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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10055 ***
+
+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
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+This is the 8-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+
+
+
+HAMBURGISCHE DRAMATURGIE
+
+von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
+
+
+
+Inhalt:
+
+Ankündigung
+Erster Band
+Zweiter Band
+Verzeichnis der Theaterstücke, nach Autorennamen geordnet
+Verzeichnis der Theaterstücke, nach Titeln geordnet
+
+
+
+
+Ankündigung
+
+Es wird sich leicht erraten lassen, daß die neue Verwaltung des hiesigen
+Theaters die Veranlassung des gegenwärtigen Blattes ist.
+
+Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man
+den Männern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders
+als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlänglich darüber erklärt,
+und ihre Äußerungen sind, sowohl hier, als auswärts, von dem feinern
+Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede
+freiwillige Beförderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern
+Zeiten sich versprechen darf.
+
+Freilich gibt es immer und überall Leute, die, weil sie sich selbst am
+besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten
+erblicken. Man könnte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern gönnen;
+aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst
+aufbringen; wenn ihr hämischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese
+scheitern zu lassen bemüht ist: so müssen sie wissen, daß sie die
+verachtungswürdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind.
+
+Glücklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die größere
+Anzahl wohlgesinnter Bürger sie in den Schranken der Ehrerbietung hält
+und nicht verstattet, daß das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen,
+und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen
+Aberwitzes werden!
+
+So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner
+Freiheit gelegen: denn es verdienet, so glücklich zu sein!
+
+Als Schlegel, zur Aufnahme des dänischen Theaters,--(ein deutscher
+Dichter des dänischen Theaters!)--Vorschläge tat, von welchen es
+Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, daß ihm keine
+Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war
+dieses der erste und vornehmste, "daß man den Schauspielern selbst die
+Sorge nicht überlassen müsse, für ihren Verlust und Gewinst zu
+arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu
+einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto
+nachlässiger und eigennütziger treiben läßt, je gewissere Kunden, je
+mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen.
+
+Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen wäre, als daß
+eine Gesellschaft von Freunden der Bühne Hand an das Werk gelegt und,
+nach einem gemeinnützigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden hätte:
+so wäre dennoch, bloß dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser
+ersten Veränderung können, auch bei einer nur mäßigen Begünstigung des
+Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen,
+deren unser Theater bedarf.
+
+An Fleiß und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an
+Geschmack und Einsicht fehlen dürfte, muß die Zeit lehren. Und hat es
+nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden
+sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und
+höre, und prüfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschätzig
+verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden!
+
+Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publikum halte, und
+derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich
+selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht
+jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines
+Stücks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den
+Wert aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen
+einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre
+Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art
+verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als
+sie nach ihrer Art gewähren kann.
+
+Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der
+Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von
+dieser Höhe, natürlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fürchte
+sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist.
+
+Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht
+wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste,
+der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer
+geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.
+
+Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden
+Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des
+Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stücke ist
+keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer
+Meisterstücke aufgeführet werden sollten, so sieht man wohl, woran die
+Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmäßige für nichts mehr
+ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens
+daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm
+Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum
+ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke müssen auch
+schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche Rollen
+haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Stärke zeigen kann.
+So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text
+dazu elend ist.
+
+Die größte Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn
+er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens unfehlbar zu
+unterscheiden weiß, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters,
+oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der
+andere versehen hat, heißt beide verderben. Jenem wird der Mut benommen,
+und dieser wird sicher gemacht.
+
+Besonders darf es der Schauspieler verlangen, daß man hierin die größte
+Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters
+kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer
+wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist
+in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich
+schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers
+mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen
+lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat.
+
+Eine schöne Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein
+reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge,
+die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen. Doch sind es auch weder
+die einzigen noch größten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schätzbare
+Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr nötig, aber noch lange nicht
+seinen Beruf erfüllend! Er muß überall mit dem Dichter denken; er muß da,
+wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, für ihn denken.
+
+Man hat allen Grund, häufige Beispiele hiervon sich von unsern
+Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums
+nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht,
+und der zu viel erwartet.
+
+Heute geschieht die Eröffnung der Bühne. Sie wird viel entscheiden; sie
+muß aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich
+die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es würde Mühe kosten, ein ruhiges
+Gehör zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher
+als mit dem Anfange des künftigen Monats erscheinen.
+
+Hamburg, den 22. April 1767.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Werke", dritter Teil, S. 252."
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Erster Band
+
+
+Erstes Stück
+Den 1. Mai 1767
+
+Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und
+Sophronia" glücklich eröffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit
+einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der
+Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre
+keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen ließe,
+daß man eine viel bessere hätte treffen können.
+
+"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein
+unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings für unsere
+Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das was
+er, nach dem Urteile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leisten
+können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische
+Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem
+sechsundzwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine
+wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen?
+
+Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine rührende
+Erzählung in ein rührendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar
+kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne
+Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese
+neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der
+Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzählers
+in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die
+Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers
+entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu
+lassen, daß dieser sympathisieren muß, er mag wollen oder nicht: das ist
+es, was dazu nötig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich
+langweilig zu erklären, tut, und was der bloß witzige Kopf nachzumachen,
+vergebens sich martert.
+
+Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus
+und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die
+Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die
+Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldenmütiger Diensteifer, der
+die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche
+der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die
+Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe
+so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden.
+Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine
+fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn
+verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natürlich, so wahr und
+menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch
+zu machen, daß nichts darüber!
+
+Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch
+Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen
+Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das
+wundertätige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum
+machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn
+dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der
+Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmöglich geben.
+Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verrät sich
+in mehrern Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem
+mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der gröbste Fehler aber ist, daß er
+eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als
+jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm "ein
+Sitz der falschen Götter", und den Priester selbst läßt er ausrufen:
+
+"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe rüsten, Ihr Götter?
+Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!"
+
+Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostüm, vom Scheitel
+bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche
+Ungereimtheiten sagen!
+
+Beim Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man
+eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine
+höhere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Täter.
+Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber
+Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr
+verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es
+wagen können, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des
+Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so
+ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmut. Beim Tasso läßt
+ihn bloß die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder
+mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloß um mit ihr zu sterben; kann er mit
+ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer
+Seite, an den nämlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nämlichen Feuer
+verzehret zu werden, empfindet er bloß das Glück einer so süßen
+Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe,
+und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und
+vertrauter sein möge, daß er Brust gegen Brust drücken und auf ihren
+Lippen seinen Geist verhauchen dürfe.
+
+Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz
+geistigen Schwärmerin und einem hitzigen, begierigen Jünglinge ist beim
+Cronegk völlig verloren. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit;
+beide haben nichts als das Märtertum im Kopfe; und nicht genug, daß er,
+daß sie für die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena
+hätte nicht übel Lust dazu.
+
+Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten,
+einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann.
+Die eine betrifft das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldenmütige
+Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu
+verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mehrern
+sieht, höret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in
+seinem "Kodrus" sehr versündiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum
+freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Kodrus allein auszeichnen
+sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art
+dastehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm
+im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht?
+sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere
+Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So
+auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles hält
+gemartert werden und sterben für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese
+frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung
+verlieren.
+
+Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere.
+Die Helden desselben sind mehrenteils Märtyrer. Nun leben wir zu einer
+Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als
+daß jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung
+aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten in den Tod stürzet, den Titel
+eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen
+Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr,
+als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische
+Träne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die
+Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Träne ist keine
+von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der
+Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die
+lautersten und triftigsten Bewegungsgründe gebe! daß er ihn ja in die
+unumgängliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich
+der Gefahr bloßstellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen,
+nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum
+Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter
+leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein ebenso nichtswürdiger
+Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher
+den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es
+entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher
+Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen
+konnte; daß es noch Länder gibt, wo er der frommen Einfalt nichts
+Befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig
+für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu
+werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle,
+wenn er nicht bloß schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen,
+hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in
+Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu
+schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt,
+läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern;
+nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart
+zu bestärken.
+
+
+
+Zweites Stück
+Den 5. Mai 1767
+
+Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend,
+würde über die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So überzeugt wir
+auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen, so wenig
+können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem
+Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen
+entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in
+der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das
+Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgründe zu
+jedem Entschlusse, zu jeder Änderung der geringsten Gedanken und
+Meinungen, müssen, nach Maßgebung des einmal angenommenen Charakters,
+genau gegeneinander abgewogen sein, und jene müssen nie mehr
+hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen können.
+Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail,
+über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur
+einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er
+uns abgetäuschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Szene des dritten
+Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der
+Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätten bewegen können, aber
+viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar
+keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das
+Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz
+zuvor erfahren, daß ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine,
+erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhern Macht in die
+Reihe natürlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand
+hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater
+gehen dürfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des
+Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Großmut und Ermahnungen bestürmet
+und bis in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit
+der Religion, an deren Bekennern er so viel Großes sieht, mehr vermuten,
+als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermutung
+unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte
+geschehen müssen.
+
+Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide
+Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr
+geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer
+christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein
+Stück, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist
+ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren
+Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille
+Gelassenheit, die unveränderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Züge
+sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch
+Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung
+einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben der Uneigennützigkeit,
+mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen
+und vollzogen zu sehen wünschen?
+
+Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann,
+wieviel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten
+unwidersprechlich widerlegt, wäre also mein Rat:--man ließe alle
+bisherige christliche Trauerspiele unaufgeführet. Dieser Rat, welcher aus
+den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts
+als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter,
+weil er den schwächern Gemütern zustatten kömmt, die, ich weiß nicht
+welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an
+einer heiligern Stätte gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das
+Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoß geben; und ich wünschte,
+daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte.
+
+Cronegk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges
+gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazugefüget; eine Feder
+--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der
+Ergänzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als
+sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am
+besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim
+Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der
+uneigennützigsten Großmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt
+gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei
+Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu
+rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den
+Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen
+Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fünften Akte!"
+antwortete dieser. In Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse
+Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres
+Leben versprachen.--
+
+Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So
+mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich
+schweige von der äußeren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters
+erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hilfe dazu nötig ist, sind
+bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die
+Künstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande.
+
+Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden sein, wenn unter
+vier, fünf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet
+haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Notnagel so
+sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach
+Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer
+ein Garrick ist.
+
+Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im
+Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann
+eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch
+immer für den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle übrige
+Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses,
+daß er Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen
+Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer
+Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivia1ste von dieser Art in seinem
+Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält.
+
+Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem
+"Kodrus" und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze
+ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von
+dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu
+werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für
+Ede1steine, und witzige Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen.
+Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere
+Wirkung auf mich. Die eine,
+
+"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht."
+
+Die andere,
+
+"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht."
+
+Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und
+dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt,
+wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Teils dachte
+ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet
+Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm
+erwerben, und ein Sokrates würde sie gern besuchen. Teils fiel es mir
+zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese
+vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an
+jenem Gemurmle den meisten Anteil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen
+gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das
+sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral
+wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater
+herabgestürmet zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem
+Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert,
+entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht
+haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß
+dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht
+anders als so habe urteilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit
+muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der
+Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er annimmt, ein Mensch
+könne das Böse, um des Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften
+Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen
+sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so
+gräßlich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines
+schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden für die höchste Schönheit des
+Trauerspieles hält. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum
+alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer
+falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß
+ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den
+falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht
+weil sie Priester, sondern weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf
+ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes
+gemißbraucht hätten.
+
+Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen
+läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie
+als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien?
+
+Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von
+dem Schauspieler sprechen.
+
+
+
+Drittes Stück
+Den 8. Mai 1767
+
+Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), daß wir auch die
+gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein
+anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso
+unterhaltend finden sollen?
+
+Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund
+übergehet; man muß ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu
+prahlen scheinen.
+
+Es verstehst sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich
+wohl gelernet sein wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten
+Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer
+Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskramungen des
+Gedächtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage
+der Sachen scheinen.
+
+Ebenso ausgemacht ist es, daß kein falscher Akzent uns muß argwöhnen
+lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den
+richtigsten, sichersten Ton überzeugen, daß er den ganzen Sinn seiner
+Worte durchdrungen habe.
+
+Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei
+beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch
+von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man
+einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtnis gepräget hat, lassen
+sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern
+Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele
+muß ganz gegenwärtig sein; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein
+auf ihre Reden richten, und nur alsdann--
+
+Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch
+keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das
+streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man
+sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht
+ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen
+äußern Merkmalen urteilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge
+in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten,
+oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse
+Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen
+wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere
+Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und
+ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir
+glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche.
+Gegenteils kann ein anderer so glücklich gebauet sein; er kann so
+entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so
+geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen
+der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime
+erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt sein, daß er uns in
+denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, sondern nach irgendeinem
+guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen
+wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische
+Nachäffung ist.
+
+Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte,
+dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug
+nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln
+bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch
+deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der
+Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen,
+hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden) er zu
+einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer
+derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber
+doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den
+nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren
+Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu
+können glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die äußerste Wut des Zornes
+ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht
+verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen,
+noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in
+Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergröbsten Äußerungen
+des Zornes einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat und
+getreu nachzumachen weiß--den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den
+rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der
+Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne usw.--wenn er,
+sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will,
+gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl
+von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da
+auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht bloß von unserm
+Willen abhangen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen,
+seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein
+scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es
+sein sollte.
+
+Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt habe ich mir zu
+bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung
+begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und
+welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder
+Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann.
+Mich dünkt folgendes.
+
+Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von
+Sammlung der Seele und ruhiger Überlegung verlangt. Er will also mit
+Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt sein.
+
+Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindrücken,
+welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist
+kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine generalisierte Empfindung,
+und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung
+gesprochen sein.
+
+Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kälte?--
+
+Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach
+Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht.
+
+Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam
+einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück oder ihre
+Pflichten bloß darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um
+durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu genießen,
+diese desto williger und mutiger zu beobachten.
+
+Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral
+(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam
+von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der
+Vernunft, stürmischen Ausbrüchen den Schein vorbedächtlicher
+Entschließungen geben zu wollen scheinen.
+
+Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen
+gemäßigten und feierlichen. Denn dort muß das Raisonnement in Affekt
+entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskühlen.
+
+Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen
+Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stürmisch heraus, als
+das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als
+das übrige. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder
+in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und daß wir sie in
+jenen ebenso unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie
+überlegten nie, daß die Stickerei von dem Grunde abstechen muß, und Gold
+auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist.
+
+Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn
+sie deren dabei machen sollen, noch was für welche. Sie machen
+gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende.
+
+Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln
+scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie
+umgibt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des
+Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die
+Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand
+der Ruhe, um die innere Ruhe auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft
+nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß
+fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrechten
+Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer
+feierlichen Stille, als ob er sich nicht stören wollte, sich selbst zu
+hören. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die
+Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu
+befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmählich
+das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben,
+während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch
+in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urplötzlich
+in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen
+ausdrückenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande
+des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte,
+mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen
+sein will.
+
+Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein;
+nur mit dem Unterschiede, daß der Teil der Aktion, welcher dort der
+feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der
+feurige sein muß. Nämlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte
+Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften
+Empfindungen einen höhern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird
+sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen,
+dazu beitragen lassen; die Hände werden in voller Bewegung sein; nur der
+Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge
+wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern
+herausarbeiten möchte.
+
+
+
+Viertes Stück
+Den 12. Mai 1767
+
+Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in
+ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet?
+
+Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln,
+welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgeschrieben hatten, wissen
+wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händesprache zu
+einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner
+darin zu leisten imstande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreifen
+lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein
+unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermögen,
+Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte
+Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, daß sie nicht
+bloß eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes
+fähig werden.
+
+Ich bescheide mich gern, daß man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit
+dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bei
+weitem so geschwätzig nicht, als die Hände des Pantomimens. Bei diesem
+vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den
+Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natürliche
+Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben
+verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände
+nicht bloß natürliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle
+Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler gänzlich enthalten.
+
+Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber
+ebensowenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts
+damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den
+gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch
+ein so großer Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich
+das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald
+mit der linken Hand die Hälfte einer krieplichten Achte, abwärts vom
+Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich
+wegrudern, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen
+Tanzmeistergrazie zu tun geübt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern
+zu können.
+
+Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand
+in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit
+allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres
+Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es
+ihnen nur zur Übung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um
+den Armen die Biegungen des Reizes geläufig zu machen; nicht aber in der
+Meinung, daß das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung
+solcher schönen Linien, immer nach der nämlichen Direktion, bestehe.
+
+Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen
+Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse;
+und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und
+endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Sprüchelchen aufsagen, wenn
+der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher
+man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam
+vom Rocken spinnet.
+
+Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muß
+bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man
+nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal
+Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von
+malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren
+Gebrauch, in Beispielen zu erläutern. Itzt würde mich dieses zu weit
+führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine
+Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat,
+und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind
+dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist
+ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umständen der handelnden Personen
+gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd,
+er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem
+weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhörer nicht bemerkt
+oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung
+sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das
+Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein
+können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen.
+
+Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie
+mir es itzt beifällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit
+einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt,
+Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den
+Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein
+alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrüglichkeit unsrer
+Hoffnungen zu Gemüte führen.
+
+"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!"
+
+Sein Sohn ist ein feuriger Jüngling, und in der Jugend ist man vorzüglich
+geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen.
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft."
+
+Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler
+nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Jüngling nicht ganz
+niederschlagen und fähret fort:
+
+"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft."
+
+Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als
+schönen Bewegung des Armes begleiten, würde weit schlimmer sein, als sie
+ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die,
+welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt.
+Die Zeile,
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft"
+
+muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterlichen Warnung, an und gegen den
+Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne
+leichtgläubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung
+veranlaßt. Die Zeile hingegen,
+
+"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft"
+
+erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene
+Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich notwendig
+gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evander diesen Satz aus
+eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sei, von dem er gelte.
+
+Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der
+moralischen Stellen wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin findet,
+hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe
+nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie
+angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloß
+gelingt, sondern der es macht!
+
+Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig
+eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals
+gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein
+falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den
+verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit
+einer Präzision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste
+Erklärung, den vol1ständigsten Kommentar erhält. Sie verbindet damit
+nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr glücklichen
+Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube
+die Liebeserklärung, welche sie dem Olint tut, noch zu hören:
+
+ "--Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen;
+ Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen.
+ Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir--
+ Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir;
+ Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute,
+ War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite.
+ Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin,
+ Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin.
+ Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen,
+ Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen,
+ Verbrechern gleichgestellt, unglücklich und ein Christ,
+ Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist:
+ Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!"
+
+Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst
+beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher
+Überströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit
+ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie
+überraschend brach sie auf einmal ab und veränderte auf einmal Stimme und
+Blick und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die
+dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde
+geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen
+Tone der Verwirrung, kam endlich
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe
+sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß
+sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein
+zärtliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewöhnt sonst
+in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die
+Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere
+Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimütigkeit wieder da. Sie
+fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze
+des Affekts fort:
+
+ "--Und stolz auf meine Liebe,
+ Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann,
+ Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an."
+
+Denn die Liebe äußert sich nun als großmütige Freundschaft: und die
+Freundschaft spricht ebenso dreist, als schüchtern die Liebe.
+
+
+
+
+Fünftes Stück
+Den 15. Mai 1767
+
+Es ist unstreitig, daß die Schauspielerin durch diese meisterhafte
+Absetzung der Worte
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in
+dem nämlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste
+Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen
+Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den
+Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den
+Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen
+sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer sein, als so
+ein Vorwurf? Freilich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses
+Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern
+übel aussehen.
+
+Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes,
+widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch
+der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die
+schöne Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte
+Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer
+aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von
+Weibe, als mit himmelbrütenden Schwärmern sympathisieren. Nur gegen das
+Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns ebenso
+gleichgültig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt
+sie von einem Äußersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt,
+so fügt sie hinzu:
+
+"Wirst du mein Herz verschmähn? Du schweigst?--Entschließe dich; Und wenn
+du zweifeln kannst--so zittre!--
+
+So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der
+Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll
+vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen?
+--O wenn es der Schauspielerin eingefallen wäre, für diese ungezogene
+weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte
+zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget
+zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint
+verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das
+ist so unartig als lächerlich.
+
+Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den
+Schranken des Woh1standes und der Mäßigung zu erhalten? Er fährt fort,
+Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu
+lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr statt.
+
+Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun könnte,
+wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so
+ganz hinreißen ließe, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die
+äußerste Wut nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit
+den gewaltsamsten Gebärden ausdrückte.
+
+Wenn Shakespeare nicht ein ebenso großer Schauspieler in der Ausübung
+gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch
+wenigstens ebenso gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der
+Kunst des andern gehöret. Ja vielleicht hatte er über die Kunst des
+erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu
+hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die
+Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle
+Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beifalle gelegen ist. "Ich
+bitte euch", läßt er ihn unter andern zu den Komödianten sagen, "sprecht
+die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muß nur eben darüber
+hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von
+unsern Schauspielern tun: seht, so wäre mir es ebenso lieb gewesen, wenn
+der Stadtschreier meine Verse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer
+Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles hübsch artig; denn
+mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung
+beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt."
+
+Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich
+so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche
+es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am
+unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein könne, als es die
+Umstände erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, daß
+in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig
+Verstand zeige. Überhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem
+Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist
+es wohl unstreitig, daß der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber
+das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle
+Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem
+Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der
+Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu sehen wünschen,
+wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem
+Verstande anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein,
+dessen Mäßigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß bloß jene Heftigkeit der
+Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden,
+warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet
+hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es
+gibt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig
+würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten
+edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren
+beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Äußerung der heftigen
+Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein
+könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch
+noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen und ihm
+das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen.
+
+Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Künsten
+und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit
+ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie
+ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten
+Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde
+eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr
+alle das Ausdrückende, welches ihm eigentümlich ist, ohne das
+Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den
+permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzu lang darin verweilen;
+nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten
+und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des
+Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu
+der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar
+eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich
+machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die
+Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfälscht
+überliefern soll.
+
+Es könnte leicht sein, daß sich unsere Schauspieler bei der Mäßigung, zu
+der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in
+Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden dürften.--Aber welches
+Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein großer Liebhaber des Lärmenden
+und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten
+Händen zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von
+diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem
+Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rafft sich, gegen
+das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal
+die Stimme und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn
+seiner Rede diese höhere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten
+widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was
+tut das ihm? Genug, daß er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam
+auf ihn zu sein, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschen.
+Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug,
+teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen,
+für die Tat.
+
+Ich getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem
+Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht sein müssen, Fehler zu
+bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste
+nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir
+ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten
+lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die
+Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet.
+
+Den Beschluß des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit",
+ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französischen des Le Grand.
+Es ist eines von den drei kleinen Stücken, welche Le Grand unter
+dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die
+französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits
+einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die lächerlichen Verliebten",
+behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der
+dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind
+sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie es sich mehr
+für eine satirische Erzählung, als auf die Bühne schickt. Der Sieg der
+Zeit über Schönheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung
+eines sechzigjährigen Gecks und einer ebenso alten Närrin, daß die
+Zeit nur über ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar
+lächerlich; aber diesen Geck und diese Närrin selbst zu sehen, ist
+ekelhafter, als lächerlich.
+
+
+
+Sechstes Stück
+Den 19. Mai 1767
+
+Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem großen
+Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem
+Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen
+Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige
+Miene des Scherzes zu geben. Womit könnte ich diese Blätter besser
+auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie.
+Sie bedürfen keines Kommentars. Ich wünsche nur, daß manches darin nicht
+in den Wind gesagt sei!
+
+Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der
+Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden
+Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte.
+
+Prolog
+(Gesprochen von Madame Löwen)
+
+ Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel
+ Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel:
+ Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen,
+ Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen;
+ Wenn bald die süße Trän', indem das Herz erweicht,
+ In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht,
+ Bald die bestürmte Seel', in jeder Nerv' erschüttert,
+ Im Leiden Wollust fühlt und mit Vergnügen zittert!
+ O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt,
+ Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners wälzt,
+ Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket,
+ Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket,
+ Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt,
+ Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert?
+ Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde,
+ Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde;
+ Weiht sie, die Lehrerin der Könige zu sein,
+ Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein;
+ Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Tränen zu ergötzen,
+ Das stumpfeste Gefühl der Menschenliebe wetzen;
+ Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun
+ Die Bosheit bändigen und an den Seelen baun;
+ Wohltätig für den Staat, den Wütenden, den Wilden
+ Zum Menschen, Bürger, Freund und Patrioten bilden.
+ Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit
+ Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit;
+ Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter,
+ Und Macht wird oft der Schutz erhabner Bösewichter.
+ Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat,
+ Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat!
+ Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen,
+ Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen,
+ Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit
+ Für eines Solons Geist den Geist der Drückung leiht!
+ Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen,
+ Das Schwert der Majestät aus ihren Händen drehen:
+ Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls
+ Der Redlichkeit, den Fuß der Freiheit auf den Hals.
+ Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten,
+ Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten!
+ Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann,
+ Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann,
+ Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken?
+ Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken.
+ Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?--
+ Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geißel trägt,
+ Die unerschrockne Kunst, die allen Mißgestalten
+ Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten;
+ Die das Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt,
+ Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind;
+ Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erblödet,
+ Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet;
+ Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeiz nüchtern macht,
+ Den Heuchler züchtiget und Toren klüger lacht;
+ Sie, die zum Unterricht die Toten läßt erscheinen,
+ Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen.
+ Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier;
+ In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier.
+ Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Tränen flossen,
+ Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen;
+ Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint
+ Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint:
+ Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet und gescheuet
+ Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet.
+ Lang hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn:
+ In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen!
+ Hier, in dem Schoß der Ruh', im Schutze weiser Gönner,
+ Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner;
+ Hier reifet--ja ich wünsch', ich hoff', ich weissag' es!--
+ Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles,
+ Der Gräciens Kothurn Germanien erneute:
+ Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der eure.
+ O seid desselben wert! Bleibt eurer Güte gleich,
+ Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch!
+
+
+
+Epilog
+(Gesprochen von Madame Hensel)
+
+ Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ!
+ So lieblos hasset der, dem Irrtum nützlich ist,
+ Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache,
+ Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache.
+ Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt,
+ Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt.
+ So konnt' er sein Gespinst von Lügen mit den Blitzen
+ Der Majestät, mit Gift, mit Meuchelmord beschützen.
+ Wo Überzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut:
+ Die Wahrheit überführt, der Irrtum fodert Blut.
+ Verfolgen muß man die und mit dem Schwert bekehren,
+ Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren.
+ Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach
+ Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Mörder nach
+ Und muß mit seinem Schwert den, welchen Träumer hassen,
+ Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit würgen lassen.
+ Abscheulichs Meisterstück der Herrschsucht und der List,
+ Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist!
+ O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen,
+ In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen,
+ Dich, die ihr Blutpanier oft über Leichen trug,
+ Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch!
+ Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme
+ Laut für die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme
+ Ein schuldlos Opfer ward und für die Wahrheit sank:
+ Habt Dank für dies Gefühl, für jede Träne Dank!
+ Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes:
+ Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes!
+ Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind,
+ Zwar schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind.
+ Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Tränen,
+ Die sonst kein Vorwurf trifft, als daß sie anders wähnen!
+ Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu,
+ Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei;
+ Der für die Wahrheit glüht und, nie durch Furcht gezügelt,
+ Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt.
+ Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert:
+ O wohl uns! hätten wir, was Cronegk schön gelehrt,
+ Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben,
+ Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben!
+ Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist;
+ Er war, und--o verzeiht die Trän'!--und starb, ein Christ.
+ Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten,
+ Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten.
+ Versaget, hat euch itzt Sophronia gerührt,
+ Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt,
+ Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre,
+ Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zähre.
+ Uns aber, edle Freund', ermuntre Gütigkeit;
+ Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht.
+ Verzeihung mutiget zu edelerm Erkühnen,
+ Und feiner Tadel lehrt das höchste Lob verdienen.
+ Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins für einen Garrick sind;
+ Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen,
+ Und--doch nur euch gebührt zu richten, uns zu schweigen.
+
+
+
+
+Siebentes Stück
+Den 22. Mai 1767
+
+Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner höchsten Würde, indem er es
+als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es gibt Dinge in dem
+sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren
+Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich und in sich
+selbst zu veränderlich sind, als daß sie wert oder fähig wären, unter der
+eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere,
+gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren
+Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren
+Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz
+entgehen oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich
+will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des
+Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf außerordentliche
+Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen
+und das Herz in Tumult setzen, die Tragödie einzuschränken. Das Genie
+lacht über alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch
+unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Vorwurf entweder
+diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet und die
+eigentlichen Gegenstände desselben nur insofern behandelt, als sie sich
+entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche
+verbreiten.
+
+Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil
+der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von
+dem Hrn. von Cronegk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff
+aus den unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge genommen ist, die Toleranz
+predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den
+Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese
+Kreuzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der
+Päpste waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten
+Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig
+gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die
+wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben,
+zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das
+rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten?
+Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat,
+das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und
+Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein
+Anlaß dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr
+natürlich und dringend finden sollte.
+
+Übrigens stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bei, welches der
+Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich
+bereden lassen, daß er mit mir über den poetischen Wert des kritisierten
+Stückes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen
+gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern
+durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen
+bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken
+lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen.
+Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu
+verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die
+lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit
+schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er
+entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre
+erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den
+Verfassern der "Bibliothek der schönen Wissenschaften" gekrönet, aber
+wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die
+damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die
+ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so
+bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein
+Hinkender.
+
+Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von
+der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt:
+
+ "Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins für einen Garrick sind."
+
+Quin, habe ich darwider erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler
+gewesen.--Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die
+Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson,
+gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil für seine
+Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil für sich:
+man weiß, daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er
+besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten gewußt; daß
+er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer größten Vollkommenheit
+gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das
+Mißverständnis liegt bloß darin, daß man annimmt, der Dichter habe diesem
+allgemeinen und außerordentlichen Schauspieler einen schlechten, und für
+schlecht durchgängig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier
+einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht;
+einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm
+zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich
+spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu
+Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte
+ein guter Schauspieler heißen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der
+Proteus in seiner Kunst zu sein, für den das einstimmige Gerücht schon
+längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel,
+den König im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komödie
+waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick
+anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick
+der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken,
+sondern er war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu
+erschrecken? Gewiß und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so
+würden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der
+andere hingegen, der König, schien wohl auch etwas gerührt zu sein, aber
+als ein guter Akteur gab er sich doch alle mögliche Mühe, es zu
+verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch
+einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein
+Aufhebens macht!"
+
+Bei den Engländern hat jedes neue Stück seinen Prolog und Epilog, den
+entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu
+die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu
+unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde
+liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar
+nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei
+darin zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm
+bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl über ihn als
+über die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des
+Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die
+völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte,
+darin erzählen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von
+Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die
+geschilderten Sitten und über die Kunst, mit der sie geschildert worden;
+und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern
+sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts
+Ungewöhnliches, daß nach dem Blutigsten und Rührendsten die Satire ein so
+lautes Gelächter aufschlägt und der Witz so mutwillig wird, daß es
+scheinet, es sei die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des
+Guten ein Gespötte zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider
+diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert
+hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bei uns neue Origina1stücke nicht
+ganz ohne Einführung und Empfehlung vor das Publikum gebracht würden, so
+versteht es sich von selbst, daß bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs
+unserm deutschen Ernste angemessener sein müßte. Nach dem Lustspiele
+könnte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei
+den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt
+mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu
+welchen er sie verfertiget, zum Teil längst vergessen sind. Hamburg hätte
+einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal
+zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem
+Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Teil VI, S. 15.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtes Stück
+Den 26. Mai 1767
+
+Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt.
+
+Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgeführet.
+Dieses Stück des Nivelle de la Chaussée ist bekannt. Es ist von der
+rührenden Gattung, der man den spöttischen Beinamen der Weinerlichen
+gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Tränen nahe bringt, wobei wir
+nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser
+Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele
+Ströme von Tränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele
+verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden.
+Denn eben bringen sie es ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir
+hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser
+verstanden hätte.
+
+"Melanide" ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht es
+doch immer mit Vergnügen. Es hat sich selbst auf dem französischen
+Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der
+Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt,
+entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der
+zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen
+Unbekannten, anstatt des de la Chaussée, um das beneiden, weswegen ich
+wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wünschte.
+
+Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine
+italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des
+Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer
+Übersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüder meistenteils noch
+weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa übersetzen,
+erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas
+anders. Allzu pünktliche Treue macht jede Übersetzung steif, weil
+unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der
+andern sein kann. Aber eine Übersetzung aus Versen macht sie zugleich
+wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versifikateur, den nie
+das Silbenmaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas
+stärker oder schwächer, früher oder später, sagen ließe, als er es, frei
+von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Übersetzer dieses
+nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug
+hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den
+eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder
+anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals
+überliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben,
+welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der
+Grundsprache für sie machen.
+
+Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer
+neunjährigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den
+Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und
+ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen
+verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit
+dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von
+der Welt das feinste, schnel1ste Gefühl, die sicherste, wärmste
+Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wünschen,
+doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. In ihrer Deklamation
+akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel
+intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu
+können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere
+Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und
+gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das
+Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder
+Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist
+durch das ganze Stück einförmig; in dem nämlichen Maße der Geschwindigkeit,
+in welchem die ersten Takte gespielet worden, müssen sie alle, bis zu den
+letzten, gespielet werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik notwendig,
+weil ein Stück nur einerlei ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine
+Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich sein würde. Mit
+der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von
+mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stück annehmen und die
+Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen die Glieder, auch
+alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären und aus der nämlichen
+Anzahl von Silben des nämlichen Zeitmaßes bestünden, dennoch nie mit
+einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht
+auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dem
+ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein
+können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern
+schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlupft; auf den
+beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort,
+und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser
+Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine
+künstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen,
+so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden,
+sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem
+durchdrungenen Herzen und nicht bloß aus einem fertigen Gedächtnisse
+fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde
+Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des
+Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und
+Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und
+Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen
+damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich
+unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen
+entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die
+Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die
+Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu
+vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente
+auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget,
+bloß dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben
+imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich
+urteile bloß so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in
+welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in
+dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort.
+
+Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches
+Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe",
+aufgeführet. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt,
+daß bereits zwei andere Stücke von ihm den Beifall des dortigen Publikums
+erhalten hätten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwärtigen zu
+urteilen, müssen sie nicht ganz schlecht sein.
+
+Die Hauptzüge der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der
+"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wünschte, daß Herr Heufeld,
+ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den
+"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert
+hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines
+Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stücken glücklicher
+gewesen sein.
+
+Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr
+gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung
+fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig
+guten so weit voneinander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in
+den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzügen nicht zwingen lassen.
+Die Geschichte konnte sich auf der Bühne unmöglich so schließen, wie sie
+sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber
+der Julie mußte hier glücklich werden, und Herr Heufeld läßt ihn
+glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerin. Aber hat Herr Heufeld auch
+überlegt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist?
+Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst
+eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist
+nichts als eine kleine verliebte Närrin, die manchmal artig genug
+schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schöne Stelle im Rousseau
+besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwähnet
+habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein
+schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen und wird zuletzt ein
+Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals
+erdichtet hat, weit übertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren
+Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie
+über ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke
+nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie
+gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf
+der Zunge, und Torheit im Herzen hat?
+
+Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft.
+Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich
+wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten
+ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer sein
+wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte
+Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angeführte Kunstrichter, "den
+Philosophen. Den Philosophen! Ich möchte wissen, was der junge Mensch in
+der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst?
+In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all-
+gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt
+und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er
+abenteuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Tun und
+Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Überlegung. Er setzet das
+stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen
+genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schülerin oder von
+seinem Freunde an der Hand geführet zu werden."--Aber wie tief ist der
+deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Teil X, S. 255 u. f.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neuntes Stück
+Den 29. Mai 1767
+
+In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen
+aufgeklärten Verstand zu zeigen und die tätige Rolle des rechtschaffenen
+Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komödie ist weiter nichts, als
+ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend
+macht und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen
+nicht durchgängig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze
+Wirksamkeit läuft auf ein paar mächtige Torheiten heraus. Das Bürschchen
+will sich schlagen und erstechen.
+
+Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Siegmund nicht in
+genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch
+vorzubeugen, wenn er zu erwägen gibt: "daß ein Mensch seinesgleichen, in
+einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle
+Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten
+könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann
+sei, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter,
+Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten."
+
+Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den
+Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem
+Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben
+beimißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der
+Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch
+sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die
+Menschen sind, und können es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir
+ihnen, bloß auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmöglich für sie
+interessieren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die
+geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble
+Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und
+allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deswegen, weil Julie,
+ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund für den vortrefflichsten,
+vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen
+bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller
+dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen
+Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr,
+in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große
+Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den
+kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das
+meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die
+größten. Wie traf es sich denn indes, daß vierundzwanzig Stunden Zeit
+genug waren, dem Siegmund zu den zwei äußersten Narrheiten Gelegenheit zu
+schaffen, die einem Menschen in seinen Umständen nur immer einfallen
+können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser
+antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so
+natürlich herbeigeführet, noch so fein behandelt sein: so würden darum
+die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre
+üble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stürmischen Scheinweisen
+nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln
+könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den
+allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken.
+
+Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen
+andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählet hatte,
+wird beim Rousseau nur kaum berührt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine
+ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas
+wagt. Er läßt den Vater die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die
+Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler
+hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der
+Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der
+Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs
+könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, daß,
+wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut
+zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, daß dieses unterlassen worden. Die
+Pantomime muß nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in
+solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber
+das Auge muß es nicht wirklich sehen.
+
+Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie
+gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die
+Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter
+fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns,
+denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte
+übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen außerordentlichen Hebel
+verzeihen; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da
+keine Gründe bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung
+ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlusse nur
+noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche
+Überraschung der unerwartetsten Begegnung erschüttert, und in einer Art
+von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter,
+verführerische Zärtlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau
+kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er
+sich entschließen, ihr sie abzunötigen, oder, wenn man will, abzustehlen.
+Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß
+sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe.
+Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die
+Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: hätte Herr Heufeld
+die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloß das
+Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewöhnliche
+derselben vor dem Vorwurfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen
+wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan hätte,
+so würden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so
+recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein
+hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht
+eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung tut.
+Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausführte, die Aktion, mit der er
+einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter
+beschwor, wären es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu
+begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei
+Zergliederung des Planes, merklich wird.
+
+Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des
+Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen
+Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er
+ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der
+Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn
+ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam
+und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten,
+die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel
+besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf
+Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben,
+zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine
+Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen
+gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber
+keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden raten, sich dieser
+Besondernheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider
+Geschlechter gewöhnet, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des reizendern
+nicht etwas Leeres empfinden sollten.
+
+Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen
+Destouches, das nämliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Bühne
+gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Aufzügen daraus gemacht
+und sind daher genötiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen
+Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt "Die Mitgift" und wird vom
+Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von
+den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches
+führt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im
+Jahre 1745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzige
+Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beifall, und ist
+erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später,
+als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht
+der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mehrern mit so vieler
+Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es
+eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder
+zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in
+Benennung seiner Stücke; und meistenteils nahm er sie von dem aller-
+unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den
+Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling für seine Mühe bekam.
+
+
+
+
+Zehntes Stück
+Den 2. Juni 1767
+
+Das Stück des fünften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das
+unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches.
+
+Wenn wir die Annales des französischen Theaters nachschlagen, so finden
+wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers gerade den
+allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch "Der
+verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der
+poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in
+ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf
+dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er
+seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er
+eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu
+entfernen; und wenn er es tut, dünket man sich berechtiget, darüber zu
+stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas
+Schlechters zu finden, sobald man nicht das nämliche findet. Destouches
+hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in
+seinem "Verschwender" Muster eines feinern, höhern Komischen gegeben, als
+man vom Molière, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war.
+Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu
+seiner eigentümlichen Sphäre; was bei dem Poeten vielleicht nichts als
+zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende
+Fähigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen
+nicht zu können: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern
+ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen,
+ehe sie ihr voreiliges Urteil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß
+das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molièrischen von einerlei Güte
+sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin
+zu spüren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den
+behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern
+mehrenteils von der hölzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und
+mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sein
+Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als lächerlich. Aber
+demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen
+Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein
+verzärtelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus
+Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen
+Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten.
+
+Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue
+Agnese".
+
+Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber
+insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundin eines gewissen Bernard.
+"Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst
+in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf
+fragte das liebe einfältige Mädchen: "Aber Mama, wer ist denn der
+Bernard, der die Leute glücklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten,
+faßte sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich
+mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese." Nicht
+lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute
+Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnügen; Mama bekömmt Verdacht;
+Mama beschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mama von dem
+Töchterchen ebenso schöne Seufzer zu hören, als das Töchterchen jüngst
+von Mama gehört hatte. Die Mutter ergrimmt, überfällt sie, tobt. "Nun,
+was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Mädchen. "Sie haben sich
+den h. Bernard gewählt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum
+nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Märchen, mit welchen das
+weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart
+fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein
+muß. Er sahe nichts Anstößiges darin, als die Namen der Heiligen, und
+diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine
+platonische Weise, eine Anhängerin der Lehre des Gabalis; und der h.
+Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt
+eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann
+auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und
+Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen
+Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen näherzubringen
+gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen
+ist von der reizendsten, verehrungswürdigsten Unschuld; und durch das
+Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Teil dem
+deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veränderungen
+selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber
+Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß
+er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten hätte.--Die Rolle der
+Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine
+vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung
+verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles kömmt ihr hier zustatten;
+und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles
+von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten
+zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht
+weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf.
+
+Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des
+Hrn. von Voltaire aufgeführet.
+
+Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die französische Bühne
+gebracht, erhielt großen Beifall und macht in der Geschichte dieser Bühne
+gewissermaßen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und
+"Alzire", seinen "Brutus" und "Cäsar" geliefert hatte, ward er in der
+Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten
+Griechen in vielen Stücken weit überträfen. "Von uns Franzosen", sagt er,
+"hätten die Griechen eine geschicktere Exposition und die große Kunst,
+die Auftritte untereinander so zu verbinden, daß die Szene niemals leer
+bleibt und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen
+können. Von uns", sagt er, "hätten sie lernen können, wie Nebenbuhler und
+Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der
+Dichter mit einer Menge erhabner, glänzender Gedanken blenden und in
+Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können"--O freilich;
+was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar
+ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demütig um
+Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu dürfen. Er möchte vielleicht
+einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzosen auf das Wesentliche des
+Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären,
+welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es,
+dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein
+einziges vermißte er bei seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke
+derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die
+Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewürdiget
+hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von
+dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das
+stehende Volk drängt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders
+beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu
+dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren
+notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß bloß
+dieser Übe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem
+freiern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel
+gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine
+"Semiramis". Eine Königin, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um
+ihnen ihre Vermählung zu eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft
+steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Mörder zu rächen;
+diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder
+herauszukommen: das alles war in der Tat für die Franzosen etwas ganz
+Neues. Es macht so viel Lärmen auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp
+und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter
+glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und
+ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern
+so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben,
+vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefähr spielen ließ. Bei der
+ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich
+hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen
+erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser
+Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frei;
+und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so außerordentlichen
+Stückes, war, ist nach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber
+vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, "Semiramis"
+in diesem Stücke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch häufig
+bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte
+entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu können.
+
+
+
+
+Eilftes Stück
+Den 5. Junius 1767
+
+Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele
+eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie
+mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick
+dabei zu verweilen.
+
+"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire,
+"daß man an Gespenster nicht mehr glaube und daß die Erscheinung der
+Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch
+sein könne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum hätte diese
+Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt sein, sich nach dem
+Altertume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen
+außerordentliche Fügungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte
+lächerlich sein, sie zu erneuern?"
+
+Diese Ausrufungen, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor
+allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In
+Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gründe, aus ihr genommen, recht
+gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht
+tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts
+entscheiden sollen; nur als eine Art von Überlieferung des Altertums,
+gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des
+Altertums gelten. Und sonach hätten wir es auch hier nur mit dem
+Altertume zu tun.
+
+Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen
+Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn
+wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgeführet finden, so wäre
+es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozeß zu machen.
+Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende
+dramatische Dichter die nämliche Befugnis? Gewiß nicht.--Aber wenn er
+seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdenn
+nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er
+erzählt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt
+es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen,
+nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz
+andern und höhern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck,
+sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch
+die Täuschung rühren. Wenn es also wahr ist, daß wir itzt keine
+Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Täuschung notwendig
+verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisieren
+können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn
+er uns demohngeachtet solche unglaubliche Märchen ausstaffieret; alle
+Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren.
+
+Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und
+Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des
+Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust
+wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beispiele für sich, wo das
+Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten
+Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich
+zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung
+wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das?
+Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in
+unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon
+erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an
+Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind
+auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm
+alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt
+vorkommen muß? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine
+Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich
+fast ebensoviel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist
+und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu
+denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben
+diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen
+das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält
+sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage
+mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit
+Grausen davon erzählen.
+
+Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den
+dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu
+machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am
+häufigsten, für die er vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf seine Kunst
+an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den
+Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu
+geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben
+glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will.
+
+So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein.
+Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie
+mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von
+Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es
+macht ihn und seinen Geist des Ninus--lächerlich.
+
+Shakespeares Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn
+es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht,
+in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnisvollen Nebenbegriffe,
+wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu
+denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum
+Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der bloße verkleidete
+Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich
+machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgibt; alle Umstände
+vielmehr, unter welchen er erscheinet, stören den Betrug und verraten
+das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken
+möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur
+dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Stände des
+Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische
+Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß
+Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können,
+daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und große Gesellschaften gar
+nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverlässig das auch; aber er
+war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte
+uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art
+sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich
+Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten
+unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu sein;
+und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion.
+
+Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so
+würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden
+haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu
+lassen. Alle müssen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und
+Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der
+Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun
+richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie
+auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser
+vielfache Ausdruck des nämlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und
+von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf
+uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern
+es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare
+ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der
+Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch
+gehört. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale
+eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüts wir an ihm entdecken,
+desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung
+in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das
+Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der
+Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns über, und die Wirkung ist
+zu augenscheinlich und zu stark, als daß wir an der außerordentlichen
+Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff
+verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel.
+Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht
+mehr Umstände mit ihm, als man ohngefähr mit einem weit entfernt
+geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt.
+
+
+
+
+Zwölftes Stück
+Den 9. Junius 1767
+
+Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des
+englischen und französischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist
+nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es
+interessiert uns für sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares
+Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen
+Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid.
+
+Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen
+Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire
+betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare
+als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer
+denkt, dürfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der
+Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem
+Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir
+also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte bloß damit
+lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu
+bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen
+Gesetzen mache.
+
+Ich will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter
+seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung
+irgendeiner großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen,
+daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; daß
+sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche
+einzelne Maxime abzwecken; daß man unrecht tut, den letzten Sittenspruch,
+den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so
+anzusehen, als ob das Ganze bloß um seinetwillen da wäre.
+
+Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst
+hätte, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, daß man nämlich
+daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die, außerordentliche
+Lastertaten zu strafen, außerordentliche Wege wähle: so würde "Semiramis"
+in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück sein. Besonders da diese
+Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem
+weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser außerordentlichen Wege
+nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die
+ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken.
+
+Doch ich will mich bei dem Stücke nicht länger verweilen, um noch ein
+Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle
+Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Bühne ist geräumlich genug, die
+Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in
+verschiedenen Szenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem
+besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als
+möglich in einen.
+
+Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, gespielet.
+
+Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die französische Bühne und
+fand so allgemeinen Beifall, daß es in Jahr und Tag sechsunddreißigmal
+aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus
+den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Destouches; sondern eine
+in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Sie hat
+wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte und unnatürliche
+Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem
+Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig französische
+Stücke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser
+ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das
+schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigte
+Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront
+unverbesserlich. Ich kann es überhoben sein, von dem Stücke selbst zu
+reden. Es ist zu bekannt und gehört unstreitig unter die Meisterstücke
+der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen
+sehen wird.
+
+Das Stück des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus,
+oder Die Schottländerin" des Hrn. von Voltaire.
+
+Es ließe sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein
+Verfasser schickte es als eine Übersetzung aus dem Englischen des Hume,
+nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern
+dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht
+hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke"
+des Goldoni etwas Ähnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni
+das Urbild des Frélon gewesen zu sein. Was aber dort bloß ein bösartiger
+Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frélon nannte,
+damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den
+Journalisten Fréron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden
+schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich
+versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Neckereien der
+französischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen über die
+Persönlichkeiten dieses Stücks weg und finden in dem Frélon nichts als
+die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht
+fremd ist. Wir haben unsere Frélons so gut, wie die Franzosen und
+Engländer, nur daß sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere
+Literatur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses
+Charakters aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat das Stück doch,
+noch außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein könnte
+es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmütigkeit, und
+die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden.
+
+Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm auf den
+Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein rühmte.
+Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die
+"Schottländerin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", übersetzt
+und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem
+Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen
+Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verstoßen; z.E.
+darin, daß er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Colman
+mietet sie dafür bei einer ehrlichen Frau ein, die möblierte Zimmer hält,
+und diese Frau ist weit anständiger die Freundin und Wohltäterin der
+jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman
+für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist
+nicht bloß eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie,
+von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer
+Schutzgöttin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung
+wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frélon stehet,
+den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphäre von
+Tätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso
+eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Französischen der Lord
+Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und
+er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet.
+
+Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen
+durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere
+sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige
+Stücke weit vor, von welchen man "Die eifersüchtige Ehefrau" auf dem
+Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die
+sich ihrer erinnern, ungefähr urteilen können. "Der englische Kaufmann"
+hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug
+darin genähret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar.
+Hiernächst hat er ihnen zuviel Ähnlichkeit mit andern Stücken, und den
+besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, hätte nicht
+den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine
+gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw.
+
+Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegründet; indes sind wir
+Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und
+verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und
+ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal
+übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit
+Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen
+sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst
+entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre
+besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley würden uns, ohne diesen
+Ausbau des allzu wollüstigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren
+Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem
+so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die
+geringste Veränderung, bei uns Glück gemacht, welches ich von keiner
+einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte.
+
+Auch die Italiener haben eine Übersetzung von der "Schottländerin", die
+in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie
+folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine
+Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte,
+Frélon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so
+verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu
+schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte
+diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung
+des Frélons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der
+poetischen Gerechtigkeit.
+
+
+
+
+Dreizehntes Stück
+Den 12. Junius 1767
+
+Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden.
+Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler durch
+einen epidemischen Zufall außerstand gesetzet, zu agieren; und man mußte
+sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte "Die neue
+Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante".
+
+Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische
+Dorfjunker", vom Destouches, aufgeführt.
+
+Dieses Stück hat im Französischen drei Aufzüge, und in der Übersetzung
+fünfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche
+Schaubühne" des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen
+zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Übersetzerin, war eine viel
+zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres
+Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch
+für große Mühe, aus drei Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem
+andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spaziergang im
+Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der
+Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie
+ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was
+hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Übersetzung
+selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin
+die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie
+überall ebenso glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals
+eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der
+Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe
+Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen
+hören. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, läßt
+Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen,
+Mademoiselle; ich habe Sie für eine Virtuosin gehalten." "O pfui!"
+erwidert Henriette; "wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches
+Mädchen; daß Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", fällt ihr Masuren
+ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Virtuosin,
+sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, daß man das nicht zugleich
+sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched
+anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte
+man, daß sie das tat. Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin
+zu sein, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht
+böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der
+Person einer dummen Agnese, sagt, hätte die Frau Professorin immer, ohne
+Maulspitzen, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde
+Wort Virtuosin anstößig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern
+Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und
+verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht.
+
+Den Beschluß dieses Abends machte "Die stumme Schönheit", von Schlegeln.
+
+Schlegel hatte dieses kleine Stück für das neuerrichtete Kopenhagensche
+Theater geschrieben, um auf demselben in einer dänischen Übersetzung
+aufgeführet zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich
+dänischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes
+komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall
+eine ebenso fließende als zierliche Versifikation, und es war ein Glück
+für seine Nachfolger, daß er seine größern Komödien nicht auch in Versen
+schrieb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so
+würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider
+sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komödie sehr
+lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben
+überstiegen hätte, desto unwiderleglicher würden seine Gründe geschienen
+haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel,
+wie unsägliche Mühe es koste, nur einen Teil derselben zu übersteigen,
+und wie wenig das Vergnügen, welches aus diesen überstiegenen
+Schwierigkeiten entstehet, für die Menge kleiner Schönheiten, die man
+ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so
+ekel, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Molière, nach seinem Tode,
+in Verse bringen mußte; und noch itzt hören sie ein prosaisches Lustspiel
+als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer
+hingegen würde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die
+Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger?
+Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie
+itzt schon wählen und ausmustern wollten?
+
+Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme
+Schöne, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin
+hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels
+stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts
+spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei würde also
+dieses sein, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken
+müßte, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten ließe, die
+bloß mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Ihr
+Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu sein; sie
+können so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren
+kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben,
+da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht
+spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen.
+Auch ihre Kleidung muß weder altvätrisch, noch schlumpicht sein; denn
+Frau Praatgern sagt ausdrücklich:
+
+ "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Laß doch sehn!
+ Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant.
+ Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?"
+
+In dieser Musterung der Fr. Praatgern überhaupt hat der Dichter deutlich
+genug bemerkt, wie er das Äußerliche seiner stummen Schöne zu sein wünsche.
+Gleichfalls schön, nur nicht reizend.
+
+ "Laß sehn, wie trägst du dich?--Den Kopf nicht so zurücke!"
+
+Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn
+zurückhalten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Charlotten den
+Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer
+Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren
+gerade die, welche der stummen Schönheit am meisten entsprechen; sie
+zeigen die Schönheit in ihrem besten Vorteile, nur daß sie ihr das
+Leben nehmen.
+
+ "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke."
+
+Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit großen schönen Augen zu
+dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht
+regen; ihre Blicke müssen langsam und stier sein; sie müssen uns mit
+ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber
+nichts sagen.
+
+ "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich!
+ Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich."
+
+Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische
+Neige, einen dummen Knicks machen läßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt
+sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau
+Praatgern muß sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte
+verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das
+ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob
+ich gleich nicht glaube, daß die Praatgern sonst eine Rolle für sie ist.
+Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern
+wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer
+Tochter ist, durchaus nicht lassen.
+
+Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miß Sara Sampson"
+aufgeführet.
+
+Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in
+der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut
+gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den
+meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht
+zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind;
+wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie
+gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der übermäßigen Länge eines
+Stücks durch das bloße Weglassen nur übel abgeholfen, und ich begreife
+nicht, wie man eine Szene verkürzen kann, ohne die ganze Folge des
+Dialogs zu ändern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht
+anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe wert dünket
+und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf
+ewig die Hand von ihnen abziehen.
+
+Madame Henseln starb ungemein anständig; in der malerischsten Stellung;
+und besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine
+Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder
+Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die
+glücklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich,
+äußerte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes,
+ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward
+und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden
+Lichts; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit
+in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf
+meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal!
+
+
+
+
+Vierzehntes Stück
+Den 16. Junius 1767
+
+Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunstrichter,
+welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr
+gründlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten
+etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben.
+
+Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät
+geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen,
+deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am
+tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden
+haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
+Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er
+sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein
+verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand,
+und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.
+
+"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man
+verkennst die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedürfe, uns zu
+bewegen und zu rühren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters,
+des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen
+überhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte
+immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname,
+die Geburt des Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige
+Freunde und das verführerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen
+Wohlstand und seine Ehre darüber zugrunde gerichtet, und nun im
+Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er
+ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist
+er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt
+wird, schmachtet in der äußersten Bedürfnis und kann ihren Kindern,
+welche Brot verlangen, nichts als Tränen geben. Man zeige mir in der
+Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte,
+tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche
+vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel
+ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und
+fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes
+marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen;
+was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu sein? Das Wunderbare,
+wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare
+genugsam in dem plötzlichen Übergange von der Ehre zur Schande, von der
+Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in
+dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gestürzet?"
+
+Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und
+Marmontels, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das
+bürgerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen
+werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche
+Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit
+Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als
+schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel über sein
+Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet
+vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und
+Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem
+Stücke gemacht hat, welches er "Das Gemälde der Dürftigkeit" nennet, hat
+schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen,
+hätten wir es für unser Theater adoptieren sollen.
+
+Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist
+zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird
+lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe
+einer gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was
+Voltaire bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer
+alles ausführen, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige
+Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte
+man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich
+sonst ganz gut."
+
+Den zwölften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom
+Regnard, aufgeführet.
+
+Dieses Stück ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber
+Rivière du Frény, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne
+brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß
+ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard
+schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite
+nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Plagiarius
+gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir es ihm wohl noch dazu danken,
+daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu
+mißbrauchen; er bemächtigte sich, bloß zu unserm Besten, der Materialien,
+von denen er voraussahe, daß sie verhunzt werden würden. Wir hätten nur
+einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch
+hätte er die Tat eingestehen und dem armen Du Frény einen Teil der damit
+erworbnen Ehre lassen müssen.
+
+Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph" wiederholst; und den Beschluß machte "Der Liebhaber als
+Schriftsteller und Bedienter".
+
+Der Verfasser dieses kleinen artigen Stückes heißt Cerou; er studierte
+die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen
+gab. Es fällt ungemein wohl aus.
+
+Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter",
+vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgeführt.
+
+Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf
+dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es
+ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Molière nicht hätte
+schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit
+besser sein können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten
+gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer
+kalten Erzählung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet
+worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters
+deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darin der erste von
+seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel
+nicht, und Quinault hätte es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten
+Verliebten" können bewenden lassen.
+
+"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem
+funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit außerordentlichen Beifall
+fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des
+guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der
+Personen entspringet und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brueys gab
+ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es
+gegenwärtig aufgeführet wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz
+vortrefflich.
+
+Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist"
+vorgestellt.
+
+Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschämten Freigeistes", weil man
+ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift
+führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß
+derjenige beschämt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht
+einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an
+diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der für Wahrheit
+und Irrtum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann sind alles
+Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stücks erfüllen
+müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß die Vorstellung alles
+Beifalls würdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und
+besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen
+Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über
+die Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze
+Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen.
+
+Den Beschluß dieses Abends machte das Schäferspiel des Hrn. Pfeffels:
+"Der Schatz".
+
+Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein
+anders, "Der Eremit", nicht unrühmlich bekannt gemacht. In den "Schatz"
+hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere
+Schäferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändelnde Liebe ist.
+Sein Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch
+die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes
+Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes
+werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines
+Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele,
+auf rührende Stücke könnte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber
+wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen
+übergehen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Étranger", Décembre 1761.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Funfzehntes Stück
+Den 19. Junius 1767
+
+Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaïre" des
+Herrn von Voltaire aufgeführt.
+
+"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire,
+"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stück entstanden.
+Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen
+Tragödien nicht genug Liebe wäre. Er antwortete ihnen, daß seiner Meinung
+nach die Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe
+sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten,
+so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward
+in achtzehn Tagen vollendet und fand großen Beifall. Man nennt es zu
+Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des
+Polyeukts, vorgestellet worden."
+
+Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch
+lange das Lieblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch,
+nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit
+besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien
+zugänglichen Sitz einer unumschränkten Gebieterin verwandelt; ein
+verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als
+ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion
+streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das
+gern fromm sein möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein
+Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst rächet;
+wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen,
+durch was ließe es sich denn bestechen?
+
+Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaïre diktiert: sagt ein Kunstrichter
+artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur
+eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist
+"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire läßt seine
+verliebte Zaïre ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken;
+aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemälde aller der
+kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele
+einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet,
+aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich
+bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und
+Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den
+Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache,
+denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das
+behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will,
+als was sie bei der spröden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter
+verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den Geheimnissen
+der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das
+Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat
+er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit
+unter dem Dichter geblieben.
+
+Von der Eifersucht läßt sich ohngefähr eben das sagen. Der eifersüchtige
+Orosman spielt gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespeare eine sehr
+kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman
+gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der
+den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich hätte
+gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu
+eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosman
+einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines
+Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht
+mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das
+vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei; da können wir alles
+lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden.
+
+Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen,
+immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das
+ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese
+Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsätzlich
+vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Übersetzung von Shakespeare.
+Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr
+darum. Die Kunstrichter haben viel Böses davon gesagt. Ich hätte große
+Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern
+zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin
+bemerkt haben: sondern weil ich glaube, daß man von diesen Fehlern kein
+solches Aufheben hätte machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein
+jeder anderer, als Herr Wieland, würde in der Eil' noch öftrer verstoßen
+und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr überhüpft haben; aber
+was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er
+uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man
+unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die
+es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es
+sie liefert, so beleidigen, daß wir notwendig eine bessere Übersetzung
+haben müßten.
+
+Doch wieder zur "Zaïre". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die
+Pariser Bühne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und
+auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Übersetzer war
+Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten
+Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in
+dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines
+Stücks an den Engländer Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden.
+Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehmen, als er es
+ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem
+skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben
+geschrieben hat!
+
+Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine
+Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist
+so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige
+Gewohnheit bestand darin, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden
+mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Übrige des
+Stücks; und notwendig mußten diese Verse eine Vergleichung enthalten.
+Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe,
+Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen,
+bis sie einschlafen. Der Übersetzer der "Zaïre" ist der erste, der es
+gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten
+Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es
+empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen und der Poet
+sich überall verbergen müsse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen."
+
+Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das
+ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, daß die
+Engländer, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch länger her,
+die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein paar
+gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als
+Vergleichungen enthielten, daß sie notwendig Vergleichungen enthalten
+müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von
+Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die
+tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die
+Nase sagen können. Zweitens ist es nicht an dem, daß Hill in seiner
+Übersetzung der "Zaïre" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar
+beinahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Übersetzung seines
+Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer.
+Gleichwohl muß es so sein. Denn so gewiß sie in reimfreien Versen ist, so
+gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen.
+Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter
+allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson
+und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heißen, ihre
+Aufzüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfe, die gleichfalls
+keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Hätte er aber auch
+wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch
+drittens das nicht wahr, daß sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von
+dem es Voltaire sein läßt. Noch bis diese Stunde erscheinen in England
+ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit
+gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem
+einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach der Übersetzung
+der "Zaïre", gemacht, sich der alten Mode gänzlich entäußert. Und was ist
+es denn nun, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind,
+können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nämlich,
+nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit
+schicklicher aus dem Stücke selbst abgenommen würde, als daß es die
+Pfeife oder der Schlüssel gibt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] From English Plays, Zara's French author fir'd,
+ Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd,
+ From rack'd Othello's rage, he rais'd his style
+ And snatch'd the brand, that lights this tragic pile.
+
+[2] Le plus sage de vos écrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie wäre das
+wohl recht zu übersetzen? Sage heißt: weise; aber der weiseste unter den
+englischen Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich
+besinne mich, daß die Franzosen auch ein Mädchen sage nennen, dem man
+keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat.
+Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passen. Und nach diesem könnte man ja
+wohl geradezu übersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern,
+der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt."
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechzehntes Stück
+Den 23. Junius 1767
+
+Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr
+unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und
+übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien
+und gebärdeten sie sich als Besessene; und das übrige tönten sie in einer
+steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den
+Komödianten verriet. Als er daher seine Übersetzung der "Zaïre" aufführen
+zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaïre einem jungen
+Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urteilte
+so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl und Stimme und Figur und
+Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie
+braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar
+Stunden überreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf
+sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es
+ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, daß
+nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge
+leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des
+Komödianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten
+Jahre ward ein Meisterstück. Es ist merkwürdig, daß auch die französische
+Schauspielerin, welche die Zaïre zuerst spielte, eine Anfängerin war. Die
+junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch berühmt, und
+selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht
+kläglich bedauerte.
+
+Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der
+kein Komödiant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er
+spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken,
+öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als
+irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen
+Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten.
+"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist
+dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in
+der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der französische Hof
+hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat
+weiter nichts Besonders dabei gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit
+aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein
+Unterschied, als daß die eine über die andere ebensoweit erhaben ist, als
+es Talente, welche vorzügliche Seelenkräfte erfodern, über bloß
+körperliche Fertigkeiten sind?"
+
+Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaïre" übersetzt; sehr genau und
+sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher
+Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser? Mit der
+einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen,
+wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, läßt
+ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns über das Schicksal des
+Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne
+Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt
+also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller
+Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den
+Text setzen.[1]
+
+Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem
+welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist
+er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er
+sich den tödlichen Stoß beigebracht, so lassen wir den Vorhang
+niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack
+dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mehrern
+Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich
+ein Trauerspiel wie ein Epigramm schließen soll? Immer mit der Spitze des
+Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns
+gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die
+Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es
+auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so
+unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache
+einer Sache, die nicht ist. Wir hätten kalt Blut genug, den Dichter bis
+ans Ende zu hören, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir
+würden recht gern die letzten Befehle des großmütigen Sultans vernehmen;
+recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber
+wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiß ich
+kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es wäre
+begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten.
+Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen.
+
+Bei keiner Nation hat die "Zaïre" einen schärfern Kunstrichter gefunden,
+als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des
+berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel
+daran auszusetzen, daß er es für etwas Kleines hielt, eine bessere zu
+machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung
+der Zaïre das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan
+über seine Liebe sieget und die christliche Zaïre mit aller der Pracht in
+ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der
+alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen?
+Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser,
+daß er uns kalt läßt; er interessiere uns und mache mit den kleinen
+mechanischen Regeln, was er will. Die Duime können wohl tadeln, aber den
+Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich
+darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf
+den Ungrund der Kritik geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in
+vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten,
+deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das
+Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der
+Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der
+sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er,
+"kömmt, Zaïren in die Moschee abzuholen; Zaïre weigert sich, ohne die
+geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und
+Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl
+seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum
+dringt er nicht in Zaïren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er
+ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter
+Duim! wenn sich Zaïre deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die
+andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in
+die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts
+ist ebenso abgeschmackt: Orosman kömmt wieder zu Zaïren; Zaïre geht
+abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosman, der gute
+Schlucker (dien goeden hals), tröstet sich desfalls in einer Monologe.
+Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewißheit mußte doch bis zum
+fünften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare
+hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärkern.
+
+Die letzterwähnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler,
+der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem
+bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner
+zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemütsbewegung in die andere
+übergehen, und diesen Übergang durch das stumme Spiel so natürlich zu
+machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern
+durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit
+fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Großmut,
+willig und geneigt, Zaïren zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen
+sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein
+Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue,
+und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich
+genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch
+da Zaïre auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu
+haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der äußerste Unwille.
+Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit
+zur Erbitterung über. Alles was Rémond de Sainte-Albine in seinem
+"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf
+eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das
+Vorbild des Kunstrichters gewesen sein.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Questo mortale orror che per le vene
+ Tutte mi scorre, omai non è dolore,
+ Che basti ad appagarti, anima bella.
+ Feroce cor, cor dispietato, e misero,
+ Paga la pena del delitto orrendo.
+ Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete
+ Tinte del sangue di si cara donna.
+ Voi--voi--dov'è quel ferro? Un' altra volta
+ In mezzo al petto--Oimè, dov'è quel ferro?
+ L'acuta punta--
+ Tenebre, e notte
+ Si fanno intorno--
+ Perchè non posso--
+ Non posso spargere
+ Il sangue tutto?
+ Sì, sì, lo spargo tutto, anima mia,
+ Dove sei?--più non posso--oh Dio! non posso--
+ Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio!
+
+[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745.
+
+[3] "Le Comédien", Partie II, chap. X. p. 209.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebzehntes Stück
+Den 26. Junius 1767
+
+Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom
+Gresset, aufgeführet.
+
+Dieses Stück kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider
+den Selbstmord konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen
+sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die
+Engländer dürften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er
+geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht,
+zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine
+Reue könnte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem
+französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für
+eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre.
+
+Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu
+sein. Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und
+finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem
+dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu
+haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein
+französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etikette, welche
+der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun
+erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist,
+als der gesundesten einer, so läßt ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich
+es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen glücklicher Eifer usw."
+Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse
+aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das
+erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter
+seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich
+Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu tun, was der
+Dichter hätte tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht
+das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm
+wenigstens den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten
+dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann würde ich mich gegen
+Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen.
+Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart!
+
+Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von
+seinen stärksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das
+Gefühl der Fühllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze
+Gemütsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit
+größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch
+die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper gibt, und
+seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt. Welcher
+fortreißende Ton der Überzeugung!--
+
+Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Aufzuge, nach dem
+Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man
+errät gleich, daß ein Narr oder eine Närrin darin vorkommen muß, der es
+hauptsächlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener
+Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die
+Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der
+Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den
+Pflegesohn eines gewissen bürgerlichen Lisanders, aber es findet sich,
+daß Lisander sein wahrer Vater ist. Nun wäre weiter an die Heirat nicht
+zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfälle zu dem
+bürgerlichen Stande herablassen müssen. In der Tat ist er von ebenso
+guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche
+Ausschweifungen aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen
+Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung
+gelingt und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der
+Hauptton desselben rührender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der
+Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre
+Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen
+Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch
+zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irreführen. Und dieser tut
+es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen
+Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr
+zum Vorteile des Stücks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast
+allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt.
+
+Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der
+Trommel" gespielt.
+
+Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her.
+Addison hat nur eine Tragödie und nur eine Komödie gemacht. Die
+dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf
+weiß sich überall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden
+Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung,
+wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen.
+Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der französischen
+Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addisons, und diese
+Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden.
+Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet!
+
+Destouches, der in England persönlichen Umgang mit Addison gehabt hatte,
+zog das Lustspiel desselben über einen noch französischern Leisten. Wir
+spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und
+natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich
+mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche
+Übersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und
+manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet.
+
+Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, wiederholt.
+
+Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend
+(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde.
+
+Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch
+gefällt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus
+dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre
+allgemeine Schönheiten sein müssen, und die Fehler vielleicht nur
+willkürliche Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen
+kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des
+Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Übliche aus den Augen gesetzt:
+immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stücke
+ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl,
+so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloß erdichtete Namen
+dafür. Regnard hat es gewiß so gut als ein anderer gewußt, daß um Athen
+keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des
+Demokrits, keinen König hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht
+wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden
+Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen
+Dichters, und nicht die historische Wahrheit.
+
+Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des
+Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das
+abgeschmackte Geschwätz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt,
+weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern
+weil es Unsinn in jedes andern Munde sein würde, der Dichter möchte ihn
+genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bei der guten
+Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist
+gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen
+soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er
+ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein
+zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung
+mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit
+der Mademoiselle Beauval und La Thorillière diese Szenen zuerst spielten,
+hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern
+fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen, aber da sie durch
+die Überlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so kömmt
+es niemanden ein, etwas daran zu ändern, und ich will mich wohl hüten, zu
+sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden
+sollte. Der beste, drolligste und ausgeführteste Charakter ist der
+Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller
+boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts
+weniger als episodisch, sondern zur Auflösung des Knoten ebenso
+schicklich als unentbehrlich ist.[1]
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Histoire du Théâtre Français", T. XIV. p. 164.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtzehntes Stück
+Den 30. Junius 1767
+
+Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel
+des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgeführt.
+
+Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für die Theater in Paris
+gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte
+1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele
+beläuft sich auf einige dreißig, wovon mehr als zwei Dritteile den
+Harlekin haben, weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter
+diese gehören auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst,
+ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder
+hervorgesucht wurden, und desto größern erhielten.
+
+Seine Stücke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und
+Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen
+der nämliche schimmernde und öfters allzu gesuchte Witz; in allen die
+nämliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die
+nämliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von
+einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner
+Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und
+doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende
+einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben.
+
+Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof.
+Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben
+alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen,
+dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im
+Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber
+den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stücke,
+in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bei ihr
+Hänschen, und war ganz weiß, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich,
+ein großer Triumph für den guten Geschmack!
+
+Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der
+deutschen Übersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot,
+Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder
+an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht
+auch unter seinem? "Er ist ein ausländisches Geschöpf", sagt man. Was tut
+das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer wären! "Er trägt
+sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt":--so braucht er nicht erst
+lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das nämliche Individuum
+alle Tage in einem andern Stücke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als
+kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht
+Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", übermorgen in den
+"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen,
+vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend
+Varietäten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in
+Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei
+Hauptzüge hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir
+ekler, in unsere Vergnügungen wähliger und gegen kahle Vernünfteleien
+nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener
+sind--sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit
+etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene,
+besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam?
+Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri
+eingeflochten werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des
+Stücks schicken oder nicht?
+
+Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der
+wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gründlichkeit, verteidiget.
+Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Möser über das Groteske-Komische
+allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren
+Stimme habe ich schon. Es wird darin beiläufig von einem gewissen
+Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dermaleins der
+Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man
+denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr
+Möser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja
+nicht einmal gedacht zu haben erinnern.
+
+Außer dem Harlekin kömmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein
+anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige führet. Beide wurden sehr
+wohl gespielt; und unser Theater hat überhaupt an den Herren Hensel und
+Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser
+verlangen kann.
+
+Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die
+"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgeführet.
+
+Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern
+französischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der
+"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die
+Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses
+Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf
+seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Taten seiner Vorfahren
+den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und
+von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen
+nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den
+Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern.
+Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es
+gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren!
+Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger
+ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit
+gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der
+mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre?
+sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten!--Ich mag mich in
+Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von
+der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Teil der Achtung und
+Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais
+gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische
+Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit
+fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein
+genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was
+nicht geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies,
+von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man
+äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten
+Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze
+getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für andere, die gar keine
+Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?)
+durch ihre bloße Teilnehmung aufhelfen möge:--und sehe und höre um sich.
+"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloß der Wucherer Albinus, "daß unsere
+Bürger wichtigere Dinge zu tun haben!"
+
+------Eu!
+Rem poteris servare tuam!--
+
+Wichtigere? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freilich
+unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Künsten in Verbindung
+stehet. Aber,
+
+--haec animos aerugo er cura peculî
+Cum semel imbuerit--
+
+Doch ist vergesse mich. Wie gehört das alles zur "Zelmire"?
+
+Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte
+oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum
+Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward
+Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu
+Braunschweig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland
+und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so glücklich und berühmt,
+als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit hätte machen können, wenn er
+auch ein Beaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Genie, das
+diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei würden sein
+gewissestes Los sein!
+
+Das erste Trauerspiel des Du Belloy heißt "Titus"; und "Zelmire" war sein
+zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal
+gespielt. Aber "Zelmire" fand desto größern; es ward vierzehnmal
+hintereinander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran
+satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung.
+
+Ein französischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen
+die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: "Uns wäre",
+sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die
+Jahrbücher der Welt sind an berüchtigten Verbrechen ja so reich; und die
+Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen
+wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem
+sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist,
+befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde,
+ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, daß 'Zaïre', 'Alzire',
+'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung wären. Die Namen der
+beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist
+historisch. Es hat wirklich Kreuzzüge gegeben, in welchen sich Christen
+und Türken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und
+würgten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die
+glücklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europäischen und
+amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei und der wahren Religion
+äußern müssen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die
+Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der
+Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophische Gemälde, das
+jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Encyclopédique", Juillet 1762.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunzehntes Stück
+Den 3. Julius 1767
+
+Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es
+ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben
+suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine
+Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn
+zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des
+forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen
+Gesetzgeber aufwerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt
+mit einem bescheidenen "Uns wäre lieber gewesen" an und geht zu so
+allgemein verbindenden Aussprüchen fort, daß man glauben sollte, dieses
+Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter
+folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack
+nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert.
+
+Nun hat es Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische
+Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern habe; nicht weiter, als
+sie einer wohleingerichteten Fabel ähnlich ist, mit der er seine
+Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil
+sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie
+schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten könnte. Findet
+er diese Schicklichkeit von ohngefähr an einem wahren Falle, so ist ihm
+der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbücher erst lange darum
+nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was
+geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß etwas geschehen kann, nur
+daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine
+gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zu
+halten, von der wir nie etwas gehört haben? Was ist das erste, was
+uns eine Historie glaubwürdig macht? Ist es nicht ihre innere
+Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit
+von gar keinen Zeugnissen und Überlieferungen bestätiget wird, oder von
+solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne
+Grund angenommen, daß es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das
+Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist die Geschichte, aber nicht
+das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder
+jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem
+gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die
+Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der
+Geschichte; und es heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man
+sie zu einem bloßen Panegyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den
+Nationa1stolz zu nähren mißbraucht.
+
+Die zweite Erinnerung des nämlichen französischen Kunstrichters gegen die
+"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als
+ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufälle sei, die in den engen Raum
+von vierundzwanzig Stunden zusammengepreßt, aller Illusion unfähig
+würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über die andere! ein
+Theaterstreich über den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man
+nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drängen, können
+schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles überrascht, wird
+uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. "Warum muß sich z.E.
+der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine
+Verbrechen zu offenbaren? Fällt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die
+Gemütsänderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den
+Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines
+Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu
+empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt.
+Welch geringfügige Ursachen gibt hiernächst der Dichter nicht manchmal
+den wichtigsten Dingen! So muß Polydor, wenn er aus der Schlacht kömmt
+und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Rücken
+zukehren, und der Dichter muß uns sorgfältig diesen kleinen Umstand
+einschärfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das
+Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die
+folgende Szene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen
+Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen
+Eindruck machende Szene fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit
+natürlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal
+flüchtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen
+Wink gegeben hätte? Freilich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die
+ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er
+seinen Rücken dahin oder dorthin kehret, gründen müssen. Mit dem Billett
+des Azor hat es die nämliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten
+Akte gleich mit, so wie er es hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann
+entlarvet, und das Stück hatte ein Ende."
+
+Die Übersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht
+lieber eine körnichte, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte,
+geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Übersetzungen werden
+kaum ein halbes Dutzend sein, die erträglich sind. Und daß man mich ja
+nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich
+aufhören, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen
+dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der größte
+Versifikateur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch
+weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen
+Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich,
+daß öfters, was dort nur Lückenbüßerei oder Tautologie war, hier zu
+förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabei meistens so
+niedrig und die Konstruktion so verworfen, daß der Schauspieler allen
+seinen Adel nötig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand
+brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu
+erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden!
+
+Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß
+zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso wäßrig korrekte, ebenso
+grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen
+poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird
+unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der
+Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen
+Übersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch
+der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen kadensierten
+Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der
+Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter
+erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton
+der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wünschte
+ich unserm prosaischen Übersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich
+der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, daß das Silbenmaß
+überhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am
+wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier kömmt es bloß darauf an,
+unter zwei Übeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand und Nachdruck
+der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte
+war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der
+das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstärkung
+des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es
+etwas mehr, und wir können der griechischen ungleich näher kommen, die
+durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin
+ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben
+nichts als den Wert der überstandenen Schwierigkeit für sich; und
+freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert.
+
+Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit
+aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Bösewichte von großem
+Verstande so natürlich zu sein scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird
+ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Ränken unerschöpflich;
+er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner
+Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur
+noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von
+seiten des Schauspielers das getreueste Gedächtnis, die fertigste Stimme,
+die freieste, nachlässigste Aktion unumgänglich nötig. Hr. Borchers hat
+überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurteil
+für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen ebenso gern übet, als in
+jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner
+unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die
+nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich
+in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu
+lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Beruf zum
+Theater ist.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Stück
+Den 7. Julius 1767
+
+Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie"
+aufgeführet.
+
+Dieses vortreffliche Stück der Graffigny mußte der Gottschedin zum
+Übersetzen in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von
+sich selbst ablegt, "daß sie die Ehre, welche man durch Übersetzung oder
+auch Verfertigung theatralischer Stücke erwerben könne, allezeit nur für
+sehr mittelmäßig gehalten habe", läßt sich leicht vermuten, daß sie,
+diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige Mühe
+werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, daß sie einige lustige Stücke des Destouches eben nicht verdorben
+hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine
+Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen;
+aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre
+eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese
+verkennt und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle
+die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will,
+die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem
+Méricourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines
+Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Méricourt geht;
+er verweigert sich dem großmütigen Anerbieten und will sich ihm aus
+Uneigennützigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er.
+"Warum wollen Sie sich Ihres Vermögens berauben? Genießen Sie Ihrer Güter
+selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai,
+je vous rendrai tous heureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen
+Alten antworten. "Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich
+machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlässige
+Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte
+spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere
+glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloß
+eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das
+andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß
+auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das
+nämliche zweimal spräche, als ob beide Sätze wahre tautologische Sätze,
+vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O
+des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst
+fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die
+Gottschedin jene acht Worte übersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner
+Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich
+gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber
+der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses
+Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses
+Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle
+Bedenklichkeiten der Überlegung geben und eine warme Empfindung in eine
+frostige Schlußrede verwandeln.
+
+Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefähr auf diesen
+Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren
+gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in
+die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt
+in vielen Stellen der häßliche Ton des Zeremoniells; verabredete
+Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der gerührten Natur
+auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie:
+"Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau
+Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das
+ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem
+Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem
+"Gnädiger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon
+père! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein respektuöses Kind!
+Wenn ich Dorsainville wäre, ich hätte es ebenso gern gar nicht wieder
+gefunden, als mit dieser Anrede.
+
+Madame Löwen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Würde
+und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres
+verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem
+Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen.
+
+Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde.
+Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus
+ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr
+Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber
+es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswürdiger Fehler. Die
+Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der
+mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich möchte nicht alles machen,
+was ich vortrefflich machen könnte.
+
+Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung
+von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in
+so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum
+Schlusse des Stücks vom Méricourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, daß
+er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag
+ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen
+Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf
+einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des
+Méricourt? Ein gefährliches, ein böses Land!
+
+ Tot linguae, quot membra viro!
+
+Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des
+Herrn Weiße aufgeführet.
+
+"Amalia" wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters
+gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgeführtere Charaktere
+und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine übrige komische
+Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame
+Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit
+aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr
+unwahrscheinlich finden würden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt
+zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen
+Stücke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafür kann es aber auch nicht
+fehlen, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen
+veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzten Akts, in
+welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn kroquierte Pinselstriche zu
+lindern und mit dem übrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl
+raten möchte. Ich weiß nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich
+mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich
+will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit
+bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu
+brüskieren. Ich will die Vermutung ungeäußert lassen, daß es vielleicht
+gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu
+treiben; daß ein wahrer Manley die Sache wohl hätte feiner anfangen
+können; daß man über einen schnellen Strom nicht in gerader Linie
+schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß--Wie gesagt, ich will diese
+Vermutungen ungeäußert lassen; denn es könnte leicht bei einem solchen
+Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nämlich die Gegenstände
+sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau,
+bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand
+halten werde. Ich will bloß bekennen, daß ich für mein Teil nicht Herz
+genug gehabt hätte, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich würde mich,
+vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefürchtet
+haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch
+einer mehr als Crébillonschen Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich
+zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich
+nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da
+sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manley, oder Amalia, wußte
+ja, daß Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden
+sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm
+gänzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es
+nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften
+Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit
+sei? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich,
+aber doch unsträflicher geworden sein; er würde, ohne sie in ihren
+eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe
+wäre ungleich verführerischer und das Bestehen in derselben ungleich
+entscheidender für ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man würde zugleich
+einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben;
+anstatt daß man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun
+können, wenn sie unglücklicherweise in ihrer Verführung glücklich
+gewesen wäre.
+
+Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der
+Finanzpachter". Es besteht ungefähr aus ein Dutzend Szenen von der
+äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer sein, in einen so engen Bezirk
+mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die
+Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein
+Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als er.
+
+Den fünfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire"
+des Du Belloy wiederholt.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Stück
+Den 10. Julius 1767
+
+Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die
+Mütterschule" des Nivelle de la Chaussée aufgeführet.
+
+Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parteiische Zärtlichkeit
+gegen einen nichtswürdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kränkung
+erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bei ihm ist
+es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes,
+gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle
+Welt und Erfahrung läßt: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten
+kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner
+Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in
+den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem
+Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. In jener Schule gibt es eine
+Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu
+lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es müßte für
+Kenner ein Vergnügen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander
+besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit;
+das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem.
+
+Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine"
+des Herrn von Voltaire gespielt.
+
+Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre
+1749 zuerst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man
+dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken
+soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte
+verrät, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung
+dabei, und die Alten haben ihren Komödien selten andere, als
+nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den
+Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter
+gehöret des Plautus "Miles gloriosus". Wie kömmt es, daß man noch nicht
+angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann.
+Plautus nannte sein Stück bloß Gloriosus; so wie er ein anderes
+"Truculentus" überschrieb. Miles muß der Zusatz eines Grammatikers sein.
+Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber
+seine Prahlereien beziehen sich nicht bloß auf seinen Stand und seine
+kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso großsprecherisch;
+er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und
+liebenswürdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen;
+aber sobald man Miles hinzufügt, wird das gloriosus nur auf das erstere
+eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte,
+eine Stelle des Cicero[1] verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst
+mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt:
+
+ ALAZON Graece huic nomen est Comoediae
+ Id nos latine GLORIOSUM dicimus--
+
+und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben
+das Stück des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines großsprecherischen
+Soldaten kam in mehrern Stücken vor. Cicero kann ebensowohl auf den
+Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beiläufig. Ich erinnere
+mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt schon einmal
+geäußert zu haben. Es könnte sein, daß die Sache so unbedeutend nicht
+wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie
+gemacht; und bloß des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine
+gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für
+Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken
+sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück
+genannt hätten. Der ist längst dagewesen! ruft man. Der auch schon!
+Dieser würde vom Molière, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet?
+Das kömmt aus den schönen Titeln. Was für ein Eigentumsrecht erhält ein
+Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon
+hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich
+ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich
+darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache
+z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem
+Molièreschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie
+heißen. Genug, daß Molière den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat
+unrecht, daß er funfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die
+unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüts nicht auch unendliche
+Benennungen hat.
+
+Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr:
+"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stück nicht
+zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die
+Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die
+Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet
+der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In
+der nämlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte "Das
+besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch
+beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, daß zu
+einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes
+erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die
+Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den
+Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar
+Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück
+gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussée sind auch
+ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein,
+etwas weit Besseres zu machen.
+
+"Nanine" gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr
+viel lächerliche Szenen, und nur insofern, als die lächerlichen Szenen
+mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet
+wissen. Eine ganz ernsthafte Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht
+einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer.
+Hingegen findet er den Übergang von dem Rührenden zum Lächerlichen und
+von dem Lächerlichen zum Rührenden sehr natürlich. Das menschliche Leben
+ist nichts als eine beständige Kette solcher Übergänge, und die Komödie
+soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewöhnlicher",
+sagt er, "als daß in dem nämlichen Hause der zornige Vater poltert, die
+verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält und jeder
+Anverwandte bei der nämlichen Szene etwas anders empfindet? Man
+verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan äußerst
+bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben
+Viertelstunde über ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr
+ehrwürdige Matrone saß bei einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank
+lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in
+Tränen zerfließen, sie rang die Hände und rief: 'O Gott, laß mir, laß mir
+dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen!'
+Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern geheiratet hatte,
+näher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Ärmel und fragte: 'Madame, auch
+die Schwiegersöhne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese
+Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame,
+daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und
+lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast
+erstickt."
+
+"Homer", sagt er an einem andern Orte, "läßt sogar die Götter, indem sie
+das Schicksal der Welt entscheiden, über den possierlichen Anstand des
+Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem
+Andromacha die heißesten Tränen vergießt. Es trifft sich wohl, daß mitten
+unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer
+Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine
+ungefähre Posse, trotz aller Beängstigung, trotz alles Mitleids das
+unbändigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem
+Regimente, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat
+darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein
+Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmöglich
+dienen!' Diese Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und
+metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komödie das Lachen auf rührende
+Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht
+Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung
+streiten zu wollen."
+
+Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die
+Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komödie für eine ebenso
+fehlerhafte als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als
+er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein
+"Hausvater" vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen,
+wenn wir es für möglich erkennen sollen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Stück
+Den 14. Julius 1767
+
+Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat
+Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert
+beschlossen.
+
+Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert
+derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind
+wahre Familiengemälde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder
+Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Mühmchen aus seiner
+eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, daß es
+an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und daß nur die Augen ein
+wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere
+Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über
+viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere
+Virtuosen an eine allzu flache Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich,
+aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand
+nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die
+Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns
+bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Außenlinien uns gleich
+an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten
+herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig
+und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von
+dem Seinigen geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der
+schmutzigen Nachlässigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb
+ihren vier Pfählen herumträumen. Sie müssen nichts von der engen Sphäre
+kümmerlicher Umstände verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten
+will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das
+Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz
+geben, damit glänzen zu wollen.
+
+"Ich weiß gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das für
+ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr
+Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine
+geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstände machen!
+Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar
+großes Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und
+ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und
+er muß ja wohl."
+
+"Ganz gewiß!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern.
+Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Andrienne! Welche
+Schneidersfrau trägt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, daß
+die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie
+nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen
+vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafür sagen!
+Mich in einer Andrienne zu denken; das allein könnte mich krank machen.
+Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es
+auch die neueste Tracht sein. Wie können wir es sonst wahrscheinlich
+finden, daß sie darüber krank geworden?"
+
+"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr
+unanständig, daß die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib
+gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie
+soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die
+Einheit der Zeit! Das Kleid mußte fertig sein; die Stephan sollte es noch
+anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid
+fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele
+vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier
+ward meine Kunstrichterin unterbrochen.
+
+Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der
+"Melanide" des de la Chaussée "Der Mann nach der Uhr, oder der
+ordentliche Mann" gespielet.
+
+Der Verfasser dieses Stücks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an
+drolligen Einfällen; nur schade, daß ein jeder, sobald er den Titel hört,
+alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder
+vielmehr provinzial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden,
+in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten
+schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des
+Winkels, in dem er geboren worden, für die eigentlichen Sitten des
+gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu
+erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort grünen Kohl ißt?
+
+Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß
+jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der
+Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das nämliche; außer daß
+das erste ohngefähr die Karikatur von dem andern ist.
+
+Den dreißigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von
+Essex", vom Thomas Corneille, auf geführt. Dieses Trauerspiel ist fast
+das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des
+jüngern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird
+auf den deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den
+französischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher
+bereits Calprenède die nämliche Geschichte bearbeitet hatte.
+
+"Es ist gewiß", schreibt Corneille, "daß der Graf von Essex bei der
+Königin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr
+stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr
+auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verständnisses mit dem Grafen
+von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwählet hatten.
+Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando
+der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf,
+ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um
+Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die
+Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich
+sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des
+Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königin dem Grafen zum
+Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines
+Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich
+dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dieser Ring eine Erfindung
+des Calprenède ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das
+geringste davon gelesen."
+
+Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu
+nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, daß er ihn für
+eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist
+neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bedächtlichsten,
+skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre
+Werke aufgenommen.
+
+Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut
+redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die
+gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste
+war diese, daß dieses Übel aus einer betrübten Reue wegen des Grafen von
+Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz außerordentliche Achtung für
+das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine
+Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne
+Tränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung
+mit neuer Zärtlichkeit belebte und ihre Betrübnis noch mehr vergällte.
+Die Gräfin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wünschte die
+Königin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung
+sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königin in ihr Zimmer kam,
+sagte ihr die Gräfin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen
+worden, gewünscht, die Königin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die
+Art, die Ihro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr
+nämlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit
+der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bei einem
+etwanigen Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen
+Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person,
+durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sei
+er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände geraten. Sie habe
+ihrem Gemahl die Sache erzählt (er war einer von den unversöhnlichsten
+Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Königin
+zu geben noch dem Grafen zurückzusenden. Wie die Gräfin der Königin ihr
+Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth,
+die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene
+Ungerechtigkeit einsahe, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen
+Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es
+nimmermehr!' Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem
+Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise
+noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein
+Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein
+Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen,
+auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst
+der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab."
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Stück
+Den 17. Julius 1767
+
+Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise
+kritisiert. Ich möchte nicht gegen ihn behaupten, daß "Essex" ein
+vorzüglich gutes Stück sei; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele
+von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden,
+teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den
+richtigsten und würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen.
+
+Es gehört mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein
+sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem
+"Essex" auf dieses sein Streitroß und tummelte es gewaltig herum. Schade
+nur, daß alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert
+sind, den er erregt.
+
+Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt;
+und zum Glücke für den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender.
+"Itzt", sagt er, "kennen wir die Königin Elisabeth und den Grafen Essex
+besser; itzt würden einem Dichter dergleichen grobe Verstoßungen wider
+die historische Wahrheit schärfer aufgemutzet werden".
+
+Und welches sind denn diese Verstoßungen? Voltaire hat ausgerechnet, daß
+die Königin damals, als sie dem Grafen den Prozeß machen ließ,
+achtundsechzig Jahr alt war. "Es wäre also lächerlich", sagt er, "wenn
+man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Anteil an dieser
+Begebenheit könne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Lächerliches
+in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so
+lächerlich? "Nachdem das Urteil über den Essex abgegeben war", sagt Hume,
+"fand sich die Königin in der äußersten Unruhe und in der grausamsten
+Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre
+eigene Sicherheit und Bekümmernis um das Leben ihres Lieblings stritten
+unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande
+mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte
+den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie
+fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf
+erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des
+Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er
+selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders
+keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicherweise tat diese Äußerung
+von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königin, die der Graf sonach
+lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als
+sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer
+alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen
+genähret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete,
+war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten.
+Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus
+Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen
+Lauf."
+
+Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre
+geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der es so sehr
+schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl
+aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muß in diesem
+Stücke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten
+sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestät,
+mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der lächerlichsten Galanterie.
+Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen
+Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die
+Königin eine Venus, eine Diane, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl
+war diese Göttin damals schon sechzig Jahr alt. Fünf Jahr darauf führte
+Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die nämliche Sprache mit
+ihr. Kurz, Corneille ist hinlänglich berechtiget gewesen, ihr alle die
+verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zärtliche Weib mit der
+stolzen Königin in einen so interessanten Streit bringet.
+
+Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfälschet.
+"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille
+macht: er hat nie etwas Merkwürdiges getan." Aber wenn er es nicht war,
+so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die
+Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil läßt,
+hielt er so sehr für sein Werk, daß er es durchaus nicht leiden wollte,
+wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, es mit
+dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er
+kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten
+zu beweisen, daß sie ihm allein zugehöre.
+
+Corneille läßt den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom
+Cecil, vom Cobhan, sehr verächtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht
+gutheißen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so
+gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so
+großen Verdiensten, so unwürdig zu mißhandeln. "Aber hier kömmt es ja gar
+nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Essex hielt;
+und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und
+gar keine einzuräumen.
+
+Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen
+gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freilich etwas
+sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte
+darum doch nicht ausrufen müssen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was für
+Recht? unter was für Vorwande? wie wäre das möglich gewesen?" Denn
+Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus
+dem königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm
+gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen,
+die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige
+Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste
+sein, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken
+nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger,
+als was ihn Corneille voraussetzen läßt.
+
+Indem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische
+Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Über eine hat
+sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn nämlich Voltaire die erstern
+Lieblinge der Königin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert
+Dudley und den Grafen von Leicester. Er wußte nicht, daß beide nur eine
+Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den
+Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen könnte.
+Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der
+Ohrfeige verfällt, die die Königin dem Essex gab. Es ist falsch, daß er
+sie nach seiner unglücklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie
+lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals den Zorn
+der Königin durch die geringste Erniedrigung zu besänftigen gesucht, daß
+er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art mündlich und schriftlich
+seine Empfindlichkeit darüber ausließ. Er tat zu seiner Begnadigung auch
+nicht wieder den ersten Schritt; die Königin mußte ihn tun.
+
+Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von
+Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des
+Corneille hätte angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur
+dieser gegen ihn annehmen.
+
+Die ganze Tragödie des Corneille sei ein Roman: wenn er rührend ist, wird
+er dadurch weniger rührend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat?
+
+Weswegen wählt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere
+aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche
+ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu
+zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede
+nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden
+sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der
+gewöhnlichen Praxi der Dichter übereinstimmender auszudrücken: sind es
+die bloßen Fakta, die Umstände der Zeit und des Ortes, oder sind es die
+Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum
+der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit wählet? Wenn es die
+Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der
+Dichter von der historischen Wahrheit abgehen könne? In allem, was die
+Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm
+heilig; diese zu verstärken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist
+alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste
+wesentliche Veränderung würde die Ursache aufheben, warum sie diese und
+nicht andere Namen führen; und nichts ist anstößiger, als wovon wir uns
+keine Ursache geben können.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Le Château d'Otrante", Préf. p. XIV.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Stück
+Den 21. Julius 1767
+
+Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von
+dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Königin dieses Namens
+beilegt; wenn wir in ihr die Unentschlüssigkeit, die Widersprüche, die
+Beängstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und
+zärtliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei
+diesen und jenen Umständen wirklich verfallen ist, sondern auch nur
+verfallen zu können vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert
+finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun
+obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn
+vor den Richterstuhl der Geschichte führen, um ihn da jedes Datum, jede
+beiläufige Erwähnung, auch wohl solcher Personen, über welche die
+Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heißt
+ihn und seinen Beruf verkennen, heißt von dem, dem man diese Verkennung
+nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren.
+
+Zwar bei dem Herrn von Voltaire könnte es leicht weder Verkennung noch
+Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und
+ohnstreitig ein weit größerer, als der jüngere Corneille. Es wäre denn,
+daß man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der
+Kunst haben könnte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die
+ganze Welt weiß, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften
+hier und da ähnlich sieht, ist nichts als Laune; aus bloßer Laune spielt
+er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den
+Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf.
+
+Sollte er umsonst wissen, daß Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als
+sie den Grafen köpfen ließ? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt,
+noch eifersüchtig! Die große Nase der Elisabeth dazu genommen, was für
+lustige Einfälle muß das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfälle
+in dem Kommentare über eine Tragödie; also da, wo sie nicht hingehören.
+Der Dichter hätte recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr
+Notenmacher, diese Schwänke gehören in Eure allgemeine Geschichte, nicht
+unter meinen Text. Denn es ist falsch, daß meine Elisabeth achtundsechzig
+Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke,
+das Euch hinderte, sie nicht ungefähr mit dem Essex von gleichem Alter
+anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie?
+Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr
+den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt
+Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, daß die Erinnerung
+bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen
+hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine
+wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja
+meine Elisabeth; und seine eigene Augen überzeugen ihn, daß es nicht Eure
+achtundsechzigjährige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras
+mehr glauben, als seinen eignen Augen?"--
+
+So ungefähr könnte sich auch der Dichter über die Rolle des Essex erklären.
+"Euer Essex im Rapin de Thoyras", könnte er sagen, "ist nur der Embryo
+von dem meinigen. Was sich jener zu sein dünkte, ist meiner wirklich. Was
+jener, unter glücklichem Umständen, für die Königin vielleicht getan
+hätte, hat meiner getan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königin selbst
+zugesteht; wollt Ihr meiner Königin nicht ebensoviel glauben, als dem
+Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und großer, aber stolzer
+und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so groß, noch so
+unbiegsam: desto schlimmer für ihn. Genug für mich, daß er doch immer
+noch groß und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe
+seinen Namen zu lassen."
+
+Kurz: die Tragödie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist
+für die Tragödie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir
+gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der
+Geschichte mehrere Umstände zur Ausschmückung und Individualisierung
+seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus
+ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache!
+
+Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr
+bereit, das übrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben.
+"Essex" ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl in Ansehung der Intrige als
+des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu
+machen; ihn mehr aus Verzweiflung, daß er der ihrige nicht sein kann, als
+aus edelmütigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten
+herabzulassen, auf das Schafott zu führen: das war der unglücklichste
+Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl
+haben mußte. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Übersetzung
+ist er oft kriechend geworden. Aber überhaupt ist das Stück nicht ohne
+Interesse und hat hier und da glückliche Verse, die aber im Französischen
+glücklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von
+Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des
+Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und
+mit einem großen blauen Bande über die Schulter darin erscheinen können.
+Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das
+macht Eindruck. Übrigens ist die Zahl der guten Tragödien bei allen
+Nationen in der Welt so klein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind,
+noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur
+aufgestutzet werden."
+
+Er bestätiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne
+Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich
+vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnügen erinnern
+dürfte. Ich teile die vorzüglichsten also hier mit; in der festen
+Überzeugung, daß die Kritik dem Genusse nicht schadet und daß diejenigen,
+welche ein Stück am schärfesten zu beurteilen gelernt haben, immer
+diejenigen sind, welche das Theater am fleißigsten besuchen.
+
+"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige
+Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muß man die Farben
+in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat.
+
+Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernünftige, tugendhafte
+Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der
+Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser
+Charakter würde sehr schön sein, wenn er mehr Leben hätte, und wenn er
+zur Verwickelung etwas beitrüge; aber hier vertritt sie bloß die Stelle
+eines Freundes. Das ist für das Theater nicht hinlänglich.
+
+Mich dünket, daß alles, was die Personen in dieser Tragödie sagen und
+tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die
+Handlung muß deutlich, der Knoten verständlich und jede Gesinnung plan
+und natürlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was
+will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen?
+Ist er schuldig, oder ist er fälschlich angeklagt? Wenn ihn die Königin
+für unschuldig hält, so muß sie sich seiner annehmen. Ist er aber
+schuldig: so ist es sehr unvernünftig, die Vertraute sagen zu lassen,
+daß er nimmermehr um Gnade bitten werde, daß er viel zu stolz dazu sei.
+Dieser Stolz schickt sich sehr wohl für einen tugendhaften unschuldigen
+Helden, aber für keinen Mann, der des Hochverrats überwiesen ist. Er
+soll sich unterwerfen: sagt die Königin. Ist das wohl die eigentliche
+Gesinnung, die sie haben muß, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun
+unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth
+darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als
+mich selbst: sagt die Königin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen
+gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen
+Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten
+nicht, daß ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und
+unterdrücken, wie es durch das ganze Stück, obwohl ganz ohne
+Grund, heißt.
+
+Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug
+werden, ob er ihn für schuldig oder für unschuldig hält. Er stellt der
+Königin vor, daß der Anschein öfters betriege, daß man alles von der
+Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe.
+Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Königin. Was hatte er
+dieses nötig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was
+soll der Zuschauer glauben? Der weiß ebensowenig, woran er mit der
+Verschwörung des Grafen, als woran er mit der Zärtlichkeit der Königin
+gegen ihn ist.
+
+Salisbury sagt der Königin, daß man die Unterschrift des Grafen
+nachgemacht habe. Aber die Königin läßt sich im geringsten nicht
+einfallen, einen so wichtigen Umstand näher zu untersuchen. Gleichwohl
+war sie als Königin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht
+einmal auf diese Eröffnung, die sie doch begierig hätte ergreifen müssen.
+Sie erwidert bloß mit andern Worten, daß der Graf allzu stolz sei, und
+daß sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten."
+
+Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht
+war?"
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Stück
+Den 24. Julius 1767
+
+"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben,
+als die Königin davon überzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er
+kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht.
+Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemäß? Soll er aus Liebe
+zur Irton so widersinnig handeln: so hätte ihn der Dichter durch das
+ganze Stück von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen müssen. Die
+Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser
+Heftigkeit sehen wir ihn nicht.
+
+Der Stolz der Königin streitet unaufhörlich mit dem Stolze des Essex; ein
+solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie
+handeln läßt, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen,
+bloßer Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um
+Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muß vergessen, daß
+Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie
+verlangt, daß der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches
+er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muß es vergessen,
+und er vergißt es wirklich, um sich bloß mit den Gesinnungen des Stolzes
+zu beschäftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist.
+
+Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie
+sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher
+dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die für sich
+selbst rührend ist.--Ein großer Mann, den man auf das Schafott führet,
+wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch
+ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefähr eben den Eindruck, den die
+Wirklichkeit selbst machen würde."
+
+So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch
+diese allein können die schwächsten, verwirrtesten Stücke eine Art von
+Glück machen; und ich weiß nicht, wie es kömmt, daß es immer solche
+Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen.
+Selten wird ein Meisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es
+geschrieben ist; das Mittelmäßige fährt mit ihnen immer besser.
+Vielleicht, weil sie in dem Mittelmäßigen mehr von dem ihrigen hinzutun
+können; vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt,
+auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmäßigen
+alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt
+daß in einem vollkommenem Stücke öfters eine jede Person ein Hauptakteur
+sein müßte, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt,
+zugleich auch die übrigen verderben hilft.
+
+Beim "Essex" können alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder
+der Graf noch die Königin sind von dem Dichter mit der Stärke geschildert,
+daß sie durch die Aktion nicht noch weit stärker werden könnten. Essex
+spricht so stolz nicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung,
+in jeder Gebärde, in jeder Miene noch stolzer zeigen könnte. Es ist sogar
+dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte, als durch das
+übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt
+sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese
+Rolle muß also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen
+Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht völlig so; aber doch kann sie
+auch schwerlich ganz verunglücken. Elisabeth ist so zärtlich als stolz;
+ich glaube ganz gern, daß ein weibliches Herz beides zugleich sein kann;
+aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen könne, das begreife
+ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht
+viel Zärtlichkeit, und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen
+es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen
+den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich
+geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt,
+so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrückt, zwar
+empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so
+lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen
+als die Natur? Ist sie von einem majestätischen Wuchse, tönt ihre Stimme
+voller und männlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell
+und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen;
+aber wie steht es mit den zärtlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger
+imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein
+bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in
+ihrer Bewegung mehr Anstand und Würde, als Kraft und Geist: so wird sie
+den zärtlichen Stellen die völligste Genüge leisten; aber auch den
+stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiß nicht; sie wird sie
+noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zürnende Liebhaberin in
+ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren
+General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich
+meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich
+täuschend zu zeigen vermögend wären, dürften noch seltner sein, als die
+Elisabeths selber; und wir können und müssen uns begnügen, wenn eine
+Hälfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird.
+
+Madame Löwen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene
+allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zärtliche
+Frau, als die stolze Monarchin sehen und hören lassen. Ihre Bildung, ihre
+Stimme, ihre bescheidene Aktion ließen es nicht anders erwarten; und mich
+dünkt, unser Vergnügen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig
+eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als daß nicht
+die Königin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte:
+so, glaube ich, ist es zuträglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und
+der Königin, als von der Liebhaberin und der Zärtlichkeit verloren geht.
+
+Es ist nicht bloß eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch
+weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu
+machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein würde, wenn ihr
+diese Rolle auch gar nicht gelungen wäre. Ich weiß einem Künstler, er sei
+von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu
+machen; und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln
+Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern
+frei und laut über sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und
+wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht
+versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht
+wert, daß wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal,
+daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch
+so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und
+Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede
+uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von
+dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.
+
+Ich wollte sagen, daß sich Gründe anführen lassen, warum es besser ist,
+wenn die Aktrice mehr die zärtliche als die stolze Elisabeth ausdrückt.
+Stolz muß sie sein, das ist ausgemacht: und daß sie es ist, das hören
+wir. Die Frage ist nur, ob sie zärtlicher als stolz, oder stolzer als
+zärtlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu wählen
+hätte, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte
+Königin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der rächerischen
+Majestät, auszudrücken vermöchte, oder die, welche die eifersüchtige
+Liebhaberin, mit allen kränkenden Empfindungen der verschmähten Liebe,
+mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller
+Beängstigung über seine Hartnäckigkeit, mit allem Jammer über seinen
+Verlust, angemessener wäre? Und ich sage: diese.
+
+Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des nämlichen Charakters
+vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so
+muß sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die
+Zärtlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muß
+bei der Königin die Zärtlichkeit den Stolz überwiegen. Wenn der Graf sich
+eine höhere Miene gibt, als ihm zukommt, so muß die Königin etwas weniger
+zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer
+in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist,
+herabblicken lassen, würde die ekelste Einförmigkeit sein. Man muß nicht
+glauben können, daß Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle wäre, ebenso
+wie Essex handeln würde. Der Ausgang weiset es, daß sie nachgebender ist
+als er; sie muß also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren
+als er. Wer sich durch äußere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger
+Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muß. Wir wissen
+darum doch, daß Elisabeth die Königin ist, wenn sie gleich Essex das
+königlichere Ansehen gibt.
+
+Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, daß die Personen in
+ihren Gesinnungen steigen, als daß sie fallen. Es ist schicklicher, daß
+ein zärtlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als daß ein stolzer
+von der Zärtlichkeit sich fortreißen läßt. Jener scheint sich zu erheben;
+dieser zu sinken. Eine ernsthafte Königin, mit gerunzelter Stirne, mit
+einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der
+Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen könnte, wenn die zu
+verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Bedürfnissen ihrer
+Leidenschaft seufzet, ist fast, fast lächerlich. Eine Geliebte hingegen,
+die ihre Eifersucht erinnert, daß sie Königin ist, erhebt sich über sich
+selbst, und ihre Schwachheit wird fürchterlich.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Stück
+Den 28. Julius 1767
+
+Den einunddreißigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel
+der Madame Gottsched, "Die Hausfranzösin, oder die Mamsell" aufgeführet.
+
+Dieses Stück ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter
+Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fünften Bande der "Schaubühne"
+beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da
+mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es
+noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen.
+"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber
+"Die Hausfranzösin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts:
+denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch
+obendarein schmutzig, ekel, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir
+unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will
+hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.--
+
+Den zweiunddreißigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die
+"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt.
+
+Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der
+alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die
+Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem
+Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den
+Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst
+bemerkte. Da er einsahe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf
+eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes
+Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er
+nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch,
+besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche
+bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und
+anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern
+Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umständlich darüber aus, was
+überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung
+mit Ruhm arbeiten wolle.
+
+"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden,
+sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es
+gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu
+den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich
+selbst sind, so verschieden muß auch die dazugehörige Musik sein.
+Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der
+Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen
+eine jede Abteilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonie sich
+auf den ersten Aufzug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die
+zwischen den Aufzügen vorkommen, müssen teils mit dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden
+Aufzuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des
+letzten Aufzuges gemäß sein muß."
+
+"Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich
+gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen
+und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten.
+Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald
+diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen
+ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die
+'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, daß sich
+keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die
+Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufällen
+begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das
+Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmut,
+die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Unglücksfällen im
+Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter
+sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus',
+'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaïre' erfordern hingegen schon eine etwas
+veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen
+Stücken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veränderung der
+Affekten zeigen."
+
+"Ebenso müssen die Komödiensymphonien überhaupt frei, fließend und
+zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem
+eigentümlichen Inhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie
+bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die
+Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komödien 'Der Falke' und 'Die
+beiderseitige Unbeständigkeit' würden ganz andere Symphonien erfordern
+als 'Der verlorne Sohn'. So würden sich auch nicht die Symphonien, die
+sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl
+schicken möchten, zum 'Unentschlüssigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken.
+Jene müssen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber
+verdrießlicher und ernsthafter."
+
+"Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich
+aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem
+ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Sätzen
+bestehen, so wie es der Komponist für gut findet.--Die Symphonien
+zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten
+sollen, werden am natürlichsten zwei Sätze haben können. Im ersten kann
+man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende
+sehen. Doch ist solches nur allein nötig, wenn die Affekten einander
+allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen,
+wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der
+Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden
+können.--Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlusse des Schauspiels
+auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto
+nachdrücklicher zu machen. Was ist lächerlicher, als wenn der Held auf
+eine unglückliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine
+lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als
+wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine
+traurige und bewegliche Symphonie darauf?"--
+
+"Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten
+bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nötig, damit die Zuhörer
+desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht
+verlieren möchten, wenn sie immer einerlei Instrumente hören sollten. Es
+ist aber beinahe eine Notwendigkeit, daß die Anfangssymphonie sehr stark
+und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die
+Veränderung der Instrumenten muß also vornehmlich in den Zwischensymphonien
+erscheinen. Man muß aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten
+zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken
+kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige
+Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher
+erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei
+aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veränderung der
+Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man
+diesen Übelstand vermeidet."
+
+Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie
+in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den
+Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich
+die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und
+Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie
+weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten
+imstande sei. Die mehresten müssen es von ihren Kunstverwandten erst
+hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste
+Aufmerksamkeit darauf wenden.
+
+Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was
+geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der
+Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankömmt, ist noch einzig das Werk
+des Genies. Denn ob es schon Tonkünstler gibt und gegeben, die bis zur
+Bewunderung darin glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an
+einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsätze
+aus ihren Beispielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beispiele
+werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto
+eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wenn
+nicht ein großer Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkünstler in
+dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. In der Vokalmusik
+hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwächste und
+schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der
+Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hilfe weg, und sie sagt gar
+nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der
+Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird
+unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken
+können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichsten ausdrücken;
+wir werden diese öfterer hören, wir werden sie miteinander öfterer
+vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein
+haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen.
+
+Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde,
+begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers
+Theaters hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in
+einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer
+bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser
+Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind.
+Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne
+Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Aufführung der "Semiramis"
+wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgeführt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Stück 67.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Stück
+Den 31. Julius 1767
+
+Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu
+machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner
+ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten
+beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüche, in
+unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und
+diese sind ebenso ununterrichtend für den Liebhaber, als ekelhaft für den
+Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloß nach den Absichten,
+die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er
+sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen.
+
+Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Sätzen. Der erste Satz ist ein
+Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Flöten; der Grundbaß ist durch
+Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und
+stürmisch; der Zuhörer soll vermuten, daß er ein Schauspiel ungefähr
+dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein;
+Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran;
+und der zweite Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und
+konzertierenden Fagotten, beschäftigst sich also mit dunkeln und
+mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen
+Tonwendungen mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als
+gewöhnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit;
+wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr
+vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in
+dem ersten, außer daß die Hoboen, Flöten und Fagotte miteinander einige
+besondere kleinere Sätze haben.
+
+Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz;
+dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der
+sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu
+billigen. Ich würde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik
+soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das
+Unerwartete, das Überraschende mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang
+nicht gern voraus verraten; und die Musik würde ihn verraten, wenn sie
+die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es
+ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch
+sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht
+bestimmter, als ihn ungefähr der Titel angibt. Man darf dem Zuhörer wohl
+das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege,
+auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen
+bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus
+dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern,
+der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestärkt. Denn gesetzt, daß
+die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen,
+einander ganz entgegen wären, so würden notwendig auch die beiden Sätze
+von ebenso widriger Beschaffenheit sein müssen. Nun begreife ich sehr
+wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr
+entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widerspiele, ohne unangenehme
+Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach;
+er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder
+hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch
+der Musikus? Es sei, daß er es in einem Stücke, von der erforderlichen
+Länge, ebensowohl tun könne; aber in zwei besondern, voneinander gänzlich
+abgesetzten Stücken muß der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das
+Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich
+sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche
+Übergang aus einem Äußersten in das andere, aus der Finsternis in das
+Licht, aus der Kälte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir
+in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider
+eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider
+einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in
+Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge
+unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle
+diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergötzend. Die
+Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren;
+hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch,
+warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die
+plötzlichsten Übergänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm.
+In der Tat ist diese Motivierung der plötzlichen Übergänge einer der
+größten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie
+ziehet; ja vielleicht der allergrößte. Denn es ist bei weitem nicht so
+notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der
+Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude
+einzuschränken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer
+sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende
+Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewähren können, zu
+verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben,
+welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Übereinstimmung des
+Mannigfaltigen bemerke. Nun aber würde, bei dem doppelten Satze zwischen
+den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir
+würden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in
+eine ganz entgegengesetzte überspringen müssen: und das ist für die Musik
+so gut, als erführen wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine üble
+Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir
+nun einsehen, daß er uns nicht hätte beleidigen sollen. Man glaube aber
+nicht, daß sonach alle Symphonien verwerflich sein müßten, weil alle aus
+mehrern Sätzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren
+jeder etwas anders ausdrückt als der andere. Sie drücken etwas anders
+aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie drücken das
+nämliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren
+verschiednen Sätzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften
+ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muß nur
+eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß ebendieselbe
+Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den
+Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei
+Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertönen lassen und in
+uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser
+Beschaffenheit; das Ungestüme des ersten Satzes zerfließt in das Klagende
+des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen
+Würde erhebet. Ein Tonkünstler, der sich in seinen Symphonien mehr
+erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden
+einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren
+läßt, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel
+Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann überraschen, kann betäuben,
+kann kitzeln, nur rühren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen
+und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muß ebensowohl
+Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu
+belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und
+jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines
+dauerhaften Eindruckes fähig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem
+festen Marmor, an dem sich die Hand des Künstlers verewigen kann.
+
+Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der
+"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat;
+Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante
+mesto, bloß mit gedämpften Violinen und Bratsche.
+
+In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als daß er nicht
+den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro
+assai aus dem G-dur mit Waldhörnern, durch Flöten und Hoboen, auch den
+Grundbaß mitspielende Fagotte verstärkt, drückt den durch Zweifel und
+Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz
+dieses treulosen und herrschsüchtigen Ministers aus.
+
+In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der
+ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese
+Erscheinung auf die Anwesenden machen läßt. Aber der Tonkünstler hat
+sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter
+unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der nämlichen
+Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur daß E-Hörner mit G-Hörnern
+verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und träges Erstaunen,
+sondern die wahre wilde Bestürzung, welche eine dergleichen Erscheinung
+unter dem Volke verursachen muß.
+
+Die Beängstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid;
+wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen.
+Bedauern und Mitleid läßt also auch die Musik ertönen; in einem Larghetto
+aus dem A-moll, mit gedämpften Violinen und Bratsche und einer
+konzertierenden Hoboe.
+
+Endlich folget auch auf den fünften Akt nur ein einziger Satz, ein
+Adagio, aus dem E-dur, nächst den Violinen und der Bratsche, mit Hörnern,
+mit verstärkenden Hoboen und Flöten und mit Fagotten, die mit dem
+Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels
+angemessene und ins Erhabene gezogene Betrübnis, mit einiger Rücksicht,
+wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit
+ihre warnende Stimme gegen die Großen der Erde ebenso würdig als
+mächtig erhebt.
+
+Die Absichten eines Tonkünstlers merken, heißt ihm zugestehen, daß er sie
+erreicht hat. Sein Werk soll kein Rätsel sein, dessen Deutung ebenso
+mühsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm
+vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob wächst mit
+seiner Verständlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto
+verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm für mich, daß ich recht gehört habe;
+aber für den Hrn. Agricola ist es ein so viel größerer, daß in dieser
+seiner Komposition niemand etwas anders gehört hat als ich.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Stück
+Den 4. August 1767
+
+Den dreiunddreißigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine"
+wiederholt, und den Beschluß machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus
+dem Französischen des Marivaux.
+
+Dieses kleine Stück ist hier Ware für den Platz und macht daher allezeit
+viel Vergnügen. Jürge kömmt aus der Stadt zurück, wo er einen reichen
+Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glück
+ändert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben,
+erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind für seinen Hans und für
+seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende
+Bote kömmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden,
+hat Bankerott gemacht, Jürge ist wieder nichts wie Jürge, Hans bekommt
+den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluß würde traurig genug sein,
+wenn das Glück mehr nehmen könnte, als es gegeben hat; gesund und
+vergnügt waren sie, gesund und vergnügt bleiben sie.
+
+Diese Fabel hätte jeder erfinden können; aber wenige würden sie so
+unterhaltend zu machen gewußt haben, als Marivaux. Die drolligste Laune,
+der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen
+kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine
+ganz eigene Würze. Die Übersetzung ist von Krügern, der das französische
+Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu übertragen gewußt
+hat. Es ist nur schade, daß verschiedene Stellen höchst fehlerhaft und
+verstümmelt abgedruckt werden. Einige müßten notwendig in der Vorstellung
+berichtiget und ergänzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene.
+
+"Jürge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev
+niks, as Gullen un Dahlers.
+
+Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief
+Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken?
+
+Jürge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die.
+
+Lise. Woto denn, Hans Narr?
+
+Jürge. För düssen Jungen, de mie mienen Bündel op dee Reise bed in
+unse Dörp dragen hed, un ik bün ganß licht und sacht hergahn.
+
+Lise. Büst du to Foote hergahn?
+
+Jürge. Ja. Wielt't veel kummoder is.
+
+Lise. Da hest du een Maark.
+
+Jürge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat.
+Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig.
+
+Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak
+dragen hed?
+
+Jürge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven.
+
+Valentin. Sollen die fünf Schilling für mich, Herr Jürge?
+
+Jürge. Ja, mien Fründ!
+
+Valentin. Fünf Schilling? ein reicher Erbe! fünf Schillinge? ein
+Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele?
+
+Jürge. O! et kumt mie even darop nich an, jy dörft't man seggen.
+Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so."
+
+Wie ist das? Jürge ist zu Fuße gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert
+fünf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fünf
+Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen
+Schilling hinschmeißen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb
+ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem
+Hanfe finden. Jürge war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche:
+und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging
+vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, ließ
+er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür gibt er dem
+Jungen die fünf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das
+hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er erzählt ihr nur, wie
+geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden.[1]
+
+Den vierunddreißigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der
+Zerstreute" des Regnard aufgeführt.
+
+Ich glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses
+Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte Distrait durch
+"Träumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der
+Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das
+Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen,
+nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das
+ist genug.
+
+Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er
+fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreißig Jahr darauf, als
+ihn die Komödianten wieder versuchten, fand er einen so viel größern.
+Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht
+unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche
+Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm
+es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Possenspiel,
+das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes
+Publikum dachte:
+
+ --non satis est risu diducere rictum
+ Auditoris--
+
+und dieses:
+
+ --et est quaedam tamen hic quoque virtus.
+
+Außer der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlässig
+ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den
+Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyère völlig entworfen.
+Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Züge teils in Handlung zu
+bringen, teils erzählen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufügte,
+will nicht viel sagen.
+
+Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere
+Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto
+mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf für die Komödie sein. Warum
+nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglück; und
+kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden,
+als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern
+abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei,
+der lasse sich durch Spöttereien ebensowenig bessern als ein Hinkender.
+
+Aber ist es denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist,
+dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich
+mehr natürliche Verwahrlosung als üble Angewohnheit sein? Ich kann es
+nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir
+es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir
+wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch
+unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht,
+was er, seinen itzigen sinnlichen Eindrücken zufolge, denken sollte.
+Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht außer Tätigkeit
+gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts tätig. Aber so gut
+sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natürlicher
+Beruf, bei den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu sein;
+es kostet Mühe, sie dieses Berufs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich
+sein, ihr ihn wieder geläufig zu machen?
+
+Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben,
+daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über verbesserliche
+Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel
+und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit
+auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit
+seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so
+bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch
+neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher
+entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. "Molière",
+sagt er z.E., "macht uns über den Misanthropen zu lachen, und doch ist
+der Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molière beweiset sich also
+als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften verächtlich macht."
+
+Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, er bleibt, wer er ist,
+und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der
+Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste.
+Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen über ihn, aber verachten wir ihn
+darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie
+schätzen sollen; ja ohne sie würden wir nicht einmal über seine
+Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften,
+nichtswürdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich sein wird? Widrig,
+ekel, häßlich wird sie sein; nicht lächerlich.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons
+que de grosses pièces.
+
+Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec
+tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire?
+
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je.
+
+Claudine. Pourquoi donc, Nicodème?
+
+Blaise. Pour ce garçon qui apporte mon paquet depis la voiture
+jusqu'à cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et à mon
+aise.
+
+Claudine. T'es venu dans la voiture?
+
+Blaise. Oui, parce que cela est plus commode.
+
+Claudine. T'a baillé un écu?
+
+Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un écu, ce
+m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ça.
+
+Claudine. Et tu dépenses cinq sols en porteurs de paquets?
+
+Blaise. Oui, par manière de recréation.
+
+Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise?
+
+Blaise. Oui, mon ami. etc.
+
+----Fußnote
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Stück
+Den 7. August 1767
+
+Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen;
+nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch
+weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerlichen Unarten
+finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der
+Übung unserer Fähigkeit, das Lächerliche zu bemerken; es unter allen
+Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen
+mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln
+des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß
+der "Geizige" des Molière nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard
+nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumt, daß das Lachen diese Toren
+gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die
+Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen
+kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem
+Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt,
+ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben
+andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu
+kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; ersprießlich, sich
+wider alle Eindrücke des Beispiels zu verwahren. Ein Präservativ ist auch
+eine schätzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kräftigers,
+wirksamers, als das Lächerliche.--
+
+"Das Rätsel oder Was den Damen am meisten gefällt", ein Lustspiel in
+einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß.
+
+Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzählungen und Märchen geschrieben
+hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben
+entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen
+Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plaît aux dames" gab den Stoff
+zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzügen, welches
+unter dem Titel "La fée Urgèle", von den italienischen Komödianten zu
+Paris, im Dezember 1765 aufgeführet ward. Herr Löwen scheinet nicht
+sowohl dieses Stück, als die Erzählung des Voltaire selbst vor Augen
+gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsäule mit auf den
+Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die
+primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, daß dieses oder
+jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so
+ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Löwen wegen der
+Einrichtung seines Stücks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem
+Hexenmärchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Löwen selbst gibt
+sein Rätsel für nichts anders, als für eine kleine Plaisanterie, die auf
+dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und
+Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es wäre bloßer
+Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar
+nicht original, aber doch gut getroffen. Nur dünkt mich, daß ein
+Waffenträger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der
+irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen
+will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gründet und ritterliche
+Abenteuer als rühmliche Handlungen eines vernünftigen und tapfern Mannes
+annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien
+muß man nicht zergliedern wollen.
+
+Den fünfunddreißigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in
+Gegenwart Sr. Königl. Majestät von Dänemark, die "Rodogune" des Peter
+Corneille aufgeführt.
+
+Corneille bekannte, daß er sich auf dieses Trauerspiel das meiste
+einbilde, daß er es weit über seinen "Cinna" und "Cid" setze, daß seine
+übrige Stücke wenig Vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint
+anzutreffen wären; ein glücklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke
+Verse, ein gründliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt
+zu Akt immer wachsendes Interesse.--
+
+Es ist billig, daß wir uns bei dem Meisterstücke dieses großen Mannes
+verweilen.
+
+Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzählt Appianus Alexandrinus
+gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit
+dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte
+als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Königes Phraates, mit
+dessen Schwester Rodogune er sich vermählte. Inzwischen bemächtigte sich
+Diodotus, der den vorigen Königen gedienet hatte, des syrischen Thrones
+und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen
+Namen er als Vormund anfangs die Regierung führte. Bald aber schaffte er
+den jungen König aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab
+sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Königs,
+das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu
+Rhodus, wo er sich aufhielt, hörte, kam er nach Syrien zurück, überwand
+mit vieler Mühe den Tryphon und ließ ihn hinrichten. Hierauf wandte er
+seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders.
+Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch
+wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus
+zum Treffen, in welchem dieser den kürzern zog und sich aus Verzweiflung
+selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret
+war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Haß gegen die Rodogune
+umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruß über diese Heirat, sich
+mit dem nämlichen Antiochus, seinem Bruder, vermählet hatte. Sie hatte
+von dem Demetrius zwei Söhne, wovon sie den ältesten, mit Namen Seleukus,
+der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhändig mit einem
+Pfeile erschoß; es sei nun, weil sie besorgte, er möchte den Tod seines
+Vaters an ihr rächen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemütsart dazu
+veranlaßte. Der jüngste Sohn hieß Antiochus; er folgte seinem Bruder in
+der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, daß sie den
+Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken mußte."
+
+In dieser Erzählung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es würde
+Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen
+"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus
+zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was
+ihn aber vorzüglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die
+usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu
+können glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, daß
+sonach sein Stück nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heißen sollte.
+Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daß die Zuhörer diese
+Königin von Syrien mit jener berühmten letzten Königin von Ägypten
+gleichen Namens verwechseln dürften, wollte er lieber von der zweiten,
+als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt
+er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt
+hatte, daß die Alten selbst es nicht für notwendig gehalten, ein Stück
+eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl
+nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil
+hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles
+eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man
+itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen
+würde." Diese Bemerkung ist an und für sich sehr richtig; die Alten
+hielten den Titel für ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht,
+daß er den Inhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von dem
+andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand
+hinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß Sophokles das
+Stück, welches er "Die Trachinerinnen" überschrieb, würde haben
+"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden
+Titel zu geben, aber ihm einen verführerischen Titel zu geben, einen
+Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen
+möchte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des
+Corneille ging hiernächst zu weit; wer die ägyptische Kleopatra kennet,
+weiß auch, daß Syrien nicht Ägypten ist, weiß, daß mehr Könige und
+Königinnen einerlei Namen geführt haben: wer aber jene nicht kennt, kann
+sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens hätte Corneille in dem
+Stück selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfältig vermeiden sollen;
+die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der
+deutsche Übersetzer tat daher sehr wohl, daß er sich über diese kleine
+Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muß
+seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl
+manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen!
+
+
+
+
+Dreißigstes Stück
+Den 11. August 1767
+
+Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschießt den einen
+von ihren Söhnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel
+folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde
+nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit
+Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die einzige Eifersucht ein wütendes
+Eheweib zu einer ebenso wütenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin
+an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und
+die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes
+Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht
+allein besitzen konnte. Demetrius muß nicht leben, weil er für Kleopatra
+nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt
+auch ein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An diese hatte die Mutter
+in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Söhne
+gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher
+Eifer doch, wenn er unter Eltern wählen müßte, ohnfehlbar sich für den
+zuerst beleidigten Teil erklären würde. Sie fand es aber so nicht; der
+Sohn ward König, und der König sahe in der Kleopatra nicht die Mutter,
+sondern die Königsmörderin. Sie hatte alles von ihm zu fürchten; und von
+dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem
+Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Söhnen übrig; sie fing an,
+alles zu hassen, was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die
+Selbsterhaltung stärkte diesen Haß; die Mutter war fertiger als der Sohn,
+die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten
+Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem
+Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sie ihn nur an dem
+begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich
+nicht morde, daß sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des
+ältere Sohnes wäre auch das Schicksal des jüngern geworden; aber dieser
+war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu
+trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen rächet
+das andere; und es kömmt bloß auf die Umstände an, auf welcher Seite wir
+mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen.
+
+Dieser dreifache Mord würde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang,
+ihr Mittel und ihr Ende in der nämlichen Leidenschaft der nämlichen
+Person hätte. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragödie? Für das
+Genie fehlt ihr nichts: für den Stümper alles. Da ist keine Liebe, da
+ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer
+Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Dieser natürliche Gang
+reizet das Genie; und den Stümper schrecket er ab. Das Genie können nur
+Begebenheiten beschäftigen, die ineinander gegründet sind, nur Ketten von
+Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurückzuführen, jene gegen diese
+abzuwägen, überall das Ungefähr auszuschließen, alles, was geschieht, so
+geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist
+seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnützen
+Schätze des Gedächtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der
+Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegründete, sondern nur
+auf das Ähnliche oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die
+dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei Begebenheiten
+auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als daß sie zugleich
+geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu
+flechten und zu verwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem
+andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestürzt werden; das
+kann er, der Witz; und nur das. Aus der beständigen Durchkreuzung solcher
+Fäden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in
+der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von
+dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, grün oder gelb ist; der
+beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet;
+ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz für Kinder.
+
+Nun urteile man, ob der große Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie
+oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser
+Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand
+in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung.
+
+Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus
+Eifersucht? dachte Corneille: das wäre ja eine ganz gemeine Frau; nein,
+meine Kleopatra muß eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern
+verloren hätte, aber durchaus nicht den Thron; daß ihr Mann Rodogunen
+liebt, muß sie nicht so sehr schmerzen, als daß Rodogune Königin sein
+soll, wie sie; das ist weit erhabner.--
+
+Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatürlicher. Denn einmal ist der
+Stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres Laster, als die
+Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatürlicher, als
+der Stolz eines Mannes. Die Natur rüstete das weibliche Geschlecht zur
+Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht
+erwecken; nur seine Reize sollen es mächtig machen; nur durch Liebkosungen
+soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen
+kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloß des Herrschens wegen, gefällt,
+bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere
+Glückseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuß
+ganzen Völkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal,
+auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet
+eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das
+minder Natürliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist,
+die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle
+Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um
+sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr
+tugendhaft und liebenswürdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea
+begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zärtlichen, eifersüchtigen Frau
+will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu
+heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus überlegtem
+Ehrgeize Freveltaten verübet, empört sich das ganze Herz; und alle Kunst
+des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an,
+wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesättiget
+haben, so danken wir dem Himmel, daß sich die Natur nur alle tausend
+Jahre einmal so verirret, und ärgern uns über den Dichter, der uns
+dergleichen Mißgeschöpfe für Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns
+ersprießlich sein könnte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter
+funfzig Frauen, die ihre Männer vom Throne gestürzet und ermordet haben,
+ist kaum eine, von der man nicht beweisen könnte, daß nur beleidigte
+Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus bloßem Regierungsneide, aus
+bloßem Stolze das Zepter selbst zu führen, welches ein liebreicher
+Ehemann führte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele,
+nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen,
+haben diese Regierung hernach mit allem männlichen Stolze verwaltet: das
+ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, mürrischen, treulosen Gatten
+alles, was die Unterwürfigkeit Kränkendes hat, zu sehr erfahren, als daß
+ihnen nachher ihre mit der äußersten Gefahr erlangte Unabhängigkeit nicht
+um so viel schätzbarer hätte sein sollen. Aber sicherlich hat keine das
+bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von
+sich sagen läßt; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der größte
+Bösewicht weiß sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst
+zu überreden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster
+sei, oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge.
+Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters, als Lasters, rühmet;
+und der Dichter ist äußerst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glänzendes
+und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen läßt, als ob
+seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse, gehen könnten.
+
+Dergleichen mißgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden,
+sind indes bei keinem Dichter häufiger, als bei Corneillen, und es könnte
+leicht sein, daß sich zum Teil sein Beiname des Großen mit darauf gründe.
+Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines
+fähig sein sollte, und wirklich auch keines fähig ist: das Laster. Den
+Ungeheuern, den Gigantischen hätte man ihn nennen sollen; aber nicht den
+Großen. Denn nichts ist groß, was nicht wahr ist.
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Stück
+Den 14. August 1767
+
+In der Geschichte rächet sich Kleopatra bloß an ihrem Gemahle; an
+Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht rächen. Bei dem Dichter ist
+jene Rache längst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloß erzählt,
+und alle Handlung des Stücks geht auf Rodogunen. Corneille will seine
+Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muß sich noch gar
+nicht gerächet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen
+rächet. Einer Eifersüchtigen ist es allerdings natürlich, daß sie gegen
+ihre Nebenbuhlerin noch unversöhnlicher ist, als gegen ihren treulosen
+Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder
+gar nicht eifersüchtig; sie ist bloß ehrgeizig; und die Rache einer
+Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersüchtigen ähnlich sein. Beide
+Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als daß ihre Wirkungen die
+nämlichen sein könnten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut,
+und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als daß die Rache des
+Ehrgeizigen ohne Maß und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck
+verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht,
+kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kälter und
+überlegender zu werden anfängt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach
+dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer
+ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergißt er es auch wohl, daß er
+ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fürchten hat, den verachtet er; und
+wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht
+hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes
+Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gänzliche Verderben
+seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie
+versöhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret, die
+nämliche Beleidigung zu sein, und immer wächset, je länger sie dauert:
+so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen, die sie spat oder früh,
+immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der
+Kleopatra beim Corneille; und die Mißhelligkeit, in der diese Rache also
+mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend
+sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre und
+Unabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seele betrachten,
+die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tückischer Groll; ihre
+hämische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu
+befürchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem
+geringsten Funken von Edelmute, vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem
+sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die
+unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so
+klein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben. Endlich muß
+diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in
+der ganzen Kleopatra nichts übrig, als ein häßliches, abscheuliches Weib,
+das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet.
+
+Aber nicht genug, daß Kleopatra sich an Rodogunen rächet: der Dichter
+will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie fängt er
+dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist
+das Ding viel zu natürlich: denn was ist natürlicher, als seine Feindin
+hinzurichten? Ginge es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberin in ihr
+hingerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtet würde?
+Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogune mit dem Demetrius noch
+nicht völlig vermählet gewesen; laßt uns erdichten, daß nach seinem Tode
+sich die beiden Söhne in die Braut des Vaters verliebt haben; laßt uns
+erdichten, daß die beiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der
+Thron gehöret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten,
+welcher von ihnen der älteste sei; laßt uns erdichten, daß sich endlich
+die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr
+nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen für den ältesten
+zu erklären und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse
+Bedingung eingehen wolle; laßt uns erdichten, daß diese Bedingung der Tod
+der Rodogune sei. Nun hätten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen
+sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte
+umbringen will, der soll regieren.
+
+Schön; aber könnten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Könnten
+wir die guten Prinzen nicht noch in größere Verlegenheit setzen? Wir
+wollen versuchen. Laßt uns also weiter erdichten, daß Rodogune den
+Anschlag der Kleopatra erfährt; laßt uns weiter erdichten, daß sie zwar
+einen von den Prinzen vorzüglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat,
+auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, daß sie
+fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch
+den, welchem der Thron heimfallen dürfte, zu ihrem Gemahle zu wählen, daß
+sie allein den wählen wolle, welcher sich ihr am würdigsten erzeigen
+werde; Rodogune muß gerächet sein wollen; muß an der Mutter der Prinzen
+gerächet sein wollen; Rodogune muß ihnen erklären: wer mich von euch
+haben will, der ermorde seine Mutter!
+
+Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut
+angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen!
+Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine
+Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine
+Mutter! Es versteht sich, daß es sehr tugendhafte Prinzen sein müssen,
+die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt für den Teufel
+von Mama, und ebensoviel Zärtlichkeit für eine liebäugelnde Furie von
+Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist
+die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, daß
+es gar nicht möglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und
+schlägt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder
+der andere geht hin und schlägt die Mutter tot, um die Prinzessin zu
+haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die
+Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus
+werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das
+Mädchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie
+beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere
+totschlagen; so stehen sie beide hübsch und sperren das Maul auf, und
+wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schönheit davon.
+Freilich wird das Stück dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen,
+daß die Weiber darin ärger als rasende Männer, und die Männer weibischer
+als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist
+dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegenteil ist so gewöhnlich,
+so abgedroschen!--
+
+Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet, dergleichen
+Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich möchte es auch
+schwerlich jemals versuchen. Aber das weiß ich, daß es einem sehr sauer
+wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen.
+
+Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur
+in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit hätte sich
+Corneille immer ersparen können. "Vielleicht", sagt er, "dürfte man
+zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, daß sie
+unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es
+hier gemacht habe, wo nach der Erzählung im ersten Akte, welche die
+Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht das
+geringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte. Doch",
+fährt er fort, "Mich dünkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte
+beibehalten, so sind alle vorläufige Umstände, alle Einleitungen zu
+diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wüßte ich mich keiner
+Regel dawider zu erinnern, und die Ausübung der Alten ist völlig auf
+meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles
+mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein
+haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen
+ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm
+eigentümliche Mittel gelanget, so daß wenigstens eine davon notwendig
+ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muß. Oder man werfe nur
+die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster
+einer vollkommenen Tragödie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, daß
+sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloß auf das
+Vorgeben gründet, daß Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare,
+auf welchem sie geopfert werden sollte, entrückt und ein Reh an ihrer
+Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des
+Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die
+Episoden, sowohl der Knoten als die Auflösung, gänzlich erdichtet sind,
+und aus der Historie nichts als die Namen haben."
+
+Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständen nach Gutdünken
+verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und
+Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte
+nachrechnet, daß Rodogune so jung nicht könne gewesen sein; sie habe den
+Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens
+zwanzig Jahre haben müßten, noch in ihrer Kindheit gewesen wären. Was
+geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht
+geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und
+nicht viel älter, als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit
+seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die
+Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür verifizieren wollte!
+
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Stück
+Den 18. August 1767
+
+Mit den Beispielen der Alten hätte Corneille noch weiter zurückgehen
+können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödie in Griechenland wirklich
+zur Erneuerung des Andenkens großer und sonderbarer Begebenheiten
+erfunden worden; daß ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die
+Fußtapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken
+auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis ließ sich um die
+historische Richtigkeit ganz unbekümmert.[1] Es ist wahr, er zog sich
+darüber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, daß
+Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst
+verstanden: so läßt sich den Folgerungen, die man aus seiner Mißbilligung
+ziehen könnte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich
+unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des
+Nutzens, ihrer noch nicht würdig erzeigen konnte. Thespis ersann,
+erdichtete, ließ die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte:
+aber er wußte seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch
+lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne
+die geringste Vermutung von dem Nützlichen zu haben. Er eiferte wider ein
+Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu führen, leicht von übeln
+Folgen sein könnte.
+
+Ich fürchte sehr, Solon dürfte auch die Erdichtungen des großen Corneille
+nichts als leidige Lügen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen?
+Machen sie in der Geschichte, die er damit überladet, das Geringste
+wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal für sich selbst wahrscheinlich.
+Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der
+Erdichtungskraft; und er hätte doch wohl wissen sollen, daß nicht das bloße
+Erdichten, sondern das zweckmäßige Erdichten, einen schöpfrischen Geist
+beweise.
+
+Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet;
+eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich
+vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm
+weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist ebenso gräßlich als
+außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen
+nähern Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut
+also der Poet?
+
+So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die
+Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kürze der größere Mangel seines
+Stückes scheinen.
+
+Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein,
+eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene
+unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen müssen.
+Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu
+gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen;
+wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen,
+so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen,
+die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird
+er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen:
+daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf
+wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt,
+bekennen müssen, wir würden ihn, in dem nämlichen Grade der Leidenschaft,
+bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; daß uns nichts
+dabei befremdet, als die unmerkliche Annäherung eines Zieles, von dem
+unsere Vorstellungen zurückbeben, und an dem wir uns endlich, voll des
+innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreißt, und
+voll Schrecken über das Bewußtsein befinden, auch uns könne ein ähnlicher
+Strom dahinreißen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Geblüte noch so
+weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlägt der Dichter diesen
+Weg ein, sagt ihm sein Genie, daß er darauf nicht schimpflich ermatten
+werde: so ist mit eins auch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden;
+es bekümmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällen fünf
+Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alle den Stoff nicht
+fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer
+mehr und mehr vergrößert, wenn er einmal der verborgnen Organisation
+desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet.
+
+Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter
+nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage
+ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstößig
+sein, daß er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden
+vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern dürfe, wenn er sich
+nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid
+zu erregen. Denn er weiß so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und
+dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervorzubringen, nicht
+sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug häufen zu
+können glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den
+außerordentlichsten, gräßlichsten Unglücksfällen und Freveltaten nehmen
+zu müssen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra,
+eine Mörderin ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgesagt, so sieht er, um
+eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die
+Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen, und sie mit Dingen
+auszufüllen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen
+selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien,
+knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman
+zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer
+Häcksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das
+Drahtgerippe von Akten und Szenen, läßt erzählen und erzählen, läßt rasen
+und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter
+oder saurer ankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel,
+--wird gedruckt und aufgeführt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder
+ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glück will.
+Denn et habent sua fata libelli.
+
+Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den großen Corneille zu machen?
+Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen
+Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist
+seine "Rodogune", nun länger als hundert Jahr, als das größte Meisterstück
+des größten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit
+von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjährige Bewunderung
+wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre
+Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen
+Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn
+auf ein Meteor herabzusetzen?
+
+O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal ein ehrlicher Hurone in
+der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war;
+und vor langer Weile studierte er die französischen Poeten; diesem
+Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu
+Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der
+hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute
+des sechzehnten Säculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls
+vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein
+Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn,
+weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer
+armen verlaßnen Enkelin dieses großen Dichters an, ließ sie unter seinen
+Augen erziehen, lehrte sie hübsche Verse machen, sammelte Almosen für
+sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen großen einträglichen Kommentar über
+die Werke ihres Großvaters usw.) aber gleichwohl erklärte er die "Rodogune"
+für ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern,
+wie ein so großer Mann, als der große Corneille, solch widersinniges
+Zeug habe schreiben können.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist
+ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach
+bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den
+Ausländern über die Fehler eines Franzosen die Augen eröffnet. Diesem
+ganz gewiß betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem
+Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muß er es doch haben. Denn
+daß ein Deutscher selbst dächte, von selbst die Kühnheit hätte, an der
+Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das
+einbilden?
+
+Ich rede von diesen meinen Vorgängern mehr bei der nächsten Wiederholung
+der "Rodogune". Meine Leser wünschen aus der Stelle zu kommen; und ich
+mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Übersetzung, nach welcher
+dieses Stück aufgeführet worden. Es war nicht die alte Wolfenbüttelsche
+vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch
+ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die
+beste von dieser Art nicht schämen, und ist voller starken, glücklichen
+Stellen. Der Verfasser aber, weiß ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack,
+als daß er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte.
+Corneillen gut zu übersetzen, muß man bessere Verse machen können, als er
+selbst.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Diogenes Laërtius, Lib. I. § 59.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Stück
+Den 21. August 1767
+
+Den sechsunddreißigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel
+des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Königl.
+Majestät von Dänemark, aufgeführet.
+
+Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestätiget, daß
+Soliman II. sich in eine europäische Sklavin verliebt habe, die ihn so
+zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewußt, daß er, wider alle
+Gewohnheit seines Reichs, sich förmlich mit ihr verbinden und sie zur
+Kaiserin erklären müssen. Genug, daß Marmontel hierauf eine von seinen
+moralischen Erzählungen gegründet, in der er aber jene Sklavin, die eine
+Italienerin soll gewesen sein, zu einer Französin macht; ohne Zweifel,
+weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, daß irgendeine andere Schöne,
+als eine französische, einen so seltnen Sieg über einen Großtürken
+erhalten können.
+
+Ich weiß nicht, was ich eigentlich zu der Erzählung des Marmontel sagen
+soll; nicht, daß sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen
+Kenntnissen der großen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Lächerlichen,
+ausgeführet und mit der Eleganz und Anmut geschrieben wäre, welche diesem
+Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst.
+Aber es soll eine moralische Erzählung sein, und ich kann nur nicht finden,
+wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schlüpfrig, so
+anstößig, als eine Erzählung des La Fontaine oder Grécourt: aber ist sie
+darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist?
+
+Ein Sultan, der in dem Schoße der Wollüste gähnet, dem sie der alltägliche
+und durch nichts erschwerte Genuß unschmackhaft und ekel gemacht hat, der
+seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder
+gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit,
+die raffinierteste Zärtlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschöpft:
+dieser kranke Wollüstling ist der leidende Held in der Erzählung. Ich
+sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Süßigkeiten den Magen
+verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas
+verfällt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken würde, auf faule
+Eier, auf Rattenschwänze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die
+edelste, bescheidenste Schönheit, mit dem schmachtendsten Auge, groß und
+blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den
+Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestätischer in ihrer Form,
+blendender von Kolorit, blühende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer
+Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Töne, eine wahre Muse, nur
+verführerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein
+weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur
+Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig
+Schönheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses
+Ding, als es den Sultan erblickt, fällt mit der plumpesten Schmeichelei,
+wie mit der Türe ins Haus: Grâces au ciel, voici une figure humaine!
+--(Eine Schmeichelei, die nicht bloß dieser Sultan, auch mancher deutscher
+Fürst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch
+plumper, zu hören bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut
+wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich
+enthält, zu fühlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das übrige
+--Vous êtes beaucoup mieux, qu'il n'appartient à un Turc: vous avez
+même quelque chose d'un Français--En vérité ces Turcs sont plaisants--Je
+me charge d'apprendre à vivre à ce Turc--Je ne désespère pas d'en faire
+quelque jour un Français.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und
+schilt, es droht und spottet, es liebäugelt und mault, bis der Sultan,
+nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu
+haben, auch Reichsgesetze abändern und Geistlichkeit und Pöbel wider sich
+aufzubringen Gefahr laufen muß, wenn er anders mit ihr ebenso glücklich
+sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem
+Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Mühe!
+
+Marmontel fängt seine Erzählung mit der Betrachtung an, daß große
+Staatsveränderungen oft durch sehr geringfügige Kleinigkeiten veranlaßt
+worden, und läßt den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst
+schließen: Wie ist es möglich, daß eine kleine aufgestülpte Nase die
+Gesetze eines Reiches umstoßen können? Man sollte also fast glauben, daß
+er bloß diese Bemerkung, dieses anscheinende Mißverhältnis zwischen
+Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehre
+wäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst,
+daß er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt.
+"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche
+ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen
+wollen; ich wählte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als
+die zwei Extrema der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontel muß
+sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausarbeitung vergessen
+haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten
+Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich
+bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Französin sagt, der
+zurückhaltendste, nachgebendste, gefälligste, folgsamste, untertänigste
+Mann, la meilleure pâte de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein
+würde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in
+dieser Erzählung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben
+bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn er alle Blumen
+durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen.
+
+Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel,
+ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern läßt oder
+nicht; und also war die Erzählung des Marmontel darum nichts mehr und
+nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat
+Favart, und sehr glücklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus
+ähnlichen Erzählungen bereichern wollen, die Favartsche Ausführung mit
+dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu
+abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veränderungen, die
+dieser gelitten und zum Teil leiden müssen, lehrreich sein, und ihre
+Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer bloßen
+Spekulation wohl unentdeckt geblieben wäre, den noch kein Kritikus zur
+Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der öfters mehr
+Wahrheit, mehr Leben in ihr Stück bringen wird, als alle die mechanischen
+Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren
+Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der
+Vollkommenheit eines Dramas machen möchten.
+
+Ich will nur bei einer von diesen Veränderungen stehenbleiben. Aber ich
+muß vorher das Urteil anführen, welches Franzosen selbst über das Stück
+gefällt haben.[1] Anfangs äußern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des
+Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den größten
+Fürsten seines Jahrhunderts; die Türken haben keinen Kaiser, dessen
+Andenken ihnen teurer wäre als dieses Solimans; seine Siege, seine
+Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswürdig,
+über die er siegte: aber welche kleine, jämmerliche Rolle läßt ihn
+Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener
+ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kühnsten,
+schwärzesten Streiche fähig war, die den Sultan durch ihre Ränke und
+falsche Zärtlichkeit so weit zu bringen wußte, daß er wider sein eigenes
+Blut wütete, daß er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen
+Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine
+närrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf
+voller Wind, doch das Herz mehr gut als böse. Sind dergleichen
+Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein
+Erzähler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese
+Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn
+er Fakta nach seinem Gutdünken verändern darf, darf er auch eine Lucretia
+verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?"
+
+Das heißt einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich möchte die
+Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht übernehmen; ich habe mich
+vielmehr schon dahin geäußert,[2] daß die Charaktere dem Dichter weit
+heiliger sein müssen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau
+beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von
+selbst nicht viel anders ausfallen können; da hingegen allerlei Faktum
+sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten läßt. Zweitens, weil
+das Lehrreiche nicht in den bloßen Faktis, sondern in der Erkenntnis
+bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umständen solche Fakta
+hervorzubringen pflegen und hervorbringen müssen. Gleichwohl hat es
+Marmontel gerade umgekehrt. Daß es einmal in dem Seraglio eine europäische
+Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmäßigen Gemahlin des Kaisers zu
+machen gewußt: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und
+dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich
+geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich
+werden können, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche
+von diesen Arten er wählen will; ob die, welche die Historie bestätiget,
+oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner
+Erzählung verbindet, das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er
+sich, im Fall daß er andere Charaktere als die historischen, oder wohl
+gar diesen völlig entgegengesetzte wählet, auch der historischen Namen
+enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum
+beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten.
+Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren
+und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir
+bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als
+etwas Zufälliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die
+Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentümliches. Mit jenen
+lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht
+mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl
+ins Licht stellen, aber nicht verändern; die geringste Veränderung
+scheinet uns die Individualität aufzuheben und andere Personen
+unterzuschieben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpieren
+und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762.
+
+[2] Oben im 23. Stück.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Stück
+Den 25. August 1767
+
+Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen
+Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt,
+als in diesen freiwillig gewählten Charakteren selbst, es sei von seiten
+der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu
+verstoßen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen;
+nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu
+wissen, die jeder Schulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrat seines
+Gedächtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen
+Gefühl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es
+gehört oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter
+nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstößt also,
+bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft,
+so gröblich, daß wir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundern
+können; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusammen und rufen:
+"Aber, wie hat ein so großer Mann nicht wissen können!--Wie ist es
+möglich, daß ihm nicht beifiel!--Überlegte er denn nicht?" Oh, laßt uns
+ja schweigen; wir glauben ihn zu demütigen, und wir machen uns in seinen
+Augen lächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloß,
+daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider
+nötig, wenn wir nicht vollkommne Dummköpfe bleiben wollten.
+
+Marmontels Soliman hätte daher meinetwegen immer ein ganz anderer
+Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein mögen, als
+mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob
+sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer
+andern Welt gehören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer
+andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in
+dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer
+andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten
+abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den
+Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das,
+sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der
+gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich
+ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten
+verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde,
+so kann ich es zufrieden sein, daß man ihm auch jenes nicht für genossen
+ausgehen läßt. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muß uns
+nicht vorsätzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei
+nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt.
+
+Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen
+haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter
+ausbildet oder sich schaffet, Übereinstimmung und Absicht zu verlangen,
+wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet
+zu werden.
+
+Übereinstimmung:--Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie
+müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen
+sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nachdem die Umstände auf sie
+wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug sein können,
+sie von Schwarz auf Weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er
+verliebt ist, noch Türk und Despot sein. Dem Türken, der nur die sinnliche
+Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements beifallen, die eine
+verwöhnte europäische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser
+liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts
+Anzügliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu
+überwinden haben und, wenn ich sie überwunden habe, durch neue
+Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein König von Frankreich
+denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese
+Denkungsart einmal gibt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung;
+er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu
+genießen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine
+dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt:
+"Soliman war ein zu großer Mann, als daß er die kleinen Angelegenheiten
+seines Seraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgeschäfte hätte treiben
+sollen." Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgeschäfte
+nicht auf den Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben
+müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als
+Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er
+suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen läßt, freie Herzen, die sich aus
+bloßer Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen ließen; er hätte
+ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiß er, was er will? Die
+zärtliche Elmire wird von einer wollüstigen Delia verdrängt, bis ihm eine
+Unbesonnene den Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum
+Sklaven machen muß, ehe er die zweideutige Gunst genießet, die bisher
+immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein?
+Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein
+herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal
+alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Roxelane, nach
+diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht
+Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe wert halten, ihr dieses Opfer
+gebracht zu haben? Ich fürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen,
+sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten
+Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre
+aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo
+habe ich meine Augen gehabt!"
+
+Ich leugne nicht, daß bei alle den Widersprüchen, die uns diesen Soliman
+so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich sein könnte. Es
+gibt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen.
+Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen
+Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende;
+es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die
+unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch
+Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem
+Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht.
+--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe
+erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie
+von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten,
+die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen
+befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese
+Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit
+dem ebenso geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen
+ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet.
+Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen fängt das Genie an, zu
+lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in größern Werken zu
+Füllungen, zu Ruhepunkten unserer wärmern Teilnehmung: allein mit der
+Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und
+größere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder
+zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten
+und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht,
+uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als
+glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich
+selbst im Glücke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwürfen, wo keine
+unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung für uns statthat,
+wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskräfte mit solchen
+Gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen, und diese
+Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein
+falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was
+wir verabscheuen sollten zu begehren.
+
+Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem
+Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von
+manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten
+sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich
+erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgefeimte Buhlerin werden
+uns mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben geschildert,
+daß es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus
+berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als
+gefälligen Gattin überdrüssig zu sein, weil sie eine Elmire und keine
+Roxelane ist.
+
+Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die
+angeführten französischen Kunstrichter recht, daß sie alle das Tadelhafte
+des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet
+ihnen sogar dabei noch mehr gesündiget zu haben, als jener. "Die
+Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzählung
+so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich
+nötig; und diese ist in dem gegenwärtigen auf das äußerste verletzet. Der
+große Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so
+einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der
+Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein
+Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß.
+Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man
+sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels
+gefallen; aber wenn die Überlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit
+ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem
+Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche;
+sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte,
+nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles
+sagen können; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdrücken gesagt hätte.
+Aber wer kann es aushalten, den großen Soliman von einer jungen
+Landstreicherin so hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu
+regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist
+hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unerträglich."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Stück
+Den 28. August 1767
+
+Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein;
+Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem
+feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches
+der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu gönnen,
+als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung.
+Beim Marmontel hingegen läßt sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben
+und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer
+Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist,
+und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann
+sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht
+errät oder nicht besser erraten will.
+
+Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der
+Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er
+einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen,
+besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit
+dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, daß seine Roxelane noch
+unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat
+er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewußt,
+als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das?
+
+Eben auf diese Veränderung wollte ich oben kommen; und mich dünkt, sie
+ist so glücklich und vorteilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und
+ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte.
+
+Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines
+närrisches, vermessenes Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan
+Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack
+durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen,
+als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen
+steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als
+zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe
+gestellt, als seine Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den
+Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine
+Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine
+Erklärung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf
+ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet
+werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre
+geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, große Seele, ganz den
+Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun
+auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muß dich wohl lieben! Nimm
+all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sei mein Sultan, mein Held,
+mein Gebieter! Ich würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen
+müssen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget.
+Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen
+Liebhaber, der meinetwegen nicht erröten darf; sieh hier in Roxelanen
+--nichts, als deine untertänige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf
+einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso
+vernünftiges als drollichtes Mädchen steht vor uns; Soliman höret auf,
+uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe
+würdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die
+nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er
+möchte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber möchte den Despoten
+wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt,
+eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so
+bedenklichen Schritte zurückhalten wollen, möchte anstatt einer feurigen
+Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind möchte durch
+ihre Großmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige
+Vermessenheiten so mühsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens,
+und das Stück schließt sich zu unserer völligen Zufriedenheit.
+
+Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung? Ist sie bloß
+willkürlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung,
+in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel
+seiner Erzählung diesen vergnügendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem,
+was dort eine Schönheit ist, hier ein Fehler?
+
+Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben,
+welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und
+des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen
+Erzählung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur
+Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht
+wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung,
+die für sich ein wohlgeründetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht;
+der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem
+Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen
+nehmen, durch welche er sie ausführen läßt, ist er unbekümmert, er hat
+uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es
+lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses
+mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das
+Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel
+fließende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die
+Leidenschaften, welche der Verlauf und die Glücksveränderungen seiner
+Fabel anzufachen und zu unterhalten vermögend sind, oder auf das
+Vergnügen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und
+Charaktere gewähret; und beides erfordert eine gewisse Vollständigkeit
+der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der
+moralischen Erzählung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit
+auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall
+derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt.
+
+Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Erzählung lehren wollte,
+die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie müsse durch Nachsicht und
+Gefälligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er
+recht, so aufzuhören, wie er aufhört. Die unbändige Roxelane wird durch
+nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans
+Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir sie doch immer für
+eine Närrin und ihn für nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht
+Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so
+wahrscheinlich sein, daß den Sultan seine blinde Gefälligkeit bald
+gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die
+Gefälligkeit über das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also eines
+der wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit wert sei
+oder nicht.
+
+Allein, als Favart diese Erzählung auf das Theater bringen wollte, so
+empfand er bald, daß durch die dramatische Form die Intuition des
+moralischen Satzes größtenteils verloren gehe und daß, wenn sie auch
+vollkommen erhalten werden könne, das daraus erwachsende Vergnügen doch
+nicht so groß und lebhaft sei, daß man dabei ein anderes, welches dem
+Drama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Vergnügen, welches
+uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewähren.
+Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch,
+in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des
+Dichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbst damit
+betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das
+Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer
+Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen
+Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt
+ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden,
+desto strenger verfährt unsere Überlegung; das häßliche Gesicht, das wir
+so schön geschminkt sehen, wird für noch einmal so häßlich erklärt, als
+es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu wählen, ob er von uns lieber
+für einen Giftmischer oder für einen Blödsinnigen will gehalten sein. So
+wäre es dem Favart, so wäre es seinen Charakteren des Solimans und der
+Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere
+nicht von Anfang ändern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu
+verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu
+sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun übrig, als was er tat. Nun
+freuen wir uns, uns an nichts vergnügt zu haben, was wir nicht auch
+hochachten könnten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere
+Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama
+weit stärker ist, als einer bloßen Erzählung, so interessieren uns auch
+die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnügen uns
+nicht, ihr Schicksal bloß für den gegenwärtigen Augenblick entschieden zu
+sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls
+zufriedengestellet wissen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Sultan, j'ai pénétré ton âme;
+ J'en ai démêlé les ressorts.
+ Elle est grande, elle est fière, et la gloire l'enflamme,
+ Tant de vertus excitent mes transports.
+ A ton tour, tu vas me connaître:
+ Je t'aime, Soliman; mais tu l'as mérité.
+ Reprends tes droits, reprends ma liberté;
+ Sois mon Sultan, mon Héros et mon Maître.
+ Tu me soupçonnerais d'injuste vanité.
+ Va, ne fais rien que ta loi n'autorise;
+ Il est des préjugés qu'on ne doit point trahir,
+ Et je veux un Amant, qui n'ait point à rougir:
+ Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Stück
+Den 1. September 1767
+
+So unstreitig wir aber, ohne die glückliche Wendung, welche Favart am
+Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Krönung nicht
+anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den lächerlichen
+Triumph einer "Serva Padrona" würden betrachtet haben; so gewiß, ohne
+sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein kläglicher Pimpinello,
+und die neue Kaiserin nichts als eine häßliche, verschmitzte Serbinette
+gewesen wäre, von der wir vorausgesehen hätten, daß sie nun bald dem
+armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde:
+so leicht und natürlich dünkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir
+müssen uns wundern, daß sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht
+beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische
+Erzählung in der dramatischen Form darüber verunglücken müssen.
+
+Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beißende Märchen,
+und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen
+Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzählt;
+und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte
+man, daß es ein ebenso glücklicher Stoff auch für das Theater sein müsse.
+Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich
+auf jedes feinere Gefühl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter
+der Matrone, der in der Erzählung ein nicht unangenehmes höhnisches
+Lächeln über die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem
+Drama ekel und häßlich. Wir finden hier die Überredungen, deren sich der
+Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und
+siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein
+empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst
+ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre
+Schwäche dünkt uns die Schwäche des ganzen Geschlechts zu sein; wir
+fassen also keinen besondern Haß gegen sie; was sie tut, glauben wir,
+würde ungefähr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den
+lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir
+ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu müssen;
+oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die
+Vermutung, daß er wohl auch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzählers
+sei, der sein Märchen gern mit einer recht giftigen Spitze schließen
+wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir
+dort nur hören, daß es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen;
+woran wir dort noch zweifeln können, davon überzeugt uns unser eigener
+Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der bloßen Möglichkeit ergötzte uns
+das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre
+Schwärze; der Einfall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des
+Einfalls empört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Bühne den
+Rücken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem
+besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset,
+debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere
+cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen,
+je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verführung angewendet; denn wir
+verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein
+vorzüglich leichtsinniges, lüderliches Weibsstück insbesondere.--Kurz,
+die Petronische Fabel glücklich auf das Theater zu bringen, müßte sie
+den nämlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; müßte die
+Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklärung
+hierüber anderwärts!
+
+Den siebenunddreißigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden
+"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt.
+
+Den achtunddreißigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope"
+des Herrn von Voltaire aufgeführt.
+
+Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des
+Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania,
+der Marquise du Châtelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift
+davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des
+Théâtre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafür
+einzuflößen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemäß zu
+stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern
+mußte er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr
+geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire über ein Trauerspiel, über
+eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden,
+ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darüber zurückschrieb,
+welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur
+Warnung, jederzeit dem Stücke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin
+für eines von den vollkommensten Trauerspielen, für ein wahres Muster
+erklärt, und wir können uns nunmehr ganz zufrieden geben, daß das Stück
+des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses
+ist nun nicht länger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt.
+
+So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein mußte, so schien er
+sich doch mit der Vorstellung nicht übereilen zu wollen, welche erst im
+Jahre 1743 erfolgte. Er genoß von seiner staatsklugen Verzögerung auch
+alle die Früchte, die er sich nur immer davon versprechen konnte.
+"Merope" fand den außerordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte
+dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt
+hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem großen Corneille sehr
+vorzüglich; sein Stuhl auf dem Theater ward beständig freigelassen, wenn
+der Zulauf auch noch so groß war, und wenn er kam, so stand jedermann
+auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Geblüte
+gewürdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause
+angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß
+ihm die Gäste ihre Höflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch
+ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu
+kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende
+war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und lärmte, bis der
+Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen
+mußte. Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet hätte,
+ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefälligkeit des
+Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dichter aussieht? Nicht wie andere
+Menschen? Und wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht
+hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die
+Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich,
+erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber
+vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern
+der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde
+in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel
+liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so
+groß, so überschwenglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es
+sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz
+denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in
+der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der
+Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig
+Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homers wissen,
+ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller
+Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im
+Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung
+dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der
+blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so
+entzücket. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser
+Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu
+erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein,
+man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so
+neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde
+für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu
+kennen, sein müßte (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten,
+dem besten Murmeltiere voraus, welches der Pöbel gesehen zu haben ebenso
+begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der
+französischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser
+Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie
+zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden könne,
+so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein
+neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormußte,
+und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von
+Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger
+gestanden. Wie manches Armesündergesichte muß daruntergewesen sein! Der
+Posse ging endlich so weit, daß sich die Ernsthaftern von der Nation
+selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell
+ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug,
+das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus
+nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver
+und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Übe1stand
+lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlaßt haben.
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Stück
+Den 4. September 1767
+
+Ich habe gesagt, daß Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei
+veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene
+ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehören dem
+Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz
+andere "Merope" geschrieben haben.
+
+Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, müssen wir
+zuvörderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische
+Verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen
+einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel
+gegründet hat.
+
+Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stückes
+folgendergestalt zusammen. "Daß, einige Zeit nach der Eroberung von
+Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in
+Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete
+durch das Los zugefallen; daß die Gemahlin dieses Kresphonts Merope
+geheißen; daß Kresphont, weil er dem Volke sich allzugünstig erwiesen,
+von den Mächtigern des Staats, mitsamt seinen Söhnen, umgebracht worden,
+den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bei einem Anverwandten seiner
+Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er
+erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des väterlichen
+Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern
+gerächet habe: dieses erzählet Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit
+seinen zwei Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus
+dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß
+dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; daß der dritte
+Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher
+umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet
+Apollodorus. Daß Merope selbst den geflüchteten Sohn unbekannterweise
+töten wollen; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener
+daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den
+Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; daß der nun erkannte Sohn
+bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses
+meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes führet."
+
+Es wäre zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere
+Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis
+wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner
+Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn
+erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Mörder ihres
+Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom
+Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stück,[1] wenn er sich
+auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope
+die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer
+befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen
+könne. Aristoteles erwähnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des
+Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen
+"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes
+als das Werk dieses Dichters gemeiner haben.
+
+Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser
+weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste
+Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des
+sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet,
+daß, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen
+Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstücke so gewöhnte
+Volk ganz außerordentlich sei betroffen, gerührt und entzückt worden."
+--Hübsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden
+Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt
+und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine
+Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein paar Worte zu
+sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben.
+
+Die Sache verhält sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem
+vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich für
+Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten,
+sagt er, müssen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter
+gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tötet,
+so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der Tat sonst weiter
+einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des
+Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt verbunden ist. Und so ist
+es auch bei gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen
+Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muß den Bruder,
+ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter töten oder
+töten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise mißhandeln oder
+mißhandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und
+Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollführt oder nicht
+vollführt werden muß, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten,
+welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die
+erste: wenn die Tat wissentlich, mit völliger Kenntnis der Person, gegen
+welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird.
+Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird.
+Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes,
+unternommen und vollzogen wird und der Täter die Person, an der er
+sie vollzogen, zu spät kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend
+unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein
+verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen
+vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die
+Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anführet: so
+haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die
+Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung
+tragischer Fabeln zu sein erkläre.
+
+Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel
+sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses
+beides beieinander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und
+gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation
+allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, glücklich ab.
+Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichter offenbar?
+
+Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit
+gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem
+ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den
+geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede
+dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie
+mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne
+das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und
+welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der
+Klytämnestra durch den Orest der Inhalt des Stückes sein sollte, so zeige
+sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu
+bearbeiten, nämlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der
+zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun
+überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung
+als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht
+statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den
+Orest geschehen müsse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu gräßlich
+sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytämnestra dadurch abermals
+gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich
+bleibe ihm nichts als die dritte Klasse übrig.
+
+Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht
+bloß in einzeln Fällen, nach Maßgebung der Umstände, sondern überhaupt.
+Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bei ihm recht,
+nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf
+der einen Seite eine Blöße von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf
+einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit
+hat, anstatt nach jener in diese zu stoßen: so ist es ja doch um die
+Untrüglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr
+als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die
+Übereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn der Dichter allgemein
+bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf:
+wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem
+ersten oder zweiten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der
+Klytämnestra müßte eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn
+Orestes hat sie wissentlich und vorsätzlich vollzogen: der Dichter aber
+kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte
+doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die
+ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders
+einschlagen, als den zweiten? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß
+sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein
+bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen
+stattfinden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem
+andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben:
+so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloß
+erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytämnestra wäre
+von dieser letztern Art, und es hätte dem Dichter freigestanden, sie
+vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige
+Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen,
+um eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier
+sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so
+geschähe es bloß aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den
+also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt
+eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen
+erteilet, sind ja die, welche sich unglücklich schließen? Und das ist ja
+eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also
+gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann,
+weil es bei den alten Dichtern nicht gebräuchlich und auch nicht erlaubt
+war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), würde sich an der
+angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden,
+welches Josua Barnes nicht mitgenommen hätte und ein neuer Herausgeber
+des Dichters nutzen könnte.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtunddreißigstes Stück
+Den 8. September 1767
+
+Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge
+leistet. Unsern deutschen Übersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1]
+hat sie ebensowenig befriediget. Er trägt seine Gründe dagegen vor, die
+zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch
+sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche
+zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht
+zu retten sei. "Ich überlasse", schließt er, "einer tiefern Einsicht,
+diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklärung
+finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß unser Philosoph dieses
+Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen Vorsicht durchgedacht habe."
+
+Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines
+offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig.
+Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das
+größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich
+verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal und
+glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen
+Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem
+Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten
+können, was ihm diesen Widerspruch gewissermaßen unvermeidlich machen
+müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst
+würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß
+am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeübterm Leser, der ich ihn
+zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge
+den Faden seiner Gedanken zurück, ponderiere ein jedes Wort und sage mir
+immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber daß er hier
+etwas behaupten sollte, wovon er auf der nächsten Seite gerade das
+Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's
+auch.
+
+Doch ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr
+Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich
+desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer größern
+Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen.
+
+Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute
+Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere
+Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist
+es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen
+und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft
+und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung
+einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine
+Verknüpfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung
+ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie
+die Güte eines jeden Ganzen auf der Güte seiner einzeln Teile und deren
+Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger
+vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede für
+sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger
+entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der
+tragischen Handlung statthaben können, unter drei Hauptstücke: des
+Glückswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou];
+und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern
+versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles
+zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches
+widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der
+Glückswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte
+Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo],
+unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie
+machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schöner und
+interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit
+und Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine
+tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muß jedes
+Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein;
+denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung
+des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht
+jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht
+erreichen, sie in einem höhern Grade erreichen helfen, andere aber ihr
+mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem
+Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstücke gebrachten Teile
+der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet,
+welches der beste Glückswechsel, welches die beste Erkennung, welches die
+beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern,
+daß derjenige Glückswechsel der beste, das ist der fähigste, Schrecken
+und Mitleid zu erwecken und zu befördern, sei, welcher aus dem Bessern in
+das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, daß diejenige
+Behandlung des Leidens die beste in dem nämlichen Verstande sei, wenn die
+Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen,
+aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen
+soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt.
+
+Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die
+Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der
+Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von
+diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die
+möglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des
+andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit
+des Ganzen? Wenn der Glückswechsel und das, was Aristoteles unter dem
+Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind,
+warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen?
+Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Teile von entgegengesetzten
+Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie
+nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sei?
+Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die
+Erkennung dessen hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche
+Tat verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der
+Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben,
+welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern
+mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der
+Glückswechsel kann sich mitten in dem Stücke ereignen, und wenn er schon
+bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so
+ist z.E. der Glückswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des
+vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos])
+hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schließet. Gleichfalls
+kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und
+in dem nämlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so
+daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie
+in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem
+vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist,
+erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswechsel mit
+der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben
+Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat
+die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch den ersteren haben
+könnte, wenn nämlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche
+erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu
+schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben
+beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht ebensowohl mit dem
+Untergange der Mutter, als des Tyrannen schließen? Warum sollte es einem
+Dichter nicht freistellen können, um unser Mitleiden gegen eine so
+zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit
+selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht
+erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen,
+gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde
+eine solche Merope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden
+Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem
+Kunstrichter so widersprechend findet?
+
+Ich merke wohl, was das Mißverständnis veranlasset haben kann. Man hat
+sich einen Glückswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne
+Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne
+Glückswechsel denken können. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das
+andere sein; nicht zu erwähnen, daß auch nicht beides eben die nämliche
+Person treffen muß, und wenn es die nämliche Person trifft, daß eben
+nicht beides sich zu der nämlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf
+das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne
+dieses zu überlegen, hat man nur an solche Fälle und Fabeln gedacht, in
+welchen beide Teile entweder zusammenfließen, oder der eine den andern
+notwendig ausschließt. Daß es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist
+der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten
+Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen
+seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der
+andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich
+selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine
+Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit sein; jener von
+einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er
+gesagt, daß jede Fabel diese Teile alle notwendig haben müsse? Genug für
+ihn, daß es Fabeln gibt, die sie alle haben können. Wenn eure Fabel aus
+der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten
+Glückswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so
+untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren
+würdet, und wählet. Das ist es alles!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Herrn Curtius, S. 214.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neununddreißigstes Stück
+Den 11. September 1767
+
+Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen
+haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden
+haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern
+Falle so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu
+erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er
+ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muß erst untersucht
+werden, wo er das größere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber,
+nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er
+davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln
+Teile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bei dem
+Pater Tournemine auch nur ein bloßer Jesuiterkniff, um uns mit guter Art
+zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel, von einem so großen
+Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstück werden müssen.
+
+Doch Tournemine und Tournemine--Ich fürchte, meine Leser werden fragen:
+"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn
+viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen,
+weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1].
+
+Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire
+selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stücke
+des Euripides die nämlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß
+Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten,
+daß die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste
+Augenblick der ganzen griechischen Bühne sei. Auch er sagt, daß Aristoteles
+diesem coup de théâtre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch
+versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripides für das rührendste
+von allen Stücken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun
+gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus
+welchem er die Situation der Merope anführt, nicht einmal den Titel namhaft;
+er sagt weder, wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sei;
+geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripides
+erkläre.
+
+Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der
+Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen
+griechischen Bühne sei! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten!
+Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen
+Bühne! Sollte man hieraus nicht schließen: Aristoteles gehe mit Fleiß
+alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch,
+vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die
+er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten
+Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher
+den Ausspruch für diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es
+nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum
+Beispiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel
+von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beispiele in der "Iphigenia",
+wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter
+erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu
+vergehen.
+
+Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und
+wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters
+gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drei Beispiele
+von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter
+gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente.
+Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht
+ausschließt; und obschon in der "Iphigenia" die glückliche Erkennung auf
+die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich
+sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche
+Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der
+Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten
+von allen tragischen Dichtern verdiente?
+
+Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich;
+ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den
+wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" übrig sind, nicht
+schließen. Sie enthalten nichts als Sittensprüche und moralische
+Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und
+werfen nicht das geringste Licht auf die Ökonomie des Stückes.[3] Aus
+dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttin des
+Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die
+Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder
+hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schließen,
+daß die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei ältern Söhne entweder
+einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz
+vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des jüngern
+Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brüder
+zu rächen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die größte Schwierigkeit aber
+macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des
+jüngern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stück
+"Kresphontes" heißen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber
+hieß nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, daß
+jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der
+Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts
+sicher zu bleiben. Der Vater muß längst tot sein, wenn sich der Sohn des
+väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein
+Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin
+vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind über diese
+Schwierigkeit hinwegzusetzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn
+gleichfalls Kresphont geheißen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit?
+aus welchem Grunde?
+
+Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich
+Maffei schmeichelte: so können wir den Plan des Kresphontes ziemlich
+genau wissen. Er glaubte ihn nämlich bei dem Hyginus, in der
+hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er hält
+die Fabeln des Hyginus überhaupt größtenteils für nichts, als für die
+Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius
+gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem
+verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich
+neue zu erdichten. Der Rat ist nicht übel und zu befolgen. Auch hat ihn
+mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er
+ihn gegeben. Herr Weiße hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube
+geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur
+möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinste
+Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen.
+Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien
+zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder
+unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragödienschreiber selbst
+ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation
+gemacht, scheinet selbst die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche
+betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter
+nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte,
+ausdrücklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzählt er
+z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach
+dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des
+Euripides.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Lettres familières".
+
+[2] Aristote, dans sa Poétique immortelle, ne balance pas à dire que la
+reconnaissance de Mérope et de son fils était le moment le plus
+intéressant de toute la scène Grecque. Il donnait à ce coup de Théâtre la
+préférence sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si
+sensible, frémissaient de crainte que le vieillard, qui devait arrêter le
+bras de Mérope, n'arrivât pas asseztôt. Cette pièce, qu'on jouait de son
+temps, et dont il nous reste très peu de fragments, lui paraissait la
+plus touchante de toutes les tragédies d'Euripide etc. Lettre à
+Mr. Maffei.
+
+[3] Dasjenige, welches Dacier anführet ("Poétique d'Aristote", Chap. XV.
+Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem
+Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nützen solle".
+
+[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poét. d'Arist. Une Mère, qui
+va tuer son fils, comme Mérope va tuer Cresphonte etc.
+
+[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184
+d'Igino, la quale a mio credere altro non è, che l'Argomento di quella
+Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa.
+Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci già in quell'
+Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le più di quelle
+Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di ciò col
+confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto
+in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi è stato
+caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal
+sentimento. Una miniera è pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse
+stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a
+lor fantasia: io la scoprirò loro di buona voglia, perchè rendano col
+loro ingegno alla nostra età ciò, che dal tempo invidioso le fu rapito.
+Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto più di considerazione
+quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non è stato
+creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle
+favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole
+costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso
+convertendole, le avean ridotte.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierzigstes Stück
+Den 15. September 1767
+
+Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über derhundertundvierund-
+Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus
+Dem "Kresphont" Desselben Könne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Daß
+Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So
+Daß, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Könnte,
+Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizität Weit Näher Käme, Als
+Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzählung Des Hyginus, Die
+Ich Oben Nur Verkürzt Angeführt, Ist Nach Allen Ihren Umständen Folgende.
+
+Kresphontes war König von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope
+drei Söhne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem
+er, nebst seinen beiden ältesten Söhnen, das Leben verlor. Polyphontes
+bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche
+während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn,
+namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit
+bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward
+Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen und versprach
+also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde.
+Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine
+Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging
+nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, daß er den Telephontes
+umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung.
+Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu
+bewirten, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephontes ward also in das
+Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indes kam der alte
+Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen
+Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, daß
+Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne daß man wisse, wo er hingekommen.
+Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der
+angekommene Fremde rühme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und hätte ihn
+im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin
+nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der
+Freveltat verhindert hätte. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche
+Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt.
+Polyphontes dünkte sich aller seiner Wünsche gewähret und wollte den
+Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber
+alle um den Altar versammelt waren, führte Telephontes den Streich, mit
+dem er das Opfertier fällen zu wollen sich stellte, auf den König; der
+Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen
+Reiches.[1]
+
+Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische
+Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren
+Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus
+genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fußtapfen des
+Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Überzeugung
+ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer bloßen
+
+Divination über den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in
+seiner "Merope" wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von
+verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging
+und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin gerührt hatte,
+in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte.
+
+Die Mutter nämlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem
+Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den
+Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern und mit
+Ausschließung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und
+tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht
+also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die
+Umstände von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswärtiger
+Erziehung treffen mußte. Merope mußte nicht die Gemahlin des Polyphonts
+sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so
+frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes
+überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und
+dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche
+nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befreien. Der Sohn mußte
+nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines väterlichen Hauses, in aller
+Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntnis seines Standes
+und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die mütterliche Liebe erkaltet
+natürlicherweise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des
+Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand
+geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er mußte nicht in der
+ausdrücklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß
+nicht von Meropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er
+sich selbst dafür ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von
+Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so
+ist ihre Verlegenheit bei der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr
+rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel
+genug.
+
+Und diesen Veränderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan
+ungefähr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fünfzehn Jahre, und
+doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das
+Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugetan und rechnet
+auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu
+beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er trägt ihr
+seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope
+weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch
+Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht
+verhelfen können. Eben dringt er am schärfsten in sie, als ein Jüngling
+vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde
+ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Jüngling, hatte nichts getan,
+als sein eignes Leben gegen einen Räuber verteidiget; sein Ansehen verrät
+so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die
+noch außerdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl
+mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der
+König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten
+Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode
+ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes
+Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält,
+heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder
+aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der
+Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen
+wäre? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene
+Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu
+begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestärket, den man bei dem
+Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn Aegisth dem
+Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls,
+den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen,
+wenn er erwachsen, und es Zeit sein würde, ihm seinen Stand zu entdecken.
+Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an
+eine Säule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstoßen. Der
+Jüngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfährt
+der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort
+sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt
+der König dazu, und der Jüngling wird befreiet. So nahe Merope der
+Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück,
+als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung triumphiert.
+Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn
+vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in
+dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den
+Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als
+ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und
+den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Aegisth erwacht
+und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem
+vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und würde ihn leicht
+durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie
+der Alte nicht auch hiervon zurückgehalten hätte. Mit frühem Morgen soll
+ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare,
+aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat
+Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den
+Tempel, dränget sich durch das Volk, und--das übrige wie bei dem Hyginus.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzählung genommen,
+sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste
+Verbindung unter sich haben. Sie fängt an mit dem Schicksale des Pentheus
+und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar
+nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen
+können; es wäre denn, daß sie sich bloß in derjenigen Ausgabe, welche ich
+vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befände. Diese
+Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat.
+Genug, daß hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses
+excepit, aus sein muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel,
+von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehöret, welches mir das
+Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so daß, beides miteinander verbunden,
+ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu
+der 184. machen wollen, folgendermaßen zusammenlegen wurde. Es versteht
+sich, daß in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso
+Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnötige Wiederholung, mitsamt dem
+darauffolgenden ejus, welches auch so schon überflüssig ist, wegfallen
+müßte. Merope.
+
+[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum
+interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem
+infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem
+in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat,
+aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem
+aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem.
+Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis
+interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in
+hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem
+obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad
+Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope
+credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum
+cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex
+cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit,
+occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum
+Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso
+simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum
+adeptus est.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Stück
+Den 18. September 1767
+
+Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen
+Theater überhaupt aussahe, desto größer war der Beifall und das
+Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde.
+
+ Cedite Romani scriptores, cedite Graii,
+ Nescio quid majus nascitur Oedipode:
+
+schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon
+gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast
+kein anderes Stück gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue
+Tragödie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbühnen fanden sich
+darüber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in
+sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreißig Ausgaben, in und
+außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie
+ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man
+hatte vor, sie mit allen diesen Übersetzungen zugleich drucken zu lassen.
+Ins Französische war sie bereits zweimal übersetzt, als der Herr von
+Voltaire sich nochmals darübermachen wollte, um sie auch wirklich auf die
+französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine
+eigentliche Übersetzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in
+dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope"
+vorsetzte, umständlich angibt.
+
+Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und
+bürgerlich, und der Geschmack des französischen Parterrs viel zu fein,
+viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es
+wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen der Kunst sehen;
+und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze
+Schreiben ist mit der äußersten Politesse abgefaßt; Maffei hat nirgends
+gefehlt; alle seine Nachlässigkeiten und Mängel werden auf die Rechnung
+seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten,
+aber leider nur Schönheiten für Italien. Gewiß, man kann nicht höflicher
+kritisieren! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird
+sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet.
+Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß;
+und der Franzose will ebenso groß, als liebenswürdig scheinen.
+
+Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire?
+Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei
+ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte.
+Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist
+schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und übrigens so
+unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich
+Lindelle: wer einen französischen Januskopf sehen will, der vorne auf die
+einschmeichelndste Weise lächelt und hinten die hämischsten Grimassen
+schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen
+geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet
+Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht
+schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener hätte freimütiger, und
+dieser gerechter sein müssen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten
+sollte, daß der nämliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden
+Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen
+vergeben habe.
+
+Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er
+einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug
+gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze
+Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zärtlichste Interesse
+aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm
+beliebt, daß die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben
+wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände
+zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die
+Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr
+hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über den
+Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem
+Theater mehr hören will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu
+jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine
+Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt,
+zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der
+Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, daß ein
+junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Eltern hält und in dem
+Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord
+verübt, demohngeachtet nicht soll für einen Räuber gehalten werden
+dürfen, weil es voraussieht, daß er der Held des Stückes werden müsse,
+[2] wenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen
+kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee
+sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich,
+hat in diesen und ähnlichen Fällen unrecht; aber warum muß Voltaire auch
+in andern Fällen, wo es gewiß nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als
+dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische
+Höflichkeit gegen Ausländer darin besteht, daß man ihnen auch in solchen
+Stücken recht gibt, wo sie sich schämen müßten, recht zu haben, so weiß
+ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanständiger sein
+kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffei
+seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen,
+denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in
+den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die
+Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist:
+dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwätz kann
+durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen
+kultivierten Völkern entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall
+der nämliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern
+hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gähnet und
+darüber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu
+dem Marquis, "in Ihrer Tragödie jene schöne und rührende Vergleichung
+des Virgils:
+
+ Qualis populea moerens Philomela sub umbra
+ Amissos queritur foetus--
+
+übersetzen und anbringen dürfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen
+wollte, so würde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben
+nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen müssen; ich
+meine unser Publikum. Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der
+Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bei
+kritischen Vorfällen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen
+Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein König, kein Minister
+poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses
+Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte
+nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein
+Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muß
+Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen
+wollen, weil er nicht Freimütigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus
+zu sagen, daß er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen
+Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, daß ausführliche
+Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem
+Trauerspiele finden können, hätte er anmerken sollen, daß jenes
+Virgilische von dem Maffei äußerst gemißbrauchet worden. Bei dem Virgil
+vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem
+Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovon
+es das Bild sein soll, triumphieret, und müßte nach der Gesinnung des
+Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf
+das Ganze noch größern Einfluß habende Fehler scheuet sich Voltaire
+nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener überhaupt, als einem einzeln
+Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfeinsten
+Lebensart, wenn er den Maffei damit tröstet, daß es seine ganze Nation
+nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehler seiner Nation
+wären; daß aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler wären,
+weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und für sich gut oder
+schlecht sei, sondern was die Nation dafür wolle gelten lassen. "Wie
+hätte ich es wagen dürfen", fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber
+auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis
+fort, "bloße Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie
+getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den
+Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugänge zu einem schönen
+Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem
+Palaste befinden. Wir müssen uns also schon nach dem Geschmacke eines
+Volks richten, welches sich an Meisterstücken sattgesehen hat und also
+äußerst verwöhnt ist." Was heißt dieses anders, als: "Mein Herr Marquis,
+Ihr Stück hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnütze Szenen. Aber
+es sei fern von mir, daß ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte!
+Behüte der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiß zu leben; ich werde
+niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben
+Sie diese kalten, langweiligen, unnützen Szenen mit Vorbedacht, mit allem
+Fleiße gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich
+wünschte, daß ich auch so wohlfeil davonkommen könnte; aber leider ist
+meine Nation so weit, so weit, daß ich noch viel weiter sein muß, um
+meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr
+einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr
+übersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen;
+denn sonst,
+
+Desinit in piscem mulier formosa superne:
+
+aus der Höflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses französische
+Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der
+Persiflage dummer Stolz.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que
+depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela
+semblerait trop petit sur notre théâtre.
+
+[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un héros pour un voleur,
+quoique la circonstance où il se trouve autorise cette méprise.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundvierzigstes Stück
+Den 22. September 1767
+
+Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire
+als Eigentümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an
+seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen
+Nation überhaupt zur Last zu legen, daß, sage ich, diese, und noch
+mehrere, und noch größere, sich in der "Merope" des Maffei befinden.
+Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit
+vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der berühmtesten
+Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen
+für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie erfodert wird, wenig oder
+nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und
+Altertümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das
+tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben
+und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche
+Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als
+zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen
+Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so
+müßte er der außerordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragödie
+überhaupt ist ein sehr geringfügiges Ding. Was indes ein Gelehrter von
+gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr für eine Erholung als für
+eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete
+auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als glücklich;
+seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder
+nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert;
+sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Literator und der
+Versifikateur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und
+der Dichter.
+
+Als Versifikateur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr
+nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemälde, die in
+seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten, aber in dem Munde
+seiner Personen unerträglich sind und in die lächerlichsten
+Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, daß
+Aegisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich
+beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Verteidigung; daß er
+aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet,
+alle, selbst die allerkleinsten Phänomena malet, die den Fall eines
+schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem
+Geräusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie
+sich die Flut wieder über ihn zuschließt:[1] das würde man auch nicht
+einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche,
+verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein
+Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er
+in seiner Erzählung so kindisch genau sein könnte.
+
+Als Literator hat er zu viel Achtung für die Simplizität der alten
+griechischen Sitten und für das Kostüm bezeugt, mit welchem wir sie bei
+dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas,
+ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostüme näher gebracht
+werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich als
+zuträglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schöne Stellen aus
+den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer
+Art von Werken er sie entlehnt und in was für eine Art von Werken er sie
+überträgt. Nestor ist in der Epopee ein gesprächiger freundlicher Alte;
+aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ekler
+Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen
+wollen: so würde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht
+haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die
+kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes übrig sind, zu nutzen und
+seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt hätte, daß
+sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen
+sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher
+pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprüche, womit man
+seine Lücken füllet, so sind es andere.
+
+Demohngeachtet möchten sich wiederum Stellen finden, wo man wünschen
+dürfte, daß sich der Literator weniger vergessen hätte. Z.E. Nachdem die
+Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal
+gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Ismene voller
+Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie
+jemals auf einer Bühne erdichtet worden!"
+
+ Con così strani avvenimenti uom' forse
+ Non vide mai favoleggiar le scene.
+
+Maffei hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine
+Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem
+Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich würde
+diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede
+entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Messene zu einer Zeit
+brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil
+Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten
+halten, wie er will; nur verlangt man, daß er sich immer gleichbleibet
+und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein
+andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß
+vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen.
+Überhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch
+keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles
+vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald
+sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob
+Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater
+ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte
+"Bühne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns
+geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen
+Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung
+Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht
+es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert.
+
+Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach
+seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von
+selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist
+ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so
+viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude
+des Harlekins, zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und
+Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schließt er, "das Werk des Maffei
+enthält einen schönen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stück. Alle Welt
+kömmt in Paris darin überein, daß man die Vorstellung desselben nicht
+würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen
+Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen
+Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragödie zu
+übersetzen; er konnte leichter einen Übersetzer bezahlen, als sein Stück
+verbessern."
+
+So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch
+selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stücken
+wider den Maffei recht, und möchte er doch höflich oder grob sein, wenn
+er sich begnügte, ihn bloß zu tadeln. Aber er will ihn unter die Füße
+treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke.
+Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche
+Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter
+aufschlagen zu können. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer
+in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder
+treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei
+Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum
+Teil gefühlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an
+Lindellen den Maffei in allen Stücken zu verteidigen, in welchen er sich
+zugleich mitverteidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit
+sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des
+Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire hätte mitteilen
+wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei
+zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum
+die Eigentümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen,
+ihm zu zeigen, warum die französische "Merope" ebensowenig in Italien, als
+die italienische in Frankreich gefallen könne?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ ------In core
+ Pero mi venne di lanciar nel fiume
+ Il morto, o semivivio; e con fatica
+ (Ch' inutil' era per riuscire, e vana)
+ L' alzai da terra, e in terra rimaneva
+ Una pozza di sangue: a mezzo il ponte
+ Portailo in fretta, di vermiglia striscia
+ Sempre rigando il suol; quinci cadere
+ Col capo in giù il lasciai; piombò, e gran tonfo
+ S' udi nel profondarsi: in alto salse
+ Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse.
+
+[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia
+d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que'
+sentimenti di essa, che son rimasti quà e là; avendone tradotti cinque
+versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e
+alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso
+Stobeo.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Stück
+Den 25. September 1767
+
+So etwas läßt sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich
+selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben könnten.
+
+Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindelle fast in allen
+Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump
+gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth,
+wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!"
+und die Königin werde durch dieses Wort "alter Vater" so gerühret, daß
+sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth könne
+wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er höhnisch hinzu, "eine sehr
+gegründete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, daß
+ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", fährt er fort, "hat mit
+diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler
+verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stückes begangen
+hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor
+war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen
+Polydor hätte die Königin gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Aegisth ihr
+Sohn sei; und das Stück wäre ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar
+weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit gröberer eingenommen."
+Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen
+Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die
+Rede. Die Königin stutzt bloß bei dem Namen Polydor, der den Aegisth
+gewarnet habe, ja keinen Fuß in das messenische Gebiete zu setzen. Sie
+gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloß nähere Erklärung,
+und ehe sie diese erhalten kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den
+Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht
+worden, billiget und rühmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen
+verspricht, so muß wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen.
+Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er
+ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß notwendig bei ihr mehr gelten,
+als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen
+Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer
+Rache gezaudert habe:
+
+ Che dubitar? misera, ed io da un nome
+ Trattener mi lasciai, quasi un tal nome
+ Altri aver non potesse--
+
+und die folgenden Äußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in
+der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die
+allerzuverlässigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Ist denn das also
+nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen,
+daß ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal für sehr nötig halte.
+Laßt es den Aegisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor heiße! Ob es
+sein Vater oder sein Freund war, der so hieße und ihn vor Messene warnte,
+das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Merope, ohne alle Widerrede,
+das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da
+sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das,
+was sie aus der bloßen Übereinstimmung eines Namens schließen könnte.
+Freilich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei
+der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung
+gründe, so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat
+sie allen Grund, zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß sein.--Es
+versteht sich, daß ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum
+nicht für schön ausgebe; der Poet hätte unstreitig seine Anlage viel
+feiner machen können. Sondern ich will nur sagen, daß auch so, wie er sie
+gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und
+daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Merope in ihrem
+Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen
+Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also
+beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zweitenmale
+ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden kömmt, sondern dieses,
+daß sie zum zweitenmale durch einen glücklichen ungefähren Zufall daran
+verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch
+nicht eigentlich nach den Gründen der größern Wahrscheinlichkeit sich
+bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den
+Gründen der schwächern das Übergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm
+nicht verzeihen, daß er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und
+mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den
+gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall einmal der Mutter
+einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel
+lieber glauben, je mehr uns die Überraschung gefällt. Aber daß er zum
+zweiten Male die nämliche Übereilung auf die nämliche Weise verhindern
+werde, das sieht dem Zufalle nicht ähnlich; ebendieselbe Überraschung
+wiederholt, hört auf, Überraschung zu sein; ihre Einförmigkeit
+beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar ebenso
+abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiß, als
+der Zufall.
