Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man +muesste glauben, dass er seine eigene Erklaerungen vergessen koennen, man +muesste glauben, dass er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen +koennen. Wenn, nach seiner Lehre, kein Uebel eines andern unser Mitleid +erreget, was wir nicht fuer uns selbst fuerchten: so konnte er mit keiner +Handlung in der Tragoedie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine +Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst fuer unmoeglich; dergleichen +Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu +erwecken faehig waeren, glaubte er, muessten sie auch Furcht fuer uns +erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid. +Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragoedie vorstellen, +welche Furcht fuer uns erregen koenne, ohne zugleich unser Mitleid zu +erwecken: denn er war ueberzeugt, dass alles, was uns Furcht fuer uns selbst +errege, auch unser Mitleid erwecken muesse, sobald wir andere damit +bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der +Tragoedie, wo wir alle das Uebel, welches wir fuerchten, nicht uns, sondern +anderen begegnen sehen. + +Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die +Tragoedie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von +ihnen, dass sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer, +wenn sich Corneille durch dieses weder noch verfuehren lassen. Diese +disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren +laesst. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie +verneinen, so koemmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der +Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und +durch den symbolischen Ausdruck trennen koennen, wenn die Sache +demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere +von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie +sei weder schoen noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir wuerden +zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden waere; denn Witz und +Schoenheit lassen sich nicht bloss in Gedanken trennen, sondern sie sind +wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder +Himmel noch Hoelle", wollen wir damit auch sagen: dass wir zufrieden sein +wuerden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und +keine Hoelle, oder nur die Hoelle und keinen Himmel glaubte? Gewiss nicht: +denn wer das eine glaubt, muss notwendig auch das andere glauben; Himmel +und Hoelle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch +das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen; +wenn wir sagen, dieses Gemaelde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung +noch Kolorit: wollen wir damit sagen, dass ein gutes Gemaelde sich mit +einem von beiden begnuegen koenne?--Das ist so klar! + +Allein, wie, wenn die Erklaerung, welche Aristoteles von dem Mitleiden +gibt, falsch waere? Wie, wenn wir auch mit Uebeln und Ungluecksfaellen +Mitleid fuehlen koennten, die wir fuer uns selbst auf keine Weise zu +besorgen haben? + +Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust ueber das +physikalische Uebel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese +Unlust entstehet bloss aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie +unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus +dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte +Empfindung, welche wir Mitleid nennen. + +Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig +aufgeben zu muessen. + +Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht fuer uns selbst, Mitleid fuer andere +empfinden koennen: so ist es doch unstreitig, dass unser Mitleid, wenn jene +Furcht dazukommt, weit lebhafter und staerker und anzueglicher wird, als es +ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, dass die vermischte +Empfindung ueber das physikalische Uebel eines geliebten Gegenstandes nur +allein durch die dazukommende Furcht fuer uns zu dem Grade erwaechst, in +welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet? + +Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht +nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloss als Affekt. Ohne +jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme. +Mitleidige Regungen, ohne Furcht fuer uns selbst, nennt er Philanthropie: +und nur den staerkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht fuer uns +selbst verknuepft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er +zwar, dass das Unglueck eines Boesewichts weder unser Mitleid noch unsere +Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Ruehrung ab. Auch der +Boesewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen +moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behaelt, um sein +Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas +Mitleidaehnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden. +Aber, wie schon gesagt, diese mitleidaehnliche Empfindung nennt er nicht +Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muss", sagt er, "keinen Boesewicht aus +ungluecklichen in glueckliche Umstaende gelangen lassen; denn das ist das +untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben +sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch +muss es kein voelliger Boesewicht sein, der aus gluecklichen Umstaenden in +unglueckliche verfaellt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar +Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts +Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewoehnlichen Uebersetzungen dieses +Wortes Philanthropie. Sie geben naemlich das Adjektivum davon im +Lateinischen durch hominibus gratum; im Franzoesischen durch ce que peut +faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnuegen machen +kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des +Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon] +durch quod humanitatis sensu tangat uebersetzt. Denn allerdings ist unter +dieser Philanthropie, auf welche das Unglueck auch eines Boesewichts +Anspruch macht, nicht die Freude ueber seine verdiente Bestrafung, sondern +das sympathetische Gefuehl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz +der Vorstellung, dass sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem +Augenblicke des Leidens in uns sich fuer ihn reget. Herr Curtius will zwar +diese mitleidige Regungen fuer einen ungluecklichen Boesewicht nur auf eine +gewisse Gattung der ihn treffenden Uebel einschraenken. "Solche Zufaelle des +Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns +wirken, muessen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufaellig, +oder wohl gar unschuldig, so behaelt er in dem Herzen der Zuschauer die +Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden +Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht +genug ueberlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglueck, welches +den Boesewicht befaellt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist, +koennen wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Ungluecks mit ihm +zu leiden. + +"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe ueber die Empfindungen", +"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen draenget. Sie haben alle +Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel +und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt +und ohnmaechtig auf das entsetzliche Schaugerueste. Man arbeitet sich durch +das Gewuehl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Daecher hinan, +um die Zuege des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist +gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal +entscheiden. Wie sehnlich wuenschen itzt aller Herzen, dass ihm verziehen +wuerde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick +vorher selbst zum Tode verurteilet haben wuerden? Wodurch wird itzt ein +Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die +Annaeherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen +Uebel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussoehnen und ihm +unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe koennten wir unmoeglich mitleidig mit +seinem Schicksale sein." + +Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter +keinerlei Umstaenden ganz verlieren koennen, die unter der Asche, mit +welcher sie andere staerkere Empfindungen ueberdecken, unverloeschlich +fortglimmet und gleichsam nur einen guenstigen Windstoss von Unglueck und +Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen; +ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie +verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids +begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen +eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem hoechsten Grade der +mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer +wahrscheinlichen Furcht fuer uns selbst, Affekt werden, zu +unterscheiden. + + + + +Siebenundsiebzigstes Stueck +Den 26. Januar 1768 + +Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff +von dem Affekte des Mitleids hatte, dass er notwendig mit der Furcht fuer +uns selbst verknuepft sein muesse: was war es noetig, der Furcht noch +insbesondere zu erwaehnen? Das Wort Mitleid schloss sie schon in sich, und +es waere genug gewesen, wenn er bloss gesagt haette: die Tragoedie soll durch +Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn +der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll, +noch dazu schwankend und ungewiss. + +Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloss haette lehren wollen, welche +Leidenschaften die Tragoedie erregen koenne und solle, so wuerde er sich den +Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen koennen, und ohne Zweifel sich +wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein groesserer +Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche +Leidenschaften, durch die in der Tragoedie erregten, in uns gereiniget +werden sollten; und in dieser Absicht musste er der Furcht insbesondere +gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch +ausser dem Theater ohne Furcht fuer uns selbst sein kann; ob sie schon ein +notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch +umgekehrt, und das Mitleid fuer andere ist kein Ingrediens der Furcht fuer +uns selbst. Sobald die Tragoedie aus ist, hoeret unser Mitleid auf, und +nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurueck als die +wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Uebel fuer uns selbst +schoepfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des +Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine +vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um +anzuzeigen, dass sie dieses tun koenne und wirklich tue, fand es +Aristoteles fuer noetig, ihrer insbesondere zu gedenken. + +Es ist unstreitig, dass Aristoteles ueberhaupt keine strenge logische +Definition von der Tragoedie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloss +wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschraenken, hat er verschiedene +zufaellige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht +hatte. Diese indes abgerechnet, und die uebrigen Merkmale ineinander +reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklaerung uebrig: die naemlich, +dass die Tragoedie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid +erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so +wie die Epopee und die Komoedie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung +einer mitleidswuerdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich +vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form +ist daraus zu bestimmen. + +An dem letztern duerfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wuesste ich +keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen waere, es zu +versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragoedie als etwas +Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so +laesst, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache +ergruendet, aber sie bei seiner Erklaerung mehr vorausgesetzt, als deutlich +angegeben. "Die Tragoedie", sagt er, "ist die Nachahmung einer +Handlung,--die nicht vermittelst der Erzaehlung, sondern vermittelst des +Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen +Leidenschaften bewirket." So drueckt er sich von Wort zu Wort aus. Wem +sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der +Erzaehlung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden? +Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragoedie braucht, um ihre +Absicht zu erreichen: und die Erzaehlung kann sich nur auf die Art und +Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen. +Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet +hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzaehlung, welches die +dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Uebersetzer bei dieser +Luecke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere fuellt sie, aber +nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlaessigte +Wortfuegung, an die sie sich nicht halten zu duerfen glauben, wenn sie nur +den Sinn des Philosophen liefern. Dacier uebersetzt: d'une action--qui, +sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la +terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die +Erzaehlung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst) +uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der +vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was +Aristoteles sagen will, nur dass sie es nicht so sagen, wie er es sagt. +Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine +bloss vernachlaessigte Wortfuegung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles +bemerkte, dass das Mitleid notwendig ein vorhandenes Uebel erfodere; dass +wir laengst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Uebel +entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden +koennen, als ein anwesendes; dass es folglich notwendig sei, die Handlung, +durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist, +nicht in der erzaehlenden Form, sondern als gegenwaertig, das ist, in der +dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, dass unser Mitleid durch +die Erzaehlung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch +die gegenwaertige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in +der Erklaerung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu +setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form faehig ist. Haette er es +fuer moeglich gehalten, dass unser Mitleid auch durch die Erzaehlung erreget +werden koenne: so wuerde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen +sein, wenn er gesagt haette, "nicht durch die Erzaehlung, sondern durch +Mitleid und Furcht". Da er aber ueberzeugt war, dass Mitleid und Furcht in +der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so +konnte er sich diesen Sprung, der Kuerze wegen, erlauben.--Ich verweise +desfalls auf das naemliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner +Rhetorik.[1] + +Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der +Tragoedie gibt, und den er mit in die Erklaerung derselben bringen zu +muessen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten, +darueber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, dass alle, +die sich dawider erklaert, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie +haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiss wussten, +welches seine waeren. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und +bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen, +indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in +die naehere Eroerterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch +nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei +Anmerkungen machen. + +1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragoedie solle uns, vermittelst +des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten +Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch +Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn ungluecklich wird: so ist +es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die +Tragoedie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen. +Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt +Windmuehlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges, +darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als +gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedaechtlichern Pferde +hinten nachruft, sich nicht zu uebereilen, und doch nur erst die Augen +recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles: +und das heisst nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das haetten sie +uebersetzen muessen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten +Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das +vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragoedie soll unser Mitleid und +unsere Furcht erregen, bloss um diese und dergleichen Leidenschaften, +nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt +aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und +dergleichen" und nicht bloss "dieser": um anzuzeigen, dass er unter dem +Mitleid nicht bloss das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern ueberhaupt +alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloss die +Unlust ueber ein uns bevorstehendes Uebel, sondern auch jede damit verwandte +Unlust, auch die Unlust ueber ein gegenwaertiges, auch die Unlust ueber ein +vergangenes Uebel, Betruebnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange +soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragoedie erweckt, unser +Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und +keine andere Leidenschaften. Zwar koennen sich in der Tragoedie auch zur +Reinigung der andern Leidenschaften nuetzliche Lehren und Beispiele finden; +doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und +Komoedie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung +ueberhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragoedie, die Nachahmung einer +mitleidswuerdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle +Gattungen der Poesie; es ist klaeglich, wenn man dieses erst beweisen muss; +noch klaeglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln. +Aber alle Gattungen koennen nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so +vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann, +worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist +ihre eigentliche Bestimmung. + + +----Fussnote + +[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de +myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi, +ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous +schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei, +eleeinoterous einai.] + +----Fussnote + + + + +Achtundsiebzigstes Stueck +Den 29. Januar 1768 + +2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was fuer +Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der +Tragoedie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natuerlich, dass sie +sich auch mit der Reinigung selbst irren mussten. Aristoteles verspricht +am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften +durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst +weitlaeuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar +nichts von dieser Materie darin findet, so ist der groesste Teil seiner +Ausleger auf die Gedanken geraten, dass sie nicht ganz auf uns gekommen +sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von +seiner Dichtkunst noch uebrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu +finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz +unbekannt ist, ueber diese Sache zu sagen fuer noetig halten konnte. +Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung, +Licht genug geben koenne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die +Reinigung der Leidenschaften in der Tragoedie geschehe: naemlich die, wo +Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und +die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr +wichtig, nur dass Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und +nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der +Leidenschaften ueberhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Ungluecke", +sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns +die Furcht, dass uns ein aehnliches Unglueck treffen koenne; diese Furcht +erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, +die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr +Unglueck vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu maessigen, zu bessern, +ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, dass man die +Ursache abschneiden muesse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber +dieses Raisonnement, welches die Furcht bloss zum Werkzeuge macht, durch +welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch +und kann unmoeglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die +Tragoedie gerade alle Leidenschaften reinigen koennte, nur nicht die zwei, +die Aristoteles ausdruecklich durch sie gereiniget wissen will. Sie koennte +unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Hass +und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft +ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglueck zugezogen. Nur +unser Mitleid und unsere Furcht muesste sie ungereiniget lassen. Denn +Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragoedie wir, +nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften, +durch welche die handelnden Personen uns ruehren, nicht aber die, durch +welche sie sich selbst ihre Unfaelle zuziehen. Es kann ein Stueck geben, +in welchem sie beides sind: das weiss ich wohl. Aber noch kenne ich kein +solches Stueck: ein Stueck naemlich, in welchem sich die bemitleidete Person +durch ein uebelverstandenes Mitleid oder durch eine uebelverstandene Furcht +ins Unglueck stuerze. Gleichwohl wuerde dieses Stueck das einzige sein, in +welchem, so wie es Corneille versteht, das geschaehe, was Aristoteles +will, dass es in allen Tragoedien geschehen soll: und auch in diesem +einzigen wuerde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt. +Dieses einzige Stueck wuerde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei +gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in +alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier +den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte +seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, dass +unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der +Tragoedie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, dass +der Nutzen der Tragoedie sehr gering sein wuerde, wenn er bloss hierauf +eingeschraenkt waere: so liess er sich verleiten, nach der Erklaerung des +Corneille, ihr die ebenmaessige Reinigung auch aller uebrigen Leidenschaften +beizulegen. Wie nun Corneille diese fuer sein Teil leugnete und in +Beispielen zeigte, dass sie mehr ein schoener Gedanke, als eine Sache sei, +die gewoehnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so musste er sich mit ihm +in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand, +dass er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen musste, um seinen +Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn +der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu beduerfen. +Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden- +schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragoedie reinigen +solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr +gleichgueltig, ob die Tragoedie zur Reinigung der uebrigen Leidenschaften +viel oder wenig beitraegt. An jene Reinigung haette sich Dacier allein +halten sollen: aber freilich haette er sodann auch einen vollstaendigem +Begriff damit verbinden muessen. "Wie die Tragoedie", sagt er, "Mitleid und +Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu +erklaeren. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglueck vor Augen stellet, in +das unsersgleichen durch nicht vorsaetzliche Fehler gefallen sind; und sie +reiniget sie, indem sie uns mit diesem naemlichen Ungluecke bekannt macht +und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fuerchten, noch allzusehr +davon geruehrt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie +bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufaelle mutig zu ertragen, und +macht die Allerelendesten geneigt, sich fuer gluecklich zu halten, indem +sie ihre Ungluecksfaelle mit weit groessern vergleichen, die ihnen die +Tragoedie vorstellet. Denn in welchen Umstaenden kann sich wohl ein Mensch +finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests +nicht erkennen muesste, dass alle Uebel, die er zu erdulden, gegen die, +welche diese Maenner erdulden muessen, gar nicht in Vergleichung gekommen?" +Nun das ist wahr; diese Erklaerung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens +gemacht haben. Er fand sie fast mit den naemlichen Worten bei einem +Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes +einzuwenden, dass das Gefuehl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid +neben sich duldet; dass folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu +erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betruebnis durch das +Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt, +gelten lassen. Nur fragen muss ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im +geringsten mehr damit gesagt, als, dass das Mitleid unsere Furcht reinige? +Gewiss nicht: und das waere doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des +Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, dass die Tragoedie Mitleid +und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht, +dass dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklaeren fuer gut befunden? Denn, +nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muss +der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschoepfen will, stueckweise +zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische +Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und +4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen koenne und wirklich +reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch +diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Haelfte erlaeutert. Denn +wer sich um einen richtigen und vollstaendigen Begriff von der +Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemueht hat, wird finden, dass +jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schliesset. Da +naemlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als +in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei +jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits +ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muss die Tragoedie, +wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis +des Mitleids zu reinigen vermoegend sein; welches auch von der Furcht zu +verstehen. Das tragische Mitleid muss nicht allein, in Ansehung des Mitleids, +die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fuehlet, sondern auch +desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muss nicht +allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich +ganz und gar keines Ungluecks befuerchtet, sondern auch desjenigen, den ein +jedes Unglueck, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in +Angst setzet. Gleichfalls muss das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht, +dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die +tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat +nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugrosse Furcht maessige: und +noch nicht einmal, wie es dem gaenzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie +in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade +erhoehe; geschweige, dass er auch das uebrige sollte gezeigt haben. Die nach +ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergaenzet; +aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragoedie voellig ausser +Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte ueberhaupt, aber +keinesweges der Tragoedie, als Tragoedie, insbesondere zukommen; z.E. dass sie +die Triebe der Menschlichkeit naehren und staerken; dass sie Liebe zur Tugend +und Hass gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte +das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende +Kennzeichen der Tragoedie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten. + + +----Fussnote + +[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels", +hinter der Aristotelischen Dichtkunst". + +----Fussnote + + + + +Neunundsiebzigstes Stueck +Den 2. Februar 1768 + +Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt +ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemissbrauchten +Verstande, fuer die ploetzliche Ueberraschung des Mitleids; noch in dem +eigentlichen Verstande des Aristoteles, fuer heilsame Furcht, dass uns ein +aehnliches Unglueck treffen koenne. Denn wenn er diese erregte, wuerde er +auch Mitleid erregen; so gewiss er hinwiederum Furcht erregen wuerde, wenn +wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten wuerdig faenden. Aber er ist so +ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so +voellig keinen einzigen aehnlichen Zug mit uns selbst finden, dass ich +glaube, wir koennten ihn vor unsern Augen den Martern der Hoelle uebergeben +sehen, ohne das geringste fuer ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu +fuerchten, dass, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie +auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglueck, die Strafe, die ihn +trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen muessen, hoeren wir, +dass er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Koenigin dieses +erzaehlt wird, laesst sie der Dichter sagen: + +"Dies ist etwas!"-- + +Ich habe mich nie enthalten koennen, bei mir nachzusprechen: nein, das ist +gar nichts! Wie mancher gute Koenig ist so geblieben, indem er seine Krone +wider einen maechtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als +ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich fuer den +Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stueck durch ueber den Triumph +seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die +einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen ueber das Glueck +eines Boesewichts auszudruecken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod +selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte, +unterhaelt noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich: +aber gut, dass es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische! + +Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das +Stueck heisst zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben, +nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragoedie erreicht wird; er +hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid fuer andere zu erregen. Die +Koenigin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?-- + +Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es fuer eine fremde, +herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid fuer diese Personen mischt? die +da macht, dass ich mir dieses Mitleid ersparen zu koennen wuenschte? Das +wuensche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile +gern dabei; und danke dem Dichter fuer eine so suesse Qual. + +Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiss sein! Er +spricht von einem [Greek: miaron], von einem Graesslichen, das sich bei dem +Ungluecke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die +Koenigin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie +getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, dass sie in den Klauen dieser +Bestie sind? Ist es ihre Schuld, dass sie ein naeheres Recht auf den Thron +haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch +kaum rechts und links unterscheiden koennen! Wer wird leugnen, dass sie +unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit +Schaudern an die Schicksale der Menschen denken laesst, dem Murren wider +die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht, +ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heisse, wie er +wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte? + +Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gruendet er sich doch auf +etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei: +so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange +aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Guete, was uns in den +wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und +Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes +machen, das voellig sich rundet, wo eines aus dem andern sich voellig +erklaeret, wo keine Schwierigkeit aufstoesst, derenwegen wir die Befriedigung +nicht in seinem Plane finden, sondern sie ausser ihm, in dem allgemeinen +Plane der Dinge suchen muessen; das Ganze dieses sterblichen Schoepfers +sollte ein Schattenriss von dem Ganzen des ewigen Schoepfers sein; sollte +uns an den Gedanken gewoehnen, wie sich in ihm alles zum Besten aufloese, +werde es auch in jenem geschehen: und er vergisst diese seine edelste +Bestimmung so sehr, dass er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in +seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darueber +erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt +habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese +kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft +in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen +und froehlichen Mut behalten sollen: so ist es hoechst noetig, dass wir an +die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhaengnisse +so wenig als moeglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Buehne! Weg, +wenn es sein koennte, aus allen Buechern mit ihnen!