+
+Von den augenscheinlichen und vorsätzlichen Verfälschungen des Lindelle
+will ich nur zwei anführen.--"Der vierte Akt", sagt er, "fängt mit einer
+kalten und unnötigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der
+Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie,
+dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu
+begeben, damit, wenn er eingeschlafen wäre, ihn die Königin mit aller
+Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft auch wirklich ein, so wie er
+es versprochen hat. O schön! und die Königin kömmt zum zweiten Male,
+mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der
+ausdrücklich deswegen schläft. Diese nämliche Situation, zweimal
+wiederholt verrät die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des
+jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt nichts lächerlicher
+sein kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem
+Schlafe beredet? Das lügt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an
+und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königin so
+ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles
+sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt woanders hin; er solle
+einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein.
+Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königin in die Hände
+zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und
+Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schläft, nicht seinem
+Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist, weil es Nacht ist,
+weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können als
+hier.[2]--Die zweite Lüge des Lindelle ist von eben dem Schlage.
+"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres
+Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er dafür verlange;
+und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjüngen." Bittet sie, ihn zu
+verjüngen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist
+dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was
+könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts.
+Eines möchte ich mir wünschen, aber das stehet weder in deiner; noch in
+irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner
+Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert würde usw."[3] Heißt das:
+Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Stärke und Jugend wieder? Ich
+will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungemächlichkeiten
+des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen
+in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit
+Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten
+Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den
+Mund legte, die Lindelle ihnen anlügt?--Anlügt! Lügen! Verdienen solche
+Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle
+wichtig genug war, darum zu lügen, soll das einem dritten nicht wichtig
+genug sein, ihm zu sagen, daß er gelogen hat?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle
+sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais
+comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand
+il sera endormi, la reine puisse le tuer tout à son aise, sondern auch
+der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Mérope engage le jeune
+Egiste à dormir sur la scène, afin de donner le temps à la reine de venir
+l'y assassiner. Was aus dieser Übereinstimmung zu schließen ist, brauche
+ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst
+überein; und wenn zwei Lügner miteinander übereinstimmen, so ist es gewiß
+abgeredete Karte.
+
+[2]
+ Egi. Mà di tanto furor, di tanto affanno
+ Qual' ebbe mai cagion?--
+ Ism. Il tutto
+ Scoprirti io non ricuso; mà egli è d'uopo
+ Che qui t'arresti per brev' ora: urgente
+ Cura or mi chiama altrove.
+ Egi. Io volontieri
+ T'attendo quanto vuoi. Ism. Mà non partire
+ E non far sì, ch' io quà ritorni indarno.
+ Egi. Mia fè dò in pegno; e dove gir dovrei?--
+
+
+ [3]
+ Mer. Ma quale, ô mio fedel, qual potrò io
+ Darti già mai mercè, che i merti agguagli?
+ Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora
+ M'è, il vederti contenta, ampia mercede.
+ Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro
+ Sol mi saria ciò, ch' altri dar non puote;
+ Che scemato mi fosse il grave incarco
+ De gli anni, che mi stà su'l capo, e à terra
+ Il curva, e prime sì, che parmi un monte.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Stück
+Den 29. September 1767
+
+Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den
+Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war.
+
+Ich übergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fühlte,
+daß der Wurf auf ihn zurückpralle.--Lindelle hatte gesagt, daß es sehr
+schwache und unedle Merkmale wären, aus welchen Merope bei Maffei
+schließe, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet:
+"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel
+künstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, daß ihr
+Sohn der Mörder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu
+bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem königlichen Ringe, über
+den Boileau in seinen Satiren spottet, würde das auf unserm Theater sehr
+klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt
+des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn,
+auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn
+er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe und sich mit der
+alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich
+nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah
+es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine
+Rüstung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die
+Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche
+Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen,
+an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder
+erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freilich mitnehmen; und
+der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, daß er unter den
+blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht
+hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth
+schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die
+Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte.
+--Zweitens hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei aufgehalten,
+der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische
+das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch
+ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus
+Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des
+Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr
+gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, beträchtlich
+ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande
+eben hat Maffei den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese
+Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?--
+
+Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf
+sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler
+seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar
+nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, daß er nicht der
+Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde!
+
+Lindelle wirft dem Maffei vor, daß er seine Szenen oft nicht verbinde,
+daß er das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache
+auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch
+dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses?
+Doch das ist die Sprache der französischen Kunstrichter überhaupt; die
+muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen
+will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein mögen; wollen
+wir es Lindellen auf sein Wort glauben, daß sie bei den Dichtern seines
+Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten
+Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln
+eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnet,
+sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene
+Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen,
+als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln
+der Kunst so leicht, so weit zu machen, daß er alle Freiheit behält, sich
+zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer
+und macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied
+von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Überwindung,
+ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es
+bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast
+aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem
+die Bewunderer des französischen Theaters das lauteste Geschrei erheben:
+so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit
+einstimme.
+
+1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich
+anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den
+Grundsätzen und Beispielen der Alten, ein Hédelin verlangen zu können
+glaubte. Die Szene muß kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des
+Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu
+übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder
+eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch
+schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein
+ausdrückliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und
+wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei.
+Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so
+mußte er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das
+muß Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, daß eigentlich
+die Szene bald in dem Zimmer der Königin, bald in dem oder jenem Saale,
+bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht
+muß gedacht werden. Nur hätte er bei diesen Abwechselungen auch die
+Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie müssen nicht
+in dem nämlichen Akte, am wenigsten in der nämlichen Szene angebracht
+werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen
+Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abändern oder auch
+nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der
+Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter
+einem Säulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das
+Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Königin den Aegisth mit
+eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen,
+als daß, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth
+wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschließen muß? Wie schließt er
+sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen
+Vorhang das, was Hédelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt
+hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache
+erwägt, warum Aegisth so plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so
+augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach
+reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die
+ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der
+siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um
+einen toten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches
+Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen,
+die Türen dieses Tempels öffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal
+mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in
+denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Königlichen
+Majestät Schloßkapelle, die gerade an den Saal stieß und mit ihm
+Kommunikation hatte, damit Allerhöchstdieselben jederzeit trocknes Fußes
+zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses
+Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen;
+wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und
+ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat
+schon vollbracht haben soll.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit
+zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des dänischen
+Theaters, "beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes
+rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich
+damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau
+beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der
+Szenen nicht verändert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum
+die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht
+vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine
+Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz
+vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller
+Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne
+daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird;
+kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten
+kommen, um auf die Schaubühne zu treten: so würde der Verfasser des
+Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist
+ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu
+setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden,
+es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche
+der Engländer die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern
+verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgeführet hätte, als daß
+er seinem Helden die Mühe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen
+Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat."
+
+[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les
+Acteurs paraissent ei disparaissent selon la nécessité du Sujet--ces
+rideaux ne sont bons qu'à faire des couvertures pour berner ceux qui les
+ont inventés, et ceux qui les approuvent. Pratique du Théâtre. Liv.
+II. chap. 6.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundvierzigstes Stück
+Den 2. Oktober 1767
+
+2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit
+der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner
+"Merope" vorgehen läßt, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel
+Ungereimtheiten man sich dabei denken muß. Man nehme immer einen
+völligen, natürlichen Tag; man gebe ihm immer die dreißig Stunden, auf
+die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar
+keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem
+Zeitraume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es
+ist freilich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein
+Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man
+es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht,
+verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die
+allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen?
+Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch
+soll uns, was bloß physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich
+werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der
+abwesende Aegisth können allein dabei in Betrachtung kommen; um die
+Ansprüche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben
+heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr
+den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und fällt für ihn
+aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Aegisth möge
+nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwählte König könne es vors
+erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und
+bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben
+des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben
+des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat,
+und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik.
+Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so
+zu mißhandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht
+König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den
+Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König und ist es geworden, ohne
+sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag,
+und vielleicht gibt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu
+vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn
+als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu
+nötig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen?
+Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden?
+Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie
+nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in
+seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich für
+verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer
+funfzehn Jahr sonst so bedächtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun
+selbst in die Hände liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne
+alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer
+ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß geheiratet
+sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bei der
+alten Königin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man
+sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es
+einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen könne,
+wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also
+dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer
+wirklichen Eräugung ungefähr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als
+auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und daß diese Zeit mit der, welche
+auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen
+Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet?
+Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was
+er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber
+kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der
+physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu
+kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die
+Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit
+involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil diese
+Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stücke
+von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als
+einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche
+den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht
+alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es
+an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu
+welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die
+physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der
+moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese
+jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil
+und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf.--Maffei nimmt doch
+wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermählung, die Polyphont
+der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch
+ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget;
+die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie
+übereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem
+Könige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil
+er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt.
+
+3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde öfters die Szenen nicht, und das
+Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten
+Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist
+eine große Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit
+der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie
+ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich
+ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragödie bei den Franzosen
+seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was
+dieser bloß für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher
+Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der
+Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen
+Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden
+ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwürdig sein, als
+Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler
+bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire
+aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es
+bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königin
+kömmt, und die Königin mit der dritten Szene abgeht, mit was für Recht
+kann Polyphont in dem Zimmer der Königin verweilen? Ist dieses Zimmer der
+Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das
+Bedürfnis des Dichters verrät sich in der vierten Szene gar zu deutlich,
+in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen müssen, nur daß
+wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet hätten.
+
+4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar
+nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch
+schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt,
+man muß auch aus der Verbindung einsehen, daß sie darum kommen müssen.
+Es ist nicht genug, daß sie sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem
+Folgenden sehen, daß sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist
+das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Vorwand
+und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten
+Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königin zu versammeln, so
+müßte man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch
+hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist
+sein Vorgeben ein schülerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten
+besten Lügen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu tun,
+was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht
+wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern erteilen zu
+lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer
+Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, daß der
+Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles
+bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt
+ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse
+hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, und nicht etwa
+seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königin nicht in den Tempel gefolgt
+ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern
+wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über
+die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun
+schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte.
+Polyphont zitiert die Königin nochmals nach dem Tempel, Merope
+selbst schreiet,
+
+ Courons tous vers le temple où m'attend mon outrage;
+
+und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie,
+
+ Vous venez à l'autel entraîner la victime.
+
+Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel
+sein, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut
+Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch
+einmal wieder, und schickt auch die Königin noch einmal wieder.
+Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten
+und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen
+sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der
+dritte und vierte Akt schließen bloß, damit der vierte und fünfte wieder
+anfangen können.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Stück
+Den 6. Oktober 1767
+
+Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich
+beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten
+verstanden zu haben.
+
+Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die
+Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus
+jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene
+notwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu
+gekommen wäre. Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen
+haben mußten und diese Menge immer die nämliche blieb, welche sich weder
+weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben
+wegbleiben konnte, als man gewöhnlichermaßen der bloßen Neugierde wegen
+zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen
+und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und
+ebendenselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich
+denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, daß
+sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren.
+Denn sie ließen sich diesen Zwang einen Anlaß sein, die Handlung selbst
+so zu simplifizieren, alles Überflüssige so sorgfältig von ihr abzusondern,
+daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein
+Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am
+glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit
+und des Ortes verlangte.
+
+Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen
+Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stücke
+schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplizität kennenlernten,
+betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener
+Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung
+unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und
+verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur
+immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch gänzlich
+entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmöglich öfters
+dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren
+völligen Gehorsam aufzukündigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen.
+Anstatt eines einzigen Ortes führten sie einen unbestimmten Ort ein,
+unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden könne; genug, wenn
+diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlägen und keiner
+eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nämliche Verzierung
+ungefähr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der
+Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine
+gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne
+hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal
+zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin
+ereignen, ließen sie für einen Tag gelten.
+
+Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich
+auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre
+das Brett, wo es am dünnsten ist.--Aber ich muß meinen Nachbar nur auch
+da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den
+astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da
+pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die französischen
+Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der
+Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit,
+die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei
+diesen Elementen länger aufzuhalten.
+
+Möchten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und
+an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die
+Schönheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen!
+
+Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren
+nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei öfters spricht
+und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, über die
+heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund
+legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; das Volk
+in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften und weibisch machen
+können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der
+Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen
+unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen?
+So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch
+keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und
+wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber
+mitunter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von
+dieser Art über die Zunge bringt. Z.E.
+
+ --Des Dieux quelquefois la longue patience
+ Fait sur nous à pas lents descendre la vengeance--
+
+Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie
+nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu
+neuen Verbrechen aufmuntert:
+
+ Eh bien, encor ce crime!--
+
+Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich
+schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso
+verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von
+Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bei dem Opfer
+gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwören? In
+den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter?
+Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er
+hat sich für seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth
+verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit
+eins zu entscheiden; und diesen tollkühnen Aegisth läßt er sich an dem
+Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwert
+werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen
+Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und hält ihn
+für seinen Freund. Warum hätte Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht
+nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war
+geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen
+einkommen konnte, den ersten zu rächen.
+
+"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfährt, daß ihr Sohn
+ermordet sei, will dem Mörder das Herz aus dem Leibe reißen und es mit
+ihren Zähnen zerfleischen.[3] Das heißt, sich wie eine Kannibalin und
+nicht wie eine betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall
+beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französische Merope
+delikater ist, als daß sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz,
+beißen sollte: so dünkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut
+Kannibalin, als die italienische.--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Atto III. Sc. I.
+
+ ----Quando
+ Saran da poi sopiti alquanto, e queti
+ Gli animi, l'arte del regnar mi giovi.
+ Per mute oblique vie n'andranno a Stige
+ L'alme più audaci, e generose. A i vizi
+ I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie
+ Il freno allargherò. Lunga clemenza
+ Con pompa di pietà farò, che splenda
+ Su i delinquenti; a i gran delitti invito,
+ Onde restino i buoni esposti, e paghi
+ Renda gl' iniqui la licenza; ed onde
+ Poi fra se distruggendosi, in crudeli
+ Gare private il lor furor si stempri.
+ Udrai sovente risonar gli editti.
+ E raddopiar le leggi, che al sovrano
+ Giovan servate, e transgredite. Udrai
+ Correr minaccia ognor di guerra esterna;
+ Ond' io n'andrò su l'atterrita plebe
+ Sempre crescendo i pesi, e peregrine
+ Milizie introdurrò.--
+
+[2]
+ Si ce fils, tant pleuré, dans Messène est produit,
+ De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit.
+ Crois-moi, ces préjugés de sang et de naissance
+ Revivront dans les coeurs, y prendront sa défense.
+ Le souvenir du père, et cent rois pour aïeux,
+ Cet honneur prétendu d'être issu de nos Dieux;
+ Les cris, le désespoir d'une mère éplorée.
+ Détruiront ma puissance encor mal assurée.
+
+[3]
+ Quel scelerato in mio poter vorrei
+ Per trarne prima, s'ebbe parte in questo
+ Assassinio il tiranno; io voglio poi
+ Con una scure spalancargli il petto,
+ Voglio strappargli il cor, vogho co' denti
+ Lacerarlo, e sbranarlo--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Stück
+Den 9. Oktober 1767
+
+Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, daß man den Menschen mehr nach
+seinen Taten, als nach seinen Reden richten muß; daß ein rasches Wort, in
+der Hitze der Leidenschaft ausgestoßen, für seinen moralischen Charakter
+wenig, eine überlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich
+wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewißheit, in welcher sie von
+dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer überläßt, die immer
+das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie unglücklich ihr
+abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid über alle Unglückliche
+erstrecket: ist das schöne Ideal einer Mutter. Merope, die in dem
+Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit
+erfährt, von ihrem Schmerze betäubt dahinsinkt, und plötzlich, sobald sie
+den Mörder in ihrer Gewalt höret, wieder aufspringt und tobet und wütet
+und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und
+wirklich vollziehen würde, wenn er sich eben unter ihren Händen befände:
+ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in
+welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schönheit und
+Rührung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt,
+Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die
+Henkerin sein, nicht töten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre
+Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich
+wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken;
+eine Mutter, wie es jede Bärin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle
+wem da will; mir sage er es nur nicht, daß sie ihm gefällt, wenn ich ihn
+nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll.
+
+Vielleicht dürfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des
+Stoffes machen; vielleicht dürfte er sagen, Merope müsse ja wohl den
+Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de théâtre,
+den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser
+ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde
+sich wiederum irren und die willkürlichen Abweichungen des Maffei
+abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß
+Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert
+nicht, daß sie es mit aller Überlegung tun muß. Und so scheinet sie es
+auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel
+des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kömmt
+und sagt der Königin weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte
+sie gehört, daß ein Fremder angelangt sei, der sich rühme, ihn umgebracht
+zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie
+ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller
+Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung
+geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war
+sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienser
+zitterten für den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu dürfen. Sie
+zitterten für Meropen selbst, die durch die gutartigste Übereilung Gefahr
+lief, die Mörderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber
+machen mich bloß für den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so
+ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den
+Streich. Möchte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen,
+so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie
+so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache
+in der ersten Hitze mit dem Mörder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie
+ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und
+verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze
+zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz
+zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der
+Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Rüstung bei ihm
+findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Sohnes, an
+dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen,
+Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich müßte
+mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgepfiffen worden.
+
+Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die
+veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des
+Stoffes ist, habe ich schon berührt. Denn nach der Fabel des Hyginus
+hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts
+geheiratet; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripides diesen
+Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe,
+mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren
+bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] hätten sie auch vor
+funfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Denkungsart der
+alten griechischen Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer
+Männer überwanden und sie zu ihren zweiten Männern annahmen, wenn sie
+sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen könne.
+Ich erinnere mich etwas Ähnliches in dem griechischen Roman des
+Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine
+Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf
+eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle
+verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand.
+Genug, daß das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt,
+hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner "Merope" zu rechtfertigen,
+wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten
+Szenen einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; und ich sehe
+mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch
+weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter hätten werden
+können.
+
+Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei
+gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es einen
+bessern geben könne, daß dieser bessere eben der sei, der schon vor
+Alters befahren worden, so begnügte er sich, auf jenem ein paar
+Sandsteine aus dem Gleise zu räumen, über die er meinet, daß sein
+Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von
+ihm beibehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von
+ungefähr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige
+Merkmale in den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sei?
+Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdrücklichen
+Vorsatze, sich zu rächen, nach Messene und gab sich selbst für den Mörder
+des Aegisth aus: nur daß er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei
+aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an der
+es ihm der Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar
+oben dem Maffei einige Gründe zu allen den Veränderungen, die er mit dem
+Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich
+bin weit entfernt, die Gründe für wichtig und die Veränderungen für
+glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den
+er aus den Fußtapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden.
+Daß sich Aegisth nicht kennet, daß er von ungefähr nach Messene kommt und
+per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrückt) für den Mörder des
+Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr
+verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwächt auch
+das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wußte es der Zuschauer von dem
+Aegisth selbst, daß er Aegisth sei, und je gewisser er es wußte, daß
+Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte notwendig
+das Schrecken sein, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid,
+welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter
+Zeit verhindert würde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir
+es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein
+könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick
+versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhöret. Das Schlimmste dabei
+ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den
+Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gründe sind, aus welchen es
+Merope selbst vermuten sollte, und daß wir ihn, besonders bei Voltairen,
+nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuverlässiger kennen, als
+sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gründen entweder
+ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen
+wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen
+Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr
+rühren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, daß sie nicht
+besser darauf merket und sich von weit seichtern Gründen hinreißen läßt.
+Beides aber taugt nicht.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Acte II. Sc. 1.
+
+ --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas.
+ L'exil où son enfance a langui condamnée
+ Lui serait moins affreux que ce lâche hyménée.
+ Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang,
+ Il n'en croyait ici que les droits de son sang;
+ Mais si par les malheurs son âme était instruite,
+ Sur ses vrais intérêts s'il réglait sa conduite,
+ De ses tristes amis s'il consultait la voix,
+ Et la nécessité souveraine des loix,
+ Il verrait que jamais sa malheureuse mère
+ Ne lui donna d'amour une marque plus chère.
+ Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures vérités
+ Que m'arrachent mon zèle et vos calamités.
+ Mer. Quoi! Vous me demandez que l'intérêt surmonte
+ Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte!
+ Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs!
+ Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs;
+ Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui résiste;
+ Il est sans héritier, et vous aimez Egiste.--.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Stück
+Den 13. Oktober 1767
+
+Es ist wahr, unsere Überraschung ist größer, wenn wir es nicht eher mit
+völliger Gewißheit erfahren, daß Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope
+selbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen einer Überraschung! Und was
+braucht der Dichter uns zu überraschen? Er überrasche seine Personen,
+soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn
+wir, was sie ganz unvermutet treffen muß, auch noch so lange
+vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und stärker
+sein, je länger und zuverlässiger wir es vorausgesehen haben.
+
+Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunstrichter für
+mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stücken", sagt Diderot,[1]
+"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den
+einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des
+Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen?
+Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen
+man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben
+muß. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es
+wissen; für diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne daß
+sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in
+Bewegung, so werden wir Zuschauer den nämlichen Bewegungen schon auch
+nachgeben, sie schon auch empfinden müssen.--Weit gefehlt, daß ich mit
+den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben,
+glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen.
+Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich
+mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten
+Szene verraten würde und aus diesem Umstande selbst das allerstärkeste
+Interesse entspränge.--Für den Zuschauer muß alles klar sein. Er ist der
+Vertraute einer jeden Person; er weiß alles, was vorgeht, alles was
+vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers
+tun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll.
+--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst,
+und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht
+hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, sooft es ihm
+beliebt!--Meine Gedanken mögen so paradox scheinen, als sie wollen:
+soviel weiß ich gewiß, daß für eine Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem
+Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich
+ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das
+Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis
+eine kurze Überraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns
+stürzen können, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht hätte!--Wer in
+einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch
+nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn
+ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewitter über
+meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darüber
+verweilet?--Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen;
+wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten,
+daß der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein
+undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu
+ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte
+entübrigen können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer
+werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu
+dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang
+von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine
+kurze Überraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die
+Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle
+der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so
+große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person
+vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder
+Hoffnung erfüllet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann
+sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker interessieren, als die
+Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn
+er Licht genug hat und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders sein
+würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum
+erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie
+wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann."
+
+Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, für welchen von beiden
+Planen sich Diderot erklären würde: ob für den alten des Euripides, wo
+die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er
+sich selbst; oder für den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings
+angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Rätsel ist und dadurch
+das ganze Stück "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht,
+die weiter nichts als eine kurze Überraschung hervorbringen.
+
+Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken über die
+Entbehrlichkeit und Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und
+plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für
+ebenso neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer
+Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie
+abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger
+nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört
+weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was
+ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilektion für dieses Gegenteil
+hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch
+den besten Stücken der Alten abgesehen hatten.
+
+Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiß, daß er fast
+immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen
+wollte. Ja, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die
+Verteidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so
+sehr mißfallen. "Nicht genug", sagt Hédelin, "daß er meistenteils alles,
+was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen
+Hauptpersonen den Zuhörern geradezu erzählen läßt, um ihnen auf diese
+Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters
+einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und
+durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch
+geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die
+Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von
+weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der
+Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen
+sollen, gänzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stückes
+vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Überraschung
+beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte
+so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit
+höhern Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergötzung einer kindischen
+Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine
+Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel
+wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich
+die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich
+müßte den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstößig sein, als
+nur dieses, daß er uns die nötige Kenntnis des Vergangnen und des
+Zukünftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht;
+daß er ein höheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen
+Anteil nimmt, dazu gebrauchet und daß er dieses höhere Wesen sich
+geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung
+mit der erzählenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann
+bloß hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das
+Nützliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns
+verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der
+Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn
+das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, daß wir sie
+durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht?
+Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? In den
+Lehrbüchern sondre man sie so genau voneinander ab, als möglich: aber
+wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und
+ebendemselben Werke zusammenfließen läßt, so vergesse man das Lehrbuch
+und untersuche bloß, ob es diese höhere Absichten erreicht hat. Was geht
+mich es an, ob so ein Stück des Euripides weder ganz Erzählung, noch ganz
+Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser
+Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten
+eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heißen. Weil der Maulesel
+weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten
+lasttragenden Tieren?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die
+Übers.
+
+[2] "Prâtique du Théâtre", Liv. III. chap. 1.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Stück
+Den 16. Oktober 1767
+
+Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu
+sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus
+beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die
+dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese
+in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der
+im Grunde ebenso regelmäßig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es
+nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stücken eine
+Schönheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben.
+
+Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel
+Ärgernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen
+verständlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs,
+vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der
+Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind
+beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr
+weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht
+alles den nämlichen Gang, den nämlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß
+die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner sein würden, wenn wir
+aus den Prologen nicht wüßten, daß der Ion, welchen Kreusa will vergiften
+lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; daß die Kreusa, welche Ion von dem
+Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Ion ist;
+wenn wir nicht wüßten, daß an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum
+Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten
+einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die trefflichsten
+Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu
+vorbereitet genug sein: ohne daß ihr sagen könntet, sie brächen auf
+einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten
+nicht, sondern sie entständen; man wolle euch nicht auf einmal etwas
+entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem
+Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm
+doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu
+machen ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der
+Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat.
+Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heißt sehr
+viel annehmen--daß Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel
+Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel
+mehr, wie er bei dieser großen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke,
+dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her und
+betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es
+so gut, als wir, daß z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen könne; daß
+er, ohne denselben, ein Stück sei, welches die Ungewißheit und Erwartung
+des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit
+und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst
+in dem fünften Akte, daß Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es für ihn
+nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten
+Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des
+Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte rächen will, sondern bloß
+die Meuchelmörderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid
+herkommen? Die bloße Vermutung, die sich etwa aus übereintreffenden
+Umständen hätte ziehen lassen, daß Ion und Kreusa einander wohl näher
+angehen könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen
+sein. Diese Vermutung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer
+diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war,
+daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben
+konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie ihm auf die
+einzige mögliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise,
+was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine
+Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie sein soll; und wenn ihr noch
+unwillig seid, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge
+euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stücken, wo das Wesen der Form
+aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads
+"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem
+alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin
+ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und
+ich werde euch nie beneiden!
+
+Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen
+Dichtern nennet, so sahe er nicht bloß darauf, daß die meisten seiner
+Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele
+den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststück wäre ihm ja wohl bald
+abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden und keine von
+seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen ließe, würde
+sich ebenso tragisch dünken dürfen, als Euripides. Aristoteles hatte
+unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen
+Charakter erteilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu
+gehörte, vermöge der er nämlich den Zuschauern alle das Unglück, welches
+seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer
+auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese
+Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen.
+--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher
+dürfte der Meinung sein, daß der Dichter dieser Freundschaft des
+Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schönen
+Sittensprüchen, den er so verschwendrisch in seinen Stücken ausstreuet.
+Ich denke, daß er ihr weit mehr schuldig war; er hätte, ohne sie, ebenso
+spruchreich sein können; aber vielleicht würde er, ohne sie, nicht so
+tragisch geworden sein. Schöne Sentenzen und Moralen sind überhaupt
+gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten
+hören; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den
+Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein;
+in allen die ebensten und kürzesten Wege der Natur ausforschen und lieben;
+jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem
+Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was
+ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so
+einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!--
+
+Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, daß es gut sein würde, wenn
+er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns
+mit der Überzeugung, daß der liebenswürdige unglückliche Jüngling, den
+Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Mörder ihres
+Aegisth hinrichten will, der nämliche Aegisth sei, sofort könne aussetzen
+lassen. Aber der Jüngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand
+da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn könnten kennen lernen.
+Was tut also der Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen,
+Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte
+Narbas zuruft?--Oh, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen
+Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er läßt, sobald der
+unbekannte Jüngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen,
+schönen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth"
+setzen; und so weiter über jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir
+es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei
+diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan hätte, so dürften
+wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht
+es lang und breit! Freilich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person,
+über deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben,
+auf die Frage:
+
+ --Narbas vous est connu?
+ Le nom d'Egiste au moins jusqu'à vous est venu?
+ Quel était votre état, votre rang, votre père?
+
+antwortet:
+
+ Mon père est un vieillard accablé de misère;
+ Policlète est son nom; mais Egiste, Narbas,
+ Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas.
+
+Freilich ist es sehr sonderbar, daß wir von diesem Aegisth, der nicht
+Aegisth heißt, auch keinen andern Namen hören; daß, da er der Königin
+antwortet, sein Vater heiße Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heiße
+so und so. Denn einen Namen muß er doch haben; und den hätte der Herr von
+Voltaire ja wohl schon mit erfinden können, da er so viel erfunden hat!
+Leser, die den Rummel einer Tragödie nicht recht gut verstehen, können
+leicht darüber irre werden. Sie lesen, daß hier ein Bursche gebracht
+wird, der auf der Landstraße einen Mord begangen hat; dieser Bursche,
+sehen sie, heißt Aegisth, aber er sagt, er heiße nicht so, und sagt doch
+auch nicht, wie er heiße: oh, mit dem Burschen, schließen sie, ist es
+nicht richtig; das ist ein abgefeimter Straßenräuber, so jung er ist, so
+unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken
+in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, daß es für die erfahrnen
+Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte
+Jüngling ist, als gar nicht. Nur daß man mir nicht sage, daß diese Art sie
+davon zu unterrichten, im geringsten künstlicher und feiner sei, als ein
+Prolog im Geschmacke des Euripides!--
+
+
+
+
+Funfzigstes Stück
+Den 20. Oktober 1767
+
+Bei dem Maffei hat der Jüngling seine zwei Namen, wie es sich gehört;
+Aegisth heißt er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn
+der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur
+unter jenem eingeführt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stücks
+als kein geringes Verdienst an, daß dieses Verzeichnis den wahren Stand
+des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den
+Überraschungen noch größere Liebhaber, als die Franzosen.--
+
+Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an
+diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei
+und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung
+nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine
+lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beiläufiger
+Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie
+die doch wohl sein müssen, die sich mit Komödienschreiben abgeben;
+anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von
+Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser
+artigen Sächelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte,
+trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen
+über das, was in einer Tragödie sein sollte und nicht sein sollte;
+mitunter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen?
+Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angeführt!--Doch im
+Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr sein,
+wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre
+Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie
+vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur
+besser vertragen wollten.
+
+Über die "Merope" indes muß ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich
+wollte eigentlich nur erweisen, daß die "Merope" des Voltaire im Grunde
+nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich
+erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern
+ebendieselbe Verwicklung und Auflösung machen, daß zwei oder mehrere
+Stücke für ebendieselben Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire
+mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit
+ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier für weiter nichts,
+als für den Übersetzer und Nachahmer desselben zu erklären. Maffei hat
+die "Merope" des Euripides nicht bloß wieder hergestellet; er hat eine
+eigene "Merope" gemacht: denn er ging völlig von dem Plane des Euripides
+ab; und in dem Vorsatze, ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem
+das ganze Interesse bloß aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe,
+schuf er die ganze Fabel um; gut oder übel, das ist hier die Frage nicht;
+genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze
+so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, daß Merope mit dem Polyphont
+nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus
+welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermählung
+dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Merope
+sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von
+seinem vermeintlichen Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall,
+der den Aegisth als einen Mörder nach Messene bringt; er entlehnte von
+ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten
+wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe,
+wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den
+Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Händen
+sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte,
+Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht
+auch die ganze Auflösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei
+welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung
+verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und
+vielleicht, daß er, bloß darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die
+Verbindung mit Meropen fallen ließ, um dieses Opfer desto natürlicher
+anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach.
+
+Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom
+Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt daß, beim Maffei,
+Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhen in
+Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der
+unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beim Maffei,
+Aegisth von einem Räuber auf der Straße angefallen wird, läßt er ihn in
+einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten überfallen werden, die es
+ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Herakliden, den Gott des
+Tempels für die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt daß beim Maffei
+Aegisth durch einen Ring in Verdacht gerät, läßt Voltaire diesen Verdacht
+durch eine Rüstung entstehen usw. Aber alle diese Veränderungen betreffen
+die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind
+und auf die Ökonomie des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch
+wollte ich sie Voltairen noch gern als Äußerungen seines schöpferischen
+Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen
+vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will
+mich an dem mitte1sten von den angeführten Beispielen erklären. Maffei
+läßt seinen Aegisth von einem Räuber angefallen werden, der den
+Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern
+einer Brücke über die Pamise; Aegisth erlegt den Räuber und wirft den
+Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden
+würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein
+Räuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den
+Beutel nehmen will, ist für mein feines, edles Parterr ein viel zu
+niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht,
+der dem Aegisth als einem Anhänger der Herakliden zu Leibe will. Und
+warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto
+größer, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem
+ältrern gemacht wird, kann hernach für den Narbas genommen werden. Recht
+gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen
+von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er trägt den
+toten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der
+leeren Landstraße in den nahen Fluß; das ist ganz begreiflich: aber aus
+dem Tempel in den Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in
+diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch
+nicht. Das Wie ließe sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis
+Aegisth trägt den Körper in den Fluß, weil er sonst verfolgt und erkannt
+zu werden fürchtet; weil er glaubt, wenn der Körper beiseite geschafft
+sei, daß sodann nichts seine Tat verraten könne; daß diese sodann,
+mitsamt dem Körper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens
+Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite hätte nicht entkommen
+müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben davongetragen zu haben?
+Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten
+beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn
+andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was
+hilft es dem Mörder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier
+ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hätte er
+sparen und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu
+kommen. Freilich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser
+geworfen werden; es war Voltairen ebenso nötig als dem Maffei, daß Merope
+nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden
+konnte; nur daß, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er
+bei jenem bloß dem Dichter zu Gefallen tun muß. Denn Voltaire korrigierte
+die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache
+brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Bedürfnis abhängt.
+
+Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht
+hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nämlich, durch welche er
+den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Mörder ihres
+Sohnes zu rächen, unterdrückt und dafür die Erkennung von seiten des
+Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich
+den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz
+vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der
+vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das
+Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte geteilet werden können. Denn daß
+Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggeführet wird und die Vertiefung
+sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht
+ein Haar besser, als die übereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem
+Maffei rettet, und über die Voltaire seinen Lindelle so spotten läßt.
+Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natürlicher; wenn der Dichter
+nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht
+gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen
+gegeneinander vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire die Erkennung
+überhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht hätte dehnen
+müssen, um fünf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal
+über cette longue carrière de cinq actes qui est prodigieusement
+difficile à remplir sans épisodes--Und nun für diesesmal genug von
+der "Merope"!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si è levato quell' errore, comunissimo
+alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per
+conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi
+messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundfunfzigstes Stück
+Den 23. Oktober 1767
+
+Den neununddreißigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der
+verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1]
+
+Chevrier sagt,[2] daß Destouches sein Stück aus einem Lustspiele des
+Campistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen "Jaloux
+désabusé" geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten
+Philosophen" haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig
+bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgendeinem deutschen Theater wäre
+gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte
+also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem
+Vorgeben des Chevrier sei.
+
+Die Fabel des Campistronschen Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das
+ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und um dieses nicht
+herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber
+die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um
+ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf
+alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschiedne junge
+Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich
+um ihre Schwägerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt;
+der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den
+vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die
+Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner
+Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann
+sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem
+Ungrunde seiner Eifersucht überzeugt wird.
+
+Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen"
+Ähnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus
+dem zweiten Akte des Campistronschen Stücks, zwischen Dorante, so heißt
+der Eifersüchtige, und Dubois, seinem Sekretär. Diese wird gleich zeigen,
+was Chevrier gemeiner hat.
+
+"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn?
+
+Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige
+Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat
+mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird,
+mich zu martern, zu peinigen--
+
+Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker?
+
+Dorante. Meine Frau.
+
+Dubois. Ihre Frau, mein Herr?
+
+Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur
+Verzweiflung.
+
+Dubois. Hassen Sie sie denn?
+
+Dorante. Wollte Gott! So wäre ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und
+liebe sie so sehr--Verwünschte Qual!
+
+Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig?
+
+Dorante. Bis zur Raserei.
+
+Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von
+jeher über alles, was Eifersucht heißt,--
+
+Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran!
+Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinreißen zu
+lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich über die
+Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und
+ich stimmte nicht bloß ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton.
+Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was für albernes Zeug habe ich nicht
+gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfui, wie schmeckt das
+nach dem kleinstädtischen Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht
+allen Willen läßt, ist ein Bär! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch
+andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins Tollhaus. So sprach
+ich, und mich hätte man da sollen ins Tollhaus schicken.--
+
+Dubois. Aber warum sprachen Sie so?
+
+Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es ließe
+noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie
+verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Mädchen
+vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben;
+die soll in meiner Denkungsart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt
+nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen
+sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich
+schöner, täglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte
+je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie--
+
+Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden!
+
+Dorante. Denn ich bin so eifersüchtig!--Daß ich mich schäme, es auch
+nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und
+verdächtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe
+ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause
+zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmeicheleien,
+die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere
+erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre
+himmlischen Augen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst
+reizend, höchst anbetungswürdig; und immer schließt sich ihr
+verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein
+glücklicher, was für ein beneidenswürdiger Mann ich bin.
+
+Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu.
+
+Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter!
+Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest
+du erst sehen und hören! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen
+Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall
+jagt den andern, eine boshafte Spötterei die andere, ein kitzelndes
+Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit
+Liebäugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich
+erwidert, daß--daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du
+glauben, Dubois? ich muß es wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand
+küssen.
+
+Dubois. Das ist arg!
+
+Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was würde die Welt
+dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn ich meinen
+Verdruß auslassen wollte? Die Kinder auf der Straße würden mit
+Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein
+Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw."
+
+
+Diese Situation muß es sein, in welcher Chevrier das Ähnliche mit dem
+"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des
+Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich
+ehedem über diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schämt sich
+auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil
+er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand für
+den einzigen erklärt hatte, der einem freien und weisen Manne anständig
+sei. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Scham sie nicht beide
+in mancherlei ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die,
+in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau
+verlangt, ihm die überlästigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber
+ihn bedeutet, daß das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen
+müsse, fast die nämliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich
+Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, daß er sich auf
+Meliten keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige,
+wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten
+und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefähr auf gleiche Weise, als
+hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel
+viel zu klug und vorsichtig sei, als daß er sich zu so einer Torheit, wie
+das Heiraten, sollte haben verleiten lassen.
+
+Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stücke
+notwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir
+ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch
+nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche
+Situationen geraten; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk,
+die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen und
+ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die
+Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück
+Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der
+Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und
+Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Ähnliche Situationen
+geben also ähnliche Tragödien, aber nicht ähnliche Komödien. Hingegen
+geben ähnliche Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den
+Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen.
+
+Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines
+Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbänden aus der
+Königlichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu
+dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stück betreffende Anekdote. Der
+Dichter nämlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen
+Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der
+Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis früher ausgeplaudert, als
+ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten
+Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es
+seinem Sohne nicht glauben?--so dürfte die vermeinte Nachahmung des
+Campistron um so eher wegfallen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 5. und 7. Abend
+
+[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundfunfzigstes Stück Den 27. Oktober 1767
+
+Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels
+"Triumph der guten Frauen" aufgeführet.
+
+Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es
+war, soviel ich weiß, das letzte komische Werk des Dichters, das seine
+frühern Geschwister unendlich übertrifft und von der Reife seines Urhebers
+zeuget. "Der geschäftige Müßiggänger" war der erste jugendliche Versuch
+und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz
+verzeihe es denen und räche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin
+gefunden haben! Er enthält das kalteste, langweiligste Alltagsgewäsche,
+das nur immer in dem Hause eines meißnischen Pelzhändlers vorfallen kann.
+Ich wüßte nicht, daß er jemals wäre aufgeführt worden, und ich zweifle,
+daß seine Vorstellung dürfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist
+um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist,
+den Molière in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlaß
+zu diesem Stücke wollte genommen haben.[1] Molières Geheimnisvoller ist
+ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels
+Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen
+will, um von den Wölfen nicht gefressen zu werden. Daher kömmt es auch,
+daß er so viel Ähnliches mit dem Charakter des Mißtrauischen hat, den
+Cronegk hernach auf die Bühne brachte. Beide Charaktere aber, oder
+vielmehr beide Nuancen des nämlichen Charakters, können nichts anders
+als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und
+häßlichen Seele sich finden, daß ihre Vorstellungen notwendig mehr
+Mitleiden oder Abscheu erwecken müssen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle"
+ist wohl sonst hier aufgeführet worden; man versichert mich aber auch
+durchgängig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr
+begreiflich, daß man ihn läppischer gefunden habe, als lustig.
+
+"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgeführet
+worden, und sooft er noch aufgeführet worden, überall und jederzeit einen
+sehr vorzüglichen Beifall erhalten; und daß sich dieser Beifall auf wahre
+Schönheiten gründen müsse, daß er nicht das Werk einer überraschenden
+blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach
+Lesung des Stücks, zurückgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefällt es
+um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen
+gesehen, dem gefällt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es
+die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen übrigen Lustspielen, als
+diese überhaupt dem gewöhnlichen Prasse deutscher Komödien vorgezogen.
+
+"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschäftigen Müßiggänger': die
+Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Müßiggänger,
+solche in ihre Kinder vernarrte Mütter, solche schalwitzige Besuche und
+solche dumme Pelzhändler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so
+handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine
+Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gähnte
+vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher
+Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren
+Handlungen, echten Witz in ihren Gesprächen und den Ton einer feinen
+Lebensart in ihrem ganzen Umgange."
+
+Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat,
+ist der, daß die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider
+muß man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu
+sehr an fremde, und besonders an französische Sitten gewöhnt, als daß er
+eine besonders üble Wirkung auf uns haben könnte.
+
+"Nikander", heißt es, "ist ein französischer Abenteurer, der auf
+Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste
+gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stürzen, aller Frauen
+Verführer und aller Männer Schrecken zu werden sucht, und der bei allem
+diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten
+und Grundsätze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! daß ein
+Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben
+muß.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit
+verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, kömmt auf den
+Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt
+ihm, unter dem Namen Philint, in alle Häuser nach, wo er Avanturen sucht.
+Philint ist witziger, flatterhafter und unverschämter als Nikander. Das
+Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem
+frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen läßt, stehet Nikander da wie
+verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die
+Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und
+glücklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten
+Petitmaitre ist gewiß kein Deutscher."
+
+"Was mir", fährt er fort, "sonst an diesem Lustspiele mißfällt, ist der
+Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen,
+zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu häßlichen Seite. Er
+tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwürdigste und hat
+recht seine Lust, sie zu quälen. Grämlich, sooft er sich sehen läßt,
+spöttisch bei den Tränen seiner gekränkten Frau, argwöhnisch bei ihren
+Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen
+durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersüchtig,
+hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden können, in seiner
+Frauen Kammermädchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als
+daß wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen könnten. Der Dichter gibt
+ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswürdigen
+Herzens nicht genug entwickeln können. Er tobt, und weder Juliane noch
+die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum
+gehabt, seine Besserung gehörig vorzubereiten und zu veranstalten. Er
+mußte sich begnügen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die
+Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine,
+dieses edelmütige Kammermädchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte,
+sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen
+sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Mädchen
+im Hause ist, möchte ich nicht für die Aufrichtigkeit stehen."
+
+Ich freue mich, daß die beste deutsche Komödie dem richtigsten deutschen
+Beurteiler in die Hände gefallen ist. Und doch war es vielleicht die
+erste Komödie, die dieser Mann beurteilte.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4.
+
+ C'est de la tête aux pieds un homme tout mystère,
+ Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil égaré,
+ Et sans aucune affaire est toujours affairé.
+ Tous ce qu'il vous débite en grimaces abonde.
+ A force de façons il assomme le monde.
+ Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien,
+ Un secret à vous dire, et ce secret n'est rien.
+ De la moindre vétille il fait une merveille,
+ Et, jusqu' au bon jour, il dit tout à l'oreille.
+
+[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133.
+
+----Fußnote
+
+
+Ende des ersten Bandes
+
+
+
+
+
+Zweyter Band
+
+
+
+Dreiundfunfzigstes Stück
+Den 3. November 1767
+
+Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und
+"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade
+heraus,[2] "führet den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk
+des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von
+Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die
+Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so
+ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fügt er hinzu, y a laissé
+81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von
+einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim
+verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier
+keinen andern Beweis hatte, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es
+sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französischen Verse kommen überhaupt
+der Prosa so nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem etwas
+gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß sich nicht von selbst ganze
+Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade
+denjenigen, die gar keine Verse machen, können dergleichen Verse am
+ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum haben und
+es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen.
+
+Was hat "Cenie" sonst für Merkmale, daß sie nicht aus der Feder eines
+Frauenzimmers könne geflossen sein? "Das Frauenzimmer überhaupt", sagt
+Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige,
+und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken
+glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack,
+nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Es
+kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich
+durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer,
+welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende
+verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwünge,
+die ihr Entzückendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den
+Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen."
+
+Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen,
+so muß "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst
+würde so nicht schließen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer
+überhaupt absprechen zu müssen glaube, wolle er darum keiner Frau
+insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas à une femme, mais aux femmes
+que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf
+Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin
+derselben anführt. Dabei merke man wohl, daß Graffigny seine Freundin
+nicht war, daß sie Übels von ihm gesprochen hatte, daß er sich an eben
+der Stelle über sie beklagt. Demohngeachtet erklärt er sie lieber für
+eine Ausnahme seines Satzes, als daß er im geringsten auf das Vorgeben
+des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel,
+Freimütigkeit genug gehabt hätte, wenn er nicht von dem Gegenteile
+überzeugt gewesen wäre.
+
+Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser
+Abt, wie Chevrier wissen will, hat für die Favart gearbeitet. Er hat die
+komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice,
+von der er sagt, daß sie kaum lesen könne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer,
+der in Paris darüber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, daß die
+Gassenhauer in der französischen Geschichte überhaupt unter die glaub-
+würdigsten Dokumente gehören.
+
+Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen
+in die Welt schicke, ließe sich endlich noch begreifen. Aber warum er
+sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten
+vorziehen möchte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr
+als ein Stück aufführen und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als
+den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen.
+Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen
+wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke
+würde getan haben?--
+
+Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die
+Frauenschule" von Molière aufgeführt.
+
+Molière hatte bereits seine "Männerschule" gemacht, als er im Jahre 1662
+diese "Frauenschule" darauf folgen ließ. Wer beide Stücke nicht kennet,
+würde sich sehr irren, wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den
+Männern, ihre Schuldigkeit geprediget würde. Es sind beides witzige
+Possenspiele, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller
+Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar
+alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Männerschule" heißen müßten,
+wenn Molière weiter nichts darin hätte lehren wollen, als daß das dümmste
+Mädchen noch immer Verstand genug habe, zu betrügen, und daß Zwang und
+Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit.
+Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht
+viel zu lernen; es wäre denn, daß Molière mit diesem Titel auf die
+Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen hätte,
+mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden.
+
+"Die zwei glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie", sagt Trublet,
+[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille
+und Molière bearbeitet worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch
+nicht hatten. Diese Anmerkung", fügt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von
+Fontenelle."
+
+Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt hätte, wie er dieses
+meine. Oder falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch
+auch seinen Lesern mit ein paar Worten hätte verständlich machen wollen.
+Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit
+diesem Rätsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder
+Trublet hat sich verhört.
+
+Wenn indes, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der "Frauenschule"
+so besonders glücklich ist und Molière in der Ausführung desselben nur zu
+kurz gefallen: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht viel
+einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus
+einer spanischen Erzählung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die
+vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spaßhaften Nächten" des
+Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage
+vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, daß
+dieser Freund sein Nebenbuhler ist.
+
+"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stück von einer
+ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzählung, aber doch so
+künstliche Erzählung ist, daß alles Handlung zu sein scheinet."
+
+Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, daß man die neue
+Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger künstlich, Erzählung bleibt
+immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen
+sehen.--Aber ist es denn auch wahr, daß alles darin erzählt wird? daß
+alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurf
+nicht wieder aufwärmen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob
+zu verkehren, hätte er wenigstens die Antwort beifügen sollen, die
+Molière selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzählungen
+nämlich sind in diesem Stücke, vermöge der innern Verfassung desselben,
+wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung
+erforderlich ist; und es ist bloße Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier
+streitig zu machen.[6] Denn es kömmt ja weit weniger auf die Vorfälle an,
+welche erzählt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfälle auf
+den betrognen Alten machen, wenn er sie erfährt. Das Lächerliche dieses
+Alten wollte Molière vornehmlich schildern; ihn müssen wir also
+vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebärdet;
+und dieses hätten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er
+erzählen läßt, vor unsern Augen hätte vorgehen lassen, und das, was er
+vorgehen läßt, dafür hätte erzählen lassen. Der Verdruß, den Arnolph
+empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruß zu verbergen; der
+höhnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz
+nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der
+wir ihn sehen, wenn er vernimmt, daß Horaz demohngeachtet sein Ziel
+glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen,
+als alles, was außer der Szene vorgeht. Selbst in der Erzählung der
+Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr
+Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der
+Bühne wirklich machen sähen.
+
+Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, daß alles darin Handlung
+scheine, obgleich alles nur Erzählung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte
+sagen zu können, daß alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzählung
+zu sein scheine.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 23. und 29. Abend
+
+[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211.
+
+[3] à d'Alembert, p. 133.
+
+[4] à d'Alembert, p. 78.
+
+[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295.
+
+[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les
+récits eux-mêmes y sont des actions suivant la constitution du sujet.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundfunfzigstes Stück
+Den 6. November 1767
+
+Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die
+Mütterschule" des La Chaussée, und den vierundvierzigsten Abend (als den
+15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1]
+
+Da die Engländer von jeher so gern domestica facta auf ihre Bühne
+gebracht haben, so kann man leicht vermuten, daß es ihnen auch an
+Trauerspielen über diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist
+das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglückliche Liebling, oder Graf
+von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall.
+Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenède von
+1638; des Boyer von 1678, und des jüngern Corneille von ebendiesem Jahre.
+Wollten indes die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin nicht
+möchten zuvorgekommen sein, so würden sie sich vielleicht auf Daniels
+"Philotas" beziehen können; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die
+Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden
+glaubte.[2]
+
+Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu
+haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime
+Geschichte der Königin Elisabeth und des Grafen von Essex" führet,[3] wo
+er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn bloß
+zu dialogieren, ihm bloß die äußere dramatische Form zu erteilen brauchte.
+Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angeführten
+Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern
+nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können.
+
+"Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu
+machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königin für
+ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden
+beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter
+nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt
+hat. Burleigh, der erste Minister der Königin, der auf ihre Ehre sehr
+eifersüchtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit
+welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unablässig, ihn verdächtig zu
+machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des
+Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Gräfin
+von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte,
+nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie
+nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemütsart des
+Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf
+folgende Weise.
+
+Die Königin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr
+ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen
+gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden
+Scharmützeln sahe sich der Graf genötiget, mit dem Feinde in Unterhandlung
+zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr
+abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret
+stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben
+ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Königin
+als ihrer Ehre höchst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger
+Beweis vorgestellet, daß Essex mit den Rebellen in einem heimlichen
+Verständnisse stehen müsse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern
+Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats
+anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist,
+daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht
+bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation
+erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid
+seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger
+Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er
+erhebt die Gerechtigkeit der Königin, einen solchen Mann nicht
+unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor diesesmal schweigen.
+(Erster Akt.)
+
+Indes ist die Königin mit der Aufführung des Grafen nichts weniger als
+zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen,
+und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu
+Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die
+Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde
+bei ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu
+rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der
+Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königin ungeachtet,
+nach England über. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden
+ebensoviel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die
+Gräfin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den
+Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königin, da sie sieht, daß ihr
+durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten,
+wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verraten will, die sie gern vor der
+ganzen Welt verbergen möchte. Die Erwägung ihrer Würde, zu welcher ihr
+natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt,
+erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich
+selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den
+geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen
+sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letztern,
+doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn
+auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine
+Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham
+sind bei dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königin ist auf die letztere
+gelehnet und scheinet tief im Gespräche zu sein, ohne den Grafen nur ein
+einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen,
+verläßt sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit
+ihr meinen, ihr zu folgen und den Verräter allein zu lassen. Niemand darf
+es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab,
+kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei
+seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königin den Burleigh
+und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich
+aber, ihn in andere, als in der Königin eigene Hände, zurückzuliefern, und
+beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr
+verächtlich begegnet. (Zweiter Akt.)
+
+Die Königin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist
+äußerst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann
+weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt,
+noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der
+Fülle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als
+jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt
+befiehlt sie, demohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden soll. Er
+kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu verteidigen. Doch die Gründe,
+die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie
+ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm,
+um der geheimen Neigung, die sie für ihn hegt, ein Genüge zu tun; aber
+zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung
+dessen, was sie sich selbst, als Königin, schuldig zu sein glaubt. Und
+nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine
+Ungestümheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Füßen und bedient
+sich verschiedner Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klingen, als daß
+sie den Zorn der Königin nicht aufs höchste treiben sollten. Auch
+antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich
+um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nämlich,
+anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem
+Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königin, daß es nicht
+sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau
+ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich tätlich an ihr zu
+vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt
+seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem
+Burleigh und Raleigh ihren niederträchtigen Neid, sowie der Königin ihre
+Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wut; und niemand
+als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt
+eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.)
+
+Der Graf gerät über sein Unglück in Verzweiflung; er läuft wie unsinnig
+in der Stadt herum, schreiet über das ihm angetane Unrecht und schmähet
+auf die Regierung. Alles das wird der Königin, mit vielen Übertreibungen,
+wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern.
+Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen
+und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Prozeß gemacht
+werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Königin gelegt und
+günstigern Gedanken für den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn
+also, ehe er zum Verhöre geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet,
+nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar
+befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit
+zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald
+er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast
+aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie
+gleich darauf erfährt, daß er mit der Rutland vermählt ist; und es von der
+Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.)
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 26. und 30. Abend.
+
+[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147.
+
+[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundfunfzigstes Stück
+Den 10. November 1767
+
+Was die Königin gefürchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen
+schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund
+Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königin,
+den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche
+freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verraten würde, die
+keiner Königin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den
+Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes,
+daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu
+ihm und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt
+sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das
+kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demütigsten Bitte an die
+Königin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet;
+nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu
+rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet
+sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest
+entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Äußerste
+ankommen zu lassen, daß die Königin dem Berichte kaum glauben kann, nach
+wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl
+erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr
+die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen,
+nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie
+sich einbildet, daß Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr
+empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert,
+seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht rät
+sie der Königin auch, seiner Gemahlin, der Gräfin von Rutland, zu
+erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königin williget
+in beides, aber zum Unglücke für die grausame Ratgeberin; denn der Graf
+gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Königin, die sich eben in dem
+Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet,
+erhält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den
+Ring gegeben und sie durch diese Verräterin um sein Leben bitten lassen.
+Sogleich schickt sie und läßt die Vollstreckung des Urteils untersagen;
+doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr
+damit geeilet, daß die Botschaft zu spät kömmt. Der Graf ist bereits tot.
+Die Königin gerät vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche
+Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde
+des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen."
+
+Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der "Essex" des Banks ein
+Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Übereinstimmung ist, als sich in
+dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die
+Geschichte gehalten, nur daß er verschiedne Begebenheiten näher zusammen
+gerückt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal
+seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig
+erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon
+angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bei einer ganz
+andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist
+begreiflicher, daß die Königin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben,
+da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses
+Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer
+eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu
+gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie
+teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese
+Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er
+unglücklicherweise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was
+braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen?
+Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht
+mächtig zu sein, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will?
+Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben
+gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den
+mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloß
+um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten,
+er mag wieder in ihre Hände kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch
+die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung
+des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache
+seiner tödlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht
+kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?
+
+So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung.
+Mich dünkt, er würde eine weit bessere tun, wenn ihn die Königin ganz
+vergessen hätte und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget
+würde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld
+des Grafen noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des
+Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen
+sein, und bloß der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edelmut
+nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf
+seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königin zu sehr wider ihn
+eingenommen sei, als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie
+also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die
+Überzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung
+ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, für
+unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber
+nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet,
+gerecht und erkenntlich zu sein.
+
+Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück eingeflochten.--
+Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig!
+Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der
+Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire
+darüber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwürdig.
+"Heutzutage", sagt er, "dürfte man es nicht wagen, einem Helden eine
+Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gäben. Nicht
+einmal in der Komödie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das
+einzige Exempel, welches man auf der tragischen Bühne davon hat. Es ist
+glaublich, daß man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomödie
+betitelte; und damals waren fast alle Stücke des Scudéry und des
+Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange der Meinung
+gewesen, daß sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit
+gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst
+ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen,
+weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in
+allem Ernste betrübt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles
+schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie
+sehr er meistenteils damit verunglückt!
+
+Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der
+tragischen Bühne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht
+gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein
+diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrät beides; und nur das letztere
+noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der
+Tragikomödie hinzufügt, ist ebenso unrichtig. Tragikomödie hieß die
+Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen
+vergnügten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar
+nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille
+hernach sein Stück eine Tragödie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte,
+daß eine Tragödie notwendig eine unglückliche Katastrophe haben müsse.
+Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloß im
+Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen.
+Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem
+sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem
+einfiel, gewisse von ihren dramatischen Mißgeburten so zu nennen.[1] Wenn
+aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt hätte, so wäre
+es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet.
+Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und
+der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus
+sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist
+ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo
+ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische
+Handlung größtenteils unter höhern Personen vorgehet, als man in der
+Komödie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklärt sich darüber
+deutlich genug:
+
+ Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia:
+ Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia
+ Reges quo veniant et di, non par arbitror.
+ Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet,
+ Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Ich weiß zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht
+hat; aber das weiß ich gewiß, daß es Garnier nicht ist. Hédelin sagte: Je
+ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter
+ce titre à sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imité. (Prât. du
+Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei hätten es die Geschichtschreiber des
+französischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen
+die leichte Vermutung des Hédelins zur Gewißheit und gratulieren ihrem
+Landsmanne zu einer so schönen Erfindung. Voici la première
+Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poème du Théâtre qui a
+porté ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art
+qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans
+les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une
+idée, qui n'a pas été inutile à beaucoup d'Auteurs du dernier siècle.
+Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit frühere
+spanische und italienische Stücke, die diesen Titel führen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundfunfzigstes Stück
+Den 13. November 1767
+
+Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, daß
+eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem
+Höhern bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, daß
+alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens
+ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem
+Beleidigten selbst gerächet, und auf eine ebenso eigenmächtige Art
+gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche
+Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt,
+es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum
+soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im
+Gange sind: warum nicht auch hier?
+
+"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine
+Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt
+sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt
+die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung
+äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen,
+und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene
+Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen.
+
+Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der
+Masken bedauern möchte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske
+mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit
+auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch
+weniger gewahr.
+
+Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der
+dramatische Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich
+darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist.
+Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es
+ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen,
+daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins
+Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es
+verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so
+weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er
+seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine
+kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut
+wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand
+vor; nur verlange er nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr
+Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die
+er ihn vorstellen läßt. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine
+Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider
+einzuwenden haben?
+
+Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder
+höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den
+sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen,
+einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig!--Und wenn sie
+das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der
+gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache werden soll, und
+wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht
+hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was
+unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muß, soll dennoch
+aus der Tragödie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komödie, weil
+es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen,
+sollen wir ein andermal nicht erschrecken können?
+
+Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen möchte,
+so wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann sie da haben?
+Traurige? die sind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr und
+gehören dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Mühe, sie
+geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer
+sie bekömmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also
+den beiden Extremis, der Tragödie und dem Possenspiele; die mehrere
+dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder spotten oder
+zittern wollen.
+
+Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger
+Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen,
+wenn der großsprecherische Gormas den alten würdigen Diego zu schlagen
+sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen, und
+den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal
+alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung
+nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung
+und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung
+auf ihn hat, nicht tragisch sein?
+
+Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von
+einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt
+eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art,
+mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu lächeln
+machte, der biß sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die
+Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den
+Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.
+
+Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige
+vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs
+stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; für jede andere würde
+sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten
+aufzuopfern. Für diese einzige läßt das Pundonor weder Entschuldigung
+noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabei
+einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Denkungsart
+den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego
+zufriedenzustellen, sehr wohl antworten:
+
+ Ces satisfactions n'apaisent point une âme:
+ Qui les reçoit n'a rien, qui les fait se diffame.
+ Et de tous ces accords l'effet le plus commun,
+ C'est de déshonorer deux hommes au lieu d'un.
+
+Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen,
+dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt
+also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem
+Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus
+dem Gedächtnisse und aus seiner Empfindung.
+
+In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daß sie eine
+Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau
+und Königin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Über die
+handfertige wehrhafte Frau würde er spotten; denn eine Frau kann weder
+schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souverän,
+dessen Beschimpfungen unauslöschlich sind, da sie von seiner Würde eine
+Art von Gesetzmäßigkeit erhalten. Was kann also natürlicher scheinen,
+als daß Essex sich wider diese Würde selbst auflehnet und gegen die Höhe
+tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wüßte wenigstens
+nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich hätte machen
+können. Die bloße Ungnade, die bloße Entsetzung seiner Ehrenstellen
+konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so
+knechtische Behandlung außer sich gebracht, sehen wir ihn alles, was
+ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit
+Entschuldigung unternehmen. Die Königin selbst muß ihn aus diesem
+Gesichtspunkte ihrer Verzeihung würdig erkennen; und wir haben so
+ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen
+scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekränkten Ehre
+tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht.
+
+Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt,
+war über die Wahl eines Königs von Irland. Als er sahe, daß die Königin
+auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr verächtlichen
+Gebärde den Rücken. In dem Augenblicke fühlte er ihre Hand, und seine
+fuhr nach dem Degen. Er schwur, daß er diesen Schimpf weder leiden könne
+noch wolle; daß er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht würde
+erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den
+Kanzler Egerton über diesen Vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten
+Stolze abgefaßt, und er schien fest entschlossen, sich der Königin nie
+wieder zu nähern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer
+völligen Gnade und in der völligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings.
+Diese Versöhnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr
+schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war.
+In diesem Falle war er wirklich ein Verräter, der sich alles gefallen ließ,
+bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht,
+den ihm die Königin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die
+Ohrfeige; und der Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünfte verblendete
+ihn so, daß er ohne alle Überlegung losbrach. So finden wir ihn in der
+Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen
+Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine
+treulosen Absichten gegen seine Königin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler
+einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloß durch
+die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war.
+
+
+
+
+Siebenundfunfzigstes Stück
+Den 17. November 1767
+
+Banks hat die nämlichen Worte beibehalten, die Essex über die Ohrfeige
+ausstieß. Nur daß er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der
+Welt, mitsamt Alexandern, beifügen läßt.[1] Sein Essex ist überhaupt
+zuviel Prahler; und es fehlet wenig, daß er nicht ein ebenso großer
+Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenède. Dabei erträgt er
+sein Unglück viel zu kleinmütig und ist bald gegen die Königin ebenso
+kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr
+nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergißt,
+ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwürdig.
+In der Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst für
+Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste
+des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden
+allzu vertraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine
+Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet
+hätten, übereinstimmen oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es
+nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht
+nutzen. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bei der Verstellung die
+Würde desselben.
+
+Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau
+bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige
+Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem
+Essex hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm
+gewissermaßen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die
+Elisabeth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Glut und
+Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert
+nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch
+deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle,
+usw. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht
+nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man
+sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken
+Eifersucht verraten sie; sonst würde man sie schlechterdings für nichts,
+als für seine Freundin halten können.
+
+Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion
+zu setzen gewußt, das können folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen.
+--Die Königin glaubt sich allein und überlegt den unglücklichen Zwang
+ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres
+Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr
+nachgekommen.--
+
+"Die Königin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.
+
+Nottingham. Verzeihe, Königin, daß ich so kühn bin. Und doch
+befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu sein.--Dich bekümmert
+etwas. Ich muß fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung
+bitten, daß ich es frage--Was ist's, das Dich bekümmert? Was ist es,
+das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht
+wohl?
+
+Die Königin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke
+dir für deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines
+Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu
+lange. Es fängt an, meiner überdrüssig zu werden.--Neue Kronen sind
+wie neue Kränze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne
+neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet
+sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen.--Erzähle mir
+doch, was sagt man von der Überkunft des Essex?
+
+Nottingham.--Von seiner Überkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber
+von ihm--er ist für einen so tapfern Mann bekannt--
+
+Die Königin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verräter!
+
+Nottingham. Gewiß, es war nicht gut--
+
+Die Königin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts?
+
+Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat.
+
+Die Königin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu
+schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient.--Weit geringere Verbrechen
+haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.--
+
+Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel größerer
+Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben?
+
+Die Königin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten
+Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verräterei, die
+größte von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder,
+nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf
+den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der
+vorübergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen,
+undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner
+Königin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was
+sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum
+schweigst du? Willst du ihn noch vertreten?
+
+Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Königin, so will ich Dir alles
+sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.--
+
+Die Königin. Tu das!--Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir?
+
+Nottingham. Von Dir, Königin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit
+Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm eines verstorbenen
+Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen
+ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den
+heißesten Tränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen,
+--dieses einzige, daß Du geruhen möchtest, ihren Beschwerden gegen
+diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verräter nicht länger zu
+schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande
+vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern--
+
+Die Königin. Wer hat mir vorzuschreiben?
+
+Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn
+man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles
+wider den Mann an, dessen Gemütsart so schlecht, so boshaft ist, daß
+er es auch nicht der Mühe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie
+stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht
+anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbrämten Rock!--Daß
+er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der
+Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit,
+welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von
+ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über
+ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein
+glänzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des
+Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und
+herrschsüchtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stürzte--
+
+Die Königin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus
+dem Atem.--Ich will nichts mehr hören--(beiseite) Gift und Blattern
+auf ihre Zunge!--Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas
+auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften
+Pöbels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel
+das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er es
+sagen möchte.
+
+Nottingham. Ich erstaune, Königin--
+
+Die Königin. Worüber?
+
+Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden--
+
+Die Königin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie gewünscht dir
+dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal
+glühte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich,
+überzufließen, und jedes Wort, jede Gebärde hatte seinen längst
+abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft.
+
+Nottingham. Verzeihe, Königin, wenn ich in dem Ausdrucke meine
+Schuldigkeit gefehlet habe. Ich maß ihn nach Deinem ab.
+
+Die Königin. Nach meinem?--Ich bin seine Königin. Mir steht es frei,
+dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch
+hat er sich der gräßlichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig
+gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit könnte dich
+der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er
+übertreten, keine Untertanen, die er bedrücken, keine Krone, nach der
+er streben könnte. Was findest du denn also für ein grausames
+Vergnügen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf
+zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen?
+
+Nottingham. Ich bin zu tadeln--
+
+Die Königin. Genug davon!--Seine Königin, die Welt, das Schicksal
+selbst erklärt sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein
+Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?--
+
+Nottingham. Ich bekenne es, Königin,
+
+Die Königin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland
+her.--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Act. III.
+
+ --By all
+ The Subtilty, and Woman in your Sex,
+ I swear, that had you been a Man, you durst not,
+ Nay, your bold Father Harry durst not this
+ Have done--Why say I him? Not all the Harrys,
+ Not Alexander self, were he alive,
+ Should boast of such a deed on Essex done
+ Without revenge.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundfunfzigstes Stück
+Den 20. November 1767
+
+Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich,
+daß Rutland, ohne Wissen der Königin, mit dem Essex vermählt ist.
+
+"Die Königin. Kömmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt.
+--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese
+trübe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland;
+ich will dir einen wackern Mann suchen.
+
+Rutland. Großmütige Frau!--Ich verdiene es nicht, daß meine Königin
+so gnädig auf mich herabsiehet.
+
+Die Königin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe
+ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der
+Nottingham, der widerwärtigen!--einen Streit gehabt; und zwar--über
+Mylord Essex.
+
+Rutland. Ha!
+
+Die Königin. Sie hat mich recht sehr geärgert. Ich konnte sie nicht
+länger vor Augen sehen.
+
+Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen!
+Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fühl' es; ich werde blaß--und
+wieder rot.--
+
+Die Königin. Was ich dir sage, macht dich erröten?--
+
+Rutland. Dein so überraschendes, gütiges Vertrauen, Königin,--
+
+Die Königin. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest.--Komm,
+Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel,
+liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider
+den armen, unglücklichen Mann schreiet; was für Verbrechen es ihm zur
+Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er
+ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdrücklichen Befehl;
+und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung
+gelassen.
+
+Rutland. Darf ich Dir, Königin, wohl sagen, was ich denke?--Das
+Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß
+ist öfters so ungegründet--
+
+Die Königin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber,
+liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine
+Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiß, man legt mir
+es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen.
+Sie vergessen, daß ich ihre Königin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat
+mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann!--
+
+Rutland. Siehe meine Tränen, Königin--Dich so leiden zu sehen, die
+ich so bewundere!--Oh, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele,
+und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu
+beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen!
+
+Die Königin. Oh, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste
+Rutland!--Sage, ist es nicht schade, daß so ein braver Mann ein
+Verräter sein soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward,
+sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu
+wollen?
+
+Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königin,
+gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hören!
+mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem
+Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören!
+
+Die Königin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören?
+
+Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte
+Überlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht
+mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttin ihres Geschlechts, so weit
+über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten
+bewundern, Schönheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein
+größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit
+verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem
+alles überströmenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts übersteigt ihre
+Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche
+Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels
+gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh,
+unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues
+Herz ausdrückte, oh, daß sie nicht unsterblich sein kann! Ich wünsche
+ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit
+diesen Abglanz von sich zurückruft und mit eins sich Nacht und
+Verwirrung über Britannien verbreiten.
+
+Die Königin. Sagte er das, Rutland?
+
+Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe,
+dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich
+überströmte--
+
+Die Königin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du
+ihm gibst!
+
+Rutland. Und kannst ihn noch für einen Verräter halten?
+
+Die Königin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze übertreten.--Ich muß
+mich schämen, ihn länger zu schützen.--Ich darf es nicht einmal wagen,
+ihn zu sehen.
+
+Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königin? nicht zu sehen?--Bei dem
+Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre
+ich Dich,--Du mußt ihn sehen! Schämen? wessen? daß Du mit einem
+Unglücklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte
+Könige schimpfen?--Nein, Königin; sei auch hier Dir selbst gleich.
+Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen--
+
+Die Königin. Ihn, der meinen ausdrücklichen Befehl so geringschätzen
+können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen drängen darf?
+Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl?
+
+Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der
+Gefahr, in der er sich sahe. Er hörte, was hier vorging; wie sehr man
+ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche. Er kam also,
+zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich
+zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen.
+
+Die Königin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich
+sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer
+ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne!
+
+Rutland. Oh, nähre diese günstige Gedanke! Deine königliche Seele
+kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß
+finden. Ich wollte für ihn schwören; bei aller Deiner Herrlichkeit
+für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu sein. Seine Seele ist
+reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Dünste an sich
+ziehet und Geschmeiß ausbrütet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt
+es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig.
+Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem
+Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich
+verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher,
+und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt.
+
+Die Königin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese
+Innigkeit,--das bloße Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich
+hören!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt--
+
+Rutland. Recht, Königin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den
+innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du
+selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So
+würdig, so edel, so kühn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied,
+in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so
+sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen
+vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus
+hundert Gegenständen zusammensuchen muß, was sie hier beieinander
+findet!
+
+Die Königin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
+auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du gerätst außer dir.
+Ein Wort, ein Bild überjagt das andere. Was spielt so den Meister
+über dich? Ist es bloß deine Königin, ist es Essex selbst, was diese
+wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie
+schweigt; ganz gewiß, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen
+neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw.
+
+Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Königin zu
+sagen, daß Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen.
+"Rutland", sagt die Königin, "wir sprechen einander schon weiter; geh
+nur.--Nottingham, tritt du näher." Dieser Zug der Eifersucht ist
+vortrefflich. Essex kömmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige.
+Ich wüßte nicht, wie sie verständiger und glücklicher vorbereitet
+sein könnte. Essex anfangs, scheinet sich völlig unterwerfen zu
+wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach
+und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte
+alles das die Königin so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz
+nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist
+eigentlich die eifersüchtige Liebhaberin, welche schlägt, und die
+sich nur der Hand der Königin bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt
+gern.--
+
+Ich, meinesteils, möchte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den
+ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch,
+so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr
+armselige Figur dagegen macht.
+
+
+
+Neunundfunfzigstes Stück
+Den 24. November 1767
+
+Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen.
+Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so
+gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von
+Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von
+Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut
+als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen
+lieber, als an der andern, scheitern wollen.
+
+Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die
+mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig
+und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der
+Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere
+Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia
+verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den
+wahren Ton der Tragödie.
+
+"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, daß
+er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde
+zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versifikation
+beibehalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen
+Quantitäten und sehr merklichen Akzenten, nur für weitläufige Bühnen, nur
+für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so
+wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespräche,
+und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen."
+
+Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den
+Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen.
+Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien,
+öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie
+müssen also fast immer mit Zurückhaltung und Rücksicht auf ihre Würde
+sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den
+ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen.
+Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen
+größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für
+Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so
+ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand,
+als dem sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand
+als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also
+selbst im Affekte sind und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu
+kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er
+auch in das Stück eingeflochten war, dennoch niemals mißhandelte und
+stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale
+wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den höhern
+Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdrücken gelernt
+als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhörlich, sich
+besser auszudrücken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede
+ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die
+in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut
+verstehet, als der Polierteste.
+
+Bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache kann niemals
+Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine
+hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten,
+gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten.
+
+Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine
+Königin auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen
+vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhält, würde man
+in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir
+nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig;
+ein wenig unruhig bin ich.--Erzähle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu
+das! Laß hören!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und
+Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen
+habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei
+munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst
+du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geärgert.
+Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; laß
+mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
+auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen
+Kunstrichter sagen--
+
+Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt
+es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen
+zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne
+ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlässigkeiten, die ihr
+zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu
+finden waren, die er mit so vieler Überlegung dahin und dorthin streuete,
+um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein
+der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig
+zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darüber lachen. Endlich
+folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hört wohl, daß der gute Mann die
+große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört;
+Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe."
+
+Demohngeachtet würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die
+Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen
+dürfen. Ich habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht
+ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette
+aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen
+Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so
+gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen
+natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripides nur fleißig zu; und
+tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat.
+
+Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und
+Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem
+Erhabnen. Das nämliche Gefühl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt,
+wird sie auch hier bemerken. Der schwülstige Dichter ist daher unfehlbar
+auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine
+Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als
+die Tragödie.
+
+Gleichwohl scheinet die Engländer vornehmlich nur der eine in ihrem Banks
+beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die
+pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so
+glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sein Stück von
+einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe,
+möchte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu
+gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darüber. Heinrich Jones, von
+Geburt ein Irländer, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte,
+wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon
+einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen
+Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753
+aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den
+von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige
+Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, daß er, wie man ihm
+Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt
+hat. Auch muß noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich
+gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten
+Tagebüchern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein französischer
+Kunstrichter, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der
+schönen Poesie des Jones zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle
+der Rutland und über derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres
+Gemahls hinzufügt,[3] ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser
+Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht.
+
+Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar
+ist, als daß ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natürlichen Sohne". S.d. Übers. 247.
+
+[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every
+where very bad, and in some Places so low, that it even becomes
+unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little
+Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest
+of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to
+adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression
+befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters
+are perhaps the greatest the World ever produced.
+
+[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en démence la
+Comtesse de Rutland au moment que cet illustre époux est conduit à
+l'échafaud; ce moment où cette Comtesse est un objet bien digne de pitié,
+a produit une très grande sensation, et a été trouvé admirable à Londres:
+en France il eût paru ridicule, il aurait été sifflé et l'on aurait
+envoyé la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechzigstes Stück
+Den 27. November 1767
+
+Er ist von einem Ungenannten und führet den Titel: "Für seine Gebieterin
+sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komödien, die Joseph
+Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste
+Stück ist. Wenn er verfertiget worden, weiß ich nicht; ich sehe auch
+nichts, woraus es sich ungefähr abnehmen ließe. Das ist klar, daß sein
+Verfasser weder die französischen und englischen Dichter, welche die
+nämliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen
+gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner
+Leser nicht vorgreifen.
+
+Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurück und will der
+Königin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hört er, daß
+sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen,
+namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf
+diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche
+Zusammenkünfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient
+sich des Schlüssels, den er noch von der Gartentüre bewahret, durch die
+er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natürlich, daß er sich seiner Geliebten
+eher zeigen will, als der Königin. Als er durch den Garten nach ihren
+Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch
+denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist
+ein schwüler Sommerabend), das mit den bloßen Füßen in dem Wasser sitzt
+und sich abkühlet. Er bleibt voller Verwunderung über ihre Schönheit
+stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um
+nicht erkannt zu werden. (Diese Schönheit, wie billig, wird weitläuftig
+beschrieben, und besonders werden über die allerliebsten weißen Füße in
+dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, daß der
+entzückte Graf zwei kristallene Säulen in einem fließenden Kristalle
+stehen sieht; er weiß vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall
+ihrer Füße ist, welcher in Fluß geraten, oder ob ihre Füße der Kristall
+des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch
+verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weißen Gesichte:
+er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches
+Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so
+glänzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr
+zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet,
+als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuß auf sie geschieht,
+und gleich darauf zwei maskierte Männer mit bloßem Degen auf sie
+losgehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex
+besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Mörder an,
+und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück und
+bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er
+verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde
+damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich
+Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen,
+ehe über den Schuß mehr Lärmen entsteht; ich möchte nicht gern, daß die
+Königin den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure
+Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen über diese
+sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, namens Cosme,
+allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des
+Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen,
+und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen
+dürfen. Die Furcht hielt an der Türe Schildwache und versperrte ihm den
+Eingang. Furchtsam ist Cosme für viere;[4] und das sind die spanischen
+Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, daß er sich unfehlbar in die
+schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Blanca nicht schon so völlig
+Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern
+Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen
+sein? Was dünkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet
+Cosme, "als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus
+diesem Zuge kann man leicht auf das übrige schließen. Sie gehen endlich
+beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte über den
+Schuß in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt
+zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal.
+
+Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermädchen.
+(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die
+vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der
+König von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem
+jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist,
+unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese
+Verbindung zustande zu bringen. Es läßt sich alles, sowohl von seiten des
+Parlaments als der Königin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die
+Blanca und verliebt sich in sie. Itzt kömmt er und bittet Floren, ihm in
+seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er
+zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit,
+in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloß, Blanca
+suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne,
+dessen Stand so weit über den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung
+machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben.--(Man
+erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner
+Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in
+diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er
+hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er
+wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie
+machen werde. Er schenkt Floren eine güldne Kette, und Flora versteckt
+ihn in eine anstoßende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt,
+welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet.
+
+Essex kömmt. Nach den zärtlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den
+teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig
+zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca
+bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit
+welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie
+ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn,
+unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentümer ihrer Ehre gemacht.
+(Te hice dueño de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig
+viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien
+obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist
+nichts in Abrede und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und
+Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen
+gekommen sei. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er
+unverzüglich die Königin um Erlaubnis zu ihrer Vermählung antreten.--"Und
+so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem
+Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher
+anvertrauen."[6]--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta
+Corte.
+
+[2]
+ Las dos columnas bellas
+ Metió dentro del río, y como al verlas
+ Vi un cristal en el rio desatado,
+ Y ví cristal en ellas condensado,
+ No supe si las aguas que se vían
+ Eran sus piés, que líquidos corrían,
+ O si sus dos columnas se formaban
+ De las aguas, que allí se conjelaban.
+
+Diese Ähnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben
+will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand
+geschöpft und nach dem Munde geführt habe. Diese Hand, sagt er, war dem
+klaren Wasser so ähnlich, daß der Fluß selbst für Schrecken zusammenfuhr,
+weil er befürchtete, sie möchte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken.
+
+ Quiso probar a caso
+ El agua, y fueron cristalino vaso
+ Sus manos, acercólas a los labios,
+ Y entonces el arroyo lloró agravios,
+ Y como tanto, en fin, se parecía
+ A sus manos aquello que bebía,
+ Temí con sobresalto (y no fué en vano)
+ Que se bebiera parte de la mano.
+
+[3]
+ Yo, que al principio ví, ciego, y turbado,
+ A una parte nevado
+ Y en otra negro el rostro,
+ Juzgué, mirando tan divino monstruo,
+ Que la naturaleza cuidadosa
+ Desigualdad uniendo tau hermosa,
+ Quiso hacer por asombro, o por ultraje,
+ De azabache y marfil un maridaie.
+
+[4]
+ Ruido de armas en la Quinta,
+ Y dentro el Conde? Qué aguardo,
+ Que no voy a socorrerle?
+ Qué aguardo? Lindo recado:
+ Aguardo a que quiera el miedo
+ Dejarme entrar:--
+ ------
+ Cosme, que ha temido un miedo
+ Que puede valer por cuatro.
+
+[5]
+ La mujer del hortelano,
+ Que se lavaba las piernas.
+
+[6]
+ Bien podré seguramente
+ Revelarte intentos míos,
+ Como a galán, como a dueño,
+ Como a esposo, y como a amigo.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundsechzigstes Stück
+Den 1. Dezember 1767
+
+Hierauf beginnt sie eine lange Erzählung von dem Schicksale der Maria von
+Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muß alles das, ohne Zweifel,
+längst wissen), daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königin
+sehr zugetan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der
+Unschuld teilzunehmen; daß Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem
+Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Blanca die
+Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen.
+Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie
+ihres ganzen Vertrauens gewürdiget. Aber Blanca ist unversöhnlich.
+Umsonst wählte die Königin, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut
+der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu genießen.
+--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen
+lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es
+möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland
+geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen;
+und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Königin in dem Garten
+ermorden wollen. Nun weiß Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der
+er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, daß es Essex ist,
+welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die
+unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht
+bloß zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die
+glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an
+ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und
+gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin müsse sterben; ihr
+Name sei allgemein verhaßt; ihr Tod sei eine Wohltat für das Vaterland,
+und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu
+verschaffen.
+
+Essex ist über diesen Antrag äußerst betroffen. Blanca, seine teure
+Blanca, kann ihm eine solche Verräterei zumuten? Wie sehr schämt er sich
+in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr,
+wie es billig wäre, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum
+weniger bei ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Königin
+die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, seine ihm noch immer
+teure Blanca, läuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen,
+von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was für
+ein rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich
+durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken läßt. Wie leicht
+könnte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, daß sie
+sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht wäre und ihr
+zuliebe alles unternähme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit überlegt,
+faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der
+Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhängern in die Falle zu locken.
+
+Blanca wird ungeduldig, daß ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf",
+sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich
+nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig,
+Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich
+will ich dir es schriftlich geben."
+
+Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der
+Herzog aus der Galerie näher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit
+der Blanca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Essex zu
+erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu
+hören bekömmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca
+den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken
+will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen;
+Essex will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Essex hat die Gunst des
+Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Königin zu bemächtigen;
+sie ist schon so gut als tot.--"Erst müßt' ich sterben!" ruft auf einmal
+der Herzog und kömmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen über
+diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht
+ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Blanca den Herzog bei sich verborgen
+gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, daß sie von
+seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Galerie offen gefunden und
+sei von selbst hereingegangen, die Gemälde darin zu betrachten.[3]
+
+"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern
+Leben der Königin, bei--Aber genug, daß ich es sage: Blanca ist
+unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken.
+Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie
+Sie, machen Leute, wie ich--
+
+Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?--
+
+Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich
+kenne Sie nun. Ich hielt Sie für einen ganz andern Mann: und ich
+finde, Sie sind ein Verräter.
+
+Der Graf. Wer darf das sagen?
+
+Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören,
+Graf!
+
+Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein--
+
+Der Herzog. Denn kurz: ich bin überzeugt, daß ein Verräter kein Herz
+hat. Ich treffe Sie als einen Verräter: ich muß Sie für einen Mann
+ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils
+über Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen
+verlustig sind. Wären Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt,
+so würde ich Sie zu züchtigen wissen.
+
+Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand
+begegnen dürfen, als der Bruder des Königs von Frankreich.
+
+Der Herzog. Wenn ich auch der nicht wäre, der ich bin; wenn nur Sie
+der wären, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl
+empfinden, mit wem Sie zu tun hätten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn
+Sie dieser berufene Krieger sind: wie können Sie so viele große Taten
+durch eine so unwürdige Tat vernichten wollen?--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Ay tal traición! vive el Cielo,
+ Que de amarla estoy corrido.
+ Blanca, que es mi dulce dueño,
+ Blanca, a quien quiero, y estimo,
+ Me propone tal traición!
+ Que haré, porque si ofendido,
+ Respondiendo, como es justo,
+ Contra su traición me irrito,
+ No por eso ha de evitar
+ So resuelto desatino.
+ Pues darle cuenta a la Reina
+ Es imposible, pues quiso
+ Mi suerte, que tenga parte
+ Blanca en aqueste delito.
+ Pues si procuro con ruegos
+ Disuadirla, es desvarío,
+ Que es una mujer resuelta
+ Animal tan vengativo,
+ Que no se dobla a los riesgos:
+ Antes con afecto impío,
+ En el mismo rendimiento
+ Suelen aguzar los filos;
+ Y quizá desesperada
+ De mi enojo, o mi desvío,
+ Se declarará con otro
+ Menos leal, menos fino,
+ Que quizá por ella intente
+ Lo que yo hacer no he querido.
+
+[2]
+ Si estás consultando, Conde,
+ Allá dentro de tí mismo
+ Lo que has de hacer, no me quieres,
+ Ya el dudarlo fué delito.
+ Vive Dios, que eres ingrato!
+
+[3]
+ Por vida del Rey mi hermano,
+ Y por la que más estimo,
+ De la Reina mi señora,
+ Y por--pero yo lo digo,
+ Que en mí es el mayor empeño
+ De la verdad del decirlo,
+ Que no tiene Blanca parte
+ De estar yo aquí--
+ ------
+ Y estad muy agradecido
+ A Blanca, de que yo os dé,
+ No satisfacción, aviso
+ De esta verdad, porque a vos,
+ Hombres como yo--Cond. Imagino
+ Que no me conoceis bien.
+ Duq. No os había conocido
+ Hasta aquí; mas ya os conozco,
+ Pues ya tan otro os he visto
+ Que os reconozco traidor.
+ Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo
+ No pronuncieis algo, Conde,
+ Que ya no puedo sufriros.
+ Cond. Cualquier cosa que yo intente--
+ Duq. Mirad que estoy persuadido
+ Que hace la traición cobardes;
+ Y así cuando os he cogido
+ En un lance que me da
+ De que sois cobarde indicios,
+ No he de aprovecharme de esto,
+ Y así os perdona mi brío
+ Ese rato que teneis
+ El valor desminuído;
+ Que a estar todo vos entero,
+ Supiera daros castigo.
+ Cond. Yo soy el Conde de Sex
+ Y nadie se me ha atrevido
+ Sino el hermano del Rey
+ De Francia. Duq. Yo tengo brío
+ Para que sin ser quien soy,
+ Pueda mi valor invicto
+ Castigar, no digo yo
+ Sólo a vos, mas a vos mismo,
+ Siendo leal, que es lo más
+ Con que queda encarecido.
+ Y pues sois tan gran Soldado,
+ No echeis a perder, os pido
+ Tantas heroicas hazañas
+ Con un hecho tan indigno--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundsechzigstes Stück
+Den 4. Dezember 1767
+
+Der Herzog fährt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern
+Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will
+es vergessen, was er gehört habe; er ist versichert, daß Blanca mit dem
+Grafen nicht einstimmen und daß sie selbst ihm eben das würde gesagt
+haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen wäre. Er schließt
+endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so
+schändlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber
+meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, daß Sie einen Kopf haben,
+und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist
+in der äußersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich für einen Verräter
+gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen
+den Herzog zu rechtfertigen; er muß sich gedulden, bis es der Ausgang
+lehre, daß er da seiner Königin am getreuesten gewesen sei, als er es am
+wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur
+Blanca aber sagt er, daß er den Brief sogleich an ihren Oheim senden
+wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern
+verwünscht, sich aber noch damit getröstet, daß es kein Schlimmerer als
+der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse.
+
+Die Königin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was
+ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, daß ihre Leibwache alle Zugänge
+wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurückkehren. Der Kanzler
+ist der Meinung, die Meuchelmörder aufsuchen zu lassen und durch ein
+öffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche
+Belohnung zu verheißen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein.
+"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann
+leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser
+Untertan ist."[3] Aber die Königin mißbilliget diesen Rat; sie hält es
+für besser, den ganzen Vorfall zu unterdrücken und es gar nicht bekannt
+werden zu lassen, daß es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat
+erkühnen dürfen. "Man muß", sagt sie, "die Welt glauben machen, daß die
+Könige so wohl bewacht werden, daß es der Verräterei unmöglich ist, an
+sie zu kommen. Außerordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen,
+als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der
+Sünde unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes
+abschrecken."[4]
+
+Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem
+glücklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Königin
+sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke,
+weiß ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von
+keinen nähern Umständen hören, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und
+befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von
+England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Königin und Essex sind
+allein; das Gespräch wird vertraulicher; Essex hat die Schärpe um; die
+Königin bemerkt sie, und Essex würde es aus dieser bloßen Bemerkung
+schließen, daß er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca
+nicht schon geschlossen hätte. Die Königin hat den Grafen schon längst
+heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es
+kostet ihr alle Mühe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne
+Fragen, ihn auszulocken und zu hören, ob sein Herz schon eingenommen, und
+ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte
+gibt er ihr durch seine Antworten gewissermaßen zu verstehen, und zugleich,
+daß er für ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken
+sich erkühnen dürfe. Die Königin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen
+zu geben: doch siegt noch ihr Stolz über ihre Liebe. Ebensosehr hat der
+Graf mit seinem Stolze zu kämpfen: er kann sich des Gedankens nicht
+entwehren, daß ihn die Königin liebe, ob er schon die Vermessenheit
+dieses Gedankens erkennet. (Daß diese Szene größtenteils aus Reden
+bestehen müsse, die jedes seitab führet, ist leicht zu erachten.) Sie
+heißt ihn gehen und heißt ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm
+das Patent bringe. Er bringt es; sie überreicht es ihm; er bedankt sich,
+und das Seitab fängt mit neuem Feuer an.
+
+"Die Königin. Törichte Liebe!--
+
+Essex. Eitler Wahnsinn!--
+
+Die Königin. Wie blind!--
+
+Essex. Wie verwegen!--
+
+Die Königin. So tief willst du, daß ich mich herabsetze?--
+
+Essex. So hoch willst Du, daß ich mich versteige?--
+
+Die Königin. Bedenke, daß ich Königin bin!
+
+Essex. Bedenke, daß ich Untertan bin!
+
+Die Königin. Du stürzest mich bis in den Abgrund,--
+
+Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,--
+
+Die Königin. Ohne auf meine Hoheit zu achten.
+
+Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwägen.
+
+Die Königin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:--
+
+Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemächtiget:--
+
+Die Königin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge!
+
+Essex. So stirb da, und komm' nie über die Lippen!"[7]
+
+(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden
+miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hört, was der
+andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie
+nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele.
+Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier sein muß, um an solchen
+unnatürlichen Künsteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreißig
+Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere
+Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den
+spanischen Mustern zugeschnitten waren.)
+
+Nachdem die Königin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald
+wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem
+ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stücke der Spanier, wie bekannt, haben
+deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre
+allerältesten Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf
+allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von
+Komödien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzüge auf drei
+brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stücke seiner
+Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte.
+Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komödien
+zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch
+finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf
+Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der
+spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich
+dabei nicht aufhalten.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Miradlo mejor, dejad
+ Un intento tan indigno,
+ Corresponded a quien sois,
+ Y sino bastan avisos,
+ Mirad que hay Verdugo en Londres,
+ Y en vos cabeza, harto os digo.
+
+[2]
+ No he de responder al Duque
+ Hasta que el suceso mismo
+ Muestre como fueron falsos
+ De mi traición los indicios,
+ Y que soy más leal, cuando
+ Más traidor he parecido.
+
+[3]
+ Y pues son dos los culpados
+ Podrá ser, que alguno de ellos
+ Entregue al otro; que es llano,
+ Que será traidor amigo
+ Quien fué desleal vasallo.
+
+[4]
+ Y es gran materia de estado
+ Dar a entender, que los Reyes
+ Están en sí tan guardados
+ Que aunque la traición los busque,
+ Nunca ha de poder hallarlos;
+ Y así el secreto averigüe
+ Enormes delitos, cuando
+ Más que el castigo, escarmientos
+ Dé ejemplares el pecado.
+
+[5]
+ Que ya sólo con miraros
+ Sé el suceso de la guerra.
+
+[6]
+ No bastaba, amor tírano,
+ Una inclinación tan fuerte,
+ Sin que te hayas ayudado
+ Del deberle yo la vida?
+
+[7]
+ Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible--
+ Rein. Qué ciego--Cond. Qué temerario--
+ Rein. Me abates a tal bajeza--
+ Cond. Me quieres subir tan alto--
+ Rein. Advierte, que soy la Reina--
+ Cond. Advierte, que soy vasallo--
+ Rein. Pues me humillas al abismo--
+ Cond. Pues me acercas a los rayos--
+ Rein. Sin reparar mi grandeza--
+ Cond. Sin mirar mi humilde estado--
+ Rein. Ya que te miro acá dentro--
+ Cond. Ya que en mí te vas entrando--
+ Rein. Muere entre el pecho, y la voz.
+ Cond. Muere entre el alma, y los labios.
+
+[8]
+"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas"
+befindet.
+ El Capitán Virués; insigne ingenio,
+ Puso en tres actos la Comedia, que antes
+ Andaba en cuatro, como pies de niño,
+ Que eran entonces niñas las Comedias,
+ Y yo las escribí de once, y doce años,
+ De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos,
+ Porque cada acto un pliego contenia.
+
+[9] In der Vorrede zu seinen Komödien: Donde me atreví a reducir las
+Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenían.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundsechzigstes Stück
+Den 8. Dezember 1767
+
+Die Königin ist von dem Landgute zurückgekommen; und Essex gleichfalls.
+Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen
+Augenblick vermissen zu lassen. Er eröffnet mit seinem Cosme den zweiten
+Akt, der in dem königlichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des
+Grafen, sich mit Pistolen versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde;
+er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu
+werden. Er heißt den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der
+Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet
+er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist
+eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie
+haben wollen; und er würde sie ihr abschlagen müssen. Indem er sie dem
+Cosme zur Verwahrung übergibt, kömmt Blanca dazu. Cosme will sie
+geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es
+Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Königin;
+und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu
+halten und sie niemanden zu zeigen.
+
+Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, daß er
+ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er
+fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des
+Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr
+bereits sechsunddreißig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die
+Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von
+der maskierten Dame und der Schärpe zu erzählen. Doch eben besinnt er
+sich, daß es wohl eine würdigere Person sein müsse, der er sein Geheimnis
+zuerst mitteile. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte,
+ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muß von allerlei Art des
+spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.)
+
+Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von
+ihrer Neugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als
+möglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme
+vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich
+zurück, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach
+Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr
+geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu
+wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme läßt
+nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe
+weiß; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines
+Geheimnisses entlediget, ist äußerst ekel. Sein Magen will es nicht
+länger bei sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den
+Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack
+wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder
+Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwätze
+zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß
+die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden
+könnte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt
+sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste
+ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie
+ihn je eher je lieber heiraten.
+
+Die Königin tritt herein und ist äußerst niedergeschlagen. Blanca fragt,
+ob sie die übrigen Hofdamen rufen soll: aber die Königin will lieber
+allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht
+auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern kömmt der Graf.
+
+Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber
+der Königin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er
+bestraft sich deswegen; sein Herz gehört der Blanca; eigennützige
+Absichten müssen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muß
+keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder
+entfernen, als er die Königin gewahr wird: und die Königin, als sie ihn
+erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem
+fängt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein
+kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine
+verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so laß das Mitleid,
+welches sie verdienen, den Unwillen überwältigen, den du darüber
+empfindest, daß ich es bin, der sie führet." Der Königin gefällt das
+Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte
+Weise, seine Liebe zu erklären. Er sagt, er habe es glossieret[6] und
+bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser
+Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die
+Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die
+Königin lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben.
+"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht
+groß sein; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe
+macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig."
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --Yo no me acordaba
+ De decirlo, y lo callaba.
+ Y como me lo entregó,
+ Ya por decirlo reviento,
+ Que tengo tal propiedad,
+ Que en un hora, o la mitad,
+ Se me hace postema un cuento.
+
+[2]
+ Allá va Flora; mas no,
+ Será persona más grave--
+ No es bien que Flora se alabe
+ Que el cuento me desfloró.
+
+[3]
+ Ya se me viene a la boca
+ La purga.--
+ O que regüeldos tan secos
+ Me vienen! terrible aprieto.--
+ Mi estómago no lo lleva;
+ Protesto que es gran trabajo,
+ Meto los dedos.--
+ Y pues la purga he trocado,
+ Y el secreto he vomitado
+ Desde el principio hasta el fin,
+ Y sin dejar cosa alguna,
+ Tal asco me dió al decillo,
+ Voy a probar de en membrillo,
+ O a morder de una accituna.--
+
+[4]
+ Es hombre al fin, y ay! de aquella
+ Que a un hombre fiò su honor,
+ Siendo tan malo, el mejor.
+
+[5]
+ Abate, abate las alas
+ No subas tanto, busquemos
+ Más proporcionada esfera
+ A tan limitado vuelo.
+ Blanca me quiere, y a Blanca
+ Adoro yo ya en mi dueño;
+ Pues cómo de amor tan noble
+ Por una ambición me alejo?
+ No conveniencia bastarda
+ Venza un legítimo afecto.
+
+[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen.
+Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklären oder
+umschreiben diesen Text so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung
+oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heißen sie Mote oder
+Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der
+Name des Gedichts überhaupt ist. Hier läßt der Dichter den Essex das Lied
+der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in
+einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile
+schließt. Das Ganze sieht so aus:
+
+ Mote.
+
+ Si acaso mis desvaríos
+ Llegaren a tus umbrales,
+ La lástima de ser males
+ Quite el horror de ser míos.
+
+ Glosa.
+
+ Aunque el dolor me provoca
+ Decir mis quejas no puedo,
+ Que es mi osadía tan poca,
+ Que entre el respeto, y el miedo
+ Se me mueren en la boca;
+ Y así no llegan tan míos
+ Mis males a tus orejas,
+ Porque no han de ser oídos
+ Si acaso digo mis quejas,
+ Si acaso mis desvaríos.
+ El ser tan mal explicados
+ Sea su mayor indicio,
+ Que trocando en mis cuidados
+ El silencio, y vos su oficio,
+ Quedarán más ponderados:
+ Desde hoy por estas señales
+ Sean de tí conocidos,
+ Que sin duda son mis males
+ Si algunos mal repetidos
+ Llegaren a tus umbrales.
+ Mas ay Dies! que mis cuidados
+ De tu crueldad conocidos,
+ Aunque más acreditados,
+ Serán menos adquiridos.
+ Que con los otros mezclados:
+ Porque no sabiendo a cuales
+ Más tu ingratitud se deba
+ Viéndolos todos iguales
+ Fuerza es que en común te mueva
+ La lástima de ser males.
+ En mi este afecto violento
+ Tu hermoso desdén le causa;
+ Tuyo, y mío es mi tormento;
+ Tuyo, porque eres la causa;
+ Y mío, porque yo le siento:
+ Sepan, Laura, tus desvíos
+ Que mis males son tan suyos,
+ Y en mis cuerdos desvaríos
+ Esto que tienen de tuyos
+ Quite el horror de ser míos.
+
+Es müssen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese.
+Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote
+schließt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht
+alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschränken
+und diese mehr als einmal wiederholen. übrigens gehören diese Glossen
+unter die älteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan
+und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen.
+
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundsechzigstes Stück
+Den 11. Dezember 1767
+
+Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die sei, welche keine
+Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen
+selbst mache sein Glück: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie
+noch unverworfen, könne er sich noch von der süßen Vorstellung täuschen
+lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sei
+glücklich, solange er noch nicht wisse, wie unglücklich er sei.[1] Die
+Königin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran
+gelegen ist, daß Essex nicht länger darnach handle: und Essex, durch
+diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen,
+von welchem die Königin behauptet, daß es ein Liebhaber auf alle Weise
+wagen müsse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese
+Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten
+Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Cosme
+abgenommen, welches zwar die Königin, aber nicht Essex gewahr wird.[2]
+
+"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum
+will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben
+kann? Was fürchte ich noch?--Königin, wann denn also,--
+
+Blanca. Der Herzog, Ihre Majestät,--
+
+Essex. Blanca könnte nicht ungelegener kommen.
+
+Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,--
+
+Die Königin. Ah! Himmel!
+
+Blanca. Auf Erlaubnis,--
+
+Die Königin. Was erblicke ich?
+
+Blanca. Hereintreten zu dürfen.
+
+Die Königin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich
+komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das.
+
+Blanca. Ich gehorche.
+
+Die Königin. Bleib! Komm her! näher!
+
+Blanca. Was befehlen Ihro Majestät?--
+
+Die Königin. Oh, ganz gewiß!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!--
+Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu
+ihm herauskomme. Geh, laß mich!
+
+Blanca. Was ist das?--Ich gehe.
+
+Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,--
+
+Die Königin. Ha, Eifersucht!
+
+Essex. Mich zu erklären.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene
+Überredung.
+
+Die Königin. Mein Geschenk in fremden Händen! Bei Gott!--Aber ich
+muß mich schämen, daß eine Leidenschaft so viel über mich vermag!
+
+Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestät gesagt, und wie ich
+einräumen muß,--das Glück, welches man durch Furcht erkauft,--sehr
+teuer zu stehen kömmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch
+ich,--
+
+Die Königin. Warum sagen Sie das, Graf?
+
+Essex. Weil ich hoffe, daß, wann ich--Warum fürchte ich mich noch?--
+wann ich Ihre Majestät meine Leidenschaft bekannte,--daß einige
+Liebe--
+
+Die Königin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie?
+Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin?
+Und wer Sie sind? Ich muß glauben, daß Sie den Verstand verloren.--"
+
+Und so fahren Ihre Majestät fort, den armen Grafen auszufenstern, daß es
+eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel über
+alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, daß der
+Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurückbrausen
+müsse? Ob er nicht wisse, daß die Dünste, welche sich zur Sonne erhüben,
+von ihren Strahlen zerstreuet würden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein
+glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschämt zurück und bittet um Verzeihung.
+Die Königin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder
+zu betreten und sich glücklich zu schätzen, daß sie ihm den Kopf lasse,
+in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen können.[3] Er entfernt sich;
+und die Königin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie
+wenig ihr Herz mit ihren Reden übereinstimme.
+
+Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Bühne zu füllen. Blanca
+hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fuße sie mit dem Grafen
+stehe; daß er notwendig ihr Gemahl werden müsse, oder ihre Ehre sei
+verloren. Der Herzog faßt den Entschluß, den er wohl fassen muß; er will
+sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht
+er sogar, sich bei der Königin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die
+Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle.
+
+Die Königin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurück. Sie ist mit
+sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er
+scheine. Vielleicht, daß es eine andere Schärpe war, die der ihrigen nur
+so ähnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine
+Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde
+sich näher darüber erklären; er wolle sie zusammen allein lassen: und so
+läßt er sie.
+
+Die Königin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschließt sich
+Blanca, zu reden. Sie will nicht länger von dem veränderlichen Willen
+eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht länger
+anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die
+Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Königin. Denn
+da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen müsse: so suche sie in
+ihr nicht die Königin, sondern nur die Frau.[4]
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --El más verdadero amor
+ Es el que en sí mismo quieto
+ Descansa, sin atender
+ A más paga, o más intento:
+ La correspondencia es paga,
+ Y tener por blanco el precio
+ Es querer per granjeria.--
+ ------
+ Dentro está del silencio, y del respeto
+ Mi amor, y así mi dicha está segura,
+ Presumiendo tal vez (dulce locura!)
+ Que es admitido del mayor suieto.
+ Dejándome engañar de este concepto,
+ Dura mi bien, porque mi engaño dura;
+ Necia será la lengua, si aventura
+ Un bien que está seguro en el secreto.--
+ Que es feliz quien no siendo venturoso
+ Nunca llega á saber, que es desdichado.
+
+ [2]
+ Por no morir de mal, cuando
+ Puedo morir de remedio,
+ Digo pues, ea, osadía,
+ Ella me alentó, qué temo?--
+ Que será bien que a tu Alteza--
+ (Sale Blanca con la banda puesta.)
+ Bl. Señora, el duque--Cond. A mal tiempo
+ Viene Blanca. Bl. Está aguardando
+ En la antecámara--Rein. Ay, cielo!
+ Bl. Para entrar--Rein. Qué es lo que miro!
+ Bl. Licencia. Rein. Decid;--qué veo!--
+ Decid que espere;--estoy loca!
+ Decid, andad. Bl. Ya obedezco.
+ Rein. Venid acá, volved. Bl. Qué manda
+ Vuestra Alteza? Rein. Ei daño es cierto.
+ Decidle--no hay que dudar--
+ Entretenedle un momento--
+ Ay de mí!--miéntras yo salgo--
+ Y dejadme. Bl. Qué es aquesto?
+ Y voy. Cond. Ya Blanca se fué,
+ Quiero pues volver--Rein. Ha celos!
+ Cond. A declararme atrevido,
+ Pues si me atrevo, me atrevo
+ En fé de sus pretensiones.
+ Rein. Mi prenda en poder ajeno?
+ Vive Dios, pero es vergüenza
+ Que pueda tanto un afecto
+ En mí. Cond. Según lo que dijo
+ Vuestra Alteza aquí, y supuesto,
+ Que cuesta cara la dicha,
+ Que se compra con el miedo,
+ Quiero morir noblemente.
+ Rein. Porqué lo decís? Cond. Qué espero
+ Si á vuestra Alteza (que dudo!)
+ Le declarase mi afecto,
+ Algun amor--Rein. Que decís?
+ A mí? cómo, loco, necio,
+ Conoceisme? Quien soy yo?
+ Decid, quién soy? que sospecho,
+ Que se os huyó la memoria.--
+
+ [3]
+ --No me veais,
+ Y agradeced el que os dejo
+ Cabeza, en que se engendraron
+ Tan livianos pensamientos.
+
+ [4]
+ --Ya estoy resuelta;
+ No a la voluntad mudable
+ De un hombre esté yo sujeta,
+ Que aunque no sé que me olvide,
+ Es necedad, que yo quiera
+ Dejar á su cortesía
+ Lo que puede hacer la fuerza.
+ Gran Isabela, escuchadme,
+ Y al escucharme tu Alteza,
+ Ponga aun más que la atención,
+ La piedad con las orejas.
+ Isabela os he llamado
+ En esta ocasión, no Reina,
+ Que cuando vengo a deciros
+ Del honor una flaqueza
+ Que he hecho como mujer,
+ Porque mejor os parezca,
+ No Reina, mujer os busco.
+ Sólo mujer os quisiera.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundsechzigstes Stück
+Den 15. Dezember 1767
+
+Du? mir eine Schwachheit? fragt die Königin.
+
+"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Tränen,
+sind vermögend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer
+kömmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf--
+
+Die Königin. Der Graf? Was für ein Graf?--
+
+Blanca. Von Essex.
+
+Die Königin. Was höre ich?
+
+Blanca. Seine verführerische Zärtlichkeit--
+
+Die Königin. Der Graf von Essex?
+
+Blanca. Er selbst, Königin.--
+
+Die Königin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter!
+
+Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--"
+
+Die Königin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als
+Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hören wünscht.
+Sie höret, wo und wie der Graf glücklich gewesen;[1] und als sie
+endlich auch höret, daß er ihr die Ehe versprochen, und daß Blanca auf
+die Erfüllung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange
+zurückgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhöhnet das leichtgläubige
+Mädchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an
+den Grafen weiter zu denken. Blanca errät ohne Mühe, daß dieser Eifer
+der Königin Eifersucht sein müsse: und gibt es ihr zu verstehen.
+
+"Die Königin. Eifersucht?--Nein; bloß deine Aufführung entrüstet mich.
+--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn
+liebte, und eine andere wäre so vermessen, so töricht, ihn neben mir
+zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage
+ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu
+lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest,
+wie sehr mich eine bloß vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht
+aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun würde. Itzt
+stelle ich mich nur eifersüchtig. Hüte dich, mich es wirklich zu
+machen!"[2]
+
+Mit dieser Drohung geht die Königin ab und läßt die Blanca in der
+äußersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, über
+die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Königin hat ihr Vater
+und Bruder und Vermögen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen
+nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch
+erst warten, bis sie ein anderer für sie vollzieht? Sie will sie selbst
+bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Königin muß
+sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr
+an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Königin mit dem Kanzler
+wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefaßt zu machen.
+
+Der Kanzler hält verschiedne Briefschaften, die ihm die Königin nur auf
+einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch
+durchsehen. Der Kanzler erhebt die außerordentliche Wachsamkeit, mit der
+sie ihren Reichsgeschäften obliege; die Königin erkennt es für ihre
+Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu
+den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und
+anständigern Sorgen überlassen. Aber das erste Papier, was sie in die
+Hände nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muß
+es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkömmt!"
+Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen
+Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine
+Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur
+Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem
+Bruder des Todes Linderung suchen: und so fällt sie in Schlaf.
+
+Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die
+sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses
+Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Königin allein
+und entschlafen: was für einen bequemem Augenblick könnte sie sich
+wünschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem
+Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel errät man, was nun geschieht. Er
+kömmt also, sie hier zu suchen; und kömmt eben noch zurecht, der Blanca
+in den mörderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die
+Königin schon gespannt hat, zu entreißen. Indem er aber mit ihr ringt,
+geht der Schuß los: die Königin erwacht, und alles kömmt aus dem Schlosse
+herzugelaufen.
+
+"Die Königin (im Erwachen). Ha! Was ist das?
+
+Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das für ein Knall in dem Zimmer
+der Königin? Was geschieht hier?
+
+Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall!
+
+Die Königin. Was ist das, Graf?
+
+Essex. Was soll ich tun?
+
+Die Königin. Blanca, was ist das?
+
+Blanca. Mein Tod ist gewiß!
+
+Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich!
+
+Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verräter?
+
+Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschließen? Schweige ich: so
+fällt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich
+der nichtswürdige Verkläger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner
+teuersten Blanca.
+
+Die Königin. Sind Sie der Verräter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer
+von euch war mein Retter? wer mein Mörder? Mich dünkt, ich hörte im
+Schlafe euch beide rufen: Verräterin! Verräter! Und doch kann nur
+eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben
+suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig,
+Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich
+will in dieser Ungewißheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht
+wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht dürfte es mich
+ebensosehr schmerzen, meinen Beschützer zu erfahren, als meinen Feind.
+Ich will der Blanca gern ihre Verräterei vergeben, ich will sie ihr
+verdanken: wenn dafür der Graf nur unschuldig war."[3]
+
+Aber der Kanzler sagt: wenn es die Königin schon hierbei wolle bewenden
+lassen, so dürfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu groß; sein Amt
+erfodere, es zu ergründen; besonders da aller Anschein sich wider den
+Grafen erkläre.
+
+"Die Königin. Der Kanzler hat recht; man muß es untersuchen.--Graf,--
+
+Essex. Königin!--
+
+Die Königin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr
+fürchtet meine Liebe, sie zu hören! War es Blanca?
+
+Essex. Ich Unglücklicher!
+
+Die Königin. War es Blanca, die meinen Tod wollte?
+
+Essex. Nein, Königin; Blanca war es nicht.
+
+Die Königin. Sie waren es also?
+
+Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiß nicht.
+
+Die Königin. Sie wissen es nicht?--Und wie kömmt dieses mörderische
+Werkzeug in Ihre Hand?--"
+
+Der Graf schweigt, und die Königin befiehlt, ihn nach dem Tower zu
+bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer
+bewacht werden. Sie werden abgeführt, und der zweite Aufzug schließt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ bl. le llamé una noche obscura--
+ rein. y vino a verte? bl. pluguiera
+ a dios, que no fuera tanta
+ mi desdicha, y su fineza.
+ vino más galán que nunca,
+ y yo que dos veces ciega,
+ por mi mal, estaba entónces
+ del amor, y las tinieblas--
+
+[2]
+ rein. este es celo, blanca. bl. celos,
+ añadiéndole una letra.
+ rein. qué decis? bl. señora, que
+ si acaso posible fuera,
+ a no ser vos la que dice
+ esas palabras, dijera,
+ que eran celos. rein. qué son celos?
+ no son celos, es ofensa
+ que me estais haciendo vos.
+ supongamos, que quisiera
+ al conde en esta ocasión;
+ pues si yo al conde quisiera
+ y alguna atrevida, loca
+ presumida, descompuesta
+ le quisiera, qué es querer?
+ que le mirara, o le viera;
+ qué es verle? no sé que diga.
+ no hay cosa que ménos sea--
+ no la quitara la vida?
+ la sangre no le bebiera?--
+ los celos, aunque fingidos,
+ me arrebataron la lengua,
+ y dispararon mi enojo--
+ mirad que no me deis celos,
+ que si fingidos se altera
+ tanto mi enojo, ved vos,
+ si fuera verdad, qué hiciera--
+ escarmentad en las burlas,
+ no me deis celos de veras.
+
+ conde, vos traidor? vos, blanca?
+ el juicio está indiferente,
+ cual me libra, cual me mata.
+ conde, bianca, respondedme!
+ tu á la reina? tu á la reina?
+ oid, aunque confusamente:
+ ha, traidora, dijo el conde.
+ blanca, dijo: traidor eres.
+ estas razones de entrambos
+ a entrambas cosas convienen:
+ uno de los dos me libra,
+ otro de los me ofende.
+ conde, cuál me daba vida?
+ blanca, cuál me daba muerte?
+ decidme!--no lo digais,
+ que neutral mi valor quiere,
+ per no saber el traidor,
+ no saber el inocente.
+ mejor es quedar confusa,
+ en duda mi juicio quede,
+ porque cuando mire a alguno,
+ y de la traición me acuerde,
+ a pensar, que es el traidor,
+ que es el leal también piense.
+ yo le agradeciera á blanca,
+ que ella la traidora fuese,
+ solo á trueque de que el conde
+ fuera él, que estaba inocente.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundsechzigstes Stück
+Den 18. Dezember 1767
+
+Der dritte Aufzug fängt sich mit einer langen Monologe der Königin an,
+die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu
+finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren
+Mörder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu dürfen. Besonders
+geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit;
+sie denkt über diesen Punkt überhaupt lange so zärtlich und sittsam
+nicht, als wir es wohl wünschen möchten, und als sie auf unsern Theatern
+denken müßte.[1]
+
+Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude über die
+glückliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen
+Beweis, der sich wider den Essex äußert, vorzulegen. Auf der Pistole, die
+man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehört ihm; und wem
+sie gehört, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen.
+
+Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was
+nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewußten Briefe
+nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise
+sieht einer Flucht sehr ähnlich, und solche Flucht läßt vermuten, daß er
+an dem Verbrechen seines Herrn Anteil könne gehabt haben. Er wird also
+vor den Kanzler gebracht, und die Königin befiehlt, ihn in ihrer
+Gegenwart zu verhören. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann
+man leicht erraten. Er weiß von nichts; und als er sagen soll, wo er
+hingewollt, läßt er sich um die Wahrheit nicht lange nötigen. Er zeigt
+den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu
+überbringen befohlen: und man weiß, was dieser Brief enthält. Er wird
+gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hört, wohin es damit
+abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er über den Schluß desselben,
+worin der Überbringer ein Vertrauter heißt, durch den Roberto seine
+Antwort sicher bestellen könne. "Was höre ich?" ruft Cosme. "Ich ein
+Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin
+niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe
+ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich möchte doch wissen, was
+mein Herr an mir gefunden hätte, um mich dafür zu nehmen. Ich, ein
+Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiß zum
+Exempel, daß Blanca und mein Herr einander lieben, und daß sie heimlich
+miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdrücken
+wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie hübsch sehen, meine
+Herren, was für ein Vertrauter ich bin. Schade, daß es nicht etwas viel
+Wichtigeres ist: ich würde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht
+schmerzt die Königin nicht weniger, als die Überzeugung, zu der sie durch
+den unglücklichen Brief von der Verräterei des Grafen gelangt. Der Herzog
+glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu müssen und der Königin
+nicht länger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufälligerweise
+angehört habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verräters, und
+sobald die Königin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestät,
+als gekränkte Liebe, des Grafen Tod zu beschließen.
+
+Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefängnis. Der Kanzler kömmt
+und eröffnet dem Grafen, daß ihn das Parlament für schuldig erkannt und
+zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen
+werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld.
+
+"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so
+viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht
+geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhändiger Name?
+
+Essex. Allerdings ist er es.
+
+Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca,
+nicht ausdrücklich den Tod der Königin beschließen hören?
+
+Essex. Was er gehört hat, hat er freilich gehört.
+
+Der Kanzler. Sahe die Königin, als sie erwachte, nicht die Pistole in
+Ihrer Hand? Gehört die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht
+Ihnen?
+
+Essex. Ich kann es nicht leugnen.
+
+Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig.
+
+Essex. Das leugne ich.
+
+Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, daß Sie den Brief an den
+Roberto schrieben?
+
+Essex. Ich weiß nicht.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, daß der Herzog den verräterischen
+Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen mußte?
+
+Essex. Weil es der Himmel so wollte.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, daß sich das mörderische Werkzeug in
+Ihren Händen fand?
+
+Essex. Weil ich viel Unglück habe.
+
+Der Kanzler. Wenn alles das Unglück, und nicht Schuld ist: wahrlich,
+Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie
+werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen müssen.
+
+Essex. Schlimm genug."[3]
+
+"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa
+mit hängen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr
+hinlänglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu
+verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der
+Kanzler bedauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse;
+weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich,
+geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er
+vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge haben
+möchte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf
+wünschte bloß deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu
+ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich tun
+dürfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein
+Leben für sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf
+der Zunge führen, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er
+sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er
+setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er
+ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca
+einzuhändigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ No pudo ser que mintiera
+ Blanca en lo que me contó
+ De gozarla el Conde? No,
+ Que Blanca no lo fingiera:
+ No pudo haberla gozado,
+ Sin estar enamorado,
+ Y cuando tierno y rendido,
+ Entónces la haya querido,
+ No puede haberla olvidado?
+ No le vieron mis antoios
+ Entre acogimientos sabios,
+ Muy callando con los labios,
+ Muy bachiller con los ojos,
+ Cuando al decir sus enojos
+ Yo su despecho reñí?
+
+ [2]
+ Qué escucho? Señores míos,
+ Dos mil demonios me lleven,
+ Si yo confidente soy,
+ Si lo he sido, o si lo fuere,
+ Ni tengo intención de serlo.
+ --Tengo yo
+ Cara de ser confidente?
+ Yo no sé que ha visto en mi
+ Mi amo para tenerme
+ En esta opinion; y á fe,
+ Que me holgara de que fuese
+ Cosa de más importancia
+ Un secretillo muy leve,
+ Que rabio ya per decirlo,
+ Que es que el Conde a Blanca quiere,
+ Que están casados los dos
+ En secreto--
+
+ [3]
+ Con. Sólo el descargo que tengo
+ Es el estar inocente.
+ Senescal. Aunque yo quiera creerlo
+ No me dejan los indicios,
+ Y advertid, que ya no es tiempo
+ De dilación, que mañana
+ Habeis de morir. Con. Yo muero
+ Inocente. Sen. Pues decid:
+ No escribísteis a Roberto
+ Esta carta? Aquesta firma
+ No es la vuestra? Con. No lo niego.
+ Sen. El gran duque de Alanzón
+ No os oyó en el aposento
+ De Blanca trazar la muerte
+ De la Reina? Con. Aqueso es cierto.
+ Sen. Cuando despertó la Reina
+ No os halló, Conde, a vos mesmo
+ Con la pistola en la mano?
+ Y la pistola que vemos
+ Vuestro nombre allí gravado
+ No es vuestro? Con. Os lo concedo.
+ Sen. Luego vos estais culpado.
+ Con. Eso solamente niego.
+ Sen. Pues como escribísteis, Conde,
+ La carta al traidor Roberto?
+ Con. No lo sè. Sen. Pues cómo el Duque,
+ Que escuchó vuestros intentos,
+ Os convence en la traición?
+ Con. Porque así lo quiso el cielo.
+ Sen. Cómo hallado en vuestra mano
+ Os culpa el vil instrumento?
+ Con. Porque tengo poca dicha.--
+ Sen. Pues sabed, que si es desdicha
+ Y no culpa, en tanto aprieto
+ Os pone vuestra fortuna,
+ Conde amigo, que supuesto
+ Que no dais otro descargo,
+ En fe de indicios tan ciertos,
+ Mañana vuestra cabeza
+ Ha de pagar--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundsechzigstes Stück
+Den 22. Dezember 1767
+
+Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist
+ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem
+ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf
+dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das
+Gefängnis hereintritt. Es ist die Königin. "Der Graf", sagt sie vor sich
+im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür
+verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um
+Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genüge
+geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie
+näher kommt, wird sie gewahr, daß der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt
+sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der
+feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!"
+--Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen
+auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", fährt die Königin fort, "sondern die
+Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, und lassen Sie uns kostbare
+Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner?
+Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich höre, daß Sie morgen sterben
+sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben für Leben
+zu geben. Ich habe den Schlüssel des Gefängnisses zu bekommen gewußt.
+Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die
+Pforte in den Park öffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben,
+das mir so teuer ist."--
+
+"Essex. Teuer? Ihnen, Madame?
+
+Die Königin. Würde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage?
+
+Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet
+einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich
+scheine glücklich, weil die mich zu befreien kömmt, die meinen Tod
+will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will,
+die meine Freiheit mir anbietet."[2]--
+
+Die Königin verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er
+verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er
+bittet, sie mit einer andern zu vertauschen.
+
+"Die Königin. Und mit welcher?
+
+Essex. Mit der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen
+steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königin sehen zu
+lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie
+an das zu erinnern, was ich für Sie getan habe. Bei dem Leben, das
+ich Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu
+erzeigen.
+
+Die Königin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich
+sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur.
+
+Essex. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame.
+
+Die Königin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber
+nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich
+itzt für Sie tun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen.
+Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3]
+
+Essex (indem er den Schlüssel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit
+Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte
+der Königin, oder dem Ihrigen zu lesen.
+
+Die Königin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur das,
+welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun
+erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Königin. Jenes, mit
+welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr.
+
+Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des
+königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der
+es erblickt; und auch mir müßte diese Wohltat des Gesetzes zustatten
+kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht
+nehmen. Ich will es wagen, meine Königin an die Dienste zu erinnern,
+die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4]
+
+Die Königin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr
+Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste.
+
+Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin zu
+versprechen?
+
+Die Königin. Nichts.
+
+Essex. Wenn die Königin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der
+ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir
+verfahren?
+
+Die Königin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat
+Ihnen den Weg geöffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen.
+
+Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr
+Leben schuldig ist?
+
+Die Königin. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin.
+Aber gesetzt, ich wäre es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als
+ich von Ihnen empfangen habe?
+
+Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel
+gegeben?
+
+Die Königin. Dadurch allerdings.
+
+Essex. Der Weg, den mir dieser Schlüssel eröffnen kann, ist weniger
+der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll,
+muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt
+die Königin, mich mit diesem Schlüssel für die Reiche, die ich ihr
+erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das
+ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das
+abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anständigem Mittel zu danken
+haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht).
+
+Die Königin. Wo gehen Sie hin?
+
+Essex. Nichtwürdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung!
+Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in
+ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eröffnet das
+Fenster und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal.) Durch
+die Flucht wäre mein Leben viel zu teuer erkauft.[6]
+
+Die Königin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr übel getan.
+
+Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich
+eine undankbare Königin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf
+nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses
+unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf
+meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken
+derselben ihren Undank zu verewigen.
+
+Die Königin. Ich muß das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr
+konnte ich, ohne Nachteil meiner Würde, für Sie nicht tun.
+
+Essex. So muß ich denn sterben?
+
+Die Königin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Königin muß
+dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen müssen Sie sterben; und es ist
+schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir
+das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Könige, daß sie
+viel weniger nach ihren Empfindungen handeln können, als andere.
+--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ el conde me dió la vida
+ y así obligada me veo;
+ el conde me daba muerte,
+ y así ofendida me quejo.
+ pues ya que con la sentencia
+ esta parte he satisfecho,
+ pues complí con la justicia,
+ con el amor cumplir quiero.--
+
+[2]
+ ingeniosa mi fortuna
+ halló en la dicha más nuevo
+ modo de hacerme infeliz,
+ pues cuando dichoso veo,
+ que me libra quien me mata,
+ tambien desdichado advierto,
+ que me mata quien me libra.
+
+[3]
+ pues si esto ha de ser, primero
+ tomad, conde, aquesta llave,
+ que si ha de ser instrumento
+ de vuestra vida, quizá
+ tan otra, quitando el velo,
+ seré, que no pueda entónces
+ hacer lo que ahora puedo,
+ y como á daros la vida
+ me empeñé por lo que os debo,
+ por si no puedo después,
+ de esta suerte me prevengo.
+
+[4]
+ moriré yo consolado.
+ aunque si por privilegio
+ en viendo la cara al rey
+ queda perdonado el reo;
+ yo de este indulto, señora
+ vida por ley me prometo:
+ esto es en común, que es
+ lo que a todos da el derecho;
+ pero si en particular
+ merecer el perdón quiero,
+ oíd, vereis que me ayuda
+ mayor indulto en mis hechos.
+ mis hazañas--
+
+[5]
+ luego esta, que así camino
+ abrirá a mi vida, abriendo,
+ también lo abrirá a mi infamia;
+ luego esta, que instrumento
+ de mi libertad, también
+ lo habrá de ser de mi miedo.
+ esta, que sólo me sirve
+ de huir, es el desempeño
+ de reinos, que os he ganado,
+ de servicios, que os he hecho.
+ y en fin, de esa vida, de esa,
+ que teneis hoy por mi esfuerzo?
+ en esta se cifra tanto?--
+
+[6]
+ vil instrumento
+ de mi vida, y de mi infamia,
+ por esta reja cayendo
+ del parque, que bate el río,
+ entre sus crístales quiero,
+ si sois mi esperanza, hundiros;
+ caed al húmido centro,
+ donde el tamásis sepulte
+ mi esperanza, y mi remedio.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundsechzigstes Stück
+Den 25. Dezember 1767
+
+Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der
+Stille: und beide, der Graf und die Königin, gehen ab; jedes von einer
+besondern Seite. Im Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Essex Cosmen
+den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick
+darauf kömmt dieser damit herein und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode
+führe; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es
+versprochen, übergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine
+Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung?
+die käme ein wenig zu spät. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er
+doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch
+wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm
+ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht
+gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. "Wäre ich nicht", sagt er,
+"bei einem Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hol' der Geier die
+Vertrautschaft! Nein, das muß mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme
+beschließt den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn
+der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige
+und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können;
+er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden
+könne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der
+Königin zu bringen.
+
+Eben kömmt die Königin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler
+nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Königin erteilt dem
+Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich
+und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon
+erfahren, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und
+Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und,
+nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die
+Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu
+zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und
+ihnen einzuschärfen, daß ihre Königin ebenso strenge zu sein wisse, als
+sie gnädig sein zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter
+sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2]
+
+Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königin an.
+"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode
+der Blanca einzuhändigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht
+warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestät wissen müssen, und
+die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen können: so bringe ich ihn
+Ihro Majestät, und nicht der Blanca." Die Königin nimmt den Brief und
+lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir
+nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung
+schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verräter
+gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der
+bewußten Sache behilflich zu sein, bloß um der Königin desto nachdrück-
+licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu
+locken. Urteile, wie groß meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher
+selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung:
+stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich
+nun nicht mehr; und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich
+so sehr liebte, daß er den Tod des Verräters für dich sterben wollte. "[3]--
+
+"Mensch!" ruft die bestürzte Königin, "was hast du mir da gebracht?"
+"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen
+Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn
+augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er
+gebracht: sein Leichnam nämlich. So groß die Freude war, welche die
+Königin auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so
+groß sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie
+verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und
+Blanca mag zittern!--
+
+So schließt sich dieses Stück, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu
+lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den
+dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges,
+welches man uns übersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet hätte.
+Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch
+geschrieben; aber kein spanisches Stück. ein bloßer Versuch in der
+korrekten Manier der Franzosen, regelmäßig, aber frostig. Ich bekenne sehr
+gern, daß ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich
+wohl ehedem muß gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stück des nämlichen
+Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation,
+welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben:
+so mögen sie mir es nicht übelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem
+alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen.
+
+Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex".
+In allen einerlei Fehler, und einerlei Schönheiten: mehr oder weniger;
+das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den
+Schönheiten dürfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr
+sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue
+Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl
+angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde
+und Stärke im Ausdrucke.--
+
+Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten
+sind; ich leugne nicht, daß sie zum Teil sehr leicht bis in das
+Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche können getrieben werden, daß
+sie bei den Spaniern von dieser Übertreibung selten frei sind. Aber man
+nehme den meisten französischen Stücken ihre mechanische Regelmäßigkeit:
+und sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig
+bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und
+Theaterstreiche und Situationen?
+
+Anständigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre
+Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre
+Theaterstreiche anständiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen
+anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit!
+
+Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der
+pöbelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des
+Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so berüchtiget
+ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloß mit
+der Anständigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anständigkeit ich
+meine;--wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht
+beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der
+Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die
+man den größern Teil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern
+gäbe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so würde mir die unsinnigste
+Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf
+Weiß, willkommner sein, als die kalte Einförmigkeit, durch die mich der
+gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten
+mehr heißen, unfehlbar einschläfert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier
+in Betrachtung.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Hasta que el tronco cadáver
+ Le sirva de muda lengua.
+
+[2]
+ Y así al salón de palacio
+ Hareis que llamados vengan
+ Los Grandes y los Milordes,
+ Y para que allí le vean,
+ Debajo de una cortina
+ Hareis poner la cabeza
+ Con el sangriento cuchillo,
+ Que amenaza junto a ella,
+ Por símbolo de justicia,
+ Costumbre de Inglaterra:
+ Y en estando todos juntos,
+ Monstrándome justiciera,
+ Exhortándolos primero
+ Con amor a la obediencia,
+ Les mostraré luego al Conde,
+ Para que todos atiendan,
+ Que en mi hay rigor que los rinda,
+ Si hay piedad que los atreva.
+
+[3]
+ Blanca, en el último trance,
+ Porque hablarte no me dejan,
+ He de escribirte un consejo,
+ Y también una advertencia;
+ La advertencia es, que yo nunca
+ Fuí traidor, que la promesa
+ De ayudar en lo que sabes,
+ Fué por servir a la Reina,
+ Cogiendo a Roberto en Londres,
+ Y a los que seguirle intentan;
+ Para aquesto fué la carta:
+ Esto he querido que sepas,
+ Porque adviertas el prodigio
+ De mi amor, que así se deja
+ Morir, por guardar tu vida.
+ Esta ha sido la advertencia:
+ (Valgame dios!) el consejo
+ Es, que desistas la empresa
+ A que Roberto te incita.
+ Mira que sin mí te quedas
+ Y no ha de haber cada día
+ Quien, por mucho que te quiera,
+ Por conservarte la vida
+ Por traidor la suya pierda.--
+
+[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stück, S. 117.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundsechzigstes Stück
+Den 29. Dezember 1767
+
+Lope de Vega, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters
+betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einführte. Das
+Volk war bereits so daran gewöhnt, daß er ihn wider Willen mit anstimmen
+mußte. In seinem Lehrgedichte über "die Kunst, neue Komödien zu machen",
+dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darüber. Da er sahe, daß
+es nicht möglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten für seine
+Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit
+wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er
+dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so
+müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sei besser, auch nur nach
+diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar
+keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können
+doch noch immer Regeln beobachten und müssen dergleichen beobachten,
+wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgeschmacke
+hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des
+Ernsthaften und Lächerlichen die erste.
+
+"Auch Könige", sagt er, "könnet ihr in euern Komödien auftreten lassen.
+Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht
+gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, daß es wider die Regeln laufe,
+oder weil er es der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den
+Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses wieder zur
+ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Götter einführte; wie
+unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiß gar
+wohl, daß Plutarch, wenn er von Menandern redet, die älteste Komödie
+nicht sehr lobt. Es fällt mir also freilich schwer, unsere Mode zu
+billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst
+entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber schweigen. Es ist
+wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz
+zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus
+der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will
+nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft und halb
+lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der
+sie einen Teil ihrer Schönheit entlehnet."[1]
+
+Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Ist es
+wahr, daß uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und
+Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen,
+zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope
+mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloß die Fehler seiner
+Bühne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser
+Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung
+der Natur ist.
+
+"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare
+--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Könige
+bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fa1staff am besten
+gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch
+gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften
+unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; daß Komisches und
+Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft
+ebendieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur Tränen in
+die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen
+seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht
+zu lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer
+wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man
+tadelt das und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche
+Abbildungen des menschlichen Lebens sind."
+
+"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürfen) der
+Lebenslauf der großen Staatskörper selbst, insofern wir sie als
+ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und
+Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, daß
+man beinahe auf die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser Letztern
+wären klüger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie
+nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich
+zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die
+Griechen sich angelegen sein ließen, sie zu verschönern. Um itzt nichts
+von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, sowie im
+Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten
+Akteurs gespielt werden,--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der
+Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
+Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen?
+Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
+sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
+überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
+vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
+ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder
+verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft
+sehen wir die größesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen
+hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
+leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität
+behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und
+durcheinander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung
+zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch irgendeinen unter
+Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch
+einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöset,
+aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, daß auf
+die eine oder die andere Art das Stück ein Ende hat und die Zuschauer
+klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen. Übrigens weiß
+man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir
+reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
+Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
+des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, daß er
+seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel große
+Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten
+mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hanswurst
+--aufführen gesehen? Wie oft haben die größesten Männer, dazu geboren, die
+schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker und Zeitalter
+zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen
+schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen
+müssen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
+doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
+beiden Arten der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich daher,
+daß Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stückchen von
+seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen können, ihr
+Spiel verderbt?"--
+
+Wenn in dieser Vergleichung des großen und kleinen, des ursprünglichen
+und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnügen aus
+einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten
+unsers Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publikum noch viel zu
+früh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England würde es das
+äußerste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf
+aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere
+Großen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus
+einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß
+schärfer und ihr Magen stärker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt
+haben, so kommen sie auch wohl einmal über den "Agathon"[2]. Dieses ist
+das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem
+schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich
+es bewundere: da ich mit der äußersten Befremdung wahrnehme, welches
+tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darüber beobachten, oder in
+welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der
+erste und einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem
+Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht,
+daß es einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die es darüber
+verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.)
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Eligese el sujeto, y no se mire,
+ (Perdonen los preceptos) si es de Reyes,
+ Aunque por esto entiendo, que el prudente,
+ Filipo Rey de España, y Señor nuestro,
+ En viendo un Rey en ellos se enfadaba,
+ O fuese el ver, que al arte contradice,
+ O que la autoridad real no debe
+ Andar fingida entre la humilde plebe,
+ Esto es volver a la Comedia antigua,
+ Donde vemos que Plauto puso Dioses,
+ Como en su Anfitrión lo muestra Júpiter.
+ Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo,
+ Porque Plutarco hablando de Menandro,
+ No siente bien de la Comedia antigua,
+ Mas pues del arte vamos tan remotos,
+ Y en España le hacemos mil agravios,
+ Cierren los Doctos esta vez los labios.
+ Lo Trágico, y lo Cómico mezclado,
+ Y Terencio con Séneca, aunque sea,
+ Como otro Minotauro de Pasife,
+ Harán grave una parte, otra ridícula,
+ Que aquesta variedad deleita mucho,
+ Buen ejemplo nos da naturaleza,
+ Que por tal variedad tiene belleza.
+
+[2] Zweiter Teil (S. 192).
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebzigstes Stück
+Den 1. Januar 1768
+
+Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr
+vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch-
+tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal
+auf irgendeinem Titel genannt gefunden), für die geflissentlichste
+Ausführung des Gedankens beim Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie
+auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie würde zeigen, daß eben das
+Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit
+der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes
+dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen-
+verstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte
+folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es
+doch bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhören;
+wenigstens keine höhere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern
+des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er
+will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, daß er nicht natürlich
+scheinen könnte; bloß und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich
+zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmaß und Verhältnis, zu viel von dem zeiget,
+was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem
+Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste.
+
+Als Kritikus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so
+sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine
+Mißgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die
+ersten Versuche der unter ungeschlachteten Völkern wieder auflebenden
+Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluß gewisser
+äußerlichen Ursachen oder das Ohngefähr den meisten, Vernunft und
+Überlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte.
+Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspiels (da das
+Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso
+getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie
+zu verschönern".
+
+Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung und der Natur, als
+dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen
+unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche
+man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißfalle,
+gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es gibt
+andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine
+Natur, die schöner sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur.
+Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene
+finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also
+müßte notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Mühe haben
+würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden.
+
+Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie
+auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider
+die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese,
+so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner sein will als
+die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten
+Anstoß von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen
+Widerspruch erklären?
+
+Wir würden notwendig zurückkommen und das, was wir von beiden Gattungen
+erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne
+uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen
+Haupt-und Staatsaktion, über deren Güte wir streiten, mit dem menschlichen
+Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig!
+
+Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gründlich genug
+sind, doch gründlichere veranlassen können.--Der Hauptgedanke ist dieser:
+Es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gotischer
+Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Hälfte
+getreu nach und vernachlässiget die andere Hälfte gänzlich; sie ahmet die
+Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer
+Empfindungen und Seelenkräfte dabei zu achten.
+
+In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles
+wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach
+dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen
+unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil
+nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu
+geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit
+nach Gutdünken lenken zu können.
+
+Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe
+würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen
+Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des
+gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was
+wir träumten.
+
+Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser
+Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu
+erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer
+Verbindung verschiedener Gegenstände, es sei der Zeit oder dem Raume
+nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen,
+sondert sie wirklich ab und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese
+Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur
+immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet.
+
+Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und
+eine andere von nichtigem Belange läuft quer ein: so suchen wir der
+Zerstreuung, die diese uns drohet, möglichst auszuweichen. Wir
+abstrahieren von ihr; und es muß uns notwendig ekeln, in der Kunst das
+wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten.
+
+Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen
+des Interesse annimmt, und eine nicht bloß auf die andere folgt, sondern
+so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die
+Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns
+die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur alsdenn
+verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser
+Unmöglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.--
+
+Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.--
+
+Den fünfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die
+Brüder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt.
+
+Das erstere Stück kann für ein deutsches Original gelten, ob es schon
+größtenteils aus den "Brüdern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt,
+daß auch Molière aus dieser Quelle geschöpft habe; und zwar seine
+"Männerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen über dieses
+Vorgeben: und ich führe Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern
+an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon
+nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er hätte sagen
+sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses
+Sprüchelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wüßte
+keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen könnte,
+ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von
+Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen,
+weniger behilflich sein könnte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer
+Schriftsteller, dünkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach
+diesem Sprüchelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er
+streiten kann: so kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige
+findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es
+aufrichtig, nun einmal die französischen Skribenten vornehmlich erwählet,
+und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach
+einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan
+mehr mutwillig, als gründlich scheinen wollte: der soll wissen, daß
+selbst der gründliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat.
+Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand
+liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et
+casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum
+opinionibus, usw. O des Pedanten! würde der Herr von Voltaire rufen.
+--Ich bin es bloß aus Mißtrauen in mich selbst.
+
+"'Die Brüder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "können höchstens
+die Idee zu der Männerschule, gegeben haben. In den 'Brüdern' sind zwei
+Alte von verschiedner Gemütsart, die ihre Söhne ganz verschieden
+erziehen; ebenso sind in der 'Männerschule' zwei Vormünder, ein sehr
+strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Ähnlichkeit. In den
+'Brüdern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der
+'Männerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von
+den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen müßte, erscheinet bloß auf dem Theater, um niederzukommen. Die
+Isabelle des Molière ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer
+witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem
+Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Brüdern' ist
+ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, daß ein Alter, der sechzig
+Jahre ärgerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und
+höflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Männerschule'
+aber ist die beste von allen Entwicklungen des Molière; wahrscheinlich,
+natürlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht
+das Schlechteste daran ist, äußerst komisch."
+
+
+
+
+
+Einundsiebzigstes Stück
+Den 5. Januar 1768
+
+Es scheinet nicht, daß der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse
+bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er
+spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur
+noch sowas davon im Gedächtnisse; und das schreibt er auf gut Glück so
+hin, unbekümmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht
+aufmutzen, was er von der Pamphila des Stücks sagt, "daß sie bloß auf dem
+Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem
+Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloß ihre
+Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen müßte, das läßt sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und
+Römern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes
+Mädchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und
+Gefahr läuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem
+sehr ungeschickt.--
+
+Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft
+die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der mürrische strenge
+Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal völlig verändern. Das
+ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet
+seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam
+fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus
+an? dürfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche
+nur glauben dürfen, daß Donatus den Terenz fleißiger gelesen und besser
+verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stücke die
+Rede; es ist noch da; man lese selbst.
+
+Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu
+besänftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines
+Ärgernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich
+bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber
+morgen, bei früher Tageszeit, muß der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da
+will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen,
+wo er es heute gelassen hat; die Sängerin, die diesem der Vetter gekauft,
+will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und
+eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen,
+sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des
+fünften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte
+nur so obenhin nimmt, als ob er völlig von seiner alten Denkungsart
+abgehen und nach den Grundsätzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1]
+Doch die Folge zeigt es, daß man alles das nur von dem heutigen Zwange,
+den er sich antun soll, verstehen muß. Denn auch diesen Zwang weiß er
+hernach so zu nutzen, daß er zu der förmlichsten hämischsten Verspottung
+seines gefälligen Bruders ausschlägt. Er stellt sich lustig, um die
+andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht
+in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwürfe; er wird nicht
+freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder
+von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er
+Verschwenden nennt, lächerlich zu machen. Dieses erhellet unwider-
+sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den
+Anschein betriegen läßt, und ihn wirklich verändert glaubt.[2] Hic
+ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores,
+quam mutavisse.
+
+Ich will aber nicht hoffen, daß der Herr von Voltaire meinet, selbst
+diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts
+als geschmält und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere
+mehr Gelassenheit und Kälte, als man dem Demea zutrauen dürfe. Auch
+hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich
+motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet,
+bei dem geringsten Übergange so feine Schattierungen in acht genommen,
+daß man nicht aufhören kann, ihn zu bewundern.
+
+Nur ist öfters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe
+sehr nötig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses
+schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen
+Künstler, und in dem übrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die
+Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäfte ein sehr
+ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die
+Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre
+Stücke überhaupt nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt
+waren, als bis man sie gesehen und gehört hatte: so konnten sie es um so
+mehr überhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu
+unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermaßen mit
+unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber
+einbildet, daß die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen,
+in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebärde, jede Miene, jede
+besondere Abänderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten
+gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzählige Stellen
+vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur
+zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der
+wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte
+gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene
+ausdrücken muß.
+
+Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesänderung des Demea
+vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anführen will, weil auf
+ihnen gewissermaßen die Mißdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiß
+nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, daß es sein
+ehrbarer frommer Sohn ist, für den die Sängerin entführet worden, und
+stürzt mit dem unbändigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und
+der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht.
+
+"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Söhne, mir sie
+beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so mäßige dich, und komm wieder
+zu dir!
+
+Demea. Gut, ich mäßige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes
+Wort entfahren. Laß uns bloß bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins
+geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte,
+daß sich ein jeder nur um den seinen bekümmern sollte? Antworte."[3] usw.
+
+Wer sich hier nur an die Worte hält und kein so richtiger Beobachter ist,
+als es der Dichter war, kann leicht glauben, daß Demea viel zu geschwind
+austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger
+Überlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, daß jeder Affekt, wenn er
+aufs äußerste gekommen, notwendig wieder sinken müsse; daß Demea, auf den
+Verweis seines Bruders, sich des ungestümen Jachzorns nicht anders als
+schämen könne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht
+das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei
+vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius
+destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam
+juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der
+Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, daß
+sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er
+sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den
+Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Überzeugung zu
+demütigen. Doch da er über die Wallungen seines kochenden Geblüts nicht
+so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der überführen will, doch noch
+immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid
+dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse
+iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich mäßige
+mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebärde und Stimme
+verraten genugsam, daß er sich noch nicht gemäßiget hat, daß er noch
+nicht wieder bei sich ist. Er bestürmt den Micio mit einer Frage über die
+andere, und Micio hat alle seine Kälte und gute Laune nötig, um nur zum
+Worte zu kommen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc,
+ Prope jam excurso spatio mitto--
+
+[2]
+ Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos?
+ Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi:
+ Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant,
+ Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono,
+ Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio.
+ Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine,
+ Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor;
+ Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet!
+
+
+[3]
+ --De. Eccum adest
+ Communis corruptela nostrum liberum.
+ Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi.
+ De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia:
+ Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit,
+ Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum,
+ Neve ego tuum? responde!--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundsiebzigstes Stück
+Den 8. Januar 1768
+
+Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im
+geringsten nicht überzeugt. Aller Vorwand, über die Lebensart seiner
+Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch fängt er wieder von
+vorne an, zu nergeln. Micio muß auch nur abbrechen und sich begnügen, daß
+ihm die mürrische Laune, die er nicht ändern kann, wenigstens auf heute
+Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen läßt,
+sind meisterhaft.[1]
+
+"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schönen
+Grundsätzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden.
+
+Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon!
+Heute schenke dich mir. Komm, kläre dich auf.
+
+Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muß, das muß ich.--Aber
+morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche
+geht mit.
+
+Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; dächte ich. Sei nur heute
+lustig!
+
+Demea. Auch das Mensch von einer Sängerin muß mit heraus.
+
+Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiß nicht weg wünschen.
+Nur halte sie auch gut.
+
+Demea. Da laß mich vor sorgen! Sie soll in der Mühle und vor dem
+Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu
+soll sie mir am heißen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so
+schwarz geworden, als ein Löschbrand.
+
+Micio. Das gefällt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und
+alsdenn, wenn ich wie du wäre, müßte mir der Sohn bei ihr schlafen, er
+möchte wollen oder nicht.
+
+Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemütsart freilich kannst du
+wohl glücklich sein. Ich fühl' es, leider--
+
+Micio. Du fängst doch wieder an?
+
+Demea. Nu, nu; ich höre ja auch schon wieder auf."
+
+Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum
+vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus
+EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller
+Ernst es war, daß er die Sängerin nicht als Sängerin, sondern als eine
+gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muß über den Einfall des Micio
+lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich
+stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?"
+und muß sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeißen. Er verbeißt
+es auch bald, denn das "Ich fühl' es leider" sagt er wieder in einem
+ärgerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch
+ist: so große Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat
+man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann.
+Je seltner ihm diese wohltätige Erschütterung ist, desto länger hält sie
+innerlich an; nachdem er längst alle Spur derselben auf seinem Gesichte
+vertilgt, dauert sie noch fort, ohne daß er es selbst weiß, und hat auf
+sein nächstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluß.--
+
+Aber wer hätte wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht?
+Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken.
+Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war
+ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns
+gekommen, verdient daher nicht bloß wegen der Sprache studiert zu werden.
+Nur muß man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Daß aber
+dieser Donatus (Aelius) so vorzüglich reich an Bemerkungen ist, die
+unsern Geschmack bilden können, daß er die verstecktesten Schönheiten
+seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthüllen weiß: das kömmt
+vielleicht weniger von seinen größern Gaben, als von der Beschaffenheit
+seines Autors selbst. Das römische Theater war, zur Zeit des Donatus,
+noch nicht gänzlich verfallen; die Stücke des Terenz wurden noch
+gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Überlieferungen
+gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des römischen Geschmacks
+herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hörte; er
+brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu
+machen, daß ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst
+schwerlich dürfte ausgegrübelt haben. Ich wüßte daher auch kein Werk, aus
+welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen könnte, als diesen
+Kommentar des Donatus über den Terenz: und bis das Latein unter unsern
+Schauspielern üblicher wird, wünschte ich sehr, daß man ihnen eine gute
+Übersetzung davon in die Hände geben wollte. Es versteht sich, daß der
+Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben müßte, was die
+bloße Worterklärung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den
+Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Übersetzung des Textes ist wäßrig
+und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der
+Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr
+gänzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die
+Dacier zu brauchen für gut befunden. Es wäre also keine getane Arbeit,
+was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun
+könnten, können auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun könnten,
+werden sich bedanken.
+
+Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch
+sonderbar, daß auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire
+gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, daß am Ende mit dem
+Charakter des Demea eine gänzliche Veränderung vorgehe; wenigstens läßt
+er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", läßt er
+ihn rufen, "schweigt doch! Ihr überhäuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn,
+Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloß weil ich einmal ein
+bißchen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich
+werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch hübsch, wenn man geliebt
+wird. Ich will auch gewiß so bleiben. Ich wüßte nicht, wenn ich so eine
+vergnügte Stunde gehabt hätte." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter
+stirbt gewiß bald.[3] Die Veränderung ist gar zu plötzlich." Jawohl; aber
+das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veränderungen,
+die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier
+etwas rechtfertigen?
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --De. Ne nimium modo
+ Bonae tuae istae nos rationes, Micio,
+ Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace;
+ Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi:
+ Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert,
+ Faciendum est: ceterum rus cras cum filio
+ Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo:
+ Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam
+ Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris.
+ Eo pacto prorsum illic alligaris filium.
+ Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro,
+ Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis,
+ Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec
+ Meridie ipso faciam ut stipulam colligat:
+ Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet,
+ Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium,
+ Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet.
+ De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies:
+ Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino.
+
+[2]
+Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzuführen,
+die ich eben itzt übersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen,
+ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch
+ungefähr daraus sehen können, worin das Verdienst besteht, das ich dieser
+Übersetzung absprechen muß.
+
+"Demea. Aber mein lieber Bruder, daß uns nur nicht deine schönen
+Gründe, und dein gleichgültiges Gemüte sie ganz und gar ins Verderben
+stürzen.
+
+Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Laß das
+immer sein. Überlaß dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von
+der Stirne.
+
+Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muß es wohl tun.
+Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land.
+
+Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder
+gehn wil1st; sei doch heute nur einmal fröhlich!
+
+Demea. Die Sängerin will ich zugleich mit herausschleppen.
+
+Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, daß dein Sohn ohne
+sie nicht wird leben können. Aber sorge auch, daß du sie gut
+verhältst!
+
+Demea. Dafür werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch,
+Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Außerdem soll sie
+mir in der größten Mittagshitze gehen und Ähren lesen, und dann will
+ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, überliefern.
+
+Micio. Das gefällt mir; nun seh' ich recht ein, daß du weislich
+hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, daß
+er sie mit zu Bette nimmt.
+
+Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist glücklich, daß du ein
+solches Gemüt hast; aber ich fühle.
+
+Micio. Ach! hältst du noch nicht inne?
+
+Demea. Ich schweige schon."
+
+So soll es ohne Zweifel heißen, und nicht: stirbt ohnmöglich bald.
+Für viele von unsern Schauspielern ist es nötig, auch solche
+Druckfehler anzumerken.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundsiebzigstes Stück
+Den 12. Januar 1768
+
+Die Schlußrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone.
+"Wenn euch nur das gefällt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um
+nichts mehr bekümmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der
+Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise
+künftig zu bequemen versprechen.--Aber wie kömmt es, dürfte man fragen,
+daß die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Brüdern" bei
+der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der
+beständige Rückfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie
+komisch: aber bei diesem hätte es auch bleiben müssen.--Ich verspare das
+Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stücks.
+
+"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluß machte,
+ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt.
+
+Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miß
+Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2]
+wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom
+Marivaux, in einem Akte.
+
+Oder, wie es wörtlicher und besser heißen würde: "Die unvermutete
+Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den
+Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen
+vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen
+Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen
+Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern
+schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, daß es
+fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen möchte sie ihn doch noch
+lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben,
+die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser
+kömmt; aber zum Glücke ist es ein so schöner liebenswürdiger Mann, daß
+sie gar bald ihre Verstellung vergißt und in aller Geschwindigkeit mit
+ihm einig wird. Man gebe dem Stücke einen andern Titel, und alle Leser
+und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen
+Knoten, den man in zehn Szenen so mühsam geschürzt hat, in einer einzigen
+nicht zu lösen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler
+in dem Titel selbst angekündiget, und durch diese Ankündigung
+gewissermaßen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen
+Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden können? Er
+sahe ja in der Wirklichkeit einer Komödie so ähnlich: und sollte er denn
+eben deswegen um so unschicklicher zur Komödie sein?--Nach der Strenge,
+allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre
+Komödien nennet, findet man in der Komödie wahren Begebenheiten nicht
+sehr gleich; und darauf käme es doch eigentlich an.
+
+Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus?
+Nicht völlig. Der Ausgang ist, daß Jungfer Argante den Erast und nicht
+den Dorante heiratet, und dieser ist hinlänglich vorbereitet. Denn ihre
+Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterläunisch; sie liebt ihn, weil
+sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie
+ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es kömmt; hat sie
+ihn lange nicht gesehen, so kömmt er ihr liebenswürdig genug vor; sieht
+sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stoßen ihr dann
+und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so
+unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz
+von ihm abzubringen, als daß Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein
+solches Gesicht ist? Daß sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet,
+daß es vielmehr sehr unerwartet sein würde, wenn sie bei jenem bliebe.
+Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete
+Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von
+der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu
+bekümmern, in der er einen Teil seiner Personen läßt. Und so ist es hier:
+Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt
+sich ihm.
+
+Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das
+Trauerspiel des Herrn Weiße "Richard der Dritte" aufgeführt: zum
+Beschlusse "Herzog Michel".
+
+Dieses Stück ist ohnstreitig eines von unsern beträchtlichsten
+Originalen; reich an großen Schönheiten, die genugsam zeigen, daß, die
+Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht
+über die Kräfte des Dichters gewesen wäre, wenn er sich diese Kräfte nur
+selbst hätte zutrauen wollen.
+
+Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf
+die Bühne gebracht: aber Herr Weiße erinnerte sich dessen nicht eher, als
+bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der
+Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden,
+daß ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht wäre es ein
+Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen."
+
+Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem
+Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm
+ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen.
+Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt,
+welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der
+fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen!
+
+Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein. Haben wir Genie, so muß
+uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura
+ist: er sehe fleißig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen
+Fällen auf eine Fläche projektieret; aber er borge nichts daraus.
+
+Ich wüßte auch wirklich in dem ganzen Stücke des Shakespeares keine
+einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weiße so hätte
+brauchen können, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim
+Shakespeare, sind nach den großen Maßen des historischen Schauspiels
+zugeschnitten, und dieses verhält sich zu der Tragödie französischen
+Geschmacks ungefähr wie ein weitläuftiges Freskogemälde gegen ein
+Miniaturbildchen für einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen,
+als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe,
+die man sodann als ein eigenes Ganze ausführen muß? Ebenso würden aus
+einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen
+ganze Aufzüge werden müssen. Denn wenn man den Ärmel aus dem Kleide eines
+Riesen für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder
+einen Ärmel, sondern einen ganzen Rock daraus machen.
+
+Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des
+Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke
+nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst
+verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, daß ein Goldkorn so
+künstlich kann getrieben sein, daß der Wert der Form den Wert der Materie
+bei weitem übersteiget.
+
+Ich für mein Teil bedauere es also wirklich, daß unserm Dichter
+Shakespeares Richard so spät beigefallen. Er hätte ihn können gekannt
+haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er hätte
+ihn können genutzt haben, ohne daß eine einzige übergetragene Gedanke
+davon gezeugt hätte.
+
+Wäre mir indes eben das begegnet, so würde ich Shakespeares Werk
+wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle
+die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen
+nicht vermögend gewesen wäre.--Aber woher weiß ich, daß Herr Weiße dieses
+nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben?
+
+Kann es nicht ebenso wohl sein, daß er das, was ich für dergleichen
+Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß
+er mehr recht hat, als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers
+größtenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner
+Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich
+von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie
+auch schon sich selbst beantwortet zu haben.
+
+Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu
+hören: denn er hat es gern, daß man über sein Werk urteilet; schal oder
+gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles gilt ihm
+gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm lieber,
+als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in
+seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was fängt er mit dieser an?
+Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so
+etwas Außerordentliches halten: und doch muß er die Achseln über sie
+zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz
+möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes
+Lob auf sich sitzen lassen.--
+
+Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.--
+Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--höchstens nur bei einem oder dem
+andern Mitsprecher. Ich weiß nicht, wo ich es jüngst gedruckt lesen
+mußte, daß ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner übrigen
+Lustspiele gelobt hätte.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der
+frühern? Ich gönne es Ihnen, mein Herr, daß man niemals Ihre ältern Werke
+so möge tadeln können. Der Himmel bewahre Sie vor dem tückischen Lobe:
+daß Ihr letztes immer Ihr bestes ist!--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 11. Abend.
+
+[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend.
+
+[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusätzen zu
+seiner Theorie der Poesie", S. 45.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundsiebzigstes Stück
+Den 15. Januar 1768
+
+Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worüber ich
+mir die Erklärung des Dichters wünschte.
+
+Aristoteles würde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem
+Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur
+auch mit seinen Gründen zu werden wüßte.
+
+Die Tragödie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus
+folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch
+ein völliger Bösewicht sein müsse. Denn weder mit des einen noch mit des
+andern Unglücke lasse sich jener Zweck erreichen.
+
+Räume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragödie, die
+ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht
+mehr, was eine Tragödie ist.
+
+Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiße geschildert hat, ist
+unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne
+getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe,
+daran zweifle ich.
+
+Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das
+soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind
+ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers
+Mitleids gemacht hat.
+
+Aber Schrecken?--Sollte dieser Bösewicht, der die Kluft, die sich
+zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefüllet, mit
+Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten sein müssen; sollte
+dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine
+Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Maße erwecken?
+
+Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über
+unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern
+Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns
+bei Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden,
+überfällt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes
+Teil empfinden lassen.
+
+Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels,
+daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn
+ihre Personen irgendein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben
+öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber
+zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den
+freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der gräßlichen Idee
+wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis
+fähig sei.
+
+Bei den Franzosen führt Crébillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich
+fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht
+sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der
+Tragödie rechnet.
+
+Und dieses--hätte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort,
+welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er,
+soll die Tragödie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr,
+das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine plötzliche,
+überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Überraschende,
+welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von
+welchen sich hier die Einführung des Wortes "Schrecken", anstatt des
+Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht
+Aristoteles meine.--Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen:
+man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif.
+
+"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet:
+und die Furcht einen unsersgleichen. Der Bösewicht ist weder dieses noch
+jenes: folglich kann auch sein Unglück weder das erste noch das andere
+erregen."[1]
+
+Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Übersetzer
+Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem
+Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen.
+
+"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "über die Erklärung des
+Schreckens nicht vereinigen können; und in der Tat enthält sie in jeder
+Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert
+und sie allzusehr einschränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz
+'unsersgleichen' nur bloß die Ähnlichkeit der Menschheit verstanden hat,
+weil nämlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind,
+gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer Würde und ihrem Range
+ein unendlicher Abstand befände: so war dieser Zusatz überflüssig; denn
+er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur
+tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich
+hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft
+und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt
+ohnstreitig aus einem Gefühl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist
+ihm unterworfen, und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses
+Gefühls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl
+möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich zu leugnen:
+allein dieses würde allemal eine Verleugnung seiner natürlichen
+Empfindungen, und also eine bloße Prahlerei aus verderbten Grundsätzen,
+und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die
+wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall
+zustößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen
+bloß den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes überhaupt macht
+uns traurig, und die plötzliche traurige Empfindung, die wir sodann
+haben, ist das Schrecken."
+
+Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider
+den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht,
+wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsersgleichen
+setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bei der plötzlichen
+Erblickung eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein
+mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen.
+Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der
+Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde.
+
+"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen,[3]
+"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande,
+und aus der Unlust über dessen Unglück zusammengesetzt ist. Die
+Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den
+einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden,
+denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese
+Erscheinung werden! Man ändre nur in dem bedauerten Unglück die einzige
+Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere
+Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die über die Urne ihres
+Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält das
+Unglück für geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei
+den Schmerzen des Philoktets fühlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber
+von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte
+auszustehen hat, ist gegenwärtig und überfällt ihn vor unsern Augen.
+Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das große Geheimnis sich plötzlich
+entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersüchtigen Mithridates
+sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fürchtet, da
+sie ihren sonst zärtlichen Othello so drohend mit ihr reden höret: was
+empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen,
+mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden,
+allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen einerlei.
+Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die
+Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen wir alle Arten von Leiden mit
+der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden
+nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht,
+Rachbegier, und überhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar
+den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können?--Man sieht
+hieraus, wie gar ungeschickt der größte Teil der Kunstrichter die
+tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken
+und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Für
+wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch
+ziehet? Gewiß nicht für sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung
+man so sehr wünschet, und für die betrogne Königin, die ihn für den
+Mörder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust über das
+gegenwärtige Übel eines andern Mitleiden nennen: so müssen wir nicht nur
+das Schrecken, sondern alle übrige Leidenschaften, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst".
+
+[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35.
+
+[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter
+Teil, S. 4.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundsiebzigstes Stück
+Den 19. Januar 1768
+
+Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß uns dünkt,
+ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich
+die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht
+unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten
+Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu
+danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch
+Aristoteles im ganzen ungefähr empfunden haben: wenigstens ist es
+unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie
+könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust
+über das gegenwärtige Übel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich
+zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen.
+
+Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte
+Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht
+hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von
+Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht
+ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines
+andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus
+unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt;
+es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhängst
+sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der
+bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese
+Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.
+
+Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen
+neuen Kommentar über seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den
+Dacierschen weit hinter sich läßt, dem rate ich, vor allen Dingen die
+Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird
+Aufschlüsse für die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten
+vermutet; besonders muß er die Bücher der "Rhetorik" und "Moral"
+studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die
+Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten,
+längst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von
+seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabei fehlten
+ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht
+fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke
+desselben nicht.
+
+Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem
+tragischen Mitleid beifüget, findet sich in dem fünften und achten
+Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer,
+sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner
+seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon
+gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie
+einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, hätten
+noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nämlich,
+warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht,
+warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften
+beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchte
+wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte:
+warum z.E. die Tragödie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als
+Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe?
+
+Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem
+Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der
+Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der
+Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines
+von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne
+auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief
+herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch
+der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht
+begreife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifelnde
+noch der Übermütige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erkläret
+daher auch das Fürchterliche und das Mitleidswürdige, eines durch das
+andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem
+andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken
+würde:[1] und alles das finden wir mitleidswürdig, was wir fürchten
+würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der
+Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht
+verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen:
+seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld,
+sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn
+wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne.
+Diese Möglichkeit aber finde sich alsdenn und könne zu einer großen
+Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache,
+als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken
+und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und
+gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und
+handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne
+schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal
+gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein
+uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam
+zur Reife bringe.
+
+So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre
+Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem
+Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier
+eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sei, welche
+bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr,
+erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern
+weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig
+einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere
+Furcht erwecken kann.
+
+Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich
+hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er
+hatte funfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung
+würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen
+Kodex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner
+Arbeit fleißiger zu Rate gezogen hätte. Allein dieses scheinet er
+höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu
+haben. In den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am
+Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn
+verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und
+ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie
+gedacht hatte.
+
+Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht und sie als die
+vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die
+abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra
+aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur
+Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht
+erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an,
+damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des
+Aristoteles leiden möge? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles können wir
+uns hier leicht vergleichen.[3] Wir dürfen nur annehmen, er habe eben
+nicht behaupten wollen, daß beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als
+Mitleid, nötig wären, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken,
+die er zu dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner
+Meinung sei auch eines zureichend.--Wir können diese Erklärung", fährt
+er fort, "aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen,
+welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den
+Trauerspielen mißbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes
+schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine
+Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die
+Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft
+sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege
+bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht
+gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und daß er
+ihnen seinen Beifall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von
+beiden wirkten."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron
+gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiß nicht, was dem
+Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598)
+eingekommen ist, dieses zu übersetzen: Denique ut simpliciter loquar,
+formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt,
+vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muß schlechtweg heißen:
+quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt.
+
+[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la
+scène, sagt er in seiner Abhandlung über das Drama. Sein erstes Stück
+"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches
+gerade die funfzig Jahr ausmacht, so daß es gewiß ist, daß er bei den
+Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stücke ein Auge haben
+konnte und hatte.
+
+[3] Il est aisé de nous accommoder avec Aristote etc.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundsiebzigstes Stück
+Den 22. Januar 1768
+
+Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier,
+der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche
+Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen
+suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie
+nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom
+Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich
+Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man
+müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man
+müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen
+können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Übel eines andern unser Mitleid
+erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner
+Handlung in der Tragödie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine
+Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen
+Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu
+erwecken fähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns
+erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid.
+Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen,
+welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu
+erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns selbst
+errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit
+bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der
+Tragödie, wo wir alle das Übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern
+anderen begegnen sehen.
+
+Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die
+Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von
+ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer,
+wenn sich Corneille durch dieses weder noch verführen lassen. Diese
+disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren
+läßt. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie
+verneinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der
+Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und
+durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache
+demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere
+von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie
+sei weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden
+zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und
+Schönheit lassen sich nicht bloß in Gedanken trennen, sondern sie sind
+wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder
+Himmel noch Hölle", wollen wir damit auch sagen: daß wir zufrieden sein
+würden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und
+keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht:
+denn wer das eine glaubt, muß notwendig auch das andere glauben; Himmel
+und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch
+das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen;
+wenn wir sagen, dieses Gemälde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung
+noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemälde sich mit
+einem von beiden begnügen könne?--Das ist so klar!
+
+Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden
+gibt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Übeln und Unglücksfällen
+Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu
+besorgen haben?
+
+Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust über das
+physikalische Übel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese
+Unlust entstehet bloß aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie
+unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus
+dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte
+Empfindung, welche wir Mitleid nennen.
+
+Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig
+aufgeben zu müssen.
+
+Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere
+empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene
+Furcht dazukommt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es
+ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte
+Empfindung über das physikalische Übel eines geliebten Gegenstandes nur
+allein durch die dazukommende Furcht für uns zu dem Grade erwächst, in
+welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet?
+
+Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht
+nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloß als Affekt. Ohne
+jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme.
+Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie:
+und nur den stärkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns
+selbst verknüpft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er
+zwar, daß das Unglück eines Bösewichts weder unser Mitleid noch unsere
+Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der
+Bösewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen
+moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behält, um sein
+Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas
+Mitleidähnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden.
+Aber, wie schon gesagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennt er nicht
+Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muß", sagt er, "keinen Bösewicht aus
+unglücklichen in glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das
+untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben
+sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch
+muß es kein völliger Bösewicht sein, der aus glücklichen Umständen in
+unglückliche verfällt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar
+Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts
+Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Übersetzungen dieses
+Wortes Philanthropie. Sie geben nämlich das Adjektivum davon im
+Lateinischen durch hominibus gratum; im Französischen durch ce que peut
+faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnügen machen
+kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des
+Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon]
+durch quod humanitatis sensu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter
+dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts
+Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern
+das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz
+der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem
+Augenblicke des Leidens in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar
+diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Bösewicht nur auf eine
+gewisse Gattung der ihn treffenden Übel einschränken. "Solche Zufälle des
+Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns
+wirken, müssen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufällig,
+oder wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer die
+Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden
+Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht
+genug überlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches
+den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist,
+können wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm
+zu leiden.
+
+"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe über die Empfindungen",
+"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen dränget. Sie haben alle
+Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel
+und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt
+und ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sich durch
+das Gewühl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Dächer hinan,
+um die Züge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist
+gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal
+entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm verziehen
+würde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick
+vorher selbst zum Tode verurteilet haben würden? Wodurch wird itzt ein
+Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die
+Annäherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen
+Übel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen und ihm
+unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit
+seinem Schicksale sein."
+
+Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter
+keinerlei Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit
+welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unverlöschlich
+fortglimmet und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und
+Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen;
+ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie
+verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids
+begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen
+eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der
+mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer
+wahrscheinlichen Furcht für uns selbst, Affekt werden, zu
+unterscheiden.
+
+
+
+
+Siebenundsiebzigstes Stück
+Den 26. Januar 1768
+
+Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff
+von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er notwendig mit der Furcht für
+uns selbst verknüpft sein müsse: was war es nötig, der Furcht noch
+insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid schloß sie schon in sich, und
+es wäre genug gewesen, wenn er bloß gesagt hätte: die Tragödie soll durch
+Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn
+der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll,
+noch dazu schwankend und ungewiß.
+
+Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloß hätte lehren wollen, welche
+Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den
+Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich
+wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer
+Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche
+Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gereiniget
+werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere
+gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch
+außer dem Theater ohne Furcht für uns selbst sein kann; ob sie schon ein
+notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch
+umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingrediens der Furcht für
+uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und
+nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück als die
+wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Übel für uns selbst
+schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des
+Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine
+vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um
+anzuzeigen, daß sie dieses tun könne und wirklich tue, fand es
+Aristoteles für nötig, ihrer insbesondere zu gedenken.
+
+Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische
+Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloß
+wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene
+zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht
+hatte. Diese indes abgerechnet, und die übrigen Merkmale ineinander
+reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nämlich,
+daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid
+erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so
+wie die Epopee und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung
+einer mitleidswürdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich
+vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form
+ist daraus zu bestimmen.
+
+An dem letztern dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich
+keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu
+versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas
+Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so
+läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache
+ergründet, aber sie bei seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich
+angegeben. "Die Tragödie", sagt er, "ist die Nachahmung einer
+Handlung,--die nicht vermittelst der Erzählung, sondern vermittelst des
+Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen
+Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem
+sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der
+Erzählung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden?
+Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre
+Absicht zu erreichen: und die Erzählung kann sich nur auf die Art und
+Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen.
+Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet
+hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzählung, welches die
+dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Übersetzer bei dieser
+Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber
+nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlässigte
+Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur
+den Sinn des Philosophen liefern. Dacier übersetzt: d'une action--qui,
+sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la
+terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die
+Erzählung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst)
+uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der
+vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was
+Aristoteles sagen will, nur daß sie es nicht so sagen, wie er es sagt.
+Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine
+bloß vernachlässigte Wortfügung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles
+bemerkte, daß das Mitleid notwendig ein vorhandenes Übel erfodere; daß
+wir längst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Übel
+entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden
+können, als ein anwesendes; daß es folglich notwendig sei, die Handlung,
+durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist,
+nicht in der erzählenden Form, sondern als gegenwärtig, das ist, in der
+dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, daß unser Mitleid durch
+die Erzählung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch
+die gegenwärtige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in
+der Erklärung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu
+setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist. Hätte er es
+für möglich gehalten, daß unser Mitleid auch durch die Erzählung erreget
+werden könne: so würde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen
+sein, wenn er gesagt hätte, "nicht durch die Erzählung, sondern durch
+Mitleid und Furcht". Da er aber überzeugt war, daß Mitleid und Furcht in
+der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so
+konnte er sich diesen Sprung, der Kürze wegen, erlauben.--Ich verweise
+desfalls auf das nämliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner
+Rhetorik.[1]
+
+Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der
+Tragödie gibt, und den er mit in die Erklärung derselben bringen zu
+müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten,
+darüber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, daß alle,
+die sich dawider erklärt, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie
+haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiß wußten,
+welches seine wären. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und
+bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen,
+indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in
+die nähere Erörterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch
+nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei
+Anmerkungen machen.
+
+1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragödie solle uns, vermittelst
+des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten
+Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch
+Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist
+es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die
+Tragödie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen.
+Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt
+Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges,
+darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als
+gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedächtlichern Pferde
+hinten nachruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erst die Augen
+recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles:
+und das heißt nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das hätten sie
+übersetzen müssen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten
+Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das
+vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragödie soll unser Mitleid und
+unsere Furcht erregen, bloß um diese und dergleichen Leidenschaften,
+nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt
+aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und
+dergleichen" und nicht bloß "dieser": um anzuzeigen, daß er unter dem
+Mitleid nicht bloß das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt
+alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloß die
+Unlust über ein uns bevorstehendes Übel, sondern auch jede damit verwandte
+Unlust, auch die Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein
+vergangenes Übel, Betrübnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange
+soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, unser
+Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und
+keine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur
+Reinigung der andern Leidenschaften nützliche Lehren und Beispiele finden;
+doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und
+Komödie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung
+überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragödie, die Nachahmung einer
+mitleidswürdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle
+Gattungen der Poesie; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß;
+noch kläglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln.
+Aber alle Gattungen können nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so
+vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann,
+worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist
+ihre eigentliche Bestimmung.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de
+myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi,
+ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous
+schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei,
+eleeinoterous einai.]
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundsiebzigstes Stück
+Den 29. Januar 1768
+
+2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was für
+Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragödie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natürlich, daß sie
+sich auch mit der Reinigung selbst irren mußten. Aristoteles verspricht
+am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften
+durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst
+weitläuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar
+nichts von dieser Materie darin findet, so ist der größte Teil seiner
+Ausleger auf die Gedanken geraten, daß sie nicht ganz auf uns gekommen
+sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von
+seiner Dichtkunst noch übrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu
+finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz
+unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nötig halten konnte.
+Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung,
+Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die
+Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo
+Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und
+die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr
+wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und
+nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der
+Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke",
+sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns
+die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht
+erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben,
+die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr
+Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern,
+ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die
+Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber
+dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch
+welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch
+und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die
+Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei,
+die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte
+unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß
+und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft
+ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur
+unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn
+Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir,
+nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften,
+durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch
+welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben,
+in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein
+solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person
+durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht
+ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in
+welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles
+will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem
+einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt.
+Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei
+gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in
+alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier
+den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte
+seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß
+unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß
+der Nutzen der Tragödie sehr gering sein würde, wenn er bloß hierauf
+eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des
+Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften
+beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in
+Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei,
+die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm
+in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand,
+daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen
+Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn
+der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen.
+Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden-
+schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen
+solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr
+gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften
+viel oder wenig beiträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacier allein
+halten sollen: aber freilich hätte er sodann auch einen vollständigem
+Begriff damit verbinden müssen. "Wie die Tragödie", sagt er, "Mitleid und
+Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu
+erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor Augen stellet, in
+das unsersgleichen durch nicht vorsätzliche Fehler gefallen sind; und sie
+reiniget sie, indem sie uns mit diesem nämlichen Unglücke bekannt macht
+und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch allzusehr
+davon gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie
+bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufälle mutig zu ertragen, und
+macht die Allerelendesten geneigt, sich für glücklich zu halten, indem
+sie ihre Unglücksfälle mit weit größern vergleichen, die ihnen die
+Tragödie vorstellet. Denn in welchen Umständen kann sich wohl ein Mensch
+finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests
+nicht erkennen müßte, daß alle Übel, die er zu erdulden, gegen die,
+welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vergleichung gekommen?"
+Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens
+gemacht haben. Er fand sie fast mit den nämlichen Worten bei einem
+Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes
+einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid
+neben sich duldet; daß folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu
+erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübnis durch das
+Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt,
+gelten lassen. Nur fragen muß ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im
+geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige?
+Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des
+Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid
+und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht,
+daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn,
+nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muß
+der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise
+zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische
+Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und
+4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne und wirklich
+reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch
+diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Hälfte erläutert. Denn
+wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der
+Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß
+jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet. Da
+nämlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als
+in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei
+jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits
+ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muß die Tragödie,
+wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis
+des Mitleids zu reinigen vermögend sein; welches auch von der Furcht zu
+verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids,
+die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch
+desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht
+allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich
+ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein
+jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in
+Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht,
+dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die
+tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat
+nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugroße Furcht mäßige: und
+noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie
+in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade
+erhöhe; geschweige, daß er auch das übrige sollte gezeigt haben. Die nach
+ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet;
+aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragödie völlig außer
+Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte überhaupt, aber
+keinesweges der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z.E. daß sie
+die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend
+und Haß gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte
+das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende
+Kennzeichen der Tragödie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels",
+hinter der Aristotelischen Dichtkunst".
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundsiebzigstes Stück
+Den 2. Februar 1768
+
+Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt
+ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemißbrauchten
+Verstande, für die plötzliche Überraschung des Mitleids; noch in dem
+eigentlichen Verstande des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein
+ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er
+auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn
+wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten würdig fänden. Aber er ist so
+ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so
+völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich
+glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben
+sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu
+fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie
+auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn
+trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir,
+daß er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königin dieses
+erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen:
+
+"Dies ist etwas!"--
+
+Ich habe mich nie enthalten können, bei mir nachzusprechen: nein, das ist
+gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem er seine Krone
+wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als
+ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den
+Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch über den Triumph
+seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die
+einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück
+eines Bösewichts auszudrücken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod
+selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte,
+unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich:
+aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische!
+
+Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das
+Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben,
+nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; er
+hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die
+Königin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?--
+
+Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es für eine fremde,
+herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die
+da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das
+wünsche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile
+gern dabei; und danke dem Dichter für eine so süße Qual.
+
+Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß sein! Er
+spricht von einem [Greek: miaron], von einem Gräßlichen, das sich bei dem
+Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die
+Königin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie
+getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser
+Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron
+haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch
+kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie
+unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit
+Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider
+die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht,
+ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heiße, wie er
+wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte?
+
+Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf
+etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei:
+so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange
+aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den
+wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und
+Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes
+machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig
+erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, derenwegen wir die Befriedigung
+nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen
+Plane der Dinge suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers
+sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers sein; sollte
+uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse,
+werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste
+Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in
+seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darüber
+erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt
+habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese
+kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft
+in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen
+und fröhlichen Mut behalten sollen: so ist es höchst nötig, daß wir an
+die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse
+so wenig als möglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg,
+wenn es sein könnte, aus allen Büchern mit ihnen!--
+
+Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen
+Eigenschaften hat, die sie haben müßten, falls er wirklich das sein
+sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes
+Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und
+Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben und
+hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese
+oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie
+vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn notwendig nur nach den
+Regeln des Aristoteles beschäftiget und vergnügt werden?
+
+Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Überhaupt:
+wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt er doch ein dramatisches
+Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte
+er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden;
+kühne Gesinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog; glückliche
+Veranlassungen für den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den
+mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der
+Pantomime zu zeigen usw.
+
+Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die
+den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen.
+
+Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung
+unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der
+Nachahmung.
+
+Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen,
+welche Größe und Kühnheit in uns erwecken.
+
+Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in
+Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan
+wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er
+ausgeführt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das
+Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des
+Zweckes, Vergnügen gewähret.
+
+Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er
+ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen über
+ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so
+viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist,
+möchten wir es nicht gern, auch noch bloß vor langer Weile, vergossen
+finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit;
+nichts hören wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu
+erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts
+als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie
+nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert
+vor der Erreichung.
+
+Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige
+Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese
+Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen
+Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld
+leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer
+Besserung kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl.
+
+Und sonach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese
+Beschäftigung unserer Seelenkräfte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht
+wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nämlich, daß wir also damit
+zufrieden sein können.
+
+Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben.
+Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben,
+die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben,
+und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen;
+besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und
+Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn sie
+weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine
+leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu
+erhalten wären. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in
+Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit
+einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Scheiterhaufen anzünden, um
+eine Mücke zu verbrennen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtzigstes Stück
+Den 5. Februar 1768
+
+Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet,
+Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf
+einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung
+desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen,
+die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen,
+ungefähr auch hervorbringen würde.
+
+Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht
+erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften
+auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle
+andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem
+andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist.
+
+Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man
+sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß.
+
+Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die
+Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig,
+wie kalt dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit,
+wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so
+starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie
+den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu
+haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt
+sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu
+verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode,
+aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft
+zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus
+anderer Absicht.
+
+Ich sage, wir, unser Volk, unsere Bühne: ich meine aber nicht bloß, uns
+Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, daß wir noch kein
+Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses
+Bekenntnis mit einstimmen und große Verehrer des französischen Theaters
+sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich
+weiß wohl, was ich dabei denke. Ich denke nämlich dabei: daß nicht allein
+wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit hundert Jahren ein
+Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben
+prahlen,--daß auch die Franzosen noch kein Theater haben.
+
+Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die
+französische Tragödie macht, sind so flach, so kalt!--Man höre einen
+Franzosen selbst davon sprechen.
+
+"Bei den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters", sagt der Herr von
+Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte,
+weil das Publikum von selbst keine höhere Ideen haben konnte, als ihm die
+großen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond
+hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nämlich, daß unsere Stücke nicht
+Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid erwecken solle, aufs höchste
+Zärtlichkeit errege, daß Rührung die Stelle der Erschütterung, und
+Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen
+nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit
+dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters
+getroffen. Man sage immerhin, daß Saint-Evremond der Verfasser der elenden
+Komödie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die
+Opern' genannt, ist: daß seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das
+Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; daß er nichts
+als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und
+gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war
+unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern
+Stücken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem
+Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles."
+
+Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere
+Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher
+kam es, daß sie das nicht waren?
+
+"Diese Kälte aber", fährt er fort, "diese einförmige Mattigkeit,
+entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals
+unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragödie in eine
+Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des
+'Cyrus' und der 'Clelie'. Was für Stücke sich hiervon noch etwa
+ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements,
+dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den
+'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch
+eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene
+zurückhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und
+diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen.
+--Was ließ sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit
+Zuschauern angefüllt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen
+Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln,
+täuschen? Welche große tragische Aktion ließ sich da aufführen? Welche
+Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stücke
+mußten aus langen Erzählungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche
+als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glänzen, und ein
+Stück, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel
+alle theatralische Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der
+Leidenschaften, alle die kräftigen Gemälde der menschlichen
+Unglücksfälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele
+dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu
+zerreißen."
+
+Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und
+Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt
+gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden.
+Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hören: und
+diese fodern, daß wir nichts als den Menschen hören sollen.
+
+Aber die zweite Ursache?--Sollte es möglich sein, daß der Mangel eines
+geräumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluß auf
+das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische
+Handlung Pomp und Zurüstungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht
+vielmehr sein Stück so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine
+völlige Wirkung hervorbrächte.
+
+Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt
+der Philosoph, "läßt sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch
+aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches
+letztere vorzüglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die
+Fabel muß so eingerichtet sein, daß sie, auch ungesehen, den, der den
+Verlauf ihrer Begebenheiten bloß anhört, zu Mitleid und Furcht über diese
+Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhören
+darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht
+erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die
+Vorstellung des Stücks übernommen."
+
+Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon
+will man mit den Stücken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung
+gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen
+Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der
+ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war
+eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts
+bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn
+er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten
+behangenen Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem
+Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Spielers zu Hilfe
+kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stücke des
+Shakespeares ohne alle Szenen verständlicher, als sie es hernach mit
+denselben gewesen sind.[1]
+
+Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekümmern hat;
+wenn die Verzierung, auch wo sie nötig scheinet, ohne besondere Nachteil
+seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten
+Theater gelegen haben, daß uns die französischen Dichter keine rührendere
+Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst.
+
+Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine
+schönere, geräumlichere Bühne; keine Zuschauer werden mehr darauf
+geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt
+und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie
+denn, die wärmern Stücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt
+sich der Herr von Voltaire, daß seine "Semiramis" ein solches Stück ist?
+Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne
+ich nichts Kälteres, als seine "Semiramis".
+
+
+----Fußnote
+
+[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78.
+79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting.
+--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain
+of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared
+either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with
+tapestry; so that for the place originally represented, and all the
+successive changes, in which the poets of those times freely indulged
+themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or
+to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and
+judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would
+insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards
+were with them.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundachtzigstes Stück
+Den 9. Februar 1768
+
+Will ich denn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sei, ein
+wirklich rührendes tragisches Werk zu machen? daß der volatile Geist der
+Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich würde mich schämen,
+wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen
+Bouhours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Teil, hätte nun gleich die
+wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der
+Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten
+habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose.
+Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles
+unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Engländer als
+witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige
+Engländer: der Praß von dem Volke aber ist keines von beidem.--
+
+Was will ich denn? Ich will bloß sagen, was die Franzosen gar wohl haben
+könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch
+nicht haben?--Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen
+müssen, wenn er es hätte treffen wollen.
+
+Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu
+haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas
+bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völkern haben; aber es ist keine
+Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit.
+
+Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man
+wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner
+Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter
+noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach
+und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem
+Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und
+sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines
+Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht
+wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich
+schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine
+Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte
+unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er
+ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem
+träumerischen Besitze zu behaupten.
+
+Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille
+ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der
+Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand
+angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar
+auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch
+rührender sein könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für
+unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte
+sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden
+als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre
+Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und höre,
+was sie antworten!
+
+Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet
+und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat.
+Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt; Corneille aber durch
+seine Muster und Lehren zugleich.
+
+Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei
+Pedanten, einen Hédelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten,
+was sie wollten) als Orakelsprüche angenommen, von allen nachherigen
+Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stück vor Stück zu
+beweisen,--nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug
+hervorbringen können.
+
+Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie
+kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und
+schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so
+sucht er, bei einer nach der andern, quelque modération, quelque favorable
+interprétation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine
+jede,--und warum? pour n'être pas obligés de condamner beaucoup de poèmes
+que nous avons vû réussir sur nos théâtres; um nicht viele Gedichte
+verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beifall gefunden. Eine schöne
+Ursache!
+
+Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon
+berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen.
+
+1. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen.--
+Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht
+immer nötig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne
+Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der
+große Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten
+Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl
+schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit
+meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen
+Nichtswürdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille:
+und die Franzosen glaubten es ihm nach.
+
+2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen;
+beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille
+sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es
+eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen
+bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner
+"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun
+es ihm nach.
+
+3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die
+Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen
+anhängig, gereiniget werden.--Corneille weiß davon gar nichts und bildet
+sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragödie erwecke unser
+Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die
+Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete
+Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht
+nicht sprechen: genug, daß es nicht die Aristotelische ist; und daß, da
+Corneille seinen Tragödien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig
+seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren,
+von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mußten
+Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht
+allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre
+Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des
+Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacier beide
+Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung
+wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten
+Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur
+einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich
+daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit noch eher
+die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragödie", sagt er,
+"ist, zufolge jener, noch so ziemlich glücklich, Mitleid und Furcht zu
+erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die
+doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die übrigen
+Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als
+Liebesintrigen enthält, wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es
+einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, daß ihr
+Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher
+französische Tragödien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht
+ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche
+die unglücklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht
+setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend,
+ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade
+erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus
+verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es
+erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr
+unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, daß es keine
+Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr
+gute Köpfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen
+geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr
+Corneille und Racine, ihr Crébillon und Voltaire von dem wenig oder gar
+nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum
+Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit
+den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene
+desto öfterer. Denn nur weiter--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] (Poét. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragédie peut réussir
+assez dans la première partie, c'est-à-dire, qu'elle peut exciter et
+purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement à la
+dernière, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres
+passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour,
+si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-là seule, et par là il
+est aisé de voir qu'elle ne fait que peu de fruit.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundachtzigstes Stück
+Den 12. Februar 1768
+
+4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein
+Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sei
+gräßlich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt
+mehr Unwillen und Haß gegen den, welcher das Leiden verursacht, als
+Mitleid für den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht
+die eigentliche Wirkung der Tragödie sein soll, würde, wenn sie nicht
+sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich
+hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen,
+weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm
+gefallen hätte, wenn er es allein mit wegnehmen können. Aber", kömmt
+Corneille hintennach; denn mit einem Aber muß er nachkommen--"aber, wenn
+diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der
+Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid für sich, als Widerwillen gegen
+den erweckt, der ihn leiden läßt: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille,
+"halte ich dafür, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den
+tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."[1]
+--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag
+hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu
+verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat.
+Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt
+Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich.
+Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine
+bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhört. Aristoteles
+sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber
+sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche
+findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes selbst: Corneille aber
+setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht.
+Er sieht nicht, oder will nicht sehen, daß jenes Gräßliche ganz etwas
+anders ist als dieser Unwille; daß, wenn auch dieser ganz wegfällt, jenes
+doch noch in seinem vollen Maße vorhanden sein kann: genug, daß vors
+erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stücken
+gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des
+Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich
+einzubilden, es habe dem Aristoteles bloß an dergleichen Stücken gefehlt,
+um seine Lehre darnach näher einzuschränken und verschiedene Manieren
+daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglück des ganz
+rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. En voici,
+sagt er, deux ou trois manières que peut-être Aristote n'a su prévoir,
+parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les théâtres de son temps.
+Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst?
+Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind
+sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch
+einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und
+so, daß der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der
+'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unerträglich würde
+gewesen sein, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, und in
+dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleopatra
+und Phokas aber triumphieret hätten. Das Unglück der erstern erweckt ein
+Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben,
+nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß sich irgendein
+glücklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das
+mag Corneille sonst jemanden weismachen, daß Aristoteles diese Manier
+nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht
+gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener
+der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war es möglich, daß Corneille
+dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache
+zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar
+nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht
+unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches
+gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu
+sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt
+Corneille, "daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl
+eines andern umkömmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen
+allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den
+Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix
+seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist es nicht aus wütendem Eifer
+gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswürdig machen würde,
+sondern bloß aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn
+in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in
+Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und
+mißbilliget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Unwille nicht das
+Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, und verhindert auch
+nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stücks, nicht
+völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper,
+denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum
+sollte es also dem Aristoteles an einem Stücke von ähnlicher Einrichtung
+gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille?
+Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie
+Felix, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr und machen sie noch
+obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im
+geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche
+liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in
+dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so
+unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder
+schwach sein, mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der
+Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann,
+die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Helden hätten diesen
+gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich:
+und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen,
+die ihn bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeuget haben
+sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?--Das nämliche
+würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille
+nicht selbst näher anzugeben vergessen hätte.
+
+5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz
+Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid
+noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bei.
+Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht
+allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster
+desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht
+zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern
+ähnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den
+zwar proportionierten, aber doch noch immer unglücklichen Folgen
+derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gründet
+sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von
+der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte,
+und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die
+Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und
+daß der Bösewicht, wenn es möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen
+könne, auch notwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie
+Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und
+bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu
+helfen. Ja, Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter als den
+ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdrücklich, falls man den Held aus
+der mittlere Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als
+schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut
+sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler
+begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglück stürzet, das uns mit
+Mitleid und Wehmut erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu sein, weil es
+die natürliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche
+der lasterhaften Personen in der Tragödie sagt, ist das nicht, was
+Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloß zu
+Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloß zur
+Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen
+lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der
+Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch
+sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Bösewichter keinen
+Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "daß man den Tod des Narciß im
+Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon
+deswegen ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die
+Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße
+Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern
+Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch
+besser sein würde, wenn es die nämliche Wirkung ohne sie hätte. Je
+simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie
+hat, desto vollkommener ist sie.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulté d'exposer sur la
+scène des hommes très vertueux.
+
+[2] Réflexions cr. T. I. Sect. XV.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundachtzigstes Stück
+Den 16. Februar 1768
+
+6. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft,
+welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie
+sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so
+viel als tugendhaft heißen soll: so wird es mit den meisten alten und
+neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte,
+wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht
+bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für
+seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Güte, welche Aristoteles
+fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen;
+es muß eine andere Art von Güte sein, die sich mit dem moralisch Bösen
+ebensowohl verträgt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet
+Aristoteles schlechterdings eine moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte
+Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten
+zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche
+Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proäresis ist, durch welche
+allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder bösen
+Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in
+einen weitläuftigen Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den
+Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen
+Kunstrichters einleuchtend genug führen. Ich verspare ihn daher auf eine
+andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankömmt, zu
+zeigen, was für einen unglücklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des
+richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: daß Aristoteles
+unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter
+irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der
+eingeführten Person entweder eigentümlich zukomme oder ihr schicklich
+beigeleget werden könne: le caractère brillant et élevé d'une habitude
+vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable à la
+personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist
+äußerst böse: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er
+sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt
+vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind
+mit einer gewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat,
+daß man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie
+entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Lügner'
+zu sagen. Das Lügen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein
+Dorant bringt seine Lügen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so
+vieler Lebhaftigkeit vor, daß diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl
+läßt und die Zuschauer gestehen müssen, daß die Gabe, so zu lügen, ein
+Laster sei, dessen kein Dummkopf fähig ist."--Wahrlich, einen
+verderblichern Einfall hätte Corneille nicht haben können! Befolget ihn
+in der Ausführung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Täuschung, um
+allen sittlichen Nutzen der Tragödie getan! Denn die Tugend, die immer
+bescheiden und einfältig ist, wird durch jenen glänzenden Charakter eitel
+und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis überzogen, der uns
+überall blendet, wir mögen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus
+welchem wir wollen. Torheit, bloß durch die unglücklichen Folgen von dem
+Laster abschrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselben
+verbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt, daß sie
+ebensooft glücklich als unglücklich fallen. Dieses bezieht sich auf die
+Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir
+sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht
+mit jenem trügerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem
+Laster untergelegt wird, macht, daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo
+keine sind; macht, daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte.
+Zwar hat schon Dacier dieser Erklärung widersprochen, aber aus
+untriftigern Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche er mit dem
+Pater Le Bossu dafür annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den
+poetischen Vollkommenheiten des Stücks ebenso nachteilig werden kann. Er
+meinet nämlich, "die Sitten sollen gut sein", heiße nichts mehr als, sie
+sollen gut ausgedrückt sein, qu'elles soient bien marquées. Das ist
+allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller
+Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wenn es die
+französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man "gut ausdrücken" für
+stark ausdrücken genommen hätte. Man hat den Ausdruck überladen, man hat
+Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte
+Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe
+von Lastern und Tugenden geworden sind.--
+
+Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die
+Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen.
+
+Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl
+nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat
+ihn nicht gesehen oder gelesen? Krüger hat indes das wenigste Verdienst
+darum; denn er ist ganz aus einer Erzählung in den Bremischen Beiträgen
+genommen. Die vielen guten satirischen Züge, die er enthält, gehören
+jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehört nichts,
+als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Bühne an Krügern viel
+verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten"
+beweisen. Wo er aber rührend und edel sein will, ist er frostig und
+affektiert. Hr. Löwen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man
+jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermißt. Dieses war der erste
+dramatische Versuch, welchen Krüger wagte, als er noch auf dem Grauen
+Kloster in Berlin studierte.
+
+Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das
+Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und
+zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt.
+
+"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stücken, welche der Hr. von
+Voltaire für sein Haustheater gemacht hat. Dafür war es nun auch gut
+genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht
+zu Paris; soviel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine
+schlechtern Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Marins und
+Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiß selbst nicht. Denn ich
+wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke
+und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Feierkleide sehen.
+
+Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber verschiedne
+Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem
+allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf
+Verkennungen und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht
+ekel; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das
+Fremde der Sitten und die elende Übersetzung das mot pour rire nur nicht
+meistens so unverständlich machte.
+
+Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney"
+wiederholt. Den Beschluß machte "Der sehende Blinde".
+
+Dieses kleine Stück ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat
+Titel und Intrige und alles einem alten Stücke des De Brosse abgeborgt.
+Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in
+die er verliebt ist, als er Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er
+verläßt seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der
+aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die
+Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben
+macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt
+einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte
+Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu überzeugen,
+ihnen schreiben läßt, daß er sein Gesicht verloren habe. Die List
+gelingt; er kömmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der
+um den Betrug weiß, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die
+Entwicklung läßt sich erraten; da der Offizier an der Unbeständigkeit der
+Witwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu
+heiraten, und der Tochter gibt er die nämliche Erlaubnis, sich mit ihrem
+Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des
+Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe
+versichert, daß ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, daß sie ihn
+aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem
+Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre
+Zärtlichkeit durch Gebärden. Das ist der Inhalt des alten Stückes vom De
+Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stücke des Le Grand. Nur
+daß in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fünf
+Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel
+geworden, und was sonst dergleichen kleine Veränderungen mehr sind. Es
+mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefällt sehr. Die
+Übersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir
+haben; sie ist wenigstens sehr fließend und hat viele drollige Zeilen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 17. Abend.
+
+[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundachtzigstes Stück
+Den 19. Februar 1768
+
+Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der
+Hausvater" des Hrn. Diderot aufgeführt.
+
+Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt,
+--wenigstens hat es mit Müh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem
+Pariser Theater erscheinen dürfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr
+lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch
+hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und
+Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das
+Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von
+Zeit zu Zeit angemerkt habe.
+
+Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natürlichen Sohne", in den
+beigefügten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat
+Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits
+verschiedne Jahre vorher ließ er es sich merken, daß er die hohen
+Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute täuschen
+und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche,
+in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in
+welchem der persiflierende Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch
+das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Höhnerei
+zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit
+seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen
+wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im
+Ernste wiederholen will.
+
+Dieses Buch heißt "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt
+durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber
+doch hat er es geschrieben und muß es geschrieben haben, wenn er nicht
+ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger
+Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es
+geschrieben zu haben.
+
+Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch
+kennen. Ich will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen,
+als es hier in meinen Kram dienet.--
+
+Ein Kaiser--was weiß ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen
+magischen Ringe gewisse Kleinode so viel häßliches Zeug schwatzen lassen,
+daß seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hören wollte. Sie hätte
+lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigstens
+nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf
+des Sultans Majestät und ein paar witzige Köpfe einzuschränken. Diese
+waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied
+der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und
+ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen
+unterhält sich die Favoritin einsmals, und das Gespräch fällt auf den
+elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert
+als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten
+seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hören, und er wohl
+voraussieht, daß die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme
+seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in
+allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater
+an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile.
+
+"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim.
+"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre
+schönsten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir
+nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen könnten. Unser Theater ward
+für das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafür
+gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es
+verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es
+ist das klare Altertum!"
+
+"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans
+gesehen und gleichfalls den Faden des Stücks sehr richtig geführet, den
+Dialog sehr zierlich und das Anständige sehr wohl beobachtet gefunden."
+
+"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem
+Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genähret, und
+dem größten Teile unsrer Neuern!"
+
+"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker über die Klinge
+springen lassen, sind doch bei weitem so verächtlich nicht, als Sie
+vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer,
+keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was
+bekümmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es sind
+wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten
+Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle
+nicht gelesen habe, welche es machen, daß ich die Stücke des Aboulcazem,
+des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre!
+Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und
+haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?"
+
+"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in
+verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich
+schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das müssen wir aus den Werken
+lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die
+gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger
+gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt
+man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner
+Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens
+alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt
+worden. Sonst ließe sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung,
+ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken
+haben könne; welches doch wider alle Erfahrung ist."
+
+"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als
+daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zunutze machen können, die
+bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein müssen, als die Alten:
+oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefällt, daß sie auf den
+Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig müssen weiter
+sehen können, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre,
+ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in
+Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit
+und Poesie nicht ebensowohl überlegen sein?"
+
+"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist groß, und Riccaric
+kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. Er mag Ihnen sagen,
+warum unsere Tragödien schlechter sind, als der Alten ihre; aber daß sie
+es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich
+will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "daß Sie die Alten nicht
+gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse beworben, als
+daß Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie
+gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre
+Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstößig sind, weil sich
+die Umstände geändert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff
+nicht immer edel, wohlgewählt und interessant ist? ob sich die Handlung
+nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem
+Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten
+gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit
+Episoden überladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel
+Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hören Sie alles, was von
+dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti
+ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern Sie sich der Höhle des
+unglücklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und
+sagen Sie mir, ob das Geringste vorkömmt, was Sie in der Täuschung stören
+könnte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stück, welches die nämliche
+Prüfung aushalten, welches auf den nämlichen Grad der Vollkommenheit
+Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben."
+
+"Beim Brahma!" rief der Sultan und gähnte; "Madame hat uns da eine
+vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!"
+
+"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch
+weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich
+weiß, daß nur das Wahre gefällt und rühret. Ich weiß auch, daß die
+Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer
+Handlung bestehet, daß der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der
+Handlung selbst gegenwärtig zu sein glaubt. Findet sich aber in den
+Tragödien, die Sie uns so rühmen, nur das geringste, was diesem
+ähnlich sähe?"
+
+
+
+
+Fünfundachtzigstes Stück
+Den 23. Februar 1768
+
+"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und
+verwickelt, daß es ein Wunder sein würde, wenn wirklich so viel Dinge in
+so kurzer Zeit geschehen wären. Der Untergang oder die Erhaltung eines
+Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das
+geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Kömmt es auf eine
+Verschwörung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie
+beisammen; im dritten werden alle Maßregeln genommen, alle Hindernisse
+gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit nächstem wird es
+einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer
+förmlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut geführt, interessant,
+warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben,
+der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige
+zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen
+Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen
+geht."
+
+"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stücke sind ein wenig
+überladen; aber das ist ein notwendiges Übel; ohne Hilfe der Episoden
+würden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen."
+
+"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muß
+man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein
+sollte. Kann etwas Lächerlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es
+wäre denn etwa dieses, daß man die Geigen ein lebhaftes Stück, eine
+muntere Sonate spielen läßt, während daß die Zuhörer um den Prinzen
+bekümmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen
+Thron und sein Leben zu verlieren.
+
+"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien
+müßte man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen
+gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die
+Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort.
+
+"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, daß,
+wenn die Episoden uns aus der Täuschung herausbringen, der Dialog uns
+wieder hereinsetzt. Ich wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere
+tragische Dichter."
+
+"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte,
+das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend
+Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu
+verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn
+unaufhörlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia
+sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei
+unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn
+Sie wollen, einige Stellen daraus übersetzen; und Sie werden die bloße
+Natur hören, die sich durch den Mund derselben ausdrückt. Ich möchte gar
+zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt daß ihr euern
+Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in
+Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben.'"
+
+"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge
+unserer dramatischen Stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte
+Selim, "daß Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen."
+
+"Nein, gewiß nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte
+für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich
+durch ein Wunder. Weiß der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die
+er von Szene zu Szene ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll:
+geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstoße ab; die ganze Welt
+fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. Hernach,
+hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die
+Prinzen und Könige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut
+geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn
+Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man
+nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu einem hohen Grade der
+Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast für
+erwiesen, daß von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die
+Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die
+unvollkommenste geblieben ist."
+
+Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische
+Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir
+einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe
+mich darauf, eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde."
+
+"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es käme
+einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele
+etwas gehört hätte; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle;
+der ungefähr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen der
+Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber
+nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein
+Freund, es äußern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der
+Fürst, der mit seinem Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat,
+daß er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, an
+beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, allem Ansehen nach,
+sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, daß Sie
+von allem, was vorgeht, Zeuge sein können.' Er nimmt mein Anerbieten an,
+und ich führe ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das
+Theater sieht, welches er für den Palast des Sultans hält. Glauben Sie
+wohl, daß trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemühte, die
+Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könnte? Müssen Sie nicht
+vielmehr gestehen, daß er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer
+wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebärden, bei dem
+seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend
+andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen würden, gleich in der ersten
+Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen würde, daß ich ihn
+entweder zum Besten haben wollte, oder daß der Fürst mitsamt seinem Hofe
+nicht wohl bei Sinnen sein müßten."
+
+"Ich bekenne", sagte Selim, "daß mich dieser angenommene Fall verlegen
+macht; aber könnte man Ihnen nicht zu bedenken geben, daß wir in das
+Schauspiel gehen, mit der Überzeugung, der Nachahmung einer Handlung,
+nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen."
+
+"Und sollte denn diese Überzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die
+Handlung auf die allernatürlichste Art vorzustellen?"--
+
+Hier kömmt das Gespräch nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts
+angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den
+klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den
+Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen
+Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit
+Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der
+gerügten Mängel zu entfernen und den Weg der Natur und Täuschung besser
+einzuschlagen bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es
+klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der
+Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum
+er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: bloß
+und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode
+seiner Vorgänger verschrien haben, weil er empfand, daß in Befolgung der
+nämlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein
+elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein
+Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots über seine
+Stücke her.
+
+Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natürlichen Sohne", manche
+Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der
+"Hausvater" ist. Zu viel Einförmigkeit in den Charakteren, das
+Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog,
+ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen:
+alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche
+Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heißt), die so
+philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie
+nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu
+erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen,
+daß die Einkleidung, welche Diderot den beigefügten Unterredungen gab,
+daß der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß
+verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen
+wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß
+andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem
+blendenden Vortrage zu haben schienen.
+
+
+
+
+Sechsundachtzigstes Stück
+Den 26. Februar 1768
+
+z.E. Diderot behauptete,[1] daß es in der menschlichen Natur aufs
+höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gäbe, die großer
+Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den
+menschlichen Charakteren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten,
+als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr
+die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte
+die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie
+machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komödie der Charakter das
+Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß
+der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem
+Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgängig die Umstände,
+in welchen er sich am besten äußert, und verband diese Umstände
+untereinander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vorteile,
+die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese
+Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit größerm Umfange, von weit
+größerm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein
+wenig übertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin
+ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man
+spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. Er
+muß das, was er hört, notwendig auf sich anwenden."
+
+Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es,
+daß die Natur so arm an ursprünglichen Charakteren sei, daß sie die
+komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molière sahe noch
+genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil
+von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in
+welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so
+merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuten läßt, daß der Misanthrop
+schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben
+sein, wann er länger gelebt hätte.[3] Palissot selbst ist nicht
+unglücklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung
+beizufügen: den dummen Mäzen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an
+seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekünstelte Anschläge
+immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den
+Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den
+Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler
+ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten,
+die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche
+erweitern. Das ist noch Ernte genug für die wenigen Schnitter, die sich
+daran wagen dürfen!
+
+Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so
+wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden
+die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z.
+E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen
+Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder
+leichtsinnig, leutselig oder stürmisch sein müssen? Wird es nicht bloß
+dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte
+heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich
+die Grundlage der Intrige und die Moral des Stücks wiederum auf dem
+Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das
+Zufällige sein?
+
+Zwar könnte Diderot hierauf antworten: Freilich muß die Person, welche
+ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen
+Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher sein soll, der mit den
+Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs
+beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es
+mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder
+stürmisch machen will: er muß notwendig ernsthaft und leutselig sein, und
+jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschäfte erfodert.
+
+Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich
+einer andern Klippe genähert; nämlich der Klippe der vollkommnen
+Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders tun, als
+was sie nach Pflicht und Gewissen tun müßten; sie würden handeln, völlig
+wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komödie? Können
+dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den
+wir davon hoffen dürfen, groß genug sein, daß es sich der Mühe verlohnt,
+eine neue Gattung dafür festzusetzen und für diese eine eigene Dichtkunst
+zu schreiben?
+
+Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt
+nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stücken steuert er ziemlich
+gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich
+durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den
+Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei
+Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Brüdern" des
+Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Väter darin sind mit so gleicher
+Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann,
+die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Fällt
+er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit
+Erstaunen wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch für
+einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und daß
+der, den er für einen Narren gehalten hat, wohl gar der verständige Mann
+sein könnte. Man sollte zu Anfange des fünften Aufzuges dieses Drama fast
+sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen
+worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stücks
+umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr
+weiß, für wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man für
+den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man für keinen von
+beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel
+zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten."
+
+Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem
+nämlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen,
+wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir
+verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet
+zu werden.
+
+Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloß verschieden,
+als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder
+natürlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den
+dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft
+im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend
+zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend
+finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist
+ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise hält, das ihm
+Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung?
+Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in
+welchen man Väter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder völlig
+entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater
+aufweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der
+nämliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich
+sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen,
+nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch untereinander
+einförmiger sein, als es die sein können, welche Väter von verschiednen
+Grundsätzen einführen. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in
+ruhigen Gesellschaften bloß verschieden scheinen, sich von selbst
+kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja
+es ist natürlich, daß sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander
+entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und
+Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue
+wird kalt wie Eis, um jenem soviel Übereilungen begehen zu lassen, als
+ihm nur immer nützlich sein können.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natürlichen Sohne", S. 321-322 d.
+Übers.
+
+[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II.
+
+[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui
+(à Molière) fournirons toujours assez de matière, et nous ne prenons
+guère le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce
+qu'il dit. Crois-tu qu'il ait épuisé dans ses Comédies tous les ridicules
+des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt
+caractères de gens, où il n'a pas touché? N'a-t-il pas, par exemple, ceux
+qui se font les plus grandes amitiés du monde, et qui, le dos tourné,
+font galanterie de se déchirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs
+à outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les
+louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur
+fade qui fait mal au coeur à ceux qui les écoutent? N'a-t-il pas ces
+lâches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune,
+qui vous encensent dans la prospérité, et vous accablent dans la
+disgrâce? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mécontents de la Cour, ces
+suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour
+services ne peuvent compter que des importunités, et qui veulent qu'on
+les récompense d'avoir obsédé le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux
+qui caressent également tout le monde, qui promènent leurs civilités à
+droite, à gauche, et courent à tous ceux qu'ils voyent avec les mêmes
+embrassades, et les mêmes protestations d'amitié?--Va, va, Marquis,
+Molière aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il
+a touché n'est que bagatelle au prix de ce qui reste.
+
+[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Übers.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stück
+Den 4. März 1768
+
+Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz
+richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit
+seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens
+verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbei.
+
+So sagt er über den "Natürlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer
+Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt das Stück so? Welchen Einfluß hat
+die Geburt des Dorval? Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher
+Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was kann
+also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen
+über das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwärmen? Welcher
+vernünftige Mensch weiß denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches
+Vorurteil ist?"
+
+Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur
+Verwickelung meiner Fabel nötig; ohne ihn würde es weit unwahrscheinlicher
+gewesen sein, daß Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester
+von keinem Bruder weiß; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen,
+und ich hätte den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen können.
+--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, wäre Palissot nicht ungefähr
+widerlegt?
+
+Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern
+Einwurfe bloßgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer
+hätte zusetzen können. Diesem nämlich: daß der Umstand der unehelichen
+Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher
+sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu
+eigentümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung
+seines Charakters viel zuviel Einfluß gehabt hat, als daß dieser
+diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des
+Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muß.--Die Gelegenheit
+reizt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Reize von
+der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen?
+
+"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische
+hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der
+und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein
+anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große
+Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefähr eine so eigene
+Physiognomie, daß ihr nur ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde
+die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten.--Terenz scheinet mir
+einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein
+Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er
+seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen
+nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich
+hält, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit
+eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater
+nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein
+Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben."
+
+Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter
+wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als
+den Menander. Menander war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen
+nach, in seinem Stücke noch weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als
+er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphäre, wegen der
+verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen müssen.[2] Aber daß er von
+Menandern herrührt, dieses allein schon hätte, mich wenigstens,
+abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre
+kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als
+witzig gesagt: doch würde man es wohl überhaupt von einem Dichter gesagt
+haben, der Charaktere zu schildern imstande wäre, wovon sich in der
+größten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel
+zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl ein solcher
+Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und
+wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der
+Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches
+denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt
+haben, daß schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack
+hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen,
+aber fast unmerklich, getadelt habe.
+
+Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz
+zeigen will, "daß die Narren aus einer Übertreibung in die andere
+entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fürchtet für
+einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er tut? Er leihet
+monatlich für fünf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je nötiger
+der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiß die Namen
+aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten,
+dabei aber über harte Väter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr,
+daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften
+entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in
+der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann
+sich nicht schlechter quälen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter,
+dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal
+soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen
+beiläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz vollkommen
+gemäß.
+
+Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu
+lassen. Denn hier, dünkt mich, würde die beiläufige Anspielung dem
+Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn
+es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso
+abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache hätte, sich zu
+peinigen, als Fufidius, so teilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius
+ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne
+alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der
+Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut,
+was dieser aus Reu und Betrübnis tat: nur alsdenn wird uns jener
+unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitleidswürdig wir
+diesen finden.
+
+Und allerdings ist jede große Betrübnis von der Art, wie die Betrübnis
+dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst.
+Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Jahre sich ein
+Beispiel einer solchen Betrübnis finde: vielmehr handelt jede ungefähr
+ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero
+hatte auf die Natur der Betrübnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem
+Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht
+bloß von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kälterm Geblüte
+fortsetzen zu müssen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes,
+faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri,
+quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt
+humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad
+moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros
+vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed
+etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est,
+aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw.
+
+Menedemus aber, so heißt der Selbstpeiniger bei dem Terenz, hält sich
+nicht allein so hart aus Betrübnis; sondern, warum er sich auch jeden
+geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich
+dieses: um desto mehr für den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal
+ein desto gemächlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein
+so ungemächliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Väter
+tun würden? Meint aber Diderot, daß das Eigene und Seltsame darin
+bestehe, daß Menedemus selbst hackt, selbst gräbt, selbst ackert: so hat
+er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten
+gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit würde das freilich nicht so
+leicht tun: denn die wenigsten würden es zu tun verstehen. Aber die
+wohlhabensten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen
+Arbeiten bekannter und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen.
+
+Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des
+Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentümlichen, wegen dieser ihm fast
+nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so
+ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler
+gefallen? Denn was kann eigentümlicher sein, als der Charakter seines
+Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein
+zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? "Gleich nach meiner
+Geburt", läßt er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort
+verschleudert, der die Grenze zwischen Einöde und Gesellschaft heißen
+kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die
+mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern davon
+erblicken. Dreißig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und
+verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden,
+noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht
+hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern,
+vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des
+Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen
+begegnen. Aber daß es ganze dreißig Jahre in der Welt herumirren könne,
+ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne
+irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht hätte:
+das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder wenn es
+möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden
+Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten
+Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Möglichkeit wirklich zu
+machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder
+einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das
+menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst, ein
+Bär geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter
+Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will:
+wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er unter Wesen, die, ehe er
+sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn
+anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht
+glückliche, so sind es unglückliche Menschen! Menschen sind es doch
+immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um
+von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfließen: das Wasser
+heiße, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean.
+
+Gleichwohl soll diese dreißigjährige Einsamkeit unter den Menschen den
+Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun
+ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in
+ihm erkennen?
+
+Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er
+sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung
+werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen
+Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der
+tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein
+komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte
+Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie
+füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen
+den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so
+allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so völlig individuell
+sind, als diese; und solcher Art dürfte doch wohl der Charakter des
+Dorval sein.
+
+Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen.
+Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, daß die Tragödie Individua, die
+Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, daß die Personen der
+Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen
+müßten; dahingegen der Held der Tragödie nur der und der Mensch, nur
+Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat
+auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er
+die ernsthafte Komödie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter
+seines Dorval wäre so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so fällt
+auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natürlichen Sohnes kann
+aus einer so ungegründeten Einteilung keine Rechtfertigung zufließen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Unterred., S. 292 d. Übers.
+
+[2] Falls nämlich die 6. Zeile des Prologs
+
+Duplex quae ex argumento facta est simplici,
+
+von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen
+ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Übersetzer des
+Terenz, Colman, sie erklären. Terence only meant to say, that he had
+doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one
+mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very
+properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been
+implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon
+Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius,
+hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt
+diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item
+duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil
+ich gar nicht einsehe, was von dem Stücke übrigbleibt, wenn man die
+Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte
+verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie
+Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe
+behandeln können; beide sind so genau hineingeflochten, daß ich mir weder
+Verwicklung noch Auflösung ohne sie denken kann. Einer andern Erklärung,
+durch welche sich Julius Scaliger lächerlich gemacht hat, will ich gar
+nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom
+Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit
+haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu
+verändern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermaßen berechtigten.
+Einige haben gelesen:
+
+Duplex quae ex Argumente facta est duplici.
+
+Andere:
+
+Simplex quae ex argumento facta est duplici.
+
+Was bleibt noch übrig, als daß nun auch einer lieset:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici?
+
+Und in allem Ernste: so möchte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle
+im Zusammenhange, und überlege meine Gründe:
+
+ Ex integra Graeca integram comoediam
+ Hodie sum acturus Heautontimorumenon:
+ Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern
+am Theater vorgeworfen ward:
+
+ Multas contaminasse graecas, dum facit
+ Paucas latinas--
+
+[4] Er schmelzte nämlich öfters zwei Stücke in eines und machte aus zwei
+griechischen Komödien eine einzige lateinische. So setzte er seine
+"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen
+"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine
+"Brüder" aus den "Brüdern" des nämlichen und einem Stücke des Diphilus.
+Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des
+"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit
+nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm
+getan hätten.
+
+ --Id esse factum hic non negat
+ Neque se pigere, et deinde factum iri autumat.
+ Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi
+ Licere id facere, quod illi fecerunt putat.
+
+[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, daß ich es noch öfterer
+tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stücke, und nicht auf das
+gegenwärtige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei
+griechischen Stücken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens
+genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile
+sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+So einfach, will Terenz sagen, als das Stück des Menanders ist, ebenso
+einfach ist auch mein Stück; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken
+eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stücke
+genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem lateinischen;
+ich gebe also
+
+Ex integra Graeca integram Comoediam.
+
+Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben
+fand, daß es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar
+falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das
+zweite integram schicken würde.--Und so glaube ich, daß sich meine
+Vermutung und Auslegung wohl hören läßt! Nur wird man sich an die gleich
+folgende Zeile stoßen:
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, daß er das ganze Stück aus einem
+einzigen Stücke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch
+dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, daß sein Stück neu sei,
+novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar
+durch eine Erklärung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten
+getraue, daß sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur
+mir zugehört, und kein Ausleger, soviel ich weiß, sie nur von weitem
+vermutet hat. Ich sage nämlich: die Worte,
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem
+vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, apud Aediles;
+novus aber heißt hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen,
+sondern bloß, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Daß mein
+Stück, will er sagen, ein neues Stück sei, das ist, ein solches Stück,
+welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem
+Griechischen übersetzt, das habe ich den Ädilen, die mir es abgekauft,
+bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an
+den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Ädilen
+hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen
+übersetztes Stück verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den
+Ädilen überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei
+alten Stücken des Nävius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der
+"Eunuchus" mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die
+Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der
+griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ihm unwissend, schon Nävius
+und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen
+bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natürlicher, als daß
+er den Ädilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des
+Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Ädilen konnten das leicht selbst von
+ihm gefodert haben. Und darauf geht das
+
+Novam esse ostendi, et quae esset.
+
+[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundachtzigstes Stück
+Den 8. März 1768
+
+Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Assertion ohne allen Beweis
+gelassen hat. Er muß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein
+Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um
+ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den
+wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles
+und Alexander und Cato und Augustus heißen und Achilles, Alexander, Cato,
+Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus
+geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie
+sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen,
+und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können? Fast scheint
+es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren
+widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen
+Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den größern Nutzen
+der letztern vor der ersten gegründet. Auch hat er es auf eine so
+einleuchtende Art getan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine
+geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein
+Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein könne.
+
+"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen
+Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet
+klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu erzählen, was geschehen,
+sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was
+nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei möglich gewesen.
+Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die
+gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des Herodotus in
+gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in
+gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener
+waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was
+geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene
+gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher
+als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die
+Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein
+Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln
+würde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das
+Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der
+Komödie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die
+Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt man die etwanigen
+Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei
+dem Einzeln bleiben. Bei der Tragödie aber hält man sich an die schon
+vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist und wir
+nicht möglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen
+offenbar möglich sein muß, weil es nicht geschehen wäre, wenn es nicht
+möglich wäre. Und doch sind auch in den Tragödien, in einigen nur ein
+oder zwei bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch
+gar keiner, so wie in der ›Blume‹ des Agathon. Denn in diesem Stücke sind
+Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefällt es darum
+nichts weniger."
+
+In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Übersetzung anführe, mit
+welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als möglich, sind
+verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen
+können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier
+zur Sache gehört, muß ich mitnehmen.
+
+Das ist unwidersprechlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen
+Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung
+ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst
+die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der
+poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln,
+nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein
+jeder von ihrer Beschaffenheit in den nämlichen Umständen sprechen oder
+handeln würde und müßte. In diesem [Greek: katholou], in dieser
+Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer
+und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist,
+daß derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene
+Physiognomien geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der
+Welt ähnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre
+Kindheit zurücksetzen und in Satire verkehren würde: so ist es auch
+ebenso wahr, daß derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den
+Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigentümlichkeiten,
+die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie
+alle diese Eigentümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato
+zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, daß, sage ich,
+dieser die Tragödie entkräften und zur Geschichte erniedrigen würde.
+
+Aber Aristoteles sagt auch, daß die Poesie auf dieses Allgemeine der
+Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders
+bei der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die
+Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnügt, im geringsten aber
+nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber
+ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas
+ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie,
+wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser
+Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person,
+besonders bei der Komödie, schon längst sichtbar gewesen?
+
+Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei
+legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae
+poiaesis onomata epitithemenae], übersetzt Dacier: Une chose générale,
+c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractère a dû dire, ou
+faire vraisemblablement ou nécessairement, ce qui est le but de la poésie
+lors même, qu'elle impose les noms à ses personnages. Vollkommen so
+übersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermöge
+eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
+redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch
+wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung
+über diese Worte stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen
+eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine
+ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei:
+aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht,
+davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors
+même, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts
+davon zu sagen gewußt, ja, daß sie gar nicht einmal verstanden, was
+Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors même, dieses auch wenn, heißt
+bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach
+bloß sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln
+Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser
+Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des
+Dacier, die ich in der Note anführen will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun
+ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es
+erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß
+die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das
+Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst
+auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl
+meinen, daß beides nicht einerlei wäre. Ist es aber nicht einerlei: so
+gerät man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese
+Frage antworten die Ausleger nichts.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dichtk., 9. Kapitel.
+
+[2] Aristote prévient ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la
+définition qu'il vient de donner d'une chose générale: car les ignorants
+n'auraient pas manqué de lui dire qu'Homère, par exemple, n'a point en
+vue d'écrire une action générale et universelle, mais une action
+particulière, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme
+Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par conséquent, il n'y a aucune
+différence entre Homère et un Historien, qui aurait écrit les actions
+d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir
+que les Poètes, c'est-à-dire, les Auteurs d'une Tragédie ou d'un Poème
+Épique lors même qu'ils imposent les noms à leurs personnages ne pensent
+en aucune manière à les faire parler véritablement, ce qu'ils seraient
+obligés de faire, s'ils écrivaient les actions particulières et
+véritables d'un certain homme, nommé Achille ou Edipe, mais qu'ils se
+proposent de les faire parler et agir nécessairement ou vraisemblablement;
+c'est-à-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce même
+caractère doivent faire et dire en cet état, ou par nécessité, ou au moins
+selon les règles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que
+ce sont des actions générales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr
+Curtius in seiner Anmerkung; nur daß er das Allgemeine und Einzelne noch an
+Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, daß er auf den
+Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge würden es nur personifierte
+Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln ließe, da es doch
+charakterisierte Personen sein sollen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunzigstes Stück
+Den 11. März 1768
+
+Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon längst an
+der Komödie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae
+touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta
+tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton
+kath' ekaston poiousin]. Ich muß auch hiervon die Übersetzungen des
+Dacier und Curtius anführen. Dacier sagt: C'est ce qui est déjà rendu
+sensible dans la comédie, car les poètes comiques, après avoir dressé
+leur sujet sur la vraisemblance, imposent après cela à leurs personnages
+tels noms qu'il leur plaît, et n'imitent pas les poètes satyriques, qui
+ne s'attachent qu'aux choses particulières. Und Curtius: "In dem
+Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die
+Komödienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit
+entworfen haben, legen sie den Personen willkürliche Namen bei und setzen
+sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum
+Ziele." Was findet man in diesen Übersetzungen von dem, was Aristoteles
+hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als
+daß die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist,
+satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das
+Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkürliche Namen, tels
+noms qu'il leur plaît, beilegten. Gesetzt nun auch, daß [Greek: ta
+tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten könnten: wo haben denn beide
+Übersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses
+"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn
+diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren
+Personen nicht allein willkürliche Namen bei, sondern sie legten ihnen
+diese willkürliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, daß
+sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das?
+Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius!
+
+Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die
+Komödie gab ihren Personen Namen, welche, vermöge ihrer grammatischen
+Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die
+Beschaffenheit dieser Personen ausdrückten: mit einem Worte, sie gab
+ihnen redende Namen; Namen, die man nur hören durfte, um sogleich zu
+wissen, von welcher Art die sein würden, die sie führen. Ich will eine
+Stelle des Donatus hierüber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei
+Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brüder", in
+comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim
+absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae
+incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus
+fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon:
+juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo
+et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae
+vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque
+protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut
+Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr
+Beispiele hiervon überzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus
+und Terenz untersuchen. Da ihre Stücke alle aus dem Griechischen genommen
+sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und
+haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die
+Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein
+haben können; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und
+sicher angeben können.
+
+Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern
+muß ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da
+nicht erinnern können, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie
+verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klärer sein, als was
+der Philosoph von der Rücksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der
+Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als daß
+[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], daß sich
+diese Rücksicht bei der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe?
+Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter
+von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der
+beleidigenden Satire die unterrichtende Komödie entstand: suchte man
+jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische
+feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder
+jenem Stamme: er hieß Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende
+Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hieß nicht, wie ein gewisser
+armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artotrogus, Brockenschröter. Der
+Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater
+in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln
+Bürgers: er hieß Phidippides, Junker Sparroß.
+
+Man könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine
+Erfindung der neuern griechischen Komödie sein dürften, deren Dichtern
+es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber
+Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe und folglich bei
+seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen können. Das letztere
+behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, daß die
+ältere griechische Komödie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in
+denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine
+gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer
+dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit
+Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Diese Periode könnte leicht sehr falsch verstanden werden. Nämlich
+wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das für etwas
+Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist
+doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es würde
+ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar
+erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschäftigungen
+beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff
+ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein
+bei ihm, was er seinen Personen für Namen beilegen, oder was er mit diesen
+Namen für einen Stand oder für eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach
+dürfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrückt
+haben; und mit Veränderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoß vermieden.
+Man lese nämlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum
+confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere
+et nomen personae u.s.w.
+
+[2] Hurd in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebiete des Drama:
+From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of
+this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who
+defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking
+ridicule. His notion was taken from the state and practice of the
+Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to
+this description. The great revolution, which the introduction of the new
+comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses
+nimmt Hurd bloß an, damit seine Erklärung der Komödie mit der
+Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat
+die Neue Komödie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in
+der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen
+Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton
+komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae
+aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man könnte zwar sagen, daß
+unter der Neuen Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch
+keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heißen müssen.
+Man könnte hinzusetzen, daß Aristoteles in eben der Olympiade gestorben,
+in welcher Menander sein erstes Stück aufführen lassen, und zwar noch das
+Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat
+unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Menander rechnet;
+Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach,
+aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehört schrieb viel früher,
+und der Übergang von der Mittleren zur Neuen Komödie war so unmerklich,
+daß es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselben kann gefehlt haben.
+Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein
+"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen
+Veränderungen zueignen konnte: Kokalon heißt es in dem "Leben des
+Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai
+talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von
+allen verschiedenen Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte auch
+Aristoteles seine Erklärung der Komödie überhaupt auf sie alle
+einrichten. Das tat er denn; und die Komödie hat nachher keine
+Erweiterung bekommen, für welche diese Erklärung zu enge geworden wäre.
+Hurd hätte sie nur recht verstehen dürfen, und er würde gar nicht nötig
+gehabt haben, um seine an und für sich richtigen Begriffe von der Komödie
+außer allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu
+der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundneunzigstes Stück
+Den 15. März 1768
+
+Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf
+das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte
+Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich
+mit Erziehung junger Leute bemengten, lächerlich und verdächtig machen.
+Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte
+diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher
+eine Menge Züge, die auf den Sokrates gar nicht paßten; so daß Sokrates
+in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben
+konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komödie, wenn man diese
+nicht treffende Züge für nichts als mutwillige Verleumdungen erklärt und
+sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für
+Erweiterungen des einzeln Charakters, für Erhebungen des Persönlichen zum
+Allgemeinen!
+
+Hier ließe sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen
+Komödie überhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch
+nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es ließe sich
+anmerken, daß dieser Gebrauch keinesweges in der ältern griechischen
+Komödie allgemein gewesen,[1] daß sich nur der und jener Dichter
+gelegentlich desselben erkühnet,[2] daß er folglich nicht als ein
+unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komödie zu betrachten. [3]
+Es ließe sich zeigen, daß, als er endlich durch ausdrückliche Gesetze
+untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser
+Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch
+stillschweigend für ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stücken des
+Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt
+und lächerlich gemacht.[4] Doch ich muß mich nicht aus einer
+Ausschweifung in die andere verlieren.
+
+Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragödie machen.
+So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens
+vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal
+einer eiteln und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates
+bekam, weil Sokrates als ein solcher Täuscher und Verführer zum Teil
+bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloß der
+Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband
+und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens
+bestimmte: so ist auch bloß der Begriff des Charakters, den wir mit den
+Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum
+der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er führt
+einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen
+Begegnissen dieser Männer bekanntzumachen, nicht um das Gedächtnis
+derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu
+unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können
+und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren
+wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht,
+daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurückführen müsse;
+er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere
+bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß
+sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und
+über Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben
+haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen
+schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen
+lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon
+gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in
+seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch
+wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen und alles, was einmal
+geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser
+Ursachen fließt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe
+überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nötig, sich
+umständlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer
+von anderwärts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt außer
+meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger
+mißverstanden als jene.
+
+Nun also auf die Behauptung des Diderot zurückzukommen. Wenn ich die
+Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu haben glauben darf: so darf ich
+auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache
+selbst unmöglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die
+Charaktere der Tragödie müssen ebenso allgemein sein, als die Charaktere
+der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder
+Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders
+verstehen, als Aristoteles darunter verstand.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komödie von dem Margites
+des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen
+worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die
+erdichteten Namen mit eingeführt haben. Denn Margites war wohl nicht der
+wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von
+[Greek: margaes] gemacht worden, als daß [Greek: margaes] von [Greek:
+Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten
+Komödie finden wir es auch ausdrücklich angemerkt, daß sie sich aller
+Anzüglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht möglich gewesen
+wäre. z.E. von dem Pherekrates.
+
+[2] Die persönliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche
+Eigenschaft der alten Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter
+gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkühnet. Es war Cratinus, welcher
+zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke,
+tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae
+komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine,
+verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten hatte.
+Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sei,
+welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.):
+[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All'
+Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei].
+
+[3] Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium
+betrachten mögen. Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so
+viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten.
+
+[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und
+will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten
+verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil
+gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et
+Phormis inventèrent les sujets de leurs pièces, puisque l'un et l'autre
+ont été des Poètes de la vieille Comédie, où il n'y avait rien de feint,
+et que ces aventures feintes ne commencèrent à être mises sur le théâtre,
+que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-à-dire dans la nouvelle Comédie.
+(Remarque sur le Chap. V. de la Poét. d'Arist.) Man sollte glauben, wer
+so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Aristophanes
+getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komödie, war
+ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer
+sein konnten. Kein einziges von den übriggebliebenen Stücken des
+Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen wäre;
+und wie kann man sagen, daß sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil
+sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als
+ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei
+poiaetaen ae ton metron]: würde er nicht schlechterdings die Verfasser
+der alten griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben
+ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer
+Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragödie gar wohl
+mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus
+der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch
+in der Komödie bestehen können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß
+gewesen sein, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche und
+auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmähsucht
+zurückfalle; vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das [Greek: katholou
+poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den
+ältesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und
+wird es gewiß dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wußte,
+wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles
+und Sokrates namentlich mitgenommen.
+
+[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komödie
+lächerlich zu machen, in seiner "Republik" einführen wollte ([Greek:
+maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno
+maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals
+darüber gehalten worden. Ich will nicht anführen, daß in den Stücken des
+Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit
+Namen genennt ward; man könnte antworten, daß dieser Abschaum von
+Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Ktesippus, der Sohn des
+Chabrias, war doch gewiß atheniensischer Bürger so gut wie einer, und man
+sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.)
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundneunzigstes Stück
+Den 18. März 1768
+
+Und warum könnte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen
+andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso
+ausdrückt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu
+widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht,
+daß ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern für denjenigen erkennen
+muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat.
+
+Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd;
+ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Übersetzungen bei uns
+immer am spätesten bekannt werden. Ich möchte ihn aber hier nicht gern
+anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der
+Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so
+dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen
+daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich
+also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unübersetzten
+guten Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit
+fertigen Feder geben wollen.
+
+Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Über die verschiednen Gebiete
+des Drama" beigefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nur
+die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwägung gezogen worden,
+ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen.
+Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste
+einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu fällen. Nachdem
+er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drei Gattungen
+desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des
+Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener
+allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen
+Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in
+welchen sie voneinander unterschieden sein müssen.
+
+Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch
+diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete
+Begebenheit zuträglicher sei. Hierauf fährt er fort: The same genius in
+the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy
+makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of
+Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of
+covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of
+cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem nämlichen Geiste schildern
+die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle
+ihre Charaktere general; die Tragödie partikulär. Der Geizige des Molière
+ist nicht so eigentlich das Gemälde eines geizigen Mannes, als des Geizes
+selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemälde der Grausamkeit,
+sondern nur eines grausamen Mannes."
+
+Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit
+erfodert, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen
+sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die
+Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr
+wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem
+ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so
+weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre
+Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren;
+angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von
+Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben
+wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält.
+
+Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein
+bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolge bloß annehmen, so wie sie da
+liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu
+widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloß, welches aus
+der weitern Erklärung des Hurd erhellet.
+
+"Es wird aber", fährt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten
+Verstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu
+begünstigen scheinen könnte.
+
+Die erste betrifft die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie
+partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind
+partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der
+Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den
+charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so
+viele zusammenzieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem
+Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung
+unumgänglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Züge, durch die er
+sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht.
+
+Es ist fast wie mit dem Porträtmalen. Wenn ein großer Meister ein
+einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die
+er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nämlichen Art nur so
+weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentümlichen
+Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Künstler hingegen einen Kopf
+überhaupt malen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge
+zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt
+hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in
+Gedanken gemacht hat und in seinem Gemälde darstellen will.
+
+Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des
+Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter
+partikular nenne, ich bloß sagen will, daß er die Art, zu welcher er
+gehöret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, daß das,
+was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig
+sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als
+wovon ich das Gegenteil anderwärts behauptet und umständlich
+erläutert habe.[1]
+
+Was zweitens die Komödie anbelangt, so habe ich gesagt, daß sie generale
+Charaktere geben müsse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Molière
+angeführt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen
+Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte nicht in aller
+ihrer Strenge nehmen. Molière dünkt mich in diesem Beispiele selbst
+fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklärung, nicht
+ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen.
+
+Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine
+ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese
+Charaktere so allgemein macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise
+die in dem Stücke aufgeführte Person gleichsam der Repräsentant aller
+Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der
+Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur möglich. Es muß aber
+sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den
+möglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken,
+sondern nur bis auf die wirkliche Äußerung seiner Kräfte, so wie sie von
+der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden
+können. Hierin haben Molière, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der
+Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige
+Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine
+grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich
+nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer
+einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter
+und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben
+erteilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung
+verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder
+herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen;
+und diese Vermischung muß sich in jedem dramatischen Gemälde von Sitten
+finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche
+Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden
+Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den
+andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende
+Charakter sich desto kräftiger ausdrücke."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae
+morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd
+zeigt, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen
+Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist;
+Falschheit hingegen das heiße, was zwar dem vorhabenden besondern Falle
+angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur übereinstimmend sei.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundneunzigstes Stück
+Den 22. März 1768
+
+"Alles dieses läßt sich abermals aus der Malerei sehr wohl erläutern. In
+charakteristischen Porträten, wie wir diejenigen nennen können, welche
+eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann
+von wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer abstrakten
+Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein,
+daß irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drückt er stark,
+und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden
+Leidenschaft am sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses getan hat, so
+dürfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein
+Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Porträte sagen,
+daß es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade
+so wie die Alten von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silanion
+angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die
+Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muß bloß so verstanden
+werden, daß er die hauptsächlichen Züge der vorgebildeten Leidenschaft
+gut ausgedrückt habe. Denn im übrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso,
+wie er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die
+mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmaß und
+Verhältnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht.
+Und das heißt denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von
+einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft
+verwandelt wäre. Keine Metamorphosis könnte seltsamer und unglaublicher
+sein. Gleichwohl sind Porträte, in diesem tadelhaften Geschmacke
+verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer
+Sammlung das Gemälde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewöhnlicheres gibt
+es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede
+Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden,
+sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darüber zu
+äußern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit würde Le Bruns Buch
+von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen
+Porträte enthalten: und die Charaktere des Theophrasts müßten, in Absicht
+auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein.
+
+Über das erstere dieser Urteile würde jeder Virtuose in den bildenden
+Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, fürchte ich, dürften wohl
+nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener
+unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu
+urteilen, welchen dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es
+ließen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beispiele
+anführen. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten
+Ideen auszuführen, in ihrem völligen Lichte sehen will, der darf nur Ben
+Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein
+charakteristisches Stück sein soll, in der Tat aber nichts als eine
+unnatürliche und, wie es die Maler nennen würden, harte Schilderung einer
+Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild
+in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer
+ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von ihrer Einrichtung
+sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse'
+ausdrücklich nachgeahmet zu haben scheint.
+
+Auch hierin, müssen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern
+noch wesentlichern Schönheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer
+seine Komödien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden,
+daß seine auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den größten Teil
+ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdrücken und ihre
+wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die
+Umstände eine ungezwungene Äußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese
+besondere Vortrefflichkeit seiner Komödien entstand daher, daß er die
+Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles
+aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstoßen
+konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Skribenten
+verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen
+Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der ängstlichen Sorgfalt
+ihre Lieblingscharaktere in beständigem Spiele und ununterbrochner
+Tätigkeit zu erhalten. Man könnte über diese ungeschickte Anstrengung
+ihres Witzes sagen, daß sie mit den Personen ihres Stücks nicht anders
+umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit
+ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren Anteil an der allgemeinen
+Unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum Vergnügen
+der Gesellschaft, Sprünge und Männerchen machen müssen."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8.
+
+[2] Beim B. Jonson sind zwei Komödien, die er vom Humor benennt hat;
+die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of
+his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde
+auf die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch als
+den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst:
+
+ As when some one peculiar quality
+ Doth so possess a Man, that it doth draw
+ All his affects, his spirits, and his powers,
+ In their constructions, all to run one way.
+ This may be truly said to be a humour.
+ But that a rook by wearing a py'd feather,
+ The cable hatband, or the three-pil'd ruff,
+ A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot
+ On bis French garters, should affect a humour!
+ O, it is more than most rediculous.
+
+[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stücke des Jonson also sehr
+wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der
+Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals
+bei ihnen großenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation
+lächerlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen,
+müßte auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand
+der Komödie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen,
+sich durch etwas Eigentümliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine
+menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie
+wählt, sehr lächerlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber,
+wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene
+Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel
+zu speziell, als daß es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht
+des Drama vertragen könnte. Der überhäufte Humor in vielen englischen
+Stücken dürfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere
+derselben sein. Gewiß ist es, daß sich in dem Drama der Alten keine Spur
+von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wußten das Kunststück,
+ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter
+überhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann
+und wann Humor: wenn nämlich die historische Wahrheit oder die Aufklärung
+eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich
+habe Exempel davon fleißig gesammelt, die ich auch bloß darum in Ordnung
+bringen zu können wünschte, um gelegentlich einen Fehler
+wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir übersetzen
+nämlich itzt fast durchgängig Humor durch Laune; und ich glaube mir
+bewußt zu sein, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe
+sehr unrecht daran getan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt
+wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor
+und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade
+entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist,
+außer diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich hätte die Abstammung unsers
+deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben besser
+untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune
+das französische Humeur ausdrücke, daß es auch das englische Humour
+ausdrucken könnte; aber die Franzosen selbst können Humour nicht durch
+Humeur übersetzen.--Von den genannten zwei Stücken des Jonson hat das
+erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier gerügten Fehler
+weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so
+individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnlichen Natur nicht
+bestehen könnte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung
+so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem
+Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der
+wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiß weder wie noch warum;
+und ihr Gespräch ist überall durch ein paar Freunde des Verfassers
+unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingeführt sind und Betrachtung
+über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu
+behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an,
+daß alle die Personen in Umstände geraten, in welchen sie ihres Humors
+satt und überdrüssig werden.
+
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundneunzigstes Stück
+Den 25. März 1768
+
+Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den
+Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird nötig
+sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklärt zu haben
+versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur
+partikular wären, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß
+überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem
+Aristoteles übereinstimmen.
+
+"Wahrheit", sagt er, "heißt in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der
+allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher,
+als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit
+jener allgemeinen Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in
+der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge:
+einmal, die Sokratische Philosophie fleißig zu studieren; zweitens, sich
+um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil
+es der eigentümliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius
+accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere
+Ähnlichkeit erteilen zu können. Sich hiervon zu überzeugen, darf man nur
+erwägen, daß man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau
+halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der
+Künstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu ängstlich
+befleißigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten,
+und so die allgemeine Idee der Gattung auszudrücken verfehlen. Oder er
+kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemüht, sie aus zu
+vielen Fällen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange,
+zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich
+bloß in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses
+letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederländischen
+Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und
+nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schönheit
+entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man
+gleichfalls den niederländischen Meistern vorwirft und der dieser ist,
+daß sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine
+und reizende Natur sich zum Vorbilde wählen.
+
+Wir sehen also, daß der Dichter, indem er sich von der eigenen und
+besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit
+nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen
+Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegrübelt hatte und nicht ohne
+Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Nämlich, daß die poetische
+Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen könne. Denn, der
+poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters
+eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge;
+und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem göttlichen
+Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild
+von dem Bilde eines Bildes und liefert uns ursprüngliche Wahrheit nur
+gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernünftelei fällt
+weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehörig fasset und
+fleißig in Ausübung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles
+absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet,
+überspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden
+besondern Gegenstände und erhebt sich, soviel möglich, zu dem göttlichen
+Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus
+lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewöhnliche Lob,
+welches der große Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; daß
+sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere
+Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias
+estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr
+begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d'
+historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein
+wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den
+zwei großen Nebenbuhlern der griechischen Bühne soll befunden haben. Wenn
+man dem Sophocles vorwarf, daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle,
+so pflegte er sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so
+schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie wären:
+[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi
+eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen
+ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung,
+welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen
+vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische
+Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht
+hatte und von da aus das Leben übersehen wollte, hielt seinen Blick zu
+sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet,
+versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den
+vorhabenden Gegenständen nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr,
+aber auch dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die zur
+Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7]
+
+Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen
+müssen. Man könnte sagen, 'daß philosophische Spekulationen die Begriffe
+eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das
+Individuelle einschränken müßten. Das letztere sei ein Mangel, welcher
+aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den Menschen zu
+betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch
+abzuhelfen, daß man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin
+die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die
+allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen
+Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bücher hätten ihren
+allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer
+ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben
+können, ohne welche ihre Bücher sonst von keinem Werte sein würden.' Die
+Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwägung der allgemeinen
+Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein
+muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften
+entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, welches der
+beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen,
+wieweit und in welchem Grade von Stärke sich dieser oder jener Charakter,
+bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist
+einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Daß
+Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides
+war, sehr häufig sollten gewesen sein, läßt sich nicht wohl annehmen:
+auch werden, wo sich dergleichen in seinen übriggebliebenen Stücken etwa
+finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, daß sie auch einem
+gemeinen Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten sein,
+die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermögend ist; und
+auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit
+der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im
+Grunde eine Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches
+Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche
+Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber
+gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, wenn ich sie auch
+schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine
+Meinung zu erläutern dienen kann."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] De arte poet. v. 310. 317. 318.
+
+[2] De Orat. I. 51.
+
+[3] Nach Maßgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis
+formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret:
+sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam
+intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum
+dirigebat. (Cic. Or. 2.)
+
+[4] Plato de Repl., L. X.
+
+[5] "Dichtkunst", Kap. 9.
+
+[6] "Dichtkunst", Kap. 25.
+
+[7] Diese Erklärung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles
+gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Übersetzung scheinet Dacier
+zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Héros,
+comme ils devaient être et qu'Euripide les faisait comme ils étaient.
+Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd
+versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des
+Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren
+individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich
+dabei eine höhere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu
+erreichen fähig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese,
+sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewöhnlicherweise beigelegt:
+Sophocle tâchait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours
+bien plus ce qu'une belle Nature était capable de faire, que ce qu'elle
+faisait. Allein diese höhere moralische Vollkommenheit gehöret gerade zu
+jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht
+dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt,
+schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des
+Sophokles. Die weitere Ausführung hiervon verdienet mehr als eine Note.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundneunzigstes Stück
+Den 29. März 1768
+
+"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem
+Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll
+erfülltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Härte, mit der man
+sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit stärkere
+Bewegungsgründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. Eine
+solche heftige Gemütsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl
+schließen, muß immer sehr bereit sein, sich zu äußern. Elektra, kann er
+wohl einsehen, muß, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren
+Groll an den Tag legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen
+zu können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen darf? d.I.
+wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, ohne daß ein Mann, der
+mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften
+im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich?
+Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein.
+Sogar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier
+nicht hinlänglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt
+haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf
+das Äußerste getrieben hätte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die
+Geschichte dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine
+tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es
+der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die
+eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig
+und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Fälle als möglich; einzig
+und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche
+Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen im
+wirklichen Leben gewöhnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis
+in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der
+Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter
+von dem Euripides wirklich behandelt worden.
+
+In der schönen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes
+vorfällt, von dem sie aber noch nicht weiß, daß er ihr Bruder ist, kömmt
+die Unterredung ganz natürlich auf die Unglücksfälle der Elektra und auf
+den Urheber derselben, die Klytämnestra, sowie auch auf die Hoffnung,
+welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu
+werden. Das Gespräch, wie es hierauf weitergehet, ist dieses:
+
+Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er käme nach Argos zurück--
+
+Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals
+zurückkommen wird?
+
+Orestes. Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen, um den Tod
+seines Vaters zu rächen?
+
+Elektra. Sich eben des erkühnen, wessen die Feinde sich gegen seinen
+Vater erkühnten.
+
+Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen?
+
+Elektra. Sie mit dem nämlichen Eisen umbringen, mit welchem sie
+meinen Vater mordete!
+
+Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinem Bruder
+vermelden?
+
+Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!'
+
+Das Griechische ist noch stärker:
+
+[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes].
+
+'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht
+habe!'
+
+Nun kann man nicht behaupten, daß diese letzte Rede schlechterdings
+unnatürlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo
+unter ähnlichen Umständen die Rache sich ebenso heftig ausgedrückt hat.
+Gleichwohl, denke ich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders
+als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht für gut,
+ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umständen nur
+das: 'Jetzt sei dir die Ausführung überlassen! Wäre ich aber allein
+geblieben, so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nicht mißlingen
+sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!'
+
+Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus
+einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen
+Natur überhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemäßer ist, als die
+Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen überlassen, die
+es zu beurteilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere
+sein, als die ich angenommen: daß nämlich Sophokles seine Charaktere so
+geschildert, als er, unzähligen von ihm beobachteten Beispielen der
+nämlichen Gattung zufolge, glaubte, daß sie sein sollten; Euripides aber
+so, als er in der engeren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte, daß
+sie wirklich wären‹--".
+
+Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen
+Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sie unstreitig so viel feine
+Bemerkungen, daß es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen
+Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, daß er meine
+Absicht selbst darüber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu
+zeigen, daß auch Hurd, so wie Diderot, der Tragödie besondere, und nur
+der Komödie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem
+Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen
+poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget.
+Hurd erklärt sich nämlich so: der tragische Charakter müsse zwar
+partikulär oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er müsse
+die Art, zu welcher er gehöre, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber
+müsse das wenige, was man von ihm zu zeigen für gut finde, nach dem
+Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1]
+
+Und nun wäre die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen
+wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen wäre, sich nirgends in
+Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem
+daran gelegen ist, daß zwei denkende Köpfe von der nämlichen Sache nicht
+Ja und Nein sagen, könnte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung
+unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen.
+
+Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich dünkt, es ist
+eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar
+darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die
+eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter
+verneinen, ist nicht die nämliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet.
+Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die
+andere schlechterdings ausschlösse?
+
+In der ersten Bedeutung heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in
+welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat,
+zusammennimmt; es heißt mit einem Worte, ein überladener Charakter; es
+ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine
+charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heißt ein
+allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern
+oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine
+mittlere Proportion angenommen; es heißt mit einem Worte, ein
+gewöhnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern
+nur insofern der Grad, das Maß desselben gewöhnlich ist.
+
+Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der
+Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklären. Aber wenn denn nun
+Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als
+tragischen Charakteren erfodert: wie ist es möglich, daß der nämliche
+Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es
+möglich, daß er zugleich überladen und gewöhnlich sein kann? Und gesetzt
+auch, er wäre so überladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem
+getadelten Stücke des Jonson sind; gesetzt, er ließe sich noch gar wohl
+in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, daß er sich wirklich
+in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geäußert habe:
+würde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewöhnlicher sein, als
+jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet?
+
+Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, daß diese
+Blätter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich
+bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich
+mache. Meine Gedanken mögen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar
+sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei
+welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als
+Fermenta cognitionis ausstreuen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less
+representative of the kind than the comic; not that the draught of so
+much character as it is concerned to represent should not be general.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundneunzigstes Stück
+Den 1. April 1768
+
+Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn
+Romanus "Brüder" wiederholt.
+
+Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brüder" des Herrn Romanus?
+Nach einer Anmerkung nämlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brüder"
+des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi
+nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti
+Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine
+fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komödien zwar ohne seinen
+Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden.
+Noch itzt sind diejenigen Stücke, die sich auf unserer Bühne von ihm
+erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen
+Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie wäre gehöret worden.
+Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit
+seinen Arbeiten für das Theater so lange fortzufahren, bis die Stücke
+aufgehört hätten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafür die
+Stücke empfohlen hätte?
+
+Das meiste, was wir Deutsche noch in der schönen Literatur haben, sind
+Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, daß
+es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Männer, sagt
+man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschäfte, zu welchen sie
+die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komödien heißen
+Spielwerke; allenfalls nicht unnützliche Vorübungen, mit welchen man sich
+höchstens bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr beschäftigen darf. Sobald
+wir uns dem männlichen Alter nähern, sollen wir fein alle unsere Kräfte
+einem nützlichen Amte widmen; und läßt uns dieses Amt einige Zeit, etwas
+zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der
+Gravität und dem bürgerlichen Range desselben bestehen kann; ein hübsches
+Kompendium aus den höhern Fakultäten, eine gute Chronike von der lieben
+Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen.
+
+Daher kömmt es denn auch, daß unsere schöne Literatur, ich will nicht
+bloß sagen gegen die schöne Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen
+aller neuern polierten Völker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches
+Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an
+Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kräfte und Nerven, Mark
+und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein
+Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner
+Erholung und Stärkung, einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner
+alltäglichen Beschäftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann
+wohl z.E. in unsern höchst trivialen Komödien finden? Wortspiele,
+Sprichwörter, Späßchen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hört:
+solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnügt so gut
+es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschüttern will, wer
+zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und
+kömmt nicht wieder.
+
+Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst
+in die Welt tritt, kann unmöglich die Welt kennen und sie schildern. Das
+größte komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und
+leer; selbst von den ersten Stücken des Menanders sagt Plutarch,[1] daß
+sie mit seinen spätern und letztern Stücken gar nicht zu vergleichen
+gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, könne man schließen, was er
+noch würde geleistet haben, wenn er länger gelebt hätte. Und wie jung
+meint man wohl, daß Menander starb? Wieviel Komödien meint man wohl, daß
+er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfünfe; und nicht
+jünger als zweiundfunfzig.
+
+Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es
+sich noch der Mühe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von
+den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte
+Teil so viel Stücke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben
+das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es
+aber nur, und spreche!
+
+Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hören. Wir
+haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern,
+deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdächtig zu machen.
+"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich über alle Regeln
+hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie:
+ich glaube, damit wir sie auch für Genies halten sollen. Doch sie
+verraten zu sehr, daß sie nicht einen Funken davon in sich spüren, wenn
+sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdrücken
+das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken
+ließe! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm
+hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist
+ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es
+begreift und behält und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in
+Worten ausdrücken. Und diese seine in Worten ausgedrückte Empfindung
+sollte seine Tätigkeit verringern können? Vernünftelt darüber mit ihm, so
+viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Sätze
+den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von
+diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurück, die während der
+Arbeit auf seine Kräfte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die
+Erinnerung eines glücklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen
+glücklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, daß
+Regeln und Kritik das Genie unterdrücken können: heißt mit andern Worten
+behaupten, daß Beispiele und Übung eben dieses vermögen; heißt, das Genie
+nicht allein auf sich selbst, heißt es sogar lediglich auf seinen ersten
+Versuch einschränken.
+
+Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie über die
+nachteiligen Eindrücke, welche die Kritik auf das genießende Publikum
+mache, so lustig wimmern! Sie möchten uns lieber bereden, daß kein Mensch
+einen Schmetterling mehr bunt und schön findet, seitdem das böse
+Vergrößerungsglas erkennen lassen, daß die Farben desselben nur
+Staub sind.
+
+"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als
+daß es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen könne.--Es ist fast
+nötiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als
+darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Bühne
+muß durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren
+ist leichter als selbst erfinden."
+
+Heißt das, Gedanken in Worte kleiden: oder heißt es nicht vielmehr,
+Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn,
+die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was für
+Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden?
+--Schlaue Köpfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so
+wünschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so
+möchten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen,
+daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist; und glauben
+vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an,
+daß Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt
+zu haben!
+
+Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muß
+raisonnieren können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern
+trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind.
+
+Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang
+gehen und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren.
+Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel.
+Ihr Sommer ist so leicht abgewartet!
+
+Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei
+Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brüder" des Herrn Romanus[2]
+annoch über dieses Stück versprach!--Die vornehmsten derselben werden die
+Veränderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu müssen
+geglaubet, um sie unsern Sitten näher zu bringen.
+
+Was soll man überhaupt von der Notwendigkeit dieser Veränderungen sagen?
+Wenn wir so wenig Anstoß finden, römische oder griechische Sitten in der
+Tragödie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die
+Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein
+entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in
+unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter
+aufbürden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine
+Handlung vorgehen läßt, so genau als möglich zu schildern; da wir in
+dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen?
+"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach
+bloßer Eigensinn, bloße Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten
+Grund in der Natur. Das Hauptsächlichste, was wir in der Komödie suchen,
+ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber
+nicht so leicht versichert sein können, wenn wir es in fremde Moden und
+Gebräuche verkleidet finden. In der Tragödie hingegen ist es die
+Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen
+einheimischen Vorfall aber für die Bühne bequem zu machen, dazu muß man
+sich mit der Handlung größere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte
+Geschichte verstattet."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]",
+p. 1588. Ed. Henr. Stephani.
+
+[2] Dreiundsiebzigstes Stück.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundneunzigstes Stück
+Den 5. April 1768
+
+Diese Auflösung, genau betrachtet, dürfte wohl nicht in allen Stücken
+befriedigend sein. Denn zugegeben, daß fremde Sitten der Absicht der
+Komödie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer
+die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der
+Tragödie ein besseres Verhältnis haben, als fremde? Diese Frage ist
+wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne
+allzumerkliche und anstößige Veränderungen für die Bühne bequem zu
+machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch
+einheimische Vorfälle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragödie am
+leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so müßte es ja doch
+wohl besser sein, sich über alle Schwierigkeiten, welche sich bei
+Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten
+zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht
+alle einheimische Vorfälle so merklicher und anstößiger Veränderungen
+bedürfen; und die deren bedürfen, ist man ja nicht verbunden zu
+bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, daß es gar wohl
+Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben,
+als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat
+er auch schon entschieden, daß sich der Dichter um den wenigern Teil
+seiner Zuschauer, der von den wahren Umständen vielleicht unterrichtet
+ist, lieber nicht bekümmern, als seiner Pflicht minder Genüge
+leisten müsse.
+
+Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komödie haben, beruhet
+auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter
+braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu nötigen
+Beschreibungen und Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach
+ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig
+zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und
+befördern bei dem Zuschauer die Illusion.
+
+Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten
+Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als
+möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht an Nebenzwecke zu
+verschwenden, sondern sie ganz für den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm
+kömmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht
+hierauf antworten, daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß
+sie ihrer ganz und gar entübriget sein könne. Aber sonach braucht sie
+auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben
+und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von
+einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden.
+
+Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht
+bloß in der Komödie, sondern auch in der Tragödie, zum Grunde gelegt. Ja
+sie haben fremden Völkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer
+Tragödie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten
+leihen, als die Wirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische
+Sitten entkräften wollen. Auf das Kostüm, welches unsern tragischen
+Dichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der
+Beweis hiervon können vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und
+die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostüm binden zu dürfen
+glaubten, ist aus der Absicht der Tragödie leicht zu folgern.
+
+Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt
+gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, daß einheimische
+Sitten auch in der Tragödie zuträglicher sein würden, als fremde: so
+setze ich schon als unstreitig voraus, daß sie es wenigstens in der
+Komödie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, daß sie es sind:
+so kann ich auch die Veränderungen, welche Herr Romanus in Absicht
+derselben mit dem Stücke des Terenz gemacht hat, überhaupt nicht anders
+als billigen.
+
+Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und
+römische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhält
+seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch
+nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewöhnlichsten ist. Alle Anwendung
+fällt weg, wo wir uns erst mit Mühe in fremde Umstände versetzen müssen.
+Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je
+vollkommener die Fabel ist, desto weniger läßt sich der geringste Teil
+verändern, ohne das Ganze zu zerrütten. Und schlimm! wenn man sich sodann
+nur mit Flicken begnügt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen.
+
+Das Stück heißt "Die Brüder", und dieses bei dem Terenz aus einem
+doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea,
+sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind
+Brüder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den
+Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum
+unserm Verfasser diese Adoption mißfallen. Ich weiß nicht anders, als daß
+die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebräuchlich und vollkommen
+auf dem nämlichen Fuß gebräuchlich ist, wie sie es bei den Römern war.
+Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten
+Brüder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art
+erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch
+die zwei Alten wirkliche Väter; und das Stück ist wirklich eine Schule
+der Väter, d.i. solcher, denen die Natur die väterliche Pflicht
+aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar übernommen, die sich
+ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen
+Gemächlichkeit bestehen kann.
+
+ Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt!
+
+Sehr wohl! Nur schade, daß durch Auflösung dieses einzigen Knoten,
+welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide
+mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander
+fällt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene
+entstehen, die bloß die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre
+eigene Natur zusammenhält!
+
+Denn ist Aeschinus nicht bloß der angenommene, sondern der leibliche Sohn
+des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekümmern? Der Sohn eines
+Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, daß
+jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschähe es auch in der besten
+Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verführer mit
+aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem
+Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn
+des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als daß ich
+diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn öfters und
+ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhältnisse, in
+welchem er bei dem Terenz stehet, aber er läßt ihm die nämliche
+Ungestümheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhältnis berechtigen
+konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit ärger, als bei dem
+Terenz. Er will aus der Haut fahren, "daß er an seines Bruders Kinde
+Schimpf und Schande erleben muß". Wenn ihm nun aber dieser antwortete:
+"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du könntest an
+meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und
+bleibt, so wird, wie das Unglück, also auch der Schimpf nur meine sein.
+Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er
+beleidiget mich. Falls du mich nur immer so ärgern wil1st, so komm mir
+lieber nicht über die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses
+antwortete: nicht wahr, so wäre die Komödie auf einmal aus? Oder könnte
+Micio etwa nicht so antworten? Ja, müßte er wohl eigentlich nicht so
+antworten?
+
+Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er
+ein so liederliches Leben zu führen glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob
+ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet
+der römische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast
+mir, sagt er, deinen Sohn einmal überlassen; bekümmere dich um den, der
+dir noch übrig ist;
+
+ --nam ambos curare; propemodum
+ Reposcere illum est, quem dedisti--
+
+Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurückzugeben, ist es auch, die
+ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, daß sie
+alle väterliche Empfindungen bei ihm unterdrücken soll. Es muß den Micio
+zwar verdrießen, daß Demea auch in der Folge nicht aufhört, ihm immer die
+nämlichen Vorwürfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht
+verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gänzlich will verderben lassen.
+Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der für das Wohl dessen besorgt
+ist, für den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die
+unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea
+unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zänker, der sich aus
+Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf
+keine Weise an dem bloßen Bruder dulden müßte.
+
+
+
+
+Achtundneunzigstes Stück
+Den 8. April 1768
+
+Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten
+Brüderschaft, auch das Verhältnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke
+es dem deutschen Aeschinus, daß er[1] "vielmals an den Torheiten des
+Ktesipho Anteil nehmen zu müssen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der
+Gefahr und öffentlichen Schande zu entreißen". Was Vetter? Und schickt es
+sich wohl für den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige
+deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch
+inskünftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den
+Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das
+sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", müßte er ihm höchstens
+sagen, "soviel möglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest,
+daß er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter
+Name muß dir wertet sein, als seiner."
+
+Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an
+leiblichen Brüdern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern rühmet:
+
+ --Illius opera nunc vivo! Festivum caput,
+ Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo:
+ Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit.
+
+Denn der brüderlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen
+gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, daß unser Verfasser seinem Aeschinus
+die Torheit überhaupt zu ersparen gewußt hat, die der Aeschinus des
+Terenz für seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entführung hat er in
+eine kleine Schlägerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Jüngling
+weiter keinen Teil hat, als daß er sie gern verhindern wollen. Aber
+gleichwohl läßt er diesen wohlgezognen Jüngling für einen ungezognen
+Vetter noch viel zuviel tun. Denn müßte es jener wohl auf irgendeine
+Weise gestatten, daß dieser ein Kreatürchen, wie Citalise ist, zu ihm in
+das Haus brächte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner
+tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verführerische Damis, diese Pest
+für junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem
+liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die bloße
+Konvenienz des Dichters.
+
+Wie vortrefflich hängt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und
+notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus
+nimmt einem Sklavenhändler ein Mädchen mit Gewalt aus dem Hause, in das
+sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung
+seines Bruders zu willfahren, als um einem größern Übel vorzubauen. Der
+Sklavenhändler will mit diesem Mädchen unverzüglich auf einen auswärtigen
+Markt: und der Bruder will dem Mädchen nach; will lieber sein Vaterland
+verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3]
+Noch erfährt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluß. Was soll er tun?
+Er bemächtiget sich in der Geschwindigkeit des Mädchens und bringt sie in
+das Haus seines Oheims, um diesem gütigen Manne den ganzen Handel zu
+entdecken. Denn das Mädchen ist zwar entführt, aber sie muß ihrem
+Eigentümer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und
+freuet sich nicht sowohl über die Tat der jungen Leute, als über die
+brüderliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und über das Vertrauen,
+welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Größte ist geschehen; warum
+sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufügen, ihnen einen vollkommen
+vergnügten Tag zu machen?
+
+ --Argentum adnumeravit illico:
+ Dedit praeterea in sumptum dimidium minae.
+
+Hat er dem Ktesipho das Mädchen gekauft, warum soll er ihm nicht
+verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnügen? Da ist nach den
+alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit
+widerspräche.
+
+Aber nicht so in unsern "Brüdern"! Das Haus des gütigen Vaters wird auf
+das ungeziemendste gemißbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich
+gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanständigere Person,
+als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn
+das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt hätte, so
+würde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen
+haben. Er würde Citalisen die Türe gewiesen und mit dem Vater die
+kräftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so sträflich
+emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten.
+
+Überhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt
+geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster
+abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem
+Vetter über seinen Vater unterhält.[4]
+
+"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe,
+die du deinem Vater schuldig bist?
+
+Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir
+verlangen.
+
+Leander. Er sollte sie nicht verlangen?
+
+Lykast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb.
+Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte.
+
+Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst.
+Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst
+du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal;
+hernach will ich dich fragen.
+
+Lykast. Hm! Ich weiß nun eben nicht, was da geschehen würde. Auf
+allen Fall würde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich
+glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast
+täglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los wäre! wenn du nur weg wärest!'
+Heißt das Liebe? Kannst du verlangen, daß ich ihn wieder lieben soll?"
+
+Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichen Gesinnungen
+nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, fähig ist,
+verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des
+ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so
+müssen jenes Ausschweifungen kein grundböses Herz verraten; es müssen
+nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche
+Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach
+diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert.
+So streng ihn sein Vater hält, so entfährt ihm doch nie das geringste
+böse Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen könnte, macht
+er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er möchte seiner Liebe gern
+wenigstens ein paar Tage ruhig genießen; er freuet sich, daß der Vater
+wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daß er sich
+damit so abmatten,--so abmatten möge, daß er ganze drei Tage nicht aus
+dem Bette könne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze:
+
+ --utinam quidem
+ Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim,
+ Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere.
+
+Quod cum salute ejus fiat! Nur müßte es ihm weiter nicht schaden!--So
+recht! so recht, liebenswürdiger Jüngling! Immer geh, wohin dich Freunde
+und Liebe rufen! Für dich drücken wir gern ein Auge zu! Das Böse, das du
+begehst, wird nicht sehr böse sein! Du hast einen strengern Aufseher in
+dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Züge in der Szene,
+aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein
+abgefeimter Bube, dem Lügen und Betrug sehr geläufig sind: der römische
+hingegen ist in der äußersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch
+den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen könnte.
+
+ Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die.
+ Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam.
+ SY. Tanto nequior.
+ Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea?
+ SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest
+ fieri!
+
+Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Jüngling sucht
+einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlägt ihm eine Lüge vor. Eine
+Lüge! Nein, das geht nicht: non potest fieri!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18.
+
+[2] Seite 30.
+
+[3] Act. II. Sc. 4.
+
+ Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum
+ Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier.
+ Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob
+ parvulam
+ Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant.
+
+1. Erster Aufz., 6. Auftr.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundneunzigstes Stück
+Den 12. April 1768
+
+Sonach hatte Terenz auch nicht nötig, uns seinen Ktesipho am Ende des
+Stücks beschämt, und durch die Beschämung auf dem Wege der Besserung, zu
+zeigen. Wohl aber mußte dieses unser Verfasser tun. Nur fürchte ich, daß
+der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so
+leichtsinnigen Buben nicht für sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig
+als die Gemütsänderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in
+ihrem Charakter gegründet, daß man das Bedürfnis des Dichters, sein Stück
+schließen zu müssen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu
+schließen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiß überhaupt nicht,
+woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, daß der Böse
+notwendig am Ende des Stücks entweder bestraft werden oder sich bessern
+müsse. In der Tragödie möchte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns
+da mit dem Schicksale versöhnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der
+Komödie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt
+vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und
+kalt und einförmig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine
+Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie
+nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muß die Handlung sodann in
+etwas mehr, als in einer bloßen Kollision der Charaktere bestehen. Diese
+kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veränderung des
+einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stück, das wenig
+oder nichts mehr hat als sie, nähert sich nicht sowohl seinem Ziele,
+sondern schläft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision,
+die Handlung mag sich ihrem Ende nähern soviel als sie will, dennoch
+gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, daß das Ende ebenso
+lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das
+ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz
+und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hören,
+daß der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so können wir uns das
+übrige alles an den Fingern abzählen; denn es ist der fünfte Akt. Er wird
+anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besänftigen lassen,
+wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, daß er nie wieder zu
+einer solchen Komödie den Stoff geben kann: desgleichen wird der
+ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen;
+kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich
+sehen, der in dem fünften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters
+erraten kann! Die Intrige ist längst zu Ende, aber das fortwährende Spiel
+der Charaktere läßt es uns kaum bemerken, daß sie zu Ende ist. Keiner
+verändert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als
+nötig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der
+freigebige Micio wird durch das Manöver des geizigen Demea dahin
+gebracht, daß er selbst das Übermaß in seinem Bezeigen erkennst,
+und fragt:
+
+Quod proluvium? quae istaec subita est largitas?
+
+So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manöver des nachsichtsvollen
+Micio endlich erkennet, daß es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und
+zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.--
+
+Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser
+Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem
+Muster entfernt hat.
+
+Terenz sagt es selbst, daß er in die "Brüder" des Menanders eine Episode
+aus einem Stücke des Diphilus übertragen, und so seine "Brüder"
+zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entführung der
+Psaltria durch den Aeschinus: und das Stück des Diphilus hieß: "Die
+miteinander Sterbenden".
+
+ Synapothnescontes Diphili comoedia est--
+ In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit
+ Meretricem in prima fabula--
+ --eum hic locum sumpsit sibi
+ In Adelphos--
+
+Nach diesen beiden Umständen zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar
+Verliebte aufgeführet haben, die fest entschlossen waren, lieber
+miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiß, was
+geschehen wäre, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel
+geschlagen und das Mädchen für den Liebhaber mit Gewalt entführt hätte?
+Den Entschluß, miteinander zu sterben, hat Terenz in den bloßen Entschluß
+des Liebhabers, dem Mädchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie
+zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdrücklich: Menander mori
+illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note
+des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heißen? Ganz gewiß; wie Peter
+Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen,
+sagt es ja selbst, daß er diese ganze Episode von der Entführung nicht
+aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stück
+des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel.
+
+Indes muß freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten
+Entführung, in dem Stücke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein,
+an der Aeschinus gleicherweise für den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch
+er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende
+ihre Verbindung so glücklich beschleunigte. Worin diese eigentlich
+bestanden, dürfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben,
+worin sie will: so wird sie doch gewiß ebensowohl gleich vor dem Stücke
+vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafür gebrauchte Entführung. Denn
+auch sie muß es gewesen sein, wovon man noch überall sprach, als Demea in
+die Stadt kam; auch sie muß die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein,
+worüber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in
+welchem sich beider Gemütsarten so vortrefflich entwickeln.
+
+ --Nam illa, quae antehac facta sunt
+ Omitto: modo quid designavit?--
+ Fores effregit, atque in aedes irruit
+ Alienas--
+ --clamant omnes, indignissime
+ Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio,
+ Dixere? in ore est omni populo--
+
+Nun habe ich schon gesagt, daß unser Verfasser diese gewaltsame
+Entführung in eine kleine Schlägerei verwandelt hat. Er mag auch seine
+guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlägerei selbst
+nicht so spät hätte geschehen lassen. Auch sie sollte und müßte das sein,
+was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe
+sie geschieht, und man weiß gar nicht worüber? Er tritt auf und zankt,
+ohne den geringsten Anlaß. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der
+schlechten Aufführung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuß in die
+Stadt setzen, so höre ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute
+eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt
+gehört und worüber er ausdrücklich mit seinem Bruder zu zanken kömmt, das
+hören wir nicht und können es auch aus dem Stücke nicht erraten. Kurz,
+unser Verfasser hätte den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar
+verändern können, aber er hätte ihn nicht versetzen müssen! Wenigstens,
+wenn er ihn versetzen wollen, hätte er den Demea im ersten Akte seine
+Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach
+müssen äußern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.--
+
+Möchten wenigstens nur diejenigen Stücke des Menanders auf uns gekommen
+sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes
+denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den
+lateinischen Kopien sein würde.
+
+Denn gewiß ist es, daß Terenz kein bloßer sklavischer Übersetzer gewesen.
+Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stückes völlig beibehalten,
+hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstärkung oder
+Schwächung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne
+Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, daß sich Donatus immer
+so kurz und öfters so dunkel darüber ausdrückt (weil zu seiner Zeit die
+Stücke des Menanders noch selbst in jedermanns Händen waren), daß es
+schwer wird, über den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Künsteleien
+etwas Zuverlässiges zu sagen. In den "Brüdern" findet sich hiervon ein
+sehr merkwürdiges Exempel.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro
+Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius
+argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita
+cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur
+adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino
+adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex
+eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen
+fabulae inditum esse.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Hundertstes Stück
+Den 15. April 1768
+
+Demea, wie schon angemerkt, will im fünften Akte dem Micio eine Lektion
+nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre
+Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den
+Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er
+möchte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnügen
+zu haben, ihm am Ende sagen zu können: "Nun sieh, was du von deiner
+Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermögen
+dabei zusetzt, lassen wir uns den hämischen Spaß ziemlich gefallen. Aber
+nun kömmt es dem Verräter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten
+verlebten Mütterchen zu verkoppeln. Der bloße Einfall macht uns anfangs
+zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, daß es Ernst damit wird, daß sich
+Micio wirklich die Schlinge über den Kopf werfen läßt, der er mit einer
+einzigen ernsthaften Wendung hätte ausweichen können: wahrlich, so wissen
+wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea,
+oder auf den Micio.[1]
+
+"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir müssen von nun an mit diesen
+guten Leuten nur eine Familie machen; wir müssen ihnen auf alle Weise
+aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.--
+
+Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater.
+
+Micio. Ich bin gar nicht dagegen.
+
+Demea. Es schickt sich auch nicht anders für uns.--Denn erst ist sie
+seiner Frauen Mutter--
+
+Micio. Nun dann?
+
+Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar--
+
+Micio. So höre ich.
+
+Demea. Bei Jahren ist sie auch.
+
+Micio. Jawohl.
+
+Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist
+niemand, der sich um sie bekümmerte; sie ist ganz verlassen.
+
+Micio. Was will der damit?
+
+Demea. Die mußt du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus)
+mußt ja machen, daß er es tut.
+
+Micio. Ich? sie heiraten?
+
+Demea. Du!
+
+Micio. Ich?
+
+Demea. Du! wie gesagt, du!
+
+Micio. Du bist nicht klug.
+
+Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muß!
+
+Aeschinus. Mein Vater--
+
+Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen?
+
+Demea. Du sträubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders
+sein.
+
+Micio. Du schwärmst.
+
+Aeschinus. Laß dich erbitten, mein Vater.
+
+Micio. Rasest du? Geh!
+
+Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude!
+
+Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fünfundsechzigsten
+Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das
+könnet ihr mir zumuten?
+
+Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen.
+
+Micio. Versprochen gar?--Bürschchen, versprich für dich, was du
+versprechen wil1st!
+
+Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres wäre, warum er dich
+bäte?
+
+Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein könnte, wie das?
+
+Demea. So willfahre ihm doch nur!
+
+Aeschinus. Sei uns nicht zuwider!
+
+Demea. Fort, versprich!
+
+Micio. Wie lange soll das währen?
+
+Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen.
+
+Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen.
+
+Demea. Tu ein übriges, guter Micio.
+
+Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt
+finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner
+Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!"
+
+
+"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht
+zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen
+könnte, wäre dieses, daß er die nachteiligen Folgen einer übermäßigen
+Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so
+liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der
+Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle
+Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen
+muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise
+zu tadeln!"
+
+Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue
+englische Übersetzer des Terenz, Colman, will den größern Teil des Tadels
+auf den Menander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des
+Donatus beweisen zu können, daß Terenz die Ungereimtheit seines Originals
+in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nämlich:
+Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon.
+
+"Es ist sehr sonderbar", erklärt sich Colman, "daß diese Anmerkung des
+Donatus so gänzlich von allen Kunstrichtern übersehen worden, da sie, bei
+unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit
+verdienet. Unstreitig ist es, daß Terenz in dem letzten Akte dem Plane
+des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den
+Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch
+vom Donatus, daß dieser Umstand ihm selber anstößig gewesen, und er sein
+Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen
+eine solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des Menanders,
+wie es scheinet, nicht geäußert hatte."
+
+Es ist nicht unmöglich, daß ein römischer Dichter nicht einmal etwas
+besser könne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der bloßen
+Möglichkeit wegen möchte ich es gern in keinem Falle glauben.
+
+Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de
+nuptiis non gravatur, hießen so viel als: beim Menander sträubet sich der
+Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hießen? Wenn
+sie vielmehr zu übersetzen wären: beim Menander fällt man dem Alten mit
+der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari würde zwar allerdings
+jenes heißen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird
+gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja
+wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein
+leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie.
+
+Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Terenz? Er hätte sein
+Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er
+hätte die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die
+Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden.
+Terentius euretikon! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer
+nicht weit her ist!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Act. v. Sc. VIII.
+
+ De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus,
+ Quam maxime unam facere nos hanc familiam;
+ Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater.
+ Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet.
+ Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea?
+ De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior.
+ Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest:
+ Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem
+ agit?
+ De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare.
+ Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi.
+ Ineptis. De. Si tu sis homo,
+ Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine,
+ auscultas. De. Nihil agis,
+ Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi
+ pater.
+ Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es?
+ Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo
+ Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi?
+ Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor
+ puer.
+ De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum.
+ De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non
+ omittis?
+ Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age
+ prolixe Micio.
+ Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea
+ Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stück
+Den 19. April 1768
+
+Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang
+dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig
+Wochen, und die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundertundviere.
+Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen wöchentlichen
+Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre
+nur viere: ist ja so wenig!
+
+Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen,
+ausdrücklich hundert und vier Stück versprochen. Ich werde die guten
+Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen.
+
+Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon
+verschnitten: ich werde einflicken oder recken müssen.--Aber das klingt
+so stümpermäßig. Mir fällt ein,--was mir gleich hätte einfallen sollen:
+die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines
+Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will,
+und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu
+stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blätter nun füllen, die ich mir
+ganz ersparen wollte.
+
+Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel
+einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad
+scribendum appulit, anfinge?
+
+Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen
+Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr tun
+lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen
+könne: so weiß ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich träumen
+ließ, daß ich bei diesem Unternehmen wohl nützlich sein könnte?--Ich
+stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne
+Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese
+Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr
+gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur
+erboten; aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der
+ich mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte.
+
+Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war
+also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es
+könne? und wie ich es am besten könne?
+
+Ich bin weder Schauspieler noch Dichter.
+
+Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu
+erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen
+Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern.
+Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist
+ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren
+hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie
+hält. Was in den neuerern Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr
+bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich
+fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich
+emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen
+Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir
+heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich
+nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an
+fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu
+stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich
+zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie
+ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem
+Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die
+Krücke unmöglich erbauen kann.
+
+Doch freilich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte
+zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann: so auch die
+Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser
+ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde: so kostet
+es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von
+unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze
+Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle
+Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so
+ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit
+Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein
+kann, als ich.
+
+Was Goldoni für das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit
+dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu tun
+folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es
+auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la
+Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch
+schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen
+noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, daß die ersten
+Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen
+Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein
+Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken
+bleibt man am klügsten zu Hause.
+
+--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen,
+oder, wie es meinen rüstigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht,
+selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee
+zu diesem Blatte.
+
+Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der
+Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles
+von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe wert
+gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den
+grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer
+Hochachtung für das Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem
+Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen
+Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige
+Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der
+Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des
+Geschmacks darin bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Jahr
+der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst
+aufgeführet worden!
+
+Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu
+nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr
+lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie
+bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte
+mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine
+Didaskalie aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch
+nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz wäre, die eben dieser
+Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust,
+meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere
+itztlebende Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn
+sie gefunden hätten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes
+gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher
+verlorengegangen wären, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht
+werfen könnte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs
+des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der
+Prinzen vom Geblüte, oder nicht der Prinzen vom Geblüte, dieses oder
+jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie
+bei mir gesucht und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben.
+
+Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der
+Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser
+wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas
+anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres.
+
+"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters
+als des Schauspielers hier tun würde."
+
+Die letztere Hälfte bin ich sehr bald überdrüssig geworden. Wir haben
+Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche
+Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß
+ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber hat
+man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann
+erkannte, mit Deutlichkeit und Präzision abgefaßte Regeln, nach welchen
+der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen
+sei, deren wüßte ich kaum zwei oder drei. Daher kömmt es, daß alles
+Raisonnement über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig
+scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts
+als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget
+findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel
+glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln
+oder loben wollen. Überhaupt hat man die Anmerkung schon längst gemacht,
+daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem
+Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge
+der Grundsätze ihrer Künste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu
+deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte.
+
+Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das
+Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie hätte es
+auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die
+Wettläufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen
+alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das
+Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen
+Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das
+Publikum getan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas
+Schlimmers, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht
+befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen.
+--Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu
+verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von
+der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter.
+Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir
+sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Ausländischen, besonders
+noch immer die untertänigen Bewunderer der nie genug bewunderten
+Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine kömmt, ist schön,
+reizend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör,
+als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für
+Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein
+Geklingle von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen,
+als im geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses
+liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst
+sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben
+und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile
+erhalten hat.--
+
+Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung
+desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche.
+
+Ich war also genötiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des
+dramatischen Dichters hier wirklich könnte getan haben, mich bei denen zu
+verweilen, die sie vorläufig tun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit
+desto schnellern und größern zu durchlaufen. Es waren die Schritte,
+welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu
+gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen.
+
+Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische
+Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig,
+die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nötig ist,
+um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von
+niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen
+weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er
+bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen
+vermag, doch urteilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine
+Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem
+oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde, als
+ein Fisch.
+
+Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was
+mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das
+Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es
+vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen
+Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahieret hat. Ich habe von dem
+Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine
+eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitläufigkeit nicht äußern könnte.
+Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen
+erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein
+ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer
+sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so
+faßlich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese
+enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns
+die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu
+beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt
+entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu
+entfernen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted
+with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book
+(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was
+bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were
+always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased
+with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little
+in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the
+Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have
+the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with
+the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil
+etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.)
+
+[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro
+eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula
+aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos
+adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia
+praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi
+animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem,
+cum Didaskalias suas componeret.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Nach dieser Überzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster
+der französischen Bühne ausführlich zu beurteilen. Denn diese Bühne soll
+ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man
+uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stufe der
+Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern
+Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest
+geglaubt, daß bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel
+gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten.
+
+Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses
+ward, glücklicherweise, durch einige englische Stücke aus seinem
+Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die
+Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihr Corneille und
+Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen
+Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes
+zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln,
+mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten. Was schloß
+man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der
+Tragödie erreichen lasse; ja, daß diese Regeln wohl gar schuld sein
+könnten, wenn man ihn weniger erreiche.
+
+Und das hätte noch hingehen mögen!--Aber mit diesen Regeln fing man an,
+alle Regeln zu vermengen und es überhaupt für Pedanterei zu erklären, dem
+Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun müsse. Kurz, wir
+waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig
+zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die
+Kunst aufs neue für sich erfinden solle.
+
+Ich wäre eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen,
+wenn ich glauben dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese
+Gärung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich
+mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen,
+als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu
+bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr
+verkannt, als die Franzosen. Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über
+die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles
+fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen und das Wesentliche
+durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß
+notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit
+unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln
+kalkuliert hatte.
+
+Ich wage es, hier eine Äußerung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofür
+man will!--Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich
+nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?--
+
+Doch nein; ich wollte nicht gern, daß man diese Äußerung für Prahlerei
+nehmen könne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es
+zuverlässig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch
+lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig
+besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde
+nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den
+Aristoteles glaubet, wie ich.
+
+Eine Tonne, für unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie
+trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie
+ausgeworfen; besonders für den kleinen Walfisch in dem Salzwasser
+zu Halle!--
+
+Und mit diesem Übergange,--sinnreicher muß er nicht sein,--mag denn der
+Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu
+ich diese letztern Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern
+können, daß es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben
+der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat
+Klotz den Inhalt desselben bereits angekündiget hat?[1]--
+
+Aber was bekömmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jäckchen, daß er
+so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, daß ich
+ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl bloß zu seinem Vergnügen
+trommeln; und der Himmel weiß, wo er alles her hat, was die liebe Jugend
+auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der
+ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muß einen Wahrsagergeist
+haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm
+sonst sagen können, daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der
+Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheimen Ursachen
+entdecken können, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme
+beigelegt und das Probestück einer andern so erhoben habe? Ich war
+freilich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr
+geglaubt, daß es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen können es
+ihm auch unmöglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem
+Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern,
+wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und
+Zeitungsschreiber, mit solchen Kälbern pflügen wollen! Wenn sie zu ihren
+Beurteilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und
+Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stückchen aus der geheimsten
+Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen?
+
+"Ich würde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch
+den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen können, wenn nicht die
+Abhandlung wider die Buchhändler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als
+daß er das Werk bald beschließen könnte."
+
+Man muß auch einen Kobold nicht zum Lügner machen wollen, wenn er es
+gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem
+guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich
+wollte meinen Lesern erzählen, warum dieses Werk so oft unterbrochen
+worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon
+fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich über
+den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen,
+es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte über die nachteiligen Folgen
+des Nachdrucks überhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das
+einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das wäre ja sonach
+keine Abhandlung wider die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für
+sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und es gibt
+deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so
+ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft
+noch etwa weiß, das weiß es nur halb.--
+
+Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich
+nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht
+nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist:
+antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber
+vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende
+ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen
+ernstlich um Vergebung bitte.
+
+Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese
+Blätter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich
+ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich
+liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den
+Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die
+Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen
+ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts
+dabei, daß diese Hoffnung fehlschlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten
+darüber, daß ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an
+den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern
+wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wünschen ohnedem, daß
+ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen
+finden, der das Tageregister einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende
+führet und mir zeiget, was für einen periodischen Nutzen ich einem
+solchen periodischen Blatte hätte erteilen können und sollen.
+
+Denn ich will und kann es nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein
+Jahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße
+Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder
+verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er
+auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung
+gehen wird.
+
+Aber auch das kann mir sehr gleichgültig sein!--Ich möchte überhaupt
+nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es für ein großes Unglück
+hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen.
+Sie können von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil
+daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weiterm Belange durch die
+nämlichen Undienste scheitern könnten, durch welche meine gescheitert
+sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände
+Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie könnte
+verlieren, wenn einmal ein nützlicheres Werk eines bessern
+Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gäbe,
+die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste,
+unter ähnlichen Umständen unternommene Werk verunglücken sollte
+und müßte.
+
+In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es für meine
+Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben
+diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken
+erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und
+geschrieben, bei den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort
+so lautet:
+
+Nachricht an die Herren Buchhändler
+
+Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhändler entschlossen,
+künftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften
+in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die
+neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen
+mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen
+nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Hälfte zu
+verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhändler,
+welche wohl eingesehen, daß eine solche unbefugte Störung für alle
+Buchhändler zum größten Nachteil gereichen müsse, haben sich
+entschlossen, zu Unterstützung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten,
+und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen
+vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu
+unterstützen. Von den übrigen gutgesinnten Herren Buchhändlern erwarten
+wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch
+unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schönheit
+des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; übrigens
+aber uns bemühen, auf die unzählige Menge der Schleichhändler genau
+achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu höcken und zu
+stören anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende
+Herren Mitkollegen, daß wir keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt
+nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald
+jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht
+allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufügen, sondern auch
+nicht weniger denenjenigen Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu
+verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren
+Buchhändler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer
+Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhändler-
+Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu
+erwarten, ihren besten Verlag für die Hälfte des Preises oder noch weit
+geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhändlern von unsre
+Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir
+nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Vergütung
+widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, daß sich auch
+die übrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter
+Herren Buchhändler in kurzer Zeit legen werden.
+
+Wenn die Umstände erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach
+Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir
+empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen
+Mitkollegen,
+
+J. Dodsley und Compagnie.
+
+Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern
+Verbindung der Buchhändler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu
+steuern, so würde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen.
+Aber wie hat es vernünftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen können,
+diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen
+Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Straßenräuber werden?
+"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das möchte sein; wenn
+es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu
+rächen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind
+die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren
+wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das
+Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein?
+Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmälern, aus seinem
+eigentümlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er möglicherweise
+daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen
+Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das für erforderliche
+Eigenschaften? Daß man fünf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden
+gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf
+sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine
+Innung? Welches sind seine ausschließenden Privilegien? Wer hat sie
+ihm erteilt?
+
+Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so
+bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstümmeln, sondern auch
+das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Daß
+sie ihre Verteidigung beifügen--wenn anders eine Verteidigung für sie
+möglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie mögen sie auch in einem
+Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen
+seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen:
+selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei
+Histörchen und Anekdötchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache.
+Nur erkläre ich im voraus die geringste Insinuation, daß es gekränkter
+Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, für eine Lüge.
+Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es
+schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als
+einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhändlern, dessen Vermittelung
+ich ein solches Geschäft gern überlasse. Aber keiner von ihnen muß mir es
+auch verübeln, daß ich meine Verachtung und meinen Haß gegen Leute
+bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich
+nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen
+coup de main für sich: Dodsley und Compagnie aber wollen
+bandenweise rauben.
+
+Das beste ist, daß ihre Einladung wohl von den wenigsten dürfte angenommen
+werden. Sonst wäre es Zeit, daß die Gelehrten mit Ernst darauf dächten,
+das bekannte Leibnizische Projekt auszuführen.
+
+Ende des zweiten Bandes
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Neuntes Stück, S. 56.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstücke
+
+geordnet nach Autorennamen
+
+John Banks: Der Graf von Essex
+Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin
+Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift
+Chevalier de Cérou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter
+Pierre Corneille: Rodogune
+Thomas Corneille: Der Graf von Essex
+Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia
+Philippe Néricault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel
+Philippe Néricault Destouches: Das unvermutete Hindernis
+Philippe Néricault Destouches: Der poetische Dorfjunker
+Philippe Néricault Destouches: Der verborgene Schatz
+Philippe Néricault Destouches: Der verheiratete Philosoph
+Denis Diderot: Der Hausvater
+Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire
+Frederik Duim: Zaïre
+Charles Simon Favart: Soliman der Zweite
+Christian Fürchtegott Gellert: Die kranke Frau
+Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzösin
+Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie
+Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney
+Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe
+Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr
+Johann Christian Krüger: Herzog Michel
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Die Mütterschule
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Melanide
+Thomas l'Affichard: Ist er von Familie?
+Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde
+Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz
+Gotthold Ephraim Lessing: Miß Sara Sampson
+Johann Friedrich Löwen: Die neue Agnese
+Johann Friedrich Löwen: Das Rätsel
+Francesco Scipione Maffei: Merope
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten
+Molière: Die Frauenschule
+Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz
+Philemon von Syrakus: Der Schatz
+Plautus: Trinummus
+Philippe Quinault: Die kokette Mutter
+Jean François Regnard: Demokrit
+Jean François Regnard: Der Spieler
+Jean François Regnard: Der Zerstreute
+Karl Franz Romanus: Die Brüder
+Germain François Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter
+Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen
+Johann Elias Schlegel: Die stumme Schönheit
+Voltaire: Das Kaffeehaus
+Voltaire: Die Frau, die recht hat
+Voltaire: Merope
+Voltaire: Nanine
+Voltaire: Semiramis
+Voltaire: Zaïre
+Christian Felix Weiße: Amalia
+Christian Felix Weiße: Richard der Dritte
+
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstücke
+
+geordnet nach Titeln
+
+
+Amalia (Christian Felix Weiße)
+Cenie (Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny)
+Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Néricault Destouches)
+Das Kaffeehaus (Voltaire)
+Das Rätsel (Johann Friedrich Löwen)
+Das unvermutete Hindernis (Philippe Néricault Destouches)
+Demokrit (Jean François Regnard)
+Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys)
+Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der Finanzpachter (Germain François Poullain de Saint-Foix)
+Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Graf von Essex (John Banks)
+Der Graf von Essex (Thomas Corneille)
+Der Hausvater (Denis Diderot)
+Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cérou)
+Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel)
+Der poetische Dorfjunker (Philippe Néricault Destouches)
+Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel)
+Der Schatz (Philemon von Syrakus)
+Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand)
+Der Spieler (Jean François Regnard)
+Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel)
+Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand)
+Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der verborgene Schatz (Philippe Néricault Destouches)
+Der verheiratete Philosoph (Philippe Néricault Destouches)
+Der Zerstreute (Jean François Regnard)
+Die Brüder (Karl Franz Romanus)
+Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Die Frau, die recht hat (Voltaire)
+Die Frauenschule (Molière)
+Die Hausfranzösin (Luise Adelgunde Gottsched)
+Die kokette Mutter (Philippe Quinault)
+Die kranke Frau (Christian Fürchtegott Gellert)
+Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi)
+Die Mütterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée)
+Die neue Agnese (Johann Friedrich Löwen)
+Die stumme Schönheit (Johann Elias Schlegel)
+Herzog Michel (Johann Christian Krüger)
+Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard)
+Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld)
+Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée)
+Merope (Francesco Scipione Maffei)
+Merope (Voltaire)
+Miß Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing)
+Nanine (Voltaire)
+Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk)
+Richard der Dritte (Christian Felix Weiße)
+Rodogune (Pierre Corneille)
+Semiramis (Voltaire)
+Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset)
+Soliman der Zweite (Charles Simon Favart)
+Trinummus (Plautus)
+Zaïre (Frederik Duim)
+Zaïre (Voltaire)
+Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
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+
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+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10055 ***
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
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index 0000000..6312041
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+++ b/LICENSE.txt
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
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+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #10055 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10055)
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--- /dev/null
+++ b/old/10055-8.txt
@@ -0,0 +1,17781 @@
+Project Gutenberg's Hamburgische Dramaturgie, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hamburgische Dramaturgie
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: November 15, 2003 [EBook #10055]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+HAMBURGISCHE DRAMATURGIE
+
+von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
+
+
+
+Inhalt:
+
+Ankündigung
+Erster Band
+Zweiter Band
+Verzeichnis der Theaterstücke, nach Autorennamen geordnet
+Verzeichnis der Theaterstücke, nach Titeln geordnet
+
+
+
+
+Ankündigung
+
+Es wird sich leicht erraten lassen, daß die neue Verwaltung des hiesigen
+Theaters die Veranlassung des gegenwärtigen Blattes ist.
+
+Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man
+den Männern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders
+als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlänglich darüber erklärt,
+und ihre Äußerungen sind, sowohl hier, als auswärts, von dem feinern
+Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede
+freiwillige Beförderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern
+Zeiten sich versprechen darf.
+
+Freilich gibt es immer und überall Leute, die, weil sie sich selbst am
+besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten
+erblicken. Man könnte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern gönnen;
+aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst
+aufbringen; wenn ihr hämischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese
+scheitern zu lassen bemüht ist: so müssen sie wissen, daß sie die
+verachtungswürdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind.
+
+Glücklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die größere
+Anzahl wohlgesinnter Bürger sie in den Schranken der Ehrerbietung hält
+und nicht verstattet, daß das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen,
+und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen
+Aberwitzes werden!
+
+So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner
+Freiheit gelegen: denn es verdienet, so glücklich zu sein!
+
+Als Schlegel, zur Aufnahme des dänischen Theaters,--(ein deutscher
+Dichter des dänischen Theaters!)--Vorschläge tat, von welchen es
+Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, daß ihm keine
+Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war
+dieses der erste und vornehmste, "daß man den Schauspielern selbst die
+Sorge nicht überlassen müsse, für ihren Verlust und Gewinst zu
+arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu
+einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto
+nachlässiger und eigennütziger treiben läßt, je gewissere Kunden, je
+mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen.
+
+Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen wäre, als daß
+eine Gesellschaft von Freunden der Bühne Hand an das Werk gelegt und,
+nach einem gemeinnützigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden hätte:
+so wäre dennoch, bloß dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser
+ersten Veränderung können, auch bei einer nur mäßigen Begünstigung des
+Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen,
+deren unser Theater bedarf.
+
+An Fleiß und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an
+Geschmack und Einsicht fehlen dürfte, muß die Zeit lehren. Und hat es
+nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden
+sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und
+höre, und prüfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschätzig
+verhöret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden!
+
+Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster für das Publikum halte, und
+derjenige, dessen Erwartungen getäuscht werden, auch ein wenig mit sich
+selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht
+jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schönheiten eines
+Stücks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den
+Wert aller andern schätzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen
+einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre
+Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art
+verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als
+sie nach ihrer Art gewähren kann.
+
+Der Stufen sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der
+Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von
+dieser Höhe, natürlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fürchte
+sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist.
+
+Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht
+wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste,
+der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer
+geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.
+
+Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden
+Stücken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des
+Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stücke ist
+keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer
+Meisterstücke aufgeführet werden sollten, so sieht man wohl, woran die
+Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmäßige für nichts mehr
+ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens
+daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm
+Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum
+ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke müssen auch
+schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche Rollen
+haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Stärke zeigen kann.
+So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text
+dazu elend ist.
+
+Die größte Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn
+er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens unfehlbar zu
+unterscheiden weiß, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters,
+oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der
+andere versehen hat, heißt beide verderben. Jenem wird der Mut benommen,
+und dieser wird sicher gemacht.
+
+Besonders darf es der Schauspieler verlangen, daß man hierin die größte
+Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters
+kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer
+wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist
+in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich
+schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers
+mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen
+lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat.
+
+Eine schöne Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein
+reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge,
+die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen. Doch sind es auch weder
+die einzigen noch größten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schätzbare
+Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr nötig, aber noch lange nicht
+seinen Beruf erfüllend! Er muß überall mit dem Dichter denken; er muß da,
+wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, für ihn denken.
+
+Man hat allen Grund, häufige Beispiele hiervon sich von unsern
+Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums
+nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht,
+und der zu viel erwartet.
+
+Heute geschieht die Eröffnung der Bühne. Sie wird viel entscheiden; sie
+muß aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich
+die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es würde Mühe kosten, ein ruhiges
+Gehör zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher
+als mit dem Anfange des künftigen Monats erscheinen.
+
+Hamburg, den 22. April 1767.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Werke", dritter Teil, S. 252."
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Erster Band
+
+
+Erstes Stück
+Den 1. Mai 1767
+
+Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und
+Sophronia" glücklich eröffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit
+einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der
+Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre
+keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen ließe,
+daß man eine viel bessere hätte treffen können.
+
+"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein
+unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings für unsere
+Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das was
+er, nach dem Urteile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leisten
+können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische
+Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seinem
+sechsundzwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine
+wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen?
+
+Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine rührende
+Erzählung in ein rührendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar
+kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne
+Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese
+neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der
+Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzählers
+in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die
+Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers
+entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu
+lassen, daß dieser sympathisieren muß, er mag wollen oder nicht: das ist
+es, was dazu nötig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich
+langweilig zu erklären, tut, und was der bloß witzige Kopf nachzumachen,
+vergebens sich martert.
+
+Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus
+und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die
+Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die
+Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldenmütiger Diensteifer, der
+die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche
+der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die
+Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe
+so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden.
+Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine
+fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn
+verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natürlich, so wahr und
+menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch
+zu machen, daß nichts darüber!
+
+Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch
+Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen
+Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das
+wundertätige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum
+machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn
+dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der
+Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmöglich geben.
+Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verrät sich
+in mehrern Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem
+mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der gröbste Fehler aber ist, daß er
+eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als
+jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm "ein
+Sitz der falschen Götter", und den Priester selbst läßt er ausrufen:
+
+"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe rüsten, Ihr Götter?
+Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!"
+
+Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostüm, vom Scheitel
+bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche
+Ungereimtheiten sagen!
+
+Beim Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man
+eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine
+höhere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Täter.
+Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber
+Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr
+verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es
+wagen können, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des
+Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so
+ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmut. Beim Tasso läßt
+ihn bloß die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder
+mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloß um mit ihr zu sterben; kann er mit
+ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer
+Seite, an den nämlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nämlichen Feuer
+verzehret zu werden, empfindet er bloß das Glück einer so süßen
+Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe,
+und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und
+vertrauter sein möge, daß er Brust gegen Brust drücken und auf ihren
+Lippen seinen Geist verhauchen dürfe.
+
+Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz
+geistigen Schwärmerin und einem hitzigen, begierigen Jünglinge ist beim
+Cronegk völlig verloren. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit;
+beide haben nichts als das Märtertum im Kopfe; und nicht genug, daß er,
+daß sie für die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena
+hätte nicht übel Lust dazu.
+
+Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten,
+einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann.
+Die eine betrifft das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldenmütige
+Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu
+verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mehrern
+sieht, höret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in
+seinem "Kodrus" sehr versündiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum
+freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Kodrus allein auszeichnen
+sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art
+dastehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm
+im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht?
+sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere
+Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So
+auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles hält
+gemartert werden und sterben für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese
+frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung
+verlieren.
+
+Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere.
+Die Helden desselben sind mehrenteils Märtyrer. Nun leben wir zu einer
+Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als
+daß jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung
+aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten in den Tod stürzet, den Titel
+eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen
+Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr,
+als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische
+Träne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die
+Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Träne ist keine
+von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der
+Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die
+lautersten und triftigsten Bewegungsgründe gebe! daß er ihn ja in die
+unumgängliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich
+der Gefahr bloßstellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen,
+nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum
+Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter
+leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein ebenso nichtswürdiger
+Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher
+den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es
+entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher
+Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen
+konnte; daß es noch Länder gibt, wo er der frommen Einfalt nichts
+Befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig
+für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu
+werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle,
+wenn er nicht bloß schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen,
+hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in
+Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu
+schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt,
+läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern;
+nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart
+zu bestärken.
+
+
+
+Zweites Stück
+Den 5. Mai 1767
+
+Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend,
+würde über die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So überzeugt wir
+auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein mögen, so wenig
+können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem
+Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen
+entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in
+der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das
+Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgründe zu
+jedem Entschlusse, zu jeder Änderung der geringsten Gedanken und
+Meinungen, müssen, nach Maßgebung des einmal angenommenen Charakters,
+genau gegeneinander abgewogen sein, und jene müssen nie mehr
+hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen können.
+Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail,
+über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur
+einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er
+uns abgetäuschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Szene des dritten
+Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der
+Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätten bewegen können, aber
+viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar
+keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das
+Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz
+zuvor erfahren, daß ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine,
+erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhern Macht in die
+Reihe natürlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand
+hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater
+gehen dürfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des
+Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Großmut und Ermahnungen bestürmet
+und bis in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit
+der Religion, an deren Bekennern er so viel Großes sieht, mehr vermuten,
+als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermutung
+unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte
+geschehen müssen.
+
+Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide
+Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr
+geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer
+christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein
+Stück, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist
+ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren
+Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille
+Gelassenheit, die unveränderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Züge
+sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch
+Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung
+einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben der Uneigennützigkeit,
+mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen
+und vollzogen zu sehen wünschen?
+
+Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann,
+wieviel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten
+unwidersprechlich widerlegt, wäre also mein Rat:--man ließe alle
+bisherige christliche Trauerspiele unaufgeführet. Dieser Rat, welcher aus
+den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts
+als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter,
+weil er den schwächern Gemütern zustatten kömmt, die, ich weiß nicht
+welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an
+einer heiligern Stätte gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das
+Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoß geben; und ich wünschte,
+daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte.
+
+Cronegk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges
+gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazugefüget; eine Feder
+--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der
+Ergänzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als
+sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am
+besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim
+Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der
+uneigennützigsten Großmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt
+gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei
+Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu
+rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den
+Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen
+Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fünften Akte!"
+antwortete dieser. In Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse
+Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres
+Leben versprachen.--
+
+Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So
+mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich
+schweige von der äußeren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters
+erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hilfe dazu nötig ist, sind
+bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die
+Künstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande.
+
+Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden sein, wenn unter
+vier, fünf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet
+haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Notnagel so
+sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach
+Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer
+ein Garrick ist.
+
+Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im
+Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann
+eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch
+immer für den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle übrige
+Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses,
+daß er Sittensprüche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen
+Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer
+Innigkeit zu sagen weiß, daß das Trivia1ste von dieser Art in seinem
+Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält.
+
+Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem
+"Kodrus" und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze
+ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von
+dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu
+werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für
+Ede1steine, und witzige Antithesen für gesunden Verstand einzuschwatzen.
+Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere
+Wirkung auf mich. Die eine,
+
+"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht."
+
+Die andere,
+
+"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht."
+
+Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und
+dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrückt,
+wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrechen läßt. Teils dachte
+ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet
+Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm
+erwerben, und ein Sokrates würde sie gern besuchen. Teils fiel es mir
+zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese
+vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an
+jenem Gemurmle den meisten Anteil möge gehabt haben. Es ist nur ein Athen
+gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Pöbel das
+sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautern Moral
+wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater
+herabgestürmet zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem
+Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert,
+entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht
+haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß
+dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht
+anders als so habe urteilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit
+muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der
+Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er annimmt, ein Mensch
+könne das Böse, um des Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften
+Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen
+sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so
+gräßlich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines
+schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden für die höchste Schönheit des
+Trauerspieles hält. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum
+alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer
+falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, daß
+ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen. Priester haben in den
+falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht
+weil sie Priester, sondern weil sie Bösewichter waren, die, zum Behuf
+ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes
+gemißbraucht hätten.
+
+Wenn die Bühne so unbesonnene Urteile über die Priester überhaupt ertönen
+läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie
+als die grade Heerstraße zur Hölle ausschreien?
+
+Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von
+dem Schauspieler sprechen.
+
+
+
+Drittes Stück
+Den 8. Mai 1767
+
+Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), daß wir auch die
+gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein
+anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso
+unterhaltend finden sollen?
+
+Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund
+übergehet; man muß ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu
+prahlen scheinen.
+
+Es verstehst sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich
+wohl gelernet sein wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten
+Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer
+Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskramungen des
+Gedächtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage
+der Sachen scheinen.
+
+Ebenso ausgemacht ist es, daß kein falscher Akzent uns muß argwöhnen
+lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den
+richtigsten, sichersten Ton überzeugen, daß er den ganzen Sinn seiner
+Worte durchdrungen habe.
+
+Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei
+beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch
+von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man
+einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtnis gepräget hat, lassen
+sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern
+Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele
+muß ganz gegenwärtig sein; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein
+auf ihre Reden richten, und nur alsdann--
+
+Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch
+keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das
+streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man
+sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht
+ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen
+äußern Merkmalen urteilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge
+in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten,
+oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse
+Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen
+wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere
+Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und
+ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir
+glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche.
+Gegenteils kann ein anderer so glücklich gebauet sein; er kann so
+entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so
+geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen
+der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime
+erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt sein, daß er uns in
+denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, sondern nach irgendeinem
+guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen
+wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische
+Nachäffung ist.
+
+Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte,
+dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug
+nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln
+bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch
+deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der
+Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen,
+hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden) er zu
+einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer
+derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber
+doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den
+nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren
+Dasein wir fast allein auf das innere Gefühl zuverlässig schließen zu
+können glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die äußerste Wut des Zornes
+ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht
+verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen,
+noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in
+Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergröbsten Äußerungen
+des Zornes einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat und
+getreu nachzumachen weiß--den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den
+rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der
+Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne usw.--wenn er,
+sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will,
+gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl
+von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da
+auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht bloß von unserm
+Willen abhangen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen,
+seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein
+scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es
+sein sollte.
+
+Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt habe ich mir zu
+bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung
+begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und
+welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder
+Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann.
+Mich dünkt folgendes.
+
+Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von
+Sammlung der Seele und ruhiger Überlegung verlangt. Er will also mit
+Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt sein.
+
+Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindrücken,
+welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist
+kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine generalisierte Empfindung,
+und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung
+gesprochen sein.
+
+Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kälte?--
+
+Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach
+Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht.
+
+Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam
+einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück oder ihre
+Pflichten bloß darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um
+durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu genießen,
+diese desto williger und mutiger zu beobachten.
+
+Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral
+(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam
+von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der
+Vernunft, stürmischen Ausbrüchen den Schein vorbedächtlicher
+Entschließungen geben zu wollen scheinen.
+
+Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen
+gemäßigten und feierlichen. Denn dort muß das Raisonnement in Affekt
+entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskühlen.
+
+Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen
+Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stürmisch heraus, als
+das übrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als
+das übrige. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder
+in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und daß wir sie in
+jenen ebenso unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie
+überlegten nie, daß die Stickerei von dem Grunde abstechen muß, und Gold
+auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist.
+
+Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn
+sie deren dabei machen sollen, noch was für welche. Sie machen
+gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende.
+
+Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln
+scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie
+umgibt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des
+Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die
+Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand
+der Ruhe, um die innere Ruhe auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft
+nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß
+fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrechten
+Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer
+feierlichen Stille, als ob er sich nicht stören wollte, sich selbst zu
+hören. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die
+Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu
+befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmählich
+das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben,
+während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch
+in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urplötzlich
+in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen
+ausdrückenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande
+des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte,
+mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen
+sein will.
+
+Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein;
+nur mit dem Unterschiede, daß der Teil der Aktion, welcher dort der
+feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der
+feurige sein muß. Nämlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte
+Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften
+Empfindungen einen höhern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird
+sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen,
+dazu beitragen lassen; die Hände werden in voller Bewegung sein; nur der
+Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge
+wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern
+herausarbeiten möchte.
+
+
+
+Viertes Stück
+Den 12. Mai 1767
+
+Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in
+ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet?
+
+Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln,
+welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgeschrieben hatten, wissen
+wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händesprache zu
+einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner
+darin zu leisten imstande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreifen
+lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein
+unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermögen,
+Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte
+Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, daß sie nicht
+bloß eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes
+fähig werden.
+
+Ich bescheide mich gern, daß man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit
+dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bei
+weitem so geschwätzig nicht, als die Hände des Pantomimens. Bei diesem
+vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den
+Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natürliche
+Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben
+verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände
+nicht bloß natürliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle
+Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler gänzlich enthalten.
+
+Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber
+ebensowenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts
+damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den
+gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch
+ein so großer Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich
+das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald
+mit der linken Hand die Hälfte einer krieplichten Achte, abwärts vom
+Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich
+wegrudern, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen
+Tanzmeistergrazie zu tun geübt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern
+zu können.
+
+Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand
+in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit
+allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres
+Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es
+ihnen nur zur Übung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um
+den Armen die Biegungen des Reizes geläufig zu machen; nicht aber in der
+Meinung, daß das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung
+solcher schönen Linien, immer nach der nämlichen Direktion, bestehe.
+
+Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen
+Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse;
+und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und
+endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Sprüchelchen aufsagen, wenn
+der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher
+man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam
+vom Rocken spinnet.
+
+Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muß
+bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man
+nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal
+Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von
+malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren
+Gebrauch, in Beispielen zu erläutern. Itzt würde mich dieses zu weit
+führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine
+Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat,
+und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind
+dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist
+ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umständen der handelnden Personen
+gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd,
+er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem
+weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhörer nicht bemerkt
+oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung
+sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das
+Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein
+können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen.
+
+Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie
+mir es itzt beifällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit
+einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt,
+Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den
+Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein
+alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrüglichkeit unsrer
+Hoffnungen zu Gemüte führen.
+
+"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!"
+
+Sein Sohn ist ein feuriger Jüngling, und in der Jugend ist man vorzüglich
+geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen.
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft."
+
+Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler
+nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Jüngling nicht ganz
+niederschlagen und fähret fort:
+
+"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft."
+
+Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als
+schönen Bewegung des Armes begleiten, würde weit schlimmer sein, als sie
+ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die,
+welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt.
+Die Zeile,
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft"
+
+muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterlichen Warnung, an und gegen den
+Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne
+leichtgläubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung
+veranlaßt. Die Zeile hingegen,
+
+"Das Alter quält sich selbst, weil es zu wenig hofft"
+
+erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene
+Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich notwendig
+gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evander diesen Satz aus
+eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sei, von dem er gelte.
+
+Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der
+moralischen Stellen wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin findet,
+hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe
+nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie
+angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloß
+gelingt, sondern der es macht!
+
+Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig
+eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals
+gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein
+falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den
+verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit
+einer Präzision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste
+Erklärung, den vol1ständigsten Kommentar erhält. Sie verbindet damit
+nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr glücklichen
+Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube
+die Liebeserklärung, welche sie dem Olint tut, noch zu hören:
+
+ "--Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen;
+ Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen.
+ Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir--
+ Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir;
+ Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute,
+ War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite.
+ Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin,
+ Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin.
+ Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen,
+ Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen,
+ Verbrechern gleichgestellt, unglücklich und ein Christ,
+ Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist:
+ Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!"
+
+Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst
+beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher
+Überströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit
+ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie
+überraschend brach sie auf einmal ab und veränderte auf einmal Stimme und
+Blick und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die
+dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde
+geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen
+Tone der Verwirrung, kam endlich
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe
+sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß
+sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein
+zärtliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewöhnt sonst
+in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die
+Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere
+Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimütigkeit wieder da. Sie
+fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze
+des Affekts fort:
+
+ "--Und stolz auf meine Liebe,
+ Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann,
+ Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an."
+
+Denn die Liebe äußert sich nun als großmütige Freundschaft: und die
+Freundschaft spricht ebenso dreist, als schüchtern die Liebe.
+
+
+
+
+Fünftes Stück
+Den 15. Mai 1767
+
+Es ist unstreitig, daß die Schauspielerin durch diese meisterhafte
+Absetzung der Worte
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in
+dem nämlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste
+Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen
+Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den
+Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den
+Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen
+sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer sein, als so
+ein Vorwurf? Freilich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses
+Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern
+übel aussehen.
+
+Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes,
+widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch
+der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die
+schöne Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte
+Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer
+aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von
+Weibe, als mit himmelbrütenden Schwärmern sympathisieren. Nur gegen das
+Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns ebenso
+gleichgültig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt
+sie von einem Äußersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt,
+so fügt sie hinzu:
+
+"Wirst du mein Herz verschmähn? Du schweigst?--Entschließe dich; Und wenn
+du zweifeln kannst--so zittre!--
+
+So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der
+Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll
+vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen?
+--O wenn es der Schauspielerin eingefallen wäre, für diese ungezogene
+weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte
+zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget
+zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint
+verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das
+ist so unartig als lächerlich.
+
+Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den
+Schranken des Woh1standes und der Mäßigung zu erhalten? Er fährt fort,
+Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu
+lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr statt.
+
+Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun könnte,
+wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so
+ganz hinreißen ließe, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die
+äußerste Wut nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit
+den gewaltsamsten Gebärden ausdrückte.
+
+Wenn Shakespeare nicht ein ebenso großer Schauspieler in der Ausübung
+gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch
+wenigstens ebenso gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der
+Kunst des andern gehöret. Ja vielleicht hatte er über die Kunst des
+erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu
+hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die
+Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle
+Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beifalle gelegen ist. "Ich
+bitte euch", läßt er ihn unter andern zu den Komödianten sagen, "sprecht
+die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muß nur eben darüber
+hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von
+unsern Schauspielern tun: seht, so wäre mir es ebenso lieb gewesen, wenn
+der Stadtschreier meine Verse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer
+Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles hübsch artig; denn
+mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung
+beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt."
+
+Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich
+so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche
+es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am
+unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein könne, als es die
+Umstände erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, daß
+in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig
+Verstand zeige. Überhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem
+Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist
+es wohl unstreitig, daß der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber
+das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle
+Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem
+Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der
+Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu sehen wünschen,
+wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem
+Verstande anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein,
+dessen Mäßigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß bloß jene Heftigkeit der
+Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden,
+warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet
+hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es
+gibt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig
+würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten
+edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren
+beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Äußerung der heftigen
+Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein
+könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch
+noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen und ihm
+das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen.
+
+Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Künsten
+und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muß zwar die Schönheit
+ihr höchstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie
+ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten
+Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde
+eines Tempesta, das Freche eines Bernini öfters erlauben; es hat bei ihr
+alle das Ausdrückende, welches ihm eigentümlich ist, ohne das
+Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den
+permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzu lang darin verweilen;
+nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmählich vorbereiten
+und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des
+Wohlanständigen auflösen; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu
+der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar
+eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich
+machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die
+Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfälscht
+überliefern soll.
+
+Es könnte leicht sein, daß sich unsere Schauspieler bei der Mäßigung, zu
+der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in
+Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden dürften.--Aber welches
+Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein großer Liebhaber des Lärmenden
+und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten
+Händen zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von
+diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem
+Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rafft sich, gegen
+das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal
+die Stimme und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn
+seiner Rede diese höhere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten
+widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was
+tut das ihm? Genug, daß er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam
+auf ihn zu sein, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschen.
+Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug,
+teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen,
+für die Tat.
+
+Ich getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem
+Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht sein müssen, Fehler zu
+bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste
+nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir
+ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten
+lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die
+Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet.
+
+Den Beschluß des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit",
+ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französischen des Le Grand.
+Es ist eines von den drei kleinen Stücken, welche Le Grand unter
+dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die
+französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits
+einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die lächerlichen Verliebten",
+behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der
+dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind
+sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie es sich mehr
+für eine satirische Erzählung, als auf die Bühne schickt. Der Sieg der
+Zeit über Schönheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung
+eines sechzigjährigen Gecks und einer ebenso alten Närrin, daß die
+Zeit nur über ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar
+lächerlich; aber diesen Geck und diese Närrin selbst zu sehen, ist
+ekelhafter, als lächerlich.
+
+
+
+Sechstes Stück
+Den 19. Mai 1767
+
+Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem großen
+Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem
+Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen
+Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige
+Miene des Scherzes zu geben. Womit könnte ich diese Blätter besser
+auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie.
+Sie bedürfen keines Kommentars. Ich wünsche nur, daß manches darin nicht
+in den Wind gesagt sei!
+
+Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der
+Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden
+Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte.
+
+Prolog
+(Gesprochen von Madame Löwen)
+
+ Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel
+ Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel:
+ Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen,
+ Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen;
+ Wenn bald die süße Trän', indem das Herz erweicht,
+ In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht,
+ Bald die bestürmte Seel', in jeder Nerv' erschüttert,
+ Im Leiden Wollust fühlt und mit Vergnügen zittert!
+ O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt,
+ Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners wälzt,
+ Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket,
+ Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket,
+ Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt,
+ Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert?
+ Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde,
+ Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde;
+ Weiht sie, die Lehrerin der Könige zu sein,
+ Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein;
+ Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Tränen zu ergötzen,
+ Das stumpfeste Gefühl der Menschenliebe wetzen;
+ Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun
+ Die Bosheit bändigen und an den Seelen baun;
+ Wohltätig für den Staat, den Wütenden, den Wilden
+ Zum Menschen, Bürger, Freund und Patrioten bilden.
+ Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit
+ Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit;
+ Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter,
+ Und Macht wird oft der Schutz erhabner Bösewichter.
+ Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat,
+ Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat!
+ Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen,
+ Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen,
+ Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit
+ Für eines Solons Geist den Geist der Drückung leiht!
+ Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen,
+ Das Schwert der Majestät aus ihren Händen drehen:
+ Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls
+ Der Redlichkeit, den Fuß der Freiheit auf den Hals.
+ Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten,
+ Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten!
+ Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann,
+ Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann,
+ Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt es, sie zu decken?
+ Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken.
+ Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?--
+ Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geißel trägt,
+ Die unerschrockne Kunst, die allen Mißgestalten
+ Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten;
+ Die das Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt,
+ Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind;
+ Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erblödet,
+ Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet;
+ Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeiz nüchtern macht,
+ Den Heuchler züchtiget und Toren klüger lacht;
+ Sie, die zum Unterricht die Toten läßt erscheinen,
+ Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen.
+ Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier;
+ In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier.
+ Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Tränen flossen,
+ Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen;
+ Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint
+ Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint:
+ Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet und gescheuet
+ Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet.
+ Lang hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn:
+ In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen!
+ Hier, in dem Schoß der Ruh', im Schutze weiser Gönner,
+ Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner;
+ Hier reifet--ja ich wünsch', ich hoff', ich weissag' es!--
+ Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles,
+ Der Gräciens Kothurn Germanien erneute:
+ Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der eure.
+ O seid desselben wert! Bleibt eurer Güte gleich,
+ Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch!
+
+
+
+Epilog
+(Gesprochen von Madame Hensel)
+
+ Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ!
+ So lieblos hasset der, dem Irrtum nützlich ist,
+ Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache,
+ Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache.
+ Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt,
+ Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt.
+ So konnt' er sein Gespinst von Lügen mit den Blitzen
+ Der Majestät, mit Gift, mit Meuchelmord beschützen.
+ Wo Überzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut:
+ Die Wahrheit überführt, der Irrtum fodert Blut.
+ Verfolgen muß man die und mit dem Schwert bekehren,
+ Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren.
+ Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach
+ Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Mörder nach
+ Und muß mit seinem Schwert den, welchen Träumer hassen,
+ Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit würgen lassen.
+ Abscheulichs Meisterstück der Herrschsucht und der List,
+ Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist!
+ O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen,
+ In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen,
+ Dich, die ihr Blutpanier oft über Leichen trug,
+ Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch!
+ Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme
+ Laut für die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme
+ Ein schuldlos Opfer ward und für die Wahrheit sank:
+ Habt Dank für dies Gefühl, für jede Träne Dank!
+ Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes:
+ Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes!
+ Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind,
+ Zwar schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind.
+ Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Tränen,
+ Die sonst kein Vorwurf trifft, als daß sie anders wähnen!
+ Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu,
+ Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei;
+ Der für die Wahrheit glüht und, nie durch Furcht gezügelt,
+ Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt.
+ Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert:
+ O wohl uns! hätten wir, was Cronegk schön gelehrt,
+ Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben,
+ Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben!
+ Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist;
+ Er war, und--o verzeiht die Trän'!--und starb, ein Christ.
+ Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten,
+ Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten.
+ Versaget, hat euch itzt Sophronia gerührt,
+ Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt,
+ Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre,
+ Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zähre.
+ Uns aber, edle Freund', ermuntre Gütigkeit;
+ Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht.
+ Verzeihung mutiget zu edelerm Erkühnen,
+ Und feiner Tadel lehrt das höchste Lob verdienen.
+ Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins für einen Garrick sind;
+ Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen,
+ Und--doch nur euch gebührt zu richten, uns zu schweigen.
+
+
+
+
+Siebentes Stück
+Den 22. Mai 1767
+
+Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner höchsten Würde, indem er es
+als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es gibt Dinge in dem
+sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren
+Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich und in sich
+selbst zu veränderlich sind, als daß sie wert oder fähig wären, unter der
+eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere,
+gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren
+Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren
+Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz
+entgehen oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich
+will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des
+Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf außerordentliche
+Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen
+und das Herz in Tumult setzen, die Tragödie einzuschränken. Das Genie
+lacht über alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch
+unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Vorwurf entweder
+diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet und die
+eigentlichen Gegenstände desselben nur insofern behandelt, als sie sich
+entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche
+verbreiten.
+
+Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil
+der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von
+dem Hrn. von Cronegk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff
+aus den unglücklichen Zeiten der Kreuzzüge genommen ist, die Toleranz
+predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den
+Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese
+Kreuzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der
+Päpste waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten
+Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig
+gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die
+wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben,
+zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das
+rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten?
+Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat,
+das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und
+Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein
+Anlaß dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr
+natürlich und dringend finden sollte.
+
+Übrigens stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bei, welches der
+Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich
+bereden lassen, daß er mit mir über den poetischen Wert des kritisierten
+Stückes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen
+gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern
+durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen
+bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken
+lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen.
+Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu
+verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die
+lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit
+schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er
+entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre
+erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den
+Verfassern der "Bibliothek der schönen Wissenschaften" gekrönet, aber
+wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die
+damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die
+ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so
+bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein
+Hinkender.
+
+Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von
+der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt:
+
+ "Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins für einen Garrick sind."
+
+Quin, habe ich darwider erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler
+gewesen.--Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die
+Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson,
+gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil für seine
+Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil für sich:
+man weiß, daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er
+besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten gewußt; daß
+er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer größten Vollkommenheit
+gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das
+Mißverständnis liegt bloß darin, daß man annimmt, der Dichter habe diesem
+allgemeinen und außerordentlichen Schauspieler einen schlechten, und für
+schlecht durchgängig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier
+einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht;
+einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm
+zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich
+spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu
+Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte
+ein guter Schauspieler heißen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der
+Proteus in seiner Kunst zu sein, für den das einstimmige Gerücht schon
+längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel,
+den König im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komödie
+waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick
+anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick
+der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken,
+sondern er war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu
+erschrecken? Gewiß und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so
+würden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der
+andere hingegen, der König, schien wohl auch etwas gerührt zu sein, aber
+als ein guter Akteur gab er sich doch alle mögliche Mühe, es zu
+verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch
+einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein
+Aufhebens macht!"
+
+Bei den Engländern hat jedes neue Stück seinen Prolog und Epilog, den
+entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu
+die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu
+unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde
+liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar
+nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei
+darin zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm
+bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl über ihn als
+über die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des
+Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die
+völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte,
+darin erzählen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von
+Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die
+geschilderten Sitten und über die Kunst, mit der sie geschildert worden;
+und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern
+sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts
+Ungewöhnliches, daß nach dem Blutigsten und Rührendsten die Satire ein so
+lautes Gelächter aufschlägt und der Witz so mutwillig wird, daß es
+scheinet, es sei die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des
+Guten ein Gespötte zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider
+diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert
+hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bei uns neue Origina1stücke nicht
+ganz ohne Einführung und Empfehlung vor das Publikum gebracht würden, so
+versteht es sich von selbst, daß bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs
+unserm deutschen Ernste angemessener sein müßte. Nach dem Lustspiele
+könnte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei
+den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt
+mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu
+welchen er sie verfertiget, zum Teil längst vergessen sind. Hamburg hätte
+einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal
+zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem
+Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Teil VI, S. 15.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtes Stück
+Den 26. Mai 1767
+
+Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt.
+
+Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgeführet.
+Dieses Stück des Nivelle de la Chaussée ist bekannt. Es ist von der
+rührenden Gattung, der man den spöttischen Beinamen der Weinerlichen
+gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Tränen nahe bringt, wobei wir
+nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser
+Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele
+Ströme von Tränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele
+verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden.
+Denn eben bringen sie es ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir
+hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser
+verstanden hätte.
+
+"Melanide" ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht es
+doch immer mit Vergnügen. Es hat sich selbst auf dem französischen
+Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der
+Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt,
+entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der
+zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen
+Unbekannten, anstatt des de la Chaussée, um das beneiden, weswegen ich
+wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wünschte.
+
+Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine
+italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des
+Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer
+Übersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüder meistenteils noch
+weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa übersetzen,
+erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas
+anders. Allzu pünktliche Treue macht jede Übersetzung steif, weil
+unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der
+andern sein kann. Aber eine Übersetzung aus Versen macht sie zugleich
+wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versifikateur, den nie
+das Silbenmaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas
+stärker oder schwächer, früher oder später, sagen ließe, als er es, frei
+von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Übersetzer dieses
+nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug
+hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den
+eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder
+anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals
+überliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben,
+welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der
+Grundsprache für sie machen.
+
+Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer
+neunjährigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den
+Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und
+ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen
+verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit
+dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von
+der Welt das feinste, schnel1ste Gefühl, die sicherste, wärmste
+Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wünschen,
+doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. In ihrer Deklamation
+akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel
+intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu
+können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere
+Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und
+gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das
+Mouvement heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder
+Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist
+durch das ganze Stück einförmig; in dem nämlichen Maße der Geschwindigkeit,
+in welchem die ersten Takte gespielet worden, müssen sie alle, bis zu den
+letzten, gespielet werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik notwendig,
+weil ein Stück nur einerlei ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine
+Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich sein würde. Mit
+der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von
+mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stück annehmen und die
+Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen die Glieder, auch
+alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären und aus der nämlichen
+Anzahl von Silben des nämlichen Zeitmaßes bestünden, dennoch nie mit
+einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht
+auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dem
+ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein
+können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigern
+schnell herausstößt, flüchtig und nachlässig darüber hinschlupft; auf den
+beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort,
+und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser
+Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine
+künstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen,
+so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden,
+sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem
+durchdrungenen Herzen und nicht bloß aus einem fertigen Gedächtnisse
+fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde
+Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des
+Tones, nicht bloß in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und
+Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und
+Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen
+damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich
+unfehlbar unser Herz eröffnet, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen
+entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die
+Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die
+Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu
+vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente
+auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget,
+bloß dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben
+imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich
+urteile bloß so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in
+welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in
+dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort.
+
+Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches
+Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe",
+aufgeführet. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt,
+daß bereits zwei andere Stücke von ihm den Beifall des dortigen Publikums
+erhalten hätten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwärtigen zu
+urteilen, müssen sie nicht ganz schlecht sein.
+
+Die Hauptzüge der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der
+"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wünschte, daß Herr Heufeld,
+ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den
+"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert
+hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines
+Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stücken glücklicher
+gewesen sein.
+
+Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr
+gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung
+fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig
+guten so weit voneinander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in
+den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzügen nicht zwingen lassen.
+Die Geschichte konnte sich auf der Bühne unmöglich so schließen, wie sie
+sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber
+der Julie mußte hier glücklich werden, und Herr Heufeld läßt ihn
+glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerin. Aber hat Herr Heufeld auch
+überlegt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist?
+Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst
+eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist
+nichts als eine kleine verliebte Närrin, die manchmal artig genug
+schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schöne Stelle im Rousseau
+besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwähnet
+habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein
+schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen und wird zuletzt ein
+Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals
+erdichtet hat, weit übertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren
+Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie
+über ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke
+nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie
+gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf
+der Zunge, und Torheit im Herzen hat?
+
+Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft.
+Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich
+wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten
+ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer sein
+wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte
+Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angeführte Kunstrichter, "den
+Philosophen. Den Philosophen! Ich möchte wissen, was der junge Mensch in
+der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst?
+In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all-
+gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt
+und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er
+abenteuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Tun und
+Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Überlegung. Er setzet das
+stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen
+genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schülerin oder von
+seinem Freunde an der Hand geführet zu werden."--Aber wie tief ist der
+deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Teil X, S. 255 u. f.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neuntes Stück
+Den 29. Mai 1767
+
+In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen
+aufgeklärten Verstand zu zeigen und die tätige Rolle des rechtschaffenen
+Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komödie ist weiter nichts, als
+ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend
+macht und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen
+nicht durchgängig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze
+Wirksamkeit läuft auf ein paar mächtige Torheiten heraus. Das Bürschchen
+will sich schlagen und erstechen.
+
+Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Siegmund nicht in
+genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch
+vorzubeugen, wenn er zu erwägen gibt: "daß ein Mensch seinesgleichen, in
+einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle
+Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten
+könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann
+sei, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter,
+Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten."
+
+Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den
+Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem
+Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben
+beimißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der
+Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch
+sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die
+Menschen sind, und können es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir
+ihnen, bloß auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmöglich für sie
+interessieren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die
+geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble
+Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und
+allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deswegen, weil Julie,
+ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund für den vortrefflichsten,
+vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen
+bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller
+dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen
+Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr,
+in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große
+Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den
+kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das
+meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die
+größten. Wie traf es sich denn indes, daß vierundzwanzig Stunden Zeit
+genug waren, dem Siegmund zu den zwei äußersten Narrheiten Gelegenheit zu
+schaffen, die einem Menschen in seinen Umständen nur immer einfallen
+können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser
+antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so
+natürlich herbeigeführet, noch so fein behandelt sein: so würden darum
+die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre
+üble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stürmischen Scheinweisen
+nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln
+könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den
+allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken.
+
+Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen
+andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählet hatte,
+wird beim Rousseau nur kaum berührt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine
+ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas
+wagt. Er läßt den Vater die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die
+Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler
+hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der
+Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der
+Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs
+könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, daß,
+wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut
+zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, daß dieses unterlassen worden. Die
+Pantomime muß nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in
+solchen Fällen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber
+das Auge muß es nicht wirklich sehen.
+
+Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie
+gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die
+Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter
+fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns,
+denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte
+übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen außerordentlichen Hebel
+verzeihen; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da
+keine Gründe bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung
+ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlusse nur
+noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche
+Überraschung der unerwartetsten Begegnung erschüttert, und in einer Art
+von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter,
+verführerische Zärtlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau
+kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er
+sich entschließen, ihr sie abzunötigen, oder, wenn man will, abzustehlen.
+Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß
+sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe.
+Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die
+Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: hätte Herr Heufeld
+die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloß das
+Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewöhnliche
+derselben vor dem Vorwurfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen
+wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan hätte,
+so würden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so
+recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein
+hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht
+eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung tut.
+Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausführte, die Aktion, mit der er
+einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter
+beschwor, wären es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu
+begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei
+Zergliederung des Planes, merklich wird.
+
+Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des
+Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen
+Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er
+ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der
+Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn
+ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam
+und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten,
+die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel
+besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf
+Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben,
+zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine
+Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen
+gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber
+keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden raten, sich dieser
+Besondernheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider
+Geschlechter gewöhnet, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des reizendern
+nicht etwas Leeres empfinden sollten.
+
+Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen
+Destouches, das nämliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Bühne
+gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Aufzügen daraus gemacht
+und sind daher genötiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen
+Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt "Die Mitgift" und wird vom
+Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von
+den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches
+führt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im
+Jahre 1745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzige
+Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beifall, und ist
+erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später,
+als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht
+der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mehrern mit so vieler
+Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es
+eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder
+zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in
+Benennung seiner Stücke; und meistenteils nahm er sie von dem aller-
+unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den
+Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling für seine Mühe bekam.
+
+
+
+
+Zehntes Stück
+Den 2. Juni 1767
+
+Das Stück des fünften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das
+unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches.
+
+Wenn wir die Annales des französischen Theaters nachschlagen, so finden
+wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers gerade den
+allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch "Der
+verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der
+poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in
+ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf
+dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er
+seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er
+eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu
+entfernen; und wenn er es tut, dünket man sich berechtiget, darüber zu
+stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas
+Schlechters zu finden, sobald man nicht das nämliche findet. Destouches
+hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in
+seinem "Verschwender" Muster eines feinern, höhern Komischen gegeben, als
+man vom Molière, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war.
+Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu
+seiner eigentümlichen Sphäre; was bei dem Poeten vielleicht nichts als
+zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende
+Fähigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen
+nicht zu können: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern
+ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen,
+ehe sie ihr voreiliges Urteil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß
+das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molièrischen von einerlei Güte
+sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin
+zu spüren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den
+behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern
+mehrenteils von der hölzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und
+mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sein
+Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als lächerlich. Aber
+demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen
+Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein
+verzärtelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus
+Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen
+Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten.
+
+Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue
+Agnese".
+
+Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber
+insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundin eines gewissen Bernard.
+"Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst
+in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf
+fragte das liebe einfältige Mädchen: "Aber Mama, wer ist denn der
+Bernard, der die Leute glücklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten,
+faßte sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich
+mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese." Nicht
+lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute
+Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnügen; Mama bekömmt Verdacht;
+Mama beschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mama von dem
+Töchterchen ebenso schöne Seufzer zu hören, als das Töchterchen jüngst
+von Mama gehört hatte. Die Mutter ergrimmt, überfällt sie, tobt. "Nun,
+was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Mädchen. "Sie haben sich
+den h. Bernard gewählt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum
+nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Märchen, mit welchen das
+weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart
+fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein
+muß. Er sahe nichts Anstößiges darin, als die Namen der Heiligen, und
+diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine
+platonische Weise, eine Anhängerin der Lehre des Gabalis; und der h.
+Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt
+eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann
+auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und
+Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen
+Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen näherzubringen
+gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen
+ist von der reizendsten, verehrungswürdigsten Unschuld; und durch das
+Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Teil dem
+deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veränderungen
+selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber
+Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß
+er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten hätte.--Die Rolle der
+Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine
+vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung
+verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles kömmt ihr hier zustatten;
+und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles
+von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten
+zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht
+weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf.
+
+Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des
+Hrn. von Voltaire aufgeführet.
+
+Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die französische Bühne
+gebracht, erhielt großen Beifall und macht in der Geschichte dieser Bühne
+gewissermaßen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und
+"Alzire", seinen "Brutus" und "Cäsar" geliefert hatte, ward er in der
+Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten
+Griechen in vielen Stücken weit überträfen. "Von uns Franzosen", sagt er,
+"hätten die Griechen eine geschicktere Exposition und die große Kunst,
+die Auftritte untereinander so zu verbinden, daß die Szene niemals leer
+bleibt und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen
+können. Von uns", sagt er, "hätten sie lernen können, wie Nebenbuhler und
+Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der
+Dichter mit einer Menge erhabner, glänzender Gedanken blenden und in
+Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können"--O freilich;
+was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar
+ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demütig um
+Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu dürfen. Er möchte vielleicht
+einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzosen auf das Wesentliche des
+Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären,
+welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es,
+dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein
+einziges vermißte er bei seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke
+derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die
+Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewürdiget
+hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von
+dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das
+stehende Volk drängt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders
+beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu
+dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren
+notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß bloß
+dieser Übe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem
+freiern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel
+gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine
+"Semiramis". Eine Königin, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um
+ihnen ihre Vermählung zu eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft
+steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Mörder zu rächen;
+diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder
+herauszukommen: das alles war in der Tat für die Franzosen etwas ganz
+Neues. Es macht so viel Lärmen auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp
+und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter
+glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und
+ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern
+so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben,
+vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefähr spielen ließ. Bei der
+ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich
+hätte wohl ein altvätrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen
+erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser
+Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frei;
+und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so außerordentlichen
+Stückes, war, ist nach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber
+vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, "Semiramis"
+in diesem Stücke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch häufig
+bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte
+entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu können.
+
+
+
+
+Eilftes Stück
+Den 5. Junius 1767
+
+Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele
+eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie
+mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick
+dabei zu verweilen.
+
+"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire,
+"daß man an Gespenster nicht mehr glaube und daß die Erscheinung der
+Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch
+sein könne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum hätte diese
+Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt sein, sich nach dem
+Altertume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen
+außerordentliche Fügungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte
+lächerlich sein, sie zu erneuern?"
+
+Diese Ausrufungen, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor
+allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In
+Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gründe, aus ihr genommen, recht
+gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht
+tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts
+entscheiden sollen; nur als eine Art von Überlieferung des Altertums,
+gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des
+Altertums gelten. Und sonach hätten wir es auch hier nur mit dem
+Altertume zu tun.
+
+Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen
+Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn
+wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgeführet finden, so wäre
+es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozeß zu machen.
+Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende
+dramatische Dichter die nämliche Befugnis? Gewiß nicht.--Aber wenn er
+seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdenn
+nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er
+erzählt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt
+es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen,
+nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz
+andern und höhern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck,
+sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch
+die Täuschung rühren. Wenn es also wahr ist, daß wir itzt keine
+Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Täuschung notwendig
+verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisieren
+können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn
+er uns demohngeachtet solche unglaubliche Märchen ausstaffieret; alle
+Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren.
+
+Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und
+Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des
+Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust
+wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beispiele für sich, wo das
+Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten
+Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich
+zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung
+wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das?
+Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in
+unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon
+erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an
+Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind
+auch dem gemeinsten Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm
+alles, was damit streitet, notwendig lächerlich und abgeschmackt
+vorkommen muß? Das kann es nicht heißen. Wir glauben itzt keine
+Gespenster, kann also nur so viel heißen: in dieser Sache, über die sich
+fast ebensoviel dafür als darwider sagen läßt, die nicht entschieden ist
+und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu
+denken den Gründen darwider das Übergewicht gegeben; einige wenige haben
+diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen
+das Geschrei und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält
+sich gleichgültig und denkt bald so, bald anders, hört beim hellen Tage
+mit Vergnügen über die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit
+Grausen davon erzählen.
+
+Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den
+dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu
+machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am
+häufigsten, für die er vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf seine Kunst
+an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den
+Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu
+geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben
+glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will.
+
+So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein.
+Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie
+mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von
+Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es
+macht ihn und seinen Geist des Ninus--lächerlich.
+
+Shakespeares Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn
+es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht,
+in der vollen Begleitung aller der düstern, geheimnisvollen Nebenbegriffe,
+wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu
+denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum
+Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der bloße verkleidete
+Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich
+machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgibt; alle Umstände
+vielmehr, unter welchen er erscheinet, stören den Betrug und verraten
+das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken
+möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur
+dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Stände des
+Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische
+Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß
+Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können,
+daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und große Gesellschaften gar
+nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverlässig das auch; aber er
+war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte
+uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art
+sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich
+Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten
+unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu sein;
+und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion.
+
+Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so
+würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden
+haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu
+lassen. Alle müssen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und
+Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der
+Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun
+richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie
+auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser
+vielfache Ausdruck des nämlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und
+von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf
+uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern
+es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare
+ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der
+Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch
+gehört. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale
+eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüts wir an ihm entdecken,
+desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung
+in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das
+Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der
+Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns über, und die Wirkung ist
+zu augenscheinlich und zu stark, als daß wir an der außerordentlichen
+Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff
+verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel.
+Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht
+mehr Umstände mit ihm, als man ohngefähr mit einem weit entfernt
+geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt.
+
+
+
+
+Zwölftes Stück
+Den 9. Junius 1767
+
+Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des
+englischen und französischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist
+nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es
+interessiert uns für sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares
+Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen
+Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid.
+
+Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen
+Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire
+betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare
+als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer
+denkt, dürfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der
+Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem
+Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir
+also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte bloß damit
+lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu
+bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen
+Gesetzen mache.
+
+Ich will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter
+seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung
+irgendeiner großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen,
+daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; daß
+sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche
+einzelne Maxime abzwecken; daß man unrecht tut, den letzten Sittenspruch,
+den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so
+anzusehen, als ob das Ganze bloß um seinetwillen da wäre.
+
+Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst
+hätte, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, daß man nämlich
+daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die, außerordentliche
+Lastertaten zu strafen, außerordentliche Wege wähle: so würde "Semiramis"
+in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück sein. Besonders da diese
+Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem
+weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser außerordentlichen Wege
+nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die
+ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken.
+
+Doch ich will mich bei dem Stücke nicht länger verweilen, um noch ein
+Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle
+Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Bühne ist geräumlich genug, die
+Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in
+verschiedenen Szenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem
+besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als
+möglich in einen.
+
+Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, gespielet.
+
+Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die französische Bühne und
+fand so allgemeinen Beifall, daß es in Jahr und Tag sechsunddreißigmal
+aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus
+den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Destouches; sondern eine
+in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Sie hat
+wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte und unnatürliche
+Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem
+Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig französische
+Stücke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser
+ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das
+schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigte
+Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront
+unverbesserlich. Ich kann es überhoben sein, von dem Stücke selbst zu
+reden. Es ist zu bekannt und gehört unstreitig unter die Meisterstücke
+der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen
+sehen wird.
+
+Das Stück des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus,
+oder Die Schottländerin" des Hrn. von Voltaire.
+
+Es ließe sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein
+Verfasser schickte es als eine Übersetzung aus dem Englischen des Hume,
+nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern
+dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht
+hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke"
+des Goldoni etwas Ähnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni
+das Urbild des Frélon gewesen zu sein. Was aber dort bloß ein bösartiger
+Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frélon nannte,
+damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den
+Journalisten Fréron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden
+schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich
+versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Neckereien der
+französischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen über die
+Persönlichkeiten dieses Stücks weg und finden in dem Frélon nichts als
+die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht
+fremd ist. Wir haben unsere Frélons so gut, wie die Franzosen und
+Engländer, nur daß sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere
+Literatur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses
+Charakters aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat das Stück doch,
+noch außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein könnte
+es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmütigkeit, und
+die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden.
+
+Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm auf den
+Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein rühmte.
+Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die
+"Schottländerin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", übersetzt
+und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem
+Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen
+Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verstoßen; z.E.
+darin, daß er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Colman
+mietet sie dafür bei einer ehrlichen Frau ein, die möblierte Zimmer hält,
+und diese Frau ist weit anständiger die Freundin und Wohltäterin der
+jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman
+für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist
+nicht bloß eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie,
+von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer
+Schutzgöttin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung
+wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frélon stehet,
+den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphäre von
+Tätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso
+eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Französischen der Lord
+Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und
+er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet.
+
+Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen
+durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere
+sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige
+Stücke weit vor, von welchen man "Die eifersüchtige Ehefrau" auf dem
+Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die
+sich ihrer erinnern, ungefähr urteilen können. "Der englische Kaufmann"
+hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug
+darin genähret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar.
+Hiernächst hat er ihnen zuviel Ähnlichkeit mit andern Stücken, und den
+besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, hätte nicht
+den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine
+gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw.
+
+Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegründet; indes sind wir
+Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und
+verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und
+ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal
+übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit
+Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen
+sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst
+entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre
+besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley würden uns, ohne diesen
+Ausbau des allzu wollüstigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren
+Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem
+so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die
+geringste Veränderung, bei uns Glück gemacht, welches ich von keiner
+einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte.
+
+Auch die Italiener haben eine Übersetzung von der "Schottländerin", die
+in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie
+folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine
+Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte,
+Frélon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so
+verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu
+schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte
+diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung
+des Frélons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der
+poetischen Gerechtigkeit.
+
+
+
+
+Dreizehntes Stück
+Den 12. Junius 1767
+
+Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden.
+Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler durch
+einen epidemischen Zufall außerstand gesetzet, zu agieren; und man mußte
+sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte "Die neue
+Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante".
+
+Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische
+Dorfjunker", vom Destouches, aufgeführt.
+
+Dieses Stück hat im Französischen drei Aufzüge, und in der Übersetzung
+fünfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche
+Schaubühne" des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen
+zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Übersetzerin, war eine viel
+zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchen ihres
+Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch
+für große Mühe, aus drei Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem
+andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spaziergang im
+Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der
+Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie
+ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was
+hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Übersetzung
+selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin
+die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie
+überall ebenso glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals
+eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der
+Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe
+Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen
+hören. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, läßt
+Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen,
+Mademoiselle; ich habe Sie für eine Virtuosin gehalten." "O pfui!"
+erwidert Henriette; "wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches
+Mädchen; daß Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", fällt ihr Masuren
+ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Virtuosin,
+sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, daß man das nicht zugleich
+sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched
+anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte
+man, daß sie das tat. Sie fühlte sich auch so etwas von einer Virtuosin
+zu sein, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht
+böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der
+Person einer dummen Agnese, sagt, hätte die Frau Professorin immer, ohne
+Maulspitzen, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde
+Wort Virtuosin anstößig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern
+Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und
+verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht.
+
+Den Beschluß dieses Abends machte "Die stumme Schönheit", von Schlegeln.
+
+Schlegel hatte dieses kleine Stück für das neuerrichtete Kopenhagensche
+Theater geschrieben, um auf demselben in einer dänischen Übersetzung
+aufgeführet zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich
+dänischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes
+komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall
+eine ebenso fließende als zierliche Versifikation, und es war ein Glück
+für seine Nachfolger, daß er seine größern Komödien nicht auch in Versen
+schrieb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so
+würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider
+sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komödie sehr
+lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben
+überstiegen hätte, desto unwiderleglicher würden seine Gründe geschienen
+haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel,
+wie unsägliche Mühe es koste, nur einen Teil derselben zu übersteigen,
+und wie wenig das Vergnügen, welches aus diesen überstiegenen
+Schwierigkeiten entstehet, für die Menge kleiner Schönheiten, die man
+ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so
+ekel, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Molière, nach seinem Tode,
+in Verse bringen mußte; und noch itzt hören sie ein prosaisches Lustspiel
+als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer
+hingegen würde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die
+Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger?
+Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie
+itzt schon wählen und ausmustern wollten?
+
+Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme
+Schöne, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin
+hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels
+stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts
+spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei würde also
+dieses sein, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken
+müßte, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten ließe, die
+bloß mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Ihr
+Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu sein; sie
+können so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren
+kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben,
+da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht
+spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen.
+Auch ihre Kleidung muß weder altvätrisch, noch schlumpicht sein; denn
+Frau Praatgern sagt ausdrücklich:
+
+ "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Laß doch sehn!
+ Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant.
+ Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?"
+
+In dieser Musterung der Fr. Praatgern überhaupt hat der Dichter deutlich
+genug bemerkt, wie er das Äußerliche seiner stummen Schöne zu sein wünsche.
+Gleichfalls schön, nur nicht reizend.
+
+ "Laß sehn, wie trägst du dich?--Den Kopf nicht so zurücke!"
+
+Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn
+zurückhalten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Charlotten den
+Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer
+Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren
+gerade die, welche der stummen Schönheit am meisten entsprechen; sie
+zeigen die Schönheit in ihrem besten Vorteile, nur daß sie ihr das
+Leben nehmen.
+
+ "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke."
+
+Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit großen schönen Augen zu
+dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht
+regen; ihre Blicke müssen langsam und stier sein; sie müssen uns mit
+ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber
+nichts sagen.
+
+ "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich!
+ Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich."
+
+Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische
+Neige, einen dummen Knicks machen läßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt
+sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau
+Praatgern muß sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte
+verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das
+ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob
+ich gleich nicht glaube, daß die Praatgern sonst eine Rolle für sie ist.
+Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern
+wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer
+Tochter ist, durchaus nicht lassen.
+
+Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miß Sara Sampson"
+aufgeführet.
+
+Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in
+der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut
+gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den
+meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht
+zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind;
+wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie
+gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der übermäßigen Länge eines
+Stücks durch das bloße Weglassen nur übel abgeholfen, und ich begreife
+nicht, wie man eine Szene verkürzen kann, ohne die ganze Folge des
+Dialogs zu ändern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht
+anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe wert dünket
+und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf
+ewig die Hand von ihnen abziehen.
+
+Madame Henseln starb ungemein anständig; in der malerischsten Stellung;
+und besonders hat mich ein Zug außerordentlich überrascht. Es ist eine
+Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder
+Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die
+glücklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich,
+äußerte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes,
+ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward
+und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden
+Lichts; der jüngste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit
+in meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf
+meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal!
+
+
+
+
+Vierzehntes Stück
+Den 16. Junius 1767
+
+Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunstrichter,
+welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr
+gründlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten
+etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben.
+
+Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät
+geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück derjenigen,
+deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am
+tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden
+haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
+Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er
+sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein
+verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand,
+und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen.
+
+"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man
+verkennst die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedürfe, uns zu
+bewegen und zu rühren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters,
+des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen
+überhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte
+immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname,
+die Geburt des Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige
+Freunde und das verführerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen
+Wohlstand und seine Ehre darüber zugrunde gerichtet, und nun im
+Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er
+ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist
+er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt
+wird, schmachtet in der äußersten Bedürfnis und kann ihren Kindern,
+welche Brot verlangen, nichts als Tränen geben. Man zeige mir in der
+Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte,
+tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche
+vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel
+ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und
+fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes
+marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen;
+was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu sein? Das Wunderbare,
+wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare
+genugsam in dem plötzlichen Übergange von der Ehre zur Schande, von der
+Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in
+dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gestürzet?"
+
+Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und
+Marmontels, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das
+bürgerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen
+werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche
+Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit
+Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als
+schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel über sein
+Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet
+vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und
+Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem
+Stücke gemacht hat, welches er "Das Gemälde der Dürftigkeit" nennet, hat
+schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen,
+hätten wir es für unser Theater adoptieren sollen.
+
+Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist
+zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird
+lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe
+einer gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was
+Voltaire bei einer ähnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer
+alles ausführen, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige
+Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte
+man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich
+sonst ganz gut."
+
+Den zwölften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom
+Regnard, aufgeführet.
+
+Dieses Stück ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber
+Rivière du Frény, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne
+brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß
+ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard
+schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite
+nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Plagiarius
+gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir es ihm wohl noch dazu danken,
+daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu
+mißbrauchen; er bemächtigte sich, bloß zu unserm Besten, der Materialien,
+von denen er voraussahe, daß sie verhunzt werden würden. Wir hätten nur
+einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch
+hätte er die Tat eingestehen und dem armen Du Frény einen Teil der damit
+erworbnen Ehre lassen müssen.
+
+Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph" wiederholst; und den Beschluß machte "Der Liebhaber als
+Schriftsteller und Bedienter".
+
+Der Verfasser dieses kleinen artigen Stückes heißt Cerou; er studierte
+die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen
+gab. Es fällt ungemein wohl aus.
+
+Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter",
+vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgeführt.
+
+Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf
+dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es
+ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Molière nicht hätte
+schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit
+besser sein können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten
+gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer
+kalten Erzählung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet
+worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters
+deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darin der erste von
+seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel
+nicht, und Quinault hätte es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten
+Verliebten" können bewenden lassen.
+
+"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem
+funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit außerordentlichen Beifall
+fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des
+guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der
+Personen entspringet und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brueys gab
+ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es
+gegenwärtig aufgeführet wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz
+vortrefflich.
+
+Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist"
+vorgestellt.
+
+Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschämten Freigeistes", weil man
+ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift
+führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß
+derjenige beschämt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht
+einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an
+diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der für Wahrheit
+und Irrtum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann sind alles
+Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stücks erfüllen
+müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß die Vorstellung alles
+Beifalls würdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und
+besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen
+Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über
+die Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze
+Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen.
+
+Den Beschluß dieses Abends machte das Schäferspiel des Hrn. Pfeffels:
+"Der Schatz".
+
+Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein
+anders, "Der Eremit", nicht unrühmlich bekannt gemacht. In den "Schatz"
+hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere
+Schäferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändelnde Liebe ist.
+Sein Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch
+die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes
+Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes
+werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines
+Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele,
+auf rührende Stücke könnte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber
+wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen
+übergehen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Étranger", Décembre 1761.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Funfzehntes Stück
+Den 19. Junius 1767
+
+Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaïre" des
+Herrn von Voltaire aufgeführt.
+
+"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire,
+"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stück entstanden.
+Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen
+Tragödien nicht genug Liebe wäre. Er antwortete ihnen, daß seiner Meinung
+nach die Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe
+sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten,
+so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward
+in achtzehn Tagen vollendet und fand großen Beifall. Man nennt es zu
+Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des
+Polyeukts, vorgestellet worden."
+
+Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch
+lange das Lieblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch,
+nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit
+besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien
+zugänglichen Sitz einer unumschränkten Gebieterin verwandelt; ein
+verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als
+ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion
+streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das
+gern fromm sein möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein
+Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst rächet;
+wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen,
+durch was ließe es sich denn bestechen?
+
+Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaïre diktiert: sagt ein Kunstrichter
+artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur
+eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist
+"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire läßt seine
+verliebte Zaïre ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken;
+aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemälde aller der
+kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele
+einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet,
+aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich
+bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und
+Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den
+Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache,
+denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das
+behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will,
+als was sie bei der spröden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter
+verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den Geheimnissen
+der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das
+Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat
+er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit
+unter dem Dichter geblieben.
+
+Von der Eifersucht läßt sich ohngefähr eben das sagen. Der eifersüchtige
+Orosman spielt gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespeare eine sehr
+kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman
+gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der
+den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich hätte
+gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu
+eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosman
+einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines
+Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht
+mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das
+vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserei; da können wir alles
+lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden.
+
+Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen,
+immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das
+ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese
+Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsätzlich
+vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Übersetzung von Shakespeare.
+Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr
+darum. Die Kunstrichter haben viel Böses davon gesagt. Ich hätte große
+Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern
+zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin
+bemerkt haben: sondern weil ich glaube, daß man von diesen Fehlern kein
+solches Aufheben hätte machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein
+jeder anderer, als Herr Wieland, würde in der Eil' noch öftrer verstoßen
+und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr überhüpft haben; aber
+was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er
+uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man
+unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die
+es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es
+sie liefert, so beleidigen, daß wir notwendig eine bessere Übersetzung
+haben müßten.
+
+Doch wieder zur "Zaïre". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die
+Pariser Bühne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und
+auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Übersetzer war
+Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten
+Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in
+dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines
+Stücks an den Engländer Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden.
+Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehmen, als er es
+ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem
+skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben
+geschrieben hat!
+
+Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine
+Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist
+so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige
+Gewohnheit bestand darin, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden
+mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Übrige des
+Stücks; und notwendig mußten diese Verse eine Vergleichung enthalten.
+Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe,
+Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen,
+bis sie einschlafen. Der Übersetzer der "Zaïre" ist der erste, der es
+gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten
+Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es
+empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen und der Poet
+sich überall verbergen müsse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen."
+
+Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das
+ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, daß die
+Engländer, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch länger her,
+die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein paar
+gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als
+Vergleichungen enthielten, daß sie notwendig Vergleichungen enthalten
+müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von
+Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die
+tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die
+Nase sagen können. Zweitens ist es nicht an dem, daß Hill in seiner
+Übersetzung der "Zaïre" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar
+beinahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Übersetzung seines
+Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer.
+Gleichwohl muß es so sein. Denn so gewiß sie in reimfreien Versen ist, so
+gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen.
+Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter
+allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson
+und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heißen, ihre
+Aufzüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfe, die gleichfalls
+keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Hätte er aber auch
+wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch
+drittens das nicht wahr, daß sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von
+dem es Voltaire sein läßt. Noch bis diese Stunde erscheinen in England
+ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit
+gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem
+einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach der Übersetzung
+der "Zaïre", gemacht, sich der alten Mode gänzlich entäußert. Und was ist
+es denn nun, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind,
+können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nämlich,
+nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit
+schicklicher aus dem Stücke selbst abgenommen würde, als daß es die
+Pfeife oder der Schlüssel gibt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] From English Plays, Zara's French author fir'd,
+ Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd,
+ From rack'd Othello's rage, he rais'd his style
+ And snatch'd the brand, that lights this tragic pile.
+
+[2] Le plus sage de vos écrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie wäre das
+wohl recht zu übersetzen? Sage heißt: weise; aber der weiseste unter den
+englischen Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich
+besinne mich, daß die Franzosen auch ein Mädchen sage nennen, dem man
+keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat.
+Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passen. Und nach diesem könnte man ja
+wohl geradezu übersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern,
+der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt."
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechzehntes Stück
+Den 23. Junius 1767
+
+Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr
+unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und
+übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien
+und gebärdeten sie sich als Besessene; und das übrige tönten sie in einer
+steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den
+Komödianten verriet. Als er daher seine Übersetzung der "Zaïre" aufführen
+zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaïre einem jungen
+Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urteilte
+so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl und Stimme und Figur und
+Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie
+braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar
+Stunden überreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf
+sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es
+ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, daß
+nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge
+leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des
+Komödianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten
+Jahre ward ein Meisterstück. Es ist merkwürdig, daß auch die französische
+Schauspielerin, welche die Zaïre zuerst spielte, eine Anfängerin war. Die
+junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch berühmt, und
+selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht
+kläglich bedauerte.
+
+Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der
+kein Komödiant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er
+spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken,
+öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als
+irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen
+Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten.
+"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist
+dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in
+der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der französische Hof
+hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat
+weiter nichts Besonders dabei gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit
+aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein
+Unterschied, als daß die eine über die andere ebensoweit erhaben ist, als
+es Talente, welche vorzügliche Seelenkräfte erfodern, über bloß
+körperliche Fertigkeiten sind?"
+
+Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaïre" übersetzt; sehr genau und
+sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher
+Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser? Mit der
+einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen,
+wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, läßt
+ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns über das Schicksal des
+Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne
+Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt
+also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller
+Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den
+Text setzen.[1]
+
+Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem
+welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist
+er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er
+sich den tödlichen Stoß beigebracht, so lassen wir den Vorhang
+niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack
+dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mehrern
+Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich
+ein Trauerspiel wie ein Epigramm schließen soll? Immer mit der Spitze des
+Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns
+gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die
+Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es
+auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so
+unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache
+einer Sache, die nicht ist. Wir hätten kalt Blut genug, den Dichter bis
+ans Ende zu hören, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir
+würden recht gern die letzten Befehle des großmütigen Sultans vernehmen;
+recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber
+wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiß ich
+kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es wäre
+begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten.
+Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen.
+
+Bei keiner Nation hat die "Zaïre" einen schärfern Kunstrichter gefunden,
+als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des
+berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel
+daran auszusetzen, daß er es für etwas Kleines hielt, eine bessere zu
+machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung
+der Zaïre das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan
+über seine Liebe sieget und die christliche Zaïre mit aller der Pracht in
+ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der
+alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen?
+Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser,
+daß er uns kalt läßt; er interessiere uns und mache mit den kleinen
+mechanischen Regeln, was er will. Die Duime können wohl tadeln, aber den
+Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich
+darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf
+den Ungrund der Kritik geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in
+vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten,
+deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das
+Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der
+Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der
+sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er,
+"kömmt, Zaïren in die Moschee abzuholen; Zaïre weigert sich, ohne die
+geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und
+Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl
+seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum
+dringt er nicht in Zaïren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er
+ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter
+Duim! wenn sich Zaïre deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die
+andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in
+die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts
+ist ebenso abgeschmackt: Orosman kömmt wieder zu Zaïren; Zaïre geht
+abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosman, der gute
+Schlucker (dien goeden hals), tröstet sich desfalls in einer Monologe.
+Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewißheit mußte doch bis zum
+fünften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare
+hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärkern.
+
+Die letzterwähnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler,
+der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem
+bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner
+zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemütsbewegung in die andere
+übergehen, und diesen Übergang durch das stumme Spiel so natürlich zu
+machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern
+durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit
+fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Großmut,
+willig und geneigt, Zaïren zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen
+sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein
+Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue,
+und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich
+genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch
+da Zaïre auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu
+haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der äußerste Unwille.
+Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit
+zur Erbitterung über. Alles was Rémond de Sainte-Albine in seinem
+"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf
+eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das
+Vorbild des Kunstrichters gewesen sein.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Questo mortale orror che per le vene
+ Tutte mi scorre, omai non è dolore,
+ Che basti ad appagarti, anima bella.
+ Feroce cor, cor dispietato, e misero,
+ Paga la pena del delitto orrendo.
+ Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete
+ Tinte del sangue di si cara donna.
+ Voi--voi--dov'è quel ferro? Un' altra volta
+ In mezzo al petto--Oimè, dov'è quel ferro?
+ L'acuta punta--
+ Tenebre, e notte
+ Si fanno intorno--
+ Perchè non posso--
+ Non posso spargere
+ Il sangue tutto?
+ Sì, sì, lo spargo tutto, anima mia,
+ Dove sei?--più non posso--oh Dio! non posso--
+ Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio!
+
+[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745.
+
+[3] "Le Comédien", Partie II, chap. X. p. 209.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebzehntes Stück
+Den 26. Junius 1767
+
+Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom
+Gresset, aufgeführet.
+
+Dieses Stück kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider
+den Selbstmord konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen
+sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die
+Engländer dürften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er
+geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht,
+zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine
+Reue könnte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem
+französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für
+eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre.
+
+Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu
+sein. Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und
+finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem
+dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu
+haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein
+französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etikette, welche
+der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun
+erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist,
+als der gesundesten einer, so läßt ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich
+es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen glücklicher Eifer usw."
+Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse
+aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das
+erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter
+seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich
+Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu tun, was der
+Dichter hätte tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht
+das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm
+wenigstens den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten
+dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann würde ich mich gegen
+Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen.
+Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart!
+
+Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von
+seinen stärksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das
+Gefühl der Fühllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze
+Gemütsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit
+größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch
+die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper gibt, und
+seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt. Welcher
+fortreißende Ton der Überzeugung!--
+
+Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Aufzuge, nach dem
+Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man
+errät gleich, daß ein Narr oder eine Närrin darin vorkommen muß, der es
+hauptsächlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener
+Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die
+Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der
+Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den
+Pflegesohn eines gewissen bürgerlichen Lisanders, aber es findet sich,
+daß Lisander sein wahrer Vater ist. Nun wäre weiter an die Heirat nicht
+zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfälle zu dem
+bürgerlichen Stande herablassen müssen. In der Tat ist er von ebenso
+guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche
+Ausschweifungen aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen
+Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung
+gelingt und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der
+Hauptton desselben rührender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der
+Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre
+Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen
+Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch
+zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irreführen. Und dieser tut
+es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen
+Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr
+zum Vorteile des Stücks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast
+allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt.
+
+Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der
+Trommel" gespielt.
+
+Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her.
+Addison hat nur eine Tragödie und nur eine Komödie gemacht. Die
+dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf
+weiß sich überall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden
+Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung,
+wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen.
+Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der französischen
+Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addisons, und diese
+Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden.
+Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet!
+
+Destouches, der in England persönlichen Umgang mit Addison gehabt hatte,
+zog das Lustspiel desselben über einen noch französischern Leisten. Wir
+spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und
+natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich
+mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche
+Übersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und
+manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet.
+
+Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, wiederholt.
+
+Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend
+(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde.
+
+Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch
+gefällt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus
+dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre
+allgemeine Schönheiten sein müssen, und die Fehler vielleicht nur
+willkürliche Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen
+kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des
+Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Übliche aus den Augen gesetzt:
+immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stücke
+ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl,
+so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloß erdichtete Namen
+dafür. Regnard hat es gewiß so gut als ein anderer gewußt, daß um Athen
+keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des
+Demokrits, keinen König hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht
+wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden
+Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen
+Dichters, und nicht die historische Wahrheit.
+
+Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des
+Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das
+abgeschmackte Geschwätz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt,
+weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern
+weil es Unsinn in jedes andern Munde sein würde, der Dichter möchte ihn
+genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bei der guten
+Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist
+gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen
+soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er
+ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein
+zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung
+mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit
+der Mademoiselle Beauval und La Thorillière diese Szenen zuerst spielten,
+hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern
+fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen, aber da sie durch
+die Überlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so kömmt
+es niemanden ein, etwas daran zu ändern, und ich will mich wohl hüten, zu
+sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden
+sollte. Der beste, drolligste und ausgeführteste Charakter ist der
+Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller
+boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts
+weniger als episodisch, sondern zur Auflösung des Knoten ebenso
+schicklich als unentbehrlich ist.[1]
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Histoire du Théâtre Français", T. XIV. p. 164.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtzehntes Stück
+Den 30. Junius 1767
+
+Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel
+des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgeführt.
+
+Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert für die Theater in Paris
+gearbeitet; sein erstes Stück ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte
+1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele
+beläuft sich auf einige dreißig, wovon mehr als zwei Dritteile den
+Harlekin haben, weil er sie für die italienische Bühne verfertigte. Unter
+diese gehören auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst,
+ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder
+hervorgesucht wurden, und desto größern erhielten.
+
+Seine Stücke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und
+Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen
+der nämliche schimmernde und öfters allzu gesuchte Witz; in allen die
+nämliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die
+nämliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von
+einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner
+Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und
+doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende
+einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben.
+
+Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof.
+Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben
+alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu heißen,
+dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im
+Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen und den Namen abgeschafft, aber
+den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stücke,
+in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bei ihr
+Hänschen, und war ganz weiß, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich,
+ein großer Triumph für den guten Geschmack!
+
+Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der
+deutschen Übersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot,
+Gottsched ist auch tot: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder
+an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht
+auch unter seinem? "Er ist ein ausländisches Geschöpf", sagt man. Was tut
+das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer wären! "Er trägt
+sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt":--so braucht er nicht erst
+lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das nämliche Individuum
+alle Tage in einem andern Stücke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als
+kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht
+Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", übermorgen in den
+"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen,
+vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend
+Varietäten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in
+Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei
+Hauptzüge hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir
+ekler, in unsere Vergnügungen wähliger und gegen kahle Vernünfteleien
+nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener
+sind--sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit
+etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene,
+besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam?
+Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri
+eingeflochten werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des
+Stücks schicken oder nicht?
+
+Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der
+wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gründlichkeit, verteidiget.
+Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Möser über das Groteske-Komische
+allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren
+Stimme habe ich schon. Es wird darin beiläufig von einem gewissen
+Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dermaleins der
+Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man
+denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr
+Möser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja
+nicht einmal gedacht zu haben erinnern.
+
+Außer dem Harlekin kömmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein
+anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige führet. Beide wurden sehr
+wohl gespielt; und unser Theater hat überhaupt an den Herren Hensel und
+Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser
+verlangen kann.
+
+Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die
+"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgeführet.
+
+Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern
+französischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der
+"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die
+Franzosen ein solches Lärmen damit machten, so gereicht doch dieses
+Lärmen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf
+seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Taten seiner Vorfahren
+den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und
+von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen
+nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den
+Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern.
+Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es
+gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren!
+Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersänger
+ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgültigkeit
+gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der
+mit Bärfellen und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre?
+sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten!--Ich mag mich in
+Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von
+der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Teil der Achtung und
+Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais
+gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische
+Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit
+fähig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein
+genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was
+nicht geradezu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies,
+von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man
+äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten
+Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze
+getragen, und der nützlichsten Zeitverkürzung für andere, die gar keine
+Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?)
+durch ihre bloße Teilnehmung aufhelfen möge:--und sehe und höre um sich.
+"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloß der Wucherer Albinus, "daß unsere
+Bürger wichtigere Dinge zu tun haben!"
+
+------Eu!
+Rem poteris servare tuam!--
+
+Wichtigere? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freilich
+unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Künsten in Verbindung
+stehet. Aber,
+
+--haec animos aerugo er cura peculî
+Cum semel imbuerit--
+
+Doch ist vergesse mich. Wie gehört das alles zur "Zelmire"?
+
+Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte
+oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum
+Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward
+Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu
+Braunschweig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland
+und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so glücklich und berühmt,
+als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit hätte machen können, wenn er
+auch ein Beaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Genie, das
+diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei würden sein
+gewissestes Los sein!
+
+Das erste Trauerspiel des Du Belloy heißt "Titus"; und "Zelmire" war sein
+zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal
+gespielt. Aber "Zelmire" fand desto größern; es ward vierzehnmal
+hintereinander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran
+satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung.
+
+Ein französischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen
+die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: "Uns wäre",
+sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die
+Jahrbücher der Welt sind an berüchtigten Verbrechen ja so reich; und die
+Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen
+wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem
+sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist,
+befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde,
+ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, daß 'Zaïre', 'Alzire',
+'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung wären. Die Namen der
+beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist
+historisch. Es hat wirklich Kreuzzüge gegeben, in welchen sich Christen
+und Türken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und
+würgten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die
+glücklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europäischen und
+amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei und der wahren Religion
+äußern müssen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die
+Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der
+Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophische Gemälde, das
+jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Encyclopédique", Juillet 1762.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunzehntes Stück
+Den 3. Julius 1767
+
+Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es
+ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben
+suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine
+Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit hätte, ihn
+zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des
+forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen
+Gesetzgeber aufwerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt
+mit einem bescheidenen "Uns wäre lieber gewesen" an und geht zu so
+allgemein verbindenden Aussprüchen fort, daß man glauben sollte, dieses
+Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter
+folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack
+nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert.
+
+Nun hat es Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische
+Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern habe; nicht weiter, als
+sie einer wohleingerichteten Fabel ähnlich ist, mit der er seine
+Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil
+sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie
+schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten könnte. Findet
+er diese Schicklichkeit von ohngefähr an einem wahren Falle, so ist ihm
+der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbücher erst lange darum
+nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was
+geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß etwas geschehen kann, nur
+daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine
+gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zu
+halten, von der wir nie etwas gehört haben? Was ist das erste, was
+uns eine Historie glaubwürdig macht? Ist es nicht ihre innere
+Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit
+von gar keinen Zeugnissen und Überlieferungen bestätiget wird, oder von
+solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne
+Grund angenommen, daß es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das
+Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist die Geschichte, aber nicht
+das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder
+jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem
+gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen tun werde. Die
+Absicht der Tragödie ist weit philosophischer, als die Absicht der
+Geschichte; und es heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man
+sie zu einem bloßen Panegyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den
+Nationa1stolz zu nähren mißbraucht.
+
+Die zweite Erinnerung des nämlichen französischen Kunstrichters gegen die
+"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als
+ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufälle sei, die in den engen Raum
+von vierundzwanzig Stunden zusammengepreßt, aller Illusion unfähig
+würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über die andere! ein
+Theaterstreich über den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man
+nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drängen, können
+schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles überrascht, wird
+uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. "Warum muß sich z.E.
+der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine
+Verbrechen zu offenbaren? Fällt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die
+Gemütsänderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den
+Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines
+Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu
+empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt.
+Welch geringfügige Ursachen gibt hiernächst der Dichter nicht manchmal
+den wichtigsten Dingen! So muß Polydor, wenn er aus der Schlacht kömmt
+und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Rücken
+zukehren, und der Dichter muß uns sorgfältig diesen kleinen Umstand
+einschärfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das
+Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die
+folgende Szene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen
+Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen
+Eindruck machende Szene fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit
+natürlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal
+flüchtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen
+Wink gegeben hätte? Freilich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die
+ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er
+seinen Rücken dahin oder dorthin kehret, gründen müssen. Mit dem Billett
+des Azor hat es die nämliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten
+Akte gleich mit, so wie er es hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann
+entlarvet, und das Stück hatte ein Ende."
+
+Die Übersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht
+lieber eine körnichte, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte,
+geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Übersetzungen werden
+kaum ein halbes Dutzend sein, die erträglich sind. Und daß man mich ja
+nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich
+aufhören, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen
+dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der größte
+Versifikateur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch
+weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen
+Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich,
+daß öfters, was dort nur Lückenbüßerei oder Tautologie war, hier zu
+förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabei meistens so
+niedrig und die Konstruktion so verworfen, daß der Schauspieler allen
+seinen Adel nötig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand
+brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu
+erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden!
+
+Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß
+zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso wäßrig korrekte, ebenso
+grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen
+poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird
+unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der
+Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen
+Übersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch
+der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen kadensierten
+Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der
+Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter
+erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton
+der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wünschte
+ich unserm prosaischen Übersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich
+der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, daß das Silbenmaß
+überhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am
+wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier kömmt es bloß darauf an,
+unter zwei Übeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand und Nachdruck
+der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte
+war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der
+das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstärkung
+des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es
+etwas mehr, und wir können der griechischen ungleich näher kommen, die
+durch den bloßen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin
+ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben
+nichts als den Wert der überstandenen Schwierigkeit für sich; und
+freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert.
+
+Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit
+aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Bösewichte von großem
+Verstande so natürlich zu sein scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird
+ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Ränken unerschöpflich;
+er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner
+Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur
+noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von
+seiten des Schauspielers das getreueste Gedächtnis, die fertigste Stimme,
+die freieste, nachlässigste Aktion unumgänglich nötig. Hr. Borchers hat
+überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurteil
+für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen ebenso gern übet, als in
+jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner
+unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die
+nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich
+in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu
+lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Beruf zum
+Theater ist.
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+Zwanzigstes Stück
+Den 7. Julius 1767
+
+Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie"
+aufgeführet.
+
+Dieses vortreffliche Stück der Graffigny mußte der Gottschedin zum
+Übersetzen in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von
+sich selbst ablegt, "daß sie die Ehre, welche man durch Übersetzung oder
+auch Verfertigung theatralischer Stücke erwerben könne, allezeit nur für
+sehr mittelmäßig gehalten habe", läßt sich leicht vermuten, daß sie,
+diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige Mühe
+werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, daß sie einige lustige Stücke des Destouches eben nicht verdorben
+hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine
+Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen;
+aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre
+eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese
+verkennt und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle
+die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will,
+die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem
+Méricourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines
+Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Méricourt geht;
+er verweigert sich dem großmütigen Anerbieten und will sich ihm aus
+Uneigennützigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er.
+"Warum wollen Sie sich Ihres Vermögens berauben? Genießen Sie Ihrer Güter
+selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai,
+je vous rendrai tous heureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen
+Alten antworten. "Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich
+machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlässige
+Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte
+spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere
+glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloß
+eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das
+andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß
+auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das
+nämliche zweimal spräche, als ob beide Sätze wahre tautologische Sätze,
+vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O
+des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst
+fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die
+Gottschedin jene acht Worte übersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner
+Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich
+gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber
+der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses
+Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses
+Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle
+Bedenklichkeiten der Überlegung geben und eine warme Empfindung in eine
+frostige Schlußrede verwandeln.
+
+Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefähr auf diesen
+Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren
+gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in
+die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt
+in vielen Stellen der häßliche Ton des Zeremoniells; verabredete
+Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der gerührten Natur
+auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie:
+"Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau
+Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das
+ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem
+Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem
+"Gnädiger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon
+père! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein respektuöses Kind!
+Wenn ich Dorsainville wäre, ich hätte es ebenso gern gar nicht wieder
+gefunden, als mit dieser Anrede.
+
+Madame Löwen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Würde
+und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewußtsein ihres
+verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem
+Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen.
+
+Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde.
+Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus
+ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr
+Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber
+es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswürdiger Fehler. Die
+Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der
+mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich möchte nicht alles machen,
+was ich vortrefflich machen könnte.
+
+Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung
+von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in
+so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum
+Schlusse des Stücks vom Méricourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, daß
+er in der großen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag
+ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen
+Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf
+einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des
+Méricourt? Ein gefährliches, ein böses Land!
+
+ Tot linguae, quot membra viro!
+
+Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des
+Herrn Weiße aufgeführet.
+
+"Amalia" wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters
+gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgeführtere Charaktere
+und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine übrige komische
+Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame
+Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit
+aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr
+unwahrscheinlich finden würden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt
+zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen
+Stücke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafür kann es aber auch nicht
+fehlen, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen
+veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzten Akts, in
+welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn kroquierte Pinselstriche zu
+lindern und mit dem übrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl
+raten möchte. Ich weiß nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich
+mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich
+will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit
+bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu
+brüskieren. Ich will die Vermutung ungeäußert lassen, daß es vielleicht
+gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu
+treiben; daß ein wahrer Manley die Sache wohl hätte feiner anfangen
+können; daß man über einen schnellen Strom nicht in gerader Linie
+schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß--Wie gesagt, ich will diese
+Vermutungen ungeäußert lassen; denn es könnte leicht bei einem solchen
+Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nämlich die Gegenstände
+sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau,
+bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand
+halten werde. Ich will bloß bekennen, daß ich für mein Teil nicht Herz
+genug gehabt hätte, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich würde mich,
+vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefürchtet
+haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch
+einer mehr als Crébillonschen Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich
+zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich
+nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da
+sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manley, oder Amalia, wußte
+ja, daß Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden
+sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm
+gänzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es
+nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften
+Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit
+sei? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich,
+aber doch unsträflicher geworden sein; er würde, ohne sie in ihren
+eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe
+wäre ungleich verführerischer und das Bestehen in derselben ungleich
+entscheidender für ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man würde zugleich
+einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben;
+anstatt daß man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun
+können, wenn sie unglücklicherweise in ihrer Verführung glücklich
+gewesen wäre.
+
+Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der
+Finanzpachter". Es besteht ungefähr aus ein Dutzend Szenen von der
+äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer sein, in einen so engen Bezirk
+mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die
+Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein
+Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als er.
+
+Den fünfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire"
+des Du Belloy wiederholt.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Stück
+Den 10. Julius 1767
+
+Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die
+Mütterschule" des Nivelle de la Chaussée aufgeführet.
+
+Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parteiische Zärtlichkeit
+gegen einen nichtswürdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kränkung
+erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bei ihm ist
+es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes,
+gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle
+Welt und Erfahrung läßt: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten
+kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner
+Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in
+den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem
+Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. In jener Schule gibt es eine
+Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu
+lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es müßte für
+Kenner ein Vergnügen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander
+besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit;
+das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem.
+
+Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine"
+des Herrn von Voltaire gespielt.
+
+Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre
+1749 zuerst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man
+dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken
+soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte
+verrät, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung
+dabei, und die Alten haben ihren Komödien selten andere, als
+nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den
+Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter
+gehöret des Plautus "Miles gloriosus". Wie kömmt es, daß man noch nicht
+angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann.
+Plautus nannte sein Stück bloß Gloriosus; so wie er ein anderes
+"Truculentus" überschrieb. Miles muß der Zusatz eines Grammatikers sein.
+Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber
+seine Prahlereien beziehen sich nicht bloß auf seinen Stand und seine
+kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso großsprecherisch;
+er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und
+liebenswürdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen;
+aber sobald man Miles hinzufügt, wird das gloriosus nur auf das erstere
+eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte,
+eine Stelle des Cicero[1] verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst
+mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt:
+
+ ALAZON Graece huic nomen est Comoediae
+ Id nos latine GLORIOSUM dicimus--
+
+und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben
+das Stück des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines großsprecherischen
+Soldaten kam in mehrern Stücken vor. Cicero kann ebensowohl auf den
+Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beiläufig. Ich erinnere
+mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt schon einmal
+geäußert zu haben. Es könnte sein, daß die Sache so unbedeutend nicht
+wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie
+gemacht; und bloß des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine
+gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für
+Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken
+sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück
+genannt hätten. Der ist längst dagewesen! ruft man. Der auch schon!
+Dieser würde vom Molière, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet?
+Das kömmt aus den schönen Titeln. Was für ein Eigentumsrecht erhält ein
+Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon
+hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich
+ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich
+darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache
+z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem
+Molièreschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie
+heißen. Genug, daß Molière den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat
+unrecht, daß er funfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die
+unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüts nicht auch unendliche
+Benennungen hat.
+
+Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr:
+"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stück nicht
+zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die
+Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die
+Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet
+der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In
+der nämlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte "Das
+besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch
+beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, daß zu
+einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes
+erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die
+Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den
+Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar
+Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück
+gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussée sind auch
+ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein,
+etwas weit Besseres zu machen.
+
+"Nanine" gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr
+viel lächerliche Szenen, und nur insofern, als die lächerlichen Szenen
+mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet
+wissen. Eine ganz ernsthafte Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht
+einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer.
+Hingegen findet er den Übergang von dem Rührenden zum Lächerlichen und
+von dem Lächerlichen zum Rührenden sehr natürlich. Das menschliche Leben
+ist nichts als eine beständige Kette solcher Übergänge, und die Komödie
+soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewöhnlicher",
+sagt er, "als daß in dem nämlichen Hause der zornige Vater poltert, die
+verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält und jeder
+Anverwandte bei der nämlichen Szene etwas anders empfindet? Man
+verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan äußerst
+bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben
+Viertelstunde über ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr
+ehrwürdige Matrone saß bei einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank
+lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in
+Tränen zerfließen, sie rang die Hände und rief: 'O Gott, laß mir, laß mir
+dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen!'
+Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern geheiratet hatte,
+näher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Ärmel und fragte: 'Madame, auch
+die Schwiegersöhne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese
+Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame,
+daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und
+lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast
+erstickt."
+
+"Homer", sagt er an einem andern Orte, "läßt sogar die Götter, indem sie
+das Schicksal der Welt entscheiden, über den possierlichen Anstand des
+Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem
+Andromacha die heißesten Tränen vergießt. Es trifft sich wohl, daß mitten
+unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer
+Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine
+ungefähre Posse, trotz aller Beängstigung, trotz alles Mitleids das
+unbändigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem
+Regimente, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat
+darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein
+Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmöglich
+dienen!' Diese Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und
+metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komödie das Lachen auf rührende
+Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht
+Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung
+streiten zu wollen."
+
+Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die
+Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komödie für eine ebenso
+fehlerhafte als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als
+er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein
+"Hausvater" vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen,
+wenn wir es für möglich erkennen sollen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Stück
+Den 14. Julius 1767
+
+Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat
+Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert
+beschlossen.
+
+Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert
+derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind
+wahre Familiengemälde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder
+Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Mühmchen aus seiner
+eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, daß es
+an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und daß nur die Augen ein
+wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere
+Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über
+viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere
+Virtuosen an eine allzu flache Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich,
+aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand
+nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die
+Rundung, das Körperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns
+bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Außenlinien uns gleich
+an die Täuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die übrigen Seiten
+herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig
+und ekel; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von
+dem Seinigen geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der
+schmutzigen Nachlässigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb
+ihren vier Pfählen herumträumen. Sie müssen nichts von der engen Sphäre
+kümmerlicher Umstände verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten
+will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das
+Armselige ihrer Torheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgeiz
+geben, damit glänzen zu wollen.
+
+"Ich weiß gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das für
+ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr
+Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine
+geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstände machen!
+Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar
+großes Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und
+ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und
+er muß ja wohl."
+
+"Ganz gewiß!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern.
+Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Andrienne! Welche
+Schneidersfrau trägt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, daß
+die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie
+nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen
+vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafür sagen!
+Mich in einer Andrienne zu denken; das allein könnte mich krank machen.
+Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es
+auch die neueste Tracht sein. Wie können wir es sonst wahrscheinlich
+finden, daß sie darüber krank geworden?"
+
+"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr
+unanständig, daß die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib
+gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie
+soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die
+Einheit der Zeit! Das Kleid mußte fertig sein; die Stephan sollte es noch
+anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid
+fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele
+vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier
+ward meine Kunstrichterin unterbrochen.
+
+Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der
+"Melanide" des de la Chaussée "Der Mann nach der Uhr, oder der
+ordentliche Mann" gespielet.
+
+Der Verfasser dieses Stücks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an
+drolligen Einfällen; nur schade, daß ein jeder, sobald er den Titel hört,
+alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder
+vielmehr provinzial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden,
+in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten
+schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des
+Winkels, in dem er geboren worden, für die eigentlichen Sitten des
+gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu
+erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort grünen Kohl ißt?
+
+Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß
+jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der
+Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das nämliche; außer daß
+das erste ohngefähr die Karikatur von dem andern ist.
+
+Den dreißigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von
+Essex", vom Thomas Corneille, auf geführt. Dieses Trauerspiel ist fast
+das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des
+jüngern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird
+auf den deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den
+französischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher
+bereits Calprenède die nämliche Geschichte bearbeitet hatte.
+
+"Es ist gewiß", schreibt Corneille, "daß der Graf von Essex bei der
+Königin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr
+stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr
+auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verständnisses mit dem Grafen
+von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwählet hatten.
+Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando
+der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf,
+ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um
+Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die
+Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich
+sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des
+Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königin dem Grafen zum
+Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines
+Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich
+dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dieser Ring eine Erfindung
+des Calprenède ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das
+geringste davon gelesen."
+
+Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu
+nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, daß er ihn für
+eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist
+neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bedächtlichsten,
+skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre
+Werke aufgenommen.
+
+Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut
+redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die
+gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste
+war diese, daß dieses Übel aus einer betrübten Reue wegen des Grafen von
+Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz außerordentliche Achtung für
+das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine
+Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne
+Tränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung
+mit neuer Zärtlichkeit belebte und ihre Betrübnis noch mehr vergällte.
+Die Gräfin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wünschte die
+Königin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung
+sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königin in ihr Zimmer kam,
+sagte ihr die Gräfin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen
+worden, gewünscht, die Königin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die
+Art, die Ihro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr
+nämlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit
+der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bei einem
+etwanigen Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen
+Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person,
+durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sei
+er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände geraten. Sie habe
+ihrem Gemahl die Sache erzählt (er war einer von den unversöhnlichsten
+Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Königin
+zu geben noch dem Grafen zurückzusenden. Wie die Gräfin der Königin ihr
+Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth,
+die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene
+Ungerechtigkeit einsahe, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen
+Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es
+nimmermehr!' Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem
+Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise
+noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein
+Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein
+Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen,
+auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst
+der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab."
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Stück
+Den 17. Julius 1767
+
+Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise
+kritisiert. Ich möchte nicht gegen ihn behaupten, daß "Essex" ein
+vorzüglich gutes Stück sei; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele
+von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden,
+teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den
+richtigsten und würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen.
+
+Es gehört mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein
+sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem
+"Essex" auf dieses sein Streitroß und tummelte es gewaltig herum. Schade
+nur, daß alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert
+sind, den er erregt.
+
+Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt;
+und zum Glücke für den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender.
+"Itzt", sagt er, "kennen wir die Königin Elisabeth und den Grafen Essex
+besser; itzt würden einem Dichter dergleichen grobe Verstoßungen wider
+die historische Wahrheit schärfer aufgemutzet werden".
+
+Und welches sind denn diese Verstoßungen? Voltaire hat ausgerechnet, daß
+die Königin damals, als sie dem Grafen den Prozeß machen ließ,
+achtundsechzig Jahr alt war. "Es wäre also lächerlich", sagt er, "wenn
+man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Anteil an dieser
+Begebenheit könne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Lächerliches
+in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so
+lächerlich? "Nachdem das Urteil über den Essex abgegeben war", sagt Hume,
+"fand sich die Königin in der äußersten Unruhe und in der grausamsten
+Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre
+eigene Sicherheit und Bekümmernis um das Leben ihres Lieblings stritten
+unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande
+mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte
+den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie
+fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf
+erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des
+Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er
+selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders
+keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicherweise tat diese Äußerung
+von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königin, die der Graf sonach
+lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als
+sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer
+alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen
+genähret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete,
+war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten.
+Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus
+Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen
+Lauf."
+
+Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre
+geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der es so sehr
+schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl
+aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muß in diesem
+Stücke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten
+sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestät,
+mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der lächerlichsten Galanterie.
+Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen
+Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die
+Königin eine Venus, eine Diane, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl
+war diese Göttin damals schon sechzig Jahr alt. Fünf Jahr darauf führte
+Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die nämliche Sprache mit
+ihr. Kurz, Corneille ist hinlänglich berechtiget gewesen, ihr alle die
+verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zärtliche Weib mit der
+stolzen Königin in einen so interessanten Streit bringet.
+
+Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfälschet.
+"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille
+macht: er hat nie etwas Merkwürdiges getan." Aber wenn er es nicht war,
+so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die
+Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil läßt,
+hielt er so sehr für sein Werk, daß er es durchaus nicht leiden wollte,
+wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, es mit
+dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er
+kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten
+zu beweisen, daß sie ihm allein zugehöre.
+
+Corneille läßt den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom
+Cecil, vom Cobhan, sehr verächtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht
+gutheißen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so
+gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so
+großen Verdiensten, so unwürdig zu mißhandeln. "Aber hier kömmt es ja gar
+nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Essex hielt;
+und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und
+gar keine einzuräumen.
+
+Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen
+gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freilich etwas
+sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte
+darum doch nicht ausrufen müssen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was für
+Recht? unter was für Vorwande? wie wäre das möglich gewesen?" Denn
+Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus
+dem königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm
+gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen,
+die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige
+Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste
+sein, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken
+nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger,
+als was ihn Corneille voraussetzen läßt.
+
+Indem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische
+Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Über eine hat
+sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn nämlich Voltaire die erstern
+Lieblinge der Königin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert
+Dudley und den Grafen von Leicester. Er wußte nicht, daß beide nur eine
+Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den
+Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen könnte.
+Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der
+Ohrfeige verfällt, die die Königin dem Essex gab. Es ist falsch, daß er
+sie nach seiner unglücklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie
+lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals den Zorn
+der Königin durch die geringste Erniedrigung zu besänftigen gesucht, daß
+er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art mündlich und schriftlich
+seine Empfindlichkeit darüber ausließ. Er tat zu seiner Begnadigung auch
+nicht wieder den ersten Schritt; die Königin mußte ihn tun.
+
+Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von
+Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des
+Corneille hätte angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur
+dieser gegen ihn annehmen.
+
+Die ganze Tragödie des Corneille sei ein Roman: wenn er rührend ist, wird
+er dadurch weniger rührend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat?
+
+Weswegen wählt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere
+aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche
+ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu
+zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede
+nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden
+sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der
+gewöhnlichen Praxi der Dichter übereinstimmender auszudrücken: sind es
+die bloßen Fakta, die Umstände der Zeit und des Ortes, oder sind es die
+Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum
+der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit wählet? Wenn es die
+Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der
+Dichter von der historischen Wahrheit abgehen könne? In allem, was die
+Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm
+heilig; diese zu verstärken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist
+alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste
+wesentliche Veränderung würde die Ursache aufheben, warum sie diese und
+nicht andere Namen führen; und nichts ist anstößiger, als wovon wir uns
+keine Ursache geben können.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Le Château d'Otrante", Préf. p. XIV.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Stück
+Den 21. Julius 1767
+
+Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von
+dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Königin dieses Namens
+beilegt; wenn wir in ihr die Unentschlüssigkeit, die Widersprüche, die
+Beängstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und
+zärtliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei
+diesen und jenen Umständen wirklich verfallen ist, sondern auch nur
+verfallen zu können vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert
+finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun
+obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn
+vor den Richterstuhl der Geschichte führen, um ihn da jedes Datum, jede
+beiläufige Erwähnung, auch wohl solcher Personen, über welche die
+Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heißt
+ihn und seinen Beruf verkennen, heißt von dem, dem man diese Verkennung
+nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren.