-- + +Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen +Eigenschaften hat, die sie haben muessten, falls er wirklich das sein +sollte, was er heisst: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes +Stueck geworden, wofuer ihn unser Publikum haelt? Wenn er nicht Mitleid und +Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muss er doch haben und +hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese +oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschaeftiget, wenn er sie +vergnuegt: was will man denn mehr? Muessen sie denn notwendig nur nach den +Regeln des Aristoteles beschaeftiget und vergnuegt werden? + +Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Ueberhaupt: +wenn Richard schon keine Tragoedie waere, so bleibt er doch ein dramatisches +Gedicht; wenn ihm schon die Schoenheiten der Tragoedie mangelten, so koennte +er doch sonst Schoenheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden; +kuehne Gesinnungen; einen feurigen hinreissenden Dialog; glueckliche +Veranlassungen fuer den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den +mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Staerke in der +Pantomime zu zeigen usw. + +Von diesen Schoenheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die +den eigentlichen Schoenheiten der Tragoedie naeher kommen. + +Richard ist ein abscheulicher Boesewicht: aber auch die Beschaeftigung +unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnuegen; besonders in der +Nachahmung. + +Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen, +welche Groesse und Kuehnheit in uns erwecken. + +Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in +Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und ueberall, wo wir einen Plan +wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er +ausgefuehrt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das +Zweckmaessige so sehr, dass es uns, auch unabhaengig von der Moralitaet des +Zweckes, Vergnuegen gewaehret. + +Wir wollten, dass Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, dass er +ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Missvergnuegen ueber +ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so +viel Blut voellig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist, +moechten wir es nicht gern, auch noch bloss vor langer Weile, vergossen +finden. Hinwiederum waere dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit; +nichts hoeren wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu +erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht waere, wuerden wir nichts +als das Abscheuliche derselben erblicken, wuerden wir wuenschen, dass sie +nicht erreicht waere; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert +vor der Erreichung. + +Die guten Personen des Stuecks lieben wir; eine so zaertliche feurige +Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese +Gegenstaende gefallen immer, erregen immer die suessesten sympathetischen +Empfindungen, wir moegen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld +leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar fuer unsere Ruhe, zu unserer +Besserung kein sehr erspriessliches Gefuehl: aber es ist doch immer Gefuehl. + +Und sonach beschaeftiget uns das Stueck durchaus, und vergnuegt durch diese +Beschaeftigung unserer Seelenkraefte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht +wahr, die man daraus zu ziehen meinet: naemlich, dass wir also damit +zufrieden sein koennen. + +Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben. +Nicht genug, dass sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muss auch die haben, +die ihm, vermoege der Gattung, zukommen; es muss diese vornehmlich haben, +und alle andere koennen den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen; +besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und +Kostbarkeit ist, dass alle Muehe und aller Aufwand vergebens waere, wenn sie +weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine +leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu +erhalten waeren. Ein Bund Stroh aufzuheben, muss man keine Maschinen in +Bewegung setzen; was ich mit dem Fusse umstossen kann, muss ich nicht mit +einer Mine sprengen wollen; ich muss keinen Scheiterhaufen anzuenden, um +eine Muecke zu verbrennen. + + +----Fussnote + +[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9. + +----Fussnote + + + + +Achtzigstes Stueck +Den 5. Februar 1768 + +Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet, +Maenner und Weiber verkleidet, Gedaechtnisse gemartert, die ganze Stadt auf +einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Auffuehrung +desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, +die eine gute Erzaehlung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, +ungefaehr auch hervorbringen wuerde. + +Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht +erregen laesst; wenigstens koennen in keiner andern Form diese Leidenschaften +auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle +andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem +andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzueglich geschickt ist. + +Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man +sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muss. + +Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und roemische Volk auf die +Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgueltig, +wie kalt dagegen unser Volk fuer das Theater! Woher diese Verschiedenheit, +wenn sie nicht daher koemmt, dass die Griechen vor ihrer Buehne sich mit so +starken, so ausserordentlichen Empfindungen begeistert fuehlten, dass sie +den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu +haben: dahingegen wir uns vor unserer Buehne so schwacher Eindruecke bewusst +sind, dass wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu +verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode, +aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft +zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus +anderer Absicht. + +Ich sage, wir, unser Volk, unsere Buehne: ich meine aber nicht bloss, uns +Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, dass wir noch kein +Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses +Bekenntnis mit einstimmen und grosse Verehrer des franzoesischen Theaters +sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich +weiss wohl, was ich dabei denke. Ich denke naemlich dabei: dass nicht allein +wir Deutsche; sondern, dass auch die, welche sich seit hundert Jahren ein +Theater zu haben ruehmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben +prahlen,--dass auch die Franzosen noch kein Theater haben. + +Kein tragisches gewiss nicht! Denn auch die Eindruecke, welche die +franzoesische Tragoedie macht, sind so flach, so kalt!--Man hoere einen +Franzosen selbst davon sprechen. + +"Bei den hervorstechenden Schoenheiten unsers Theaters", sagt der Herr von +Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte, +weil das Publikum von selbst keine hoehere Ideen haben konnte, als ihm die +grossen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond +hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt naemlich, dass unsere Stuecke nicht +Eindruck genug machten, dass das, was Mitleid erwecken solle, aufs hoechste +Zaertlichkeit errege, dass Ruehrung die Stelle der Erschuetterung, und +Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, dass unsere Empfindungen +nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit +dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des franzoesischen Theaters +getroffen. Man sage immerhin, dass Saint-Evremond der Verfasser der elenden +Komoedie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die +Opern' genannt, ist: dass seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das +Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; dass er nichts +als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und +gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war +unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern +Stuecken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem +Grade von Waerme gefehlt: das andere hatten wir alles." + +Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere +Tragoedien waren vortrefflich, nur dass es keine Tragoedien waren. Und woher +kam es, dass sie das nicht waren? + +"Diese Kaelte aber", faehrt er fort, "diese einfoermige Mattigkeit, +entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals +unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragoedie in eine +Folge von verliebten Gespraechen verwandelte, nach dem Geschmacke des +'Cyrus' und der 'Clelie'. Was fuer Stuecke sich hiervon noch etwa +ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements, +dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den +'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch +eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene +zurueckhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und +diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen. +--Was liess sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit +Zuschauern angefuellt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen +Zuruestungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln, +taeuschen? Welche grosse tragische Aktion liess sich da auffuehren? Welche +Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stuecke +mussten aus langen Erzaehlungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespraeche +als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glaenzen, und ein +Stueck, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel +alle theatralische Handlung weg; fielen alle die grossen Ausdruecke der +Leidenschaften, alle die kraeftigen Gemaelde der menschlichen +Ungluecksfaelle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele +dringende Zuege weg; man ruehrte das Herz nur kaum, anstatt es zu +zerreissen." + +Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und +Politik laesst immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt +gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden. +Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hoeren: und +diese fodern, dass wir nichts als den Menschen hoeren sollen. + +Aber die zweite Ursache?--Sollte es moeglich sein, dass der Mangel eines +geraeumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluss auf +das Genie der Dichter gehabt haette? Ist es wahr, dass jede tragische +Handlung Pomp und Zuruestungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht +vielmehr sein Stueck so einrichten, dass es auch ohne diese Dinge seine +voellige Wirkung hervorbraechte. + +Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt +der Philosoph, "laesst sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch +aus der Verknuepfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches +letztere vorzueglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die +Fabel muss so eingerichtet sein, dass sie, auch ungesehen, den, der den +Verlauf ihrer Begebenheiten bloss anhoert, zu Mitleid und Furcht ueber diese +Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhoeren +darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht +erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die +Vorstellung des Stuecks uebernommen." + +Wie entbehrlich ueberhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon +will man mit den Stuecken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung +gehabt haben. Welche Stuecke brauchten, wegen ihrer bestaendigen +Unterbrechung und Veraenderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der +ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war +eine Zeit, wo die Buehnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts +bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn +er aufgezogen war, die blossen blanken, hoechstens mit Matten oder Tapeten +behangenen Waende zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem +Verstaendnisse des Zuschauers und der Ausfuehrung des Spielers zu Hilfe +kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stuecke des +Shakespeares ohne alle Szenen verstaendlicher, als sie es hernach mit +denselben gewesen sind.[1] + +Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekuemmern hat; +wenn die Verzierung, auch wo sie noetig scheinet, ohne besondere Nachteil +seines Stuecks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten +Theater gelegen haben, dass uns die franzoesischen Dichter keine ruehrendere +Stuecke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst. + +Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine +schoenere, geraeumlichere Buehne; keine Zuschauer werden mehr darauf +geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt +und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie +denn, die waermern Stuecke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt +sich der Herr von Voltaire, dass seine "Semiramis" ein solches Stueck ist? +Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne +ich nichts Kaelteres, als seine "Semiramis". + + +----Fussnote + +[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78. +79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting. +--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain +of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared +either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with +tapestry; so that for the place originally represented, and all the +successive changes, in which the poets of those times freely indulged +themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or +to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and +judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would +insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards +were with them. + +----Fussnote + + + + +Einundachtzigstes Stueck +Den 9. Februar 1768 + +Will ich denn nun aber damit sagen, dass kein Franzose faehig sei, ein +wirklich ruehrendes tragisches Werk zu machen? dass der volatile Geist der +Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich wuerde mich schaemen, +wenn mir das nur eingekommen waere. Deutschland hat sich noch durch keinen +Bouhours laecherlich gemacht. Und ich, fuer mein Teil, haette nun gleich die +wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr ueberzeugt, dass kein Volk in der +Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzueglich vor andern Voelkern erhalten +habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Englaender, der witzige Franzose. +Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiss nicht, die alles +unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Englaender als +witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige +Englaender: der Prass von dem Volke aber ist keines von beidem.-- + +Was will ich denn? Ich will bloss sagen, was die Franzosen gar wohl haben +koennten, dass sie das noch nicht haben: die wahre Tragoedie. Und warum noch +nicht haben?--Dazu haette sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen +muessen, wenn er es haette treffen wollen. + +Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu +haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas +bestaerkt, das sie vorzueglich vor allen Voelkern haben; aber es ist keine +Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit. + +Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man +wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner +Jugend fuer einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter +noch nicht zu unterscheiden wusste. Philosophie und Kritik setzten nach +und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem +Jahrhunderte nur haette fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und +sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines +Zeitalters haetten verbreiten und laeutern wollen: so haette er vielleicht +wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden koennen. Aber da er sich +schon so oft den groessten Dichter hatte nennen hoeren, da ihn seine +Eitelkeit ueberredet hatte, dass er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte +unmoeglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je aelter er +ward, desto hartnaeckiger und unverschaemter ward er, sich in diesem +traeumerischen Besitze zu behaupten. + +Gerade so, duenkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riss Corneille +ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der +Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand +angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar +auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch +ruehrender sein koenne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward fuer +unmoeglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter musste +sich darauf einschraenken, dem einen oder dem andern so aehnlich zu werden +als moeglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre +Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und hoere, +was sie antworten! + +Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet +und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluss gehabt hat. +Denn Racine hat nur durch seine Muster verfuehrt; Corneille aber durch +seine Muster und Lehren zugleich. + +Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei +Pedanten, einen Hedelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wussten, +was sie wollten) als Orakelsprueche angenommen, von allen nachherigen +Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stueck vor Stueck zu +beweisen,--nichts anders, als das kahlste, waessrigste, untragischste Zeug +hervorbringen koennen. + +Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die hoechste Wirkung der Tragoedie +kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er traegt sie falsch und +schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so +sucht er, bei einer nach der andern, quelque moderation, quelque favorable +interpretation; entkraeftet und verstuemmelt, deutelt und vereitelt eine +jede,--und warum? pour n'etre pas obliges de condamner beaucoup de poemes +que nous avons vu reussir sur nos theatres; um nicht viele Gedichte +verwerfen zu duerfen, die auf unsern Buehnen Beifall gefunden. Eine schoene +Ursache! + +Ich will die Hauptpunkte geschwind beruehren. Einige davon habe ich schon +beruehrt; ich muss sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen. + +1. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen.-- +Corneille sagt: o ja, aber wie es koemmt; beides zugleich ist eben nicht +immer noetig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne +Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der +grosse Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten +Kinder erwecken Mitleid; und sehr grosses Mitleid: aber Furcht wohl +schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit +meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen +Nichtswuerdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille: +und die Franzosen glaubten es ihm nach. + +2. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen; +beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille +sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es +eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen +bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner +"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun +es ihm nach. + +3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die +Tragoedie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen +anhaengig, gereiniget werden.--Corneille weiss davon gar nichts und bildet +sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragoedie erwecke unser +Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die +Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete +Gegenstand sein Unglueck zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht +nicht sprechen: genug, dass es nicht die Aristotelische ist; und dass, da +Corneille seinen Tragoedien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig +seine Tragoedien selbst ganz andere Werke werden mussten, als die waren, +von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mussten +Tragoedien werden, welches keine wahre Tragoedien waren. Und das sind nicht +allein seine, sondern alle franzoesische Tragoedien geworden; weil ihre +Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des +Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, dass Dacier beide +Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese blosse Verbindung +wird die erstere geschwaecht, und die Tragoedie muss unter ihrer hoechsten +Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur +einen sehr unvollstaendigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich +daher einbildete, dass die franzoesischen Tragoedien seiner Zeit noch eher +die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragoedie", sagt er, +"ist, zufolge jener, noch so ziemlich gluecklich, Mitleid und Furcht zu +erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die +doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die uebrigen +Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als +Liebesintrigen enthaelt, wenn sie ja eine davon reinigte, so wuerde es +einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, dass ihr +Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher +franzoesische Tragoedien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht +ein Genuege leisten. Ich kenne verschiedene franzoesische Stuecke, welche +die ungluecklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht +setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend, +ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade +erregte, in welchem die Tragoedie es erregen sollte, in welchem ich, aus +verschiedenen griechischen und englischen Stuecken gewiss weiss, dass sie es +erregen kann. Verschiedene franzoesische Tragoedien sind sehr feine, sehr +unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, dass es keine +Tragoedien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr +gute Koepfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen +geringen Rang: nur dass sie keine tragische Dichter sind; nur dass ihr +Corneille und Racine, ihr Crebillon und Voltaire von dem wenig oder gar +nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum +Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit +den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene +desto oefterer. Denn nur weiter-- + + +----Fussnote + +[1] (Poet. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragedie peut reussir +assez dans la premiere partie, c'est-a-dire, qu'elle peut exciter et +purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement a la +derniere, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres +passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour, +si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-la seule, et par la il +est aise de voir qu'elle ne fait que peu de fruit. + +----Fussnote + + + + +Zweiundachtzigstes Stueck +Den 12. Februar 1768 + +4. Aristoteles sagt: man muss keinen ganz guten Mann, ohne alle sein +Verschulden, in der Tragoedie ungluecklich werden lassen; denn so was sei +graesslich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt +mehr Unwillen und Hass gegen den, welcher das Leiden verursacht, als +Mitleid fuer den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht +die eigentliche Wirkung der Tragoedie sein soll, wuerde, wenn sie nicht +sehr fein behandelt waere, diese ersticken, die doch eigentlich +hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer wuerde missvergnuegt weggehen, +weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm +gefallen haette, wenn er es allein mit wegnehmen koennen. Aber", koemmt +Corneille hintennach; denn mit einem Aber muss er nachkommen--"aber, wenn +diese Ursache wegfaellt, wenn es der Dichter so eingerichtet, dass der +Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid fuer sich, als Widerwillen gegen +den erweckt, der ihn leiden laesst: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille, +"halte ich dafuer, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den +tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Ungluecke zu zeigen."[1] +--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag +hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu +verstehen, indem man ihn Dinge sagen laesst, an die er nie gedacht hat. +Das gaenzlich unverschuldete Unglueck eines rechtschaffenen Mannes, sagt +Aristoteles, ist kein Stoff fuer das Trauerspiel; denn es ist graesslich. +Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine +blosse Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhoert. Aristoteles +sagt: es ist durchaus graesslich, und eben daher untragisch. Corneille aber +sagt: es ist untragisch, insofern es graesslich ist. Dieses Graessliche +findet Aristoteles in dieser Art des Unglueckes selbst: Corneille aber +setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht. +Er sieht nicht, oder will nicht sehen, dass jenes Graessliche ganz etwas +anders ist als dieser Unwille; dass, wenn auch dieser ganz wegfaellt, jenes +doch noch in seinem vollen Masse vorhanden sein kann: genug, dass vors +erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stuecken +gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des +Aristoteles will gemacht haben, dass er vielmehr vermessen genug ist, sich +einzubilden, es habe dem Aristoteles bloss an dergleichen Stuecken gefehlt, +um seine Lehre darnach naeher einzuschraenken und verschiedene Manieren +daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglueck des ganz +rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden koenne. En voici, +sagt er, deux ou trois manieres que peut-etre Aristote n'a su prevoir, +parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les theatres de son temps. +Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst? +Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind +sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch +einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkoemmt, und +so, dass der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der +'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unertraeglich wuerde +gewesen sein, wenn in dem ersten Stuecke Antiochus und Rodogune, und in +dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen waeren, Kleopatra +und Phokas aber triumphieret haetten. Das Unglueck der erstern erweckt ein +Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, +nicht erstickt wird, weil man bestaendig hofft, dass sich irgendein +gluecklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das +mag Corneille sonst jemanden weismachen, dass Aristoteles diese Manier +nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, dass er sie, wo nicht +gaenzlich verworfen, wenigstens mit ausdruecklichen Worten fuer angemessener +der Komoedie als Tragoedie erklaert hat. Wie war es moeglich, dass Corneille +dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache +zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehoert diese Manier auch gar +nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht +ungluecklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Ungluecke; welches +gar wohl mitleidige Besorgnisse fuer ihn erregen kann, ohne graesslich zu +sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt +Corneille, "dass ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl +eines andern umkoemmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen +allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den +Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix +seinen Eidam Polyeukt umkommen laesst, so ist es nicht aus wuetendem Eifer +gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswuerdig machen wuerde, +sondern bloss aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn +in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in +Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und +missbilliget sein Verfahren; doch ueberwiegt dieser Unwille nicht das +Mitleid, welches wir fuer den Polyeukt empfinden, und verhindert auch +nicht, dass ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stuecks, nicht +voellig wieder mit den Zuhoerern aussoehnen sollte." Tragische Stuemper, +denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum +sollte es also dem Aristoteles an einem Stuecke von aehnlicher Einrichtung +gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille? +Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie +Felix, sind in dergleichen Stuecken ein Fehler mehr und machen sie noch +obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im +geringsten weniger graesslich zu machen. Denn, wie gesagt, das Graessliche +liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in +dem Ungluecke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so +unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger moegen boese oder +schwach sein, moegen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der +Gedanke ist an und fuer sich selbst graesslich, dass es Menschen geben kann, +die ohne alle ihr Verschulden ungluecklich sind. Die Helden haetten diesen +graesslichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als moeglich: +und wir wollten ihn naehren? wir wollten uns an Schauspielen vergnuegen, +die ihn bestaetigen? wir? die Religion und Vernunft ueberzeuget haben +sollte, dass er ebenso unrichtig als gotteslaesterlich ist?