+
+Zwar bei dem Herrn von Voltaire könnte es leicht weder Verkennung noch
+Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und
+ohnstreitig ein weit größerer, als der jüngere Corneille. Es wäre denn,
+daß man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der
+Kunst haben könnte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die
+ganze Welt weiß, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften
+hier und da ähnlich sieht, ist nichts als Laune; aus bloßer Laune spielt
+er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den
+Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf.
+
+Sollte er umsonst wissen, daß Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als
+sie den Grafen köpfen ließ? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt,
+noch eifersüchtig! Die große Nase der Elisabeth dazu genommen, was für
+lustige Einfälle muß das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfälle
+in dem Kommentare über eine Tragödie; also da, wo sie nicht hingehören.
+Der Dichter hätte recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr
+Notenmacher, diese Schwänke gehören in Eure allgemeine Geschichte, nicht
+unter meinen Text. Denn es ist falsch, daß meine Elisabeth achtundsechzig
+Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stücke,
+das Euch hinderte, sie nicht ungefähr mit dem Essex von gleichem Alter
+anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie?
+Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr
+den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt
+Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, daß die Erinnerung
+bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen
+hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine
+wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja
+meine Elisabeth; und seine eigene Augen überzeugen ihn, daß es nicht Eure
+achtundsechzigjährige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras
+mehr glauben, als seinen eignen Augen?"--
+
+So ungefähr könnte sich auch der Dichter über die Rolle des Essex erklären.
+"Euer Essex im Rapin de Thoyras", könnte er sagen, "ist nur der Embryo
+von dem meinigen. Was sich jener zu sein dünkte, ist meiner wirklich. Was
+jener, unter glücklichem Umständen, für die Königin vielleicht getan
+hätte, hat meiner getan. Ihr hört ja, daß es ihm die Königin selbst
+zugesteht; wollt Ihr meiner Königin nicht ebensoviel glauben, als dem
+Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und großer, aber stolzer
+und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so groß, noch so
+unbiegsam: desto schlimmer für ihn. Genug für mich, daß er doch immer
+noch groß und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe
+seinen Namen zu lassen."
+
+Kurz: die Tragödie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist
+für die Tragödie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir
+gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der
+Geschichte mehrere Umstände zur Ausschmückung und Individualisierung
+seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur daß man ihm hieraus
+ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache!
+
+Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr
+bereit, das übrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben.
+"Essex" ist ein mittelmäßiges Stück, sowohl in Ansehung der Intrige als
+des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu
+machen; ihn mehr aus Verzweiflung, daß er der ihrige nicht sein kann, als
+aus edelmütigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten
+herabzulassen, auf das Schafott zu führen: das war der unglücklichste
+Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl
+haben mußte. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Übersetzung
+ist er oft kriechend geworden. Aber überhaupt ist das Stück nicht ohne
+Interesse und hat hier und da glückliche Verse, die aber im Französischen
+glücklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von
+Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des
+Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und
+mit einem großen blauen Bande über die Schulter darin erscheinen können.
+Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das
+macht Eindruck. Übrigens ist die Zahl der guten Tragödien bei allen
+Nationen in der Welt so klein, daß die, welche nicht ganz schlecht sind,
+noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur
+aufgestutzet werden."
+
+Er bestätiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne
+Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich
+vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnügen erinnern
+dürfte. Ich teile die vorzüglichsten also hier mit; in der festen
+Überzeugung, daß die Kritik dem Genusse nicht schadet und daß diejenigen,
+welche ein Stück am schärfesten zu beurteilen gelernt haben, immer
+diejenigen sind, welche das Theater am fleißigsten besuchen.
+
+"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige
+Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muß man die Farben
+in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat.
+
+Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernünftige, tugendhafte
+Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der
+Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser
+Charakter würde sehr schön sein, wenn er mehr Leben hätte, und wenn er
+zur Verwickelung etwas beitrüge; aber hier vertritt sie bloß die Stelle
+eines Freundes. Das ist für das Theater nicht hinlänglich.
+
+Mich dünket, daß alles, was die Personen in dieser Tragödie sagen und
+tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die
+Handlung muß deutlich, der Knoten verständlich und jede Gesinnung plan
+und natürlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was
+will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen?
+Ist er schuldig, oder ist er fälschlich angeklagt? Wenn ihn die Königin
+für unschuldig hält, so muß sie sich seiner annehmen. Ist er aber
+schuldig: so ist es sehr unvernünftig, die Vertraute sagen zu lassen,
+daß er nimmermehr um Gnade bitten werde, daß er viel zu stolz dazu sei.
+Dieser Stolz schickt sich sehr wohl für einen tugendhaften unschuldigen
+Helden, aber für keinen Mann, der des Hochverrats überwiesen ist. Er
+soll sich unterwerfen: sagt die Königin. Ist das wohl die eigentliche
+Gesinnung, die sie haben muß, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun
+unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth
+darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als
+mich selbst: sagt die Königin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen
+gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen
+Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten
+nicht, daß ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und
+unterdrücken, wie es durch das ganze Stück, obwohl ganz ohne
+Grund, heißt.
+
+Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug
+werden, ob er ihn für schuldig oder für unschuldig hält. Er stellt der
+Königin vor, daß der Anschein öfters betriege, daß man alles von der
+Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe.
+Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Königin. Was hatte er
+dieses nötig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was
+soll der Zuschauer glauben? Der weiß ebensowenig, woran er mit der
+Verschwörung des Grafen, als woran er mit der Zärtlichkeit der Königin
+gegen ihn ist.
+
+Salisbury sagt der Königin, daß man die Unterschrift des Grafen
+nachgemacht habe. Aber die Königin läßt sich im geringsten nicht
+einfallen, einen so wichtigen Umstand näher zu untersuchen. Gleichwohl
+war sie als Königin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht
+einmal auf diese Eröffnung, die sie doch begierig hätte ergreifen müssen.
+Sie erwidert bloß mit andern Worten, daß der Graf allzu stolz sei, und
+daß sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten."
+
+Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht
+war?"
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Stück
+Den 24. Julius 1767
+
+"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben,
+als die Königin davon überzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er
+kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht.
+Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemäß? Soll er aus Liebe
+zur Irton so widersinnig handeln: so hätte ihn der Dichter durch das
+ganze Stück von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen müssen. Die
+Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser
+Heftigkeit sehen wir ihn nicht.
+
+Der Stolz der Königin streitet unaufhörlich mit dem Stolze des Essex; ein
+solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie
+handeln läßt, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen,
+bloßer Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um
+Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muß vergessen, daß
+Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie
+verlangt, daß der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches
+er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muß es vergessen,
+und er vergißt es wirklich, um sich bloß mit den Gesinnungen des Stolzes
+zu beschäftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist.
+
+Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie
+sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher
+dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die für sich
+selbst rührend ist.--Ein großer Mann, den man auf das Schafott führet,
+wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch
+ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefähr eben den Eindruck, den die
+Wirklichkeit selbst machen würde."
+
+So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch
+diese allein können die schwächsten, verwirrtesten Stücke eine Art von
+Glück machen; und ich weiß nicht, wie es kömmt, daß es immer solche
+Stücke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen.
+Selten wird ein Meisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es
+geschrieben ist; das Mittelmäßige fährt mit ihnen immer besser.
+Vielleicht, weil sie in dem Mittelmäßigen mehr von dem ihrigen hinzutun
+können; vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt,
+auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmäßigen
+alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt
+daß in einem vollkommenem Stücke öfters eine jede Person ein Hauptakteur
+sein müßte, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt,
+zugleich auch die übrigen verderben hilft.
+
+Beim "Essex" können alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder
+der Graf noch die Königin sind von dem Dichter mit der Stärke geschildert,
+daß sie durch die Aktion nicht noch weit stärker werden könnten. Essex
+spricht so stolz nicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung,
+in jeder Gebärde, in jeder Miene noch stolzer zeigen könnte. Es ist sogar
+dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte, als durch das
+übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt
+sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese
+Rolle muß also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen
+Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht völlig so; aber doch kann sie
+auch schwerlich ganz verunglücken. Elisabeth ist so zärtlich als stolz;
+ich glaube ganz gern, daß ein weibliches Herz beides zugleich sein kann;
+aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen könne, das begreife
+ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht
+viel Zärtlichkeit, und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen
+es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen
+den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich
+geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt,
+so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrückt, zwar
+empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so
+lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen
+als die Natur? Ist sie von einem majestätischen Wuchse, tönt ihre Stimme
+voller und männlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell
+und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen;
+aber wie steht es mit den zärtlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger
+imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein
+bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in
+ihrer Bewegung mehr Anstand und Würde, als Kraft und Geist: so wird sie
+den zärtlichen Stellen die völligste Genüge leisten; aber auch den
+stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiß nicht; sie wird sie
+noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zürnende Liebhaberin in
+ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren
+General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich
+meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich
+täuschend zu zeigen vermögend wären, dürften noch seltner sein, als die
+Elisabeths selber; und wir können und müssen uns begnügen, wenn eine
+Hälfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird.
+
+Madame Löwen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene
+allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zärtliche
+Frau, als die stolze Monarchin sehen und hören lassen. Ihre Bildung, ihre
+Stimme, ihre bescheidene Aktion ließen es nicht anders erwarten; und mich
+dünkt, unser Vergnügen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig
+eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als daß nicht
+die Königin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte:
+so, glaube ich, ist es zuträglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und
+der Königin, als von der Liebhaberin und der Zärtlichkeit verloren geht.
+
+Es ist nicht bloß eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch
+weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu
+machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein würde, wenn ihr
+diese Rolle auch gar nicht gelungen wäre. Ich weiß einem Künstler, er sei
+von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu
+machen; und diese besteht darin, daß ich annehme, er sei von aller eiteln
+Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm über alles, er höre gern
+frei und laut über sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und
+wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht
+versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht
+wert, daß wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal,
+daß wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch
+so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und
+Gefühl für seine Schwäche haben. Er spottet bei sich über jede
+uneingeschränkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von
+dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.
+
+Ich wollte sagen, daß sich Gründe anführen lassen, warum es besser ist,
+wenn die Aktrice mehr die zärtliche als die stolze Elisabeth ausdrückt.
+Stolz muß sie sein, das ist ausgemacht: und daß sie es ist, das hören
+wir. Die Frage ist nur, ob sie zärtlicher als stolz, oder stolzer als
+zärtlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu wählen
+hätte, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte
+Königin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der rächerischen
+Majestät, auszudrücken vermöchte, oder die, welche die eifersüchtige
+Liebhaberin, mit allen kränkenden Empfindungen der verschmähten Liebe,
+mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller
+Beängstigung über seine Hartnäckigkeit, mit allem Jammer über seinen
+Verlust, angemessener wäre? Und ich sage: diese.
+
+Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des nämlichen Charakters
+vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so
+muß sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die
+Zärtlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muß
+bei der Königin die Zärtlichkeit den Stolz überwiegen. Wenn der Graf sich
+eine höhere Miene gibt, als ihm zukommt, so muß die Königin etwas weniger
+zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer
+in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist,
+herabblicken lassen, würde die ekelste Einförmigkeit sein. Man muß nicht
+glauben können, daß Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle wäre, ebenso
+wie Essex handeln würde. Der Ausgang weiset es, daß sie nachgebender ist
+als er; sie muß also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren
+als er. Wer sich durch äußere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger
+Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muß. Wir wissen
+darum doch, daß Elisabeth die Königin ist, wenn sie gleich Essex das
+königlichere Ansehen gibt.
+
+Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, daß die Personen in
+ihren Gesinnungen steigen, als daß sie fallen. Es ist schicklicher, daß
+ein zärtlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als daß ein stolzer
+von der Zärtlichkeit sich fortreißen läßt. Jener scheint sich zu erheben;
+dieser zu sinken. Eine ernsthafte Königin, mit gerunzelter Stirne, mit
+einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der
+Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen könnte, wenn die zu
+verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Bedürfnissen ihrer
+Leidenschaft seufzet, ist fast, fast lächerlich. Eine Geliebte hingegen,
+die ihre Eifersucht erinnert, daß sie Königin ist, erhebt sich über sich
+selbst, und ihre Schwachheit wird fürchterlich.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Stück
+Den 28. Julius 1767
+
+Den einunddreißigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel
+der Madame Gottsched, "Die Hausfranzösin, oder die Mamsell" aufgeführet.
+
+Dieses Stück ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter
+Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fünften Bande der "Schaubühne"
+beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da
+mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es
+noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen.
+"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber
+"Die Hausfranzösin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts:
+denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch
+obendarein schmutzig, ekel, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir
+unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will
+hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.--
+
+Den zweiunddreißigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die
+"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt.
+
+Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der
+alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die
+Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem
+Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den
+Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst
+bemerkte. Da er einsahe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf
+eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes
+Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er
+nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch,
+besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche
+bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und
+anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern
+Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umständlich darüber aus, was
+überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung
+mit Ruhm arbeiten wolle.
+
+"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden,
+sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es
+gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu
+den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich
+selbst sind, so verschieden muß auch die dazugehörige Musik sein.
+Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der
+Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen
+eine jede Abteilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonie sich
+auf den ersten Aufzug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die
+zwischen den Aufzügen vorkommen, müssen teils mit dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden
+Aufzuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des
+letzten Aufzuges gemäß sein muß."
+
+"Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig und geistreich
+gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen
+und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten.
+Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald
+diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen
+ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die
+'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, daß sich
+keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die
+Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufällen
+begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das
+Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmut,
+die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Unglücksfällen im
+Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter
+sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus',
+'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaïre' erfordern hingegen schon eine etwas
+veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen
+Stücken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veränderung der
+Affekten zeigen."
+
+"Ebenso müssen die Komödiensymphonien überhaupt frei, fließend und
+zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem
+eigentümlichen Inhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie
+bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die
+Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komödien 'Der Falke' und 'Die
+beiderseitige Unbeständigkeit' würden ganz andere Symphonien erfordern
+als 'Der verlorne Sohn'. So würden sich auch nicht die Symphonien, die
+sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl
+schicken möchten, zum 'Unentschlüssigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken.
+Jene müssen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber
+verdrießlicher und ernsthafter."
+
+"Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich
+aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem
+ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Sätzen
+bestehen, so wie es der Komponist für gut findet.--Die Symphonien
+zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten
+sollen, werden am natürlichsten zwei Sätze haben können. Im ersten kann
+man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende
+sehen. Doch ist solches nur allein nötig, wenn die Affekten einander
+allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen,
+wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der
+Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden
+können.--Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlusse des Schauspiels
+auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto
+nachdrücklicher zu machen. Was ist lächerlicher, als wenn der Held auf
+eine unglückliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine
+lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als
+wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine
+traurige und bewegliche Symphonie darauf?"--
+
+"Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten
+bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nötig, damit die Zuhörer
+desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht
+verlieren möchten, wenn sie immer einerlei Instrumente hören sollten. Es
+ist aber beinahe eine Notwendigkeit, daß die Anfangssymphonie sehr stark
+und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die
+Veränderung der Instrumenten muß also vornehmlich in den Zwischensymphonien
+erscheinen. Man muß aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten
+zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken
+kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige
+Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher
+erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei
+aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veränderung der
+Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man
+diesen Übelstand vermeidet."
+
+Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie
+in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den
+Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich
+die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und
+Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie
+weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten
+imstande sei. Die mehresten müssen es von ihren Kunstverwandten erst
+hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste
+Aufmerksamkeit darauf wenden.
+
+Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was
+geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der
+Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankömmt, ist noch einzig das Werk
+des Genies. Denn ob es schon Tonkünstler gibt und gegeben, die bis zur
+Bewunderung darin glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an
+einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsätze
+aus ihren Beispielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beispiele
+werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto
+eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wenn
+nicht ein großer Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkünstler in
+dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. In der Vokalmusik
+hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwächste und
+schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der
+Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hilfe weg, und sie sagt gar
+nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der
+Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird
+unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken
+können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichsten ausdrücken;
+wir werden diese öfterer hören, wir werden sie miteinander öfterer
+vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein
+haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen.
+
+Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde,
+begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers
+Theaters hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in
+einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer
+bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser
+Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind.
+Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne
+Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Aufführung der "Semiramis"
+wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgeführt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Stück 67.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Stück
+Den 31. Julius 1767
+
+Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu
+machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner
+ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten
+beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüche, in
+unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und
+diese sind ebenso ununterrichtend für den Liebhaber, als ekelhaft für den
+Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloß nach den Absichten,
+die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er
+sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen.
+
+Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Sätzen. Der erste Satz ist ein
+Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Flöten; der Grundbaß ist durch
+Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und
+stürmisch; der Zuhörer soll vermuten, daß er ein Schauspiel ungefähr
+dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein;
+Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran;
+und der zweite Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und
+konzertierenden Fagotten, beschäftigst sich also mit dunkeln und
+mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen
+Tonwendungen mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als
+gewöhnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit;
+wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr
+vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in
+dem ersten, außer daß die Hoboen, Flöten und Fagotte miteinander einige
+besondere kleinere Sätze haben.
+
+Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz;
+dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der
+sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu
+billigen. Ich würde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik
+soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das
+Unerwartete, das Überraschende mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang
+nicht gern voraus verraten; und die Musik würde ihn verraten, wenn sie
+die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es
+ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch
+sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht
+bestimmter, als ihn ungefähr der Titel angibt. Man darf dem Zuhörer wohl
+das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege,
+auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen
+bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus
+dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern,
+der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestärkt. Denn gesetzt, daß
+die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen,
+einander ganz entgegen wären, so würden notwendig auch die beiden Sätze
+von ebenso widriger Beschaffenheit sein müssen. Nun begreife ich sehr
+wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr
+entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widerspiele, ohne unangenehme
+Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach;
+er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder
+hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch
+der Musikus? Es sei, daß er es in einem Stücke, von der erforderlichen
+Länge, ebensowohl tun könne; aber in zwei besondern, voneinander gänzlich
+abgesetzten Stücken muß der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das
+Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich
+sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche
+Übergang aus einem Äußersten in das andere, aus der Finsternis in das
+Licht, aus der Kälte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir
+in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider
+eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider
+einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in
+Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge
+unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle
+diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergötzend. Die
+Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren;
+hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch,
+warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die
+plötzlichsten Übergänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm.
+In der Tat ist diese Motivierung der plötzlichen Übergänge einer der
+größten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie
+ziehet; ja vielleicht der allergrößte. Denn es ist bei weitem nicht so
+notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der
+Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude
+einzuschränken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer
+sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende
+Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewähren können, zu
+verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben,
+welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Übereinstimmung des
+Mannigfaltigen bemerke. Nun aber würde, bei dem doppelten Satze zwischen
+den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir
+würden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in
+eine ganz entgegengesetzte überspringen müssen: und das ist für die Musik
+so gut, als erführen wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine üble
+Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir
+nun einsehen, daß er uns nicht hätte beleidigen sollen. Man glaube aber
+nicht, daß sonach alle Symphonien verwerflich sein müßten, weil alle aus
+mehrern Sätzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren
+jeder etwas anders ausdrückt als der andere. Sie drücken etwas anders
+aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie drücken das
+nämliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren
+verschiednen Sätzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften
+ausdrückt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muß nur
+eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muß ebendieselbe
+Leidenschaft, bloß mit verschiednen Abänderungen, es sei nun nach den
+Graden ihrer Stärke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei
+Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertönen lassen und in
+uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser
+Beschaffenheit; das Ungestüme des ersten Satzes zerfließt in das Klagende
+des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen
+Würde erhebet. Ein Tonkünstler, der sich in seinen Symphonien mehr
+erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden
+einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren
+läßt, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel
+Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann überraschen, kann betäuben,
+kann kitzeln, nur rühren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen
+und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muß ebensowohl
+Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu
+belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und
+jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines
+dauerhaften Eindruckes fähig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem
+festen Marmor, an dem sich die Hand des Künstlers verewigen kann.
+
+Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der
+"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat;
+Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante
+mesto, bloß mit gedämpften Violinen und Bratsche.
+
+In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als daß er nicht
+den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro
+assai aus dem G-dur mit Waldhörnern, durch Flöten und Hoboen, auch den
+Grundbaß mitspielende Fagotte verstärkt, drückt den durch Zweifel und
+Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz
+dieses treulosen und herrschsüchtigen Ministers aus.
+
+In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der
+ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese
+Erscheinung auf die Anwesenden machen läßt. Aber der Tonkünstler hat
+sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter
+unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der nämlichen
+Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur daß E-Hörner mit G-Hörnern
+verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und träges Erstaunen,
+sondern die wahre wilde Bestürzung, welche eine dergleichen Erscheinung
+unter dem Volke verursachen muß.
+
+Die Beängstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid;
+wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen.
+Bedauern und Mitleid läßt also auch die Musik ertönen; in einem Larghetto
+aus dem A-moll, mit gedämpften Violinen und Bratsche und einer
+konzertierenden Hoboe.
+
+Endlich folget auch auf den fünften Akt nur ein einziger Satz, ein
+Adagio, aus dem E-dur, nächst den Violinen und der Bratsche, mit Hörnern,
+mit verstärkenden Hoboen und Flöten und mit Fagotten, die mit dem
+Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels
+angemessene und ins Erhabene gezogene Betrübnis, mit einiger Rücksicht,
+wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit
+ihre warnende Stimme gegen die Großen der Erde ebenso würdig als
+mächtig erhebt.
+
+Die Absichten eines Tonkünstlers merken, heißt ihm zugestehen, daß er sie
+erreicht hat. Sein Werk soll kein Rätsel sein, dessen Deutung ebenso
+mühsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm
+vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob wächst mit
+seiner Verständlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto
+verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm für mich, daß ich recht gehört habe;
+aber für den Hrn. Agricola ist es ein so viel größerer, daß in dieser
+seiner Komposition niemand etwas anders gehört hat als ich.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Stück
+Den 4. August 1767
+
+Den dreiunddreißigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine"
+wiederholt, und den Beschluß machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus
+dem Französischen des Marivaux.
+
+Dieses kleine Stück ist hier Ware für den Platz und macht daher allezeit
+viel Vergnügen. Jürge kömmt aus der Stadt zurück, wo er einen reichen
+Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glück
+ändert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben,
+erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind für seinen Hans und für
+seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende
+Bote kömmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden,
+hat Bankerott gemacht, Jürge ist wieder nichts wie Jürge, Hans bekommt
+den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluß würde traurig genug sein,
+wenn das Glück mehr nehmen könnte, als es gegeben hat; gesund und
+vergnügt waren sie, gesund und vergnügt bleiben sie.
+
+Diese Fabel hätte jeder erfinden können; aber wenige würden sie so
+unterhaltend zu machen gewußt haben, als Marivaux. Die drolligste Laune,
+der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen
+kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine
+ganz eigene Würze. Die Übersetzung ist von Krügern, der das französische
+Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu übertragen gewußt
+hat. Es ist nur schade, daß verschiedene Stellen höchst fehlerhaft und
+verstümmelt abgedruckt werden. Einige müßten notwendig in der Vorstellung
+berichtiget und ergänzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene.
+
+"Jürge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev
+niks, as Gullen un Dahlers.
+
+Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief
+Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken?
+
+Jürge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die.
+
+Lise. Woto denn, Hans Narr?
+
+Jürge. För düssen Jungen, de mie mienen Bündel op dee Reise bed in
+unse Dörp dragen hed, un ik bün ganß licht und sacht hergahn.
+
+Lise. Büst du to Foote hergahn?
+
+Jürge. Ja. Wielt't veel kummoder is.
+
+Lise. Da hest du een Maark.
+
+Jürge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat.
+Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig.
+
+Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak
+dragen hed?
+
+Jürge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven.
+
+Valentin. Sollen die fünf Schilling für mich, Herr Jürge?
+
+Jürge. Ja, mien Fründ!
+
+Valentin. Fünf Schilling? ein reicher Erbe! fünf Schillinge? ein
+Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele?
+
+Jürge. O! et kumt mie even darop nich an, jy dörft't man seggen.
+Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so."
+
+Wie ist das? Jürge ist zu Fuße gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert
+fünf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fünf
+Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen
+Schilling hinschmeißen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb
+ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem
+Hanfe finden. Jürge war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche:
+und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging
+vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, ließ
+er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür gibt er dem
+Jungen die fünf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das
+hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er erzählt ihr nur, wie
+geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden.[1]
+
+Den vierunddreißigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der
+Zerstreute" des Regnard aufgeführt.
+
+Ich glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses
+Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte Distrait durch
+"Träumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der
+Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das
+Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen,
+nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das
+ist genug.
+
+Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er
+fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreißig Jahr darauf, als
+ihn die Komödianten wieder versuchten, fand er einen so viel größern.
+Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht
+unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche
+Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm
+es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Possenspiel,
+das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes
+Publikum dachte:
+
+ --non satis est risu diducere rictum
+ Auditoris--
+
+und dieses:
+
+ --et est quaedam tamen hic quoque virtus.
+
+Außer der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlässig
+ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den
+Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyère völlig entworfen.
+Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Züge teils in Handlung zu
+bringen, teils erzählen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufügte,
+will nicht viel sagen.
+
+Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere
+Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto
+mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf für die Komödie sein. Warum
+nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglück; und
+kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden,
+als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern
+abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei,
+der lasse sich durch Spöttereien ebensowenig bessern als ein Hinkender.
+
+Aber ist es denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist,
+dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich
+mehr natürliche Verwahrlosung als üble Angewohnheit sein? Ich kann es
+nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir
+es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir
+wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch
+unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht,
+was er, seinen itzigen sinnlichen Eindrücken zufolge, denken sollte.
+Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht außer Tätigkeit
+gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts tätig. Aber so gut
+sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natürlicher
+Beruf, bei den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu sein;
+es kostet Mühe, sie dieses Berufs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich
+sein, ihr ihn wieder geläufig zu machen?
+
+Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben,
+daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über verbesserliche
+Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel
+und Realität ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit
+auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bei Gelegenheit
+seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so
+bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch
+neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher
+entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. "Molière",
+sagt er z.E., "macht uns über den Misanthropen zu lachen, und doch ist
+der Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molière beweiset sich also
+als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften verächtlich macht."
+
+Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, er bleibt, wer er ist,
+und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der
+Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste.
+Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen über ihn, aber verachten wir ihn
+darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie
+schätzen sollen; ja ohne sie würden wir nicht einmal über seine
+Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften,
+nichtswürdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich sein wird? Widrig,
+ekel, häßlich wird sie sein; nicht lächerlich.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons
+que de grosses pièces.
+
+Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec
+tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire?
+
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je.
+
+Claudine. Pourquoi donc, Nicodème?
+
+Blaise. Pour ce garçon qui apporte mon paquet depis la voiture
+jusqu'à cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et à mon
+aise.
+
+Claudine. T'es venu dans la voiture?
+
+Blaise. Oui, parce que cela est plus commode.
+
+Claudine. T'a baillé un écu?
+
+Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un écu, ce
+m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ça.
+
+Claudine. Et tu dépenses cinq sols en porteurs de paquets?
+
+Blaise. Oui, par manière de recréation.
+
+Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise?
+
+Blaise. Oui, mon ami. etc.
+
+----Fußnote
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Stück
+Den 7. August 1767
+
+Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen;
+nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch
+weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerlichen Unarten
+finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der
+Übung unserer Fähigkeit, das Lächerliche zu bemerken; es unter allen
+Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen
+mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln
+des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß
+der "Geizige" des Molière nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard
+nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumt, daß das Lachen diese Toren
+gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die
+Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen
+kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem
+Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt,
+ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben
+andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu
+kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; ersprießlich, sich
+wider alle Eindrücke des Beispiels zu verwahren. Ein Präservativ ist auch
+eine schätzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kräftigers,
+wirksamers, als das Lächerliche.--
+
+"Das Rätsel oder Was den Damen am meisten gefällt", ein Lustspiel in
+einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß.
+
+Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzählungen und Märchen geschrieben
+hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben
+entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen
+Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plaît aux dames" gab den Stoff
+zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzügen, welches
+unter dem Titel "La fée Urgèle", von den italienischen Komödianten zu
+Paris, im Dezember 1765 aufgeführet ward. Herr Löwen scheinet nicht
+sowohl dieses Stück, als die Erzählung des Voltaire selbst vor Augen
+gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsäule mit auf den
+Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die
+primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, daß dieses oder
+jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so
+ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Löwen wegen der
+Einrichtung seines Stücks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem
+Hexenmärchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Löwen selbst gibt
+sein Rätsel für nichts anders, als für eine kleine Plaisanterie, die auf
+dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und
+Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es wäre bloßer
+Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar
+nicht original, aber doch gut getroffen. Nur dünkt mich, daß ein
+Waffenträger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der
+irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen
+will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gründet und ritterliche
+Abenteuer als rühmliche Handlungen eines vernünftigen und tapfern Mannes
+annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien
+muß man nicht zergliedern wollen.
+
+Den fünfunddreißigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in
+Gegenwart Sr. Königl. Majestät von Dänemark, die "Rodogune" des Peter
+Corneille aufgeführt.
+
+Corneille bekannte, daß er sich auf dieses Trauerspiel das meiste
+einbilde, daß er es weit über seinen "Cinna" und "Cid" setze, daß seine
+übrige Stücke wenig Vorzüge hätten, die in diesem nicht vereint
+anzutreffen wären; ein glücklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke
+Verse, ein gründliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt
+zu Akt immer wachsendes Interesse.--
+
+Es ist billig, daß wir uns bei dem Meisterstücke dieses großen Mannes
+verweilen.
+
+Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzählt Appianus Alexandrinus
+gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit
+dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte
+als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Königes Phraates, mit
+dessen Schwester Rodogune er sich vermählte. Inzwischen bemächtigte sich
+Diodotus, der den vorigen Königen gedienet hatte, des syrischen Thrones
+und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen
+Namen er als Vormund anfangs die Regierung führte. Bald aber schaffte er
+den jungen König aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab
+sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Königs,
+das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu
+Rhodus, wo er sich aufhielt, hörte, kam er nach Syrien zurück, überwand
+mit vieler Mühe den Tryphon und ließ ihn hinrichten. Hierauf wandte er
+seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders.
+Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch
+wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus
+zum Treffen, in welchem dieser den kürzern zog und sich aus Verzweiflung
+selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret
+war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Haß gegen die Rodogune
+umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruß über diese Heirat, sich
+mit dem nämlichen Antiochus, seinem Bruder, vermählet hatte. Sie hatte
+von dem Demetrius zwei Söhne, wovon sie den ältesten, mit Namen Seleukus,
+der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhändig mit einem
+Pfeile erschoß; es sei nun, weil sie besorgte, er möchte den Tod seines
+Vaters an ihr rächen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemütsart dazu
+veranlaßte. Der jüngste Sohn hieß Antiochus; er folgte seinem Bruder in
+der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, daß sie den
+Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken mußte."
+
+In dieser Erzählung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es würde
+Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen
+"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus
+zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was
+ihn aber vorzüglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die
+usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu
+können glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, daß
+sonach sein Stück nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heißen sollte.
+Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daß die Zuhörer diese
+Königin von Syrien mit jener berühmten letzten Königin von Ägypten
+gleichen Namens verwechseln dürften, wollte er lieber von der zweiten,
+als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt
+er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt
+hatte, daß die Alten selbst es nicht für notwendig gehalten, ein Stück
+eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl
+nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil
+hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles
+eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man
+itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen
+würde." Diese Bemerkung ist an und für sich sehr richtig; die Alten
+hielten den Titel für ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht,
+daß er den Inhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von dem
+andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand
+hinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß Sophokles das
+Stück, welches er "Die Trachinerinnen" überschrieb, würde haben
+"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden
+Titel zu geben, aber ihm einen verführerischen Titel zu geben, einen
+Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen
+möchte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des
+Corneille ging hiernächst zu weit; wer die ägyptische Kleopatra kennet,
+weiß auch, daß Syrien nicht Ägypten ist, weiß, daß mehr Könige und
+Königinnen einerlei Namen geführt haben: wer aber jene nicht kennt, kann
+sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens hätte Corneille in dem
+Stück selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfältig vermeiden sollen;
+die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der
+deutsche Übersetzer tat daher sehr wohl, daß er sich über diese kleine
+Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muß
+seine Leser oder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl
+manchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen!
+
+
+
+
+Dreißigstes Stück
+Den 11. August 1767
+
+Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschießt den einen
+von ihren Söhnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel
+folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde
+nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit
+Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die einzige Eifersucht ein wütendes
+Eheweib zu einer ebenso wütenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin
+an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und
+die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes
+Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht
+allein besitzen konnte. Demetrius muß nicht leben, weil er für Kleopatra
+nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt
+auch ein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An diese hatte die Mutter
+in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Söhne
+gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher
+Eifer doch, wenn er unter Eltern wählen müßte, ohnfehlbar sich für den
+zuerst beleidigten Teil erklären würde. Sie fand es aber so nicht; der
+Sohn ward König, und der König sahe in der Kleopatra nicht die Mutter,
+sondern die Königsmörderin. Sie hatte alles von ihm zu fürchten; und von
+dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem
+Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Söhnen übrig; sie fing an,
+alles zu hassen, was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die
+Selbsterhaltung stärkte diesen Haß; die Mutter war fertiger als der Sohn,
+die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten
+Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem
+Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sie ihn nur an dem
+begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich
+nicht morde, daß sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des
+ältere Sohnes wäre auch das Schicksal des jüngern geworden; aber dieser
+war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu
+trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen rächet
+das andere; und es kömmt bloß auf die Umstände an, auf welcher Seite wir
+mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen.
+
+Dieser dreifache Mord würde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang,
+ihr Mittel und ihr Ende in der nämlichen Leidenschaft der nämlichen
+Person hätte. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragödie? Für das
+Genie fehlt ihr nichts: für den Stümper alles. Da ist keine Liebe, da
+ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer
+Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Dieser natürliche Gang
+reizet das Genie; und den Stümper schrecket er ab. Das Genie können nur
+Begebenheiten beschäftigen, die ineinander gegründet sind, nur Ketten von
+Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurückzuführen, jene gegen diese
+abzuwägen, überall das Ungefähr auszuschließen, alles, was geschieht, so
+geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehen können: das, das ist
+seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnützen
+Schätze des Gedächtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der
+Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegründete, sondern nur
+auf das Ähnliche oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die
+dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei Begebenheiten
+auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als daß sie zugleich
+geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu
+flechten und zu verwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem
+andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestürzt werden; das
+kann er, der Witz; und nur das. Aus der beständigen Durchkreuzung solcher
+Fäden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in
+der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von
+dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, grün oder gelb ist; der
+beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet;
+ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz für Kinder.
+
+Nun urteile man, ob der große Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie
+oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser
+Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand
+in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung.
+
+Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus
+Eifersucht? dachte Corneille: das wäre ja eine ganz gemeine Frau; nein,
+meine Kleopatra muß eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern
+verloren hätte, aber durchaus nicht den Thron; daß ihr Mann Rodogunen
+liebt, muß sie nicht so sehr schmerzen, als daß Rodogune Königin sein
+soll, wie sie; das ist weit erhabner.--
+
+Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatürlicher. Denn einmal ist der
+Stolz überhaupt ein unnatürlicheres, ein gekünstelteres Laster, als die
+Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatürlicher, als
+der Stolz eines Mannes. Die Natur rüstete das weibliche Geschlecht zur
+Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht
+erwecken; nur seine Reize sollen es mächtig machen; nur durch Liebkosungen
+soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen
+kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloß des Herrschens wegen, gefällt,
+bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere
+Glückseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuß
+ganzen Völkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal,
+auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet
+eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das
+minder Natürliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist,
+die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle
+Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um
+sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr
+tugendhaft und liebenswürdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea
+begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zärtlichen, eifersüchtigen Frau
+will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu
+heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus überlegtem
+Ehrgeize Freveltaten verübet, empört sich das ganze Herz; und alle Kunst
+des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an,
+wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesättiget
+haben, so danken wir dem Himmel, daß sich die Natur nur alle tausend
+Jahre einmal so verirret, und ärgern uns über den Dichter, der uns
+dergleichen Mißgeschöpfe für Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns
+ersprießlich sein könnte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter
+funfzig Frauen, die ihre Männer vom Throne gestürzet und ermordet haben,
+ist kaum eine, von der man nicht beweisen könnte, daß nur beleidigte
+Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus bloßem Regierungsneide, aus
+bloßem Stolze das Zepter selbst zu führen, welches ein liebreicher
+Ehemann führte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele,
+nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen,
+haben diese Regierung hernach mit allem männlichen Stolze verwaltet: das
+ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, mürrischen, treulosen Gatten
+alles, was die Unterwürfigkeit Kränkendes hat, zu sehr erfahren, als daß
+ihnen nachher ihre mit der äußersten Gefahr erlangte Unabhängigkeit nicht
+um so viel schätzbarer hätte sein sollen. Aber sicherlich hat keine das
+bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von
+sich sagen läßt; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der größte
+Bösewicht weiß sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst
+zu überreden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster
+sei, oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge.
+Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters, als Lasters, rühmet;
+und der Dichter ist äußerst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glänzendes
+und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen läßt, als ob
+seine Grundneigungen auf das Böse, als auf das Böse, gehen könnten.
+
+Dergleichen mißgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden,
+sind indes bei keinem Dichter häufiger, als bei Corneillen, und es könnte
+leicht sein, daß sich zum Teil sein Beiname des Großen mit darauf gründe.
+Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines
+fähig sein sollte, und wirklich auch keines fähig ist: das Laster. Den
+Ungeheuern, den Gigantischen hätte man ihn nennen sollen; aber nicht den
+Großen. Denn nichts ist groß, was nicht wahr ist.
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Stück
+Den 14. August 1767
+
+In der Geschichte rächet sich Kleopatra bloß an ihrem Gemahle; an
+Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht rächen. Bei dem Dichter ist
+jene Rache längst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloß erzählt,
+und alle Handlung des Stücks geht auf Rodogunen. Corneille will seine
+Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muß sich noch gar
+nicht gerächet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen
+rächet. Einer Eifersüchtigen ist es allerdings natürlich, daß sie gegen
+ihre Nebenbuhlerin noch unversöhnlicher ist, als gegen ihren treulosen
+Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder
+gar nicht eifersüchtig; sie ist bloß ehrgeizig; und die Rache einer
+Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersüchtigen ähnlich sein. Beide
+Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als daß ihre Wirkungen die
+nämlichen sein könnten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut,
+und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als daß die Rache des
+Ehrgeizigen ohne Maß und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck
+verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht,
+kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kälter und
+überlegender zu werden anfängt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach
+dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer
+ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergißt er es auch wohl, daß er
+ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fürchten hat, den verachtet er; und
+wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht
+hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes
+Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gänzliche Verderben
+seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie
+versöhnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhöret, die
+nämliche Beleidigung zu sein, und immer wächset, je länger sie dauert:
+so kann auch ihr Durst nach Rache nie erlöschen, die sie spat oder früh,
+immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der
+Kleopatra beim Corneille; und die Mißhelligkeit, in der diese Rache also
+mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als äußerst beleidigend
+sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbändiger Trieb nach Ehre und
+Unabhängigkeit, lassen sie uns als eine große, erhabne Seele betrachten,
+die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tückischer Groll; ihre
+hämische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu
+befürchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem
+geringsten Funken von Edelmute, vergeben müßte; ihr Leichtsinn, mit dem
+sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die
+unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so
+klein, daß wir sie nicht genug verachten zu können glauben. Endlich muß
+diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in
+der ganzen Kleopatra nichts übrig, als ein häßliches, abscheuliches Weib,
+das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet.
+
+Aber nicht genug, daß Kleopatra sich an Rodogunen rächet: der Dichter
+will, daß sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie fängt er
+dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist
+das Ding viel zu natürlich: denn was ist natürlicher, als seine Feindin
+hinzurichten? Ginge es nicht an, daß zugleich eine Liebhaberin in ihr
+hingerichtet würde? Und daß sie von ihrem Liebhaber hingerichtet würde?
+Warum nicht? Laßt uns erdichten, daß Rodogune mit dem Demetrius noch
+nicht völlig vermählet gewesen; laßt uns erdichten, daß nach seinem Tode
+sich die beiden Söhne in die Braut des Vaters verliebt haben; laßt uns
+erdichten, daß die beiden Söhne Zwillinge sind, daß dem ältesten der
+Thron gehöret, daß die Mutter es aber beständig verborgen gehalten,
+welcher von ihnen der älteste sei; laßt uns erdichten, daß sich endlich
+die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr
+nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen für den ältesten
+zu erklären und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse
+Bedingung eingehen wolle; laßt uns erdichten, daß diese Bedingung der Tod
+der Rodogune sei. Nun hätten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen
+sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte
+umbringen will, der soll regieren.
+
+Schön; aber könnten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Könnten
+wir die guten Prinzen nicht noch in größere Verlegenheit setzen? Wir
+wollen versuchen. Laßt uns also weiter erdichten, daß Rodogune den
+Anschlag der Kleopatra erfährt; laßt uns weiter erdichten, daß sie zwar
+einen von den Prinzen vorzüglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat,
+auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, daß sie
+fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch
+den, welchem der Thron heimfallen dürfte, zu ihrem Gemahle zu wählen, daß
+sie allein den wählen wolle, welcher sich ihr am würdigsten erzeigen
+werde; Rodogune muß gerächet sein wollen; muß an der Mutter der Prinzen
+gerächet sein wollen; Rodogune muß ihnen erklären: wer mich von euch
+haben will, der ermorde seine Mutter!
+
+Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut
+angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen!
+Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine
+Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine
+Mutter! Es versteht sich, daß es sehr tugendhafte Prinzen sein müssen,
+die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt für den Teufel
+von Mama, und ebensoviel Zärtlichkeit für eine liebäugelnde Furie von
+Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist
+die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, daß
+es gar nicht möglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und
+schlägt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder
+der andere geht hin und schlägt die Mutter tot, um die Prinzessin zu
+haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die
+Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus
+werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das
+Mädchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie
+beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere
+totschlagen; so stehen sie beide hübsch und sperren das Maul auf, und
+wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schönheit davon.
+Freilich wird das Stück dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen,
+daß die Weiber darin ärger als rasende Männer, und die Männer weibischer
+als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist
+dieses ein Vorzug des Stückes mehr; denn das Gegenteil ist so gewöhnlich,
+so abgedroschen!--
+
+Doch im Ernste: ich weiß nicht, ob es viel Mühe kostet, dergleichen
+Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich möchte es auch
+schwerlich jemals versuchen. Aber das weiß ich, daß es einem sehr sauer
+wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen.
+
+Nicht zwar, weil es bloße Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur
+in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit hätte sich
+Corneille immer ersparen können. "Vielleicht", sagt er, "dürfte man
+zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, daß sie
+unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es
+hier gemacht habe, wo nach der Erzählung im ersten Akte, welche die
+Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fünften, nicht das
+geringste vorkömmt, welches einigen historischen Grund hätte. Doch",
+fährt er fort, "Mich dünkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte
+beibehalten, so sind alle vorläufige Umstände, alle Einleitungen zu
+diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wüßte ich mich keiner
+Regel dawider zu erinnern, und die Ausübung der Alten ist völlig auf
+meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles
+mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein
+haben, als das bloße Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen
+ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm
+eigentümliche Mittel gelanget, so daß wenigstens eine davon notwendig
+ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muß. Oder man werfe nur
+die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster
+einer vollkommenen Tragödie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, daß
+sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloß auf das
+Vorgeben gründet, daß Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare,
+auf welchem sie geopfert werden sollte, entrückt und ein Reh an ihrer
+Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des
+Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die
+Episoden, sowohl der Knoten als die Auflösung, gänzlich erdichtet sind,
+und aus der Historie nichts als die Namen haben."
+
+Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umständen nach Gutdünken
+verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und
+Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte
+nachrechnet, daß Rodogune so jung nicht könne gewesen sein; sie habe den
+Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens
+zwanzig Jahre haben müßten, noch in ihrer Kindheit gewesen wären. Was
+geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht
+geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und
+nicht viel älter, als sich die Söhne in sie verliebten. Voltaire ist mit
+seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die
+Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafür verifizieren wollte!
+
+
+
+
+Zweiunddreißigstes Stück
+Den 18. August 1767
+
+Mit den Beispielen der Alten hätte Corneille noch weiter zurückgehen
+können. Viele stellen sich vor, daß die Tragödie in Griechenland wirklich
+zur Erneuerung des Andenkens großer und sonderbarer Begebenheiten
+erfunden worden; daß ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die
+Fußtapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken
+auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis ließ sich um die
+historische Richtigkeit ganz unbekümmert.[1] Es ist wahr, er zog sich
+darüber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, daß
+Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst
+verstanden: so läßt sich den Folgerungen, die man aus seiner Mißbilligung
+ziehen könnte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich
+unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des
+Nutzens, ihrer noch nicht würdig erzeigen konnte. Thespis ersann,
+erdichtete, ließ die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte:
+aber er wußte seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch
+lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne
+die geringste Vermutung von dem Nützlichen zu haben. Er eiferte wider ein
+Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu führen, leicht von übeln
+Folgen sein könnte.
+
+Ich fürchte sehr, Solon dürfte auch die Erdichtungen des großen Corneille
+nichts als leidige Lügen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen?
+Machen sie in der Geschichte, die er damit überladet, das Geringste
+wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal für sich selbst wahrscheinlich.
+Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der
+Erdichtungskraft; und er hätte doch wohl wissen sollen, daß nicht das bloße
+Erdichten, sondern das zweckmäßige Erdichten, einen schöpfrischen Geist
+beweise.
+
+Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Söhne mordet;
+eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich
+vor, sie in einer Tragödie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm
+weiter nichts, als das bloße Faktum, und dieses ist ebenso gräßlich als
+außerordentlich. Es gibt höchstens drei Szenen, und da es von allen
+nähern Umständen entblößt ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut
+also der Poet?
+
+So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die
+Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kürze der größere Mangel seines
+Stückes scheinen.
+
+Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein,
+eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene
+unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen müssen.
+Unzufrieden, ihre Möglichkeit bloß auf die historische Glaubwürdigkeit zu
+gründen, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen;
+wird er suchen, die Vorfälle, welche diese Charaktere in Handlung setzen,
+so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen,
+die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird
+er suchen, diese Leidenschaften durch so allmähliche Stufen durchzuführen:
+daß wir überall nichts als den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf
+wahrnehmen; daß wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun läßt,
+bekennen müssen, wir würden ihn, in dem nämlichen Grade der Leidenschaft,
+bei der nämlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; daß uns nichts
+dabei befremdet, als die unmerkliche Annäherung eines Zieles, von dem
+unsere Vorstellungen zurückbeben, und an dem wir uns endlich, voll des
+innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreißt, und
+voll Schrecken über das Bewußtsein befinden, auch uns könne ein ähnlicher
+Strom dahinreißen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Geblüte noch so
+weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlägt der Dichter diesen
+Weg ein, sagt ihm sein Genie, daß er darauf nicht schimpflich ermatten
+werde: so ist mit eins auch jene magere Kürze seiner Fabel verschwunden;
+es bekümmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfällen fünf
+Akte füllen wolle; ihm ist nur bange, daß fünf Akte alle den Stoff nicht
+fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer
+mehr und mehr vergrößert, wenn er einmal der verborgnen Organisation
+desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet.
+
+Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter
+nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage
+ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstößig
+sein, daß er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden
+vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern dürfe, wenn er sich
+nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid
+zu erregen. Denn er weiß so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und
+dieses Mitleid bestehet, daß er, um jenes hervorzubringen, nicht
+sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug häufen zu
+können glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den
+außerordentlichsten, gräßlichsten Unglücksfällen und Freveltaten nehmen
+zu müssen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra,
+eine Mörderin ihres Gemahls und ihrer Söhne, aufgesagt, so sieht er, um
+eine Tragödie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die
+Lücken zwischen beiden Verbrechen auszufüllen, und sie mit Dingen
+auszufüllen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen
+selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien,
+knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman
+zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer
+Häcksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das
+Drahtgerippe von Akten und Szenen, läßt erzählen und erzählen, läßt rasen
+und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter
+oder saurer ankömmt, ist das Wunder fertig; es heißt ein Trauerspiel,
+--wird gedruckt und aufgeführt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder
+ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glück will.
+Denn et habent sua fata libelli.
+
+Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den großen Corneille zu machen?
+Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen
+Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist
+seine "Rodogune", nun länger als hundert Jahr, als das größte Meisterstück
+des größten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit
+von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjährige Bewunderung
+wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre
+Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen
+Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn
+auf ein Meteor herabzusetzen?
+
+O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte saß einmal ein ehrlicher Hurone in
+der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war;
+und vor langer Weile studierte er die französischen Poeten; diesem
+Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu
+Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der
+hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute
+des sechzehnten Säculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls
+vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein
+Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn,
+weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer
+armen verlaßnen Enkelin dieses großen Dichters an, ließ sie unter seinen
+Augen erziehen, lehrte sie hübsche Verse machen, sammelte Almosen für
+sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen großen einträglichen Kommentar über
+die Werke ihres Großvaters usw.) aber gleichwohl erklärte er die "Rodogune"
+für ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern,
+wie ein so großer Mann, als der große Corneille, solch widersinniges
+Zeug habe schreiben können.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist
+ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach
+bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den
+Ausländern über die Fehler eines Franzosen die Augen eröffnet. Diesem
+ganz gewiß betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem
+Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muß er es doch haben. Denn
+daß ein Deutscher selbst dächte, von selbst die Kühnheit hätte, an der
+Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das
+einbilden?
+
+Ich rede von diesen meinen Vorgängern mehr bei der nächsten Wiederholung
+der "Rodogune". Meine Leser wünschen aus der Stelle zu kommen; und ich
+mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Übersetzung, nach welcher
+dieses Stück aufgeführet worden. Es war nicht die alte Wolfenbüttelsche
+vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch
+ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die
+beste von dieser Art nicht schämen, und ist voller starken, glücklichen
+Stellen. Der Verfasser aber, weiß ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack,
+als daß er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte.
+Corneillen gut zu übersetzen, muß man bessere Verse machen können, als er
+selbst.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Diogenes Laërtius, Lib. I. § 59.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Stück
+Den 21. August 1767
+
+Den sechsunddreißigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel
+des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Königl.
+Majestät von Dänemark, aufgeführet.
+
+Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestätiget, daß
+Soliman II. sich in eine europäische Sklavin verliebt habe, die ihn so
+zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewußt, daß er, wider alle
+Gewohnheit seines Reichs, sich förmlich mit ihr verbinden und sie zur
+Kaiserin erklären müssen. Genug, daß Marmontel hierauf eine von seinen
+moralischen Erzählungen gegründet, in der er aber jene Sklavin, die eine
+Italienerin soll gewesen sein, zu einer Französin macht; ohne Zweifel,
+weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, daß irgendeine andere Schöne,
+als eine französische, einen so seltnen Sieg über einen Großtürken
+erhalten können.
+
+Ich weiß nicht, was ich eigentlich zu der Erzählung des Marmontel sagen
+soll; nicht, daß sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen
+Kenntnissen der großen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Lächerlichen,
+ausgeführet und mit der Eleganz und Anmut geschrieben wäre, welche diesem
+Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst.
+Aber es soll eine moralische Erzählung sein, und ich kann nur nicht finden,
+wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schlüpfrig, so
+anstößig, als eine Erzählung des La Fontaine oder Grécourt: aber ist sie
+darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist?
+
+Ein Sultan, der in dem Schoße der Wollüste gähnet, dem sie der alltägliche
+und durch nichts erschwerte Genuß unschmackhaft und ekel gemacht hat, der
+seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder
+gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit,
+die raffinierteste Zärtlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschöpft:
+dieser kranke Wollüstling ist der leidende Held in der Erzählung. Ich
+sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Süßigkeiten den Magen
+verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas
+verfällt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken würde, auf faule
+Eier, auf Rattenschwänze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die
+edelste, bescheidenste Schönheit, mit dem schmachtendsten Auge, groß und
+blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den
+Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestätischer in ihrer Form,
+blendender von Kolorit, blühende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer
+Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Töne, eine wahre Muse, nur
+verführerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein
+weibliches Ding, flüchtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur
+Unverschämtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig
+Schönheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses
+Ding, als es den Sultan erblickt, fällt mit der plumpesten Schmeichelei,
+wie mit der Türe ins Haus: Grâces au ciel, voici une figure humaine!
+--(Eine Schmeichelei, die nicht bloß dieser Sultan, auch mancher deutscher
+Fürst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch
+plumper, zu hören bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut
+wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich
+enthält, zu fühlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das übrige
+--Vous êtes beaucoup mieux, qu'il n'appartient à un Turc: vous avez
+même quelque chose d'un Français--En vérité ces Turcs sont plaisants--Je
+me charge d'apprendre à vivre à ce Turc--Je ne désespère pas d'en faire
+quelque jour un Français.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und
+schilt, es droht und spottet, es liebäugelt und mault, bis der Sultan,
+nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu
+haben, auch Reichsgesetze abändern und Geistlichkeit und Pöbel wider sich
+aufzubringen Gefahr laufen muß, wenn er anders mit ihr ebenso glücklich
+sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem
+Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Mühe!
+
+Marmontel fängt seine Erzählung mit der Betrachtung an, daß große
+Staatsveränderungen oft durch sehr geringfügige Kleinigkeiten veranlaßt
+worden, und läßt den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst
+schließen: Wie ist es möglich, daß eine kleine aufgestülpte Nase die
+Gesetze eines Reiches umstoßen können? Man sollte also fast glauben, daß
+er bloß diese Bemerkung, dieses anscheinende Mißverhältnis zwischen
+Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erläutern wollen. Doch diese Lehre
+wäre unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst,
+daß er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt.
+"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche
+ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefälligkeit bringen
+wollen; ich wählte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als
+die zwei Extrema der Herrschaft und Abhängigkeit." Allein Marmontel muß
+sicherlich auch diesen seinen Vorsatz während der Ausarbeitung vergessen
+haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten
+Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich
+bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Französin sagt, der
+zurückhaltendste, nachgebendste, gefälligste, folgsamste, untertänigste
+Mann, la meilleure pâte de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein
+würde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in
+dieser Erzählung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben
+bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Käfer, wenn er alle Blumen
+durchschwärmt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen.
+
+Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel,
+ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern läßt oder
+nicht; und also war die Erzählung des Marmontel darum nichts mehr und
+nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat
+Favart, und sehr glücklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus
+ähnlichen Erzählungen bereichern wollen, die Favartsche Ausführung mit
+dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu
+abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veränderungen, die
+dieser gelitten und zum Teil leiden müssen, lehrreich sein, und ihre
+Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer bloßen
+Spekulation wohl unentdeckt geblieben wäre, den noch kein Kritikus zur
+Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der öfters mehr
+Wahrheit, mehr Leben in ihr Stück bringen wird, als alle die mechanischen
+Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren
+Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der
+Vollkommenheit eines Dramas machen möchten.
+
+Ich will nur bei einer von diesen Veränderungen stehenbleiben. Aber ich
+muß vorher das Urteil anführen, welches Franzosen selbst über das Stück
+gefällt haben.[1] Anfangs äußern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des
+Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den größten
+Fürsten seines Jahrhunderts; die Türken haben keinen Kaiser, dessen
+Andenken ihnen teurer wäre als dieses Solimans; seine Siege, seine
+Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswürdig,
+über die er siegte: aber welche kleine, jämmerliche Rolle läßt ihn
+Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener
+ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kühnsten,
+schwärzesten Streiche fähig war, die den Sultan durch ihre Ränke und
+falsche Zärtlichkeit so weit zu bringen wußte, daß er wider sein eigenes
+Blut wütete, daß er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen
+Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine
+närrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf
+voller Wind, doch das Herz mehr gut als böse. Sind dergleichen
+Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein
+Erzähler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese
+Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn
+er Fakta nach seinem Gutdünken verändern darf, darf er auch eine Lucretia
+verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?"
+
+Das heißt einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich möchte die
+Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht übernehmen; ich habe mich
+vielmehr schon dahin geäußert,[2] daß die Charaktere dem Dichter weit
+heiliger sein müssen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau
+beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von
+selbst nicht viel anders ausfallen können; da hingegen allerlei Faktum
+sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten läßt. Zweitens, weil
+das Lehrreiche nicht in den bloßen Faktis, sondern in der Erkenntnis
+bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umständen solche Fakta
+hervorzubringen pflegen und hervorbringen müssen. Gleichwohl hat es
+Marmontel gerade umgekehrt. Daß es einmal in dem Seraglio eine europäische
+Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmäßigen Gemahlin des Kaisers zu
+machen gewußt: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und
+dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich
+geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich
+werden können, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche
+von diesen Arten er wählen will; ob die, welche die Historie bestätiget,
+oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner
+Erzählung verbindet, das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er
+sich, im Fall daß er andere Charaktere als die historischen, oder wohl
+gar diesen völlig entgegengesetzte wählet, auch der historischen Namen
+enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum
+beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten.
+Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren
+und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir
+bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als
+etwas Zufälliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die
+Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentümliches. Mit jenen
+lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht
+mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl
+ins Licht stellen, aber nicht verändern; die geringste Veränderung
+scheinet uns die Individualität aufzuheben und andere Personen
+unterzuschieben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpieren
+und sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762.
+
+[2] Oben im 23. Stück.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Stück
+Den 25. August 1767
+
+Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen
+Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt,
+als in diesen freiwillig gewählten Charakteren selbst, es sei von seiten
+der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu
+verstoßen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen;
+nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu
+wissen, die jeder Schulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrat seines
+Gedächtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen
+Gefühl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es
+gehört oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter
+nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstößt also,
+bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft,
+so gröblich, daß wir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundern
+können; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusammen und rufen:
+"Aber, wie hat ein so großer Mann nicht wissen können!--Wie ist es
+möglich, daß ihm nicht beifiel!--Überlegte er denn nicht?" Oh, laßt uns
+ja schweigen; wir glauben ihn zu demütigen, und wir machen uns in seinen
+Augen lächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloß,
+daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider
+nötig, wenn wir nicht vollkommne Dummköpfe bleiben wollten.
+
+Marmontels Soliman hätte daher meinetwegen immer ein ganz anderer
+Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein mögen, als
+mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob
+sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer
+andern Welt gehören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer
+andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in
+dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer
+andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten
+abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den
+Schöpfer ohne Namen durch sein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das,
+sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der
+gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich
+ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten
+verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde,
+so kann ich es zufrieden sein, daß man ihm auch jenes nicht für genossen
+ausgehen läßt. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muß uns
+nicht vorsätzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei
+nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt.
+
+Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen
+haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter
+ausbildet oder sich schaffet, Übereinstimmung und Absicht zu verlangen,
+wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet
+zu werden.
+
+Übereinstimmung:--Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie
+müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen
+sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nachdem die Umstände auf sie
+wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug sein können,
+sie von Schwarz auf Weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er
+verliebt ist, noch Türk und Despot sein. Dem Türken, der nur die sinnliche
+Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements beifallen, die eine
+verwöhnte europäische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser
+liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts
+Anzügliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu
+überwinden haben und, wenn ich sie überwunden habe, durch neue
+Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein König von Frankreich
+denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese
+Denkungsart einmal gibt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung;
+er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu
+genießen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine
+dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt:
+"Soliman war ein zu großer Mann, als daß er die kleinen Angelegenheiten
+seines Seraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgeschäfte hätte treiben
+sollen." Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgeschäfte
+nicht auf den Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben
+müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als
+Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er
+suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen läßt, freie Herzen, die sich aus
+bloßer Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen ließen; er hätte
+ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiß er, was er will? Die
+zärtliche Elmire wird von einer wollüstigen Delia verdrängt, bis ihm eine
+Unbesonnene den Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum
+Sklaven machen muß, ehe er die zweideutige Gunst genießet, die bisher
+immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein?
+Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein
+herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal
+alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Roxelane, nach
+diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht
+Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe wert halten, ihr dieses Opfer
+gebracht zu haben? Ich fürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen,
+sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten
+Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre
+aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo
+habe ich meine Augen gehabt!"
+
+Ich leugne nicht, daß bei alle den Widersprüchen, die uns diesen Soliman
+so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich sein könnte. Es
+gibt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen.
+Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen
+Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende;
+es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die
+unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch
+Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem
+Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht.
+--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe
+erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie
+von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten,
+die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen
+befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese
+Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit
+dem ebenso geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen
+ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet.
+Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen fängt das Genie an, zu
+lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in größern Werken zu
+Füllungen, zu Ruhepunkten unserer wärmern Teilnehmung: allein mit der
+Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und
+größere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder
+zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten
+und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht,
+uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als
+glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich
+selbst im Glücke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwürfen, wo keine
+unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung für uns statthat,
+wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskräfte mit solchen
+Gegenständen zu beschäftigen, die es zu sein verdienen, und diese
+Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein
+falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was
+wir verabscheuen sollten zu begehren.
+
+Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem
+Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von
+manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten
+sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich
+erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgefeimte Buhlerin werden
+uns mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben geschildert,
+daß es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus
+berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als
+gefälligen Gattin überdrüssig zu sein, weil sie eine Elmire und keine
+Roxelane ist.
+
+Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die
+angeführten französischen Kunstrichter recht, daß sie alle das Tadelhafte
+des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet
+ihnen sogar dabei noch mehr gesündiget zu haben, als jener. "Die
+Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzählung
+so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich
+nötig; und diese ist in dem gegenwärtigen auf das äußerste verletzet. Der
+große Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so
+einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der
+Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein
+Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß.
+Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man
+sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels
+gefallen; aber wenn die Überlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit
+ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem
+Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche;
+sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte,
+nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles
+sagen können; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdrücken gesagt hätte.
+Aber wer kann es aushalten, den großen Soliman von einer jungen
+Landstreicherin so hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu
+regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist
+hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unerträglich."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Stück
+Den 28. August 1767
+
+Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein;
+Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem
+feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches
+der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu gönnen,
+als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung.
+Beim Marmontel hingegen läßt sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben
+und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer
+Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist,
+und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann
+sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht
+errät oder nicht besser erraten will.
+
+Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der
+Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er
+einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen,
+besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit
+dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, daß seine Roxelane noch
+unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat
+er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewußt,
+als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das?
+
+Eben auf diese Veränderung wollte ich oben kommen; und mich dünkt, sie
+ist so glücklich und vorteilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und
+ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte.
+
+Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines
+närrisches, vermessenes Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan
+Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack
+durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen,
+als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen
+steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als
+zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe
+gestellt, als seine Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den
+Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine
+Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine
+Erklärung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf
+ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet
+werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre
+geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, große Seele, ganz den
+Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun
+auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muß dich wohl lieben! Nimm
+all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sei mein Sultan, mein Held,
+mein Gebieter! Ich würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen
+müssen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget.
+Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen
+Liebhaber, der meinetwegen nicht erröten darf; sieh hier in Roxelanen
+--nichts, als deine untertänige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf
+einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso
+vernünftiges als drollichtes Mädchen steht vor uns; Soliman höret auf,
+uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe
+würdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die
+nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er
+möchte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber möchte den Despoten
+wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt,
+eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so
+bedenklichen Schritte zurückhalten wollen, möchte anstatt einer feurigen
+Bestätigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind möchte durch
+ihre Großmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige
+Vermessenheiten so mühsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens,
+und das Stück schließt sich zu unserer völligen Zufriedenheit.
+
+Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veränderung? Ist sie bloß
+willkürlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung,
+in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel
+seiner Erzählung diesen vergnügendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem,
+was dort eine Schönheit ist, hier ein Fehler?
+
+Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben,
+welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und
+des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen
+Erzählung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur
+Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht
+wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollständige Handlung,
+die für sich ein wohlgeründetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht;
+der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem
+Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen
+nehmen, durch welche er sie ausführen läßt, ist er unbekümmert, er hat
+uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es
+lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses
+mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das
+Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel
+fließende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die
+Leidenschaften, welche der Verlauf und die Glücksveränderungen seiner
+Fabel anzufachen und zu unterhalten vermögend sind, oder auf das
+Vergnügen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und
+Charaktere gewähret; und beides erfordert eine gewisse Vollständigkeit
+der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der
+moralischen Erzählung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit
+auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall
+derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt.
+
+Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Erzählung lehren wollte,
+die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie müsse durch Nachsicht und
+Gefälligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er
+recht, so aufzuhören, wie er aufhört. Die unbändige Roxelane wird durch
+nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans
+Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir sie doch immer für
+eine Närrin und ihn für nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht
+Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so
+wahrscheinlich sein, daß den Sultan seine blinde Gefälligkeit bald
+gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die
+Gefälligkeit über das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also eines
+der wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit wert sei
+oder nicht.
+
+Allein, als Favart diese Erzählung auf das Theater bringen wollte, so
+empfand er bald, daß durch die dramatische Form die Intuition des
+moralischen Satzes größtenteils verloren gehe und daß, wenn sie auch
+vollkommen erhalten werden könne, das daraus erwachsende Vergnügen doch
+nicht so groß und lebhaft sei, daß man dabei ein anderes, welches dem
+Drama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Vergnügen, welches
+uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewähren.
+Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch,
+in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des
+Dichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbst damit
+betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das
+Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer
+Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen
+Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt
+ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden,
+desto strenger verfährt unsere Überlegung; das häßliche Gesicht, das wir
+so schön geschminkt sehen, wird für noch einmal so häßlich erklärt, als
+es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu wählen, ob er von uns lieber
+für einen Giftmischer oder für einen Blödsinnigen will gehalten sein. So
+wäre es dem Favart, so wäre es seinen Charakteren des Solimans und der
+Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere
+nicht von Anfang ändern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu
+verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu
+sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun übrig, als was er tat. Nun
+freuen wir uns, uns an nichts vergnügt zu haben, was wir nicht auch
+hochachten könnten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere
+Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama
+weit stärker ist, als einer bloßen Erzählung, so interessieren uns auch
+die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnügen uns
+nicht, ihr Schicksal bloß für den gegenwärtigen Augenblick entschieden zu
+sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls
+zufriedengestellet wissen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Sultan, j'ai pénétré ton âme;
+ J'en ai démêlé les ressorts.
+ Elle est grande, elle est fière, et la gloire l'enflamme,
+ Tant de vertus excitent mes transports.
+ A ton tour, tu vas me connaître:
+ Je t'aime, Soliman; mais tu l'as mérité.
+ Reprends tes droits, reprends ma liberté;
+ Sois mon Sultan, mon Héros et mon Maître.
+ Tu me soupçonnerais d'injuste vanité.
+ Va, ne fais rien que ta loi n'autorise;
+ Il est des préjugés qu'on ne doit point trahir,
+ Et je veux un Amant, qui n'ait point à rougir:
+ Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Stück
+Den 1. September 1767
+
+So unstreitig wir aber, ohne die glückliche Wendung, welche Favart am
+Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Krönung nicht
+anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den lächerlichen
+Triumph einer "Serva Padrona" würden betrachtet haben; so gewiß, ohne
+sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein kläglicher Pimpinello,
+und die neue Kaiserin nichts als eine häßliche, verschmitzte Serbinette
+gewesen wäre, von der wir vorausgesehen hätten, daß sie nun bald dem
+armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde:
+so leicht und natürlich dünkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir
+müssen uns wundern, daß sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht
+beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische
+Erzählung in der dramatischen Form darüber verunglücken müssen.
+
+Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beißende Märchen,
+und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen
+Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzählt;
+und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte
+man, daß es ein ebenso glücklicher Stoff auch für das Theater sein müsse.
+Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich
+auf jedes feinere Gefühl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter
+der Matrone, der in der Erzählung ein nicht unangenehmes höhnisches
+Lächeln über die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem
+Drama ekel und häßlich. Wir finden hier die Überredungen, deren sich der
+Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und
+siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein
+empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst
+ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre
+Schwäche dünkt uns die Schwäche des ganzen Geschlechts zu sein; wir
+fassen also keinen besondern Haß gegen sie; was sie tut, glauben wir,
+würde ungefähr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den
+lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir
+ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu müssen;
+oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die
+Vermutung, daß er wohl auch nur ein bloßer Zusatz des hämischen Erzählers
+sei, der sein Märchen gern mit einer recht giftigen Spitze schließen
+wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir
+dort nur hören, daß es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen;
+woran wir dort noch zweifeln können, davon überzeugt uns unser eigener
+Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der bloßen Möglichkeit ergötzte uns
+das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloß ihre
+Schwärze; der Einfall vergnügte unsern Witz, aber die Ausführung des
+Einfalls empört unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Bühne den
+Rücken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem
+besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset,
+debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere
+cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen,
+je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verführung angewendet; denn wir
+verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib überhaupt, sondern ein
+vorzüglich leichtsinniges, lüderliches Weibsstück insbesondere.--Kurz,
+die Petronische Fabel glücklich auf das Theater zu bringen, müßte sie
+den nämlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; müßte die
+Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklärung
+hierüber anderwärts!
+
+Den siebenunddreißigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden
+"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt.
+
+Den achtunddreißigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope"
+des Herrn von Voltaire aufgeführt.
+
+Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des
+Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania,
+der Marquise du Châtelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift
+davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des
+Théâtre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafür
+einzuflößen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemäß zu
+stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern
+mußte er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr
+geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire über ein Trauerspiel, über
+eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden,
+ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darüber zurückschrieb,
+welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur
+Warnung, jederzeit dem Stücke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin
+für eines von den vollkommensten Trauerspielen, für ein wahres Muster
+erklärt, und wir können uns nunmehr ganz zufrieden geben, daß das Stück
+des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses
+ist nun nicht länger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt.
+
+So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein mußte, so schien er
+sich doch mit der Vorstellung nicht übereilen zu wollen, welche erst im
+Jahre 1743 erfolgte. Er genoß von seiner staatsklugen Verzögerung auch
+alle die Früchte, die er sich nur immer davon versprechen konnte.
+"Merope" fand den außerordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte
+dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt
+hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem großen Corneille sehr
+vorzüglich; sein Stuhl auf dem Theater ward beständig freigelassen, wenn
+der Zulauf auch noch so groß war, und wenn er kam, so stand jedermann
+auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Geblüte
+gewürdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause
+angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als daß
+ihm die Gäste ihre Höflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch
+ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu
+kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende
+war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und lärmte, bis der
+Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen
+mußte. Ich weiß nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet hätte,
+ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefälligkeit des
+Dichters. Wie denkt man denn, daß ein Dichter aussieht? Nicht wie andere
+Menschen? Und wie schwach muß der Eindruck sein, den das Werk gemacht
+hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die
+Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstück, dünkt mich,
+erfüllet uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Urhebers darüber
+vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern
+der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es wäre Sünde
+in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel
+liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so
+groß, so überschwenglich, daß es dem rohern Menschen zu verzeihen, daß es
+sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz
+denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in
+der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, daß er an den Schöpfer der
+Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig
+Zuverlässiges von der Person und den Lebensumständen des Homers wissen,
+ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller
+Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im
+Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung
+dabei, es zu vergessen, daß Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der
+blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so
+entzücket. Er bringt uns unter Götter und Helden; wir müßten in dieser
+Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Türsteher so genau zu
+erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach sein,
+man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelei empfinden, wenn man so
+neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde
+für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu
+kennen, sein müßte (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten,
+dem besten Murmeltiere voraus, welches der Pöbel gesehen zu haben ebenso
+begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der
+französischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser
+Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie
+zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden könne,
+so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein
+neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormußte,
+und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von
+Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger
+gestanden. Wie manches Armesündergesichte muß daruntergewesen sein! Der
+Posse ging endlich so weit, daß sich die Ernsthaftern von der Nation
+selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell
+ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug,
+das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus
+nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver
+und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Übe1stand
+lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlaßt haben.
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Stück
+Den 4. September 1767
+
+Ich habe gesagt, daß Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei
+veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene
+ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehören dem
+Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz
+andere "Merope" geschrieben haben.
+
+Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, müssen wir
+zuvörderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische
+Verdienst des letztern gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen
+einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel
+gegründet hat.
+
+Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stückes
+folgendergestalt zusammen. "Daß, einige Zeit nach der Eroberung von
+Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in
+Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete
+durch das Los zugefallen; daß die Gemahlin dieses Kresphonts Merope
+geheißen; daß Kresphont, weil er dem Volke sich allzugünstig erwiesen,
+von den Mächtigern des Staats, mitsamt seinen Söhnen, umgebracht worden,
+den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bei einem Anverwandten seiner
+Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er
+erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des väterlichen
+Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern
+gerächet habe: dieses erzählet Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit
+seinen zwei Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus
+dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß
+dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; daß der dritte
+Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher
+umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet
+Apollodorus. Daß Merope selbst den geflüchteten Sohn unbekannterweise
+töten wollen; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener
+daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den
+Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; daß der nun erkannte Sohn
+bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses
+meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes führet."
+
+Es wäre zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere
+Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis
+wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner
+Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn
+erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Mörder ihres
+Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom
+Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stück,[1] wenn er sich
+auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope
+die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer
+befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen
+könne. Aristoteles erwähnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des
+Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen
+"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes
+als das Werk dieses Dichters gemeiner haben.
+
+Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser
+weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste
+Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des
+sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet,
+daß, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen
+Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstücke so gewöhnte
+Volk ganz außerordentlich sei betroffen, gerührt und entzückt worden."
+--Hübsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden
+Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt
+und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine
+Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein paar Worte zu
+sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben.
+
+Die Sache verhält sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem
+vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich für
+Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten,
+sagt er, müssen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter
+gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tötet,
+so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der Tat sonst weiter
+einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des
+Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt verbunden ist. Und so ist
+es auch bei gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen
+Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muß den Bruder,
+ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter töten oder
+töten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise mißhandeln oder
+mißhandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und
+Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollführt oder nicht
+vollführt werden muß, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten,
+welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die
+erste: wenn die Tat wissentlich, mit völliger Kenntnis der Person, gegen
+welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird.
+Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird.
+Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes,
+unternommen und vollzogen wird und der Täter die Person, an der er
+sie vollzogen, zu spät kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend
+unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein
+verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen
+vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die
+Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anführet: so
+haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die
+Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung
+tragischer Fabeln zu sein erkläre.
+
+Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel
+sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses
+beides beieinander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und
+gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation
+allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, glücklich ab.
+Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichter offenbar?
+
+Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit
+gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem
+ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den
+geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede
+dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie
+mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne
+das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und
+welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der
+Klytämnestra durch den Orest der Inhalt des Stückes sein sollte, so zeige
+sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu
+bearbeiten, nämlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der
+zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun
+überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung
+als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht
+statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den
+Orest geschehen müsse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu gräßlich
+sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytämnestra dadurch abermals
+gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich
+bleibe ihm nichts als die dritte Klasse übrig.
+
+Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht
+bloß in einzeln Fällen, nach Maßgebung der Umstände, sondern überhaupt.
+Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bei ihm recht,
+nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf
+der einen Seite eine Blöße von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf
+einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit
+hat, anstatt nach jener in diese zu stoßen: so ist es ja doch um die
+Untrüglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr
+als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die
+Übereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn der Dichter allgemein
+bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf:
+wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem
+ersten oder zweiten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der
+Klytämnestra müßte eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn
+Orestes hat sie wissentlich und vorsätzlich vollzogen: der Dichter aber
+kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte
+doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die
+ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders
+einschlagen, als den zweiten? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß
+sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein
+bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen
+stattfinden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem
+andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben:
+so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloß
+erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytämnestra wäre
+von dieser letztern Art, und es hätte dem Dichter freigestanden, sie
+vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige
+Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen,
+um eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier
+sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so
+geschähe es bloß aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den
+also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt
+eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen
+erteilet, sind ja die, welche sich unglücklich schließen? Und das ist ja
+eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also
+gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann,
+weil es bei den alten Dichtern nicht gebräuchlich und auch nicht erlaubt
+war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), würde sich an der
+angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden,
+welches Josua Barnes nicht mitgenommen hätte und ein neuer Herausgeber
+des Dichters nutzen könnte.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtunddreißigstes Stück
+Den 8. September 1767
+
+Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge
+leistet. Unsern deutschen Übersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1]
+hat sie ebensowenig befriediget. Er trägt seine Gründe dagegen vor, die
+zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch
+sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche
+zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht
+zu retten sei. "Ich überlasse", schließt er, "einer tiefern Einsicht,
+diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklärung
+finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß unser Philosoph dieses
+Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen Vorsicht durchgedacht habe."
+
+Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines
+offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig.
+Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das
+größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich
+verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal und
+glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen
+Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem
+Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten
+können, was ihm diesen Widerspruch gewissermaßen unvermeidlich machen
+müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst
+würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß
+am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeübterm Leser, der ich ihn
+zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge
+den Faden seiner Gedanken zurück, ponderiere ein jedes Wort und sage mir
+immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber daß er hier
+etwas behaupten sollte, wovon er auf der nächsten Seite gerade das
+Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's
+auch.
+
+Doch ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr
+Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich
+desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer größern
+Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen.
+
+Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute
+Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere
+Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist
+es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen
+und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft
+und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung
+einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine
+Verknüpfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung
+ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie
+die Güte eines jeden Ganzen auf der Güte seiner einzeln Teile und deren
+Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger
+vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede für
+sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger
+entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der
+tragischen Handlung statthaben können, unter drei Hauptstücke: des
+Glückswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou];
+und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern
+versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles
+zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches
+widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der
+Glückswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte
+Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo],
+unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie
+machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schöner und
+interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit
+und Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine
+tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muß jedes
+Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein;
+denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung
+des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht
+jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht
+erreichen, sie in einem höhern Grade erreichen helfen, andere aber ihr
+mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem
+Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstücke gebrachten Teile
+der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet,
+welches der beste Glückswechsel, welches die beste Erkennung, welches die
+beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern,
+daß derjenige Glückswechsel der beste, das ist der fähigste, Schrecken
+und Mitleid zu erwecken und zu befördern, sei, welcher aus dem Bessern in
+das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, daß diejenige
+Behandlung des Leidens die beste in dem nämlichen Verstande sei, wenn die
+Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen,
+aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen
+soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt.
+
+Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die
+Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der
+Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von
+diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die
+möglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des
+andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit
+des Ganzen? Wenn der Glückswechsel und das, was Aristoteles unter dem
+Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind,
+warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen?
+Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Teile von entgegengesetzten
+Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie
+nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sei?
+Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die
+Erkennung dessen hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche
+Tat verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der
+Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben,
+welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern
+mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der
+Glückswechsel kann sich mitten in dem Stücke ereignen, und wenn er schon
+bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so
+ist z.E. der Glückswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des
+vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos])
+hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schließet. Gleichfalls
+kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und
+in dem nämlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so
+daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie
+in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem
+vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist,
+erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswechsel mit
+der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben
+Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat
+die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch den ersteren haben
+könnte, wenn nämlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche
+erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu
+schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben
+beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht ebensowohl mit dem
+Untergange der Mutter, als des Tyrannen schließen? Warum sollte es einem
+Dichter nicht freistellen können, um unser Mitleiden gegen eine so
+zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit
+selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht
+erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen,
+gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde
+eine solche Merope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden
+Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem
+Kunstrichter so widersprechend findet?
+
+Ich merke wohl, was das Mißverständnis veranlasset haben kann. Man hat
+sich einen Glückswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne
+Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne
+Glückswechsel denken können. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das
+andere sein; nicht zu erwähnen, daß auch nicht beides eben die nämliche
+Person treffen muß, und wenn es die nämliche Person trifft, daß eben
+nicht beides sich zu der nämlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf
+das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne
+dieses zu überlegen, hat man nur an solche Fälle und Fabeln gedacht, in
+welchen beide Teile entweder zusammenfließen, oder der eine den andern
+notwendig ausschließt. Daß es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist
+der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten
+Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen
+seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der
+andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich
+selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine
+Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit sein; jener von
+einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er
+gesagt, daß jede Fabel diese Teile alle notwendig haben müsse? Genug für
+ihn, daß es Fabeln gibt, die sie alle haben können. Wenn eure Fabel aus
+der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten
+Glückswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so
+untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren
+würdet, und wählet. Das ist es alles!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Herrn Curtius, S. 214.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neununddreißigstes Stück
+Den 11. September 1767
+
+Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen
+haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden
+haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern
+Falle so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu
+erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er
+ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muß erst untersucht
+werden, wo er das größere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber,
+nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er
+davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln
+Teile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bei dem
+Pater Tournemine auch nur ein bloßer Jesuiterkniff, um uns mit guter Art
+zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel, von einem so großen
+Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstück werden müssen.
+
+Doch Tournemine und Tournemine--Ich fürchte, meine Leser werden fragen:
+"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn
+viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen,
+weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1].
+
+Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire
+selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stücke
+des Euripides die nämlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß
+Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten,
+daß die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste
+Augenblick der ganzen griechischen Bühne sei. Auch er sagt, daß Aristoteles
+diesem coup de théâtre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch
+versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripides für das rührendste
+von allen Stücken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun
+gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus
+welchem er die Situation der Merope anführt, nicht einmal den Titel namhaft;
+er sagt weder, wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sei;
+geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripides
+erkläre.
+
+Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der
+Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen
+griechischen Bühne sei! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten!
+Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen
+Bühne! Sollte man hieraus nicht schließen: Aristoteles gehe mit Fleiß
+alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch,
+vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die
+er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten
+Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher
+den Ausspruch für diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es
+nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum
+Beispiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel
+von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beispiele in der "Iphigenia",
+wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter
+erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu
+vergehen.
+
+Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und
+wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters
+gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drei Beispiele
+von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter
+gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente.
+Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht
+ausschließt; und obschon in der "Iphigenia" die glückliche Erkennung auf
+die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich
+sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche
+Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der
+Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten
+von allen tragischen Dichtern verdiente?
+
+Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich;
+ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den
+wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" übrig sind, nicht
+schließen. Sie enthalten nichts als Sittensprüche und moralische
+Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und
+werfen nicht das geringste Licht auf die Ökonomie des Stückes.[3] Aus
+dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttin des
+Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die
+Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder
+hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schließen,
+daß die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei ältern Söhne entweder
+einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz
+vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des jüngern
+Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brüder
+zu rächen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die größte Schwierigkeit aber
+macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des
+jüngern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stück
+"Kresphontes" heißen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber
+hieß nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, daß
+jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der
+Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts
+sicher zu bleiben. Der Vater muß längst tot sein, wenn sich der Sohn des
+väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein
+Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin
+vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind über diese
+Schwierigkeit hinwegzusetzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn
+gleichfalls Kresphont geheißen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit?
+aus welchem Grunde?
+
+Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich
+Maffei schmeichelte: so können wir den Plan des Kresphontes ziemlich
+genau wissen. Er glaubte ihn nämlich bei dem Hyginus, in der
+hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er hält
+die Fabeln des Hyginus überhaupt größtenteils für nichts, als für die
+Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius
+gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem
+verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich
+neue zu erdichten. Der Rat ist nicht übel und zu befolgen. Auch hat ihn
+mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er
+ihn gegeben. Herr Weiße hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube
+geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur
+möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinste
+Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen.
+Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien
+zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder
+unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragödienschreiber selbst
+ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation
+gemacht, scheinet selbst die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche
+betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter
+nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte,
+ausdrücklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzählt er
+z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach
+dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des
+Euripides.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Lettres familières".
+
+[2] Aristote, dans sa Poétique immortelle, ne balance pas à dire que la
+reconnaissance de Mérope et de son fils était le moment le plus
+intéressant de toute la scène Grecque. Il donnait à ce coup de Théâtre la
+préférence sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si
+sensible, frémissaient de crainte que le vieillard, qui devait arrêter le
+bras de Mérope, n'arrivât pas asseztôt. Cette pièce, qu'on jouait de son
+temps, et dont il nous reste très peu de fragments, lui paraissait la
+plus touchante de toutes les tragédies d'Euripide etc. Lettre à
+Mr. Maffei.
+
+[3] Dasjenige, welches Dacier anführet ("Poétique d'Aristote", Chap. XV.
+Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem
+Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nützen solle".
+
+[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poét. d'Arist. Une Mère, qui
+va tuer son fils, comme Mérope va tuer Cresphonte etc.
+
+[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184
+d'Igino, la quale a mio credere altro non è, che l'Argomento di quella
+Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa.
+Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci già in quell'
+Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le più di quelle
+Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di ciò col
+confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto
+in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi è stato
+caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal
+sentimento. Una miniera è pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse
+stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a
+lor fantasia: io la scoprirò loro di buona voglia, perchè rendano col
+loro ingegno alla nostra età ciò, che dal tempo invidioso le fu rapito.
+Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto più di considerazione
+quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non è stato
+creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle
+favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole
+costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso
+convertendole, le avean ridotte.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierzigstes Stück
+Den 15. September 1767
+
+Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über derhundertundvierund-
+Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus
+Dem "Kresphont" Desselben Könne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Daß
+Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So
+Daß, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Könnte,
+Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizität Weit Näher Käme, Als
+Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzählung Des Hyginus, Die
+Ich Oben Nur Verkürzt Angeführt, Ist Nach Allen Ihren Umständen Folgende.
+
+Kresphontes war König von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope
+drei Söhne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem
+er, nebst seinen beiden ältesten Söhnen, das Leben verlor. Polyphontes
+bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche
+während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn,
+namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit
+bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward
+Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen und versprach
+also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde.
+Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine
+Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging
+nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, daß er den Telephontes
+umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung.
+Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu
+bewirten, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephontes ward also in das
+Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indes kam der alte
+Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen
+Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, daß
+Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne daß man wisse, wo er hingekommen.
+Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der
+angekommene Fremde rühme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und hätte ihn
+im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin
+nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der
+Freveltat verhindert hätte. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche
+Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt.
+Polyphontes dünkte sich aller seiner Wünsche gewähret und wollte den
+Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber
+alle um den Altar versammelt waren, führte Telephontes den Streich, mit
+dem er das Opfertier fällen zu wollen sich stellte, auf den König; der
+Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen
+Reiches.[1]
+
+Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische
+Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren
+Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus
+genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fußtapfen des
+Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Überzeugung
+ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer bloßen
+
+Divination über den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in
+seiner "Merope" wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von
+verschiednen Hauptzügen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging
+und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin gerührt hatte,
+in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte.
+
+Die Mutter nämlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem
+Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den
+Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern und mit
+Ausschließung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und
+tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht
+also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die
+Umstände von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswärtiger
+Erziehung treffen mußte. Merope mußte nicht die Gemahlin des Polyphonts
+sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so
+frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes
+überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und
+dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche
+nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befreien. Der Sohn mußte
+nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines väterlichen Hauses, in aller
+Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntnis seines Standes
+und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die mütterliche Liebe erkaltet
+natürlicherweise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des
+Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand
+geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er mußte nicht in der
+ausdrücklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß
+nicht von Meropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er
+sich selbst dafür ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von
+Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so
+ist ihre Verlegenheit bei der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr
+rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel
+genug.
+
+Und diesen Veränderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan
+ungefähr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fünfzehn Jahre, und
+doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das
+Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugetan und rechnet
+auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu
+beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er trägt ihr
+seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope
+weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch
+Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht
+verhelfen können. Eben dringt er am schärfsten in sie, als ein Jüngling
+vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde
+ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Jüngling, hatte nichts getan,
+als sein eignes Leben gegen einen Räuber verteidiget; sein Ansehen verrät
+so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die
+noch außerdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl
+mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der
+König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten
+Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode
+ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes
+Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält,
+heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder
+aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der
+Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen
+wäre? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene
+Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu
+begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestärket, den man bei dem
+Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn Aegisth dem
+Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls,
+den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen,
+wenn er erwachsen, und es Zeit sein würde, ihm seinen Stand zu entdecken.
+Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an
+eine Säule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstoßen. Der
+Jüngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfährt
+der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort
+sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt
+der König dazu, und der Jüngling wird befreiet. So nahe Merope der
+Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück,
+als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung triumphiert.
+Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn
+vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in
+dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den
+Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als
+ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und
+den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Aegisth erwacht
+und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem
+vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und würde ihn leicht
+durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie
+der Alte nicht auch hiervon zurückgehalten hätte. Mit frühem Morgen soll
+ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare,
+aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat
+Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den
+Tempel, dränget sich durch das Volk, und--das übrige wie bei dem Hyginus.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzählung genommen,
+sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste
+Verbindung unter sich haben. Sie fängt an mit dem Schicksale des Pentheus
+und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar
+nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen
+können; es wäre denn, daß sie sich bloß in derjenigen Ausgabe, welche ich
+vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befände. Diese
+Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat.
+Genug, daß hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses
+excepit, aus sein muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel,
+von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehöret, welches mir das
+Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so daß, beides miteinander verbunden,
+ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu
+der 184. machen wollen, folgendermaßen zusammenlegen wurde. Es versteht
+sich, daß in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso
+Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnötige Wiederholung, mitsamt dem
+darauffolgenden ejus, welches auch so schon überflüssig ist, wegfallen
+müßte. Merope.
+
+[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum
+interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem
+infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem
+in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat,
+aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem
+aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem.
+Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis
+interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in
+hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem
+obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad
+Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope
+credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum
+cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex
+cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit,
+occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum
+Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso
+simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum
+adeptus est.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Stück
+Den 18. September 1767
+
+Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen
+Theater überhaupt aussahe, desto größer war der Beifall und das
+Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde.
+
+ Cedite Romani scriptores, cedite Graii,
+ Nescio quid majus nascitur Oedipode:
+
+schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon
+gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast
+kein anderes Stück gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue
+Tragödie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbühnen fanden sich
+darüber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in
+sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreißig Ausgaben, in und
+außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie
+ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man
+hatte vor, sie mit allen diesen Übersetzungen zugleich drucken zu lassen.
+Ins Französische war sie bereits zweimal übersetzt, als der Herr von
+Voltaire sich nochmals darübermachen wollte, um sie auch wirklich auf die
+französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine
+eigentliche Übersetzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in
+dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope"
+vorsetzte, umständlich angibt.
+
+Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und
+bürgerlich, und der Geschmack des französischen Parterrs viel zu fein,
+viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es
+wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen der Kunst sehen;
+und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze
+Schreiben ist mit der äußersten Politesse abgefaßt; Maffei hat nirgends
+gefehlt; alle seine Nachlässigkeiten und Mängel werden auf die Rechnung
+seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten,
+aber leider nur Schönheiten für Italien. Gewiß, man kann nicht höflicher
+kritisieren! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird
+sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet.
+Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß;
+und der Franzose will ebenso groß, als liebenswürdig scheinen.
+
+Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire?
+Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei
+ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte.
+Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist
+schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und übrigens so
+unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich
+Lindelle: wer einen französischen Januskopf sehen will, der vorne auf die
+einschmeichelndste Weise lächelt und hinten die hämischsten Grimassen
+schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen
+geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet
+Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht
+schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener hätte freimütiger, und
+dieser gerechter sein müssen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten
+sollte, daß der nämliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden
+Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen
+vergeben habe.
+
+Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er
+einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug
+gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze
+Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zärtlichste Interesse
+aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm
+beliebt, daß die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben
+wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände
+zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die
+Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr
+hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über den
+Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem
+Theater mehr hören will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu
+jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine
+Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt,
+zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der
+Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, daß ein
+junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Eltern hält und in dem
+Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord
+verübt, demohngeachtet nicht soll für einen Räuber gehalten werden
+dürfen, weil es voraussieht, daß er der Held des Stückes werden müsse,
+[2] wenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen
+kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee
+sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich,
+hat in diesen und ähnlichen Fällen unrecht; aber warum muß Voltaire auch
+in andern Fällen, wo es gewiß nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als
+dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische
+Höflichkeit gegen Ausländer darin besteht, daß man ihnen auch in solchen
+Stücken recht gibt, wo sie sich schämen müßten, recht zu haben, so weiß
+ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanständiger sein
+kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffei
+seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen,
+denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in
+den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die
+Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist:
+dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwätz kann
+durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen
+kultivierten Völkern entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall
+der nämliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern
+hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gähnet und
+darüber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu
+dem Marquis, "in Ihrer Tragödie jene schöne und rührende Vergleichung
+des Virgils:
+
+ Qualis populea moerens Philomela sub umbra
+ Amissos queritur foetus--
+
+übersetzen und anbringen dürfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen
+wollte, so würde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben
+nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen müssen; ich
+meine unser Publikum. Dieses verlangt, daß in der Tragödie überall der
+Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, daß bei
+kritischen Vorfällen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen
+Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein König, kein Minister
+poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses
+Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte
+nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein
+Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muß
+Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen
+wollen, weil er nicht Freimütigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus
+zu sagen, daß er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen
+Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, daß ausführliche
+Gleichnisse überhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem
+Trauerspiele finden können, hätte er anmerken sollen, daß jenes
+Virgilische von dem Maffei äußerst gemißbrauchet worden. Bei dem Virgil
+vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem
+Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der über das Unglück, wovon
+es das Bild sein soll, triumphieret, und müßte nach der Gesinnung des
+Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf
+das Ganze noch größern Einfluß habende Fehler scheuet sich Voltaire
+nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener überhaupt, als einem einzeln
+Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und dünkt sich von der allerfeinsten
+Lebensart, wenn er den Maffei damit tröstet, daß es seine ganze Nation
+nicht besser verstehe, als er; daß seine Fehler die Fehler seiner Nation
+wären; daß aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler wären,
+weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und für sich gut oder
+schlecht sei, sondern was die Nation dafür wolle gelten lassen. "Wie
+hätte ich es wagen dürfen", fährt er mit einem tiefen Bücklinge, aber
+auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis
+fort, "bloße Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie
+getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den
+Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugänge zu einem schönen
+Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem
+Palaste befinden. Wir müssen uns also schon nach dem Geschmacke eines
+Volks richten, welches sich an Meisterstücken sattgesehen hat und also
+äußerst verwöhnt ist." Was heißt dieses anders, als: "Mein Herr Marquis,
+Ihr Stück hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnütze Szenen. Aber
+es sei fern von mir, daß ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte!
+Behüte der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiß zu leben; ich werde
+niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben
+Sie diese kalten, langweiligen, unnützen Szenen mit Vorbedacht, mit allem
+Fleiße gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich
+wünschte, daß ich auch so wohlfeil davonkommen könnte; aber leider ist
+meine Nation so weit, so weit, daß ich noch viel weiter sein muß, um
+meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr
+einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr
+übersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen;
+denn sonst,
+
+Desinit in piscem mulier formosa superne:
+
+aus der Höflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses französische
+Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der
+Persiflage dummer Stolz.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que
+depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela
+semblerait trop petit sur notre théâtre.
+
+[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un héros pour un voleur,
+quoique la circonstance où il se trouve autorise cette méprise.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundvierzigstes Stück
+Den 22. September 1767
+
+Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire
+als Eigentümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an
+seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen
+Nation überhaupt zur Last zu legen, daß, sage ich, diese, und noch
+mehrere, und noch größere, sich in der "Merope" des Maffei befinden.
+Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit
+vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der berühmtesten
+Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen
+für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie erfodert wird, wenig oder
+nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und
+Altertümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das
+tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben
+und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche
+Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als
+zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen
+Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so
+müßte er der außerordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragödie
+überhaupt ist ein sehr geringfügiges Ding. Was indes ein Gelehrter von
+gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr für eine Erholung als für
+eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete
+auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als glücklich;
+seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder
+nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert;
+sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Literator und der
+Versifikateur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und
+der Dichter.
+
+Als Versifikateur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr
+nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemälde, die in
+seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten, aber in dem Munde
+seiner Personen unerträglich sind und in die lächerlichsten
+Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, daß
+Aegisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich
+beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Verteidigung; daß er
+aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet,
+alle, selbst die allerkleinsten Phänomena malet, die den Fall eines
+schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschießt, mit welchem
+Geräusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie
+sich die Flut wieder über ihn zuschließt:[1] das würde man auch nicht
+einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche,
+verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein
+Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er
+in seiner Erzählung so kindisch genau sein könnte.
+
+Als Literator hat er zu viel Achtung für die Simplizität der alten
+griechischen Sitten und für das Kostüm bezeugt, mit welchem wir sie bei
+dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas,
+ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostüme näher gebracht
+werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich als
+zuträglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schöne Stellen aus
+den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer
+Art von Werken er sie entlehnt und in was für eine Art von Werken er sie
+überträgt. Nestor ist in der Epopee ein gesprächiger freundlicher Alte;
+aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ekler
+Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen
+wollen: so würde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht
+haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die
+kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes übrig sind, zu nutzen und
+seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt hätte, daß
+sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen
+sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher
+pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprüche, womit man
+seine Lücken füllet, so sind es andere.
+
+Demohngeachtet möchten sich wiederum Stellen finden, wo man wünschen
+dürfte, daß sich der Literator weniger vergessen hätte. Z.E. Nachdem die
+Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal
+gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Ismene voller
+Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie
+jemals auf einer Bühne erdichtet worden!"
+
+ Con così strani avvenimenti uom' forse
+ Non vide mai favoleggiar le scene.
+
+Maffei hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine
+Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem
+Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich würde
+diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede
+entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Messene zu einer Zeit
+brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil
+Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten
+halten, wie er will; nur verlangt man, daß er sich immer gleichbleibet
+und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein
+andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß
+vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen.
+Überhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch
+keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles
+vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald
+sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob
+Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater
+ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte
+"Bühne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns
+geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen
+Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung
+Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht
+es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert.
+
+Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach
+seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von
+selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist
+ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so
+viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude
+des Harlekins, zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und
+Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schließt er, "das Werk des Maffei
+enthält einen schönen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stück. Alle Welt
+kömmt in Paris darin überein, daß man die Vorstellung desselben nicht
+würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen
+Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen
+Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragödie zu
+übersetzen; er konnte leichter einen Übersetzer bezahlen, als sein Stück
+verbessern."
+
+So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch
+selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stücken
+wider den Maffei recht, und möchte er doch höflich oder grob sein, wenn
+er sich begnügte, ihn bloß zu tadeln. Aber er will ihn unter die Füße
+treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke.
+Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche
+Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter
+aufschlagen zu können. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer
+in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder
+treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei
+Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum
+Teil gefühlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an
+Lindellen den Maffei in allen Stücken zu verteidigen, in welchen er sich
+zugleich mitverteidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit
+sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des
+Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire hätte mitteilen
+wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei
+zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum
+die Eigentümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen,
+ihm zu zeigen, warum die französische "Merope" ebensowenig in Italien, als
+die italienische in Frankreich gefallen könne?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ ------In core
+ Pero mi venne di lanciar nel fiume
+ Il morto, o semivivio; e con fatica
+ (Ch' inutil' era per riuscire, e vana)
+ L' alzai da terra, e in terra rimaneva
+ Una pozza di sangue: a mezzo il ponte
+ Portailo in fretta, di vermiglia striscia
+ Sempre rigando il suol; quinci cadere
+ Col capo in giù il lasciai; piombò, e gran tonfo
+ S' udi nel profondarsi: in alto salse
+ Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse.
+
+[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia
+d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que'
+sentimenti di essa, che son rimasti quà e là; avendone tradotti cinque
+versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e
+alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso
+Stobeo.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Stück
+Den 25. September 1767
+
+So etwas läßt sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich
+selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben könnten.
+
+Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindelle fast in allen
+Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump
+gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth,
+wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!"
+und die Königin werde durch dieses Wort "alter Vater" so gerühret, daß
+sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth könne
+wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er höhnisch hinzu, "eine sehr
+gegründete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, daß
+ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", fährt er fort, "hat mit
+diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler
+verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stückes begangen
+hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor
+war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen
+Polydor hätte die Königin gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Aegisth ihr
+Sohn sei; und das Stück wäre ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar
+weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit gröberer eingenommen."
+Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen
+Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die
+Rede. Die Königin stutzt bloß bei dem Namen Polydor, der den Aegisth
+gewarnet habe, ja keinen Fuß in das messenische Gebiete zu setzen. Sie
+gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloß nähere Erklärung,
+und ehe sie diese erhalten kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den
+Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht
+worden, billiget und rühmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen
+verspricht, so muß wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen.
+Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er
+ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß notwendig bei ihr mehr gelten,
+als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen
+Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer
+Rache gezaudert habe:
+
+ Che dubitar? misera, ed io da un nome
+ Trattener mi lasciai, quasi un tal nome
+ Altri aver non potesse--
+
+und die folgenden Äußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in
+der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die
+allerzuverlässigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Ist denn das also
+nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen,
+daß ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal für sehr nötig halte.
+Laßt es den Aegisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor heiße! Ob es
+sein Vater oder sein Freund war, der so hieße und ihn vor Messene warnte,
+das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Merope, ohne alle Widerrede,
+das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da
+sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das,
+was sie aus der bloßen Übereinstimmung eines Namens schließen könnte.
+Freilich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei
+der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung
+gründe, so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat
+sie allen Grund, zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß sein.--Es
+versteht sich, daß ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum
+nicht für schön ausgebe; der Poet hätte unstreitig seine Anlage viel
+feiner machen können. Sondern ich will nur sagen, daß auch so, wie er sie
+gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und
+daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Merope in ihrem
+Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen
+Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also
+beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zweitenmale
+ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden kömmt, sondern dieses,
+daß sie zum zweitenmale durch einen glücklichen ungefähren Zufall daran
+verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch
+nicht eigentlich nach den Gründen der größern Wahrscheinlichkeit sich
+bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den
+Gründen der schwächern das Übergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm
+nicht verzeihen, daß er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und
+mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den
+gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall einmal der Mutter
+einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel
+lieber glauben, je mehr uns die Überraschung gefällt. Aber daß er zum
+zweiten Male die nämliche Übereilung auf die nämliche Weise verhindern
+werde, das sieht dem Zufalle nicht ähnlich; ebendieselbe Überraschung
+wiederholt, hört auf, Überraschung zu sein; ihre Einförmigkeit
+beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar ebenso
+abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiß, als
+der Zufall.
+
+Von den augenscheinlichen und vorsätzlichen Verfälschungen des Lindelle
+will ich nur zwei anführen.--"Der vierte Akt", sagt er, "fängt mit einer
+kalten und unnötigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der
+Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie,
+dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu
+begeben, damit, wenn er eingeschlafen wäre, ihn die Königin mit aller
+Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft auch wirklich ein, so wie er
+es versprochen hat. O schön! und die Königin kömmt zum zweiten Male,
+mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der
+ausdrücklich deswegen schläft. Diese nämliche Situation, zweimal
+wiederholt verrät die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des
+jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt nichts lächerlicher
+sein kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem
+Schlafe beredet? Das lügt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an
+und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königin so
+ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles
+sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt woanders hin; er solle
+einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein.
+Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königin in die Hände
+zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und
+Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schläft, nicht seinem
+Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist, weil es Nacht ist,
+weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können als
+hier.[2]--Die zweite Lüge des Lindelle ist von eben dem Schlage.
+"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres
+Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er dafür verlange;
+und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjüngen." Bittet sie, ihn zu
+verjüngen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist
+dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was
+könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts.
+Eines möchte ich mir wünschen, aber das stehet weder in deiner; noch in
+irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner
+Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert würde usw."[3] Heißt das:
+Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Stärke und Jugend wieder? Ich
+will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungemächlichkeiten
+des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen
+in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit
+Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten
+Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den
+Mund legte, die Lindelle ihnen anlügt?--Anlügt! Lügen! Verdienen solche
+Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle
+wichtig genug war, darum zu lügen, soll das einem dritten nicht wichtig
+genug sein, ihm zu sagen, daß er gelogen hat?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle
+sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais
+comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand
+il sera endormi, la reine puisse le tuer tout à son aise, sondern auch
+der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Mérope engage le jeune
+Egiste à dormir sur la scène, afin de donner le temps à la reine de venir
+l'y assassiner. Was aus dieser Übereinstimmung zu schließen ist, brauche
+ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst
+überein; und wenn zwei Lügner miteinander übereinstimmen, so ist es gewiß
+abgeredete Karte.
+
+[2]
+ Egi. Mà di tanto furor, di tanto affanno
+ Qual' ebbe mai cagion?--
+ Ism. Il tutto
+ Scoprirti io non ricuso; mà egli è d'uopo
+ Che qui t'arresti per brev' ora: urgente
+ Cura or mi chiama altrove.
+ Egi. Io volontieri
+ T'attendo quanto vuoi. Ism. Mà non partire
+ E non far sì, ch' io quà ritorni indarno.
+ Egi. Mia fè dò in pegno; e dove gir dovrei?--
+
+
+ [3]
+ Mer. Ma quale, ô mio fedel, qual potrò io
+ Darti già mai mercè, che i merti agguagli?
+ Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora
+ M'è, il vederti contenta, ampia mercede.
+ Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro
+ Sol mi saria ciò, ch' altri dar non puote;
+ Che scemato mi fosse il grave incarco
+ De gli anni, che mi stà su'l capo, e à terra
+ Il curva, e prime sì, che parmi un monte.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Stück
+Den 29. September 1767
+
+Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den
+Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war.
+
+Ich übergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fühlte,
+daß der Wurf auf ihn zurückpralle.--Lindelle hatte gesagt, daß es sehr
+schwache und unedle Merkmale wären, aus welchen Merope bei Maffei
+schließe, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet:
+"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel
+künstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, daß ihr
+Sohn der Mörder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu
+bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem königlichen Ringe, über
+den Boileau in seinen Satiren spottet, würde das auf unserm Theater sehr
+klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt
+des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn,
+auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn
+er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe und sich mit der
+alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich
+nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah
+es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine
+Rüstung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die
+Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche
+Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen,
+an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder
+erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freilich mitnehmen; und
+der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, daß er unter den
+blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht
+hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth
+schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die
+Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte.
+--Zweitens hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei aufgehalten,
+der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische
+das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch
+ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus
+Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des
+Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr
+gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, beträchtlich
+ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande
+eben hat Maffei den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese
+Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?--
+
+Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf
+sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler
+seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar
+nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, daß er nicht der
+Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde!
+
+Lindelle wirft dem Maffei vor, daß er seine Szenen oft nicht verbinde,
+daß er das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache
+auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch
+dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses?
+Doch das ist die Sprache der französischen Kunstrichter überhaupt; die
+muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen
+will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein mögen; wollen
+wir es Lindellen auf sein Wort glauben, daß sie bei den Dichtern seines
+Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten
+Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln
+eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe verlohnet,
+sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene
+Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen,
+als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln
+der Kunst so leicht, so weit zu machen, daß er alle Freiheit behält, sich
+zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer
+und macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied
+von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Überwindung,
+ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es
+bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast
+aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem
+die Bewunderer des französischen Theaters das lauteste Geschrei erheben:
+so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit
+einstimme.
+
+1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich
+anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den
+Grundsätzen und Beispielen der Alten, ein Hédelin verlangen zu können
+glaubte. Die Szene muß kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des
+Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu
+übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder
+eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch
+schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein
+ausdrückliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und
+wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei.
+Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so
+mußte er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das
+muß Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, daß eigentlich
+die Szene bald in dem Zimmer der Königin, bald in dem oder jenem Saale,
+bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht
+muß gedacht werden. Nur hätte er bei diesen Abwechselungen auch die
+Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie müssen nicht
+in dem nämlichen Akte, am wenigsten in der nämlichen Szene angebracht
+werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen
+Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abändern oder auch
+nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der
+Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter
+einem Säulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das
+Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Königin den Aegisth mit
+eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen,
+als daß, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth
+wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschließen muß? Wie schließt er
+sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen
+Vorhang das, was Hédelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt
+hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache
+erwägt, warum Aegisth so plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so
+augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach
+reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die
+ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der
+siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um
+einen toten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches
+Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen,
+die Türen dieses Tempels öffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal
+mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in
+denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Königlichen
+Majestät Schloßkapelle, die gerade an den Saal stieß und mit ihm
+Kommunikation hatte, damit Allerhöchstdieselben jederzeit trocknes Fußes
+zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses
+Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen;
+wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und
+ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat
+schon vollbracht haben soll.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit
+zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des dänischen
+Theaters, "beobachten die Engländer, die sich keiner Einheit des Ortes
+rühmen, dieselbe großenteils viel besser als die Franzosen, die sich
+damit viel wissen, daß sie die Regeln des Aristoteles so genau
+beobachten. Darauf kömmt gerade am allerwenigsten an, daß das Gemälde der
+Szenen nicht verändert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum
+die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht
+vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine
+Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz
+vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause wäre, in aller
+Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne
+daß dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird;
+kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten
+kommen, um auf die Schaubühne zu treten: so würde der Verfasser des
+Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist
+ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu
+setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden,
+es würde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche
+der Engländer die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern
+verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgeführet hätte, als daß
+er seinem Helden die Mühe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen
+Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat."
+
+[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les
+Acteurs paraissent ei disparaissent selon la nécessité du Sujet--ces
+rideaux ne sont bons qu'à faire des couvertures pour berner ceux qui les
+ont inventés, et ceux qui les approuvent. Pratique du Théâtre. Liv.
+II. chap. 6.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundvierzigstes Stück
+Den 2. Oktober 1767
+
+2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit
+der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner
+"Merope" vorgehen läßt, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel
+Ungereimtheiten man sich dabei denken muß. Man nehme immer einen
+völligen, natürlichen Tag; man gebe ihm immer die dreißig Stunden, auf
+die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar
+keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem
+Zeitraume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es
+ist freilich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein
+Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man
+es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht,
+verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die
+allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen?
+Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch
+soll uns, was bloß physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich
+werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der
+abwesende Aegisth können allein dabei in Betrachtung kommen; um die
+Ansprüche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben
+heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr
+den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und fällt für ihn
+aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Aegisth möge
+nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwählte König könne es vors
+erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und
+bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben
+des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben
+des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat,
+und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik.
+Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so
+zu mißhandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht
+König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den
+Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König und ist es geworden, ohne
+sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag,
+und vielleicht gibt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu
+vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn
+als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu
+nötig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen?
+Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden?
+Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie
+nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in
+seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich für
+verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer
+funfzehn Jahr sonst so bedächtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun
+selbst in die Hände liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne
+alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer
+ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß geheiratet
+sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bei der
+alten Königin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man
+sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es
+einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen könne,
+wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also
+dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer
+wirklichen Eräugung ungefähr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als
+auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und daß diese Zeit mit der, welche
+auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen
+Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet?
+Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was
+er an einem Tage tun läßt, kann zwar an einem Tage getan werden, aber
+kein vernünftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der
+physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu
+kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die
+Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit
+involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil diese
+Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stücke
+von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als
+einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche
+den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht
+alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es
+an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu
+welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die
+physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der
+moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese
+jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil
+und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf.--Maffei nimmt doch
+wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermählung, die Polyphont
+der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch
+ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget;
+die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie
+übereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem
+Könige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil
+er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt.
+
+3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde öfters die Szenen nicht, und das
+Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten
+Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist
+eine große Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit
+der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie
+ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich
+ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragödie bei den Franzosen
+seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was
+dieser bloß für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher
+Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der
+Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen
+Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden
+ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwürdig sein, als
+Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler
+bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire
+aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es
+bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königin
+kömmt, und die Königin mit der dritten Szene abgeht, mit was für Recht
+kann Polyphont in dem Zimmer der Königin verweilen? Ist dieses Zimmer der
+Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das
+Bedürfnis des Dichters verrät sich in der vierten Szene gar zu deutlich,
+in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen müssen, nur daß
+wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet hätten.
+
+4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar
+nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch
+schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt,
+man muß auch aus der Verbindung einsehen, daß sie darum kommen müssen.
+Es ist nicht genug, daß sie sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem
+Folgenden sehen, daß sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist
+das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Vorwand
+und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten
+Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königin zu versammeln, so
+müßte man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch
+hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist
+sein Vorgeben ein schülerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten
+besten Lügen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu tun,
+was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht
+wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern erteilen zu
+lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer
+Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, daß der
+Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles
+bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt
+ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse
+hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, und nicht etwa
+seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königin nicht in den Tempel gefolgt
+ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern
+wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über
+die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun
+schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte.
+Polyphont zitiert die Königin nochmals nach dem Tempel, Merope
+selbst schreiet,
+
+ Courons tous vers le temple où m'attend mon outrage;
+
+und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie,
+
+ Vous venez à l'autel entraîner la victime.
+
+Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel
+sein, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut
+Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch
+einmal wieder, und schickt auch die Königin noch einmal wieder.
+Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten
+und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen
+sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der
+dritte und vierte Akt schließen bloß, damit der vierte und fünfte wieder
+anfangen können.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Stück
+Den 6. Oktober 1767
+
+Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich
+beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten
+verstanden zu haben.
+
+Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die
+Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus
+jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene
+notwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu
+gekommen wäre. Da nämlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen
+haben mußten und diese Menge immer die nämliche blieb, welche sich weder
+weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben
+wegbleiben konnte, als man gewöhnlichermaßen der bloßen Neugierde wegen
+zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen
+und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und
+ebendenselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich
+denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, daß
+sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren.
+Denn sie ließen sich diesen Zwang einen Anlaß sein, die Handlung selbst
+so zu simplifizieren, alles Überflüssige so sorgfältig von ihr abzusondern,
+daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein
+Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am
+glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit
+und des Ortes verlangte.
+
+Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen
+Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stücke
+schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplizität kennenlernten,
+betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener
+Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung
+unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und
+verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur
+immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch gänzlich
+entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmöglich öfters
+dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren
+völligen Gehorsam aufzukündigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen.
+Anstatt eines einzigen Ortes führten sie einen unbestimmten Ort ein,
+unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden könne; genug, wenn
+diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlägen und keiner
+eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nämliche Verzierung
+ungefähr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der
+Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine
+gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne
+hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal
+zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin
+ereignen, ließen sie für einen Tag gelten.
+
+Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich
+auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre
+das Brett, wo es am dünnsten ist.--Aber ich muß meinen Nachbar nur auch
+da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den
+astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da
+pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die französischen
+Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der
+Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit,
+die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei
+diesen Elementen länger aufzuhalten.
+
+Möchten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und
+an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die
+Schönheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen!
+
+Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren
+nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei öfters spricht
+und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, über die
+heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund
+legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; das Volk
+in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften und weibisch machen
+können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der
+Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen
+unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen?
+So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch
+keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und
+wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber
+mitunter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von
+dieser Art über die Zunge bringt. Z.E.
+
+ --Des Dieux quelquefois la longue patience
+ Fait sur nous à pas lents descendre la vengeance--
+
+Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie
+nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu
+neuen Verbrechen aufmuntert:
+
+ Eh bien, encor ce crime!--
+
+Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich
+schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso
+verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von
+Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bei dem Opfer
+gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwören? In
+den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter?
+Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er
+hat sich für seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth
+verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit
+eins zu entscheiden; und diesen tollkühnen Aegisth läßt er sich an dem
+Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwert
+werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen
+Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und hält ihn
+für seinen Freund. Warum hätte Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht
+nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war
+geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen
+einkommen konnte, den ersten zu rächen.
+
+"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfährt, daß ihr Sohn
+ermordet sei, will dem Mörder das Herz aus dem Leibe reißen und es mit
+ihren Zähnen zerfleischen.[3] Das heißt, sich wie eine Kannibalin und
+nicht wie eine betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall
+beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französische Merope
+delikater ist, als daß sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz,
+beißen sollte: so dünkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut
+Kannibalin, als die italienische.--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Atto III. Sc. I.
+
+ ----Quando
+ Saran da poi sopiti alquanto, e queti
+ Gli animi, l'arte del regnar mi giovi.
+ Per mute oblique vie n'andranno a Stige
+ L'alme più audaci, e generose. A i vizi
+ I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie
+ Il freno allargherò. Lunga clemenza
+ Con pompa di pietà farò, che splenda
+ Su i delinquenti; a i gran delitti invito,
+ Onde restino i buoni esposti, e paghi
+ Renda gl' iniqui la licenza; ed onde
+ Poi fra se distruggendosi, in crudeli
+ Gare private il lor furor si stempri.
+ Udrai sovente risonar gli editti.
+ E raddopiar le leggi, che al sovrano
+ Giovan servate, e transgredite. Udrai
+ Correr minaccia ognor di guerra esterna;
+ Ond' io n'andrò su l'atterrita plebe
+ Sempre crescendo i pesi, e peregrine
+ Milizie introdurrò.--
+
+[2]
+ Si ce fils, tant pleuré, dans Messène est produit,
+ De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit.
+ Crois-moi, ces préjugés de sang et de naissance
+ Revivront dans les coeurs, y prendront sa défense.
+ Le souvenir du père, et cent rois pour aïeux,
+ Cet honneur prétendu d'être issu de nos Dieux;
+ Les cris, le désespoir d'une mère éplorée.
+ Détruiront ma puissance encor mal assurée.
+
+[3]
+ Quel scelerato in mio poter vorrei
+ Per trarne prima, s'ebbe parte in questo
+ Assassinio il tiranno; io voglio poi
+ Con una scure spalancargli il petto,
+ Voglio strappargli il cor, vogho co' denti
+ Lacerarlo, e sbranarlo--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Stück
+Den 9. Oktober 1767
+
+Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, daß man den Menschen mehr nach
+seinen Taten, als nach seinen Reden richten muß; daß ein rasches Wort, in
+der Hitze der Leidenschaft ausgestoßen, für seinen moralischen Charakter
+wenig, eine überlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich
+wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewißheit, in welcher sie von
+dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer überläßt, die immer
+das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie unglücklich ihr
+abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid über alle Unglückliche
+erstrecket: ist das schöne Ideal einer Mutter. Merope, die in dem
+Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zärtlichkeit
+erfährt, von ihrem Schmerze betäubt dahinsinkt, und plötzlich, sobald sie
+den Mörder in ihrer Gewalt höret, wieder aufspringt und tobet und wütet
+und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und
+wirklich vollziehen würde, wenn er sich eben unter ihren Händen befände:
+ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in
+welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schönheit und
+Rührung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt,
+Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die
+Henkerin sein, nicht töten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre
+Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich
+wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken;
+eine Mutter, wie es jede Bärin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle
+wem da will; mir sage er es nur nicht, daß sie ihm gefällt, wenn ich ihn
+nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll.
+
+Vielleicht dürfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des
+Stoffes machen; vielleicht dürfte er sagen, Merope müsse ja wohl den
+Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de théâtre,
+den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser
+ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde
+sich wiederum irren und die willkürlichen Abweichungen des Maffei
+abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß
+Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert
+nicht, daß sie es mit aller Überlegung tun muß. Und so scheinet sie es
+auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel
+des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kömmt
+und sagt der Königin weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte
+sie gehört, daß ein Fremder angelangt sei, der sich rühme, ihn umgebracht
+zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie
+ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller
+Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung
+geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war
+sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienser
+zitterten für den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu dürfen. Sie
+zitterten für Meropen selbst, die durch die gutartigste Übereilung Gefahr
+lief, die Mörderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber
+machen mich bloß für den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so
+ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den
+Streich. Möchte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen,
+so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie
+so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache
+in der ersten Hitze mit dem Mörder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie
+ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und
+verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze
+zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz
+zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der
+Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Rüstung bei ihm
+findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Sohnes, an
+dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen,
+Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich müßte
+mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgepfiffen worden.
+
+Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die
+veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des
+Stoffes ist, habe ich schon berührt. Denn nach der Fabel des Hyginus
+hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts
+geheiratet; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripides diesen
+Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe,
+mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren
+bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] hätten sie auch vor
+funfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Denkungsart der
+alten griechischen Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer
+Männer überwanden und sie zu ihren zweiten Männern annahmen, wenn sie
+sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen könne.
+Ich erinnere mich etwas Ähnliches in dem griechischen Roman des
+Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine
+Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf
+eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle
+verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand.
+Genug, daß das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt,
+hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner "Merope" zu rechtfertigen,
+wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten
+Szenen einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; und ich sehe
+mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch
+weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter hätten werden
+können.
+
+Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei
+gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es einen
+bessern geben könne, daß dieser bessere eben der sei, der schon vor
+Alters befahren worden, so begnügte er sich, auf jenem ein paar
+Sandsteine aus dem Gleise zu räumen, über die er meinet, daß sein
+Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von
+ihm beibehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von
+ungefähr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige
+Merkmale in den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sei?
+Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdrücklichen
+Vorsatze, sich zu rächen, nach Messene und gab sich selbst für den Mörder
+des Aegisth aus: nur daß er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei
+aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an der
+es ihm der Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar
+oben dem Maffei einige Gründe zu allen den Veränderungen, die er mit dem
+Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich
+bin weit entfernt, die Gründe für wichtig und die Veränderungen für
+glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den
+er aus den Fußtapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden.
+Daß sich Aegisth nicht kennet, daß er von ungefähr nach Messene kommt und
+per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrückt) für den Mörder des
+Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr
+verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwächt auch
+das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wußte es der Zuschauer von dem
+Aegisth selbst, daß er Aegisth sei, und je gewisser er es wußte, daß
+Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte notwendig
+das Schrecken sein, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid,
+welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter
+Zeit verhindert würde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir
+es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein
+könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick
+versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhöret. Das Schlimmste dabei
+ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den
+Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gründe sind, aus welchen es
+Merope selbst vermuten sollte, und daß wir ihn, besonders bei Voltairen,
+nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuverlässiger kennen, als
+sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gründen entweder
+ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen
+wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen
+Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr
+rühren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, daß sie nicht
+besser darauf merket und sich von weit seichtern Gründen hinreißen läßt.
+Beides aber taugt nicht.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Acte II. Sc. 1.
+
+ --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas.
+ L'exil où son enfance a langui condamnée
+ Lui serait moins affreux que ce lâche hyménée.
+ Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang,
+ Il n'en croyait ici que les droits de son sang;
+ Mais si par les malheurs son âme était instruite,
+ Sur ses vrais intérêts s'il réglait sa conduite,
+ De ses tristes amis s'il consultait la voix,
+ Et la nécessité souveraine des loix,
+ Il verrait que jamais sa malheureuse mère
+ Ne lui donna d'amour une marque plus chère.
+ Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures vérités
+ Que m'arrachent mon zèle et vos calamités.
+ Mer. Quoi! Vous me demandez que l'intérêt surmonte
+ Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte!
+ Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs!
+ Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs;
+ Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui résiste;
+ Il est sans héritier, et vous aimez Egiste.--.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Stück
+Den 13. Oktober 1767
+
+Es ist wahr, unsere Überraschung ist größer, wenn wir es nicht eher mit
+völliger Gewißheit erfahren, daß Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope
+selbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen einer Überraschung! Und was
+braucht der Dichter uns zu überraschen? Er überrasche seine Personen,
+soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn
+wir, was sie ganz unvermutet treffen muß, auch noch so lange
+vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und stärker
+sein, je länger und zuverlässiger wir es vorausgesehen haben.
+
+Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunstrichter für
+mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stücken", sagt Diderot,[1]
+"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den
+einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des
+Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen?
+Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen
+man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben
+muß. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es
+wissen; für diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne daß
+sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in
+Bewegung, so werden wir Zuschauer den nämlichen Bewegungen schon auch
+nachgeben, sie schon auch empfinden müssen.--Weit gefehlt, daß ich mit
+den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben,
+glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen.
+Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich
+mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten
+Szene verraten würde und aus diesem Umstande selbst das allerstärkeste
+Interesse entspränge.--Für den Zuschauer muß alles klar sein. Er ist der
+Vertraute einer jeden Person; er weiß alles, was vorgeht, alles was
+vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers
+tun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll.
+--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst,
+und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht
+hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, sooft es ihm
+beliebt!--Meine Gedanken mögen so paradox scheinen, als sie wollen:
+soviel weiß ich gewiß, daß für eine Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem
+Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich
+ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das
+Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis
+eine kurze Überraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns
+stürzen können, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht hätte!--Wer in
+einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch
+nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn
+ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewitter über
+meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darüber
+verweilet?--Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen;
+wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten,
+daß der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein
+undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu
+ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte
+entübrigen können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer
+werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu
+dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang
+von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine
+kurze Überraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die
+Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle
+der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so
+große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person
+vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder
+Hoffnung erfüllet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann
+sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker interessieren, als die
+Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn
+er Licht genug hat und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders sein
+würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum
+erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie
+wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann."
+
+Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, für welchen von beiden
+Planen sich Diderot erklären würde: ob für den alten des Euripides, wo
+die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er
+sich selbst; oder für den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings
+angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Rätsel ist und dadurch
+das ganze Stück "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht,
+die weiter nichts als eine kurze Überraschung hervorbringen.
+
+Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken über die
+Entbehrlichkeit und Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und
+plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für
+ebenso neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer
+Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie
+abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger
+nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört
+weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was
+ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilektion für dieses Gegenteil
+hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch
+den besten Stücken der Alten abgesehen hatten.
+
+Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiß, daß er fast
+immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen
+wollte. Ja, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die
+Verteidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so
+sehr mißfallen. "Nicht genug", sagt Hédelin, "daß er meistenteils alles,
+was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen
+Hauptpersonen den Zuhörern geradezu erzählen läßt, um ihnen auf diese
+Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters
+einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und
+durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch
+geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die
+Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von
+weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der
+Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen
+sollen, gänzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stückes
+vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Überraschung
+beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte
+so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit
+höhern Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergötzung einer kindischen
+Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine
+Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel
+wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich
+die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich
+müßte den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstößig sein, als
+nur dieses, daß er uns die nötige Kenntnis des Vergangnen und des
+Zukünftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht;
+daß er ein höheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen
+Anteil nimmt, dazu gebrauchet und daß er dieses höhere Wesen sich
+geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung
+mit der erzählenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann
+bloß hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das
+Nützliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns
+verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der
+Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn
+das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, daß wir sie
+durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht?
+Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? In den
+Lehrbüchern sondre man sie so genau voneinander ab, als möglich: aber
+wenn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und
+ebendemselben Werke zusammenfließen läßt, so vergesse man das Lehrbuch
+und untersuche bloß, ob es diese höhere Absichten erreicht hat. Was geht
+mich es an, ob so ein Stück des Euripides weder ganz Erzählung, noch ganz
+Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser
+Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten
+eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heißen. Weil der Maulesel
+weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten
+lasttragenden Tieren?--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die
+Übers.
+
+[2] "Prâtique du Théâtre", Liv. III. chap. 1.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Stück
+Den 16. Oktober 1767
+
+Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu
+sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus
+beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die
+dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese
+in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der
+im Grunde ebenso regelmäßig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es
+nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stücken eine
+Schönheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben.
+
+Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel
+Ärgernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen
+verständlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs,
+vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der
+Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind
+beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr
+weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht
+alles den nämlichen Gang, den nämlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß
+die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner sein würden, wenn wir
+aus den Prologen nicht wüßten, daß der Ion, welchen Kreusa will vergiften
+lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; daß die Kreusa, welche Ion von dem
+Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Ion ist;
+wenn wir nicht wüßten, daß an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum
+Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten
+einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die trefflichsten
+Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu
+vorbereitet genug sein: ohne daß ihr sagen könntet, sie brächen auf
+einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten
+nicht, sondern sie entständen; man wolle euch nicht auf einmal etwas
+entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem
+Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm
+doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu
+machen ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der
+Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat.
+Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heißt sehr
+viel annehmen--daß Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel
+Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel
+mehr, wie er bei dieser großen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke,
+dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her und
+betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es
+so gut, als wir, daß z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen könne; daß
+er, ohne denselben, ein Stück sei, welches die Ungewißheit und Erwartung
+des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit
+und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst
+in dem fünften Akte, daß Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es für ihn
+nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten
+Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des
+Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte rächen will, sondern bloß
+die Meuchelmörderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid
+herkommen? Die bloße Vermutung, die sich etwa aus übereintreffenden
+Umständen hätte ziehen lassen, daß Ion und Kreusa einander wohl näher
+angehen könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen
+sein. Diese Vermutung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer
+diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war,
+daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben
+konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie ihm auf die
+einzige mögliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise,
+was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine
+Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie sein soll; und wenn ihr noch
+unwillig seid, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge
+euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stücken, wo das Wesen der Form
+aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads
+"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem
+alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin
+ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und
+ich werde euch nie beneiden!
+
+Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen
+Dichtern nennet, so sahe er nicht bloß darauf, daß die meisten seiner
+Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele
+den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststück wäre ihm ja wohl bald
+abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden und keine von
+seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen ließe, würde
+sich ebenso tragisch dünken dürfen, als Euripides. Aristoteles hatte
+unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen
+Charakter erteilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu
+gehörte, vermöge der er nämlich den Zuschauern alle das Unglück, welches
+seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer
+auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese
+Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen.
+--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher
+dürfte der Meinung sein, daß der Dichter dieser Freundschaft des
+Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schönen
+Sittensprüchen, den er so verschwendrisch in seinen Stücken ausstreuet.
+Ich denke, daß er ihr weit mehr schuldig war; er hätte, ohne sie, ebenso
+spruchreich sein können; aber vielleicht würde er, ohne sie, nicht so
+tragisch geworden sein. Schöne Sentenzen und Moralen sind überhaupt
+gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten
+hören; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den
+Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein;
+in allen die ebensten und kürzesten Wege der Natur ausforschen und lieben;
+jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem
+Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was
+ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so
+einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!--
+
+Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, daß es gut sein würde, wenn
+er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns
+mit der Überzeugung, daß der liebenswürdige unglückliche Jüngling, den
+Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Mörder ihres
+Aegisth hinrichten will, der nämliche Aegisth sei, sofort könne aussetzen
+lassen. Aber der Jüngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand
+da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn könnten kennen lernen.
+Was tut also der Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen,
+Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte
+Narbas zuruft?--Oh, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen
+Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er läßt, sobald der
+unbekannte Jüngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen,
+schönen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth"
+setzen; und so weiter über jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir
+es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei
+diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan hätte, so dürften
+wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht
+es lang und breit! Freilich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person,
+über deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben,
+auf die Frage:
+
+ --Narbas vous est connu?
+ Le nom d'Egiste au moins jusqu'à vous est venu?
+ Quel était votre état, votre rang, votre père?
+
+antwortet:
+
+ Mon père est un vieillard accablé de misère;
+ Policlète est son nom; mais Egiste, Narbas,
+ Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas.
+
+Freilich ist es sehr sonderbar, daß wir von diesem Aegisth, der nicht
+Aegisth heißt, auch keinen andern Namen hören; daß, da er der Königin
+antwortet, sein Vater heiße Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heiße
+so und so. Denn einen Namen muß er doch haben; und den hätte der Herr von
+Voltaire ja wohl schon mit erfinden können, da er so viel erfunden hat!
+Leser, die den Rummel einer Tragödie nicht recht gut verstehen, können
+leicht darüber irre werden. Sie lesen, daß hier ein Bursche gebracht
+wird, der auf der Landstraße einen Mord begangen hat; dieser Bursche,
+sehen sie, heißt Aegisth, aber er sagt, er heiße nicht so, und sagt doch
+auch nicht, wie er heiße: oh, mit dem Burschen, schließen sie, ist es
+nicht richtig; das ist ein abgefeimter Straßenräuber, so jung er ist, so
+unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken
+in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, daß es für die erfahrnen
+Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte
+Jüngling ist, als gar nicht. Nur daß man mir nicht sage, daß diese Art sie
+davon zu unterrichten, im geringsten künstlicher und feiner sei, als ein
+Prolog im Geschmacke des Euripides!--
+
+
+
+
+Funfzigstes Stück
+Den 20. Oktober 1767
+
+Bei dem Maffei hat der Jüngling seine zwei Namen, wie es sich gehört;
+Aegisth heißt er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn
+der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur
+unter jenem eingeführt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stücks
+als kein geringes Verdienst an, daß dieses Verzeichnis den wahren Stand
+des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den
+Überraschungen noch größere Liebhaber, als die Franzosen.--
+
+Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an
+diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei
+und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung
+nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine
+lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beiläufiger
+Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie
+die doch wohl sein müssen, die sich mit Komödienschreiben abgeben;
+anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von
+Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser
+artigen Sächelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte,
+trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen
+über das, was in einer Tragödie sein sollte und nicht sein sollte;
+mitunter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen?
+Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angeführt!--Doch im
+Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr sein,
+wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre
+Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie
+vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur
+besser vertragen wollten.
+
+Über die "Merope" indes muß ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich
+wollte eigentlich nur erweisen, daß die "Merope" des Voltaire im Grunde
+nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich
+erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern
+ebendieselbe Verwicklung und Auflösung machen, daß zwei oder mehrere
+Stücke für ebendieselben Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire
+mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit
+ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier für weiter nichts,
+als für den Übersetzer und Nachahmer desselben zu erklären. Maffei hat
+die "Merope" des Euripides nicht bloß wieder hergestellet; er hat eine
+eigene "Merope" gemacht: denn er ging völlig von dem Plane des Euripides
+ab; und in dem Vorsatze, ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem
+das ganze Interesse bloß aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe,
+schuf er die ganze Fabel um; gut oder übel, das ist hier die Frage nicht;
+genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze
+so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, daß Merope mit dem Polyphont
+nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus
+welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermählung
+dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Merope
+sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von
+seinem vermeintlichen Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall,
+der den Aegisth als einen Mörder nach Messene bringt; er entlehnte von
+ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten
+wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe,
+wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den
+Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Händen
+sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte,
+Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht
+auch die ganze Auflösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei
+welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung
+verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und
+vielleicht, daß er, bloß darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die
+Verbindung mit Meropen fallen ließ, um dieses Opfer desto natürlicher
+anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach.
+
+Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom
+Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt daß, beim Maffei,
+Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhen in
+Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der
+unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beim Maffei,
+Aegisth von einem Räuber auf der Straße angefallen wird, läßt er ihn in
+einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten überfallen werden, die es
+ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Herakliden, den Gott des
+Tempels für die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt daß beim Maffei
+Aegisth durch einen Ring in Verdacht gerät, läßt Voltaire diesen Verdacht
+durch eine Rüstung entstehen usw. Aber alle diese Veränderungen betreffen
+die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind
+und auf die Ökonomie des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch
+wollte ich sie Voltairen noch gern als Äußerungen seines schöpferischen
+Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen
+vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will
+mich an dem mitte1sten von den angeführten Beispielen erklären. Maffei
+läßt seinen Aegisth von einem Räuber angefallen werden, der den
+Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern
+einer Brücke über die Pamise; Aegisth erlegt den Räuber und wirft den
+Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden
+würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein
+Räuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den
+Beutel nehmen will, ist für mein feines, edles Parterr ein viel zu
+niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht,
+der dem Aegisth als einem Anhänger der Herakliden zu Leibe will. Und
+warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto
+größer, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem
+ältrern gemacht wird, kann hernach für den Narbas genommen werden. Recht
+gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen
+von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er trägt den
+toten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der
+leeren Landstraße in den nahen Fluß; das ist ganz begreiflich: aber aus
+dem Tempel in den Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in
+diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch
+nicht. Das Wie ließe sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis
+Aegisth trägt den Körper in den Fluß, weil er sonst verfolgt und erkannt
+zu werden fürchtet; weil er glaubt, wenn der Körper beiseite geschafft
+sei, daß sodann nichts seine Tat verraten könne; daß diese sodann,
+mitsamt dem Körper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens
+Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite hätte nicht entkommen
+müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben davongetragen zu haben?
+Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten
+beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn
+andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was
+hilft es dem Mörder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier
+ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hätte er
+sparen und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu
+kommen. Freilich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser
+geworfen werden; es war Voltairen ebenso nötig als dem Maffei, daß Merope
+nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden
+konnte; nur daß, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er
+bei jenem bloß dem Dichter zu Gefallen tun muß. Denn Voltaire korrigierte
+die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache
+brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Bedürfnis abhängt.
+
+Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht
+hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nämlich, durch welche er
+den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Mörder ihres
+Sohnes zu rächen, unterdrückt und dafür die Erkennung von seiten des
+Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich
+den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz
+vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der
+vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das
+Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte geteilet werden können. Denn daß
+Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggeführet wird und die Vertiefung
+sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht
+ein Haar besser, als die übereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem
+Maffei rettet, und über die Voltaire seinen Lindelle so spotten läßt.
+Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natürlicher; wenn der Dichter
+nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht
+gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen
+gegeneinander vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire die Erkennung
+überhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht hätte dehnen
+müssen, um fünf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal
+über cette longue carrière de cinq actes qui est prodigieusement
+difficile à remplir sans épisodes--Und nun für diesesmal genug von
+der "Merope"!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si è levato quell' errore, comunissimo
+alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per
+conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi
+messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundfunfzigstes Stück
+Den 23. Oktober 1767
+
+Den neununddreißigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der
+verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1]
+
+Chevrier sagt,[2] daß Destouches sein Stück aus einem Lustspiele des
+Campistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen "Jaloux
+désabusé" geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten
+Philosophen" haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig
+bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgendeinem deutschen Theater wäre
+gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte
+also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem
+Vorgeben des Chevrier sei.
+
+Die Fabel des Campistronschen Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das
+ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und um dieses nicht
+herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber
+die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um
+ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf
+alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschiedne junge
+Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich
+um ihre Schwägerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt;
+der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den
+vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die
+Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner
+Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann
+sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem
+Ungrunde seiner Eifersucht überzeugt wird.
+
+Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen"
+Ähnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus
+dem zweiten Akte des Campistronschen Stücks, zwischen Dorante, so heißt
+der Eifersüchtige, und Dubois, seinem Sekretär. Diese wird gleich zeigen,
+was Chevrier gemeiner hat.
+
+"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn?
+
+Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige
+Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat
+mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird,
+mich zu martern, zu peinigen--
+
+Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker?
+
+Dorante. Meine Frau.
+
+Dubois. Ihre Frau, mein Herr?
+
+Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur
+Verzweiflung.
+
+Dubois. Hassen Sie sie denn?
+
+Dorante. Wollte Gott! So wäre ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und
+liebe sie so sehr--Verwünschte Qual!
+
+Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig?
+
+Dorante. Bis zur Raserei.
+
+Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von
+jeher über alles, was Eifersucht heißt,--
+
+Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran!
+Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinreißen zu
+lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich über die
+Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und
+ich stimmte nicht bloß ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton.
+Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was für albernes Zeug habe ich nicht
+gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfui, wie schmeckt das
+nach dem kleinstädtischen Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht
+allen Willen läßt, ist ein Bär! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch
+andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins Tollhaus. So sprach
+ich, und mich hätte man da sollen ins Tollhaus schicken.--
+
+Dubois. Aber warum sprachen Sie so?
+
+Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es ließe
+noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie
+verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Mädchen
+vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben;
+die soll in meiner Denkungsart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt
+nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen
+sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich
+schöner, täglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte
+je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie--
+
+Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden!
+
+Dorante. Denn ich bin so eifersüchtig!--Daß ich mich schäme, es auch
+nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und
+verdächtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe
+ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause
+zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmeicheleien,
+die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere
+erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre
+himmlischen Augen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst
+reizend, höchst anbetungswürdig; und immer schließt sich ihr
+verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein
+glücklicher, was für ein beneidenswürdiger Mann ich bin.
+
+Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu.
+
+Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter!
+Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest
+du erst sehen und hören! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen
+Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall
+jagt den andern, eine boshafte Spötterei die andere, ein kitzelndes
+Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit
+Liebäugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich
+erwidert, daß--daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du
+glauben, Dubois? ich muß es wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand
+küssen.
+
+Dubois. Das ist arg!
+
+Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was würde die Welt
+dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn ich meinen
+Verdruß auslassen wollte? Die Kinder auf der Straße würden mit
+Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein
+Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw."
+
+
+Diese Situation muß es sein, in welcher Chevrier das Ähnliche mit dem
+"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des
+Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich
+ehedem über diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schämt sich
+auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil
+er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand für
+den einzigen erklärt hatte, der einem freien und weisen Manne anständig
+sei. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Scham sie nicht beide
+in mancherlei ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die,
+in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau
+verlangt, ihm die überlästigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber
+ihn bedeutet, daß das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen
+müsse, fast die nämliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich
+Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, daß er sich auf
+Meliten keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige,
+wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten
+und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefähr auf gleiche Weise, als
+hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel
+viel zu klug und vorsichtig sei, als daß er sich zu so einer Torheit, wie
+das Heiraten, sollte haben verleiten lassen.
+
+Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stücke
+notwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir
+ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch
+nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche
+Situationen geraten; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk,
+die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen und
+ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die
+Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück
+Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der
+Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und
+Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Ähnliche Situationen
+geben also ähnliche Tragödien, aber nicht ähnliche Komödien. Hingegen
+geben ähnliche Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den
+Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen.
+
+Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines
+Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbänden aus der
+Königlichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu
+dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stück betreffende Anekdote. Der
+Dichter nämlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen
+Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der
+Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis früher ausgeplaudert, als
+ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten
+Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es
+seinem Sohne nicht glauben?--so dürfte die vermeinte Nachahmung des
+Campistron um so eher wegfallen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 5. und 7. Abend
+
+[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundfunfzigstes Stück Den 27. Oktober 1767
+
+Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels
+"Triumph der guten Frauen" aufgeführet.
+
+Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es
+war, soviel ich weiß, das letzte komische Werk des Dichters, das seine
+frühern Geschwister unendlich übertrifft und von der Reife seines Urhebers
+zeuget. "Der geschäftige Müßiggänger" war der erste jugendliche Versuch
+und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz
+verzeihe es denen und räche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin
+gefunden haben! Er enthält das kalteste, langweiligste Alltagsgewäsche,
+das nur immer in dem Hause eines meißnischen Pelzhändlers vorfallen kann.
+Ich wüßte nicht, daß er jemals wäre aufgeführt worden, und ich zweifle,
+daß seine Vorstellung dürfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist
+um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist,
+den Molière in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlaß
+zu diesem Stücke wollte genommen haben.[1] Molières Geheimnisvoller ist
+ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels
+Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen
+will, um von den Wölfen nicht gefressen zu werden. Daher kömmt es auch,
+daß er so viel Ähnliches mit dem Charakter des Mißtrauischen hat, den
+Cronegk hernach auf die Bühne brachte. Beide Charaktere aber, oder
+vielmehr beide Nuancen des nämlichen Charakters, können nichts anders
+als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und
+häßlichen Seele sich finden, daß ihre Vorstellungen notwendig mehr
+Mitleiden oder Abscheu erwecken müssen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle"
+ist wohl sonst hier aufgeführet worden; man versichert mich aber auch
+durchgängig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr
+begreiflich, daß man ihn läppischer gefunden habe, als lustig.
+
+"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgeführet
+worden, und sooft er noch aufgeführet worden, überall und jederzeit einen
+sehr vorzüglichen Beifall erhalten; und daß sich dieser Beifall auf wahre
+Schönheiten gründen müsse, daß er nicht das Werk einer überraschenden
+blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach
+Lesung des Stücks, zurückgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefällt es
+um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen
+gesehen, dem gefällt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es
+die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen übrigen Lustspielen, als
+diese überhaupt dem gewöhnlichen Prasse deutscher Komödien vorgezogen.
+
+"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschäftigen Müßiggänger': die
+Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Müßiggänger,
+solche in ihre Kinder vernarrte Mütter, solche schalwitzige Besuche und
+solche dumme Pelzhändler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so
+handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine
+Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gähnte
+vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher
+Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren
+Handlungen, echten Witz in ihren Gesprächen und den Ton einer feinen
+Lebensart in ihrem ganzen Umgange."
+
+Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat,
+ist der, daß die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider
+muß man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu
+sehr an fremde, und besonders an französische Sitten gewöhnt, als daß er
+eine besonders üble Wirkung auf uns haben könnte.
+
+"Nikander", heißt es, "ist ein französischer Abenteurer, der auf
+Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste
+gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stürzen, aller Frauen
+Verführer und aller Männer Schrecken zu werden sucht, und der bei allem
+diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten
+und Grundsätze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! daß ein
+Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben
+muß.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit
+verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, kömmt auf den
+Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt
+ihm, unter dem Namen Philint, in alle Häuser nach, wo er Avanturen sucht.
+Philint ist witziger, flatterhafter und unverschämter als Nikander. Das
+Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem
+frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen läßt, stehet Nikander da wie
+verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die
+Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und
+glücklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten
+Petitmaitre ist gewiß kein Deutscher."
+
+"Was mir", fährt er fort, "sonst an diesem Lustspiele mißfällt, ist der
+Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen,
+zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu häßlichen Seite. Er
+tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwürdigste und hat
+recht seine Lust, sie zu quälen. Grämlich, sooft er sich sehen läßt,
+spöttisch bei den Tränen seiner gekränkten Frau, argwöhnisch bei ihren
+Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen
+durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersüchtig,
+hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden können, in seiner
+Frauen Kammermädchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als
+daß wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen könnten. Der Dichter gibt
+ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswürdigen
+Herzens nicht genug entwickeln können. Er tobt, und weder Juliane noch
+die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum
+gehabt, seine Besserung gehörig vorzubereiten und zu veranstalten. Er
+mußte sich begnügen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die
+Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine,
+dieses edelmütige Kammermädchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte,
+sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen
+sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Mädchen
+im Hause ist, möchte ich nicht für die Aufrichtigkeit stehen."
+
+Ich freue mich, daß die beste deutsche Komödie dem richtigsten deutschen
+Beurteiler in die Hände gefallen ist. Und doch war es vielleicht die
+erste Komödie, die dieser Mann beurteilte.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4.
+
+ C'est de la tête aux pieds un homme tout mystère,
+ Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil égaré,
+ Et sans aucune affaire est toujours affairé.
+ Tous ce qu'il vous débite en grimaces abonde.
+ A force de façons il assomme le monde.
+ Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien,
+ Un secret à vous dire, et ce secret n'est rien.
+ De la moindre vétille il fait une merveille,
+ Et, jusqu' au bon jour, il dit tout à l'oreille.
+
+[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133.
+
+----Fußnote
+
+
+Ende des ersten Bandes
+
+
+
+
+
+Zweyter Band
+
+
+
+Dreiundfunfzigstes Stück
+Den 3. November 1767
+
+Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und
+"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade
+heraus,[2] "führet den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk
+des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von
+Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die
+Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so
+ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fügt er hinzu, y a laissé
+81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von
+einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim
+verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier
+keinen andern Beweis hatte, daß das Stück in Versen gewesen: so ist es
+sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die französischen Verse kommen überhaupt
+der Prosa so nahe, daß es Mühe kosten soll, nur in einem etwas
+gesuchteren Stile zu schreiben, ohne daß sich nicht von selbst ganze
+Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade
+denjenigen, die gar keine Verse machen, können dergleichen Verse am
+ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr für das Metrum haben und
+es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen.
+
+Was hat "Cenie" sonst für Merkmale, daß sie nicht aus der Feder eines
+Frauenzimmers könne geflossen sein? "Das Frauenzimmer überhaupt", sagt
+Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige,
+und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken
+glücklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack,
+nichts als Anmut, höchstens Gründlichkeit und Philosophie verlangen. Es
+kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich
+durch Mühe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer,
+welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende
+verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwünge,
+die ihr Entzückendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den
+Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen."
+
+Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen,
+so muß "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst
+würde so nicht schließen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer
+überhaupt absprechen zu müssen glaube, wolle er darum keiner Frau
+insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas à une femme, mais aux femmes
+que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf
+Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin
+derselben anführt. Dabei merke man wohl, daß Graffigny seine Freundin
+nicht war, daß sie Übels von ihm gesprochen hatte, daß er sich an eben
+der Stelle über sie beklagt. Demohngeachtet erklärt er sie lieber für
+eine Ausnahme seines Satzes, als daß er im geringsten auf das Vorgeben
+des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel,
+Freimütigkeit genug gehabt hätte, wenn er nicht von dem Gegenteile
+überzeugt gewesen wäre.
+
+Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser
+Abt, wie Chevrier wissen will, hat für die Favart gearbeitet. Er hat die
+komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice,
+von der er sagt, daß sie kaum lesen könne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer,
+der in Paris darüber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, daß die
+Gassenhauer in der französischen Geschichte überhaupt unter die glaub-
+würdigsten Dokumente gehören.
+
+Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen
+in die Welt schicke, ließe sich endlich noch begreifen. Aber warum er
+sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten
+vorziehen möchte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr
+als ein Stück aufführen und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als
+den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen.
+Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen
+wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke
+würde getan haben?--
+
+Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die
+Frauenschule" von Molière aufgeführt.
+
+Molière hatte bereits seine "Männerschule" gemacht, als er im Jahre 1662
+diese "Frauenschule" darauf folgen ließ. Wer beide Stücke nicht kennet,
+würde sich sehr irren, wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den
+Männern, ihre Schuldigkeit geprediget würde. Es sind beides witzige
+Possenspiele, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller
+Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar
+alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Männerschule" heißen müßten,
+wenn Molière weiter nichts darin hätte lehren wollen, als daß das dümmste
+Mädchen noch immer Verstand genug habe, zu betrügen, und daß Zwang und
+Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit.
+Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht
+viel zu lernen; es wäre denn, daß Molière mit diesem Titel auf die
+Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen hätte,
+mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden.
+
+"Die zwei glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie", sagt Trublet,
+[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille
+und Molière bearbeitet worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch
+nicht hatten. Diese Anmerkung", fügt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von
+Fontenelle."
+
+Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt hätte, wie er dieses
+meine. Oder falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch
+auch seinen Lesern mit ein paar Worten hätte verständlich machen wollen.
+Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit
+diesem Rätsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder
+Trublet hat sich verhört.
+
+Wenn indes, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der "Frauenschule"
+so besonders glücklich ist und Molière in der Ausführung desselben nur zu
+kurz gefallen: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht viel
+einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus
+einer spanischen Erzählung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die
+vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spaßhaften Nächten" des
+Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage
+vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, daß
+dieser Freund sein Nebenbuhler ist.
+
+"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stück von einer
+ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzählung, aber doch so
+künstliche Erzählung ist, daß alles Handlung zu sein scheinet."
+
+Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, daß man die neue
+Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger künstlich, Erzählung bleibt
+immer Erzählung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen
+sehen.--Aber ist es denn auch wahr, daß alles darin erzählt wird? daß
+alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurf
+nicht wieder aufwärmen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob
+zu verkehren, hätte er wenigstens die Antwort beifügen sollen, die
+Molière selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzählungen
+nämlich sind in diesem Stücke, vermöge der innern Verfassung desselben,
+wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung
+erforderlich ist; und es ist bloße Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier
+streitig zu machen.[6] Denn es kömmt ja weit weniger auf die Vorfälle an,
+welche erzählt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfälle auf
+den betrognen Alten machen, wenn er sie erfährt. Das Lächerliche dieses
+Alten wollte Molière vornehmlich schildern; ihn müssen wir also
+vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebärdet;
+und dieses hätten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er
+erzählen läßt, vor unsern Augen hätte vorgehen lassen, und das, was er
+vorgehen läßt, dafür hätte erzählen lassen. Der Verdruß, den Arnolph
+empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruß zu verbergen; der
+höhnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz
+nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der
+wir ihn sehen, wenn er vernimmt, daß Horaz demohngeachtet sein Ziel
+glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen,
+als alles, was außer der Szene vorgeht. Selbst in der Erzählung der
+Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr
+Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der
+Bühne wirklich machen sähen.
+
+Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, daß alles darin Handlung
+scheine, obgleich alles nur Erzählung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte
+sagen zu können, daß alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzählung
+zu sein scheine.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 23. und 29. Abend
+
+[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211.
+
+[3] à d'Alembert, p. 133.
+
+[4] à d'Alembert, p. 78.
+
+[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295.
+
+[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les
+récits eux-mêmes y sont des actions suivant la constitution du sujet.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundfunfzigstes Stück
+Den 6. November 1767
+
+Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die
+Mütterschule" des La Chaussée, und den vierundvierzigsten Abend (als den
+15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1]
+
+Da die Engländer von jeher so gern domestica facta auf ihre Bühne
+gebracht haben, so kann man leicht vermuten, daß es ihnen auch an
+Trauerspielen über diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist
+das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglückliche Liebling, oder Graf
+von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall.
+Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenède von
+1638; des Boyer von 1678, und des jüngern Corneille von ebendiesem Jahre.
+Wollten indes die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin nicht
+möchten zuvorgekommen sein, so würden sie sich vielleicht auf Daniels
+"Philotas" beziehen können; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die
+Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden
+glaubte.[2]
+
+Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu
+haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime
+Geschichte der Königin Elisabeth und des Grafen von Essex" führet,[3] wo
+er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn bloß
+zu dialogieren, ihm bloß die äußere dramatische Form zu erteilen brauchte.
+Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angeführten
+Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern
+nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können.
+
+"Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu
+machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königin für
+ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden
+beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter
+nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt
+hat. Burleigh, der erste Minister der Königin, der auf ihre Ehre sehr
+eifersüchtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit
+welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unablässig, ihn verdächtig zu
+machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des
+Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Gräfin
+von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte,
+nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie
+nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemütsart des
+Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf
+folgende Weise.
+
+Die Königin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr
+ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen
+gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden
+Scharmützeln sahe sich der Graf genötiget, mit dem Feinde in Unterhandlung
+zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr
+abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret
+stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben
+ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Königin
+als ihrer Ehre höchst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger
+Beweis vorgestellet, daß Essex mit den Rebellen in einem heimlichen
+Verständnisse stehen müsse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern
+Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats
+anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist,
+daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht
+bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation
+erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid
+seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger
+Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er
+erhebt die Gerechtigkeit der Königin, einen solchen Mann nicht
+unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor diesesmal schweigen.
+(Erster Akt.)
+
+Indes ist die Königin mit der Aufführung des Grafen nichts weniger als
+zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen,
+und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu
+Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die
+Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde
+bei ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu
+rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der
+Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königin ungeachtet,
+nach England über. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden
+ebensoviel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die
+Gräfin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den
+Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königin, da sie sieht, daß ihr
+durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten,
+wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verraten will, die sie gern vor der
+ganzen Welt verbergen möchte. Die Erwägung ihrer Würde, zu welcher ihr
+natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt,
+erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich
+selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den
+geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen
+sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letztern,
+doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn
+auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine
+Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham
+sind bei dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königin ist auf die letztere
+gelehnet und scheinet tief im Gespräche zu sein, ohne den Grafen nur ein
+einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen,
+verläßt sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit
+ihr meinen, ihr zu folgen und den Verräter allein zu lassen. Niemand darf
+es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab,
+kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei
+seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königin den Burleigh
+und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich
+aber, ihn in andere, als in der Königin eigene Hände, zurückzuliefern, und
+beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr
+verächtlich begegnet. (Zweiter Akt.)
+
+Die Königin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist
+äußerst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann
+weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt,
+noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der
+Fülle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als
+jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt
+befiehlt sie, demohngeachtet, daß er vor sie gebracht werden soll. Er
+kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu verteidigen. Doch die Gründe,
+die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie
+ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm,
+um der geheimen Neigung, die sie für ihn hegt, ein Genüge zu tun; aber
+zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung
+dessen, was sie sich selbst, als Königin, schuldig zu sein glaubt. Und
+nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine
+Ungestümheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Füßen und bedient
+sich verschiedner Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klingen, als daß
+sie den Zorn der Königin nicht aufs höchste treiben sollten. Auch
+antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich
+um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nämlich,
+anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem
+Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königin, daß es nicht
+sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau
+ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich tätlich an ihr zu
+vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt
+seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem
+Burleigh und Raleigh ihren niederträchtigen Neid, sowie der Königin ihre
+Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wut; und niemand
+als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt
+eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.)
+
+Der Graf gerät über sein Unglück in Verzweiflung; er läuft wie unsinnig
+in der Stadt herum, schreiet über das ihm angetane Unrecht und schmähet
+auf die Regierung. Alles das wird der Königin, mit vielen Übertreibungen,
+wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern.
+Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen
+und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Prozeß gemacht
+werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Königin gelegt und
+günstigern Gedanken für den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn
+also, ehe er zum Verhöre geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet,
+nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar
+befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit
+zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald
+er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast
+aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie
+gleich darauf erfährt, daß er mit der Rutland vermählt ist; und es von der
+Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.)
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 26. und 30. Abend.
+
+[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147.
+
+[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundfunfzigstes Stück
+Den 10. November 1767
+
+Was die Königin gefürchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen
+schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund
+Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königin,
+den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche
+freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verraten würde, die
+keiner Königin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den
+Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes,
+daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu
+ihm und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt
+sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das
+kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demütigsten Bitte an die
+Königin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet;
+nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu
+rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet
+sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest
+entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Äußerste
+ankommen zu lassen, daß die Königin dem Berichte kaum glauben kann, nach
+wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl
+erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr
+die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen,
+nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie
+sich einbildet, daß Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr
+empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert,
+seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht rät
+sie der Königin auch, seiner Gemahlin, der Gräfin von Rutland, zu
+erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königin williget
+in beides, aber zum Unglücke für die grausame Ratgeberin; denn der Graf
+gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Königin, die sich eben in dem
+Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet,
+erhält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den
+Ring gegeben und sie durch diese Verräterin um sein Leben bitten lassen.
+Sogleich schickt sie und läßt die Vollstreckung des Urteils untersagen;
+doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr
+damit geeilet, daß die Botschaft zu spät kömmt. Der Graf ist bereits tot.
+Die Königin gerät vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche
+Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde
+des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen."
+
+Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der "Essex" des Banks ein
+Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Übereinstimmung ist, als sich in
+dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die
+Geschichte gehalten, nur daß er verschiedne Begebenheiten näher zusammen
+gerückt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal
+seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig
+erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon
+angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bei einer ganz
+andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist
+begreiflicher, daß die Königin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben,
+da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses
+Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer
+eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu
+gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie
+teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese
+Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er
+unglücklicherweise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was
+braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen?
+Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht
+mächtig zu sein, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will?
+Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben
+gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den
+mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloß
+um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten,
+er mag wieder in ihre Hände kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch
+die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung
+des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache
+seiner tödlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht
+kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?
+
+So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung.
+Mich dünkt, er würde eine weit bessere tun, wenn ihn die Königin ganz
+vergessen hätte und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget
+würde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld
+des Grafen noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des
+Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen
+sein, und bloß der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edelmut
+nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf
+seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königin zu sehr wider ihn
+eingenommen sei, als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie
+also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die
+Überzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung
+ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, für
+unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber
+nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet,
+gerecht und erkenntlich zu sein.
+
+Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück eingeflochten.--
+Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig!
+Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der
+Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire
+darüber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwürdig.
+"Heutzutage", sagt er, "dürfte man es nicht wagen, einem Helden eine
+Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gäben. Nicht
+einmal in der Komödie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das
+einzige Exempel, welches man auf der tragischen Bühne davon hat. Es ist
+glaublich, daß man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomödie
+betitelte; und damals waren fast alle Stücke des Scudéry und des
+Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange der Meinung
+gewesen, daß sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit
+gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst
+ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen,
+weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in
+allem Ernste betrübt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles
+schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie
+sehr er meistenteils damit verunglückt!
+
+Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der
+tragischen Bühne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht
+gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein
+diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrät beides; und nur das letztere
+noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der
+Tragikomödie hinzufügt, ist ebenso unrichtig. Tragikomödie hieß die
+Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen
+vergnügten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar
+nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille
+hernach sein Stück eine Tragödie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte,
+daß eine Tragödie notwendig eine unglückliche Katastrophe haben müsse.
+Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloß im
+Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen.
+Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem
+sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem
+einfiel, gewisse von ihren dramatischen Mißgeburten so zu nennen.[1] Wenn
+aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt hätte, so wäre
+es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet.
+Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und
+der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus
+sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist
+ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo
+ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische
+Handlung größtenteils unter höhern Personen vorgehet, als man in der
+Komödie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklärt sich darüber
+deutlich genug:
+
+ Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia:
+ Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia
+ Reges quo veniant et di, non par arbitror.
+ Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet,
+ Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Ich weiß zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht
+hat; aber das weiß ich gewiß, daß es Garnier nicht ist. Hédelin sagte: Je
+ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter
+ce titre à sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imité. (Prât. du
+Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei hätten es die Geschichtschreiber des
+französischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen
+die leichte Vermutung des Hédelins zur Gewißheit und gratulieren ihrem
+Landsmanne zu einer so schönen Erfindung. Voici la première
+Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poème du Théâtre qui a
+porté ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art
+qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans
+les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une
+idée, qui n'a pas été inutile à beaucoup d'Auteurs du dernier siècle.
+Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit frühere
+spanische und italienische Stücke, die diesen Titel führen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundfunfzigstes Stück
+Den 13. November 1767
+
+Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, daß
+eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem
+Höhern bekömmt, für eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, daß
+alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens
+ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem
+Beleidigten selbst gerächet, und auf eine ebenso eigenmächtige Art
+gerächet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche
+Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt,
+es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum
+soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im
+Gange sind: warum nicht auch hier?
+
+"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine
+Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt
+sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt
+die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung
+äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen,
+und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene
+Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen.
+
+Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der
+Masken bedauern möchte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske
+mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit
+auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch
+weniger gewahr.
+
+Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der
+dramatische Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich
+darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist.
+Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es
+ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen,
+daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins
+Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es
+verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so
+weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er
+seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine
+kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut
+wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand
+vor; nur verlange er nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr
+Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die
+er ihn vorstellen läßt. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine
+Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider
+einzuwenden haben?
+
+Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder
+höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den
+sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen,
+einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig!--Und wenn sie
+das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der
+gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache werden soll, und
+wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht
+hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was
+unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muß, soll dennoch
+aus der Tragödie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komödie, weil
+es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen,
+sollen wir ein andermal nicht erschrecken können?
+
+Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen möchte,
+so wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann sie da haben?
+Traurige? die sind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr und
+gehören dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Mühe, sie
+geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer
+sie bekömmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also
+den beiden Extremis, der Tragödie und dem Possenspiele; die mehrere
+dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder spotten oder
+zittern wollen.
+
+Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger
+Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen,
+wenn der großsprecherische Gormas den alten würdigen Diego zu schlagen
+sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen, und
+den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal
+alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung
+nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung
+und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung
+auf ihn hat, nicht tragisch sein?
+
+Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von
+einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt
+eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art,
+mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu lächeln
+machte, der biß sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die
+Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den
+Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.
+
+Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige
+vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs
+stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; für jede andere würde
+sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten
+aufzuopfern. Für diese einzige läßt das Pundonor weder Entschuldigung
+noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabei
+einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Denkungsart
+den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego
+zufriedenzustellen, sehr wohl antworten:
+
+ Ces satisfactions n'apaisent point une âme:
+ Qui les reçoit n'a rien, qui les fait se diffame.
+ Et de tous ces accords l'effet le plus commun,
+ C'est de déshonorer deux hommes au lieu d'un.
+
+Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen,
+dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt
+also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem
+Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus
+dem Gedächtnisse und aus seiner Empfindung.
+
+In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daß sie eine
+Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau
+und Königin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Über die
+handfertige wehrhafte Frau würde er spotten; denn eine Frau kann weder
+schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souverän,
+dessen Beschimpfungen unauslöschlich sind, da sie von seiner Würde eine
+Art von Gesetzmäßigkeit erhalten. Was kann also natürlicher scheinen,
+als daß Essex sich wider diese Würde selbst auflehnet und gegen die Höhe
+tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wüßte wenigstens
+nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich hätte machen
+können. Die bloße Ungnade, die bloße Entsetzung seiner Ehrenstellen
+konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so
+knechtische Behandlung außer sich gebracht, sehen wir ihn alles, was
+ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit
+Entschuldigung unternehmen. Die Königin selbst muß ihn aus diesem
+Gesichtspunkte ihrer Verzeihung würdig erkennen; und wir haben so
+ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen
+scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekränkten Ehre
+tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht.
+
+Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt,
+war über die Wahl eines Königs von Irland. Als er sahe, daß die Königin
+auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr verächtlichen
+Gebärde den Rücken. In dem Augenblicke fühlte er ihre Hand, und seine
+fuhr nach dem Degen. Er schwur, daß er diesen Schimpf weder leiden könne
+noch wolle; daß er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht würde
+erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den
+Kanzler Egerton über diesen Vorfall schrieb, ist mit dem würdigsten
+Stolze abgefaßt, und er schien fest entschlossen, sich der Königin nie
+wieder zu nähern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer
+völligen Gnade und in der völligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings.
+Diese Versöhnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr
+schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war.
+In diesem Falle war er wirklich ein Verräter, der sich alles gefallen ließ,
+bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht,
+den ihm die Königin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die
+Ohrfeige; und der Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünfte verblendete
+ihn so, daß er ohne alle Überlegung losbrach. So finden wir ihn in der
+Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen
+Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine
+treulosen Absichten gegen seine Königin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler
+einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloß durch
+die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war.
+
+
+
+
+Siebenundfunfzigstes Stück
+Den 17. November 1767
+
+Banks hat die nämlichen Worte beibehalten, die Essex über die Ohrfeige
+ausstieß. Nur daß er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der
+Welt, mitsamt Alexandern, beifügen läßt.[1] Sein Essex ist überhaupt
+zuviel Prahler; und es fehlet wenig, daß er nicht ein ebenso großer
+Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenède. Dabei erträgt er
+sein Unglück viel zu kleinmütig und ist bald gegen die Königin ebenso
+kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr
+nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergißt,
+ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwürdig.
+In der Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst für
+Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste
+des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden
+allzu vertraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine
+Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet
+hätten, übereinstimmen oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es
+nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht
+nutzen. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bei der Verstellung die
+Würde desselben.
+
+Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau
+bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige
+Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem
+Essex hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm
+gewissermaßen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die
+Elisabeth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Glut und
+Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert
+nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch
+deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle,
+usw. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht
+nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man
+sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken
+Eifersucht verraten sie; sonst würde man sie schlechterdings für nichts,
+als für seine Freundin halten können.
+
+Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion
+zu setzen gewußt, das können folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen.
+--Die Königin glaubt sich allein und überlegt den unglücklichen Zwang
+ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres
+Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr
+nachgekommen.--
+
+"Die Königin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.
+
+Nottingham. Verzeihe, Königin, daß ich so kühn bin. Und doch
+befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu sein.--Dich bekümmert
+etwas. Ich muß fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung
+bitten, daß ich es frage--Was ist's, das Dich bekümmert? Was ist es,
+das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht
+wohl?
+
+Die Königin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke
+dir für deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines
+Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu
+lange. Es fängt an, meiner überdrüssig zu werden.--Neue Kronen sind
+wie neue Kränze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne
+neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet
+sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen.--Erzähle mir
+doch, was sagt man von der Überkunft des Essex?
+
+Nottingham.--Von seiner Überkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber
+von ihm--er ist für einen so tapfern Mann bekannt--
+
+Die Königin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verräter!
+
+Nottingham. Gewiß, es war nicht gut--
+
+Die Königin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts?
+
+Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat.
+
+Die Königin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu
+schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient.--Weit geringere Verbrechen
+haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.--
+
+Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel größerer
+Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben?
+
+Die Königin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten
+Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verräterei, die
+größte von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder,
+nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf
+den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der
+vorübergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen,
+undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner
+Königin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was
+sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum
+schweigst du? Willst du ihn noch vertreten?
+
+Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Königin, so will ich Dir alles
+sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.--
+
+Die Königin. Tu das!--Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir?
+
+Nottingham. Von Dir, Königin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit
+Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm eines verstorbenen
+Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen
+ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den
+heißesten Tränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen,
+--dieses einzige, daß Du geruhen möchtest, ihren Beschwerden gegen
+diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verräter nicht länger zu
+schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande
+vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern--
+
+Die Königin. Wer hat mir vorzuschreiben?
+
+Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn
+man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles
+wider den Mann an, dessen Gemütsart so schlecht, so boshaft ist, daß
+er es auch nicht der Mühe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie
+stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht
+anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbrämten Rock!--Daß
+er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der
+Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit,
+welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von
+ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über
+ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein
+glänzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des
+Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und
+herrschsüchtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stürzte--
+
+Die Königin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus
+dem Atem.--Ich will nichts mehr hören--(beiseite) Gift und Blattern
+auf ihre Zunge!--Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas
+auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften
+Pöbels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel
+das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er es
+sagen möchte.
+
+Nottingham. Ich erstaune, Königin--
+
+Die Königin. Worüber?
+
+Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden--
+
+Die Königin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie gewünscht dir
+dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal
+glühte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich,
+überzufließen, und jedes Wort, jede Gebärde hatte seinen längst
+abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft.
+
+Nottingham. Verzeihe, Königin, wenn ich in dem Ausdrucke meine
+Schuldigkeit gefehlet habe. Ich maß ihn nach Deinem ab.
+
+Die Königin. Nach meinem?--Ich bin seine Königin. Mir steht es frei,
+dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch
+hat er sich der gräßlichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig
+gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit könnte dich
+der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er
+übertreten, keine Untertanen, die er bedrücken, keine Krone, nach der
+er streben könnte. Was findest du denn also für ein grausames
+Vergnügen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf
+zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen?
+
+Nottingham. Ich bin zu tadeln--
+
+Die Königin. Genug davon!--Seine Königin, die Welt, das Schicksal
+selbst erklärt sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein
+Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?--
+
+Nottingham. Ich bekenne es, Königin,
+
+Die Königin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland
+her.--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Act. III.
+
+ --By all
+ The Subtilty, and Woman in your Sex,
+ I swear, that had you been a Man, you durst not,
+ Nay, your bold Father Harry durst not this
+ Have done--Why say I him? Not all the Harrys,
+ Not Alexander self, were he alive,
+ Should boast of such a deed on Essex done
+ Without revenge.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundfunfzigstes Stück
+Den 20. November 1767
+
+Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich,
+daß Rutland, ohne Wissen der Königin, mit dem Essex vermählt ist.
+
+"Die Königin. Kömmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt.
+--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese
+trübe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland;
+ich will dir einen wackern Mann suchen.
+
+Rutland. Großmütige Frau!--Ich verdiene es nicht, daß meine Königin
+so gnädig auf mich herabsiehet.
+
+Die Königin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe
+ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der
+Nottingham, der widerwärtigen!--einen Streit gehabt; und zwar--über
+Mylord Essex.
+
+Rutland. Ha!
+
+Die Königin. Sie hat mich recht sehr geärgert. Ich konnte sie nicht
+länger vor Augen sehen.
+
+Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen!
+Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fühl' es; ich werde blaß--und
+wieder rot.--
+
+Die Königin. Was ich dir sage, macht dich erröten?--
+
+Rutland. Dein so überraschendes, gütiges Vertrauen, Königin,--
+
+Die Königin. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest.--Komm,
+Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel,
+liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider
+den armen, unglücklichen Mann schreiet; was für Verbrechen es ihm zur
+Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er
+ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdrücklichen Befehl;
+und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung
+gelassen.
+
+Rutland. Darf ich Dir, Königin, wohl sagen, was ich denke?--Das
+Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß
+ist öfters so ungegründet--
+
+Die Königin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber,
+liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine
+Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiß, man legt mir
+es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen.
+Sie vergessen, daß ich ihre Königin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat
+mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann!--
+
+Rutland. Siehe meine Tränen, Königin--Dich so leiden zu sehen, die
+ich so bewundere!--Oh, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele,
+und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu
+beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen!
+
+Die Königin. Oh, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste
+Rutland!--Sage, ist es nicht schade, daß so ein braver Mann ein
+Verräter sein soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward,
+sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu
+wollen?
+
+Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königin,
+gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hören!
+mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem
+Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören!
+
+Die Königin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören?
+
+Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte
+Überlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht
+mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttin ihres Geschlechts, so weit
+über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten
+bewundern, Schönheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein
+größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit
+verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem
+alles überströmenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts übersteigt ihre
+Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche
+Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels
+gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh,
+unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues
+Herz ausdrückte, oh, daß sie nicht unsterblich sein kann! Ich wünsche
+ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit
+diesen Abglanz von sich zurückruft und mit eins sich Nacht und
+Verwirrung über Britannien verbreiten.
+
+Die Königin. Sagte er das, Rutland?
+
+Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe,
+dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich
+überströmte--
+
+Die Königin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du
+ihm gibst!
+
+Rutland. Und kannst ihn noch für einen Verräter halten?
+
+Die Königin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze übertreten.--Ich muß
+mich schämen, ihn länger zu schützen.--Ich darf es nicht einmal wagen,
+ihn zu sehen.
+
+Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königin? nicht zu sehen?--Bei dem
+Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre
+ich Dich,--Du mußt ihn sehen! Schämen? wessen? daß Du mit einem
+Unglücklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte
+Könige schimpfen?--Nein, Königin; sei auch hier Dir selbst gleich.
+Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen--
+
+Die Königin. Ihn, der meinen ausdrücklichen Befehl so geringschätzen
+können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen drängen darf?
+Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl?
+
+Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der
+Gefahr, in der er sich sahe. Er hörte, was hier vorging; wie sehr man
+ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche. Er kam also,
+zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich
+zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen.
+
+Die Königin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich
+sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer
+ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne!
+
+Rutland. Oh, nähre diese günstige Gedanke! Deine königliche Seele
+kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß
+finden. Ich wollte für ihn schwören; bei aller Deiner Herrlichkeit
+für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu sein. Seine Seele ist
+reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Dünste an sich
+ziehet und Geschmeiß ausbrütet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt
+es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig.
+Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem
+Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich
+verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher,
+und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt.
+
+Die Königin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese
+Innigkeit,--das bloße Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich
+hören!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt--
+
+Rutland. Recht, Königin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den
+innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du
+selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So
+würdig, so edel, so kühn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied,
+in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so
+sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen
+vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus
+hundert Gegenständen zusammensuchen muß, was sie hier beieinander
+findet!
+
+Die Königin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
+auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du gerätst außer dir.
+Ein Wort, ein Bild überjagt das andere. Was spielt so den Meister
+über dich? Ist es bloß deine Königin, ist es Essex selbst, was diese
+wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie
+schweigt; ganz gewiß, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen
+neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw.
+
+Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Königin zu
+sagen, daß Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen.
+"Rutland", sagt die Königin, "wir sprechen einander schon weiter; geh
+nur.--Nottingham, tritt du näher." Dieser Zug der Eifersucht ist
+vortrefflich. Essex kömmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige.
+Ich wüßte nicht, wie sie verständiger und glücklicher vorbereitet
+sein könnte. Essex anfangs, scheinet sich völlig unterwerfen zu
+wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach
+und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte
+alles das die Königin so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz
+nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist
+eigentlich die eifersüchtige Liebhaberin, welche schlägt, und die
+sich nur der Hand der Königin bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt
+gern.--
+
+Ich, meinesteils, möchte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den
+ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch,
+so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr
+armselige Figur dagegen macht.
+
+
+
+Neunundfunfzigstes Stück
+Den 24. November 1767
+
+Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Übersetzung nicht beurteilen.
+Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehen müssen. Er ist zugleich so
+gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von
+Person zu Person, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von
+Mißhelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut
+als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen
+lieber, als an der andern, scheitern wollen.
+
+Ich habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platten. Die
+mehresten hätten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwülstig
+und tragisch halten viele so ziemlich für einerlei. Nicht nur viele der
+Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere
+Menschen sprechen? Was wären das für Helden? Ampullae et sesquipedalia
+verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den
+wahren Ton der Tragödie.
+
+"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, daß
+er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde
+zu verderben. Wir haben von den Alten die volle prächtige Versifikation
+beibehalten, die sich doch nur für Sprachen von sehr abgemessenen
+Quantitäten und sehr merklichen Akzenten, nur für weitläufige Bühnen, nur
+für eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so
+wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespräche,
+und die Wahrheit ihrer Gemälde haben wir fahren lassen."
+
+Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den
+Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen.
+Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien,
+öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie
+müssen also fast immer mit Zurückhaltung und Rücksicht auf ihre Würde
+sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den
+ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen.
+Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen
+größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für
+Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so
+ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand,
+als dem sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand
+als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also
+selbst im Affekte sind und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu
+kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er
+auch in das Stück eingeflochten war, dennoch niemals mißhandelte und
+stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale
+wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den höhern
+Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdrücken gelernt
+als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhörlich, sich
+besser auszudrücken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede
+ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die
+in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut
+verstehet, als der Polierteste.
+
+Bei einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache kann niemals
+Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine
+hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten,
+gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten.
+
+Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine
+Königin auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen
+vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhält, würde man
+in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir
+nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig;
+ein wenig unruhig bin ich.--Erzähle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu
+das! Laß hören!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und
+Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen
+habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei
+munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst
+du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geärgert.
+Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; laß
+mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht länger
+auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen
+Kunstrichter sagen--
+
+Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt
+es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen
+zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne
+ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlässigkeiten, die ihr
+zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu
+finden waren, die er mit so vieler Überlegung dahin und dorthin streuete,
+um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein
+der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig
+zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darüber lachen. Endlich
+folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hört wohl, daß der gute Mann die
+große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört;
+Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe."
+
+Demohngeachtet würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die
+Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen
+dürfen. Ich habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht
+ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette
+aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen
+Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so
+gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen
+natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripides nur fleißig zu; und
+tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat.
+
+Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und
+Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem
+Erhabnen. Das nämliche Gefühl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt,
+wird sie auch hier bemerken. Der schwülstige Dichter ist daher unfehlbar
+auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine
+Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als
+die Tragödie.
+
+Gleichwohl scheinet die Engländer vornehmlich nur der eine in ihrem Banks
+beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die
+pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so
+glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sein Stück von
+einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe,
+möchte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu
+gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darüber. Heinrich Jones, von
+Geburt ein Irländer, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte,
+wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon
+einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen
+Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753
+aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den
+von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige
+Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, daß er, wie man ihm
+Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt
+hat. Auch muß noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich
+gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten
+Tagebüchern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein französischer
+Kunstrichter, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der
+schönen Poesie des Jones zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle
+der Rutland und über derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres
+Gemahls hinzufügt,[3] ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser
+Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht.
+
+Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar
+ist, als daß ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natürlichen Sohne". S.d. Übers. 247.
+
+[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every
+where very bad, and in some Places so low, that it even becomes
+unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little
+Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest
+of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to
+adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression
+befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters
+are perhaps the greatest the World ever produced.
+
+[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en démence la
+Comtesse de Rutland au moment que cet illustre époux est conduit à
+l'échafaud; ce moment où cette Comtesse est un objet bien digne de pitié,
+a produit une très grande sensation, et a été trouvé admirable à Londres:
+en France il eût paru ridicule, il aurait été sifflé et l'on aurait
+envoyé la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechzigstes Stück
+Den 27. November 1767
+
+Er ist von einem Ungenannten und führet den Titel: "Für seine Gebieterin
+sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komödien, die Joseph
+Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste
+Stück ist. Wenn er verfertiget worden, weiß ich nicht; ich sehe auch
+nichts, woraus es sich ungefähr abnehmen ließe. Das ist klar, daß sein
+Verfasser weder die französischen und englischen Dichter, welche die
+nämliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen
+gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner
+Leser nicht vorgreifen.
+
+Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurück und will der
+Königin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hört er, daß
+sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen,
+namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf
+diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche
+Zusammenkünfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient
+sich des Schlüssels, den er noch von der Gartentüre bewahret, durch die
+er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natürlich, daß er sich seiner Geliebten
+eher zeigen will, als der Königin. Als er durch den Garten nach ihren
+Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch
+denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist
+ein schwüler Sommerabend), das mit den bloßen Füßen in dem Wasser sitzt
+und sich abkühlet. Er bleibt voller Verwunderung über ihre Schönheit
+stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um
+nicht erkannt zu werden. (Diese Schönheit, wie billig, wird weitläuftig
+beschrieben, und besonders werden über die allerliebsten weißen Füße in
+dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, daß der
+entzückte Graf zwei kristallene Säulen in einem fließenden Kristalle
+stehen sieht; er weiß vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall
+ihrer Füße ist, welcher in Fluß geraten, oder ob ihre Füße der Kristall
+des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch
+verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weißen Gesichte:
+er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches
+Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so
+glänzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr
+zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet,
+als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuß auf sie geschieht,
+und gleich darauf zwei maskierte Männer mit bloßem Degen auf sie
+losgehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex
+besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Mörder an,
+und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück und
+bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er
+verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde
+damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich
+Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen,
+ehe über den Schuß mehr Lärmen entsteht; ich möchte nicht gern, daß die
+Königin den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure
+Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen über diese
+sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, namens Cosme,
+allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des
+Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen,
+und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen
+dürfen. Die Furcht hielt an der Türe Schildwache und versperrte ihm den
+Eingang. Furchtsam ist Cosme für viere;[4] und das sind die spanischen
+Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, daß er sich unfehlbar in die
+schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Blanca nicht schon so völlig
+Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern
+Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen
+sein? Was dünkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet
+Cosme, "als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus
+diesem Zuge kann man leicht auf das übrige schließen. Sie gehen endlich
+beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte über den
+Schuß in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt
+zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal.
+
+Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermädchen.
+(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die
+vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der
+König von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem
+jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist,
+unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese
+Verbindung zustande zu bringen. Es läßt sich alles, sowohl von seiten des
+Parlaments als der Königin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die
+Blanca und verliebt sich in sie. Itzt kömmt er und bittet Floren, ihm in
+seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er
+zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit,
+in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloß, Blanca
+suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne,
+dessen Stand so weit über den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung
+machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben.--(Man
+erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner
+Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in
+diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er
+hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er
+wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie
+machen werde. Er schenkt Floren eine güldne Kette, und Flora versteckt
+ihn in eine anstoßende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt,
+welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet.
+
+Essex kömmt. Nach den zärtlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den
+teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig
+zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca
+bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit
+welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie
+ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn,
+unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentümer ihrer Ehre gemacht.
+(Te hice dueño de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig
+viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien
+obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist
+nichts in Abrede und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und
+Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen
+gekommen sei. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er
+unverzüglich die Königin um Erlaubnis zu ihrer Vermählung antreten.--"Und
+so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem
+Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher
+anvertrauen."[6]--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta
+Corte.
+
+[2]
+ Las dos columnas bellas
+ Metió dentro del río, y como al verlas
+ Vi un cristal en el rio desatado,
+ Y ví cristal en ellas condensado,
+ No supe si las aguas que se vían
+ Eran sus piés, que líquidos corrían,
+ O si sus dos columnas se formaban
+ De las aguas, que allí se conjelaban.
+
+Diese Ähnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben
+will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand
+geschöpft und nach dem Munde geführt habe. Diese Hand, sagt er, war dem
+klaren Wasser so ähnlich, daß der Fluß selbst für Schrecken zusammenfuhr,
+weil er befürchtete, sie möchte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken.
+
+ Quiso probar a caso
+ El agua, y fueron cristalino vaso
+ Sus manos, acercólas a los labios,
+ Y entonces el arroyo lloró agravios,
+ Y como tanto, en fin, se parecía
+ A sus manos aquello que bebía,
+ Temí con sobresalto (y no fué en vano)
+ Que se bebiera parte de la mano.
+
+[3]
+ Yo, que al principio ví, ciego, y turbado,
+ A una parte nevado
+ Y en otra negro el rostro,
+ Juzgué, mirando tan divino monstruo,
+ Que la naturaleza cuidadosa
+ Desigualdad uniendo tau hermosa,
+ Quiso hacer por asombro, o por ultraje,
+ De azabache y marfil un maridaie.
+
+[4]
+ Ruido de armas en la Quinta,
+ Y dentro el Conde? Qué aguardo,
+ Que no voy a socorrerle?
+ Qué aguardo? Lindo recado:
+ Aguardo a que quiera el miedo
+ Dejarme entrar:--
+ ------
+ Cosme, que ha temido un miedo
+ Que puede valer por cuatro.
+
+[5]
+ La mujer del hortelano,
+ Que se lavaba las piernas.
+
+[6]
+ Bien podré seguramente
+ Revelarte intentos míos,
+ Como a galán, como a dueño,
+ Como a esposo, y como a amigo.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundsechzigstes Stück
+Den 1. Dezember 1767
+
+Hierauf beginnt sie eine lange Erzählung von dem Schicksale der Maria von
+Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muß alles das, ohne Zweifel,
+längst wissen), daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königin
+sehr zugetan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der
+Unschuld teilzunehmen; daß Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem
+Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Blanca die
+Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen.
+Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie
+ihres ganzen Vertrauens gewürdiget. Aber Blanca ist unversöhnlich.
+Umsonst wählte die Königin, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut
+der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu genießen.
+--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen
+lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es
+möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland
+geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen;
+und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Königin in dem Garten
+ermorden wollen. Nun weiß Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der
+er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, daß es Essex ist,
+welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die
+unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht
+bloß zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die
+glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an
+ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und
+gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin müsse sterben; ihr
+Name sei allgemein verhaßt; ihr Tod sei eine Wohltat für das Vaterland,
+und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu
+verschaffen.
+
+Essex ist über diesen Antrag äußerst betroffen. Blanca, seine teure
+Blanca, kann ihm eine solche Verräterei zumuten? Wie sehr schämt er sich
+in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr,
+wie es billig wäre, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum
+weniger bei ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Königin
+die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, seine ihm noch immer
+teure Blanca, läuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen,
+von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was für
+ein rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich
+durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken läßt. Wie leicht
+könnte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, daß sie
+sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht wäre und ihr
+zuliebe alles unternähme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit überlegt,
+faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der
+Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhängern in die Falle zu locken.
+
+Blanca wird ungeduldig, daß ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf",
+sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich
+nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig,
+Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich
+will ich dir es schriftlich geben."
+
+Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der
+Herzog aus der Galerie näher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit
+der Blanca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Essex zu
+erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu
+hören bekömmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca
+den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken
+will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen;
+Essex will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Essex hat die Gunst des
+Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Königin zu bemächtigen;
+sie ist schon so gut als tot.--"Erst müßt' ich sterben!" ruft auf einmal
+der Herzog und kömmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen über
+diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht
+ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Blanca den Herzog bei sich verborgen
+gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, daß sie von
+seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Galerie offen gefunden und
+sei von selbst hereingegangen, die Gemälde darin zu betrachten.[3]
+
+"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern
+Leben der Königin, bei--Aber genug, daß ich es sage: Blanca ist
+unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken.
+Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie
+Sie, machen Leute, wie ich--
+
+Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?--
+
+Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich
+kenne Sie nun. Ich hielt Sie für einen ganz andern Mann: und ich
+finde, Sie sind ein Verräter.
+
+Der Graf. Wer darf das sagen?
+
+Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören,
+Graf!
+
+Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein--
+
+Der Herzog. Denn kurz: ich bin überzeugt, daß ein Verräter kein Herz
+hat. Ich treffe Sie als einen Verräter: ich muß Sie für einen Mann
+ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils
+über Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen
+verlustig sind. Wären Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt,
+so würde ich Sie zu züchtigen wissen.
+
+Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand
+begegnen dürfen, als der Bruder des Königs von Frankreich.
+
+Der Herzog. Wenn ich auch der nicht wäre, der ich bin; wenn nur Sie
+der wären, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl
+empfinden, mit wem Sie zu tun hätten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn
+Sie dieser berufene Krieger sind: wie können Sie so viele große Taten
+durch eine so unwürdige Tat vernichten wollen?--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Ay tal traición! vive el Cielo,
+ Que de amarla estoy corrido.
+ Blanca, que es mi dulce dueño,
+ Blanca, a quien quiero, y estimo,
+ Me propone tal traición!
+ Que haré, porque si ofendido,
+ Respondiendo, como es justo,
+ Contra su traición me irrito,
+ No por eso ha de evitar
+ So resuelto desatino.
+ Pues darle cuenta a la Reina
+ Es imposible, pues quiso
+ Mi suerte, que tenga parte
+ Blanca en aqueste delito.
+ Pues si procuro con ruegos
+ Disuadirla, es desvarío,
+ Que es una mujer resuelta
+ Animal tan vengativo,
+ Que no se dobla a los riesgos:
+ Antes con afecto impío,
+ En el mismo rendimiento
+ Suelen aguzar los filos;
+ Y quizá desesperada
+ De mi enojo, o mi desvío,
+ Se declarará con otro
+ Menos leal, menos fino,
+ Que quizá por ella intente
+ Lo que yo hacer no he querido.
+
+[2]
+ Si estás consultando, Conde,
+ Allá dentro de tí mismo
+ Lo que has de hacer, no me quieres,
+ Ya el dudarlo fué delito.
+ Vive Dios, que eres ingrato!
+
+[3]
+ Por vida del Rey mi hermano,
+ Y por la que más estimo,
+ De la Reina mi señora,
+ Y por--pero yo lo digo,
+ Que en mí es el mayor empeño
+ De la verdad del decirlo,
+ Que no tiene Blanca parte
+ De estar yo aquí--
+ ------
+ Y estad muy agradecido
+ A Blanca, de que yo os dé,
+ No satisfacción, aviso
+ De esta verdad, porque a vos,
+ Hombres como yo--Cond. Imagino
+ Que no me conoceis bien.
+ Duq. No os había conocido
+ Hasta aquí; mas ya os conozco,
+ Pues ya tan otro os he visto
+ Que os reconozco traidor.
+ Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo
+ No pronuncieis algo, Conde,
+ Que ya no puedo sufriros.
+ Cond. Cualquier cosa que yo intente--
+ Duq. Mirad que estoy persuadido
+ Que hace la traición cobardes;
+ Y así cuando os he cogido
+ En un lance que me da
+ De que sois cobarde indicios,
+ No he de aprovecharme de esto,
+ Y así os perdona mi brío
+ Ese rato que teneis
+ El valor desminuído;
+ Que a estar todo vos entero,
+ Supiera daros castigo.
+ Cond. Yo soy el Conde de Sex
+ Y nadie se me ha atrevido
+ Sino el hermano del Rey
+ De Francia. Duq. Yo tengo brío
+ Para que sin ser quien soy,
+ Pueda mi valor invicto
+ Castigar, no digo yo
+ Sólo a vos, mas a vos mismo,
+ Siendo leal, que es lo más
+ Con que queda encarecido.
+ Y pues sois tan gran Soldado,
+ No echeis a perder, os pido
+ Tantas heroicas hazañas
+ Con un hecho tan indigno--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundsechzigstes Stück
+Den 4. Dezember 1767
+
+Der Herzog fährt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern
+Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will
+es vergessen, was er gehört habe; er ist versichert, daß Blanca mit dem
+Grafen nicht einstimmen und daß sie selbst ihm eben das würde gesagt
+haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen wäre. Er schließt
+endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so
+schändlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber
+meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, daß Sie einen Kopf haben,
+und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist
+in der äußersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich für einen Verräter
+gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen
+den Herzog zu rechtfertigen; er muß sich gedulden, bis es der Ausgang
+lehre, daß er da seiner Königin am getreuesten gewesen sei, als er es am
+wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur
+Blanca aber sagt er, daß er den Brief sogleich an ihren Oheim senden
+wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern
+verwünscht, sich aber noch damit getröstet, daß es kein Schlimmerer als
+der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse.
+
+Die Königin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was
+ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, daß ihre Leibwache alle Zugänge
+wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurückkehren. Der Kanzler
+ist der Meinung, die Meuchelmörder aufsuchen zu lassen und durch ein
+öffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche
+Belohnung zu verheißen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein.
+"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann
+leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser
+Untertan ist."[3] Aber die Königin mißbilliget diesen Rat; sie hält es
+für besser, den ganzen Vorfall zu unterdrücken und es gar nicht bekannt
+werden zu lassen, daß es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat
+erkühnen dürfen. "Man muß", sagt sie, "die Welt glauben machen, daß die
+Könige so wohl bewacht werden, daß es der Verräterei unmöglich ist, an
+sie zu kommen. Außerordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen,
+als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der
+Sünde unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes
+abschrecken."[4]
+
+Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem
+glücklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Königin
+sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke,
+weiß ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von
+keinen nähern Umständen hören, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und
+befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von
+England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Königin und Essex sind
+allein; das Gespräch wird vertraulicher; Essex hat die Schärpe um; die
+Königin bemerkt sie, und Essex würde es aus dieser bloßen Bemerkung
+schließen, daß er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca
+nicht schon geschlossen hätte. Die Königin hat den Grafen schon längst
+heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es
+kostet ihr alle Mühe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne
+Fragen, ihn auszulocken und zu hören, ob sein Herz schon eingenommen, und
+ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte
+gibt er ihr durch seine Antworten gewissermaßen zu verstehen, und zugleich,
+daß er für ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken
+sich erkühnen dürfe. Die Königin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen
+zu geben: doch siegt noch ihr Stolz über ihre Liebe. Ebensosehr hat der
+Graf mit seinem Stolze zu kämpfen: er kann sich des Gedankens nicht
+entwehren, daß ihn die Königin liebe, ob er schon die Vermessenheit
+dieses Gedankens erkennet. (Daß diese Szene größtenteils aus Reden
+bestehen müsse, die jedes seitab führet, ist leicht zu erachten.) Sie
+heißt ihn gehen und heißt ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm
+das Patent bringe. Er bringt es; sie überreicht es ihm; er bedankt sich,
+und das Seitab fängt mit neuem Feuer an.
+
+"Die Königin. Törichte Liebe!--
+
+Essex. Eitler Wahnsinn!--
+
+Die Königin. Wie blind!--
+
+Essex. Wie verwegen!--
+
+Die Königin. So tief willst du, daß ich mich herabsetze?--
+
+Essex. So hoch willst Du, daß ich mich versteige?--
+
+Die Königin. Bedenke, daß ich Königin bin!
+
+Essex. Bedenke, daß ich Untertan bin!
+
+Die Königin. Du stürzest mich bis in den Abgrund,--
+
+Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,--
+
+Die Königin. Ohne auf meine Hoheit zu achten.
+
+Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwägen.
+
+Die Königin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:--
+
+Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemächtiget:--
+
+Die Königin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge!
+
+Essex. So stirb da, und komm' nie über die Lippen!"[7]
+
+(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden
+miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hört, was der
+andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie
+nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele.
+Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier sein muß, um an solchen
+unnatürlichen Künsteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreißig
+Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere
+Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den
+spanischen Mustern zugeschnitten waren.)
+
+Nachdem die Königin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald
+wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem
+ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stücke der Spanier, wie bekannt, haben
+deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre
+allerältesten Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf
+allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von
+Komödien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzüge auf drei
+brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stücke seiner
+Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte.
+Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komödien
+zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch
+finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf
+Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der
+spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich
+dabei nicht aufhalten.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Miradlo mejor, dejad
+ Un intento tan indigno,
+ Corresponded a quien sois,
+ Y sino bastan avisos,
+ Mirad que hay Verdugo en Londres,
+ Y en vos cabeza, harto os digo.
+
+[2]
+ No he de responder al Duque
+ Hasta que el suceso mismo
+ Muestre como fueron falsos
+ De mi traición los indicios,
+ Y que soy más leal, cuando
+ Más traidor he parecido.
+
+[3]
+ Y pues son dos los culpados
+ Podrá ser, que alguno de ellos
+ Entregue al otro; que es llano,
+ Que será traidor amigo
+ Quien fué desleal vasallo.
+
+[4]
+ Y es gran materia de estado
+ Dar a entender, que los Reyes
+ Están en sí tan guardados
+ Que aunque la traición los busque,
+ Nunca ha de poder hallarlos;
+ Y así el secreto averigüe
+ Enormes delitos, cuando
+ Más que el castigo, escarmientos
+ Dé ejemplares el pecado.
+
+[5]
+ Que ya sólo con miraros
+ Sé el suceso de la guerra.
+
+[6]
+ No bastaba, amor tírano,
+ Una inclinación tan fuerte,
+ Sin que te hayas ayudado
+ Del deberle yo la vida?
+
+[7]
+ Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible--
+ Rein. Qué ciego--Cond. Qué temerario--
+ Rein. Me abates a tal bajeza--
+ Cond. Me quieres subir tan alto--
+ Rein. Advierte, que soy la Reina--
+ Cond. Advierte, que soy vasallo--
+ Rein. Pues me humillas al abismo--
+ Cond. Pues me acercas a los rayos--
+ Rein. Sin reparar mi grandeza--
+ Cond. Sin mirar mi humilde estado--
+ Rein. Ya que te miro acá dentro--
+ Cond. Ya que en mí te vas entrando--
+ Rein. Muere entre el pecho, y la voz.
+ Cond. Muere entre el alma, y los labios.
+
+[8]
+"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas"
+befindet.
+ El Capitán Virués; insigne ingenio,
+ Puso en tres actos la Comedia, que antes
+ Andaba en cuatro, como pies de niño,
+ Que eran entonces niñas las Comedias,
+ Y yo las escribí de once, y doce años,
+ De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos,
+ Porque cada acto un pliego contenia.
+
+[9] In der Vorrede zu seinen Komödien: Donde me atreví a reducir las
+Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenían.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundsechzigstes Stück
+Den 8. Dezember 1767
+
+Die Königin ist von dem Landgute zurückgekommen; und Essex gleichfalls.
+Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen
+Augenblick vermissen zu lassen. Er eröffnet mit seinem Cosme den zweiten
+Akt, der in dem königlichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des
+Grafen, sich mit Pistolen versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde;
+er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu
+werden. Er heißt den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der
+Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet
+er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist
+eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie
+haben wollen; und er würde sie ihr abschlagen müssen. Indem er sie dem
+Cosme zur Verwahrung übergibt, kömmt Blanca dazu. Cosme will sie
+geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es
+Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Königin;
+und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu
+halten und sie niemanden zu zeigen.
+
+Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, daß er
+ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er
+fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des
+Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr
+bereits sechsunddreißig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die
+Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von
+der maskierten Dame und der Schärpe zu erzählen. Doch eben besinnt er
+sich, daß es wohl eine würdigere Person sein müsse, der er sein Geheimnis
+zuerst mitteile. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte,
+ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muß von allerlei Art des
+spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.)
+
+Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von
+ihrer Neugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als
+möglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme
+vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich
+zurück, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach
+Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr
+geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu
+wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme läßt
+nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe
+weiß; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines
+Geheimnisses entlediget, ist äußerst ekel. Sein Magen will es nicht
+länger bei sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den
+Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack
+wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder
+Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwätze
+zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß
+die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden
+könnte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt
+sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste
+ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie
+ihn je eher je lieber heiraten.
+
+Die Königin tritt herein und ist äußerst niedergeschlagen. Blanca fragt,
+ob sie die übrigen Hofdamen rufen soll: aber die Königin will lieber
+allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht
+auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern kömmt der Graf.
+
+Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber
+der Königin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er
+bestraft sich deswegen; sein Herz gehört der Blanca; eigennützige
+Absichten müssen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muß
+keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder
+entfernen, als er die Königin gewahr wird: und die Königin, als sie ihn
+erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem
+fängt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein
+kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine
+verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so laß das Mitleid,
+welches sie verdienen, den Unwillen überwältigen, den du darüber
+empfindest, daß ich es bin, der sie führet." Der Königin gefällt das
+Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte
+Weise, seine Liebe zu erklären. Er sagt, er habe es glossieret[6] und
+bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser
+Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die
+Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die
+Königin lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben.
+"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht
+groß sein; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe
+macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig."
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --Yo no me acordaba
+ De decirlo, y lo callaba.
+ Y como me lo entregó,
+ Ya por decirlo reviento,
+ Que tengo tal propiedad,
+ Que en un hora, o la mitad,
+ Se me hace postema un cuento.
+
+[2]
+ Allá va Flora; mas no,
+ Será persona más grave--
+ No es bien que Flora se alabe
+ Que el cuento me desfloró.
+
+[3]
+ Ya se me viene a la boca
+ La purga.--
+ O que regüeldos tan secos
+ Me vienen! terrible aprieto.--
+ Mi estómago no lo lleva;
+ Protesto que es gran trabajo,
+ Meto los dedos.--
+ Y pues la purga he trocado,
+ Y el secreto he vomitado
+ Desde el principio hasta el fin,
+ Y sin dejar cosa alguna,
+ Tal asco me dió al decillo,
+ Voy a probar de en membrillo,
+ O a morder de una accituna.--
+
+[4]
+ Es hombre al fin, y ay! de aquella
+ Que a un hombre fiò su honor,
+ Siendo tan malo, el mejor.
+
+[5]
+ Abate, abate las alas
+ No subas tanto, busquemos
+ Más proporcionada esfera
+ A tan limitado vuelo.
+ Blanca me quiere, y a Blanca
+ Adoro yo ya en mi dueño;
+ Pues cómo de amor tan noble
+ Por una ambición me alejo?
+ No conveniencia bastarda
+ Venza un legítimo afecto.
+
+[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen.
+Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklären oder
+umschreiben diesen Text so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung
+oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heißen sie Mote oder
+Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der
+Name des Gedichts überhaupt ist. Hier läßt der Dichter den Essex das Lied
+der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in
+einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile
+schließt. Das Ganze sieht so aus:
+
+ Mote.
+
+ Si acaso mis desvaríos
+ Llegaren a tus umbrales,
+ La lástima de ser males
+ Quite el horror de ser míos.
+
+ Glosa.
+
+ Aunque el dolor me provoca
+ Decir mis quejas no puedo,
+ Que es mi osadía tan poca,
+ Que entre el respeto, y el miedo
+ Se me mueren en la boca;
+ Y así no llegan tan míos
+ Mis males a tus orejas,
+ Porque no han de ser oídos
+ Si acaso digo mis quejas,
+ Si acaso mis desvaríos.
+ El ser tan mal explicados
+ Sea su mayor indicio,
+ Que trocando en mis cuidados
+ El silencio, y vos su oficio,
+ Quedarán más ponderados:
+ Desde hoy por estas señales
+ Sean de tí conocidos,
+ Que sin duda son mis males
+ Si algunos mal repetidos
+ Llegaren a tus umbrales.
+ Mas ay Dies! que mis cuidados
+ De tu crueldad conocidos,
+ Aunque más acreditados,
+ Serán menos adquiridos.
+ Que con los otros mezclados:
+ Porque no sabiendo a cuales
+ Más tu ingratitud se deba
+ Viéndolos todos iguales
+ Fuerza es que en común te mueva
+ La lástima de ser males.
+ En mi este afecto violento
+ Tu hermoso desdén le causa;
+ Tuyo, y mío es mi tormento;
+ Tuyo, porque eres la causa;
+ Y mío, porque yo le siento:
+ Sepan, Laura, tus desvíos
+ Que mis males son tan suyos,
+ Y en mis cuerdos desvaríos
+ Esto que tienen de tuyos
+ Quite el horror de ser míos.
+
+Es müssen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese.
+Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote
+schließt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht
+alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschränken
+und diese mehr als einmal wiederholen. übrigens gehören diese Glossen
+unter die älteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan
+und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen.
+
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundsechzigstes Stück
+Den 11. Dezember 1767
+
+Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die sei, welche keine
+Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen
+selbst mache sein Glück: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie
+noch unverworfen, könne er sich noch von der süßen Vorstellung täuschen
+lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sei
+glücklich, solange er noch nicht wisse, wie unglücklich er sei.[1] Die
+Königin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran
+gelegen ist, daß Essex nicht länger darnach handle: und Essex, durch
+diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen,
+von welchem die Königin behauptet, daß es ein Liebhaber auf alle Weise
+wagen müsse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese
+Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten
+Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Cosme
+abgenommen, welches zwar die Königin, aber nicht Essex gewahr wird.[2]
+
+"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum
+will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben
+kann? Was fürchte ich noch?--Königin, wann denn also,--
+
+Blanca. Der Herzog, Ihre Majestät,--
+
+Essex. Blanca könnte nicht ungelegener kommen.
+
+Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,--
+
+Die Königin. Ah! Himmel!
+
+Blanca. Auf Erlaubnis,--
+
+Die Königin. Was erblicke ich?
+
+Blanca. Hereintreten zu dürfen.
+
+Die Königin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich
+komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das.
+
+Blanca. Ich gehorche.
+
+Die Königin. Bleib! Komm her! näher!
+
+Blanca. Was befehlen Ihro Majestät?--
+
+Die Königin. Oh, ganz gewiß!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!--
+Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu
+ihm herauskomme. Geh, laß mich!
+
+Blanca. Was ist das?--Ich gehe.
+
+Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,--
+
+Die Königin. Ha, Eifersucht!
+
+Essex. Mich zu erklären.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene
+Überredung.
+
+Die Königin. Mein Geschenk in fremden Händen! Bei Gott!--Aber ich
+muß mich schämen, daß eine Leidenschaft so viel über mich vermag!
+
+Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestät gesagt, und wie ich
+einräumen muß,--das Glück, welches man durch Furcht erkauft,--sehr
+teuer zu stehen kömmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch
+ich,--
+
+Die Königin. Warum sagen Sie das, Graf?
+
+Essex. Weil ich hoffe, daß, wann ich--Warum fürchte ich mich noch?--
+wann ich Ihre Majestät meine Leidenschaft bekannte,--daß einige
+Liebe--
+
+Die Königin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie?
+Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin?
+Und wer Sie sind? Ich muß glauben, daß Sie den Verstand verloren.--"
+
+Und so fahren Ihre Majestät fort, den armen Grafen auszufenstern, daß es
+eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel über
+alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, daß der
+Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurückbrausen
+müsse? Ob er nicht wisse, daß die Dünste, welche sich zur Sonne erhüben,
+von ihren Strahlen zerstreuet würden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein
+glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschämt zurück und bittet um Verzeihung.
+Die Königin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder
+zu betreten und sich glücklich zu schätzen, daß sie ihm den Kopf lasse,
+in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen können.[3] Er entfernt sich;
+und die Königin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie
+wenig ihr Herz mit ihren Reden übereinstimme.
+
+Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Bühne zu füllen. Blanca
+hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fuße sie mit dem Grafen
+stehe; daß er notwendig ihr Gemahl werden müsse, oder ihre Ehre sei
+verloren. Der Herzog faßt den Entschluß, den er wohl fassen muß; er will
+sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht
+er sogar, sich bei der Königin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die
+Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle.
+
+Die Königin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurück. Sie ist mit
+sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er
+scheine. Vielleicht, daß es eine andere Schärpe war, die der ihrigen nur
+so ähnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine
+Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde
+sich näher darüber erklären; er wolle sie zusammen allein lassen: und so
+läßt er sie.
+
+Die Königin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschließt sich
+Blanca, zu reden. Sie will nicht länger von dem veränderlichen Willen
+eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht länger
+anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die
+Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Königin. Denn
+da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen müsse: so suche sie in
+ihr nicht die Königin, sondern nur die Frau.[4]
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --El más verdadero amor
+ Es el que en sí mismo quieto
+ Descansa, sin atender
+ A más paga, o más intento:
+ La correspondencia es paga,
+ Y tener por blanco el precio
+ Es querer per granjeria.--
+ ------
+ Dentro está del silencio, y del respeto
+ Mi amor, y así mi dicha está segura,
+ Presumiendo tal vez (dulce locura!)
+ Que es admitido del mayor suieto.
+ Dejándome engañar de este concepto,
+ Dura mi bien, porque mi engaño dura;
+ Necia será la lengua, si aventura
+ Un bien que está seguro en el secreto.--
+ Que es feliz quien no siendo venturoso
+ Nunca llega á saber, que es desdichado.
+
+ [2]
+ Por no morir de mal, cuando
+ Puedo morir de remedio,
+ Digo pues, ea, osadía,
+ Ella me alentó, qué temo?--
+ Que será bien que a tu Alteza--
+ (Sale Blanca con la banda puesta.)
+ Bl. Señora, el duque--Cond. A mal tiempo
+ Viene Blanca. Bl. Está aguardando
+ En la antecámara--Rein. Ay, cielo!
+ Bl. Para entrar--Rein. Qué es lo que miro!
+ Bl. Licencia. Rein. Decid;--qué veo!--
+ Decid que espere;--estoy loca!
+ Decid, andad. Bl. Ya obedezco.
+ Rein. Venid acá, volved. Bl. Qué manda
+ Vuestra Alteza? Rein. Ei daño es cierto.
+ Decidle--no hay que dudar--
+ Entretenedle un momento--
+ Ay de mí!--miéntras yo salgo--
+ Y dejadme. Bl. Qué es aquesto?
+ Y voy. Cond. Ya Blanca se fué,
+ Quiero pues volver--Rein. Ha celos!
+ Cond. A declararme atrevido,
+ Pues si me atrevo, me atrevo
+ En fé de sus pretensiones.
+ Rein. Mi prenda en poder ajeno?
+ Vive Dios, pero es vergüenza
+ Que pueda tanto un afecto
+ En mí. Cond. Según lo que dijo
+ Vuestra Alteza aquí, y supuesto,
+ Que cuesta cara la dicha,
+ Que se compra con el miedo,
+ Quiero morir noblemente.
+ Rein. Porqué lo decís? Cond. Qué espero
+ Si á vuestra Alteza (que dudo!)
+ Le declarase mi afecto,
+ Algun amor--Rein. Que decís?
+ A mí? cómo, loco, necio,
+ Conoceisme? Quien soy yo?
+ Decid, quién soy? que sospecho,
+ Que se os huyó la memoria.--
+
+ [3]
+ --No me veais,
+ Y agradeced el que os dejo
+ Cabeza, en que se engendraron
+ Tan livianos pensamientos.
+
+ [4]
+ --Ya estoy resuelta;
+ No a la voluntad mudable
+ De un hombre esté yo sujeta,
+ Que aunque no sé que me olvide,
+ Es necedad, que yo quiera
+ Dejar á su cortesía
+ Lo que puede hacer la fuerza.
+ Gran Isabela, escuchadme,
+ Y al escucharme tu Alteza,
+ Ponga aun más que la atención,
+ La piedad con las orejas.
+ Isabela os he llamado
+ En esta ocasión, no Reina,
+ Que cuando vengo a deciros
+ Del honor una flaqueza
+ Que he hecho como mujer,
+ Porque mejor os parezca,
+ No Reina, mujer os busco.
+ Sólo mujer os quisiera.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundsechzigstes Stück
+Den 15. Dezember 1767
+
+Du? mir eine Schwachheit? fragt die Königin.
+
+"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Tränen,
+sind vermögend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer
+kömmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf--
+
+Die Königin. Der Graf? Was für ein Graf?--
+
+Blanca. Von Essex.
+
+Die Königin. Was höre ich?
+
+Blanca. Seine verführerische Zärtlichkeit--
+
+Die Königin. Der Graf von Essex?
+
+Blanca. Er selbst, Königin.--
+
+Die Königin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter!
+
+Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--"
+
+Die Königin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als
+Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hören wünscht.
+Sie höret, wo und wie der Graf glücklich gewesen;[1] und als sie
+endlich auch höret, daß er ihr die Ehe versprochen, und daß Blanca auf
+die Erfüllung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange
+zurückgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhöhnet das leichtgläubige
+Mädchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an
+den Grafen weiter zu denken. Blanca errät ohne Mühe, daß dieser Eifer
+der Königin Eifersucht sein müsse: und gibt es ihr zu verstehen.
+
+"Die Königin. Eifersucht?--Nein; bloß deine Aufführung entrüstet mich.
+--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn
+liebte, und eine andere wäre so vermessen, so töricht, ihn neben mir
+zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage
+ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu
+lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest,
+wie sehr mich eine bloß vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht
+aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun würde. Itzt
+stelle ich mich nur eifersüchtig. Hüte dich, mich es wirklich zu
+machen!"[2]
+
+Mit dieser Drohung geht die Königin ab und läßt die Blanca in der
+äußersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, über
+die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Königin hat ihr Vater
+und Bruder und Vermögen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen
+nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch
+erst warten, bis sie ein anderer für sie vollzieht? Sie will sie selbst
+bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Königin muß
+sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr
+an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Königin mit dem Kanzler
+wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefaßt zu machen.
+
+Der Kanzler hält verschiedne Briefschaften, die ihm die Königin nur auf
+einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch
+durchsehen. Der Kanzler erhebt die außerordentliche Wachsamkeit, mit der
+sie ihren Reichsgeschäften obliege; die Königin erkennt es für ihre
+Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu
+den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und
+anständigern Sorgen überlassen. Aber das erste Papier, was sie in die
+Hände nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muß
+es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkömmt!"
+Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen
+Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine
+Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur
+Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem
+Bruder des Todes Linderung suchen: und so fällt sie in Schlaf.
+
+Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die
+sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses
+Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Königin allein
+und entschlafen: was für einen bequemem Augenblick könnte sie sich
+wünschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem
+Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel errät man, was nun geschieht. Er
+kömmt also, sie hier zu suchen; und kömmt eben noch zurecht, der Blanca
+in den mörderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die
+Königin schon gespannt hat, zu entreißen. Indem er aber mit ihr ringt,
+geht der Schuß los: die Königin erwacht, und alles kömmt aus dem Schlosse
+herzugelaufen.
+
+"Die Königin (im Erwachen). Ha! Was ist das?
+
+Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das für ein Knall in dem Zimmer
+der Königin? Was geschieht hier?
+
+Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall!
+
+Die Königin. Was ist das, Graf?
+
+Essex. Was soll ich tun?
+
+Die Königin. Blanca, was ist das?
+
+Blanca. Mein Tod ist gewiß!
+
+Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich!
+
+Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verräter?
+
+Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschließen? Schweige ich: so
+fällt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich
+der nichtswürdige Verkläger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner
+teuersten Blanca.
+
+Die Königin. Sind Sie der Verräter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer
+von euch war mein Retter? wer mein Mörder? Mich dünkt, ich hörte im
+Schlafe euch beide rufen: Verräterin! Verräter! Und doch kann nur
+eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben
+suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig,
+Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich
+will in dieser Ungewißheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht
+wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht dürfte es mich
+ebensosehr schmerzen, meinen Beschützer zu erfahren, als meinen Feind.
+Ich will der Blanca gern ihre Verräterei vergeben, ich will sie ihr
+verdanken: wenn dafür der Graf nur unschuldig war."[3]
+
+Aber der Kanzler sagt: wenn es die Königin schon hierbei wolle bewenden
+lassen, so dürfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu groß; sein Amt
+erfodere, es zu ergründen; besonders da aller Anschein sich wider den
+Grafen erkläre.
+
+"Die Königin. Der Kanzler hat recht; man muß es untersuchen.--Graf,--
+
+Essex. Königin!--
+
+Die Königin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr
+fürchtet meine Liebe, sie zu hören! War es Blanca?
+
+Essex. Ich Unglücklicher!
+
+Die Königin. War es Blanca, die meinen Tod wollte?
+
+Essex. Nein, Königin; Blanca war es nicht.
+
+Die Königin. Sie waren es also?
+
+Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiß nicht.
+
+Die Königin. Sie wissen es nicht?--Und wie kömmt dieses mörderische
+Werkzeug in Ihre Hand?--"
+
+Der Graf schweigt, und die Königin befiehlt, ihn nach dem Tower zu
+bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer
+bewacht werden. Sie werden abgeführt, und der zweite Aufzug schließt.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ bl. le llamé una noche obscura--
+ rein. y vino a verte? bl. pluguiera
+ a dios, que no fuera tanta
+ mi desdicha, y su fineza.
+ vino más galán que nunca,
+ y yo que dos veces ciega,
+ por mi mal, estaba entónces
+ del amor, y las tinieblas--
+
+[2]
+ rein. este es celo, blanca. bl. celos,
+ añadiéndole una letra.
+ rein. qué decis? bl. señora, que
+ si acaso posible fuera,
+ a no ser vos la que dice
+ esas palabras, dijera,
+ que eran celos. rein. qué son celos?
+ no son celos, es ofensa
+ que me estais haciendo vos.
+ supongamos, que quisiera
+ al conde en esta ocasión;
+ pues si yo al conde quisiera
+ y alguna atrevida, loca
+ presumida, descompuesta
+ le quisiera, qué es querer?
+ que le mirara, o le viera;
+ qué es verle? no sé que diga.
+ no hay cosa que ménos sea--
+ no la quitara la vida?
+ la sangre no le bebiera?--
+ los celos, aunque fingidos,
+ me arrebataron la lengua,
+ y dispararon mi enojo--
+ mirad que no me deis celos,
+ que si fingidos se altera
+ tanto mi enojo, ved vos,
+ si fuera verdad, qué hiciera--
+ escarmentad en las burlas,
+ no me deis celos de veras.
+
+ conde, vos traidor? vos, blanca?
+ el juicio está indiferente,
+ cual me libra, cual me mata.
+ conde, bianca, respondedme!
+ tu á la reina? tu á la reina?
+ oid, aunque confusamente:
+ ha, traidora, dijo el conde.
+ blanca, dijo: traidor eres.
+ estas razones de entrambos
+ a entrambas cosas convienen:
+ uno de los dos me libra,
+ otro de los me ofende.
+ conde, cuál me daba vida?
+ blanca, cuál me daba muerte?
+ decidme!--no lo digais,
+ que neutral mi valor quiere,
+ per no saber el traidor,
+ no saber el inocente.
+ mejor es quedar confusa,
+ en duda mi juicio quede,
+ porque cuando mire a alguno,
+ y de la traición me acuerde,
+ a pensar, que es el traidor,
+ que es el leal también piense.
+ yo le agradeciera á blanca,
+ que ella la traidora fuese,
+ solo á trueque de que el conde
+ fuera él, que estaba inocente.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundsechzigstes Stück
+Den 18. Dezember 1767
+
+Der dritte Aufzug fängt sich mit einer langen Monologe der Königin an,
+die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu
+finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren
+Mörder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu dürfen. Besonders
+geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit;
+sie denkt über diesen Punkt überhaupt lange so zärtlich und sittsam
+nicht, als wir es wohl wünschen möchten, und als sie auf unsern Theatern
+denken müßte.[1]
+
+Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude über die
+glückliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen
+Beweis, der sich wider den Essex äußert, vorzulegen. Auf der Pistole, die
+man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehört ihm; und wem
+sie gehört, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen.
+
+Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was
+nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewußten Briefe
+nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise
+sieht einer Flucht sehr ähnlich, und solche Flucht läßt vermuten, daß er
+an dem Verbrechen seines Herrn Anteil könne gehabt haben. Er wird also
+vor den Kanzler gebracht, und die Königin befiehlt, ihn in ihrer
+Gegenwart zu verhören. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann
+man leicht erraten. Er weiß von nichts; und als er sagen soll, wo er
+hingewollt, läßt er sich um die Wahrheit nicht lange nötigen. Er zeigt
+den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu
+überbringen befohlen: und man weiß, was dieser Brief enthält. Er wird
+gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hört, wohin es damit
+abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er über den Schluß desselben,
+worin der Überbringer ein Vertrauter heißt, durch den Roberto seine
+Antwort sicher bestellen könne. "Was höre ich?" ruft Cosme. "Ich ein
+Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin
+niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe
+ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich möchte doch wissen, was
+mein Herr an mir gefunden hätte, um mich dafür zu nehmen. Ich, ein
+Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiß zum
+Exempel, daß Blanca und mein Herr einander lieben, und daß sie heimlich
+miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdrücken
+wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie hübsch sehen, meine
+Herren, was für ein Vertrauter ich bin. Schade, daß es nicht etwas viel
+Wichtigeres ist: ich würde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht
+schmerzt die Königin nicht weniger, als die Überzeugung, zu der sie durch
+den unglücklichen Brief von der Verräterei des Grafen gelangt. Der Herzog
+glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu müssen und der Königin
+nicht länger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufälligerweise
+angehört habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verräters, und
+sobald die Königin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestät,
+als gekränkte Liebe, des Grafen Tod zu beschließen.
+
+Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefängnis. Der Kanzler kömmt
+und eröffnet dem Grafen, daß ihn das Parlament für schuldig erkannt und
+zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen
+werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld.
+
+"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so
+viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht
+geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhändiger Name?
+
+Essex. Allerdings ist er es.
+
+Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca,
+nicht ausdrücklich den Tod der Königin beschließen hören?
+
+Essex. Was er gehört hat, hat er freilich gehört.
+
+Der Kanzler. Sahe die Königin, als sie erwachte, nicht die Pistole in
+Ihrer Hand? Gehört die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht
+Ihnen?
+
+Essex. Ich kann es nicht leugnen.
+
+Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig.
+
+Essex. Das leugne ich.
+
+Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, daß Sie den Brief an den
+Roberto schrieben?
+
+Essex. Ich weiß nicht.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, daß der Herzog den verräterischen
+Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen mußte?
+
+Essex. Weil es der Himmel so wollte.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, daß sich das mörderische Werkzeug in
+Ihren Händen fand?
+
+Essex. Weil ich viel Unglück habe.
+
+Der Kanzler. Wenn alles das Unglück, und nicht Schuld ist: wahrlich,
+Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie
+werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen müssen.
+
+Essex. Schlimm genug."[3]
+
+"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa
+mit hängen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr
+hinlänglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu
+verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der
+Kanzler bedauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse;
+weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich,
+geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er
+vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge haben
+möchte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf
+wünschte bloß deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu
+ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich tun
+dürfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein
+Leben für sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf
+der Zunge führen, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er
+sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er
+setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er
+ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca
+einzuhändigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ No pudo ser que mintiera
+ Blanca en lo que me contó
+ De gozarla el Conde? No,
+ Que Blanca no lo fingiera:
+ No pudo haberla gozado,
+ Sin estar enamorado,
+ Y cuando tierno y rendido,
+ Entónces la haya querido,
+ No puede haberla olvidado?
+ No le vieron mis antoios
+ Entre acogimientos sabios,
+ Muy callando con los labios,
+ Muy bachiller con los ojos,
+ Cuando al decir sus enojos
+ Yo su despecho reñí?
+
+ [2]
+ Qué escucho? Señores míos,
+ Dos mil demonios me lleven,
+ Si yo confidente soy,
+ Si lo he sido, o si lo fuere,
+ Ni tengo intención de serlo.
+ --Tengo yo
+ Cara de ser confidente?
+ Yo no sé que ha visto en mi
+ Mi amo para tenerme
+ En esta opinion; y á fe,
+ Que me holgara de que fuese
+ Cosa de más importancia
+ Un secretillo muy leve,
+ Que rabio ya per decirlo,
+ Que es que el Conde a Blanca quiere,
+ Que están casados los dos
+ En secreto--
+
+ [3]
+ Con. Sólo el descargo que tengo
+ Es el estar inocente.
+ Senescal. Aunque yo quiera creerlo
+ No me dejan los indicios,
+ Y advertid, que ya no es tiempo
+ De dilación, que mañana
+ Habeis de morir. Con. Yo muero
+ Inocente. Sen. Pues decid:
+ No escribísteis a Roberto
+ Esta carta? Aquesta firma
+ No es la vuestra? Con. No lo niego.
+ Sen. El gran duque de Alanzón
+ No os oyó en el aposento
+ De Blanca trazar la muerte
+ De la Reina? Con. Aqueso es cierto.
+ Sen. Cuando despertó la Reina
+ No os halló, Conde, a vos mesmo
+ Con la pistola en la mano?
+ Y la pistola que vemos
+ Vuestro nombre allí gravado
+ No es vuestro? Con. Os lo concedo.
+ Sen. Luego vos estais culpado.
+ Con. Eso solamente niego.
+ Sen. Pues como escribísteis, Conde,
+ La carta al traidor Roberto?
+ Con. No lo sè. Sen. Pues cómo el Duque,
+ Que escuchó vuestros intentos,
+ Os convence en la traición?
+ Con. Porque así lo quiso el cielo.
+ Sen. Cómo hallado en vuestra mano
+ Os culpa el vil instrumento?
+ Con. Porque tengo poca dicha.--
+ Sen. Pues sabed, que si es desdicha
+ Y no culpa, en tanto aprieto
+ Os pone vuestra fortuna,
+ Conde amigo, que supuesto
+ Que no dais otro descargo,
+ En fe de indicios tan ciertos,
+ Mañana vuestra cabeza
+ Ha de pagar--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundsechzigstes Stück
+Den 22. Dezember 1767
+
+Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist
+ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem
+ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf
+dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das
+Gefängnis hereintritt. Es ist die Königin. "Der Graf", sagt sie vor sich
+im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür
+verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um
+Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genüge
+geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie
+näher kommt, wird sie gewahr, daß der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt
+sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der
+feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!"
+--Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen
+auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", fährt die Königin fort, "sondern die
+Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, und lassen Sie uns kostbare
+Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner?
+Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich höre, daß Sie morgen sterben
+sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben für Leben
+zu geben. Ich habe den Schlüssel des Gefängnisses zu bekommen gewußt.
+Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die
+Pforte in den Park öffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben,
+das mir so teuer ist."--
+
+"Essex. Teuer? Ihnen, Madame?
+
+Die Königin. Würde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage?
+
+Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet
+einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich
+scheine glücklich, weil die mich zu befreien kömmt, die meinen Tod
+will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will,
+die meine Freiheit mir anbietet."[2]--
+
+Die Königin verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er
+verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er
+bittet, sie mit einer andern zu vertauschen.
+
+"Die Königin. Und mit welcher?
+
+Essex. Mit der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen
+steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königin sehen zu
+lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie
+an das zu erinnern, was ich für Sie getan habe. Bei dem Leben, das
+ich Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu
+erzeigen.
+
+Die Königin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich
+sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur.
+
+Essex. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame.
+
+Die Königin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber
+nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich
+itzt für Sie tun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen.
+Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3]
+
+Essex (indem er den Schlüssel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit
+Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte
+der Königin, oder dem Ihrigen zu lesen.
+
+Die Königin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur das,
+welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun
+erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Königin. Jenes, mit
+welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr.
+
+Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des
+königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der
+es erblickt; und auch mir müßte diese Wohltat des Gesetzes zustatten
+kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht
+nehmen. Ich will es wagen, meine Königin an die Dienste zu erinnern,
+die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4]
+
+Die Königin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr
+Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste.
+
+Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin zu
+versprechen?
+
+Die Königin. Nichts.
+
+Essex. Wenn die Königin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der
+ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir
+verfahren?
+
+Die Königin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat
+Ihnen den Weg geöffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen.
+
+Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr
+Leben schuldig ist?
+
+Die Königin. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin.
+Aber gesetzt, ich wäre es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als
+ich von Ihnen empfangen habe?
+
+Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel
+gegeben?
+
+Die Königin. Dadurch allerdings.
+
+Essex. Der Weg, den mir dieser Schlüssel eröffnen kann, ist weniger
+der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll,
+muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt
+die Königin, mich mit diesem Schlüssel für die Reiche, die ich ihr
+erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das
+ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das
+abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anständigem Mittel zu danken
+haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht).
+
+Die Königin. Wo gehen Sie hin?
+
+Essex. Nichtwürdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung!
+Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in
+ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eröffnet das
+Fenster und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal.) Durch
+die Flucht wäre mein Leben viel zu teuer erkauft.[6]
+
+Die Königin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr übel getan.
+
+Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich
+eine undankbare Königin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf
+nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses
+unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf
+meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken
+derselben ihren Undank zu verewigen.
+
+Die Königin. Ich muß das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr
+konnte ich, ohne Nachteil meiner Würde, für Sie nicht tun.
+
+Essex. So muß ich denn sterben?
+
+Die Königin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Königin muß
+dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen müssen Sie sterben; und es ist
+schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir
+das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Könige, daß sie
+viel weniger nach ihren Empfindungen handeln können, als andere.
+--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--"
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ el conde me dió la vida
+ y así obligada me veo;
+ el conde me daba muerte,
+ y así ofendida me quejo.
+ pues ya que con la sentencia
+ esta parte he satisfecho,
+ pues complí con la justicia,
+ con el amor cumplir quiero.--
+
+[2]
+ ingeniosa mi fortuna
+ halló en la dicha más nuevo
+ modo de hacerme infeliz,
+ pues cuando dichoso veo,
+ que me libra quien me mata,
+ tambien desdichado advierto,
+ que me mata quien me libra.
+
+[3]
+ pues si esto ha de ser, primero
+ tomad, conde, aquesta llave,
+ que si ha de ser instrumento
+ de vuestra vida, quizá
+ tan otra, quitando el velo,
+ seré, que no pueda entónces
+ hacer lo que ahora puedo,
+ y como á daros la vida
+ me empeñé por lo que os debo,
+ por si no puedo después,
+ de esta suerte me prevengo.
+
+[4]
+ moriré yo consolado.
+ aunque si por privilegio
+ en viendo la cara al rey
+ queda perdonado el reo;
+ yo de este indulto, señora
+ vida por ley me prometo:
+ esto es en común, que es
+ lo que a todos da el derecho;
+ pero si en particular
+ merecer el perdón quiero,
+ oíd, vereis que me ayuda
+ mayor indulto en mis hechos.
+ mis hazañas--
+
+[5]
+ luego esta, que así camino
+ abrirá a mi vida, abriendo,
+ también lo abrirá a mi infamia;
+ luego esta, que instrumento
+ de mi libertad, también
+ lo habrá de ser de mi miedo.
+ esta, que sólo me sirve
+ de huir, es el desempeño
+ de reinos, que os he ganado,
+ de servicios, que os he hecho.
+ y en fin, de esa vida, de esa,
+ que teneis hoy por mi esfuerzo?
+ en esta se cifra tanto?--
+
+[6]
+ vil instrumento
+ de mi vida, y de mi infamia,
+ por esta reja cayendo
+ del parque, que bate el río,
+ entre sus crístales quiero,
+ si sois mi esperanza, hundiros;
+ caed al húmido centro,
+ donde el tamásis sepulte
+ mi esperanza, y mi remedio.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundsechzigstes Stück
+Den 25. Dezember 1767
+
+Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der
+Stille: und beide, der Graf und die Königin, gehen ab; jedes von einer
+besondern Seite. Im Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Essex Cosmen
+den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick
+darauf kömmt dieser damit herein und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode
+führe; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es
+versprochen, übergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine
+Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung?
+die käme ein wenig zu spät. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er
+doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch
+wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm
+ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht
+gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. "Wäre ich nicht", sagt er,
+"bei einem Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hol' der Geier die
+Vertrautschaft! Nein, das muß mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme
+beschließt den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn
+der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige
+und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können;
+er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden
+könne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der
+Königin zu bringen.
+
+Eben kömmt die Königin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler
+nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Königin erteilt dem
+Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich
+und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon
+erfahren, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und
+Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und,
+nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die
+Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu
+zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und
+ihnen einzuschärfen, daß ihre Königin ebenso strenge zu sein wisse, als
+sie gnädig sein zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter
+sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2]
+
+Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königin an.
+"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode
+der Blanca einzuhändigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht
+warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestät wissen müssen, und
+die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen können: so bringe ich ihn
+Ihro Majestät, und nicht der Blanca." Die Königin nimmt den Brief und
+lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir
+nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung
+schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verräter
+gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der
+bewußten Sache behilflich zu sein, bloß um der Königin desto nachdrück-
+licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu
+locken. Urteile, wie groß meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher
+selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung:
+stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich
+nun nicht mehr; und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich
+so sehr liebte, daß er den Tod des Verräters für dich sterben wollte. "[3]--
+
+"Mensch!" ruft die bestürzte Königin, "was hast du mir da gebracht?"
+"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen
+Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn
+augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er
+gebracht: sein Leichnam nämlich. So groß die Freude war, welche die
+Königin auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so
+groß sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie
+verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und
+Blanca mag zittern!--
+
+So schließt sich dieses Stück, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu
+lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den
+dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges,
+welches man uns übersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet hätte.
+Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch
+geschrieben; aber kein spanisches Stück. ein bloßer Versuch in der
+korrekten Manier der Franzosen, regelmäßig, aber frostig. Ich bekenne sehr
+gern, daß ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich
+wohl ehedem muß gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stück des nämlichen
+Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation,
+welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben:
+so mögen sie mir es nicht übelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem
+alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen.
+
+Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex".
+In allen einerlei Fehler, und einerlei Schönheiten: mehr oder weniger;
+das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den
+Schönheiten dürfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr
+sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue
+Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl
+angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde
+und Stärke im Ausdrucke.--
+
+Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten
+sind; ich leugne nicht, daß sie zum Teil sehr leicht bis in das
+Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche können getrieben werden, daß
+sie bei den Spaniern von dieser Übertreibung selten frei sind. Aber man
+nehme den meisten französischen Stücken ihre mechanische Regelmäßigkeit:
+und sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig
+bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und
+Theaterstreiche und Situationen?
+
+Anständigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre
+Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre
+Theaterstreiche anständiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen
+anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit!
+
+Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der
+pöbelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des
+Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so berüchtiget
+ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloß mit
+der Anständigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anständigkeit ich
+meine;--wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht
+beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der
+Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die
+man den größern Teil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern
+gäbe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so würde mir die unsinnigste
+Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf
+Weiß, willkommner sein, als die kalte Einförmigkeit, durch die mich der
+gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten
+mehr heißen, unfehlbar einschläfert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier
+in Betrachtung.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Hasta que el tronco cadáver
+ Le sirva de muda lengua.
+
+[2]
+ Y así al salón de palacio
+ Hareis que llamados vengan
+ Los Grandes y los Milordes,
+ Y para que allí le vean,
+ Debajo de una cortina
+ Hareis poner la cabeza
+ Con el sangriento cuchillo,
+ Que amenaza junto a ella,
+ Por símbolo de justicia,
+ Costumbre de Inglaterra:
+ Y en estando todos juntos,
+ Monstrándome justiciera,
+ Exhortándolos primero
+ Con amor a la obediencia,
+ Les mostraré luego al Conde,
+ Para que todos atiendan,
+ Que en mi hay rigor que los rinda,
+ Si hay piedad que los atreva.
+
+[3]
+ Blanca, en el último trance,
+ Porque hablarte no me dejan,
+ He de escribirte un consejo,
+ Y también una advertencia;
+ La advertencia es, que yo nunca
+ Fuí traidor, que la promesa
+ De ayudar en lo que sabes,
+ Fué por servir a la Reina,
+ Cogiendo a Roberto en Londres,
+ Y a los que seguirle intentan;
+ Para aquesto fué la carta:
+ Esto he querido que sepas,
+ Porque adviertas el prodigio
+ De mi amor, que así se deja
+ Morir, por guardar tu vida.
+ Esta ha sido la advertencia:
+ (Valgame dios!) el consejo
+ Es, que desistas la empresa
+ A que Roberto te incita.
+ Mira que sin mí te quedas
+ Y no ha de haber cada día
+ Quien, por mucho que te quiera,
+ Por conservarte la vida
+ Por traidor la suya pierda.--
+
+[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stück, S. 117.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundsechzigstes Stück
+Den 29. Dezember 1767
+
+Lope de Vega, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters
+betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einführte. Das
+Volk war bereits so daran gewöhnt, daß er ihn wider Willen mit anstimmen
+mußte. In seinem Lehrgedichte über "die Kunst, neue Komödien zu machen",
+dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darüber. Da er sahe, daß
+es nicht möglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten für seine
+Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit
+wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er
+dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so
+müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sei besser, auch nur nach
+diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar
+keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können
+doch noch immer Regeln beobachten und müssen dergleichen beobachten,
+wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgeschmacke
+hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des
+Ernsthaften und Lächerlichen die erste.
+
+"Auch Könige", sagt er, "könnet ihr in euern Komödien auftreten lassen.
+Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht
+gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, daß es wider die Regeln laufe,
+oder weil er es der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den
+Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses wieder zur
+ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Götter einführte; wie
+unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiß gar
+wohl, daß Plutarch, wenn er von Menandern redet, die älteste Komödie
+nicht sehr lobt. Es fällt mir also freilich schwer, unsere Mode zu
+billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst
+entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber schweigen. Es ist
+wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz
+zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus
+der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will
+nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft und halb
+lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der
+sie einen Teil ihrer Schönheit entlehnet."[1]
+
+Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Ist es
+wahr, daß uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und
+Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen,
+zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope
+mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloß die Fehler seiner
+Bühne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser
+Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung
+der Natur ist.
+
+"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare
+--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Könige
+bis zum Bettler, und von Julius Cäsar bis zu Jack Fa1staff am besten
+gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch
+gesehen hat--daß seine Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften
+unregelmäßigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; daß Komisches und
+Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft
+ebendieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Natur Tränen in
+die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen
+seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht
+zu lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer
+wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben möchte.--Man
+tadelt das und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darin natürliche
+Abbildungen des menschlichen Lebens sind."
+
+"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen dürfen) der
+Lebenslauf der großen Staatskörper selbst, insofern wir sie als
+ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und
+Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, daß
+man beinahe auf die Gedanken kommen möchte, die Erfinder dieser Letztern
+wären klüger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und hätten, wofern sie
+nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben lächerlich
+zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die
+Griechen sich angelegen sein ließen, sie zu verschönern. Um itzt nichts
+von der zufälligen Ähnlichkeit zu sagen, daß in diesen Stücken, sowie im
+Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten
+Akteurs gespielt werden,--was kann ähnlicher sein, als es beide Arten der
+Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
+Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen?
+Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
+sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
+überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
+vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
+ohne daß sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder
+verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall überlassen? Wie oft
+sehen wir die größesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen
+hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
+leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit lächerlicher Gravität
+behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so kläglich verworren und
+durcheinander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit der Entwicklung
+zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch irgendeinen unter
+Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch
+einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgelöset,
+aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, daß auf
+die eine oder die andere Art das Stück ein Ende hat und die Zuschauer
+klatschen oder zischen können, wie sie wollen oder--dürfen. Übrigens weiß
+man, was für eine wichtige Person in den komischen Tragödien, wovon wir
+reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
+Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
+des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, daß er
+seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel große
+Aufzüge auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten
+mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig ärger ist, durch Hanswurst
+--aufführen gesehen? Wie oft haben die größesten Männer, dazu geboren, die
+schützenden Genii eines Throns, die Wohltäter ganzer Völker und Zeitalter
+zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen
+schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen
+müssen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
+doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
+beiden Arten der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich daher,
+daß Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stückchen von
+seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen können, ihr
+Spiel verderbt?"--
+
+Wenn in dieser Vergleichung des großen und kleinen, des ursprünglichen
+und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnügen aus
+einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten
+unsers Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publikum noch viel zu
+früh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England würde es das
+äußerste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf
+aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere
+Großen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus
+einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß
+schärfer und ihr Magen stärker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt
+haben, so kommen sie auch wohl einmal über den "Agathon"[2]. Dieses ist
+das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem
+schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich
+es bewundere: da ich mit der äußersten Befremdung wahrnehme, welches
+tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darüber beobachten, oder in
+welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der
+erste und einzige Roman für den denkenden Kopf, von klassischem
+Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht,
+daß es einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die es darüber
+verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.)
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ Eligese el sujeto, y no se mire,
+ (Perdonen los preceptos) si es de Reyes,
+ Aunque por esto entiendo, que el prudente,
+ Filipo Rey de España, y Señor nuestro,
+ En viendo un Rey en ellos se enfadaba,
+ O fuese el ver, que al arte contradice,
+ O que la autoridad real no debe
+ Andar fingida entre la humilde plebe,
+ Esto es volver a la Comedia antigua,
+ Donde vemos que Plauto puso Dioses,
+ Como en su Anfitrión lo muestra Júpiter.
+ Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo,
+ Porque Plutarco hablando de Menandro,
+ No siente bien de la Comedia antigua,
+ Mas pues del arte vamos tan remotos,
+ Y en España le hacemos mil agravios,
+ Cierren los Doctos esta vez los labios.
+ Lo Trágico, y lo Cómico mezclado,
+ Y Terencio con Séneca, aunque sea,
+ Como otro Minotauro de Pasife,
+ Harán grave una parte, otra ridícula,
+ Que aquesta variedad deleita mucho,
+ Buen ejemplo nos da naturaleza,
+ Que por tal variedad tiene belleza.
+
+[2] Zweiter Teil (S. 192).
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebzigstes Stück
+Den 1. Januar 1768
+
+Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr
+vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch-
+tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal
+auf irgendeinem Titel genannt gefunden), für die geflissentlichste
+Ausführung des Gedankens beim Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie
+auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie würde zeigen, daß eben das
+Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit
+der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes
+dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen-
+verstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte
+folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es
+doch bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhören;
+wenigstens keine höhere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern
+des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er
+will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, daß er nicht natürlich
+scheinen könnte; bloß und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich
+zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmaß und Verhältnis, zu viel von dem zeiget,
+was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem
+Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste.
+
+Als Kritikus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so
+sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine
+Mißgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die
+ersten Versuche der unter ungeschlachteten Völkern wieder auflebenden
+Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluß gewisser
+äußerlichen Ursachen oder das Ohngefähr den meisten, Vernunft und
+Überlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte.
+Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspiels (da das
+Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso
+getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie
+zu verschönern".
+
+Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung und der Natur, als
+dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen
+unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche
+man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißfalle,
+gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es gibt
+andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine
+Natur, die schöner sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur.
+Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene
+finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also
+müßte notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Mühe haben
+würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden.
+
+Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie
+auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider
+die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese,
+so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner sein will als
+die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten
+Anstoß von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen
+Widerspruch erklären?
+
+Wir würden notwendig zurückkommen und das, was wir von beiden Gattungen
+erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne
+uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen
+Haupt-und Staatsaktion, über deren Güte wir streiten, mit dem menschlichen
+Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig!
+
+Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gründlich genug
+sind, doch gründlichere veranlassen können.--Der Hauptgedanke ist dieser:
+Es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gotischer
+Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Hälfte
+getreu nach und vernachlässiget die andere Hälfte gänzlich; sie ahmet die
+Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer
+Empfindungen und Seelenkräfte dabei zu achten.
+
+In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles
+wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach
+dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen
+unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil
+nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu
+geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit
+nach Gutdünken lenken zu können.
+
+Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe
+würde es für uns gar kein Leben geben; wir würden vor allzu verschiedenen
+Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des
+gegenwärtigen Eindruckes sein; wir würden träumen, ohne zu wissen, was
+wir träumten.
+
+Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser
+Absonderung zu überheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu
+erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer
+Verbindung verschiedener Gegenstände, es sei der Zeit oder dem Raume
+nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen,
+sondert sie wirklich ab und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese
+Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur
+immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet.
+
+Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und
+eine andere von nichtigem Belange läuft quer ein: so suchen wir der
+Zerstreuung, die diese uns drohet, möglichst auszuweichen. Wir
+abstrahieren von ihr; und es muß uns notwendig ekeln, in der Kunst das
+wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten.
+
+Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen
+des Interesse annimmt, und eine nicht bloß auf die andere folgt, sondern
+so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die
+Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns
+die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur alsdenn
+verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser
+Unmöglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.--
+
+Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.--
+
+Den fünfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die
+Brüder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt.
+
+Das erstere Stück kann für ein deutsches Original gelten, ob es schon
+größtenteils aus den "Brüdern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt,
+daß auch Molière aus dieser Quelle geschöpft habe; und zwar seine
+"Männerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen über dieses
+Vorgeben: und ich führe Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern
+an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon
+nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er hätte sagen
+sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses
+Sprüchelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wüßte
+keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen könnte,
+ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von
+Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen,
+weniger behilflich sein könnte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer
+Schriftsteller, dünkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach
+diesem Sprüchelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er
+streiten kann: so kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige
+findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es
+aufrichtig, nun einmal die französischen Skribenten vornehmlich erwählet,
+und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach
+einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan
+mehr mutwillig, als gründlich scheinen wollte: der soll wissen, daß
+selbst der gründliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat.
+Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand
+liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et
+casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum
+opinionibus, usw. O des Pedanten! würde der Herr von Voltaire rufen.
+--Ich bin es bloß aus Mißtrauen in mich selbst.
+
+"'Die Brüder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "können höchstens
+die Idee zu der Männerschule, gegeben haben. In den 'Brüdern' sind zwei
+Alte von verschiedner Gemütsart, die ihre Söhne ganz verschieden
+erziehen; ebenso sind in der 'Männerschule' zwei Vormünder, ein sehr
+strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Ähnlichkeit. In den
+'Brüdern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der
+'Männerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von
+den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen müßte, erscheinet bloß auf dem Theater, um niederzukommen. Die
+Isabelle des Molière ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer
+witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem
+Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Brüdern' ist
+ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, daß ein Alter, der sechzig
+Jahre ärgerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und
+höflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Männerschule'
+aber ist die beste von allen Entwicklungen des Molière; wahrscheinlich,
+natürlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht
+das Schlechteste daran ist, äußerst komisch."
+
+
+
+
+
+Einundsiebzigstes Stück
+Den 5. Januar 1768
+
+Es scheinet nicht, daß der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse
+bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er
+spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur
+noch sowas davon im Gedächtnisse; und das schreibt er auf gut Glück so
+hin, unbekümmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht
+aufmutzen, was er von der Pamphila des Stücks sagt, "daß sie bloß auf dem
+Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem
+Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloß ihre
+Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen müßte, das läßt sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und
+Römern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes
+Mädchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und
+Gefahr läuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem
+sehr ungeschickt.--
+
+Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft
+die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der mürrische strenge
+Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal völlig verändern. Das
+ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet
+seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam
+fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus
+an? dürfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche
+nur glauben dürfen, daß Donatus den Terenz fleißiger gelesen und besser
+verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stücke die
+Rede; es ist noch da; man lese selbst.
+
+Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu
+besänftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines
+Ärgernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich
+bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber
+morgen, bei früher Tageszeit, muß der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da
+will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen,
+wo er es heute gelassen hat; die Sängerin, die diesem der Vetter gekauft,
+will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und
+eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen,
+sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des
+fünften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte
+nur so obenhin nimmt, als ob er völlig von seiner alten Denkungsart
+abgehen und nach den Grundsätzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1]
+Doch die Folge zeigt es, daß man alles das nur von dem heutigen Zwange,
+den er sich antun soll, verstehen muß. Denn auch diesen Zwang weiß er
+hernach so zu nutzen, daß er zu der förmlichsten hämischsten Verspottung
+seines gefälligen Bruders ausschlägt. Er stellt sich lustig, um die
+andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht
+in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwürfe; er wird nicht
+freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder
+von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er
+Verschwenden nennt, lächerlich zu machen. Dieses erhellet unwider-
+sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den
+Anschein betriegen läßt, und ihn wirklich verändert glaubt.[2] Hic
+ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores,
+quam mutavisse.
+
+Ich will aber nicht hoffen, daß der Herr von Voltaire meinet, selbst
+diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts
+als geschmält und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere
+mehr Gelassenheit und Kälte, als man dem Demea zutrauen dürfe. Auch
+hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich
+motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet,
+bei dem geringsten Übergange so feine Schattierungen in acht genommen,
+daß man nicht aufhören kann, ihn zu bewundern.
+
+Nur ist öfters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe
+sehr nötig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses
+schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen
+Künstler, und in dem übrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die
+Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäfte ein sehr
+ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die
+Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre
+Stücke überhaupt nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt
+waren, als bis man sie gesehen und gehört hatte: so konnten sie es um so
+mehr überhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu
+unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermaßen mit
+unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber
+einbildet, daß die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen,
+in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebärde, jede Miene, jede
+besondere Abänderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten
+gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzählige Stellen
+vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur
+zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der
+wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte
+gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene
+ausdrücken muß.
+
+Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesänderung des Demea
+vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anführen will, weil auf
+ihnen gewissermaßen die Mißdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiß
+nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, daß es sein
+ehrbarer frommer Sohn ist, für den die Sängerin entführet worden, und
+stürzt mit dem unbändigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und
+der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht.
+
+"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Söhne, mir sie
+beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so mäßige dich, und komm wieder
+zu dir!
+
+Demea. Gut, ich mäßige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes
+Wort entfahren. Laß uns bloß bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins
+geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte,
+daß sich ein jeder nur um den seinen bekümmern sollte? Antworte."[3] usw.
+
+Wer sich hier nur an die Worte hält und kein so richtiger Beobachter ist,
+als es der Dichter war, kann leicht glauben, daß Demea viel zu geschwind
+austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger
+Überlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, daß jeder Affekt, wenn er
+aufs äußerste gekommen, notwendig wieder sinken müsse; daß Demea, auf den
+Verweis seines Bruders, sich des ungestümen Jachzorns nicht anders als
+schämen könne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht
+das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei
+vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius
+destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam
+juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der
+Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, daß
+sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er
+sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den
+Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Überzeugung zu
+demütigen. Doch da er über die Wallungen seines kochenden Geblüts nicht
+so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der überführen will, doch noch
+immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid
+dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse
+iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich mäßige
+mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebärde und Stimme
+verraten genugsam, daß er sich noch nicht gemäßiget hat, daß er noch
+nicht wieder bei sich ist. Er bestürmt den Micio mit einer Frage über die
+andere, und Micio hat alle seine Kälte und gute Laune nötig, um nur zum
+Worte zu kommen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc,
+ Prope jam excurso spatio mitto--
+
+[2]
+ Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos?
+ Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi:
+ Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant,
+ Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono,
+ Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio.
+ Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine,
+ Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor;
+ Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet!
+
+
+[3]
+ --De. Eccum adest
+ Communis corruptela nostrum liberum.
+ Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi.
+ De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia:
+ Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit,
+ Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum,
+ Neve ego tuum? responde!--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundsiebzigstes Stück
+Den 8. Januar 1768
+
+Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im
+geringsten nicht überzeugt. Aller Vorwand, über die Lebensart seiner
+Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch fängt er wieder von
+vorne an, zu nergeln. Micio muß auch nur abbrechen und sich begnügen, daß
+ihm die mürrische Laune, die er nicht ändern kann, wenigstens auf heute
+Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen läßt,
+sind meisterhaft.[1]
+
+"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schönen
+Grundsätzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden.
+
+Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon!
+Heute schenke dich mir. Komm, kläre dich auf.
+
+Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muß, das muß ich.--Aber
+morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche
+geht mit.
+
+Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; dächte ich. Sei nur heute
+lustig!
+
+Demea. Auch das Mensch von einer Sängerin muß mit heraus.
+
+Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiß nicht weg wünschen.
+Nur halte sie auch gut.
+
+Demea. Da laß mich vor sorgen! Sie soll in der Mühle und vor dem
+Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu
+soll sie mir am heißen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so
+schwarz geworden, als ein Löschbrand.
+
+Micio. Das gefällt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und
+alsdenn, wenn ich wie du wäre, müßte mir der Sohn bei ihr schlafen, er
+möchte wollen oder nicht.
+
+Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemütsart freilich kannst du
+wohl glücklich sein. Ich fühl' es, leider--
+
+Micio. Du fängst doch wieder an?
+
+Demea. Nu, nu; ich höre ja auch schon wieder auf."
+
+Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum
+vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus
+EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller
+Ernst es war, daß er die Sängerin nicht als Sängerin, sondern als eine
+gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muß über den Einfall des Micio
+lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich
+stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?"
+und muß sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeißen. Er verbeißt
+es auch bald, denn das "Ich fühl' es leider" sagt er wieder in einem
+ärgerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch
+ist: so große Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat
+man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann.
+Je seltner ihm diese wohltätige Erschütterung ist, desto länger hält sie
+innerlich an; nachdem er längst alle Spur derselben auf seinem Gesichte
+vertilgt, dauert sie noch fort, ohne daß er es selbst weiß, und hat auf
+sein nächstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluß.--
+
+Aber wer hätte wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht?
+Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken.
+Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war
+ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns
+gekommen, verdient daher nicht bloß wegen der Sprache studiert zu werden.
+Nur muß man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Daß aber
+dieser Donatus (Aelius) so vorzüglich reich an Bemerkungen ist, die
+unsern Geschmack bilden können, daß er die verstecktesten Schönheiten
+seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthüllen weiß: das kömmt
+vielleicht weniger von seinen größern Gaben, als von der Beschaffenheit
+seines Autors selbst. Das römische Theater war, zur Zeit des Donatus,
+noch nicht gänzlich verfallen; die Stücke des Terenz wurden noch
+gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Überlieferungen
+gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des römischen Geschmacks
+herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hörte; er
+brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu
+machen, daß ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst
+schwerlich dürfte ausgegrübelt haben. Ich wüßte daher auch kein Werk, aus
+welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen könnte, als diesen
+Kommentar des Donatus über den Terenz: und bis das Latein unter unsern
+Schauspielern üblicher wird, wünschte ich sehr, daß man ihnen eine gute
+Übersetzung davon in die Hände geben wollte. Es versteht sich, daß der
+Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben müßte, was die
+bloße Worterklärung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den
+Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Übersetzung des Textes ist wäßrig
+und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der
+Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr
+gänzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die
+Dacier zu brauchen für gut befunden. Es wäre also keine getane Arbeit,
+was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun
+könnten, können auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun könnten,
+werden sich bedanken.
+
+Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch
+sonderbar, daß auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire
+gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, daß am Ende mit dem
+Charakter des Demea eine gänzliche Veränderung vorgehe; wenigstens läßt
+er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", läßt er
+ihn rufen, "schweigt doch! Ihr überhäuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn,
+Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloß weil ich einmal ein
+bißchen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich
+werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch hübsch, wenn man geliebt
+wird. Ich will auch gewiß so bleiben. Ich wüßte nicht, wenn ich so eine
+vergnügte Stunde gehabt hätte." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter
+stirbt gewiß bald.[3] Die Veränderung ist gar zu plötzlich." Jawohl; aber
+das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veränderungen,
+die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier
+etwas rechtfertigen?
+
+
+----Fußnote
+
+[1]
+ --De. Ne nimium modo
+ Bonae tuae istae nos rationes, Micio,
+ Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace;
+ Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi:
+ Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert,
+ Faciendum est: ceterum rus cras cum filio
+ Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo:
+ Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam
+ Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris.
+ Eo pacto prorsum illic alligaris filium.
+ Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro,
+ Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis,
+ Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec
+ Meridie ipso faciam ut stipulam colligat:
+ Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet,
+ Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium,
+ Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet.
+ De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies:
+ Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino.
+
+[2]
+Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzuführen,
+die ich eben itzt übersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen,
+ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch
+ungefähr daraus sehen können, worin das Verdienst besteht, das ich dieser
+Übersetzung absprechen muß.
+
+"Demea. Aber mein lieber Bruder, daß uns nur nicht deine schönen
+Gründe, und dein gleichgültiges Gemüte sie ganz und gar ins Verderben
+stürzen.
+
+Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Laß das
+immer sein. Überlaß dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von
+der Stirne.
+
+Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muß es wohl tun.
+Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land.
+
+Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder
+gehn wil1st; sei doch heute nur einmal fröhlich!
+
+Demea. Die Sängerin will ich zugleich mit herausschleppen.
+
+Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, daß dein Sohn ohne
+sie nicht wird leben können. Aber sorge auch, daß du sie gut
+verhältst!
+
+Demea. Dafür werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch,
+Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Außerdem soll sie
+mir in der größten Mittagshitze gehen und Ähren lesen, und dann will
+ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, überliefern.
+
+Micio. Das gefällt mir; nun seh' ich recht ein, daß du weislich
+hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, daß
+er sie mit zu Bette nimmt.
+
+Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist glücklich, daß du ein
+solches Gemüt hast; aber ich fühle.
+
+Micio. Ach! hältst du noch nicht inne?
+
+Demea. Ich schweige schon."
+
+So soll es ohne Zweifel heißen, und nicht: stirbt ohnmöglich bald.
+Für viele von unsern Schauspielern ist es nötig, auch solche
+Druckfehler anzumerken.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundsiebzigstes Stück
+Den 12. Januar 1768
+
+Die Schlußrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone.
+"Wenn euch nur das gefällt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um
+nichts mehr bekümmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der
+Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise
+künftig zu bequemen versprechen.--Aber wie kömmt es, dürfte man fragen,
+daß die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Brüdern" bei
+der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der
+beständige Rückfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie
+komisch: aber bei diesem hätte es auch bleiben müssen.--Ich verspare das
+Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stücks.
+
+"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluß machte,
+ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt.
+
+Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miß
+Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2]
+wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom
+Marivaux, in einem Akte.
+
+Oder, wie es wörtlicher und besser heißen würde: "Die unvermutete
+Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den
+Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen
+vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen
+Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen
+Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern
+schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, daß es
+fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen möchte sie ihn doch noch
+lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben,
+die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser
+kömmt; aber zum Glücke ist es ein so schöner liebenswürdiger Mann, daß
+sie gar bald ihre Verstellung vergißt und in aller Geschwindigkeit mit
+ihm einig wird. Man gebe dem Stücke einen andern Titel, und alle Leser
+und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen
+Knoten, den man in zehn Szenen so mühsam geschürzt hat, in einer einzigen
+nicht zu lösen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler
+in dem Titel selbst angekündiget, und durch diese Ankündigung
+gewissermaßen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen
+Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden können? Er
+sahe ja in der Wirklichkeit einer Komödie so ähnlich: und sollte er denn
+eben deswegen um so unschicklicher zur Komödie sein?--Nach der Strenge,
+allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre
+Komödien nennet, findet man in der Komödie wahren Begebenheiten nicht
+sehr gleich; und darauf käme es doch eigentlich an.
+
+Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus?
+Nicht völlig. Der Ausgang ist, daß Jungfer Argante den Erast und nicht
+den Dorante heiratet, und dieser ist hinlänglich vorbereitet. Denn ihre
+Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterläunisch; sie liebt ihn, weil
+sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie
+ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es kömmt; hat sie
+ihn lange nicht gesehen, so kömmt er ihr liebenswürdig genug vor; sieht
+sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stoßen ihr dann
+und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so
+unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz
+von ihm abzubringen, als daß Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein
+solches Gesicht ist? Daß sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet,
+daß es vielmehr sehr unerwartet sein würde, wenn sie bei jenem bliebe.
+Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete
+Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von
+der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu
+bekümmern, in der er einen Teil seiner Personen läßt. Und so ist es hier:
+Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt
+sich ihm.
+
+Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das
+Trauerspiel des Herrn Weiße "Richard der Dritte" aufgeführt: zum
+Beschlusse "Herzog Michel".
+
+Dieses Stück ist ohnstreitig eines von unsern beträchtlichsten
+Originalen; reich an großen Schönheiten, die genugsam zeigen, daß, die
+Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht
+über die Kräfte des Dichters gewesen wäre, wenn er sich diese Kräfte nur
+selbst hätte zutrauen wollen.
+
+Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf
+die Bühne gebracht: aber Herr Weiße erinnerte sich dessen nicht eher, als
+bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der
+Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden,
+daß ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht wäre es ein
+Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen."
+
+Vorausgesetzt, daß man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem
+Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm
+ein Vers abringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen.
+Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt,
+welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der
+fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen!
+
+Shakespeare will studiert, nicht geplündert sein. Haben wir Genie, so muß
+uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura
+ist: er sehe fleißig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen
+Fällen auf eine Fläche projektieret; aber er borge nichts daraus.
+
+Ich wüßte auch wirklich in dem ganzen Stücke des Shakespeares keine
+einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weiße so hätte
+brauchen können, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim
+Shakespeare, sind nach den großen Maßen des historischen Schauspiels
+zugeschnitten, und dieses verhält sich zu der Tragödie französischen
+Geschmacks ungefähr wie ein weitläuftiges Freskogemälde gegen ein
+Miniaturbildchen für einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen,
+als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, höchstens eine kleine Gruppe,
+die man sodann als ein eigenes Ganze ausführen muß? Ebenso würden aus
+einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen
+ganze Aufzüge werden müssen. Denn wenn man den Ärmel aus dem Kleide eines
+Riesen für einen Zwerg recht nutzen will, so muß man ihm nicht wieder
+einen Ärmel, sondern einen ganzen Rock daraus machen.
+
+Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des
+Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke
+nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst
+verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, daß ein Goldkorn so
+künstlich kann getrieben sein, daß der Wert der Form den Wert der Materie
+bei weitem übersteiget.
+
+Ich für mein Teil bedauere es also wirklich, daß unserm Dichter
+Shakespeares Richard so spät beigefallen. Er hätte ihn können gekannt
+haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er hätte
+ihn können genutzt haben, ohne daß eine einzige übergetragene Gedanke
+davon gezeugt hätte.
+
+Wäre mir indes eben das begegnet, so würde ich Shakespeares Werk
+wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle
+die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen
+nicht vermögend gewesen wäre.--Aber woher weiß ich, daß Herr Weiße dieses
+nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben?
+
+Kann es nicht ebenso wohl sein, daß er das, was ich für dergleichen
+Flecken halte, für keine hält? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß
+er mehr recht hat, als ich? Ich bin überzeugt, daß das Auge des Künstlers
+größtenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner
+Betrachter. Unter zwanzig Einwürfen, die ihm diese machen, wird er sich
+von neunzehn erinnern, sie während der Arbeit sich selbst gemacht und sie
+auch schon sich selbst beantwortet zu haben.
+
+Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu
+hören: denn er hat es gern, daß man über sein Werk urteilet; schal oder
+gründlich, links oder rechts, gutartig oder hämisch, alles gilt ihm
+gleich; und auch das schalste, linkste, hämischste Urteil ist ihm lieber,
+als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in
+seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was fängt er mit dieser an?
+Verachten möchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn für so
+etwas Außerordentliches halten: und doch muß er die Achseln über sie
+zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz
+möchte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes
+Lob auf sich sitzen lassen.--
+
+Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.--
+Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--höchstens nur bei einem oder dem
+andern Mitsprecher. Ich weiß nicht, wo ich es jüngst gedruckt lesen
+mußte, daß ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner übrigen
+Lustspiele gelobt hätte.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der
+frühern? Ich gönne es Ihnen, mein Herr, daß man niemals Ihre ältern Werke
+so möge tadeln können. Der Himmel bewahre Sie vor dem tückischen Lobe:
+daß Ihr letztes immer Ihr bestes ist!--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 11. Abend.
+
+[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend.
+
+[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusätzen zu
+seiner Theorie der Poesie", S. 45.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundsiebzigstes Stück
+Den 15. Januar 1768
+
+Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worüber ich
+mir die Erklärung des Dichters wünschte.
+
+Aristoteles würde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem
+Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur
+auch mit seinen Gründen zu werden wüßte.
+
+Die Tragödie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus
+folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch
+ein völliger Bösewicht sein müsse. Denn weder mit des einen noch mit des
+andern Unglücke lasse sich jener Zweck erreichen.
+
+Räume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragödie, die
+ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht
+mehr, was eine Tragödie ist.
+
+Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiße geschildert hat, ist
+unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne
+getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe,
+daran zweifle ich.
+
+Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das
+soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind
+ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers
+Mitleids gemacht hat.
+
+Aber Schrecken?--Sollte dieser Bösewicht, der die Kluft, die sich
+zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefüllet, mit
+Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten sein müssen; sollte
+dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine
+Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Maße erwecken?
+
+Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über
+unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern
+Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns
+bei Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden,
+überfällt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes
+Teil empfinden lassen.
+
+Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels,
+daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn
+ihre Personen irgendein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben
+öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber
+zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den
+freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der gräßlichen Idee
+wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis
+fähig sei.
+
+Bei den Franzosen führt Crébillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich
+fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht
+sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der
+Tragödie rechnet.
+
+Und dieses--hätte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort,
+welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er,
+soll die Tragödie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr,
+das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine plötzliche,
+überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Überraschende,
+welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von
+welchen sich hier die Einführung des Wortes "Schrecken", anstatt des
+Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht
+Aristoteles meine.--Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen:
+man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif.
+
+"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet:
+und die Furcht einen unsersgleichen. Der Bösewicht ist weder dieses noch
+jenes: folglich kann auch sein Unglück weder das erste noch das andere
+erregen."[1]
+
+Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Übersetzer
+Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem
+Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen.
+
+"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "über die Erklärung des
+Schreckens nicht vereinigen können; und in der Tat enthält sie in jeder
+Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert
+und sie allzusehr einschränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz
+'unsersgleichen' nur bloß die Ähnlichkeit der Menschheit verstanden hat,
+weil nämlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind,
+gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer Würde und ihrem Range
+ein unendlicher Abstand befände: so war dieser Zusatz überflüssig; denn
+er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur
+tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich
+hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft
+und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt
+ohnstreitig aus einem Gefühl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist
+ihm unterworfen, und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses
+Gefühls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl
+möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich zu leugnen:
+allein dieses würde allemal eine Verleugnung seiner natürlichen
+Empfindungen, und also eine bloße Prahlerei aus verderbten Grundsätzen,
+und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die
+wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall
+zustößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen
+bloß den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes überhaupt macht
+uns traurig, und die plötzliche traurige Empfindung, die wir sodann
+haben, ist das Schrecken."
+
+Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider
+den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht,
+wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsersgleichen
+setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bei der plötzlichen
+Erblickung eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein
+mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen.
+Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der
+Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde.
+
+"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen,[3]
+"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande,
+und aus der Unlust über dessen Unglück zusammengesetzt ist. Die
+Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den
+einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden,
+denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese
+Erscheinung werden! Man ändre nur in dem bedauerten Unglück die einzige
+Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere
+Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die über die Urne ihres
+Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält das
+Unglück für geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei
+den Schmerzen des Philoktets fühlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber
+von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte
+auszustehen hat, ist gegenwärtig und überfällt ihn vor unsern Augen.
+Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das große Geheimnis sich plötzlich
+entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersüchtigen Mithridates
+sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fürchtet, da
+sie ihren sonst zärtlichen Othello so drohend mit ihr reden höret: was
+empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen,
+mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden,
+allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen einerlei.
+Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die
+Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen wir alle Arten von Leiden mit
+der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdrücklich Mitleiden
+nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht,
+Rachbegier, und überhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar
+den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können?--Man sieht
+hieraus, wie gar ungeschickt der größte Teil der Kunstrichter die
+tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken
+und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Für
+wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch
+ziehet? Gewiß nicht für sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung
+man so sehr wünschet, und für die betrogne Königin, die ihn für den
+Mörder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust über das
+gegenwärtige Übel eines andern Mitleiden nennen: so müssen wir nicht nur
+das Schrecken, sondern alle übrige Leidenschaften, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst".
+
+[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35.
+
+[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter
+Teil, S. 4.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundsiebzigstes Stück
+Den 19. Januar 1768
+
+Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß uns dünkt,
+ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich
+die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht
+unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten
+Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu
+danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch
+Aristoteles im ganzen ungefähr empfunden haben: wenigstens ist es
+unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie
+könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust
+über das gegenwärtige Übel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich
+zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen.
+
+Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte
+Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht
+hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von
+Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht
+ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines
+andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus
+unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt;
+es ist die Furcht, daß die Unglücksfälle, die wir über diese verhängst
+sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der
+bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese
+Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.
+
+Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen
+neuen Kommentar über seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den
+Dacierschen weit hinter sich läßt, dem rate ich, vor allen Dingen die
+Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird
+Aufschlüsse für die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten
+vermutet; besonders muß er die Bücher der "Rhetorik" und "Moral"
+studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die
+Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten,
+längst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von
+seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabei fehlten
+ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht
+fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke
+desselben nicht.
+
+Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem
+tragischen Mitleid beifüget, findet sich in dem fünften und achten
+Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer,
+sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner
+seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon
+gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie
+einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, hätten
+noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nämlich,
+warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht,
+warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften
+beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich möchte
+wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte:
+warum z.E. die Tragödie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als
+Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe?
+
+Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem
+Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nämlich, daß das Übel, welches der
+Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der
+Beschaffenheit sein müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines
+von den Unsrigen, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sei, könne
+auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglück so tief
+herabgedrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch
+der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht
+begreife, woher ihm ein Unglück zustoßen könne, weder der Verzweifelnde
+noch der Übermütige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erkläret
+daher auch das Fürchterliche und das Mitleidswürdige, eines durch das
+andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem
+andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken
+würde:[1] und alles das finden wir mitleidswürdig, was wir fürchten
+würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der
+Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglück nicht
+verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen:
+seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld,
+sei für uns verloren, sei nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn
+wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne.
+Diese Möglichkeit aber finde sich alsdenn und könne zu einer großen
+Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache,
+als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken
+und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und
+gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und
+handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne
+schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal
+gar leicht dem seinigen ebenso ähnlich werden könne, als wir ihm zu sein
+uns selbst fühlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam
+zur Reife bringe.
+
+So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre
+Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem
+Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier
+eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sei, welche
+bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr,
+erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern
+weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig
+einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere
+Furcht erwecken kann.
+
+Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich
+hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er
+hatte funfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung
+würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen
+Kodex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner
+Arbeit fleißiger zu Rate gezogen hätte. Allein dieses scheinet er
+höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu
+haben. In den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am
+Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn
+verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und
+ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie
+gedacht hatte.
+
+Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht und sie als die
+vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die
+abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra
+aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur
+Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht
+erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an,
+damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des
+Aristoteles leiden möge? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles können wir
+uns hier leicht vergleichen.[3] Wir dürfen nur annehmen, er habe eben
+nicht behaupten wollen, daß beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als
+Mitleid, nötig wären, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken,
+die er zu dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner
+Meinung sei auch eines zureichend.--Wir können diese Erklärung", fährt
+er fort, "aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir die Gründe recht erwägen,
+welche er von der Ausschließung derjenigen Begebenheiten, die er in den
+Trauerspielen mißbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes
+schickt sich in die Tragödie nicht, weil es bloß Mitleiden und keine
+Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es bloß die
+Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft
+sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege
+bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, daß sie ihm deswegen nicht
+gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und daß er
+ihnen seinen Beifall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von
+beiden wirkten."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron
+gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiß nicht, was dem
+Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598)
+eingekommen ist, dieses zu übersetzen: Denique ut simpliciter loquar,
+formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt,
+vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muß schlechtweg heißen:
+quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt.
+
+[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la
+scène, sagt er in seiner Abhandlung über das Drama. Sein erstes Stück
+"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches
+gerade die funfzig Jahr ausmacht, so daß es gewiß ist, daß er bei den
+Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stücke ein Auge haben
+konnte und hatte.
+
+[3] Il est aisé de nous accommoder avec Aristote etc.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundsiebzigstes Stück
+Den 22. Januar 1768
+
+Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier,
+der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche
+Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen
+suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie
+nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom
+Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich
+Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man
+müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man
+müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen
+können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Übel eines andern unser Mitleid
+erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner
+Handlung in der Tragödie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine
+Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen
+Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu
+erwecken fähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns
+erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid.
+Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen,
+welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu
+erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns selbst
+errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit
+bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der
+Tragödie, wo wir alle das Übel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern
+anderen begegnen sehen.
+
+Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die
+Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von
+ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer,
+wenn sich Corneille durch dieses weder noch verführen lassen. Diese
+disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren
+läßt. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie
+verneinen, so kömmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der
+Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und
+durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache
+demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere
+von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie
+sei weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden
+zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und
+Schönheit lassen sich nicht bloß in Gedanken trennen, sondern sie sind
+wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder
+Himmel noch Hölle", wollen wir damit auch sagen: daß wir zufrieden sein
+würden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und
+keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht:
+denn wer das eine glaubt, muß notwendig auch das andere glauben; Himmel
+und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch
+das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen;
+wenn wir sagen, dieses Gemälde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung
+noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemälde sich mit
+einem von beiden begnügen könne?--Das ist so klar!
+
+Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden
+gibt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Übeln und Unglücksfällen
+Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu
+besorgen haben?
+
+Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust über das
+physikalische Übel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese
+Unlust entstehet bloß aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie
+unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus
+dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte
+Empfindung, welche wir Mitleid nennen.
+
+Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig
+aufgeben zu müssen.
+
+Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere
+empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene
+Furcht dazukommt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es
+ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte
+Empfindung über das physikalische Übel eines geliebten Gegenstandes nur
+allein durch die dazukommende Furcht für uns zu dem Grade erwächst, in
+welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet?
+
+Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht
+nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloß als Affekt. Ohne
+jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme.
+Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie:
+und nur den stärkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns
+selbst verknüpft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er
+zwar, daß das Unglück eines Bösewichts weder unser Mitleid noch unsere
+Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der
+Bösewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen
+moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behält, um sein
+Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas
+Mitleidähnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden.
+Aber, wie schon gesagt, diese mitleidähnliche Empfindung nennt er nicht
+Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muß", sagt er, "keinen Bösewicht aus
+unglücklichen in glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das
+untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben
+sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch
+muß es kein völliger Bösewicht sein, der aus glücklichen Umständen in
+unglückliche verfällt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar
+Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts
+Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Übersetzungen dieses
+Wortes Philanthropie. Sie geben nämlich das Adjektivum davon im
+Lateinischen durch hominibus gratum; im Französischen durch ce que peut
+faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnügen machen
+kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des
+Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon]
+durch quod humanitatis sensu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter
+dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts
+Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern
+das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz
+der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem
+Augenblicke des Leidens in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar
+diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Bösewicht nur auf eine
+gewisse Gattung der ihn treffenden Übel einschränken. "Solche Zufälle des
+Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns
+wirken, müssen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufällig,
+oder wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer die
+Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden
+Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht
+genug überlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches
+den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist,
+können wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm
+zu leiden.
+
+"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe über die Empfindungen",
+"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen dränget. Sie haben alle
+Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel
+und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt
+und ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugerüste. Man arbeitet sich durch
+das Gewühl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Dächer hinan,
+um die Züge des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist
+gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal
+entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm verziehen
+würde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick
+vorher selbst zum Tode verurteilet haben würden? Wodurch wird itzt ein
+Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die
+Annäherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen
+Übel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen und ihm
+unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich mitleidig mit
+seinem Schicksale sein."
+
+Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter
+keinerlei Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit
+welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unverlöschlich
+fortglimmet und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und
+Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen;
+ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie
+verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids
+begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen
+eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der
+mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer
+wahrscheinlichen Furcht für uns selbst, Affekt werden, zu
+unterscheiden.
+
+
+
+
+Siebenundsiebzigstes Stück
+Den 26. Januar 1768
+
+Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff
+von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er notwendig mit der Furcht für
+uns selbst verknüpft sein müsse: was war es nötig, der Furcht noch
+insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid schloß sie schon in sich, und
+es wäre genug gewesen, wenn er bloß gesagt hätte: die Tragödie soll durch
+Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn
+der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll,
+noch dazu schwankend und ungewiß.
+
+Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloß hätte lehren wollen, welche
+Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den
+Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich
+wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer
+Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche
+Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gereiniget
+werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere
+gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch
+außer dem Theater ohne Furcht für uns selbst sein kann; ob sie schon ein
+notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch
+umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingrediens der Furcht für
+uns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und
+nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück als die
+wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Übel für uns selbst
+schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des
+Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine
+vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um
+anzuzeigen, daß sie dieses tun könne und wirklich tue, fand es
+Aristoteles für nötig, ihrer insbesondere zu gedenken.
+
+Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische
+Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloß
+wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene
+zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht
+hatte. Diese indes abgerechnet, und die übrigen Merkmale ineinander
+reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nämlich,
+daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid
+erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so
+wie die Epopee und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung
+einer mitleidswürdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich
+vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form
+ist daraus zu bestimmen.
+
+An dem letztern dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich
+keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu
+versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas
+Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so
+läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache
+ergründet, aber sie bei seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich
+angegeben. "Die Tragödie", sagt er, "ist die Nachahmung einer
+Handlung,--die nicht vermittelst der Erzählung, sondern vermittelst des
+Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen
+Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem
+sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der
+Erzählung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden?
+Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre
+Absicht zu erreichen: und die Erzählung kann sich nur auf die Art und
+Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen.
+Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet
+hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzählung, welches die
+dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Übersetzer bei dieser
+Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber
+nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlässigte
+Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur
+den Sinn des Philosophen liefern. Dacier übersetzt: d'une action--qui,
+sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la
+terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die
+Erzählung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst)
+uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der
+vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was
+Aristoteles sagen will, nur daß sie es nicht so sagen, wie er es sagt.
+Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine
+bloß vernachlässigte Wortfügung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles
+bemerkte, daß das Mitleid notwendig ein vorhandenes Übel erfodere; daß
+wir längst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Übel
+entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden
+können, als ein anwesendes; daß es folglich notwendig sei, die Handlung,
+durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist,
+nicht in der erzählenden Form, sondern als gegenwärtig, das ist, in der
+dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, daß unser Mitleid durch
+die Erzählung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch
+die gegenwärtige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in
+der Erklärung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu
+setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form fähig ist. Hätte er es
+für möglich gehalten, daß unser Mitleid auch durch die Erzählung erreget
+werden könne: so würde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen
+sein, wenn er gesagt hätte, "nicht durch die Erzählung, sondern durch
+Mitleid und Furcht". Da er aber überzeugt war, daß Mitleid und Furcht in
+der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so
+konnte er sich diesen Sprung, der Kürze wegen, erlauben.--Ich verweise
+desfalls auf das nämliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner
+Rhetorik.[1]
+
+Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der
+Tragödie gibt, und den er mit in die Erklärung derselben bringen zu
+müssen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten,
+darüber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, daß alle,
+die sich dawider erklärt, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie
+haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiß wußten,
+welches seine wären. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und
+bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen,
+indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in
+die nähere Erörterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch
+nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei
+Anmerkungen machen.
+
+1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragödie solle uns, vermittelst
+des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten
+Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch
+Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist
+es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die
+Tragödie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen.
+Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt
+Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges,
+darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als
+gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedächtlichern Pferde
+hinten nachruft, sich nicht zu übereilen, und doch nur erst die Augen
+recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles:
+und das heißt nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das hätten sie
+übersetzen müssen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten
+Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das
+vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragödie soll unser Mitleid und
+unsere Furcht erregen, bloß um diese und dergleichen Leidenschaften,
+nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt
+aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und
+dergleichen" und nicht bloß "dieser": um anzuzeigen, daß er unter dem
+Mitleid nicht bloß das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt
+alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloß die
+Unlust über ein uns bevorstehendes Übel, sondern auch jede damit verwandte
+Unlust, auch die Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein
+vergangenes Übel, Betrübnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange
+soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, unser
+Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und
+keine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur
+Reinigung der andern Leidenschaften nützliche Lehren und Beispiele finden;
+doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und
+Komödie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung
+überhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragödie, die Nachahmung einer
+mitleidswürdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle
+Gattungen der Poesie; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß;
+noch kläglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln.
+Aber alle Gattungen können nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so
+vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann,
+worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist
+ihre eigentliche Bestimmung.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de
+myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi,
+ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous
+schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei,
+eleeinoterous einai.]
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtundsiebzigstes Stück
+Den 29. Januar 1768
+
+2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was für
+Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragödie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natürlich, daß sie
+sich auch mit der Reinigung selbst irren mußten. Aristoteles verspricht
+am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften
+durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst
+weitläuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar
+nichts von dieser Materie darin findet, so ist der größte Teil seiner
+Ausleger auf die Gedanken geraten, daß sie nicht ganz auf uns gekommen
+sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von
+seiner Dichtkunst noch übrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu
+finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz
+unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nötig halten konnte.
+Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung,
+Licht genug geben könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die
+Reinigung der Leidenschaften in der Tragödie geschehe: nämlich die, wo
+Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und
+die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr
+wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und
+nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der
+Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Unglücke",
+sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns
+die Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne; diese Furcht
+erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben,
+die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr
+Unglück vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern,
+ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, daß man die
+Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber
+dieses Raisonnement, welches die Furcht bloß zum Werkzeuge macht, durch
+welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch
+und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die
+Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwei,
+die Aristoteles ausdrücklich durch sie gereiniget wissen will. Sie könnte
+unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Haß
+und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft
+ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur
+unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungereiniget lassen. Denn
+Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir,
+nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften,
+durch welche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch
+welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben,
+in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein
+solches Stück: ein Stück nämlich, in welchem sich die bemitleidete Person
+durch ein übelverstandenes Mitleid oder durch eine übelverstandene Furcht
+ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige sein, in
+welchem, so wie es Corneille versteht, das geschähe, was Aristoteles
+will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem
+einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt.
+Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei
+gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in
+alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier
+den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte
+seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, daß
+unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragödie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß
+der Nutzen der Tragödie sehr gering sein würde, wenn er bloß hierauf
+eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des
+Corneille, ihr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften
+beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Teil leugnete und in
+Beispielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sei,
+die gewöhnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm
+in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand,
+daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen
+Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn
+der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen.
+Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden-
+schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen
+solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr
+gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften
+viel oder wenig beiträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacier allein
+halten sollen: aber freilich hätte er sodann auch einen vollständigem
+Begriff damit verbinden müssen. "Wie die Tragödie", sagt er, "Mitleid und
+Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu
+erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor Augen stellet, in
+das unsersgleichen durch nicht vorsätzliche Fehler gefallen sind; und sie
+reiniget sie, indem sie uns mit diesem nämlichen Unglücke bekannt macht
+und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fürchten, noch allzusehr
+davon gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie
+bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufälle mutig zu ertragen, und
+macht die Allerelendesten geneigt, sich für glücklich zu halten, indem
+sie ihre Unglücksfälle mit weit größern vergleichen, die ihnen die
+Tragödie vorstellet. Denn in welchen Umständen kann sich wohl ein Mensch
+finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests
+nicht erkennen müßte, daß alle Übel, die er zu erdulden, gegen die,
+welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vergleichung gekommen?"
+Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens
+gemacht haben. Er fand sie fast mit den nämlichen Worten bei einem
+Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes
+einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid
+neben sich duldet; daß folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu
+erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübnis durch das
+Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt,
+gelten lassen. Nur fragen muß ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im
+geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige?
+Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des
+Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid
+und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht,
+daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn,
+nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muß
+der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise
+zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische
+Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und
+4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne und wirklich
+reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch
+diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Hälfte erläutert. Denn
+wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der
+Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß
+jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schließet. Da
+nämlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als
+in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei
+jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits
+ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muß die Tragödie,
+wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis
+des Mitleids zu reinigen vermögend sein; welches auch von der Furcht zu
+verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids,
+die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch
+desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht
+allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich
+ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein
+jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in
+Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht,
+dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die
+tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat
+nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugroße Furcht mäßige: und
+noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie
+in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade
+erhöhe; geschweige, daß er auch das übrige sollte gezeigt haben. Die nach
+ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet;
+aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragödie völlig außer
+Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte überhaupt, aber
+keinesweges der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z.E. daß sie
+die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend
+und Haß gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte
+das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende
+Kennzeichen der Tragödie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels",
+hinter der Aristotelischen Dichtkunst".
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundsiebzigstes Stück
+Den 2. Februar 1768
+
+Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt
+ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemißbrauchten
+Verstande, für die plötzliche Überraschung des Mitleids; noch in dem
+eigentlichen Verstande des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein
+ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er
+auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn
+wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten würdig fänden. Aber er ist so
+ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so
+völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich
+glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben
+sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu
+fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie
+auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn
+trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir,
+daß er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königin dieses
+erzählt wird, läßt sie der Dichter sagen:
+
+"Dies ist etwas!"--
+
+Ich habe mich nie enthalten können, bei mir nachzusprechen: nein, das ist
+gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem er seine Krone
+wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als
+ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den
+Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch über den Triumph
+seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die
+einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück
+eines Bösewichts auszudrücken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod
+selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte,
+unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich:
+aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische!
+
+Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das
+Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben,
+nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; er
+hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die
+Königin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?--
+
+Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es für eine fremde,
+herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die
+da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das
+wünsche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile
+gern dabei; und danke dem Dichter für eine so süße Qual.
+
+Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß sein! Er
+spricht von einem [Greek: miaron], von einem Gräßlichen, das sich bei dem
+Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die
+Königin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie
+getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser
+Bestie sind? Ist es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron
+haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch
+kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie
+unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit
+Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider
+die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht,
+ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heiße, wie er
+wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte?
+
+Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf
+etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei:
+so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange
+aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den
+wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und
+Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes
+machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig
+erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, derenwegen wir die Befriedigung
+nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen
+Plane der Dinge suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers
+sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers sein; sollte
+uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse,
+werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste
+Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in
+seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darüber
+erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt
+habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese
+kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft
+in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen
+und fröhlichen Mut behalten sollen: so ist es höchst nötig, daß wir an
+die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse
+so wenig als möglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg,
+wenn es sein könnte, aus allen Büchern mit ihnen!--
+
+Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen
+Eigenschaften hat, die sie haben müßten, falls er wirklich das sein
+sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes
+Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und
+Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben und
+hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese
+oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie
+vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn notwendig nur nach den
+Regeln des Aristoteles beschäftiget und vergnügt werden?
+
+Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Überhaupt:
+wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt er doch ein dramatisches
+Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte
+er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden;
+kühne Gesinnungen; einen feurigen hinreißenden Dialog; glückliche
+Veranlassungen für den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den
+mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der
+Pantomime zu zeigen usw.
+
+Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die
+den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen.
+
+Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung
+unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der
+Nachahmung.
+
+Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen,
+welche Größe und Kühnheit in uns erwecken.
+
+Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in
+Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan
+wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er
+ausgeführt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das
+Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des
+Zweckes, Vergnügen gewähret.
+
+Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er
+ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen über
+ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so
+viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist,
+möchten wir es nicht gern, auch noch bloß vor langer Weile, vergossen
+finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit;
+nichts hören wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu
+erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts
+als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie
+nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert
+vor der Erreichung.
+
+Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige
+Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese
+Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen
+Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld
+leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer
+Besserung kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl.
+
+Und sonach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese
+Beschäftigung unserer Seelenkräfte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht
+wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nämlich, daß wir also damit
+zufrieden sein können.
+
+Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben.
+Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben,
+die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben,
+und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen;
+besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und
+Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand vergebens wäre, wenn sie
+weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine
+leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu
+erhalten wären. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in
+Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit
+einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Scheiterhaufen anzünden, um
+eine Mücke zu verbrennen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Achtzigstes Stück
+Den 5. Februar 1768
+
+Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet,
+Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt auf
+einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung
+desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen,
+die eine gute Erzählung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen,
+ungefähr auch hervorbringen würde.
+
+Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht
+erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften
+auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle
+andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem
+andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist.
+
+Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man
+sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß.
+
+Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk auf die
+Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig,
+wie kalt dagegen unser Volk für das Theater! Woher diese Verschiedenheit,
+wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so
+starken, so außerordentlichen Empfindungen begeistert fühlten, daß sie
+den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu
+haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt
+sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu
+verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode,
+aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft
+zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus
+anderer Absicht.
+
+Ich sage, wir, unser Volk, unsere Bühne: ich meine aber nicht bloß, uns
+Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, daß wir noch kein
+Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses
+Bekenntnis mit einstimmen und große Verehrer des französischen Theaters
+sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich
+weiß wohl, was ich dabei denke. Ich denke nämlich dabei: daß nicht allein
+wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit hundert Jahren ein
+Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben
+prahlen,--daß auch die Franzosen noch kein Theater haben.
+
+Kein tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die
+französische Tragödie macht, sind so flach, so kalt!--Man höre einen
+Franzosen selbst davon sprechen.
+
+"Bei den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters", sagt der Herr von
+Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte,
+weil das Publikum von selbst keine höhere Ideen haben konnte, als ihm die
+großen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond
+hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nämlich, daß unsere Stücke nicht
+Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid erwecken solle, aufs höchste
+Zärtlichkeit errege, daß Rührung die Stelle der Erschütterung, und
+Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen
+nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit
+dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters
+getroffen. Man sage immerhin, daß Saint-Evremond der Verfasser der elenden
+Komödie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die
+Opern' genannt, ist: daß seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das
+Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; daß er nichts
+als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und
+gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war
+unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern
+Stücken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem
+Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles."
+
+Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere
+Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher
+kam es, daß sie das nicht waren?
+
+"Diese Kälte aber", fährt er fort, "diese einförmige Mattigkeit,
+entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals
+unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragödie in eine
+Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des
+'Cyrus' und der 'Clelie'. Was für Stücke sich hiervon noch etwa
+ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements,
+dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den
+'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch
+eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene
+zurückhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und
+diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen.
+--Was ließ sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit
+Zuschauern angefüllt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen
+Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln,
+täuschen? Welche große tragische Aktion ließ sich da aufführen? Welche
+Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stücke
+mußten aus langen Erzählungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche
+als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glänzen, und ein
+Stück, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel
+alle theatralische Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der
+Leidenschaften, alle die kräftigen Gemälde der menschlichen
+Unglücksfälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele
+dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu
+zerreißen."
+
+Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und
+Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt
+gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden.
+Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hören: und
+diese fodern, daß wir nichts als den Menschen hören sollen.
+
+Aber die zweite Ursache?--Sollte es möglich sein, daß der Mangel eines
+geräumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluß auf
+das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische
+Handlung Pomp und Zurüstungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht
+vielmehr sein Stück so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine
+völlige Wirkung hervorbrächte.
+
+Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt
+der Philosoph, "läßt sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch
+aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches
+letztere vorzüglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die
+Fabel muß so eingerichtet sein, daß sie, auch ungesehen, den, der den
+Verlauf ihrer Begebenheiten bloß anhört, zu Mitleid und Furcht über diese
+Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhören
+darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht
+erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die
+Vorstellung des Stücks übernommen."
+
+Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon
+will man mit den Stücken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung
+gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen
+Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der
+ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war
+eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts
+bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn
+er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten
+behangenen Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem
+Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung des Spielers zu Hilfe
+kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stücke des
+Shakespeares ohne alle Szenen verständlicher, als sie es hernach mit
+denselben gewesen sind.[1]
+
+Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekümmern hat;
+wenn die Verzierung, auch wo sie nötig scheinet, ohne besondere Nachteil
+seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten
+Theater gelegen haben, daß uns die französischen Dichter keine rührendere
+Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst.
+
+Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine
+schönere, geräumlichere Bühne; keine Zuschauer werden mehr darauf
+geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt
+und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie
+denn, die wärmern Stücke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt
+sich der Herr von Voltaire, daß seine "Semiramis" ein solches Stück ist?
+Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne
+ich nichts Kälteres, als seine "Semiramis".
+
+
+----Fußnote
+
+[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78.
+79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting.
+--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain
+of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared
+either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with
+tapestry; so that for the place originally represented, and all the
+successive changes, in which the poets of those times freely indulged
+themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or
+to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and
+judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would
+insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards
+were with them.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundachtzigstes Stück
+Den 9. Februar 1768
+
+Will ich denn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sei, ein
+wirklich rührendes tragisches Werk zu machen? daß der volatile Geist der
+Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich würde mich schämen,
+wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen
+Bouhours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Teil, hätte nun gleich die
+wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der
+Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten
+habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose.
+Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles
+unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Engländer als
+witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige
+Engländer: der Praß von dem Volke aber ist keines von beidem.--
+
+Was will ich denn? Ich will bloß sagen, was die Franzosen gar wohl haben
+könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch
+nicht haben?--Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen
+müssen, wenn er es hätte treffen wollen.
+
+Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu
+haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas
+bestärkt, das sie vorzüglich vor allen Völkern haben; aber es ist keine
+Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit.
+
+Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man
+wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner
+Jugend für einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter
+noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Kritik setzten nach
+und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem
+Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und
+sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines
+Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht
+wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden können. Aber da er sich
+schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine
+Eitelkeit überredet hatte, daß er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte
+unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er
+ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem
+träumerischen Besitze zu behaupten.
+
+Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille
+ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der
+Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand
+angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar
+auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch
+rührender sein könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für
+unmöglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter mußte
+sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden
+als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre
+Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und höre,
+was sie antworten!
+
+Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet
+und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat.
+Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt; Corneille aber durch
+seine Muster und Lehren zugleich.
+
+Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei
+Pedanten, einen Hédelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten,
+was sie wollten) als Orakelsprüche angenommen, von allen nachherigen
+Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stück vor Stück zu
+beweisen,--nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug
+hervorbringen können.
+
+Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie
+kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und
+schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so
+sucht er, bei einer nach der andern, quelque modération, quelque favorable
+interprétation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine
+jede,--und warum? pour n'être pas obligés de condamner beaucoup de poèmes
+que nous avons vû réussir sur nos théâtres; um nicht viele Gedichte
+verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beifall gefunden. Eine schöne
+Ursache!
+
+Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon
+berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen.
+
+1. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen.--
+Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht
+immer nötig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne
+Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der
+große Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten
+Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl
+schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit
+meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen
+Nichtswürdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille:
+und die Franzosen glaubten es ihm nach.
+
+2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen;
+beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille
+sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es
+eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen
+bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner
+"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun
+es ihm nach.
+
+3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die
+Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen
+anhängig, gereiniget werden.--Corneille weiß davon gar nichts und bildet
+sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragödie erwecke unser
+Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die
+Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete
+Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht
+nicht sprechen: genug, daß es nicht die Aristotelische ist; und daß, da
+Corneille seinen Tragödien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig
+seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren,
+von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mußten
+Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht
+allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre
+Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des
+Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacier beide
+Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung
+wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten
+Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur
+einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich
+daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit noch eher
+die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragödie", sagt er,
+"ist, zufolge jener, noch so ziemlich glücklich, Mitleid und Furcht zu
+erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die
+doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die übrigen
+Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als
+Liebesintrigen enthält, wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es
+einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, daß ihr
+Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher
+französische Tragödien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht
+ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche
+die unglücklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht
+setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend,
+ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade
+erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus
+verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es
+erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr
+unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, daß es keine
+Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr
+gute Köpfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen
+geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr
+Corneille und Racine, ihr Crébillon und Voltaire von dem wenig oder gar
+nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum
+Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit
+den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene
+desto öfterer. Denn nur weiter--
+
+
+----Fußnote
+
+[1] (Poét. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragédie peut réussir
+assez dans la première partie, c'est-à-dire, qu'elle peut exciter et
+purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement à la
+dernière, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres
+passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour,
+si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-là seule, et par là il
+est aisé de voir qu'elle ne fait que peu de fruit.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundachtzigstes Stück
+Den 12. Februar 1768
+
+4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein
+Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sei
+gräßlich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt
+mehr Unwillen und Haß gegen den, welcher das Leiden verursacht, als
+Mitleid für den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht
+die eigentliche Wirkung der Tragödie sein soll, würde, wenn sie nicht
+sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich
+hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen,
+weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm
+gefallen hätte, wenn er es allein mit wegnehmen können. Aber", kömmt
+Corneille hintennach; denn mit einem Aber muß er nachkommen--"aber, wenn
+diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der
+Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid für sich, als Widerwillen gegen
+den erweckt, der ihn leiden läßt: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille,
+"halte ich dafür, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den
+tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."[1]
+--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag
+hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu
+verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat.
+Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt
+Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich.
+Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine
+bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhört. Aristoteles
+sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber
+sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche
+findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes selbst: Corneille aber
+setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht.
+Er sieht nicht, oder will nicht sehen, daß jenes Gräßliche ganz etwas
+anders ist als dieser Unwille; daß, wenn auch dieser ganz wegfällt, jenes
+doch noch in seinem vollen Maße vorhanden sein kann: genug, daß vors
+erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stücken
+gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des
+Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich
+einzubilden, es habe dem Aristoteles bloß an dergleichen Stücken gefehlt,
+um seine Lehre darnach näher einzuschränken und verschiedene Manieren
+daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglück des ganz
+rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. En voici,
+sagt er, deux ou trois manières que peut-être Aristote n'a su prévoir,
+parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les théâtres de son temps.
+Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst?
+Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind
+sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch
+einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkömmt, und
+so, daß der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der
+'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unerträglich würde
+gewesen sein, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, und in
+dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen wären, Kleopatra
+und Phokas aber triumphieret hätten. Das Unglück der erstern erweckt ein
+Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben,
+nicht erstickt wird, weil man beständig hofft, daß sich irgendein
+glücklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das
+mag Corneille sonst jemanden weismachen, daß Aristoteles diese Manier
+nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht
+gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener
+der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war es möglich, daß Corneille
+dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache
+zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar
+nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht
+unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches
+gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu
+sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt
+Corneille, "daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl
+eines andern umkömmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen
+allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den
+Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix
+seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist es nicht aus wütendem Eifer
+gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswürdig machen würde,
+sondern bloß aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn
+in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in
+Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und
+mißbilliget sein Verfahren; doch überwiegt dieser Unwille nicht das
+Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, und verhindert auch
+nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stücks, nicht
+völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper,
+denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum
+sollte es also dem Aristoteles an einem Stücke von ähnlicher Einrichtung
+gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille?
+Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie
+Felix, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr und machen sie noch
+obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im
+geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche
+liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in
+dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so
+unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder
+schwach sein, mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der
+Gedanke ist an und für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann,
+die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Helden hätten diesen
+gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich:
+und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Schauspielen vergnügen,
+die ihn bestätigen? wir? die Religion und Vernunft überzeuget haben
+sollte, daß er ebenso unrichtig als gotteslästerlich ist?--Das nämliche
+würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille
+nicht selbst näher anzugeben vergessen hätte.
+
+5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz
+Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid
+noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bei.
+Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht
+allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster
+desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht
+zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern
+ähnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den
+zwar proportionierten, aber doch noch immer unglücklichen Folgen
+derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gründet
+sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von
+der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte,
+und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die
+Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und
+daß der Bösewicht, wenn es möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen
+könne, auch notwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie
+Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und
+bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu
+helfen. Ja, Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter als den
+ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdrücklich, falls man den Held aus
+der mittlere Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als
+schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut
+sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler
+begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglück stürzet, das uns mit
+Mitleid und Wehmut erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu sein, weil es
+die natürliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche
+der lasterhaften Personen in der Tragödie sagt, ist das nicht, was
+Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloß zu
+Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloß zur
+Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen
+lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der
+Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch
+sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Bösewichter keinen
+Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "daß man den Tod des Narciß im
+Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon
+deswegen ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die
+Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße
+Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern
+Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch
+besser sein würde, wenn es die nämliche Wirkung ohne sie hätte. Je
+simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie
+hat, desto vollkommener ist sie.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulté d'exposer sur la
+scène des hommes très vertueux.
+
+[2] Réflexions cr. T. I. Sect. XV.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundachtzigstes Stück
+Den 16. Februar 1768
+
+6. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft,
+welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie
+sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so
+viel als tugendhaft heißen soll: so wird es mit den meisten alten und
+neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte,
+wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht
+bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für
+seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Güte, welche Aristoteles
+fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen;
+es muß eine andere Art von Güte sein, die sich mit dem moralisch Bösen
+ebensowohl verträgt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet
+Aristoteles schlechterdings eine moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte
+Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten
+zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche
+Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proäresis ist, durch welche
+allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder bösen
+Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in
+einen weitläuftigen Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den
+Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen
+Kunstrichters einleuchtend genug führen. Ich verspare ihn daher auf eine
+andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankömmt, zu
+zeigen, was für einen unglücklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des
+richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: daß Aristoteles
+unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter
+irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der
+eingeführten Person entweder eigentümlich zukomme oder ihr schicklich
+beigeleget werden könne: le caractère brillant et élevé d'une habitude
+vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable à la
+personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist
+äußerst böse: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er
+sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt
+vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind
+mit einer gewissen Größe der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat,
+daß man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie
+entspringen, bewundern muß. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Lügner'
+zu sagen. Das Lügen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein
+Dorant bringt seine Lügen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so
+vieler Lebhaftigkeit vor, daß diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl
+läßt und die Zuschauer gestehen müssen, daß die Gabe, so zu lügen, ein
+Laster sei, dessen kein Dummkopf fähig ist."--Wahrlich, einen
+verderblichern Einfall hätte Corneille nicht haben können! Befolget ihn
+in der Ausführung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Täuschung, um
+allen sittlichen Nutzen der Tragödie getan! Denn die Tugend, die immer
+bescheiden und einfältig ist, wird durch jenen glänzenden Charakter eitel
+und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis überzogen, der uns
+überall blendet, wir mögen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus
+welchem wir wollen. Torheit, bloß durch die unglücklichen Folgen von dem
+Laster abschrecken wollen, indem man die innere Häßlichkeit desselben
+verbirgt! Die Folgen sind zufällig; und die Erfahrung lehrt, daß sie
+ebensooft glücklich als unglücklich fallen. Dieses bezieht sich auf die
+Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir
+sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht
+mit jenem trügerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem
+Laster untergelegt wird, macht, daß ich Vollkommenheiten erkenne, wo
+keine sind; macht, daß ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte.
+Zwar hat schon Dacier dieser Erklärung widersprochen, aber aus
+untriftigern Gründen; und es fehlt nicht viel, daß die, welche er mit dem
+Pater Le Bossu dafür annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den
+poetischen Vollkommenheiten des Stücks ebenso nachteilig werden kann. Er
+meinet nämlich, "die Sitten sollen gut sein", heiße nichts mehr als, sie
+sollen gut ausgedrückt sein, qu'elles soient bien marquées. Das ist
+allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller
+Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters würdig ist. Aber wenn es die
+französischen Muster nur nicht bewiesen, daß man "gut ausdrücken" für
+stark ausdrücken genommen hätte. Man hat den Ausdruck überladen, man hat
+Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte
+Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe
+von Lastern und Tugenden geworden sind.--
+
+Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die
+Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen.
+
+Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl
+nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat
+ihn nicht gesehen oder gelesen? Krüger hat indes das wenigste Verdienst
+darum; denn er ist ganz aus einer Erzählung in den Bremischen Beiträgen
+genommen. Die vielen guten satirischen Züge, die er enthält, gehören
+jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Krügern gehört nichts,
+als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Bühne an Krügern viel
+verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten"
+beweisen. Wo er aber rührend und edel sein will, ist er frostig und
+affektiert. Hr. Löwen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man
+jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermißt. Dieses war der erste
+dramatische Versuch, welchen Krüger wagte, als er noch auf dem Grauen
+Kloster in Berlin studierte.
+
+Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das
+Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und
+zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt.
+
+"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stücken, welche der Hr. von
+Voltaire für sein Haustheater gemacht hat. Dafür war es nun auch gut
+genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht
+zu Paris; soviel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine
+schlechtern Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Marins und
+Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiß selbst nicht. Denn ich
+wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke
+und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Feierkleide sehen.
+
+Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber verschiedne
+Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem
+allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf
+Verkennungen und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht
+ekel; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das
+Fremde der Sitten und die elende Übersetzung das mot pour rire nur nicht
+meistens so unverständlich machte.
+
+Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney"
+wiederholt. Den Beschluß machte "Der sehende Blinde".
+
+Dieses kleine Stück ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat
+Titel und Intrige und alles einem alten Stücke des De Brosse abgeborgt.
+Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in
+die er verliebt ist, als er Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er
+verläßt seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der
+aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die
+Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben
+macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt
+einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte
+Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu überzeugen,
+ihnen schreiben läßt, daß er sein Gesicht verloren habe. Die List
+gelingt; er kömmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der
+um den Betrug weiß, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die
+Entwicklung läßt sich erraten; da der Offizier an der Unbeständigkeit der
+Witwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu
+heiraten, und der Tochter gibt er die nämliche Erlaubnis, sich mit ihrem
+Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des
+Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe
+versichert, daß ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, daß sie ihn
+aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem
+Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre
+Zärtlichkeit durch Gebärden. Das ist der Inhalt des alten Stückes vom De
+Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stücke des Le Grand. Nur
+daß in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fünf
+Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel
+geworden, und was sonst dergleichen kleine Veränderungen mehr sind. Es
+mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefällt sehr. Die
+Übersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir
+haben; sie ist wenigstens sehr fließend und hat viele drollige Zeilen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. den 17. Abend.
+
+[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundachtzigstes Stück
+Den 19. Februar 1768
+
+Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der
+Hausvater" des Hrn. Diderot aufgeführt.
+
+Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt,
+--wenigstens hat es mit Müh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem
+Pariser Theater erscheinen dürfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr
+lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch
+hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und
+Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das
+Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von
+Zeit zu Zeit angemerkt habe.
+
+Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natürlichen Sohne", in den
+beigefügten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat
+Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits
+verschiedne Jahre vorher ließ er es sich merken, daß er die hohen
+Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute täuschen
+und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche,
+in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in
+welchem der persiflierende Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch
+das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Höhnerei
+zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit
+seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen
+wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im
+Ernste wiederholen will.
+
+Dieses Buch heißt "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt
+durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber
+doch hat er es geschrieben und muß es geschrieben haben, wenn er nicht
+ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger
+Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es
+geschrieben zu haben.
+
+Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch
+kennen. Ich will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen,
+als es hier in meinen Kram dienet.--
+
+Ein Kaiser--was weiß ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen
+magischen Ringe gewisse Kleinode so viel häßliches Zeug schwatzen lassen,
+daß seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hören wollte. Sie hätte
+lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigstens
+nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf
+des Sultans Majestät und ein paar witzige Köpfe einzuschränken. Diese
+waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied
+der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und
+ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen
+unterhält sich die Favoritin einsmals, und das Gespräch fällt auf den
+elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert
+als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten
+seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hören, und er wohl
+voraussieht, daß die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme
+seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in
+allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater
+an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile.
+
+"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim.
+"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre
+schönsten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir
+nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen könnten. Unser Theater ward
+für das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafür
+gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es
+verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es
+ist das klare Altertum!"
+
+"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans
+gesehen und gleichfalls den Faden des Stücks sehr richtig geführet, den
+Dialog sehr zierlich und das Anständige sehr wohl beobachtet gefunden."
+
+"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem
+Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genähret, und
+dem größten Teile unsrer Neuern!"
+
+"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker über die Klinge
+springen lassen, sind doch bei weitem so verächtlich nicht, als Sie
+vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer,
+keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was
+bekümmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es sind
+wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten
+Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle
+nicht gelesen habe, welche es machen, daß ich die Stücke des Aboulcazem,
+des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre!
+Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und
+haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?"
+
+"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in
+verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich
+schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das müssen wir aus den Werken
+lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die
+gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger
+gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt
+man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner
+Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens
+alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt
+worden. Sonst ließe sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung,
+ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken
+haben könne; welches doch wider alle Erfahrung ist."
+
+"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als
+daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zunutze machen können, die
+bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein müssen, als die Alten:
+oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefällt, daß sie auf den
+Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig müssen weiter
+sehen können, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre,
+ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in
+Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit
+und Poesie nicht ebensowohl überlegen sein?"
+
+"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist groß, und Riccaric
+kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. Er mag Ihnen sagen,
+warum unsere Tragödien schlechter sind, als der Alten ihre; aber daß sie
+es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich
+will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "daß Sie die Alten nicht
+gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse beworben, als
+daß Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie
+gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre
+Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstößig sind, weil sich
+die Umstände geändert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff
+nicht immer edel, wohlgewählt und interessant ist? ob sich die Handlung
+nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem
+Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten
+gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit
+Episoden überladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel
+Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hören Sie alles, was von
+dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti
+ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern Sie sich der Höhle des
+unglücklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und
+sagen Sie mir, ob das Geringste vorkömmt, was Sie in der Täuschung stören
+könnte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stück, welches die nämliche
+Prüfung aushalten, welches auf den nämlichen Grad der Vollkommenheit
+Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben."
+
+"Beim Brahma!" rief der Sultan und gähnte; "Madame hat uns da eine
+vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!"
+
+"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch
+weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich
+weiß, daß nur das Wahre gefällt und rühret. Ich weiß auch, daß die
+Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer
+Handlung bestehet, daß der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der
+Handlung selbst gegenwärtig zu sein glaubt. Findet sich aber in den
+Tragödien, die Sie uns so rühmen, nur das geringste, was diesem
+ähnlich sähe?"
+
+
+
+
+Fünfundachtzigstes Stück
+Den 23. Februar 1768
+
+"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und
+verwickelt, daß es ein Wunder sein würde, wenn wirklich so viel Dinge in
+so kurzer Zeit geschehen wären. Der Untergang oder die Erhaltung eines
+Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das
+geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Kömmt es auf eine
+Verschwörung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie
+beisammen; im dritten werden alle Maßregeln genommen, alle Hindernisse
+gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit nächstem wird es
+einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer
+förmlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut geführt, interessant,
+warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben,
+der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige
+zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen
+Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen
+geht."
+
+"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stücke sind ein wenig
+überladen; aber das ist ein notwendiges Übel; ohne Hilfe der Episoden
+würden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen."
+
+"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muß
+man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein
+sollte. Kann etwas Lächerlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es
+wäre denn etwa dieses, daß man die Geigen ein lebhaftes Stück, eine
+muntere Sonate spielen läßt, während daß die Zuhörer um den Prinzen
+bekümmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen
+Thron und sein Leben zu verlieren.
+
+"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien
+müßte man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen
+gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die
+Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort.
+
+"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, daß,
+wenn die Episoden uns aus der Täuschung herausbringen, der Dialog uns
+wieder hereinsetzt. Ich wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere
+tragische Dichter."
+
+"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte,
+das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend
+Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu
+verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn
+unaufhörlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia
+sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei
+unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn
+Sie wollen, einige Stellen daraus übersetzen; und Sie werden die bloße
+Natur hören, die sich durch den Mund derselben ausdrückt. Ich möchte gar
+zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt daß ihr euern
+Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in
+Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben.'"
+
+"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge
+unserer dramatischen Stücke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte
+Selim, "daß Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen."
+
+"Nein, gewiß nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte
+für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich
+durch ein Wunder. Weiß der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die
+er von Szene zu Szene ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll:
+geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstoße ab; die ganze Welt
+fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. Hernach,
+hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die
+Prinzen und Könige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut
+geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn
+Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man
+nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu einem hohen Grade der
+Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast für
+erwiesen, daß von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die
+Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die
+unvollkommenste geblieben ist."
+
+Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische
+Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir
+einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe
+mich darauf, eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde."
+
+"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es käme
+einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele
+etwas gehört hätte; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle;
+der ungefähr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen der
+Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber
+nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein
+Freund, es äußern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der
+Fürst, der mit seinem Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat,
+daß er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, an
+beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, allem Ansehen nach,
+sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, daß Sie
+von allem, was vorgeht, Zeuge sein können.' Er nimmt mein Anerbieten an,
+und ich führe ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das
+Theater sieht, welches er für den Palast des Sultans hält. Glauben Sie
+wohl, daß trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemühte, die
+Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könnte? Müssen Sie nicht
+vielmehr gestehen, daß er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer
+wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebärden, bei dem
+seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend
+andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen würden, gleich in der ersten
+Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen würde, daß ich ihn
+entweder zum Besten haben wollte, oder daß der Fürst mitsamt seinem Hofe
+nicht wohl bei Sinnen sein müßten."
+
+"Ich bekenne", sagte Selim, "daß mich dieser angenommene Fall verlegen
+macht; aber könnte man Ihnen nicht zu bedenken geben, daß wir in das
+Schauspiel gehen, mit der Überzeugung, der Nachahmung einer Handlung,
+nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen."
+
+"Und sollte denn diese Überzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die
+Handlung auf die allernatürlichste Art vorzustellen?"--
+
+Hier kömmt das Gespräch nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts
+angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den
+klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den
+Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen
+Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit
+Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der
+gerügten Mängel zu entfernen und den Weg der Natur und Täuschung besser
+einzuschlagen bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es
+klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der
+Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum
+er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: bloß
+und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode
+seiner Vorgänger verschrien haben, weil er empfand, daß in Befolgung der
+nämlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein
+elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein
+Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots über seine
+Stücke her.
+
+Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natürlichen Sohne", manche
+Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der
+"Hausvater" ist. Zu viel Einförmigkeit in den Charakteren, das
+Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog,
+ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen:
+alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche
+Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heißt), die so
+philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie
+nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu
+erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen,
+daß die Einkleidung, welche Diderot den beigefügten Unterredungen gab,
+daß der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß
+verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen
+wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß
+andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem
+blendenden Vortrage zu haben schienen.
+
+
+
+
+Sechsundachtzigstes Stück
+Den 26. Februar 1768
+
+z.E. Diderot behauptete,[1] daß es in der menschlichen Natur aufs
+höchste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gäbe, die großer
+Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den
+menschlichen Charakteren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten,
+als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr
+die Charaktere, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte
+die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie
+machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komödie der Charakter das
+Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufälliges: nun aber muß
+der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufällige werden. Aus dem
+Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgängig die Umstände,
+in welchen er sich am besten äußert, und verband diese Umstände
+untereinander. Künftig muß der Stand, müssen die Pflichten, die Vorteile,
+die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese
+Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit größerm Umfange, von weit
+größerm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein
+wenig übertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin
+ich nicht. Das aber kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man
+spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. Er
+muß das, was er hört, notwendig auf sich anwenden."
+
+Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es,
+daß die Natur so arm an ursprünglichen Charakteren sei, daß sie die
+komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molière sahe noch
+genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil
+von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in
+welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so
+merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuten läßt, daß der Misanthrop
+schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben
+sein, wann er länger gelebt hätte.[3] Palissot selbst ist nicht
+unglücklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung
+beizufügen: den dummen Mäzen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an
+seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekünstelte Anschläge
+immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den
+Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den
+Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler
+ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten,
+die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche
+erweitern. Das ist noch Ernte genug für die wenigen Schnitter, die sich
+daran wagen dürfen!
+
+Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so
+wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden
+die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z.
+E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen
+Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder
+leichtsinnig, leutselig oder stürmisch sein müssen? Wird es nicht bloß
+dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte
+heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich
+die Grundlage der Intrige und die Moral des Stücks wiederum auf dem
+Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das
+Zufällige sein?
+
+Zwar könnte Diderot hierauf antworten: Freilich muß die Person, welche
+ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen
+Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher sein soll, der mit den
+Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs
+beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es
+mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder
+stürmisch machen will: er muß notwendig ernsthaft und leutselig sein, und
+jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschäfte erfodert.
+
+Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich
+einer andern Klippe genähert; nämlich der Klippe der vollkommnen
+Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders tun, als
+was sie nach Pflicht und Gewissen tun müßten; sie würden handeln, völlig
+wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komödie? Können
+dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den
+wir davon hoffen dürfen, groß genug sein, daß es sich der Mühe verlohnt,
+eine neue Gattung dafür festzusetzen und für diese eine eigene Dichtkunst
+zu schreiben?
+
+Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt
+nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stücken steuert er ziemlich
+gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich
+durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den
+Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei
+Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Brüdern" des
+Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Väter darin sind mit so gleicher
+Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann,
+die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Fällt
+er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit
+Erstaunen wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch für
+einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und daß
+der, den er für einen Narren gehalten hat, wohl gar der verständige Mann
+sein könnte. Man sollte zu Anfange des fünften Aufzuges dieses Drama fast
+sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen
+worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stücks
+umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr
+weiß, für wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man für
+den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man für keinen von
+beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel
+zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten."
+
+Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem
+nämlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen,
+wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir
+verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet
+zu werden.
+
+Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloß verschieden,
+als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder
+natürlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den
+dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft
+im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend
+zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend
+finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist
+ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise hält, das ihm
+Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung?
+Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in
+welchen man Väter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder völlig
+entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater
+aufweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der
+nämliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich
+sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen,
+nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch untereinander
+einförmiger sein, als es die sein können, welche Väter von verschiednen
+Grundsätzen einführen. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in
+ruhigen Gesellschaften bloß verschieden scheinen, sich von selbst
+kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja
+es ist natürlich, daß sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander
+entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und
+Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue
+wird kalt wie Eis, um jenem soviel Übereilungen begehen zu lassen, als
+ihm nur immer nützlich sein können.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natürlichen Sohne", S. 321-322 d.
+Übers.
+
+[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II.
+
+[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui
+(à Molière) fournirons toujours assez de matière, et nous ne prenons
+guère le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce
+qu'il dit. Crois-tu qu'il ait épuisé dans ses Comédies tous les ridicules
+des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt
+caractères de gens, où il n'a pas touché? N'a-t-il pas, par exemple, ceux
+qui se font les plus grandes amitiés du monde, et qui, le dos tourné,
+font galanterie de se déchirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs
+à outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les
+louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur
+fade qui fait mal au coeur à ceux qui les écoutent? N'a-t-il pas ces
+lâches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune,
+qui vous encensent dans la prospérité, et vous accablent dans la
+disgrâce? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mécontents de la Cour, ces
+suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour
+services ne peuvent compter que des importunités, et qui veulent qu'on
+les récompense d'avoir obsédé le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux
+qui caressent également tout le monde, qui promènent leurs civilités à
+droite, à gauche, et courent à tous ceux qu'ils voyent avec les mêmes
+embrassades, et les mêmes protestations d'amitié?--Va, va, Marquis,
+Molière aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il
+a touché n'est que bagatelle au prix de ce qui reste.
+
+[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Übers.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stück
+Den 4. März 1768
+
+Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz
+richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit
+seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens
+verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbei.
+
+So sagt er über den "Natürlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer
+Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt das Stück so? Welchen Einfluß hat
+die Geburt des Dorval? Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher
+Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was kann
+also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen
+über das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwärmen? Welcher
+vernünftige Mensch weiß denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches
+Vorurteil ist?"
+
+Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur
+Verwickelung meiner Fabel nötig; ohne ihn würde es weit unwahrscheinlicher
+gewesen sein, daß Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester
+von keinem Bruder weiß; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen,
+und ich hätte den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen können.
+--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, wäre Palissot nicht ungefähr
+widerlegt?
+
+Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern
+Einwurfe bloßgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer
+hätte zusetzen können. Diesem nämlich: daß der Umstand der unehelichen
+Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher
+sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu
+eigentümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung
+seines Charakters viel zuviel Einfluß gehabt hat, als daß dieser
+diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des
+Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muß.--Die Gelegenheit
+reizt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Reize von
+der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen?
+
+"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische
+hat Individua. Ich will mich erklären. Der Held einer Tragödie ist der
+und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein
+anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große
+Anzahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngefähr eine so eigene
+Physiognomie, daß ihr nur ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde
+die Komödie wieder in ihre Kindheit zurücktreten.--Terenz scheinet mir
+einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein
+Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, zu welchem er
+seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen
+nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kümmerlich
+hält, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit
+eigenen Händen bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater
+nicht gibt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein
+Beispiel einer so seltsamen Betrübnis aufzuweisen haben."
+
+Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter
+wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als
+den Menander. Menander war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen
+nach, in seinem Stücke noch weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als
+er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphäre, wegen der
+verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen müssen.[2] Aber daß er von
+Menandern herrührt, dieses allein schon hätte, mich wenigstens,
+abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre
+kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als
+witzig gesagt: doch würde man es wohl überhaupt von einem Dichter gesagt
+haben, der Charaktere zu schildern imstande wäre, wovon sich in der
+größten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel
+zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl ein solcher
+Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und
+wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der
+Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches
+denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt
+haben, daß schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack
+hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen,
+aber fast unmerklich, getadelt habe.
+
+Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz
+zeigen will, "daß die Narren aus einer Übertreibung in die andere
+entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fürchtet für
+einen Verschwender gehalten zu werden. Wißt ihr, was er tut? Er leihet
+monatlich für fünf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je nötiger
+der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiß die Namen
+aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten,
+dabei aber über harte Väter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr,
+daß dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften
+entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in
+der Komödie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann
+sich nicht schlechter quälen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter,
+dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal
+soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen
+beiläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz vollkommen
+gemäß.
+
+Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu
+lassen. Denn hier, dünkt mich, würde die beiläufige Anspielung dem
+Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn
+es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso
+abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache hätte, sich zu
+peinigen, als Fufidius, so teilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius
+ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne
+alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der
+Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut,
+was dieser aus Reu und Betrübnis tat: nur alsdenn wird uns jener
+unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitleidswürdig wir
+diesen finden.
+
+Und allerdings ist jede große Betrübnis von der Art, wie die Betrübnis
+dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst.
+Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Jahre sich ein
+Beispiel einer solchen Betrübnis finde: vielmehr handelt jede ungefähr
+ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero
+hatte auf die Natur der Betrübnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem
+Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht
+bloß von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kälterm Geblüte
+fortsetzen zu müssen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes,
+faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri,
+quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt
+humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad
+moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros
+vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed
+etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est,
+aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw.
+
+Menedemus aber, so heißt der Selbstpeiniger bei dem Terenz, hält sich
+nicht allein so hart aus Betrübnis; sondern, warum er sich auch jeden
+geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich
+dieses: um desto mehr für den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal
+ein desto gemächlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein
+so ungemächliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Väter
+tun würden? Meint aber Diderot, daß das Eigene und Seltsame darin
+bestehe, daß Menedemus selbst hackt, selbst gräbt, selbst ackert: so hat
+er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten
+gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit würde das freilich nicht so
+leicht tun: denn die wenigsten würden es zu tun verstehen. Aber die
+wohlhabensten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen
+Arbeiten bekannter und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen.
+
+Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des
+Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentümlichen, wegen dieser ihm fast
+nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so
+ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler
+gefallen? Denn was kann eigentümlicher sein, als der Charakter seines
+Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein
+zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? "Gleich nach meiner
+Geburt", läßt er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort
+verschleudert, der die Grenze zwischen Einöde und Gesellschaft heißen
+kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die
+mich mit den Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern davon
+erblicken. Dreißig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und
+verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden,
+noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht
+hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern,
+vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des
+Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen
+begegnen. Aber daß es ganze dreißig Jahre in der Welt herumirren könne,
+ohne die Zärtlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne
+irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht hätte:
+das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder wenn es
+möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden
+Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten
+Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Möglichkeit wirklich zu
+machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder
+einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das
+menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst, ein
+Bär geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter
+Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will:
+wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er unter Wesen, die, ehe er
+sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn
+anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht
+glückliche, so sind es unglückliche Menschen! Menschen sind es doch
+immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um
+von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfließen: das Wasser
+heiße, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean.
+
+Gleichwohl soll diese dreißigjährige Einsamkeit unter den Menschen den
+Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun
+ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in
+ihm erkennen?
+
+Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er
+sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung
+werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen
+Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der
+tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein
+komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte
+Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie
+füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen
+den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so
+allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so völlig individuell
+sind, als diese; und solcher Art dürfte doch wohl der Charakter des
+Dorval sein.
+
+Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen.
+Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, daß die Tragödie Individua, die
+Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, daß die Personen der
+Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen
+müßten; dahingegen der Held der Tragödie nur der und der Mensch, nur
+Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat
+auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er
+die ernsthafte Komödie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter
+seines Dorval wäre so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so fällt
+auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natürlichen Sohnes kann
+aus einer so ungegründeten Einteilung keine Rechtfertigung zufließen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Unterred., S. 292 d. Übers.
+
+[2] Falls nämlich die 6. Zeile des Prologs
+
+Duplex quae ex argumento facta est simplici,
+
+von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen
+ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Übersetzer des
+Terenz, Colman, sie erklären. Terence only meant to say, that he had
+doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one
+mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very
+properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been
+implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon
+Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius,
+hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt
+diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item
+duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil
+ich gar nicht einsehe, was von dem Stücke übrigbleibt, wenn man die
+Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte
+verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie
+Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe
+behandeln können; beide sind so genau hineingeflochten, daß ich mir weder
+Verwicklung noch Auflösung ohne sie denken kann. Einer andern Erklärung,
+durch welche sich Julius Scaliger lächerlich gemacht hat, will ich gar
+nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom
+Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit
+haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu
+verändern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermaßen berechtigten.
+Einige haben gelesen:
+
+Duplex quae ex Argumente facta est duplici.
+
+Andere:
+
+Simplex quae ex argumento facta est duplici.
+
+Was bleibt noch übrig, als daß nun auch einer lieset:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici?
+
+Und in allem Ernste: so möchte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle
+im Zusammenhange, und überlege meine Gründe:
+
+ Ex integra Graeca integram comoediam
+ Hodie sum acturus Heautontimorumenon:
+ Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern
+am Theater vorgeworfen ward:
+
+ Multas contaminasse graecas, dum facit
+ Paucas latinas--
+
+[4] Er schmelzte nämlich öfters zwei Stücke in eines und machte aus zwei
+griechischen Komödien eine einzige lateinische. So setzte er seine
+"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen
+"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine
+"Brüder" aus den "Brüdern" des nämlichen und einem Stücke des Diphilus.
+Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des
+"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit
+nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm
+getan hätten.
+
+ --Id esse factum hic non negat
+ Neque se pigere, et deinde factum iri autumat.
+ Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi
+ Licere id facere, quod illi fecerunt putat.
+
+[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, daß ich es noch öfterer
+tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stücke, und nicht auf das
+gegenwärtige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei
+griechischen Stücken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens
+genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile
+sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+So einfach, will Terenz sagen, als das Stück des Menanders ist, ebenso
+einfach ist auch mein Stück; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken
+eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stücke
+genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem lateinischen;
+ich gebe also
+
+Ex integra Graeca integram Comoediam.
+
+Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben
+fand, daß es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar
+falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das
+zweite integram schicken würde.--Und so glaube ich, daß sich meine
+Vermutung und Auslegung wohl hören läßt! Nur wird man sich an die gleich
+folgende Zeile stoßen:
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, daß er das ganze Stück aus einem
+einzigen Stücke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch
+dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, daß sein Stück neu sei,
+novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar
+durch eine Erklärung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten
+getraue, daß sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur
+mir zugehört, und kein Ausleger, soviel ich weiß, sie nur von weitem
+vermutet hat. Ich sage nämlich: die Worte,
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem
+vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, apud Aediles;
+novus aber heißt hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen,
+sondern bloß, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Daß mein
+Stück, will er sagen, ein neues Stück sei, das ist, ein solches Stück,
+welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem
+Griechischen übersetzt, das habe ich den Ädilen, die mir es abgekauft,
+bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an
+den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Ädilen
+hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen
+übersetztes Stück verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den
+Ädilen überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei
+alten Stücken des Nävius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der
+"Eunuchus" mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die
+Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der
+griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ihm unwissend, schon Nävius
+und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen
+bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natürlicher, als daß
+er den Ädilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des
+Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Ädilen konnten das leicht selbst von
+ihm gefodert haben. Und darauf geht das
+
+Novam esse ostendi, et quae esset.
+
+[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundachtzigstes Stück
+Den 8. März 1768
+
+Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Assertion ohne allen Beweis
+gelassen hat. Er muß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein
+Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um
+ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den
+wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles
+und Alexander und Cato und Augustus heißen und Achilles, Alexander, Cato,
+Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus
+geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie
+sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen,
+und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können? Fast scheint
+es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren
+widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen
+Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den größern Nutzen
+der letztern vor der ersten gegründet. Auch hat er es auf eine so
+einleuchtende Art getan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine
+geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein
+Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein könne.
+
+"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen
+Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet
+klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu erzählen, was geschehen,
+sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was
+nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei möglich gewesen.
+Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die
+gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des Herodotus in
+gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in
+gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener
+waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was
+geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene
+gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher
+als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die
+Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein
+Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln
+würde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das
+Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der
+Komödie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die
+Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt man die etwanigen
+Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei
+dem Einzeln bleiben. Bei der Tragödie aber hält man sich an die schon
+vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist und wir
+nicht möglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen
+offenbar möglich sein muß, weil es nicht geschehen wäre, wenn es nicht
+möglich wäre. Und doch sind auch in den Tragödien, in einigen nur ein
+oder zwei bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch
+gar keiner, so wie in der ›Blume‹ des Agathon. Denn in diesem Stücke sind
+Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefällt es darum
+nichts weniger."
+
+In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Übersetzung anführe, mit
+welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als möglich, sind
+verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen
+können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier
+zur Sache gehört, muß ich mitnehmen.
+
+Das ist unwidersprechlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen
+Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung
+ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst
+die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der
+poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln,
+nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein
+jeder von ihrer Beschaffenheit in den nämlichen Umständen sprechen oder
+handeln würde und müßte. In diesem [Greek: katholou], in dieser
+Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer
+und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist,
+daß derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene
+Physiognomien geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der
+Welt ähnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre
+Kindheit zurücksetzen und in Satire verkehren würde: so ist es auch
+ebenso wahr, daß derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den
+Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigentümlichkeiten,
+die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie
+alle diese Eigentümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato
+zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, daß, sage ich,
+dieser die Tragödie entkräften und zur Geschichte erniedrigen würde.
+
+Aber Aristoteles sagt auch, daß die Poesie auf dieses Allgemeine der
+Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders
+bei der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die
+Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnügt, im geringsten aber
+nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber
+ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas
+ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie,
+wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser
+Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person,
+besonders bei der Komödie, schon längst sichtbar gewesen?
+
+Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei
+legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae
+poiaesis onomata epitithemenae], übersetzt Dacier: Une chose générale,
+c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractère a dû dire, ou
+faire vraisemblablement ou nécessairement, ce qui est le but de la poésie
+lors même, qu'elle impose les noms à ses personnages. Vollkommen so
+übersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermöge
+eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
+redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch
+wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung
+über diese Worte stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen
+eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine
+ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei:
+aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht,
+davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors
+même, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts
+davon zu sagen gewußt, ja, daß sie gar nicht einmal verstanden, was
+Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors même, dieses auch wenn, heißt
+bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach
+bloß sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln
+Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser
+Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des
+Dacier, die ich in der Note anführen will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun
+ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es
+erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß
+die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das
+Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst
+auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl
+meinen, daß beides nicht einerlei wäre. Ist es aber nicht einerlei: so
+gerät man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese
+Frage antworten die Ausleger nichts.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Dichtk., 9. Kapitel.
+
+[2] Aristote prévient ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la
+définition qu'il vient de donner d'une chose générale: car les ignorants
+n'auraient pas manqué de lui dire qu'Homère, par exemple, n'a point en
+vue d'écrire une action générale et universelle, mais une action
+particulière, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme
+Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par conséquent, il n'y a aucune
+différence entre Homère et un Historien, qui aurait écrit les actions
+d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir
+que les Poètes, c'est-à-dire, les Auteurs d'une Tragédie ou d'un Poème
+Épique lors même qu'ils imposent les noms à leurs personnages ne pensent
+en aucune manière à les faire parler véritablement, ce qu'ils seraient
+obligés de faire, s'ils écrivaient les actions particulières et
+véritables d'un certain homme, nommé Achille ou Edipe, mais qu'ils se
+proposent de les faire parler et agir nécessairement ou vraisemblablement;
+c'est-à-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce même
+caractère doivent faire et dire en cet état, ou par nécessité, ou au moins
+selon les règles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que
+ce sont des actions générales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr
+Curtius in seiner Anmerkung; nur daß er das Allgemeine und Einzelne noch an
+Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, daß er auf den
+Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge würden es nur personifierte
+Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln ließe, da es doch
+charakterisierte Personen sein sollen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunzigstes Stück
+Den 11. März 1768
+
+Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon längst an
+der Komödie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae
+touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta
+tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton
+kath' ekaston poiousin]. Ich muß auch hiervon die Übersetzungen des
+Dacier und Curtius anführen. Dacier sagt: C'est ce qui est déjà rendu
+sensible dans la comédie, car les poètes comiques, après avoir dressé
+leur sujet sur la vraisemblance, imposent après cela à leurs personnages
+tels noms qu'il leur plaît, et n'imitent pas les poètes satyriques, qui
+ne s'attachent qu'aux choses particulières. Und Curtius: "In dem
+Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die
+Komödienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit
+entworfen haben, legen sie den Personen willkürliche Namen bei und setzen
+sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum
+Ziele." Was findet man in diesen Übersetzungen von dem, was Aristoteles
+hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als
+daß die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist,
+satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das
+Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkürliche Namen, tels
+noms qu'il leur plaît, beilegten. Gesetzt nun auch, daß [Greek: ta
+tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten könnten: wo haben denn beide
+Übersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses
+"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn
+diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren
+Personen nicht allein willkürliche Namen bei, sondern sie legten ihnen
+diese willkürliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, daß
+sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das?
+Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius!
+
+Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die
+Komödie gab ihren Personen Namen, welche, vermöge ihrer grammatischen
+Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die
+Beschaffenheit dieser Personen ausdrückten: mit einem Worte, sie gab
+ihnen redende Namen; Namen, die man nur hören durfte, um sogleich zu
+wissen, von welcher Art die sein würden, die sie führen. Ich will eine
+Stelle des Donatus hierüber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei
+Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brüder", in
+comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim
+absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae
+incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus
+fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon:
+juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo
+et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae
+vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque
+protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut
+Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr
+Beispiele hiervon überzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus
+und Terenz untersuchen. Da ihre Stücke alle aus dem Griechischen genommen
+sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und
+haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die
+Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein
+haben können; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und
+sicher angeben können.
+
+Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern
+muß ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da
+nicht erinnern können, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie
+verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klärer sein, als was
+der Philosoph von der Rücksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der
+Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als daß
+[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], daß sich
+diese Rücksicht bei der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe?
+Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter
+von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der
+beleidigenden Satire die unterrichtende Komödie entstand: suchte man
+jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische
+feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder
+jenem Stamme: er hieß Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende
+Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hieß nicht, wie ein gewisser
+armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artotrogus, Brockenschröter. Der
+Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater
+in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln
+Bürgers: er hieß Phidippides, Junker Sparroß.
+
+Man könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine
+Erfindung der neuern griechischen Komödie sein dürften, deren Dichtern
+es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber
+Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe und folglich bei
+seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen können. Das letztere
+behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, daß die
+ältere griechische Komödie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in
+denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine
+gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer
+dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit
+Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Diese Periode könnte leicht sehr falsch verstanden werden. Nämlich
+wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das für etwas
+Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist
+doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es würde
+ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar
+erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschäftigungen
+beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff
+ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein
+bei ihm, was er seinen Personen für Namen beilegen, oder was er mit diesen
+Namen für einen Stand oder für eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach
+dürfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrückt
+haben; und mit Veränderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoß vermieden.
+Man lese nämlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum
+confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere
+et nomen personae u.s.w.
+
+[2] Hurd in seiner Abhandlung über die verschiedenen Gebiete des Drama:
+From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of
+this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who
+defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking
+ridicule. His notion was taken from the state and practice of the
+Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to
+this description. The great revolution, which the introduction of the new
+comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses
+nimmt Hurd bloß an, damit seine Erklärung der Komödie mit der
+Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat
+die Neue Komödie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in
+der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen
+Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton
+komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae
+aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man könnte zwar sagen, daß
+unter der Neuen Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch
+keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heißen müssen.
+Man könnte hinzusetzen, daß Aristoteles in eben der Olympiade gestorben,
+in welcher Menander sein erstes Stück aufführen lassen, und zwar noch das
+Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat
+unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Menander rechnet;
+Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach,
+aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehört schrieb viel früher,
+und der Übergang von der Mittleren zur Neuen Komödie war so unmerklich,
+daß es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselben kann gefehlt haben.
+Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein
+"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen
+Veränderungen zueignen konnte: Kokalon heißt es in dem "Leben des
+Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai
+talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von
+allen verschiedenen Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte auch
+Aristoteles seine Erklärung der Komödie überhaupt auf sie alle
+einrichten. Das tat er denn; und die Komödie hat nachher keine
+Erweiterung bekommen, für welche diese Erklärung zu enge geworden wäre.
+Hurd hätte sie nur recht verstehen dürfen, und er würde gar nicht nötig
+gehabt haben, um seine an und für sich richtigen Begriffe von der Komödie
+außer allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu
+der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Einundneunzigstes Stück
+Den 15. März 1768
+
+Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf
+das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte
+Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich
+mit Erziehung junger Leute bemengten, lächerlich und verdächtig machen.
+Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte
+diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher
+eine Menge Züge, die auf den Sokrates gar nicht paßten; so daß Sokrates
+in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben
+konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komödie, wenn man diese
+nicht treffende Züge für nichts als mutwillige Verleumdungen erklärt und
+sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für
+Erweiterungen des einzeln Charakters, für Erhebungen des Persönlichen zum
+Allgemeinen!
+
+Hier ließe sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen
+Komödie überhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch
+nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es ließe sich
+anmerken, daß dieser Gebrauch keinesweges in der ältern griechischen
+Komödie allgemein gewesen,[1] daß sich nur der und jener Dichter
+gelegentlich desselben erkühnet,[2] daß er folglich nicht als ein
+unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komödie zu betrachten. [3]
+Es ließe sich zeigen, daß, als er endlich durch ausdrückliche Gesetze
+untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser
+Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch
+stillschweigend für ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stücken des
+Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt
+und lächerlich gemacht.[4] Doch ich muß mich nicht aus einer
+Ausschweifung in die andere verlieren.
+
+Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragödie machen.
+So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens
+vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal
+einer eiteln und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates
+bekam, weil Sokrates als ein solcher Täuscher und Verführer zum Teil
+bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloß der
+Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband
+und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens
+bestimmte: so ist auch bloß der Begriff des Charakters, den wir mit den
+Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum
+der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er führt
+einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen
+Begegnissen dieser Männer bekanntzumachen, nicht um das Gedächtnis
+derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu
+unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können
+und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren
+wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht,
+daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurückführen müsse;
+er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere
+bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß
+sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und
+über Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben
+haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen
+schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen
+lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon
+gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in
+seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch
+wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen und alles, was einmal
+geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser
+Ursachen fließt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe
+überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nötig, sich
+umständlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer
+von anderwärts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt außer
+meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger
+mißverstanden als jene.
+
+Nun also auf die Behauptung des Diderot zurückzukommen. Wenn ich die
+Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu haben glauben darf: so darf ich
+auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache
+selbst unmöglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die
+Charaktere der Tragödie müssen ebenso allgemein sein, als die Charaktere
+der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder
+Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders
+verstehen, als Aristoteles darunter verstand.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komödie von dem Margites
+des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen
+worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die
+erdichteten Namen mit eingeführt haben. Denn Margites war wohl nicht der
+wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von
+[Greek: margaes] gemacht worden, als daß [Greek: margaes] von [Greek:
+Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten
+Komödie finden wir es auch ausdrücklich angemerkt, daß sie sich aller
+Anzüglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht möglich gewesen
+wäre. z.E. von dem Pherekrates.
+
+[2] Die persönliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche
+Eigenschaft der alten Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter
+gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkühnet. Es war Cratinus, welcher
+zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke,
+tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae
+komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine,
+verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten hatte.
+Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sei,
+welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.):
+[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All'
+Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei].
+
+[3] Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium
+betrachten mögen. Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so
+viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten.
+
+[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und
+will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten
+verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil
+gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et
+Phormis inventèrent les sujets de leurs pièces, puisque l'un et l'autre
+ont été des Poètes de la vieille Comédie, où il n'y avait rien de feint,
+et que ces aventures feintes ne commencèrent à être mises sur le théâtre,
+que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-à-dire dans la nouvelle Comédie.
+(Remarque sur le Chap. V. de la Poét. d'Arist.) Man sollte glauben, wer
+so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Aristophanes
+getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komödie, war
+ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer
+sein konnten. Kein einziges von den übriggebliebenen Stücken des
+Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen wäre;
+und wie kann man sagen, daß sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil
+sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als
+ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei
+poiaetaen ae ton metron]: würde er nicht schlechterdings die Verfasser
+der alten griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben
+ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer
+Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragödie gar wohl
+mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus
+der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch
+in der Komödie bestehen können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß
+gewesen sein, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche und
+auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmähsucht
+zurückfalle; vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das [Greek: katholou
+poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den
+ältesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und
+wird es gewiß dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wußte,
+wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles
+und Sokrates namentlich mitgenommen.
+
+[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komödie
+lächerlich zu machen, in seiner "Republik" einführen wollte ([Greek:
+maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno
+maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals
+darüber gehalten worden. Ich will nicht anführen, daß in den Stücken des
+Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit
+Namen genennt ward; man könnte antworten, daß dieser Abschaum von
+Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Ktesippus, der Sohn des
+Chabrias, war doch gewiß atheniensischer Bürger so gut wie einer, und man
+sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.)
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Zweiundneunzigstes Stück
+Den 18. März 1768
+
+Und warum könnte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen
+andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso
+ausdrückt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu
+widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht,
+daß ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern für denjenigen erkennen
+muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat.
+
+Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd;
+ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Übersetzungen bei uns
+immer am spätesten bekannt werden. Ich möchte ihn aber hier nicht gern
+anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der
+Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so
+dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen
+daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich
+also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unübersetzten
+guten Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit
+fertigen Feder geben wollen.
+
+Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Über die verschiednen Gebiete
+des Drama" beigefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nur
+die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwägung gezogen worden,
+ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen.
+Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste
+einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu fällen. Nachdem
+er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drei Gattungen
+desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des
+Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener
+allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen
+Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in
+welchen sie voneinander unterschieden sein müssen.
+
+Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch
+diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete
+Begebenheit zuträglicher sei. Hierauf fährt er fort: The same genius in
+the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy
+makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of
+Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of
+covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of
+cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem nämlichen Geiste schildern
+die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle
+ihre Charaktere general; die Tragödie partikulär. Der Geizige des Molière
+ist nicht so eigentlich das Gemälde eines geizigen Mannes, als des Geizes
+selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemälde der Grausamkeit,
+sondern nur eines grausamen Mannes."
+
+Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit
+erfodert, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen
+sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die
+Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr
+wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem
+ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so
+weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre
+Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren;
+angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von
+Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben
+wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält.
+
+Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein
+bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolge bloß annehmen, so wie sie da
+liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu
+widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloß, welches aus
+der weitern Erklärung des Hurd erhellet.
+
+"Es wird aber", fährt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten
+Verstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu
+begünstigen scheinen könnte.
+
+Die erste betrifft die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie
+partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind
+partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der
+Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den
+charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so
+viele zusammenzieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem
+Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung
+unumgänglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Züge, durch die er
+sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht.
+
+Es ist fast wie mit dem Porträtmalen. Wenn ein großer Meister ein
+einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die
+er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nämlichen Art nur so
+weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentümlichen
+Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Künstler hingegen einen Kopf
+überhaupt malen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge
+zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt
+hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in
+Gedanken gemacht hat und in seinem Gemälde darstellen will.
+
+Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des
+Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter
+partikular nenne, ich bloß sagen will, daß er die Art, zu welcher er
+gehöret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, daß das,
+was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig
+sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als
+wovon ich das Gegenteil anderwärts behauptet und umständlich
+erläutert habe.[1]
+
+Was zweitens die Komödie anbelangt, so habe ich gesagt, daß sie generale
+Charaktere geben müsse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Molière
+angeführt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen
+Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte nicht in aller
+ihrer Strenge nehmen. Molière dünkt mich in diesem Beispiele selbst
+fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklärung, nicht
+ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen.
+
+Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine
+ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese
+Charaktere so allgemein macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise
+die in dem Stücke aufgeführte Person gleichsam der Repräsentant aller
+Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der
+Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur möglich. Es muß aber
+sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den
+möglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken,
+sondern nur bis auf die wirkliche Äußerung seiner Kräfte, so wie sie von
+der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden
+können. Hierin haben Molière, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der
+Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige
+Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine
+grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich
+nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer
+einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter
+und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben
+erteilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung
+verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder
+herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen;
+und diese Vermischung muß sich in jedem dramatischen Gemälde von Sitten
+finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche
+Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden
+Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den
+andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende
+Charakter sich desto kräftiger ausdrücke."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae
+morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd
+zeigt, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen
+Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist;
+Falschheit hingegen das heiße, was zwar dem vorhabenden besondern Falle
+angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur übereinstimmend sei.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Dreiundneunzigstes Stück
+Den 22. März 1768
+
+"Alles dieses läßt sich abermals aus der Malerei sehr wohl erläutern. In
+charakteristischen Porträten, wie wir diejenigen nennen können, welche
+eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann
+von wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer abstrakten
+Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein,
+daß irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drückt er stark,
+und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden
+Leidenschaft am sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses getan hat, so
+dürfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein
+Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Porträte sagen,
+daß es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade
+so wie die Alten von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silanion
+angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die
+Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muß bloß so verstanden
+werden, daß er die hauptsächlichen Züge der vorgebildeten Leidenschaft
+gut ausgedrückt habe. Denn im übrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso,
+wie er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die
+mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmaß und
+Verhältnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht.
+Und das heißt denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von
+einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft
+verwandelt wäre. Keine Metamorphosis könnte seltsamer und unglaublicher
+sein. Gleichwohl sind Porträte, in diesem tadelhaften Geschmacke
+verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer
+Sammlung das Gemälde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewöhnlicheres gibt
+es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede
+Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden,
+sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darüber zu
+äußern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit würde Le Bruns Buch
+von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen
+Porträte enthalten: und die Charaktere des Theophrasts müßten, in Absicht
+auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein.
+
+Über das erstere dieser Urteile würde jeder Virtuose in den bildenden
+Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, fürchte ich, dürften wohl
+nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener
+unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu
+urteilen, welchen dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es
+ließen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beispiele
+anführen. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten
+Ideen auszuführen, in ihrem völligen Lichte sehen will, der darf nur Ben
+Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein
+charakteristisches Stück sein soll, in der Tat aber nichts als eine
+unnatürliche und, wie es die Maler nennen würden, harte Schilderung einer
+Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild
+in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer
+ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von ihrer Einrichtung
+sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse'
+ausdrücklich nachgeahmet zu haben scheint.
+
+Auch hierin, müssen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern
+noch wesentlichern Schönheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer
+seine Komödien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden,
+daß seine auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den größten Teil
+ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdrücken und ihre
+wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die
+Umstände eine ungezwungene Äußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese
+besondere Vortrefflichkeit seiner Komödien entstand daher, daß er die
+Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles
+aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstoßen
+konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Skribenten
+verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen
+Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der ängstlichen Sorgfalt
+ihre Lieblingscharaktere in beständigem Spiele und ununterbrochner
+Tätigkeit zu erhalten. Man könnte über diese ungeschickte Anstrengung
+ihres Witzes sagen, daß sie mit den Personen ihres Stücks nicht anders
+umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit
+ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren Anteil an der allgemeinen
+Unterhaltung gar nicht nehmen können, sondern nur immer, zum Vergnügen
+der Gesellschaft, Sprünge und Männerchen machen müssen."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8.
+
+[2] Beim B. Jonson sind zwei Komödien, die er vom Humor benennt hat;
+die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of
+his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde
+auf die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch als
+den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst:
+
+ As when some one peculiar quality
+ Doth so possess a Man, that it doth draw
+ All his affects, his spirits, and his powers,
+ In their constructions, all to run one way.
+ This may be truly said to be a humour.
+ But that a rook by wearing a py'd feather,
+ The cable hatband, or the three-pil'd ruff,
+ A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot
+ On bis French garters, should affect a humour!
+ O, it is more than most rediculous.
+
+[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stücke des Jonson also sehr
+wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der
+Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals
+bei ihnen großenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation
+lächerlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen,
+müßte auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand
+der Komödie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen,
+sich durch etwas Eigentümliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine
+menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie
+wählt, sehr lächerlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber,
+wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene
+Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel
+zu speziell, als daß es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht
+des Drama vertragen könnte. Der überhäufte Humor in vielen englischen
+Stücken dürfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere
+derselben sein. Gewiß ist es, daß sich in dem Drama der Alten keine Spur
+von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wußten das Kunststück,
+ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter
+überhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann
+und wann Humor: wenn nämlich die historische Wahrheit oder die Aufklärung
+eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich
+habe Exempel davon fleißig gesammelt, die ich auch bloß darum in Ordnung
+bringen zu können wünschte, um gelegentlich einen Fehler
+wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir übersetzen
+nämlich itzt fast durchgängig Humor durch Laune; und ich glaube mir
+bewußt zu sein, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe
+sehr unrecht daran getan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt
+wäre. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor
+und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade
+entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist,
+außer diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich hätte die Abstammung unsers
+deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben besser
+untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune
+das französische Humeur ausdrücke, daß es auch das englische Humour
+ausdrucken könnte; aber die Franzosen selbst können Humour nicht durch
+Humeur übersetzen.--Von den genannten zwei Stücken des Jonson hat das
+erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier gerügten Fehler
+weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so
+individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnlichen Natur nicht
+bestehen könnte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung
+so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem
+Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der
+wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiß weder wie noch warum;
+und ihr Gespräch ist überall durch ein paar Freunde des Verfassers
+unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingeführt sind und Betrachtung
+über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu
+behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an,
+daß alle die Personen in Umstände geraten, in welchen sie ihres Humors
+satt und überdrüssig werden.
+
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Vierundneunzigstes Stück
+Den 25. März 1768
+
+Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den
+Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird nötig
+sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklärt zu haben
+versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur
+partikular wären, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß
+überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem
+Aristoteles übereinstimmen.
+
+"Wahrheit", sagt er, "heißt in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der
+allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher,
+als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit
+jener allgemeinen Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in
+der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge:
+einmal, die Sokratische Philosophie fleißig zu studieren; zweitens, sich
+um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil
+es der eigentümliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius
+accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere
+Ähnlichkeit erteilen zu können. Sich hiervon zu überzeugen, darf man nur
+erwägen, daß man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau
+halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der
+Künstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu ängstlich
+befleißigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten,
+und so die allgemeine Idee der Gattung auszudrücken verfehlen. Oder er
+kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemüht, sie aus zu
+vielen Fällen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange,
+zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich
+bloß in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses
+letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederländischen
+Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und
+nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schönheit
+entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man
+gleichfalls den niederländischen Meistern vorwirft und der dieser ist,
+daß sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine
+und reizende Natur sich zum Vorbilde wählen.
+
+Wir sehen also, daß der Dichter, indem er sich von der eigenen und
+besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit
+nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen
+Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegrübelt hatte und nicht ohne
+Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Nämlich, daß die poetische
+Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen könne. Denn, der
+poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters
+eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge;
+und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem göttlichen
+Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild
+von dem Bilde eines Bildes und liefert uns ursprüngliche Wahrheit nur
+gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernünftelei fällt
+weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehörig fasset und
+fleißig in Ausübung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles
+absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet,
+überspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden
+besondern Gegenstände und erhebt sich, soviel möglich, zu dem göttlichen
+Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus
+lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewöhnliche Lob,
+welches der große Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; daß
+sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere
+Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias
+estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr
+begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d'
+historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein
+wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den
+zwei großen Nebenbuhlern der griechischen Bühne soll befunden haben. Wenn
+man dem Sophocles vorwarf, daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle,
+so pflegte er sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so
+schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie wären:
+[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi
+eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen
+ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung,
+welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen
+vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische
+Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht
+hatte und von da aus das Leben übersehen wollte, hielt seinen Blick zu
+sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet,
+versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den
+vorhabenden Gegenständen nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr,
+aber auch dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die zur
+Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7]
+
+Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen
+müssen. Man könnte sagen, 'daß philosophische Spekulationen die Begriffe
+eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das
+Individuelle einschränken müßten. Das letztere sei ein Mangel, welcher
+aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den Menschen zu
+betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch
+abzuhelfen, daß man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin
+die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die
+allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen
+Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bücher hätten ihren
+allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer
+ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben
+können, ohne welche ihre Bücher sonst von keinem Werte sein würden.' Die
+Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwägung der allgemeinen
+Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein
+muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften
+entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, welches der
+beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen,
+wieweit und in welchem Grade von Stärke sich dieser oder jener Charakter,
+bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist
+einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Daß
+Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides
+war, sehr häufig sollten gewesen sein, läßt sich nicht wohl annehmen:
+auch werden, wo sich dergleichen in seinen übriggebliebenen Stücken etwa
+finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, daß sie auch einem
+gemeinen Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten sein,
+die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermögend ist; und
+auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit
+der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im
+Grunde eine Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches
+Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche
+Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber
+gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, wenn ich sie auch
+schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine
+Meinung zu erläutern dienen kann."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] De arte poet. v. 310. 317. 318.
+
+[2] De Orat. I. 51.
+
+[3] Nach Maßgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis
+formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret:
+sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam
+intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum
+dirigebat. (Cic. Or. 2.)
+
+[4] Plato de Repl., L. X.
+
+[5] "Dichtkunst", Kap. 9.
+
+[6] "Dichtkunst", Kap. 25.
+
+[7] Diese Erklärung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles
+gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Übersetzung scheinet Dacier
+zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Héros,
+comme ils devaient être et qu'Euripide les faisait comme ils étaient.
+Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd
+versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des
+Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren
+individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich
+dabei eine höhere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu
+erreichen fähig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese,
+sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewöhnlicherweise beigelegt:
+Sophocle tâchait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours
+bien plus ce qu'une belle Nature était capable de faire, que ce qu'elle
+faisait. Allein diese höhere moralische Vollkommenheit gehöret gerade zu
+jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht
+dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt,
+schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des
+Sophokles. Die weitere Ausführung hiervon verdienet mehr als eine Note.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Fünfundneunzigstes Stück
+Den 29. März 1768
+
+"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem
+Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll
+erfülltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Härte, mit der man
+sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit stärkere
+Bewegungsgründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. Eine
+solche heftige Gemütsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl
+schließen, muß immer sehr bereit sein, sich zu äußern. Elektra, kann er
+wohl einsehen, muß, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren
+Groll an den Tag legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen
+zu können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen darf? d.I.
+wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, ohne daß ein Mann, der
+mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften
+im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich?
+Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein.
+Sogar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier
+nicht hinlänglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt
+haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf
+das Äußerste getrieben hätte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die
+Geschichte dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine
+tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es
+der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die
+eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig
+und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Fälle als möglich; einzig
+und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche
+Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen im
+wirklichen Leben gewöhnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis
+in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der
+Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter
+von dem Euripides wirklich behandelt worden.
+
+In der schönen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes
+vorfällt, von dem sie aber noch nicht weiß, daß er ihr Bruder ist, kömmt
+die Unterredung ganz natürlich auf die Unglücksfälle der Elektra und auf
+den Urheber derselben, die Klytämnestra, sowie auch auf die Hoffnung,
+welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu
+werden. Das Gespräch, wie es hierauf weitergehet, ist dieses:
+
+Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er käme nach Argos zurück--
+
+Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals
+zurückkommen wird?
+
+Orestes. Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen, um den Tod
+seines Vaters zu rächen?
+
+Elektra. Sich eben des erkühnen, wessen die Feinde sich gegen seinen
+Vater erkühnten.
+
+Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen?
+
+Elektra. Sie mit dem nämlichen Eisen umbringen, mit welchem sie
+meinen Vater mordete!
+
+Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinem Bruder
+vermelden?
+
+Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!'
+
+Das Griechische ist noch stärker:
+
+[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes].
+
+'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht
+habe!'
+
+Nun kann man nicht behaupten, daß diese letzte Rede schlechterdings
+unnatürlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo
+unter ähnlichen Umständen die Rache sich ebenso heftig ausgedrückt hat.
+Gleichwohl, denke ich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders
+als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht für gut,
+ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umständen nur
+das: 'Jetzt sei dir die Ausführung überlassen! Wäre ich aber allein
+geblieben, so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nicht mißlingen
+sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!'
+
+Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus
+einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen
+Natur überhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemäßer ist, als die
+Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen überlassen, die
+es zu beurteilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere
+sein, als die ich angenommen: daß nämlich Sophokles seine Charaktere so
+geschildert, als er, unzähligen von ihm beobachteten Beispielen der
+nämlichen Gattung zufolge, glaubte, daß sie sein sollten; Euripides aber
+so, als er in der engeren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte, daß
+sie wirklich wären‹--".
+
+Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen
+Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sie unstreitig so viel feine
+Bemerkungen, daß es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen
+Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, daß er meine
+Absicht selbst darüber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu
+zeigen, daß auch Hurd, so wie Diderot, der Tragödie besondere, und nur
+der Komödie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem
+Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen
+poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget.
+Hurd erklärt sich nämlich so: der tragische Charakter müsse zwar
+partikulär oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er müsse
+die Art, zu welcher er gehöre, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber
+müsse das wenige, was man von ihm zu zeigen für gut finde, nach dem
+Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1]
+
+Und nun wäre die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen
+wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen wäre, sich nirgends in
+Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem
+daran gelegen ist, daß zwei denkende Köpfe von der nämlichen Sache nicht
+Ja und Nein sagen, könnte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung
+unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen.
+
+Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich dünkt, es ist
+eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar
+darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die
+eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter
+verneinen, ist nicht die nämliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet.
+Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die
+andere schlechterdings ausschlösse?
+
+In der ersten Bedeutung heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in
+welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat,
+zusammennimmt; es heißt mit einem Worte, ein überladener Charakter; es
+ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine
+charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heißt ein
+allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern
+oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine
+mittlere Proportion angenommen; es heißt mit einem Worte, ein
+gewöhnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern
+nur insofern der Grad, das Maß desselben gewöhnlich ist.
+
+Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der
+Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklären. Aber wenn denn nun
+Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als
+tragischen Charakteren erfodert: wie ist es möglich, daß der nämliche
+Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es
+möglich, daß er zugleich überladen und gewöhnlich sein kann? Und gesetzt
+auch, er wäre so überladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem
+getadelten Stücke des Jonson sind; gesetzt, er ließe sich noch gar wohl
+in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, daß er sich wirklich
+in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geäußert habe:
+würde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewöhnlicher sein, als
+jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet?
+
+Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, daß diese
+Blätter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich
+bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich
+mache. Meine Gedanken mögen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar
+sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei
+welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als
+Fermenta cognitionis ausstreuen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less
+representative of the kind than the comic; not that the draught of so
+much character as it is concerned to represent should not be general.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Sechsundneunzigstes Stück
+Den 1. April 1768
+
+Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn
+Romanus "Brüder" wiederholt.
+
+Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brüder" des Herrn Romanus?
+Nach einer Anmerkung nämlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brüder"
+des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi
+nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti
+Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine
+fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komödien zwar ohne seinen
+Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden.
+Noch itzt sind diejenigen Stücke, die sich auf unserer Bühne von ihm
+erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen
+Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie wäre gehöret worden.
+Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit
+seinen Arbeiten für das Theater so lange fortzufahren, bis die Stücke
+aufgehört hätten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafür die
+Stücke empfohlen hätte?
+
+Das meiste, was wir Deutsche noch in der schönen Literatur haben, sind
+Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, daß
+es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Männer, sagt
+man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschäfte, zu welchen sie
+die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komödien heißen
+Spielwerke; allenfalls nicht unnützliche Vorübungen, mit welchen man sich
+höchstens bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr beschäftigen darf. Sobald
+wir uns dem männlichen Alter nähern, sollen wir fein alle unsere Kräfte
+einem nützlichen Amte widmen; und läßt uns dieses Amt einige Zeit, etwas
+zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der
+Gravität und dem bürgerlichen Range desselben bestehen kann; ein hübsches
+Kompendium aus den höhern Fakultäten, eine gute Chronike von der lieben
+Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen.
+
+Daher kömmt es denn auch, daß unsere schöne Literatur, ich will nicht
+bloß sagen gegen die schöne Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen
+aller neuern polierten Völker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches
+Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an
+Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kräfte und Nerven, Mark
+und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein
+Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner
+Erholung und Stärkung, einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner
+alltäglichen Beschäftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann
+wohl z.E. in unsern höchst trivialen Komödien finden? Wortspiele,
+Sprichwörter, Späßchen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hört:
+solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnügt so gut
+es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschüttern will, wer
+zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und
+kömmt nicht wieder.
+
+Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst
+in die Welt tritt, kann unmöglich die Welt kennen und sie schildern. Das
+größte komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und
+leer; selbst von den ersten Stücken des Menanders sagt Plutarch,[1] daß
+sie mit seinen spätern und letztern Stücken gar nicht zu vergleichen
+gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, könne man schließen, was er
+noch würde geleistet haben, wenn er länger gelebt hätte. Und wie jung
+meint man wohl, daß Menander starb? Wieviel Komödien meint man wohl, daß
+er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfünfe; und nicht
+jünger als zweiundfunfzig.
+
+Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es
+sich noch der Mühe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von
+den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte
+Teil so viel Stücke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben
+das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es
+aber nur, und spreche!
+
+Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hören. Wir
+haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern,
+deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdächtig zu machen.
+"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich über alle Regeln
+hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie:
+ich glaube, damit wir sie auch für Genies halten sollen. Doch sie
+verraten zu sehr, daß sie nicht einen Funken davon in sich spüren, wenn
+sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdrücken
+das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken
+ließe! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm
+hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist
+ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es
+begreift und behält und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in
+Worten ausdrücken. Und diese seine in Worten ausgedrückte Empfindung
+sollte seine Tätigkeit verringern können? Vernünftelt darüber mit ihm, so
+viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Sätze
+den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von
+diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurück, die während der
+Arbeit auf seine Kräfte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die
+Erinnerung eines glücklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen
+glücklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, daß
+Regeln und Kritik das Genie unterdrücken können: heißt mit andern Worten
+behaupten, daß Beispiele und Übung eben dieses vermögen; heißt, das Genie
+nicht allein auf sich selbst, heißt es sogar lediglich auf seinen ersten
+Versuch einschränken.
+
+Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie über die
+nachteiligen Eindrücke, welche die Kritik auf das genießende Publikum
+mache, so lustig wimmern! Sie möchten uns lieber bereden, daß kein Mensch
+einen Schmetterling mehr bunt und schön findet, seitdem das böse
+Vergrößerungsglas erkennen lassen, daß die Farben desselben nur
+Staub sind.
+
+"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als
+daß es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen könne.--Es ist fast
+nötiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als
+darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Bühne
+muß durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren
+ist leichter als selbst erfinden."
+
+Heißt das, Gedanken in Worte kleiden: oder heißt es nicht vielmehr,
+Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn,
+die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was für
+Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden?
+--Schlaue Köpfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so
+wünschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so
+möchten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen,
+daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist; und glauben
+vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an,
+daß Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt
+zu haben!
+
+Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muß
+raisonnieren können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern
+trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind.
+
+Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang
+gehen und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren.
+Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel.
+Ihr Sommer ist so leicht abgewartet!
+
+Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei
+Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brüder" des Herrn Romanus[2]
+annoch über dieses Stück versprach!--Die vornehmsten derselben werden die
+Veränderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu müssen
+geglaubet, um sie unsern Sitten näher zu bringen.
+
+Was soll man überhaupt von der Notwendigkeit dieser Veränderungen sagen?
+Wenn wir so wenig Anstoß finden, römische oder griechische Sitten in der
+Tragödie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die
+Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein
+entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in
+unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter
+aufbürden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine
+Handlung vorgehen läßt, so genau als möglich zu schildern; da wir in
+dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen?
+"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach
+bloßer Eigensinn, bloße Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten
+Grund in der Natur. Das Hauptsächlichste, was wir in der Komödie suchen,
+ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber
+nicht so leicht versichert sein können, wenn wir es in fremde Moden und
+Gebräuche verkleidet finden. In der Tragödie hingegen ist es die
+Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen
+einheimischen Vorfall aber für die Bühne bequem zu machen, dazu muß man
+sich mit der Handlung größere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte
+Geschichte verstattet."
+
+
+----Fußnote
+
+[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]",
+p. 1588. Ed. Henr. Stephani.
+
+[2] Dreiundsiebzigstes Stück.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Siebenundneunzigstes Stück
+Den 5. April 1768
+
+Diese Auflösung, genau betrachtet, dürfte wohl nicht in allen Stücken
+befriedigend sein. Denn zugegeben, daß fremde Sitten der Absicht der
+Komödie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer
+die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der
+Tragödie ein besseres Verhältnis haben, als fremde? Diese Frage ist
+wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne
+allzumerkliche und anstößige Veränderungen für die Bühne bequem zu
+machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch
+einheimische Vorfälle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragödie am
+leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so müßte es ja doch
+wohl besser sein, sich über alle Schwierigkeiten, welche sich bei
+Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten
+zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht
+alle einheimische Vorfälle so merklicher und anstößiger Veränderungen
+bedürfen; und die deren bedürfen, ist man ja nicht verbunden zu
+bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, daß es gar wohl
+Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben,
+als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat
+er auch schon entschieden, daß sich der Dichter um den wenigern Teil
+seiner Zuschauer, der von den wahren Umständen vielleicht unterrichtet
+ist, lieber nicht bekümmern, als seiner Pflicht minder Genüge
+leisten müsse.
+
+Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komödie haben, beruhet
+auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter
+braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu nötigen
+Beschreibungen und Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach
+ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig
+zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und
+befördern bei dem Zuschauer die Illusion.
+
+Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten
+Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als
+möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht an Nebenzwecke zu
+verschwenden, sondern sie ganz für den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm
+kömmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht
+hierauf antworten, daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß
+sie ihrer ganz und gar entübriget sein könne. Aber sonach braucht sie
+auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben
+und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von
+einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden.
+
+Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht
+bloß in der Komödie, sondern auch in der Tragödie, zum Grunde gelegt. Ja
+sie haben fremden Völkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer
+Tragödie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten
+leihen, als die Wirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische
+Sitten entkräften wollen. Auf das Kostüm, welches unsern tragischen
+Dichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der
+Beweis hiervon können vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und
+die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostüm binden zu dürfen
+glaubten, ist aus der Absicht der Tragödie leicht zu folgern.
+
+Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt
+gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, daß einheimische
+Sitten auch in der Tragödie zuträglicher sein würden, als fremde: so
+setze ich schon als unstreitig voraus, daß sie es wenigstens in der
+Komödie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, daß sie es sind:
+so kann ich auch die Veränderungen, welche Herr Romanus in Absicht
+derselben mit dem Stücke des Terenz gemacht hat, überhaupt nicht anders
+als billigen.
+
+Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und
+römische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhält
+seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch
+nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewöhnlichsten ist. Alle Anwendung
+fällt weg, wo wir uns erst mit Mühe in fremde Umstände versetzen müssen.
+Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je
+vollkommener die Fabel ist, desto weniger läßt sich der geringste Teil
+verändern, ohne das Ganze zu zerrütten. Und schlimm! wenn man sich sodann
+nur mit Flicken begnügt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen.
+
+Das Stück heißt "Die Brüder", und dieses bei dem Terenz aus einem
+doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea,
+sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind
+Brüder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den
+Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum
+unserm Verfasser diese Adoption mißfallen. Ich weiß nicht anders, als daß
+die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebräuchlich und vollkommen
+auf dem nämlichen Fuß gebräuchlich ist, wie sie es bei den Römern war.
+Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten
+Brüder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art
+erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch
+die zwei Alten wirkliche Väter; und das Stück ist wirklich eine Schule
+der Väter, d.i. solcher, denen die Natur die väterliche Pflicht
+aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar übernommen, die sich
+ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen
+Gemächlichkeit bestehen kann.
+
+ Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt!
+
+Sehr wohl! Nur schade, daß durch Auflösung dieses einzigen Knoten,
+welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide
+mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander
+fällt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene
+entstehen, die bloß die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre
+eigene Natur zusammenhält!
+
+Denn ist Aeschinus nicht bloß der angenommene, sondern der leibliche Sohn
+des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekümmern? Der Sohn eines
+Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, daß
+jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschähe es auch in der besten
+Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verführer mit
+aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem
+Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn
+des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als daß ich
+diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn öfters und
+ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhältnisse, in
+welchem er bei dem Terenz stehet, aber er läßt ihm die nämliche
+Ungestümheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhältnis berechtigen
+konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit ärger, als bei dem
+Terenz. Er will aus der Haut fahren, "daß er an seines Bruders Kinde
+Schimpf und Schande erleben muß". Wenn ihm nun aber dieser antwortete:
+"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du könntest an
+meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und
+bleibt, so wird, wie das Unglück, also auch der Schimpf nur meine sein.
+Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er
+beleidiget mich. Falls du mich nur immer so ärgern wil1st, so komm mir
+lieber nicht über die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses
+antwortete: nicht wahr, so wäre die Komödie auf einmal aus? Oder könnte
+Micio etwa nicht so antworten? Ja, müßte er wohl eigentlich nicht so
+antworten?
+
+Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er
+ein so liederliches Leben zu führen glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob
+ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet
+der römische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast
+mir, sagt er, deinen Sohn einmal überlassen; bekümmere dich um den, der
+dir noch übrig ist;
+
+ --nam ambos curare; propemodum
+ Reposcere illum est, quem dedisti--
+
+Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurückzugeben, ist es auch, die
+ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, daß sie
+alle väterliche Empfindungen bei ihm unterdrücken soll. Es muß den Micio
+zwar verdrießen, daß Demea auch in der Folge nicht aufhört, ihm immer die
+nämlichen Vorwürfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht
+verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gänzlich will verderben lassen.
+Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der für das Wohl dessen besorgt
+ist, für den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die
+unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea
+unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zänker, der sich aus
+Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf
+keine Weise an dem bloßen Bruder dulden müßte.
+
+
+
+
+Achtundneunzigstes Stück
+Den 8. April 1768
+
+Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten
+Brüderschaft, auch das Verhältnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke
+es dem deutschen Aeschinus, daß er[1] "vielmals an den Torheiten des
+Ktesipho Anteil nehmen zu müssen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der
+Gefahr und öffentlichen Schande zu entreißen". Was Vetter? Und schickt es
+sich wohl für den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige
+deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch
+inskünftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den
+Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das
+sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", müßte er ihm höchstens
+sagen, "soviel möglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest,
+daß er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter
+Name muß dir wertet sein, als seiner."
+
+Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an
+leiblichen Brüdern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern rühmet:
+
+ --Illius opera nunc vivo! Festivum caput,
+ Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo:
+ Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit.
+
+Denn der brüderlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen
+gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, daß unser Verfasser seinem Aeschinus
+die Torheit überhaupt zu ersparen gewußt hat, die der Aeschinus des
+Terenz für seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entführung hat er in
+eine kleine Schlägerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Jüngling
+weiter keinen Teil hat, als daß er sie gern verhindern wollen. Aber
+gleichwohl läßt er diesen wohlgezognen Jüngling für einen ungezognen
+Vetter noch viel zuviel tun. Denn müßte es jener wohl auf irgendeine
+Weise gestatten, daß dieser ein Kreatürchen, wie Citalise ist, zu ihm in
+das Haus brächte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner
+tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verführerische Damis, diese Pest
+für junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem
+liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die bloße
+Konvenienz des Dichters.
+
+Wie vortrefflich hängt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und
+notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus
+nimmt einem Sklavenhändler ein Mädchen mit Gewalt aus dem Hause, in das
+sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung
+seines Bruders zu willfahren, als um einem größern Übel vorzubauen. Der
+Sklavenhändler will mit diesem Mädchen unverzüglich auf einen auswärtigen
+Markt: und der Bruder will dem Mädchen nach; will lieber sein Vaterland
+verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3]
+Noch erfährt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluß. Was soll er tun?
+Er bemächtiget sich in der Geschwindigkeit des Mädchens und bringt sie in
+das Haus seines Oheims, um diesem gütigen Manne den ganzen Handel zu
+entdecken. Denn das Mädchen ist zwar entführt, aber sie muß ihrem
+Eigentümer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und
+freuet sich nicht sowohl über die Tat der jungen Leute, als über die
+brüderliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und über das Vertrauen,
+welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Größte ist geschehen; warum
+sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufügen, ihnen einen vollkommen
+vergnügten Tag zu machen?
+
+ --Argentum adnumeravit illico:
+ Dedit praeterea in sumptum dimidium minae.
+
+Hat er dem Ktesipho das Mädchen gekauft, warum soll er ihm nicht
+verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnügen? Da ist nach den
+alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit
+widerspräche.
+
+Aber nicht so in unsern "Brüdern"! Das Haus des gütigen Vaters wird auf
+das ungeziemendste gemißbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich
+gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanständigere Person,
+als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn
+das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt hätte, so
+würde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen
+haben. Er würde Citalisen die Türe gewiesen und mit dem Vater die
+kräftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so sträflich
+emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten.
+
+Überhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt
+geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster
+abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem
+Vetter über seinen Vater unterhält.[4]
+
+"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe,
+die du deinem Vater schuldig bist?
+
+Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir
+verlangen.
+
+Leander. Er sollte sie nicht verlangen?
+
+Lykast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb.
+Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte.
+
+Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst.
+Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst
+du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal;
+hernach will ich dich fragen.
+
+Lykast. Hm! Ich weiß nun eben nicht, was da geschehen würde. Auf
+allen Fall würde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich
+glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast
+täglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los wäre! wenn du nur weg wärest!'
+Heißt das Liebe? Kannst du verlangen, daß ich ihn wieder lieben soll?"
+
+Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichen Gesinnungen
+nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, fähig ist,
+verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des
+ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so
+müssen jenes Ausschweifungen kein grundböses Herz verraten; es müssen
+nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche
+Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach
+diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert.
+So streng ihn sein Vater hält, so entfährt ihm doch nie das geringste
+böse Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen könnte, macht
+er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er möchte seiner Liebe gern
+wenigstens ein paar Tage ruhig genießen; er freuet sich, daß der Vater
+wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daß er sich
+damit so abmatten,--so abmatten möge, daß er ganze drei Tage nicht aus
+dem Bette könne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze:
+
+ --utinam quidem
+ Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim,
+ Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere.
+
+Quod cum salute ejus fiat! Nur müßte es ihm weiter nicht schaden!--So
+recht! so recht, liebenswürdiger Jüngling! Immer geh, wohin dich Freunde
+und Liebe rufen! Für dich drücken wir gern ein Auge zu! Das Böse, das du
+begehst, wird nicht sehr böse sein! Du hast einen strengern Aufseher in
+dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Züge in der Szene,
+aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein
+abgefeimter Bube, dem Lügen und Betrug sehr geläufig sind: der römische
+hingegen ist in der äußersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch
+den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen könnte.
+
+ Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die.
+ Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam.
+ SY. Tanto nequior.
+ Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea?
+ SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest
+ fieri!
+
+Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Jüngling sucht
+einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlägt ihm eine Lüge vor. Eine
+Lüge! Nein, das geht nicht: non potest fieri!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18.
+
+[2] Seite 30.
+
+[3] Act. II. Sc. 4.
+
+ Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum
+ Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier.
+ Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob
+ parvulam
+ Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant.
+
+1. Erster Aufz., 6. Auftr.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Neunundneunzigstes Stück
+Den 12. April 1768
+
+Sonach hatte Terenz auch nicht nötig, uns seinen Ktesipho am Ende des
+Stücks beschämt, und durch die Beschämung auf dem Wege der Besserung, zu
+zeigen. Wohl aber mußte dieses unser Verfasser tun. Nur fürchte ich, daß
+der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so
+leichtsinnigen Buben nicht für sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig
+als die Gemütsänderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in
+ihrem Charakter gegründet, daß man das Bedürfnis des Dichters, sein Stück
+schließen zu müssen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu
+schließen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiß überhaupt nicht,
+woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, daß der Böse
+notwendig am Ende des Stücks entweder bestraft werden oder sich bessern
+müsse. In der Tragödie möchte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns
+da mit dem Schicksale versöhnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der
+Komödie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt
+vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und
+kalt und einförmig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine
+Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie
+nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muß die Handlung sodann in
+etwas mehr, als in einer bloßen Kollision der Charaktere bestehen. Diese
+kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veränderung des
+einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stück, das wenig
+oder nichts mehr hat als sie, nähert sich nicht sowohl seinem Ziele,
+sondern schläft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision,
+die Handlung mag sich ihrem Ende nähern soviel als sie will, dennoch
+gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, daß das Ende ebenso
+lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das
+ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz
+und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hören,
+daß der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so können wir uns das
+übrige alles an den Fingern abzählen; denn es ist der fünfte Akt. Er wird
+anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besänftigen lassen,
+wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, daß er nie wieder zu
+einer solchen Komödie den Stoff geben kann: desgleichen wird der
+ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen;
+kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich
+sehen, der in dem fünften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters
+erraten kann! Die Intrige ist längst zu Ende, aber das fortwährende Spiel
+der Charaktere läßt es uns kaum bemerken, daß sie zu Ende ist. Keiner
+verändert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als
+nötig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der
+freigebige Micio wird durch das Manöver des geizigen Demea dahin
+gebracht, daß er selbst das Übermaß in seinem Bezeigen erkennst,
+und fragt:
+
+Quod proluvium? quae istaec subita est largitas?
+
+So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manöver des nachsichtsvollen
+Micio endlich erkennet, daß es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und
+zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.--
+
+Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser
+Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem
+Muster entfernt hat.
+
+Terenz sagt es selbst, daß er in die "Brüder" des Menanders eine Episode
+aus einem Stücke des Diphilus übertragen, und so seine "Brüder"
+zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entführung der
+Psaltria durch den Aeschinus: und das Stück des Diphilus hieß: "Die
+miteinander Sterbenden".
+
+ Synapothnescontes Diphili comoedia est--
+ In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit
+ Meretricem in prima fabula--
+ --eum hic locum sumpsit sibi
+ In Adelphos--
+
+Nach diesen beiden Umständen zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar
+Verliebte aufgeführet haben, die fest entschlossen waren, lieber
+miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiß, was
+geschehen wäre, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel
+geschlagen und das Mädchen für den Liebhaber mit Gewalt entführt hätte?
+Den Entschluß, miteinander zu sterben, hat Terenz in den bloßen Entschluß
+des Liebhabers, dem Mädchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie
+zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdrücklich: Menander mori
+illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note
+des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heißen? Ganz gewiß; wie Peter
+Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen,
+sagt es ja selbst, daß er diese ganze Episode von der Entführung nicht
+aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stück
+des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel.
+
+Indes muß freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten
+Entführung, in dem Stücke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein,
+an der Aeschinus gleicherweise für den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch
+er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende
+ihre Verbindung so glücklich beschleunigte. Worin diese eigentlich
+bestanden, dürfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben,
+worin sie will: so wird sie doch gewiß ebensowohl gleich vor dem Stücke
+vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafür gebrauchte Entführung. Denn
+auch sie muß es gewesen sein, wovon man noch überall sprach, als Demea in
+die Stadt kam; auch sie muß die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein,
+worüber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in
+welchem sich beider Gemütsarten so vortrefflich entwickeln.
+
+ --Nam illa, quae antehac facta sunt
+ Omitto: modo quid designavit?--
+ Fores effregit, atque in aedes irruit
+ Alienas--
+ --clamant omnes, indignissime
+ Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio,
+ Dixere? in ore est omni populo--
+
+Nun habe ich schon gesagt, daß unser Verfasser diese gewaltsame
+Entführung in eine kleine Schlägerei verwandelt hat. Er mag auch seine
+guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlägerei selbst
+nicht so spät hätte geschehen lassen. Auch sie sollte und müßte das sein,
+was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe
+sie geschieht, und man weiß gar nicht worüber? Er tritt auf und zankt,
+ohne den geringsten Anlaß. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der
+schlechten Aufführung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuß in die
+Stadt setzen, so höre ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute
+eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt
+gehört und worüber er ausdrücklich mit seinem Bruder zu zanken kömmt, das
+hören wir nicht und können es auch aus dem Stücke nicht erraten. Kurz,
+unser Verfasser hätte den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar
+verändern können, aber er hätte ihn nicht versetzen müssen! Wenigstens,
+wenn er ihn versetzen wollen, hätte er den Demea im ersten Akte seine
+Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach
+müssen äußern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.--
+
+Möchten wenigstens nur diejenigen Stücke des Menanders auf uns gekommen
+sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes
+denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den
+lateinischen Kopien sein würde.
+
+Denn gewiß ist es, daß Terenz kein bloßer sklavischer Übersetzer gewesen.
+Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stückes völlig beibehalten,
+hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstärkung oder
+Schwächung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne
+Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, daß sich Donatus immer
+so kurz und öfters so dunkel darüber ausdrückt (weil zu seiner Zeit die
+Stücke des Menanders noch selbst in jedermanns Händen waren), daß es
+schwer wird, über den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Künsteleien
+etwas Zuverlässiges zu sagen. In den "Brüdern" findet sich hiervon ein
+sehr merkwürdiges Exempel.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro
+Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius
+argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita
+cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur
+adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino
+adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex
+eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen
+fabulae inditum esse.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Hundertstes Stück
+Den 15. April 1768
+
+Demea, wie schon angemerkt, will im fünften Akte dem Micio eine Lektion
+nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre
+Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den
+Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er
+möchte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnügen
+zu haben, ihm am Ende sagen zu können: "Nun sieh, was du von deiner
+Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermögen
+dabei zusetzt, lassen wir uns den hämischen Spaß ziemlich gefallen. Aber
+nun kömmt es dem Verräter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten
+verlebten Mütterchen zu verkoppeln. Der bloße Einfall macht uns anfangs
+zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, daß es Ernst damit wird, daß sich
+Micio wirklich die Schlinge über den Kopf werfen läßt, der er mit einer
+einzigen ernsthaften Wendung hätte ausweichen können: wahrlich, so wissen
+wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea,
+oder auf den Micio.[1]
+
+"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir müssen von nun an mit diesen
+guten Leuten nur eine Familie machen; wir müssen ihnen auf alle Weise
+aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.--
+
+Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater.
+
+Micio. Ich bin gar nicht dagegen.
+
+Demea. Es schickt sich auch nicht anders für uns.--Denn erst ist sie
+seiner Frauen Mutter--
+
+Micio. Nun dann?
+
+Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar--
+
+Micio. So höre ich.
+
+Demea. Bei Jahren ist sie auch.
+
+Micio. Jawohl.
+
+Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist
+niemand, der sich um sie bekümmerte; sie ist ganz verlassen.
+
+Micio. Was will der damit?
+
+Demea. Die mußt du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus)
+mußt ja machen, daß er es tut.
+
+Micio. Ich? sie heiraten?
+
+Demea. Du!
+
+Micio. Ich?
+
+Demea. Du! wie gesagt, du!
+
+Micio. Du bist nicht klug.
+
+Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muß!
+
+Aeschinus. Mein Vater--
+
+Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen?
+
+Demea. Du sträubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders
+sein.
+
+Micio. Du schwärmst.
+
+Aeschinus. Laß dich erbitten, mein Vater.
+
+Micio. Rasest du? Geh!
+
+Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude!
+
+Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fünfundsechzigsten
+Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das
+könnet ihr mir zumuten?
+
+Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen.
+
+Micio. Versprochen gar?--Bürschchen, versprich für dich, was du
+versprechen wil1st!
+
+Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres wäre, warum er dich
+bäte?
+
+Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein könnte, wie das?
+
+Demea. So willfahre ihm doch nur!
+
+Aeschinus. Sei uns nicht zuwider!
+
+Demea. Fort, versprich!
+
+Micio. Wie lange soll das währen?
+
+Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen.
+
+Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen.
+
+Demea. Tu ein übriges, guter Micio.
+
+Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt
+finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner
+Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!"
+
+
+"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht
+zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen
+könnte, wäre dieses, daß er die nachteiligen Folgen einer übermäßigen
+Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so
+liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der
+Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle
+Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen
+muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise
+zu tadeln!"
+
+Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue
+englische Übersetzer des Terenz, Colman, will den größern Teil des Tadels
+auf den Menander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des
+Donatus beweisen zu können, daß Terenz die Ungereimtheit seines Originals
+in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nämlich:
+Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon.
+
+"Es ist sehr sonderbar", erklärt sich Colman, "daß diese Anmerkung des
+Donatus so gänzlich von allen Kunstrichtern übersehen worden, da sie, bei
+unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit
+verdienet. Unstreitig ist es, daß Terenz in dem letzten Akte dem Plane
+des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den
+Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch
+vom Donatus, daß dieser Umstand ihm selber anstößig gewesen, und er sein
+Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen
+eine solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des Menanders,
+wie es scheinet, nicht geäußert hatte."
+
+Es ist nicht unmöglich, daß ein römischer Dichter nicht einmal etwas
+besser könne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der bloßen
+Möglichkeit wegen möchte ich es gern in keinem Falle glauben.
+
+Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de
+nuptiis non gravatur, hießen so viel als: beim Menander sträubet sich der
+Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hießen? Wenn
+sie vielmehr zu übersetzen wären: beim Menander fällt man dem Alten mit
+der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari würde zwar allerdings
+jenes heißen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird
+gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja
+wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein
+leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie.
+
+Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Terenz? Er hätte sein
+Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er
+hätte die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die
+Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden.
+Terentius euretikon! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer
+nicht weit her ist!
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Act. v. Sc. VIII.
+
+ De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus,
+ Quam maxime unam facere nos hanc familiam;
+ Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater.
+ Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet.
+ Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea?
+ De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior.
+ Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest:
+ Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem
+ agit?
+ De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare.
+ Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi.
+ Ineptis. De. Si tu sis homo,
+ Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine,
+ auscultas. De. Nihil agis,
+ Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi
+ pater.
+ Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es?
+ Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo
+ Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi?
+ Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor
+ puer.
+ De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum.
+ De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non
+ omittis?
+ Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age
+ prolixe Micio.
+ Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea
+ Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stück
+Den 19. April 1768
+
+Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang
+dieser Blätter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig
+Wochen, und die Woche zwei Stück, geben zwar allerdings hundertundviere.
+Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen wöchentlichen
+Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre
+nur viere: ist ja so wenig!
+
+Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen,
+ausdrücklich hundert und vier Stück versprochen. Ich werde die guten
+Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen.
+
+Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon
+verschnitten: ich werde einflicken oder recken müssen.--Aber das klingt
+so stümpermäßig. Mir fällt ein,--was mir gleich hätte einfallen sollen:
+die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines
+Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will,
+und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu
+stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blätter nun füllen, die ich mir
+ganz ersparen wollte.
+
+Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel
+einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad
+scribendum appulit, anfinge?
+
+Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen
+Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr tun
+lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen
+könne: so weiß ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich träumen
+ließ, daß ich bei diesem Unternehmen wohl nützlich sein könnte?--Ich
+stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne
+Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese
+Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr
+gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur
+erboten; aber auch die geringfügigste nicht von der Hand gewiesen, zu der
+ich mich aus einer Art von Prädilektion erlesen zu sein glauben konnte.
+
+Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war
+also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es
+könne? und wie ich es am besten könne?
+
+Ich bin weder Schauspieler noch Dichter.
+
+Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu
+erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen
+Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern.
+Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist
+ein Maler. Die ältesten von jenen Versuchen sind in den Jahren
+hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie
+hält. Was in den neuerern Erträgliches ist, davon bin ich mir sehr
+bewußt, daß ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich
+fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich
+emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen
+Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir
+heraufpressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich
+nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an
+fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu
+stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich
+zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie
+ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem
+Genie sehr nahe kömmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die
+Krücke unmöglich erbauen kann.
+
+Doch freilich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte
+zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Läufer machen kann: so auch die
+Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser
+ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen würde: so kostet
+es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäften so frei, von
+unwillkürlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muß meine ganze
+Belesenheit so gegenwärtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle
+Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so
+ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit
+Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein
+kann, als ich.
+
+Was Goldoni für das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit
+dreizehn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu tun
+folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es
+auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la
+Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch
+schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen
+noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, daß die ersten
+Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen
+Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein
+Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken
+bleibt man am klügsten zu Hause.
+
+--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen,
+oder, wie es meinen rüstigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht,
+selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee
+zu diesem Blatte.
+
+Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der
+Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles
+von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe wert
+gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den
+grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer
+Hochachtung für das Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem
+Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen
+Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige
+Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der
+Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des
+Geschmacks darin bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Jahr
+der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst
+aufgeführet worden!
+
+Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu
+nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr
+lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie
+bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte
+mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine
+Didaskalie aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch
+nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz wäre, die eben dieser
+Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust,
+meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere
+itztlebende Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn
+sie gefunden hätten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes
+gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher
+verlorengegangen wären, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht
+werfen könnte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs
+des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der
+Prinzen vom Geblüte, oder nicht der Prinzen vom Geblüte, dieses oder
+jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie
+bei mir gesucht und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben.
+
+Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der
+Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser
+wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas
+anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres.
+
+"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters
+als des Schauspielers hier tun würde."
+
+Die letztere Hälfte bin ich sehr bald überdrüssig geworden. Wir haben
+Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche
+Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß
+ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber hat
+man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann
+erkannte, mit Deutlichkeit und Präzision abgefaßte Regeln, nach welchen
+der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen
+sei, deren wüßte ich kaum zwei oder drei. Daher kömmt es, daß alles
+Raisonnement über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig
+scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts
+als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget
+findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel
+glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln
+oder loben wollen. Überhaupt hat man die Anmerkung schon längst gemacht,
+daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem
+Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge
+der Grundsätze ihrer Künste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu
+deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte.
+
+Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das
+Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie hätte es
+auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die
+Wettläufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen
+alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das
+Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem höhnischen
+Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das
+Publikum getan, damit etwas geschehen könnte? Auch nichts; ja noch etwas
+Schlimmers, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht
+befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen.
+--Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu
+verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von
+der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter.
+Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir
+sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Ausländischen, besonders
+noch immer die untertänigen Bewunderer der nie genug bewunderten
+Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine kömmt, ist schön,
+reizend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör,
+als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für
+Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein
+Geklingle von Reimen für Poesie, Geheule für Musik uns einreden lassen,
+als im geringsten an der Superiorität zweifeln, welche dieses
+liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst
+sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben
+und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile
+erhalten hat.--
+
+Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung
+desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche.
+
+Ich war also genötiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des
+dramatischen Dichters hier wirklich könnte getan haben, mich bei denen zu
+verweilen, die sie vorläufig tun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit
+desto schnellern und größern zu durchlaufen. Es waren die Schritte,
+welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu
+gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen.
+
+Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische
+Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig,
+die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nötig ist,
+um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Maler sich von
+niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen
+weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er
+bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen
+vermag, doch urteilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine
+Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem
+oder jenem Ausländer nachplaudern gelernt hätte, stummer sein würde, als
+ein Fisch.
+
+Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was
+mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das
+Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es
+vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen
+Meisterstücken der griechischen Bühne abstrahieret hat. Ich habe von dem
+Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine
+eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitläufigkeit nicht äußern könnte.
+Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen
+erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!), daß ich sie für ein
+ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer
+sind. Ihre Grundsätze sind ebenso wahr und gewiß, nur freilich nicht so
+faßlich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese
+enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns
+die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, unwidersprechlich zu
+beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt
+entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu
+entfernen.
+
+
+----Fußnote
+
+[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted
+with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book
+(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was
+bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were
+always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased
+with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little
+in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the
+Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have
+the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with
+the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil
+etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.)
+
+[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro
+eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula
+aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos
+adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia
+praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi
+animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem,
+cum Didaskalias suas componeret.--
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Nach dieser Überzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster
+der französischen Bühne ausführlich zu beurteilen. Denn diese Bühne soll
+ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man
+uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stufe der
+Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern
+Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest
+geglaubt, daß bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel
+gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten.