--Das naemliche +wuerde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille +nicht selbst naeher anzugeben vergessen haette. + +5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz +Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglueck weder Mitleid +noch Furcht erregen koenne, bringt Corneille seine Laeuterungen bei. +Mitleid zwar, gesteht er zu, koenne er nicht erregen; aber Furcht +allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster +desselben faehig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglueck nicht +zu befuerchten habe: so koenne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern +aehnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den +zwar proportionierten, aber doch noch immer ungluecklichen Folgen +derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gruendet +sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von +der Reinigung der in der Tragoedie zu erweckenden Leidenschaften hatte, +und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, dass die +Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und +dass der Boesewicht, wenn es moeglich waere, dass er unsere Furcht erregen +koenne, auch notwendig unser Mitleid erregen muesste. Da er aber dieses, wie +Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und +bleibt gaenzlich ungeschickt, die Absicht der Tragoedie erreichen zu +helfen. Ja, Aristoteles haelt ihn hierzu noch fuer ungeschickter als den +ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdruecklich, falls man den Held aus +der mittlere Gattung nicht haben koenne, dass man ihn eher besser als +schlimmer waehlen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut +sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler +begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglueck stuerzet, das uns mit +Mitleid und Wehmut erfuellet, ohne im geringsten graesslich zu sein, weil es +die natuerliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche +der lasterhaften Personen in der Tragoedie sagt, ist das nicht, was +Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloss zu +Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloss zur +Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen +lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der +Absicht der Tragoedie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch +sehr richtig an, dass das Unglueck dieser subalternen Boesewichter keinen +Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "dass man den Tod des Narciss im +Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon +deswegen ihrer so viel als moeglich enthalten. Denn wenn ihr Unglueck die +Absicht der Tragoedie nicht unmittelbar befoerdert, wenn sie blosse +Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern +Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, dass das Stueck noch +besser sein wuerde, wenn es die naemliche Wirkung ohne sie haette. Je +simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Raeder und Gewichte sie +hat, desto vollkommener ist sie. + + +----Fussnote + +[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulte d'exposer sur la +scene des hommes tres vertueux. + +[2] Reflexions cr. T. I. Sect. XV. + +----Fussnote + + + + +Dreiundachtzigstes Stueck +Den 16. Februar 1768 + +6. Und endlich, die Missdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft, +welche Aristoteles fuer die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie +sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so +viel als tugendhaft heissen soll: so wird es mit den meisten alten und +neuen Tragoedien uebel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte, +wenigstens mit einer Schwachheit, die naechst der Tugend so recht nicht +bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm fuer +seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Guete, welche Aristoteles +fodert, will er also durchaus fuer keine moralische Guete gelten lassen; +es muss eine andere Art von Guete sein, die sich mit dem moralisch Boesen +ebensowohl vertraegt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet +Aristoteles schlechterdings eine moralische Guete: nur dass ihm tugendhafte +Personen, und Personen, welche in gewissen Umstaenden tugendhafte Sitten +zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche +Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proaeresis ist, durch welche +allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder boesen +Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in +einen weitlaeuftigen Beweis einlassen; er laesst sich nur durch den +Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen +Kunstrichters einleuchtend genug fuehren. Ich verspare ihn daher auf eine +andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankoemmt, zu +zeigen, was fuer einen ungluecklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des +richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: dass Aristoteles +unter der Guete der Sitten den glaenzenden und erhabnen Charakter +irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der +eingefuehrten Person entweder eigentuemlich zukomme oder ihr schicklich +beigeleget werden koenne: le caractere brillant et eleve d'une habitude +vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable a la +personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist +aeusserst boese: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er +sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt +vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind +mit einer gewissen Groesse der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat, +dass man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie +entspringen, bewundern muss. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Luegner' +zu sagen. Das Luegen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein +Dorant bringt seine Luegen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so +vieler Lebhaftigkeit vor, dass diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl +laesst und die Zuschauer gestehen muessen, dass die Gabe, so zu luegen, ein +Laster sei, dessen kein Dummkopf faehig ist."--Wahrlich, einen +verderblichern Einfall haette Corneille nicht haben koennen! Befolget ihn +in der Ausfuehrung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Taeuschung, um +allen sittlichen Nutzen der Tragoedie getan! Denn die Tugend, die immer +bescheiden und einfaeltig ist, wird durch jenen glaenzenden Charakter eitel +und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis ueberzogen, der uns +ueberall blendet, wir moegen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus +welchem wir wollen. Torheit, bloss durch die ungluecklichen Folgen von dem +Laster abschrecken wollen, indem man die innere Haesslichkeit desselben +verbirgt! Die Folgen sind zufaellig; und die Erfahrung lehrt, dass sie +ebensooft gluecklich als ungluecklich fallen. Dieses bezieht sich auf die +Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir +sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht +mit jenem truegerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem +Laster untergelegt wird, macht, dass ich Vollkommenheiten erkenne, wo +keine sind; macht, dass ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte. +Zwar hat schon Dacier dieser Erklaerung widersprochen, aber aus +untriftigern Gruenden; und es fehlt nicht viel, dass die, welche er mit dem +Pater Le Bossu dafuer annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den +poetischen Vollkommenheiten des Stuecks ebenso nachteilig werden kann. Er +meinet naemlich, "die Sitten sollen gut sein", heisse nichts mehr als, sie +sollen gut ausgedrueckt sein, qu'elles soient bien marquees. Das ist +allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller +Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters wuerdig ist. Aber wenn es die +franzoesischen Muster nur nicht bewiesen, dass man "gut ausdruecken" fuer +stark ausdruecken genommen haette. Man hat den Ausdruck ueberladen, man hat +Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte +Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe +von Lastern und Tugenden geworden sind.-- + +Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die +Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen. + +Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl +nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat +ihn nicht gesehen oder gelesen? Krueger hat indes das wenigste Verdienst +darum; denn er ist ganz aus einer Erzaehlung in den Bremischen Beitraegen +genommen. Die vielen guten satirischen Zuege, die er enthaelt, gehoeren +jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Kruegern gehoert nichts, +als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Buehne an Kruegern viel +verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten" +beweisen. Wo er aber ruehrend und edel sein will, ist er frostig und +affektiert. Hr. Loewen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man +jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermisst. Dieses war der erste +dramatische Versuch, welchen Krueger wagte, als er noch auf dem Grauen +Kloster in Berlin studierte. + +Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das +Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und +zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt. + +"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stuecken, welche der Hr. von +Voltaire fuer sein Haustheater gemacht hat. Dafuer war es nun auch gut +genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht +zu Paris; soviel ich weiss. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine +schlechtern Stuecke gespielt haetten: denn dafuer haben die Marins und +Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiss selbst nicht. Denn ich +wenigstens moechte doch noch lieber einen grossen Mann in seinem Schlafrocke +und seiner Nachtmuetze, als einen Stuemper in seinem Feierkleide sehen. + +Charaktere und Interesse hat das Stueck nicht; aber verschiedne +Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem +allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf +Verkennungen und Missverstaendnisse gruendet. Doch die Lacher sind nicht +ekel; am wenigsten wuerden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das +Fremde der Sitten und die elende Uebersetzung das mot pour rire nur nicht +meistens so unverstaendlich machte. + +Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney" +wiederholt. Den Beschluss machte "Der sehende Blinde". + +Dieses kleine Stueck ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat +Titel und Intrige und alles einem alten Stuecke des De Brosse abgeborgt. +Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in +die er verliebt ist, als er Ordre bekoemmt, sich zur Armee zu verfuegen. Er +verlaesst seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der +aufrichtigsten Zaertlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die +Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben +macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt +einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte +Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu ueberzeugen, +ihnen schreiben laesst, dass er sein Gesicht verloren habe. Die List +gelingt; er koemmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der +um den Betrug weiss, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die +Entwicklung laesst sich erraten; da der Offizier an der Unbestaendigkeit der +Witwe nicht laenger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu +heiraten, und der Tochter gibt er die naemliche Erlaubnis, sich mit ihrem +Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des +Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe +versichert, dass ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, dass sie ihn +aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem +Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre +Zaertlichkeit durch Gebaerden. Das ist der Inhalt des alten Stueckes vom De +Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stuecke des Le Grand. Nur +dass in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fuenf +Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel +geworden, und was sonst dergleichen kleine Veraenderungen mehr sind. Es +mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefaellt sehr. Die +Uebersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir +haben; sie ist wenigstens sehr fliessend und hat viele drollige Zeilen. + + +----Fussnote + +[1] S. den 17. Abend. + +[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226. + +----Fussnote + + + + +Vierundachtzigstes Stueck +Den 19. Februar 1768 + +Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der +Hausvater" des Hrn. Diderot aufgefuehrt. + +Da dieses vortreffliche Stueck, welches den Franzosen nur so so gefaellt, +--wenigstens hat es mit Mueh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem +Pariser Theater erscheinen duerfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr +lange, und warum nicht immer? auf unsern Buehnen erhalten wird; da es auch +hier nicht oft genug wird koennen gespielt werden: so hoffe ich, Raum und +Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl ueber das +Stueck selbst, als ueber das ganze dramatische System des Verfassers, von +Zeit zu Zeit angemerkt habe. + +Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natuerlichen Sohne", in den +beigefuegten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat +Diderot sein Missvergnuegen mit dem Theater seiner Nation geaeussert. Bereits +verschiedne Jahre vorher liess er es sich merken, dass er die hohen +Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute taeuschen +und Europa sich von ihnen taeuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche, +in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in +welchem der persiflierende Ton so herrschet, dass den meisten Lesern auch +das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Hoehnerei +zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit +seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen +wollte: ein kluger Mann sagt oefters erst mit Lachen, was er hernach im +Ernste wiederholen will. + +Dieses Buch heisst "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt +durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber +doch hat er es geschrieben und muss es geschrieben haben, wenn er nicht +ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiss, dass nur ein solcher junger +Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schaemen wuerde, es +geschrieben zu haben. + +Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch +kennen. Ich will mich auch wohl hueten, es ihnen weiter bekannt zu machen, +als es hier in meinen Kram dienet.-- + +Ein Kaiser--was weiss ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen +magischen Ringe gewisse Kleinode so viel haessliches Zeug schwatzen lassen, +dass seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hoeren wollte. Sie haette +lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darueber brechen moegen; wenigstens +nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf +des Sultans Majestaet und ein paar witzige Koepfe einzuschraenken. Diese +waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied +der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und +ein grosser Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen +unterhaelt sich die Favoritin einsmals, und das Gespraech faellt auf den +elenden Ton der akademischen Reden, ueber den sich niemand mehr ereifert +als der Sultan selbst, weil es ihn verdriesst, sich nur immer auf Unkosten +seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hoeren, und er wohl +voraussieht, dass die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme +seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in +allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung ueber das Theater +an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile. + +"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim. +"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre +schoensten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir +nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen koennten. Unser Theater ward +fuer das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafuer +gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es +verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es +ist das klare Altertum!" + +"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans +gesehen und gleichfalls den Faden des Stuecks sehr richtig gefuehret, den +Dialog sehr zierlich und das Anstaendige sehr wohl beobachtet gefunden." + +"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem +Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genaehret, und +dem groessten Teile unsrer Neuern!" + +"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker ueber die Klinge +springen lassen, sind doch bei weitem so veraechtlich nicht, als Sie +vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer, +keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was +bekuemmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnuegen macht? Es sind +wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten +Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle +nicht gelesen habe, welche es machen, dass ich die Stuecke des Aboulcazem, +des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre! +Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und +haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?" + +"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in +verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich +schoen. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das muessen wir aus den Werken +lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die +gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgaenger +gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt +man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner +Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens +alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt +worden. Sonst liesse sich behaupten, dass eine Wissenschaft ihren Ursprung, +ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken +haben koenne; welches doch wider alle Erfahrung ist." + +"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als +dass die Neuern, welche sich alle die Schaetze zunutze machen koennen, die +bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein muessen, als die Alten: +oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefaellt, dass sie auf den +Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig muessen weiter +sehen koennen, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre, +ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in +Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit +und Poesie nicht ebensowohl ueberlegen sein?" + +"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist gross, und Riccaric +kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklaeren. Er mag Ihnen sagen, +warum unsere Tragoedien schlechter sind, als der Alten ihre; aber dass sie +es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich +will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "dass Sie die Alten nicht +gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schoene Kenntnisse beworben, als +dass Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie +gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebraeuche, auf ihre Sitten, auf ihre +Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstoessig sind, weil sich +die Umstaende geaendert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff +nicht immer edel, wohlgewaehlt und interessant ist? ob sich die Handlung +nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem +Natuerlichen nicht sehr nahe koemmt? ob die Entwicklungen im geringsten +gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit +Episoden ueberladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel +Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hoeren Sie alles, was von +dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti +ans Land stiegen, da gesagt ward; naehern Sie sich der Hoehle des +ungluecklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und +sagen Sie mir, ob das Geringste vorkoemmt, was Sie in der Taeuschung stoeren +koennte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stueck, welches die naemliche +Pruefung aushalten, welches auf den naemlichen Grad der Vollkommenheit +Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben." + +"Beim Brahma!" rief der Sultan und gaehnte; "Madame hat uns da eine +vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!" + +"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch +weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefasst hat. Aber ich +weiss, dass nur das Wahre gefaellt und ruehret. Ich weiss auch, dass die +Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer +Handlung bestehet, dass der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der +Handlung selbst gegenwaertig zu sein glaubt. Findet sich aber in den +Tragoedien, die Sie uns so ruehmen, nur das geringste, was diesem +aehnlich saehe?" + + + + +Fuenfundachtzigstes Stueck +Den 23. Februar 1768 + +"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und +verwickelt, dass es ein Wunder sein wuerde, wenn wirklich so viel Dinge in +so kurzer Zeit geschehen waeren. Der Untergang oder die Erhaltung eines +Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das +geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Koemmt es auf eine +Verschwoerung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie +beisammen; im dritten werden alle Massregeln genommen, alle Hindernisse +gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit naechstem wird es +einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer +foermlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut gefuehrt, interessant, +warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben, +der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige +zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen +Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen +geht." + +"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stuecke sind ein wenig +ueberladen; aber das ist ein notwendiges Uebel; ohne Hilfe der Episoden +wuerden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen." + +"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muss +man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein +sollte. Kann etwas Laecherlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es +waere denn etwa dieses, dass man die Geigen ein lebhaftes Stueck, eine +muntere Sonate spielen laesst, waehrend dass die Zuhoerer um den Prinzen +bekuemmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen +Thron und sein Leben zu verlieren. + +"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien +muesste man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen +gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die +Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort. + +"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, dass, +wenn die Episoden uns aus der Taeuschung herausbringen, der Dialog uns +wieder hereinsetzt. Ich wuesste nicht, wer das besser verstuende, als unsere +tragische Dichter." + +"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte, +das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend +Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu +verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn +unaufhoerlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia +sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei +unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn +Sie wollen, einige Stellen daraus uebersetzen; und Sie werden die blosse +Natur hoeren, die sich durch den Mund derselben ausdrueckt. Ich moechte gar +zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt dass ihr euern +Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in +Umstaende zu setzen, die ihnen welchen geben.'" + +"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge +unserer dramatischen Stuecke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte +Selim, "dass Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen." + +"Nein, gewiss nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte +fuer eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich +durch ein Wunder. Weiss der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die +er von Szene zu Szene ganze fuenf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll: +geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstosse ab; die ganze Welt +faengt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll waere. Hernach, +hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die +Prinzen und Koenige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut +geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn +Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man +nimmt durchgaengig an, dass wir die Tragoedie zu einem hohen Grade der +Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast fuer +erwiesen, dass von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die +Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die +unvollkommenste geblieben ist." + +Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische +Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir +einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe +mich darauf, eine Dichtkunst abzukuerzen, wenn ich sie zu lang finde." + +"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es kaeme +einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele +etwas gehoert haette; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle; +der ungefaehr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlaegen der +Hoeflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber +nicht ganz unbekannt waere, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein +Freund, es aeussern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der +Fuerst, der mit seinem Sohne missvergnuegt ist, weil er ihn im Verdacht hat, +dass er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich fuer faehig halte, an +beiden die grausamste Rache zu ueben. Diese Sache muss, allem Ansehen nach, +sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, dass Sie +von allem, was vorgeht, Zeuge sein koennen.' Er nimmt mein Anerbieten an, +und ich fuehre ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das +Theater sieht, welches er fuer den Palast des Sultans haelt. Glauben Sie +wohl, dass trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemuehte, die +Taeuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern koennte? Muessen Sie nicht +vielmehr gestehen, dass er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer +wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebaerden, bei dem +seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend +andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen wuerden, gleich in der ersten +Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen wuerde, dass ich ihn +entweder zum Besten haben wollte, oder dass der Fuerst mitsamt seinem Hofe +nicht wohl bei Sinnen sein muessten." + +"Ich bekenne", sagte Selim, "dass mich dieser angenommene Fall verlegen +macht; aber koennte man Ihnen nicht zu bedenken geben, dass wir in das +Schauspiel gehen, mit der Ueberzeugung, der Nachahmung einer Handlung, +nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen." + +"Und sollte denn diese Ueberzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die +Handlung auf die allernatuerlichste Art vorzustellen?"-- + +Hier koemmt das Gespraech nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts +angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den +klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den +Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem franzoesischen +Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit +Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der +geruegten Maengel zu entfernen und den Weg der Natur und Taeuschung besser +einzuschlagen bemueht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es +klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der +Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum +er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstuecken desselben fand: bloss +und allein, um seinen Stuecken Platz zu schaffen. Er musste die Methode +seiner Vorgaenger verschrien haben, weil er empfand, dass in Befolgung der +naemlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben wuerde. Er musste ein +elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein +Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots ueber seine +Stuecke her. + +Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natuerlichen Sohne", manche +Bloesse gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der +"Hausvater" ist. Zu viel Einfoermigkeit in den Charakteren, das +Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog, +ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen: +alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche +Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heisst), die so +philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie +nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu +erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen, +dass die Einkleidung, welche Diderot den beigefuegten Unterredungen gab, +dass der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompoes war; dass +verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen +wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; dass +andere Anmerkungen die Gruendlichkeit nicht hatten, die sie in dem +blendenden Vortrage zu haben schienen. + + + + +Sechsundachtzigstes Stueck +Den 26. Februar 1768 + +z.E. Diderot behauptete,[1] dass es in der menschlichen Natur aufs +hoechste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gaebe, die grosser +Zuege faehig waeren; und dass die kleinen Verschiedenheiten unter den +menschlichen Charakteren nicht so gluecklich bearbeitet werden koennten, +als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr +die Charaktere, sondern die Staende auf die Buehne zu bringen; und wollte +die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschaefte der ernsthaften Komoedie +machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komoedie der Charakter das +Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufaelliges: nun aber muss +der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufaellige werden. Aus dem +Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgaengig die Umstaende, +in welchen er sich am besten aeussert, und verband diese Umstaende +untereinander. Kuenftig muss der Stand, muessen die Pflichten, die Vorteile, +die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese +Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit groesserm Umfange, von weit +groesserm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein +wenig uebertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin +ich nicht. Das aber kann er unmoeglich leugnen, dass der Stand, den man +spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmoeglich verkennen. Er +muss das, was er hoert, notwendig auf sich anwenden." + +Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es, +dass die Natur so arm an urspruenglichen Charakteren sei, dass sie die +komischen Dichter bereits sollten erschoepft haben. Moliere sahe noch +genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil +von denen behandelt zu haben, die er behandeln koenne. Die Stelle, in +welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so +merkwuerdig als lehrreich, indem sie vermuten laesst, dass der Misanthrop +schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen duerfte geblieben +sein, wann er laenger gelebt haette.[3] Palissot selbst ist nicht +ungluecklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung +beizufuegen: den dummen Maezen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an +seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekuenstelte Anschlaege +immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den +Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den +Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler +ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten, +die sich einem Auge, das gut in die Ferne traegt, bis ins Unendliche +erweitern. Das ist noch Ernte genug fuer die wenigen Schnitter, die sich +daran wagen duerfen! + +Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so +wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet waeren: wuerden +die Staende denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man waehle einmal einen; z. +E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen +Charakter geben muessen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder +leichtsinnig, leutselig oder stuermisch sein muessen? Wird es nicht bloss +dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte +heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich +die Grundlage der Intrige und die Moral des Stuecks wiederum auf dem +Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das +Zufaellige sein? + +Zwar koennte Diderot hierauf antworten: Freilich muss die Person, welche +ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen +Charakter haben; aber ich will, dass es ein solcher sein soll, der mit den +Pflichten und Verhaeltnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs +beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es +mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder +stuermisch machen will: er muss notwendig ernsthaft und leutselig sein, und +jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschaefte erfodert. + +Dieses, sage ich, koennte Diderot antworten: aber zugleich haette er sich +einer andern Klippe genaehert; naemlich der Klippe der vollkommnen +Charaktere. Die Personen seiner Staende wuerden nie etwas anders tun, als +was sie nach Pflicht und Gewissen tun muessten; sie wuerden handeln, voellig +wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komoedie? Koennen +dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den +wir davon hoffen duerfen, gross genug sein, dass es sich der Muehe verlohnt, +eine neue Gattung dafuer festzusetzen und fuer diese eine eigene Dichtkunst +zu schreiben? + +Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot ueberhaupt +nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stuecken steuert er ziemlich +gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich +durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den +Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei +Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Bruedern" des +Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Vaeter darin sind mit so gleicher +Staerke gezeichnet, dass man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann, +die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Faellt +er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so duerfte er leicht mit +Erstaunen wahrnehmen, dass der, den er ganzer fuenf Aufzuege hindurch fuer +einen verstaendigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und dass +der, den er fuer einen Narren gehalten hat, wohl gar der verstaendige Mann +sein koennte. Man sollte zu Anfange des fuenften Aufzuges dieses Drama fast +sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen +worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stuecks +umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, dass man gar nicht mehr +weiss, fuer wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man fuer +den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man fuer keinen von +beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel +zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten." + +Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem +naemlichen Stuecke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen, +wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege duenken wir uns alle: wir +verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet +zu werden. + +Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloss verschieden, +als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder +natuerlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den +dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Fuer eine Gesellschaft +im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend +zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend +finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist +ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise haelt, das ihm +Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung? +Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in +welchen man Vaeter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder voellig +entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater +aufweisen koennte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der +naemliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich +sind. Folglich werden die Stuecke, die den wahren Vater ins Spiel bringen, +nicht allein jedes vor sich unnatuerlicher, sondern auch untereinander +einfoermiger sein, als es die sein koennen, welche Vaeter von verschiednen +Grundsaetzen einfuehren. Auch ist es gewiss, dass die Charaktere, welche in +ruhigen Gesellschaften bloss verschieden scheinen, sich von selbst +kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja +es ist natuerlich, dass sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander +entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und +Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue +wird kalt wie Eis, um jenem soviel Uebereilungen begehen zu lassen, als +ihm nur immer nuetzlich sein koennen. + + +----Fussnote + +[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natuerlichen Sohne", S. 321-322 d. +Uebers. + +[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II. + +[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui +(a Moliere) fournirons toujours assez de matiere, et nous ne prenons +guere le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce +qu'il dit. Crois-tu qu'il ait epuise dans ses Comedies tous les ridicules +des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt +caracteres de gens, ou il n'a pas touche? N'a-t-il pas, par exemple, ceux +qui se font les plus grandes amities du monde, et qui, le dos tourne, +font galanterie de se dechirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs +a outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les +louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur +fade qui fait mal au coeur a ceux qui les ecoutent? N'a-t-il pas ces +laches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune, +qui vous encensent dans la prosperite, et vous accablent dans la +disgrace? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mecontents de la Cour, ces +suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour +services ne peuvent compter que des importunites, et qui veulent qu'on +les recompense d'avoir obsede le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux +qui caressent egalement tout le monde, qui promenent leurs civilites a +droite, a gauche, et courent a tous ceux qu'ils voyent avec les memes +embrassades, et les memes protestations d'amitie?--Va, va, Marquis, +Moliere aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il +a touche n'est que bagatelle au prix de ce qui reste. + +[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Uebers. + +----Fussnote + + + + +Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stueck +Den 4. Maerz 1768 + +Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz +richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit +seiner Lanze stossen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens +verrueckt die Lanze, und er stoesst den Ring gerade vorbei. + +So sagt er ueber den "Natuerlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer +Titel! der natuerliche Sohn! Warum heisst das Stueck so? Welchen Einfluss hat +die Geburt des Dorval? Was fuer einen Vorfall veranlasst sie? Zu welcher +Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Luecke fuellt sie auch nur? Was kann +also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen +ueber das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwaermen? Welcher +vernuenftige Mensch weiss denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches +Vorurteil ist?" + +Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur +Verwickelung meiner Fabel noetig; ohne ihn wuerde es weit unwahrscheinlicher +gewesen sein, dass Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester +von keinem Bruder weiss; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen, +und ich haette den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen koennen. +--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, waere Palissot nicht ungefaehr +widerlegt? + +Gleichwohl ist der Charakter des natuerlichen Sohnes einem ganz andern +Einwurfe blossgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schaerfer +haette zusetzen koennen. Diesem naemlich: dass der Umstand der unehelichen +Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher +sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu +eigentuemlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung +seines Charakters viel zuviel Einfluss gehabt hat, als dass dieser +diejenige Allgemeinheit haben koenne, welche nach der eignen Lehre des +Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muss.--Die Gelegenheit +reizt mich zu einer Ausschweifung ueber diese Lehre: und welchem Reize von +der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen? + +"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische +hat Individua. Ich will mich erklaeren. Der Held einer Tragoedie ist der +und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein +anderer. Die vornehmste Person einer Komoedie hingegen muss eine grosse +Anzahl von Menschen vorstellen. Gaebe man ihr von ohngefaehr eine so eigene +Physiognomie, dass ihr nur ein einziges Individuum aehnlich waere, so wuerde +die Komoedie wieder in ihre Kindheit zuruecktreten.--Terenz scheinet mir +einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein +Vater, der sich ueber den gewaltsamen Entschluss graemet, zu welchem er +seinen Sohn durch uebermaessige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen +nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kuemmerlich +haelt, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit +eigenen Haenden bauet. Man kann gar wohl sagen, dass es so einen Vater +nicht gibt. Die groesste Stadt wuerde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein +Beispiel einer so seltsamen Betruebnis aufzuweisen haben." + +Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter +wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als +den Menander. Menander war der Schoepfer desselben, der ihn, allem Ansehen +nach, in seinem Stuecke noch weit ausfuehrlichere Rolle spielen lassen, als +er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphaere, wegen der +verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen muessen.[2] Aber dass er von +Menandern herruehrt, dieses allein schon haette, mich wenigstens, +abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre +kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als +witzig gesagt: doch wuerde man es wohl ueberhaupt von einem Dichter gesagt +haben, der Charaktere zu schildern imstande waere, wovon sich in der +groessten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel +zeiget? Zwar in hundert und mehr Stuecken koennte ihm auch wohl ein solcher +Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und +wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstaende der +Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches +denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt +haben, dass schon Horaz, der einen so besonders zaertlichen Geschmack +hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen, +aber fast unmerklich, getadelt habe. + +Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz +zeigen will, "dass die Narren aus einer Uebertreibung in die andere +entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fuerchtet fuer +einen Verschwender gehalten zu werden. Wisst ihr, was er tut? Er leihet +monatlich fuer fuenf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je noetiger +der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiss die Namen +aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten, +dabei aber ueber harte Vaeter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr, +dass dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkuenften +entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in +der Komoedie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann +sich nicht schlechter quaelen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter, +dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal +soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen +beilaeufige Hiebe, meinet er, waeren dem Charakter des Horaz vollkommen +gemaess. + +Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu +lassen. Denn hier, duenkt mich, wuerde die beilaeufige Anspielung dem +Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so grosser Narr, wenn +es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso +abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache haette, sich zu +peinigen, als Fufidius, so teilt er das Laecherliche mit ihm, und Fufidius +ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne +alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der +Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut, +was dieser aus Reu und Betruebnis tat: nur alsdenn wird uns jener +unendlich laecherlicher und veraechtlicher, als mitleidswuerdig wir +diesen finden. + +Und allerdings ist jede grosse Betruebnis von der Art, wie die Betruebnis +dieses Vaters: die sich nicht selbst vergisst, die peiniget sich selbst. +Es ist wider alle Erfahrung, dass kaum alle hundert Jahre sich ein +Beispiel einer solchen Betruebnis finde: vielmehr handelt jede ungefaehr +ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veraenderung. Cicero +hatte auf die Natur der Betruebnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem +Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betruebte, nicht +bloss von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kaelterm Gebluete +fortsetzen zu muessen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes, +faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri, +quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt +humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad +moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros +vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed +etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est, +aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw. + +Menedemus aber, so heisst der Selbstpeiniger bei dem Terenz, haelt sich +nicht allein so hart aus Betruebnis; sondern, warum er sich auch jeden +geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich +dieses: um desto mehr fuer den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal +ein desto gemaechlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein +so ungemaechliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Vaeter +tun wuerden? Meint aber Diderot, dass das Eigene und Seltsame darin +bestehe, dass Menedemus selbst hackt, selbst graebt, selbst ackert: so hat +er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten +gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit wuerde das freilich nicht so +leicht tun: denn die wenigsten wuerden es zu tun verstehen. Aber die +wohlhabensten, vornehmsten Roemer und Griechen waren mit allen laendlichen +Arbeiten bekannter und schaemten sich nicht, selbst Hand anzulegen. + +Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des +Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentuemlichen, wegen dieser ihm fast +nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so +ungeschickt, als er nur will. Waere Diderot nicht in eben den Fehler +gefallen? Denn was kann eigentuemlicher sein, als der Charakter seines +Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein +zukoemmt, als der Charakter dieses natuerlichen Sohnes? "Gleich nach meiner +Geburt", laesst er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort +verschleudert, der die Grenze zwischen Einoede und Gesellschaft heissen +kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die +mich mit den Menschen verknuepften, konnte ich kaum einige Truemmern davon +erblicken. Dreissig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und +verabsaeumet umher, ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden, +noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht +haette." Dass ein natuerliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern, +vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die naehern Bande des +Bluts verknuepfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen +begegnen. Aber dass es ganze dreissig Jahre in der Welt herumirren koenne, +ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne +irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht haette: +das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmoeglich. Oder wenn es +moeglich waere, welche Menge ganz besonderer Umstaende muessten von beiden +Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten +Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Moeglichkeit wirklich zu +machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfliessen, ehe sie wieder +einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, dass ich mir je das +menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wuenschte ich sonst, ein +Baer geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter +Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will: +wenn er noch unter Menschen faellt, so faellt er unter Wesen, die, ehe er +sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn +anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht +glueckliche, so sind es unglueckliche Menschen! Menschen sind es doch +immer. So wie ein Tropfen nur die Flaeche des Wassers beruehren darf, um +von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfliessen: das Wasser +heisse, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean. + +Gleichwohl soll diese dreissigjaehrige Einsamkeit unter den Menschen den +Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun +aehnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in +ihm erkennen? + +Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er +sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung +werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen +Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der +tragischen." Er wuerde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein +komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte +Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komoedie und Tragoedie +fuellen soll, so muessen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen +den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so +allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so voellig individuell +sind, als diese; und solcher Art duerfte doch wohl der Charakter des +Dorval sein. + +Also waeren wir gluecklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen. +Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, dass die Tragoedie Individua, die +Komoedie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, dass die Personen der +Komoedie eine grosse Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen +muessten; dahingegen der Held der Tragoedie nur der und der Mensch, nur +Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat +auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er +die ernsthafte Komoedie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter +seines Dorval waere so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so faellt +auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natuerlichen Sohnes kann +aus einer so ungegruendeten Einteilung keine Rechtfertigung zufliessen. + + +----Fussnote + +[1] Unterred., S. 292 d. Uebers. + +[2] Falls naemlich die 6. Zeile des Prologs + +Duplex quae ex argumento facta est simplici, + +von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen +ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Uebersetzer des +Terenz, Colman, sie erklaeren. Terence only meant to say, that he had +doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one +mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very +properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been +implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon +Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius, +hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt +diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item +duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil +ich gar nicht einsehe, was von dem Stuecke uebrigbleibt, wenn man die +Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte +verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie +Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe +behandeln koennen; beide sind so genau hineingeflochten, dass ich mir weder +Verwicklung noch Aufloesung ohne sie denken kann. Einer andern Erklaerung, +durch welche sich Julius Scaliger laecherlich gemacht hat, will ich gar +nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom +Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit +haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu +veraendern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermassen berechtigten. +Einige haben gelesen: + +Duplex quae ex Argumente facta est duplici. + +Andere: + +Simplex quae ex argumento facta est duplici. + +Was bleibt noch uebrig, als dass nun auch einer lieset: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici? + +Und in allem Ernste: so moechte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle +im Zusammenhange, und ueberlege meine Gruende: + + Ex integra Graeca integram comoediam + Hodie sum acturus Heautontimorumenon: + Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern +am Theater vorgeworfen ward: + + Multas contaminasse graecas, dum facit + Paucas latinas-- + +[4] Er schmelzte naemlich oefters zwei Stuecke in eines und machte aus zwei +griechischen Komoedien eine einzige lateinische. So setzte er seine +"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen +"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine +"Brueder" aus den "Bruedern" des naemlichen und einem Stuecke des Diphilus. +Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des +"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit +nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm +getan haetten. + + --Id esse factum hic non negat + Neque se pigere, et deinde factum iri autumat. + Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi + Licere id facere, quod illi fecerunt putat. + +[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, dass ich es noch oefterer +tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stuecke, und nicht auf das +gegenwaertige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei +griechischen Stuecken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens +genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile +sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage: + +Simplex quae ex argumento facta est simplici. + +So einfach, will Terenz sagen, als das Stueck des Menanders ist, ebenso +einfach ist auch mein Stueck; ich habe durchaus nichts aus andern Stuecken +eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stuecke +genommen, und das griechische Stueck ist ganz in meinem lateinischen; +ich gebe also + +Ex integra Graeca integram Comoediam. + +Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben +fand, dass es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar +falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das +zweite integram schicken wuerde.--Und so glaube ich, dass sich meine +Vermutung und Auslegung wohl hoeren laesst! Nur wird man sich an die gleich +folgende Zeile stossen: + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, dass er das ganze Stueck aus einem +einzigen Stuecke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch +dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, dass sein Stueck neu sei, +novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar +durch eine Erklaerung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten +getraue, dass sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur +mir zugehoert, und kein Ausleger, soviel ich weiss, sie nur von weitem +vermutet hat. Ich sage naemlich: die Worte, + +Novam esse ostendi, et quae esset-- + +beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem +vorigen sagen lassen; sondern man muss darunter verstehen, apud Aediles; +novus aber heisst hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen, +sondern bloss, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Dass mein +Stueck, will er sagen, ein neues Stueck sei, das ist, ein solches Stueck, +welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem +Griechischen uebersetzt, das habe ich den Aedilen, die mir es abgekauft, +bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an +den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Aedilen +hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen +uebersetztes Stueck verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den +Aedilen ueberreden, dass er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei +alten Stuecken des Naevius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der +"Eunuchus" mit diesen Stuecken vieles gemein; aber doch war die +Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der +griechischen Quelle geschoepft, aus welcher, ihm unwissend, schon Naevius +und Plautus vor ihm geschoepft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen +bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natuerlicher, als dass +er den Aedilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des +Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Aedilen konnten das leicht selbst von +ihm gefodert haben. Und darauf geht das + +Novam esse ostendi, et quae esset. + +[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27. + +----Fussnote + + + + +Neunundachtzigstes Stueck +Den 8. Maerz 1768 + +Zuerst muss ich anmerken, dass Diderot seine Assertion ohne allen Beweis +gelassen hat. Er muss sie fuer eine Wahrheit angesehen haben, die kein +Mensch in Zweifel ziehen werde, noch koenne; die man nur denken duerfe, um +ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den +wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles +und Alexander und Cato und Augustus heissen und Achilles, Alexander, Cato, +Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus +geschlossen haben, dass sonach alles, was der Dichter in der Tragoedie sie +sprechen und handeln laesst, auch nur diesen einzeln so genannten Personen, +und keinem in der Welt zugleich mit, muesse zukommen koennen? Fast scheint +es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren +widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen +Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den groessern Nutzen +der letztern vor der ersten gegruendet. Auch hat er es auf eine so +einleuchtende Art getan, dass ich nur seine Worte anfuehren darf, um keine +geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein +Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein koenne. + +"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen +Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet +klar, dass des Dichters Werk nicht ist, zu erzaehlen, was geschehen, +sondern zu erzaehlen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was +nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei moeglich gewesen. +Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die +gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Buecher des Herodotus in +gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in +gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener +waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, dass jener erzaehlet, was +geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene +gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nuetzlicher +als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die +Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein +Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln +wuerde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das +Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der +Komoedie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die +Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefasst ist, legt man die etwanigen +Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei +dem Einzeln bleiben. Bei der Tragoedie aber haelt man sich an die schon +vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Moegliche glaubwuerdig ist und wir +nicht moeglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen +offenbar moeglich sein muss, weil es nicht geschehen waere, wenn es nicht +moeglich waere. Und doch sind auch in den Tragoedien, in einigen nur ein +oder zwei bekannte Namen, und die uebrigen sind erdichtet; in einigen auch +gar keiner, so wie in der >Blume< des Agathon. Denn in diesem Stuecke sind +Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefaellt es darum +nichts weniger." + +In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Uebersetzung anfuehre, mit +welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als moeglich, sind +verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen +koennen, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier +zur Sache gehoert, muss ich mitnehmen. + +Das ist unwidersprechlich, dass Aristoteles schlechterdings keinen +Unterschied zwischen den Personen der Tragoedie und Komoedie, in Ansehung +ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst +die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der +poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln, +nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen koennte, sondern so wie ein +jeder von ihrer Beschaffenheit in den naemlichen Umstaenden sprechen oder +handeln wuerde und muesste. In diesem [Greek: katholou], in dieser +Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer +und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist, +dass derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene +Physiognomien geben wollte, dass ihnen nur ein einziges Individuum in der +Welt aehnlich waere, die Komoedie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre +Kindheit zuruecksetzen und in Satire verkehren wuerde: so ist es auch +ebenso wahr, dass derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den +Menschen, nur den Caesar, nur den Cato, nach allen den Eigentuemlichkeiten, +die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie +alle diese Eigentuemlichkeiten mit dem Charakter des Caesar und Cato +zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, dass, sage ich, +dieser die Tragoedie entkraeften und zur Geschichte erniedrigen wuerde. + +Aber Aristoteles sagt auch, dass die Poesie auf dieses Allgemeine der +Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders +bei der Komoedie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die +Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnuegt, im geringsten aber +nicht erlaeutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darueber +ausgedrueckt, dass man klar sieht, sie muessen entweder nichts, oder etwas +ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie, +wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser +Personen? und wie ist diese ihre Ruecksicht auf das Allgemeine der Person, +besonders bei der Komoedie, schon laengst sichtbar gewesen? + +Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei +legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae +poiaesis onomata epitithemenae], uebersetzt Dacier: Une chose generale, +c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractere a du dire, ou +faire vraisemblablement ou necessairement, ce qui est le but de la poesie +lors meme, qu'elle impose les noms a ses personnages. Vollkommen so +uebersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermoege +eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit +redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch +wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung +ueber diese Worte stehen beide fuer einen Mann; der eine sagt vollkommen +eben das, was der andere sagt. Sie erklaeren beide, was das Allgemeine +ist; sie sagen beide, dass dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei: +aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht, +davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors +meme, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, dass sie nichts +davon zu sagen gewusst, ja, dass sie gar nicht einmal verstanden, was +Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors meme, dieses auch wenn, heisst +bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach +bloss sagen, dass ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln +Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser +Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des +Dacier, die ich in der Note anfuehren will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun +ist es wahr, dass dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es +erschoepft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, dass +die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das +Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, dass sie mit diesen Namen selbst +auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl +meinen, dass beides nicht einerlei waere. Ist es aber nicht einerlei: so +geraet man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese +Frage antworten die Ausleger nichts. + + +----Fussnote + +[1] Dichtk., 9. Kapitel. + +[2] Aristote previent ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la +definition qu'il vient de donner d'une chose generale: car les ignorants +n'auraient pas manque de lui dire qu'Homere, par exemple, n'a point en +vue d'ecrire une action generale et universelle, mais une action +particuliere, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme +Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par consequent, il n'y a aucune +difference entre Homere et un Historien, qui aurait ecrit les actions +d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir +que les Poetes, c'est-a-dire, les Auteurs d'une Tragedie ou d'un Poeme +Epique lors meme qu'ils imposent les noms a leurs personnages ne pensent +en aucune maniere a les faire parler veritablement, ce qu'ils seraient +obliges de faire, s'ils ecrivaient les actions particulieres et +veritables d'un certain homme, nomme Achille ou Edipe, mais qu'ils se +proposent de les faire parler et agir necessairement ou vraisemblablement; +c'est-a-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce meme +caractere doivent faire et dire en cet etat, ou par necessite, ou au moins +selon les regles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que +ce sont des actions generales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr +Curtius in seiner Anmerkung; nur dass er das Allgemeine und Einzelne noch an +Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, dass er auf den +Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge wuerden es nur personifierte +Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln liesse, da es doch +charakterisierte Personen sein sollen. + +----Fussnote + + + + +Neunzigstes Stueck +Den 11. Maerz 1768 + +Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon laengst an +der Komoedie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae +touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta +tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton +kath' ekaston poiousin]. Ich muss auch hiervon die Uebersetzungen des +Dacier und Curtius anfuehren. Dacier sagt: C'est ce qui est deja rendu +sensible dans la comedie, car les poetes comiques, apres avoir dresse +leur sujet sur la vraisemblance, imposent apres cela a leurs personnages +tels noms qu'il leur plait, et n'imitent pas les poetes satyriques, qui +ne s'attachent qu'aux choses particulieres. Und Curtius: "In dem +Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die +Komoedienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit +entworfen haben, legen sie den Personen willkuerliche Namen bei und setzen +sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum +Ziele." Was findet man in diesen Uebersetzungen von dem, was Aristoteles +hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als +dass die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist, +satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das +Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkuerliche Namen, tels +noms qu'il leur plait, beilegten. Gesetzt nun auch, dass [Greek: ta +tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten koennten: wo haben denn beide +Uebersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses +"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn +diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren +Personen nicht allein willkuerliche Namen bei, sondern sie legten ihnen +diese willkuerliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, dass +sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou +stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das? +Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius! + +Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die +Komoedie gab ihren Personen Namen, welche, vermoege ihrer grammatischen +Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die +Beschaffenheit dieser Personen ausdrueckten: mit einem Worte, sie gab +ihnen redende Namen; Namen, die man nur hoeren durfte, um sogleich zu +wissen, von welcher Art die sein wuerden, die sie fuehren. Ich will eine +Stelle des Donatus hierueber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei +Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brueder", in +comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim +absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae +incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus +fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon: +juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo +et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae +vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque +protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut +Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr +Beispiele hiervon ueberzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus +und Terenz untersuchen. Da ihre Stuecke alle aus dem Griechischen genommen +sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und +haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die +Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein +haben koennen; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und +sicher angeben koennen. + +Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern +muss ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da +nicht erinnern koennen, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie +verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klaerer sein, als was +der Philosoph von der Ruecksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der +Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als dass +[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], dass sich +diese Ruecksicht bei der Komoedie besonders laengst offenbar gezeigt habe? +Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter +von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der +beleidigenden Satire die unterrichtende Komoedie entstand: suchte man +jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der grosssprecherische +feige Soldat hiess nicht wie dieser oder jener Anfuehrer aus diesem oder +jenem Stamme: er hiess Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende +Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hiess nicht, wie ein gewisser +armer Schlucker in der Stadt: er hiess Artotrogus, Brockenschroeter. Der +Juengling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater +in Schulden setzte, hiess nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln +Buergers: er hiess Phidippides, Junker Sparross. + +Man koennte einwenden, dass dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine +Erfindung der neuern griechischen Komoedie sein duerften, deren Dichtern +es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; dass aber +Aristoteles diese neuere Komoedie nicht gekannt habe und folglich bei +seinen Regeln keine Ruecksicht auf sie nehmen koennen. Das letztere +behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, dass die +aeltere griechische Komoedie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in +denjenigen Stuecken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine +gewisse bekannte Person laecherlich und verhasst zu machen, waren, ausser +dem wahren Namen dieser Person, die uebrigen fast alle erdichtet, und mit +Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet. + + +----Fussnote + +[1] Diese Periode koennte leicht sehr falsch verstanden werden. Naemlich +wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das fuer etwas +Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist +doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es wuerde +ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar +erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschaeftigungen +beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff +ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein +bei ihm, was er seinen Personen fuer Namen beilegen, oder was er mit diesen +Namen fuer einen Stand oder fuer eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach +duerfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrueckt +haben; und mit Veraenderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoss vermieden. +Man lese naemlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum +confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere +et nomen personae u.s.w. + +[2] Hurd in seiner Abhandlung ueber die verschiedenen Gebiete des Drama: +From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of +this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who +defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking +ridicule. His notion was taken from the state and practice of the +Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to +this description. The great revolution, which the introduction of the new +comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses +nimmt Hurd bloss an, damit seine Erklaerung der Komoedie mit der +Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat +die Neue Komoedie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in +der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anstaendigen und unanstaendigen +Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton +komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae +aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man koennte zwar sagen, dass +unter der Neuen Komoedie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch +keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heissen muessen. +Man koennte hinzusetzen, dass Aristoteles in eben der Olympiade gestorben, +in welcher Menander sein erstes Stueck auffuehren lassen, und zwar noch das +Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat +unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komoedie von dem Menander rechnet; +Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach, +aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehoert schrieb viel frueher, +und der Uebergang von der Mittleren zur Neuen Komoedie war so unmerklich, +dass es dem Aristoteles unmoeglich an Mustern derselben kann gefehlt haben. +Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein +"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen +Veraenderungen zueignen konnte: Kokalon heisst es in dem "Leben des +Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai +talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von +allen verschiedenen Abaenderungen der Komoedie gegeben, so konnte auch +Aristoteles seine Erklaerung der Komoedie ueberhaupt auf sie alle +einrichten. Das tat er denn; und die Komoedie hat nachher keine +Erweiterung bekommen, fuer welche diese Erklaerung zu enge geworden waere. +Hurd haette sie nur recht verstehen duerfen, und er wuerde gar nicht noetig +gehabt haben, um seine an und fuer sich richtigen Begriffe von der Komoedie +ausser allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu +der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen. + +----Fussnote + + + + +Einundneunzigstes Stueck +Den 15. Maerz 1768 + +Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf +das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte +Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich +mit Erziehung junger Leute bemengten, laecherlich und verdaechtig machen. +Der gefaehrliche Sophist ueberhaupt war sein Gegenstand, und er nannte +diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher +eine Menge Zuege, die auf den Sokrates gar nicht passten; so dass Sokrates +in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben +konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komoedie, wenn man diese +nicht treffende Zuege fuer nichts als mutwillige Verleumdungen erklaert und +sie durchaus dafuer nicht erkennen will, was sie doch sind, fuer +Erweiterungen des einzeln Charakters, fuer Erhebungen des Persoenlichen zum +Allgemeinen! + +Hier liesse sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen +Komoedie ueberhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch +nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es liesse sich +anmerken, dass dieser Gebrauch keinesweges in der aeltern griechischen +Komoedie allgemein gewesen,[1] dass sich nur der und jener Dichter +gelegentlich desselben erkuehnet,[2] dass er folglich nicht als ein +unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komoedie zu betrachten. [3] +Es liesse sich zeigen, dass, als er endlich durch ausdrueckliche Gesetze +untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser +Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch +stillschweigend fuer ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stuecken des +Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt +und laecherlich gemacht.[4] Doch ich muss mich nicht aus einer +Ausschweifung in die andere verlieren. + +Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragoedie machen. +So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens +vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal +einer eiteln und gefaehrlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates +bekam, weil Sokrates als ein solcher Taeuscher und Verfuehrer zum Teil +bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloss der +Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband +und noch naeher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens +bestimmte: so ist auch bloss der Begriff des Charakters, den wir mit den +Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum +der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er fuehrt +einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen +Begegnissen dieser Maenner bekanntzumachen, nicht um das Gedaechtnis +derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu +unterhalten, die Maennern von ihrem Charakter ueberhaupt begegnen koennen +und muessen. Nun ist zwar wahr, dass wir diesen ihren Charakter aus ihren +wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht, +dass uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurueckfuehren muesse; +er kann uns nicht selten weit kuerzer, weit natuerlicher auf ganz andere +bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als dass +sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und +ueber Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben +haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen +schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen +lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon +gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in +seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch +wirkliche Begebenheiten anzuhaengen scheinen und alles, was einmal +geschehen, glaubwuerdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser +Ursachen fliesst aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe +ueberhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht noetig, sich +umstaendlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer +von anderwaerts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt ausser +meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger +missverstanden als jene. + +Nun also auf die Behauptung des Diderot zurueckzukommen. Wenn ich die +Lehre des Aristoteles richtig erklaert zu haben glauben darf: so darf ich +auch glauben, durch meine Erklaerung bewiesen zu haben, dass die Sache +selbst unmoeglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die +Charaktere der Tragoedie muessen ebenso allgemein sein, als die Charaktere +der Komoedie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder +Diderot muss unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders +verstehen, als Aristoteles darunter verstand. + + +----Fussnote + +[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komoedie von dem Margites +des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen +worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die +erdichteten Namen mit eingefuehrt haben. Denn Margites war wohl nicht der +wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von +[Greek: margaes] gemacht worden, als dass [Greek: margaes] von [Greek: +Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten +Komoedie finden wir es auch ausdruecklich angemerkt, dass sie sich aller +Anzueglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht moeglich gewesen +waere. z.E. von dem Pherekrates. + +[2] Die persoenliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche +Eigenschaft der alten Komoedie, dass man vielmehr denjenigen ihrer Dichter +gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkuehnet. Es war Cratinus, welcher +zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke, +tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae +komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine, +verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befuerchten hatte. +Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, dass er es sei, +welcher sich zuerst an die Grossen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.): +[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All' +Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei]. + +[3] Ja er haette lieber gar diese Kuehnheit als sein eigenes Privilegium +betrachten moegen. Er war hoechst eifersuechtig, als er sahe, dass ihm so +viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten. + +[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und +will behaupten, dass mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten +verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil +gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et +Phormis inventerent les sujets de leurs pieces, puisque l'un et l'autre +ont ete des Poetes de la vieille Comedie, ou il n'y avait rien de feint, +et que ces aventures feintes ne commencerent a etre mises sur le theatre, +que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-a-dire dans la nouvelle Comedie. +(Remarque sur le Chap. V. de la Poet. d'Arist.) Man sollte glauben, wer +so etwas sagen koenne, muesste nie auch nur einen Blick in den Aristophanes +getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komoedie, war +ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer +sein konnten. Kein einziges von den uebriggebliebenen Stuecken des +Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen waere; +und wie kann man sagen, dass sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil +sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als +ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei +poiaetaen ae ton metron]: wuerde er nicht schlechterdings die Verfasser +der alten griechischen Komoedie aus der Klasse der Dichter haben +ausschliessen muessen, wenn er geglaubt haette, dass sie die Argumente ihrer +Stuecke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragoedie gar wohl +mit der poetischen Erfindung bestehen kann, dass Namen und Umstaende aus +der wahren Geschichte entlehnt sind: so muss es, seiner Meinung nach, auch +in der Komoedie bestehen koennen. Es kann unmoeglich seinen Begriffen gemaess +gewesen sein, dass die Komoedie dadurch, dass sie wahre Namen brauche und +auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmaehsucht +zurueckfalle; vielmehr muss er geglaubt haben, dass sich das [Greek: katholou +poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den +aeltesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und +wird es gewiss dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wusste, +wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles +und Sokrates namentlich mitgenommen. + +[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komoedie +laecherlich zu machen, in seiner "Republik" einfuehren wollte ([Greek: +maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno +maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals +darueber gehalten worden. Ich will nicht anfuehren, dass in den Stuecken des +Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit +Namen genennt ward; man koennte antworten, dass dieser Abschaum von +Menschen nicht zu den Buergern gehoert. Aber Ktesippus, der Sohn des +Chabrias, war doch gewiss atheniensischer Buerger so gut wie einer, und man +sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.) + +----Fussnote + + + + +Zweiundneunzigstes Stueck +Den 18. Maerz 1768 + +Und warum koennte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen +andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso +ausdrueckt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu +widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht, +dass ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern fuer denjenigen erkennen +muss, der noch das meiste Licht ueber diese Materie verbreitet hat. + +Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd; +ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Uebersetzungen bei uns +immer am spaetesten bekannt werden. Ich moechte ihn aber hier nicht gern +anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der +Deutsche, der ihr gewachsen waere, sich noch nicht gefunden hat: so +duerften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen +daran gelegen waere. Der fleissige Mann, voll guten Willens, uebereile sich +also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unuebersetzten +guten Buche hier sage, ja fuer keinen Wink an, den ich seiner allezeit +fertigen Feder geben wollen. + +Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Ueber die verschiednen Gebiete +des Drama" beigefuegt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, dass bisher nur +die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwaegung gezogen worden, +ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen. +Gleichwohl muesse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste +einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu faellen. Nachdem +er also die Absicht des Drama ueberhaupt, und der drei Gattungen +desselben, die er vor sich findet, der Tragoedie, der Komoedie und des +Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener +allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen +Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in +welchen sie voneinander unterschieden sein muessen. + +Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komoedie und Tragoedie, auch +diese, dass der Tragoedie eine wahre, der Komoedie hingegen eine erdichtete +Begebenheit zutraeglicher sei. Hierauf faehrt er fort: The same genius in +the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy +makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of +Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of +covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of +cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem naemlichen Geiste schildern +die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komoedie macht alle +ihre Charaktere general; die Tragoedie partikulaer. Der Geizige des Moliere +ist nicht so eigentlich das Gemaelde eines geizigen Mannes, als des Geizes +selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemaelde der Grausamkeit, +sondern nur eines grausamen Mannes." + +Hurd scheinet so zu schliessen: wenn die Tragoedie eine wahre Begebenheit +erfodert, so muessen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen +sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die +Komoedie sich mit erdichteten Begebenheiten begnuegen kann, wenn ihr +wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem +ihrem Umfange zeigen koennen, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so +weiten Spielraum nicht erlauben, so duerfen und muessen auch ihre +Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren; +angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von +Existenz zukoemmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben +wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhaelt. + +Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schliessen nicht ein +blosser Zirkel ist: ich will die Schlussfolge bloss annehmen, so wie sie da +liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu +widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloss, welches aus +der weitern Erklaerung des Hurd erhellet. + +"Es wird aber", faehrt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten +Verstossung vorzubauen, welche der eben angefuehrte Grundsatz zu +beguenstigen scheinen koennte. + +Die erste betrifft die Tragoedie, von der ich gesagt habe, dass sie +partikulaere Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind +partikulaerer, als die Charaktere der Komoedie. Das ist: die Absicht der +Tragoedie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, dass der Dichter von den +charakteristischen Umstaenden, durch welche sich die Sitten schildern, so +viele zusammenzieht, als die Komoedie. Denn in jener wird von dem +Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung +unumgaenglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Zuege, durch die er +sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiss aufgesucht und angebracht. + +Es ist fast wie mit dem Portraetmalen. Wenn ein grosser Meister ein +einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die +er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der naemlichen Art nur so +weit aehnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentuemlichen +Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Kuenstler hingegen einen Kopf +ueberhaupt malen, so wird er alle die gewoehnlichen Mienen und Zuege +zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt +hat, dass sie die Idee am kraeftigsten ausdruecken, die er sich itzt in +Gedanken gemacht hat und in seinem Gemaelde darstellen will. + +Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des +Drama: woraus denn erhellet, dass, wenn ich den tragischen Charakter +partikular nenne, ich bloss sagen will, dass er die Art, zu welcher er +gehoeret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, dass das, +was man von dem Charakter zu zeigen fuer gut befindet, es mag nun so wenig +sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als +wovon ich das Gegenteil anderwaerts behauptet und umstaendlich +erlaeutert habe.[1] + +Was zweitens die Komoedie anbelangt, so habe ich gesagt, dass sie generale +Charaktere geben muesse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Moliere +angefuehrt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen +Mannes entspricht. Doch auch hier muss man meine Worte nicht in aller +ihrer Strenge nehmen. Moliere duenkt mich in diesem Beispiele selbst +fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklaerung, nicht +ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen. + +Da die komische Buehne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine +ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese +Charaktere so allgemein macht, als moeglich. Denn indem auf diese Weise +die in dem Stuecke aufgefuehrte Person gleichsam der Repraesentant aller +Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der +Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur moeglich. Es muss aber +sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den +moeglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken, +sondern nur bis auf die wirkliche Aeusserung seiner Kraefte, so wie sie von +der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden +koennen. Hierin haben Moliere, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der +Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige +Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine +grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich +nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer +einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter +und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben +erteilen koennte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung +verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder +herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen; +und diese Vermischung muss sich in jedem dramatischen Gemaelde von Sitten +finden, weil es zugestanden ist, dass das Drama vornehmlich das wirkliche +Leben abbilden soll. Doch aber muss die Zeichnung der herrschenden +Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den +andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende +Charakter sich desto kraeftiger ausdruecke." + + +----Fussnote + +[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae +morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd +zeigt, dass die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen +Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemaess ist; +Falschheit hingegen das heisse, was zwar dem vorhabenden besondern Falle +angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur uebereinstimmend sei. + +----Fussnote + + + + +Dreiundneunzigstes Stueck +Den 22. Maerz 1768 + +"Alles dieses laesst sich abermals aus der Malerei sehr wohl erlaeutern. In +charakteristischen Portraeten, wie wir diejenigen nennen koennen, welche +eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann +von wirklicher Faehigkeit ist, nicht auf die Moeglichkeit einer abstrakten +Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein, +dass irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drueckt er stark, +und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden +Leidenschaft am sichtbarsten aeussern. Und wenn er dieses getan hat, so +duerfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein +Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Portraete sagen, +dass es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade +so wie die Alten von der beruehmten Bildsaeule des Apollodorus vom Silanion +angemerkt haben, dass sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die +Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muss bloss so verstanden +werden, dass er die hauptsaechlichen Zuege der vorgebildeten Leidenschaft +gut ausgedrueckt habe. Denn im uebrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso, +wie er jeden andern behandeln wuerde: das ist, er vergisst die +mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmass und +Verhaeltnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht. +Und das heisst denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von +einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft +verwandelt waere. Keine Metamorphosis koennte seltsamer und unglaublicher +sein. Gleichwohl sind Portraete, in diesem tadelhaften Geschmacke +verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer +Sammlung das Gemaelde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewoehnlicheres gibt +es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede +Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und ueberladen finden, +sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darueber zu +aeussern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit wuerde Le Bruns Buch +von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen +Portraete enthalten: und die Charaktere des Theophrasts muessten, in Absicht +auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein. + +Ueber das erstere dieser Urteile wuerde jeder Virtuose in den bildenden +Kuensten unstreitig lachen. Das letztere aber, fuerchte ich, duerften wohl +nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener +unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu +urteilen, welchen dergleichen Stuecke gemeiniglich gefunden haben. Es +liessen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komoedien Beispiele +anfuehren. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten +Ideen auszufuehren, in ihrem voelligen Lichte sehen will, der darf nur Ben +Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein +charakteristisches Stueck sein soll, in der Tat aber nichts als eine +unnatuerliche und, wie es die Maler nennen wuerden, harte Schilderung einer +Gruppe von fuer sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild +in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komoedie immer +ihre Bewunderer gehabt; und besonders muss Randolph von ihrer Einrichtung +sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse' +ausdruecklich nachgeahmet zu haben scheint. + +Auch hierin, muessen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern +noch wesentlichern Schoenheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer +seine Komoedien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden, +dass seine auch noch so kraeftig gezeichneten Charaktere, den groessten Teil +ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdruecken und ihre +wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die +Umstaende eine ungezwungene Aeusserung veranlassen, an den Tag legen. Diese +besondere Vortrefflichkeit seiner Komoedien entstand daher, dass er die +Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles +aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstossen +konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Faehigkeiten kleine Skribenten +verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen +Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der aengstlichen Sorgfalt +ihre Lieblingscharaktere in bestaendigem Spiele und ununterbrochner +Taetigkeit zu erhalten. Man koennte ueber diese ungeschickte Anstrengung +ihres Witzes sagen, dass sie mit den Personen ihres Stuecks nicht anders +umgehen, als gewisse spasshafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit +ihren Hoeflichkeiten so zusetzen, dass sie ihren Anteil an der allgemeinen +Unterhaltung gar nicht nehmen koennen, sondern nur immer, zum Vergnuegen +der Gesellschaft, Spruenge und Maennerchen machen muessen." + + +----Fussnote + +[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8. + +[2] Beim B. Jonson sind zwei Komoedien, die er vom Humor benennt hat; +die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of +his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde +auf die laecherlichste Weise gemissbraucht. Sowohl diesen Missbrauch als +den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst: + + As when some one peculiar quality + Doth so possess a Man, that it doth draw + All his affects, his spirits, and his powers, + In their constructions, all to run one way. + This may be truly said to be a humour. + But that a rook by wearing a py'd feather, + The cable hatband, or the three-pil'd ruff, + A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot + On bis French garters, should affect a humour! + O, it is more than most rediculous. + +[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stuecke des Jonson also sehr +wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der +Humor, den wir den Englaendern itzt so vorzueglich zuschreiben, war damals +bei ihnen grossenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation +laecherlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen, +muesste auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand +der Komoedie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen, +sich durch etwas Eigentuemliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine +menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie +waehlt, sehr laecherlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber, +wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene +Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel +zu speziell, als dass es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht +des Drama vertragen koennte. Der ueberhaeufte Humor in vielen englischen +Stuecken duerfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere +derselben sein. Gewiss ist es, dass sich in dem Drama der Alten keine Spur +von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wussten das Kunststueck, +ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter +ueberhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann +und wann Humor: wenn naemlich die historische Wahrheit oder die Aufklaerung +eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich +habe Exempel davon fleissig gesammelt, die ich auch bloss darum in Ordnung +bringen zu koennen wuenschte, um gelegentlich einen Fehler +wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir uebersetzen +naemlich itzt fast durchgaengig Humor durch Laune; und ich glaube mir +bewusst zu sein, dass ich der erste bin, der es so uebersetzt hat. Ich habe +sehr unrecht daran getan, und ich wuenschte, dass man mir nicht gefolgt +waere. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu koennen, dass Humor +und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade +entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist, +ausser diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich haette die Abstammung unsers +deutschen Worts und den gewoehnlichen Gebrauch desselben besser +untersuchen und genauer erwaegen sollen. Ich schloss zu eilig, weil Laune +das franzoesische Humeur ausdruecke, dass es auch das englische Humour +ausdrucken koennte; aber die Franzosen selbst koennen Humour nicht durch +Humeur uebersetzen.--Von den genannten zwei Stuecken des Jonson hat das +erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier geruegten Fehler +weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so +individuell, noch so ueberladen, dass er mit der gewoehnlichen Natur nicht +bestehen koennte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung +so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem +Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der +wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiss weder wie noch warum; +und ihr Gespraech ist ueberall durch ein paar Freunde des Verfassers +unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingefuehrt sind und Betrachtung +ueber die Charaktere der Personen und ueber die Kunst des Dichters, sie zu +behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an, +dass alle die Personen in Umstaende geraten, in welchen sie ihres Humors +satt und ueberdruessig werden. + + +----Fussnote + + + + +Vierundneunzigstes Stueck +Den 25. Maerz 1768 + +Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den +Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird noetig +sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklaert zu haben +versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur +partikular waeren, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluss +ueberhaupt machen koennen, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem +Aristoteles uebereinstimmen. + +"Wahrheit", sagt er, "heisst in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der +allgemeinen Natur der Dinge gemaess ist; Falschheit hingegen ein solcher, +als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit +jener allgemeinen Natur uebereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in +der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge: +einmal, die Sokratische Philosophie fleissig zu studieren; zweitens, sich +um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil +es der eigentuemliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius +accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere +Aehnlichkeit erteilen zu koennen. Sich hiervon zu ueberzeugen, darf man nur +erwaegen, dass man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau +halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der +Kuenstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu aengstlich +befleissigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten, +und so die allgemeine Idee der Gattung auszudruecken verfehlen. Oder er +kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemueht, sie aus zu +vielen Faellen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange, +zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich +bloss in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses +letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederlaendischen +Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und +nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schoenheit +entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man +gleichfalls den niederlaendischen Meistern vorwirft und der dieser ist, +dass sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine +und reizende Natur sich zum Vorbilde waehlen. + +Wir sehen also, dass der Dichter, indem er sich von der eigenen und +besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit +nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen +Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegruebelt hatte und nicht ohne +Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Naemlich, dass die poetische +Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen koenne. Denn, der +poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters +eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge; +und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem goettlichen +Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild +von dem Bilde eines Bildes und liefert uns urspruengliche Wahrheit nur +gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernuenftelei faellt +weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehoerig fasset und +fleissig in Ausuebung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles +absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet, +ueberspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden +besondern Gegenstaende und erhebt sich, soviel moeglich, zu dem goettlichen +Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus +lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewoehnliche Lob, +welches der grosse Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; dass +sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere +Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias +estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr +begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d' +historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein +wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den +zwei grossen Nebenbuhlern der griechischen Buehne soll befunden haben. Wenn +man dem Sophocles vorwarf, dass es seinen Charakteren an Wahrheit fehle, +so pflegte er sich damit zu verantworten, dass er die Menschen so +schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie waeren: +[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi +eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen +ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschraenkte enge Vorstellung, +welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen +vollstaendigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische +Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht +hatte und von da aus das Leben uebersehen wollte, hielt seinen Blick zu +sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet, +versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den +vorhabenden Gegenstaenden nach, seine Charaktere zwar natuerlich und wahr, +aber auch dann und wann ohne die hoehere allgemeine Aehnlichkeit, die zur +Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7] + +Ein Einwurf stoesst gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen +muessen. Man koennte sagen, 'dass philosophische Spekulationen die Begriffe +eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das +Individuelle einschraenken muessten. Das letztere sei ein Mangel, welcher +aus der kleinen Anzahl von Gegenstaenden entspringe, die den Menschen zu +betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch +abzuhelfen, dass man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin +die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, dass man ueber die +allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen +Buechern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Buecher haetten ihren +allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer +ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben +koennen, ohne welche ihre Buecher sonst von keinem Werte sein wuerden.' Die +Antwort hierauf, duenkt mich, ist diese. Durch Erwaegung der allgemeinen +Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein +muss, die aus dem Uebergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften +entspringet: das ist, er lernet das Betragen ueberhaupt, welches der +beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlaessig zu wissen, +wieweit und in welchem Grade von Staerke sich dieser oder jener Charakter, +bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise aeussern wuerde, das ist +einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Dass +Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides +war, sehr haeufig sollten gewesen sein, laesst sich nicht wohl annehmen: +auch werden, wo sich dergleichen in seinen uebriggebliebenen Stuecken etwa +finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, dass sie auch einem +gemeinen Leser in die Augen fallen muessten. Es koennen nur Feinheiten sein, +die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermoegend ist; und +auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit +der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im +Grunde eine Schoenheit ist. Es wuerde also ein sehr gefaehrliches +Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche +Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber +gleichwohl will ich es wagen, eine anzufuehren, die, wenn ich sie auch +schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine +Meinung zu erlaeutern dienen kann." + + +----Fussnote + +[1] De arte poet. v. 310. 317. 318. + +[2] De Orat. I. 51. + +[3] Nach Massgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis +formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret: +sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam +intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum +dirigebat. (Cic. Or. 2.) + +[4] Plato de Repl., L. X. + +[5] "Dichtkunst", Kap. 9. + +[6] "Dichtkunst", Kap. 25. + +[7] Diese Erklaerung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles +gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Uebersetzung scheinet Dacier +zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Heros, +comme ils devaient etre et qu'Euripide les faisait comme ils etaient. +Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd +versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des +Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren +individuellen Verschiedenheiten schildern muesse. Dacier aber denkt sich +dabei eine hoehere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu +erreichen faehig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese, +sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewoehnlicherweise beigelegt: +Sophocle tachait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours +bien plus ce qu'une belle Nature etait capable de faire, que ce qu'elle +faisait. Allein diese hoehere moralische Vollkommenheit gehoeret gerade zu +jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht +dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt, +schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des +Sophokles. Die weitere Ausfuehrung hiervon verdienet mehr als eine Note. + +----Fussnote + + + + +Fuenfundneunzigstes Stueck +Den 29. Maerz 1768 + +"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem +Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll +erfuelltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Haerte, mit der man +sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit staerkere +Bewegungsgruende angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu raechen. Eine +solche heftige Gemuetsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl +schliessen, muss immer sehr bereit sein, sich zu aeussern. Elektra, kann er +wohl einsehen, muss, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren +Groll an den Tag legen, und die Ausfuehrung ihres Vorhabens beschleunigen +zu koennen wuenschen. Aber zu welcher Hoehe dieser Groll steigen darf? d.I. +wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdruecken darf, ohne dass ein Mann, der +mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften +im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich? +Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein. +Sogar eine nur maessige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier +nicht hinlaenglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt +haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf +das Aeusserste getrieben haette, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die +Geschichte duerfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine +tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es +der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die +eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig +und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Faelle als moeglich; einzig +und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche +Erbitterung ueber dergleichen Charaktere unter dergleichen Umstaenden im +wirklichen Leben gewoehnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis +in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der +Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter +von dem Euripides wirklich behandelt worden. + +In der schoenen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes +vorfaellt, von dem sie aber noch nicht weiss, dass er ihr Bruder ist, koemmt +die Unterredung ganz natuerlich auf die Ungluecksfaelle der Elektra und auf +den Urheber derselben, die Klytaemnestra, sowie auch auf die Hoffnung, +welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu +werden. Das Gespraech, wie es hierauf weitergehet, ist dieses: + +Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er kaeme nach Argos zurueck-- + +Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals +zurueckkommen wird? + +Orestes. Aber gesetzt, er kaeme! Wie muesste er es anfangen, um den Tod +seines Vaters zu raechen? + +Elektra. Sich eben des erkuehnen, wessen die Feinde sich gegen seinen +Vater erkuehnten. + +Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen? + +Elektra. Sie mit dem naemlichen Eisen umbringen, mit welchem sie +meinen Vater mordete! + +Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluss, deinem Bruder +vermelden? + +Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!' + +Das Griechische ist noch staerker: + +[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes]. + +'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht +habe!' + +Nun kann man nicht behaupten, dass diese letzte Rede schlechterdings +unnatuerlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo +unter aehnlichen Umstaenden die Rache sich ebenso heftig ausgedrueckt hat. +Gleichwohl, denke ich, kann uns die Haerte dieses Ausdrucks nicht anders +als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht fuer gut, +ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umstaenden nur +das: 'Jetzt sei dir die Ausfuehrung ueberlassen! Waere ich aber allein +geblieben, so glaube mir nur: beides haette mir gewiss nicht misslingen +sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!' + +Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus +einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen +Natur ueberhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemaesser ist, als die +Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen ueberlassen, die +es zu beurteilen faehig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere +sein, als die ich angenommen: dass naemlich Sophokles seine Charaktere so +geschildert, als er, unzaehligen von ihm beobachteten Beispielen der +naemlichen Gattung zufolge, glaubte, dass sie sein sollten; Euripides aber +so, als er in der engeren Sphaere seiner Beobachtungen erkannt hatte, dass +sie wirklich waeren<--". + +Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen +Stellen des Hurd angefuehret habe, enthalten sie unstreitig so viel feine +Bemerkungen, dass es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen +Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, dass er meine +Absicht selbst darueber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu +zeigen, dass auch Hurd, so wie Diderot, der Tragoedie besondere, und nur +der Komoedie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem +Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen +poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget. +Hurd erklaert sich naemlich so: der tragische Charakter muesse zwar +partikulaer oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er muesse +die Art, zu welcher er gehoere, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber +muesse das wenige, was man von ihm zu zeigen fuer gut finde, nach dem +Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1] + +Und nun waere die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen +wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen waere, sich nirgends in +Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem +daran gelegen ist, dass zwei denkende Koepfe von der naemlichen Sache nicht +Ja und Nein sagen, koennte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung +unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen. + +Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich duenkt, es ist +eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar +darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die +eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter +verneinen, ist nicht die naemliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet. +Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die +andere schlechterdings ausschloesse? + +In der ersten Bedeutung heisst ein allgemeiner Charakter ein solcher, in +welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat, +zusammennimmt; es heisst mit einem Worte, ein ueberladener Charakter; es +ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine +charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heisst ein +allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern +oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine +mittlere Proportion angenommen; es heisst mit einem Worte, ein +gewoehnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern +nur insofern der Grad, das Mass desselben gewoehnlich ist. + +Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der +Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklaeren. Aber wenn denn nun +Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als +tragischen Charakteren erfodert: wie ist es moeglich, dass der naemliche +Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es +moeglich, dass er zugleich ueberladen und gewoehnlich sein kann? Und gesetzt +auch, er waere so ueberladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem +getadelten Stuecke des Jonson sind; gesetzt, er liesse sich noch gar wohl +in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, dass er sich wirklich +in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geaeussert habe: +wuerde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewoehnlicher sein, als +jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet? + +Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, dass diese +Blaetter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich +bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzuloesen, die ich +mache. Meine Gedanken moegen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar +sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei +welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als +Fermenta cognitionis ausstreuen. + + +----Fussnote + +[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less +representative of the kind than the comic; not that the draught of so +much character as it is concerned to represent should not be general. + +----Fussnote + + + + +Sechsundneunzigstes Stueck +Den 1. April 1768 + +Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn +Romanus "Brueder" wiederholt. + +Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brueder" des Herrn Romanus? +Nach einer Anmerkung naemlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brueder" +des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi +nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti +Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine +fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komoedien zwar ohne seinen +Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden. +Noch itzt sind diejenigen Stuecke, die sich auf unserer Buehne von ihm +erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen +Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie waere gehoeret worden. +Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit +seinen Arbeiten fuer das Theater so lange fortzufahren, bis die Stuecke +aufgehoert haetten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafuer die +Stuecke empfohlen haette? + +Das meiste, was wir Deutsche noch in der schoenen Literatur haben, sind +Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, dass +es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Maenner, sagt +man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschaefte, zu welchen sie +die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komoedien heissen +Spielwerke; allenfalls nicht unnuetzliche Voruebungen, mit welchen man sich +hoechstens bis in sein fuenfundzwanzigstes Jahr beschaeftigen darf. Sobald +wir uns dem maennlichen Alter naehern, sollen wir fein alle unsere Kraefte +einem nuetzlichen Amte widmen; und laesst uns dieses Amt einige Zeit, etwas +zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der +Gravitaet und dem buergerlichen Range desselben bestehen kann; ein huebsches +Kompendium aus den hoehern Fakultaeten, eine gute Chronike von der lieben +Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen. + +Daher koemmt es denn auch, dass unsere schoene Literatur, ich will nicht +bloss sagen gegen die schoene Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen +aller neuern polierten Voelker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches +Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an +Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kraefte und Nerven, Mark +und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein +Mann, der im Denken geuebt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner +Erholung und Staerkung, einmal ausser dem einfoermigen ekeln Zirkel seiner +alltaeglichen Beschaeftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann +wohl z.E. in unsern hoechst trivialen Komoedien finden? Wortspiele, +Sprichwoerter, Spaesschen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hoert: +solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnuegt so gut +es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschuettern will, wer +zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und +koemmt nicht wieder. + +Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst +in die Welt tritt, kann unmoeglich die Welt kennen und sie schildern. Das +groesste komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und +leer; selbst von den ersten Stuecken des Menanders sagt Plutarch,[1] dass +sie mit seinen spaetern und letztern Stuecken gar nicht zu vergleichen +gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, koenne man schliessen, was er +noch wuerde geleistet haben, wenn er laenger gelebt haette. Und wie jung +meint man wohl, dass Menander starb? Wieviel Komoedien meint man wohl, dass +er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfuenfe; und nicht +juenger als zweiundfunfzig. + +Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es +sich noch der Muehe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von +den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte +Teil so viel Stuecke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben +das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es +aber nur, und spreche! + +Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hoeren. Wir +haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern, +deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdaechtig zu machen. +"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich ueber alle Regeln +hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie: +ich glaube, damit wir sie auch fuer Genies halten sollen. Doch sie +verraten zu sehr, dass sie nicht einen Funken davon in sich spueren, wenn +sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdruecken +das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdruecken +liesse! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm +hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist +ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es +begreift und behaelt und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in +Worten ausdruecken. Und diese seine in Worten ausgedrueckte Empfindung +sollte seine Taetigkeit verringern koennen? Vernuenftelt darueber mit ihm, so +viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Saetze +den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von +diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurueck, die waehrend der +Arbeit auf seine Kraefte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die +Erinnerung eines gluecklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen +gluecklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, dass +Regeln und Kritik das Genie unterdruecken koennen: heisst mit andern Worten +behaupten, dass Beispiele und Uebung eben dieses vermoegen; heisst, das Genie +nicht allein auf sich selbst, heisst es sogar lediglich auf seinen ersten +Versuch einschraenken. + +Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie ueber die +nachteiligen Eindruecke, welche die Kritik auf das geniessende Publikum +mache, so lustig wimmern! Sie moechten uns lieber bereden, dass kein Mensch +einen Schmetterling mehr bunt und schoen findet, seitdem das boese +Vergroesserungsglas erkennen lassen, dass die Farben desselben nur +Staub sind. + +"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als +dass es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen koenne.--Es ist fast +noetiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als +darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Buehne +muss durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren +ist leichter als selbst erfinden." + +Heisst das, Gedanken in Worte kleiden: oder heisst es nicht vielmehr, +Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn, +die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was fuer +Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden? +--Schlaue Koepfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so +wuenschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so +moechten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen, +dass sie falsch ist, beweisen sie, dass sie zu strenge ist; und glauben +vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an, +dass Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt +zu haben! + +Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muss +raisonnieren koennen. Nur die glauben, dass sich das eine von dem andern +trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind. + +Doch was halte ich mich mit diesen Schwaetzern auf? Ich will meinen Gang +gehen und mich unbekuemmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren. +Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. +Ihr Sommer ist so leicht abgewartet! + +Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei +Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brueder" des Herrn Romanus[2] +annoch ueber dieses Stueck versprach!