+
+Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses
+ward, glücklicherweise, durch einige englische Stücke aus seinem
+Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die
+Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sei, als ihr Corneille und
+Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen
+Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes
+zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln,
+mit welchen uns die französischen so bekannt gemacht hatten. Was schloß
+man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der
+Tragödie erreichen lasse; ja, daß diese Regeln wohl gar schuld sein
+könnten, wenn man ihn weniger erreiche.
+
+Und das hätte noch hingehen mögen!--Aber mit diesen Regeln fing man an,
+alle Regeln zu vermengen und es überhaupt für Pedanterei zu erklären, dem
+Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun müsse. Kurz, wir
+waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig
+zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die
+Kunst aufs neue für sich erfinden solle.
+
+Ich wäre eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen,
+wenn ich glauben dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese
+Gärung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich
+mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen,
+als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu
+bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr
+verkannt, als die Franzosen. Einige beiläufige Bemerkungen, die sie über
+die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles
+fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen und das Wesentliche
+durch allerlei Einschränkungen und Deutungen dafür so entkräftet, daß
+notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit
+unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln
+kalkuliert hatte.
+
+Ich wage es, hier eine Äußerung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofür
+man will!--Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich
+nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?--
+
+Doch nein; ich wollte nicht gern, daß man diese Äußerung für Prahlerei
+nehmen könne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es
+zuverlässig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch
+lange noch kein Meisterstück gemacht haben. Ich werde es zuverlässig
+besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde
+nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den
+Aristoteles glaubet, wie ich.
+
+Eine Tonne, für unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie
+trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie
+ausgeworfen; besonders für den kleinen Walfisch in dem Salzwasser
+zu Halle!--
+
+Und mit diesem Übergange,--sinnreicher muß er nicht sein,--mag denn der
+Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu
+ich diese letztern Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern
+können, daß es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben
+der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat
+Klotz den Inhalt desselben bereits angekündiget hat?[1]--
+
+Aber was bekömmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jäckchen, daß er
+so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, daß ich
+ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl bloß zu seinem Vergnügen
+trommeln; und der Himmel weiß, wo er alles her hat, was die liebe Jugend
+auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der
+ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muß einen Wahrsagergeist
+haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm
+sonst sagen können, daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der
+Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheimen Ursachen
+entdecken können, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme
+beigelegt und das Probestück einer andern so erhoben habe? Ich war
+freilich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr
+geglaubt, daß es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen können es
+ihm auch unmöglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem
+Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern,
+wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und
+Zeitungsschreiber, mit solchen Kälbern pflügen wollen! Wenn sie zu ihren
+Beurteilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und
+Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stückchen aus der geheimsten
+Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen?
+
+"Ich würde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch
+den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen können, wenn nicht die
+Abhandlung wider die Buchhändler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als
+daß er das Werk bald beschließen könnte."
+
+Man muß auch einen Kobold nicht zum Lügner machen wollen, wenn er es
+gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem
+guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich
+wollte meinen Lesern erzählen, warum dieses Werk so oft unterbrochen
+worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon
+fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich über
+den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen,
+es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte über die nachteiligen Folgen
+des Nachdrucks überhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das
+einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das wäre ja sonach
+keine Abhandlung wider die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für
+sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und es gibt
+deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so
+ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft
+noch etwa weiß, das weiß es nur halb.--
+
+Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich
+nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht
+nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist:
+antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber
+vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende
+ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen
+ernstlich um Vergebung bitte.
+
+Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese
+Blätter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich
+ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich
+liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den
+Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die
+Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen
+ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts
+dabei, daß diese Hoffnung fehlschlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten
+darüber, daß ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an
+den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern
+wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wünschen ohnedem, daß
+ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen
+finden, der das Tageregister einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende
+führet und mir zeiget, was für einen periodischen Nutzen ich einem
+solchen periodischen Blatte hätte erteilen können und sollen.
+
+Denn ich will und kann es nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein
+Jahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße
+Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder
+verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er
+auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung
+gehen wird.
+
+Aber auch das kann mir sehr gleichgültig sein!--Ich möchte überhaupt
+nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es für ein großes Unglück
+hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen.
+Sie können von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil
+daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weiterm Belange durch die
+nämlichen Undienste scheitern könnten, durch welche meine gescheitert
+sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände
+Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie könnte
+verlieren, wenn einmal ein nützlicheres Werk eines bessern
+Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gäbe,
+die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste,
+unter ähnlichen Umständen unternommene Werk verunglücken sollte
+und müßte.
+
+In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es für meine
+Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben
+diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken
+erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und
+geschrieben, bei den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort
+so lautet:
+
+Nachricht an die Herren Buchhändler
+
+Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhändler entschlossen,
+künftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften
+in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die
+neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen
+mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen
+nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Hälfte zu
+verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhändler,
+welche wohl eingesehen, daß eine solche unbefugte Störung für alle
+Buchhändler zum größten Nachteil gereichen müsse, haben sich
+entschlossen, zu Unterstützung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten,
+und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen
+vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu
+unterstützen. Von den übrigen gutgesinnten Herren Buchhändlern erwarten
+wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch
+unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schönheit
+des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; übrigens
+aber uns bemühen, auf die unzählige Menge der Schleichhändler genau
+achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu höcken und zu
+stören anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende
+Herren Mitkollegen, daß wir keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt
+nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald
+jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht
+allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufügen, sondern auch
+nicht weniger denenjenigen Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu
+verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren
+Buchhändler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer
+Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhändler-
+Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu
+erwarten, ihren besten Verlag für die Hälfte des Preises oder noch weit
+geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhändlern von unsre
+Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir
+nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Vergütung
+widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, daß sich auch
+die übrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter
+Herren Buchhändler in kurzer Zeit legen werden.
+
+Wenn die Umstände erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach
+Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir
+empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen
+Mitkollegen,
+
+J. Dodsley und Compagnie.
+
+Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern
+Verbindung der Buchhändler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu
+steuern, so würde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen.
+Aber wie hat es vernünftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen können,
+diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen
+Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Straßenräuber werden?
+"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das möchte sein; wenn
+es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu
+rächen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind
+die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren
+wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das
+Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein?
+Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmälern, aus seinem
+eigentümlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er möglicherweise
+daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen
+Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das für erforderliche
+Eigenschaften? Daß man fünf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden
+gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf
+sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine
+Innung? Welches sind seine ausschließenden Privilegien? Wer hat sie
+ihm erteilt?
+
+Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so
+bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstümmeln, sondern auch
+das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Daß
+sie ihre Verteidigung beifügen--wenn anders eine Verteidigung für sie
+möglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie mögen sie auch in einem
+Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen
+seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen:
+selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei
+Histörchen und Anekdötchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache.
+Nur erkläre ich im voraus die geringste Insinuation, daß es gekränkter
+Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, für eine Lüge.
+Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es
+schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als
+einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhändlern, dessen Vermittelung
+ich ein solches Geschäft gern überlasse. Aber keiner von ihnen muß mir es
+auch verübeln, daß ich meine Verachtung und meinen Haß gegen Leute
+bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich
+nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen
+coup de main für sich: Dodsley und Compagnie aber wollen
+bandenweise rauben.
+
+Das beste ist, daß ihre Einladung wohl von den wenigsten dürfte angenommen
+werden. Sonst wäre es Zeit, daß die Gelehrten mit Ernst darauf dächten,
+das bekannte Leibnizische Projekt auszuführen.
+
+Ende des zweiten Bandes
+
+
+----Fußnote
+
+[1] Neuntes Stück, S. 56.
+
+----Fußnote
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstücke
+
+geordnet nach Autorennamen
+
+John Banks: Der Graf von Essex
+Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin
+Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift
+Chevalier de Cérou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter
+Pierre Corneille: Rodogune
+Thomas Corneille: Der Graf von Essex
+Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia
+Philippe Néricault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel
+Philippe Néricault Destouches: Das unvermutete Hindernis
+Philippe Néricault Destouches: Der poetische Dorfjunker
+Philippe Néricault Destouches: Der verborgene Schatz
+Philippe Néricault Destouches: Der verheiratete Philosoph
+Denis Diderot: Der Hausvater
+Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire
+Frederik Duim: Zaïre
+Charles Simon Favart: Soliman der Zweite
+Christian Fürchtegott Gellert: Die kranke Frau
+Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzösin
+Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie
+Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney
+Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe
+Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr
+Johann Christian Krüger: Herzog Michel
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Die Mütterschule
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussée: Melanide
+Thomas l'Affichard: Ist er von Familie?
+Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde
+Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz
+Gotthold Ephraim Lessing: Miß Sara Sampson
+Johann Friedrich Löwen: Die neue Agnese
+Johann Friedrich Löwen: Das Rätsel
+Francesco Scipione Maffei: Merope
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten
+Molière: Die Frauenschule
+Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz
+Philemon von Syrakus: Der Schatz
+Plautus: Trinummus
+Philippe Quinault: Die kokette Mutter
+Jean François Regnard: Demokrit
+Jean François Regnard: Der Spieler
+Jean François Regnard: Der Zerstreute
+Karl Franz Romanus: Die Brüder
+Germain François Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter
+Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen
+Johann Elias Schlegel: Die stumme Schönheit
+Voltaire: Das Kaffeehaus
+Voltaire: Die Frau, die recht hat
+Voltaire: Merope
+Voltaire: Nanine
+Voltaire: Semiramis
+Voltaire: Zaïre
+Christian Felix Weiße: Amalia
+Christian Felix Weiße: Richard der Dritte
+
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstücke
+
+geordnet nach Titeln
+
+
+Amalia (Christian Felix Weiße)
+Cenie (Françoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny)
+Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Néricault Destouches)
+Das Kaffeehaus (Voltaire)
+Das Rätsel (Johann Friedrich Löwen)
+Das unvermutete Hindernis (Philippe Néricault Destouches)
+Demokrit (Jean François Regnard)
+Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys)
+Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der Finanzpachter (Germain François Poullain de Saint-Foix)
+Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Graf von Essex (John Banks)
+Der Graf von Essex (Thomas Corneille)
+Der Hausvater (Denis Diderot)
+Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cérou)
+Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel)
+Der poetische Dorfjunker (Philippe Néricault Destouches)
+Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel)
+Der Schatz (Philemon von Syrakus)
+Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand)
+Der Spieler (Jean François Regnard)
+Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel)
+Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand)
+Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der verborgene Schatz (Philippe Néricault Destouches)
+Der verheiratete Philosoph (Philippe Néricault Destouches)
+Der Zerstreute (Jean François Regnard)
+Die Brüder (Karl Franz Romanus)
+Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Die Frau, die recht hat (Voltaire)
+Die Frauenschule (Molière)
+Die Hausfranzösin (Luise Adelgunde Gottsched)
+Die kokette Mutter (Philippe Quinault)
+Die kranke Frau (Christian Fürchtegott Gellert)
+Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi)
+Die Mütterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée)
+Die neue Agnese (Johann Friedrich Löwen)
+Die stumme Schönheit (Johann Elias Schlegel)
+Herzog Michel (Johann Christian Krüger)
+Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard)
+Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld)
+Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussée)
+Merope (Francesco Scipione Maffei)
+Merope (Voltaire)
+Miß Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing)
+Nanine (Voltaire)
+Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk)
+Richard der Dritte (Christian Felix Weiße)
+Rodogune (Pierre Corneille)
+Semiramis (Voltaire)
+Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset)
+Soliman der Zweite (Charles Simon Favart)
+Trinummus (Plautus)
+Zaïre (Frederik Duim)
+Zaïre (Voltaire)
+Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
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+
+
+
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+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE ***
+
+***** This file should be named 10055-8.txt or 10055-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/0/0/5/10055/
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+redistribution.
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+works. See paragraph 1.E below.
+
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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diff --git a/old/10055-8.zip b/old/10055-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..1381c6b
--- /dev/null
+++ b/old/10055-8.zip
Binary files differ
diff --git a/old/10055.txt b/old/10055.txt
new file mode 100644
index 0000000..37a9482
--- /dev/null
+++ b/old/10055.txt
@@ -0,0 +1,17781 @@
+Project Gutenberg's Hamburgische Dramaturgie, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hamburgische Dramaturgie
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: November 15, 2003 [EBook #10055]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
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+
+
+
+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg
+Projekt-DE. That project is reachable at the web site
+http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+HAMBURGISCHE DRAMATURGIE
+
+von GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
+
+
+
+Inhalt:
+
+Ankuendigung
+Erster Band
+Zweiter Band
+Verzeichnis der Theaterstuecke, nach Autorennamen geordnet
+Verzeichnis der Theaterstuecke, nach Titeln geordnet
+
+
+
+
+Ankuendigung
+
+Es wird sich leicht erraten lassen, dass die neue Verwaltung des hiesigen
+Theaters die Veranlassung des gegenwaertigen Blattes ist.
+
+Der Endzweck desselben soll den guten Absichten entsprechen, welche man
+den Maennern, die sich dieser Verwaltung unterziehen wollen, nicht anders
+als beimessen kann. Sie haben sich selbst hinlaenglich darueber erklaert,
+und ihre Aeusserungen sind, sowohl hier, als auswaerts, von dem feinern
+Teile des Publikums mit dem Beifalle aufgenommen worden, den jede
+freiwillige Befoerderung des allgemeinen Besten verdienet und zu unsern
+Zeiten sich versprechen darf.
+
+Freilich gibt es immer und ueberall Leute, die, weil sie sich selbst am
+besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten
+erblicken. Man koennte ihnen diese Beruhigung ihrer selbst gern goennen;
+aber, wenn die vermeinten Nebenabsichten sie wider die Sache selbst
+aufbringen; wenn ihr haemischer Neid, um jene zu vereiteln, auch diese
+scheitern zu lassen bemueht ist: so muessen sie wissen, dass sie die
+verachtungswuerdigsten Glieder der menschlichen Gesellschaft sind.
+
+Gluecklich der Ort, wo diese Elenden den Ton nicht angeben; wo die groessere
+Anzahl wohlgesinnter Buerger sie in den Schranken der Ehrerbietung haelt
+und nicht verstattet, dass das Bessere des Ganzen ein Raub ihrer Kabalen,
+und patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spoettischen
+Aberwitzes werden!
+
+So gluecklich sei Hamburg in allem, woran seinem Woh1stande und seiner
+Freiheit gelegen: denn es verdienet, so gluecklich zu sein!
+
+Als Schlegel, zur Aufnahme des daenischen Theaters,--(ein deutscher
+Dichter des daenischen Theaters!)--Vorschlaege tat, von welchen es
+Deutschland noch lange zum Vorwurfe gereichen wird, dass ihm keine
+Gelegenheit gemacht worden, sie zur Aufnahme des unsrigen zu tun: war
+dieses der erste und vornehmste, "dass man den Schauspielern selbst die
+Sorge nicht ueberlassen muesse, fuer ihren Verlust und Gewinst zu
+arbeiten".[1] Die Prinzipalschaft unter ihnen hat eine freie Kunst zu
+einem Handwerke herabgesetzt, welches der Meister mehrenteils desto
+nachlaessiger und eigennuetziger treiben laesst, je gewissere Kunden, je
+mehrere Abnehmer ihm Notdurft oder Luxus versprechen.
+
+Wenn hier also bis itzt auch weiter noch nichts geschehen waere, als dass
+eine Gesellschaft von Freunden der Buehne Hand an das Werk gelegt und,
+nach einem gemeinnuetzigen Plane arbeiten zu lassen, sich verbunden haette:
+so waere dennoch, bloss dadurch, schon viel gewonnen. Denn aus dieser
+ersten Veraenderung koennen, auch bei einer nur maessigen Beguenstigung des
+Publikums, leicht und geschwind alle andere Verbesserungen erwachsen,
+deren unser Theater bedarf.
+
+An Fleiss und Kosten wird sicherlich nichts gesparet werden: ob es an
+Geschmack und Einsicht fehlen duerfte, muss die Zeit lehren. Und hat es
+nicht das Publikum in seiner Gewalt, was es hierin mangelhaft finden
+sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es komme nur, und sehe und
+hoere, und pruefe und richte. Seine Stimme soll nie geringschaetzig
+verhoeret, sein Urteil soll nie ohne Unterwerfung vernommen werden!
+
+Nur dass sich nicht jeder kleine Kritikaster fuer das Publikum halte, und
+derjenige, dessen Erwartungen getaeuscht werden, auch ein wenig mit sich
+selbst zu Rate gehe, von welcher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht
+jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schoenheiten eines
+Stuecks, das richtige Spiel eines Akteurs empfindet, kann darum auch den
+Wert aller andern schaetzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen
+einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer. Der wahre
+Geschmack ist der allgemeine, der sich ueber Schoenheiten von jeder Art
+verbreitet, aber von keiner mehr Vergnuegen und Entzuecken erwartet, als
+sie nach ihrer Art gewaehren kann.
+
+Der Stufen sind viel, die eine werdende Buehne bis zum Gipfel der
+Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Buehne ist von
+dieser Hoehe, natuerlicherweise, noch weiter entfernt: und ich fuerchte
+sehr, dass die deutsche mehr dieses als jenes ist.
+
+Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht
+wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste,
+der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer
+geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.
+
+Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzufuehrenden
+Stuecken halten und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des
+Dichters, als des Schauspielers, hier tun wird. Die Wahl der Stuecke ist
+keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer
+Meisterstuecke aufgefuehret werden sollten, so sieht man wohl, woran die
+Schuld liegt. Indes ist es gut, wenn das Mittelmaessige fuer nichts mehr
+ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens
+daran urteilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstande, wenn man ihm
+Geschmack beibringen will, braucht man es nur auseinanderzusetzen, warum
+ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmaessige Stuecke muessen auch
+schon darum beibehalten werden, weil sie gewisse vorzuegliche Rollen
+haben, in welchen der oder jener Akteur seine ganze Staerke zeigen kann.
+So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Text
+dazu elend ist.
+
+Die groesste Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darin, wenn
+er in jedem Falle des Vergnuegens und Missvergnuegens unfehlbar zu
+unterscheiden weiss, was und wieviel davon auf die Rechnung des Dichters,
+oder des Schauspielers, zu setzen sei. Den einen um etwas tadeln, was der
+andere versehen hat, heisst beide verderben. Jenem wird der Mut benommen,
+und dieser wird sicher gemacht.
+
+Besonders darf es der Schauspieler verlangen, dass man hierin die groesste
+Strenge und Unparteilichkeit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters
+kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da und kann uns immer
+wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist
+in ihren Werken transitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich
+schnell vorbei; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers
+mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen
+lebhafteren Eindruck auf jenen gemacht hat.
+
+Eine schoene Figur, eine bezaubernde Miene, ein sprechendes Auge, ein
+reizender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge,
+die sich nicht wohl mit Worten ausdruecken lassen. Doch sind es auch weder
+die einzigen noch groessten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schaetzbare
+Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr noetig, aber noch lange nicht
+seinen Beruf erfuellend! Er muss ueberall mit dem Dichter denken; er muss da,
+wo dem Dichter etwas Menschliches widerfahren ist, fuer ihn denken.
+
+Man hat allen Grund, haeufige Beispiele hiervon sich von unsern
+Schauspielern zu versprechen.--Doch ich will die Erwartung des Publikums
+nicht hoeher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht,
+und der zu viel erwartet.
+
+Heute geschieht die Eroeffnung der Buehne. Sie wird viel entscheiden; sie
+muss aber nicht alles entscheiden sollen. In den ersten Tagen werden sich
+die Urteile ziemlich durchkreuzen. Es wuerde Muehe kosten, ein ruhiges
+Gehoer zu erlangen.--Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher
+als mit dem Anfange des kuenftigen Monats erscheinen.
+
+Hamburg, den 22. April 1767.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Werke", dritter Teil, S. 252."
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Erster Band
+
+
+Erstes Stueck
+Den 1. Mai 1767
+
+Das Theater ist den 22. vorigen Monats mit dem Trauerspiele: "Olint und
+Sophronia" gluecklich eroeffnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit
+einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiz der
+Neuheit habe. Der innere Wert dieses Stueckes konnte auf eine solche Ehre
+keinen Anspruch machen. Die Wahl waere zu tadeln, wenn sich zeigen liesse,
+dass man eine viel bessere haette treffen koennen.
+
+"Olint und Sophronia" ist das Werk eines jungen Dichters, und sein
+unvollendet hinterlassenes Werk. Cronegk starb allerdings fuer unsere
+Buehne zu frueh; aber eigentlich gruendet sich sein Ruhm mehr auf das was
+er, nach dem Urteile seiner Freunde, fuer dieselbe noch haette leisten
+koennen, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische
+Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, haette in seinem
+sechsundzwanzigsten Jahre sterben koennen, ohne die Kritik ueber seine
+wahren Talente nicht ebenso zweifelhaft zu lassen?
+
+Der Stoff ist die bekannte Episode beim Tasso. Eine kleine ruehrende
+Erzaehlung in ein ruehrendes Drama umzuschaffen, ist so leicht nicht. Zwar
+kostet es wenig Muehe, neue Verwickelungen zu erdenken und einzelne
+Empfindungen in Szenen auszudehnen. Aber zu verhueten wissen, dass diese
+neue Verwickelungen weder das Interesse schwaechen, noch der
+Wahrscheinlichkeit Eintrag tun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzaehlers
+in den wahren Standort einer jeden Person versetzen koennen; die
+Leidenschaften nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers
+entstehen und ohne Sprung in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu
+lassen, dass dieser sympathisieren muss, er mag wollen oder nicht: das ist
+es, was dazu noetig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne es sich
+langweilig zu erklaeren, tut, und was der bloss witzige Kopf nachzumachen,
+vergebens sich martert.
+
+Tasso scheinet in seinem Olint und Sophronia den Virgil in seinem Nisus
+und Euryalus vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die
+Staerke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die
+Staerke der Liebe schildern. Dort war es heldenmuetiger Diensteifer, der
+die Probe der Freundschaft veranlasste: hier ist es die Religion, welche
+der Liebe Gelegenheit gibt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die
+Religion, welche bei dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe
+so wirksam zeiget, ist in Cronegks Bearbeitung das Hauptwerk geworden.
+Er wollte den Triumph dieser in den Triumph jener veredeln. Gewiss, eine
+fromme Verbesserung--weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn
+verleitet, was bei dem Tasso so simpel und natuerlich, so wahr und
+menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch
+zu machen, dass nichts darueber!
+
+Beim Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch
+Mahomedaner ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen
+Aberglauben zusammengesponnen hat, welcher dem Aladin den Rat gibt, das
+wundertaetige Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum
+machte Cronegk aus diesem Zauberer einen mahomedanischen Priester? Wenn
+dieser Priester in seiner Religion nicht ebenso unwissend war, als es der
+Dichter zu sein scheinet, so konnte er einen solchen Rat unmoeglich geben.
+Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Cronegk verraet sich
+in mehrern Stuecken, dass ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem
+mahomedanischen Glauben beigewohnet. Der groebste Fehler aber ist, dass er
+eine Religion ueberall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als
+jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heisst ihm "ein
+Sitz der falschen Goetter", und den Priester selbst laesst er ausrufen:
+
+"So wollt ihr euch noch nicht mit Rach' und Strafe ruesten, Ihr Goetter?
+Blitzt, vertilgt das freche Volk der Christen!"
+
+Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Kostuem, vom Scheitel
+bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muss solche
+Ungereimtheiten sagen!
+
+Beim Tasso koemmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne dass man
+eigentlich weiss, ob es von Menschenhaenden entwendet worden, oder ob eine
+hoehere Macht dabei im Spiele gewesen. Cronegk macht den Olint zum Taeter.
+Zwar verwandelt er das Marienbild in "ein Bild des Herrn am Kreuz"; aber
+Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube gibt dem Olint eine sehr
+veraechtliche Seite. Man kann ihm unmoeglich wieder gut werden, dass er es
+wagen koennen, durch eine so kleine Tat sein Volk an den Rand des
+Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach freiwillig dazu bekennet: so
+ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Grossmut. Beim Tasso laesst
+ihn bloss die Liebe diesen Schritt tun; er will Sophronien retten, oder
+mit ihr sterben; mit ihr sterben, bloss um mit ihr zu sterben; kann er mit
+ihr nicht ein Bette besteigen, so sei es ein Scheiterhaufen; an ihrer
+Seite, an den naemlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem naemlichen Feuer
+verzehret zu werden, empfindet er bloss das Glueck einer so suessen
+Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe,
+und wuenschet nichts, als dass diese Nachbarschaft noch enger und
+vertrauter sein moege, dass er Brust gegen Brust druecken und auf ihren
+Lippen seinen Geist verhauchen duerfe.
+
+Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz
+geistigen Schwaermerin und einem hitzigen, begierigen Juenglinge ist beim
+Cronegk voellig verloren. Sie sind beide von der kaeltesten Einfoermigkeit;
+beide haben nichts als das Maertertum im Kopfe; und nicht genug, dass er,
+dass sie fuer die Religion sterben wollen; auch Evander wollte, auch Serena
+haette nicht uebel Lust dazu.
+
+Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten,
+einen angehenden tragischen Dichter vor grossen Fehltritten bewahren kann.
+Die eine betrifft das Trauerspiel ueberhaupt. Wenn heldenmuetige
+Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muss der Dichter nicht zu
+verschwenderisch damit umgehen; denn was man oefters, was man an mehrern
+sieht, hoeret man auf zu bewundern. Hierwider hatte sich Cronegk schon in
+seinem "Kodrus" sehr versuendiget. Die Liebe des Vaterlandes, bis zum
+freiwilligen Tode fuer dasselbe, haette den Kodrus allein auszeichnen
+sollen: er haette als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art
+dastehen muessen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm
+im Sinne hatte. Aber Elesinde und Philaide, und Medon, und wer nicht?
+sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vaterlande aufzuopfern; unsere
+Bewunderung wird geteilt, und Kodrus verlieret sich unter der Menge. So
+auch hier. Was in "Olint und Sophronia" Christ ist, das alles haelt
+gemartert werden und sterben fuer ein Glas Wasser trinken. Wir hoeren diese
+frommen Bravaden so oft, aus so verschiedenem Munde, dass sie alle Wirkung
+verlieren.
+
+Die zweite Anmerkung betrifft das christliche Trauerspiel insbesondere.
+Die Helden desselben sind mehrenteils Maertyrer. Nun leben wir zu einer
+Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als
+dass jeder Rasender, der sich mutwillig, ohne alle Not, mit Verachtung
+aller seiner buergerlichen Obliegenheiten in den Tod stuerzet, den Titel
+eines Maertyrers sich anmassen duerfte. Wir wissen itzt zu wohl die falschen
+Maertyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene ebensosehr,
+als wir diese verehren, und hoechstens koennen sie uns eine melancholische
+Traene ueber die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die
+Menschheit ueberhaupt in ihnen faehig erblicken. Doch diese Traene ist keine
+von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der
+Dichter einen Maertyrer zu seinem Helden waehlet: dass er ihm ja die
+lautersten und triftigsten Bewegungsgruende gebe! dass er ihn ja in die
+unumgaengliche Notwendigkeit setze, den Schritt zu tun, durch den er sich
+der Gefahr blossstellet! dass er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen,
+nicht hoehnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum
+Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter
+leiden. Ich habe schon beruehret, dass es nur ein ebenso nichtswuerdiger
+Aberglaube sein konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher
+den Olint antrieb, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es
+entschuldiget den Dichter nicht, dass es Zeiten gegeben, wo ein solcher
+Aberglaube allgemein war und bei vielen guten Eigenschaften bestehen
+konnte; dass es noch Laender gibt, wo er der frommen Einfalt nichts
+Befremdendes haben wuerde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebensowenig
+fuer jene Zeiten, als er es bestimmte, in Boehmen oder Spanien gespielt zu
+werden. Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle,
+wenn er nicht bloss schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen,
+hat immer die Erleuchtesten und Besten seiner Zeit und seines Landes in
+Augen, und nur was diesen gefallen, was diese ruehren kann, wuerdiget er zu
+schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Poebel herablaesst,
+laesst sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern;
+nicht aber ihn in seinen Vorurteilen, ihn in seiner unedeln Denkungsart
+zu bestaerken.
+
+
+
+Zweites Stueck
+Den 5. Mai 1767
+
+Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend,
+wuerde ueber die Bekehrung der Clorinde zu machen sein. So ueberzeugt wir
+auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade sein moegen, so wenig
+koennen sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, was zu dem
+Charakter der Personen gehoeret, aus den natuerlichsten Ursachen
+entspringen muss. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in
+der moralischen muss alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das
+Theater die Schule der moralischen Welt sein soll. Die Bewegungsgruende zu
+jedem Entschlusse, zu jeder Aenderung der geringsten Gedanken und
+Meinungen, muessen, nach Massgebung des einmal angenommenen Charakters,
+genau gegeneinander abgewogen sein, und jene muessen nie mehr
+hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervorbringen koennen.
+Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schoenheiten des Detail,
+ueber Missverhaeltnisse dieser Art zu taeuschen; aber er taeuscht uns nur
+einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beifall, den er
+uns abgetaeuschet hat, zurueck. Dieses auf die vierte Szene des dritten
+Akts angewendet, wird man finden, dass die Reden und das Betragen der
+Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden haetten bewegen koennen, aber
+viel zu unvermoegend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar
+keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beim Tasso nimmt Clorinde auch das
+Christentum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz
+zuvor erfahren, dass ihre Eltern diesem Glauben zugetan gewesen: feine,
+erhebliche Umstaende, durch welche die Wirkung einer hoehern Macht in die
+Reihe natuerlicher Begebenheiten gleichsam mit eingeflochten wird. Niemand
+hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stuecke auf dem Theater
+gehen duerfe, als Voltaire. Nachdem die empfindliche, edle Seele des
+Zamor, durch Beispiel und Bitten, durch Grossmut und Ermahnungen bestuermet
+und bis in das Innerste erschuettert worden, laesst er ihn doch die Wahrheit
+der Religion, an deren Bekennern er so viel Grosses sieht, mehr vermuten,
+als glauben. Und vielleicht wuerde Voltaire auch diese Vermutung
+unterdrueckt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas haette
+geschehen muessen.
+
+Selbst der "Polyeukt" des Corneille ist, in Absicht auf beide
+Anmerkungen, tadelhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr
+geworden sind, so duerfte die erste Tragoedie, die den Namen einer
+christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sein. Ich meine ein
+Stueck, in welchem einzig der Christ als Christ uns interessierst.--Ist
+ein solches Stueck aber auch wohl moeglich? Ist der Charakter des wahren
+Christen nicht etwa ganz untheatralisch? Streiten nicht etwa die stille
+Gelassenheit, die unveraenderliche Sanftmut, die seine wesentlichsten Zuege
+sind, mit dem ganzen Geschaefte der Tragoedie, welches Leidenschaften durch
+Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung
+einer belohnenden Glueckseligkeit nach diesem Leben der Uneigennuetzigkeit,
+mit welcher wir alle grosse und gute Handlungen auf der Buehne unternommen
+und vollzogen zu sehen wuenschen?
+
+Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann,
+wieviel Schwierigkeiten es zu uebersteigen vermag, diese Bedenklichkeiten
+unwidersprechlich widerlegt, waere also mein Rat:--man liesse alle
+bisherige christliche Trauerspiele unaufgefuehret. Dieser Rat, welcher aus
+den Beduerfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts
+als sehr mittelmaessige Stuecke bringen kann, ist darum nichts schlechter,
+weil er den schwaechern Gemuetern zustatten koemmt, die, ich weiss nicht
+welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an
+einer heiligern Staette gefasst machen, im Theater zu hoeren bekommen. Das
+Theater soll niemanden, wer es auch sei, Anstoss geben; und ich wuenschte,
+dass es auch allem genommenen Anstosse vorbeugen koennte und wollte.
+
+Cronegk hatte sein Stueck nur bis gegen das Ende des vierten Aufzuges
+gebracht. Das uebrige hat eine Feder in Wien dazugefueget; eine Feder
+--denn die Arbeit eines Kopfes ist dabei nicht sehr sichtbar. Der
+Ergaenzer hat, allem Ansehen nach, die Geschichte ganz anders geendet, als
+sie Cronegk zu enden willens gewesen. Der Tod loeset alle Verwirrungen am
+besten; darum laesst er beide sterben, den Olint und die Sophronia. Beim
+Tasso kommen sie beide davon; denn Clorinde nimmt sich mit der
+uneigennuetzigsten Grossmut ihrer an. Cronegk aber hatte Clorinden verliebt
+gemacht, und da war es freilich schwer zu erraten, wie er zwei
+Nebenbuhlerinnen auseinander setzen wollen, ohne den Tod zu Hilfe zu
+rufen. In einem andern noch schlechtern Trauerspiele, wo eine von den
+Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen
+Nachbar: "Aber woran stirbt sie denn?"--"Woran? am fuenften Akte!"
+antwortete dieser. In Wahrheit; der fuenfte Akt ist eine garstige boese
+Staupe, die manchen hinreisst, dem die ersten vier Akte ein weit laengeres
+Leben versprachen.--
+
+Doch ich will mich in die Kritik des Stueckes nicht tiefer einlassen. So
+mittelmaessig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich
+schweige von der aeusseren Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters
+erfordert nichts als Geld. Die Kuenste, deren Hilfe dazu noetig ist, sind
+bei uns in eben der Vollkommenheit als in jedem andern Lande; nur die
+Kuenstler wollen ebenso bezahlt sein, wie in jedem andern Lande.
+
+Man muss mit der Vorstellung eines Stueckes zufrieden sein, wenn unter
+vier, fuenf Personen einige vortrefflich und die andern gut gespielet
+haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfaenger oder sonst ein Notnagel so
+sehr beleidiget, dass er ueber das Ganze die Nase ruempft, der reise nach
+Utopien und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzer
+ein Garrick ist.
+
+Herr Ekhof war Evander; Evander ist zwar der Vater des Olints, aber im
+Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indes mag dieser Mann
+eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch
+immer fuer den ersten Akteur und bedauert, auch nicht zugleich alle uebrige
+Rollen von ihm sehen zu koennen. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses,
+dass er Sittensprueche und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen
+Ausbeugungen eines verlegenen Dichters, mit einem Anstande, mit einer
+Innigkeit zu sagen weiss, dass das Trivia1ste von dieser Art in seinem
+Munde Neuheit und Wuerde, das Frostigste Feuer und Leben erhaelt.
+
+Die eingestreuten Moralen sind Cronegks beste Seite. Er hat, in seinem
+"Kodrus" und hier, so manche in einer so schoenen nachdruecklichen Kuerze
+ausgedrueckt, dass viele von seinen Versen als Sentenzen behalten und von
+dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu
+werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch oefters gefaerbtes Glas fuer
+Ede1steine, und witzige Antithesen fuer gesunden Verstand einzuschwatzen.
+Zwei dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere
+Wirkung auf mich. Die eine,
+
+"Der Himmel kann verzeihn, allein ein Priester nicht."
+
+Die andere,
+
+"Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Boesewicht."
+
+Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und
+dasjenige Gemurmel zu bemerken, durch welches sich der Beifall ausdrueckt,
+wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gaenzlich ausbrechen laesst. Teils dachte
+ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Parterre findet
+Geschmack an Maximen; auf dieser Buehne koennte sich ein Euripides Ruhm
+erwerben, und ein Sokrates wuerde sie gern besuchen. Teils fiel es mir
+zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstoessig diese
+vermeinten Maximen waeren, und ich wuenschte sehr, dass die Missbilligung an
+jenem Gemurmle den meisten Anteil moege gehabt haben. Es ist nur ein Athen
+gewesen, es wird nur ein Athen bleiben, wo auch bei dem Poebel das
+sittliche Gefuehl so fein, so zaertlich war, dass einer unlautern Moral
+wegen Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater
+herabgestuermet zu werden! Ich weiss wohl, die Gesinnungen muessen in dem
+Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie aeussert,
+entsprechen; sie koennen also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht
+haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen muessen, dass
+dieser Charakter, in dieser Situation, bei dieser Leidenschaft, nicht
+anders als so habe urteilen koennen. Aber auch diese poetische Wahrheit
+muss sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum naehern, und der
+Dichter muss nie so unphilosophisch denken, dass er annimmt, ein Mensch
+koenne das Boese, um des Boesen wegen, wollen, er koenne nach lasterhaften
+Grundsaetzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen und doch gegen
+sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so
+graesslich als ununterrichtend, und nichts als die armselige Zuflucht eines
+schalen Kopfes, der schimmernde Tiraden fuer die hoechste Schoenheit des
+Trauerspieles haelt. Wenn Ismenor ein grausamer Priester ist, sind darum
+alle Priester Ismenors? Man wende nicht ein, dass von Priestern einer
+falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, dass
+ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein muessen. Priester haben in den
+falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht
+weil sie Priester, sondern weil sie Boesewichter waren, die, zum Behuf
+ihrer schlimmen Neigungen, die Vorrechte auch eines jeden andern Standes
+gemissbraucht haetten.
+
+Wenn die Buehne so unbesonnene Urteile ueber die Priester ueberhaupt ertoenen
+laesst, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie
+als die grade Heerstrasse zur Hoelle ausschreien?
+
+Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stueckes, und ich wollte von
+dem Schauspieler sprechen.
+
+
+
+Drittes Stueck
+Den 8. Mai 1767
+
+Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler (Hr. Ekhof), dass wir auch die
+gemeinste Moral so gern von ihm hoeren? Was ist es eigentlich, was ein
+anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle ebenso
+unterhaltend finden sollen?
+
+Alle Moral muss aus der Fuelle des Herzens kommen, von der der Mund
+uebergehet; man muss ebensowenig lange darauf zu denken, als damit zu
+prahlen scheinen.
+
+Es verstehst sich also von selbst, dass die moralischen Stellen vorzueglich
+wohl gelernet sein wollen. Sie muessen ohne Stocken, ohne den geringsten
+Anstoss, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer
+Leichtigkeit gesprochen werden, dass sie keine muehsame Auskramungen des
+Gedaechtnisses, sondern unmittelbare Eingebungen der gegenwaertigen Lage
+der Sachen scheinen.
+
+Ebenso ausgemacht ist es, dass kein falscher Akzent uns muss argwoehnen
+lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muss uns durch den
+richtigsten, sichersten Ton ueberzeugen, dass er den ganzen Sinn seiner
+Worte durchdrungen habe.
+
+Aber die richtige Akzentuation ist zur Not auch einem Papagei
+beizubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch
+von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man
+einmal gefasst, die man sich einmal ins Gedaechtnis gepraeget hat, lassen
+sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern
+Dingen beschaeftiget; aber alsdann ist keine Empfindung moeglich. Die Seele
+muss ganz gegenwaertig sein; sie muss ihre Aufmerksamkeit einzig und allein
+auf ihre Reden richten, und nur alsdann--
+
+Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben und doch
+keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist ueberhaupt immer das
+streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann sein, wo man
+sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht
+ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen
+aeussern Merkmalen urteilen koennen. Nun ist es moeglich, dass gewisse Dinge
+in dem Baue des Koerpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten,
+oder doch schwaechen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse
+Bildung des Gesichts, gewisse Mienen, einen gewissen Ton haben, mit denen
+wir ganz andere Faehigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere
+Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwaertig aeussern und
+ausdruecken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir
+glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widerspruche.
+Gegenteils kann ein anderer so gluecklich gebauet sein; er kann so
+entscheidende Zuege besitzen; alle seine Muskeln koennen ihm so leicht, so
+geschwind zu Gebote stehen; er kann so feine, so vielfaeltige Abaenderungen
+der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime
+erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglueckt sein, dass er uns in
+denjenigen Rollen, die er nicht urspruenglich, sondern nach irgendeinem
+guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen
+wird, da doch alles, was er sagt und tut, nichts als mechanische
+Nachaeffung ist.
+
+Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgueltigkeit und Kaelte,
+dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug
+nichts als nachgeaeffet hat, haben sich endlich eine Menge kleiner Regeln
+bei ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfaengt, und durch
+deren Beobachtung (zufolge dem Gesetze, dass eben die Modifikationen der
+Seele, welche gewisse Veraenderungen des Koerpers hervorbringen,
+hinwiederum durch diese koerperliche Veraenderungen bewirket werden) er zu
+einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer
+derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber
+doch in dem Augenblicke der Vorstellung kraeftig genug ist, etwas von den
+nicht freiwilligen Veraenderungen des Koerpers hervorzubringen, aus deren
+Dasein wir fast allein auf das innere Gefuehl zuverlaessig schliessen zu
+koennen glauben. Ein solcher Akteur soll z.E. die aeusserste Wut des Zornes
+ausdruecken; ich nehme an, dass er seine Rolle nicht einmal recht
+verstehet, dass er die Gruende dieses Zornes weder hinlaenglich zu fassen,
+noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in
+Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allergroebsten Aeusserungen
+des Zornes einem Akteur von urspruenglicher Empfindung abgelernet hat und
+getreu nachzumachen weiss--den hastigen Gang, den stampfenden Fuss, den
+rauhen, bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der
+Augenbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zaehne usw.--wenn er,
+sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will,
+gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefuehl
+von Zorn befallen, welches wiederum in den Koerper zurueckwirkt, und da
+auch diejenigen Veraenderungen hervorbringt, die nicht bloss von unserm
+Willen abhangen; sein Gesicht wird gluehen, seine Augen werden blitzen,
+seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu sein
+scheinen, ohne es zu sein, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es
+sein sollte.
+
+Nach diesen Grundsaetzen von der Empfindung ueberhaupt habe ich mir zu
+bestimmen gesucht, welche aeusserliche Merkmale diejenige Empfindung
+begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen sein, und
+welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so dass sie jeder
+Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann.
+Mich duenkt folgendes.
+
+Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der als solcher einen Grad von
+Sammlung der Seele und ruhiger Ueberlegung verlangt. Er will also mit
+Gelassenheit und einer gewissen Kaelte gesagt sein.
+
+Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das Resultat von Eindruecken,
+welche individuelle Umstaende auf die handelnden Personen machen; er ist
+kein blosser symbolischer Schluss; er ist eine generalisierte Empfindung,
+und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung
+gesprochen sein.
+
+Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kaelte?--
+
+Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach
+Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes hervorsticht.
+
+Ist die Situation ruhig, so muss sich die Seele durch die Moral gleichsam
+einen neuen Schwung geben wollen; sie muss ueber ihr Glueck oder ihre
+Pflichten bloss darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um
+durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu geniessen,
+diese desto williger und mutiger zu beobachten.
+
+Ist die Situation hingegen heftig, so muss sich die Seele durch die Moral
+(unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam
+von ihrem Fluge zurueckholen; sie muss ihren Leidenschaften das Ansehen der
+Vernunft, stuermischen Ausbruechen den Schein vorbedaechtlicher
+Entschliessungen geben zu wollen scheinen.
+
+Jenes erfodert einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen
+gemaessigten und feierlichen. Denn dort muss das Raisonnement in Affekt
+entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnement sich auskuehlen.
+
+Die meisten Schauspieler kehren es gerade um. Sie poltern in heftigen
+Situationen die allgemeinen Betrachtungen ebenso stuermisch heraus, als
+das uebrige; und in ruhigen beten sie dieselben ebenso gelassen her, als
+das uebrige. Daher geschieht es denn aber auch, dass sich die Moral weder
+in den einen, noch in den andern bei ihnen ausnimmt; und dass wir sie in
+jenen ebenso unnatuerlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie
+ueberlegten nie, dass die Stickerei von dem Grunde abstechen muss, und Gold
+auf Gold brodieren ein elender Geschmack ist.
+
+Durch ihre Gestus verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn
+sie deren dabei machen sollen, noch was fuer welche. Sie machen
+gemeiniglich zu viele und zu unbedeutende.
+
+Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zu sammeln
+scheinet, um einen ueberlegenden Blick auf sich oder auf das, was sie
+umgibt, zu werfen; so ist es natuerlich, dass sie allen Bewegungen des
+Koerpers, die von ihrem blossen Willen abhangen, gebieten wird. Nicht die
+Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle geraten in einen Stand
+der Ruhe, um die innere Ruhe auszudruecken, ohne die das Auge der Vernunft
+nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuss
+fest auf, die Arme sinken, der ganze Koerper zieht sich in den wagrechten
+Stand; eine Pause--und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer
+feierlichen Stille, als ob er sich nicht stoeren wollte, sich selbst zu
+hoeren. Die Reflexion ist aus,--wieder eine Pause--und so wie die
+Reflexion abgezielet, seine Leidenschaft entweder zu maessigen, oder zu
+befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los oder setzet allmaehlich
+das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben,
+waehrend der Reflexion, die Spuren des Affekts; Miene und Auge sind noch
+in Bewegung und Feuer; denn wir haben Miene und Auge nicht so urploetzlich
+in unserer Gewalt, als Fuss und Hand. Und hierin dann, in diesen
+ausdrueckenden Mienen, in diesem entbrannten Auge und in dem Ruhestande
+des ganzen uebrigen Koerpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kaelte,
+mit welcher ich glaube, dass die Moral in heftigen Situationen gesprochen
+sein will.
+
+Mit ebendieser Mischung will sie auch in ruhigen Situationen gesagt sein;
+nur mit dem Unterschiede, dass der Teil der Aktion, welcher dort der
+feurige war, hier der kaeltere, und welcher dort der kaeltere war, hier der
+feurige sein muss. Naemlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte
+Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften
+Empfindungen einen hoehern Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird
+sie auch die Glieder des Koerpers, die ihr unmittelbar zu Gebote stehen,
+dazu beitragen lassen; die Haende werden in voller Bewegung sein; nur der
+Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Miene und Auge
+wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der uebrige Koerper gern
+herausarbeiten moechte.
+
+
+
+Viertes Stueck
+Den 12. Mai 1767
+
+Aber von was fuer Art sind die Bewegungen der Haende, mit welchen, in
+ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu sein liebet?
+
+Von der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regeln,
+welche die Alten den Bewegungen der Haende vorgeschrieben hatten, wissen
+wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, dass sie die Haendesprache zu
+einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner
+darin zu leisten imstande sind, kaum die Moeglichkeit sollte begreifen
+lassen. Wir scheinen von dieser ganzen Sprache nichts als ein
+unartikuliertes Geschrei behalten zu haben; nichts als das Vermoegen,
+Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine fixierte
+Bedeutung zu geben, und wie sie untereinander zu verbinden, dass sie nicht
+bloss eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes
+faehig werden.
+
+Ich bescheide mich gern, dass man, bei den Alten, den Pantomimen nicht mit
+dem Schauspieler vermengen muss. Die Haende des Schauspielers waren bei
+weitem so geschwaetzig nicht, als die Haende des Pantomimens. Bei diesem
+vertraten sie die Stelle der Sprache; bei jenem sollten sie nur den
+Nachdruck derselben vermehren und durch ihre Bewegungen, als natuerliche
+Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben
+verschaffen helfen. Bei dem Pantomimen waren die Bewegungen der Haende
+nicht bloss natuerliche Zeichen; viele derselben hatten eine konventionelle
+Bedeutung, und dieser musste sich der Schauspieler gaenzlich enthalten.
+
+Er gebrauchte sich also seiner Haende sparsamer, als der Pantomime, aber
+ebensowenig vergebens, als dieser. Er ruehrte keine Hand, wenn er nichts
+damit bedeuten oder verstaerken konnte. Er wusste nichts von den
+gleichgueltigen Bewegungen, durch deren bestaendigen einfoermigen Gebrauch
+ein so grosser Teil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich
+das vollkommene Ansehen von Drahtpuppen gibt. Bald mit der rechten, bald
+mit der linken Hand die Haelfte einer krieplichten Achte, abwaerts vom
+Koerper, beschreiben, oder mit beiden Haenden zugleich die Luft von sich
+wegrudern, heisst ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen
+Tanzmeistergrazie zu tun geuebt ist, oh! der glaubt, uns bezaubern
+zu koennen.
+
+Ich weiss wohl, dass selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand
+in schoenen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit
+allen moeglichen Abaenderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres
+Schwunges, ihrer Groesse und Dauer, faehig sind. Und endlich befiehlt er es
+ihnen nur zur Uebung, um sich zum Agieren dadurch geschickt zu machen, um
+den Armen die Biegungen des Reizes gelaeufig zu machen; nicht aber in der
+Meinung, dass das Agieren selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung
+solcher schoenen Linien, immer nach der naemlichen Direktion, bestehe.
+
+Weg also mit diesem unbedeutenden Portebras, vornehmlich bei moralischen
+Stellen weg mit ihm! Reiz am unrechten Orte ist Affektation und Grimasse;
+und ebenderselbe Reiz, zu oft hintereinander wiederholt, wird kalt und
+endlich ekel. Ich sehe einen Schulknaben sein Spruechelchen aufsagen, wenn
+der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher
+man in der Menuet die Hand gibt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam
+vom Rocken spinnet.
+
+Jede Bewegung, welche die Hand bei moralischen Stellen macht, muss
+bedeutend sein. Oft kann man bis in das Malerische damit gehen; wenn man
+nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal
+Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu malerischen, von
+malerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren
+Gebrauch, in Beispielen zu erlaeutern. Itzt wuerde mich dieses zu weit
+fuehren, und ich merke nur an, dass es unter den bedeutenden Gesten eine
+Art gibt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat,
+und mit denen er allein der Moral Licht und Leben erteilen kann. Es sind
+dieses, mit einem Worte, die individualisierenden Gestus. Die Moral ist
+ein allgemeiner Satz, aus den besondern Umstaenden der handelnden Personen
+gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermassen der Sache fremd,
+er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwaertige von dem
+weniger aufmerksamen oder weniger scharfsinnigen Zuhoerer nicht bemerkt
+oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel gibt, diese Beziehung
+sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das
+Anschauende zurueckzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gestus sein
+koennen, so muss sie der Schauspieler ja nicht zu machen versaeumen.
+
+Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie
+mir es itzt beifaellt; der Schauspieler wird sich ohne Muehe auf noch weit
+einleuchtendere besinnen.--Wenn Olint sich mit der Hoffnung schmeichelt,
+Gott werde das Herz des Aladin bewegen, dass er so grausam mit den
+Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein
+alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betrueglichkeit unsrer
+Hoffnungen zu Gemuete fuehren.
+
+"Vertraue nicht, mein Sohn, Hoffnungen, die betriegen!"
+
+Sein Sohn ist ein feuriger Juengling, und in der Jugend ist man vorzueglich
+geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen.
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft."
+
+Doch indem besinnt er sich, dass das Alter zu dem entgegengesetzten Fehler
+nicht weniger geneigt ist; er will den unverzagten Juengling nicht ganz
+niederschlagen und faehret fort:
+
+"Das Alter quaelt sich selbst, weil es zu wenig hofft."
+
+Diese Sentenzen mit einer gleichgueltigen Aktion, mit einer nichts als
+schoenen Bewegung des Armes begleiten, wuerde weit schlimmer sein, als sie
+ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die,
+welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschraenkt.
+Die Zeile,
+
+"Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft"
+
+muss in dem Tone, mit dem Gestu der vaeterlichen Warnung, an und gegen den
+Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen unerfahrne
+leichtglaeubige Jugend bei dem sorgsamen Alten diese Betrachtung
+veranlasst. Die Zeile hingegen,
+
+"Das Alter quaelt sich selbst, weil es zu wenig hofft"
+
+erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene
+Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Haende muessen sich notwendig
+gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, dass Evander diesen Satz aus
+eigener Erfahrung habe, dass er selbst der Alte sei, von dem er gelte.
+
+Es ist Zeit, dass ich von dieser Ausschweifung ueber den Vortrag der
+moralischen Stellen wieder zurueckkomme. Was man Lehrreiches darin findet,
+hat man lediglich den Beispielen des Herrn Ekhof zu danken; ich habe
+nichts als von ihnen richtig zu abstrahieren gesucht. Wie leicht, wie
+angenehm ist es, einem Kuenstler nachzuforschen, dem das Gute nicht bloss
+gelingt, sondern der es macht!
+
+Die Rolle der Clorinde ward von Madame Henseln gespielt, die ohnstreitig
+eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals
+gehabt hat. Ihr besonderer Vorzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein
+falscher Akzent wird ihr schwerlich entwischen; sie weiss den
+verworrensten, holprigsten, dunke1sten Vers mit einer Leichtigkeit, mit
+einer Praezision zu sagen, dass er durch ihre Stimme die deutlichste
+Erklaerung, den vol1staendigsten Kommentar erhaelt. Sie verbindet damit
+nicht selten ein Raffinement, welches entweder von einer sehr gluecklichen
+Empfindung, oder von einer sehr richtigen Beurteilung zeuget. Ich glaube
+die Liebeserklaerung, welche sie dem Olint tut, noch zu hoeren:
+
+ "--Erkenne mich! Ich kann nicht laenger schweigen;
+ Verstellung oder Stolz sei niedern Seelen eigen.
+ Olint ist in Gefahr, und ich bin ausser mir--
+ Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir;
+ Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute,
+ War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite.
+ Dein Unglueck aber reisst die ganze Seele hin,
+ Und itzt erkenn' ich erst, wie klein, wie schwach ich bin.
+ Itzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen,
+ Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen,
+ Verbrechern gleichgestellt, ungluecklich und ein Christ,
+ Dem furchtbarn Tode nah, im Tod noch elend bist:
+ Itzt wag' ich's zu gestehn: itzt kenne meine Triebe!"
+
+Wie frei, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst
+beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher
+Ueberstroemung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit
+ging sie auf das Bekenntnis ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie
+ueberraschend brach sie auf einmal ab und veraenderte auf einmal Stimme und
+Blick und die ganze Haltung des Koerpers, da es nun darauf ankam, die
+duerren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde
+geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen
+Tone der Verwirrung, kam endlich
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiss, ob die Liebe
+sich so erklaert, empfand, dass sie sich so erklaeren sollte. Sie entschloss
+sich als Heldin, ihre Liebe zu gestehen, und gestand sie als ein
+zaertliches, schamhaftes Weib. So Kriegerin als sie war, so gewoehnt sonst
+in allem zu maennlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die
+Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkeit so schwere
+Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freimuetigkeit wieder da. Sie
+fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekuemmerten Hitze
+des Affekts fort:
+
+ "--Und stolz auf meine Liebe,
+ Stolz, dass dir meine Macht dein Leben retten kann,
+ Biet' ich dir Hand und Herz, und Kron' und Purpur an."
+
+Denn die Liebe aeussert sich nun als grossmuetige Freundschaft: und die
+Freundschaft spricht ebenso dreist, als schuechtern die Liebe.
+
+
+
+
+Fuenftes Stueck
+Den 15. Mai 1767
+
+Es ist unstreitig, dass die Schauspielerin durch diese meisterhafte
+Absetzung der Worte
+
+ "Ich liebe dich, Olint,--"
+
+der Stelle eine Schoenheit gab, von der sich der Dichter, bei dem alles in
+dem naemlichen Flusse von Worten daherrauscht, nicht das geringste
+Verdienst beimessen kann. Aber wenn es ihr doch gefallen haette, in diesen
+Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den
+Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den
+Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er haette sagen
+sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob koennte groesser sein, als so
+ein Vorwurf? Freilich muss sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses
+Lob verdienen zu koennen. Denn sonst moechte es mit den armen Dichtern
+uebel aussehen.
+
+Cronegk hat wahrlich aus seiner Clorinde ein sehr abgeschmacktes,
+widerwaertiges, haessliches Ding gemacht. Und demohngeachtet ist sie noch
+der einzige Charakter, der uns bei ihm interessierst. So sehr er die
+schoene Natur in ihr verfehlt, so tut doch noch die plumpe, ungeschlachte
+Natur einige Wirkung. Das macht, weil die uebrigen Charaktere ganz ausser
+aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von
+Weibe, als mit himmelbruetenden Schwaermern sympathisieren. Nur gegen das
+Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton faellt, wird sie uns ebenso
+gleichgueltig und ekel. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt
+sie von einem Aeussersten auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklaert,
+so fuegt sie hinzu:
+
+"Wirst du mein Herz verschmaehn? Du schweigst?--Entschliesse dich; Und wenn
+du zweifeln kannst--so zittre!--
+
+So zittre? Olint soll zittern? er, den sie oft in dem Tumulte der
+Schlacht unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll
+vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen?
+--O wenn es der Schauspielerin eingefallen waere, fuer diese ungezogene
+weibliche Gasconade "so zittre!" zu sagen: "ich zittre!" Sie konnte
+zittern, soviel sie wollte, ihre Liebe verschmaeht, ihren Stolz beleidiget
+zu finden. Das waere sehr natuerlich gewesen. Aber es von dem Olint
+verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fordern, das
+ist so unartig als laecherlich.
+
+Doch was haette es geholfen, den Dichter einen Augenblick laenger in den
+Schranken des Woh1standes und der Maessigung zu erhalten? Er faehrt fort,
+Clorinden in dem wahren Tone einer besoffenen Marketenderin rasen zu
+lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemaentelung mehr statt.
+
+Das einzige, was die Schauspielerin zu seinem Besten noch tun koennte,
+waere vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so
+ganz hinreissen liesse, wenn sie ein wenig an sich hielte, wenn sie die
+aeusserste Wut nicht mit der aeussersten Anstrengung der Stimme, nicht mit
+den gewaltsamsten Gebaerden ausdrueckte.
+
+Wenn Shakespeare nicht ein ebenso grosser Schauspieler in der Ausuebung
+gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch
+wenigstens ebenso gut gewusst, was zu der Kunst des einen, als was zu der
+Kunst des andern gehoeret. Ja vielleicht hatte er ueber die Kunst des
+erstern um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu
+hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die
+Komoedianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel fuer alle
+Schauspieler, denen an einem vernuenftigen Beifalle gelegen ist. "Ich
+bitte euch", laesst er ihn unter andern zu den Komoedianten sagen, "sprecht
+die Rede so, wie ich sie euch vorsagte; die Zunge muss nur eben darueber
+hinlaufen. Aber wenn ihr mir sie so heraushalset, wie es manche von
+unsern Schauspielern tun: seht, so waere mir es ebenso lieb gewesen, wenn
+der Stadtschreier meine Verse gesagt haette. Auch durchsaegt mir mit eurer
+Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht alles huebsch artig; denn
+mitten in dem Strome, mitten in dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaften, muesst ihr noch einen Grad von Maessigung
+beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige gibt."
+
+Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich
+so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben koenne. Wenn die, welche
+es behaupten, zum Beweise anfuehren, dass ein Schauspieler ja wohl am
+unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger sein koenne, als es die
+Umstaende erfodern: so haben die, welche es leugnen, recht zu sagen, dass
+in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig
+Verstand zeige. Ueberhaupt koemmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem
+Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrei und Kontorsionen Feuer sind, so ist
+es wohl unstreitig, dass der Akteur darin zu weit gehen kann. Besteht aber
+das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher alle
+Stuecke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beitragen, um seinem
+Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so muessten wir diesen Schein der
+Wahrheit nicht bis zur aeussersten Illusion getrieben zu sehen wuenschen,
+wenn es moeglich waere, dass der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem
+Verstande anwenden koennte. Es kann also auch nicht dieses Feuer sein,
+dessen Maessigung Shakespeare selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem
+Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muss bloss jene Heftigkeit der
+Stimme und der Bewegungen meinen; und der Grund ist leicht zu finden,
+warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Maessigung beobachtet
+hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stuecken maessigen muesse. Es
+gibt wenig Stimmen, die in ihrer aeussersten Anstrengung nicht widerwaertig
+wuerden; und allzu schnelle, allzu stuermische Bewegungen werden selten
+edel sein. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Ohren
+beleidiget werden; und nur alsdenn, wenn man bei Aeusserung der heftigen
+Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm sein
+koennte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch
+noch da von ihnen verlangt, wenn sie den hoechsten Eindruck machen und ihm
+das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen.
+
+Die Kunst des Schauspielers stehet hier zwischen den bildenden Kuensten
+und der Poesie mitten inne. Als sichtbare Malerei muss zwar die Schoenheit
+ihr hoechstes Gesetz sein; doch als transitorische Malerei braucht sie
+ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten
+Kunstwerke so imponierend macht. Sie darf sich, sie muss sich das Wilde
+eines Tempesta, das Freche eines Bernini oefters erlauben; es hat bei ihr
+alle das Ausdrueckende, welches ihm eigentuemlich ist, ohne das
+Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Kuensten durch den
+permanenten Stand erhaelt. Nur muss sie nicht allzu lang darin verweilen;
+nur muss sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmaehlich vorbereiten
+und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des
+Wohlanstaendigen aufloesen; nur muss sie ihm nie alle die Staerke geben, zu
+der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar
+eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verstaendlich
+machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt sein, wenn er die
+Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen gibet, unverfaelscht
+ueberliefern soll.
+
+Es koennte leicht sein, dass sich unsere Schauspieler bei der Maessigung, zu
+der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in
+Ansehung des Beifalles nicht allzuwohl befinden duerften.--Aber welches
+Beifalles?--Die Galerie ist freilich ein grosser Liebhaber des Laermenden
+und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten
+Haenden zu erwidern. Auch das deutsche Parterre ist noch ziemlich von
+diesem Geschmacke, und es gibt Akteurs, die schlau genug von diesem
+Geschmacke Vorteil zu ziehen wissen. Der Schlaefrigste rafft sich, gegen
+das Ende der Szene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal
+die Stimme und ueberladet die Aktion, ohne zu ueberlegen, ob der Sinn
+seiner Rede diese hoehere Anstrengung auch erfodere. Nicht selten
+widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was
+tut das ihm? Genug, dass er das Parterre dadurch erinnert hat, aufmerksam
+auf ihn zu sein, und wenn es die Guete haben will, ihm nachzuklatschen.
+Nachzischen sollte es ihm! Doch leider ist es teils nicht Kenner genug,
+teils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen,
+fuer die Tat.
+
+Ich getraue mich nicht, von der Aktion der uebrigen Schauspieler in diesem
+Stuecke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemueht sein muessen, Fehler zu
+bemaenteln, und das Mittelmaessige geltend zu machen: so kann auch der Beste
+nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir
+ihn auch den Verdruss, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten
+lassen, so sind wir doch nicht aufgeraeumt genug, ihm alle die
+Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet.
+
+Den Beschluss des ersten Abends machte "Der Triumph der vergangenen Zeit",
+ein Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Franzoesischen des Le Grand.
+Es ist eines von den drei kleinen Stuecken, welche Le Grand unter
+dem allgemeinen Titel "Der Triumph der Zeit" im Jahr 1724 auf die
+franzoesische Buehne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits
+einige Jahre vorher, unter der Aufschrift "Die laecherlichen Verliebten",
+behandelt, aber wenig Beifall damit erhalten hatte. Der Einfall, der
+dabei zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind
+sehr laecherlich. Nur ist das Laecherliche von der Art, wie es sich mehr
+fuer eine satirische Erzaehlung, als auf die Buehne schickt. Der Sieg der
+Zeit ueber Schoenheit und Jugend macht eine traurige Idee; die Einbildung
+eines sechzigjaehrigen Gecks und einer ebenso alten Naerrin, dass die
+Zeit nur ueber ihre Reize keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar
+laecherlich; aber diesen Geck und diese Naerrin selbst zu sehen, ist
+ekelhafter, als laecherlich.
+
+
+
+Sechstes Stueck
+Den 19. Mai 1767
+
+Noch habe ich der Anreden an die Zuschauer, vor und nach dem grossen
+Stuecke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem
+Dichter her, der es mehr als irgendein anderer versteht, tiefsinnigen
+Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefaellige
+Miene des Scherzes zu geben. Womit koennte ich diese Blaetter besser
+auszieren, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mitteile? Hier sind sie.
+Sie beduerfen keines Kommentars. Ich wuensche nur, dass manches darin nicht
+in den Wind gesagt sei!
+
+Sie wurden beide ungemein wohl, die erstere mit alle dem Anstande und der
+Wuerde, und die andere mit alle der Waerme und Feinheit und einschmeichelnden
+Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfoderte.
+
+Prolog
+(Gesprochen von Madame Loewen)
+
+ Ihr Freunde, denen hier das mannigfache Spiel
+ Des Menschen in der Kunst der Nachahmung gefiel:
+ Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen,
+ Wie schoen, wie edel ist die Lust, sich so zu quaelen;
+ Wenn bald die suesse Traen', indem das Herz erweicht,
+ In Zaertlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht,
+ Bald die bestuermte Seel', in jeder Nerv' erschuettert,
+ Im Leiden Wollust fuehlt und mit Vergnuegen zittert!
+ O sagt, ist diese Kunst, die so eur Herz zerschmelzt,
+ Der Leidenschaften Strom so durch eur Inners waelzt,
+ Vergnuegend, wenn sie ruehrt, entzueckend, wenn sie schrecket,
+ Zu Mitleid, Menschenlieb' und Edelmut erwecket,
+ Die Sittenbilderin, die jede Tugend lehrt,
+ Ist die nicht eurer Gunst und eurer Pflege wert?
+ Die Fuersicht sendet sie mitleidig auf die Erde,
+ Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde;
+ Weiht sie, die Lehrerin der Koenige zu sein,
+ Mit Wuerde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein;
+ Heisst sie, mit ihrer Macht, durch Traenen zu ergoetzen,
+ Das stumpfeste Gefuehl der Menschenliebe wetzen;
+ Durch suesse Herzensangst, und angenehmes Graun
+ Die Bosheit baendigen und an den Seelen baun;
+ Wohltaetig fuer den Staat, den Wuetenden, den Wilden
+ Zum Menschen, Buerger, Freund und Patrioten bilden.
+ Gesetze staerken zwar der Staaten Sicherheit
+ Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit;
+ Doch deckt noch immer List den Boesen vor dem Richter,
+ Und Macht wird oft der Schutz erhabner Boesewichter.
+ Wer raecht die Unschuld dann? Weh dem gedrueckten Staat,
+ Der, statt der Tugend, nichts als ein Gesetzbuch hat!
+ Gesetze, nur ein Zaum der offenen Verbrechen,
+ Gesetze, die man lehrt des Hasses Urteil sprechen,
+ Wenn ihnen Eigennutz, Stolz und Parteilichkeit
+ Fuer eines Solons Geist den Geist der Drueckung leiht!
+ Da lernt Bestechung bald, um Strafen zu entgehen,
+ Das Schwert der Majestaet aus ihren Haenden drehen:
+ Da pflanzet Herrschbegier, sich freuend des Verfalls
+ Der Redlichkeit, den Fuss der Freiheit auf den Hals.
+ Laesst den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten,
+ Und das blutschuld'ge Beil der Themis Unschuld schlachten!
+ Wenn der, den kein Gesetz straft oder strafen kann,
+ Der schlaue Boesewicht, der blutige Tyrann,
+ Wenn der die Unschuld drueckt, wer wagt es, sie zu decken?
+ Den sichert tiefe List, und diesen waffnet Schrecken.
+ Wer ist ihr Genius, der sich entgegenlegt?--
+ Wer? Sie, die itzt den Dolch, und itzt die Geissel traegt,
+ Die unerschrockne Kunst, die allen Missgestalten
+ Strafloser Torheit wagt den Spiegel vorzuhalten;
+ Die das Geweb' enthuellt, worin sich List verspinnt,
+ Und den Tyrannen sagt, dass sie Tyrannen sind;
+ Die, ohne Menschenfurcht, vor Thronen nicht erbloedet,
+ Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fuersten redet;
+ Gekroente Moerder schreckt, den Ehrgeiz nuechtern macht,
+ Den Heuchler zuechtiget und Toren klueger lacht;
+ Sie, die zum Unterricht die Toten laesst erscheinen,
+ Die grosse Kunst, mit der wir lachen, oder weinen.
+ Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb' und Lehrbegier;
+ In Rom, in Gallien, in Albion, und--hier.
+ Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Traenen flossen,
+ Mit edler Weichlichkeit die euren mit vergossen;
+ Habt redlich euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint
+ Und ihr aus voller Brust den Beifall zugeweint:
+ Wie sie gehasst, geliebt, gehoffet und gescheuet
+ Und eurer Menschlichkeit im Leiden euch erfreuet.
+ Lang hat sie sich umsonst nach Buehnen umgesehn:
+ In Hamburg fand sie Schutz: hier sei denn ihr Athen!
+ Hier, in dem Schoss der Ruh', im Schutze weiser Goenner,
+ Gemutiget durch Lob, vollendet durch den Kenner;
+ Hier reifet--ja ich wuensch', ich hoff', ich weissag' es!--
+ Ein zweiter Roscius, ein zweiter Sophokles,
+ Der Graeciens Kothurn Germanien erneute:
+ Und ein Teil dieses Ruhms, ihr Goenner, wird der eure.
+ O seid desselben wert! Bleibt eurer Guete gleich,
+ Und denkt, o denkt daran, ganz Deutschland sieht auf euch!
+
+
+
+Epilog
+(Gesprochen von Madame Hensel)
+
+ Seht hier! so standhaft stirbt der ueberzeugte Christ!
+ So lieblos hasset der, dem Irrtum nuetzlich ist,
+ Der Barbarei bedarf, damit er seine Sache,
+ Sein Ansehn, seinen Traum zu Lehren Gottes mache.
+ Der Geist des Irrtums war Verfolgung und Gewalt,
+ Wo Blindheit fuer Verdienst, und Furcht fuer Andacht galt.
+ So konnt' er sein Gespinst von Luegen mit den Blitzen
+ Der Majestaet, mit Gift, mit Meuchelmord beschuetzen.
+ Wo Ueberzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut:
+ Die Wahrheit ueberfuehrt, der Irrtum fodert Blut.
+ Verfolgen muss man die und mit dem Schwert bekehren,
+ Die anders Glaubens sind, als die Ismenors lehren.
+ Und mancher Aladin sieht staatsklug oder schwach
+ Dem schwarzen Blutgericht der heil'gen Moerder nach
+ Und muss mit seinem Schwert den, welchen Traeumer hassen,
+ Den Freund, den Maertyrer der Wahrheit wuergen lassen.
+ Abscheulichs Meisterstueck der Herrschsucht und der List,
+ Wofuer kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist!
+ O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst missbrauchen,
+ In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen,
+ Dich, die ihr Blutpanier oft ueber Leichen trug,
+ Dich, Greuel, zu verschmaehn, wer leiht mir einen Fluch!
+ Ihr Freund', in deren Brust der Menschheit edle Stimme
+ Laut fuer die Heldin sprach, als sie dem Priestergrimme
+ Ein schuldlos Opfer ward und fuer die Wahrheit sank:
+ Habt Dank fuer dies Gefuehl, fuer jede Traene Dank!
+ Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder Spottes:
+ Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes!
+ Ach! liebt die Irrenden, die ohne Bosheit blind,
+ Zwar schwaechere vielleicht, doch immer Menschen sind.
+ Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Traenen,
+ Die sonst kein Vorwurf trifft, als dass sie anders waehnen!
+ Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu,
+ Nichts zur Verstellung zwingt, zu boeser Heuchelei;
+ Der fuer die Wahrheit glueht und, nie durch Furcht gezuegelt,
+ Sie freudig, wie Olint, mit seinem Blut versiegelt.
+ Solch Beispiel, edle Freund', ist eures Beifalls wert:
+ O wohl uns! haetten wir, was Cronegk schoen gelehrt,
+ Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben,
+ Durch unsre Vorstellung tief in eur Herz gegraben!
+ Des Dichters Leben war schoen, wie sein Nachruhm ist;
+ Er war, und--o verzeiht die Traen'!--und starb, ein Christ.
+ Liess sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten,
+ Um sie--was kann man mehr?--noch tot zu unterrichten.
+ Versaget, hat euch itzt Sophronia geruehrt,
+ Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebuehrt,
+ Den Seufzer, dass er starb, den Dank fuer seine Lehre,
+ Und--ach! den traurigen Tribut von einer Zaehre.
+ Uns aber, edle Freund', ermuntre Guetigkeit;
+ Und haetten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht.
+ Verzeihung mutiget zu edelerm Erkuehnen,
+ Und feiner Tadel lehrt das hoechste Lob verdienen.
+ Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind;
+ Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen,
+ Und--doch nur euch gebuehrt zu richten, uns zu schweigen.
+
+
+
+
+Siebentes Stueck
+Den 22. Mai 1767
+
+Der Prolog zeiget das Schauspiel in seiner hoechsten Wuerde, indem er es
+als das Supplement der Gesetze betrachten laesst. Es gibt Dinge in dem
+sittlichen Betragen des Menschen, welche, in Ansehung ihres unmittelbaren
+Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbetraechtlich und in sich
+selbst zu veraenderlich sind, als dass sie wert oder faehig waeren, unter der
+eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es gibt wiederum andere,
+gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz faellt; die in ihren
+Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren
+Folgen so unermesslich sind, dass sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz
+entgehen oder doch unmoeglich nach Verdienst geahndet werden koennen. Ich
+will es nicht unternehmen, auf die erstern, als auf Gattungen des
+Laecherlichen, die Komoedie; und auf die andern, als auf ausserordentliche
+Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen
+und das Herz in Tumult setzen, die Tragoedie einzuschraenken. Das Genie
+lacht ueber alle die Grenzscheidungen der Kritik. Aber so viel ist doch
+unstreitig, dass das Schauspiel ueberhaupt seinen Vorwurf entweder
+diesseits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes waehlet und die
+eigentlichen Gegenstaende desselben nur insofern behandelt, als sie sich
+entweder in das Laecherliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche
+verbreiten.
+
+Der Epilog verweilet bei einer von den Hauptlehren, auf welche ein Teil
+der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwecken. Es war zwar von
+dem Hrn. von Cronegk ein wenig unueberlegt, in einem Stuecke, dessen Stoff
+aus den ungluecklichen Zeiten der Kreuzzuege genommen ist, die Toleranz
+predigen und die Abscheulichkeiten des Geistes der Verfolgung an den
+Bekennern der mahomedanischen Religion zeigen zu wollen. Denn diese
+Kreuzzuege selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der
+Paepste waren, wurden in ihrer Ausfuehrung die unmenschlichsten
+Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig
+gemacht hat; die meisten und blutgierigsten Ismenors hatte damals die
+wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben,
+zur Strafe ziehen, koemmt das wohl gegen die unselige Raserei, welche das
+rechtglaeubige Europa entvoelkerte, um das unglaeubige Asien zu verwuesten?
+Doch was der Tragikus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat,
+das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und
+Sanftmut verdienen bei jeder Gelegenheit empfohlen zu werden, und kein
+Anlass dazu kann so entfernt sein, den wenigstens unser Herz nicht sehr
+natuerlich und dringend finden sollte.
+
+Uebrigens stimme ich mit Vergnuegen dem ruehrenden Lobe bei, welches der
+Dichter dem seligen Cronegk erteilet. Aber ich werde mich schwerlich
+bereden lassen, dass er mit mir ueber den poetischen Wert des kritisierten
+Stueckes nicht ebenfalls einig sein sollte. Ich bin sehr betroffen
+gewesen, als man mich versichert, dass ich verschiedene von meinen Lesern
+durch mein unverhohlnes Urteil unwillig gemacht haette. Wenn ihnen
+bescheidene Freiheit, bei der sich durchaus keine Nebenabsichten denken
+lassen, missfaellt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen.
+Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu
+verleiden, den ungekuenstelter Witz, viel feine Empfindung und die
+lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit
+schaetzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muss, zu denen er
+entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Jahre
+erfordern, weit unter welchen er starb. Sein "Kodrus" ward von den
+Verfassern der "Bibliothek der schoenen Wissenschaften" gekroenet, aber
+wahrlich nicht als ein gutes Stueck, sondern als das beste von denen, die
+damals um den Preis stritten. Mein Urteil nimmt ihm also keine Ehre, die
+ihm die Kritik damals erteilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so
+bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel koemmt, doch noch ein
+Hinkender.
+
+Eine Stelle in dem Epilog ist einer Missdeutung ausgesetzt gewesen, von
+der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt:
+
+ "Bedenkt, dass unter uns die Kunst nur kaum beginnt,
+ In welcher tausend Quins fuer einen Garrick sind."
+
+Quin, habe ich darwider erinnern hoeren, ist kein schlechter Schauspieler
+gewesen.--Nein, gewiss nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die
+Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson,
+gestanden, wird bei der Nachwelt immer ein gutes Vorurteil fuer seine
+Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr als dieses Vorurteil fuer sich:
+man weiss, dass er in der Tragoedie mit vieler Wuerde gespielet; dass er
+besonders der erhabenen Sprache des Milton Genuege zu leisten gewusst; dass
+er, im Komischen, die Rolle des Fa1staff zu ihrer groessten Vollkommenheit
+gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das
+Missverstaendnis liegt bloss darin, dass man annimmt, der Dichter habe diesem
+allgemeinen und ausserordentlichen Schauspieler einen schlechten, und fuer
+schlecht durchgaengig erkannten, entgegensetzen wollen. Quin soll hier
+einen von der gewoehnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht;
+einen Mann, der ueberhaupt seine Sache so gut wegmacht, dass man mit ihm
+zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich
+spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabei zu
+Hilfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar und kann mit allem Rechte
+ein guter Schauspieler heissen; aber wieviel fehlt ihm noch, um der
+Proteus in seiner Kunst zu sein, fuer den das einstimmige Geruecht schon
+laengst den Garrick erklaeret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel,
+den Koenig im "Hamlet", als Thomas Jones und Rebhuhn in der Komoedie
+waren[1]; und der Rebhuhne gibt es mehrere, die nicht einen Augenblick
+anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. "Was?" sagen sie, "Garrick
+der groesste Akteur? Er schien ja nicht ueber das Gespenst erschrocken,
+sondern er war es. Was ist das fuer eine Kunst, ueber ein Gespenst zu
+erschrecken? Gewiss und wahrhaftig, wenn wir den Geist gesehen haetten, so
+wuerden wir ebenso ausgesehen und eben das getan haben, was er tat. Der
+andere hingegen, der Koenig, schien wohl auch etwas geruehrt zu sein, aber
+als ein guter Akteur gab er sich doch alle moegliche Muehe, es zu
+verbergen. Zudem sprach er alle Worte so deutlich aus und redete noch
+einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein
+Aufhebens macht!"
+
+Bei den Englaendern hat jedes neue Stueck seinen Prolog und Epilog, den
+entweder der Verfasser selbst oder ein Freund desselben abfasset. Wozu
+die Alten den Prolog brauchten, den Zuhoerer von verschiedenen Dingen zu
+unterrichten, die zu einem geschwindem Verstaendnisse der zum Grunde
+liegenden Geschichte des Stueckes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar
+nicht. Aber er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hunderterlei
+darin zu sagen, was das Auditorium fuer den Dichter, oder fuer den von ihm
+bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken sowohl ueber ihn als
+ueber die Schauspieler vorbauen kann. Noch weniger bedienen sie sich des
+Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die
+voellige Aufloesung des Stuecks, die in dem fuenften Akte nicht Raum hatte,
+darin erzaehlen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von
+Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen ueber die
+geschilderten Sitten und ueber die Kunst, mit der sie geschildert worden;
+und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton aendern
+sie auch nicht einmal gern bei dem Trauerspiele; und es ist gar nichts
+Ungewoehnliches, dass nach dem Blutigsten und Ruehrendsten die Satire ein so
+lautes Gelaechter aufschlaegt und der Witz so mutwillig wird, dass es
+scheinet, es sei die ausdrueckliche Absicht, mit allen Eindruecken des
+Guten ein Gespoette zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider
+diese Narrenschellen, mit der man der Melpomene nachklingelt, geeifert
+hat. Wenn ich daher wuenschte, dass auch bei uns neue Origina1stuecke nicht
+ganz ohne Einfuehrung und Empfehlung vor das Publikum gebracht wuerden, so
+versteht es sich von selbst, dass bei dem Trauerspiele der Ton des Epilogs
+unserm deutschen Ernste angemessener sein muesste. Nach dem Lustspiele
+koennte er immer so burlesk sein, als er wollte. Dryden ist es, der bei
+den Englaendern Meisterstuecke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt
+mit dem groessten Vergnuegen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu
+welchen er sie verfertiget, zum Teil laengst vergessen sind. Hamburg haette
+einen deutschen Dryden in der Naehe; und ich brauche ihn nicht noch einmal
+zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem
+Salze zu wuerzen, so gut als der Englaender verstehen wuerde.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Teil VI, S. 15.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtes Stueck
+Den 26. Mai 1767
+
+Die Vorstellungen des ersten Abends wurden den zweiten wiederholt.
+
+Den dritten Abend (freitags, den 24. v. M.) ward "Melanide" aufgefuehret.
+Dieses Stueck des Nivelle de la Chaussee ist bekannt. Es ist von der
+ruehrenden Gattung, der man den spoettischen Beinamen der Weinerlichen
+gegeben. Wenn weinerlich heisst, was uns die Traenen nahe bringt, wobei wir
+nicht uebel Lust haetten zu weinen, so sind verschiedene Stuecke von dieser
+Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele
+Stroeme von Traenen; und der gemeine Prass franzoesischer Trauerspiele
+verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden.
+Denn eben bringen sie es ungefaehr so weit, dass uns wird, als ob wir
+haetten weinen koennen, wenn der Dichter seine Kunst besser
+verstanden haette.
+
+"Melanide" ist kein Meisterstueck von dieser Gattung; aber man sieht es
+doch immer mit Vergnuegen. Es hat sich selbst auf dem franzoesischen
+Theater erhalten, auf welchem es im Jahre 1741 zuerst gespielt ward. Der
+Stoff, sagt man, sei aus einem Roman, "Mademoiselle de Bontems" betitelt,
+entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der
+zweiten Szene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muss ich einen
+Unbekannten, anstatt des de la Chaussee, um das beneiden, weswegen ich
+wohl eine "Melanide" gemacht zu haben wuenschte.
+
+Die Uebersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine
+italienische, die in dem zweiten Bande der theatralischen Bibliothek des
+Diodati stehet. Ich muss es zum Troste des groessten Haufens unserer
+Uebersetzer anfuehren, dass ihre italienischen Mitbrueder meistenteils noch
+weit elender sind, als sie. Gute Verse indes in gute Prosa uebersetzen,
+erfodert etwas mehr als Genauigkeit; oder ich moechte wohl sagen, etwas
+anders. Allzu puenktliche Treue macht jede Uebersetzung steif, weil
+unmoeglich alles, was in der einen Sprache natuerlich ist, es auch in der
+andern sein kann. Aber eine Uebersetzung aus Versen macht sie zugleich
+waessrig und schielend. Denn wo ist der glueckliche Versifikateur, den nie
+das Silbenmass, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas
+staerker oder schwaecher, frueher oder spaeter, sagen liesse, als er es, frei
+von diesem Zwange, wuerde gesagt haben? Wenn nun der Uebersetzer dieses
+nicht zu unterscheiden weiss; wenn er nicht Geschmack, nicht Mut genug
+hat, hier einen Nebenbegriff wegzulassen, da statt der Metapher den
+eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergaenzen oder
+anzubringen: so wird er uns alle Nachlaessigkeiten seines Originals
+ueberliefert und ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben,
+welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der
+Grundsprache fuer sie machen.
+
+Die Rolle der Melanide ward von einer Aktrice gespielet, die nach einer
+neunjaehrigen Entfernung vom Theater aufs neue in allen den
+Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner und Nichtkenner, mit und
+ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Loewen
+verbindet mit dem silbernen Tone der sonoresten, lieblichsten Stimme, mit
+dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfaehigsten Gesichte von
+der Welt das feinste, schnel1ste Gefuehl, die sicherste, waermste
+Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als es viele wuenschen,
+doch allezeit mit Anstand und Wuerde aeussert. In ihrer Deklamation
+akzentuiert sie richtig, aber nicht merklich. Der gaenzliche Mangel
+intensiver Akzente verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu
+koennen, weiss sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere
+Feinheit zu Hilfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und
+gar nichts wissen. Ich will mich erklaeren. Man weiss, was in der Musik das
+Mouvement heisst; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder
+Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist
+durch das ganze Stueck einfoermig; in dem naemlichen Masse der Geschwindigkeit,
+in welchem die ersten Takte gespielet worden, muessen sie alle, bis zu den
+letzten, gespielet werden. Diese Einfoermigkeit ist in der Musik notwendig,
+weil ein Stueck nur einerlei ausdruecken kann, und ohne dieselbe gar keine
+Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen moeglich sein wuerde. Mit
+der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von
+mehrern Gliedern als ein besonderes musikalisches Stueck annehmen und die
+Glieder als die Takte desselben betrachten, so muessen die Glieder, auch
+alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Laenge waeren und aus der naemlichen
+Anzahl von Silben des naemlichen Zeitmasses bestuenden, dennoch nie mit
+einerlei Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht
+auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Ruecksicht auf den in dem
+ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerlei Wert und Belang sein
+koennen: so ist es der Natur gemaess, dass die Stimme die geringfuegigern
+schnell herausstoesst, fluechtig und nachlaessig darueber hinschlupft; auf den
+betraechtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort,
+und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzaehlet. Die Grade dieser
+Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine
+kuenstliche Zeitteilchen bestimmen und gegeneinander abmessen lassen,
+so werden sie doch auch von dem ungelehrtesten Ohre unterschieden,
+sowie von der ungelehrtesten Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem
+durchdrungenen Herzen und nicht bloss aus einem fertigen Gedaechtnisse
+fliesset. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses bestaendig abwechselnde
+Mouvement der Stimme hat; und werden vollends alle Abaenderungen des
+Tones, nicht bloss in Ansehung der Hoehe und Tiefe, der Staerke und
+Schwaeche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und
+Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen an den rechten Stellen
+damit verbunden: so entstehet jene natuerliche Musik, gegen die sich
+unfehlbar unser Herz eroeffnet, weil es empfindet, dass sie aus dem Herzen
+entspringt, und die Kunst nur insofern daran Anteil hat, als auch die
+Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die
+Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu
+vergleichen, als Herr Ekhof, der aber, indem er die intensiven Akzente
+auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleissiget, noch hinzufueget,
+bloss dadurch seiner Deklamation eine hoehere Vollkommenheit zu geben
+imstande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich
+urteile bloss so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in
+welchen sich das Ruehrende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in
+dem Trauerspiele und fahre indes in der Geschichte unsers Theaters fort.
+
+Den vierten Abend (montags, den 27. v. M.) ward ein neues deutsches
+Original, betitelt "Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe",
+aufgefuehret. Es hat den Hrn. Heufeld in Wien zum Verfasser, der uns sagt,
+dass bereits zwei andere Stuecke von ihm den Beifall des dortigen Publikums
+erhalten haetten. Ich kenne sie nicht; aber nach dem gegenwaertigen zu
+urteilen, muessen sie nicht ganz schlecht sein.
+
+Die Hauptzuege der Fabel und der groesste Teil der Situationen sind aus der
+"Neuen Heloise" des Rousseau entlehnet. Ich wuenschte, dass Herr Heufeld,
+ehe er zu Werke geschritten, die Beurteilung dieses Romans in den
+"Briefen, die neueste Literatur betreffend"[1] gelesen und studiert
+haette. Er wuerde mit einer sicherern Einsicht in die Schoenheiten seines
+Originals gearbeitet haben und vielleicht in vielen Stuecken gluecklicher
+gewesen sein.
+
+Der Wert der "Neuen Heloise" ist, von der Seite der Erfindung, sehr
+gering, und das Beste darin ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung
+faehig. Die Situationen sind alltaeglich oder unnatuerlich, und die wenig
+guten so weit voneinander entfernt, dass sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in
+den engen Raum eines Schauspiels von drei Aufzuegen nicht zwingen lassen.
+Die Geschichte konnte sich auf der Buehne unmoeglich so schliessen, wie sie
+sich in dem Romane nicht sowohl schliesst, als verlieret. Der Liebhaber
+der Julie musste hier gluecklich werden, und Herr Heufeld laesst ihn
+gluecklich werden. Er bekoemmt seine Schuelerin. Aber hat Herr Heufeld auch
+ueberlegt, dass seine Julie nun gar nicht mehr die Julie des Rousseau ist?
+Doch Julie des Rousseau oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst
+eine Person ist, die interessierst. Aber eben das ist sie nicht; sie ist
+nichts als eine kleine verliebte Naerrin, die manchmal artig genug
+schwatzet, wenn sich Herr Heufeld auf eine schoene Stelle im Rousseau
+besinnet. "Julie", sagt der Kunstrichter, dessen Urteils ich erwaehnet
+habe, "spielt in der Geschichte eine zweifache Rolle. Sie ist anfangs ein
+schwaches und sogar etwas verfuehrerisches Maedchen und wird zuletzt ein
+Frauenzimmer, das, als ein Muster der Tugend, alle, die man jemals
+erdichtet hat, weit uebertrifft." Dieses letztere wird sie durch ihren
+Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie
+ueber ihr Herz gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stuecke
+nichts zu hoeren und zu sehen ist: was bleibt von ihr uebrig, als, wie
+gesagt, das schwache verfuehrerische Maedchen, das Tugend und Weisheit auf
+der Zunge, und Torheit im Herzen hat?
+
+Den St. Preux des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft.
+Der Name Siegmund schmecket bei uns ziemlich nach dem Domestiken. Ich
+wuenschte, dass unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten
+ein wenig gesuchterer, und auf den Ton der grossen Welt aufmerksamer sein
+wollten.--St. Preux spielt schon bei dem Rousseau eine sehr abgeschmackte
+Figur. "Sie nennen ihn alle", sagt der angefuehrte Kunstrichter, "den
+Philosophen. Den Philosophen! Ich moechte wissen, was der junge Mensch in
+der ganzen Geschichte spricht oder tut, dadurch er diesen Namen verdienst?
+In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in all-
+gemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt
+und nicht den geringsten Funken davon besitzet. In seiner Liebe ist er
+abenteuerlich, schwuelstig, ausgelassen, und in seinem uebrigen Tun und
+Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Ueberlegung. Er setzet das
+stolzeste Zutrauen in seine Vernunft und ist dennoch nicht entschlossen
+genug, den kleinsten Schritt zu tun, ohne von seiner Schuelerin oder von
+seinem Freunde an der Hand gefuehret zu werden."--Aber wie tief ist der
+deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux!
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Teil X, S. 255 u. f.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neuntes Stueck
+Den 29. Mai 1767
+
+In dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen
+aufgeklaerten Verstand zu zeigen und die taetige Rolle des rechtschaffenen
+Mannes zu spielen. Aber Siegmund in der Komoedie ist weiter nichts, als
+ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend
+macht und sich sehr beleidiget findet, dass man seinem zaertlichen Herzchen
+nicht durchgaengig will Gerechtigkeit widerfahren lassen. Seine ganze
+Wirksamkeit laeuft auf ein paar maechtige Torheiten heraus. Das Buerschchen
+will sich schlagen und erstechen.
+
+Der Verfasser hat es selbst empfunden, dass sein Siegmund nicht in
+genugsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwurfe dadurch
+vorzubeugen, wenn er zu erwaegen gibt: "dass ein Mensch seinesgleichen, in
+einer Zeit von vierundzwanzig Stunden, nicht wie ein Koenig, dem alle
+Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, grosse Handlungen verrichten
+koenne. Man muesse zum voraus annehmen, dass er ein rechtschaffener Mann
+sei, wie er beschrieben werde; und genug, dass Julie, ihre Mutter,
+Clarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafuer erkannt haetten."
+
+Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den
+Charakter anderer kein beleidigendes Misstrauen setzt; wenn man dem
+Zeugnisse, das sich ehrliche Leute untereinander erteilen, allen Glauben
+beimisst. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der
+Billigkeit abspeisen? Gewiss nicht; ob er sich schon sein Geschaeft dadurch
+sehr leicht machen koennte. Wir wollen es auf der Buehne sehen, wer die
+Menschen sind, und koennen es nur aus ihren Taten sehen. Das Gute, das wir
+ihnen, bloss auf anderer Wort, zutrauen sollen, kann uns unmoeglich fuer sie
+interessieren; es laesst uns voellig gleichgueltig, und wenn wir nie die
+geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine ueble
+Rueckwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und
+allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, dass wir deswegen, weil Julie,
+ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Siegmund fuer den vortrefflichsten,
+vollkommensten jungen Menschen erklaeren, ihn auch dafuer zu erkennen
+bereit sein sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller
+dieser Personen ein Misstrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen
+Augen etwas sehen, was ihre guenstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr,
+in vierundzwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel grosse
+Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn grosse? Auch in den
+kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das
+meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schaetzung, die
+groessten. Wie traf es sich denn indes, dass vierundzwanzig Stunden Zeit
+genug waren, dem Siegmund zu den zwei aeussersten Narrheiten Gelegenheit zu
+schaffen, die einem Menschen in seinen Umstaenden nur immer einfallen
+koennen? Die Gelegenheiten sind auch darnach; koennte der Verfasser
+antworten: doch das wird er wohl nicht. Sie moechten aber noch so
+natuerlich herbeigefuehret, noch so fein behandelt sein: so wuerden darum
+die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre
+ueble Wirkung auf unsere Idee von dem jungen stuermischen Scheinweisen
+nicht verlieren. Dass er schlecht handele, sehen wir: dass er gut handeln
+koenne, hoeren wir nur, und nicht einmal in Beispielen, sondern in den
+allgemeinsten schwankendsten Ausdruecken.
+
+Die Haerte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen
+andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewaehlet hatte,
+wird beim Rousseau nur kaum beruehrt. Herr Heufeld hatte den Mut, uns eine
+ganze Szene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas
+wagt. Er laesst den Vater die Tochter zu Boden stossen. Ich war um die
+Ausfuehrung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler
+hatten sie so wohl konzertieret; es ward, von seiten des Vaters und der
+Tochter, so viel Anstand dabei beobachtet, und dieser Anstand tat der
+Wahrheit so wenig Abbruch, dass ich mir gestehen musste, diesen Akteurs
+koenne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufeld verlangt, dass,
+wenn Julie von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut
+zeigen soll. Es kann ihm lieb sein, dass dieses unterlassen worden. Die
+Pantomime muss nie bis zu dem Ekelhaften getrieben werden. Gut, wenn in
+solchen Faellen die erhitzte Einbildungskraft Blut zu sehen glaubt; aber
+das Auge muss es nicht wirklich sehen.
+
+Die darauf folgende Szene ist die hervorragendste des ganzen Stueckes. Sie
+gehoert dem Rousseau. Ich weiss selbst nicht, welcher Unwille sich in die
+Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter
+fussfaellig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kraenket uns,
+denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte
+uebertragen hat. Dem Rousseau muss man diesen ausserordentlichen Hebel
+verzeihen; die Masse ist zu gross, die er in Bewegung setzen soll. Da
+keine Gruende bei Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung
+ist, dass es sich durch die aeusserste Strenge in seinem Entschlusse nur
+noch mehr befestigen wuerde: so konnte sie nur durch die ploetzliche
+Ueberraschung der unerwartetsten Begegnung erschuettert, und in einer Art
+von Betaeubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter,
+verfuehrerische Zaertlichkeit in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau
+kein Mittel sahe, der Natur diese Veraenderung abzugewinnen, so musste er
+sich entschliessen, ihr sie abzunoetigen, oder, wenn man will, abzustehlen.
+Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, dass
+sie den inbruenstigsten Liebhaber dem kaeltesten Ehemanne aufgeopfert habe.
+Aber da diese Aufopferung in der Komoedie nicht erfolget; da es nicht die
+Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgibt: haette Herr Heufeld
+die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau bloss das
+Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen und das Ungewoehnliche
+derselben vor dem Vorwurfe des Unnatuerlichen in Sicherheit setzen
+wollte?--Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufeld das getan haette,
+so wuerden wir um eine Szene gekommen sein, die, wenn sie schon nicht so
+recht in das Ganze passen will, doch sehr kraeftig ist; er wuerde uns ein
+hohes Licht in seiner Kopie vermalt haben, von dem man zwar nicht
+eigentlich weiss, wo es herkoemmt, das aber eine treffliche Wirkung tut.
+Die Art, mit der Herr Ekhof diese Szene ausfuehrte, die Aktion, mit der er
+einen Teil der grauen Haare vors Auge brachte, bei welchen er die Tochter
+beschwor, waeren es allein wert gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu
+begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bei
+Zergliederung des Planes, merklich wird.
+
+Das Nachspiel dieses Abends war "Der Schatz", die Nachahmung des
+Plautinschen "Trinummus", in welcher der Verfasser alle die komischen
+Szenen seines Originals in einen Aufzug zu konzentrieren gesucht hat. Er
+ward sehr wohl gespielt. Die Akteurs alle wussten ihre Rollen mit der
+Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischen so notwendig erfodert wird. Wenn
+ein halbschieriger Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel langsam
+und stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten,
+die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel
+besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen muessen Schlag auf
+Schlag gesagt werden, und der Zuhoerer muss keinen Augenblick Zeit haben,
+zu untersuchen, wie witzig oder unwitzig sie sind. Es sind keine
+Frauenzimmer in diesem Stuecke; das einzige, welches noch anzubringen
+gewesen waere, wuerde eine frostige Liebhaberin sein; und freilich lieber
+keines, als so eines. Sonst moechte ich es niemanden raten, sich dieser
+Besondernheit zu befleissigen. Wir sind zu sehr an die Untermengung beider
+Geschlechter gewoehnet, als dass wir bei gaenzlicher Vermissung des reizendern
+nicht etwas Leeres empfinden sollten.
+
+Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen
+Destouches, das naemliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Buehne
+gebracht. Sie haben beide grosse Stuecke von fuenf Aufzuegen daraus gemacht
+und sind daher genoetiget gewesen, den Plan des Roemers mit eignen
+Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heisst "Die Mitgift" und wird vom
+Riccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von
+den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Destouches
+fuehrt den Titel "Der verborgne Schatz", und ward ein einziges Mal, im
+Jahre 1745, auf der italienischen Buehne zu Paris, und auch dieses einzige
+Mal nicht ganz bis zu Ende, aufgefuehret. Es fand keinen Beifall, und ist
+erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre spaeter,
+als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht
+der erste Erfinder dieses so gluecklichen, und von mehrern mit so vieler
+Nacheifrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philemon, bei dem es
+eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder
+zurueckgefuehret worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in
+Benennung seiner Stuecke; und meistenteils nahm er sie von dem aller-
+unerheblichsten Umstande her. Dieses z.E. nennte er "Trinummus", den
+Dreiling; weil der Sykophant einen Dreiling fuer seine Muehe bekam.
+
+
+
+
+Zehntes Stueck
+Den 2. Juni 1767
+
+Das Stueck des fuenften Abends (dienstags, den 28. April) war "Das
+unvermutete Hindernis oder das Hindernis ohne Hindernis" vom Destouches.
+
+Wenn wir die Annales des franzoesischen Theaters nachschlagen, so finden
+wir, dass die lustigsten Stuecke dieses Verfassers gerade den
+allerwenigsten Beifall gehabt haben. Weder das gegenwaertige, noch "Der
+verborgne Schatz", noch "Das Gespenst mit der Trommel", noch "Der
+poetische Dorfjunker" haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in
+ihrer Neuheit, nur wenigemal aufgefuehret worden. Es beruhet sehr viel auf
+dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankuendiget, oder in welchem er
+seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er
+eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu
+entfernen; und wenn er es tut, duenket man sich berechtiget, darueber zu
+stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser und glaubt, etwas
+Schlechters zu finden, sobald man nicht das naemliche findet. Destouches
+hatte in seinem "Verheirateten Philosophen", in seinem "Ruhmredigen", in
+seinem "Verschwender" Muster eines feinern, hoehern Komischen gegeben, als
+man vom Moliere, selbst in seinen ernsthaftesten Stuecken, gewohnt war.
+Sogleich machten die Kunstrichter, die so gern klassifizieren, dieses zu
+seiner eigentuemlichen Sphaere; was bei dem Poeten vielleicht nichts als
+zufaellige Wahl war, erklaerten sie fuer vorzueglichen Hang und herrschende
+Faehigkeit; was er einmal, zweimal nicht gewollt hatte, schien er ihnen
+nicht zu koennen: und als er nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtern
+aehnlicher, als dass sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit widerfahren liessen,
+ehe sie ihr voreiliges Urteil aenderten? Ich will damit nicht sagen, dass
+das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molierischen von einerlei Guete
+sei. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darin
+zu spueren, als der getreue Maler; seine Narren sind selten von den
+behaglichen Narren, wie sie aus den Haenden der Natur kommen, sondern
+mehrenteils von der hoelzernen Gattung, wie sie die Kunst schnitzelt und
+mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie ueberladet; sein
+Schulwitz, sein Masuren sind daher frostiger als laecherlich. Aber
+demohngeachtet,--und nur dieses wollte ich sagen,--sind seine lustigen
+Stuecke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein
+verzaertelter Geschmack findet; sie haben Szenen mitunter, die uns aus
+Herzensgrunde zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen
+Rang unter den komischen Dichtern versichern koennten.
+
+Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Aufzuge, betitelt "Die neue
+Agnese".
+
+Madame Gertrude spielte vor den Augen der Welt die fromme Sproede; aber
+insgeheim war sie die gefaellige, feurige Freundin eines gewissen Bernard.
+"Wie gluecklich, o wie gluecklich machst du mich, Bernard!" rief sie einst
+in der Entzueckung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf
+fragte das liebe einfaeltige Maedchen: "Aber Mama, wer ist denn der
+Bernard, der die Leute gluecklich macht?" Die Mutter merkte sich verraten,
+fasste sich aber geschwind. "Er ist der Heilige, meine Tochter, den ich
+mir kuerzlich gewaehlt habe; einer von den groessten im Paradiese." Nicht
+lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute
+Kind fand in seinem Umgange recht viel Vergnuegen; Mama bekoemmt Verdacht;
+Mama beschleicht das glueckliche Paar; und da bekoemmt Mama von dem
+Toechterchen ebenso schoene Seufzer zu hoeren, als das Toechterchen juengst
+von Mama gehoert hatte. Die Mutter ergrimmt, ueberfaellt sie, tobt. "Nun,
+was denn, liebe Mama?" sagt endlich das ruhige Maedchen. "Sie haben sich
+den h. Bernard gewaehlt; und ich, ich mir den h. Hilar. Warum
+nicht?"--Dieses ist eines von den lehrreichen Maerchen, mit welchen das
+weise Alter des goettlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart
+fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper sein
+muss. Er sahe nichts Anstoessiges darin, als die Namen der Heiligen, und
+diesem Anstosse wusste er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrude eine
+platonische Weise, eine Anhaengerin der Lehre des Gabalis; und der h.
+Bernard ward zu einem Sylphen, der unter dem Namen und in der Gestalt
+eines guten Bekannten die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann
+auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette "Isabelle und
+Getrude, oder die vermeinten Sylphen", welche die Grundlage zur "Neuen
+Agnese" ist. Man hat die Sitten darin den unsrigen naeherzubringen
+gesucht; man hat sich aller Anstaendigkeit beflissen; das liebe Maedchen
+ist von der reizendsten, verehrungswuerdigsten Unschuld; und durch das
+Ganze sind eine Menge gute komische Einfaelle verstreuet, die zum Teil dem
+deutschen Verfasser eigen sind. Ich kann mich in die Veraenderungen
+selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht naeher einlassen; aber
+Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wuenschten, dass
+er die Nachbarin, anstatt des Vaters, beibehalten haette.--Die Rolle der
+Agnese spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine
+vortreffliche Aktrice verspricht und daher die beste Aufmunterung
+verdienet. Alter, Figur, Miene, Stimme, alles koemmt ihr hier zustatten;
+und ob sich, bei diesen Naturgaben, in einer solchen Rolle schon vieles
+von selbst spielet: so muss man ihr doch auch eine Menge Feinheiten
+zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht
+weniger verrieten, als sich an einer Agnese verraten darf.
+
+Den sechsten Abend (mittwochs, den 29. April) ward die "Semiramis" des
+Hrn. von Voltaire aufgefuehret.
+
+Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1748 auf die franzoesische Buehne
+gebracht, erhielt grossen Beifall und macht in der Geschichte dieser Buehne
+gewissermassen Epoche.--Nachdem der Hr. von Voltaire seine "Zaire" und
+"Alzire", seinen "Brutus" und "Caesar" geliefert hatte, ward er in der
+Meinung bestaerkt, dass die tragischen Dichter seiner Nation die alten
+Griechen in vielen Stuecken weit uebertraefen. "Von uns Franzosen", sagt er,
+"haetten die Griechen eine geschicktere Exposition und die grosse Kunst,
+die Auftritte untereinander so zu verbinden, dass die Szene niemals leer
+bleibt und keine Person weder ohne Ursache koemmt noch abgehet, lernen
+koennen. Von uns", sagt er, "haetten sie lernen koennen, wie Nebenbuhler und
+Nebenbuhlerinnen in witzigen Antithesen miteinander sprechen; wie der
+Dichter mit einer Menge erhabner, glaenzender Gedanken blenden und in
+Erstaunen setzen muesse. Von uns haetten sie lernen koennen"--O freilich;
+was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da moechte zwar
+ein Auslaender, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demuetig um
+Erlaubnis bitten, anderer Meinung sein zu duerfen. Er moechte vielleicht
+einwenden, dass alle diese Vorzuege der Franzosen auf das Wesentliche des
+Trauerspiels eben keinen grossen Einfluss haetten; dass es Schoenheiten waeren,
+welche die einfaeltige Groesse der Alten verachtet habe. Doch was hilft es,
+dem Herrn von Voltaire etwas einzuwenden? Er spricht, und man glaubt. Ein
+einziges vermisste er bei seiner Buehne; dass die grossen Meisterstuecke
+derselben nicht mit der Pracht aufgefuehret wuerden, deren doch die
+Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gewuerdiget
+haetten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von
+dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das
+stehende Volk draengt und stoesst, beleidigte ihn mit Recht; und besonders
+beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Buehne zu
+dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren
+notwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war ueberzeugt, dass bloss
+dieser Uebe1stand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bei einem
+freiern, zu Handlungen bequemern und praechtigern Theater, ohne Zweifel
+gewagt haette. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine
+"Semiramis". Eine Koenigin, welche die Staende ihres Reichs versammelt, um
+ihnen ihre Vermaehlung zu eroeffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft
+steigt, um Blutschande zu verhindern und sich an seinem Moerder zu raechen;
+diese Gruft, in die ein Narr hereingeht, um als ein Verbrecher wieder
+herauszukommen: das alles war in der Tat fuer die Franzosen etwas ganz
+Neues. Es macht so viel Laermen auf der Buehne, es erfordert so viel Pomp
+und Verwandlung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter
+glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und
+ob er es schon nicht fuer die franzoesische Buehne, so wie sie war, sondern
+so wie er sie wuenschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben,
+vorderhand, so gut gespielet, als es sich ohngefaehr spielen liess. Bei der
+ersten Vorstellung sassen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich
+haette wohl ein altvaetrisches Gespenst in einem so galanten Zirkel moegen
+erscheinen sehen. Erst bei den folgenden Vorstellungen ward dieser
+Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Buehne frei;
+und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so ausserordentlichen
+Stueckes, war, ist nach der Zeit die bestaendige Einrichtung geworden. Aber
+vornehmlich nur fuer die Buehne in Paris; fuer die, wie gesagt, "Semiramis"
+in diesem Stuecke Epoche macht. In den Provinzen bleibet man noch haeufig
+bei der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte
+entsagen, den Zairen und Meropen auf die Schleppe treten zu koennen.
+
+
+
+
+Eilftes Stueck
+Den 5. Junius 1767
+
+Die Erscheinung eines Geistes war in einem franzoesischen Trauerspiele
+eine so kuehne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie
+mit so eignen Gruenden, dass es sich der Muehe lohnet, einen Augenblick
+dabei zu verweilen.
+
+"Man schrie und schrieb von allen Seiten", sagt der Herr von Voltaire,
+"dass man an Gespenster nicht mehr glaube und dass die Erscheinung der
+Toten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch
+sein koenne." "Wie?" versetzt er dagegen; "das ganze Altertum haette diese
+Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergoennt sein, sich nach dem
+Altertume zu richten? Wie? unsere Religion haette dergleichen
+ausserordentliche Fuegungen der Vorsicht geheiliget, und es sollte
+laecherlich sein, sie zu erneuern?"
+
+Diese Ausrufungen, duenkt mich, sind rhetorischer, als gruendlich. Vor
+allen Dingen wuenschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. In
+Dingen des Geschmacks und der Kritik sind Gruende, aus ihr genommen, recht
+gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht
+tauglich, ihn zu ueberzeugen. Die Religion, als Religion, muss hier nichts
+entscheiden sollen; nur als eine Art von Ueberlieferung des Altertums,
+gilt ihr Zeugnis nicht mehr und nicht weniger, als andere Zeugnisse des
+Altertums gelten. Und sonach haetten wir es auch hier nur mit dem
+Altertume zu tun.
+
+Sehr wohl; das ganze Altertum hat Gespenster geglaubt. Die dramatischen
+Dichter des Altertums hatten also recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn
+wir bei einem von ihnen wiederkommende Tote aufgefuehret finden, so waere
+es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Prozess zu machen.
+Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten teilende
+dramatische Dichter die naemliche Befugnis? Gewiss nicht.--Aber wenn er
+seine Geschichte in jene leichtglaeubigere Zeiten zuruecklegt? Auch alsdenn
+nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er
+erzaehlt nicht, was man ehedem geglaubt, dass es geschehen, sondern er laesst
+es vor unsern Augen nochmals geschehen; und laesst es nochmals geschehen,
+nicht der blossen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz
+andern und hoehern Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck,
+sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns taeuschen, und durch
+die Taeuschung ruehren. Wenn es also wahr ist, dass wir itzt keine
+Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglauben die Taeuschung notwendig
+verhindern muesste; wenn ohne Taeuschung wir unmoeglich sympathisieren
+koennen: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn
+er uns demohngeachtet solche unglaubliche Maerchen ausstaffieret; alle
+Kunst, die er dabei anwendet, ist verloren.
+
+Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und
+Erscheinungen auf die Buehne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des
+Schrecklichen und Pathetischen fuer uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust
+waere fuer die Poesie zu gross; und hat sie nicht Beispiele fuer sich, wo das
+Genie aller unserer Philosophie trotzet und Dinge, die der kalten
+Vernunft sehr spoettisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fuerchterlich
+zu machen weiss? Die Folge muss daher anders fallen; und die Voraussetzung
+wird nur falsch sein. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das?
+Oder vielmehr, was heisst das? Heisst es so viel: wir sind endlich in
+unsern Einsichten so weit gekommen, dass wir die Unmoeglichkeit davon
+erweisen koennen; gewisse unumstoessliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an
+Gespenster im Widerspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind
+auch dem gemeinsten Manne immer und bestaendig so gegenwaertig, dass ihm
+alles, was damit streitet, notwendig laecherlich und abgeschmackt
+vorkommen muss? Das kann es nicht heissen. Wir glauben itzt keine
+Gespenster, kann also nur so viel heissen: in dieser Sache, ueber die sich
+fast ebensoviel dafuer als darwider sagen laesst, die nicht entschieden ist
+und nicht entschieden werden kann, hat die gegenwaertig herrschende Art zu
+denken den Gruenden darwider das Uebergewicht gegeben; einige wenige haben
+diese Art zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen
+das Geschrei und geben den Ton; der groesste Haufe schweigt und verhaelt
+sich gleichgueltig und denkt bald so, bald anders, hoert beim hellen Tage
+mit Vergnuegen ueber die Gespenster spotten und bei dunkler Nacht mit
+Grausen davon erzaehlen.
+
+Aber in diesem Verstande keine Gespenster glauben, kann und darf den
+dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zu
+machen. Der Same, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in denen am
+haeufigsten, fuer die er vornehmlich dichtet. Es koemmt nur auf seine Kunst
+an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den
+Gruenden fuer ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu
+geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so moegen wir in gemeinem Leben
+glauben, was wir wollen; im Theater muessen wir glauben, was Er will.
+
+So ein Dichter ist Shakespeare, und Shakespeare fast einzig und allein.
+Vor seinem Gespenste im "Hamlet" richten sich die Haare zu Berge, sie
+moegen ein glaeubiges oder unglaeubiges Gehirn bedecken. Der Herr von
+Voltaire tat gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es
+macht ihn und seinen Geist des Ninus--laecherlich.
+
+Shakespeares Gespenst koemmt wirklich aus jener Welt; so duenkt uns. Denn
+es koemmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht,
+in der vollen Begleitung aller der duestern, geheimnisvollen Nebenbegriffe,
+wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten und zu
+denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum
+Popanze gut, Kinder damit zu erschrecken; es ist der blosse verkleidete
+Komoediant, der nichts hat, nichts sagt, nichts tut, was es wahrscheinlich
+machen koennte, er waere das, wofuer er sich ausgibt; alle Umstaende
+vielmehr, unter welchen er erscheinet, stoeren den Betrug und verraten
+das Geschoepf eines kalten Dichters, der uns gern taeuschen und schrecken
+moechte, ohne dass er weiss, wie er es anfangen soll. Man ueberlege auch nur
+dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Versammlung der Staende des
+Reichs, von einem Donnerschlage angekuendiget, tritt das Voltairische
+Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehoert, dass
+Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau haette ihm nicht sagen koennen,
+dass die Gespenster das Sonnenlicht scheuen und grosse Gesellschaften gar
+nicht gern besuchten? Doch Voltaire wusste zuverlaessig das auch; aber er
+war zu furchtsam, zu ekel, diese gemeinen Umstaende zu nutzen; er wollte
+uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlern Art
+sein; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich
+Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten
+unter den Gespenstern sind, duenket mich kein rechtes Gespenst zu sein;
+und alles, was die Illusion hier nicht befoerdert, stoeret die Illusion.
+
+Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen haette, so
+wuerde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden
+haben, ein Gespenst vor den Augen einer grossen Menge erscheinen zu
+lassen. Alle muessen auf einmal, bei Erblickung desselben, Furcht und
+Entsetzen aeussern; alle muessen es auf verschiedene Art aeussern, wenn der
+Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Balletts haben soll. Nun
+richte man einmal eine Herde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie
+auf das gluecklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser
+vielfache Ausdruck des naemlichen Affekts die Aufmerksamkeit teilen, und
+von den Hauptpersonen abziehen muss. Wenn diese den rechten Eindruck auf
+uns machen sollen, so muessen wir sie nicht allein sehen koennen, sondern
+es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beim Shakespeare
+ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einlaesst; in der
+Szene, wo die Mutter dabei ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch
+gehoert. Alle unsere Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale
+eines von Schauder und Schrecken zerruetteten Gemuets wir an ihm entdecken,
+desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerruettung
+in ihm verursacht, fuer eben das zu halten, wofuer er sie haelt. Das
+Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der
+Eindruck, den es auf ihn macht, gehet in uns ueber, und die Wirkung ist
+zu augenscheinlich und zu stark, als dass wir an der ausserordentlichen
+Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff
+verstanden! Es erschrecken ueber seinen Geist viele; aber nicht viel.
+Semiramis ruft einmal: "Himmel! ich sterbe!" und die andern machen nicht
+mehr Umstaende mit ihm, als man ohngefaehr mit einem weit entfernt
+geglaubten Freunde machen wuerde, der auf einmal ins Zimmer tritt.
+
+
+
+
+Zwoelftes Stueck
+Den 9. Junius 1767
+
+Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des
+englischen und franzoesischen Dichters findet. Voltaires Gespenst ist
+nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es
+interessiert uns fuer sich selbst nicht im geringsten. Shakespeares
+Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen
+Schicksale wir Anteil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid.
+
+Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen
+Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern ueberhaupt. Voltaire
+betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakespeare
+als eine ganz natuerliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer
+denkt, duerfte keine Frage sein; aber Shakespeare dachte poetischer. Der
+Geist des Ninus kam bei Voltairen als ein Wesen, das noch jenseit dem
+Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen faehig ist, mit welchem wir
+also Mitleiden haben koennen, in keine Betrachtung. Er wollte bloss damit
+lehren, dass die hoechste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu
+bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen
+Gesetzen mache.
+
+Ich will nicht sagen, dass es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter
+seine Fabel so einrichtet, dass sie zur Erlaeuterung oder Bestaetigung
+irgendeiner grossen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen,
+dass diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als notwendig ist; dass
+sehr lehrreiche vollkommene Stuecke geben kann, die auf keine solche
+einzelne Maxime abzwecken; dass man unrecht tut, den letzten Sittenspruch,
+den man zum Schlusse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so
+anzusehen, als ob das Ganze bloss um seinetwillen da waere.
+
+Wenn daher die "Semiramis" des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst
+haette, als dieses, worauf er sich so viel zugute tut, dass man naemlich
+daraus die hoechste Gerechtigkeit verehren lerne, die, ausserordentliche
+Lastertaten zu strafen, ausserordentliche Wege waehle: so wuerde "Semiramis"
+in meinen Augen nur ein sehr mittelmaessiges Stueck sein. Besonders da diese
+Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstreitig dem
+weisesten Wesen weit anstaendiger, wenn es dieser ausserordentlichen Wege
+nicht bedarf und wir uns die Bestrafung des Guten und Boesen in die
+ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochten denken.
+
+Doch ich will mich bei dem Stuecke nicht laenger verweilen, um noch ein
+Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgefuehret worden. Man hat alle
+Ursache, damit zufrieden zu sein. Die Buehne ist geraeumlich genug, die
+Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in
+verschiedenen Szenen auftreten laesst. Die Verzierungen sind neu, von dem
+besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als
+moeglich in einen.
+
+Den siebenten Abend (donnerstags, den 30. April) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, gespielet.
+
+Dieses Lustspiel kam im Jahr 1727 zuerst auf die franzoesische Buehne und
+fand so allgemeinen Beifall, dass es in Jahr und Tag sechsunddreissigmal
+aufgefuehret ward. Die deutsche Uebersetzung ist nicht die prosaische aus
+den zu Berlin uebersetzten saemtlichen Werken des Destouches; sondern eine
+in Versen, an der mehrere Haende geflickt und gebessert haben. Sie hat
+wirklich viel glueckliche Verse, aber auch viel harte und unnatuerliche
+Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem
+Schauspieler das Agieren machen; und doch werden wenig franzoesische
+Stuecke sein, die auf irgendeinem deutschen Theater jemals besser
+ausgefallen waeren, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das
+schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Loewen die launigte
+Celiante als eine Meisterin, und Herr Ackermann den Geront
+unverbesserlich. Ich kann es ueberhoben sein, von dem Stuecke selbst zu
+reden. Es ist zu bekannt und gehoert unstreitig unter die Meisterstuecke
+der franzoesischen Buehne, die man auch unter uns immer mit Vergnuegen
+sehen wird.
+
+Das Stueck des achten Abends (freitags, den 1. Mai) war "Das Kaffeehaus,
+oder Die Schottlaenderin" des Hrn. von Voltaire.
+
+Es liesse sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein
+Verfasser schickte es als eine Uebersetzung aus dem Englischen des Hume,
+nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern
+dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel "Douglas" bekannt gemacht
+hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der "Kaffeeschenke"
+des Goldoni etwas Aehnliches; besonders scheint der Don Marzio des Goldoni
+das Urbild des Frelon gewesen zu sein. Was aber dort bloss ein boesartiger
+Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Skribent, den er Frelon nannte,
+damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen geschwornen Feind, den
+Journalisten Freron, fallen moechten. Diesen wollte er damit zu Boden
+schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich
+versetzt. Wir Auslaender, die wir an den haemischen Neckereien der
+franzoesischen Gelehrten unter sich keinen Anteil nehmen, sehen ueber die
+Persoenlichkeiten dieses Stuecks weg und finden in dem Frelon nichts als
+die getreue Schilderung einer Art von Leuten, die auch bei uns nicht
+fremd ist. Wir haben unsere Frelons so gut, wie die Franzosen und
+Englaender, nur dass sie bei uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere
+Literatur ueberhaupt gleichgueltiger ist. Fiele das Treffende dieses
+Charakters aber auch gaenzlich in Deutschland weg, so hat das Stueck doch,
+noch ausser ihm, Interesse genug, und der ehrliche Freeport allein koennte
+es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edelmuetigkeit, und
+die Englaender selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden.
+
+Denn nur seinetwegen haben sie erst kuerzlich den ganzen Stamm auf den
+Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu sein ruehmte.
+Colman, unstreitig itzt ihr bester komischer Dichter, hat die
+"Schottlaenderin", unter dem Titel des "Englischen Kaufmanns", uebersetzt
+und ihr vollends alle das nationale Kolorit gegeben, das ihr in dem
+Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen
+Sitten auch kennen will, so hatte er doch haeufig dagegen verstossen; z.E.
+darin, dass er seine Lindane auf einem Kaffeehause wohnen laesst. Colman
+mietet sie dafuer bei einer ehrlichen Frau ein, die moeblierte Zimmer haelt,
+und diese Frau ist weit anstaendiger die Freundin und Wohltaeterin der
+jungen verlassenen Schoene, als Fabriz. Auch die Charaktere hat Colman
+fuer den englischen Geschmack kraeftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist
+nicht bloss eine eifersuechtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie,
+von Geschmack und Gelehrsamkeit sein und gibt sich das Ansehen einer
+Schutzgoettin der Literatur. Hierdurch glaubte er die Verbindung
+wahrscheinlicher zu machen, in der sie mit dem elenden Frelon stehet,
+den er Spatter nennet. Freeport vornehmlich hat eine weitere Sphaere von
+Taetigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane ebenso
+eifrig an, als der Lindane selbst. Was im Franzoesischen der Lord
+Falbridge zu dessen Begnadigung tut, tut im Englischen Freeport, und
+er ist es allein, der alles zu einem gluecklichen Ende bringet.
+
+Die englischen Kunstrichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen
+durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft und die Charaktere
+sehr wohl ausgefuehrt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans uebrige
+Stuecke weit vor, von welchen man "Die eifersuechtige Ehefrau" auf dem
+Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die
+sich ihrer erinnern, ungefaehr urteilen koennen. "Der englische Kaufmann"
+hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen nicht genug
+darin genaehret; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar.
+Hiernaechst hat er ihnen zuviel Aehnlichkeit mit andern Stuecken, und den
+besten Situationen fehlt die Neuheit. Freeport, meinen sie, haette nicht
+den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden muessen; seine
+gute Tat verliere dadurch alles Verdienst usw.
+
+Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungegruendet; indes sind wir
+Deutschen es sehr wohl zufrieden, dass die Handlung nicht reicher und
+verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte zerstreuet und
+ermuedet uns; wir lieben einen einfaeltigen Plan, der sich auf einmal
+uebersehen laesst. So wie die Englaender die franzoesischen Stuecke mit
+Episoden erst vollpfropfen muessen, wenn sie auf ihrer Buehne gefallen
+sollen; so muessten wir die englischen Stuecke von ihren Episoden erst
+entladen, wenn wir unsere Buehne gluecklich damit bereichern wollten. Ihre
+besten Lustspiele eines Congreve und Wycherley wuerden uns, ohne diesen
+Ausbau des allzu wolluestigen Wuchses, unausstehlich sein. Mit ihren
+Tragoedien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Teil bei weitem
+so verworren nicht, als ihre Komoedien, und verschiedene haben, ohne die
+geringste Veraenderung, bei uns Glueck gemacht, welches ich von keiner
+einzigen ihrer Komoedien zu sagen wuesste.
+
+Auch die Italiener haben eine Uebersetzung von der "Schottlaenderin", die
+in dem ersten Teile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie
+folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine
+Szene zum Schlusse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte,
+Frelon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so
+verdient diese Bestrafung sei, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu
+schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener duenkte
+diese Entschuldigung nicht hinlaenglich, und er ergaenzte die Bestrafung
+des Frelons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind grosse Liebhaber der
+poetischen Gerechtigkeit.
+
+
+
+
+Dreizehntes Stueck
+Den 12. Junius 1767
+
+Den neunten Abend (montags, den 4. Mai) sollte "Cenie" gespielet werden.
+Es wurden aber auf einmal mehr als die Haelfte der Schauspieler durch
+einen epidemischen Zufall ausserstand gesetzet, zu agieren; und man musste
+sich so gut zu helfen suchen, als moeglich. Man wiederholte "Die neue
+Agnese" und gab das Singspiel "Die Gouvernante".
+
+Den zehnten Abend (dienstags, den 5. Mai) ward "Der poetische
+Dorfjunker", vom Destouches, aufgefuehrt.
+
+Dieses Stueck hat im Franzoesischen drei Aufzuege, und in der Uebersetzung
+fuenfe. Ohne diese Verbesserung war es nicht wert, in die "Deutsche
+Schaubuehne" des weiland beruehmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen
+zu werden, und seine gelehrte Freundin, die Uebersetzerin, war eine viel
+zu brave Ehefrau, als dass sie sich nicht den kritischen Ausspruechen ihres
+Gemahls blindlings haette unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch
+fuer grosse Muehe, aus drei Aufzuegen fuenfe zu machen? Man laesst in einem
+andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlaegt einen Spaziergang im
+Garten vor; und wenn Not an den Mann gehet, so kann ja auch der
+Lichtputzer herauskommen und sagen: "Meine Damen und Herren, treten Sie
+ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Putzens wegen erfunden, und was
+hilft Ihr Spielen, wenn das Parterre nicht sehen kann?"--Die Uebersetzung
+selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorin
+die Knittelverse des Masuren, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie
+ueberall ebenso gluecklich gewesen, wo sie den Einfaellen ihres Originals
+eine andere Wendung geben zu muessen geglaubt, wuerde sich aus der
+Vergleichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe
+Frau recht herzlich gut gemeinet hatte, habe ich demohngeachtet aufmutzen
+hoeren. In der Szene, wo Henriette die alberne Dirne spielt, laesst
+Destouches den Masuren zu ihr sagen: "Sie setzen mich in Erstaunen,
+Mademoiselle; ich habe Sie fuer eine Virtuosin gehalten." "O pfui!"
+erwidert Henriette; "wofuer haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches
+Maedchen; dass Sie es nur wissen." "Aber man kann ja", faellt ihr Masuren
+ein, "beides wohl zugleich, ein ehrliches Maedchen und eine Virtuosin,
+sein." "Nein", sagt Henriette; "ich behaupte, dass man das nicht zugleich
+sein kann. Ich eine Virtuosin!" Man erinnere sich, was Madame Gottsched
+anstatt des Worts "Virtuosin" gesetzt hat: ein Wunder. Kein Wunder! sagte
+man, dass sie das tat. Sie fuehlte sich auch so etwas von einer Virtuosin
+zu sein, und ward ueber den vermeinten Stich boese. Aber sie haette nicht
+boese werden sollen, und was die witzige und gelehrte Henriette, in der
+Person einer dummen Agnese, sagt, haette die Frau Professorin immer, ohne
+Maulspitzen, nachsagen koennen. Doch vielleicht war ihr nur das fremde
+Wort Virtuosin anstoessig; Wunder ist deutscher; zudem gibt es unter unsern
+Schoenen fuenfzig Wunder gegen eine Virtuosin; die Frau wollte rein und
+verstaendlich uebersetzen; sie hatte sehr recht.
+
+Den Beschluss dieses Abends machte "Die stumme Schoenheit", von Schlegeln.
+
+Schlegel hatte dieses kleine Stueck fuer das neuerrichtete Kopenhagensche
+Theater geschrieben, um auf demselben in einer daenischen Uebersetzung
+aufgefuehret zu werden. Die Sitten darin sind daher auch wirklich
+daenischer, als deutsch. Demohngeachtet ist es unstreitig unser bestes
+komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte ueberall
+eine ebenso fliessende als zierliche Versifikation, und es war ein Glueck
+fuer seine Nachfolger, dass er seine groessern Komoedien nicht auch in Versen
+schrieb. Er haette ihnen leicht das Publikum verwoehnen koennen, und so
+wuerden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beispiel wider
+sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem der gereimten Komoedie sehr
+lebhaft angenommen; und je gluecklicher er die Schwierigkeiten derselben
+ueberstiegen haette, desto unwiderleglicher wuerden seine Gruende geschienen
+haben. Doch, als er selbst Hand an das Werk legte, fand er ohne Zweifel,
+wie unsaegliche Muehe es koste, nur einen Teil derselben zu uebersteigen,
+und wie wenig das Vergnuegen, welches aus diesen ueberstiegenen
+Schwierigkeiten entstehet, fuer die Menge kleiner Schoenheiten, die man
+ihnen aufopfern muesse, schadlos halte. Die Franzosen waren ehedem so
+ekel, dass man ihnen die prosaischen Stuecke des Moliere, nach seinem Tode,
+in Verse bringen musste; und noch itzt hoeren sie ein prosaisches Lustspiel
+als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen koenne. Den Englaender
+hingegen wuerde eine gereimte Komoedie aus dem Theater jagen. Nur die
+Deutschen sind auch hierin, soll ich sagen billiger, oder gleichgueltiger?
+Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was waere es auch, wenn sie
+itzt schon waehlen und ausmustern wollten?
+
+Die Rolle der stummen Schoene hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme
+Schoene, sagt man, ist nicht notwendig eine dumme, und die Schauspielerin
+hat unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels
+stumme Schoenheit ist allerdings dumm zugleich; denn dass sie nichts
+spricht, koemmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabei wuerde also
+dieses sein, dass man sie ueberall, wo sie, um artig zu scheinen, denken
+muesste, unartig machte, dabei aber ihr alle die Artigkeiten liesse, die
+bloss mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben koennte. Ihr
+Gang z.E., ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht baeurisch zu sein; sie
+koennen so gut und zierlich sein, als sie nur immer ein Tanzmeister kehren
+kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt haben,
+da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muss Quadrille nicht schlecht
+spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen.
+Auch ihre Kleidung muss weder altvaetrisch, noch schlumpicht sein; denn
+Frau Praatgern sagt ausdruecklich:
+
+ "Bist du vielleicht nicht wohl gekleidet?--Lass doch sehn!
+ Nun!--dreh dich um!--das ist ja gut, und sitzt galant.
+ Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand?"
+
+In dieser Musterung der Fr. Praatgern ueberhaupt hat der Dichter deutlich
+genug bemerkt, wie er das Aeusserliche seiner stummen Schoene zu sein wuensche.
+Gleichfalls schoen, nur nicht reizend.
+
+ "Lass sehn, wie traegst du dich?--Den Kopf nicht so zuruecke!"
+
+Dummheit ohne Erziehung haelt den Kopf mehr vorwaerts, als zurueck; ihn
+zurueckhalten, lehrt der Tanzmeister; man muss also Charlotten den
+Tanzmeister ansehen, und je mehr, je besser; denn das schadet ihrer
+Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmeistermanieren
+gerade die, welche der stummen Schoenheit am meisten entsprechen; sie
+zeigen die Schoenheit in ihrem besten Vorteile, nur dass sie ihr das
+Leben nehmen.
+
+ "Wer fragt: hat sie Verstand? der seh' nur ihre Blicke."
+
+Recht wohl, wenn man eine Schauspielerin mit grossen schoenen Augen zu
+dieser Rolle hat. Nur muessen sich diese schoene Augen wenig oder gar nicht
+regen; ihre Blicke muessen langsam und stier sein; sie muessen uns mit
+ihrem unbeweglichen Brennpunkte in Flammen setzen wollen, aber
+nichts sagen.
+
+ "Geh doch einmal herum!--Gut! hieher!--Neige dich!
+ Da haben wir's, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich."
+
+Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine baeurische
+Neige, einen dummen Knicks machen laesst. Ihre Verbeugung muss wohl gelernt
+sein, und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau
+Praatgern muss sie nur noch nicht affektiert genug finden. Charlotte
+verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabei zieren. Das
+ist der ganze Unterschied, und Madame Loewen bemerkte ihn sehr wohl, ob
+ich gleich nicht glaube, dass die Praatgern sonst eine Rolle fuer sie ist.
+Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern
+wollen nichtswuerdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer
+Tochter ist, durchaus nicht lassen.
+
+Den eilften Abend (mittewochs, den 6. Mai) ward "Miss Sara Sampson"
+aufgefuehret.
+
+Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Henseln in
+der Rolle der Sara leistet, und das Stueck ward ueberhaupt sehr gut
+gespielet. Es ist ein wenig zu lang, und man verkuerzt es daher auf den
+meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkuerzungen so recht
+zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiss ja, wie die Autores sind;
+wenn man ihnen auch nur einen Nietnagel nehmen will, so schreien sie
+gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freilich ist der uebermaessigen Laenge eines
+Stuecks durch das blosse Weglassen nur uebel abgeholfen, und ich begreife
+nicht, wie man eine Szene verkuerzen kann, ohne die ganze Folge des
+Dialogs zu aendern. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkuerzungen nicht
+anstehen; so mache er selbst welche, falls es ihm der Muehe wert duenket
+und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf
+ewig die Hand von ihnen abziehen.
+
+Madame Henseln starb ungemein anstaendig; in der malerischsten Stellung;
+und besonders hat mich ein Zug ausserordentlich ueberrascht. Es ist eine
+Bemerkung an Sterbenden, dass sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder
+Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die
+gluecklichste Art zu nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich,
+aeusserte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes,
+ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward
+und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verloeschenden
+Lichts; der juengste Strahl einer untergehenden Sonne.--Wer diese Feinheit
+in meiner Beschreibung nicht schoen findet, der schiebe die Schuld auf
+meine Beschreibung; aber er sehe sie einmal!
+
+
+
+
+Vierzehntes Stueck
+Den 16. Junius 1767
+
+Das buergerliche Trauerspiel hat an dem franzoesischen Kunstrichter,
+welcher die "Sara" seiner Nation bekannt gemacht,[1] einen sehr
+gruendlichen Verteidiger gefunden. Die Franzosen billigen sonst selten
+etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben.
+
+Die Namen von Fuersten und Helden koennen einem Stuecke Pomp und Majestaet
+geben; aber zur Ruehrung tragen sie nichts bei. Das Unglueck derjenigen,
+deren Umstaende den unsrigen am naechsten kommen, muss natuerlicherweise am
+tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Koenigen Mitleiden
+haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
+Koenigen. Macht ihr Stand schon oefters ihre Unfaelle wichtiger, so macht er
+sie darum nicht interessanter. Immerhin moegen ganze Voelker darein
+verwickelt werden; unsere Sympathie erfodert einen einzeln Gegenstand,
+und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff fuer unsere Empfindungen.
+
+"Man tut dem menschlichen Herze unrecht", sagt auch Marmontel, "man
+verkennst die Natur, wenn man glaubt, dass sie Titel beduerfe, uns zu
+bewegen und zu ruehren. Die geheiligten Namen des Freundes, des Vaters,
+des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen
+ueberhaupt: diese sind pathetischer als alles; diese behaupten ihre Rechte
+immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Geschlechtsname,
+die Geburt des Ungluecklichen ist, den seine Gefaelligkeit gegen unwuerdige
+Freunde und das verfuehrerische Beispiel ins Spiel verstricket, der seinen
+Wohlstand und seine Ehre darueber zugrunde gerichtet, und nun im
+Gefaengnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wenn man fragt, wer er
+ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist
+er Gemahl und Vater; seine Gattin, die er liebt und von der er geliebt
+wird, schmachtet in der aeussersten Beduerfnis und kann ihren Kindern,
+welche Brot verlangen, nichts als Traenen geben. Man zeige mir in der
+Geschichte der Helden eine ruehrendere, moralischere, mit einem Worte,
+tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglueckliche
+vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfaehrt, dass der Himmel
+ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen und
+fuerchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes
+marternde Vorstellungen, wie gluecklich er habe leben koennen, gesellen;
+was fehlt ihm, frage ich, um der Tragoedie wuerdig zu sein? Das Wunderbare,
+wird man antworten. Wie? Findet sich denn nicht dieses Wunderbare
+genugsam in dem ploetzlichen Uebergange von der Ehre zur Schande, von der
+Unschuld zum Verbrechen, von der suessesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in
+dem aeussersten Ungluecke, in das eine blosse Schwachheit gestuerzet?"
+
+Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Diderots und
+Marmontels, noch so eingeschaerft werden: es scheint doch nicht, dass das
+buergerliche Trauerspiel darum bei ihnen besonders in Schwang kommen
+werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere aeusserliche
+Vorzuege zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann will alles mit
+Vornehmern umgehen; und Gesellschaft mit seinesgleichen ist so viel als
+schlechte Gesellschaft. Zwar ein glueckliches Genie vermag viel ueber sein
+Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte aufgegeben, und sie erwartet
+vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und
+Staerke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem
+Stuecke gemacht hat, welches er "Das Gemaelde der Duerftigkeit" nennet, hat
+schon grosse Schoenheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen,
+haetten wir es fuer unser Theater adoptieren sollen.
+
+Was der erstgedachte Kunstrichter an der deutschen "Sara" aussetzet, ist
+zum Teil nicht ohne Grund. Ich glaube aber doch, der Verfasser wird
+lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht ungluecklichen Muehe
+einer gaenzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was
+Voltaire bei einer aehnlichen Gelegenheit sagte: "Man kann nicht immer
+alles ausfuehren, was uns unsere Freunde raten. Es gibt auch notwendige
+Fehler. Einem Bucklichten, den man von seinem Buckel heilen wollte, muesste
+man das Leben nehmen. Mein Kind ist bucklicht; aber es befindet sich
+sonst ganz gut."
+
+Den zwoelften Abend (donnerstags, den 7. Mai) ward "Der Spieler", vom
+Regnard, aufgefuehret.
+
+Dieses Stueck ist ohne Zweifel das beste, was Regnard gemacht hat; aber
+Riviere du Freny, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Buehne
+brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, dass
+ihm Regnard die Anlage und verschiedene Szenen gestohlen habe; Regnard
+schob die Beschuldigung zurueck, und itzt wissen wir von diesem Streite
+nur so viel mit Zuverlaessigkeit, dass einer von beiden der Plagiarius
+gewesen. Wenn es Regnard war, so muessen wir es ihm wohl noch dazu danken,
+dass er sich ueberwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu
+missbrauchen; er bemaechtigte sich, bloss zu unserm Besten, der Materialien,
+von denen er voraussahe, dass sie verhunzt werden wuerden. Wir haetten nur
+einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen waere. Doch
+haette er die Tat eingestehen und dem armen Du Freny einen Teil der damit
+erworbnen Ehre lassen muessen.
+
+Den dreizehnten Abend (freitags, den 8. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph" wiederholst; und den Beschluss machte "Der Liebhaber als
+Schriftsteller und Bedienter".
+
+Der Verfasser dieses kleinen artigen Stueckes heisst Cerou; er studierte
+die Rechte, als er es im Jahre 1740 den Italienern in Paris zu spielen
+gab. Es faellt ungemein wohl aus.
+
+Den vierzehnten Abend (montags, den 11. Mai) wurden "Die kokette Mutter",
+vom Quinault, und "Der Advokat Patelin" aufgefuehrt.
+
+Jene wird von den Kennern unter die besten Stuecke gerechnet, die sich auf
+dem franzoesischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es
+ist wirklich viel gutes Komisches darin, dessen sich Moliere nicht haette
+schaemen duerfen. Aber der fuenfte Akt und die ganze Aufloesung haette weit
+besser sein koennen; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten
+gedacht wird, koemmt nicht zum Vorscheine; das Stueck schliesst mit einer
+kalten Erzaehlung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet
+worden. Sonst ist es in der Geschichte des franzoesischen Theaters
+deswegen mit merkwuerdig, weil der laecherliche Marquis darin der erste von
+seiner Art ist. "Die kokette Mutter" ist auch sein eigentlichster Titel
+nicht, und Quinault haette es immer bei dem zweiten "Die veruneinigten
+Verliebten" koennen bewenden lassen.
+
+"Der Advokat Patelin" ist eigentlich ein altes Possenspiel aus dem
+funfzehnten Jahrhunderte, das zu seiner Zeit ausserordentlichen Beifall
+fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungemeinen Lustigkeit und des
+guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der
+Personen entspringet und nicht auf blossen Einfaellen beruhet. Brueys gab
+ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es
+gegenwaertig aufgefuehret wird. Hr. Ekhof spielt den Patelin ganz
+vortrefflich.
+
+Den funfzehnten Abend (dienstags, den 12. Mai) ward Lessings "Freigeist"
+vorgestellt.
+
+Man kennt ihn hier unter dem Titel des "Beschaemten Freigeistes", weil man
+ihn von dem Trauerspiele des Hrn. von Brawe, das eben diese Aufschrift
+fuehret, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, dass
+derjenige beschaemt wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht
+einzig und allein der Freigeist; sondern es nehmen mehrere Personen an
+diesem Charakter teil. Die eitle unbesonnene Henriette, der fuer Wahrheit
+und Irrtum gleichgueltige Lisidor, der spitzbuebische Johann sind alles
+Arten von Freigeistern, die zusammen den Titel des Stuecks erfuellen
+muessen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, dass die Vorstellung alles
+Beifalls wuerdig war. Die Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und
+besonders spielt Herr Boek den Theophan mit alle dem freundlichen
+Anstande, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen ueber
+die Hartnaeckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze
+Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen.
+
+Den Beschluss dieses Abends machte das Schaeferspiel des Hrn. Pfeffels:
+"Der Schatz".
+
+Dieser Dichter hat sich, ausser diesem kleinen Stuecke, noch durch ein
+anders, "Der Eremit", nicht unruehmlich bekannt gemacht. In den "Schatz"
+hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere
+Schaeferspiele zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt taendelnde Liebe ist.
+Sein Ausdruck ist nur oefters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch
+die ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein hoechst studiertes
+Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spielwerken des Witzes
+werden. Dieses gilt besonders von seinem "Eremiten", welches ein kleines
+Trauerspiel sein soll, das man, anstatt der allzu lustigen Nachspiele,
+auf ruehrende Stuecke koennte folgen lassen. Die Absicht ist recht gut; aber
+wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gaehnen
+uebergehen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Journal Etranger", Decembre 1761.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Funfzehntes Stueck
+Den 19. Junius 1767
+
+Den sechzehnten Abend (mittewochs, den 13. Mai) ward die "Zaire" des
+Herrn von Voltaire aufgefuehrt.
+
+"Den Liebhabern der gelehrten Geschichte", sagt der Hr. von Voltaire,
+"wird es nicht unangenehm sein, zu wissen, wie dieses Stueck entstanden.
+Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, dass in seinen
+Tragoedien nicht genug Liebe waere. Er antwortete ihnen, dass seiner Meinung
+nach die Tragoedie auch eben nicht der schicklichste Ort fuer die Liebe
+sei; wenn sie aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben muessten,
+so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stueck ward
+in achtzehn Tagen vollendet und fand grossen Beifall. Man nennt es zu
+Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des
+Polyeukts, vorgestellet worden."
+
+Den Damen haben wir also dieses Stueck zu verdanken, und es wird noch
+lange das Lieblingsstueck der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch,
+nur der Liebe unterwuerfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schoenheit
+besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Seraglio, in den freien
+zugaenglichen Sitz einer unumschraenkten Gebieterin verwandelt; ein
+verlassenes Maedchen, zur hoechsten Staffel des Gluecks, durch nichts als
+ihre schoenen Augen, erhoehet; ein Herz, um das Zaertlichkeit und Religion
+streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott teilet, das
+gern fromm sein moechte, wenn es nur nicht aufhoeren sollte zu lieben; ein
+Eifersuechtiger, der sein Unrecht erkennet und es an sich selbst raechet;
+wenn diese schmeichelnde Ideen das schoene Geschlecht nicht bestechen,
+durch was liesse es sich denn bestechen?
+
+Die Liebe selbst hat Voltairen die Zaire diktiert: sagt ein Kunstrichter
+artig genug. Richtiger haette er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur
+eine Tragoedie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist
+"Romeo und Juliet", vom Shakespeare. Es ist wahr, Voltaire laesst seine
+verliebte Zaire ihre Empfindungen sehr fein, sehr anstaendig ausdruecken;
+aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemaelde aller der
+kleinsten geheimsten Raenke, durch die sich die Liebe in unsere Seele
+einschleicht, aller der unmerklichen Vorteile, die sie darin gewinnet,
+aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich
+bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und
+Verabscheuungen wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den
+Kanzeleistil der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache,
+denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das
+behutsamste und gemessenste ausdruecken will, wenn sie nichts sagen will,
+als was sie bei der sproeden Sophistin und bei dem kalten Kunstrichter
+verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiss von den Geheimnissen
+der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das
+Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespeare gehabt, so hat
+er sie wenigstens hier nicht zeigen wollen, und das Gedicht ist weit
+unter dem Dichter geblieben.
+
+Von der Eifersucht laesst sich ohngefaehr eben das sagen. Der eifersuechtige
+Orosman spielt gegen den eifersuechtigen Othello des Shakespeare eine sehr
+kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosman
+gewesen. Cibber sagt,[1] Voltaire habe sich des Brandes bemaechtiget, der
+den tragischen Scheiterhaufen des Shakespeare in Glut gesetzt. Ich haette
+gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen; und noch dazu
+eines, der mehr dampft, als leuchtet und waermet. Wir hoeren in dem Orosman
+einen Eifersuechtigen reden, wir sehen ihn die rasche Tat eines
+Eifersuechtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht
+mehr und nicht weniger, als wir vorher wussten. Othello hingegen ist das
+vollstaendigste Lehrbuch ueber diese traurige Raserei; da koennen wir alles
+lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden.
+
+Aber ist es denn immer Shakespeare, werden einige meiner Leser fragen,
+immer Shakespeare, der alles besser verstanden hat als die Franzosen? Das
+aergert uns; wir koennen ihn ja nicht lesen.--Ich ergreife diese
+Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorsaetzlich
+vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Uebersetzung von Shakespeare.
+Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekuemmert sich schon mehr
+darum. Die Kunstrichter haben viel Boeses davon gesagt. Ich haette grosse
+Lust, sehr viel Gutes davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Maennern
+zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu verteidigen, die sie darin
+bemerkt haben: sondern weil ich glaube, dass man von diesen Fehlern kein
+solches Aufheben haette machen sollen. Das Unternehmen war schwer; ein
+jeder anderer, als Herr Wieland, wuerde in der Eil' noch oeftrer verstossen
+und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr ueberhuepft haben; aber
+was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er
+uns den Shakespeare geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man
+unter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schoenheiten, die
+es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es
+sie liefert, so beleidigen, dass wir notwendig eine bessere Uebersetzung
+haben muessten.
+
+Doch wieder zur "Zaire". Der Verfasser brachte sie im Jahre 1733 auf die
+Pariser Buehne; und drei Jahr darauf ward sie ins Englische uebersetzt, und
+auch in London auf dem Theater in Drury-Lane gespielt. Der Uebersetzer war
+Aaron Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten
+Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in
+dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines
+Stuecks an den Englaender Falkener, davon sagt, verdient gelesen zu werden.
+Nur muss man nicht alles fuer vollkommen so wahr annehmen, als er es
+ausgibt. Wehe dem, der Voltairens Schriften ueberhaupt nicht mit dem
+skeptischen Geiste lieset, in welchem er einen Teil derselben
+geschrieben hat!
+
+Er sagt z.E. zu seinem englischen Freunde: "Eure Dichter hatten eine
+Gewohnheit, der sich selbst Addison[2] unterworfen; denn Gewohnheit ist
+so maechtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernuenftige
+Gewohnheit bestand darin, dass jeder Akt mit Versen beschlossen werden
+musste, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Uebrige des
+Stuecks; und notwendig mussten diese Verse eine Vergleichung enthalten.
+Phaedra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe,
+Cato mit einem Felsen, und Kleopatra mit Kindern, die so lange weinen,
+bis sie einschlafen. Der Uebersetzer der "Zaire" ist der erste, der es
+gewagt hat, die Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten
+Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgeschafft; er hat es
+empfunden, dass die Leidenschaft ihre wahre Sprache fuehren und der Poet
+sich ueberall verbergen muesse, um uns nur den Helden erkennen zu lassen."
+
+Es sind nicht mehr als nur drei Unwahrheiten in dieser Stelle; und das
+ist fuer den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist es, dass die
+Englaender, vom Shakespeare an, und vielleicht auch von noch laenger her,
+die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzuege in ungereimten Versen mit ein paar
+gereimten Zeilen zu enden. Aber dass diese gereimten Zeilen nichts als
+Vergleichungen enthielten, dass sie notwendig Vergleichungen enthalten
+muessen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von
+Voltaire einem Englaender, von dem er doch glauben konnte, dass er die
+tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die
+Nase sagen koennen. Zweitens ist es nicht an dem, dass Hill in seiner
+Uebersetzung der "Zaire" von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar
+beinahe nicht glaublich, dass der Hr. von Voltaire die Uebersetzung seines
+Stuecks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich oder ein anderer.
+Gleichwohl muss es so sein. Denn so gewiss sie in reimfreien Versen ist, so
+gewiss schliesst sich auch jeder Akt mit zwei oder vier gereimten Zellen.
+Vergleichungen enthalten sie freilich nicht; aber, wie gesagt, unter
+allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakespeare und Jonson
+und Dryden und Lee und Otway und Rowe, und wie sie alle heissen, ihre
+Aufzuege schliessen, sind sicherlich hundert gegen fuenfe, die gleichfalls
+keine enthalten. Was hatte denn Hill also Besonders? Haette er aber auch
+wirklich das Besondere gehabt, das ihm Voltaire leihet: so waere doch
+drittens das nicht wahr, dass sein Beispiel von dem Einflusse gewesen, von
+dem es Voltaire sein laesst. Noch bis diese Stunde erscheinen in England
+ebensoviel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit
+gereimten Zellen enden, als die es nicht tun. Hill selbst hat in keinem
+einzigen Stuecke, deren er doch verschiedene, noch nach der Uebersetzung
+der "Zaire", gemacht, sich der alten Mode gaenzlich entaeussert. Und was ist
+es denn nun, ob wir zuletzt Reime hoeren oder keine? Wenn sie da sind,
+koennen sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen naemlich,
+nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit
+schicklicher aus dem Stuecke selbst abgenommen wuerde, als dass es die
+Pfeife oder der Schluessel gibt.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] From English Plays, Zara's French author fir'd,
+ Confess'd his Muse, beyond herself, inspir'd,
+ From rack'd Othello's rage, he rais'd his style
+ And snatch'd the brand, that lights this tragic pile.
+
+[2] Le plus sage de vos ecrivains, setzt Voltaire hinzu. Wie waere das
+wohl recht zu uebersetzen? Sage heisst: weise; aber der weiseste unter den
+englischen Schriftstellern, wer wuerde den Addison dafuer erkennen? Ich
+besinne mich, dass die Franzosen auch ein Maedchen sage nennen, dem man
+keinen Fehltritt, so keinen von den groben Fehltritten, vorzuwerfen hat.
+Dieser Sinn duerfte vielleicht hier passen. Und nach diesem koennte man ja
+wohl geradezu uebersetzen: "Addison, derjenige von euern Schriftstellern,
+der uns harmlosen, nuechternen Franzosen am naechsten koemmt."
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechzehntes Stueck
+Den 23. Junius 1767
+
+Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr
+unnatuerlich; besonders war ihr tragisches Spiel aeusserst wild und
+uebertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudruecken hatten, schrien
+und gebaerdeten sie sich als Besessene; und das uebrige toenten sie in einer
+steifen, strotzenden Feierlichkeit daher, die in jeder Silbe den
+Komoedianten verriet. Als er daher seine Uebersetzung der "Zaire" auffuehren
+zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zaire einem jungen
+Frauenzimmer, das noch nie in der Tragoedie gespielt hatte. Er urteilte
+so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefuehl und Stimme und Figur und
+Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie
+braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein paar
+Stunden ueberreden kann, das wirklich zu sein, was sie vorstellet, so darf
+sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehen. Es
+ging auch; und die Theaterpedanten, welche gegen Hillen behaupteten, dass
+nur eine sehr geuebte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genuege
+leisten koenne, wurden beschaemt. Diese junge Aktrice war die Frau des
+Komoedianten Theophilus Cibber, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten
+Jahre ward ein Meisterstueck. Es ist merkwuerdig, dass auch die franzoesische
+Schauspielerin, welche die Zaire zuerst spielte, eine Anfaengerin war. Die
+junge reizende Mademoiselle Gaussin ward auf einmal dadurch beruehmt, und
+selbst Voltaire ward so entzueckt ueber sie, dass er sein Alter recht
+klaeglich bedauerte.
+
+Die Rolle des Orosman hatte ein Anverwandter des Hill uebernommen, der
+kein Komoediant von Profession, sondern ein Mann von Stande war. Er
+spielte aus Liebhaberei und machte sich nicht das geringste Bedenken,
+oeffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schaetzbar als
+irgendein anders ist. In England sind dergleichen Exempel von angesehenen
+Leuten, die zu ihrem blossen Vergnuegen einmal mitspielen, nicht selten.
+"Alles was uns dabei befremden sollte", sagt der Hr. von Voltaire "ist
+dieses, dass es uns befremdet. Wir sollten ueberlegen, dass alle Dinge in
+der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhangen. Der franzoesische Hof
+hat ehedem auf dem Theater mit den Opernspielern getanzt; und man hat
+weiter nichts Besonders dabei gefunden, als dass diese Art von Lustbarkeit
+aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Kuensten fuer ein
+Unterschied, als dass die eine ueber die andere ebensoweit erhaben ist, als
+es Talente, welche vorzuegliche Seelenkraefte erfodern, ueber bloss
+koerperliche Fertigkeiten sind?"
+
+Ins Italienische hat der Graf Gozzi die "Zaire" uebersetzt; sehr genau und
+sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Teile seiner Werke. In welcher
+Sprache koennen zaertliche Klagen ruehrender klingen, als in dieser? Mit der
+einzigen Freiheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stuecks genommen,
+wird man schwerlich zufrieden sein. Nachdem sich Orosman erstochen, laesst
+ihn Voltaire nur noch ein paar Worte sagen, uns ueber das Schicksal des
+Nerestan zu beruhigen. Aber was tut Gozzi? Der Italiener fand es ohne
+Zweifel zu kalt, einen Tuerken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt
+also dem Orosman noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller
+Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den
+Text setzen.[1]
+
+Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem
+welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist
+er zu lang. Kaum hat Orosman gesagt "verehret und gerochen"; kaum hat er
+sich den toedlichen Stoss beigebracht, so lassen wir den Vorhang
+niederfallen. Ist es denn aber auch wahr, dass der deutsche Geschmack
+dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkuerzung mit mehrern
+Stuecken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, dass sich
+ein Trauerspiel wie ein Epigramm schliessen soll? Immer mit der Spitze des
+Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher koemmt uns
+gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die
+Exekution vorbei, durchaus nun weiter nichts hoeren zu wollen, wenn es
+auch noch so wenige, zur voelligen Rundung des Stuecks noch so
+unentbehrliche Worte waeren? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache
+einer Sache, die nicht ist. Wir haetten kalt Blut genug, den Dichter bis
+ans Ende zu hoeren, wenn es uns der Schauspieler nur zutrauen wollte. Wir
+wuerden recht gern die letzten Befehle des grossmuetigen Sultans vernehmen;
+recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nerestan noch teilen: aber
+wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum weiss ich
+kein darum. Sollten wohl die Orosmansspieler daran schuld sein? Es waere
+begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten.
+Erstochen und geklatscht! Man muss Kuenstlern kleine Eitelkeiten verzeihen.
+
+Bei keiner Nation hat die "Zaire" einen schaerfern Kunstrichter gefunden,
+als unter den Hollaendern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des
+beruehmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel
+daran auszusetzen, dass er es fuer etwas Kleines hielt, eine bessere zu
+machen. Er machte auch wirklich eine--andere[2], in der die Bekehrung
+der Zaire das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, dass der Sultan
+ueber seine Liebe sieget und die christliche Zaire mit aller der Pracht in
+ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhoehung gemaess ist; der
+alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen?
+Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser,
+dass er uns kalt laesst; er interessiere uns und mache mit den kleinen
+mechanischen Regeln, was er will. Die Duime koennen wohl tadeln, aber den
+Bogen des Ulysses muessen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich
+darum, weil ich nicht gern zurueck, von der misslungenen Verbesserung auf
+den Ungrund der Kritik geschlossen wissen moechte. Duims Tadel ist in
+vielen Stuecken ganz gegruendet; besonders hat er die Unschicklichkeiten,
+deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das
+Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivierten Auftreten und Abgehen der
+Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der
+sechsten Szene im dritten Akte nicht entgangen. "Orosman", sagt er,
+"koemmt, Zairen in die Moschee abzuholen; Zaire weigert sich, ohne die
+geringste Ursache von ihrer Weigerung anzufuehren; sie geht ab, und
+Orosman bleibt als ein Laffe (als eenen lafhartigen) stehen. Ist das wohl
+seiner Wuerde gemaess? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum
+dringt er nicht in Zairen, sich deutlicher zu erklaeren? Warum folgt er
+ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?"--Guter
+Duim! wenn sich Zaire deutlicher erklaeret haette: wo haetten denn die
+andern Akte sollen herkommen? Waere nicht die ganze Tragoedie darueber in
+die Pilze gegangen?--Ganz recht! auch die zweite Szene des dritten Akts
+ist ebenso abgeschmackt: Orosman koemmt wieder zu Zairen; Zaire geht
+abermals, ohne die geringste naehere Erklaerung, ab, und Orosman, der gute
+Schlucker (dien goeden hals), troestet sich desfalls in einer Monologe.
+Aber, wie gesagt, die Verwickelung oder Ungewissheit musste doch bis zum
+fuenften Aufzuge hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an einem Haare
+haengt, so haengen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem staerkern.
+
+Die letzterwaehnte Szene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler,
+der die Rolle des Orosman hat, seine feinste Kunst in alle dem
+bescheidenen Glanze zeigen kann, in dem sie nur ein ebenso feiner Kenner
+zu empfinden faehig ist. Er muss aus einer Gemuetsbewegung in die andere
+uebergehen, und diesen Uebergang durch das stumme Spiel so natuerlich zu
+machen wissen, dass der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern
+durch eine zwar schnelle, aber doch dabei merkliche Gradation mit
+fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosman in aller seiner Grossmut,
+willig und geneigt, Zairen zu vergeben, wann ihr Herz bereits eingenommen
+sein sollte, falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm laenger kein
+Geheimnis davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue,
+und er fodert die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zaertlich
+genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch
+da Zaire auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbar Beweise zu
+haben glaubet, bemeistert sich seiner nach und nach der aeusserste Unwille.
+Und so geht er von dem Stolze zur Zaertlichkeit, und von der Zaertlichkeit
+zur Erbitterung ueber. Alles was Remond de Sainte-Albine in seinem
+"Schauspieler"[3] hierbei beobachtet wissen will, leistet Herr Ekhof auf
+eine so vollkommene Art, dass man glauben sollte, er allein koenne das
+Vorbild des Kunstrichters gewesen sein.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Questo mortale orror che per le vene
+ Tutte mi scorre, omai non e dolore,
+ Che basti ad appagarti, anima bella.
+ Feroce cor, cor dispietato, e misero,
+ Paga la pena del delitto orrendo.
+ Mani crudeli--oh Dio--Mani, che siete
+ Tinte del sangue di si cara donna.
+ Voi--voi--dov'e quel ferro? Un' altra volta
+ In mezzo al petto--Oime, dov'e quel ferro?
+ L'acuta punta--
+ Tenebre, e notte
+ Si fanno intorno--
+ Perche non posso--
+ Non posso spargere
+ Il sangue tutto?
+ Si, si, lo spargo tutto, anima mia,
+ Dove sei?--piu non posso--oh Dio! non posso--
+ Vorrei--vederti--io manco, io manco, oh Dio!
+
+[2] "Zaire, bekeerde Turkinne". Treurspel. Amsterdam 1745.
+
+[3] "Le Comedien", Partie II, chap. X. p. 209.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebzehntes Stueck
+Den 26. Junius 1767
+
+Den siebzehnten Abend (donnerstags, den 14. Mai) ward der "Sidney", vom
+Gresset, aufgefuehret.
+
+Dieses Stueck kam im Jahre 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider
+den Selbstmord konnte in Paris kein grosses Glueck machen. Die Franzosen
+sagten: es waere ein Stueck fuer London. Ich weiss auch nicht; denn die
+Englaender duerften vielleicht den Sidney ein wenig unenglisch finden; er
+geht nicht rasch genug zu Werke; er philosophiert, ehe er die Tat begeht,
+zu viel, und nachdem er sie begangen zu haben glaubt, zu wenig; seine
+Reue koennte schimpflicher Kleinmut scheinen; ja, sich von einem
+franzoesischen Bedienten so angefuehrt zu sehen, moechte von manchen fuer
+eine Beschaemung gehalten werden, die des Haengens allein wuerdig waere.
+
+Doch so wie das Stueck ist, scheinet es fuer uns Deutsche recht gut zu
+sein. Wir moegen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemaenteln und
+finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem
+dummen Streiche zurueckhaelt und das Gestaendnis, falsch philosophiert zu
+haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dumont, ob er gleich ein
+franzoesischer Prahler ist, so herzlich gut, dass uns die Etikette, welche
+der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidney nun
+erfaehrt, dass er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht naeher ist,
+als der gesundesten einer, so laesst ihn Gresset ausrufen: "Kaum kann ich
+es glauben--Rosalla!--Hamilton!--und du, dessen gluecklicher Eifer usw."
+Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politesse
+aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehoert das
+erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter
+seinem Herrn und seines Herrn Freunden er auch immer ist. Wenn ich
+Schauspieler waere, hier wuerde ich es kuehnlich wagen, zu tun, was der
+Dichter haette tun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht
+das erste Wort an meinen Erretter richten duerfte, so wuerde ich ihm
+wenigstens den ersten geruehrten Blick zuschicken, mit der ersten
+dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; und dann wuerde ich mich gegen
+Rosalien und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurueckkommen.
+Es sei uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart!
+
+Herr Ekhof spielt den Sidney so vortrefflich--Es ist ohnstreitig eine von
+seinen staerksten Rollen. Man kann die enthusiastische Melancholie, das
+Gefuehl der Fuehllosigkeit, wenn ich so sagen darf, worin die ganze
+Gemuetsverfassung des Sidney bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit
+groesserer Wahrheit ausdruecken. Welcher Reichtum von malenden Gesten, durch
+die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Koerper gibt, und
+seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstaende verwandelt. Welcher
+fortreissende Ton der Ueberzeugung!--
+
+Den Beschluss machte diesen Abend ein Stueck in einem Aufzuge, nach dem
+Franzoesischen des l'Affichard, unter dem Titel: "Ist er von Familie?" Man
+erraet gleich, dass ein Narr oder eine Naerrin darin vorkommen muss, der es
+hauptsaechlich um den alten Adel zu tun ist. Ein junger wohlerzogener
+Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die
+Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter haengt von der
+Aufklaerung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur fuer den
+Pflegesohn eines gewissen buergerlichen Lisanders, aber es findet sich,
+dass Lisander sein wahrer Vater ist. Nun waere weiter an die Heirat nicht
+zu denken, wenn nicht Lisander selbst sich nur durch Unfaelle zu dem
+buergerlichen Stande herablassen muessen. In der Tat ist er von ebenso
+guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche
+Ausschweifungen aus dem vaeterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen
+Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusoehnen. Die Aussoehnung
+gelingt und macht das Stueck gegen das Ende sehr ruehrend. Da also der
+Hauptton desselben ruehrender, als komisch ist: sollte uns nicht auch der
+Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre
+Kleinigkeit; aber dasmal haette ich ihn von dem einzigen laecherlichen
+Charakter nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch
+zu erschoepfen; aber er sollte doch auch nicht irrefuehren. Und dieser tut
+es ein wenig. Was ist leichter zu aendern, als ein Titel? Die uebrigen
+Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale gereichen mehr
+zum Vorteile des Stuecks und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast
+allen von dem franzoesischen Theater entlehnten Stuecken mangelt.
+
+Den achtzehnten Abend (freitags, den 15. Mai) ward "Das Gespenst mit der
+Trommel" gespielt.
+
+Dieses Stueck schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her.
+Addison hat nur eine Tragoedie und nur eine Komoedie gemacht. Die
+dramatische Poesie ueberhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf
+weiss sich ueberall aus dem Handel zu ziehen; und so haben seine beiden
+Stuecke, wenn schon nicht die hoechsten Schoenheiten ihrer Gattung,
+wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schaetzbaren Werken machen.
+Er suchte sich mit dem einen sowohl als mit dem andern der franzoesischen
+Regelmaessigkeit mehr zu naehern; aber noch zwanzig Addisons, und diese
+Regelmaessigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Englaender werden.
+Begnuege sich damit, wer keine hoehere Schoenheiten kennet!
+
+Destouches, der in England persoenlichen Umgang mit Addison gehabt hatte,
+zog das Lustspiel desselben ueber einen noch franzoesischern Leisten. Wir
+spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und
+natuerlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich
+mich indes nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche
+Uebersetzung herschreibt, das englische Original mit zur Hand genommen und
+manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet.
+
+Den neunzehnten Abend (montags, den 18. Mai) ward "Der verheiratete
+Philosoph", vom Destouches, wiederholt.
+
+Des Regnard "Demokrit" war dasjenige Stueck, welches den zwanzigsten Abend
+(dienstags, den 19. Mai) gespielet wurde.
+
+Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch
+gefaellt es. Der Kenner lacht dabei so herzlich, als der Unwissendste aus
+dem Poebel. Was folgt hieraus? Dass die Schoenheiten, die es hat, wahre
+allgemeine Schoenheiten sein muessen, und die Fehler vielleicht nur
+willkuerliche Regeln betreffen, ueber die man sich leichter hinaussetzen
+kann, als es die Kunstrichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit des
+Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Uebliche aus den Augen gesetzt:
+immerhin. Sein Demokrit sieht dem wahren Demokrit in keinem Stuecke
+aehnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl,
+so streiche man Demokrit und Athen aus und setze bloss erdichtete Namen
+dafuer. Regnard hat es gewiss so gut als ein anderer gewusst, dass um Athen
+keine Wueste und keine Tiger und Baere waren; dass es, zu der Zeit des
+Demokrits, keinen Koenig hatte usw. Aber er hat das alles itzt nicht
+wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden
+Namen zu schildern. Diese Schilderung ist das Hauptwerk des komischen
+Dichters, und nicht die historische Wahrheit.
+
+Andere Fehler moechten schwerer zu entschuldigen sein; der Mangel des
+Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge muessiger Personen, das
+abgeschmackte Geschwaetz des Demokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt,
+weil es der Idee widerspricht, die wir von dem Demokrit haben, sondern
+weil es Unsinn in jedes andern Munde sein wuerde, der Dichter moechte ihn
+genannt haben, wie er wolle. Aber was uebersieht man nicht bei der guten
+Laune, in die uns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist
+gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiss nicht, was man aus ihm machen
+soll; er aendert seinen Ton gegen jeden, mit dem er spricht; bald ist er
+ein feiner witziger Spoetter, bald ein plumper Spassmacher, bald ein
+zaertlicher Schulfuchs, bald ein unverschaemter Stutzer. Seine Erkennung
+mit der Kleanthis ist ungemein komisch, aber unnatuerlich. Die Art, mit
+der Mademoiselle Beauval und La Thorilliere diese Szenen zuerst spielten,
+hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice zur andern
+fortgepflanzt. Es sind die unanstaendigsten Grimassen, aber da sie durch
+die Ueberlieferung bei Franzosen und Deutschen geheiliget sind, so koemmt
+es niemanden ein, etwas daran zu aendern, und ich will mich wohl hueten, zu
+sagen, dass man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Possenspiele dulden
+sollte. Der beste, drolligste und ausgefuehrteste Charakter ist der
+Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und geradezu; voller
+boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts
+weniger als episodisch, sondern zur Aufloesung des Knoten ebenso
+schicklich als unentbehrlich ist.[1]
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Histoire du Theatre Francais", T. XIV. p. 164.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtzehntes Stueck
+Den 30. Junius 1767
+
+Den einundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 20. Mai) wurde das Lustspiel
+des Marivaux "Die falschen Vertraulichkeiten" aufgefuehrt.
+
+Marivaux hat fast ein ganzes halbes Jahrhundert fuer die Theater in Paris
+gearbeitet; sein erstes Stueck ist vom Jahre 1712, und sein Tod erfolgte
+1763, in einem Alter von zweiundsiebzig. Die Zahl seiner Lustspiele
+belaeuft sich auf einige dreissig, wovon mehr als zwei Dritteile den
+Harlekin haben, weil er sie fuer die italienische Buehne verfertigte. Unter
+diese gehoeren auch "Die falschen Vertraulichkeiten", die 1736 zuerst,
+ohne besonderen Beifall, gespielet, zwei Jahre darauf aber wieder
+hervorgesucht wurden, und desto groessern erhielten.
+
+Seine Stuecke, so reich sie auch an mannigfaltigen Charakteren und
+Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr aehnlich. In allen
+der naemliche schimmernde und oefters allzu gesuchte Witz; in allen die
+naemliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die
+naemliche blumenreiche, neologische Sprache. Seine Plane sind nur von
+einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipides seiner
+Kunst, weiss er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner und
+doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, dass wir am Ende
+einen noch so weiten Weg mit ihm zurueckgelegt zu haben glauben.
+
+Seitdem die Neuberin, sub auspiciis Sr. Magnifizenz des Herrn Prof.
+Gottscheds, den Harlekin oeffentlich von ihrem Theater verbannte, haben
+alle deutsche Buehnen, denen daran gelegen war, regelmaessig zu heissen,
+dieser Verbannung beizutreten geschienen. Ich sage, geschienen; denn im
+Grunde hatten sie nur das bunte Jaeckchen und den Namen abgeschafft, aber
+den Narren behalten. Die Neuberin selbst spielte eine Menge Stuecke,
+in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hiess bei ihr
+Haenschen, und war ganz weiss, anstatt scheckicht gekleidet. Wahrlich,
+ein grosser Triumph fuer den guten Geschmack!
+
+Auch "Die falschen Vertraulichkeiten" haben einen Harlekin, der in der
+deutschen Uebersetzung zu einem Peter geworden. Die Neuberin ist tot,
+Gottsched ist auch tot: ich daechte, wir zoegen ihm das Jaeckchen wieder
+an.--Im Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht
+auch unter seinem? "Er ist ein auslaendisches Geschoepf", sagt man. Was tut
+das? Ich wollte, dass alle Narren unter uns Auslaender waeren! "Er traegt
+sich, wie sich kein Mensch unter uns traegt":--so braucht er nicht erst
+lange zu sagen, wer er ist. "Es ist widersinnig, das naemliche Individuum
+alle Tage in einem andern Stuecke erscheinen zu sehen." Man muss ihn als
+kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht
+Harlekin, der heute im "Timon", morgen im "Falken", uebermorgen in den
+"Falschen Vertraulichkeiten", wie ein wahrer Hans in allen Gassen,
+vorkoemmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend
+Varietaeten; der im "Timon" ist nicht der im "Falken"; jener lebte in
+Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerlei
+Hauptzuege hat, hat man ihnen einerlei Namen gelassen. Warum wollen wir
+ekler, in unsere Vergnuegungen waehliger und gegen kahle Vernuenfteleien
+nachgebender sein, als--ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener
+sind--sondern, als selbst die Roemer und Griechen waren? War ihr Parasit
+etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene,
+besondere Tracht, in der er in einem Stuecke ueber dem andern vorkam?
+Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri
+eingeflochten werden mussten, sie mochten sich nun in die Geschichte des
+Stuecks schicken oder nicht?
+
+Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richterstuhle der
+wahren Kritik, mit ebenso vieler Laune als Gruendlichkeit, verteidiget.
+Ich empfehle die Abhandlung des Herrn Moeser ueber das Groteske-Komische
+allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren
+Stimme habe ich schon. Es wird darin beilaeufig von einem gewissen
+Schriftsteller gesagt, dass er Einsicht genug besitze, dermaleins der
+Lobredner des Harlekins zu werden. Itzt ist er es geworden! wird man
+denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr
+Moeser wider den Harlekin in den Mund legt, kann er sich nie gemacht, ja
+nicht einmal gedacht zu haben erinnern.
+
+Ausser dem Harlekin koemmt in den "Falschen Vertraulichkeiten" noch ein
+anderer Bedienter vor, der die ganze Intrige fuehret. Beide wurden sehr
+wohl gespielt; und unser Theater hat ueberhaupt an den Herren Hensel und
+Merschy ein paar Akteurs, die man zu den Bedientenrollen kaum besser
+verlangen kann.
+
+Den zweiundzwanzigsten Abend (donnerstags, den 21. Mai) ward die
+"Zelmire" des Herrn Du Belloy aufgefuehret.
+
+Der Name Du Belloy kann niemanden unbekannt sein, der in der neuern
+franzoesischen Literatur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der
+"Belagerung von Calais"! Wenn es dieses Stueck nicht verdiente, dass die
+Franzosen ein solches Laermen damit machten, so gereicht doch dieses
+Laermen selbst den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf
+seinen Ruhm eifersuechtig ist; auf das die grossen Taten seiner Vorfahren
+den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werte eines Dichters und
+von dem Einflusse des Theaters auf Tugend und Sitten ueberzeugt, jenen
+nicht zu seinen unnuetzen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den
+Gegenstaenden zaehlet, um die sich nur geschaeftige Muessiggaenger bekuemmern.
+Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stuecke noch hinter den Franzosen! Es
+gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren!
+Barbarischer, als unsere barbarischsten Voreltern, denen ein Liedersaenger
+ein sehr schaetzbarer Mann war, und die, bei aller ihrer Gleichgueltigkeit
+gegen Kuenste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der
+mit Baerfellen und Bernstein handelt, der nuetzlichere Buerger waere?
+sicherlich fuer die Frage eines Narren gehalten haetten!--Ich mag mich in
+Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden, von
+der sich erwarten liesse, dass sie nur den tausendsten Teil der Achtung und
+Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben wuerde, die Calais
+gegen den Du Belloy gehabt hat. Man erkenne es immer fuer franzoesische
+Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit
+faehig sein werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein
+genug, die Nation in der Geringschaetzung alles dessen zu bestaerken, was
+nicht geradezu den Beutel fuellet. Man spreche von einem Werke des Genies,
+von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Kuenstler; man
+aeussere den Wunsch, dass eine reiche bluehende Stadt der anstaendigsten
+Erholung fuer Maenner, die in ihren Geschaeften des Tages Last und Hitze
+getragen, und der nuetzlichsten Zeitverkuerzung fuer andere, die gar keine
+Geschaefte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater sein?)
+durch ihre blosse Teilnehmung aufhelfen moege:--und sehe und hoere um sich.
+"Dem Himmel sei Dank", ruft nicht bloss der Wucherer Albinus, "dass unsere
+Buerger wichtigere Dinge zu tun haben!"
+
+------Eu!
+Rem poteris servare tuam!--
+
+Wichtigere? Eintraeglichere; das gebe ich zu! Eintraeglich ist freilich
+unter uns nichts, was im geringsten mit den freien Kuensten in Verbindung
+stehet. Aber,
+
+--haec animos aerugo er cura peculi
+Cum semel imbuerit--
+
+Doch ist vergesse mich. Wie gehoert das alles zur "Zelmire"?
+
+Du Belloy war ein junger Mensch, der sich auf die Rechte legen wollte
+oder sollte. Sollte, wird es wohl mehr gewesen sein. Denn die Liebe zum
+Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus beiseite und ward
+Komoediant. Er spielte einige Zeit unter der franzoesischen Truppe zu
+Braunschweig, machte verschiedene Stuecke, kam wieder in sein Vaterland
+und ward geschwind durch ein paar Trauerspiele so gluecklich und beruehmt,
+als ihn nur immer die Rechtsgelehrsamkeit haette machen koennen, wenn er
+auch ein Beaumont geworden waere. Wehe dem jungen deutschen Genie, das
+diesen Weg einschlagen wollte! Verachtung und Bettelei wuerden sein
+gewissestes Los sein!
+
+Das erste Trauerspiel des Du Belloy heisst "Titus"; und "Zelmire" war sein
+zweites. "Titus" fand keinen Beifall, und ward nur ein einziges Mal
+gespielt. Aber "Zelmire" fand desto groessern; es ward vierzehnmal
+hintereinander aufgefuehrt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran
+satt gesehen. Der Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung.
+
+Ein franzoesischer Kunstrichter[1] nahm hiervon Gelegenheit, sich gegen
+die Trauerspiele von dieser Gattung ueberhaupt zu erklaeren: "Uns waere",
+sagt er, "ein Stoff aus der Geschichte weit lieber gewesen. Die
+Jahrbuecher der Welt sind an beruechtigten Verbrechen ja so reich; und die
+Tragoedie ist ja ausdruecklich dazu, dass sie uns die grossen Handlungen
+wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem
+sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist,
+befeuert sie zugleich die Herzen der Itztlebenden mit der edlen Begierde,
+ihnen gleich zu werden. Man wende nicht ein, dass 'Zaire', 'Alzire',
+'Mahomet' doch auch nur Geburten der Erdichtung waeren. Die Namen der
+beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist
+historisch. Es hat wirklich Kreuzzuege gegeben, in welchen sich Christen
+und Tuerken zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, hassten und
+wuergten. Bei der Eroberung von Mexiko haben sich notwendig die
+gluecklichen und erhabenen Kontraste zwischen den europaeischen und
+amerikanischen Sitten, zwischen der Schwaermerei und der wahren Religion
+aeussern muessen. Und was den 'Mahomet' anbelangt, so ist er der Auszug, die
+Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betruegers; der
+Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schoenste philosophische Gemaelde, das
+jemals von diesem gefaehrlichen Ungeheuer gemacht worden."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Journal Encyclopedique", Juillet 1762.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunzehntes Stueck
+Den 3. Julius 1767
+
+Es ist einem jeden vergoennt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es
+ist ruehmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben
+suchen. Aber den Gruenden, durch die man ihn rechtfertigen will, eine
+Allgemeinheit erteilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit haette, ihn
+zu dem einzigen wahren Geschmacke machen muesste, heisst aus den Grenzen des
+forschenden Liebhabers herausgehen und sich zu einem eigensinnigen
+Gesetzgeber aufwerfen. Der angefuehrte franzoesische Schriftsteller faengt
+mit einem bescheidenen "Uns waere lieber gewesen" an und geht zu so
+allgemein verbindenden Ausspruechen fort, dass man glauben sollte, dieses
+Uns sei aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichter
+folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack
+nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache erfodert.
+
+Nun hat es Aristoteles laengst entschieden, wie weit sich der tragische
+Dichter um die historische Wahrheit zu bekuemmern habe; nicht weiter, als
+sie einer wohleingerichteten Fabel aehnlich ist, mit der er seine
+Absichten verbinden kann. Er braucht eine Geschichte nicht darum, weil
+sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, dass er sie
+schwerlich zu seinem gegenwaertigen Zwecke besser erdichten koennte. Findet
+er diese Schicklichkeit von ohngefaehr an einem wahren Falle, so ist ihm
+der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtbuecher erst lange darum
+nachzuschlagen, lohnt der Muehe nicht. Und wie viele wissen denn, was
+geschehen ist? Wenn wir die Moeglichkeit, dass etwas geschehen kann, nur
+daher abnehmen wollen, weil es geschehen ist: was hindert uns, eine
+gaenzlich erdichtete Fabel fuer eine wirklich geschehene Historie zu
+halten, von der wir nie etwas gehoert haben? Was ist das erste, was
+uns eine Historie glaubwuerdig macht? Ist es nicht ihre innere
+Wahrscheinlichkeit? Und ist es nicht einerlei, ob diese Wahrscheinlichkeit
+von gar keinen Zeugnissen und Ueberlieferungen bestaetiget wird, oder von
+solchen, die zu unserer Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne
+Grund angenommen, dass es eine Bestimmung des Theaters mit sei, das
+Andenken grosser Maenner zu erhalten; dafuer ist die Geschichte, aber nicht
+das Theater. Auf dem Theater sollen wir nicht lernen, was dieser oder
+jener einzelne Mensch getan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem
+gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umstaenden tun werde. Die
+Absicht der Tragoedie ist weit philosophischer, als die Absicht der
+Geschichte; und es heisst sie von ihrer wahren Wuerde herabsetzen, wenn man
+sie zu einem blossen Panegyrikus beruehmter Maenner macht, oder sie gar den
+Nationa1stolz zu naehren missbraucht.
+
+Die zweite Erinnerung des naemlichen franzoesischen Kunstrichters gegen die
+"Zelmire" des Du Belloy ist wichtiger. Er tadelt, dass sie fast nichts als
+ein Gewebe mannigfaltiger wunderbarer Zufaelle sei, die in den engen Raum
+von vierundzwanzig Stunden zusammengepresst, aller Illusion unfaehig
+wuerden. Eine seltsam ausgesparte Situation ueber die andere! ein
+Theaterstreich ueber den andern! Was geschieht nicht alles! was hat man
+nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so draengen, koennen
+schwerlich alle vorbereitet genug sein. Wo uns so vieles ueberrascht, wird
+uns leicht manches mehr befremden, als ueberraschen. "Warum muss sich z.E.
+der Tyrann dem Rhamnes entdecken? Was zwingt den Antenor, ihm seine
+Verbrechen zu offenbaren? Faellt Ilus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die
+Gemuetsaenderung des Rhamnes nicht viel zu schleunig? Bis auf den
+Augenblick, da er den Antenor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines
+Herrn auf die entschlossenste Weise teil; und wenn er einmal Reue zu
+empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrueckt.
+Welch geringfuegige Ursachen gibt hiernaechst der Dichter nicht manchmal
+den wichtigsten Dingen! So muss Polydor, wenn er aus der Schlacht koemmt
+und sich wiederum in dem Grabmale verbergen will, der Zelmire den Ruecken
+zukehren, und der Dichter muss uns sorgfaeltig diesen kleinen Umstand
+einschaerfen. Denn wenn Polydor anders ginge, wenn er der Prinzessin das
+Gesicht, anstatt den Ruecken zuwendete: so wuerde sie ihn erkennen, und die
+folgende Szene, wo diese zaertliche Tochter unwissend ihren Vater seinen
+Henkern ueberliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so grossen
+Eindruck machende Szene fiele weg. Waere es gleichwohl nicht weit
+natuerlicher gewesen, wenn Polydor, indem er wieder in das Grabmal
+fluechtet, die Zelmire bemerkt, ihr ein Wort zugerufen oder auch nur einen
+Wink gegeben haette? Freilich waere es so natuerlicher gewesen, als dass die
+ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polydor geht, ob er
+seinen Ruecken dahin oder dorthin kehret, gruenden muessen. Mit dem Billett
+des Azor hat es die naemliche Bewandtnis: brachte es der Soldat im zweiten
+Akte gleich mit, so wie er es haette mitbringen sollen, so war der Tyrann
+entlarvet, und das Stueck hatte ein Ende."
+
+Die Uebersetzung der "Zelmire" ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht
+lieber eine koernichte, wohlklingende Prosa hoeren wollen, als matte,
+geradebrechte Verse? Unter allen unsern gereimten Uebersetzungen werden
+kaum ein halbes Dutzend sein, die ertraeglich sind. Und dass man mich ja
+nicht bei dem Worte nehme, sie zu nennen! Ich wuerde eher wissen, wo ich
+aufhoeren, als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stellen
+dunkel und zweideutig; der Franzose war schon nicht der groesste
+Versifikateur, sondern stuemperte und flickte; der Deutsche war es noch
+weniger, und indem er sich bemuehte, die gluecklichen und ungluecklichen
+Zeilen seines Originals gleich treu zu uebersetzen, so ist es natuerlich,
+dass oefters, was dort nur Lueckenbuesserei oder Tautologie war, hier zu
+foermlichem Unsinne werden musste. Der Ausdruck ist dabei meistens so
+niedrig und die Konstruktion so verworfen, dass der Schauspieler allen
+seinen Adel noetig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand
+brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu
+erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden!
+
+Aber verlohnt es denn auch der Muehe, auf franzoesische Verse so viel Fleiss
+zu wenden, bis in unserer Sprache ebenso waessrig korrekte, ebenso
+grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen
+poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa uebertragen, so wird
+unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der
+Zwitterton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen
+Uebersetzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch
+der kuehnsten Tropen und Figuren, ausser einer gebundenen kadensierten
+Wortfuegung, uns an Besoffene denken laesst, die ohne Musik tanzen. Der
+Ausdruck wird sich hoechstens ueber die alltaegliche Sprache nicht weiter
+erheben, als sich die theatralische Deklamation ueber den gewoehnlichen Ton
+der gesellschaftlichen Unterhaltungen erheben soll. Und sonach wuenschte
+ich unserm prosaischen Uebersetzer recht viele Nachfolger; ob ich gleich
+der Meinung des Houdar de la Motte gar nicht bin, dass das Silbenmass
+ueberhaupt ein kindischer Zwang sei, dem sich der dramatische Dichter am
+wenigsten Ursache habe zu unterwerfen. Denn hier koemmt es bloss darauf an,
+unter zwei Uebeln das kleinste zu waehlen; entweder Verstand und Nachdruck
+der Versifikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar de la Motte
+war seine Meinung zu vergeben; er hatte eine Sprache in Gedanken, in der
+das Metrische der Poesie nur Kitzelung der Ohren ist und zur Verstaerkung
+des Ausdrucks nichts beitragen kann; in der unsrigen hingegen ist es
+etwas mehr, und wir koennen der griechischen ungleich naeher kommen, die
+durch den blossen Rhythmus ihrer Versarten die Leidenschaften, die darin
+ausgedrueckt werden, anzudeuten vermag. Die franzoesischen Verse haben
+nichts als den Wert der ueberstandenen Schwierigkeit fuer sich; und
+freilich ist dieses nur ein sehr elender Wert.
+
+Die Rolle des Antenors hat Herr Borchers ungemein wohl gespielt; mit
+aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Boesewichte von grossem
+Verstande so natuerlich zu sein scheinen. Kein misslungener Anschlag wird
+ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer neuen Raenken unerschoepflich;
+er besinnt sich kaum, und der unerwartetste Streich, der ihn in seiner
+Bloesse darzustellen drohte, empfaengt eine Wendung, die ihm die Larve nur
+noch fester aufdrueckt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von
+seiten des Schauspielers das getreueste Gedaechtnis, die fertigste Stimme,
+die freieste, nachlaessigste Aktion unumgaenglich noetig. Hr. Borchers hat
+ueberhaupt sehr viele Talente, und schon das muss ein guenstiges Vorurteil
+fuer ihn erwecken, dass er sich in alten Rollen ebenso gern uebet, als in
+jungen. Dieses zeuget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner
+unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspielern, die
+nur immer auf der Buehne glaenzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich
+in lauter galanten liebenswuerdigen Rollen begaffen und bewundern zu
+lassen, ihr vornehmster, auch wohl oefters ihr einziger Beruf zum
+Theater ist.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Stueck
+Den 7. Julius 1767
+
+Den dreiundzwanzigsten Abend (freitags, den 22. Mai) ward "Cenie"
+aufgefuehret.
+
+Dieses vortreffliche Stueck der Graffigny musste der Gottschedin zum
+Uebersetzen in die Haende fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von
+sich selbst ablegt, "dass sie die Ehre, welche man durch Uebersetzung oder
+auch Verfertigung theatralischer Stuecke erwerben koenne, allezeit nur fuer
+sehr mittelmaessig gehalten habe", laesst sich leicht vermuten, dass sie,
+diese mittelmaessige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmaessige Muehe
+werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen, dass sie einige lustige Stuecke des Destouches eben nicht verdorben
+hat. Aber wieviel leichter ist es, eine Schnurre zu uebersetzen, als eine
+Empfindung! Das Laecherliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen;
+aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre
+eigene Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese
+verkennt und sie dafuer den Regeln der Grammatik unterwerfen und ihr alle
+die kalte Vollstaendigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will,
+die wir an einem logischen Satze verlangen. z.E. Dorimond hat dem
+Mericourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Teile seines
+Vermoegens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Mericourt geht;
+er verweigert sich dem grossmuetigen Anerbieten und will sich ihm aus
+Uneigennuetzigkeit verweigert zu haben scheinen. "Wozu das?" sagt er.
+"Warum wollen Sie sich Ihres Vermoegens berauben? Geniessen Sie Ihrer Gueter
+selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit genug gekostet." J'en jouirai,
+je vous rendrai tous heureux: laesst die Graffigny den lieben gutherzigen
+Alten antworten. "Ich will ihrer geniessen, ich will euch alle gluecklich
+machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlaessige
+Kuerze, mit der ein Mann, dem Guete zur Natur geworden ist, von seiner Guete
+spricht, wenn er davon sprechen muss! Seines Glueckes geniessen, andere
+gluecklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht bloss
+eine Folge des andern, ein Teil des andern; das eine ist ihm ganz das
+andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiss
+auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das
+naemliche zweimal spraeche, als ob beide Saetze wahre tautologische Saetze,
+vollkommen identische Saetze waeren; ohne das geringste Verbindungswort. O
+des Elenden, der die Verbindung nicht fuehlt, dem sie eine Partikel erst
+fuehlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, dass die
+Gottschedin jene acht Worte uebersetzt hat? "Alsdenn werde ich meiner
+Gueter erst recht geniessen, wenn ich euch beide dadurch werde gluecklich
+gemacht haben." Unertraeglich! Der Sinn ist vollkommen uebergetragen, aber
+der Geist ist verflogen; ein Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses
+Alsdenn, mit seinem Schwanze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses
+Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruche des Herzens alle
+Bedenklichkeiten der Ueberlegung geben und eine warme Empfindung in eine
+frostige Schlussrede verwandeln.
+
+Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, dass ungefaehr auf diesen
+Schlag das ganze Stueck uebersetzt ist. Jede feinere Gesinnung ist in ihren
+gesunden Menschenverstand paraphrasiert, jeder affektvolle Ausdruck in
+die toten Bestandteile seiner Bedeutung aufgeloeset worden. Hierzu koemmt
+in vielen Stellen der haessliche Ton des Zeremoniells; verabredete
+Ehrenbenennungen kontrastieren mit den Ausrufungen der geruehrten Natur
+auf die abscheulichste Weise. Indem Cenie ihre Mutter erkennet, ruft sie:
+"Frau Mutter! o welch ein suesser Name!" Der Name Mutter ist suess; aber Frau
+Mutter ist wahrer Honig mit Zitronensaft! Der herbe Titel zieht das
+ganze, der Empfindung sich oeffnende Herz wieder zusammen. Und in dem
+Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem
+"Gnaediger Herr Vater! ich bin Ihrer Gnade wert!" ihm in die Arme. Mon
+pere! auf deutsch: Gnaediger Herr Vater. Was fuer ein respektuoeses Kind!
+Wenn ich Dorsainville waere, ich haette es ebenso gern gar nicht wieder
+gefunden, als mit dieser Anrede.
+
+Madame Loewen spielt die Orphise; man kann sie nicht mit mehrerer Wuerde
+und Empfindung spielen. Jede Miene spricht das ruhige Bewusstsein ihres
+verkannten Wertes; und sanfte Melancholie auszudruecken, kann nur ihrem
+Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen.
+
+Cenie ist Madame Hensel. Kein Wort faellt aus ihrem Munde auf die Erde.
+Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es koemmt aus ihrem eignen Kopfe, aus
+ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr
+Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wuesste nur einen einzigen Fehler; aber
+es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr beneidenswuerdiger Fehler. Die
+Aktrice ist fuer die Rolle zu gross. Mich duenkt einen Riesen zu sehen, der
+mit dem Gewehre eines Kadetts exerzieret. Ich moechte nicht alles machen,
+was ich vortrefflich machen koennte.
+
+Herr Ekhof in der Rolle des Dorimond ist ganz Dorimond. Diese Mischung
+von Sanftmut und Ernst, von Weichherzigkeit und Strenge, wird gerade in
+so einem Manne wirklich sein, oder sie ist es in keinem. Wann er zum
+Schlusse des Stuecks vom Mericourt sagt: "Ich will ihm so viel geben, dass
+er in der grossen Welt leben kann, die sein Vaterland ist; aber sehen mag
+ich ihn nicht mehr!" wer hat den Mann gelehrt, mit ein paar erhobenen
+Fingern, hierhin und dahin bewegt, mit einem einzigen Kopfdrehen, uns auf
+einmal zu zeigen, was das fuer ein Land ist, dieses Vaterland des
+Mericourt? Ein gefaehrliches, ein boeses Land!
+
+ Tot linguae, quot membra viro!
+
+Den vierundzwanzigsten Abend (montags, den 25. Mai) ward die "Amalia" des
+Herrn Weisse aufgefuehret.
+
+"Amalia" wird von Kennern fuer das beste Lustspiel dieses Dichters
+gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, ausgefuehrtere Charaktere
+und einen lebhaftern gedankenreichern Dialog, als seine uebrige komische
+Stuecke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame
+Boek den Manley, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmut und mit
+aller der ungezwungenen Leichtigkeit, ohne die wir es ein wenig sehr
+unwahrscheinlich finden wuerden, ein junges Frauenzimmer so lange verkannt
+zu sehen. Dergleichen Verkleidungen ueberhaupt geben einem dramatischen
+Stuecke zwar ein romanenhaftes Ansehen, dafuer kann es aber auch nicht
+fehlen, dass sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Szenen
+veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fuenfte des letzten Akts, in
+welcher ich meinem Freunde einige allzu kuehn kroquierte Pinselstriche zu
+lindern und mit dem uebrigen in eine sanftere Haltung zu vertreiben wohl
+raten moechte. Ich weiss nicht, was in der Welt geschieht; ob man wirklich
+mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich
+will nicht untersuchen, wie weit es mit der weiblichen Bescheidenheit
+bestehen koenne, gewisse Dinge, obschon unter der Verkleidung, so zu
+brueskieren. Ich will die Vermutung ungeaeussert lassen, dass es vielleicht
+gar nicht einmal die rechte Art sei, eine Madame Freemann ins Enge zu
+treiben; dass ein wahrer Manley die Sache wohl haette feiner anfangen
+koennen; dass man ueber einen schnellen Strom nicht in gerader Linie
+schwimmen zu wollen verlangen muesse; dass--Wie gesagt, ich will diese
+Vermutungen ungeaeussert lassen; denn es koennte leicht bei einem solchen
+Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem naemlich die Gegenstaende
+sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, dass diejenige Frau,
+bei der die eine Art fehlgeschlagen, auch allen uebrigen Arten Obstand
+halten werde. Ich will bloss bekennen, dass ich fuer mein Teil nicht Herz
+genug gehabt haette, eine dergleichen Szene zu bearbeiten. Ich wuerde mich,
+vor der einen Klippe zu wenig Erfahrung zu zeigen, ebenso sehr gefuerchtet
+haben, als vor der andern, allzu viele zu verraten. Ja wenn ich mir auch
+einer mehr als Crebillonschen Faehigkeit bewusst gewesen waere, mich
+zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiss ich doch nicht, ob ich
+nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen waere. Besonders da
+sich dieser andere Weg hier von selbst oeffnet. Manley, oder Amalia, wusste
+ja, dass Freemann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmaessig verbunden
+sei. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm
+gaenzlich abspenstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es
+nur um fluechtige Gunstbezeigungen zu tun, sondern als einen ernsthaften
+Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu teilen bereit
+sei? Seine Bewerbungen wuerden dadurch, ich will nicht sagen unstraeflich,
+aber doch unstraeflicher geworden sein; er wuerde, ohne sie in ihren
+eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen koennen; die Probe
+waere ungleich verfuehrerischer und das Bestehen in derselben ungleich
+entscheidender fuer ihre Liebe gegen Freemann gewesen. Man wuerde zugleich
+einen ordentlichen Plan von seiten der Amalia dabei abgesehen haben;
+anstatt dass man itzt nicht wohl erraten kann, was sie nun weiter tun
+koennen, wenn sie ungluecklicherweise in ihrer Verfuehrung gluecklich
+gewesen waere.
+
+Nach der "Amalia" folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, "Der
+Finanzpachter". Es besteht ungefaehr aus ein Dutzend Szenen von der
+aeussersten Lebhaftigkeit. Es duerfte schwer sein, in einen so engen Bezirk
+mehr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die
+Manier dieses liebenswuerdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein
+Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewusst, als er.
+
+Den fuenfundzwanzigsten Abend (dienstags, den 26. Mai) ward die "Zelmire"
+des Du Belloy wiederholt.
+
+
+
+
+Einundzwanzigstes Stueck
+Den 10. Julius 1767
+
+Den sechsundzwanzigsten Abend (freitags, den 29. Mal) ward "Die
+Muetterschule" des Nivelle de la Chaussee aufgefuehret.
+
+Es ist die Geschichte einer Mutter, die fuer ihre parteiische Zaertlichkeit
+gegen einen nichtswuerdigen schmeichlerischen Sohn die verdiente Kraenkung
+erhaelt. Marivaux hat auch ein Stueck unter diesem Titel. Aber bei ihm ist
+es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes,
+gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle
+Welt und Erfahrung laesst: und wie geht es damit? Wie man leicht erraten
+kann. Das liebe Maedchen hat ein empfindliches Herz; sie weiss keiner
+Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in
+den ersten in den besten, ohne Mama darum zu fragen, und Mama mag dem
+Himmel danken, dass es noch so gut ablaeuft. In jener Schule gibt es eine
+Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser setzt es mehr zu
+lachen. Die eine ist der Pendant der andern; und ich glaube, es muesste fuer
+Kenner ein Vergnuegen mehr sein, beide an einem Abende hintereinander
+besuchen zu koennen. Sie haben hierzu auch alle aeusserliche Schicklichkeit;
+das erste Stueck ist von fuenf Akten, das andere von einem.
+
+Den siebenundzwanzigsten Abend (montags, den 1. Junius) ward die "Nanine"
+des Herrn von Voltaire gespielt.
+
+Nanine? fragten sogenannte Kunstrichter, als dieses Lustspiel im Jahre
+1749 zuerst erschien. Was ist das fuer ein Titel? Was denkt man
+dabei?--Nicht mehr und nicht weniger, als man bei einem Titel denken
+soll. Ein Titel muss kein Kuechenzettel sein. Je weniger er von dem Inhalte
+verraet, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung
+dabei, und die Alten haben ihren Komoedien selten andere, als
+nichtsbedeutende Titel gegeben. Ich kenne kaum drei oder viere, die den
+Hauptcharakter anzeigten oder etwas von der Intrige verrieten. Hierunter
+gehoeret des Plautus "Miles gloriosus". Wie koemmt es, dass man noch nicht
+angemerket, dass dieser Titel dem Plautus nur zur Haelfte gehoeren kann.
+Plautus nannte sein Stueck bloss Gloriosus; so wie er ein anderes
+"Truculentus" ueberschrieb. Miles muss der Zusatz eines Grammatikers sein.
+Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber
+seine Prahlereien beziehen sich nicht bloss auf seinen Stand und seine
+kriegerische Taten. Er ist in dem Punkte der Liebe ebenso grosssprecherisch;
+er ruehmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schoenste und
+liebenswuerdigste Mann zu sein. Beides kann in dem Worte Gloriosus liegen;
+aber sobald man Miles hinzufuegt, wird das gloriosus nur auf das erstere
+eingeschraenkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte,
+eine Stelle des Cicero[1] verfuehrt; aber hier haette ihm Plautus selbst
+mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt:
+
+ ALAZON Graece huic nomen est Comoediae
+ Id nos latine GLORIOSUM dicimus--
+
+und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, dass eben
+das Stueck des Plautus gemeinet sei. Der Charakter eines grosssprecherischen
+Soldaten kam in mehrern Stuecken vor. Cicero kann ebensowohl auf den
+Thraso des Terenz gezielet haben.--Doch dieses beilaeufig. Ich erinnere
+mich, meine Meinung von den Titeln der Komoedien ueberhaupt schon einmal
+geaeussert zu haben. Es koennte sein, dass die Sache so unbedeutend nicht
+waere. Mancher Stuemper hat zu einem schoenen Titel eine schlechte Komoedie
+gemacht; und bloss des schoenen Titels wegen. Ich moechte doch lieber eine
+gute Komoedie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was fuer
+Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken
+sein, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stueck
+genannt haetten. Der ist laengst dagewesen! ruft man. Der auch schon!
+Dieser wuerde vom Moliere, jener vom Destouches entlehnet sein! Entlehnet?
+Das koemmt aus den schoenen Titeln. Was fuer ein Eigentumsrecht erhaelt ein
+Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, dass er seinen Titel davon
+hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht haette, so wuerde ich
+ihn wiederum stillschweigend brauchen duerfen, und niemand wuerde mich
+darueber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache
+z.E. einen neuen Misanthropen. Wenn er auch keinen Zug von dem
+Moliereschen nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Kopie
+heissen. Genug, dass Moliere den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat
+unrecht, dass er funfzig Jahr spaeter lebet; und dass die Sprache fuer die
+unendlichen Varietaeten des menschlichen Gemuets nicht auch unendliche
+Benennungen hat.
+
+Wenn der Titel "Nanine" nichts sagt, so sagt der andere Titel desto mehr:
+"Nanine, oder das besiegte Vorurteil". Und warum soll ein Stueck nicht
+zwei Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei, drei Namen. Die
+Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwei Namen ist die
+Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweiten Titels scheinet
+der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu sein. In
+der naemlichen Ausgabe seiner Werke heisst er auf einem Blatte "Das
+besiegte Vorurteil"; und auf dem andern "Der Mann ohne Vorurteil". Doch
+beides ist nicht weit auseinander. Es ist von dem Vorurteile, dass zu
+einer vernuenftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes
+erforderlich sei, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die
+Geschichte der Pamela. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den
+Namen Pamela nicht brauchen, weil schon einige Jahre vorher ein paar
+Stuecke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein grosses Glueck
+gemacht hatten. Die "Pamela" des Boissy und des de la Chaussee sind auch
+ziemlich kahle Stuecke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu sein,
+etwas weit Besseres zu machen.
+
+"Nanine" gehoert unter die ruehrenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr
+viel laecherliche Szenen, und nur insofern, als die laecherlichen Szenen
+mit den ruehrenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komoedie geduldet
+wissen. Eine ganz ernsthafte Komoedie, wo man niemals lacht, auch nicht
+einmal laechelt, wo man nur immer weinen moechte, ist ihm ein Ungeheuer.
+Hingegen findet er den Uebergang von dem Ruehrenden zum Laecherlichen und
+von dem Laecherlichen zum Ruehrenden sehr natuerlich. Das menschliche Leben
+ist nichts als eine bestaendige Kette solcher Uebergaenge, und die Komoedie
+soll ein Spiegel des menschlichen Lebens sein. "Was ist gewoehnlicher",
+sagt er, "als dass in dem naemlichen Hause der zornige Vater poltert, die
+verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich ueber beide aufhaelt und jeder
+Anverwandte bei der naemlichen Szene etwas anders empfindet? Man
+verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube nebenan aeusserst
+bewegt; und nicht selten hat ebendieselbe Person in ebenderselben
+Viertelstunde ueber ebendieselbe Sache gelacht und geweinet. Eine sehr
+ehrwuerdige Matrone sass bei einer von ihren Toechtern, die gefaehrlich krank
+lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in
+Traenen zerfliessen, sie rang die Haende und rief: 'O Gott, lass mir, lass mir
+dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafuer nehmen!'
+Hier trat ein Mann, der eine von ihren uebrigen Toechtern geheiratet hatte,
+naeher zu ihr hinzu, zupfte sie bei dem Aermel und fragte: 'Madame, auch
+die Schwiegersoehne?' Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese
+Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betruebte Dame,
+dass sie in vollem Gelaechter herauslaufen musste; alles folgte ihr und
+lachte; die Kranke selbst, als sie es hoerte, waere vor Lachen fast
+erstickt."
+
+"Homer", sagt er an einem andern Orte, "laesst sogar die Goetter, indem sie
+das Schicksal der Welt entscheiden, ueber den possierlichen Anstand des
+Vulkans lachen. Hektor lacht ueber die Furcht seines kleinen Sohnes, indem
+Andromacha die heissesten Traenen vergiesst. Es trifft sich wohl, dass mitten
+unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer
+Feuersbrunst oder sonst eines traurigen Verhaengnisses, ein Einfall, eine
+ungefaehre Posse, trotz aller Beaengstigung, trotz alles Mitleids das
+unbaendigste Lachen erregt. Man befahl in der Schlacht bei Speyern einem
+Regimente, dass es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Offizier bat
+darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: 'Bitten Sie, mein
+Herr, was Sie wollen, nur das Leben nicht; damit kann ich unmoeglich
+dienen!' Diese Naivetaet ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und
+metzelte. Wie viel eher wird nicht in der Komoedie das Lachen auf ruehrende
+Empfindungen folgen koennen? Bewegt uns nicht Alkmene? Macht uns nicht
+Sosias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung
+streiten zu wollen."
+
+Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die
+Erfahrung, wenn er die ganz ernsthafte Komoedie fuer eine ebenso
+fehlerhafte als langweilige Gattung erklaeret? Vielleicht damals, als
+er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine "Cenie", noch kein
+"Hausvater" vorhanden; und vieles muss das Genie erst wirklich machen,
+wenn wir es fuer moeglich erkennen sollen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "De Officiis", Lib. I. Cap. 33.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Stueck
+Den 14. Julius 1767
+
+Den achtundzwanzigsten Abend (dienstags, den 2. Junius) ward der "Advokat
+Patelin" wiederholt, und mit der "Kranken Frau" des Herrn Gellert
+beschlossen.
+
+Ohnstreitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gellert
+derjenige, dessen Stuecke das meiste urspruenglich Deutsche haben. Es sind
+wahre Familiengemaelde, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder
+Zuschauer glaubt, einen Vetter, einen Schwager, ein Muehmchen aus seiner
+eigenen Verwandtschaft darin zu erkennen. Sie beweisen zugleich, dass es
+an Originalnarren bei uns gar nicht mangelt, und dass nur die Augen ein
+wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere
+Torheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir ueber
+viele aus Gutherzigkeit hinweg; und in der Nachahmung haben sich unsere
+Virtuosen an eine allzu flache Manier gewoehnet. Sie machen sie aehnlich,
+aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand
+nicht vorteilhaft genug zu beleuchten gewusst, so mangelt dem Bilde die
+Rundung, das Koerperliche; wir sehen nur immer eine Seite, an der wir uns
+bald satt gesehen, und deren allzu schneidende Aussenlinien uns gleich
+an die Taeuschung erinnern, wenn wir in Gedanken um die uebrigen Seiten
+herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig
+und ekel; wann sie belustigen sollen, muss ihnen der Dichter etwas von
+dem Seinigen geben. Er muss sie nicht in ihrer Alltagskleidung, in der
+schmutzigen Nachlaessigkeit auf das Theater bringen, in der sie innerhalb
+ihren vier Pfaehlen herumtraeumen. Sie muessen nichts von der engen Sphaere
+kuemmerlicher Umstaende verraten, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten
+will. Er muss sie aufputzen; er muss ihnen Witz und Verstand leihen, das
+Armselige ihrer Torheiten bemaenteln zu koennen; er muss ihnen den Ehrgeiz
+geben, damit glaenzen zu wollen.
+
+"Ich weiss gar nicht", sagte eine von meinen Bekanntinnen, "was das fuer
+ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan und diese Frau Stephan! Herr
+Stephan ist ein reicher Mann und ein guter Mann. Gleichwohl muss seine
+geliebte Frau Stephan um eine lumpige Andrienne so viel Umstaende machen!
+Wir sind freilich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch um ein so gar
+grosses Nichts nicht. Eine neue Andrienne! Kann sie nicht hinschicken, und
+ausnehmen lassen, und machen lassen? Der Mann wird ja wohl bezahlen; und
+er muss ja wohl."
+
+"Ganz gewiss!" sagte eine andere. "Aber ich habe noch etwas zu erinnern.
+Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Muetter. Eine Andrienne! Welche
+Schneidersfrau traegt denn noch eine Andrienne? Es ist nicht erlaubt, dass
+die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie
+nicht Roberonde, Benedictine, Respectueuse"--(ich habe die andern Namen
+vergessen, ich wuerde sie auch nicht zu schreiben wissen)--"dafuer sagen!
+Mich in einer Andrienne zu denken; das allein koennte mich krank machen.
+Wenn es der neueste Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muss es
+auch die neueste Tracht sein. Wie koennen wir es sonst wahrscheinlich
+finden, dass sie darueber krank geworden?"
+
+"Und ich", sagte eine dritte (es war die gelehrteste), "finde es sehr
+unanstaendig, dass die Stephan ein Kleid anzieht, das nicht auf ihren Leib
+gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser--wie
+soll ich es nennen?--Verkennung unserer Delikatesse gezwungen hat. Die
+Einheit der Zeit! Das Kleid musste fertig sein; die Stephan sollte es noch
+anziehen; und in vierundzwanzig Stunden wird nicht immer ein Kleid
+fertig. Ja, er durfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele
+vierundzwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt"--Hier
+ward meine Kunstrichterin unterbrochen.
+
+Den neunundzwanzigsten Abend (mittewochs, den 3. Junius) ward nach der
+"Melanide" des de la Chaussee "Der Mann nach der Uhr, oder der
+ordentliche Mann" gespielet.
+
+Der Verfasser dieses Stuecks ist Herr Hippel, in Danzig. Es ist reich an
+drolligen Einfaellen; nur schade, dass ein jeder, sobald er den Titel hoert,
+alle diese Einfaelle voraussieht. National ist es auch genug; oder
+vielmehr provinzial. Und dieses koennte leicht das andere Extremum werden,
+in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten
+schildern wollten. Ich fuerchte, dass jeder die armseligen Gewohnheiten des
+Winkels, in dem er geboren worden, fuer die eigentlichen Sitten des
+gemeinschaftlichen Vaterlandes halten duerfte. Wem aber liegt daran, zu
+erfahren, wievielmal im Jahre man da oder dort gruenen Kohl isst?
+
+Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, dass
+jeder etwas anders sagen muss. Hier ist das nicht; "Der Mann nach der
+Uhr", oder "Der ordentliche Mann" sagen ziemlich das naemliche; ausser dass
+das erste ohngefaehr die Karikatur von dem andern ist.
+
+Den dreissigsten Abend (donnerstags, den 4. Junius) ward der "Graf von
+Essex", vom Thomas Corneille, auf gefuehrt. Dieses Trauerspiel ist fast
+das einzige, welches sich aus der betraechtlichen Anzahl der Stuecke des
+juengern Corneille auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird
+auf den deutschen Buehnen noch oefterer wiederholt, als auf den
+franzoesischen. Es ist vom Jahre 1678, nachdem vierzig Jahre vorher
+bereits Calprenede die naemliche Geschichte bearbeitet hatte.
+
+"Es ist gewiss", schreibt Corneille, "dass der Graf von Essex bei der
+Koenigin Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr
+stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr
+auf. Seine Feinde beschuldigten ihn eines Verstaendnisses mit dem Grafen
+von Tyrone, den die Rebellen in Irland zu ihrem Haupte erwaehlet hatten.
+Der Verdacht, der dieserwegen auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando
+der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf,
+ward in Verhaft gezogen, verurteilt, und nachdem er durchaus nicht um
+Gnade bitten wollen, den 25. Februar 1601 enthauptet. So viel hat mir die
+Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, dass ich
+sie in einem wichtigen Stuecke verfaelscht haette, weil ich mich des
+Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Koenigin dem Grafen zum
+Unterpfande ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals eines
+Staatsverbrechens schuldig machen sollte, gegeben habe: so muss mich
+dieses sehr befremden. Ich bin versichert, dass dieser Ring eine Erfindung
+des Calprenede ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das
+geringste davon gelesen."
+
+Allerdings stand es Corneillen frei, diesen Umstand mit dem Ringe zu
+nutzen oder nicht zu nutzen; aber darin ging er zu weit, dass er ihn fuer
+eine poetische Erfindung erklaerte. Seine historische Richtigkeit ist
+neuerlich fast ausser Zweifel gesetzt worden; und die bedaechtlichsten,
+skeptischsten Geschichtschreiber, Hume und Robertson, haben ihn in ihre
+Werke aufgenommen.
+
+Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut
+redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: "Die
+gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste
+war diese, dass dieses Uebel aus einer betruebten Reue wegen des Grafen von
+Essex entstanden sei. Sie hatte eine ganz ausserordentliche Achtung fuer
+das Andenken dieses ungluecklichen Herrn; und wiewohl sie oft ueber seine
+Hartnaeckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne
+Traenen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung
+mit neuer Zaertlichkeit belebte und ihre Betruebnis noch mehr vergaellte.
+Die Graefin von Nottingham, die auf ihrem Todbette lag, wuenschte die
+Koenigin zu sehen und ihr ein Geheimnis zu offenbaren, dessen Verhehlung
+sie nicht ruhig wuerde sterben lassen. Wie die Koenigin in ihr Zimmer kam,
+sagte ihr die Graefin, Essex habe, nachdem ihm das Todesurteil gesprochen
+worden, gewuenscht, die Koenigin um Vergebung zu bitten, und zwar auf die
+Art, die Ihro Majestaet ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr
+naemlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit
+der Versicherung geschenkt, dass, wenn er ihr denselben, bei einem
+etwanigen Ungluecke, als ein Zeichen senden wuerde, er sich ihrer voelligen
+Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sei die Person,
+durch welche er ihn habe uebersenden wollen; durch ein Versehen aber sei
+er nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Haende geraten. Sie habe
+ihrem Gemahl die Sache erzaehlt (er war einer von den unversoehnlichsten
+Feinden des Essex), und der habe ihr verboten, den Ring weder der Koenigin
+zu geben noch dem Grafen zurueckzusenden. Wie die Graefin der Koenigin ihr
+Geheimnis entdeckt hatte, bat sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth,
+die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene
+Ungerechtigkeit einsahe, dass sie ihn im Verdacht eines unbaendigen
+Eigensinnes gehabt, antwortete: 'Gott mag Euch vergeben; ich kann es
+nimmermehr!' Sie verliess das Zimmer in grosser Entsetzung, und von dem
+Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gaenzlich. Sie nahm weder Speise
+noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneien; sie kam in kein
+Bette; sie blieb zehn Tage und zehn Naechte auf einem Polster, ohne ein
+Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen,
+auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst
+der Seelen und von so langem Fasten ganz entkraeftet, den Geist aufgab."
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Stueck
+Den 17. Julius 1767
+
+Der Herr von Voltaire hat den "Essex" auf eine sonderbare Weise
+kritisiert. Ich moechte nicht gegen ihn behaupten, dass "Essex" ein
+vorzueglich gutes Stueck sei; aber das ist leicht zu erweisen, dass viele
+von den Fehlern, die er daran tadelt, teils sich nicht darin finden,
+teils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seinerseits eben nicht den
+richtigsten und wuerdigsten Begriff von der Tragoedie voraussetzen.
+
+Es gehoert mit unter die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, dass er ein
+sehr profunder Historikus sein will. Er schwang sich also auch bei dem
+"Essex" auf dieses sein Streitross und tummelte es gewaltig herum. Schade
+nur, dass alle die Taten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht wert
+sind, den er erregt.
+
+Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewusst;
+und zum Gluecke fuer den Dichter war das damalige Publikum noch unwissender.
+"Itzt", sagt er, "kennen wir die Koenigin Elisabeth und den Grafen Essex
+besser; itzt wuerden einem Dichter dergleichen grobe Verstossungen wider
+die historische Wahrheit schaerfer aufgemutzet werden".
+
+Und welches sind denn diese Verstossungen? Voltaire hat ausgerechnet, dass
+die Koenigin damals, als sie dem Grafen den Prozess machen liess,
+achtundsechzig Jahr alt war. "Es waere also laecherlich", sagt er, "wenn
+man sich einbilden wollte, dass die Liebe den geringsten Anteil an dieser
+Begebenheit koenne gehabt haben." Warum das? Geschieht nichts Laecherliches
+in der Welt? Sich etwas Laecherliches als geschehen denken, ist das so
+laecherlich? "Nachdem das Urteil ueber den Essex abgegeben war", sagt Hume,
+"fand sich die Koenigin in der aeussersten Unruhe und in der grausamsten
+Ungewissheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge fuer ihre
+eigene Sicherheit und Bekuemmernis um das Leben ihres Lieblings stritten
+unaufhoerlich in ihr: und vielleicht, dass sie in diesem quaelenden Zustande
+mehr zu beklagen war, als Essex selbst. Sie unterzeichnete und widerrufte
+den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal ueber das andere; itzt war sie
+fast entschlossen, ihn dem Tode zu ueberliefern; den Augenblick darauf
+erwachte ihre Zaertlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des
+Grafen liessen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, dass er
+selbst den Tod wuensche, dass er selbst erklaeret habe, wie sie doch anders
+keine Ruhe vor ihm haben wuerde. Wahrscheinlicherweise tat diese Aeusserung
+von Reue und Achtung fuer die Sicherheit der Koenigin, die der Graf sonach
+lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als
+sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie fachte das Feuer einer
+alten Leidenschaft, die sie so lange fuer den ungluecklichen Gefangnen
+genaehret hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhaertete,
+war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten.
+Sie versahe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus
+Verdruss, dass er nicht erfolgen wollte, liess sie dem Rechte endlich seinen
+Lauf."
+
+Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem achtundsechzigsten Jahre
+geliebt haben, sie, die sich so gern lieben liess? Sie, der es so sehr
+schmeichelte, wenn man ihre Schoenheit ruehmte? Sie, die es so wohl
+aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien? Die Welt muss in diesem
+Stuecke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Hoeflinge stellten
+sich daher alle in sie verliebt und bedienten sich gegen Ihro Majestaet,
+mit allem Anscheine des Ernstes, des Stils der laecherlichsten Galanterie.
+Als Raleigh in Ungnade fiel, schrieb er an seinen Freund Cecil einen
+Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die
+Koenigin eine Venus, eine Diane, und ich weiss nicht was, war. Gleichwohl
+war diese Goettin damals schon sechzig Jahr alt. Fuenf Jahr darauf fuehrte
+Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die naemliche Sprache mit
+ihr. Kurz, Corneille ist hinlaenglich berechtiget gewesen, ihr alle die
+verliebte Schwachheit beizulegen, durch die er das zaertliche Weib mit der
+stolzen Koenigin in einen so interessanten Streit bringet.
+
+Ebensowenig hat er den Charakter des Essex verstellet oder verfaelschet.
+"Essex", sagt Voltaire, "war der Held gar nicht, zu dem ihn Corneille
+macht: er hat nie etwas Merkwuerdiges getan." Aber wenn er es nicht war,
+so glaubte er es doch zu sein. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die
+Eroberung von Cadix, an der ihm Voltaire wenig oder gar kein Teil laesst,
+hielt er so sehr fuer sein Werk, dass er es durchaus nicht leiden wollte,
+wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmasste. Er erbot sich, es mit
+dem Degen in der Hand gegen den Grafen von Nottingham, unter dem er
+kommandiert hatte, gegen seinen Sohn, gegen jeden von seinen Anverwandten
+zu beweisen, dass sie ihm allein zugehoere.
+
+Corneille laesst den Grafen von seinen Feinden, namentlich vom Raleigh, vom
+Cecil, vom Cobhan, sehr veraechtlich sprechen. Auch das will Voltaire nicht
+gutheissen. "Es ist nicht erlaubt", sagt er, "eine so neue Geschichte so
+groeblich zu verfaelschen, und Maenner von so vornehmer Geburt, von so
+grossen Verdiensten, so unwuerdig zu misshandeln. "Aber hier koemmt es ja gar
+nicht darauf an, was diese Maenner waren, sondern wofuer sie Essex hielt;
+und Essex war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und
+gar keine einzuraeumen.
+
+Wenn Corneille den Essex sagen laesst, dass es nur an seinem Willen
+gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so laesst er ihn freilich etwas
+sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire haette
+darum doch nicht ausrufen muessen. "Wie? Essex auf dem Throne? mit was fuer
+Recht? unter was fuer Vorwande? wie waere das moeglich gewesen?" Denn
+Voltaire haette sich erinnern sollen, dass Essex von muetterlicher Seite aus
+dem koeniglichen Hause abstammte, und dass es wirklich Anhaenger von ihm
+gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zaehlen,
+die Ansprueche auf die Krone machen koennten. Als er daher mit dem Koenige
+Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, liess er es das erste
+sein, ihn zu versichern, dass er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken
+nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger,
+als was ihn Corneille voraussetzen laesst.
+
+Indem also Voltaire durch das ganze Stueck nichts als historische
+Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Ueber eine hat
+sich Walpole[1] schon lustig gemacht. Wenn naemlich Voltaire die erstern
+Lieblinge der Koenigin Elisabeth nennen will, so nennt er den Robert
+Dudley und den Grafen von Leicester. Er wusste nicht, dass beide nur eine
+Person waren, und dass man mit eben dem Rechte den Poeten Arouet und den
+Kammerherrn von Voltaire zu zwei verschiedenen Personen machen koennte.
+Ebenso unverzeihlich ist das Hysteronproteron, in welches er mit der
+Ohrfeige verfaellt, die die Koenigin dem Essex gab. Es ist falsch, dass er
+sie nach seiner ungluecklichen Expedition in Irland bekam; er hatte sie
+lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, dass er damals den Zorn
+der Koenigin durch die geringste Erniedrigung zu besaenftigen gesucht, dass
+er vielmehr auf die lebhafteste und edelste Art muendlich und schriftlich
+seine Empfindlichkeit darueber ausliess. Er tat zu seiner Begnadigung auch
+nicht wieder den ersten Schritt; die Koenigin musste ihn tun.
+
+Aber was geht mich hier die historische Unwissenheit des Herrn von
+Voltaire an? Ebensowenig als ihn die historische Unwissenheit des
+Corneille haette angehen sollen. Und eigentlich will ich mich auch nur
+dieser gegen ihn annehmen.
+
+Die ganze Tragoedie des Corneille sei ein Roman: wenn er ruehrend ist, wird
+er dadurch weniger ruehrend, weil der Dichter sich wahrer Namen bedienet hat?
+
+Weswegen waehlt der tragische Dichter wahre Namen? Nimmt er seine Charaktere
+aus diesen Namen; oder nimmt er diese Namen, weil die Charaktere, welche
+ihnen die Geschichte beilegt, mit den Charakteren, die er in Handlung zu
+zeigen sich vorgenommen, mehr oder weniger Gleichheit haben? Ich rede
+nicht von der Art, wie die meisten Trauerspiele vielleicht entstanden
+sind, sondern wie sie eigentlich entstehen sollten. Oder, mich mit der
+gewoehnlichen Praxi der Dichter uebereinstimmender auszudruecken: sind es
+die blossen Fakta, die Umstaende der Zeit und des Ortes, oder sind es die
+Charaktere der Personen, durch welche die Fakta wirklich geworden, warum
+der Dichter lieber diese als eine andere Begebenheit waehlet? Wenn es die
+Charaktere sind, so ist die Frage gleich entschieden, wie weit der
+Dichter von der historischen Wahrheit abgehen koenne? In allem, was die
+Charaktere nicht betrifft, soweit er will. Nur die Charaktere sind ihm
+heilig; diese zu verstaerken, diese in ihrem besten Lichte zu zeigen, ist
+alles, was er von dem Seinigen dabei hinzutun darf; die geringste
+wesentliche Veraenderung wuerde die Ursache aufheben, warum sie diese und
+nicht andere Namen fuehren; und nichts ist anstoessiger, als wovon wir uns
+keine Ursache geben koennen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Le Chateau d'Otrante", Pref. p. XIV.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Stueck
+Den 21. Julius 1767
+
+Wenn der Charakter der Elisabeth des Corneille das poetische Ideal von
+dem wahren Charakter ist, den die Geschichte der Koenigin dieses Namens
+beilegt; wenn wir in ihr die Unentschluessigkeit, die Widersprueche, die
+Beaengstigung, die Reue, die Verzweiflung, in die ein stolzes und
+zaertliches Herz, wie das Herz der Elisabeth, ich will nicht sagen, bei
+diesen und jenen Umstaenden wirklich verfallen ist, sondern auch nur
+verfallen zu koennen vermuten lassen, mit wahren Farben geschildert
+finden: so hat der Dichter alles getan, was ihm als Dichter zu tun
+obliegt. Sein Werk, mit der Chronologie in der Hand, untersuchen; ihn
+vor den Richterstuhl der Geschichte fuehren, um ihn da jedes Datum, jede
+beilaeufige Erwaehnung, auch wohl solcher Personen, ueber welche die
+Geschichte selbst in Zweifel ist, mit Zeugnissen belegen zu lassen: heisst
+ihn und seinen Beruf verkennen, heisst von dem, dem man diese Verkennung
+nicht zutrauen kann, mit einem Worte, schikanieren.
+
+Zwar bei dem Herrn von Voltaire koennte es leicht weder Verkennung noch
+Schikane sein. Denn Voltaire ist selbst ein tragischer Dichter, und
+ohnstreitig ein weit groesserer, als der juengere Corneille. Es waere denn,
+dass man ein Meister in einer Kunst sein und doch falsche Begriffe von der
+Kunst haben koennte. Und was die Schikane anbelangt, die ist, wie die
+ganze Welt weiss, sein Werk nun gar nicht. Was ihr in seinen Schriften
+hier und da aehnlich sieht, ist nichts als Laune; aus blosser Laune spielt
+er dann und wann in der Poetik den Historikus, in der Historie den
+Philosophen und in der Philosophie den witzigen Kopf.
+
+Sollte er umsonst wissen, dass Elisabeth achtundsechzig Jahr alt war, als
+sie den Grafen koepfen liess? Im achtundsechzigsten Jahre noch verliebt,
+noch eifersuechtig! Die grosse Nase der Elisabeth dazu genommen, was fuer
+lustige Einfaelle muss das geben! Freilich stehen diese lustigen Einfaelle
+in dem Kommentare ueber eine Tragoedie; also da, wo sie nicht hingehoeren.
+Der Dichter haette recht zu seinem Kommentator zu sagen: "Mein Herr
+Notenmacher, diese Schwaenke gehoeren in Eure allgemeine Geschichte, nicht
+unter meinen Text. Denn es ist falsch, dass meine Elisabeth achtundsechzig
+Jahr alt ist. Weiset mir doch, wo ich das sage. Was ist in meinem Stuecke,
+das Euch hinderte, sie nicht ungefaehr mit dem Essex von gleichem Alter
+anzunehmen? Ihr sagt: Sie war aber nicht von gleichem Alter: Welche Sie?
+Eure Elisabeth im Rapin de Thoyras; das kann sein. Aber warum habt Ihr
+den Rapin de Thoyras gelesen? Warum seid Ihr so gelehrt? Warum vermengt
+Ihr diese Elisabeth mit meiner? Glaubt Ihr im Ernst, dass die Erinnerung
+bei dem und jenem Zuschauer, der den Rapin de Thoyras auch einmal gelesen
+hat, lebhafter sein werde, als der sinnliche Eindruck, den eine
+wohlgebildete Aktrice in ihren besten Jahren auf ihn macht? Er sieht ja
+meine Elisabeth; und seine eigene Augen ueberzeugen ihn, dass es nicht Eure
+achtundsechzigjaehrige Elisabeth ist. Oder wird er dem Rapin de Thoyras
+mehr glauben, als seinen eignen Augen?"--
+
+So ungefaehr koennte sich auch der Dichter ueber die Rolle des Essex erklaeren.
+"Euer Essex im Rapin de Thoyras", koennte er sagen, "ist nur der Embryo
+von dem meinigen. Was sich jener zu sein duenkte, ist meiner wirklich. Was
+jener, unter gluecklichem Umstaenden, fuer die Koenigin vielleicht getan
+haette, hat meiner getan. Ihr hoert ja, dass es ihm die Koenigin selbst
+zugesteht; wollt Ihr meiner Koenigin nicht ebensoviel glauben, als dem
+Rapin de Thoyras? Mein Essex ist ein verdienter und grosser, aber stolzer
+und unbiegsamer Mann. Eurer war in der Tat weder so gross, noch so
+unbiegsam: desto schlimmer fuer ihn. Genug fuer mich, dass er doch immer
+noch gross und unbiegsam genug war, um meinem von ihm abgezogenen Begriffe
+seinen Namen zu lassen."
+
+Kurz: die Tragoedie ist keine dialogierte Geschichte; die Geschichte ist
+fuer die Tragoedie nichts, als ein Repertorium von Namen, mit denen wir
+gewisse Charaktere zu verbinden gewohnt sind. Findet der Dichter in der
+Geschichte mehrere Umstaende zur Ausschmueckung und Individualisierung
+seines Stoffes bequem: wohl, so brauche er sie. Nur dass man ihm hieraus
+ebensowenig ein Verdienst, als aus dem Gegenteile ein Verbrechen mache!
+
+Diesen Punkt von der historischen Wahrheit abgerechnet, bin ich sehr
+bereit, das uebrige Urteil des Herrn von Voltaire zu unterschreiben.
+"Essex" ist ein mittelmaessiges Stueck, sowohl in Ansehung der Intrige als
+des Stils. Den Grafen zu einem seufzenden Liebhaber einer Irton zu
+machen; ihn mehr aus Verzweiflung, dass er der ihrige nicht sein kann, als
+aus edelmuetigem Stolze, sich nicht zu Entschuldigungen und Bitten
+herabzulassen, auf das Schafott zu fuehren: das war der ungluecklichste
+Einfall, den Thomas nur haben konnte, den er aber als ein Franzose wohl
+haben musste. Der Stil ist in der Grundsprache schwach; in der Uebersetzung
+ist er oft kriechend geworden. Aber ueberhaupt ist das Stueck nicht ohne
+Interesse und hat hier und da glueckliche Verse, die aber im Franzoesischen
+gluecklicher sind als im Deutschen. "Die Schauspieler", setzt der Herr von
+Voltaire hinzu, "besonders die in der Provinz, spielen die Rolle des
+Essex gar zu gern, weil sie in einem gestickten Bande unter dem Knie und
+mit einem grossen blauen Bande ueber die Schulter darin erscheinen koennen.
+Der Graf ist ein Held von der ersten Klasse, den der Neid verfolgt: das
+macht Eindruck. Uebrigens ist die Zahl der guten Tragoedien bei allen
+Nationen in der Welt so klein, dass die, welche nicht ganz schlecht sind,
+noch immer Zuschauer an sich ziehen, wenn sie von guten Akteurs nur
+aufgestutzet werden."
+
+Er bestaetiget dieses allgemeine Urteil durch verschiedene einzelne
+Anmerkungen, die ebenso richtig als scharfsinnig sind und deren man sich
+vielleicht, bei einer wiederholten Vorstellung, mit Vergnuegen erinnern
+duerfte. Ich teile die vorzueglichsten also hier mit; in der festen
+Ueberzeugung, dass die Kritik dem Genusse nicht schadet und dass diejenigen,
+welche ein Stueck am schaerfesten zu beurteilen gelernt haben, immer
+diejenigen sind, welche das Theater am fleissigsten besuchen.
+
+"Die Rolle des Cecils ist eine Nebenrolle, und eine sehr frostige
+Nebenrolle. Solche kriechende Schmeichler zu malen, muss man die Farben
+in seiner Gewalt haben, mit welchen Racine den Narcissus geschildert hat.
+
+Die vorgebliche Herzogin von Irton ist eine vernuenftige, tugendhafte
+Frau, die sich durch ihre Liebe zu dem Grafen weder die Ungnade der
+Elisabeth zuziehen, noch ihren Liebhaber heiraten wollen. Dieser
+Charakter wuerde sehr schoen sein, wenn er mehr Leben haette, und wenn er
+zur Verwickelung etwas beitruege; aber hier vertritt sie bloss die Stelle
+eines Freundes. Das ist fuer das Theater nicht hinlaenglich.
+
+Mich duenket, dass alles, was die Personen in dieser Tragoedie sagen und
+tun, immer noch sehr schielend, verwirret und unbestimmt ist. Die
+Handlung muss deutlich, der Knoten verstaendlich und jede Gesinnung plan
+und natuerlich sein: das sind die ersten, wesentlichsten Regeln. Aber was
+will Essex? Was will Elisabeth? Worin besteht das Verbrechen des Grafen?
+Ist er schuldig, oder ist er faelschlich angeklagt? Wenn ihn die Koenigin
+fuer unschuldig haelt, so muss sie sich seiner annehmen. Ist er aber
+schuldig: so ist es sehr unvernuenftig, die Vertraute sagen zu lassen,
+dass er nimmermehr um Gnade bitten werde, dass er viel zu stolz dazu sei.
+Dieser Stolz schickt sich sehr wohl fuer einen tugendhaften unschuldigen
+Helden, aber fuer keinen Mann, der des Hochverrats ueberwiesen ist. Er
+soll sich unterwerfen: sagt die Koenigin. Ist das wohl die eigentliche
+Gesinnung, die sie haben muss, wenn sie ihn liebt? Wenn er sich nun
+unterworfen, wenn er nun ihre Verzeihung angenommen hat, wird Elisabeth
+darum von ihm mehr geliebt als zuvor? Ich liebe ihn hundertmal mehr, als
+mich selbst: sagt die Koenigin. Ah, Madame; wenn es so weit mit Ihnen
+gekommen ist, wenn Ihre Leidenschaft so heftig geworden: so untersuchen
+Sie doch die Beschuldigungen Ihres Gebliebten selbst und verstatten
+nicht, dass ihn seine Feinde unter Ihrem Namen so verfolgen und
+unterdruecken, wie es durch das ganze Stueck, obwohl ganz ohne
+Grund, heisst.
+
+Auch aus dem Freunde des Grafen, dem Salisbury, kann man nicht klug
+werden, ob er ihn fuer schuldig oder fuer unschuldig haelt. Er stellt der
+Koenigin vor, dass der Anschein oefters betriege, dass man alles von der
+Parteilichkeit und Ungerechtigkeit seiner Richter zu besorgen habe.
+Gleichwohl nimmt er seine Zuflucht zur Gnade der Koenigin. Was hatte er
+dieses noetig, wenn er seinen Freund nicht strafbar glaubte? Aber was
+soll der Zuschauer glauben? Der weiss ebensowenig, woran er mit der
+Verschwoerung des Grafen, als woran er mit der Zaertlichkeit der Koenigin
+gegen ihn ist.
+
+Salisbury sagt der Koenigin, dass man die Unterschrift des Grafen
+nachgemacht habe. Aber die Koenigin laesst sich im geringsten nicht
+einfallen, einen so wichtigen Umstand naeher zu untersuchen. Gleichwohl
+war sie als Koenigin und als Geliebte dazu verbunden. Sie antwortet nicht
+einmal auf diese Eroeffnung, die sie doch begierig haette ergreifen muessen.
+Sie erwidert bloss mit andern Worten, dass der Graf allzu stolz sei, und
+dass sie durchaus wolle, er solle um Gnade bitten."
+
+Aber warum sollte er um Gnade bitten, wenn seine Unterschrift nachgemacht
+war?"
+
+
+
+
+Fuenfundzwanzigstes Stueck
+Den 24. Julius 1767
+
+"Essex selbst beteuert seine Unschuld; aber warum will er lieber sterben,
+als die Koenigin davon ueberzeugen? Seine Feinde haben ihn verleumdet; er
+kann sie mit einem einzigen Worte zu Boden schlagen; und er tut es nicht.
+Ist das dem Charakter eines so stolzen Mannes gemaess? Soll er aus Liebe
+zur Irton so widersinnig handeln: so haette ihn der Dichter durch das
+ganze Stueck von seiner Leidenschaft mehr bemeistert zeigen muessen. Die
+Heftigkeit des Affekts kann alles entschuldigen; aber in dieser
+Heftigkeit sehen wir ihn nicht.
+
+Der Stolz der Koenigin streitet unaufhoerlich mit dem Stolze des Essex; ein
+solcher Streit kann leicht gefallen. Aber wenn allein dieser Stolz sie
+handeln laesst, so ist er bei der Elisabeth sowohl als bei dem Grafen,
+blosser Eigensinn. Er soll mich um Gnade bitten; ich will sie nicht um
+Gnade bitten; das ist die ewige Leier. Der Zuschauer muss vergessen, dass
+Elisabeth entweder sehr abgeschmackt oder sehr ungerecht ist, wenn sie
+verlangt, dass der Graf sich ein Verbrechen soll vergeben lassen, welches
+er nicht begangen, oder sie nicht untersucht hat. Er muss es vergessen,
+und er vergisst es wirklich, um sich bloss mit den Gesinnungen des Stolzes
+zu beschaeftigen, der dem menschlichen Herze so schmeichelhaft ist.
+
+Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspiels ist, was sie
+sein sollte; alle sind verfehlt; und gleichwohl hat es gefallen. Woher
+dieses Gefallen? Offenbar aus der Situation der Personen, die fuer sich
+selbst ruehrend ist.--Ein grosser Mann, den man auf das Schafott fuehret,
+wird immer interessieren; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch
+ohne alle Hilfe der Poesie, Eindruck; ungefaehr eben den Eindruck, den die
+Wirklichkeit selbst machen wuerde."
+
+So viel liegt fuer den tragischen Dichter an der Wahl des Stoffes. Durch
+diese allein koennen die schwaechsten, verwirrtesten Stuecke eine Art von
+Glueck machen; und ich weiss nicht, wie es koemmt, dass es immer solche
+Stuecke sind, in welchen sich gute Akteurs am vorteilhaftesten zeigen.
+Selten wird ein Meisterstueck so meisterhaft vorgestellt, als es
+geschrieben ist; das Mittelmaessige faehrt mit ihnen immer besser.
+Vielleicht, weil sie in dem Mittelmaessigen mehr von dem ihrigen hinzutun
+koennen; vielleicht, weil uns das Mittelmaessige mehr Zeit und Ruhe laesst,
+auf ihr Spiel aufmerksam zu sein; vielleicht, weil in dem Mittelmaessigen
+alles nur auf einer oder zwei hervorstechenden Personen beruhet, anstatt
+dass in einem vollkommenem Stuecke oefters eine jede Person ein Hauptakteur
+sein muesste, und wenn sie es nicht ist, indem sie ihre Rolle verhunzt,
+zugleich auch die uebrigen verderben hilft.
+
+Beim "Essex" koennen alle diese und mehrere Ursachen zusammenkommen. Weder
+der Graf noch die Koenigin sind von dem Dichter mit der Staerke geschildert,
+dass sie durch die Aktion nicht noch weit staerker werden koennten. Essex
+spricht so stolz nicht, dass ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung,
+in jeder Gebaerde, in jeder Miene noch stolzer zeigen koennte. Es ist sogar
+dem Stolze wesentlich, dass er sich weniger durch Worte, als durch das
+uebrige Betragen aeussert. Seine Worte sind oefters bescheiden, und es laesst
+sich nur sehen, nicht hoeren, dass es eine stolze Bescheidenheit ist. Diese
+Rolle muss also notwendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen
+Mit der Rolle der Elisabeth ist es nicht voellig so; aber doch kann sie
+auch schwerlich ganz verungluecken. Elisabeth ist so zaertlich als stolz;
+ich glaube ganz gern, dass ein weibliches Herz beides zugleich sein kann;
+aber wie eine Aktrice beides gleich gut vorstellen koenne, das begreife
+ich nicht recht. In der Natur selbst trauen wir einer stolzen Frau nicht
+viel Zaertlichkeit, und einer zaertlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen
+es ihr nicht zu, sage ich: denn die Kennzeichen des einen widersprechen
+den Kennzeichen des andern. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich
+gelaeufig sind; hat sie aber nur die einen vorzueglich in ihrer Gewalt,
+so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die andern ausdrueckt, zwar
+empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, dass sie dieselbe so
+lebhaft empfindet, als sie sagt. Wie kann eine Aktrice nun weiter gehen
+als die Natur? Ist sie von einem majestaetischen Wuchse, toent ihre Stimme
+voller und maennlicher, ist ihr Blick dreist, ist ihre Bewegung schnell
+und herzhaft: so werden ihr die stolzen Stellen vortrefflich gelingen;
+aber wie steht es mit den zaertlichen? Ist ihre Figur hingegen weniger
+imponierend; herrscht in ihren Mienen Sanftmut, in ihren Augen ein
+bescheidnes Feuer, in ihrer Stimme mehr Wohlklang als Nachdruck; ist in
+ihrer Bewegung mehr Anstand und Wuerde, als Kraft und Geist: so wird sie
+den zaertlichen Stellen die voelligste Genuege leisten; aber auch den
+stolzen? Sie wird sie nicht verderben, ganz gewiss nicht; sie wird sie
+noch genug absetzen; wir werden eine beleidigte zuernende Liebhaberin in
+ihr erblicken; nur keine Elisabeth nicht, die Manns genug war, ihren
+General und Geliebten mit einer Ohrfeige nach Hause zu schicken. Ich
+meine also, die Aktricen, welche die ganze doppelte Elisabeth uns gleich
+taeuschend zu zeigen vermoegend waeren, duerften noch seltner sein, als die
+Elisabeths selber; und wir koennen und muessen uns begnuegen, wenn eine
+Haelfte nur recht gut gespielt und die andere nicht ganz verwahrloset wird.
+
+Madame Loewen hat in der Rolle der Elisabeth sehr gefallen; aber, jene
+allgemeine Anmerkung nunmehr auf sie anzuwenden, uns mehr die zaertliche
+Frau, als die stolze Monarchin sehen und hoeren lassen. Ihre Bildung, ihre
+Stimme, ihre bescheidene Aktion liessen es nicht anders erwarten; und mich
+duenkt, unser Vergnuegen hat dabei nichts verloren. Denn wenn notwendig
+eine die andere verfinstert, wenn es kaum anders sein kann, als dass nicht
+die Koenigin unter der Liebhaberin, oder diese unter jener leiden sollte:
+so, glaube ich, ist es zutraeglicher, wenn eher etwas von dem Stolze und
+der Koenigin, als von der Liebhaberin und der Zaertlichkeit verloren geht.
+
+Es ist nicht bloss eigensinniger Geschmack, wenn ich so urteile; noch
+weniger ist es meine Absicht, einem Frauenzimmer ein Kompliment damit zu
+machen, die noch immer eine Meisterin in ihrer Kunst sein wuerde, wenn ihr
+diese Rolle auch gar nicht gelungen waere. Ich weiss einem Kuenstler, er sei
+von meinem oder dem andern Geschlechte, nur eine einzige Schmeichelei zu
+machen; und diese besteht darin, dass ich annehme, er sei von aller eiteln
+Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm ueber alles, er hoere gern
+frei und laut ueber sich urteilen, und wolle sich lieber auch dann und
+wann falsch, als seltner beurteilet wissen. Wer diese Schmeichelei nicht
+versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist es nicht
+wert, dass wir ihn studieren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal,
+dass wir seine Vollkommenheit einsehen und empfinden, wenn wir auch noch
+so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, dass wir auch Augen und
+Gefuehl fuer seine Schwaeche haben. Er spottet bei sich ueber jede
+uneingeschraenkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen kitzelt ihn, von
+dem er weiss, dass er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.
+
+Ich wollte sagen, dass sich Gruende anfuehren lassen, warum es besser ist,
+wenn die Aktrice mehr die zaertliche als die stolze Elisabeth ausdrueckt.
+Stolz muss sie sein, das ist ausgemacht: und dass sie es ist, das hoeren
+wir. Die Frage ist nur, ob sie zaertlicher als stolz, oder stolzer als
+zaertlich scheinen soll; ob man, wenn man unter zwei Aktricen zu waehlen
+haette, lieber die zur Elisabeth nehmen sollte, welche die beleidigte
+Koenigin, mit allem drohenden Ernste, mit allen Schrecken der raecherischen
+Majestaet, auszudruecken vermoechte, oder die, welche die eifersuechtige
+Liebhaberin, mit allen kraenkenden Empfindungen der verschmaehten Liebe,
+mit aller Bereitwilligkeit, dem teuern Frevler zu vergeben, mit aller
+Beaengstigung ueber seine Hartnaeckigkeit, mit allem Jammer ueber seinen
+Verlust, angemessener waere? Und ich sage: diese.
+
+Denn erstlich wird dadurch die Verdopplung des naemlichen Charakters
+vermieden. Essex ist stolz; und wenn Elisabeth auch stolz sein soll, so
+muss sie es wenigstens auf eine andere Art sein. Wenn bei dem Grafen die
+Zaertlichkeit nicht anders, als dem Stolze untergeordnet sein kann, so muss
+bei der Koenigin die Zaertlichkeit den Stolz ueberwiegen. Wenn der Graf sich
+eine hoehere Miene gibt, als ihm zukommt, so muss die Koenigin etwas weniger
+zu sein scheinen, als sie ist. Beide auf Stelzen, mit der Nase nur immer
+in der Luft einhertreten, beide mit Verachtung auf alles, was um sie ist,
+herabblicken lassen, wuerde die ekelste Einfoermigkeit sein. Man muss nicht
+glauben koennen, dass Elisabeth, wenn sie an des Essex Stelle waere, ebenso
+wie Essex handeln wuerde. Der Ausgang weiset es, dass sie nachgebender ist
+als er; sie muss also auch gleich von Anfange nicht so hoch daherfahren
+als er. Wer sich durch aeussere Macht emporzuhalten vermag, braucht weniger
+Anstrengung, als der es durch eigene innere Kraft tun muss. Wir wissen
+darum doch, dass Elisabeth die Koenigin ist, wenn sie gleich Essex das
+koeniglichere Ansehen gibt.
+
+Zweitens ist es in dem Trauerspiele schicklicher, dass die Personen in
+ihren Gesinnungen steigen, als dass sie fallen. Es ist schicklicher, dass
+ein zaertlicher Charakter Augenblicke des Stolzes hat, als dass ein stolzer
+von der Zaertlichkeit sich fortreissen laesst. Jener scheint sich zu erheben;
+dieser zu sinken. Eine ernsthafte Koenigin, mit gerunzelter Stirne, mit
+einem Blicke, der alles scheu und zitternd macht, mit einem Tone der
+Stimme, der allein ihr Gehorsam verschaffen koennte, wenn die zu
+verliebten Klagen gebracht wird und nach den kleinen Beduerfnissen ihrer
+Leidenschaft seufzet, ist fast, fast laecherlich. Eine Geliebte hingegen,
+die ihre Eifersucht erinnert, dass sie Koenigin ist, erhebt sich ueber sich
+selbst, und ihre Schwachheit wird fuerchterlich.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Stueck
+Den 28. Julius 1767
+
+Den einunddreissigsten Abend (mittewochs, den 10. Juni) ward das Lustspiel
+der Madame Gottsched, "Die Hausfranzoesin, oder die Mamsell" aufgefuehret.
+
+Dieses Stueck ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter
+Gottschedischer Geburtshilfe, Deutschland im fuenften Bande der "Schaubuehne"
+beschenkt ward. Man sagt, es sei, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da
+mit Beifall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beifall es
+noch erhalten wuerde, und es erhielt den, den es verdienet: gar keinen.
+"Das Testament", von ebenderselben Verfasserin, ist noch so etwas; aber
+"Die Hausfranzoesin" ist ganz und gar nichts. Noch weniger als nichts:
+denn sie ist nicht allein niedrig und platt und kalt, sondern noch
+obendarein schmutzig, ekel, und im hoechsten Grade beleidigend. Es ist mir
+unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben koennen. Ich will
+hoffen, dass man mir den Beweis von diesem allen schenken wird.--
+
+Den zweiunddreissigsten Abend (donnerstags, den 11. Junius) ward die
+"Semiramis" des Herrn von Voltaire wiederholt.
+
+Da das Orchester bei unsern Schauspielen gewissermassen die Stelle der
+alten Choere vertritt, so haben Kenner schon laengst gewuenscht, dass die
+Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stuecke gespielt wird, mit dem
+Inhalte desselben mehr uebereinstimmen moechte. Herr Scheibe ist unter den
+Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld fuer die Kunst
+bemerkte. Da er einsahe, dass, wenn die Ruehrung des Zuschauers nicht auf
+eine unangenehme Art geschwaecht und unterbrochen werden sollte, ein jedes
+Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er
+nicht allein bereits 1738 mit dem "Polyeukt" und "Mithridat" den Versuch,
+besondere diesen Stuecken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche
+bei der Gesellschaft der Neuberin, hier in Hamburg, in Leipzig, und
+anderwaerts aufgefuehret wurden; sondern liess sich auch in einem besondern
+Blatte seines "Kritischen Musikus"[1] umstaendlich darueber aus, was
+ueberhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung
+mit Ruhm arbeiten wolle.
+
+"Alle Symphonien," sagt er, "die zu einem Schauspiele verfertiget werden,
+sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es
+gehoeren also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien als zu
+den Lustspielen. So verschieden die Tragoedien und Komoedien unter sich
+selbst sind, so verschieden muss auch die dazugehoerige Musik sein.
+Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abteilungen der
+Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen
+eine jede Abteilung gehoert, zu sehen. Daher muss die Anfangssymphonie sich
+auf den ersten Aufzug des Stueckes beziehen; die Symphonien aber, die
+zwischen den Aufzuegen vorkommen, muessen teils mit dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges, teils aber mit dem Anfange des folgenden
+Aufzuges uebereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlusse des
+letzten Aufzuges gemaess sein muss."
+
+"Alle Symphonien zu Trauerspielen muessen praechtig, feurig und geistreich
+gesetzt sein. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen
+und den Hauptinhalt zu bemerken und darnach seine Erfindung einzurichten.
+Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragoedien, da bald
+diese, bald jene Tugend eines Helden oder einer Heldin der Stoff gewesen
+ist. Man halte einmal den 'Polyeukt' gegen den 'Brutus', oder auch die
+'Alzire' gegen den 'Mithridat': so wird man gleich sehen, dass sich
+keinesweges einerlei Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die
+Religion und Gottesfurcht den Helden oder die Heldin in allen Zufaellen
+begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermassen das
+Praechtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Grossmut,
+die Tapferkeit oder die Standhaftigkeit in allerlei Ungluecksfaellen im
+Trauerspiele herrschen: so muss auch die Musik weit feuriger und lebhafter
+sein. Von dieser letztern Art sind die Trauerspiele 'Cato', 'Brutus',
+'Mithridat'. 'Alzire' aber und 'Zaire' erfordern hingegen schon eine etwas
+veraenderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen
+Stuecken von einer andern Beschaffenheit sind und mehr Veraenderung der
+Affekten zeigen."
+
+"Ebenso muessen die Komoediensymphonien ueberhaupt frei, fliessend und
+zuweilen auch scherzhaft sein; insbesondere aber sich nach dem
+eigentuemlichen Inhalte einer jeden Komoedie richten. So wie die Komoedie
+bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muss auch die
+Symphonie beschaffen sein. Zum Exempel die Komoedien 'Der Falke' und 'Die
+beiderseitige Unbestaendigkeit' wuerden ganz andere Symphonien erfordern
+als 'Der verlorne Sohn'. So wuerden sich auch nicht die Symphonien, die
+sich zum 'Geizigen' oder zum 'Kranken in der Einbildung' sehr wohl
+schicken moechten, zum 'Unentschluessigen' oder zum 'Zerstreuten' schicken.
+Jene muessen schon lustiger und scherzhafter sein, diese aber
+verdriesslicher und ernsthafter."
+
+"Die Anfangssymphonie muss sich auf das ganze Stueck beziehen; zugleich
+aber muss sie auch den Anfang desselben vorbereiten und folglich mit dem
+ersten Auftritte uebereinkommen. Sie kann aus zwei oder drei Saetzen
+bestehen, so wie es der Komponist fuer gut findet.--Die Symphonien
+zwischen den Aufzuegen aber, weil sie sich nach dem Schlusse des
+vorhergehenden Aufzuges und nach dem Anfange des folgenden richten
+sollen, werden am natuerlichsten zwei Saetze haben koennen. Im ersten kann
+man mehr auf das Vorhergegangene, im zweiten aber mehr auf das Folgende
+sehen. Doch ist solches nur allein noetig, wenn die Affekten einander
+allzusehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen,
+wenn er nur die gehoerige Laenge erhaelt, damit die Beduerfnisse der
+Vorstellung, als Lichtputzen, Umkleiden usw., indes besorget werden
+koennen.--Die Schlusssymphonie endlich muss mit dem Schlusse des Schauspiels
+auf das genaueste uebereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto
+nachdruecklicher zu machen. Was ist laecherlicher, als wenn der Held auf
+eine unglueckliche Weise sein Leben verloren hat, und es folgt eine
+lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als
+wenn sich die Komoedie auf eine froehliche Art endiget, und es folgt eine
+traurige und bewegliche Symphonie darauf?"--
+
+"Da uebrigens die Musik zu den Schauspielen bloss allein aus Instrumenten
+bestehet, so ist eine Veraenderung derselben sehr noetig, damit die Zuhoerer
+desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht
+verlieren moechten, wenn sie immer einerlei Instrumente hoeren sollten. Es
+ist aber beinahe eine Notwendigkeit, dass die Anfangssymphonie sehr stark
+und vollstaendig ist, und also desto nachdruecklicher ins Gehoer falle. Die
+Veraenderung der Instrumenten muss also vornehmlich in den Zwischensymphonien
+erscheinen. Man muss aber wohl urteilen, welche Instrumente sich am besten
+zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdruecken
+kann, was man ausdruecken soll. Es muss also auch hier eine vernuenftige
+Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher
+erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzugut, wenn man in zwei
+aufeinanderfolgenden Zwischensymphonien einerlei Veraenderung der
+Instrumente anwendet. Es ist allemal besser und angenehmer, wenn man
+diesen Uebelstand vermeidet."
+
+Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie
+in eine genauere Verbindung zu bringen. Ich habe sie lieber mit den
+Worten eines Tonkuenstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich
+die Ehre der Erfindung anmassen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und
+Kunstrichter bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, dass sie
+weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten
+imstande sei. Die mehresten muessen es von ihren Kunstverwandten erst
+hoeren, dass die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste
+Aufmerksamkeit darauf wenden.
+
+Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur, was
+geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der
+Leidenschaften, auf welchen alles dabei ankoemmt, ist noch einzig das Werk
+des Genies. Denn ob es schon Tonkuenstler gibt und gegeben, die bis zur
+Bewunderung darin gluecklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an
+einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt und allgemeine Grundsaetze
+aus ihren Beispielen hergeleitet haette. Aber je haeufiger diese Beispiele
+werden, je mehr sich die Materialien zu dieser Herleitung sammeln, desto
+eher koennen wir sie uns versprechen; und ich muesste mich sehr irren, wenn
+nicht ein grosser Schritt dazu durch die Beeiferung der Tonkuenstler in
+dergleichen dramatischen Symphonien geschehen koennte. In der Vokalmusik
+hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr nach; der schwaechste und
+schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstaerkt: in der
+Instrumentalmusik hingegen faellt diese Hilfe weg, und sie sagt gar
+nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der
+Kuenstler wird also hier seine aeusserste Staerke anwenden muessen; er wird
+unter den verschiedenen Folgen von Toenen, die eine Empfindung ausdruecken
+koennen, nur immer diejenigen waehlen, die sie am deutlichsten ausdruecken;
+wir werden diese oefterer hoeren, wir werden sie miteinander oefterer
+vergleichen und durch die Bemerkung dessen, was sie bestaendig gemein
+haben, hinter das Geheimnis des Ausdrucks kommen.
+
+Welchen Zuwachs unser Vergnuegen im Theater dadurch erhalten wuerde,
+begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers
+Theaters hat man sich daher nicht nur ueberhaupt bemueht, das Orchester in
+einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch wuerdige Maenner
+bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser
+Art von Komposition zu machen, die ueber alle Erwartung ausgefallen sind.
+Schon zu Cronegks "Olint und Sophronia" hatte Herr Hertel eigne
+Symphonien verfertiget; und bei der zweiten Auffuehrung der "Semiramis"
+wurden dergleichen von dem Herrn Agricola in Berlin aufgefuehrt.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Stueck 67.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Stueck
+Den 31. Julius 1767
+
+Ich will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu
+machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen;--denn je lebhafter und feiner
+ein sinnliches Vergnuegen ist, desto weniger laesst es sich mit Worten
+beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprueche, in
+unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und
+diese sind ebenso ununterrichtend fuer den Liebhaber, als ekelhaft fuer den
+Virtuosen, den man zu ehren vermeinet;--sondern bloss nach den Absichten,
+die ihr Meister damit gehabt, und nach den Mitteln ueberhaupt, deren er
+sich, zur Erreichung derselben, bedienen wollen.
+
+Die Anfangssymphonie bestehet aus drei Saetzen. Der erste Satz ist ein
+Largo, nebst den Violinen, mit Hoboen und Floeten; der Grundbass ist durch
+Fagotte verstaerkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und
+stuermisch; der Zuhoerer soll vermuten, dass er ein Schauspiel ungefaehr
+dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein;
+Zaertlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung nehmen ihr Teil daran;
+und der zweite Satz, ein Andante mit gedaempften Violinen und
+konzertierenden Fagotten, beschaeftigst sich also mit dunkeln und
+mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen
+Tonwendungen mit stolzen; denn die Buehne eroeffnet sich mit mehr als
+gewoehnlicher Pracht; Semiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit;
+wie diese Herrlichkeit das Auge spueren muss, soll sie auch das Ohr
+vernehmen. Der Charakter ist Allegretto, und die Instrumente sind wie in
+dem ersten, ausser dass die Hoboen, Floeten und Fagotte miteinander einige
+besondere kleinere Saetze haben.
+
+Die Musik zwischen den Akten hat durchgaengig nur einen einzigen Satz;
+dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweiten, der
+sich auf das Folgende bezoege, scheinet Herr Agricola also nicht zu
+billigen. Ich wuerde hierin sehr seines Geschmacks sein. Denn die Musik
+soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das
+Unerwartete, das Ueberraschende mehr als ein anderer; er laesst seinen Gang
+nicht gern voraus verraten; und die Musik wuerde ihn verraten, wenn sie
+die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der Anfangssymphonie ist es
+ein anders; sie kann auf nichts Vorhergehendes gehen; und doch muss auch
+sie nur den allgemeinen Ton des Stuecks angeben, und nicht staerker, nicht
+bestimmter, als ihn ungefaehr der Titel angibt. Man darf dem Zuhoerer wohl
+das Ziel zeigen, wohin man ihn fuehren will, aber die verschiedenen Wege,
+auf welchen er dahin gelangen soll, muessen ihm gaenzlich verborgen
+bleiben. Dieser Grund wider einen zweiten Satz zwischen den Akten ist aus
+dem Vorteile des Dichters hergenommen; und er wird durch einen andern,
+der sich aus den Schranken der Musik ergibt, bestaerkt. Denn gesetzt, dass
+die Leidenschaften, welche in zwei aufeinanderfolgenden Akten herrschen,
+einander ganz entgegen waeren, so wuerden notwendig auch die beiden Saetze
+von ebenso widriger Beschaffenheit sein muessen. Nun begreife ich sehr
+wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr
+entgegenstehenden, zu ihrem voelligen Widerspiele, ohne unangenehme
+Gewaltsamkeit bringen kann; er tut das nach und nach, gemach und gemach;
+er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder
+hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu tun. Aber kann dieses auch
+der Musikus? Es sei, dass er es in einem Stuecke, von der erforderlichen
+Laenge, ebensowohl tun koenne; aber in zwei besondern, voneinander gaenzlich
+abgesetzten Stuecken muss der Sprung, z.E. aus dem Ruhigen in das
+Stuermische, aus dem Zaertlichen in das Grausame, notwendig sehr merklich
+sein, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder ploetzliche
+Uebergang aus einem Aeussersten in das andere, aus der Finsternis in das
+Licht, aus der Kaelte in die Hitze zu haben pflegt. Itzt zerschmelzen wir
+in Wehmut, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider
+eben den, fuer den unsere Seele ganz mitleidiges Gefuehl war? oder wider
+einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie laesst uns in
+Ungewissheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge
+unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden wie im Traume; und alle
+diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend als ergoetzend. Die
+Poesie hingegen laesst uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren;
+hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch,
+warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die
+ploetzlichsten Uebergaenge nicht allein ertraeglich, sondern auch angenehm.
+In der Tat ist diese Motivierung der ploetzlichen Uebergaenge einer der
+groessten Vorteile, den die Musik aus der Vereinigung mit der Poesie
+ziehet; ja vielleicht der allergroesste. Denn es ist bei weitem nicht so
+notwendig, die allgemeinen unbestimmten Empfindungen der Musik, z.E. der
+Freude, durch Worte auf einen gewissen einzeln Gegenstand der Freude
+einzuschraenken, weil auch jene dunkeln schwanken Empfindungen noch immer
+sehr angenehm sind; als notwendig es ist, abstechende, widersprechende
+Empfindungen durch deutliche Begriffe, die nur Worte gewaehren koennen, zu
+verbinden, um sie durch diese Verbindung in ein Ganzes zu verweben,
+welchem man nicht allein Mannigfaltiges, sondern auch Uebereinstimmung des
+Mannigfaltigen bemerke. Nun aber wuerde, bei dem doppelten Satze zwischen
+den Akten eines Schauspiels, diese Verbindung erst hintennach kommen; wir
+wuerden es erst hintennach erfahren, warum wir aus einer Leidenschaft in
+eine ganz entgegengesetzte ueberspringen muessen: und das ist fuer die Musik
+so gut, als erfuehren wir es gar nicht. Der Sprung hat einmal seine ueble
+Wirkung getan, und er hat uns darum nicht weniger beleidiget, weil wir
+nun einsehen, dass er uns nicht haette beleidigen sollen. Man glaube aber
+nicht, dass sonach alle Symphonien verwerflich sein muessten, weil alle aus
+mehrern Saetzen bestehen, die voneinander unterschieden sind, und deren
+jeder etwas anders ausdrueckt als der andere. Sie druecken etwas anders
+aus, aber nicht etwas Verschiednes; oder vielmehr, sie druecken das
+naemliche, und nur auf eine andere Art aus. Eine Symphonie, die in ihren
+verschiednen Saetzen verschiedne, sich widersprechende Leidenschaften
+ausdrueckt, ist ein musikalisches Ungeheuer; in einer Symphonie muss nur
+eine Leidenschaft herrschen, und jeder besondere Satz muss ebendieselbe
+Leidenschaft, bloss mit verschiednen Abaenderungen, es sei nun nach den
+Graden ihrer Staerke und Lebhaftigkeit oder nach den mancherlei
+Vermischungen mit andern verwandten Leidenschaften, ertoenen lassen und in
+uns zu erwecken suchen. Die Anfangssymphonie war vollkommen von dieser
+Beschaffenheit; das Ungestueme des ersten Satzes zerfliesst in das Klagende
+des zweiten, welches sich in dem dritten zu einer Art von feierlichen
+Wuerde erhebet. Ein Tonkuenstler, der sich in seinen Symphonien mehr
+erlaubt, der mit jedem Satze den Affekt abbricht, um mit dem folgenden
+einen neuen ganz verschiednen Affekt anzuheben, und auch diesen fahren
+laesst, um sich in einen dritten ebenso verschiednen zu werfen; kann viel
+Kunst, ohne Nutzen, verschwendet haben, kann ueberraschen, kann betaeuben,
+kann kitzeln, nur ruehren kann er nicht. Wer mit unserm Herzen sprechen
+und sympathetische Regungen in ihm erwecken will, muss ebensowohl
+Zusammenhang beobachten, als wer unsern Verstand zu unterhalten und zu
+belehren denkt. Ohne Zusammenhang, ohne die innigste Verbindung aller und
+jeder Teile ist die beste Musik ein eitler Sandhaufen, der keines
+dauerhaften Eindruckes faehig ist; nur der Zusammenhang macht sie zu einem
+festen Marmor, an dem sich die Hand des Kuenstlers verewigen kann.
+
+Der Satz nach dem ersten Akte sucht also lediglich die Besorgnisse der
+"Semiramis" zu unterhalten, denen der Dichter diesen Akt gewidmet hat;
+Besorgnisse, die noch mit einiger Hoffnung vermischt sind; ein Andante
+mesto, bloss mit gedaempften Violinen und Bratsche.
+
+In dem zweiten Akt spielt Assur eine zu wichtige Rolle, als dass er nicht
+den Ausdruck der darauffolgenden Musik bestimmen sollte. Ein Allegro
+assai aus dem G-dur mit Waldhoernern, durch Floeten und Hoboen, auch den
+Grundbass mitspielende Fagotte verstaerkt, drueckt den durch Zweifel und
+Furcht unterbrochenen, aber immer noch sich wieder erholenden Stolz
+dieses treulosen und herrschsuechtigen Ministers aus.
+
+In dem dritten Akte erscheint das Gespenst. Ich habe, bei Gelegenheit der
+ersten Vorstellung, bereits angemerkt, wie wenig Eindruck Voltaire diese
+Erscheinung auf die Anwesenden machen laesst. Aber der Tonkuenstler hat
+sich, wie billig, daran nicht gekehrt; er holt es nach, was der Dichter
+unterlassen hat, und ein Allegro aus dem E-moll, mit der naemlichen
+Instrumentenbesetzung des Vorhergehenden, nur dass E-Hoerner mit G-Hoernern
+verschiedentlich abwechseln, schildert kein stummes und traeges Erstaunen,
+sondern die wahre wilde Bestuerzung, welche eine dergleichen Erscheinung
+unter dem Volke verursachen muss.
+
+Die Beaengstigung der Semiramis im vierten Aufzuge erweckt unser Mitleid;
+wir bedauern die Reuende, so schuldig wir auch die Verbrecherin wissen.
+Bedauern und Mitleid laesst also auch die Musik ertoenen; in einem Larghetto
+aus dem A-moll, mit gedaempften Violinen und Bratsche und einer
+konzertierenden Hoboe.
+
+Endlich folget auch auf den fuenften Akt nur ein einziger Satz, ein
+Adagio, aus dem E-dur, naechst den Violinen und der Bratsche, mit Hoernern,
+mit verstaerkenden Hoboen und Floeten und mit Fagotten, die mit dem
+Grundbasse gehen. Der Ausdruck ist den Personen des Trauerspiels
+angemessene und ins Erhabene gezogene Betruebnis, mit einiger Ruecksicht,
+wie mich deucht, auf die vier letzten Zeilen, in welchen die Wahrheit
+ihre warnende Stimme gegen die Grossen der Erde ebenso wuerdig als
+maechtig erhebt.
+
+Die Absichten eines Tonkuenstlers merken, heisst ihm zugestehen, dass er sie
+erreicht hat. Sein Werk soll kein Raetsel sein, dessen Deutung ebenso
+muehsam als schwankend ist. Was ein gesundes Ohr am geschwindesten in ihm
+vernimmt, das und nichts anders hat er sagen wollen; sein Lob waechst mit
+seiner Verstaendlichkeit; je leichter, je allgemeiner diese, desto
+verdienter jenes.--Es ist kein Ruhm fuer mich, dass ich recht gehoert habe;
+aber fuer den Hrn. Agricola ist es ein so viel groesserer, dass in dieser
+seiner Komposition niemand etwas anders gehoert hat als ich.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Stueck
+Den 4. August 1767
+
+Den dreiunddreissigsten Abend (freitags, den 12. Junius) ward die "Nanine"
+wiederholt, und den Beschluss machte "Der Bauer mit der Erbschaft", aus
+dem Franzoesischen des Marivaux.
+
+Dieses kleine Stueck ist hier Ware fuer den Platz und macht daher allezeit
+viel Vergnuegen. Juerge koemmt aus der Stadt zurueck, wo er einen reichen
+Bruder begraben lassen, von dem er hunderttausend Mark geerbt. Glueck
+aendert Stand und Sitten; nun will er leben, wie vornehme Leute leben,
+erhebt seine Liese zur Madame, findet geschwind fuer seinen Hans und fuer
+seine Grete eine ansehnliche Partie, alles ist richtig, aber der hinkende
+Bote koemmt nach. Der Makler, bei dem die hunderttausend Mark gestanden,
+hat Bankerott gemacht, Juerge ist wieder nichts wie Juerge, Hans bekommt
+den Korb, Grete bleibt sitzen, und der Schluss wuerde traurig genug sein,
+wenn das Glueck mehr nehmen koennte, als es gegeben hat; gesund und
+vergnuegt waren sie, gesund und vergnuegt bleiben sie.
+
+Diese Fabel haette jeder erfinden koennen; aber wenige wuerden sie so
+unterhaltend zu machen gewusst haben, als Marivaux. Die drolligste Laune,
+der schnurrigste Witz, die schalkischste Satire lassen uns vor Lachen
+kaum zu uns selbst kommen; und die naive Bauernsprache gibt allem eine
+ganz eigene Wuerze. Die Uebersetzung ist von Kruegern, der das franzoesische
+Patois in den hiesigen platten Dialekt meisterhaft zu uebertragen gewusst
+hat. Es ist nur schade, dass verschiedene Stellen hoechst fehlerhaft und
+verstuemmelt abgedruckt werden. Einige muessten notwendig in der Vorstellung
+berichtiget und ergaenzt werden. Z. E. folgende, gleich in der ersten Szene.
+
+"Juerge. He, he, he! Giv mie doch fief Schillink kleen Geld, ik hev
+niks, as Gullen un Dahlers.
+
+Lise. He, he, he! Segge doch, hest du Schrullen med dienen fief
+Schillink kleen Geld? wat wist du damed maaken?
+
+Juerge. He, he, he, he! Giv mie fief Schillink kleen Geld, seg ik die.
+
+Lise. Woto denn, Hans Narr?
+
+Juerge. Foer duessen Jungen, de mie mienen Buendel op dee Reise bed in
+unse Doerp dragen hed, un ik buen ganss licht und sacht hergahn.
+
+Lise. Buest du to Foote hergahn?
+
+Juerge. Ja. Wielt't veel kummoder is.
+
+Lise. Da hest du een Maark.
+
+Juerge. Dat is doch noch resnabel. Wo veel maakt't? So veel is dat.
+Een Maark hed se mie dahn: da, da is't. Nehmt't hen; so is't richdig.
+
+Lise. Un du verdeihst fief Schillink an een Jungen, de die dat Pak
+dragen hed?
+
+Juerge. Ja! ik met ehm doch een Drankgeld geven.
+
+Valentin. Sollen die fuenf Schilling fuer mich, Herr Juerge?
+
+Juerge. Ja, mien Fruend!
+
+Valentin. Fuenf Schilling? ein reicher Erbe! fuenf Schillinge? ein
+Mann von Ihrem Stande! Und wo bleibt die Hoheit der Seele?
+
+Juerge. O! et kumt mie even darop nich an, jy doerft't man seggen.
+Maake Fro, smiet ehm noch een Schillink hen; by uns regnet man so."
+
+Wie ist das? Juerge ist zu Fusse gegangen, weil es kommoder ist? Er fodert
+fuenf Schillinge, und seine Frau gibt ihm ein Mark, die ihm fuenf
+Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Jungen noch einen
+Schilling hinschmeissen? warum tut er es nicht selbst? Von dem Marke blieb
+ihm ja noch uebrig. Ohne das Franzoesische wird man sich schwerlich aus dem
+Hanfe finden. Juerge war nicht zu Fusse gekommen, sondern mit der Kutsche:
+und darauf geht sein "Wielt't veel kummoder is". Aber die Kutsche ging
+vielleicht bei seinem Dorfe nur vorbei, und von da, wo er abstieg, liess
+er sich bis zu seinem Hause das Buendel nachtragen. Dafuer gibt er dem
+Jungen die fuenf Schillinge; das Mark gibt ihm nicht die Frau, sondern das
+hat er fuer die Kutsche bezahlen muessen, und er erzaehlt ihr nur, wie
+geschwind er mit dem Kutscher darueber fertig geworden.[1]
+
+Den vierunddreissigsten Abend (montags, den 29. Junius) ward "Der
+Zerstreute" des Regnard aufgefuehrt.
+
+Ich glaube schwerlich, dass unsere Grossvaeter den deutschen Titel dieses
+Stuecks verstanden haetten. Noch Schlegel uebersetzte Distrait durch
+"Traeumer". Zerstreut sein, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der
+Analogie des Franzoesischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das
+Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen,
+nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das
+ist genug.
+
+Regnard brachte seinen "Zerstreuten" im Jahre 1679 aufs Theater; und er
+fand nicht den geringsten Beifall. Aber vierunddreissig Jahr darauf, als
+ihn die Komoedianten wieder versuchten, fand er einen so viel groessern.
+Welches Publikum hatte nun recht? Vielleicht hatten sie beide nicht
+unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stueck als eine gute foermliche
+Komoedie, wofuer es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm
+es fuer nichts mehr auf, als es ist; fuer eine Farce, fuer ein Possenspiel,
+das zu lachen machen soll; man lachte und war dankbar. Jenes
+Publikum dachte:
+
+ --non satis est risu diducere rictum
+ Auditoris--
+
+und dieses:
+
+ --et est quaedam tamen hic quoque virtus.
+
+Ausser der Versifikation, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachlaessig
+ist, kann dem Regnard dieses Lustspiel nicht viel Muehe gemacht haben. Den
+Charakter seiner Hauptperson fand er bei dem La Bruyere voellig entworfen.
+Er hatte nichts zu tun, als die vornehmsten Zuege teils in Handlung zu
+bringen, teils erzaehlen zu lassen. Was er von dem Seinigen hinzufuegte,
+will nicht viel sagen.
+
+Wider dieses Urteil ist nichts einzuwenden; aber wider eine andere
+Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralitaet fassen will, desto
+mehr. Ein Zerstreuter soll kein Vorwurf fuer die Komoedie sein. Warum
+nicht? Zerstreut sein, sagt man, sei eine Krankheit, ein Unglueck; und
+kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene ebensowenig ausgelacht zu werden,
+als einer, der Kopfschmerzen hat. Die Komoedie muesse sich nur mit Fehlern
+abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sei,
+der lasse sich durch Spoettereien ebensowenig bessern als ein Hinkender.
+
+Aber ist es denn wahr, dass die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist,
+dem unsere besten Bemuehungen nicht abhelfen koennen? Sollte sie wirklich
+mehr natuerliche Verwahrlosung als ueble Angewohnheit sein? Ich kann es
+nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir
+es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir
+wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch
+unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht,
+was er, seinen itzigen sinnlichen Eindruecken zufolge, denken sollte.
+Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betaeubt, nicht ausser Taetigkeit
+gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwaerts taetig. Aber so gut
+sie dort sein kann, so gut kann sie auch hier sein; es ist ihr natuerlicher
+Beruf, bei den sinnlichen Veraenderungen ihres Koerpers gegenwaertig zu sein;
+es kostet Muehe, sie dieses Berufs zu entwoehnen, und es sollte unmoeglich
+sein, ihr ihn wieder gelaeufig zu machen?
+
+Doch es sei; die Zerstreuung sei unheilbar: wo steht es denn geschrieben,
+dass wir in der Komoedie nur ueber moralische Fehler, nur ueber verbesserliche
+Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel
+und Realitaet ist laecherlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit
+auseinander. Wir koennen ueber einen Menschen lachen, bei Gelegenheit
+seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so
+bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Schikanen, welche noch
+neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komoedie gemacht hat, nur daher
+entstanden, weil er ihn nicht gehoerig in Erwaegung gezogen. "Moliere",
+sagt er z.E., "macht uns ueber den Misanthropen zu lachen, und doch ist
+der Misanthrop der ehrliche Mann des Stuecks; Moliere beweiset sich also
+als einen Feind der Tugend, indem er den Tugendhaften veraechtlich macht."
+
+Nicht doch; der Misanthrop wird nicht veraechtlich, er bleibt, wer er ist,
+und das Lachen, welches aus den Situationen entspringt, in die ihn der
+Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste.
+Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen ueber ihn, aber verachten wir ihn
+darum? Wir schaetzen seine uebrige guten Eigenschaften, wie wir sie
+schaetzen sollen; ja ohne sie wuerden wir nicht einmal ueber seine
+Zerstreuung lachen koennen. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften,
+nichtswuerdigen Manne, und sehe, ob sie noch laecherlich sein wird? Widrig,
+ekel, haesslich wird sie sein; nicht laecherlich.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, je n'ons
+que de grosses pieces.
+
+Claudine (le contrefaisant). Eh! eh! eh! di donc, Nicaise, avec
+tes cinq sols de monnoye, qu'est-ce que t'en veux faire?
+
+Blaise. Eh! eh! eh! baille-moi cinq sols de monnoye, te dis-je.
+
+Claudine. Pourquoi donc, Nicodeme?
+
+Blaise. Pour ce garcon qui apporte mon paquet depis la voiture
+jusqu'a cheux nous, pendant que je marchois tout bellement et a mon
+aise.
+
+Claudine. T'es venu dans la voiture?
+
+Blaise. Oui, parce que cela est plus commode.
+
+Claudine. T'a baille un ecu?
+
+Blaise. Oh bian noblement. Combien faut-il? ai-je fait. Un ecu, ce
+m'a-t-on fait. Tenez, le vela, prennez. Tout comme ca.
+
+Claudine. Et tu depenses cinq sols en porteurs de paquets?
+
+Blaise. Oui, par maniere de recreation.
+
+Arlequin. Est-ce pour moi les cinq sols, Monsieur Blaise?
+
+Blaise. Oui, mon ami. etc.
+
+----Fussnote
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Stueck
+Den 7. August 1767
+
+Die Komoedie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen;
+nicht gerade diejenigen Unarten, ueber die sie zu lachen macht, noch
+weniger bloss und allein die, an welchen sich diese laecherlichen Unarten
+finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der
+Uebung unserer Faehigkeit, das Laecherliche zu bemerken; es unter allen
+Bemaentelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen
+mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln
+des feierlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, dass
+der "Geizige" des Moliere nie einen Geizigen, der "Spieler" des Regnard
+nie einen Spieler gebessert habe; eingeraeumt, dass das Lachen diese Toren
+gar nicht bessern koenne: desto schlimmer fuer sie, aber nicht fuer die
+Komoedie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen
+kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem
+Freigebigen ist der Geizige lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt,
+ist der Spieler unterrichtend; die Torheiten, die sie nicht haben, haben
+andere, mit welchen sie leben muessen; es ist erspriesslich, diejenigen zu
+kennen, mit welchen man in Kollision kommen kann; erspriesslich, sich
+wider alle Eindruecke des Beispiels zu verwahren. Ein Praeservativ ist auch
+eine schaetzbare Arzenei; und die ganze Moral hat kein kraeftigers,
+wirksamers, als das Laecherliche.--
+
+"Das Raetsel oder Was den Damen am meisten gefaellt", ein Lustspiel in
+einem Aufzuge von Herr Loewen, machte diesen Abend den Beschluss.
+
+Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzaehlungen und Maerchen geschrieben
+haetten, so wuerde das franzoesische Theater eine Menge Neuigkeiten haben
+entbehren muessen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen
+Quellen bereichert. Des letztern "Ce qui plait aux dames" gab den Stoff
+zu einem mit Arien untermengten Lustspiele von vier Aufzuegen, welches
+unter dem Titel "La fee Urgele", von den italienischen Komoedianten zu
+Paris, im Dezember 1765 aufgefuehret ward. Herr Loewen scheinet nicht
+sowohl dieses Stueck, als die Erzaehlung des Voltaire selbst vor Augen
+gehabt zu haben. Wenn man bei Beurteilung einer Bildsaeule mit auf den
+Marmorblock zu sehen hat, aus welchem sie gemacht worden; wenn die
+primitive Form dieses Blockes es zu entschuldigen vermag, dass dieses oder
+jenes Glied zu kurz, diese oder jene Stellung zu gezwungen geraten: so
+ist die Kritik auf einmal abgewiesen, die den Herrn Loewen wegen der
+Einrichtung seines Stuecks in Anspruch nehmen wollte. Mache aus einem
+Hexenmaerchen etwas Wahrscheinlichers, wer da kann! Herr Loewen selbst gibt
+sein Raetsel fuer nichts anders, als fuer eine kleine Plaisanterie, die auf
+dem Theater gefallen kann, wenn sie gut gespielt wird. Verwandlung und
+Tanz und Gesang konkurrieren zu dieser Absicht; und es waere blosser
+Eigensinn, an keinem Belieben zu finden. Die Laune des Pedrillo ist zwar
+nicht original, aber doch gut getroffen. Nur duenkt mich, dass ein
+Waffentraeger oder Stallmeister, der das Abgeschmackte und Wahnsinnige der
+irrenden Ritterschaft einsieht, sich nicht so recht in eine Fabel passen
+will, die sich auf die Wirklichkeit der Zauberei gruendet und ritterliche
+Abenteuer als ruehmliche Handlungen eines vernuenftigen und tapfern Mannes
+annimmt. Doch, wie gesagt, es ist eine Plaisanterie; und Plaisanterien
+muss man nicht zergliedern wollen.
+
+Den fuenfunddreissigsten Abend (mittewochs, den 1. Julius) ward, in
+Gegenwart Sr. Koenigl. Majestaet von Daenemark, die "Rodogune" des Peter
+Corneille aufgefuehrt.
+
+Corneille bekannte, dass er sich auf dieses Trauerspiel das meiste
+einbilde, dass er es weit ueber seinen "Cinna" und "Cid" setze, dass seine
+uebrige Stuecke wenig Vorzuege haetten, die in diesem nicht vereint
+anzutreffen waeren; ein gluecklicher Stoff, ganz neue Erdichtungen, starke
+Verse, ein gruendliches Raisonnement, heftige Leidenschaften, ein von Akt
+zu Akt immer wachsendes Interesse.--
+
+Es ist billig, dass wir uns bei dem Meisterstuecke dieses grossen Mannes
+verweilen.
+
+Die Geschichte, auf die es gebauet ist, erzaehlt Appianus Alexandrinus
+gegen das Ende seines Buchs von den syrischen Kriegen. "Demetrius, mit
+dem Zunamen Nikanor, unternahm einen Feldzug gegen die Parther und lebte
+als Kriegsgefangner einige Zeit an dem Hofe ihres Koeniges Phraates, mit
+dessen Schwester Rodogune er sich vermaehlte. Inzwischen bemaechtigte sich
+Diodotus, der den vorigen Koenigen gedienet hatte, des syrischen Thrones
+und erhob ein Kind, den Sohn des Alexander Nothus, darauf, unter dessen
+Namen er als Vormund anfangs die Regierung fuehrte. Bald aber schaffte er
+den jungen Koenig aus dem Wege, setzte sich selbst die Krone auf und gab
+sich den Namen Tryphon. Als Antiochus, der Bruder des gefangenen Koenigs,
+das Schicksal desselben und die darauf erfolgten Unruhen des Reichs zu
+Rhodus, wo er sich aufhielt, hoerte, kam er nach Syrien zurueck, ueberwand
+mit vieler Muehe den Tryphon und liess ihn hinrichten. Hierauf wandte er
+seine Waffen gegen den Phraates und foderte die Befreiung seines Bruders.
+Phraates, der sich des Schlimmsten besorgte, gab den Demetrius auch
+wirklich los; aber nichtsdestoweniger kam es zwischen ihm und Antiochus
+zum Treffen, in welchem dieser den kuerzern zog und sich aus Verzweiflung
+selbst entleibte. Demetrius, nachdem er wieder in sein Reich gekehret
+war, ward von seiner Gemahlin Kleopatra aus Hass gegen die Rodogune
+umgebracht; obschon Kleopatra selbst, aus Verdruss ueber diese Heirat, sich
+mit dem naemlichen Antiochus, seinem Bruder, vermaehlet hatte. Sie hatte
+von dem Demetrius zwei Soehne, wovon sie den aeltesten, mit Namen Seleukus,
+der nach dem Tode seines Vaters den Thron bestieg, eigenhaendig mit einem
+Pfeile erschoss; es sei nun, weil sie besorgte, er moechte den Tod seines
+Vaters an ihr raechen, oder weil sie sonst ihre grausame Gemuetsart dazu
+veranlasste. Der juengste Sohn hiess Antiochus; er folgte seinem Bruder in
+der Regierung und zwang seine abscheuliche Mutter, dass sie den
+Giftbecher, den sie ihm zugedacht hatte, selbst trinken musste."
+
+In dieser Erzaehlung lag Stoff zu mehr als einem Trauerspiele. Es wuerde
+Corneillen eben nicht viel mehr Erfindung gekostet haben, einen
+"Tryphon", einen "Antiochus", einen "Demetrius", einen "Seleukus" daraus
+zu machen, als es ihm, eine "Rodogune" daraus zu erschaffen, kostete. Was
+ihn aber vorzueglich darin reizte, war die beleidigte Ehefrau, welche die
+usurpierten Rechte ihres Ranges und Bettes nicht grausam genug raechen zu
+koennen glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig, dass
+sonach sein Stueck nicht "Rodogune", sondern "Kleopatra" heissen sollte.
+Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, dass die Zuhoerer diese
+Koenigin von Syrien mit jener beruehmten letzten Koenigin von Aegypten
+gleichen Namens verwechseln duerften, wollte er lieber von der zweiten,
+als von der ersten Person den Titel hernehmen. "Ich glaubte mich", sagt
+er, "dieser Freiheit um so eher bedienen zu koennen, da ich angemerkt
+hatte, dass die Alten selbst es nicht fuer notwendig gehalten, ein Stueck
+eben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenken auch wohl
+nach dem Chore benannt haben, der an der Handlung doch weit weniger teil
+hat, und weit episodischer ist, als Rodogune; so hat z.E. Sophokles
+eines seiner Trauerspiele 'Die Trachinerinnen' genannt, welches man
+itziger Zeit schwerlich anders, als den 'sterbenden Herkules' nennen
+wuerde." Diese Bemerkung ist an und fuer sich sehr richtig; die Alten
+hielten den Titel fuer ganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht,
+dass er den Inhalt angeben muesse; genug, wenn dadurch ein Stueck von dem
+andern unterschieden ward, und hiezu ist der kleinste Umstand
+hinlaenglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, dass Sophokles das
+Stueck, welches er "Die Trachinerinnen" ueberschrieb, wuerde haben
+"Dejanira" nennen wollen. Er stand nicht an, ihm einen nichtsbedeutenden
+Titel zu geben, aber ihm einen verfuehrerischen Titel zu geben, einen
+Titel, der unsere Aufmerksamkeit auf einen falschen Punkt richtet, dessen
+moechte er sich ohne Zweifel mehr bedacht haben. Die Besorgnis des
+Corneille ging hiernaechst zu weit; wer die aegyptische Kleopatra kennet,
+weiss auch, dass Syrien nicht Aegypten ist, weiss, dass mehr Koenige und
+Koeniginnen einerlei Namen gefuehrt haben: wer aber jene nicht kennt, kann
+sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenigstens haette Corneille in dem
+Stueck selbst den Namen Kleopatra nicht so sorgfaeltig vermeiden sollen;
+die Deutlichkeit hat in dem ersten Akte darunter gelitten; und der
+deutsche Uebersetzer tat daher sehr wohl, dass er sich ueber diese kleine
+Bedenklichkeit wegsetzte. Kein Skribent, am wenigsten ein Dichter, muss
+seine Leser oder Zuhoerer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohl
+manchmal denken: was sie nicht wissen, das moegen sie fragen!
+
+
+
+
+Dreissigstes Stueck
+Den 11. August 1767
+
+Kleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, erschiesst den einen
+von ihren Soehnen und will den andern mit Gift vergeben. Ohne Zweifel
+folgte ein Verbrechen aus dem andern, und sie hatten alle im Grunde
+nur eine und ebendieselbe Quelle. Wenigstens laesst es sich mit
+Wahrscheinlichkeit annehmen, dass die einzige Eifersucht ein wuetendes
+Eheweib zu einer ebenso wuetenden Mutter machte. Sich eine zweite Gemahlin
+an die Seite gestellet zu sehen, mit dieser die Liebe ihres Gatten und
+die Hoheit ihres Ranges zu teilen, brachte ein empfindliches und stolzes
+Herz leicht zu dem Entschlusse, das gar nicht zu besitzen, was es nicht
+allein besitzen konnte. Demetrius muss nicht leben, weil er fuer Kleopatra
+nicht allein leben will. Der schuldige Gemahl faellt; aber in ihm faellt
+auch ein Vater, der raechende Soehne hinterlaesst. An diese hatte die Mutter
+in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nur als an ihre Soehne
+gedacht, von deren Ergebenheit sie versichert sei, oder deren kindlicher
+Eifer doch, wenn er unter Eltern waehlen muesste, ohnfehlbar sich fuer den
+zuerst beleidigten Teil erklaeren wuerde. Sie fand es aber so nicht; der
+Sohn ward Koenig, und der Koenig sahe in der Kleopatra nicht die Mutter,
+sondern die Koenigsmoerderin. Sie hatte alles von ihm zu fuerchten; und von
+dem Augenblicke an, er alles von ihr. Noch kochte die Eifersucht in ihrem
+Herzen; noch war der treulose Gemahl in seinen Soehnen uebrig; sie fing an,
+alles zu hassen, was sie erinnern musste, ihn einmal geliebt zu haben; die
+Selbsterhaltung staerkte diesen Hass; die Mutter war fertiger als der Sohn,
+die Beleidigerin fertiger, als der Beleidigte; sie beging den zweiten
+Mord, um den ersten ungestraft begangen zu haben; sie beging ihn an ihrem
+Sohne und beruhigte sich mit der Vorstellung, dass sie ihn nur an dem
+begehe, der ihr eignes Verderben beschlossen habe, dass sie eigentlich
+nicht morde, dass sie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des
+aeltere Sohnes waere auch das Schicksal des juengern geworden; aber dieser
+war rascher, oder war gluecklicher. Er zwingt die Mutter, das Gift zu
+trinken, das sie ihm bereitet hat; ein unmenschliches Verbrechen raechet
+das andere; und es koemmt bloss auf die Umstaende an, auf welcher Seite wir
+mehr Verabscheuung, oder mehr Mitleid empfinden sollen.
+
+Dieser dreifache Mord wuerde nur eine Handlung ausmachen, die ihren Anfang,
+ihr Mittel und ihr Ende in der naemlichen Leidenschaft der naemlichen
+Person haette. Was fehlt ihr also noch zum Stoffe einer Tragoedie? Fuer das
+Genie fehlt ihr nichts: fuer den Stuemper alles. Da ist keine Liebe, da
+ist keine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunderbarer
+Zwischenfall; alles geht seinen natuerlichen Gang. Dieser natuerliche Gang
+reizet das Genie; und den Stuemper schrecket er ab. Das Genie koennen nur
+Begebenheiten beschaeftigen, die ineinander gegruendet sind, nur Ketten von
+Ursachen und Wirkungen. Diese auf jene zurueckzufuehren, jene gegen diese
+abzuwaegen, ueberall das Ungefaehr auszuschliessen, alles, was geschieht, so
+geschehen zu lassen, dass es nicht anders geschehen koennen: das, das ist
+seine Sache, wenn es in dem Felde der Geschichte arbeitet, um die unnuetzen
+Schaetze des Gedaechtnisses in Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der
+Witz hingegen, als der nicht auf das ineinander Gegruendete, sondern nur
+auf das Aehnliche oder Unaehnliche gehet, wenn er sich an Werke waget, die
+dem Genie allein vorgesparet bleiben sollten, haelt sich bei Begebenheiten
+auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als dass sie zugleich
+geschehen. Diese miteinander zu verbinden, ihre Faden so durcheinander zu
+flechten und zu verwirren, dass wir jeden Augenblick den einen unter dem
+andern verlieren, aus einer Befremdung in die andere gestuerzt werden; das
+kann er, der Witz; und nur das. Aus der bestaendigen Durchkreuzung solcher
+Faeden von ganz verschiednen Farben entstehet denn eine Kontextur, die in
+der Kunst eben das ist, was die Weberei Changeant nennet: ein Stoff, von
+dem man nicht sagen kann, ob er blau oder rot, gruen oder gelb ist; der
+beides ist, der von dieser Seite so, von der andern anders erscheinet;
+ein Spielwerk der Mode, ein Gaukelputz fuer Kinder.
+
+Nun urteile man, ob der grosse Corneille seinen Stoff mehr als ein Genie
+oder als ein witziger Kopf bearbeitet habe. Es bedarf zu dieser
+Beurteilung weiter nichts, als die Anwendung eines Satzes, den niemand
+in Zweifel zieht: das Genie liebt Einfalt; der Witz Verwicklung.
+
+Kleopatra bringt, in der Geschichte, ihren Gemahl aus Eifersucht um. Aus
+Eifersucht? dachte Corneille: das waere ja eine ganz gemeine Frau; nein,
+meine Kleopatra muss eine Heldin sein, die noch wohl ihren Mann gern
+verloren haette, aber durchaus nicht den Thron; dass ihr Mann Rodogunen
+liebt, muss sie nicht so sehr schmerzen, als dass Rodogune Koenigin sein
+soll, wie sie; das ist weit erhabner.--
+
+Ganz recht; weit erhabner und--weit unnatuerlicher. Denn einmal ist der
+Stolz ueberhaupt ein unnatuerlicheres, ein gekuenstelteres Laster, als die
+Eifersucht. Zweitens ist der Stolz eines Weibes noch unnatuerlicher, als
+der Stolz eines Mannes. Die Natur ruestete das weibliche Geschlecht zur
+Liebe, nicht zu Gewaltseligkeiten aus; es soll Zaertlichkeit, nicht Furcht
+erwecken; nur seine Reize sollen es maechtig machen; nur durch Liebkosungen
+soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es geniessen
+kann. Eine Frau, der das Herrschen, bloss des Herrschens wegen, gefaellt,
+bei der alle Neigungen dem Ehrgeize untergeordnet sind, die keine andere
+Glueckseligkeit kennet, als zu gebieten, zu tyrannisieren und ihren Fuss
+ganzen Voelkern auf den Nacken zu setzen; so eine Frau kann wohl einmal,
+auch mehr als einmal, wirklich gewesen sein, aber sie ist demohngeachtet
+eine Ausnahme, und wer eine Ausnahme schildert, schildert ohnstreitig das
+minder Natuerliche. Die Kleopatra des Corneille, die so eine Frau ist,
+die, ihren Ehrgeiz, ihren beleidigten Stolz zu befriedigen, sich alle
+Verbrechen erlaubet, die mit nichts als mit macchiavellischen Maximen um
+sich wirft, ist ein Ungeheuer ihres Geschlechts, und Medea ist gegen ihr
+tugendhaft und liebenswuerdig. Denn alle die Grausamkeiten, welche Medea
+begeht, begeht sie aus Eifersucht. Einer zaertlichen, eifersuechtigen Frau
+will ich noch alles vergeben; sie ist das, was sie sein soll, nur zu
+heftig. Aber gegen eine Frau, die aus kaltem Stolze, aus ueberlegtem
+Ehrgeize Freveltaten veruebet, empoert sich das ganze Herz; und alle Kunst
+des Dichters kann sie uns nicht interessant machen. Wir staunen sie an,
+wie wir ein Monstrum anstaunen; und wenn wir unsere Neugierde gesaettiget
+haben, so danken wir dem Himmel, dass sich die Natur nur alle tausend
+Jahre einmal so verirret, und aergern uns ueber den Dichter, der uns
+dergleichen Missgeschoepfe fuer Menschen verkaufen will, deren Kenntnis uns
+erspriesslich sein koennte. Man gehe die ganze Geschichte durch; unter
+funfzig Frauen, die ihre Maenner vom Throne gestuerzet und ermordet haben,
+ist kaum eine, von der man nicht beweisen koennte, dass nur beleidigte
+Liebe sie zu diesem Schritte bewogen. Aus blossem Regierungsneide, aus
+blossem Stolze das Zepter selbst zu fuehren, welches ein liebreicher
+Ehemann fuehrte, hat sich schwerlich eine so weit vergangen. Viele,
+nachdem sie als beleidigte Gattinnen die Regierung an sich gerissen,
+haben diese Regierung hernach mit allem maennlichen Stolze verwaltet: das
+ist wahr. Sie hatten bei ihren kalten, muerrischen, treulosen Gatten
+alles, was die Unterwuerfigkeit Kraenkendes hat, zu sehr erfahren, als dass
+ihnen nachher ihre mit der aeussersten Gefahr erlangte Unabhaengigkeit nicht
+um so viel schaetzbarer haette sein sollen. Aber sicherlich hat keine das
+bei sich gedacht und empfunden, was Corneille seine Kleopatra selbst von
+sich sagen laesst; die unsinnigsten Bravaden des Lasters. Der groesste
+Boesewicht weiss sich vor sich selbst zu entschuldigen, sucht sich selbst
+zu ueberreden, dass das Laster, welches er begeht, kein so grosses Laster
+sei, oder dass ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge.
+Es ist wider alle Natur, dass er sich des Lasters, als Lasters, ruehmet;
+und der Dichter ist aeusserst zu tadeln, der aus Begierde, etwas Glaenzendes
+und Starkes zu sagen, uns das menschliche Herz so verkennen laesst, als ob
+seine Grundneigungen auf das Boese, als auf das Boese, gehen koennten.
+
+Dergleichen missgeschilderte Charaktere, dergleichen schaudernde Tiraden,
+sind indes bei keinem Dichter haeufiger, als bei Corneillen, und es koennte
+leicht sein, dass sich zum Teil sein Beiname des Grossen mit darauf gruende.
+Es ist wahr, alles atmet bei ihm Heroismus; aber auch das, was keines
+faehig sein sollte, und wirklich auch keines faehig ist: das Laster. Den
+Ungeheuern, den Gigantischen haette man ihn nennen sollen; aber nicht den
+Grossen. Denn nichts ist gross, was nicht wahr ist.
+
+
+
+
+Einunddreissigstes Stueck
+Den 14. August 1767
+
+In der Geschichte raechet sich Kleopatra bloss an ihrem Gemahle; an
+Rodogunen konnte, oder wollte sie sich nicht raechen. Bei dem Dichter ist
+jene Rache laengst vorbei; die Ermordung des Demetrius wird bloss erzaehlt,
+und alle Handlung des Stuecks geht auf Rodogunen. Corneille will seine
+Kleopatra nicht auf halbem Wege stehen lassen; sie muss sich noch gar
+nicht geraechet zu haben glauben, wenn sie sich nicht auch an Rodogunen
+raechet. Einer Eifersuechtigen ist es allerdings natuerlich, dass sie gegen
+ihre Nebenbuhlerin noch unversoehnlicher ist, als gegen ihren treulosen
+Gemahl. Aber die Kleopatra des Corneille, wie gesagt, ist wenig oder
+gar nicht eifersuechtig; sie ist bloss ehrgeizig; und die Rache einer
+Ehrgeizigen sollte nie der Rache einer Eifersuechtigen aehnlich sein. Beide
+Leidenschaften sind zu sehr unterschieden, als dass ihre Wirkungen die
+naemlichen sein koennten. Der Ehrgeiz ist nie ohne eine Art von Edelmut,
+und die Rache streitet mit dem Edelmute zu sehr, als dass die Rache des
+Ehrgeizigen ohne Mass und Ziel sein sollte. Solange er seinen Zweck
+verfolgt, kennet sie keine Grenzen; aber kaum hat er diesen erreicht,
+kaum ist seine Leidenschaft befriediget, als auch seine Rache kaelter und
+ueberlegender zu werden anfaengt. Er proportioniert sie nicht sowohl nach
+dem erlittenen Nachteile, als vielmehr nach dem noch zu besorgenden. Wer
+ihm nicht weiter schaden kann, von dem vergisst er es auch wohl, dass er
+ihm geschadet hat. Wen er nicht zu fuerchten hat, den verachtet er; und
+wen er verachtet, der ist weit unter seiner Rache. Die Eifersucht
+hingegen ist eine Art von Neid; und Neid ist ein kleines, kriechendes
+Laster, das keine andere Befriedigung kennet, als das gaenzliche Verderben
+seines Gegenstandes. Sie tobet in einem Feuer fort; nichts kann sie
+versoehnen; da die Beleidigung, die sie erwecket hat, nie aufhoeret, die
+naemliche Beleidigung zu sein, und immer waechset, je laenger sie dauert:
+so kann auch ihr Durst nach Rache nie erloeschen, die sie spat oder frueh,
+immer mit gleichem Grimme, vollziehen wird. Gerade so ist die Rache der
+Kleopatra beim Corneille; und die Misshelligkeit, in der diese Rache also
+mit ihrem Charakter stehet, kann nicht anders als aeusserst beleidigend
+sein. Ihre stolzen Gesinnungen, ihr unbaendiger Trieb nach Ehre und
+Unabhaengigkeit, lassen sie uns als eine grosse, erhabne Seele betrachten,
+die alle unsere Bewunderung verdienet. Aber ihr tueckischer Groll; ihre
+haemische Rachsucht gegen eine Person, von der ihr weiter nichts zu
+befuerchten stehet, die sie in ihrer Gewalt hat, der sie, bei dem
+geringsten Funken von Edelmute, vergeben muesste; ihr Leichtsinn, mit dem
+sie nicht allein selbst Verbrechen begeht, mit dem sie auch andern die
+unsinnigsten so plump und geradehin zumutet: machen sie uns wiederum so
+klein, dass wir sie nicht genug verachten zu koennen glauben. Endlich muss
+diese Verachtung notwendig jene Bewunderung aufzehren, und es bleibt in
+der ganzen Kleopatra nichts uebrig, als ein haessliches, abscheuliches Weib,
+das immer sprudelt und raset, und die erste Stelle im Tollhause verdienet.
+
+Aber nicht genug, dass Kleopatra sich an Rodogunen raechet: der Dichter
+will, dass sie es auf eine ganz ausnehmende Weise tun soll. Wie faengt er
+dieses an? Wenn Kleopatra selbst Rodogunen aus dem Wege schafft, so ist
+das Ding viel zu natuerlich: denn was ist natuerlicher, als seine Feindin
+hinzurichten? Ginge es nicht an, dass zugleich eine Liebhaberin in ihr
+hingerichtet wuerde? Und dass sie von ihrem Liebhaber hingerichtet wuerde?
+Warum nicht? Lasst uns erdichten, dass Rodogune mit dem Demetrius noch
+nicht voellig vermaehlet gewesen; lasst uns erdichten, dass nach seinem Tode
+sich die beiden Soehne in die Braut des Vaters verliebt haben; lasst uns
+erdichten, dass die beiden Soehne Zwillinge sind, dass dem aeltesten der
+Thron gehoeret, dass die Mutter es aber bestaendig verborgen gehalten,
+welcher von ihnen der aelteste sei; lasst uns erdichten, dass sich endlich
+die Mutter entschlossen, dieses Geheimnis zu entdecken, oder vielmehr
+nicht zu entdecken, sondern an dessen Statt denjenigen fuer den aeltesten
+zu erklaeren und ihn dadurch auf den Thron zu setzen, welcher eine gewisse
+Bedingung eingehen wolle; lasst uns erdichten, dass diese Bedingung der Tod
+der Rodogune sei. Nun haetten wir ja, was wir haben wollten: beide Prinzen
+sind in Rodogunen sterblich verliebt; wer von beiden seine Geliebte
+umbringen will, der soll regieren.
+
+Schoen; aber koennten wir den Handel nicht noch mehr verwickeln? Koennten
+wir die guten Prinzen nicht noch in groessere Verlegenheit setzen? Wir
+wollen versuchen. Lasst uns also weiter erdichten, dass Rodogune den
+Anschlag der Kleopatra erfaehrt; lasst uns weiter erdichten, dass sie zwar
+einen von den Prinzen vorzueglich liebt, aber es ihm nicht bekannt hat,
+auch sonst keinem Menschen es bekannt hat, noch bekennen will, dass sie
+fest entschlossen ist, unter den Prinzen weder diesen geliebtern, noch
+den, welchem der Thron heimfallen duerfte, zu ihrem Gemahle zu waehlen, dass
+sie allein den waehlen wolle, welcher sich ihr am wuerdigsten erzeigen
+werde; Rodogune muss geraechet sein wollen; muss an der Mutter der Prinzen
+geraechet sein wollen; Rodogune muss ihnen erklaeren: wer mich von euch
+haben will, der ermorde seine Mutter!
+
+Bravo! Das nenne ich doch noch eine Intrige! Diese Prinzen sind gut
+angekommen! Die sollen zu tun haben, wenn sie sich herauswickeln wollen!
+Die Mutter sagt zu ihnen: wer von euch regieren will, der ermorde seine
+Geliebte! Und die Geliebte sagt: wer mich haben will, ermorde seine
+Mutter! Es versteht sich, dass es sehr tugendhafte Prinzen sein muessen,
+die einander von Grund der Seele lieben, die viel Respekt fuer den Teufel
+von Mama, und ebensoviel Zaertlichkeit fuer eine liebaeugelnde Furie von
+Gebieterin haben. Denn wenn sie nicht beide sehr tugendhaft sind, so ist
+die Verwicklung so arg nicht, als es scheinet; oder sie ist zu arg, dass
+es gar nicht moeglich ist, sie wieder aufzuwickeln. Der eine geht hin und
+schlaegt die Prinzessin tot, um den Thron zu haben: damit ist es aus. Oder
+der andere geht hin und schlaegt die Mutter tot, um die Prinzessin zu
+haben: damit ist es wieder aus. Oder sie gehen beide hin und schlagen die
+Geliebte tot, und wollen beide den Thron haben: so kann es gar nicht aus
+werden. Oder sie schlagen beide die Mutter tot, und wollen beide das
+Maedchen haben: und so kann es wiederum nicht aus werden. Aber wenn sie
+beide fein tugendhaft sind, so will keiner weder die eine noch die andere
+totschlagen; so stehen sie beide huebsch und sperren das Maul auf, und
+wissen nicht, was sie tun sollen: und das ist eben die Schoenheit davon.
+Freilich wird das Stueck dadurch ein sehr sonderbares Ansehen bekommen,
+dass die Weiber darin aerger als rasende Maenner, und die Maenner weibischer
+als die armseligsten Weiber handeln: aber was schadet das? Vielmehr ist
+dieses ein Vorzug des Stueckes mehr; denn das Gegenteil ist so gewoehnlich,
+so abgedroschen!--
+
+Doch im Ernste: ich weiss nicht, ob es viel Muehe kostet, dergleichen
+Erdichtungen zu machen; ich habe es nie versucht, ich moechte es auch
+schwerlich jemals versuchen. Aber das weiss ich, dass es einem sehr sauer
+wird, dergleichen Erdichtungen zu verdauen.
+
+Nicht zwar, weil es blosse Erdichtungen sind; weil nicht die mindeste Spur
+in der Geschichte davon zu finden. Diese Bedenklichkeit haette sich
+Corneille immer ersparen koennen. "Vielleicht", sagt er, "duerfte man
+zweifeln, ob sich die Freiheit der Poesie so weit erstrecket, dass sie
+unter bekannten Namen eine ganze Geschichte erdenken darf; so wie ich es
+hier gemacht habe, wo nach der Erzaehlung im ersten Akte, welche die
+Grundlage des Folgenden ist, bis zu den Wirkungen im fuenften, nicht das
+geringste vorkoemmt, welches einigen historischen Grund haette. Doch",
+faehrt er fort, "Mich duenkt, wenn wir nur das Resultat einer Geschichte
+beibehalten, so sind alle vorlaeufige Umstaende, alle Einleitungen zu
+diesem Resultate in unserer Gewalt. Wenigstens wuesste ich mich keiner
+Regel dawider zu erinnern, und die Ausuebung der Alten ist voellig auf
+meiner Seite. Denn man vergleiche nur einmal die 'Elektra' des Sophokles
+mit der 'Elektra' des Euripides, und sehe, ob sie mehr miteinander gemein
+haben, als das blosse Resultat, die letzten Wirkungen in den Begegnissen
+ihrer Heldin, zu welchen jeder auf einem besondern Wege, durch ihm
+eigentuemliche Mittel gelanget, so dass wenigstens eine davon notwendig
+ganz und gar die Erfindung ihres Verfassers sein muss. Oder man werfe nur
+die Augen auf die 'Iphigenia in Taurika', die uns Aristoteles zum Muster
+einer vollkommenen Tragoedie gibt, und die doch sehr darnach aussieht, dass
+sie weiter nichts als eine Erdichtung ist, indem sie sich bloss auf das
+Vorgeben gruendet, dass Diana die Iphigenia in einer Wolke von dem Altare,
+auf welchem sie geopfert werden sollte, entrueckt und ein Reh an ihrer
+Stelle untergeschoben habe. Vornehmlich aber verdient die 'Helena' des
+Euripides bemerkt zu werden, wo sowohl die Haupthandlung, als die
+Episoden, sowohl der Knoten als die Aufloesung, gaenzlich erdichtet sind,
+und aus der Historie nichts als die Namen haben."
+
+Allerdings durfte Corneille mit den historischen Umstaenden nach Gutduenken
+verfahren. Er durfte z.E. Rodogunen so jung annehmen, als er wollte; und
+Voltaire hat sehr unrecht, wenn er auch hier wiederum aus der Geschichte
+nachrechnet, dass Rodogune so jung nicht koenne gewesen sein; sie habe den
+Demetrius geheiratet, als die beiden Prinzen, die itzt doch wenigstens
+zwanzig Jahre haben muessten, noch in ihrer Kindheit gewesen waeren. Was
+geht das dem Dichter an? Seine Rodogune hat den Demetrius gar nicht
+geheiratet; sie war sehr jung, als sie der Vater heiraten wollte, und
+nicht viel aelter, als sich die Soehne in sie verliebten. Voltaire ist mit
+seiner historischen Kontrolle ganz unleidlich. Wenn er doch lieber die
+Data in seiner allgemeinen Weltgeschichte dafuer verifizieren wollte!
+
+
+
+
+Zweiunddreissigstes Stueck
+Den 18. August 1767
+
+Mit den Beispielen der Alten haette Corneille noch weiter zurueckgehen
+koennen. Viele stellen sich vor, dass die Tragoedie in Griechenland wirklich
+zur Erneuerung des Andenkens grosser und sonderbarer Begebenheiten
+erfunden worden; dass ihre erste Bestimmung also gewesen, genau in die
+Fusstapfen der Geschichte zu treten und weder zur Rechten noch zur Linken
+auszuweichen. Aber sie irren sich. Denn schon Thespis liess sich um die
+historische Richtigkeit ganz unbekuemmert.[1] Es ist wahr, er zog sich
+darueber einen harten Verweis von dem Solon zu. Doch ohne zu sagen, dass
+Solon sich besser auf die Gesetze des Staats, als der Dichtkunst
+verstanden: so laesst sich den Folgerungen, die man aus seiner Missbilligung
+ziehen koennte, auf eine andere Art ausweichen. Die Kunst bediente sich
+unter dem Thespis schon aller Vorrechte, als sie sich, von seiten des
+Nutzens, ihrer noch nicht wuerdig erzeigen konnte. Thespis ersann,
+erdichtete, liess die bekanntesten Personen sagen und tun, was er wollte:
+aber er wusste seine Erdichtungen vielleicht weder wahrscheinlich noch
+lehrreich zu machen. Solon bemerkte in ihnen also nur das Unwahre, ohne
+die geringste Vermutung von dem Nuetzlichen zu haben. Er eiferte wider ein
+Gift, welches, ohne sein Gegengift mit sich zu fuehren, leicht von uebeln
+Folgen sein koennte.
+
+Ich fuerchte sehr, Solon duerfte auch die Erdichtungen des grossen Corneille
+nichts als leidige Luegen genannt haben. Denn wozu alle diese Erdichtungen?
+Machen sie in der Geschichte, die er damit ueberladet, das Geringste
+wahrscheinlicher. Sie sind nicht einmal fuer sich selbst wahrscheinlich.
+Corneille prahlte damit, als mit sehr wunderbaren Anstrengungen der
+Erdichtungskraft; und er haette doch wohl wissen sollen, dass nicht das blosse
+Erdichten, sondern das zweckmaessige Erdichten, einen schoepfrischen Geist
+beweise.
+
+Der Poet findet in der Geschichte eine Frau, die Mann und Soehne mordet;
+eine solche Tat kann Schrecken und Mitleid erwecken, und er nimmt sich
+vor, sie in einer Tragoedie zu behandeln. Aber die Geschichte sagt ihm
+weiter nichts, als das blosse Faktum, und dieses ist ebenso graesslich als
+ausserordentlich. Es gibt hoechstens drei Szenen, und da es von allen
+naehern Umstaenden entbloesst ist, drei unwahrscheinliche Szenen.--Was tut
+also der Poet?
+
+So wie er diesen Namen mehr oder weniger verdient, wird ihm entweder die
+Unwahrscheinlichkeit oder die magere Kuerze der groessere Mangel seines
+Stueckes scheinen.
+
+Ist er in dem ersten Falle, so wird er vor allen Dingen bedacht sein,
+eine Reihe von Ursachen und Wirkungen zu erfinden, nach welcher jene
+unwahrscheinliche Verbrechen nicht wohl anders, als geschehen muessen.
+Unzufrieden, ihre Moeglichkeit bloss auf die historische Glaubwuerdigkeit zu
+gruenden, wird er suchen, die Charaktere seiner Personen so anzulegen;
+wird er suchen, die Vorfaelle, welche diese Charaktere in Handlung setzen,
+so notwendig einen aus dem andern entspringen zu lassen; wird er suchen,
+die Leidenschaften nach eines jeden Charakter so genau abzumessen; wird
+er suchen, diese Leidenschaften durch so allmaehliche Stufen durchzufuehren:
+dass wir ueberall nichts als den natuerlichsten, ordentlichsten Verlauf
+wahrnehmen; dass wir bei jedem Schritte, den er seine Personen tun laesst,
+bekennen muessen, wir wuerden ihn, in dem naemlichen Grade der Leidenschaft,
+bei der naemlichen Lage der Sachen, selbst getan haben; dass uns nichts
+dabei befremdet, als die unmerkliche Annaeherung eines Zieles, von dem
+unsere Vorstellungen zurueckbeben, und an dem wir uns endlich, voll des
+innigsten Mitleids gegen die, welche ein so fataler Strom dahinreisst, und
+voll Schrecken ueber das Bewusstsein befinden, auch uns koenne ein aehnlicher
+Strom dahinreissen, Dinge zu begehen, die wir bei kaltem Gebluete noch so
+weit von uns entfernt zu sein glauben.--Und schlaegt der Dichter diesen
+Weg ein, sagt ihm sein Genie, dass er darauf nicht schimpflich ermatten
+werde: so ist mit eins auch jene magere Kuerze seiner Fabel verschwunden;
+es bekuemmert ihn nun nicht mehr, wie er mit so wenigen Vorfaellen fuenf
+Akte fuellen wolle; ihm ist nur bange, dass fuenf Akte alle den Stoff nicht
+fassen werden, der sich unter seiner Bearbeitung aus sich selbst immer
+mehr und mehr vergroessert, wenn er einmal der verborgnen Organisation
+desselben auf die Spur gekommen und sie zu entwickeln verstehet.
+
+Hingegen dem Dichter, der diesen Namen weniger verdienet, der weiter
+nichts als ein witziger Kopf, als ein guter Versifikateur ist, dem, sage
+ich, wird die Unwahrscheinlichkeit seines Vorwurfs so wenig anstoessig
+sein, dass er vielmehr eben hierin das Wunderbare desselben zu finden
+vermeinet, welches er auf keine Weise vermindern duerfe, wenn er sich
+nicht selbst des sichersten Mittels berauben wolle, Schrecken und Mitleid
+zu erregen. Denn er weiss so wenig, worin eigentlich dieses Schrecken und
+dieses Mitleid bestehet, dass er, um jenes hervorzubringen, nicht
+sonderbare, unerwartete, unglaubliche, ungeheure Dinge genug haeufen zu
+koennen glaubt, und um dieses zu erwecken, nur immer seine Zuflucht zu den
+ausserordentlichsten, graesslichsten Ungluecksfaellen und Freveltaten nehmen
+zu muessen vermeinet. Kaum hat er also in der Geschichte eine Kleopatra,
+eine Moerderin ihres Gemahls und ihrer Soehne, aufgesagt, so sieht er, um
+eine Tragoedie daraus zu machen, weiter nichts dabei zu tun, als die
+Luecken zwischen beiden Verbrechen auszufuellen, und sie mit Dingen
+auszufuellen, die wenigstens ebenso befremdend sind, als diese Verbrechen
+selbst. Alles dieses, seine Erfindungen und die historischen Materialien,
+knetet er denn in einen fein langen, fein schwer zu fassenden Roman
+zusammen; und wenn er es so gut zusammengeknetet hat, als sich nur immer
+Haecksel und Mehl zusammenkneten lassen: so bringt er seinen Teig auf das
+Drahtgerippe von Akten und Szenen, laesst erzaehlen und erzaehlen, laesst rasen
+und reimen,--und in vier, sechs Wochen, nachdem ihm das Reimen leichter
+oder saurer ankoemmt, ist das Wunder fertig; es heisst ein Trauerspiel,
+--wird gedruckt und aufgefuehrt,--gelesen und angesehen,--bewundert oder
+ausgepfiffen,--beibehalten oder vergessen,--so wie es das liebe Glueck will.
+Denn et habent sua fata libelli.
+
+Darf ich es wagen, die Anwendung hiervon auf den grossen Corneille zu machen?
+Oder brauche ich sie noch lange zu machen?--Nach dem geheimnisvollen
+Schicksale, welches die Schriften so gut als die Menschen haben, ist
+seine "Rodogune", nun laenger als hundert Jahr, als das groesste Meisterstueck
+des groessten tragischen Dichters, von ganz Frankreich und gelegentlich mit
+von ganz Europa bewundert worden. Kann eine hundertjaehrige Bewunderung
+wohl ohne Grund sein? Wo haben die Menschen so lange ihre Augen, ihre
+Empfindung gehabt? War es von 1646 bis 1767 allein dem hamburgischen
+Dramaturgisten aufbehalten, Flecken in der Sonne zu sehen und ein Gestirn
+auf ein Meteor herabzusetzen?
+
+O nein! Schon im vorigen Jahrhunderte sass einmal ein ehrlicher Hurone in
+der Bastille zu Paris; dem ward die Zeit lang, ob er schon in Paris war;
+und vor langer Weile studierte er die franzoesischen Poeten; diesem
+Huronen wollte die "Rodogune" gar nicht gefallen. Hernach lebte, zu
+Anfange des itzigen Jahrhunderts, irgendwo in Italien, ein Pedant, der
+hatte den Kopf von den Trauerspielen der Griechen und seiner Landesleute
+des sechzehnten Saeculi voll, und der fand an der "Rodogune" gleichfalls
+vieles auszusetzen. Endlich kam vor einigen Jahren sogar auch ein
+Franzose, sonst ein gewaltiger Verehrer des Corneilleschen Namens, (denn,
+weil er reich war und ein sehr gutes Herz hatte, so nahm er sich einer
+armen verlassnen Enkelin dieses grossen Dichters an, liess sie unter seinen
+Augen erziehen, lehrte sie huebsche Verse machen, sammelte Almosen fuer
+sie, schrieb zu ihrer Aussteuer einen grossen eintraeglichen Kommentar ueber
+die Werke ihres Grossvaters usw.) aber gleichwohl erklaerte er die "Rodogune"
+fuer ein sehr ungereimtes Gedicht und wollte sich des Todes verwundern,
+wie ein so grosser Mann, als der grosse Corneille, solch widersinniges
+Zeug habe schreiben koennen.--Bei einem von diesen ist der Dramaturgist
+ohnstreitig in die Schule gegangen; und aller Wahrscheinlichkeit nach
+bei dem letztern; denn es ist doch gemeiniglich ein Franzose, der den
+Auslaendern ueber die Fehler eines Franzosen die Augen eroeffnet. Diesem
+ganz gewiss betet er nach;--oder ist es nicht diesem, wenigstens dem
+Welschen,--wo nicht gar dem Huronen. Von einem muss er es doch haben. Denn
+dass ein Deutscher selbst daechte, von selbst die Kuehnheit haette, an der
+Vortrefflichkeit eines Franzosen zu zweifeln, wer kann sich das
+einbilden?
+
+Ich rede von diesen meinen Vorgaengern mehr bei der naechsten Wiederholung
+der "Rodogune". Meine Leser wuenschen aus der Stelle zu kommen; und ich
+mit ihnen. Itzt nur noch ein Wort von der Uebersetzung, nach welcher
+dieses Stueck aufgefuehret worden. Es war nicht die alte Wolfenbuettelsche
+vom Bressand, sondern eine ganz neue, hier verfertigte, die noch
+ungedruckt lieget; in gereimten Alexandrinern. Sie darf sich gegen die
+beste von dieser Art nicht schaemen, und ist voller starken, gluecklichen
+Stellen. Der Verfasser aber, weiss ich, hat zu viel Einsicht und Geschmack,
+als dass er sich einer so undankbaren Arbeit noch einmal unterziehen wollte.
+Corneillen gut zu uebersetzen, muss man bessere Verse machen koennen, als er
+selbst.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Diogenes Laertius, Lib. I. Sec. 59.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiunddreissigstes Stueck
+Den 21. August 1767
+
+Den sechsunddreissigsten Abend (freitags, den 3. Julius) ward das Lustspiel
+des Herrn Favart, "Soliman der Zweite", ebenfalls in Gegenwart Sr. Koenigl.
+Majestaet von Daenemark, aufgefuehret.
+
+Ich mag nicht untersuchen, wieweit es die Geschichte bestaetiget, dass
+Soliman II. sich in eine europaeische Sklavin verliebt habe, die ihn so
+zu fesseln, so nach ihrem Willen zu lenken gewusst, dass er, wider alle
+Gewohnheit seines Reichs, sich foermlich mit ihr verbinden und sie zur
+Kaiserin erklaeren muessen. Genug, dass Marmontel hierauf eine von seinen
+moralischen Erzaehlungen gegruendet, in der er aber jene Sklavin, die eine
+Italienerin soll gewesen sein, zu einer Franzoesin macht; ohne Zweifel,
+weil er es ganz unwahrscheinlich gefunden, dass irgendeine andere Schoene,
+als eine franzoesische, einen so seltnen Sieg ueber einen Grosstuerken
+erhalten koennen.
+
+Ich weiss nicht, was ich eigentlich zu der Erzaehlung des Marmontel sagen
+soll; nicht, dass sie nicht mit vielem Witze angelegt, mit allen den feinen
+Kenntnissen der grossen Welt, ihrer Eitelkeit und ihres Laecherlichen,
+ausgefuehret und mit der Eleganz und Anmut geschrieben waere, welche diesem
+Verfasser so eigen sind; von dieser Seite ist sie vortrefflich, allerliebst.
+Aber es soll eine moralische Erzaehlung sein, und ich kann nur nicht finden,
+wo ihr das Moralische sitzt. Allerdings ist sie nicht so schluepfrig, so
+anstoessig, als eine Erzaehlung des La Fontaine oder Grecourt: aber ist sie
+darum moralisch, weil sie nicht ganz unmoralisch ist?
+
+Ein Sultan, der in dem Schosse der Wollueste gaehnet, dem sie der alltaegliche
+und durch nichts erschwerte Genuss unschmackhaft und ekel gemacht hat, der
+seine schlaffen Nerven durch etwas ganz Neues, ganz Besonderes, wieder
+gespannet und gereizet wissen will, um den sich die feinste Sinnlichkeit,
+die raffinierteste Zaertlichkeit umsonst bewirbt, vergebens erschoepft:
+dieser kranke Wolluestling ist der leidende Held in der Erzaehlung. Ich
+sage der leidende: der Lecker hat sich mit zu viel Suessigkeiten den Magen
+verdorben; nichts will ihm mehr schmecken; bis er endlich auf etwas
+verfaellt, was jedem gesunden Magen Abscheu erwecken wuerde, auf faule
+Eier, auf Rattenschwaenze und Raupenpasteten; die schmecken ihm. Die
+edelste, bescheidenste Schoenheit, mit dem schmachtendsten Auge, gross und
+blau, mit der unschuldigsten empfindlichsten Seele, beherrscht den
+Sultan,--bis sie gewonnen ist. Eine andere, majestaetischer in ihrer Form,
+blendender von Kolorit, bluehende Suada auf ihren Lippen, und in ihrer
+Stimme das ganze liebliche Spiel bezaubernder Toene, eine wahre Muse, nur
+verfuehrerischer, wird--genossen und vergessen. Endlich erscheinet ein
+weibliches Ding, fluechtig, unbedachtsam, wild, witzig bis zur
+Unverschaemtheit, lustig bis zum Tollen, viel Physiognomie, wenig
+Schoenheit, niedlicher als wohlgestaltet, Taille aber keine Figur; dieses
+Ding, als es den Sultan erblickt, faellt mit der plumpesten Schmeichelei,
+wie mit der Tuere ins Haus: Graces au ciel, voici une figure humaine!
+--(Eine Schmeichelei, die nicht bloss dieser Sultan, auch mancher deutscher
+Fuerst, dann und wann etwas feiner, dann und wann aber auch wohl noch
+plumper, zu hoeren bekommen, und mit der unter zehnen neune, so gut
+wie der Sultan, vorlieb genommen, ohne die Beschimpfung, die sie wirklich
+enthaelt, zu fuehlen.) Und so wie dieses Eingangskompliment, so das uebrige
+--Vous etes beaucoup mieux, qu'il n'appartient a un Turc: vous avez
+meme quelque chose d'un Francais--En verite ces Turcs sont plaisants--Je
+me charge d'apprendre a vivre a ce Turc--Je ne desespere pas d'en faire
+quelque jour un Francais.--Dennoch gelingt es dem Dinge! Es lacht und
+schilt, es droht und spottet, es liebaeugelt und mault, bis der Sultan,
+nicht genug, ihm zu gefallen, dem Seraglio eine neue Gestalt gegeben zu
+haben, auch Reichsgesetze abaendern und Geistlichkeit und Poebel wider sich
+aufzubringen Gefahr laufen muss, wenn er anders mit ihr ebenso gluecklich
+sein will, als schon der und jener, wie sie ihm selbst bekennet, in ihrem
+Vaterlande mit ihr gewesen. Das verlohnte sich wohl der Muehe!
+
+Marmontel faengt seine Erzaehlung mit der Betrachtung an, dass grosse
+Staatsveraenderungen oft durch sehr geringfuegige Kleinigkeiten veranlasst
+worden, und laesst den Sultan mit der heimlichen Frage an sich selbst
+schliessen: Wie ist es moeglich, dass eine kleine aufgestuelpte Nase die
+Gesetze eines Reiches umstossen koennen? Man sollte also fast glauben, dass
+er bloss diese Bemerkung, dieses anscheinende Missverhaeltnis zwischen
+Ursache und Wirkung, durch ein Exempel erlaeutern wollen. Doch diese Lehre
+waere unstreitig zu allgemein, und er entdeckt uns in der Vorrede selbst,
+dass er eine ganz andere und weit speziellere dabei zur Absicht gehabt.
+"Ich nahm mir vor", sagt er, "die Torheit derjenigen zu zeigen, welche
+ein Frauenzimmer durch Ansehen und Gewalt zur Gefaelligkeit bringen
+wollen; ich waehlte also zum Beispiele einen Sultan und eine Sklavin, als
+die zwei Extrema der Herrschaft und Abhaengigkeit." Allein Marmontel muss
+sicherlich auch diesen seinen Vorsatz waehrend der Ausarbeitung vergessen
+haben; fast nichts zielet dahin ab; man sieht nicht den geringsten
+Versuch einiger Gewaltsamkeit von seiten des Sultans; er ist gleich
+bei den ersten Insolenzen, die ihm die galante Franzoesin sagt, der
+zurueckhaltendste, nachgebendste, gefaelligste, folgsamste, untertaenigste
+Mann, la meilleure pate de mari, als kaum in Frankreich zu finden sein
+wuerde. Also nur gerade heraus; entweder es liegt gar keine Moral in
+dieser Erzaehlung des Marmontel, oder es ist die, auf welche ich, oben
+bei dem Charakter des Sultans, gewiesen: der Kaefer, wenn er alle Blumen
+durchschwaermt hat, bleibt endlich auf dem Miste liegen.
+
+Doch Moral oder keine Moral; dem dramatischen Dichter ist es gleich viel,
+ob sich aus seiner Fabel eine allgemeine Wahrheit folgern laesst oder
+nicht; und also war die Erzaehlung des Marmontel darum nichts mehr und
+nichts weniger geschickt, auf das Theater gebracht zu werden. Das tat
+Favart, und sehr gluecklich. Ich rate allen, die unter uns das Theater aus
+aehnlichen Erzaehlungen bereichern wollen, die Favartsche Ausfuehrung mit
+dem Marmontelschen Urstoffe zusammenzuhalten. Wenn sie die Gabe zu
+abstrahieren haben, so werden ihnen die geringsten Veraenderungen, die
+dieser gelitten und zum Teil leiden muessen, lehrreich sein, und ihre
+Empfindung wird sie auf manchen Handgriff leiten, der ihrer blossen
+Spekulation wohl unentdeckt geblieben waere, den noch kein Kritikus zur
+Regel generalisieret hat, ob er es schon verdiente, und der oefters mehr
+Wahrheit, mehr Leben in ihr Stueck bringen wird, als alle die mechanischen
+Gesetze, mit denen sich kahle Kunstrichter herumschlagen, und deren
+Beobachtung sie lieber, dem Genie zum Trotze, zur einzigen Quelle der
+Vollkommenheit eines Dramas machen moechten.
+
+Ich will nur bei einer von diesen Veraenderungen stehenbleiben. Aber ich
+muss vorher das Urteil anfuehren, welches Franzosen selbst ueber das Stueck
+gefaellt haben.[1] Anfangs aeussern sie ihre Zweifel gegen die Grundlage des
+Marmontels. "Soliman der Zweite", sagen sie, "war einer von den groessten
+Fuersten seines Jahrhunderts; die Tuerken haben keinen Kaiser, dessen
+Andenken ihnen teurer waere als dieses Solimans; seine Siege, seine
+Talente und Tugenden machten ihn selbst bei den Feinden verehrungswuerdig,
+ueber die er siegte: aber welche kleine, jaemmerliche Rolle laesst ihn
+Marmontel spielen? Roxelane war, nach der Geschichte, eine verschlagener
+ehrgeizige Frau, die, ihren Stolz zu befriedigen, der kuehnsten,
+schwaerzesten Streiche faehig war, die den Sultan durch ihre Raenke und
+falsche Zaertlichkeit so weit zu bringen wusste, dass er wider sein eigenes
+Blut wuetete, dass er seinen Ruhm durch die Hinrichtung eines unschuldigen
+Sohnes befleckte: und diese Roxelane ist bei dem Marmontel eine kleine
+naerrische Kokette, wie nur immer eine in Paris herumflattert, den Kopf
+voller Wind, doch das Herz mehr gut als boese. Sind dergleichen
+Verkleidungen", fragen sie, "wohl erlaubt? Darf ein Poet oder ein
+Erzaehler, wenn man ihm auch noch so viel Freiheit verstattet, diese
+Freiheit wohl bis auf die allerbekanntesten Charaktere erstrecken? Wenn
+er Fakta nach seinem Gutduenken veraendern darf, darf er auch eine Lucretia
+verbuhlt und einen Sokrates galant schildern?"
+
+Das heisst einem mit aller Bescheidenheit zu Leibe gehen. Ich moechte die
+Rechtfertigung des Hrn. Marmontel nicht uebernehmen; ich habe mich
+vielmehr schon dahin geaeussert,[2] dass die Charaktere dem Dichter weit
+heiliger sein muessen, als die Fakta. Einmal, weil, wenn jene genau
+beobachtet werden, diese, insofern sie eine Folge von jenen sind, von
+selbst nicht viel anders ausfallen koennen; da hingegen allerlei Faktum
+sich aus ganz verschiednen Charakteren herleiten laesst. Zweitens, weil
+das Lehrreiche nicht in den blossen Faktis, sondern in der Erkenntnis
+bestehet, dass diese Charaktere unter diesen Umstaenden solche Fakta
+hervorzubringen pflegen und hervorbringen muessen. Gleichwohl hat es
+Marmontel gerade umgekehrt. Dass es einmal in dem Seraglio eine europaeische
+Sklavin gegeben, die sich zur gesetzmaessigen Gemahlin des Kaisers zu
+machen gewusst: das ist das Faktum. Die Charaktere dieser Sklavin und
+dieses Kaisers bestimmen die Art und Weise, wie dieses Faktum wirklich
+geworden; und da es durch mehr als eine Art von Charakteren wirklich
+werden koennen, so steht es freilich bei dem Dichter, als Dichter, welche
+von diesen Arten er waehlen will; ob die, welche die Historie bestaetiget,
+oder eine andere, sowie der moralischen Absicht, die er mit seiner
+Erzaehlung verbindet, das eine oder das andere gemaesser ist. Nur sollte er
+sich, im Fall dass er andere Charaktere als die historischen, oder wohl
+gar diesen voellig entgegengesetzte waehlet, auch der historischen Namen
+enthalten und lieber ganz unbekannten Personen das bekannte Faktum
+beilegen, als bekannten Personen nicht zukommende Charaktere andichten.
+Jenes vermehret unsere Kenntnis, oder scheinet sie wenigstens zu vermehren
+und ist dadurch angenehm. Dieses widerspricht der Kenntnis, die wir
+bereits haben, und ist dadurch unangenehm. Die Fakta betrachten wir als
+etwas Zufaelliges, als etwas, das mehrern Personen gemein sein kann; die
+Charaktere hingegen als etwas Wesentliches und Eigentuemliches. Mit jenen
+lassen wir den Dichter umspringen, wie er will, solange er sie nur nicht
+mit den Charakteren in Widerspruch setzet; diese hingegen darf er wohl
+ins Licht stellen, aber nicht veraendern; die geringste Veraenderung
+scheinet uns die Individualitaet aufzuheben und andere Personen
+unterzuschieben, betruegerische Personen, die fremde Namen usurpieren
+und sich fuer etwas ausgeben, was sie nicht sind.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Journal Encyclop.", Janvier 1762.
+
+[2] Oben im 23. Stueck.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierunddreissigstes Stueck
+Den 25. August 1767
+
+Aber dennoch duenkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Fehler, seinen
+Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen die Geschichte gibt,
+als in diesen freiwillig gewaehlten Charakteren selbst, es sei von seiten
+der innern Wahrscheinlichkeit, oder von seiten des Unterrichtenden, zu
+verstossen. Denn jener Fehler kann vollkommen mit dem Genie bestehen;
+nicht aber dieser. Dem Genie ist es vergoennt, tausend Dinge nicht zu
+wissen, die jeder Schulknabe weiss; nicht der erworbene Vorrat seines
+Gedaechtnisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenen
+Gefuehl, hervorzubringen vermag, macht seinen Reichtum aus;[1] was es
+gehoert oder gelesen, hat es entweder wieder vergessen oder mag es weiter
+nicht wissen, als insofern es in seinen Kram taugt; es verstoesst also,
+bald aus Sicherheit bald aus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft,
+so groeblich, dass wir andern guten Leute uns nicht genug darueber verwundern
+koennen; wir stehen und staunen und schlagen die Haende zusammen und rufen:
+"Aber, wie hat ein so grosser Mann nicht wissen koennen!--Wie ist es
+moeglich, dass ihm nicht beifiel!--Ueberlegte er denn nicht?" Oh, lasst uns
+ja schweigen; wir glauben ihn zu demuetigen, und wir machen uns in seinen
+Augen laecherlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset bloss,
+dass wir fleissiger zur Schule gegangen, als er; und das hatten wir leider
+noetig, wenn wir nicht vollkommne Dummkoepfe bleiben wollten.
+
+Marmontels Soliman haette daher meinetwegen immer ein ganz anderer
+Soliman, und seine Roxelane eine ganz andere Roxelane sein moegen, als
+mich die Geschichte kennen lehret: wenn ich nur gefunden haette, dass, ob
+sie schon nicht aus dieser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer
+andern Welt gehoeren koennten; zu einer Welt, deren Zufaelligkeiten in einer
+andern Ordnung verbunden, aber doch ebenso genau verbunden sind, als in
+dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und Wirkungen zwar in einer
+andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten
+abzwacken; kurz, zu der Welt eines Genies, das (es sei mir erlaubt, den
+Schoepfer ohne Namen durch sein edelstes Geschoepf zu bezeichnen!) das,
+sage ich, um das hoechste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Teile der
+gegenwaertigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich
+ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten
+verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontels nicht finde,
+so kann ich es zufrieden sein, dass man ihm auch jenes nicht fuer genossen
+ausgehen laesst. Wer uns nicht schadlos halten kann oder will, muss uns
+nicht vorsaetzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Marmontel, es sei
+nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt.
+
+Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen
+haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter
+ausbildet oder sich schaffet, Uebereinstimmung und Absicht zu verlangen,
+wenn er von uns verlangt, in dem Lichte eines Genies betrachtet
+zu werden.
+
+Uebereinstimmung:--Nichts muss sich in den Charakteren widersprechen; sie
+muessen immer einfoermig, immer sich selbst aehnlich bleiben; sie duerfen
+sich itzt staerker, itzt schwaecher aeussern, nachdem die Umstaende auf sie
+wirken; aber keine von diesen Umstaenden muessen maechtig genug sein koennen,
+sie von Schwarz auf Weiss zu aendern. Ein Tuerk und Despot muss, auch wenn er
+verliebt ist, noch Tuerk und Despot sein. Dem Tuerken, der nur die sinnliche
+Liebe kennt, muessen keine von den Raffinements beifallen, die eine
+verwoehnte europaeische Einbildungskraft damit verbindet. "Ich bin dieser
+liebkosenden Maschinen satt; ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts
+Anzuegliches, nichts Schmeichelhaftes; ich will Schwierigkeiten zu
+ueberwinden haben und, wenn ich sie ueberwunden habe, durch neue
+Schwierigkeiten in Atem erhalten sein": so kann ein Koenig von Frankreich
+denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese
+Denkungsart einmal gibt, so koemmt der Despot nicht mehr in Betrachtung;
+er entaeussert sich seines Despotismus selbst, um einer freiern Liebe zu
+geniessen; aber wird er deswegen auf einmal der zahme Affe sein, den eine
+dreiste Gauklerin kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontel sagt:
+"Soliman war ein zu grosser Mann, als dass er die kleinen Angelegenheiten
+seines Seraglio auf den Fuss wichtiger Staatsgeschaefte haette treiben
+sollen." Sehr wohl; aber so haette er auch am Ende wichtige Staatsgeschaefte
+nicht auf den Fuss der kleinen Angelegenheiten seines Seraglio treiben
+muessen. Denn zu einem grossen Manne gehoert beides: Kleinigkeiten als
+Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er
+suchte, wie ihn Marmontel selbst sagen laesst, freie Herzen, die sich aus
+blosser Liebe zu seiner Person die Sklaverei gefallen liessen; er haette
+ein solches Herz an der Elmire gefunden; aber weiss er, was er will? Die
+zaertliche Elmire wird von einer wolluestigen Delia verdraengt, bis ihm eine
+Unbesonnene den Strick ueber die Hoerner wirft, der er sich selbst zum
+Sklaven machen muss, ehe er die zweideutige Gunst geniesset, die bisher
+immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier sein?
+Ich muss lachen ueber den guten Sultan, und er verdiente doch mein
+herzliches Mitleid. Wenn Elmire und Delia nach dem Genusse auf einmal
+alles verlieren, was ihn vorher entzueckte: was wird denn Roxelane, nach
+diesem kritischen Augenblicke, fuer ihn noch behalten? Wird er es, acht
+Tage nach ihrer Kroenung, noch der Muehe wert halten, ihr dieses Opfer
+gebracht zu haben? Ich fuerchte sehr, dass er schon den ersten Morgen,
+sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten
+Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre
+aufgestuelpte Nase. Mich duenkt, ich hoere ihn ausrufen: "Beim Mahomet, wo
+habe ich meine Augen gehabt!"
+
+Ich leugne nicht, dass bei alle den Widerspruechen, die uns diesen Soliman
+so armselig und veraechtlich machen, er nicht wirklich sein koennte. Es
+gibt Menschen genug, die noch klaeglichere Widersprueche in sich vereinigen.
+Aber diese koennen auch, eben darum, keine Gegenstaende der poetischen
+Nachahmung sein. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende;
+es waere denn, dass man ihre Widersprueche selbst, das Laecherliche oder die
+ungluecklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch
+Marmontel bei seinem Soliman zu tun offenbar weit entfernt gewesen. Einem
+Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht.
+--Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen ueber geringere Geschoepfe
+erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie
+von den kleinen Kuenstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten,
+die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnuegen
+befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese
+Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, dass auch wir uns mit
+dem ebenso geringen Vergnuegen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen
+ihres kunstreichen, aber absichtlosen Gebrauches ihrer Mittel entspringet.
+Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen faengt das Genie an, zu
+lernen; es sind seine Voruebungen; auch braucht es sie in groessern Werken zu
+Fuellungen, zu Ruhepunkten unserer waermern Teilnehmung: allein mit der
+Anlage und Ausbildung seiner Hauptcharaktere verbindet es weitere und
+groessere Absichten; die Absicht, uns zu unterrichten, was wir zu tun oder
+zu lassen haben; die Absicht, uns mit den eigentlichen Merkmalen des Guten
+und Boesen, des Anstaendigen und Laecherlichen bekannt zu machen; die Absicht,
+uns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schoen und als
+gluecklich selbst im Ungluecke, dieses hingegen als haesslich und ungluecklich
+selbst im Gluecke zu zeigen; die Absicht, bei Vorwuerfen, wo keine
+unmittelbare Nacheiferung, keine unmittelbare Abschreckung fuer uns statthat,
+wenigstens unsere Begehrungs-und Verabscheuungskraefte mit solchen
+Gegenstaenden zu beschaeftigen, die es zu sein verdienen, und diese
+Gegenstaende jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein
+falscher Tag verfuehrt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was
+wir verabscheuen sollten zu begehren.
+
+Was ist nun von diesem allen in dem Charakter des Solimans, in dem
+Charakter der Roxelane? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von
+manchen ist gerade das Gegenteil darin; ein paar Leute, die wir verachten
+sollten, wovon uns das eine Ekel und das andere Unwille eigentlich
+erregen muesste, ein stumpfer Wolluestling, eine abgefeimte Buhlerin werden
+uns mit so verfuehrerischen Zuegen, mit so lachenden Farben geschildert,
+dass es mich nicht wundern sollte, wenn mancher Ehemann sich daraus
+berechtiget zu sein glaubte, seiner rechtschaffnen und so schoenen als
+gefaelligen Gattin ueberdruessig zu sein, weil sie eine Elmire und keine
+Roxelane ist.
+
+Wenn Fehler, die wir adoptieren, unsere eigene Fehler sind, so haben die
+angefuehrten franzoesischen Kunstrichter recht, dass sie alle das Tadelhafte
+des Marmontelschen Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet
+ihnen sogar dabei noch mehr gesuendiget zu haben, als jener. "Die
+Wahrscheinlichkeit", sagen sie, "auf die es vielleicht in einer Erzaehlung
+so sehr nicht ankoemmt, ist in einem dramatischen Stuecke unumgaenglich
+noetig; und diese ist in dem gegenwaertigen auf das aeusserste verletzet. Der
+grosse Soliman spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so
+einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der
+Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein
+Schatten von der unumschraenkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muss.
+Man haette diese Gewalt wohl lindern koennen; nur ganz vertilgen haette man
+sie nicht muessen. Der Charakter der Roxelane hat wegen seines Spiels
+gefallen; aber wenn die Ueberlegung darueber koemmt, wie sieht es dann mit
+ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem
+Sultan, wie mit einem Pariser Buerger; sie tadelt alle seine Gebraeuche;
+sie widerspricht in allem seinem Geschmacke und sagt ihm sehr harte,
+nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar haette sie das alles
+sagen koennen; wenn sie es nur mit gemessenem Ausdruecken gesagt haette.
+Aber wer kann es aushalten, den grossen Soliman von einer jungen
+Landstreicherin so hofmeistern zu hoeren? Er soll sogar die Kunst zu
+regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmaehten Schnupftuche ist
+hart, und der mit der weggeworfenen Tabakspfeife ganz unertraeglich."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Pindarus, "Olymp." II. str. 5. v. 10.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfunddreissigstes Stueck
+Den 28. August 1767
+
+Der letztere Zug, muss man wissen, gehoert dem Favart ganz allein;
+Marmontel hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bei diesem
+feiner, als bei jenem. Denn beim Favart gibt Roxelane das Tuch, welches
+der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Delia lieber zu goennen,
+als sich selbst; sie scheinet es zu verschmaehen: das ist Beleidigung.
+Beim Marmontel hingegen laesst sich Roxelane das Tuch von dem Sultan geben
+und gibt es der Delia in seinem Namen; sie beuget damit einer
+Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen willens ist,
+und das mit der uneigennuetzigsten, gutherzigsten Miene: der Sultan kann
+sich ueber nichts beschweren, als dass sie seine Gesinnungen so schlecht
+erraet oder nicht besser erraten will.
+
+Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Ueberladungen das Spiel der
+Roxelane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er
+einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen,
+besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit
+dieser Person nehmen wollte. Denn ohngeachtet, dass seine Roxelane noch
+unbedachtsamere Streiche macht, noch plumpern Mutwillen treibet, so hat
+er sie dennoch zu einem bessern und edlern Charakter zu machen gewusst,
+als wir in Marmontels Roxelane erkennen. Und wie das? warum das?
+
+Eben auf diese Veraenderung wollte ich oben kommen; und mich duenkt, sie
+ist so gluecklich und vorteilhaft, dass sie von den Franzosen bemerkt und
+ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient haette.
+
+Marmontels Roxelane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines
+naerrisches, vermessenes Ding, dessen Glueck es ist, dass der Sultan
+Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack
+durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen,
+als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Roxelane hingegen
+steckt mehr, sie scheinet die kecke Buhlerin mehr gespielt zu haben, als
+zu sein, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe
+gestellt, als seine Schwaeche gemissbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den
+Sultan dahingebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, dass seine
+Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam die Larve abnimmt und ihm eine
+Erklaerung tut, die zwar ein wenig unvorbereitet kommt, aber ein Licht auf
+ihre vorige Auffuehrung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesoehnet
+werden. "Nun kenn' ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre
+geheimste Triebfedern, erforscht; es ist eine edle, grosse Seele, ganz den
+Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzueckt mich! Aber lerne nun
+auch mich kennen. Ich liebe dich, Soliman; ich muss dich wohl lieben! Nimm
+all deine Rechte, nimm meine Freiheit zurueck; sei mein Sultan, mein Held,
+mein Gebieter! Ich wuerde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen
+muessen. Nein, tue nichts, als was dich dein Gesetz zu tun berechtiget.
+Es gibt Vorurteile, denen man Achtung schuldig ist. Ich verlange einen
+Liebhaber, der meinetwegen nicht erroeten darf; sieh hier in Roxelanen
+--nichts, als deine untertaenige Sklavin."[1] So sagt sie, und uns wird auf
+einmal ganz anders; die Kokette verschwindet, und ein liebes, ebenso
+vernuenftiges als drollichtes Maedchen steht vor uns; Soliman hoeret auf,
+uns veraechtlich zu scheinen, denn diese bessere Roxelane ist seiner Liebe
+wuerdig; wir fangen sogar in dem Augenblicke an zu fuerchten, er moechte die
+nicht genug lieben, die er uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er
+moechte sie bei ihrem Worte fassen, der Liebhaber moechte den Despoten
+wieder annehmen, sobald sich die Liebhaberin in die Sklavin schickt,
+eine kalte Danksagung, dass sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so
+bedenklichen Schritte zurueckhalten wollen, moechte anstatt einer feurigen
+Bestaetigung seines Entschlusses erfolgen, das gute Kind moechte durch
+ihre Grossmut wieder auf einmal verlieren, was sie durch mutwillige
+Vermessenheiten so muehsam gewonnen: doch diese Furcht ist vergebens,
+und das Stueck schliesst sich zu unserer voelligen Zufriedenheit.
+
+Und nun, was bewog den Favart zu dieser Veraenderung? Ist sie bloss
+willkuerlich, oder fand er sich durch die besondern Regeln der Gattung,
+in welcher er arbeitete, dazu verbunden? Warum gab nicht auch Marmontel
+seiner Erzaehlung diesen vergnuegendern Ausgang? Ist das Gegenteil von dem,
+was dort eine Schoenheit ist, hier ein Fehler?
+
+Ich erinnere mich, bereits an einem andern Orte angemerkt zu haben,
+welcher Unterschied sich zwischen der Handlung der Aesopischen Fabel und
+des Drama findet. Was von jener gilt, gilt von jeder moralischen
+Erzaehlung, welche die Absicht hat, einen allgemeinen moralischen Satz zur
+Intuition zu bringen. Wir sind zufrieden, wenn diese Absicht erreicht
+wird, und es ist uns gleichviel, ob es durch eine vollstaendige Handlung,
+die fuer sich ein wohlgeruendetes Ganze ausmacht, geschiehet oder nicht;
+der Dichter kann sie abbrechen, wo er will, sobald er sich an seinem
+Ziele sieht; wegen des Anteils, den wir an dem Schicksale der Personen
+nehmen, durch welche er sie ausfuehren laesst, ist er unbekuemmert, er hat
+uns nicht interessieren, er hat uns unterrichten wollen; er hat es
+lediglich mit unserm Verstande, nicht mit unserm Herzen zu tun, dieses
+mag befriediget werden oder nicht, wenn jener nur erleuchtet wird. Das
+Drama hingegen macht auf eine einzige, bestimmte, aus seiner Fabel
+fliessende Lehre keinen Anspruch; es gehet entweder auf die
+Leidenschaften, welche der Verlauf und die Gluecksveraenderungen seiner
+Fabel anzufachen und zu unterhalten vermoegend sind, oder auf das
+Vergnuegen, welches eine wahre und lebhafte Schilderung der Sitten und
+Charaktere gewaehret; und beides erfordert eine gewisse Vollstaendigkeit
+der Handlung, ein gewisses befriedigendes Ende, welches wir bei der
+moralischen Erzaehlung nicht vermissen, weil alle unsere Aufmerksamkeit
+auf den allgemeinen Satz gelenkt wird, von welchem der einzelne Fall
+derselben ein so einleuchtendes Beispiel gibt.
+
+Wenn es also wahr ist, dass Marmontel durch seine Erzaehlung lehren wollte,
+die Liebe lasse sich nicht erzwingen, sie muesse durch Nachsicht und
+Gefaelligkeit, nicht durch Ansehen und Gewalt erhalten werden: so hatte er
+recht, so aufzuhoeren, wie er aufhoert. Die unbaendige Roxelane wird durch
+nichts als Nachgeben gewonnen; was wir dabei von ihrem und des Sultans
+Charakter denken, ist ihm ganz gleichgueltig, moegen wir sie doch immer fuer
+eine Naerrin und ihn fuer nichts Bessers halten. Auch hat er gar nicht
+Ursache, uns wegen der Folge zu beruhigen; es mag uns immer noch so
+wahrscheinlich sein, dass den Sultan seine blinde Gefaelligkeit bald
+gereuen werde: was geht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die
+Gefaelligkeit ueber das Frauenzimmer ueberhaupt vermag; er nahm also eines
+der wildesten; unbekuemmert, ob es eine solche Gefaelligkeit wert sei
+oder nicht.
+
+Allein, als Favart diese Erzaehlung auf das Theater bringen wollte, so
+empfand er bald, dass durch die dramatische Form die Intuition des
+moralischen Satzes groesstenteils verloren gehe und dass, wenn sie auch
+vollkommen erhalten werden koenne, das daraus erwachsende Vergnuegen doch
+nicht so gross und lebhaft sei, dass man dabei ein anderes, welches dem
+Drama wesentlicher ist, entbehren koenne. Ich meine das Vergnuegen, welches
+uns ebenso rein gedachte als richtig gezeichnete Charaktere gewaehren.
+Nichts beleidiget uns aber, von seiten dieser, mehr als der Widerspruch,
+in welchem wir ihren moralischen Wert oder Unwert mit der Behandlung des
+Dichters finden; wenn wir finden, dass sich dieser entweder selbst damit
+betrogen hat oder uns wenigstens damit betriegen will, indem er das
+Kleine auf Stelzen hebet, mutwilligen Torheiten den Anstrich heiterer
+Weisheit gibt und Laster und Ungereimtheiten mit allen betriegerischen
+Reizen der Mode, des guten Tons, der feinen Lebensart, der grossen Welt
+ausstaffieret. Je mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden,
+desto strenger verfaehrt unsere Ueberlegung; das haessliche Gesicht, das wir
+so schoen geschminkt sehen, wird fuer noch einmal so haesslich erklaert, als
+es wirklich ist; und der Dichter hat nur zu waehlen, ob er von uns lieber
+fuer einen Giftmischer oder fuer einen Bloedsinnigen will gehalten sein. So
+waere es dem Favart, so waere es seinen Charakteren des Solimans und der
+Roxelane ergangen; und das empfand Favart. Aber da er diese Charaktere
+nicht von Anfang aendern konnte, ohne sich eine Menge Theaterspiele zu
+verderben, die er so vollkommen nach dem Geschmacke seines Parterres zu
+sein urteilte, so blieb ihm nichts zu tun uebrig, als was er tat. Nun
+freuen wir uns, uns an nichts vergnuegt zu haben, was wir nicht auch
+hochachten koennten; und zugleich befriediget diese Hochachtung unsere
+Neugierde und Besorgnis wegen der Zukunft. Denn da die Illusion des Drama
+weit staerker ist, als einer blossen Erzaehlung, so interessieren uns auch
+die Personen in jenem weit mehr, als in dieser, und wir begnuegen uns
+nicht, ihr Schicksal bloss fuer den gegenwaertigen Augenblick entschieden zu
+sehen, sondern wir wollen uns auf immer desfalls
+zufriedengestellet wissen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Sultan, j'ai penetre ton ame;
+ J'en ai demele les ressorts.
+ Elle est grande, elle est fiere, et la gloire l'enflamme,
+ Tant de vertus excitent mes transports.
+ A ton tour, tu vas me connaitre:
+ Je t'aime, Soliman; mais tu l'as merite.
+ Reprends tes droits, reprends ma liberte;
+ Sois mon Sultan, mon Heros et mon Maitre.
+ Tu me soupconnerais d'injuste vanite.
+ Va, ne fais rien que ta loi n'autorise;
+ Il est des prejuges qu'on ne doit point trahir,
+ Et je veux un Amant, qui n'ait point a rougir:
+ Tu vois dans Roxelane une Esclave soumise.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechsunddreissigstes Stueck
+Den 1. September 1767
+
+So unstreitig wir aber, ohne die glueckliche Wendung, welche Favart am
+Ende dem Charakter der Roxelane gibt, ihre darauf folgende Kroenung nicht
+anders als mit Spott und Verachtung, nicht anders als den laecherlichen
+Triumph einer "Serva Padrona" wuerden betrachtet haben; so gewiss, ohne
+sie, der Kaiser in unsern Augen nichts als ein klaeglicher Pimpinello,
+und die neue Kaiserin nichts als eine haessliche, verschmitzte Serbinette
+gewesen waere, von der wir vorausgesehen haetten, dass sie nun bald dem
+armen Sultan Pimpinello dem Zweiten noch ganz anders mitspielen werde:
+so leicht und natuerlich duenkt uns doch auch diese Wendung selbst; und wir
+muessen uns wundern, dass sie, demohngeachtet, so manchem Dichter nicht
+beigefallen und so manche drollige und dem Ansehen nach wirklich komische
+Erzaehlung in der dramatischen Form darueber verungluecken muessen.
+
+Zum Exempel, "Die Matrone von Ephesus". Man kennt dieses beissende Maerchen,
+und es ist unstreitig die bitterste Satire, die jemals gegen den weiblichen
+Leichtsinn gemacht worden. Man hat es dem Petron tausendmal nacherzaehlt;
+und da es selbst in der schlechtesten Kopie noch immer gefiel, so glaubte
+man, dass es ein ebenso gluecklicher Stoff auch fuer das Theater sein muesse.
+Houdar de la Motte und andere machten den Versuch; aber ich berufe mich
+auf jedes feinere Gefuehl, wie dieser Versuch ausgefallen. Der Charakter
+der Matrone, der in der Erzaehlung ein nicht unangenehmes hoehnisches
+Laecheln ueber die Vermessenheit der ehelichen Liebe erweckt, wird in dem
+Drama ekel und haesslich. Wir finden hier die Ueberredungen, deren sich der
+Soldat gegen sie bedienet, bei weitem nicht so fein und dringend und
+siegend, als wir sie uns dort vorstellen. Dort bilden wir uns ein
+empfindliches Weibchen ein, dem es mit seinem Schmerze wirklich ernst
+ist, das aber den Versuchungen und ihrem Temperamente unterliegt; ihre
+Schwaeche duenkt uns die Schwaeche des ganzen Geschlechts zu sein; wir
+fassen also keinen besondern Hass gegen sie; was sie tut, glauben wir,
+wuerde ungefaehr jede Frau getan haben; selbst ihren Einfall, den
+lebendigen Liebhaber vermittelst des toten Mannes zu retten, glauben wir
+ihr, des Sinnreichen und der Besonnenheit wegen, verzeihen zu muessen;
+oder vielmehr eben das Sinnreiche dieses Einfalls bringt uns auf die
+Vermutung, dass er wohl auch nur ein blosser Zusatz des haemischen Erzaehlers
+sei, der sein Maerchen gern mit einer recht giftigen Spitze schliessen
+wollte. Aber in dem Drama findet diese Vermutung nicht statt; was wir
+dort nur hoeren, dass es geschehen sei, sehen wir hier wirklich geschehen;
+woran wir dort noch zweifeln koennen, davon ueberzeugt uns unser eigener
+Sinn hier zu unwidersprechlich; bei der blossen Moeglichkeit ergoetzte uns
+das Sinnreiche der Tat, bei ihrer Wirklichkeit sehen wir bloss ihre
+Schwaerze; der Einfall vergnuegte unsern Witz, aber die Ausfuehrung des
+Einfalls empoert unsere ganze Empfindlichkeit; wir wenden der Buehne den
+Ruecken und sagen mit dem Lykas beim Petron, auch ohne uns in dem
+besondern Falle des Lykas zu befinden: Si justus imperator fuisset,
+debuit patrisfamiliae corpus in monimentum referre, mulierem adfigere
+cruci. Und diese Strafe scheinet sie uns um so viel mehr zu verdienen,
+je weniger Kunst der Dichter bei ihrer Verfuehrung angewendet; denn wir
+verdammen sodann in ihr nicht das schwache Weib ueberhaupt, sondern ein
+vorzueglich leichtsinniges, luederliches Weibsstueck insbesondere.--Kurz,
+die Petronische Fabel gluecklich auf das Theater zu bringen, muesste sie
+den naemlichen Ausgang behalten, und auch nicht behalten; muesste die
+Matrone so weit gehen, und auch nicht so weit gehen.--Die Erklaerung
+hierueber anderwaerts!
+
+Den siebenunddreissigsten Abend (sonnabends, den 4. Julius) wurden
+"Nanine" und der "Advokat Patelin" wiederholt.
+
+Den achtunddreissigsten Abend (dienstags, den 7. Julius) ward die "Merope"
+des Herrn von Voltaire aufgefuehrt.
+
+Voltaire verfertigte dieses Trauerspiel auf Veranlassung der "Merope" des
+Maffei; vermutlich im Jahr 1737 und vermutlich zu Cirey, bei seiner Urania,
+der Marquise du Chatelet. Denn schon im Jenner 1738 lag die Handschrift
+davon zu Paris bei dem Pater Brumoy, der als Jesuit und als Verfasser des
+Theatre des Grecs am geschicktesten war, die besten Vorurteile dafuer
+einzufloessen und die Erwartung der Hauptstadt diesen Vorurteilen gemaess zu
+stimmen. Brumoy zeigte sie den Freunden des Verfassers, und unter andern
+musste er sie auch dem alten Vater Tournemine schicken, der, sehr
+geschmeichelt, von seinem lieben Sohn Voltaire ueber ein Trauerspiel, ueber
+eine Sache, wovon er eben nicht viel verstand, um Rat gefragt zu werden,
+ein Briefchen voller Lobeserhebungen an jenen darueber zurueckschrieb,
+welches nachher, allen unberufenen Kunstrichtern zur Lehre und zur
+Warnung, jederzeit dem Stuecke selbst vorgedruckt worden. Es wird darin
+fuer eines von den vollkommensten Trauerspielen, fuer ein wahres Muster
+erklaert, und wir koennen uns nunmehr ganz zufrieden geben, dass das Stueck
+des Euripides gleichen Inhalts verloren gegangen; oder vielmehr, dieses
+ist nun nicht laenger verloren, Voltaire hat es uns wiederhergestellt.
+
+So sehr hierdurch nun auch Voltaire beruhiget sein musste, so schien er
+sich doch mit der Vorstellung nicht uebereilen zu wollen, welche erst im
+Jahre 1743 erfolgte. Er genoss von seiner staatsklugen Verzoegerung auch
+alle die Fruechte, die er sich nur immer davon versprechen konnte.
+"Merope" fand den ausserordentlichsten Beifall, und das Parterre erzeigte
+dem Dichter eine Ehre, von der man noch zurzeit kein Exempel gehabt
+hatte. Zwar begegnete ehedem das Publikum auch dem grossen Corneille sehr
+vorzueglich; sein Stuhl auf dem Theater ward bestaendig freigelassen, wenn
+der Zulauf auch noch so gross war, und wenn er kam, so stand jedermann
+auf; eine Distinktion, deren in Frankreich nur die Prinzen vom Gebluete
+gewuerdiget werden. Corneille ward im Theater wie in seinem Hause
+angesehen; und wenn der Hausherr erscheinet, was ist billiger, als dass
+ihm die Gaeste ihre Hoeflichkeit bezeigen? Aber Voltairen widerfuhr noch
+ganz etwas anders; das Parterre ward begierig, den Mann von Angesicht zu
+kennen, den es so sehr bewundert hatte; wie die Vorstellung also zu Ende
+war, verlangte es ihn zu sehen und rufte und schrie und laermte, bis der
+Herr von Voltaire heraustreten und sich begaffen und beklatschen lassen
+musste. Ich weiss nicht, welches von beiden mich hier mehr befremdet haette,
+ob die kindische Neugierde des Publikums oder die eitele Gefaelligkeit des
+Dichters. Wie denkt man denn, dass ein Dichter aussieht? Nicht wie andere
+Menschen? Und wie schwach muss der Eindruck sein, den das Werk gemacht
+hat, wenn man in eben dem Augenblicke auf nichts begieriger ist, als die
+Figur des Meisters dagegen zu halten? Das wahre Meisterstueck, duenkt mich,
+erfuellet uns so ganz mit sich selbst, dass wir des Urhebers darueber
+vergessen; dass wir es nicht als das Produkt eines einzeln Wesens, sondern
+der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es waere Suende
+in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel
+liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so
+gross, so ueberschwenglich, dass es dem rohern Menschen zu verzeihen, dass es
+sehr natuerlich war, wenn er sich keine groessere Herrlichkeit, keinen Glanz
+denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in
+der Bewunderung der Sonne so sehr verlor, dass er an den Schoepfer der
+Sonne nicht dachte. Ich vermute, die wahre Ursache, warum wir so wenig
+Zuverlaessiges von der Person und den Lebensumstaenden des Homers wissen,
+ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller
+Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im
+Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsere Rechnung
+dabei, es zu vergessen, dass Homer, der Schulmeister in Smyrna, Homer, der
+blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so
+entzuecket. Er bringt uns unter Goetter und Helden; wir muessten in dieser
+Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Tuersteher so genau zu
+erkundigen, der uns hereingelassen. Die Taeuschung muss sehr schwach sein,
+man muss wenig Natur, aber desto mehr Kuenstelei empfinden, wenn man so
+neugierig nach dem Kuenstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde
+fuer einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu
+kennen, sein muesste (und was hat er dabei auch wirklich vor dem ersten,
+dem besten Murmeltiere voraus, welches der Poebel gesehen zu haben ebenso
+begierig ist?), so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der
+franzoesischen Dichter dabei befunden zu haben. Denn da das Pariser
+Parterre sah, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sei, wie
+zahm und geschmeidig so ein Mann durch zweideutige Karessen werden koenne,
+so machte es sich dieses Vergnuegen oeftrer, und selten ward nachher ein
+neues Stueck aufgefuehrt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervormusste,
+und auch ganz gern hervorkam. Von Voltairen bis zu Marmontel und von
+Marmontel bis tief herab zu Cordier haben fast alle an diesem Pranger
+gestanden. Wie manches Armesuendergesichte muss daruntergewesen sein! Der
+Posse ging endlich so weit, dass sich die Ernsthaftern von der Nation
+selbst darueber aergerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell
+ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kuehn genug,
+das Parterre vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus
+nicht; sein Stueck war mittelmaessig, aber dieses sein Betragen desto braver
+und ruehmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Uebe1stand
+lieber abgeschafft, als durch zehn "Meropen" ihn veranlasst haben.
+
+
+
+
+Siebenunddreissigstes Stueck
+Den 4. September 1767
+
+Ich habe gesagt, dass Voltairens "Merope" durch die "Merope" des Maffei
+veranlasset worden ist. Aber veranlasset sagt wohl zu wenig: denn jene
+ist ganz aus dieser entstanden; Fabel, Plan und Sitten gehoeren dem
+Maffei; Voltaire wuerde ohne ihn gar keine oder doch sicherlich eine ganz
+andere "Merope" geschrieben haben.
+
+Also, um die Kopie des Franzosen richtig zu beurteilen, muessen wir
+zuvoerderst das Original des Italieners kennenlernen; und um das poetische
+Verdienst des letztern gehoerig zu schaetzen, muessen wir vor allen Dingen
+einen Blick auf die historischen Fakta werfen, auf die er seine Fabel
+gegruendet hat.
+
+Maffei selbst fasset diese Fakta in der Zueignungsschrift seines Stueckes
+folgendergestalt zusammen. "Dass, einige Zeit nach der Eroberung von
+Troja, als die Herakliden, d.I. die Nachkommen des Herkules, sich in
+Peloponnesus wieder festgesetzet, dem Kresphont das messenische Gebiete
+durch das Los zugefallen; dass die Gemahlin dieses Kresphonts Merope
+geheissen; dass Kresphont, weil er dem Volke sich allzuguenstig erwiesen,
+von den Maechtigern des Staats, mitsamt seinen Soehnen, umgebracht worden,
+den juengsten ausgenommen, welcher auswaerts bei einem Anverwandten seiner
+Mutter erzogen ward; dass dieser juengste Sohn, Namens Aepytus, als er
+erwachsen, durch Hilfe der Arkader und Dorier, sich des vaeterlichen
+Reiches wieder bemaechtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Moerdern
+geraechet habe: dieses erzaehlet Pausanias. Dass, nachdem Kresphont mit
+seinen zwei Soehnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus
+dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; dass
+dieser die Merope gezwungen, seine Gemahlin zu werden; dass der dritte
+Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher
+umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet
+Apollodorus. Dass Merope selbst den gefluechteten Sohn unbekannterweise
+toeten wollen; dass sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener
+daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, dass der, den sie fuer den
+Moerder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sei; dass der nun erkannte Sohn
+bei einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphont hinzurichten: dieses
+meldete Hyginus, bei dem Aepytus aber den Namen Telephontes fuehret."
+
+Es waere zu verwundern, wenn eine solche Geschichte, die so besondere
+Glueckswechsel und Erkennungen hat, nicht schon von den alten Tragicis
+waere genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner
+Dichtkunst, gedenkt eines Kresphontes, in welchem Merope ihren Sohn
+erkenne, eben da sie im Begriffe sei, ihn als den vermeinten Moerder ihres
+Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweiten Abhandlung vom
+Fleischessen, zielet ohne Zweifel auf ebendieses Stueck,[1] wenn er sich
+auf die Bewegung beruft, in welche das ganze Theater gerate, indem Merope
+die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer
+befalle, dass der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen
+koenne. Aristoteles erwaehnet dieses Kresphonts zwar ohne Namen des
+Verfassers; da wir aber bei dem Cicero und mehrern Alten einen
+"Kresphont" des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes
+als das Werk dieses Dichters gemeiner haben.
+
+Der Pater Tournemine sagt in dem obgedachten Briefe: "Aristoteles, dieser
+weise Gesetzgeber des Theaters, hat die Fabel der Merope in die erste
+Klasse der tragischen Fabeln gesetzt (a mis ce sujet au premier rang des
+sujets tragiques). Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet,
+dass, so oft der 'Kresphont' des Euripides auf dem Theater des witzigen
+Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meisterstuecke so gewoehnte
+Volk ganz ausserordentlich sei betroffen, geruehrt und entzueckt worden."
+--Huebsche Phrases, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden
+Punkten. Bei dem letztern hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt
+und bei dem erstern den Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine
+Kleinigkeit, aber ueber dieses verlohnet es der Muehe, ein paar Worte zu
+sagen, weil mehrere den Aristoteles ebenso unrecht verstanden haben.
+
+Die Sache verhaelt sich wie folget. Aristoteles untersucht in dem
+vierzehnten Kapitel seiner "Dichtkunst", durch was eigentlich fuer
+Begebenheiten Schrecken und Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten,
+sagt er, muessen entweder unter Freunden oder unter Feinden oder unter
+gleichgueltigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind toetet,
+so erweckt weder der Anschlag noch die Ausfuehrung der Tat sonst weiter
+einiges Mitleid als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des
+Schmerzlichen und Verderblichen ueberhaupt verbunden ist. Und so ist
+es auch bei gleichgueltigen Personen. Folglich muessen die tragischen
+Begebenheiten sich unter Freunden ereignen; ein Bruder muss den Bruder,
+ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter toeten oder
+toeten wollen oder sonst auf eine empfindliche Weise misshandeln oder
+misshandeln wollen. Dieses aber kann entweder mit oder ohne Wissen und
+Vorbedacht geschehen; und da die Tat entweder vollfuehrt oder nicht
+vollfuehrt werden muss, so entstehen daraus vier Klassen von Begebenheiten,
+welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die
+erste: wenn die Tat wissentlich, mit voelliger Kenntnis der Person, gegen
+welche sie vollzogen werden soll, unternommen, aber nicht vollzogen wird.
+Die zweite: wenn sie wissentlich unternommen und wirklich vollzogen wird.
+Die dritte: wenn die Tat unwissend, ohne Kenntnis des Gegenstandes,
+unternommen und vollzogen wird und der Taeter die Person, an der er
+sie vollzogen, zu spaet kennenlernet. Die vierte: wenn die unwissend
+unternommene Tat nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein
+verwickelten Personen einander noch zur rechten Zeit erkennen. Von diesen
+vier Klassen gibt Aristoteles der letztern den Vorzug, und da er die
+Handlung der "Merope" in dem "Kresphont" davon zum Beispiele anfuehret: so
+haben Tournemine und andere dieses so angenommen, als ob er dadurch die
+Fabel dieses Trauerspiels ueberhaupt von der vollkommensten Gattung
+tragischer Fabeln zu sein erklaere.
+
+Indes sagt doch Aristoteles kurz zuvor, dass eine gute tragische Fabel
+sich nicht gluecklich, sondern ungluecklich enden muesse. Wie kann dieses
+beides beieinander bestehen? Sie soll sich ungluecklich enden, und
+gleichwohl laeuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassifikation
+allen andern tragischen Begebenheiten vorziehet, gluecklich ab.
+Widerspricht sich nicht also der grosse Kunstrichter offenbar?
+
+Victorius, sagt Dacier, sei der einzige, welcher diese Schwierigkeit
+gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem
+ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er auch nicht einmal den
+geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede
+dort gar nicht von der Fabel ueberhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie
+mancherlei Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln koenne, ohne
+das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu veraendern, und
+welche von diesen Arten die beste sei. Wenn z.E. die Ermordung der
+Klytaemnestra durch den Orest der Inhalt des Stueckes sein sollte, so zeige
+sich, nach dem Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu
+bearbeiten, naemlich entweder als eine Begebenheit der erstern, oder der
+zweiten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter muesse nun
+ueberlegen, welcher hier der schicklichste und beste sei. Diese Ermordung
+als eine Begebenheit der erstern Klasse zu behandeln, finde darum nicht
+statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen muesse, und durch den
+Orest geschehen muesse. Nach der zweiten darum nicht: weil sie zu graesslich
+sei. Nach der vierten darum nicht: weil Klytaemnestra dadurch abermals
+gerettet wuerde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich
+bleibe ihm nichts als die dritte Klasse uebrig.
+
+Die dritte! Aber Aristoteles gibt ja der vierten den Vorzug; und nicht
+bloss in einzeln Faellen, nach Massgebung der Umstaende, sondern ueberhaupt.
+Der ehrliche Dacier macht es oeftrer so: Aristoteles behaelt bei ihm recht,
+nicht weil er recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Indem er auf
+der einen Seite eine Bloesse von ihm zu decken glaubt, macht er ihm auf
+einer andern eine ebenso schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit
+hat, anstatt nach jener in diese zu stossen: so ist es ja doch um die
+Untrueglichkeit seines Alten geschehen, an der ihm im Grunde noch mehr
+als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf die
+Uebereinstimmung der Geschichte ankoemmt, wenn der Dichter allgemein
+bekannte Dinge aus ihr zwar lindern, aber nie gaenzlich veraendern darf:
+wird es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem
+ersten oder zweiten Plane behandelt werden muessen? Die Ermordung der
+Klytaemnestra muesste eigentlich nach dem zweiten vorgestellet werden; denn
+Orestes hat sie wissentlich und vorsaetzlich vollzogen: der Dichter aber
+kann den dritten waehlen, weil dieser tragischer ist und der Geschichte
+doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sei so: aber z.E. Medea, die
+ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders
+einschlagen, als den zweiten? Denn sie muss sie umbringen, und sie muss
+sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein
+bekannt. Was fuer eine Rangordnung kann also unter diesen Planen
+stattfinden? Der in einem Falle der vorzueglichste ist, koemmt in einem
+andern gar nicht in Betracht. Oder um den Dacier noch mehr einzutreiben:
+so mache man die Anwendung nicht auf historische, sondern auf bloss
+erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytaemnestra waere
+von dieser letztern Art, und es haette dem Dichter freigestanden, sie
+vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne voellige
+Kenntnis vollziehen zu lassen. Welchen Plan haette er dann waehlen muessen,
+um eine so viel als moeglich vollkommene Tragoedie daraus zu machen? Dacier
+sagt selbst: den vierten, denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so
+geschaehe es bloss aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den
+also, welcher sich gluecklich schliesst? Aber die besten Tragoedien, sagt
+eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen
+erteilet, sind ja die, welche sich ungluecklich schliessen? Und das ist ja
+eben der Widerspruch, den Dacier heben wollte. Hat er ihn denn also
+gehoben? Bestaetiget hat er ihn vielmehr.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Dieses vorausgesetzt (wie man es denn wohl sicher voraussetzen kann,
+weil es bei den alten Dichtern nicht gebraeuchlich und auch nicht erlaubt
+war, einander solche eigene Situationen abzustehlen), wuerde sich an der
+angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden,
+welches Josua Barnes nicht mitgenommen haette und ein neuer Herausgeber
+des Dichters nutzen koennte.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtunddreissigstes Stueck
+Den 8. September 1767
+
+Ich bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genuege
+leistet. Unsern deutschen Uebersetzer der Aristotelischen Dichtkunst[1]
+hat sie ebensowenig befriediget. Er traegt seine Gruende dagegen vor, die
+zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Dacier bestreiten, aber ihn doch
+sonst erheblich genug duenken, um seinen Autor lieber gaenzlich im Stiche
+zu lassen, als einen neuen Versuch zu wagen, etwas zu retten, was nicht
+zu retten sei. "Ich ueberlasse", schliesst er, "einer tiefern Einsicht,
+diese Schwierigkeiten zu heben; ich kann kein Licht zu ihrer Erklaerung
+finden, und scheinet mir wahrscheinlich, dass unser Philosoph dieses
+Kapitel nicht mit seiner gewoehnlichen Vorsicht durchgedacht habe."
+
+Ich bekenne, dass mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines
+offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig.
+Wo ich dergleichen bei so einem Manne zu finden glaube, setze ich das
+groessere Misstrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Ich
+verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich ueberlese die Stelle zehnmal und
+glaube nicht eher, dass er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen
+Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem
+Widerspruche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten
+koennen, was ihm diesen Widerspruch gewissermassen unvermeidlich machen
+muessen, so bin ich ueberzeugt, dass er nur anscheinend ist. Denn sonst
+wuerde er dem Verfasser, der seine Materie so oft ueberdenken muessen, gewiss
+am ersten aufgefallen sein, und nicht mir ungeuebterm Leser, der ich ihn
+zu meinem Unterrichte in die Hand nehme. Ich bleibe also stehen, verfolge
+den Faden seiner Gedanken zurueck, ponderiere ein jedes Wort und sage mir
+immer: Aristoteles kann irren, und hat oft geirret; aber dass er hier
+etwas behaupten sollte, wovon er auf der naechsten Seite gerade das
+Gegenteil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sich's
+auch.
+
+Doch ohne weitere Umstaende; hier ist die Erklaerung, an welcher Herr
+Curtius verzweifelt.--Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich
+desfalls keinen Anspruch. Ich will mich mit der Ehre einer groessern
+Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnuegen.
+
+Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute
+Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere
+Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben diese. Denn die Fabel ist
+es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen
+und Ausdruck werden zehnen geraten, gegen einen, der in jener untadelhaft
+und vortrefflich ist. Er erklaert aber die Fabel durch die Nachahmung
+einer Handlung, [Greek: praxeos]; und eine Handlung ist ihm eine
+Verknuepfung von Begebenheiten, [Greek: synthesin pragmaton]. Die Handlung
+ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Teile dieses Ganzen: und so wie
+die Guete eines jeden Ganzen auf der Guete seiner einzeln Teile und deren
+Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger
+vollkommen, nachdem die Begebenheiten, aus welchen sie bestehet, jede fuer
+sich und alle zusammen, den Absichten der Tragoedie mehr oder weniger
+entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der
+tragischen Handlung statthaben koennen, unter drei Hauptstuecke: des
+Glueckswechsels, [Greek: peripeteias]; der Erkennung, [Greek: anagnorismou];
+und des Leidens, [Greek: pathous]. Was er unter den beiden erstern
+versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber fasst er alles
+zusammen, was den handelnden Personen Verderbliches und Schmerzliches
+widerfahren kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der
+Glueckswechsel und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte
+Fabel, [Greek: mythos peplegmenos], von der einfachen, [Greek: aplo],
+unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stuecke der Fabel; sie
+machen die Handlung nur mannigfaltiger, und dadurch schoener und
+interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre voellige Einheit
+und Rundung und Groesse haben. Ohne das dritte hingegen laesst sich gar keine
+tragische Handlung denken; Arten des Leidens, [Greek: pathos], muss jedes
+Trauerspiel haben, die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt sein;
+denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung
+des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glueckswechsel, nicht
+jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht
+erreichen, sie in einem hoehern Grade erreichen helfen, andere aber ihr
+mehr nachteilig als vorteilhaft sind. Indem nun Aristoteles, aus diesem
+Gesichtspunkte, die verschiednen unter drei Hauptstuecke gebrachten Teile
+der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet,
+welches der beste Glueckswechsel, welches die beste Erkennung, welches die
+beste Behandlung des Leidens sei: so findet sich in Ansehung des erstern,
+dass derjenige Glueckswechsel der beste, das ist der faehigste, Schrecken
+und Mitleid zu erwecken und zu befoerdern, sei, welcher aus dem Bessern in
+das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztern, dass diejenige
+Behandlung des Leidens die beste in dem naemlichen Verstande sei, wenn die
+Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen,
+aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen
+soll, einander kennen lernen, so dass es dadurch unterbleibt.
+
+Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die
+Gedanken haben muss, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der
+Philosoph redet von verschiedenen Teilen: warum soll denn das, was er von
+diesem Teile behauptet, auch von jenem gelten muessen? Ist denn die
+moeglichste Vollkommenheit des einen notwendig auch die Vollkommenheit des
+andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Teils auch die Vollkommenheit
+des Ganzen? Wenn der Glueckswechsel und das, was Aristoteles unter dem
+Worte Leiden begreift, zwei verschiedene Dinge sind, wie sie es sind,
+warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen?
+Oder ist es unmoeglich, dass ein Ganzes Teile von entgegengesetzten
+Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, dass die beste Tragoedie
+nichts als die Vorstellung einer Veraenderung des Glueckes in Unglueck sei?
+Oder, wo sagt er, dass die beste Tragoedie auf nichts, als auf die
+Erkennung dessen hinauslaufen muesse, an dem eine grausam widernatuerliche
+Tat veruebet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der
+Tragoedie ueberhaupt, sondern jedes von einem besondern Teile derselben,
+welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern
+mehr oder weniger Einfluss, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der
+Glueckswechsel kann sich mitten in dem Stuecke ereignen, und wenn er schon
+bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst das Ende: so
+ist z.E. der Glueckswechsel im "Oedip", der sich bereits zum Schlusse des
+vierten Akts aeussert, zu dem aber noch mancherlei Leiden ([Greek: pathos])
+hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stueck schliesset. Gleichfalls
+kann das Leiden mitten in dem Stuecke zur Vollziehung gelangen sollen, und
+in dem naemlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so
+dass durch diese Erkennung das Stueck nichts weniger als geendet ist; wie
+in der zweiten "Iphigenia" des Euripides, wo Orestes, auch schon in dem
+vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist,
+erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glueckswechsel mit
+der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben
+Fabel verbinden lasse, kann man an der "Merope" selbst zeigen. Sie hat
+die letztere; aber was hindert es, dass sie nicht auch den ersteren haben
+koennte, wenn naemlich Merope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche
+erkannt, durch ihre Beeiferung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu
+schuetzen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben
+befoerderte? Warum koennte sich dieses Stueck nicht ebensowohl mit dem
+Untergange der Mutter, als des Tyrannen schliessen? Warum sollte es einem
+Dichter nicht freistellen koennen, um unser Mitleiden gegen eine so
+zaertliche Mutter auf das hoechste zu treiben, sie durch ihre Zaertlichkeit
+selbst ungluecklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht
+erlaubt sein, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen,
+gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Wuerde
+eine solche Merope, in beiden Faellen, nicht wirklich die beiden
+Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bei dem
+Kunstrichter so widersprechend findet?
+
+Ich merke wohl, was das Missverstaendnis veranlasset haben kann. Man hat
+sich einen Glueckswechsel aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne
+Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne
+Glueckswechsel denken koennen. Gleichwohl kann beides gar wohl ohne das
+andere sein; nicht zu erwaehnen, dass auch nicht beides eben die naemliche
+Person treffen muss, und wenn es die naemliche Person trifft, dass eben
+nicht beides sich zu der naemlichen Zeit ereignen darf, sondern eines auf
+das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne
+dieses zu ueberlegen, hat man nur an solche Faelle und Fabeln gedacht, in
+welchen beide Teile entweder zusammenfliessen, oder der eine den andern
+notwendig ausschliesst. Dass es dergleichen gibt, ist unstreitig. Aber ist
+der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der moeglichsten
+Allgemeinheit abfasst, ohne sich um die Faelle zu bekuemmern, in welchen
+seine allgemeinen Regeln in Kollision kommen und eine Vollkommenheit der
+andern aufgeopfert werden muss? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich
+selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Teil der Fabel, wenn er seine
+Vollkommenheit haben soll, muss von dieser Beschaffenheit sein; jener von
+einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er
+gesagt, dass jede Fabel diese Teile alle notwendig haben muesse? Genug fuer
+ihn, dass es Fabeln gibt, die sie alle haben koennen. Wenn eure Fabel aus
+der Zahl dieser gluecklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten
+Glueckswechsel, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so
+untersuchet, bei welchem von beiden ihr am besten ueberhaupt fahren
+wuerdet, und waehlet. Das ist es alles!
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Herrn Curtius, S. 214.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neununddreissigstes Stueck
+Den 11. September 1767
+
+Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen oder nicht widersprochen
+haben; Tournemine mag ihn recht verstanden oder nicht recht verstanden
+haben: die Fabel der "Merope" ist weder in dem einen, noch in dem andern
+Falle so schlechterdings fuer eine vollkommene tragische Fabel zu
+erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er
+ebensowohl gerade das Gegenteil von ihr, und es muss erst untersucht
+werden, wo er das groessere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber,
+nach meiner Erklaerung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er
+davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln
+Teile derselben. Vielleicht war der Missbrauch seines Ansehens bei dem
+Pater Tournemine auch nur ein blosser Jesuiterkniff, um uns mit guter Art
+zu verstehen zu geben, dass eine so vollkommene Fabel, von einem so grossen
+Dichter, als Voltaire, bearbeitet, notwendig ein Meisterstueck werden muessen.
+
+Doch Tournemine und Tournemine--Ich fuerchte, meine Leser werden fragen:
+"Wer ist denn dieser Tournemine? Wir kennen keinen Tournemine." Denn
+viele duerften ihn wirklich nicht kennen; und manche duerften so fragen,
+weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu[1].
+
+Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire
+selbst zu substituieren. Denn auch er sucht uns von dem verlornen Stuecke
+des Euripides die naemlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, dass
+Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten,
+dass die Erkennung der Merope und ihres Sohnes der interessanteste
+Augenblick der ganzen griechischen Buehne sei. Auch er sagt, dass Aristoteles
+diesem coup de theatre den Vorzug vor allen andern erteile. Und vom Plutarch
+versichert er uns gar, dass er dieses Stueck des Euripides fuer das ruehrendste
+von allen Stuecken desselben gehalten habe.[2] Dieses letztere ist nun
+gaenzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stuecke, aus
+welchem er die Situation der Merope anfuehrt, nicht einmal den Titel namhaft;
+er sagt weder, wie es heisst, noch wer der Verfasser desselben sei;
+geschweige, dass er es fuer das ruehrendste von allen Stuecken des Euripides
+erklaere.
+
+Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, dass die Erkennung der
+Merope und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen
+griechischen Buehne sei! Welche Ausdruecke: nicht anstehen, zu behaupten!
+Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen
+Buehne! Sollte man hieraus nicht schliessen: Aristoteles gehe mit Fleiss
+alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben koenne, durch,
+vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beispiele, die
+er von jedem insbesondere bei allen, oder wenigstens den vornehmsten
+Dichtern gefunden, untereinander ab und tue endlich so dreist als sicher
+den Ausspruch fuer diesen Augenblick bei dem Euripides. Gleichwohl ist es
+nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum
+Beispiele anfuehret; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beispiel
+von dieser Art. Denn Aristoteles fand aehnliche Beispiele in der "Iphigenia",
+wo die Schwester den Bruder, und in der "Helle", wo der Sohn die Mutter
+erkennet, eben da die erstern im Begriffe sind, sich gegen die andern zu
+vergehen.
+
+Das zweite Beispiel von der Iphigenia ist wirklich aus dem Euripides; und
+wenn, wie Dacier vermutet, auch die "Helle" ein Werk dieses Dichters
+gewesen: so waere es doch sonderbar, dass Aristoteles alle drei Beispiele
+von einer solchen gluecklichen Erkennung gerade bei demjenigen Dichter
+gefunden haette, der sich der ungluecklichen Peripetie am meisten bediente.
+Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, dass die eine die andere nicht
+ausschliesst; und obschon in der "Iphigenia" die glueckliche Erkennung auf
+die unglueckliche Peripetie folgt, und das Stueck ueberhaupt also gluecklich
+sich endet: wer weiss, ob nicht in den beiden andern eine unglueckliche
+Peripetie auf die glueckliche Erkennung folgte, und sie also voellig in der
+Manier schlossen, durch die sich Euripides den Charakter des tragischsten
+von allen tragischen Dichtern verdiente?
+
+Mit der Merope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art moeglich;
+ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, laesst sich aus den
+wenigen Fragmenten, die uns von dem "Kresphontes" uebrig sind, nicht
+schliessen. Sie enthalten nichts als Sittensprueche und moralische
+Gesinnungen, von spaetern Schriftstellern gelegentlich angezogen, und
+werfen nicht das geringste Licht auf die Oekonomie des Stueckes.[3] Aus
+dem einzigen, bei dem Polybius, welches eine Anrufung an die Goettin des
+Friedens ist, scheinet zu erhellen, dass zu der Zeit, in welche die
+Handlung gefallen, die Ruhe in dem messenischen Staate noch nicht wieder
+hergestellet gewesen; und aus ein paar andern sollte man fast schliessen,
+dass die Ermordung des Kresphontes und seiner zwei aeltern Soehne entweder
+einen Teil der Handlung selbst ausgemacht habe oder doch nur kurz
+vorhergegangen sei; welches beides sich mit der Erkennung des juengern
+Sohnes, der erst verschiedene Jahre nachher seinen Vater und seine Brueder
+zu raechen kam, nicht wohl zusammenreimet. Die groesste Schwierigkeit aber
+macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des
+juengern Sohnes der vornehmste Inhalt gewesen. Wie konnte das Stueck
+"Kresphontes" heissen? Kresphontes war der Name des Vaters; der Sohn aber
+hiess nach einigen Aepytus und nach andern Telephontes; vielleicht, dass
+jenes der rechte und dieses der angenommene Name war, den er in der
+Fremde fuehrte, um unerkannt und vor den Nachstellungen des Polyphonts
+sicher zu bleiben. Der Vater muss laengst tot sein, wenn sich der Sohn des
+vaeterlichen Reiches wieder bemaechtiget. Hat man jemals gehoert, dass ein
+Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darin
+vorkommt? Corneille und Dacier haben sich geschwind ueber diese
+Schwierigkeit hinwegzusetzen gewusst, indem sie angenommen, dass der Sohn
+gleichfalls Kresphont geheissen;[4] aber mit welcher Wahrscheinlichkeit?
+aus welchem Grunde?
+
+Wenn es indes mit einer Entdeckung seine Richtigkeit hat, mit der sich
+Maffei schmeichelte: so koennen wir den Plan des Kresphontes ziemlich
+genau wissen. Er glaubte ihn naemlich bei dem Hyginus, in der
+hundertundvierundachtzigsten Fabel, gefunden zu haben.[5] Denn er haelt
+die Fabeln des Hyginus ueberhaupt groesstenteils fuer nichts, als fuer die
+Argumente alter Tragoedien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reinesius
+gewesen war, und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem
+verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich
+neue zu erdichten. Der Rat ist nicht uebel und zu befolgen. Auch hat ihn
+mancher befolgt, ehe ihn Maffei noch gegeben, oder ohne zu wissen, dass er
+ihn gegeben. Herr Weisse hat den Stoff zu seinem "Thyest" aus dieser Grube
+geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verstaendiges Auge. Nur
+moechte es nicht der groesste, sondern vielleicht gerade der allerkleinste
+Teil sein, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen.
+Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragoedien
+zusammengesetzt zu sein; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder
+unmittelbar, geflossen sein, zu welchen die Tragoedienschreiber selbst
+ihre Zuflucht nahmen. Ja, Hyginus, oder wer sonst die Kompilation
+gemacht, scheinet selbst die Tragoedien als abgeleitete verdorbene Baeche
+betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter
+nichts als die Glaubwuerdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte,
+ausdruecklich von der alten echtern Tradition absondert. So erzaehlt er
+z.E. die Fabel von der Ino und die Fabel von der Antiopa, zuerst nach
+dieser und darauf in einem besondern Abschnitte nach der Behandlung des
+Euripides.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Lettres familieres".