--Die vornehmsten derselben werden die +Veraenderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu muessen +geglaubet, um sie unsern Sitten naeher zu bringen. + +Was soll man ueberhaupt von der Notwendigkeit dieser Veraenderungen sagen? +Wenn wir so wenig Anstoss finden, roemische oder griechische Sitten in der +Tragoedie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komoedie? Woher die +Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein +entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in +unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter +aufbuerden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine +Handlung vorgehen laesst, so genau als moeglich zu schildern; da wir in +dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen? +"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach +blosser Eigensinn, blosse Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten +Grund in der Natur. Das Hauptsaechlichste, was wir in der Komoedie suchen, +ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber +nicht so leicht versichert sein koennen, wenn wir es in fremde Moden und +Gebraeuche verkleidet finden. In der Tragoedie hingegen ist es die +Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen +einheimischen Vorfall aber fuer die Buehne bequem zu machen, dazu muss man +sich mit der Handlung groessere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte +Geschichte verstattet." + + +----Fussnote + +[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]", +p. 1588. Ed. Henr. Stephani. + +[2] Dreiundsiebzigstes Stueck. + +----Fussnote + + + + +Siebenundneunzigstes Stueck +Den 5. April 1768 + +Diese Aufloesung, genau betrachtet, duerfte wohl nicht in allen Stuecken +befriedigend sein. Denn zugegeben, dass fremde Sitten der Absicht der +Komoedie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer +die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der +Tragoedie ein besseres Verhaeltnis haben, als fremde? Diese Frage ist +wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne +allzumerkliche und anstoessige Veraenderungen fuer die Buehne bequem zu +machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch +einheimische Vorfaelle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragoedie am +leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so muesste es ja doch +wohl besser sein, sich ueber alle Schwierigkeiten, welche sich bei +Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten +zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht +alle einheimische Vorfaelle so merklicher und anstoessiger Veraenderungen +beduerfen; und die deren beduerfen, ist man ja nicht verbunden zu +bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, dass es gar wohl +Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben, +als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat +er auch schon entschieden, dass sich der Dichter um den wenigern Teil +seiner Zuschauer, der von den wahren Umstaenden vielleicht unterrichtet +ist, lieber nicht bekuemmern, als seiner Pflicht minder Genuege +leisten muesse. + +Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komoedie haben, beruhet +auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter +braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu noetigen +Beschreibungen und Winke ueberhoben; er kann seine Personen sogleich nach +ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig +zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und +befoerdern bei dem Zuschauer die Illusion. + +Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten +Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als +moeglich zu erleichtern, seine Kraefte nicht an Nebenzwecke zu +verschwenden, sondern sie ganz fuer den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm +koemmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht +hierauf antworten, dass die Tragoedie der Sitten nicht gross beduerfe; dass +sie ihrer ganz und gar entuebriget sein koenne. Aber sonach braucht sie +auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben +und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von +einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden. + +Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht +bloss in der Komoedie, sondern auch in der Tragoedie, zum Grunde gelegt. Ja +sie haben fremden Voelkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer +Tragoedie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten +leihen, als die Wirkungen der Buehne durch unverstaendliche barbarische +Sitten entkraeften wollen. Auf das Kostuem, welches unsern tragischen +Dichtern so aengstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der +Beweis hiervon koennen vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und +die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostuem binden zu duerfen +glaubten, ist aus der Absicht der Tragoedie leicht zu folgern. + +Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt +gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, dass einheimische +Sitten auch in der Tragoedie zutraeglicher sein wuerden, als fremde: so +setze ich schon als unstreitig voraus, dass sie es wenigstens in der +Komoedie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, dass sie es sind: +so kann ich auch die Veraenderungen, welche Herr Romanus in Absicht +derselben mit dem Stuecke des Terenz gemacht hat, ueberhaupt nicht anders +als billigen. + +Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und +roemische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhaelt +seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch +nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewoehnlichsten ist. Alle Anwendung +faellt weg, wo wir uns erst mit Muehe in fremde Umstaende versetzen muessen. +Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je +vollkommener die Fabel ist, desto weniger laesst sich der geringste Teil +veraendern, ohne das Ganze zu zerruetten. Und schlimm! wenn man sich sodann +nur mit Flicken begnuegt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen. + +Das Stueck heisst "Die Brueder", und dieses bei dem Terenz aus einem +doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea, +sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind +Brueder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den +Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum +unserm Verfasser diese Adoption missfallen. Ich weiss nicht anders, als dass +die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebraeuchlich und vollkommen +auf dem naemlichen Fuss gebraeuchlich ist, wie sie es bei den Roemern war. +Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten +Brueder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art +erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch +die zwei Alten wirkliche Vaeter; und das Stueck ist wirklich eine Schule +der Vaeter, d.i. solcher, denen die Natur die vaeterliche Pflicht +aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar uebernommen, die sich +ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen +Gemaechlichkeit bestehen kann. + + Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt! + +Sehr wohl! Nur schade, dass durch Aufloesung dieses einzigen Knoten, +welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide +mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander +faellt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene +entstehen, die bloss die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre +eigene Natur zusammenhaelt! + +Denn ist Aeschinus nicht bloss der angenommene, sondern der leibliche Sohn +des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekuemmern? Der Sohn eines +Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, dass +jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschaehe es auch in der besten +Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verfuehrer mit +aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem +Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn +des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als dass ich +diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn oefters und +ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhaeltnisse, in +welchem er bei dem Terenz stehet, aber er laesst ihm die naemliche +Ungestuemheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhaeltnis berechtigen +konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit aerger, als bei dem +Terenz. Er will aus der Haut fahren, "dass er an seines Bruders Kinde +Schimpf und Schande erleben muss". Wenn ihm nun aber dieser antwortete: +"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du koenntest an +meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und +bleibt, so wird, wie das Unglueck, also auch der Schimpf nur meine sein. +Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er +beleidiget mich. Falls du mich nur immer so aergern wil1st, so komm mir +lieber nicht ueber die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses +antwortete: nicht wahr, so waere die Komoedie auf einmal aus? Oder koennte +Micio etwa nicht so antworten? Ja, muesste er wohl eigentlich nicht so +antworten? + +Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er +ein so liederliches Leben zu fuehren glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob +ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet +der roemische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast +mir, sagt er, deinen Sohn einmal ueberlassen; bekuemmere dich um den, der +dir noch uebrig ist; + + --nam ambos curare; propemodum + Reposcere illum est, quem dedisti-- + +Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurueckzugeben, ist es auch, die +ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, dass sie +alle vaeterliche Empfindungen bei ihm unterdruecken soll. Es muss den Micio +zwar verdriessen, dass Demea auch in der Folge nicht aufhoert, ihm immer die +naemlichen Vorwuerfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht +verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gaenzlich will verderben lassen. +Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der fuer das Wohl dessen besorgt +ist, fuer den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die +unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea +unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zaenker, der sich aus +Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf +keine Weise an dem blossen Bruder dulden muesste. + + + + +Achtundneunzigstes Stueck +Den 8. April 1768 + +Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten +Bruederschaft, auch das Verhaeltnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke +es dem deutschen Aeschinus, dass er[1] "vielmals an den Torheiten des +Ktesipho Anteil nehmen zu muessen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der +Gefahr und oeffentlichen Schande zu entreissen". Was Vetter? Und schickt es +sich wohl fuer den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige +deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch +inskuenftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den +Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das +sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", muesste er ihm hoechstens +sagen, "soviel moeglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest, +dass er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter +Name muss dir wertet sein, als seiner." + +Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an +leiblichen Bruedern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern ruehmet: + + --Illius opera nunc vivo! Festivum caput, + Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo: + Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit. + +Denn der bruederlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen +gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, dass unser Verfasser seinem Aeschinus +die Torheit ueberhaupt zu ersparen gewusst hat, die der Aeschinus des +Terenz fuer seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entfuehrung hat er in +eine kleine Schlaegerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Juengling +weiter keinen Teil hat, als dass er sie gern verhindern wollen. Aber +gleichwohl laesst er diesen wohlgezognen Juengling fuer einen ungezognen +Vetter noch viel zuviel tun. Denn muesste es jener wohl auf irgendeine +Weise gestatten, dass dieser ein Kreatuerchen, wie Citalise ist, zu ihm in +das Haus braechte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner +tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verfuehrerische Damis, diese Pest +fuer junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem +liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die blosse +Konvenienz des Dichters. + +Wie vortrefflich haengt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und +notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus +nimmt einem Sklavenhaendler ein Maedchen mit Gewalt aus dem Hause, in das +sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung +seines Bruders zu willfahren, als um einem groessern Uebel vorzubauen. Der +Sklavenhaendler will mit diesem Maedchen unverzueglich auf einen auswaertigen +Markt: und der Bruder will dem Maedchen nach; will lieber sein Vaterland +verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3] +Noch erfaehrt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluss. Was soll er tun? +Er bemaechtiget sich in der Geschwindigkeit des Maedchens und bringt sie in +das Haus seines Oheims, um diesem guetigen Manne den ganzen Handel zu +entdecken. Denn das Maedchen ist zwar entfuehrt, aber sie muss ihrem +Eigentuemer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und +freuet sich nicht sowohl ueber die Tat der jungen Leute, als ueber die +bruederliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und ueber das Vertrauen, +welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Groesste ist geschehen; warum +sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufuegen, ihnen einen vollkommen +vergnuegten Tag zu machen? + + --Argentum adnumeravit illico: + Dedit praeterea in sumptum dimidium minae. + +Hat er dem Ktesipho das Maedchen gekauft, warum soll er ihm nicht +verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnuegen? Da ist nach den +alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit +widerspraeche. + +Aber nicht so in unsern "Bruedern"! Das Haus des guetigen Vaters wird auf +das ungeziemendste gemissbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich +gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanstaendigere Person, +als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn +das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt haette, so +wuerde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen +haben. Er wuerde Citalisen die Tuere gewiesen und mit dem Vater die +kraeftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so straeflich +emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten. + +Ueberhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt +geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster +abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem +Vetter ueber seinen Vater unterhaelt.[4] + +"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe, +die du deinem Vater schuldig bist? + +Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir +verlangen. + +Leander. Er sollte sie nicht verlangen? + +Lykast. Nein, gewiss nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb. +Ich muesste es luegen, wenn ich es sagen wollte. + +Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst. +Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst +du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal; +hernach will ich dich fragen. + +Lykast. Hm! Ich weiss nun eben nicht, was da geschehen wuerde. Auf +allen Fall wuerde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich +glaube, er wuerde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast +taeglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los waere! wenn du nur weg waerest!' +Heisst das Liebe? Kannst du verlangen, dass ich ihn wieder lieben soll?" + +Auch die strengste Zucht muesste ein Kind zu so unnatuerlichen Gesinnungen +nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, faehig ist, +verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des +ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so +muessen jenes Ausschweifungen kein grundboeses Herz verraten; es muessen +nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche +Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach +diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert. +So streng ihn sein Vater haelt, so entfaehrt ihm doch nie das geringste +boese Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen koennte, macht +er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er moechte seiner Liebe gern +wenigstens ein paar Tage ruhig geniessen; er freuet sich, dass der Vater +wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wuenscht, dass er sich +damit so abmatten,--so abmatten moege, dass er ganze drei Tage nicht aus +dem Bette koenne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze: + + --utinam quidem + Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim, + Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere. + +Quod cum salute ejus fiat! Nur muesste es ihm weiter nicht schaden!--So +recht! so recht, liebenswuerdiger Juengling! Immer geh, wohin dich Freunde +und Liebe rufen! Fuer dich druecken wir gern ein Auge zu! Das Boese, das du +begehst, wird nicht sehr boese sein! Du hast einen strengern Aufseher in +dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Zuege in der Szene, +aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein +abgefeimter Bube, dem Luegen und Betrug sehr gelaeufig sind: der roemische +hingegen ist in der aeussersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch +den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen koennte. + + Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die. + Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam. + SY. Tanto nequior. + Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea? + SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest + fieri! + +Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Juengling sucht +einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlaegt ihm eine Luege vor. Eine +Luege! Nein, das geht nicht: non potest fieri! + + +----Fussnote + +[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18. + +[2] Seite 30. + +[3] Act. II. Sc. 4. + + Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum + Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier. + Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob + parvulam + Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant. + +1. Erster Aufz., 6. Auftr. + +----Fussnote + + + + +Neunundneunzigstes Stueck +Den 12. April 1768 + +Sonach hatte Terenz auch nicht noetig, uns seinen Ktesipho am Ende des +Stuecks beschaemt, und durch die Beschaemung auf dem Wege der Besserung, zu +zeigen. Wohl aber musste dieses unser Verfasser tun. Nur fuerchte ich, dass +der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so +leichtsinnigen Buben nicht fuer sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig +als die Gemuetsaenderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in +ihrem Charakter gegruendet, dass man das Beduerfnis des Dichters, sein Stueck +schliessen zu muessen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu +schliessen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiss ueberhaupt nicht, +woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, dass der Boese +notwendig am Ende des Stuecks entweder bestraft werden oder sich bessern +muesse. In der Tragoedie moechte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns +da mit dem Schicksale versoehnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der +Komoedie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt +vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und +kalt und einfoermig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine +Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie +nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muss die Handlung sodann in +etwas mehr, als in einer blossen Kollision der Charaktere bestehen. Diese +kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veraenderung des +einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stueck, das wenig +oder nichts mehr hat als sie, naehert sich nicht sowohl seinem Ziele, +sondern schlaeft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision, +die Handlung mag sich ihrem Ende naehern soviel als sie will, dennoch +gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, dass das Ende ebenso +lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das +ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz +und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hoeren, +dass der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so koennen wir uns das +uebrige alles an den Fingern abzaehlen; denn es ist der fuenfte Akt. Er wird +anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besaenftigen lassen, +wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, dass er nie wieder zu +einer solchen Komoedie den Stoff geben kann: desgleichen wird der +ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen; +kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich +sehen, der in dem fuenften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters +erraten kann! Die Intrige ist laengst zu Ende, aber das fortwaehrende Spiel +der Charaktere laesst es uns kaum bemerken, dass sie zu Ende ist. Keiner +veraendert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als +noetig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der +freigebige Micio wird durch das Manoever des geizigen Demea dahin +gebracht, dass er selbst das Uebermass in seinem Bezeigen erkennst, +und fragt: + +Quod proluvium? quae istaec subita est largitas? + +So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manoever des nachsichtsvollen +Micio endlich erkennet, dass es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und +zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.-- + +Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser +Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem +Muster entfernt hat. + +Terenz sagt es selbst, dass er in die "Brueder" des Menanders eine Episode +aus einem Stuecke des Diphilus uebertragen, und so seine "Brueder" +zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entfuehrung der +Psaltria durch den Aeschinus: und das Stueck des Diphilus hiess: "Die +miteinander Sterbenden". + + Synapothnescontes Diphili comoedia est-- + In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit + Meretricem in prima fabula-- + --eum hic locum sumpsit sibi + In Adelphos-- + +Nach diesen beiden Umstaenden zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar +Verliebte aufgefuehret haben, die fest entschlossen waren, lieber +miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiss, was +geschehen waere, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel +geschlagen und das Maedchen fuer den Liebhaber mit Gewalt entfuehrt haette? +Den Entschluss, miteinander zu sterben, hat Terenz in den blossen Entschluss +des Liebhabers, dem Maedchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie +zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdruecklich: Menander mori +illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note +des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heissen? Ganz gewiss; wie Peter +Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen, +sagt es ja selbst, dass er diese ganze Episode von der Entfuehrung nicht +aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stueck +des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel. + +Indes muss freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten +Entfuehrung, in dem Stuecke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein, +an der Aeschinus gleicherweise fuer den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch +er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende +ihre Verbindung so gluecklich beschleunigte. Worin diese eigentlich +bestanden, duerfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben, +worin sie will: so wird sie doch gewiss ebensowohl gleich vor dem Stuecke +vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafuer gebrauchte Entfuehrung. Denn +auch sie muss es gewesen sein, wovon man noch ueberall sprach, als Demea in +die Stadt kam; auch sie muss die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein, +worueber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in +welchem sich beider Gemuetsarten so vortrefflich entwickeln. + + --Nam illa, quae antehac facta sunt + Omitto: modo quid designavit?-- + Fores effregit, atque in aedes irruit + Alienas-- + --clamant omnes, indignissime + Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio, + Dixere? in ore est omni populo-- + +Nun habe ich schon gesagt, dass unser Verfasser diese gewaltsame +Entfuehrung in eine kleine Schlaegerei verwandelt hat. Er mag auch seine +guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlaegerei selbst +nicht so spaet haette geschehen lassen. Auch sie sollte und muesste das sein, +was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe +sie geschieht, und man weiss gar nicht worueber? Er tritt auf und zankt, +ohne den geringsten Anlass. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der +schlechten Auffuehrung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuss in die +Stadt setzen, so hoere ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute +eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt +gehoert und worueber er ausdruecklich mit seinem Bruder zu zanken koemmt, das +hoeren wir nicht und koennen es auch aus dem Stuecke nicht erraten. Kurz, +unser Verfasser haette den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar +veraendern koennen, aber er haette ihn nicht versetzen muessen! Wenigstens, +wenn er ihn versetzen wollen, haette er den Demea im ersten Akte seine +Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach +muessen aeussern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.-- + +Moechten wenigstens nur diejenigen Stuecke des Menanders auf uns gekommen +sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes +denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den +lateinischen Kopien sein wuerde. + +Denn gewiss ist es, dass Terenz kein blosser sklavischer Uebersetzer gewesen. +Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stueckes voellig beibehalten, +hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstaerkung oder +Schwaechung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne +Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, dass sich Donatus immer +so kurz und oefters so dunkel darueber ausdrueckt (weil zu seiner Zeit die +Stuecke des Menanders noch selbst in jedermanns Haenden waren), dass es +schwer wird, ueber den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Kuensteleien +etwas Zuverlaessiges zu sagen. In den "Bruedern" findet sich hiervon ein +sehr merkwuerdiges Exempel. + + +----Fussnote + +[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro +Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius +argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita +cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur +adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino +adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex +eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen +fabulae inditum esse.-- + +----Fussnote + + + + +Hundertstes Stueck +Den 15. April 1768 + +Demea, wie schon angemerkt, will im fuenften Akte dem Micio eine Lektion +nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre +Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den +Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er +moechte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnuegen +zu haben, ihm am Ende sagen zu koennen: "Nun sieh, was du von deiner +Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermoegen +dabei zusetzt, lassen wir uns den haemischen Spass ziemlich gefallen. Aber +nun koemmt es dem Verraeter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten +verlebten Muetterchen zu verkoppeln. Der blosse Einfall macht uns anfangs +zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, dass es Ernst damit wird, dass sich +Micio wirklich die Schlinge ueber den Kopf werfen laesst, der er mit einer +einzigen ernsthaften Wendung haette ausweichen koennen: wahrlich, so wissen +wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea, +oder auf den Micio.[1] + +"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir muessen von nun an mit diesen +guten Leuten nur eine Familie machen; wir muessen ihnen auf alle Weise +aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.-- + +Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater. + +Micio. Ich bin gar nicht dagegen. + +Demea. Es schickt sich auch nicht anders fuer uns.--Denn erst ist sie +seiner Frauen Mutter-- + +Micio. Nun dann? + +Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar-- + +Micio. So hoere ich. + +Demea. Bei Jahren ist sie auch. + +Micio. Jawohl. + +Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist +niemand, der sich um sie bekuemmerte; sie ist ganz verlassen. + +Micio. Was will der damit? + +Demea. Die musst du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus) +musst ja machen, dass er es tut. + +Micio. Ich? sie heiraten? + +Demea. Du! + +Micio. Ich? + +Demea. Du! wie gesagt, du! + +Micio. Du bist nicht klug. + +Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muss! + +Aeschinus. Mein Vater-- + +Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen? + +Demea. Du straeubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders +sein. + +Micio. Du schwaermst. + +Aeschinus. Lass dich erbitten, mein Vater. + +Micio. Rasest du? Geh! + +Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude! + +Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fuenfundsechzigsten +Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das +koennet ihr mir zumuten? + +Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen. + +Micio. Versprochen gar?--Buerschchen, versprich fuer dich, was du +versprechen wil1st! + +Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres waere, warum er dich +baete? + +Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein koennte, wie das? + +Demea. So willfahre ihm doch nur! + +Aeschinus. Sei uns nicht zuwider! + +Demea. Fort, versprich! + +Micio. Wie lange soll das waehren? + +Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen. + +Micio. Aber das heisst Gewalt brauchen. + +Demea. Tu ein uebriges, guter Micio. + +Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt +finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner +Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!" + + +"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht +zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen +koennte, waere dieses, dass er die nachteiligen Folgen einer uebermaessigen +Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so +liebenswuerdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der +Welt gezeigt, dass diese seine letzte Ausschweifung wider alle +Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen +muss. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise +zu tadeln!" + +Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue +englische Uebersetzer des Terenz, Colman, will den groessern Teil des Tadels +auf den Menander zurueckschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des +Donatus beweisen zu koennen, dass Terenz die Ungereimtheit seines Originals +in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt naemlich: +Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon. + +"Es ist sehr sonderbar", erklaert sich Colman, "dass diese Anmerkung des +Donatus so gaenzlich von allen Kunstrichtern uebersehen worden, da sie, bei +unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit +verdienet. Unstreitig ist es, dass Terenz in dem letzten Akte dem Plane +des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den +Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch +vom Donatus, dass dieser Umstand ihm selber anstoessig gewesen, und er sein +Original dahin verbessert, dass er den Micio alle den Widerwillen gegen +eine solche Verbindung aeussern lassen, den er in dem Stuecke des Menanders, +wie es scheinet, nicht geaeussert hatte." + +Es ist nicht unmoeglich, dass ein roemischer Dichter nicht einmal etwas +besser koenne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der blossen +Moeglichkeit wegen moechte ich es gern in keinem Falle glauben. + +Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de +nuptiis non gravatur, hiessen so viel als: beim Menander straeubet sich der +Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hiessen? Wenn +sie vielmehr zu uebersetzen waeren: beim Menander faellt man dem Alten mit +der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari wuerde zwar allerdings +jenes heissen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird +gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja +wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein +leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie. + +Waere aber dieses: wie stuende es dann um den Terenz? Er haette sein +Original so wenig verbessert, dass er es vielmehr verschlimmert haette; er +haette die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die +Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden. +Terentius euretikon! Aber nur, dass es mit den Erfindungen der Nachahmer +nicht weit her ist! + + +----Fussnote + +[1] Act. v. Sc. VIII. + + De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus, + Quam maxime unam facere nos hanc familiam; + Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater. + Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet. + Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea? + De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior. + Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest: + Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem + agit? + De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare. + Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi. + Ineptis. De. Si tu sis homo, + Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine, + auscultas. De. Nihil agis, + Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi + pater. + Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es? + Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo + Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi? + Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor + puer. + De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum. + De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non + omittis? + Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age + prolixe Micio. + Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea + Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.-- + +----Fussnote + + + + +Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stueck +Den 19. April 1768 + +Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang +dieser Blaetter nur aus hundert Stuecken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig +Wochen, und die Woche zwei Stueck, geben zwar allerdings hundertundviere. +Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen woechentlichen +Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre +nur viere: ist ja so wenig! + +Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen, +ausdruecklich hundert und vier Stueck versprochen. Ich werde die guten +Leute schon nicht zu Luegnern machen muessen. + +Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon +verschnitten: ich werde einflicken oder recken muessen.--Aber das klingt +so stuempermaessig. Mir faellt ein,--was mir gleich haette einfallen sollen: +die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines +Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will, +und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu +stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blaetter nun fuellen, die ich mir +ganz ersparen wollte. + +Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel +einen Prolog haben duerfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad +scribendum appulit, anfinge? + +Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen +Versuch zu machen, ob nicht fuer das deutsche Theater sich etwas mehr tun +lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen +koenne: so weiss ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich traeumen +liess, dass ich bei diesem Unternehmen wohl nuetzlich sein koennte?--Ich +stand eben am Markte und war muessig; niemand wollte mich dingen: ohne +Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wusste; bis gerade auf diese +Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschaeftigungen sehr +gleichgueltig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur +erboten; aber auch die geringfuegigste nicht von der Hand gewiesen, zu der +ich mich aus einer Art von Praedilektion erlesen zu sein glauben konnte. + +Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war +also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es +koenne? und wie ich es am besten koenne? + +Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. + +Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich fuer den letztern zu +erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen +Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. +Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist +ein Maler. Die aeltesten von jenen Versuchen sind in den Jahren +hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern fuer Genie +haelt. Was in den neuerern Ertraegliches ist, davon bin ich mir sehr +bewusst, dass ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich +fuehle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich +emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen +Strahlen aufschiesst: ich muss alles durch Druckwerk und Roehren aus mir +heraufpressen. Ich wuerde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich +nicht einigermassen gelernt haette, fremde Schaetze bescheiden zu borgen, an +fremdem Feuer mich zu waermen und durch die Glaeser der Kunst mein Auge zu +staerken. Ich bin daher immer beschaemt oder verdruesslich geworden, wenn ich +zum Nachteil der Kritik etwas las oder hoerte. Sie soll das Genie +ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem +Genie sehr nahe koemmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmaehschrift auf die +Kruecke unmoeglich erbauen kann. + +Doch freilich; wie die Kruecke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte +zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Laeufer machen kann: so auch die +Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser +ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen wuerde: so kostet +es mich so viel Zeit, ich muss von andern Geschaeften so frei, von +unwillkuerlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muss meine ganze +Belesenheit so gegenwaertig haben, ich muss bei jedem Schritte alle +Bemerkungen, die ich jemals ueber Sitten und Leidenschaften gemacht, so +ruhig durchlaufen koennen; dass zu einem Arbeiter, der ein Theater mit +Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein +kann, als ich. + +Was Goldoni fuer das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit +dreizehn neuen Stuecken bereicherte, das muss ich fuer das deutsche zu tun +folglich bleiben lassen. Ja, das wuerde ich bleiben lassen, wenn ich es +auch koennte. Ich bin misstrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la +Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch +schon nicht fuer Eingebungen des boesen Feindes, weder des eigentlichen +noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, dass die ersten +Gedanken die ersten sind, und dass das Beste auch nicht einmal in allen +Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiss kein +Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken +bleibt man am kluegsten zu Hause. + +--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen, +oder, wie es meinen ruestigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht, +selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee +zu diesem Blatte. + +Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der +Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles +von den Stuecken der griechischen Buehne zu schreiben der Muehe wert +gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal ueber den +grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer +Hochachtung fuer das Solide in den Wissenschaften, einbildete, dass es dem +Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen +Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es waere auch eine ewige +Schande fuer den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der +Stuecke, mehr um ihren Einfluss auf die Sitten, mehr um die Bildung des +Geschmacks darin bekuemmert haette, als um die Olympiade, als um das Jahr +der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst +aufgefuehret worden! + +Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu +nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr +lieb, dass ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie +bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte +mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine +Didaskalie aussehen muesse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch +nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz waere, die eben dieser +Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust, +meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere +itztlebende Casauboni wuerden die Koepfe trefflich geschuettelt haben, wenn +sie gefunden haetten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes +gedenke, der kuenftig einmal, wenn Millionen anderer Buecher +verlorengegangen waeren, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht +werfen koennte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs +des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der +Prinzen vom Gebluete, oder nicht der Prinzen vom Gebluete, dieses oder +jenes franzoesische Meisterstueck zuerst aufgefuehret worden: das wuerden sie +bei mir gesucht und zu ihrem grossen Erstaunen nicht gefunden haben. + +Was sonst diese Blaetter werden sollten, darueber habe ich mich in der +Ankuendigung erklaeret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser +wissen. Nicht voellig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas +anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres. + +"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters +als des Schauspielers hier tun wuerde." + +Die letztere Haelfte bin ich sehr bald ueberdruessig geworden. Wir haben +Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche +Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muss +ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwaetze darueber hat +man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann +erkannte, mit Deutlichkeit und Praezision abgefasste Regeln, nach welchen +der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen +sei, deren wuesste ich kaum zwei oder drei. Daher koemmt es, dass alles +Raisonnement ueber diese Materie immer so schwankend und vieldeutig +scheinet, dass es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts +als eine glueckliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget +findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel +glauben: ja oefters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln +oder loben wollen. Ueberhaupt hat man die Anmerkung schon laengst gemacht, +dass die Empfindlichkeit der Kuenstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem +Verhaeltnisse steigt, in welchem die Gewissheit und Deutlichkeit und Menge +der Grundsaetze ihrer Kuenste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu +deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen haette. + +Aber die erstere Haelfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das +Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie haette es +auch koennen? Die Schranken sind noch kaum geoeffnet, und man wollte die +Wettlaeufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen +alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das +Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem hoehnischen +Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das +Publikum getan, damit etwas geschehen koennte? Auch nichts; ja noch etwas +Schlimmers, als nichts. Nicht genug, dass es das Werk nicht allein nicht +befoerdert: es hat ihm nicht einmal seinen natuerlichen Lauf gelassen. +--Ueber den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu +verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von +der politischen Verfassung, sondern bloss von dem sittlichen Charakter. +Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir +sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Auslaendischen, besonders +noch immer die untertaenigen Bewunderer der nie genug bewunderten +Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine koemmt, ist schoen, +reizend, allerliebst, goettlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehoer, +als dass wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit fuer +Ungezwungenheit, Frechheit fuer Grazie, Grimasse fuer Ausdruck, ein +Geklingle von Reimen fuer Poesie, Geheule fuer Musik uns einreden lassen, +als im geringsten an der Superioritaet zweifeln, welche dieses +liebenswuerdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst +sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schoen und erhaben +und anstaendig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile +erhalten hat.-- + +Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die naehere Anwendung +desselben koennte leicht so bitter werden, dass ich lieber davon abbreche. + +Ich war also genoetiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des +dramatischen Dichters hier wirklich koennte getan haben, mich bei denen zu +verweilen, die sie vorlaeufig tun muesste, um sodann mit eins ihre Bahn mit +desto schnellern und groessern zu durchlaufen. Es waren die Schritte, +welche ein Irrender zurueckgehen muss, um wieder auf den rechten Weg zu +gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen. + +Seines Fleisses darf sich jedermann ruehmen: ich glaube, die dramatische +Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig, +die sie ausueben. Auch habe ich sie so weit ausgeuebet, als es noetig ist, +um mitsprechen zu duerfen: denn ich weiss wohl, so wie der Maler sich von +niemanden gern tadeln laesst, der den Pinsel ganz und gar nicht zu fuehren +weiss, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er +bewerkstelligen muss, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen +vermag, doch urteilen, ob es sich machen laesst. Ich verlange auch nur eine +Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmasst, der, wenn er nicht dem +oder jenem Auslaender nachplaudern gelernt haette, stummer sein wuerde, als +ein Fisch. + +Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was +mich also versichert, dass mir dergleichen nicht begegnet sei, dass ich das +Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, dass ich es +vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzaehligen +Meisterstuecken der griechischen Buehne abstrahieret hat. Ich habe von dem +Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine +eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitlaeufigkeit nicht aeussern koennte. +Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen +erleuchteten Zeiten auch darueber ausgelacht werden!), dass ich sie fuer ein +ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer +sind. Ihre Grundsaetze sind ebenso wahr und gewiss, nur freilich nicht so +fasslich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese +enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragoedie, als ueber die uns +die Zeit so ziemlich alles daraus goennen wollen, unwidersprechlich zu +beweisen, dass sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt +entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu +entfernen. + + +----Fussnote + +[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted +with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book +(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was +bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were +always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased +with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little +in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the +Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have +the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with +the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil +etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.) + +[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro +eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula +aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos +adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia +praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi +animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem, +cum Didaskalias suas componeret.-- + +----Fussnote + + + + +Nach dieser Ueberzeugung nahm ich mir vor, einige der beruehmtesten Muster +der franzoesischen Buehne ausfuehrlich zu beurteilen. Denn diese Buehne soll +ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man +uns Deutsche bereden wollen, dass sie nur durch diese Regeln die Stufe der +Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Buehnen aller neuern +Voelker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest +geglaubt, dass bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel +gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten. + +Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefuehl bestehen. Dieses +ward, gluecklicherweise, durch einige englische Stuecke aus seinem +Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, dass die +Tragoedie noch einer ganz andern Wirkung faehig sei, als ihr Corneille und +Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem ploetzlichen +Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes +zurueck. Den englischen Stuecken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln, +mit welchen uns die franzoesischen so bekannt gemacht hatten. Was schloss +man daraus? Dieses: dass sich auch ohne diese Regeln der Zweck der +Tragoedie erreichen lasse; ja, dass diese Regeln wohl gar schuld sein +koennten, wenn man ihn weniger erreiche. + +Und das haette noch hingehen moegen!--Aber mit diesen Regeln fing man an, +alle Regeln zu vermengen und es ueberhaupt fuer Pedanterei zu erklaeren, dem +Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun muesse. Kurz, wir +waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig +zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, dass jeder die +Kunst aufs neue fuer sich erfinden solle. + +Ich waere eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen, +wenn ich glauben duerfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese +Gaerung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich +mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen, +als den Wahn von der Regelmaessigkeit der franzoesischen Buehne zu +bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr +verkannt, als die Franzosen. Einige beilaeufige Bemerkungen, die sie ueber +die schicklichste aeussere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles +fanden, haben sie fuer das Wesentliche angenommen und das Wesentliche +durch allerlei Einschraenkungen und Deutungen dafuer so entkraeftet, dass +notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit +unter der hoechsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln +kalkuliert hatte. + +Ich wage es, hier eine Aeusserung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofuer +man will!--Man nenne mir das Stueck des grossen Corneille, welches ich +nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?-- + +Doch nein; ich wollte nicht gern, dass man diese Aeusserung fuer Prahlerei +nehmen koenne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es +zuverlaessig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch +lange noch kein Meisterstueck gemacht haben. Ich werde es zuverlaessig +besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden duerfen. Ich werde +nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den +Aristoteles glaubet, wie ich. + +Eine Tonne, fuer unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie +trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein fuer sie +ausgeworfen; besonders fuer den kleinen Walfisch in dem Salzwasser +zu Halle!-- + +Und mit diesem Uebergange,--sinnreicher muss er nicht sein,--mag denn der +Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu +ich diese letztern Blaetter bestimmte. Wer haette mich auch sonst erinnern +koennen, dass es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben +der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat +Klotz den Inhalt desselben bereits angekuendiget hat?[1]-- + +Aber was bekoemmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jaeckchen, dass er +so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, dass ich +ihm etwas dafuer versprochen haette. Er mag wohl bloss zu seinem Vergnuegen +trommeln; und der Himmel weiss, wo er alles her hat, was die liebe Jugend +auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der +ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muss einen Wahrsagergeist +haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer haette es ihm +sonst sagen koennen, dass der Verfasser der Dramaturgie auch mit der +Verleger derselben ist? Wer haette ihm sonst die geheimen Ursachen +entdecken koennen, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme +beigelegt und das Probestueck einer andern so erhoben habe? Ich war +freilich damals in beide verliebt: aber ich haette doch nimmermehr +geglaubt, dass es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen koennen es +ihm auch unmoeglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem +Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern, +wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und +Zeitungsschreiber, mit solchen Kaelbern pfluegen wollen! Wenn sie zu ihren +Beurteilungen, ausser ihrer gewoehnlichen Gelehrsamkeit und +Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stueckchen aus der geheimsten +Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen? + +"Ich wuerde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch +den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen koennen, wenn nicht die +Abhandlung wider die Buchhaendler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als +dass er das Werk bald beschliessen koennte." + +Man muss auch einen Kobold nicht zum Luegner machen wollen, wenn er es +gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das boese Ding dem +guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich +wollte meinen Lesern erzaehlen, warum dieses Werk so oft unterbrochen +worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Muehe, so viel davon +fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich ueber +den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen, +es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte ueber die nachteiligen Folgen +des Nachdrucks ueberhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das +einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das waere ja sonach +keine Abhandlung wider die Buchhaendler geworden? Sondern vielmehr, fuer +sie: wenigstens, der rechtschaffenen Maenner unter ihnen; und es gibt +deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so +ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiss des boesen Feindes von der Zukunft +noch etwa weiss, das weiss es nur halb.-- + +Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich +nicht weise duenke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht +nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist: +antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, dass die Sache selbst darueber +vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden wuerdest. Und so wende +ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen +ernstlich um Vergebung bitte. + +Es ist die lautere Wahrheit, dass der Nachdruck, durch den man diese +Blaetter gemeinnuetziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich +ihre Ausgabe bisher so verzoegert hat, und warum sie nun gaenzlich +liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierueber sage, erlaube man mir, den +Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die +Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen +ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts +dabei, dass diese Hoffnung fehlschlaegt. Auch bin ich gar nicht ungehalten +darueber, dass ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an +den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern +wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wuenschen ohnedem, dass +ich sie nie angelegt haette; und es wird sich leicht einer unter ihnen +finden, der das Tageregister einer misslungenen Unternehmung bis zu Ende +fuehret und mir zeiget, was fuer einen periodischen Nutzen ich einem +solchen periodischen Blatte haette erteilen koennen und sollen. + +Denn ich will und kann es nicht bergen, dass diese letzten Bogen fast ein +Jahr spaeter niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der suesse +Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gruenden, ist schon wieder +verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, duerfte er +auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spaetesten in Erfuellung +gehen wird. + +Aber auch das kann mir sehr gleichgueltig sein!--Ich moechte ueberhaupt +nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es fuer ein grosses Unglueck +hielte, dass Bemuehungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen. +Sie koennen von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil +daran genommen. Doch wie, wenn Bemuehungen von weiterm Belange durch die +naemlichen Undienste scheitern koennten, durch welche meine gescheitert +sind? Die Welt verliert nichts, dass ich, anstatt fuenf und sechs Baende +Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie koennte +verlieren, wenn einmal ein nuetzlicheres Werk eines bessern +Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gaebe, +die einen ausdruecklichen Plan darnach machten, dass auch das nuetzlichste, +unter aehnlichen Umstaenden unternommene Werk verungluecken sollte +und muesste. + +In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es fuer meine +Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben +diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken +erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und +geschrieben, bei den Buchhaendlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort +so lautet: + +Nachricht an die Herren Buchhaendler + +Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhaendler entschlossen, +kuenftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften +in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die +neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen +mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen +nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Haelfte zu +verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhaendler, +welche wohl eingesehen, dass eine solche unbefugte Stoerung fuer alle +Buchhaendler zum groessten Nachteil gereichen muesse, haben sich +entschlossen, zu Unterstuetzung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten, +und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen +vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu +unterstuetzen. Von den uebrigen gutgesinnten Herren Buchhaendlern erwarten +wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch +unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schoenheit +des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; uebrigens +aber uns bemuehen, auf die unzaehlige Menge der Schleichhaendler genau +achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu hoecken und zu +stoeren anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende +Herren Mitkollegen, dass wir keinem rechtmaessigen Buchhaendler ein Blatt +nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald +jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht +allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufuegen, sondern auch +nicht weniger denenjenigen Buchhaendlern, welche ihren Nachdruck zu +verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren +Buchhaendler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer +Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhaendler- +Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu +erwarten, ihren besten Verlag fuer die Haelfte des Preises oder noch weit +geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhaendlern von unsre +Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir +nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Verguetung +widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, dass sich auch +die uebrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter +Herren Buchhaendler in kurzer Zeit legen werden. + +Wenn die Umstaende erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach +Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir +empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen +Mitkollegen, + +J. Dodsley und Compagnie. + +Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern +Verbindung der Buchhaendler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu +steuern, so wuerde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen. +Aber wie hat es vernuenftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen koennen, +diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen +Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Strassenraeuber werden? +"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das moechte sein; wenn +es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu +raechen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind +die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren +wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das +Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein? +Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmaelern, aus seinem +eigentuemlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er moeglicherweise +daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen +Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das fuer erforderliche +Eigenschaften? Dass man fuenf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden +gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf +sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine +Innung? Welches sind seine ausschliessenden Privilegien? Wer hat sie +ihm erteilt? + +Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so +bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstuemmeln, sondern auch +das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Dass +sie ihre Verteidigung beifuegen--wenn anders eine Verteidigung fuer sie +moeglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie moegen sie auch in einem +Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen +seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen: +selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei +Histoerchen und Anekdoetchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache. +Nur erklaere ich im voraus die geringste Insinuation, dass es gekraenkter +Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, fuer eine Luege. +Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es +schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als +einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhaendlern, dessen Vermittelung +ich ein solches Geschaeft gern ueberlasse. Aber keiner von ihnen muss mir es +auch veruebeln, dass ich meine Verachtung und meinen Hass gegen Leute +bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich +nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen +coup de main fuer sich: Dodsley und Compagnie aber wollen +bandenweise rauben. + +Das beste ist, dass ihre Einladung wohl von den wenigsten duerfte angenommen +werden. Sonst waere es Zeit, dass die Gelehrten mit Ernst darauf daechten, +das bekannte Leibnizische Projekt auszufuehren. + +Ende des zweiten Bandes + + +----Fussnote + +[1] Neuntes Stueck, S. 56. + +----Fussnote + + + + +Verzeichnis der Theaterstuecke + +geordnet nach Autorennamen + +John Banks: Der Graf von Essex +Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin +Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift +Chevalier de Cerou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter +Pierre Corneille: Rodogune +Thomas Corneille: Der Graf von Essex +Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia +Philippe Nericault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel +Philippe Nericault Destouches: Das unvermutete Hindernis +Philippe Nericault Destouches: Der poetische Dorfjunker +Philippe Nericault Destouches: Der verborgene Schatz +Philippe Nericault Destouches: Der verheiratete Philosoph +Denis Diderot: Der Hausvater +Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire +Frederik Duim: Zaire +Charles Simon Favart: Soliman der Zweite +Christian Fuerchtegott Gellert: Die kranke Frau +Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzoesin +Francoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie +Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney +Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe +Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr +Johann Christian Krueger: Herzog Michel +Pierre Claude Nivelle de la Chaussee: Die Muetterschule +Pierre Claude Nivelle de la Chaussee: Melanide +Thomas l'Affichard: Ist er von Familie? +Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde +Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit +Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist +Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz +Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson +Johann Friedrich Loewen: Die neue Agnese +Johann Friedrich Loewen: Das Raetsel +Francesco Scipione Maffei: Merope +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang +Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten +Moliere: Die Frauenschule +Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz +Philemon von Syrakus: Der Schatz +Plautus: Trinummus +Philippe Quinault: Die kokette Mutter +Jean Francois Regnard: Demokrit +Jean Francois Regnard: Der Spieler +Jean Francois Regnard: Der Zerstreute +Karl Franz Romanus: Die Brueder +Germain Francois Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter +Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen +Johann Elias Schlegel: Die stumme Schoenheit +Voltaire: Das Kaffeehaus +Voltaire: Die Frau, die recht hat +Voltaire: Merope +Voltaire: Nanine +Voltaire: Semiramis +Voltaire: Zaire +Christian Felix Weisse: Amalia +Christian Felix Weisse: Richard der Dritte + + + + + +Verzeichnis der Theaterstuecke + +geordnet nach Titeln + + +Amalia (Christian Felix Weisse) +Cenie (Francoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny) +Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Nericault Destouches) +Das Kaffeehaus (Voltaire) +Das Raetsel (Johann Friedrich Loewen) +Das unvermutete Hindernis (Philippe Nericault Destouches) +Demokrit (Jean Francois Regnard) +Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys) +Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der Finanzpachter (Germain Francois Poullain de Saint-Foix) +Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Graf von Essex (John Banks) +Der Graf von Essex (Thomas Corneille) +Der Hausvater (Denis Diderot) +Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cerou) +Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel) +Der poetische Dorfjunker (Philippe Nericault Destouches) +Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing) +Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel) +Der Schatz (Philemon von Syrakus) +Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand) +Der Spieler (Jean Francois Regnard) +Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel) +Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand) +Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Der verborgene Schatz (Philippe Nericault Destouches) +Der verheiratete Philosoph (Philippe Nericault Destouches) +Der Zerstreute (Jean Francois Regnard) +Die Brueder (Karl Franz Romanus) +Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux) +Die Frau, die recht hat (Voltaire) +Die Frauenschule (Moliere) +Die Hausfranzoesin (Luise Adelgunde Gottsched) +Die kokette Mutter (Philippe Quinault) +Die kranke Frau (Christian Fuerchtegott Gellert) +Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi) +Die Muetterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussee) +Die neue Agnese (Johann Friedrich Loewen) +Die stumme Schoenheit (Johann Elias Schlegel) +Herzog Michel (Johann Christian Krueger) +Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard) +Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld) +Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussee) +Merope (Francesco Scipione Maffei) +Merope (Voltaire) +Miss Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing) +Nanine (Voltaire) +Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk) +Richard der Dritte (Christian Felix Weisse) +Rodogune (Pierre Corneille) +Semiramis (Voltaire) +Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset) +Soliman der Zweite (Charles Simon Favart) +Trinummus (Plautus) +Zaire (Frederik Duim) +Zaire (Voltaire) +Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von +Gotthold Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie +by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE *** + +***** This file should be named 10055.txt or 10055.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/0/5/10055/ + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/10055.zip b/old/10055.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..88892a5 --- /dev/null +++ b/old/10055.zip |