+
+[2] Aristote, dans sa Poetique immortelle, ne balance pas a dire que la
+reconnaissance de Merope et de son fils etait le moment le plus
+interessant de toute la scene Grecque. Il donnait a ce coup de Theatre la
+preference sur tous les autres. Plutarque dit que les Grecs, ce peuple si
+sensible, fremissaient de crainte que le vieillard, qui devait arreter le
+bras de Merope, n'arrivat pas asseztot. Cette piece, qu'on jouait de son
+temps, et dont il nous reste tres peu de fragments, lui paraissait la
+plus touchante de toutes les tragedies d'Euripide etc. Lettre a
+Mr. Maffei.
+
+[3] Dasjenige, welches Dacier anfuehret ("Poetique d'Aristote", Chap. XV.
+Rem. 23.), ohne sich zu erinnern, wo er es gelesen, stehet bei dem
+Plutarch in der Abhandlung: "Wie man seine Feinde nuetzen solle".
+
+[4] Remarque 22. sur le Chapitre XV. de la Poet. d'Arist. Une Mere, qui
+va tuer son fils, comme Merope va tuer Cresphonte etc.
+
+[5] Questa scoperta penso io d'aver fatta, nel leggere la Favola 184
+d'Igino, la quale a mio credere altro non e, che l'Argomento di quella
+Tragedia, in cui si rappresenta interamente la condotta di essa.
+Sovvienmi, che al primo gettar gli occhi, ch'io feci gia in quell'
+Autore, mi apparve subito nella mente, altro non essere le piu di quelle
+Favole, che gli Argomenti delle Tragedie antiche: mi accertai di cio col
+confrontarne alcune poche con le Tragedie, che ancora abbiamo; e appunto
+in questi giorni, venuta a mano l'ultima edizione d'Igino, mi e stato
+caro di vedere in un passo addotto, come fu anche il Reinesio di tal
+sentimento. Una miniera e pero questa di Tragici Argomenti, che se fosse
+stata nota a' Poeti, non avrebbero penato tanto in rinvenir soggetti a
+lor fantasia: io la scopriro loro di buona voglia, perche rendano col
+loro ingegno alla nostra eta cio, che dal tempo invidioso le fu rapito.
+Merita dunque, almeno per questo capo, alquanto piu di considerazione
+quell' Operetta, anche tal qual l'abbiamo, che da gli Eruditi non e stato
+creduto: e quanto al discordar tal volta dagli altri Scrittori delle
+favolose Storie, questa avertenza ce ne addita la ragione, non avendole
+costui narrate, secondo la tradizione, ma conforme i Poeti in proprio uso
+convertendole, le avean ridotte.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierzigstes Stueck
+Den 15. September 1767
+
+Damit will ich jedoch nicht sagen, dass, weil ueber derhundertundvierund-
+Achtzigsten Fabel Der Name Des Euripides Nicht Stehe, Sie Auch Nicht Aus
+Dem "Kresphont" Desselben Koenne Gezogen Sein. Vielmehr Bekenne Ich, Dass
+Sie Wirklich Den Gang Und Die Verwickelung Eines Trauerspieles Hat; So
+Dass, Wenn Sie Keines Gewesen Ist, Sie Doch Leicht Eines Werden Koennte,
+Und Zwar Eines, Dessen Plan Der Alten Simplizitaet Weit Naeher Kaeme, Als
+Alle Neuere Meropen. Man Urteile Selbst: Die Erzaehlung Des Hyginus, Die
+Ich Oben Nur Verkuerzt Angefuehrt, Ist Nach Allen Ihren Umstaenden Folgende.
+
+Kresphontes war Koenig von Messenien und hatte mit seiner Gemahlin Merope
+drei Soehne, als Polyphontes einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem
+er, nebst seinen beiden aeltesten Soehnen, das Leben verlor. Polyphontes
+bemaechtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche
+waehrend dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn,
+namens Telephontes, zu einem Gastfreunde in Aetolien in Sicherheit
+bringen zu lassen. Je mehr Telephontes heranwuchs, desto unruhiger ward
+Polyphontes. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewaertigen und versprach
+also demjenigen eine grosse Belohnung, der ihn aus dem Wege raeumen wuerde.
+Dieses erfuhr Telephontes; und da er sich nunmehr faehig fuehlte, seine
+Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Aetolien weg, ging
+nach Messenien, kam zu dem Tyrannen, sagte, dass er den Telephontes
+umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafuer ausgesetzte Belohnung.
+Polyphontes nahm ihn auf und befahl, ihn so lange in seinem Palaste zu
+bewirten, bis er ihn weiter ausfragen koenne. Telephontes ward also in das
+Gastzimmer gebracht, wo er vor Muedigkeit einschlief. Indes kam der alte
+Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wechselseitigen
+Botschaften gebraucht, weinend zu Meropen und meldete ihr, dass
+Telephontes aus Aetolien weg sei, ohne dass man wisse, wo er hingekommen.
+Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wessen sich der
+angekommene Fremde ruehme, mit einer Axt nach dem Gastzimmer und haette ihn
+im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin
+nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt und die Mutter an der
+Freveltat verhindert haette. Nunmehr machten beide gemeinschaftliche
+Sache, und Merope stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versoehnt.
+Polyphontes duenkte sich aller seiner Wuensche gewaehret und wollte den
+Goettern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber
+alle um den Altar versammelt waren, fuehrte Telephontes den Streich, mit
+dem er das Opfertier faellen zu wollen sich stellte, auf den Koenig; der
+Tyrann fiel, und Telephontes gelangte zu dem Besitze seines vaeterlichen
+Reiches.[1]
+
+Auch hatten, schon in dem sechzehnten Jahrhunderte, zwei italienische
+Dichter, Joh. Bapt. Liviera und Pomponio Torelli, den Stoff zu ihren
+Trauerspielen, "Kresphont" und "Merope", aus dieser Fabel des Hyginus
+genommen und waren sonach, wie Maffei meinet, in die Fusstapfen des
+Euripides getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Ueberzeugung
+ohngeachtet wollte Maffei selbst sein Werk so wenig zu einer blossen
+
+Divination ueber den Euripides machen und den verlornen "Kresphont" in
+seiner "Merope" wieder aufleben lassen, dass er vielmehr mit Fleiss von
+verschiednen Hauptzuegen dieses vermeintlichen Euripidischen Planes abging
+und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darin geruehrt hatte,
+in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte.
+
+Die Mutter naemlich, die ihren Sohn so feurig liebte, dass sie sich an dem
+Moerder desselben mit eigner Hand raechen wollte, brachte ihn auf den
+Gedanken, die muetterliche Zaertlichkeit ueberhaupt zu schildern und mit
+Ausschliessung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und
+tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stueck zu beleben. Was dieser Absicht
+also nicht vollkommen zusprach, ward veraendert; welches besonders die
+Umstaende von Meropens zweiter Verheiratung und von des Sohnes auswaertiger
+Erziehung treffen musste. Merope musste nicht die Gemahlin des Polyphonts
+sein; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so
+frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweiten Mannes
+ueberlassen zu haben, in dem sie den Moerder ihres ersten kannte, und
+dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche
+naehere Ansprueche auf den Thron haben koennten, zu befreien. Der Sohn musste
+nicht bei einem vornehmen Gastfreunde seines vaeterlichen Hauses, in aller
+Sicherheit und Gemaechlichkeit, in der voelligen Kenntnis seines Standes
+und seiner Bestimmung, erzogen sein: denn die muetterliche Liebe erkaltet
+natuerlicherweise, wenn sie nicht durch die bestaendigen Vorstellungen des
+Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand
+geraten kann, gereizet und angestrenget wird. Er musste nicht in der
+ausdruecklichen Absicht kommen, sich an dem Tyrannen zu raechen; er muss
+nicht von Meropen fuer den Moerder ihres Sohnes gehalten werden, weil er
+sich selbst dafuer ausgibt, sondern weil eine gewisse Verbindung von
+Zufaellen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so
+ist ihre Verlegenheit bei der ersten muendlichen Erklaerung aus, und ihr
+ruehrender Kummer, ihre zaertliche Verzweiflung hat nicht freies Spiel
+genug.
+
+Und diesen Veraenderungen zufolge kann man sich den Maffeischen Plan
+ungefaehr vorstellen. Polyphontes regieret bereits fuenfzehn Jahre, und
+doch fuehlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das
+Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Koeniges zugetan und rechnet
+auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Missvergnuegten zu
+beruhigen, faellt ihm ein, sich mit Meropen zu verbinden. Er traegt ihr
+seine Hand an, unter dem Vorwande einer wirklichen Liebe. Doch Merope
+weiset ihn mit diesem Vorwande zu empfindlich ab; und nun sucht er durch
+Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht
+verhelfen koennen. Eben dringt er am schaerfsten in sie, als ein Juengling
+vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstrasse ueber einem Morde
+ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Juengling, hatte nichts getan,
+als sein eignes Leben gegen einen Raeuber verteidiget; sein Ansehen verraet
+so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, dass Merope, die
+noch ausserdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl
+mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den Koenig fuer ihn zu bitten; und der
+Koenig begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermisst Merope ihren juengsten
+Sohn, den sie einem alten Diener, namens Polydor, gleich nach dem Tode
+ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes
+Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er fuer seinen Vater haelt,
+heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder
+aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der
+Landstrasse ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen
+waere? So denkt sie und wird in ihrer bangen Vermutung durch verschiedene
+Umstaende, durch die Bereitwilligkeit des Koenigs, den Moerder zu
+begnadigen, vornehmlich aber durch einen Ring bestaerket, den man bei dem
+Aegisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, dass ihn Aegisth dem
+Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls,
+den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhaendigen,
+wenn er erwachsen, und es Zeit sein wuerde, ihm seinen Stand zu entdecken.
+Sogleich laesst sie den Juengling, fuer den sie vorher selbst gebeten, an
+eine Saeule binden und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstossen. Der
+Juengling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Eltern; ihm entfaehrt
+der Name Messene; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort
+sorgfaeltig zu vermeiden; Merope verlangt hierueber Erklaerung: indem koemmt
+der Koenig dazu, und der Juengling wird befreiet. So nahe Merope der
+Erkennung ihres Irrtums war, so tief verfaellt sie wiederum darein zurueck,
+als sie siehet, wie hoehnisch der Koenig ueber ihre Verzweiflung triumphiert.
+Nun ist Aegisth unfehlbar der Moerder ihres Sohnes, und nichts soll ihn
+vor ihrer Rache schuetzen. Sie erfaehrt mit einbrechender Nacht, dass er in
+dem Vorsaale sei, wo er eingeschlafen, und koemmt mit einer Axt, ihm den
+Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als
+ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal eingeschlichen und
+den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme faellt. Aegisth erwacht
+und fliehet, und Polydor entdeckt Meropen ihren eigenen Sohn in dem
+vermeinten Moerder ihres Sohnes. Sie will ihm nach und wuerde ihn leicht
+durch ihre stuermische Zaertlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie
+der Alte nicht auch hiervon zurueckgehalten haette. Mit fruehem Morgen soll
+ihre Vermaehlung mit dem Koenige vollzogen werden; sie muss zu dem Altare,
+aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung erteilen. Indes hat
+Polydor auch den Aegisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den
+Tempel, draenget sich durch das Volk, und--das uebrige wie bei dem Hyginus.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] In der 184. Fabel des Hyginus, aus welcher obige Erzaehlung genommen,
+sind offenbar Begebenheiten ineinander geflossen, die nicht die geringste
+Verbindung unter sich haben. Sie faengt an mit dem Schicksale des Pentheus
+und der Agave und endet sich mit der Geschichte der Merope. Ich kann gar
+nicht begreifen, wie die Herausgeber diese Verwirrung unangemerkt lassen
+koennen; es waere denn, dass sie sich bloss in derjenigen Ausgabe, welche ich
+vor mir habe (Johannis Schefferi, Hamburgi 1674), befaende. Diese
+Untersuchung ueberlasse ich dem, der die Mittel dazu bei der Hand hat.
+Genug, dass hier, bei mir, die 184. Fabel mit den Worten: quam Licoterses
+excepit, aus sein muss. Das uebrige macht entweder eine besondere Fabel,
+von der die Anfangsworte verloren gegangen, oder gehoeret, welches mir das
+Wahrscheinlichste ist, zu der 137., so dass, beides miteinander verbunden,
+ich die ganze Fabel von der Merope, man mag sie nun zu der 137. oder zu
+der 184. machen wollen, folgendermassen zusammenlegen wurde. Es versteht
+sich, dass in der letztern die Worte: cum qua Polyphontes, occiso
+Cresphonte, regnum occupavit, als eine unnoetige Wiederholung, mitsamt dem
+darauffolgenden ejus, welches auch so schon ueberfluessig ist, wegfallen
+muesste. Merope.
+
+[2] Polyphontes, Messeniae rex, Cresphontem Aristomachi filium cum
+interfecisset, ejus imperium et Meropem uxorem possedit. Filium autem
+infantem Merope mater, quem ex Cresphonte habebat, absconse ad hospitem
+in Aetoliam mandavit. Hunc Polyphontes maxima cum industria quaerebat,
+aurumque pollicebatur, si quis eum necasset. Qui postquam ad puberem
+aetatem venit, capit consilium, ut exequatur patris et fratrum mortem.
+Itaque venit ad regem Polyphontem, aurum petitum, dicens se Cresphontis
+interfecisse filium et Meropis, Telephontem. Interim rex eum jussit in
+hospitio manere, ut amplius de eo perquireret. Qui cum per lassitudinem
+obdormisset, senex qui inter matrem et filium internuncius erat, flens ad
+Meropem venit, negans eum apud hospitem esse, nec comparere. Merope
+credens eum esse filii sui interfectorem, qui dormiebat, in Chalcidicum
+cum securi venit, inscia ut filium suum interficeret, quem senex
+cognovit, et matrem a scelere retraxit. Merope postquam invenit,
+occasionem sibi datam esse, ab inimico se ulciscendi, redit cum
+Polyphonte in gratiam. Rex laetus cum rem divinam faceret, hospes falso
+simulavit se hostiam percussisse, eumque interfecit, patriumque regnum
+adeptus est.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Stueck
+Den 18. September 1767
+
+Je schlechter es zu Anfange dieses Jahrhunderts mit dem italienischen
+Theater ueberhaupt aussahe, desto groesser war der Beifall und das
+Zujauchzen, womit die "Merope" des Maffei aufgenommen wurde.
+
+ Cedite Romani scriptores, cedite Graii,
+ Nescio quid majus nascitur Oedipode:
+
+schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwei Akte in Rom davon
+gesehen hatte. In Venedig ward 1714, das ganze Karneval hindurch, fast
+kein anderes Stueck gespielt als "Merope"; die ganze Welt wollte die neue
+Tragoedie sehen und wieder sehen; und selbst die Opernbuehnen fanden sich
+darueber verlassen. Sie ward in einem Jahre viermal gedruckt; und in
+sechzehn Jahren (von 1714-1730) sind mehr als dreissig Ausgaben, in und
+ausser Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie
+ward ins Franzoesische, ins Englische, ins Deutsche uebersetzt; und man
+hatte vor, sie mit allen diesen Uebersetzungen zugleich drucken zu lassen.
+Ins Franzoesische war sie bereits zweimal uebersetzt, als der Herr von
+Voltaire sich nochmals daruebermachen wollte, um sie auch wirklich auf die
+franzoesische Buehne zu bringen. Doch er fand bald, dass dieses durch eine
+eigentliche Uebersetzung nicht geschehen koennte, wovon er die Ursachen in
+dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen "Merope"
+vorsetzte, umstaendlich angibt.
+
+Der Ton, sagt er, sei in der italienischen "Merope" viel zu naiv und
+buergerlich, und der Geschmack des franzoesischen Parterrs viel zu fein,
+viel zu verzaertelt, als dass ihm die blosse simple Natur gefallen koenne. Es
+wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zuegen der Kunst sehen;
+und diese Zuege muessten zu Paris weit anders als zu Verona sein. Das ganze
+Schreiben ist mit der aeussersten Politesse abgefasst; Maffei hat nirgends
+gefehlt; alle seine Nachlaessigkeiten und Maengel werden auf die Rechnung
+seines Nationalgeschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schoenheiten,
+aber leider nur Schoenheiten fuer Italien. Gewiss, man kann nicht hoeflicher
+kritisieren! Aber die verzweifelte Hoeflichkeit! Auch einem Franzosen wird
+sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabei leidet.
+Die Hoeflichkeit macht, dass wir liebenswuerdig scheinen, aber nicht gross;
+und der Franzose will ebenso gross, als liebenswuerdig scheinen.
+
+Was folgt also auf die galante Zueignungsschrift des Hrn. von Voltaire?
+Ein Schreiben eines gewissen de la Lindelle, welcher dem guten Maffei
+ebensoviel Grobheiten sagt, als ihm Voltaire Verbindliches gesagt hatte.
+Der Stil dieses de la Lindelle ist ziemlich der Voltairische Stil; es ist
+schade, dass eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat und uebrigens so
+unbekannt geblieben ist. Doch Lindelle sei Voltaire, oder sei wirklich
+Lindelle: wer einen franzoesischen Januskopf sehen will, der vorne auf die
+einschmeichelndste Weise laechelt und hinten die haemischsten Grimassen
+schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich moechte keinen
+geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Hoeflichkeit bleibet
+Voltaire diesseits der Wahrheit stehen, und aus Verkleinerungssucht
+schweifet Lindelle bis jenseit derselben. Jener haette freimuetiger, und
+dieser gerechter sein muessen, wenn man nicht auf den Verdacht geraten
+sollte, dass der naemliche Schriftsteller sich hier unter einem fremden
+Namen wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen
+vergeben habe.
+
+Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, dass er
+einer der erstern unter den Italienern sei, welcher Mut und Kraft genug
+gehabt, eine Tragoedie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher die ganze
+Intrige auf der Liebe einer Mutter beruhe und das zaertlichste Interesse
+aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm
+beliebt, dass die falsche Delikatesse seiner Nation ihm nicht erlauben
+wollen, von den leichtesten natuerlichsten Mitteln, welche die Umstaende
+zur Verwicklung darbieten, von den unstudierten wahren Reden, welche die
+Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Parterr
+hat unstreitig sehr unrecht, wenn es seit dem koeniglichen Ringe, ueber den
+Boileau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem
+Theater mehr hoeren will;[1] wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu
+jedem andern, auch dem allerunschicklichsten Mittel der Erkennung seine
+Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, mit welchem doch die ganze Welt,
+zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der
+Person, verbunden hat. Es hat sehr unrecht, wenn es nicht will, dass ein
+junger Mensch, der sich fuer den Sohn gemeiner Eltern haelt und in dem
+Lande auf Abenteuer ganz allein herumschweift, nachdem er einen Mord
+veruebt, demohngeachtet nicht soll fuer einen Raeuber gehalten werden
+duerfen, weil es voraussieht, dass er der Held des Stueckes werden muesse,
+[2] wenn es beleidiget wird, dass man einem solchen Menschen keinen
+kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Faehndrich in des Koenigs Armee
+sei, der nicht de belles nippes besitze. Das Pariser Parterr, sage ich,
+hat in diesen und aehnlichen Faellen unrecht; aber warum muss Voltaire auch
+in andern Faellen, wo es gewiss nicht unrecht hat, dennoch lieber ihm als
+dem Maffei unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die franzoesische
+Hoeflichkeit gegen Auslaender darin besteht, dass man ihnen auch in solchen
+Stuecken recht gibt, wo sie sich schaemen muessten, recht zu haben, so weiss
+ich nicht, was beleidigender und einem freien Menschen unanstaendiger sein
+kann, als diese franzoesische Hoeflichkeit. Das Geschwaetz, welches Maffei
+seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von praechtigen Kroenungen,
+denen er vor diesen beigewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in
+den Mund legt, wenn das Interesse aufs hoechste gestiegen und die
+Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschaeftiget ist:
+dieses nestorische, aber am unrechten Orte nestorische Geschwaetz kann
+durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen
+kultivierten Voelkern entschuldiget werden; hier muss der Geschmack ueberall
+der naemliche sein, und der Italiener hat nicht seinen eigenen, sondern
+hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht ebensowohl dabei gaehnet und
+darueber unwillig wird, als der Franzose. "Sie haben", sagt Voltaire zu
+dem Marquis, "in Ihrer Tragoedie jene schoene und ruehrende Vergleichung
+des Virgils:
+
+ Qualis populea moerens Philomela sub umbra
+ Amissos queritur foetus--
+
+uebersetzen und anbringen duerfen. Wenn ich mir so eine Freiheit nehmen
+wollte, so wuerde man mich damit in die Epopee verweisen. Denn Sie glauben
+nicht, wie streng der Herr ist, dem wir zu gefallen suchen muessen; ich
+meine unser Publikum. Dieses verlangt, dass in der Tragoedie ueberall der
+Held und nirgends der Dichter sprechen soll, und meinet, dass bei
+kritischen Vorfaellen, in Ratsversammlungen, bei einer heftigen
+Leidenschaft, bei einer dringenden Gefahr kein Koenig, kein Minister
+poetische Vergleichungen zu machen pflege." Aber verlangt denn dieses
+Publikum etwas Unrechtes, meinet es nicht, was die Wahrheit ist? Sollte
+nicht jedes Publikum ebendieses verlangen? ebendieses meinen? Ein
+Publikum, das anders richtet, verdient diesen Namen nicht: und muss
+Voltaire das ganze italienische Publikum zu so einem Publico machen
+wollen, weil er nicht Freimuetigkeit genug hat, dem Dichter geradeheraus
+zu sagen, dass er hier und an mehrern Stellen luxuriere und seinen eignen
+Kopf durch die Tapete stecke? Auch unerwogen, dass ausfuehrliche
+Gleichnisse ueberhaupt schwerlich eine schickliche Stelle in dem
+Trauerspiele finden koennen, haette er anmerken sollen, dass jenes
+Virgilische von dem Maffei aeusserst gemissbrauchet worden. Bei dem Virgil
+vermehret es das Mitleiden, und dazu ist es eigentlich geschickt; bei dem
+Maffei aber ist es in dem Munde desjenigen, der ueber das Unglueck, wovon
+es das Bild sein soll, triumphieret, und muesste nach der Gesinnung des
+Polyphonts mehr Hohn als Mitleid erwecken. Auch noch wichtigere und auf
+das Ganze noch groessern Einfluss habende Fehler scheuet sich Voltaire
+nicht, lieber dem Geschmacke der Italiener ueberhaupt, als einem einzeln
+Dichter aus ihnen zur Last zu legen, und duenkt sich von der allerfeinsten
+Lebensart, wenn er den Maffei damit troestet, dass es seine ganze Nation
+nicht besser verstehe, als er; dass seine Fehler die Fehler seiner Nation
+waeren; dass aber Fehler einer ganzen Nation eigentlich keine Fehler waeren,
+weil es ja eben nicht darauf ankomme, was an und fuer sich gut oder
+schlecht sei, sondern was die Nation dafuer wolle gelten lassen. "Wie
+haette ich es wagen duerfen", faehrt er mit einem tiefen Buecklinge, aber
+auch zugleich mit einem Schnippchen in der Tasche, gegen den Marquis
+fort, "blosse Nebenpersonen so oft miteinander sprechen zu lassen, als Sie
+getan haben? Sie dienen bei Ihnen, die interessanten Szenen zwischen den
+Hauptpersonen vorzubereiten; es sind die Zugaenge zu einem schoenen
+Palaste; aber unser ungeduldiges Publikum will sich auf einmal in diesem
+Palaste befinden. Wir muessen uns also schon nach dem Geschmacke eines
+Volks richten, welches sich an Meisterstuecken sattgesehen hat und also
+aeusserst verwoehnt ist." Was heisst dieses anders, als: "Mein Herr Marquis,
+Ihr Stueck hat sehr, sehr viel kalte, langweilige, unnuetze Szenen. Aber
+es sei fern von mir, dass ich Ihnen einen Vorwurf daraus machen sollte!
+Behuete der Himmel! ich bin ein Franzose; ich weiss zu leben; ich werde
+niemanden etwas Unangenehmes unter die Nase reiben. Ohne Zweifel haben
+Sie diese kalten, langweiligen, unnuetzen Szenen mit Vorbedacht, mit allem
+Fleisse gemacht; weil sie gerade so sind, wie sie Ihre Nation braucht. Ich
+wuenschte, dass ich auch so wohlfeil davonkommen koennte; aber leider ist
+meine Nation so weit, so weit, dass ich noch viel weiter sein muss, um
+meine Nation zu befriedigen. Ich will mir darum eben nicht viel mehr
+einbilden, als Sie; aber da jedoch meine Nation, die Ihre Nation so sehr
+uebersieht"--Weiter darf ich meine Paraphrasis wohl nicht fortsetzen;
+denn sonst,
+
+Desinit in piscem mulier formosa superne:
+
+aus der Hoeflichkeit wird Persiflage (ich brauche dieses franzoesische
+Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen), und aus der
+Persiflage dummer Stolz.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Je n'ai pu me servir, comme Mr. Maffei, d'un anneau, parce que
+depuis l'anneau royal dont Boileau se moque dans ses satyres, cela
+semblerait trop petit sur notre theatre.
+
+[2] Je n'oserais hazarder de faire prendre un heros pour un voleur,
+quoique la circonstance ou il se trouve autorise cette meprise.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundvierzigstes Stueck
+Den 22. September 1767
+
+Es ist nicht zu leugnen, dass ein guter Teil der Fehler, welche Voltaire
+als Eigentuemlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an
+seinem Vorgaenger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen
+Nation ueberhaupt zur Last zu legen, dass, sage ich, diese, und noch
+mehrere, und noch groessere, sich in der "Merope" des Maffei befinden.
+Maffei hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit
+vieler Leichtigkeit Verse, in allen verschiednen Stilen der beruehmtesten
+Dichter seines Landes: doch diese Neigung und diese Leichtigkeit beweisen
+fuer das eigentliche Genie, welches zur Tragoedie erfodert wird, wenig oder
+nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und
+Altertuemer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung fuer das
+tragische Genie sind. Er war unter Kirchenvaeter und Diplomen vergraben
+und schrieb wider die Pfaffe und Basnagen, als er, auf gesellschaftliche
+Veranlassung, seine "Merope" vor die Hand nahm, und sie in weniger als
+zwei Monaten zustande brachte. Wenn dieser Mann unter solchen
+Beschaeftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstueck gemacht haette, so
+muesste er der ausserordentlichste Kopf gewesen sein; oder eine Tragoedie
+ueberhaupt ist ein sehr geringfuegiges Ding. Was indes ein Gelehrter von
+gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr fuer eine Erholung als fuer
+eine Arbeit ansieht, die seiner wuerdig waere, leisten kann, das leistete
+auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgedrechselter, als gluecklich;
+seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder
+nach bekannten Vorbildern in Buechern, als nach dem Leben geschildert;
+sein Ausdruck zeugt von mehr Phantasie, als Gefuehl; der Literator und der
+Versifikateur laesst sich ueberall spueren, aber nur selten das Genie und
+der Dichter.
+
+Als Versifikateur laeuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr
+nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemaelde, die in
+seinem Munde nicht genug bewundert werden koennten, aber in dem Munde
+seiner Personen unertraeglich sind und in die laecherlichsten
+Ungereimtheiten ausarten. So ist es z.E. zwar sehr schicklich, dass
+Aegisth seinen Kampf mit dem Raeuber, den er umgebracht, umstaendlich
+beschreibet, denn auf diesen Umstaenden beruhet seine Verteidigung; dass er
+aber auch, wenn er den Leichnam in den Fluss geworfen zu haben bekennet,
+alle, selbst die allerkleinsten Phaenomena malet, die den Fall eines
+schweren Koerpers ins Wasser begleiten, wie er hineinschiesst, mit welchem
+Geraeusche er das Wasser zerteilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie
+sich die Flut wieder ueber ihn zuschliesst:[1] das wuerde man auch nicht
+einmal einem kalten geschwaetzigen Advokaten, der fuer ihn spraeche,
+verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet und sein
+Leben zu verteidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als dass er
+in seiner Erzaehlung so kindisch genau sein koennte.
+
+Als Literator hat er zu viel Achtung fuer die Simplizitaet der alten
+griechischen Sitten und fuer das Kostuem bezeugt, mit welchem wir sie bei
+dem Homer und Euripides geschildert finden, das aber allerdings um etwas,
+ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Kostueme naeher gebracht
+werden muss, wenn es der Ruehrung im Trauerspiele nicht mehr schaedlich als
+zutraeglich sein soll. Auch hat er zu geflissentlich schoene Stellen aus
+den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was fuer einer
+Art von Werken er sie entlehnt und in was fuer eine Art von Werken er sie
+uebertraegt. Nestor ist in der Epopee ein gespraechiger freundlicher Alte;
+aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragoedie ein alter ekler
+Salbader. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides haette folgen
+wollen: so wuerde uns der Literator vollends etwas zu lachen gemacht
+haben. Er haette es sodann fuer seine Schuldigkeit geachtet, alle die
+kleinen Fragmente, die uns von dem Kresphontes uebrig sind, zu nutzen und
+seinem Werke getreulich einzuflechten.[2] Wo er also geglaubt haette, dass
+sie sich hinpassten, haette er sie als Pfaehle aufgerichtet, nach welchen
+sich der Weg seines Dialogs richten und schlingen muessen. Welcher
+pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittensprueche, womit man
+seine Luecken fuellet, so sind es andere.
+
+Demohngeachtet moechten sich wiederum Stellen finden, wo man wuenschen
+duerfte, dass sich der Literator weniger vergessen haette. Z.E. Nachdem die
+Erkennung vorgegangen und Merope einsieht, in welcher Gefahr sie zweimal
+gewesen sei, ihren eignen Sohn umzubringen, so laesst er die Ismene voller
+Erstaunen ausrufen: "Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, als sie
+jemals auf einer Buehne erdichtet worden!"
+
+ Con cosi strani avvenimenti uom' forse
+ Non vide mai favoleggiar le scene.
+
+Maffei hat sich nicht erinnert, dass die Geschichte seines Stuecks in eine
+Zeit faellt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem
+Homer, dessen Gedichte den ersten Samen des Drama ausstreuten. Ich wuerde
+diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede
+entschuldigen zu muessen glaubte, dass er den Namen Messene zu einer Zeit
+brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil
+Homer keiner erwaehne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten
+halten, wie er will; nur verlangt man, dass er sich immer gleichbleibet
+und dass er sich nicht einmal ueber etwas Bedenken macht, worueber er ein
+andermal kuehnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, dass er den Anstoss
+vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen.
+Ueberhaupt wuerden mir die angefuehrten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch
+keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles
+vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald
+sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob
+Maffei die Illusion eher noch bestaerken wollen, indem er das Theater
+ausdruecklich ausser dem Theater annehmen laesst; doch die blossen Worte
+"Buehne" und "erdichten" sind der Sache schon nachteilig und bringen uns
+geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen
+Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung
+Vorstellungen entgegenzusetzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht
+es des Grades der Taeuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert.
+
+Ich habe schon gesagt, wie hart de la Lindelle dem Maffei mitspielt. Nach
+seinem Urteile hat Maffei sich mit dem begnuegt, was ihm sein Stoff von
+selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabei anzuwenden; sein Dialog ist
+ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Wuerde; da ist so
+viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Possenspiele, in der Bude
+des Harlekins, zu dulden waere; alles wimmelt von Ungereimtheiten und
+Schulschnitzern. "Mit einem Worte", schliesst er, "das Werk des Maffei
+enthaelt einen schoenen Stoff, ist aber ein sehr elendes Stueck. Alle Welt
+koemmt in Paris darin ueberein, dass man die Vorstellung desselben nicht
+wuerde haben aushalten koennen; und in Italien selbst wird von verstaendigen
+Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen
+Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold genommen, seine Tragoedie zu
+uebersetzen; er konnte leichter einen Uebersetzer bezahlen, als sein Stueck
+verbessern."
+
+So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Luegen, so finden sich auch
+selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindelle hat in vielen Stuecken
+wider den Maffei recht, und moechte er doch hoeflich oder grob sein, wenn
+er sich begnuegte, ihn bloss zu tadeln. Aber er will ihn unter die Fuesse
+treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke.
+Er schaemt sich nicht, offenbare Luegen zu sagen, augenscheinliche
+Verfaelschungen zu begehen, um nur ein recht haemisches Gelaechter
+aufschlagen zu koennen. Unter drei Streichen, die er tut, geht immer einer
+in die Luft, und von den andern zweien, die seinen Gegner streifen oder
+treffen, trifft einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopffechterei
+Platz machen soll, Voltairen selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum
+Teil gefuehlt zu haben und ist daher nicht saumselig, in der Antwort an
+Lindellen den Maffei in allen Stuecken zu verteidigen, in welchen er sich
+zugleich mitverteidigen zu muessen glaubt. Dieser ganzen Korrespondenz mit
+sich selbst, duenkt mich, fehlt das interessanteste Stueck; die Antwort des
+Maffei. Wenn uns doch auch diese der Hr. von Voltaire haette mitteilen
+wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichelei
+zu erschleichen hoffte? Nahm sich Maffei etwa die Freiheit, ihm hinwiederum
+die Eigentuemlichkeiten des franzoesischen Geschmacks ins Licht zu stellen,
+ihm zu zeigen, warum die franzoesische "Merope" ebensowenig in Italien, als
+die italienische in Frankreich gefallen koenne?--
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ ------In core
+ Pero mi venne di lanciar nel fiume
+ Il morto, o semivivio; e con fatica
+ (Ch' inutil' era per riuscire, e vana)
+ L' alzai da terra, e in terra rimaneva
+ Una pozza di sangue: a mezzo il ponte
+ Portailo in fretta, di vermiglia striscia
+ Sempre rigando il suol; quinci cadere
+ Col capo in giu il lasciai; piombo, e gran tonfo
+ S' udi nel profondarsi: in alto salse
+ Lo spruzzo, e l'onda sopra lui si chiuse.
+
+[2] Non essende dunque stato mio pensiero di seguir la Tragedia
+d'Euripide, non ho cercato per consequenza di porre nella mia que'
+sentimenti di essa, che son rimasti qua e la; avendone tradotti cinque
+versi Cicerone, e recati tre passi Plutarco, e due versi Gellio, e
+alcuni trovandosene ancora, se la memoria non m'inganna, presso
+Stobeo.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Stueck
+Den 25. September 1767
+
+So etwas laesst sich vermuten. Doch ich will lieber beweisen, was ich
+selbst gesagt habe, als vermuten, was andere gesagt haben koennten.
+
+Lindern, vors erste, liesse sich der Tadel des Lindelle fast in allen
+Punkten. Wenn Maffei gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump
+gefehlt, als uns Lindelle will glauben machen. Er sagt z.E., Aegisth,
+wenn ihn Merope nunmehr erstechen wolle, rufe aus: "O mein alter Vater!"
+und die Koenigin werde durch dieses Wort "alter Vater" so geruehret, dass
+sie von ihrem Vorsatze ablasse und auf die Vermutung komme, Aegisth koenne
+wohl ihr Sohn sein. "Ist das nicht", setzt er hoehnisch hinzu, "eine sehr
+gegruendete Vermutung! Denn freilich ist es ganz etwas Sonderbares, dass
+ein junger Mensch einen alten Vater hat. Maffei", faehrt er fort, "hat mit
+diesem Fehler, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern Fehler
+verbessern wollen, den er in der ersten Ausgabe seines Stueckes begangen
+hatte. Aegisth rief da: 'Ach, Polydor, mein Vater!' Und dieser Polydor
+war eben der Mann, dem Merope ihren Sohn anvertrauet hatte. Bei dem Namen
+Polydor haette die Koenigin gar nicht mehr zweifeln muessen, dass Aegisth ihr
+Sohn sei; und das Stueck waere ausgewesen. Nun ist dieser Fehler zwar
+weggeschafft, aber seine Stelle hat ein noch weit groeberer eingenommen."
+Es ist wahr, in der ersten Ausgabe nennt Aegisth den Polydor seinen
+Vater; aber in den nachherigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die
+Rede. Die Koenigin stutzt bloss bei dem Namen Polydor, der den Aegisth
+gewarnet habe, ja keinen Fuss in das messenische Gebiete zu setzen. Sie
+gibt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodert bloss naehere Erklaerung,
+und ehe sie diese erhalten kann, koemmt der Koenig dazu. Der Koenig laesst den
+Aegisth wieder losbinden, und da er die Tat, weswegen Aegisth eingebracht
+worden, billiget und ruehmet und sie als eine wahre Heldentat zu belohnen
+verspricht, so muss wohl Merope in ihren ersten Verdacht wieder zurueckfallen.
+Kann der ihr Sohn sein, den Polyphontes eben darum belohnen will, weil er
+ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluss muss notwendig bei ihr mehr gelten,
+als ein blosser Name. Sie bereuet es nunmehr auch, dass sie eines blossen
+Namens wegen, den ja wohl mehrere fuehren koennen, mit der Vollziehung ihrer
+Rache gezaudert habe:
+
+ Che dubitar? misera, ed io da un nome
+ Trattener mi lasciai, quasi un tal nome
+ Altri aver non potesse--
+
+und die folgenden Aeusserungen des Tyrannen koennen sie nicht anders als in
+der Meinung vollends bestaerken, dass er von dem Tode ihres Sohnes die
+allerzuverlaessigste, gewisseste Nachricht haben muesse. Ist denn das also
+nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muss ich gestehen,
+dass ich die Verbesserung des Maffei nicht einmal fuer sehr noetig halte.
+Lasst es den Aegisth immerhin sagen, dass sein Vater Polydor heisse! Ob es
+sein Vater oder sein Freund war, der so hiesse und ihn vor Messene warnte,
+das nimmt einander nicht viel. Genug, dass Merope, ohne alle Widerrede,
+das fuer wahrscheinlicher halten muss, was der Tyrann von ihm glaubet, da
+sie weiss, dass er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das,
+was sie aus der blossen Uebereinstimmung eines Namens schliessen koennte.
+Freilich, wenn sie wuesste, dass sich die Meinung des Tyrannen, Aegisth sei
+der Moerder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermutung
+gruende, so waere es etwas anders. Aber dieses weiss sie nicht; vielmehr hat
+sie allen Grund, zu glauben, dass er seiner Sache werde gewiss sein.--Es
+versteht sich, dass ich das, was man zur Not entschuldigen kann, darum
+nicht fuer schoen ausgebe; der Poet haette unstreitig seine Anlage viel
+feiner machen koennen. Sondern ich will nur sagen, dass auch so, wie er sie
+gemacht hat, Merope noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und
+dass es gar wohl moeglich und wahrscheinlich ist, dass Merope in ihrem
+Vorsatze der Rache verharren und bei der ersten Gelegenheit einen neuen
+Versuch, sie zu vollziehen, wagen koennen. Worueber ich mich also
+beleidiget finden moechte, waere nicht dieses, dass sie zum zweitenmale
+ihren Sohn als den Moerder ihres Sohnes zu ermorden koemmt, sondern dieses,
+dass sie zum zweitenmale durch einen gluecklichen ungefaehren Zufall daran
+verhindert wird. Ich wuerde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropen auch
+nicht eigentlich nach den Gruenden der groessern Wahrscheinlichkeit sich
+bestimmen liesse; denn die Leidenschaft, in der sie ist, koennte auch den
+Gruenden der schwaechern das Uebergewicht erteilen. Aber das kann ich ihm
+nicht verzeihen, dass er sich so viel Freiheit mit dem Zufalle nimmt und
+mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den
+gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Dass der Zufall einmal der Mutter
+einen so frommen Dienst erweiset, das kann sein; wir wollen es umso viel
+lieber glauben, je mehr uns die Ueberraschung gefaellt. Aber dass er zum
+zweiten Male die naemliche Uebereilung auf die naemliche Weise verhindern
+werde, das sieht dem Zufalle nicht aehnlich; ebendieselbe Ueberraschung
+wiederholt, hoert auf, Ueberraschung zu sein; ihre Einfoermigkeit
+beleidiget, und wir aergern uns ueber den Dichter, der zwar ebenso
+abenteuerlich, aber nicht ebenso mannigfaltig zu sein weiss, als
+der Zufall.
+
+Von den augenscheinlichen und vorsaetzlichen Verfaelschungen des Lindelle
+will ich nur zwei anfuehren.--"Der vierte Akt", sagt er, "faengt mit einer
+kalten und unnoetigen Szene zwischen dem Tyrannen und der Vertrauten der
+Merope an; hierauf begegnet diese Vertraute, ich weiss selbst nicht wie,
+dem jungen Aegisth und beredet ihn, sich in dem Vorhause zur Ruhe zu
+begeben, damit, wenn er eingeschlafen waere, ihn die Koenigin mit aller
+Gemaechlichkeit umbringen koenne. Er schlaeft auch wirklich ein, so wie er
+es versprochen hat. O schoen! und die Koenigin koemmt zum zweiten Male,
+mit einer Axt in der Hand, um den jungen Menschen umzubringen, der
+ausdruecklich deswegen schlaeft. Diese naemliche Situation, zweimal
+wiederholt verraet die aeusserste Unfruchtbarkeit; und dieser Schlaf des
+jungen Menschen ist so laecherlich, dass in der Welt nichts laecherlicher
+sein kann." Aber ist es denn auch wahr, dass ihn die Vertraute zu diesem
+Schlafe beredet? Das luegt Lindelle.[1] Aegisth trifft die Vertraute an
+und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Koenigin so
+ergrimmt auf ihn sei. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles
+sagen; aber ein wichtiges Geschaefte rufe sie itzt woanders hin; er solle
+einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bei ihm sein.
+Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Koenigin in die Haende
+zu liefern; sie beredet ihn, zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und
+Aegisth, welcher seinem Versprechen nach bleibet, schlaeft, nicht seinem
+Versprechen nach, sondern schlaeft, weil er muede ist, weil es Nacht ist,
+weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen koennen als
+hier.[2]--Die zweite Luege des Lindelle ist von eben dem Schlage.
+"Merope", sagt er, "nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres
+Sohnes verhindert, fragt ihn, was fuer eine Belohnung er dafuer verlange;
+und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjuengen." Bittet sie, ihn zu
+verjuengen? "Die Belohnung meines Dienstes", antwortet der Alte, "ist
+dieser Dienst selbst; ist dieses, dass ich dich vergnuegt sehe. Was
+koenntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts.
+Eines moechte ich mir wuenschen, aber das stehet weder in deiner; noch in
+irgendeines Sterblichen Gewalt, mir zu gewaehren; dass mir die Last meiner
+Jahre, unter welcher ich erliege, erleichtert wuerde usw."[3] Heisst das:
+Erleichtere du mir diese Last? Gib du mir Staerke und Jugend wieder? Ich
+will gar nicht sagen, dass eine solche Klage ueber die Ungemaechlichkeiten
+des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen
+in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit
+Wahnwitz? Und mussten nicht Polydor und sein Dichter im eigentlichsten
+Verstande wahnwitzig sein, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den
+Mund legte, die Lindelle ihnen anluegt?--Anluegt! Luegen! Verdienen solche
+Kleinigkeiten wohl so harte Worte?--Kleinigkeiten? Was dem Lindelle
+wichtig genug war, darum zu luegen, soll das einem dritten nicht wichtig
+genug sein, ihm zu sagen, dass er gelogen hat?--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindelle
+sagt: Ensuite cette suivante rencontre le jeune Egiste, je ne sais
+comment, et lui persuade de se reposer dans le vestibule, afin que, quand
+il sera endormi, la reine puisse le tuer tout a son aise, sondern auch
+der Hr. von Voltaire selbst: La confidente de Merope engage le jeune
+Egiste a dormir sur la scene, afin de donner le temps a la reine de venir
+l'y assassiner. Was aus dieser Uebereinstimmung zu schliessen ist, brauche
+ich nicht erst zu sagen. Selten stimmt ein Luegner mit sich selbst
+ueberein; und wenn zwei Luegner miteinander uebereinstimmen, so ist es gewiss
+abgeredete Karte.
+
+[2]
+ Egi. Ma di tanto furor, di tanto affanno
+ Qual' ebbe mai cagion?--
+ Ism. Il tutto
+ Scoprirti io non ricuso; ma egli e d'uopo
+ Che qui t'arresti per brev' ora: urgente
+ Cura or mi chiama altrove.
+ Egi. Io volontieri
+ T'attendo quanto vuoi. Ism. Ma non partire
+ E non far si, ch' io qua ritorni indarno.
+ Egi. Mia fe do in pegno; e dove gir dovrei?--
+
+
+ [3]
+ Mer. Ma quale, o mio fedel, qual potro io
+ Darti gia mai merce, che i merti agguagli?
+ Pol. Il mio stesso servir fu premio; ed ora
+ M'e, il vederti contenta, ampia mercede.
+ Che vuoi tu darmi? io nulla bramo: caro
+ Sol mi saria cio, ch' altri dar non puote;
+ Che scemato mi fosse il grave incarco
+ De gli anni, che mi sta su'l capo, e a terra
+ Il curva, e prime si, che parmi un monte.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Stueck
+Den 29. September 1767
+
+Ich komme auf den Tadel des Lindelle, welcher den Voltaire so gut als den
+Maffei trifft, dem er doch nur allein zugedacht war.
+
+Ich uebergehe die beiden Punkte, bei welchen es Voltaire selbst fuehlte,
+dass der Wurf auf ihn zurueckpralle.--Lindelle hatte gesagt, dass es sehr
+schwache und unedle Merkmale waeren, aus welchen Merope bei Maffei
+schliesse, dass Aegisth der Moerder ihres Sohnes sei. Voltaire antwortet:
+"Ich kann es Ihnen nicht bergen; ich finde, das Maffei es viel
+kuenstlicher angelegt hat, als ich, Meropen glauben zu machen, dass ihr
+Sohn der Moerder ihres Sohnes sei. Er konnte sich eines Ringes dazu
+bedienen, und das durfte ich nicht; denn seit dem koeniglichen Ringe, ueber
+den Boileau in seinen Satiren spottet, wuerde das auf unserm Theater sehr
+klein scheinen." Aber musste denn Voltaire eben eine alte Ruestung anstatt
+des Ringes waehlen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn,
+auch die Ruestung des ermordeten Vaters mitzunehmen? Damit Aegisth, wenn
+er erwachsen waere, sich keine neue Ruestung kaufen duerfe und sich mit der
+alten seines Vaters behelfen koenne? Der vorsichtige Alte! Liess er sich
+nicht auch ein paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah
+es, damit Aegisth einmal an dieser Ruestung erkannt werden koenne? So eine
+Ruestung gab es wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienruestung, die
+Vulkan selbst dem Grossgrossvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche
+Ruestung? Oder wenigstens mit schoenen Figuren und Sinnbildern versehen,
+an welchen sie Eurikles und Merope nach funfzehn Jahren sogleich wieder
+erkannten? Wenn das ist: so musste sie der Alte freilich mitnehmen; und
+der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu sein, dass er unter den
+blutigen Verwirrungen, bei welchen ein anderer nur an das Kind gedacht
+haette, auch zugleich an eine so nuetzliche Moebel dachte. Wenn Aegisth
+schon das Reich seines Vaters verlor, so musste er doch nicht auch die
+Ruestung seines Vaters verlieren, in der er jenes wiedererobern konnte.
+--Zweitens hatte sich Lindelle ueber den Polyphont des Maffei aufgehalten,
+der die Merope mit aller Gewalt heiraten will. Als ob der Voltairische
+das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: "Weder Maffei noch
+ich haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Polyphont durchaus
+Meropen zu seiner Gemahlin verlangt. Das ist vielleicht ein Fehler des
+Stoffes; aber ich bekenne Ihnen, dass ich einen solchen Fehler fuer sehr
+gering halte, wenn das Interesse, welches er hervorbringt, betraechtlich
+ist." Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstande
+eben hat Maffei den Stoff veraendert. Was brauchte Voltaire diese
+Veraenderung anzunehmen, wenn er seinen Vorteil nicht dabei sahe?--
+
+Der Punkte sind mehrere, bei welchen Voltaire eine aehnliche Ruecksicht auf
+sich selbst haette nehmen koennen: aber welcher Vater sieht alle Fehler
+seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar
+nicht scharfsichtiger zu sein, als der Vater; genug, dass er nicht der
+Vater ist. Gesetzt also, ich waere dieser Fremde!
+
+Lindelle wirft dem Maffei vor, dass er seine Szenen oft nicht verbinde,
+dass er das Theater oft leer lasse, dass seine Personen oft ohne Ursache
+auftreten und abgingen; alles wesentliche Fehler, die man heutzutage auch
+dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe.--Wesentliche Fehler dieses?
+Doch das ist die Sprache der franzoesischen Kunstrichter ueberhaupt; die
+muss ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen
+will. So wesentlich oder unwesentlich sie aber auch sein moegen; wollen
+wir es Lindellen auf sein Wort glauben, dass sie bei den Dichtern seines
+Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der groessten
+Regelmaessigkeit ruehmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln
+eine solche Ausdehnung geben, dass es sich kaum mehr der Muehe verlohnet,
+sie als Regeln vorzutragen oder sie auf eine solche linke und gezwungene
+Art beobachten, dass es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen,
+als gar nicht.[1] Besonders ist Voltaire ein Meister, sich die Fesseln
+der Kunst so leicht, so weit zu machen, dass er alle Freiheit behaelt, sich
+zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer
+und macht so aengstliche Verdrehungen, dass man meinen sollte, jedes Glied
+von ihm sei an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Ueberwindung,
+ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es
+bei der gemeinen Klasse von Kunstrichtern noch so sehr Mode ist, es fast
+aus keinem andern als aus diesem zu betrachten; da es der ist, aus welchem
+die Bewunderer des franzoesischen Theaters das lauteste Geschrei erheben:
+so will ich doch erst genauer hinsehen, ehe ich in ihr Geschrei mit
+einstimme.
+
+1. Die Szene ist zu Messene, in dem Palaste der Merope. Das ist, gleich
+anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den
+Grundsaetzen und Beispielen der Alten, ein Hedelin verlangen zu koennen
+glaubte. Die Szene muss kein ganzer Palast, sondern nur ein Teil des
+Palastes sein, wie ihn das Auge aus einem und ebendemselben Standorte zu
+uebersehen faehig ist. Ob sie ein ganzer Palast oder eine ganze Stadt oder
+eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerlei Ungereimtheit. Doch
+schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein
+ausdrueckliches Gebot bei den Alten findet, die weitere Ausdehnung und
+wollte, dass eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sei.
+Wenn er seine besten Stuecke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so
+musste er wohl so nachgebend sein. Was Corneillen aber erlaubt war, das
+muss Voltairen recht sein. Ich sage also nichts dagegen, dass eigentlich
+die Szene bald in dem Zimmer der Koenigin, bald in dem oder jenem Saale,
+bald in dem Vorhofe, bald nach dieser, bald nach einer andern Aussicht
+muss gedacht werden. Nur haette er bei diesen Abwechselungen auch die
+Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabei empfahl: sie muessen nicht
+in dem naemlichen Akte, am wenigsten in der naemlichen Szene angebracht
+werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muss durch diesen ganzen
+Akt dauern; und ihn vollends in ebenderselben Szene abaendern oder auch
+nur erweitern oder verengern, ist die aeusserste Ungereimtheit von der
+Welt.--Der dritte Akt der "Merope" mag auf einem freien Platze, unter
+einem Saeulengange oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das
+Grabmal des Kresphontes zu sehen, an welchem die Koenigin den Aegisth mit
+eigener Hand hinrichten will: Was kann man sich armseliger vorstellen,
+als dass, mitten in der vierten Szene, Eurikles, der den Aegisth
+wegfuehret, diese Vertiefung hinter sich zuschliessen muss? Wie schliesst er
+sie zu? Faellt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen
+Vorhang das, was Hedelin von dergleichen Vorhaengen ueberhaupt sagt, gepasst
+hat, so ist es auf diesen;[2] besonders wenn man zugleich die Ursache
+erwaegt, warum Aegisth so ploetzlich abgefuehrt, durch diese Maschinerie so
+augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muss, von der ich hernach
+reden will.--Ebenso ein Vorhang wird in dem fuenften Akte aufgezogen. Die
+ersten sechs Szenen spielen in einem Saale des Palastes: und mit der
+siebenten erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um
+einen toten Koerper in einem blutigen Rocke sehen zu koennen. Durch welches
+Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl wert? Man wird sagen,
+die Tueren dieses Tempels oeffnen sich auf einmal, Merope bricht auf einmal
+mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in
+denselben. Ich verstehe; dieser Tempel war Ihro verwitweten Koeniglichen
+Majestaet Schlosskapelle, die gerade an den Saal stiess und mit ihm
+Kommunikation hatte, damit Allerhoechstdieselben jederzeit trocknes Fusses
+zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses
+Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hereingehen sehen;
+wenigstens den Aegisth, der am Ende der vierten Szene zu laufen hat und
+ja den kuerzesten Weg nehmen muss, wenn er, acht Zeilen darauf, seine Tat
+schon vollbracht haben soll.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Dieses war zum Teil schon das Urteil unsers Schlegels. "Die Wahrheit
+zu gestehen", sagt er in seinen Gedanken zur Aufnahme des daenischen
+Theaters, "beobachten die Englaender, die sich keiner Einheit des Ortes
+ruehmen, dieselbe grossenteils viel besser als die Franzosen, die sich
+damit viel wissen, dass sie die Regeln des Aristoteles so genau
+beobachten. Darauf koemmt gerade am allerwenigsten an, dass das Gemaelde der
+Szenen nicht veraendert wird. Aber wenn keine Ursache vorhanden ist, warum
+die auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte befinden und nicht
+vielmehr an demjenigen geblieben sind, wo sie vorhin waren; wenn eine
+Person sich als Herr und Bewohner eben des Zimmers auffuehrt, wo kurz
+vorher eine andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hause waere, in aller
+Gelassenheit mit sich selbst oder mit einem Vertrauten gesprochen, ohne
+dass dieser Umstand auf eine wahrscheinliche Weise entschuldiget wird;
+kurz, wenn die Personen nur deswegen in den angezeigten Saal oder Garten
+kommen, um auf die Schaubuehne zu treten: so wuerde der Verfasser des
+Schauspiels am besten getan haben, anstatt der Worte 'der Schauplatz ist
+ein Saal in Climenens Hause' unter das Verzeichnis seiner Personen zu
+setzen: 'der Schauplatz ist auf dem Theater'. Oder, im Ernste zu reden,
+es wuerde weit besser gewesen sein, wenn der Verfasser nach dem Gebrauche
+der Englaender die Szene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern
+verlegt und also den Zuschauer seinem Helden nachgefuehret haette, als dass
+er seinem Helden die Muehe macht, den Zuschauern zu Gefallen an einen
+Platz zu kommen, wo er nichts zu tun hat."
+
+[2] On met des rideaux qui se tirent et retirent, pour faire que les
+Acteurs paraissent ei disparaissent selon la necessite du Sujet--ces
+rideaux ne sont bons qu'a faire des couvertures pour berner ceux qui les
+ont inventes, et ceux qui les approuvent. Pratique du Theatre. Liv.
+II. chap. 6.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfundvierzigstes Stueck
+Den 2. Oktober 1767
+
+2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit
+der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner
+"Merope" vorgehen laesst, an einem Tage geschehen, und sage, wieviel
+Ungereimtheiten man sich dabei denken muss. Man nehme immer einen
+voelligen, natuerlichen Tag; man gebe ihm immer die dreissig Stunden, auf
+die Corneille ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar
+keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem
+Zeitraume nicht haetten geschehen koennen; aber desto mehr moralische. Es
+ist freilich nicht unmoeglich, dass man innerhalb zwoelf Stunden um ein
+Frauenzimmer anhalten und mit ihr getrauet sein kann; besonders wenn man
+es mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht,
+verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die
+allertriftigsten und dringendsten Ursachen gerechtfertiget zu wissen?
+Findet sich hingegen auch kein Schatten von solchen Ursachen, wodurch
+soll uns, was bloss physikalischer Weise moeglich ist, denn wahrscheinlich
+werden? Der Staat will sich einen Koenig waehlen; Polyphont und der
+abwesende Aegisth koennen allein dabei in Betrachtung kommen; um die
+Ansprueche des Aegisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben
+heiraten; an ebendemselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht er ihr
+den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl geht vor sich und faellt fuer ihn
+aus; Polyphont ist also Koenig, und man sollte glauben, Aegisth moege
+nunmehr erscheinen, wenn er wolle, der neuerwaehlte Koenig koenne es vors
+erste mit ihm ansehen. Nichts weniger; er bestehet auf der Heirat, und
+bestehet darauf, dass sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben
+des Tages, an dem er Meropen zum ersten Male seine Hand angetragen; eben
+des Tages, da ihn das Volk zum Koenige ausgerufen. Ein so alter Soldat,
+und ein so hitziger Freier! Aber seine Freierei ist nichts als Politik.
+Desto schlimmer; diejenige, die er in sein Interesse verwickeln will, so
+zu misshandeln! Merope hatte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht
+Koenig war, als sie glauben musste, dass ihn ihre Hand vornehmlich auf den
+Thron verhelfen sollte; aber nun ist er Koenig und ist es geworden, ohne
+sich auf den Titel ihres Gemahls zu gruenden; er wiederhole seinen Antrag,
+und vielleicht gibt sie es naeher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu
+vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewoehnen, ihn
+als ihresgleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu
+noetig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen?
+Wird es ihren Anhaengern unbekannt bleiben, dass sie gezwungen worden?
+Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu muessen glauben? Werden sie
+nicht auch darum dem Aegisth, sobald er sich zeigt, beizutreten und in
+seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben sich fuer
+verbunden achten? Vergebens, dass das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer
+funfzehn Jahr sonst so bedaechtig zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun
+selbst in die Haende liefert und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne
+alle Ansprueche zu besitzen, anbietet, das weit kuerzer, weit unfehlbarer
+ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muss geheiratet
+sein, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue Koenig will bei der
+alten Koenigin noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man
+sich etwas Komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn dass es
+einem Menschen, der nur einen Funken von Verstande hat, einkommen koenne,
+wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also
+dem Dichter, dass die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer
+wirklichen Eraeugung ungefaehr nicht viel mehr Zeit brauchen wuerden, als
+auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und dass diese Zeit mit der, welche
+auf die Zwischenakte gerechnet werden muss, noch lange keinen voelligen
+Umlauf der Sonne erfodert: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet?
+Die Worte dieser Regel hat er erfuellt, aber nicht ihren Geist. Denn was
+er an einem Tage tun laesst, kann zwar an einem Tage getan werden, aber
+kein vernuenftiger Mensch wird es an einem Tage tun. Es ist an der
+physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muss auch die moralische dazu
+kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt dass die
+Verletzung der erstern, ob sie gleich meistens eine Unmoeglichkeit
+involvieret, dennoch nicht immer so allgemein anstoessig ist, weil diese
+Unmoeglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z.E. in einem Stuecke
+von einem Orte zum andern gereiset wird, und diese Reise allein mehr als
+einen ganzen Tag erfodert, so ist der Fehler nur denen merklich, welche
+den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht
+alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen koennen es
+an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich einen Tag, und zu
+welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die
+physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der
+moralischen zu beobachten verstehet und sich kein Bedenken macht, diese
+jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vorteil
+und opfert das Wesentlichere dem Zufaelligen auf.--Maffei nimmt doch
+wenigstens noch eine Nacht zu Hilfe; und die Vermaehlung, die Polyphont
+der Merope heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch
+ist es bei ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget;
+die Begebenheiten pressen sich folglich weniger; sie eilen, aber sie
+uebereilen sich nicht. Voltairens Polyphont ist ein Ephemeron von einem
+Koenige, der schon darum den zweiten Tag nicht zu regieren verdienet, weil
+er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfaengt.
+
+3. Maffei, sagt Lindelle, verbinde oefters die Szenen nicht, und das
+Theater bleibe leer; ein Fehler, den man heutzutage auch den geringsten
+Poeten nicht verzeihe. "Die Verbindung der Szenen", sagt Corneille, "ist
+eine grosse Zierde eines Gedichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit
+der Handlung besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie
+ist aber doch nur eine Zierde und keine Regel; denn die Alten haben sich
+ihr nicht immer unterworfen usw." Wie? ist die Tragoedie bei den Franzosen
+seit ihrem grossen Corneille so viel vollkommener geworden, dass das, was
+dieser bloss fuer eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher
+Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der
+Tragoedie noch mehr verkennen gelernt, dass sie auf Dinge einen so grossen
+Wert legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden
+ist, mag Corneille immer wenigstens ebenso glaubwuerdig sein, als
+Lindelle; und was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler
+bei dem Maffei ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire
+aufgehen, nach welchem er das Theater oefters laenger voll laesst, als es
+bleiben sollte. Wenn z.E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Koenigin
+koemmt, und die Koenigin mit der dritten Szene abgeht, mit was fuer Recht
+kann Polyphont in dem Zimmer der Koenigin verweilen? Ist dieses Zimmer der
+Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so frei herauslassen sollte? Das
+Beduerfnis des Dichters verraet sich in der vierten Szene gar zu deutlich,
+in der wir zwar Dinge erfahren, die wir notwendig wissen muessen, nur dass
+wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es nimmermehr erwartet haetten.
+
+4. Maffei motiviert das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar
+nicht:--und Voltaire motiviert es ebensooft falsch; welches wohl noch
+schlimmer ist. Es ist nicht genug, dass eine Person sagt, warum sie koemmt,
+man muss auch aus der Verbindung einsehen, dass sie darum kommen muessen.
+Es ist nicht genug, dass sie sagt, warum sie abgeht, man muss auch in dem
+Folgenden sehen, dass sie wirklich darum abgegangen ist. Denn sonst ist
+das, was ihr der Dichter desfalls in den Mund legt, ein blosser Vorwand
+und keine Ursache. Wenn z.E. Eurikles in der dritten Szene des zweiten
+Akts abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Koenigin zu versammeln, so
+muesste man von diesen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch
+hernach etwas hoeren. Da wir aber nichts davon zu hoeren bekommen, so ist
+sein Vorgeben ein schuelerhaftes Peto veniam exeundi, mit der ersten
+besten Luegen, die dem Knaben einfaellt. Er geht nicht ab, um das zu tun,
+was er sagt, sondern um, ein paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht
+wiederkommen zu koennen, die der Poet durch keinen andern erteilen zu
+lassen wusste. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlusse ganzer
+Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Meropen, dass der
+Altar ihrer erwarte, dass zu ihrer feierlichen Verbindung schon alles
+bereit sei; und so geht er mit einem Venez, Madame ab. Madame aber folgt
+ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Kulisse
+hinein, worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfaengt, und nicht etwa
+seinen Unwillen aeussert, dass ihm die Koenigin nicht in den Tempel gefolgt
+ist (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit), sondern
+wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, ueber die er nicht hier, ueber
+die er zu Hause in seinem Gemache mit ihm haette schwatzen sollen. Nun
+schliesst auch der vierte Akt, und schliesst vollkommen wie der dritte.
+Polyphont zitiert die Koenigin nochmals nach dem Tempel, Merope
+selbst schreiet,
+
+ Courons tous vers le temple ou m'attend mon outrage;
+
+und zu den Opferpriestern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie,
+
+ Vous venez a l'autel entrainer la victime.
+
+Folglich werden sie doch gewiss zu Anfange des fuenften Akts in dem Tempel
+sein, wo sie nicht schon gar wieder zurueck sind? Keines von beiden; gut
+Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und koemmt noch
+einmal wieder, und schickt auch die Koenigin noch einmal wieder.
+Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten
+und fuenften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen
+sollte, sondern es geschieht auch, platterdings, gar nichts, und der
+dritte und vierte Akt schliessen bloss, damit der vierte und fuenfte wieder
+anfangen koennen.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Stueck
+Den 6. Oktober 1767
+
+Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden; ein anderes, sie wirklich
+beobachten. Jenes tun die Franzosen; dieses scheinen nur die Alten
+verstanden zu haben.
+
+Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die
+Einheit der Zeit und die Einheit des Ortes waren gleichsam nur Folgen aus
+jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben wuerden, als es jene
+notwendig erfordert haette, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu
+gekommen waere. Da naemlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen
+haben mussten und diese Menge immer die naemliche blieb, welche sich weder
+weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch laenger aus denselben
+wegbleiben konnte, als man gewoehnlichermassen der blossen Neugierde wegen
+zu tun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen
+und ebendenselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und
+ebendenselben Tag einschraenken. Dieser Einschraenkung unterwarfen sie sich
+denn auch bona fide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstande, dass
+sie, unter neun Malen, siebenmal weit mehr dabei gewannen, als verloren.
+Denn sie liessen sich diesen Zwang einen Anlass sein, die Handlung selbst
+so zu simplifizieren, alles Ueberfluessige so sorgfaeltig von ihr abzusondern,
+dass sie, auf ihre wesentlichsten Bestandteile gebracht, nichts als ein
+Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am
+gluecklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umstaenden der Zeit
+und des Ortes verlangte.
+
+Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen
+Geschmack fanden, die durch die wilden Intrigen der spanischen Stuecke
+schon verwoehnt waren, ehe sie die griechische Simplizitaet kennenlernten,
+betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts nicht als Folgen jener
+Einheit, sondern als fuer sich zur Vorstellung einer Handlung
+unumgaengliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und
+verwickeltern Handlungen in eben der Strenge anpassen muessten, als es nur
+immer der Gebrauch des Chors erfordern koennte, dem sie doch gaenzlich
+entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie unmoeglich oefters
+dieses sei: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren
+voelligen Gehorsam aufzukuendigen nicht Mut genug hatten, ein Abkommen.
+Anstatt eines einzigen Ortes fuehrten sie einen unbestimmten Ort ein,
+unter dem man sich bald den, bald jenen einbilden koenne; genug, wenn
+diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit auseinanderlaegen und keiner
+eine besondere Verzierung beduerfe, sondern die naemliche Verzierung
+ungefaehr dem einen so gut als dem andern zukommen koenne. Anstatt der
+Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine
+gewisse Zeit, in der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne
+hoerte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht oefterer als einmal
+zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherlei darin
+ereignen, liessen sie fuer einen Tag gelten.
+
+Niemand wuerde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich
+auch so noch vortreffliche Stuecke machen; und das Sprichwort sagt, bohre
+das Brett, wo es am duennsten ist.--Aber ich muss meinen Nachbar nur auch
+da bohren lassen. Ich muss ihm nicht immer nur die dickeste Kante, den
+astigsten Teil des Brettes zeigen und schreien. da bohre mir durch! da
+pflege ich durchzubohren!--Gleichwohl schreien die franzoesischen
+Kunstrichter alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stuecke der
+Englaender kommen. Was fuer ein Aufhebens machen sie von der Regelmaessigkeit,
+die sie sich so unendlich erleichtert haben!--Doch mir ekelt, mich bei
+diesen Elementen laenger aufzuhalten.
+
+Moechten meinetwegen Voltairens und Maffeis "Merope" acht Tage dauern und
+an sieben Orten in Griechenland spielen! Moechten sie aber auch nur die
+Schoenheiten haben, die mich diese Pedanterien vergessen machen!
+
+Die strengste Regelmaessigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren
+nicht aufwiegen. Wie abgeschmackt Polyphont bei dem Maffei oefters spricht
+und handelt, ist Lindellen nicht entgangen. Er hat recht, ueber die
+heillosen Maximen zu spotten, die Maffei seinem Tyrannen in den Mund
+legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu raeumen; das Volk
+in alle die Wollueste zu versenken, die es entkraeften und weibisch machen
+koennen; die groessten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der
+Gnade, ungestraft zu lassen usw., wenn es einen Tyrannen gibt, der diesen
+unsinnigen Weg zu regieren einschlaegt, wird er sich dessen auch ruehmen?
+So schildert man die Tyrannen in einer Schuluebung; aber so hat noch
+keiner von sich selbst gesprochen.[1]--Es ist wahr, so gar frostig und
+wahnwitzig laesst Voltaire seinen Polyphont nicht deklamieren; aber
+mitunter laesst er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiss kein Mann von
+dieser Art ueber die Zunge bringt. Z.E.
+
+ --Des Dieux quelquefois la longue patience
+ Fait sur nous a pas lents descendre la vengeance--
+
+Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie
+nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu
+neuen Verbrechen aufmuntert:
+
+ Eh bien, encor ce crime!--
+
+Wie unbesonnen und in den Tag hinein er gegen Meropen handelt, habe ich
+schon beruehrt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem ebenso
+verschlagenen als entschlossenen Manne, wie ihn uns der Dichter von
+Anfange schildert, noch weniger aehnlich. Aegisth haette bei dem Opfer
+gerade nicht erscheinen muessen. Was soll er da? Ihm Gehorsam schwoeren? In
+den Augen des Volks? Unter dem Geschrei seiner verzweifelnden Mutter?
+Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte?[2] Er
+hat sich fuer seine Person alles von dem Aegisth zu versehen; Aegisth
+verlangt nur sein Schwert wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit
+eins zu entscheiden; und diesen tollkuehnen Aegisth laesst er sich an dem
+Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand faellt, ein Schwert
+werden kann, so nahe kommen? Der Polyphont des Maffei ist von diesen
+Ungereimtheiten frei; denn dieser kennt den Aegisth nicht und haelt ihn
+fuer seinen Freund. Warum haette Aegisth sich ihm also bei dem Altare nicht
+naehern duerfen? Niemand gab auf seine Bewegungen acht; der Streich war
+geschehen und er zu dem zweiten schon bereit, ehe es noch einem Menschen
+einkommen konnte, den ersten zu raechen.
+
+"Merope", sagt Lindelle, "wenn sie bei dem Maffei erfaehrt, dass ihr Sohn
+ermordet sei, will dem Moerder das Herz aus dem Leibe reissen und es mit
+ihren Zaehnen zerfleischen.[3] Das heisst, sich wie eine Kannibalin und
+nicht wie eine betruebte Mutter ausdruecken; das Anstaendige muss ueberall
+beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die franzoesische Merope
+delikater ist, als dass sie so in ein rohes Herz, ohne Salz und Schmalz,
+beissen sollte: so duenkt mich doch, ist sie im Grunde ebensogut
+Kannibalin, als die italienische.--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Atto III. Sc. I.
+
+ ----Quando
+ Saran da poi sopiti alquanto, e queti
+ Gli animi, l'arte del regnar mi giovi.
+ Per mute oblique vie n'andranno a Stige
+ L'alme piu audaci, e generose. A i vizi
+ I'er cui vigor si abbatte, ardir si toglie
+ Il freno allarghero. Lunga clemenza
+ Con pompa di pieta faro, che splenda
+ Su i delinquenti; a i gran delitti invito,
+ Onde restino i buoni esposti, e paghi
+ Renda gl' iniqui la licenza; ed onde
+ Poi fra se distruggendosi, in crudeli
+ Gare private il lor furor si stempri.
+ Udrai sovente risonar gli editti.
+ E raddopiar le leggi, che al sovrano
+ Giovan servate, e transgredite. Udrai
+ Correr minaccia ognor di guerra esterna;
+ Ond' io n'andro su l'atterrita plebe
+ Sempre crescendo i pesi, e peregrine
+ Milizie introdurro.--
+
+[2]
+ Si ce fils, tant pleure, dans Messene est produit,
+ De quinze ans de travaux j'ai perdu tout le fruit.
+ Crois-moi, ces prejuges de sang et de naissance
+ Revivront dans les coeurs, y prendront sa defense.
+ Le souvenir du pere, et cent rois pour aieux,
+ Cet honneur pretendu d'etre issu de nos Dieux;
+ Les cris, le desespoir d'une mere eploree.
+ Detruiront ma puissance encor mal assuree.
+
+[3]
+ Quel scelerato in mio poter vorrei
+ Per trarne prima, s'ebbe parte in questo
+ Assassinio il tiranno; io voglio poi
+ Con una scure spalancargli il petto,
+ Voglio strappargli il cor, vogho co' denti
+ Lacerarlo, e sbranarlo--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Stueck
+Den 9. Oktober 1767
+
+Und wie das?--Wenn es unstreitig ist, dass man den Menschen mehr nach
+seinen Taten, als nach seinen Reden richten muss; dass ein rasches Wort, in
+der Hitze der Leidenschaft ausgestossen, fuer seinen moralischen Charakter
+wenig, eine ueberlegte kalte Handlung aber alles beweiset: so werde ich
+wohl recht haben. Merope, die sich in der Ungewissheit, in welcher sie von
+dem Schicksale ihres Sohnes ist, dem bangsten Kummer ueberlaesst, die immer
+das Schrecklichste besorgt, und in der Vorstellung, wie ungluecklich ihr
+abwesender Sohn vielleicht sei, ihr Mitleid ueber alle Unglueckliche
+erstrecket: ist das schoene Ideal einer Mutter. Merope, die in dem
+Augenblicke, da sie den Verlust des Gegenstandes ihrer Zaertlichkeit
+erfaehrt, von ihrem Schmerze betaeubt dahinsinkt, und ploetzlich, sobald sie
+den Moerder in ihrer Gewalt hoeret, wieder aufspringt und tobet und wuetet
+und die blutigste schrecklichste Rache an ihm zu vollziehen drohet und
+wirklich vollziehen wuerde, wenn er sich eben unter ihren Haenden befaende:
+ist eben dieses Ideal, nur in dem Stande einer gewaltsamen Handlung, in
+welchem es an Ausdruck und Kraft gewinnet, was es an Schoenheit und
+Ruehrung verloren hat. Aber Merope, die sich zu dieser Rache Zeit nimmt,
+Anstalten dazu vorkehret, Feierlichkeiten dazu anordnet und selbst die
+Henkerin sein, nicht toeten, sondern martern, nicht strafen, sondern ihre
+Augen an der Strafe weiden will: ist das auch noch eine Mutter? Freilich
+wohl; aber eine Mutter, wie wir sie uns unter den Kannibalinnen denken;
+eine Mutter, wie es jede Baerin ist.--Diese Handlung der Merope gefalle
+wem da will; mir sage er es nur nicht, dass sie ihm gefaellt, wenn ich ihn
+nicht ebensosehr verachten, als verabscheuen soll.
+
+Vielleicht duerfte der Herr von Voltaire auch dieses zu einem Fehler des
+Stoffes machen; vielleicht duerfte er sagen, Merope muesse ja wohl den
+Aegisth mit eigner Hand umbringen wollen, oder der ganze coup de theatre,
+den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athenienser
+ehedem so sehr entzueckt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire wuerde
+sich wiederum irren und die willkuerlichen Abweichungen des Maffei
+abermals fuer den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, dass
+Merope den Aegisth mit eigner Hand ermorden will, allein er erfordert
+nicht, dass sie es mit aller Ueberlegung tun muss. Und so scheinet sie es
+auch bei dem Euripides nicht getan zu haben, wenn wir anders die Fabel
+des Hyginus fuer den Auszug seines Stuecks annehmen duerfen. Der Alte koemmt
+und sagt der Koenigin weinend, dass ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte
+sie gehoert, dass ein Fremder angelangt sei, der sich ruehme, ihn umgebracht
+zu haben, und dass dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie
+ergreift das erste das beste, was ihr in die Haende faellt, eilet voller
+Wut nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung
+geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war
+sehr simpel und natuerlich, sehr ruehrend und menschlich! Die Athenienser
+zitterten fuer den Aegisth, ohne Meropen verabscheuen zu duerfen. Sie
+zitterten fuer Meropen selbst, die durch die gutartigste Uebereilung Gefahr
+lief, die Moerderin ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber
+machen mich bloss fuer den Aegisth zittern; denn auf ihre Merope bin ich so
+ungehalten, dass ich es ihr fast goennen moechte, sie vollfuehrte den
+Streich. Moechte sie es doch haben! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen,
+so haette sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie
+so eine blutduerstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache
+in der ersten Hitze mit dem Moerder, was sie will, ich verzeihe ihr, sie
+ist Mensch und Mutter; auch will ich gern mit ihr jammern und
+verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze
+zu verwuenschen habe. Aber, Madame, einen jungen Menschen, der Sie kurz
+zuvor so sehr interessierte, an dem Sie so viele Merkmale der
+Aufrichtigkeit und Unschuld erkannten, weil man eine alte Ruestung bei ihm
+findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Moerder Ihres Sohnes, an
+dem Grabmale seines Vaters, mit eigner Hand abschlachten zu wollen,
+Leibwache und Priester dazu zu Hilfe zu nehmen--O pfui, Madame! Ich muesste
+mich sehr irren, oder Sie waeren in Athen ausgepfiffen worden.
+
+Dass die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach funfzehn Jahren die
+veraltete Merope zur Gemahlin verlangt, ebensowenig ein Fehler des
+Stoffes ist, habe ich schon beruehrt. Denn nach der Fabel des Hyginus
+hatte Polyphont Meropen gleich nach der Ermordung des Kresphonts
+geheiratet; und es ist sehr glaublich, dass selbst Euripides diesen
+Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gruende,
+mit welchen Eurikles, beim Voltaire, Meropen itzt nach funfzehn Jahren
+bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben,[1] haetten sie auch vor
+funfzehn Jahren dazu vermoegen koennen. Es war sehr in der Denkungsart der
+alten griechischen Frauen, dass sie ihren Abscheu gegen die Moerder ihrer
+Maenner ueberwanden und sie zu ihren zweiten Maennern annahmen, wenn sie
+sahen, dass den Kindern ihrer ersten Ehe Vorteil daraus erwachsen koenne.
+Ich erinnere mich etwas Aehnliches in dem griechischen Roman des
+Charitons, den d'Orville herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine
+Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen traegt, auf
+eine sehr ruehrende Art darueber zum Richter nimmt. Ich glaube, die Stelle
+verdiente angefuehrt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bei der Hand.
+Genug, dass das, was dem Eurikles Voltaire selbst in den Mund legt,
+hinreichend gewesen waere, die Auffuehrung seiner "Merope" zu rechtfertigen,
+wenn er sie als die Gemahlin des Polyphonts eingefuehret haette. Die kalten
+Szenen einer politischen Liebe waeren dadurch weggefallen; und ich sehe
+mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch
+weit lebhafter und die Situationen noch weit intriganter haetten werden
+koennen.
+
+Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffei
+gebahnet hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, dass es einen
+bessern geben koenne, dass dieser bessere eben der sei, der schon vor
+Alters befahren worden, so begnuegte er sich, auf jenem ein paar
+Sandsteine aus dem Gleise zu raeumen, ueber die er meinet, dass sein
+Vorgaenger fast umgeschmissen haette. Wuerde er wohl sonst auch dieses von
+ihm beibehalten haben, dass Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von
+ungefaehr nach Messene geraten, und daselbst durch kleine zweideutige
+Merkmale in den Verdacht kommen muss, dass er der Moerder seiner selbst sei?
+Bei dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam in dem ausdruecklichen
+Vorsatze, sich zu raechen, nach Messene und gab sich selbst fuer den Moerder
+des Aegisth aus: nur dass er sich seiner Mutter nicht entdeckte, es sei
+aus Vorsicht, oder aus Misstrauen, oder aus was sonst fuer Ursache, an der
+es ihm der Dichter gewiss nicht wird haben mangeln lassen. Ich habe zwar
+oben dem Maffei einige Gruende zu allen den Veraenderungen, die er mit dem
+Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Aber ich
+bin weit entfernt, die Gruende fuer wichtig und die Veraenderungen fuer
+gluecklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, dass jeder Tritt, den
+er aus den Fusstapfen des Griechen zu tun gewagt, ein Fehltritt geworden.
+Dass sich Aegisth nicht kennet, dass er von ungefaehr nach Messene kommt und
+per combinazione d'accidenti (wie Maffei es ausdrueckt) fuer den Moerder des
+Aegisth gehalten wird, gibt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr
+verwirrtes, zweideutiges und romanenhaftes Ansehen, sondern schwaecht auch
+das Interesse ungemein. Bei dem Euripides wusste es der Zuschauer von dem
+Aegisth selbst, dass er Aegisth sei, und je gewisser er es wusste, dass
+Merope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto groesser musste notwendig
+das Schrecken sein, das ihn darueber befiel, desto quaelender das Mitleid,
+welches er voraus sahe, falls Merope an der Vollziehung nicht zu rechter
+Zeit verhindert wuerde. Bei dem Maffei und Voltaire hingegen vermuten wir
+es nur, dass der vermeinte Moerder des Sohnes der Sohn wohl selbst sein
+koenne, und unser groesstes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick
+versparet, in welchem es Schrecken zu sein aufhoeret. Das Schlimmste dabei
+ist noch dieses, dass die Gruende, die uns in dem jungen Fremdlinge den
+Sohn der Merope vermuten lassen, eben die Gruende sind, aus welchen es
+Merope selbst vermuten sollte, und dass wir ihn, besonders bei Voltairen,
+nicht in dem allergeringsten Stuecke naeher und zuverlaessiger kennen, als
+sie ihn selbst kennen kann. Wir trauen also diesen Gruenden entweder
+ebensoviel, als ihnen Merope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen
+wir ihnen ebensoviel, so halten wir den Juengling mit ihr fuer einen
+Betrieger, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr
+ruehren. Trauen wir ihnen mehr, so tadeln wir Meropen, dass sie nicht
+besser darauf merket und sich von weit seichtern Gruenden hinreissen laesst.
+Beides aber taugt nicht.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Acte II. Sc. 1.
+
+ --Mer. Non, mon fils ne le souffrirait pas.
+ L'exil ou son enfance a langui condamnee
+ Lui serait moins affreux que ce lache hymenee.
+ Eur. Il le condamnerait, si, paisible en son rang,
+ Il n'en croyait ici que les droits de son sang;
+ Mais si par les malheurs son ame etait instruite,
+ Sur ses vrais interets s'il reglait sa conduite,
+ De ses tristes amis s'il consultait la voix,
+ Et la necessite souveraine des loix,
+ Il verrait que jamais sa malheureuse mere
+ Ne lui donna d'amour une marque plus chere.
+ Mer. Ah que me dites-vous? Eur. De dures verites
+ Que m'arrachent mon zele et vos calamites.
+ Mer. Quoi! Vous me demandez que l'interet surmonte
+ Cette invincible horreur que j'ai pour Polifonte!
+ Vous qui me l'avez peint de si noires couleurs!
+ Eur. Je l'ai peint dangereux, je connais ses fureurs;
+ Mais il est tout-puissant; mais rien ne lui resiste;
+ Il est sans heritier, et vous aimez Egiste.--.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Stueck
+Den 13. Oktober 1767
+
+Es ist wahr, unsere Ueberraschung ist groesser, wenn wir es nicht eher mit
+voelliger Gewissheit erfahren, dass Aegisth Aegisth ist, als bis es Merope
+selbst erfaehrt. Aber das armselige Vergnuegen einer Ueberraschung! Und was
+braucht der Dichter uns zu ueberraschen? Er ueberrasche seine Personen,
+soviel er will; wir werden unser Teil schon davon zu nehmen wissen, wenn
+wir, was sie ganz unvermutet treffen muss, auch noch so lange
+vorausgesehen haben. Ja, unser Anteil wird um so lebhafter und staerker
+sein, je laenger und zuverlaessiger wir es vorausgesehen haben.
+
+Ich will, ueber diesen Punkt, den besten franzoesischen Kunstrichter fuer
+mich sprechen lassen. "In den verwickelten Stuecken", sagt Diderot,[1]
+"ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den
+einfachen Stuecken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des
+Plans. Allein worauf muss sich das Interesse beziehen? Auf die Personen?
+Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen
+man nichts weiss. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben
+muss. Ohnstreitig! Diese lasse man den Knoten schuerzen, ohne dass sie es
+wissen; fuer diese sei alles undurchdringlich; diese bringe man, ohne dass
+sie es merken, der Aufloesung immer naeher und naeher. Sind diese nur in
+Bewegung, so werden wir Zuschauer den naemlichen Bewegungen schon auch
+nachgeben, sie schon auch empfinden muessen.--Weit gefehlt, dass ich mit
+den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben,
+glauben sollte, man muesse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen.
+Ich daechte vielmehr, es sollte meine Kraefte nicht uebersteigen, wenn ich
+mir ein Werk zu machen versetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten
+Szene verraten wuerde und aus diesem Umstande selbst das allerstaerkeste
+Interesse entspraenge.--Fuer den Zuschauer muss alles klar sein. Er ist der
+Vertraute einer jeden Person; er weiss alles, was vorgeht, alles was
+vorgegangen ist; und es gibt hundert Augenblicke, wo man nichts Bessers
+tun kann, als dass man ihm gerade voraussagt, was noch vorgehen soll.
+--O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig versteht ihr die Kunst,
+und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht
+hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie uebertreten kann, sooft es ihm
+beliebt!--Meine Gedanken moegen so paradox scheinen, als sie wollen:
+soviel weiss ich gewiss, dass fuer eine Gelegenheit, wo es nuetzlich ist, dem
+Zuschauer einen wichtigen Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich
+ereignet, es immer zehn und mehrere gibt, wo das Interesse gerade das
+Gegenteil erfodert.--Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimnis
+eine kurze Ueberraschung; und in welche anhaltende Unruhe haette er uns
+stuerzen koennen, wenn er uns kein Geheimnis daraus gemacht haette!--Wer in
+einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch
+nur einen Augenblick bedauern. Aber, wie steht es alsdenn mit mir, wenn
+ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, dass sich das Ungewitter ueber
+meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet und lange Zeit darueber
+verweilet?--Meinetwegen moegen die Personen alle einander nicht kennen;
+wenn sie nur der Zuschauer alle kennet.--Ja, ich wollte fast behaupten,
+dass der Stoff, bei welchem die Verschweigungen notwendig sind, ein
+undankbarer Stoff ist; dass der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu
+ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie haette
+entuebrigen koennen. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlass geben. Immer
+werden wir uns mit Vorbereitungen beschaeftigen muessen, die entweder allzu
+dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang
+von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine
+kurze Ueberraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die
+Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die Quelle
+der allerheftigsten Bewegungen.--Warum haben gewisse Monologen eine so
+grosse Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschlaege einer Person
+vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder
+Hoffnung erfuellet.--Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann
+sich der Zuschauer fuer die Handlung nicht staerker interessieren, als die
+Personen. Das Interesse aber wird sich fuer den Zuschauer verdoppeln, wenn
+er Licht genug hat und es fuehlet, dass Handlung und Reden ganz anders sein
+wuerden, wenn sich die Personen kennten. Alsdenn nur werde ich es kaum
+erwarten koennen, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie
+wirklich sind, mit dem, was sie tun oder tun wollen, vergleichen kann."
+
+Dieses auf den Aegisth angewendet, ist es klar, fuer welchen von beiden
+Planen sich Diderot erklaeren wuerde: ob fuer den alten des Euripides, wo
+die Zuschauer gleich vom Anfange den Aegisth ebensogut kennen, als er
+sich selbst; oder fuer den neuern des Maffei, den Voltaire so blindlings
+angenommen, wo Aegisth sich und den Zuschauern ein Raetsel ist und dadurch
+das ganze Stueck "zu einem Zusammenhange von kleinen Kunstgriffen" macht,
+die weiter nichts als eine kurze Ueberraschung hervorbringen.
+
+Diderot hat auch nicht ganz unrecht, seine Gedanken ueber die
+Entbehrlichkeit und Geringfuegigkeit aller ungewissen Erwartungen und
+ploetzlichen Ueberraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, fuer
+ebenso neu als gegruendet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer
+Abstraktion, aber sehr alt, in Ansehung der Muster, aus welchen sie
+abstrahieret worden. Sie sind neu, in Betrachtung, dass seine Vorgaenger
+nur immer auf das Gegenteil gedrungen; aber unter diese Vorgaenger gehoert
+weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was
+ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Praedilektion fuer dieses Gegenteil
+haette bestaerken koennen, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch
+den besten Stuecken der Alten abgesehen hatten.
+
+Unter diesen war besonders Euripides seiner Sache so gewiss, dass er fast
+immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie fuehren
+wollte. Ja, ich waere sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die
+Verteidigung seiner Prologen zu uebernehmen, die den neuern Kriticis so
+sehr missfallen. "Nicht genug", sagt Hedelin, "dass er meistenteils alles,
+was vor der Handlung des Stuecks vorhergegangen, durch eine von seinen
+Hauptpersonen den Zuhoerern geradezu erzaehlen laesst, um ihnen auf diese
+Weise das Folgende verstaendlich zu machen: er nimmt auch wohl oefters
+einen Gott dazu, von dem wir annehmen muessen, dass er alles weiss, und
+durch den er nicht allein was geschehen ist, sondern auch alles, was noch
+geschehen soll, uns kundmacht. Wir erfahren sonach gleich anfangs die
+Entwicklung und die ganze Katastrophe und sehen jeden Zufall schon von
+weiten kommen. Dieses aber ist ein sehr merklicher Fehler, welcher der
+Ungewissheit und Erwartung, die auf dem Theater bestaendig herrschen
+sollen, gaenzlich zuwider ist und alle Annehmlichkeiten des Stueckes
+vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Ueberraschung
+beruhen."[2] Nein. der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte
+so geringschaetzig von seiner Kunst nicht; er wusste, dass sie einer weit
+hoehern Vollkommenheit faehig waere, und dass die Ergoetzung einer kindischen
+Neugierde das Geringste sei, worauf sie Anspruch mache. Er liess seine
+Zuhoerer also, ohne Bedenken, von der bevorstehenden Handlung ebensoviel
+wissen, als nur immer ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich
+die Ruehrung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich
+muesste den Kunstrichtern hier eigentlich weiter nichts anstoessig sein, als
+nur dieses, dass er uns die noetige Kenntnis des Vergangnen und des
+Zukuenftigen nicht durch einen feinern Kunstgriff beizubringen gesucht;
+dass er ein hoeheres Wesen, welches wohl noch dazu an der Handlung keinen
+Anteil nimmt, dazu gebrauchet und dass er dieses hoehere Wesen sich
+geradezu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung
+mit der erzaehlenden vermischt werde. Wenn sie aber ihren Tadel sodann
+bloss hierauf einschraenkten, was waere denn ihr Tadel? Ist uns das
+Nuetzliche und Notwendige niemals willkommen, als wenn es uns
+verstohlnerweise zugeschanzt wird? Gibt es nicht Dinge, besonders in der
+Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wenn
+das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist es nicht besser, dass wir sie
+durch die Darzwischenkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht?
+Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen ueberhaupt? In den
+Lehrbuechern sondre man sie so genau voneinander ab, als moeglich: aber
+wenn ein Genie, hoeherer Absichten wegen, mehrere derselben in einem und
+ebendemselben Werke zusammenfliessen laesst, so vergesse man das Lehrbuch
+und untersuche bloss, ob es diese hoehere Absichten erreicht hat. Was geht
+mich es an, ob so ein Stueck des Euripides weder ganz Erzaehlung, noch ganz
+Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, dass mich dieser
+Zwitter mehr vergnuegt, mehr erbauet, als die gesetzmaessigsten Geburten
+eurer korrekten Racinen, oder wie sie sonst heissen. Weil der Maulesel
+weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten
+lasttragenden Tieren?--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] In seiner dramatischen Dichtkunst, hinter dem Hausvater, S. 327 die
+Uebers.
+
+[2] "Pratique du Theatre", Liv. III. chap. 1.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Stueck
+Den 16. Oktober 1767
+
+Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu
+sehen glauben, der sich aus Unvermoegen, oder aus Gemaechlichkeit, oder aus
+beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als moeglich; wo sie die
+dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese
+in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der
+im Grunde ebenso regelmaessig ist, als sie ihn zu sein verlangen, und es
+nur dadurch weniger zu sein scheinet, weil er seinen Stuecken eine
+Schoenheit mehr erteilen wollen, von der sie keinen Begriff haben.
+
+Denn es ist klar, dass alle die Stuecke, deren Prologe ihnen so viel
+Aergernis machen, auch ohne diese Prologe vollkommen ganz, und vollkommen
+verstaendlich sind. Streichet z.E. vor dem "Ion" den Prolog des Merkurs,
+vor der "Hekuba" den Prolog des Polydors weg; lasst jenen sogleich mit der
+Morgenandacht des Ion und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen: sind
+beide darum im geringsten verstuemmelt? Woher wuerdet ihr, was ihr
+weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da waere? Behaelt nicht
+alles den naemlichen Gang, den naemlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, dass
+die Stuecke, nach eurer Art zu denken, desto schoener sein wuerden, wenn wir
+aus den Prologen nicht wuessten, dass der Ion, welchen Kreusa will vergiften
+lassen, der Sohn dieser Kreusa ist; dass die Kreusa, welche Ion von dem
+Altar zu einem schmaehlichen Tode reissen will, die Mutter dieses Ion ist;
+wenn wir nicht wuessten, dass an eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum
+Opfer hingeben muss, die alte unglueckliche Frau auch den Tod ihres letzten
+einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses wuerde die trefflichsten
+Ueberraschungen geben, und diese Ueberraschungen wuerden noch dazu
+vorbereitet genug sein: ohne dass ihr sagen koenntet, sie braechen auf
+einmal gleich einem Blitze aus der hellesten Wolke hervor; sie erfolgten
+nicht, sondern sie entstaenden; man wolle euch nicht auf einmal etwas
+entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem
+Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm
+doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu
+machen ist. Einen wolluestigen Schoessling schneidet der Gaertner in der
+Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat.
+Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen,--es ist wahr, es heisst sehr
+viel annehmen--dass Euripides vielleicht ebensoviel Einsicht, ebensoviel
+Geschmack koenne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um soviel
+mehr, wie er bei dieser grossen Einsicht, bei diesem feinen Geschmacke,
+dennoch einen so groben Fehler begehen koennen: so tretet zu mir her und
+betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripides sahe es
+so gut, als wir, dass z.E. sein "Ion" ohne den Prolog bestehen koenne; dass
+er, ohne denselben, ein Stueck sei, welches die Ungewissheit und Erwartung
+des Zuschauers bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewissheit
+und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst
+in dem fuenften Akte, dass Ion der Sohn der Kreusa sei: so ist es fuer ihn
+nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten
+Akte aus dem Wege raeumen will; so ist es fuer ihn nicht die Mutter des
+Ion, an welcher sich Ion in dem vierten Akte raechen will, sondern bloss
+die Meuchelmoerderin. Wo sollten aber alsdenn Schrecken und Mitleid
+herkommen? Die blosse Vermutung, die sich etwa aus uebereintreffenden
+Umstaenden haette ziehen lassen, dass Ion und Kreusa einander wohl naeher
+angehen koennten, als sie meinen, wuerde dazu nicht hinreichend gewesen
+sein. Diese Vermutung musste zur Gewissheit werden; und wenn der Zuhoerer
+diese Gewissheit nur von aussen erhalten konnte, wenn es nicht moeglich war,
+dass er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben
+konnte: war es nicht immer besser, dass der Dichter sie ihm auf die
+einzige moegliche Weise erteilte, als gar nicht? Sagt von dieser Weise,
+was ihr wollt: genug, sie hat ihn sein Ziel erreichen helfen; seine
+Tragoedie ist dadurch, was eine Tragoedie sein soll; und wenn ihr noch
+unwillig seid, dass er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge
+euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stuecken, wo das Wesen der Form
+aufgeopfert ist, und ihr seid belohnt! Immerhin gefalle euch Whiteheads
+"Kreusa", wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem
+alten plauderhaften Vertrauten erfahrt, den eine verschlagne Zigeunerin
+ausfragt, immerhin gefalle sie euch besser, als des Euripides "Ion": und
+ich werde euch nie beneiden!
+
+Wenn Aristoteles den Euripides den tragischsten von allen tragischen
+Dichtern nennet, so sahe er nicht bloss darauf, dass die meisten seiner
+Stuecke eine unglueckliche Katastrophe haben; ob ich schon weiss, dass viele
+den Stagiriten so verstehen. Denn das Kunststueck waere ihm ja wohl bald
+abgelernt; und der Stuemper, der brav wuergen und morden und keine von
+seinen Personen gesund oder lebendig von der Buehne kommen liesse, wuerde
+sich ebenso tragisch duenken duerfen, als Euripides. Aristoteles hatte
+unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zufolge er ihm diesen
+Charakter erteilte; und ohne Zweifel, dass die eben beruehrte mit dazu
+gehoerte, vermoege der er naemlich den Zuschauern alle das Unglueck, welches
+seine Personen ueberraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer
+auch dann schon mit Mitleiden fuer die Personen einzunehmen, wenn diese
+Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen.
+--Sokrates war der Lehrer und Freund des Euripides; und wie mancher
+duerfte der Meinung sein, dass der Dichter dieser Freundschaft des
+Philosophen weiter nichts zu danken habe, als den Reichtum von schoenen
+Sittenspruechen, den er so verschwendrisch in seinen Stuecken ausstreuet.
+Ich denke, dass er ihr weit mehr schuldig war; er haette, ohne sie, ebenso
+spruchreich sein koennen; aber vielleicht wuerde er, ohne sie, nicht so
+tragisch geworden sein. Schoene Sentenzen und Moralen sind ueberhaupt
+gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokrates, am seltensten
+hoeren; sein Lebenswandel ist die einzige Moral, die er prediget. Aber den
+Menschen und uns selbst kennen; auf unsere Empfindungen aufmerksam sein;
+in allen die ebensten und kuerzesten Wege der Natur ausforschen und lieben;
+jedes Ding nach seiner Absicht beurteilen: das ist es, was wir in seinem
+Umgange lernen; das ist es, was Euripides von dem Sokrates lernte, und was
+ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Gluecklich der Dichter, der so
+einen Freund hat--und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rate ziehen kann!--
+
+Auch Voltaire scheinet es empfunden zu haben, dass es gut sein wuerde, wenn
+er uns mit dem Sohn der Merope gleich anfangs bekannt machte; wenn er uns
+mit der Ueberzeugung, dass der liebenswuerdige unglueckliche Juengling, den
+Merope erst in Schutz nimmt, und den sie bald darauf als den Moerder ihres
+Aegisth hinrichten will, der naemliche Aegisth sei, sofort koenne aussetzen
+lassen. Aber der Juengling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand
+da, der ihn besser kennte, und durch den wir ihn koennten kennen lernen.
+Was tut also der Dichter? Wie faengt er es an, dass wir es gewiss wissen,
+Merope erhebe den Dolch gegen ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr der alte
+Narbas zuruft?--Oh, das faengt er sehr sinnreich an! Auf so einen
+Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen!--Er laesst, sobald der
+unbekannte Juengling auftritt, ueber das erste, was er sagt, mit grossen,
+schoenen, leserlichen Buchstaben den ganzen, vollen Namen "Aegisth"
+setzen; und so weiter ueber jede seiner folgenden Reden. Nun wissen wir
+es; Merope hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bei
+diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht getan haette, so duerften
+wir ja nur das vorgedruckte Verzeichnis der Personen nachsehen; da steht
+es lang und breit! Freilich ist es ein wenig laecherlich, wenn die Person,
+ueber deren Reden wir nun schon zehnmal den Namen "Aegisth" gelesen haben,
+auf die Frage:
+
+ --Narbas vous est connu?
+ Le nom d'Egiste au moins jusqu'a vous est venu?
+ Quel etait votre etat, votre rang, votre pere?
+
+antwortet:
+
+ Mon pere est un vieillard accable de misere;
+ Policlete est son nom; mais Egiste, Narbas,
+ Ceux dont vous me parlez, je ne les connais pas.
+
+Freilich ist es sehr sonderbar, dass wir von diesem Aegisth, der nicht
+Aegisth heisst, auch keinen andern Namen hoeren; dass, da er der Koenigin
+antwortet, sein Vater heisse Polyklet, er nicht auch hinzusetzt, er heisse
+so und so. Denn einen Namen muss er doch haben; und den haette der Herr von
+Voltaire ja wohl schon mit erfinden koennen, da er so viel erfunden hat!
+Leser, die den Rummel einer Tragoedie nicht recht gut verstehen, koennen
+leicht darueber irre werden. Sie lesen, dass hier ein Bursche gebracht
+wird, der auf der Landstrasse einen Mord begangen hat; dieser Bursche,
+sehen sie, heisst Aegisth, aber er sagt, er heisse nicht so, und sagt doch
+auch nicht, wie er heisse: oh, mit dem Burschen, schliessen sie, ist es
+nicht richtig; das ist ein abgefeimter Strassenraeuber, so jung er ist, so
+unschuldig er sich stellt. So, sage ich, sind unerfahrne Leser zu denken
+in Gefahr; und doch glaube ich in allem Ernste, dass es fuer die erfahrnen
+Leser besser ist, auch so, gleich anfangs, zu erfahren, wie der unbekannte
+Juengling ist, als gar nicht. Nur dass man mir nicht sage, dass diese Art sie
+davon zu unterrichten, im geringsten kuenstlicher und feiner sei, als ein
+Prolog im Geschmacke des Euripides!--
+
+
+
+
+Funfzigstes Stueck
+Den 20. Oktober 1767
+
+Bei dem Maffei hat der Juengling seine zwei Namen, wie es sich gehoert;
+Aegisth heisst er, als der Sohn des Polydor, und Kresphont, als der Sohn
+der Merope. In dem Verzeichnisse der handelnden Personen wird er auch nur
+unter jenem eingefuehrt; und Becelli rechnet es seiner Ausgabe des Stuecks
+als kein geringes Verdienst an, dass dieses Verzeichnis den wahren Stand
+des Aegisth nicht voraus verrate.[1] Das ist, die Italiener sind von den
+Ueberraschungen noch groessere Liebhaber, als die Franzosen.--
+
+Aber noch immer "Merope"!--Wahrlich, ich bedaure meine Leser, die sich an
+diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherlei
+und bunt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung
+nur sein kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stuecke, in kleine
+lustige oder ruehrende Romane gebracht; anstatt beilaeufiger
+Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, naerrischer Geschoepfe, wie
+die doch wohl sein muessen, die sich mit Komoedienschreiben abgeben;
+anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandaloeser Anekdoten von
+Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser
+artigen Saechelchen, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte,
+trockne Kritiken ueber alte bekannte Stuecke; schwerfaellige Untersuchungen
+ueber das, was in einer Tragoedie sein sollte und nicht sein sollte;
+mitunter wohl gar Erklaerungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen?
+Wie gesagt, ich bedauere sie; sie sind gewaltig angefuehrt!--Doch im
+Vertrauen: besser, dass sie es sind, als ich. Und ich wuerde es sehr sein,
+wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen muesste. Nicht dass ihre
+Erwartungen sehr schwer zu erfuellen waeren; wirklich nicht; ich wuerde sie
+vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur
+besser vertragen wollten.
+
+Ueber die "Merope" indes muss ich freilich einmal wegzukommen suchen.--Ich
+wollte eigentlich nur erweisen, dass die "Merope" des Voltaire im Grunde
+nichts als die "Merope" des Maffei sei; und ich meine, dieses habe ich
+erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern
+ebendieselbe Verwicklung und Aufloesung machen, dass zwei oder mehrere
+Stuecke fuer ebendieselben Stuecke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire
+mit dem Maffei einerlei Geschichte behandelt hat, sondern weil er sie mit
+ihm auf ebendieselbe Art behandelt hat, ist er hier fuer weiter nichts,
+als fuer den Uebersetzer und Nachahmer desselben zu erklaeren. Maffei hat
+die "Merope" des Euripides nicht bloss wieder hergestellet; er hat eine
+eigene "Merope" gemacht: denn er ging voellig von dem Plane des Euripides
+ab; und in dem Vorsatze, ein Stueck ohne Galanterie zu machen, in welchem
+das ganze Interesse bloss aus der muetterlichen Zaertlichkeit entspringe,
+schuf er die ganze Fabel um; gut oder uebel, das ist hier die Frage nicht;
+genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte von Maffei die ganze
+so umgeschaffene Fabel; er entlehnte von ihm, dass Merope mit dem Polyphont
+nicht vermaehlt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus
+welchen der Tyrann nun erst, nach funfzehn Jahren, auf diese Vermaehlung
+dringen zu muessen glaubet; er entlehnte von ihm, dass der Sohn der Merope
+sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von
+seinem vermeintlichen Vater entkoemmt; er entlehnte von ihm den Vorfall,
+der den Aegisth als einen Moerder nach Messene bringt; er entlehnte von
+ihm die Missdeutung, durch die er fuer den Moerder seiner selbst gehalten
+wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der muetterlichen Liebe,
+wenn Merope den Aegisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den
+Vorwand, warum Aegisth vor Meropens Augen, von ihren eignen Haenden
+sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte,
+Voltaire entlehnte vom Maffei die ganze Verwicklung. Und hat er nicht
+auch die ganze Aufloesung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bei
+welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung
+verbinden lernte? Maffei machte es zu einer hochzeitlichen Feier, und
+vielleicht, dass er, bloss darum, seinen Tyrannen itzt erst auf die
+Verbindung mit Meropen fallen liess, um dieses Opfer desto natuerlicher
+anzubringen. Was Maffei erfand, tat Voltaire nach.
+
+Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umstaenden, die er vom
+Maffei entlehnte, eine andere Wendung. z.E. Anstatt dass, beim Maffei,
+Polyphont bereits funfzehn Jahre regieret hat, laesst er die Unruhen in
+Messene ganzer funfzehn Jahre dauern, und den Staat so lange in der
+unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt dass, beim Maffei,
+Aegisth von einem Raeuber auf der Strasse angefallen wird, laesst er ihn in
+einem Tempel des Herkules von zwei Unbekannten ueberfallen werden, die es
+ihm uebel nehmen, dass er den Herkules fuer die Herakliden, den Gott des
+Tempels fuer die Nachkommen desselben anfleht. Anstatt dass beim Maffei
+Aegisth durch einen Ring in Verdacht geraet, laesst Voltaire diesen Verdacht
+durch eine Ruestung entstehen usw. Aber alle diese Veraenderungen betreffen
+die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle ausser dem Stuecke sind
+und auf die Oekonomie des Stueckes selbst keinen Einfluss haben. Und doch
+wollte ich sie Voltairen noch gern als Aeusserungen seines schoepferischen
+Genies anrechnen, wenn ich nur faende, dass er das, was er aendern zu muessen
+vermeinte, in allen seinen Folgen zu aendern verstanden haette. Ich will
+mich an dem mitte1sten von den angefuehrten Beispielen erklaeren. Maffei
+laesst seinen Aegisth von einem Raeuber angefallen werden, der den
+Augenblick abpasst, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfern
+einer Bruecke ueber die Pamise; Aegisth erlegt den Raeuber und wirft den
+Koerper in den Fluss, aus Furcht, wenn der Koerper auf der Strasse gefunden
+wuerde, dass man den Moerder verfolgen und ihn dafuer erkennen duerfte. Ein
+Raeuber, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den
+Beutel nehmen will, ist fuer mein feines, edles Parterr ein viel zu
+niedriges Bild; besser, aus diesem Raeuber einen Missvergnuegten gemacht,
+der dem Aegisth als einem Anhaenger der Herakliden zu Leibe will. Und
+warum nur einen? Lieber zwei; so ist die Heldentat des Aegisths desto
+groesser, und der, welcher von diesen zweien entrinnt, wenn er zu dem
+aeltrern gemacht wird, kann hernach fuer den Narbas genommen werden. Recht
+gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Aegisth den einen
+von diesen Missvergnuegten erlegt hat, was tut er alsdenn? Er traegt den
+toten Koerper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Von der
+leeren Landstrasse in den nahen Fluss; das ist ganz begreiflich: aber aus
+dem Tempel in den Fluss, dieses auch? War denn ausser ihnen niemand in
+diesem Tempel? Es sei so; auch ist das die groesste Ungereimtheit noch
+nicht. Das Wie liesse sich noch denken: aber das Warum gar nicht. Maffeis
+Aegisth traegt den Koerper in den Fluss, weil er sonst verfolgt und erkannt
+zu werden fuerchtet; weil er glaubt, wenn der Koerper beiseite geschafft
+sei, dass sodann nichts seine Tat verraten koenne; dass diese sodann,
+mitsamt dem Koerper, in der Flut begraben sei. Aber kann das Voltairens
+Aegisth auch glauben? Nimmermehr; oder der zweite haette nicht entkommen
+muessen. Wird sich dieser begnuegen, sein Leben davongetragen zu haben?
+Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten
+beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrei verfolgen, bis ihn
+andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen und wider ihn zeugen? Was
+hilft es dem Moerder also, das corpus delicti weggebracht zu haben? Hier
+ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Muehe haette er
+sparen und dafuer eilen sollen, je eher je lieber ueber die Grenze zu
+kommen. Freilich musste der Koerper, des Folgenden wegen, ins Wasser
+geworfen werden; es war Voltairen ebenso noetig als dem Maffei, dass Merope
+nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrtume gerissen werden
+konnte; nur dass, was bei diesem Aegisth sich selber zum Besten tut, er
+bei jenem bloss dem Dichter zu Gefallen tun muss. Denn Voltaire korrigierte
+die Ursache weg, ohne zu ueberlegen, dass er die Wirkung dieser Ursache
+brauche, die nunmehr von nichts als von seiner Beduerfnis abhaengt.
+
+Eine einzige Veraenderung, die Voltaire in dem Plane des Maffei gemacht
+hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die naemlich, durch welche er
+den wiederholten Versuch der Merope, sich an dem vermeinten Moerder ihres
+Sohnes zu raechen, unterdrueckt und dafuer die Erkennung von seiten des
+Aegisth, in Gegenwart des Polyphonts, geschehen laesst. Hier erkenne ich
+den Dichter, und besonders ist die zweite Szene des vierten Akts ganz
+vortrefflich. Ich wuenschte nur, dass die Erkennung ueberhaupt, die in der
+vierten Szene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu muessen das
+Ansehen hat, mit mehrerer Kunst haette geteilet werden koennen. Denn dass
+Aegisth mit einmal von dem Eurikles weggefuehret wird und die Vertiefung
+sich hinter ihm schliesst, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht
+ein Haar besser, als die uebereilte Flucht, mit der sich Aegisth bei dem
+Maffei rettet, und ueber die Voltaire seinen Lindelle so spotten laesst.
+Oder vielmehr, diese Flucht ist um vieles natuerlicher; wenn der Dichter
+nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht und uns nicht
+gaenzlich die ersten ruehrenden Ausbrueche ihrer beiderseitigen Empfindungen
+gegeneinander vorenthalten haette. Vielleicht wuerde Voltaire die Erkennung
+ueberhaupt nicht geteilet haben, wenn er seine Materie nicht haette dehnen
+muessen, um fuenf Akte damit voll zu machen. Er jammert mehr als einmal
+ueber cette longue carriere de cinq actes qui est prodigieusement
+difficile a remplir sans episodes--Und nun fuer diesesmal genug von
+der "Merope"!
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Fin ne i nomi de' Personaggi si e levato quell' errore, comunissimo
+alle stampe d'ogni drama, di scoprire il secreto nel premettergli, e per
+conseguenza di levare il piacere a chi legge, overo ascolta, essendosi
+messo Egisto, dove era, Cresfonte sotto nome d'Egisto.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Einundfunfzigstes Stueck
+Den 23. Oktober 1767
+
+Den neununddreissigsten Abend (mittewochs, den 8. Julius) wurden "Der
+verheiratete Philosoph" und "Die neue Agnese" wiederholt.[1]
+
+Chevrier sagt,[2] dass Destouches sein Stueck aus einem Lustspiele des
+Campistron geschoepft habe, und dass, wenn dieser nicht seinen "Jaloux
+desabuse" geschrieben haette, wir wohl schwerlich einen "Verheirateten
+Philosophen" haben wuerden. Die Komoedie des Campistron ist unter uns wenig
+bekannt; ich wuesste nicht, dass sie auf irgendeinem deutschen Theater waere
+gespielt worden; auch ist keine Uebersetzung davon vorhanden. Man duerfte
+also vielleicht um so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem
+Vorgeben des Chevrier sei.
+
+Die Fabel des Campistronschen Stuecks ist kurz diese: Ein Bruder hat das
+ansehnliche Vermoegen seiner Schwester in Haenden, und um dieses nicht
+herausgeben zu duerfen, moechte er sie lieber gar nicht verheiraten. Aber
+die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um
+ihren Mann zu vermoegen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf
+alle Weise eifersuechtig zu machen, indem sie verschiedne junge
+Mannspersonen sehr guetig aufnimmt, die alle Tage unter dem Vorwande, sich
+um ihre Schwaegerin zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt;
+der Mann wird eifersuechtig; und williget endlich, um seiner Frau den
+vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die
+Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner
+Frau, dem zu Gefallen sie die Rolle der Kokette gespielt hatte. Der Mann
+sieht sich berueckt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem
+Ungrunde seiner Eifersucht ueberzeugt wird.
+
+Was hat diese Fabel mit der Fabel des "Verheirateten Philosophen"
+Aehnliches? Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle aus
+dem zweiten Akte des Campistronschen Stuecks, zwischen Dorante, so heisst
+der Eifersuechtige, und Dubois, seinem Sekretaer. Diese wird gleich zeigen,
+was Chevrier gemeiner hat.
+
+"Dubois. Und was fehlt Ihnen denn?
+
+Dorante. Ich bin verdruesslich, aergerlich; alle meine ehemalige
+Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat
+mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhoeren wird,
+mich zu martern, zu peinigen--
+
+Dubois. Und wer ist denn dieser Tyrann, dieser Henker?
+
+Dorante. Meine Frau.
+
+Dubois. Ihre Frau, mein Herr?
+
+Dorante. Ja, meine Frau, meine Frau.--Sie bringt mich zur
+Verzweiflung.
+
+Dubois. Hassen Sie sie denn?
+
+Dorante. Wollte Gott! So waere ich ruhig.--Aber ich liebe sie, und
+liebe sie so sehr--Verwuenschte Qual!
+
+Dubois. Sie sind doch wohl nicht eifersuechtig?
+
+Dorante. Bis zur Raserei.
+
+Dubois. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersuechtig? Sie, der Sie von
+jeher ueber alles, was Eifersucht heisst,--
+
+Dorante. Gelacht und gespottet. Desto schlimmer bin ich nun daran!
+Ich Geck, mich von den elenden Sitten der grossen Welt so hinreissen zu
+lassen! In das Geschrei der Narren einzustimmen, die sich ueber die
+Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! Und
+ich stimmte nicht bloss ein; es waehrte nicht lange, so gab ich den Ton.
+Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was fuer albernes Zeug habe ich nicht
+gesprochen! Eheliche Treue, bestaendige Liebe, pfui, wie schmeckt das
+nach dem kleinstaedtischen Buerger! Der Mann, der seiner Frau nicht
+allen Willen laesst, ist ein Baer! Der es ihr uebel nimmt, wenn sie auch
+andern gefaellt und zu gefallen sucht, gehoert ins Tollhaus. So sprach
+ich, und mich haette man da sollen ins Tollhaus schicken.--
+
+Dubois. Aber warum sprachen Sie so?
+
+Dorante. Hoerst du nicht? Weil ich ein Geck war und glaubte, es liesse
+noch so galant und weise.--Inzwischen wollte mich meine Familie
+verheiratet wissen. Sie schlugen mir ein junges, unschuldiges Maedchen
+vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben;
+die soll in meiner Denkungsart nicht viel aendern; ich liebe sie itzt
+nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgueltiger gegen
+sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward taeglich
+schoener, taeglich reizender. Ich sah es und entbrannte, und entbrannte
+je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie--
+
+Dubois. Nun, das nenne ich gefangen werden!
+
+Dorante. Denn ich bin so eifersuechtig!--Dass ich mich schaeme, es auch
+nur dir zu bekennen.--Alle meine Freunde sind mir zuwider--und
+verdaechtig; die ich sonst nicht ofte genug um mich haben konnte, sehe
+ich itzt lieber gehen als kommen. Was haben sie auch in meinem Hause
+zu suchen? Was wollen die Muessiggaenger? Wozu alle die Schmeicheleien,
+die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Verstand; der andere
+erhebt ihr gefaelliges Wesen bis in den Himmel. Den entzuecken ihre
+himmlischen Augen, und den ihre schoenen Zaehne. Alle finden sie hoechst
+reizend, hoechst anbetungswuerdig; und immer schliesst sich ihr
+verdammtes Geschwaetze mit der verwuenschten Betrachtung, was fuer ein
+gluecklicher, was fuer ein beneidenswuerdiger Mann ich bin.
+
+Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht es zu.
+
+Dorante. Oh, sie treiben ihre unverschaemte Kuehnheit wohl noch weiter!
+Kaum ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest
+du erst sehen und hoeren! Jeder will da seine Aufmerksamkeit und seinen
+Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall
+jagt den andern, eine boshafte Spoetterei die andere, ein kitzelndes
+Histoerchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Mienen, mit
+Liebaeugeleien, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich
+erwidert, dass--dass mich der Schlag oft ruehren moechte! Kannst du
+glauben, Dubois? ich muss es wohl mit ansehen, dass sie ihr die Hand
+kuessen.
+
+Dubois. Das ist arg!
+
+Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mucksen. Denn was wuerde die Welt
+dazu sagen? Wie laecherlich wuerde ich mich machen, wenn ich meinen
+Verdruss auslassen wollte? Die Kinder auf der Strasse wuerden mit
+Fingern auf mich weisen. Alle Tage wuerde ein Epigramm, ein
+Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen usw."
+
+
+Diese Situation muss es sein, in welcher Chevrier das Aehnliche mit dem
+"Verheirateten Philosophen" gefunden hat. So wie der Eifersuechtige des
+Campistron sich schaemet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich
+ehedem ueber diese Schwachheit allzu lustig gemacht hat: so schaemt sich
+auch der Philosoph des Destouches, seine Heirat bekannt zu machen, weil
+er ehedem ueber alle ernsthafte Liebe gespottet und den ehelosen Stand fuer
+den einzigen erklaert hatte, der einem freien und weisen Manne anstaendig
+sei. Es kann auch nicht fehlen, dass diese aehnliche Scham sie nicht beide
+in mancherlei aehnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z.E., die,
+in welcher sich Dorante beim Campistron siehet, wenn er von seiner Frau
+verlangt, ihm die ueberlaestigen Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber
+ihn bedeutet, dass das eine Sache sei, die er selbst bewerkstelligen
+muesse, fast die naemliche mit der bei dem Destouches, in welcher sich
+Arist befindet, wenn er es selbst dem Marquis sagen soll, dass er sich auf
+Meliten keine Rechnung machen koenne. Auch leidet dort der Eifersuechtige,
+wenn seine Freunde in seiner Gegenwart ueber die Eifersuechtigen spotten
+und er selbst sein Wort dazu geben muss, ungefaehr auf gleiche Weise, als
+hier der Philosoph, wenn er sich muss sagen lassen, dass er ohne Zweifel
+viel zu klug und vorsichtig sei, als dass er sich zu so einer Torheit, wie
+das Heiraten, sollte haben verleiten lassen.
+
+Demohngeachtet aber sehe ich nicht, warum Destouches bei seinem Stuecke
+notwendig das Stueck des Campistron vor Augen gehabt haben muesste; und mir
+ist es ganz begreiflich, dass wir jenes haben koennten, wenn dieses auch
+nicht vorhanden waere. Die verschiedensten Charaktere koennen in aehnliche
+Situationen geraten; und da in der Komoedie die Charaktere das Hauptwerk,
+die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich aeussern zu lassen und
+ins Spiel zu setzen: so muss man nicht die Situationen, sondern die
+Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stueck
+Original oder Kopie genannt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der
+Tragoedie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind und Schrecken und
+Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Aehnliche Situationen
+geben also aehnliche Tragoedien, aber nicht aehnliche Komoedien. Hingegen
+geben aehnliche Charaktere aehnliche Komoedien, anstatt dass sie in den
+Tragoedien fast gar nicht in Erwaegung kommen.
+
+Der Sohn unsers Dichters, welcher die praechtige Ausgabe der Werke seines
+Vaters besorgt hat, die vor einigen Jahren in vier Quartbaenden aus der
+Koeniglichen Druckerei zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu
+dieser Ausgabe, eine besondere, dieses Stueck betreffende Anekdote. Der
+Dichter naemlich habe sich in England verheiratet und aus gewissen
+Ursachen seine Verbindung geheim halten muessen. Eine Person aus der
+Familie seiner Frau aber habe das Geheimnis frueher ausgeplaudert, als
+ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem "Verheirateten
+Philosophen" gegeben. Wenn dieses wahr ist,--und warum sollten wir es
+seinem Sohne nicht glauben?--so duerfte die vermeinte Nachahmung des
+Campistron um so eher wegfallen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. den 5. und 7. Abend
+
+[2] "L'Observateur des Spectacles.", T. II. p. 135.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundfunfzigstes Stueck Den 27. Oktober 1767
+
+Den vierzigsten Abend (donnerstags, den 9. Julius) ward Schlegels
+"Triumph der guten Frauen" aufgefuehret.
+
+Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten deutschen Originale. Es
+war, soviel ich weiss, das letzte komische Werk des Dichters, das seine
+fruehern Geschwister unendlich uebertrifft und von der Reife seines Urhebers
+zeuget. "Der geschaeftige Muessiggaenger" war der erste jugendliche Versuch
+und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfallen. Der Witz
+verzeihe es denen und raeche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin
+gefunden haben! Er enthaelt das kalteste, langweiligste Alltagsgewaesche,
+das nur immer in dem Hause eines meissnischen Pelzhaendlers vorfallen kann.
+Ich wuesste nicht, dass er jemals waere aufgefuehrt worden, und ich zweifle,
+dass seine Vorstellung duerfte auszuhalten sein. "Der Geheimnisvolle" ist
+um vieles besser; ob es gleich der Geheimnisvolle gar nicht geworden ist,
+den Moliere in der Stelle geschildert hat, aus welcher Schlegel den Anlass
+zu diesem Stuecke wollte genommen haben.[1] Molieres Geheimnisvoller ist
+ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels
+Geheimnisvoller aber ein gutes ehrliches Schaf, das den Fuchs spielen
+will, um von den Woelfen nicht gefressen zu werden. Daher koemmt es auch,
+dass er so viel Aehnliches mit dem Charakter des Misstrauischen hat, den
+Cronegk hernach auf die Buehne brachte. Beide Charaktere aber, oder
+vielmehr beide Nuancen des naemlichen Charakters, koennen nichts anders
+als in einer so kleinen und armseligen, oder so menschenfeindlichen und
+haesslichen Seele sich finden, dass ihre Vorstellungen notwendig mehr
+Mitleiden oder Abscheu erwecken muessen, als Lachen. "Der Geheimnisvolle"
+ist wohl sonst hier aufgefuehret worden; man versichert mich aber auch
+durchgaengig, und aus der eben gemachten Betrachtung ist mir es sehr
+begreiflich, dass man ihn laeppischer gefunden habe, als lustig.
+
+"Der Triumph der guten Frauen" hingegen hat, wo er noch aufgefuehret
+worden, und sooft er noch aufgefuehret worden, ueberall und jederzeit einen
+sehr vorzueglichen Beifall erhalten; und dass sich dieser Beifall auf wahre
+Schoenheiten gruenden muesse, dass er nicht das Werk einer ueberraschenden
+blendenden Vorstellung sei, ist daher klar, weil ihn noch niemand, nach
+Lesung des Stuecks, zurueckgenommen. Wer es zuerst gelesen, dem gefaellt es
+um so viel mehr, wenn er es spielen sieht: und wer es zuerst spielen
+gesehen, dem gefaellt es um so viel mehr, wenn er es lieset. Auch haben es
+die strengesten Kunstrichter ebensosehr seinen uebrigen Lustspielen, als
+diese ueberhaupt dem gewoehnlichen Prasse deutscher Komoedien vorgezogen.
+
+"Ich las", sagt einer von ihnen,[2] "den 'Geschaeftigen Muessiggaenger': die
+Charaktere schienen mir vollkommen nach dem Leben; solche Muessiggaenger,
+solche in ihre Kinder vernarrte Muetter, solche schalwitzige Besuche und
+solche dumme Pelzhaendler sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so
+handelt der Mittelstand unter den Deutschen. Der Dichter hat seine
+Pflicht getan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gaehnte
+vor Langeweile.--Ich las darauf den 'Triumph der guten Frauen'. Welcher
+Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren
+Handlungen, echten Witz in ihren Gespraechen und den Ton einer feinen
+Lebensart in ihrem ganzen Umgange."
+
+Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunstrichter daran bemerkt hat,
+ist der, dass die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider
+muss man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu
+sehr an fremde, und besonders an franzoesische Sitten gewoehnt, als dass er
+eine besonders ueble Wirkung auf uns haben koennte.
+
+"Nikander", heisst es, "ist ein franzoesischer Abenteurer, der auf
+Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste
+gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zu stuerzen, aller Frauen
+Verfuehrer und aller Maenner Schrecken zu werden sucht, und der bei allem
+diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Verderbnis der Sitten
+und Grundsaetze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! dass ein
+Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben
+muss.--Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit
+verlassen und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, koemmt auf den
+Einfall, ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson und folgt
+ihm, unter dem Namen Philint, in alle Haeuser nach, wo er Avanturen sucht.
+Philint ist witziger, flatterhafter und unverschaemter als Nikander. Das
+Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem
+frechen, aber doch artigen Wesen sich sehen laesst, stehet Nikander da wie
+verstummt. Dieses gibt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die
+Erfindung ist artig, der zweifache Charakter wohl gezeichnet und
+gluecklich in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten
+Petitmaitre ist gewiss kein Deutscher."
+
+"Was mir", faehrt er fort, "sonst an diesem Lustspiele missfaellt, ist der
+Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen,
+zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zu haesslichen Seite. Er
+tyrannisierst seine unschuldige Christiane auf das unwuerdigste und hat
+recht seine Lust, sie zu quaelen. Graemlich, sooft er sich sehen laesst,
+spoettisch bei den Traenen seiner gekraenkten Frau, argwoehnisch bei ihren
+Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen
+durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachteile auszulegen, eifersuechtig,
+hart, unempfindlich, und, wie Sie sich leicht einbilden koennen, in seiner
+Frauen Kammermaedchen verliebt.--Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als
+dass wir ihm eine schleunige Besserung zutrauen koennten. Der Dichter gibt
+ihm eine Nebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswuerdigen
+Herzens nicht genug entwickeln koennen. Er tobt, und weder Juliane noch
+die Leser wissen recht, was er will. Ebensowenig hat der Dichter Raum
+gehabt, seine Besserung gehoerig vorzubereiten und zu veranstalten. Er
+musste sich begnuegen, dieses gleichsam im Vorbeigehen zu tun, weil die
+Haupthandlung mit Nikander und Philinten zu schaffen hatte. Kathrine,
+dieses edelmuetige Kammermaedchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte,
+sagt gar recht am Ende des Lustspiels: 'Die geschwindesten Bekehrungen
+sind nicht allemal die aufrichtigsten!' Wenigstens solange dieses Maedchen
+im Hause ist, moechte ich nicht fuer die Aufrichtigkeit stehen."
+
+Ich freue mich, dass die beste deutsche Komoedie dem richtigsten deutschen
+Beurteiler in die Haende gefallen ist. Und doch war es vielleicht die
+erste Komoedie, die dieser Mann beurteilte.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Misanthrope", Acte II, Sc. 4.
+
+ C'est de la tete aux pieds un homme tout mystere,
+ Qui vous jette, en passant, un coup d'oeil egare,
+ Et sans aucune affaire est toujours affaire.
+ Tous ce qu'il vous debite en grimaces abonde.
+ A force de facons il assomme le monde.
+ Sans cesse il a tout bas, pour rompre l'entretien,
+ Un secret a vous dire, et ce secret n'est rien.
+ De la moindre vetille il fait une merveille,
+ Et, jusqu' au bon jour, il dit tout a l'oreille.
+
+[2] "Briefe, die neueste Literatur betreffend", T. XXI. S. 133.
+
+----Fussnote
+
+
+Ende des ersten Bandes
+
+
+
+
+
+Zweyter Band
+
+
+
+Dreiundfunfzigstes Stueck
+Den 3. November 1767
+
+Den einundvierzigsten Abend (freitags, den 10. Julius) wurden "Cenie" und
+"Der Mann nach der Uhr" wiederholt.[1] "Cenie", sagt Chevrier gerade
+heraus,[2] "fuehret den Namen der Frau von Graffigny, ist aber ein Werk
+des Abts von Voisenon. Es war anfangs in Versen; weil aber die Frau von
+Graffigny, der es erst in ihrem vierundfunfzigsten Jahre einfiel, die
+Schriftstellerin zu spielen, in ihrem Leben keinen Vers gemacht hatte, so
+ward 'Cenie' in Prosa gebracht. Mais l'auteur, fuegt er hinzu, y a laisse
+81 vers qui y existent dans leur entier." Das ist, ohne Zweifel, von
+einzeln hin und wieder zerstreuten Zeilen zu verstehen, die den Reim
+verloren, aber die Silbenzahl beibehalten haben. Doch wenn Chevrier
+keinen andern Beweis hatte, dass das Stueck in Versen gewesen: so ist es
+sehr erlaubt, daran zu zweifeln. Die franzoesischen Verse kommen ueberhaupt
+der Prosa so nahe, dass es Muehe kosten soll, nur in einem etwas
+gesuchteren Stile zu schreiben, ohne dass sich nicht von selbst ganze
+Verse zusammenfinden, denen nichts wie der Reim mangelt. Und gerade
+denjenigen, die gar keine Verse machen, koennen dergleichen Verse am
+ersten entwischen; eben weil sie gar kein Ohr fuer das Metrum haben und
+es also ebensowenig zu vermeiden, als zu beobachten verstehen.
+
+Was hat "Cenie" sonst fuer Merkmale, dass sie nicht aus der Feder eines
+Frauenzimmers koenne geflossen sein? "Das Frauenzimmer ueberhaupt", sagt
+Rousseau,[3] "liebt keine einzige Kunst, versteht sich auf keine einzige,
+und an Genie fehlt es ihm ganz und gar. Es kann in kleinen Werken
+gluecklich sein, die nichts als leichten Witz, nichts als Geschmack,
+nichts als Anmut, hoechstens Gruendlichkeit und Philosophie verlangen. Es
+kann sich Wissenschaft, Gelehrsamkeit und alle Talente erwerben, die sich
+durch Muehe und Arbeit erwerben lassen. Aber jenes himmlische Feuer,
+welches die Seele erhitzet und entflammt, jenes um sich greifende
+verzehrende Genie, jene brennende Beredsamkeit, jene erhabene Schwuenge,
+die ihr Entzueckendes dem Innersten unseres Herzens mitteilen, werden den
+Schriften des Frauenzimmers allezeit fehlen."
+
+Also fehlen sie wohl auch der "Cenie"? Oder, wenn sie ihr nicht fehlen,
+so muss "Cenie" notwendig das Werk eines Mannes sein? Rousseau selbst
+wuerde so nicht schliessen. Er sagt vielmehr, was er dem Frauenzimmer
+ueberhaupt absprechen zu muessen glaube, wolle er darum keiner Frau
+insbesondere streitig machen. (Ce n'est pas a une femme, mais aux femmes
+que je refuse les talents des hommes.[4]) Und dieses sagt er eben auf
+Veranlassung der "Cenie"; ebenda, wo er die Graffigny als die Verfasserin
+derselben anfuehrt. Dabei merke man wohl, dass Graffigny seine Freundin
+nicht war, dass sie Uebels von ihm gesprochen hatte, dass er sich an eben
+der Stelle ueber sie beklagt. Demohngeachtet erklaert er sie lieber fuer
+eine Ausnahme seines Satzes, als dass er im geringsten auf das Vorgeben
+des Chevrier anspielen sollte, welches er zu tun, ohne Zweifel,
+Freimuetigkeit genug gehabt haette, wenn er nicht von dem Gegenteile
+ueberzeugt gewesen waere.
+
+Chevrier hat mehr solche verkleinerliche geheime Nachrichten. Eben dieser
+Abt, wie Chevrier wissen will, hat fuer die Favart gearbeitet. Er hat die
+komische Oper "Annette und Lubin" gemacht; und nicht sie, die Aktrice,
+von der er sagt, dass sie kaum lesen koenne. Sein Beweis ist ein Gassenhauer,
+der in Paris darueber herumgegangen; und es ist allerdings wahr, dass die
+Gassenhauer in der franzoesischen Geschichte ueberhaupt unter die glaub-
+wuerdigsten Dokumente gehoeren.
+
+Warum ein Geistlicher ein sehr verliebtes Singspiel unter fremdem Namen
+in die Welt schicke, liesse sich endlich noch begreifen. Aber warum er
+sich zu einer "Cenie" nicht bekennen wolle, der ich nicht viele Predigten
+vorziehen moechte, ist schwerlich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr
+als ein Stueck auffuehren und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als
+den Verfasser kennet und die der "Cenie" bei weitem nicht gleichkommen.
+Wenn er einer Frau von vierundfunfzig Jahren eine Galanterie machen
+wollte, ist es wahrscheinlich, dass er es gerade mit seinem besten Werke
+wuerde getan haben?--
+
+Den zweiundvierzigsten Abend (montags, den 13. Julius) ward "Die
+Frauenschule" von Moliere aufgefuehrt.
+
+Moliere hatte bereits seine "Maennerschule" gemacht, als er im Jahre 1662
+diese "Frauenschule" darauf folgen liess. Wer beide Stuecke nicht kennet,
+wuerde sich sehr irren, wenn er glaubte, dass hier den Frauen, wie dort den
+Maennern, ihre Schuldigkeit geprediget wuerde. Es sind beides witzige
+Possenspiele, in welchen ein Paar junge Maedchen, wovon das eine in aller
+Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar
+alte Laffen hintergehen; und die beide "Die Maennerschule" heissen muessten,
+wenn Moliere weiter nichts darin haette lehren wollen, als dass das duemmste
+Maedchen noch immer Verstand genug habe, zu betruegen, und dass Zwang und
+Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freiheit.
+Wirklich ist fuer das weibliche Geschlecht in der "Frauenschule" nicht
+viel zu lernen; es waere denn, dass Moliere mit diesem Titel auf die
+Ehestandsregeln, in der zweiten Szene des dritten Akts, gesehen haette,
+mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher laecherlich gemacht werden.
+
+"Die zwei gluecklichsten Stoffe zur Tragoedie und Komoedie", sagt Trublet,
+[5] "sind der 'Cid' und die 'Frauenschule'. Aber beide sind vom Corneille
+und Moliere bearbeitet worden, als diese Dichter ihre voellige Staerke noch
+nicht hatten. Diese Anmerkung", fuegt er hinzu, "habe ich von dem Hrn. von
+Fontenelle."
+
+Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontenelle gefragt haette, wie er dieses
+meine. Oder falls es ihm so schon verstaendlich genug war, wenn er es doch
+auch seinen Lesern mit ein paar Worten haette verstaendlich machen wollen.
+Ich wenigstens bekenne, dass ich gar nicht absehe, wo Fontenelle mit
+diesem Raetsel hingewollt. Ich glaube, er hat sich versprochen; oder
+Trublet hat sich verhoert.
+
+Wenn indes, nach der Meinung dieser Maenner, der Stoff der "Frauenschule"
+so besonders gluecklich ist und Moliere in der Ausfuehrung desselben nur zu
+kurz gefallen: so haette sich dieser auf das ganze Stueck eben nicht viel
+einzubilden gehabt. Denn der Stoff ist nicht von ihm; sondern teils aus
+einer spanischen Erzaehlung, die man bei dem Scarron unter dem Titel "Die
+vergebliche Vorsicht" findet, teils aus den "Spasshaften Naechten" des
+Straparolle genommen, wo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage
+vertrauet, wie weit er mit seiner Geliebten gekommen, ohne zu wissen, dass
+dieser Freund sein Nebenbuhler ist.
+
+"Die Frauenschule", sagt der Herr von Voltaire, "war ein Stueck von einer
+ganz neuen Gattung, worin zwar alles nur Erzaehlung, aber doch so
+kuenstliche Erzaehlung ist, dass alles Handlung zu sein scheinet."
+
+Wenn das Neue hierin bestand, so ist es sehr gut, dass man die neue
+Gattung eingehen lassen. Mehr oder weniger kuenstlich, Erzaehlung bleibt
+immer Erzaehlung, und wir wollen auf dem Theater wirkliche Handlungen
+sehen.--Aber ist es denn auch wahr, dass alles darin erzaehlt wird? dass
+alles nur Handlung zu sein scheint? Voltaire haette diesen alten Einwurf
+nicht wieder aufwaermen sollen; oder, anstatt ihn in ein anscheinendes Lob
+zu verkehren, haette er wenigstens die Antwort beifuegen sollen, die
+Moliere selbst darauf erteilte, und die sehr passend ist. Die Erzaehlungen
+naemlich sind in diesem Stuecke, vermoege der innern Verfassung desselben,
+wirkliche Handlung; sie haben alles, was zu einer komischen Handlung
+erforderlich ist; und es ist blosse Wortklauberei, ihnen diesen Namen hier
+streitig zu machen.[6] Denn es koemmt ja weit weniger auf die Vorfaelle an,
+welche erzaehlt werden, als auf den Eindruck, welchen diese Vorfaelle auf
+den betrognen Alten machen, wenn er sie erfaehrt. Das Laecherliche dieses
+Alten wollte Moliere vornehmlich schildern; ihn muessen wir also
+vornehmlich sehen, wie er sich bei dem Unfalle, der ihm drohet, gebaerdet;
+und dieses haetten wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er
+erzaehlen laesst, vor unsern Augen haette vorgehen lassen, und das, was er
+vorgehen laesst, dafuer haette erzaehlen lassen. Der Verdruss, den Arnolph
+empfindet; der Zwang, den er sich antut, diesen Verdruss zu verbergen; der
+hoehnische Ton, den er annimmt, wenn er dem weitern Progresse des Horaz
+nun vorgebauet zu haben glaubet; das Erstaunen, die stille Wut, in der
+wir ihn sehen, wenn er vernimmt, dass Horaz demohngeachtet sein Ziel
+gluecklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen,
+als alles, was ausser der Szene vorgeht. Selbst in der Erzaehlung der
+Agnese, von ihrer mit dem Horaz gemachten Bekanntschaft, ist mehr
+Handlung, als wir finden wuerden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der
+Buehne wirklich machen saehen.
+
+Also, anstatt von der "Frauenschule" zu sagen, dass alles darin Handlung
+scheine, obgleich alles nur Erzaehlung sei, glaubte ich mit mehrerm Rechte
+sagen zu koennen, dass alles Handlung darin sei, obgleich alles nur Erzaehlung
+zu sein scheine.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. den 23. und 29. Abend
+
+[2] "Observateur des Spectacles", Tome I. p. 211.
+
+[3] a d'Alembert, p. 133.
+
+[4] a d'Alembert, p. 78.
+
+[5] "Essais de Litt. et de Morale", T. IV. p. 295.
+
+[6] In der "Kritik der Frauenschule", in der Person des Dorante: Les
+recits eux-memes y sont des actions suivant la constitution du sujet.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundfunfzigstes Stueck
+Den 6. November 1767
+
+Den dreiundvierzigsten Abend (dienstags, den 14. Julius) ward "Die
+Muetterschule" des La Chaussee, und den vierundvierzigsten Abend (als den
+15.) "Der Graf von Essex" wiederholt.[1]
+
+Da die Englaender von jeher so gern domestica facta auf ihre Buehne
+gebracht haben, so kann man leicht vermuten, dass es ihnen auch an
+Trauerspielen ueber diesen Gegenstand nicht fehlen wird. Das aelteste ist
+das von Joh. Banks, unter dem Titel "Der unglueckliche Liebling, oder Graf
+von Essex". Es kam 1682 aufs Theater und erhielt allgemeinen Beifall.
+Damals aber hatten die Franzosen schon drei Essexe: des Calprenede von
+1638; des Boyer von 1678, und des juengern Corneille von ebendiesem Jahre.
+Wollten indes die Englaender, dass ihnen die Franzosen auch hierin nicht
+moechten zuvorgekommen sein, so wuerden sie sich vielleicht auf Daniels
+"Philotas" beziehen koennen; ein Trauerspiel von 1611, in welchem man die
+Geschichte und den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden
+glaubte.[2]
+
+Banks scheinet keinen von seinen franzoesischen Vorgaengern gekannt zu
+haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel "Geheime
+Geschichte der Koenigin Elisabeth und des Grafen von Essex" fuehret,[3] wo
+er den ganzen Stoff sich so in die Haende gearbeitet fand, dass er ihn bloss
+zu dialogieren, ihm bloss die aeussere dramatische Form zu erteilen brauchte.
+Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der unten angefuehrten
+Schrift, zum Teil, ausgezogen worden. Vielleicht, dass es meinen Lesern
+nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stueck des Corneille halten zu koennen.
+
+"Um unser Mitleid gegen den ungluecklichen Grafen desto lebhafter zu
+machen und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Koenigin fuer
+ihn aeussert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden
+beigelegt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter
+nichts, als dass er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt
+hat. Burleigh, der erste Minister der Koenigin, der auf ihre Ehre sehr
+eifersuechtig ist und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit
+welchen sie ihn ueberhaeuft, bemueht sich unablaessig, ihn verdaechtig zu
+machen. Hierin steht ihm Sir Walter Raleigh, welcher nicht minder des
+Grafen Feind ist, treulich bei; und beide werden von der boshaften Graefin
+von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte,
+nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten koennen, was sie
+nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestueme Gemuetsart des
+Grafen macht ihnen allzu gutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf
+folgende Weise.
+
+Die Koenigin hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr
+ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Irland einen
+gefaehrlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden
+Scharmuetzeln sahe sich der Graf genoetiget, mit dem Feinde in Unterhandlung
+zu treten, weil seine Truppen durch Strapazen und Krankheiten sehr
+abgemattet waren, Tyrone aber mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postieret
+stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anfuehrern muendlich betrieben
+ward und kein Mensch dabei zugegen sein durfte: so wurde sie der Koenigin
+als ihrer Ehre hoechst nachteilig und als ein gar nicht zweideutiger
+Beweis vorgestellet, dass Essex mit den Rebellen in einem heimlichen
+Verstaendnisse stehen muesse. Burleigh und Raleigh, mit einigen andern
+Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubnis an, ihn des Hochverrats
+anklagen zu duerfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist,
+dass sie sich vielmehr ueber ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht
+bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation
+erwiesen, und erklaert, dass sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid
+seiner Anklaeger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger
+Freund des Essex, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er
+erhebt die Gerechtigkeit der Koenigin, einen solchen Mann nicht
+unterdruecken zu lassen; und seine Feinde muessen vor diesesmal schweigen.
+(Erster Akt.)
+
+Indes ist die Koenigin mit der Auffuehrung des Grafen nichts weniger als
+zufrieden, sondern laesst ihm befehlen, seine Fehler wieder gutzumachen,
+und Irland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen voellig zu
+Paaren getrieben und alles wieder beruhiget habe. Doch Essex, dem die
+Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde
+bei ihr anzuschwaerzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu
+rechtfertigen, und koemmt, nachdem er den Tyrone zu Niederlegung der
+Waffen vermocht, des ausdruecklichen Verbots der Koenigin ungeachtet,
+nach England ueber. Dieser unbedachtsame Schritt macht seinen Feinden
+ebensoviel Vergnuegen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die
+Graefin von Rutland, mit welcher er insgeheim verheiratet ist, vor den
+Folgen. Am meisten aber betruebt sich die Koenigin, da sie sieht, dass ihr
+durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten,
+wenn sie nicht eine Zaertlichkeit verraten will, die sie gern vor der
+ganzen Welt verbergen moechte. Die Erwaegung ihrer Wuerde, zu welcher ihr
+natuerlicher Stolz koemmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm traegt,
+erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich
+selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Tower schicken oder den
+geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen
+sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschliesst sie sich zu dem letztern,
+doch nicht ohne alle Einschraenkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn
+auf eine Art empfangen, dass er die Hoffnung wohl verlieren soll, fuer seine
+Vergehungen so bald Vergebung zu erhalten. Burleigh, Raleigh und Nottingham
+sind bei dieser Zusammenkunft gegenwaertig. Die Koenigin ist auf die letztere
+gelehnet und scheinet tief im Gespraeche zu sein, ohne den Grafen nur ein
+einziges Mal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen,
+verlaesst sie auf einmal das Zimmer und gebietet allen, die es redlich mit
+ihr meinen, ihr zu folgen und den Verraeter allein zu lassen. Niemand darf
+es wagen, ihr ungehorsam zu sein; selbst Southampton gehet mit ihr ab,
+koemmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bei
+seinem Unfalle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Koenigin den Burleigh
+und Raleigh zu dem Grafen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich
+aber, ihn in andere, als in der Koenigin eigene Haende, zurueckzuliefern, und
+beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr
+veraechtlich begegnet. (Zweiter Akt.)
+
+Die Koenigin, der dieses sein Betragen sogleich hinterbracht wird, ist
+aeusserst gereizt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann
+weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkuehnt,
+noch die Lobsprueche vertragen, die ihm die unbedachtsame Rutland aus der
+Fuelle ihres Herzens erteilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als
+jene, weil sie daraus entdeckt, dass die Rutland ihn liebet. Zuletzt
+befiehlt sie, demohngeachtet, dass er vor sie gebracht werden soll. Er
+koemmt, und versucht es, seine Auffuehrung zu verteidigen. Doch die Gruende,
+die er desfalls beibringt, scheinen ihr viel zu schwach, als dass sie
+ihren Verstand von seiner Unschuld ueberzeugen sollten. Sie verzeihet ihm,
+um der geheimen Neigung, die sie fuer ihn hegt, ein Genuege zu tun; aber
+zugleich entsetzt sie ihn aller seiner Ehrenstellen, in Betrachtung
+dessen, was sie sich selbst, als Koenigin, schuldig zu sein glaubt. Und
+nun ist der Graf nicht laenger vermoegend, sich zu maessigen; seine
+Ungestuemheit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Fuessen und bedient
+sich verschiedner Ausdruecke, die zu sehr wie Vorwuerfe klingen, als dass
+sie den Zorn der Koenigin nicht aufs hoechste treiben sollten. Auch
+antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natuerlich ist; ohne sich
+um Anstand und Wuerde, ohne sich um die Folgen zu bekuemmern: naemlich,
+anstatt der Antwort, gibt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem
+Degen; und nur der einzige Gedanke, dass es seine Koenigin, dass es nicht
+sein Koenig ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, dass es eine Frau
+ist, von der er die Ohrfeige hat, haelt ihn zurueck, sich taetlich an ihr zu
+vergehen. Southampton beschwoert ihn, sich zu fassen; aber er wiederholt
+seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals und wirft dem
+Burleigh und Raleigh ihren niedertraechtigen Neid, sowie der Koenigin ihre
+Ungerechtigkeit vor. Sie verlaesst ihn in der aeussersten Wut; und niemand
+als Southampton bleibt bei ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt
+eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.)
+
+Der Graf geraet ueber sein Unglueck in Verzweiflung; er laeuft wie unsinnig
+in der Stadt herum, schreiet ueber das ihm angetane Unrecht und schmaehet
+auf die Regierung. Alles das wird der Koenigin, mit vielen Uebertreibungen,
+wiedergesagt, und sie gibt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern.
+Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangengenommen
+und in den Tower in Verhaft gesetzt, bis dass ihnen der Prozess gemacht
+werden kann. Doch indes hat sich der Zorn der Koenigin gelegt und
+guenstigern Gedanken fuer den Essex wiederum Raum gemacht. Sie will ihn
+also, ehe er zum Verhoere geht, allem, was man ihr dawider sagt, ungeachtet,
+nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen moechten zu strafbar
+befunden werden, so gibt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit
+zu setzen, einen Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald
+er ihn ihr zuschicke, alles, was er verlangen wuerde, zu gewaehren. Fast
+aber bereuet sie es wieder, dass sie so guetig gegen ihn gewesen, als sie
+gleich darauf erfaehrt, dass er mit der Rutland vermaehlt ist; und es von der
+Rutland selbst erfaehrt, die fuer ihn um Gnade zu bitten koemmt. (Vierter Akt.)
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. den 26. und 30. Abend.
+
+[2] "Cibber's Lives of the Engl. Poets", Vol. I. p. 147.
+
+[3] "The Companion to the Theatre", Vol. II. p. 99.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfundfunfzigstes Stueck
+Den 10. November 1767
+
+Was die Koenigin gefuerchtet hatte, geschieht; Essex wird nach den Gesetzen
+schuldig befunden und verurteilet, den Kopf zu verlieren; sein Freund
+Southampton desgleichen. Nun weiss zwar Elisabeth, dass sie, als Koenigin,
+den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, dass eine solche
+freiwillige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwaeche verraten wuerde, die
+keiner Koenigin gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den
+Ring senden und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indes,
+dass es je eher je lieber geschehen moege, schickt sie die Nottingham zu
+ihm und laesst ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt
+sich, das zaertlichste Mitleid fuer ihn zu fuehlen; und er vertrauet ihr das
+kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demuetigsten Bitte an die
+Koenigin, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wuenschet;
+nun steht es bei ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu
+raechen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet
+sie ihn auf das boshafteste und malt ihn so stolz, so trotzig, so fest
+entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Aeusserste
+ankommen zu lassen, dass die Koenigin dem Berichte kaum glauben kann, nach
+wiederholter Versicherung aber, voller Wut und Verzweiflung den Befehl
+erteilet, das Urteil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabei gibt ihr
+die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zu begnadigen,
+nicht weil ihr das Unglueck desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie
+sich einbildet, dass Essex die Bitterkeit seiner Strafe um so viel mehr
+empfinden werde, wenn er sieht, dass die Gnade, die man ihm verweigert,
+seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. In eben dieser Absicht raet
+sie der Koenigin auch, seiner Gemahlin, der Graefin von Rutland, zu
+erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Koenigin williget
+in beides, aber zum Ungluecke fuer die grausame Ratgeberin; denn der Graf
+gibt seiner Gemahlin einen Brief an die Koenigin, die sich eben in dem
+Tower befindet und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgefuehret,
+erhaelt. Aus diesem Briefe ersieht sie, dass der Graf der Nottingham den
+Ring gegeben und sie durch diese Verraeterin um sein Leben bitten lassen.
+Sogleich schickt sie und laesst die Vollstreckung des Urteils untersagen;
+doch Burleigh und Raleigh, denen sie aufgetragen war, hatten so sehr
+damit geeilet, dass die Botschaft zu spaet koemmt. Der Graf ist bereits tot.
+Die Koenigin geraet vor Schmerz ausser sich, verbannt die abscheuliche
+Nottingham auf ewig aus ihren Augen und gibt allen, die sich als Feinde
+des Grafen erwiesen hatten, ihren bittersten Unwillen zu erkennen."
+
+Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, dass der "Essex" des Banks ein
+Stueck von weit mehr Natur, Wahrheit und Uebereinstimmung ist, als sich in
+dem "Essex" des Corneille findet. Banks hat sich ziemlich genau an die
+Geschichte gehalten, nur dass er verschiedne Begebenheiten naeher zusammen
+gerueckt, und ihnen einen unmittelbarem Einfluss auf das endliche Schicksal
+seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist ebensowenig
+erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon
+angemerkt, in der Historie, nur jener weit frueher und bei einer ganz
+andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuten. Denn es ist
+begreiflicher, dass die Koenigin dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben,
+da sie mit ihm vollkommen zufrieden war, als dass sie ihm dieses
+Unterpfand ihrer Gnade itzt erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer
+eben am meisten verlustig gemacht hatte und der Fall, sich dessen zu
+gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte sie erinnern, wie
+teuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese
+Erinnerung sollte ihm alsdann alle das Verdienst wiedergeben, welches er
+ungluecklicherweise in ihren Augen etwa koennte verloren haben. Aber was
+braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgen?
+Glaubt sie ihrer guenstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht
+maechtig zu sein, dass sie sich mit Fleiss auf eine solche Art fesseln will?
+Wenn sie ihm im Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben
+gelegen ist: wozu das ganze Spiegelgefechte? Warum konnte sie es bei den
+muendlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, bloss
+um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten,
+er mag wieder in ihre Haende kommen oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch
+die Wiedererhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung
+des Grafen versichert zu sein: wie kann sie in einer so wichtigen Sache
+seiner toedlichsten Feindin glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht
+kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen?
+
+So wie Banks also den Ring gebraucht hat, tut er nicht die beste Wirkung.
+Mich duenkt, er wuerde eine weit bessere tun, wenn ihn die Koenigin ganz
+vergessen haette und er ihr ploetzlich, aber auch zu spaet, eingehaendiget
+wuerde, indem sie eben von der Unschuld oder wenigstens geringern Schuld
+des Grafen noch aus andern Gruenden ueberzeugt wuerde. Die Schenkung des
+Ringes haette vor der Handlung des Stuecks lange muessen vorhergegangen
+sein, und bloss der Graf haette darauf rechnen muessen, aber aus Edelmut
+nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, dass man auf
+seine Rechtfertigung nicht achte, dass die Koenigin zu sehr wider ihn
+eingenommen sei, als dass er sie zu ueberzeugen hoffen koenne, dass er sie
+also zu bewegen suchen muesse. Und indem sie so bewegt wuerde, muesste die
+Ueberzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung
+ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig sein sollte, fuer
+unschuldig gelten zu lassen, muessten sie auf einmal ueberraschen, aber
+nicht eher ueberraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermoegen stehet,
+gerecht und erkenntlich zu sein.
+
+Viel gluecklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stueck eingeflochten.--
+Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanstaendig!
+Ehe meine feinern Leser zu sehr darueber spotten, bitte ich sie, sich der
+Ohrfeige im "Cid" zu erinnere. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire
+darueber gemacht hat, ist in vielerlei Betrachtung merkwuerdig.
+"Heutzutage", sagt er, "duerfte man es nicht wagen, einem Helden eine
+Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen; sie tun nur, als ob sie eine gaeben. Nicht
+einmal in der Komoedie ist so etwas mehr erlaubt; und dieses ist das
+einzige Exempel, welches man auf der tragischen Buehne davon hat. Es ist
+glaublich, dass man unter andern mit deswegen den 'Cid' eine Tragikomoedie
+betitelte; und damals waren fast alle Stuecke des Scudery und des
+Boisrobert Tragikomoedien. Man war in Frankreich lange der Meinung
+gewesen, dass sich das ununterbrochne Tragische, ohne alle Vermischung mit
+gemeinen Zuegen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomoedie selbst
+ist sehr alt; Plautus braucht es, seinen 'Amphitruo' damit zu bezeichnen,
+weil das Abenteuer des Sosias zwar komisch, Amphitruo selbst aber in
+allem Ernste betruebt ist."--Was der Herr von Voltaire nicht alles
+schreibt! Wie gern er immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie
+sehr er meistenteils damit verunglueckt!
+
+Es ist nicht wahr, dass die Ohrfeige im "Cid" die einzige auf der
+tragischen Buehne ist. Voltaire hat den "Essex" des Banks entweder nicht
+gekannt, oder vorausgesetzt, dass die tragische Buehne seiner Nation allein
+diesen Namen verdiene. Unwissenheit verraet beides; und nur das letztere
+noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was er von dem Namen der
+Tragikomoedie hinzufuegt, ist ebenso unrichtig. Tragikomoedie hiess die
+Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die einen
+vergnuegten Ausgang hat; das ist der "Cid", und die Ohrfeige kam dabei gar
+nicht in Betrachtung; denn dieser Ohrfeige ungeachtet, nannte Corneille
+hernach sein Stueck eine Tragoedie, sobald er das Vorurteil abgelegt hatte,
+dass eine Tragoedie notwendig eine unglueckliche Katastrophe haben muesse.
+Plautus braucht zwar das Wort Tragicocomoedia: aber er braucht es bloss im
+Scherze; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen.
+Auch hat es ihm in diesem Verstande kein Mensch abgeborgt, bis es in dem
+sechzehnten Jahrhunderte den spanischen und italienischen Dichtem
+einfiel, gewisse von ihren dramatischen Missgeburten so zu nennen.[1] Wenn
+aber auch Plautus seinen "Amphitruo" im Ernste so genannt haette, so waere
+es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet.
+Nicht weil der Anteil, den Sosias an der Handlung nimmt, komisch, und
+der, den Amphitruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum haette Plautus
+sein Stueck lieber eine Tragikomoedie nennen wollen. Denn sein Stueck ist
+ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo
+ebensosehr, als an des Sosias seiner. Sondern darum, weil diese komische
+Handlung groesstenteils unter hoehern Personen vorgehet, als man in der
+Komoedie zu sehen gewohnt ist. Plautus selbst erklaert sich darueber
+deutlich genug:
+
+ Faciam ut commixta sit Tragico-comoedia:
+ Nam me perpetuo facere ut sit Comoedia
+ Reges quo veniant et di, non par arbitror.
+ Quid igitur? quoniam hic servus quoque partes habet,
+ Faciam hanc, proinde ut dixi, Tragico-comoediam.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Ich weiss zwar nicht, wer diesen Namen eigentlich zuerst gebraucht
+hat; aber das weiss ich gewiss, dass es Garnier nicht ist. Hedelin sagte: Je
+ne sais, si Garnier fut le premier qui s'en servit, mais il a fait porter
+ce titre a sa "Bradamante", ce que depuis plusieurs ont imite. (Prat. du
+Th. Liv. II. ch. 10.) Und dabei haetten es die Geschichtschreiber des
+franzoesischen Theaters auch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen
+die leichte Vermutung des Hedelins zur Gewissheit und gratulieren ihrem
+Landsmanne zu einer so schoenen Erfindung. Voici la premiere
+Tragi-Comedie, ou, pour mieux dire, le premier poeme du Theatre qui a
+porte ce titre--Garnier ne connaissait pas assez les finesses de l'art
+qu'il professait; tenons-lui cependant compte d'avoir le premier, et sans
+les secours des Anciens, ni de ses contemporains, fait entrevoir une
+idee, qui n'a pas ete inutile a beaucoup d'Auteurs du dernier siecle.
+Garniers "Bradamante" ist von 1582, und ich kenne eine Menge weit fruehere
+spanische und italienische Stuecke, die diesen Titel fuehren.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechsundfunfzigstes Stueck
+Den 13. November 1767
+
+Aber wiederum auf die Ohrfeige zu kommen.--Einmal ist es doch nun so, dass
+eine Ohrfeige, die ein Mann von Ehre von seinesgleichen oder von einem
+Hoehern bekoemmt, fuer eine so schimpfliche Beleidigung gehalten wird, dass
+alle Genugtuung, die ihm die Gesetze dafuer verschaffen koennen, vergebens
+ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem
+Beleidigten selbst geraechet, und auf eine ebenso eigenmaechtige Art
+geraechet sein, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche
+Ehre ist, die dieses gebietet, davon ist hier die Rede nicht. Wie gesagt,
+es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum
+soll es nicht auch auf dem Theater so sein? Wenn die Ohrfeigen dort im
+Gange sind: warum nicht auch hier?
+
+"Die Schauspieler", sagt der Herr von Voltaire, "wissen nicht, wie sie
+sich dabei anstellen sollen." Sie wuessten es wohl; aber man will eine
+Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt
+sie in Feuer; die Person erhaelt ihn, aber sie fuehlen ihn; das Gefuehl hebt
+die Verstellung auf; sie geraten aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung
+aeussert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen,
+und sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene
+Empfindungen mit seiner Rolle in Kollision kommen, macht uns zu lachen.
+
+Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der
+Masken bedauern moechte. Der Schauspieler kann ohnstreitig unter der Maske
+mehr Kontenance halten; seine Person findet weniger Gelegenheit
+auszubrechen; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch
+weniger gewahr.
+
+Doch der Schauspieler verhalte sich bei der Ohrfeige, wie er will: Der
+dramatische Dichter arbeitet zwar fuer den Schauspieler, aber er muss sich
+darum nicht alles versagen, was diesem weniger tulich und bequem ist.
+Kein Schauspieler kann rot werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es
+ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen,
+dass er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins
+Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn veraechtlich; es
+verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so
+weit noch nicht gebracht hat, dass ihn so etwas nicht verwirret; wenn er
+seine Kunst so sehr nicht liebet, dass er sich, ihr zum Besten, eine
+kleine Kraenkung will gefallen lassen: so suche er ueber die Stelle so gut
+wegzukommen, als er kann; er weiche dem Schlage aus; er halte die Hand
+vor; nur verlange er nicht, dass sich der Dichter seinetwegen mehr
+Bedenklichkeiten machen soll, als er sich der Person wegen macht, die
+er ihn vorstellen laesst. Wenn der wahre Diego, wenn der wahre Essex eine
+Ohrfeige hinnehmen muss: was wollen ihre Repraesentanten dawider
+einzuwenden haben?
+
+Aber der Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder
+hoechstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, fuer den
+sie eine seinem Stande angemessene Zuechtigung ist? Einem Helden hingegen,
+einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanstaendig!--Und wenn sie
+das nun eben sein soll? Wenn eben diese Unanstaendigkeit die Quelle der
+gewaltsamsten Entschliessungen, der blutigsten Rache werden soll, und
+wird? Wenn jede geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht
+haette haben koennen? Was in seinen Folgen so tragisch werden kann, was
+unter gewissen Personen notwendig so tragisch werden muss, soll dennoch
+aus der Tragoedie ausgeschlossen sein, weil es auch in der Komoedie, weil
+es auch in dem Possenspiele Platz findet? Worueber wir einmal lachen,
+sollen wir ein andermal nicht erschrecken koennen?
+
+Wenn ich die Ohrfeige aus einer Gattung des Drama verbannt wissen moechte,
+so waere es aus der Komoedie. Denn was fuer Folgen kann sie da haben?
+Traurige? die sind ueber ihrer Sphaere. Laecherliche? die sind unter ihr und
+gehoeren dem Possenspiele. Gar keine? so verlohnte es nicht der Muehe, sie
+geben zu lassen. Wer sie gibt, wird nichts als poebelhafte Hitze, und wer
+sie bekoemmt, nichts als knechtische Kleinmut verraten. Sie verbleibt also
+den beiden Extremis, der Tragoedie und dem Possenspiele; die mehrere
+dergleichen Dinge gemein haben, ueber die wir entweder spotten oder
+zittern wollen.
+
+Und ich frage jeden, der den "Cid" vorstellen sehen oder ihn mit einiger
+Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder ueberlaufen,
+wenn der grosssprecherische Gormas den alten wuerdigen Diego zu schlagen
+sich erdreistet? Ob er nicht das empfindlichste Mitleid fuer diesen, und
+den bittersten Unwillen gegen jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal
+alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung
+nach sich ziehen muesse, in die Gedanken geschossen und ihn mit Erwartung
+und Furcht erfuellet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung
+auf ihn hat, nicht tragisch sein?
+
+Wenn jemals bei dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von
+einem auf der Galerie, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war und eben itzt
+eine von seinem Nachbar verdient haette. Wen aber die ungeschickte Art,
+mit der sich der Schauspieler etwa dabei betrug, wider Willen zu laecheln
+machte, der biss sich geschwind in die Lippe und eilte, sich wieder in die
+Taeuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den
+Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.
+
+Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige
+vertreten koennte? Fuer jede andere wuerde es in der Macht des Koenigs
+stehen, dem Beleidigten Genugtunung zu schaffen; fuer jede andere wuerde
+sich der Sohn weigern duerfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten
+aufzuopfern. Fuer diese einzige laesst das Pundonor weder Entschuldigung
+noch Abbitte gelten; und alle guetliche Wege, die selbst der Monarch dabei
+einleiten will, sind fruchtlos. Corneille liess nach dieser Denkungsart
+den Gormas, wenn ihm der Koenig andeuten laesst, den Diego
+zufriedenzustellen, sehr wohl antworten:
+
+ Ces satisfactions n'apaisent point une ame:
+ Qui les recoit n'a rien, qui les fait se diffame.
+ Et de tous ces accords l'effet le plus commun,
+ C'est de deshonorer deux hommes au lieu d'un.
+
+Damals war in Frankreich das Edikt wider die Duelle nicht lange ergangen,
+dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt
+also zwar Befehl, die ganzen Zeilen wegzulassen; und sie wurden aus dem
+Munde der Schauspieler verbannt. Aber jeder Zuschauer ergaenzte sie aus
+dem Gedaechtnisse und aus seiner Empfindung.
+
+In dem "Essex" wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, dass sie eine
+Person gibt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbinden. Sie ist Frau
+und Koenigin; was kann der Beleidigte mit ihr anfangen? Ueber die
+handfertige wehrhafte Frau wuerde er spotten; denn eine Frau kann weder
+schimpfen noch schlagen. Aber diese Frau ist zugleich der Souveraen,
+dessen Beschimpfungen unausloeschlich sind, da sie von seiner Wuerde eine
+Art von Gesetzmaessigkeit erhalten. Was kann also natuerlicher scheinen,
+als dass Essex sich wider diese Wuerde selbst auflehnet und gegen die Hoehe
+tobet, die den Beleidiger seiner Rache entzieht? Ich wuesste wenigstens
+nicht, was seine letzten Vergehungen sonst wahrscheinlich haette machen
+koennen. Die blosse Ungnade, die blosse Entsetzung seiner Ehrenstellen
+konnte und durfte ihn so weit nicht treiben. Aber durch eine so
+knechtische Behandlung ausser sich gebracht, sehen wir ihn alles, was
+ihm die Verzweiflung eingibt, zwar nicht mit Billigung, doch mit
+Entschuldigung unternehmen. Die Koenigin selbst muss ihn aus diesem
+Gesichtspunkte ihrer Verzeihung wuerdig erkennen; und wir haben so
+ungleich mehr Mitleid mit ihm, als er uns in der Geschichte zu verdienen
+scheinet, wo das, was er hier in der ersten Hitze der gekraenkten Ehre
+tut, aus Eigennutz und andern niedrigen Absichten geschieht.
+
+Der Streit, sagt die Geschichte, bei welchem Essex die Ohrfeige erhielt,
+war ueber die Wahl eines Koenigs von Irland. Als er sahe, dass die Koenigin
+auf ihrer Meinung beharrte, wandte er ihr mit einer sehr veraechtlichen
+Gebaerde den Ruecken. In dem Augenblicke fuehlte er ihre Hand, und seine
+fuhr nach dem Degen. Er schwur, dass er diesen Schimpf weder leiden koenne
+noch wolle; dass er ihn selbst von ihrem Vater Heinrich nicht wuerde
+erduldet haben: und so begab er sich vom Hofe. Den Brief, den er an den
+Kanzler Egerton ueber diesen Vorfall schrieb, ist mit dem wuerdigsten
+Stolze abgefasst, und er schien fest entschlossen, sich der Koenigin nie
+wieder zu naehern. Gleichwohl finden wir ihn bald darauf wieder in ihrer
+voelligen Gnade und in der voelligen Wirksamkeit eines ehrgeizigen Lieblings.
+Diese Versoehnlichkeit, wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr
+schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere, wenn sie Verstellung war.
+In diesem Falle war er wirklich ein Verraeter, der sich alles gefallen liess,
+bis er den rechten Zeitpunkt gekommen zu sein glaubte. Ein elender Weinpacht,
+den ihm die Koenigin nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die
+Ohrfeige; und der Zorn ueber diese Verschmaelerung seiner Einkuenfte verblendete
+ihn so, dass er ohne alle Ueberlegung losbrach. So finden wir ihn in der
+Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so bei dem Banks, der seinen
+Aufstand zu der unmittelbaren Folge der Ohrfeige macht und ihm weiter keine
+treulosen Absichten gegen seine Koenigin beilegt. Sein Fehler ist der Fehler
+einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der bloss durch
+die Bosheit seiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm geschenkt war.
+
+
+
+
+Siebenundfunfzigstes Stueck
+Den 17. November 1767
+
+Banks hat die naemlichen Worte beibehalten, die Essex ueber die Ohrfeige
+ausstiess. Nur dass er ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der
+Welt, mitsamt Alexandern, beifuegen laesst.[1] Sein Essex ist ueberhaupt
+zuviel Prahler; und es fehlet wenig, dass er nicht ein ebenso grosser
+Gasconier ist als der Essex des Gasconiers Calprenede. Dabei ertraegt er
+sein Unglueck viel zu kleinmuetig und ist bald gegen die Koenigin ebenso
+kriechend, als er vorher vermessen gegen sie war. Banks hat ihn zu sehr
+nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, der sich so leicht vergisst,
+ist kein Charakter, und eben daher der dramatischen Nachahmung unwuerdig.
+In der Geschichte kann man dergleichen Widersprueche mit sich selbst fuer
+Verstellung halten, weil wir in der Geschichte doch selten das Innerste
+des Herzens kennenlernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden
+allzu vertraut, als dass wir nicht gleich wissen sollten, ob seine
+Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet
+haetten, uebereinstimmen oder nicht. Ja, sie moegen es, oder sie moegen es
+nicht: der tragische Dichter kann ihn in beiden Faellen nicht recht
+nutzen. Ohne Verstellung faellt der Charakter weg; bei der Verstellung die
+Wuerde desselben.
+
+Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen koennen. Diese Frau
+bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige
+Maenner bleiben. Ihre Zaertlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem
+Essex hat er mit vieler Anstaendigkeit behandelt; sie ist auch bei ihm
+gewissermassen noch ein Geheimnis. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die
+Elisabeth des Corneille, ueber Kaelte und Verachtung, ueber Glut und
+Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert
+nicht, dass ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch
+deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er um sie allein seufzen solle,
+usw. Keine von diesen Armseligkeiten koemmt ueber ihre Lippen. Sie spricht
+nie als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hoert es nie, aber man
+sieht es, wie teuer ihr Essex ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken
+Eifersucht verraten sie; sonst wuerde man sie schlechterdings fuer nichts,
+als fuer seine Freundin halten koennen.
+
+Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Aktion
+zu setzen gewusst, das koennen folgende Szenen des dritten Aufzuges zeigen.
+--Die Koenigin glaubt sich allein und ueberlegt den ungluecklichen Zwang
+ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres
+Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr
+nachgekommen.--
+
+"Die Koenigin. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich sei allein.
+
+Nottingham. Verzeihe, Koenigin, dass ich so kuehn bin. Und doch
+befiehlt mir meine Pflicht, noch kuehner zu sein.--Dich bekuemmert
+etwas. Ich muss fragen,--aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung
+bitten, dass ich es frage--Was ist's, das Dich bekuemmert? Was ist es,
+das diese erhabene Seele so tief herabbeuget?--Oder ist Dir nicht
+wohl?
+
+Die Koenigin. Steh auf, ich bitte dich.--Mir ist ganz wohl.--Ich danke
+dir fuer deine Liebe.--Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich,--meines
+Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fuerchte, ihm nur zu
+lange. Es faengt an, meiner ueberdruessig zu werden.--Neue Kronen sind
+wie neue Kraenze; die frischesten sind die lieblichsten. Meine Sonne
+neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewaermet; man fuehlet
+sich zu heiss; man wuenscht, sie waere schon untergegangen.--Erzaehle mir
+doch, was sagt man von der Ueberkunft des Essex?
+
+Nottingham.--Von seiner Ueberkunft--sagt man--nicht das Beste. Aber
+von ihm--er ist fuer einen so tapfern Mann bekannt--
+
+Die Koenigin. Wie? tapfer? da er mir so dienet?--Der Verraeter!
+
+Nottingham. Gewiss, es war nicht gut--
+
+Die Koenigin. Nicht gut! nicht gut?--Weiter nichts?
+
+Nottingham. Es war eine verwegene, frevelhafte Tat.
+
+Die Koenigin. Nicht wahr, Nottingham?--Meinen Befehl so gering zu
+schaetzen! Er haette den Tod dafuer verdient.--Weit geringere Verbrechen
+haben hundert weit geliebtern Lieblingen den Kopf gekostet.--
+
+Nottingham. Jawohl.--Und doch sollte Essex, bei soviel groesserer
+Schuld, mit geringerer Strafe davonkommen? Er sollte nicht sterben?
+
+Die Koenigin. Er soll!--Er soll sterben, und in den empfindlichsten
+Martern soll er sterben!--Seine Pein sei, wie seine Verraeterei, die
+groesste von allen!--Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder,
+nicht unter den finstern Toren, nicht auf den niedrigen Bruecken, auf
+den hoechsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der
+voruebergeht, sie erblicke und ausrufe: Siehe da, den stolzen,
+undankbaren Essex! Diesen Essex, welcher der Gerechtigkeit seiner
+Koenigin trotzte!--Wohl getan! Nicht mehr, als er verdiente!--Was
+sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch?--du schweigst?--Warum
+schweigst du? Willst du ihn noch vertreten?
+
+Nottingham. Weil Du es denn befiehlst, Koenigin, so will ich Dir alles
+sagen, was die Welt von diesem stolzen, undankbaren Manne spricht.--
+
+Die Koenigin. Tu das!--Lass hoeren: was sagt die Welt von ihm und mir?
+
+Nottingham. Von Dir, Koenigin?--Wer ist es, der von Dir nicht mit
+Entzuecken und Bewunderung spraeche? Der Nachruhm eines verstorbenen
+Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen
+ertoenen. Nur dieses einzige wuenschet man, und wuenschet es mit den
+heissesten Traenen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen,
+--dieses einzige, dass Du geruhen moechtest, ihren Beschwerden gegen
+diesen Essex abzuhelfen, einen solchen Verraeter nicht laenger zu
+schuetzen, ihn nicht laenger der Gerechtigkeit und der Schande
+vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu ueberliefern--
+
+Die Koenigin. Wer hat mir vorzuschreiben?
+
+Nottingham. Dir vorzuschreiben!--Schreibet man dem Himmel vor, wenn
+man ihn in tiefester Unterwerfung anflehet?--Und so flehet Dich alles
+wider den Mann an, dessen Gemuetsart so schlecht, so boshaft ist, dass
+er es auch nicht der Muehe wert achtet, den Heuchler zu spielen.--Wie
+stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, poebelhaft stolz; nicht
+anders als ein elender Lakai auf seinen bunten verbraemten Rock!--Dass
+er tapfer ist, raeumt man ihm ein; aber so, wie es der Wolf oder der
+Baer ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit,
+welche eine edle Seele ueber Glueck und Unglueck erhebt, ist fern von
+ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset ueber
+ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; ueberall will er allein
+glaenzen, allein hervorragen. Luzifer selbst, der den ersten Samen des
+Lasters in dem Himmel ausstreuete, war nicht ehrgeiziger und
+herrschsuechtiger, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmel stuerzte--
+
+Die Koenigin. Gemach, Nottingham, gemach!--Du eiferst dich ja ganz aus
+dem Atem.--Ich will nichts mehr hoeren--(beiseite) Gift und Blattern
+auf ihre Zunge!--Gewiss, Nottingham, du solltest dich schaemen, so etwas
+auch nur nachzusagen; dergleichen Niedertraechtigkeiten des boshaften
+Poebels zu wiederholen. Und es ist nicht einmal wahr, dass der Poebel
+das sagt. Er denkt es auch nicht. Aber ihr, ihr wuenscht, dass er es
+sagen moechte.
+
+Nottingham. Ich erstaune, Koenigin--
+
+Die Koenigin. Worueber?
+
+Nottingham. Du gebotest mir selbst, zu reden--
+
+Die Koenigin. Ja, wenn ich es nicht bemerkt haette, wie gewuenscht dir
+dieses Gebot kam! wie vorbereitet du darauf warest! Auf einmal
+gluehte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Herz freute sich,
+ueberzufliessen, und jedes Wort, jede Gebaerde hatte seinen laengst
+abgezielten Pfeil, deren jeder mich mit trifft.
+
+Nottingham. Verzeihe, Koenigin, wenn ich in dem Ausdrucke meine
+Schuldigkeit gefehlet habe. Ich mass ihn nach Deinem ab.
+
+Die Koenigin. Nach meinem?--Ich bin seine Koenigin. Mir steht es frei,
+dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auch
+hat er sich der graesslichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig
+gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich.--Womit koennte dich
+der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er
+uebertreten, keine Untertanen, die er bedruecken, keine Krone, nach der
+er streben koennte. Was findest du denn also fuer ein grausames
+Vergnuegen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch auf den Kopf
+zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen?
+
+Nottingham. Ich bin zu tadeln--
+
+Die Koenigin. Genug davon!--Seine Koenigin, die Welt, das Schicksal
+selbst erklaert sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein
+Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen?--
+
+Nottingham. Ich bekenne es, Koenigin,
+
+Die Koenigin. Geh, es sei dir vergeben!--Rufe mir gleich die Rutland
+her.--"
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Act. III.
+
+ --By all
+ The Subtilty, and Woman in your Sex,
+ I swear, that had you been a Man, you durst not,
+ Nay, your bold Father Harry durst not this
+ Have done--Why say I him? Not all the Harrys,
+ Not Alexander self, were he alive,
+ Should boast of such a deed on Essex done
+ Without revenge.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtundfunfzigstes Stueck
+Den 20. November 1767
+
+Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich,
+dass Rutland, ohne Wissen der Koenigin, mit dem Essex vermaehlt ist.
+
+"Die Koenigin. Koemmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt.
+--Wie ist's? Ich finde dich seit einiger Zeit so traurig. Woher diese
+truebe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sei munter, liebe Rutland;
+ich will dir einen wackern Mann suchen.
+
+Rutland. Grossmuetige Frau!--Ich verdiene es nicht, dass meine Koenigin
+so gnaedig auf mich herabsiehet.
+
+Die Koenigin. Wie kannst du so reden?--Ich liebe dich; jawohl liebe
+ich dich.--Du sol1st es daraus schon sehen!--Eben habe ich mit der
+Nottingham, der widerwaertigen!--einen Streit gehabt; und zwar--ueber
+Mylord Essex.
+
+Rutland. Ha!
+
+Die Koenigin. Sie hat mich recht sehr geaergert. Ich konnte sie nicht
+laenger vor Augen sehen.
+
+Rutland (beiseite). Wie fahre ich bei diesem teuern Namen zusammen!
+Mein Gesicht wird mich verraten. Ich fuehl' es; ich werde blass--und
+wieder rot.--
+
+Die Koenigin. Was ich dir sage, macht dich erroeten?--
+
+Rutland. Dein so ueberraschendes, guetiges Vertrauen, Koenigin,--
+
+Die Koenigin. Ich weiss, dass du mein Vertrauen verdienest.--Komm,
+Rutland, ich will dir alles sagen. Du sol1st mir raten.--Ohne Zweifel,
+liebe Rutland, wirst du es auch gehoert haben, wie sehr das Volk wider
+den armen, ungluecklichen Mann schreiet; was fuer Verbrechen es ihm zur
+Last leget. Aber das Schlimmste weisst du vielleicht noch nicht? Er
+ist heute aus Irland angekommen; wider meinen ausdruecklichen Befehl;
+und hat die dortigen Angelegenheiten in der groessten Verwirrung
+gelassen.
+
+Rutland. Darf ich Dir, Koenigin, wohl sagen, was ich denke?--Das
+Geschrei des Volkes ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Hass
+ist oefters so ungegruendet--
+
+Die Koenigin. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele.--Aber,
+liebe Rutland, er ist demohngeachtet zu tadeln.--Komm her, meine
+Liebe; lass mich an deinen Busen mich lehnen.--O gewiss, man legt mir
+es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht unter ihr Joch bringen lassen.
+Sie vergessen, dass ich ihre Koenigin bin.--Ah, Liebe; so ein Freund hat
+mir laengst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschuetten kann!--
+
+Rutland. Siehe meine Traenen, Koenigin--Dich so leiden zu sehen, die
+ich so bewundere!--Oh, dass mein guter Engel Gedanken in meine Seele,
+und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Sturm in Deiner Brust zu
+beschwoeren, und Balsam in Deine Wunden zu giessen!
+
+Die Koenigin. Oh, so waerest du mein guter Engel! mitleidige, beste
+Rutland!--Sage, ist es nicht schade, dass so ein braver Mann ein
+Verraeter sein soll? dass so ein Held, der wie ein Gott verehret ward,
+sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zu
+wollen?
+
+Rutland. Das haette er gewollt? das koennte er wollen? Nein, Koenigin,
+gewiss nicht, gewiss nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir sprechen hoeren!
+mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem
+Entzuecken habe ich ihn von Dir sprechen hoeren!
+
+Die Koenigin. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hoeren?
+
+Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte
+Ueberlegung, aus dem ein inneres Gefuehl spricht, dessen er nicht
+maechtig ist. Sie ist, sagte er, die Goettin ihres Geschlechts, so weit
+ueber alle andere Frauen erhaben, dass das, was wir in diesen am meisten
+bewundern, Schoenheit und Reiz, in ihr nur die Schatten sind, ein
+groesseres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit
+verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem
+alles ueberstroemenden Glanze des Sonnenlichts. Nichts uebersteigt ihre
+Guete; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glueckliche
+Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gesetzbuche des Himmels
+gezogen und werden dort von Engeln wieder aufgezeichnet.--Oh,
+unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues
+Herz ausdrueckte, oh, dass sie nicht unsterblich sein kann! Ich wuensche
+ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wenn die Gottheit
+diesen Abglanz von sich zurueckruft und mit eins sich Nacht und
+Verwirrung ueber Britannien verbreiten.
+
+Die Koenigin. Sagte er das, Rutland?
+
+Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe,
+dessen unversiegene Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich
+ueberstroemte--
+
+Die Koenigin. Oh, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du
+ihm gibst!
+
+Rutland. Und kannst ihn noch fuer einen Verraeter halten?
+
+Die Koenigin. Nein;--aber doch hat er die Gesetze uebertreten.--Ich muss
+mich schaemen, ihn laenger zu schuetzen.--Ich darf es nicht einmal wagen,
+ihn zu sehen.
+
+Rutland. Ihn nicht zu sehen, Koenigin? nicht zu sehen?--Bei dem
+Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwoere
+ich Dich,--Du musst ihn sehen! Schaemen? wessen? dass Du mit einem
+Ungluecklichen Erbarmen hast?--Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte
+Koenige schimpfen?--Nein, Koenigin; sei auch hier Dir selbst gleich.
+Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen--
+
+Die Koenigin. Ihn, der meinen ausdruecklichen Befehl so geringschaetzen
+koennen? Ihn, der sich so eigenmaechtig vor meine Augen draengen darf?
+Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl?
+
+Rutland. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gib die Schuld der
+Gefahr, in der er sich sahe. Er hoerte, was hier vorging; wie sehr man
+ihn zu verkleinern, ihn Dir verdaechtig zu machen suche. Er kam also,
+zwar ohne Erlaubnis, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich
+zu rechtfertigen und Dich nicht hintergehen zu lassen.
+
+Die Koenigin. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich
+sehen.--Oh, meine Rutland, wie sehr wuensche ich es, ihn noch immer
+ebenso rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne!
+
+Rutland. Oh, naehre diese guenstige Gedanke! Deine koenigliche Seele
+kann keine gerechtere hegen.--Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiss
+finden. Ich wollte fuer ihn schwoeren; bei aller Deiner Herrlichkeit
+fuer ihn schwoeren, dass er es nie aufgehoeret zu sein. Seine Seele ist
+reiner als die Sonne, die Flecken hat und irdische Duenste an sich
+ziehet und Geschmeiss ausbruetet.--Du sagst, er ist tapfer; und wer sagt
+es nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niedertraechtigkeit faehig.
+Bedenke, wie er die Rebellen gezuechtiget; wie furchtbar er Dich dem
+Spanier gemacht, der vergebens die Schaetze seiner Indien wider Dich
+verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Voelkern vorher,
+und ehe diese noch eintrafen, hatte oefters schon sein Name gesiegt.
+
+Die Koenigin (beiseite). Wie beredt sie ist!--Ha! dieses Feuer, diese
+Innigkeit,--das blosse Mitleid gehet so weit nicht.--Ich will es gleich
+hoeren!--(Zu ihr.) Und dann, Rutland, seine Gestalt--
+
+Rutland. Recht, Koenigin; seine Gestalt.--Nie hat eine Gestalt den
+innern Vollkommenheiten mehr entsprochen!--Bekenn' es, Du, die Du
+selbst so schoen bist, dass man nie einen schoenern Mann gesehen! So
+wuerdig, so edel, so kuehn und gebieterisch die Bildung! Jedes Glied,
+in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das ganze von einem so
+sanften lieblichen Umrisse! Das wahre Modell der Natur, einen
+vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus
+hundert Gegenstaenden zusammensuchen muss, was sie hier beieinander
+findet!
+
+Die Koenigin (beiseite). Ich dacht' es!--Das ist nicht laenger
+auszuhalten.--(Zu ihr.) Wie ist dir, Rutland? Du geraetst ausser dir.
+Ein Wort, ein Bild ueberjagt das andere. Was spielt so den Meister
+ueber dich? Ist es bloss deine Koenigin, ist es Essex selbst, was diese
+wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket?--(Beiseite.) Sie
+schweigt; ganz gewiss, sie liebt ihn.--Was habe ich getan? Welchen
+neuen Sturm habe ich in meinem Busen erregt?" usw.
+
+Hier erscheinen Burleigh und die Nottingham wieder, der Koenigin zu
+sagen, dass Essex ihren Befehl erwarte. Er soll vor sie kommen.
+"Rutland", sagt die Koenigin, "wir sprechen einander schon weiter; geh
+nur.--Nottingham, tritt du naeher." Dieser Zug der Eifersucht ist
+vortrefflich. Essex koemmt; und nun erfolgt die Szene mit der Ohrfeige.
+Ich wuesste nicht, wie sie verstaendiger und gluecklicher vorbereitet
+sein koennte. Essex anfangs, scheinet sich voellig unterwerfen zu
+wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach
+und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl haette
+alles das die Koenigin so weit nicht aufbringen koennen, wenn ihr Herz
+nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen waere. Es ist
+eigentlich die eifersuechtige Liebhaberin, welche schlaegt, und die
+sich nur der Hand der Koenigin bedienet. Eifersucht ueberhaupt schlaegt
+gern.--
+
+Ich, meinesteils, moechte diese Szenen lieber auch nur gedacht, als den
+ganzen "Essex" des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch,
+so voller Leben und Wahrheit, dass das Beste des Franzosen eine sehr
+armselige Figur dagegen macht.
+
+
+
+Neunundfunfzigstes Stueck
+Den 24. November 1767
+
+Nur den Stil des Banks muss man aus meiner Uebersetzung nicht beurteilen.
+Von seinem Ausdrucke habe ich gaenzlich abgehen muessen. Er ist zugleich so
+gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von
+Person zu Person, sondern ganz durchaus, dass er zum Muster dieser Art von
+Misshelligkeit dienen kann. Ich habe mich zwischen beide Klippen, so gut
+als moeglich, durchzuschleichen gesucht; dabei aber doch an der einen
+lieber, als an der andern, scheitern wollen.
+
+Ich habe mich mehr vor dem Schwuelstigen gehuetet, als vor dem Platten. Die
+mehresten haetten vielleicht gerade das Gegenteil getan; denn schwuelstig
+und tragisch halten viele so ziemlich fuer einerlei. Nicht nur viele der
+Leser: auch viele der Dichter selbst. Ihre Helden sollten wie andere
+Menschen sprechen? Was waeren das fuer Helden? Ampullae et sesquipedalia
+verba, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den
+wahren Ton der Tragoedie.
+
+"Wir haben es an nichts fehlen lassen", sagt Diderot,[1] (man merke, dass
+er vornehmlich von seinen Landsleuten spricht), "das Drama aus dem Grunde
+zu verderben. Wir haben von den Alten die volle praechtige Versifikation
+beibehalten, die sich doch nur fuer Sprachen von sehr abgemessenen
+Quantitaeten und sehr merklichen Akzenten, nur fuer weitlaeufige Buehnen, nur
+fuer eine in Noten gesetzte und mit Instrumenten begleitete Deklamation so
+wohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dem Gespraeche,
+und die Wahrheit ihrer Gemaelde haben wir fahren lassen."
+
+Diderot haette noch einen Grund hinzufuegen koennen, warum wir uns den
+Ausdruck der alten Tragoedien nicht durchgaengig zum Muster nehmen duerfen.
+Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freien,
+oeffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie
+muessen also fast immer mit Zurueckhaltung und Ruecksicht auf ihre Wuerde
+sprechen; sie koennen sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den
+ersten den besten Worten entladen; sie muessen sie abmessen und waehlen.
+Aber wir Neuern, die wir den Chor abgeschafft, die wir unsere Personen
+groesstenteils zwischen ihren vier Waenden lassen: was koennen wir fuer
+Ursache haben, sie demohngeachtet immer eine so geziemende, so
+ausgesuchte, so rhetorische Sprache fuehren zu lassen? Sie hoert niemand,
+als dem sie es erlauben wollen, sie zu hoeren; mit ihnen spricht niemand
+als Leute, welche in die Handlung wirklich mit verwickelt, die also
+selbst im Affekte sind und weder Lust noch Musse haben, Ausdruecke zu
+kontrollieren. Das war nur von dem Chore zu besorgen, der, so genau er
+auch in das Stueck eingeflochten war, dennoch niemals misshandelte und
+stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale
+wirklichen Anteil nahm. Umsonst beruft man sich desfalls auf den hoehern
+Rang der Personen. Vornehme Leute haben sich besser ausdruecken gelernt
+als der gemeine Mann: aber sie affektieren nicht unaufhoerlich, sich
+besser auszudruecken als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jede
+ihre eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Natur begeistert, die
+in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut
+verstehet, als der Polierteste.
+
+Bei einer gesuchten, kostbaren, schwuelstigen Sprache kann niemals
+Empfindung sein. Sie zeugt von keiner Empfindung, und kann keine
+hervorbringen. Aber wohl vertraegt sie sich mit den simpelsten,
+gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten.
+
+Wie ich Banks' Elisabeth sprechen lasse, weiss ich wohl, hat noch keine
+Koenigin auf dem franzoesischen Theater gesprochen. Den niedrigen
+vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhaelt, wuerde man
+in Paris kaum einer guten adligen Landfrau angemessen finden. "Ist dir
+nicht wohl?--Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich.--Nur unruhig;
+ein wenig unruhig bin ich.--Erzaehle mir doch.--Nicht wahr, Nottingham? Tu
+das! Lass hoeren!--Gemach, gemach!--Du eiferst dich aus dem Atem.--Gift und
+Blattern auf ihre Zunge!--Mir steht es frei, dem Dinge, das ich geschaffen
+habe, mitzuspielen, wie ich will.--Auf den Kopf schlagen.--Wie ist's? Sei
+munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen.--Wie kannst
+du so reden?--Du sollst es schon sehen.--Sie hat mich recht sehr geaergert.
+Ich konnte sie nicht laenger vor Augen sehen.--Komm her, meine Liebe; lass
+mich an deinen Busen mich lehnen.--Ich dacht' es!--Das ist nicht laenger
+auszuhalten."--Jawohl ist es nicht auszuhalten! wuerden die feinen
+Kunstrichter sagen--
+
+Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen.--Denn leider gibt
+es Deutsche, die noch weit franzoesischer sind, als die Franzosen. Ihnen
+zu gefallen, habe ich diese Brocken auf einen Haufen getragen. Ich kenne
+ihre Art zu kritisieren. Alle die kleinen Nachlaessigkeiten, die ihr
+zaertliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu
+finden waren, die er mit so vieler Ueberlegung dahin und dorthin streuete,
+um den Dialog geschmeidig zu machen und den Reden einen wahrern Anschein
+der augenblicklichen Eingebung zu erteilen, reihen sie sehr witzig
+zusammen auf einen Faden und wollen sich krank darueber lachen. Endlich
+folgt ein mitleidiges Achselzucken: "Man hoert wohl, dass der gute Mann die
+grosse Welt nicht kennet; dass er nicht viele Koeniginnen reden gehoert;
+Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bei Hofe."
+
+Demohngeachtet wuerde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer fuer die
+Koeniginnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen
+duerfen. Ich habe es lange schon geglaubt, dass der Hof der Ort eben nicht
+ist, wo ein Dichter die Natur studieren kann. Aber wenn Pomp und Etikette
+aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen
+Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Koeniginnen moegen so
+gesucht und affektiert sprechen, als sie wollen: seine Koeniginnen muessen
+natuerlich sprechen. Er hoere der Hekuba des Euripides nur fleissig zu; und
+troeste sich immer, wenn er schon sonst keine Koeniginnen gesprochen hat.
+
+Nichts ist zuechtiger und anstaendiger als die simple Natur. Grobheit und
+Wust ist ebenso weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem
+Erhabnen. Das naemliche Gefuehl, welches die Grenzscheidung dort wahrnimmt,
+wird sie auch hier bemerken. Der schwuelstige Dichter ist daher unfehlbar
+auch der poebelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine
+Gattung gibt mehrere Gelegenheit, in beide zu verfallen, als
+die Tragoedie.
+
+Gleichwohl scheinet die Englaender vornehmlich nur der eine in ihrem Banks
+beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die
+poebelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so
+glaenzende Personen fuehren lasse; und wuenschten lange, dass sein Stueck von
+einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe,
+moechte umgearbeitet werden.[2] Dieses geschah endlich auch. Fast zu
+gleicher Zeit machten sich Jones und Brook darueber. Heinrich Jones, von
+Geburt ein Irlaender, war seiner Profession nach ein Maurer und vertauschte,
+wie der alte Ben Jonson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon
+einen Band Gedichte auf Subskription drucken lassen, die ihn als einen
+Mann von grossem Genie bekannt machten, brachte er seinen "Essex" 1753
+aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den
+von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook liess seinen erst einige
+Jahre hernach drucken; und so kann es wohl sein, dass er, wie man ihm
+Schuld gibt, ebensowohl den "Essex" des Jones als den vom Banks, genutzt
+hat. Auch muss noch ein "Essex" von einem James Ralph vorhanden sein. Ich
+gestehe, dass ich keinen gelesen habe, und alle drei nur aus den gelehrten
+Tagebuechern kenne. Von dem "Essex" des Brook sagt ein franzoesischer
+Kunstrichter, dass er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der
+schoenen Poesie des Jones zu verbinden gewusst habe. Was er ueber die Rolle
+der Rutland und ueber derselben Verzweiflung bei der Hinrichtung ihres
+Gemahls hinzufuegt,[3] ist merkwuerdig; man lernt auch daraus das Pariser
+Parterr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht.
+
+Aber einen spanischen "Essex" habe ich gelesen, der viel zu sonderbar
+ist, als dass ich nicht im Vorbeigehen etwas davon sagen sollte.--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Zweite Unterredung hinter dem "Natuerlichen Sohne". S.d. Uebers. 247.
+
+[2] ("Companion to the Theatre", Vol. II. p. 105.)--The Diction is every
+where very bad, and in some Places so low, that it even becomes
+unnatural.--And I think, there cannot be a greater Proof of the little
+Encouragement this Age affords to Merit, than that no Gentleman possest
+of a true Genius and Spirit of Poetry, thinks it worth his Attention to
+adorn so celebrated a Part of History with that Dignity of Expression
+befitting Tragedy in general, but more particularly, where the Characters
+are perhaps the greatest the World ever produced.
+
+[3] ("Journal Encycl.", Mars 1761.) Il a aussi fait tomber en demence la
+Comtesse de Rutland au moment que cet illustre epoux est conduit a
+l'echafaud; ce moment ou cette Comtesse est un objet bien digne de pitie,
+a produit une tres grande sensation, et a ete trouve admirable a Londres:
+en France il eut paru ridicule, il aurait ete siffle et l'on aurait
+envoye la Comtesse avec l'Auteur aux Petites-Maisons.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechzigstes Stueck
+Den 27. November 1767
+
+Er ist von einem Ungenannten und fuehret den Titel: "Fuer seine Gebieterin
+sterben"[1]. Ich finde ihn in einer Sammlung von Komoedien, die Joseph
+Padrino zu Sevilien gedruckt hat, und in der er das vierundsiebzigste
+Stueck ist. Wenn er verfertiget worden, weiss ich nicht; ich sehe auch
+nichts, woraus es sich ungefaehr abnehmen liesse. Das ist klar, dass sein
+Verfasser weder die franzoesischen und englischen Dichter, welche die
+naemliche Geschichte bearbeitet haben, gebraucht hat, noch von ihnen
+gebraucht worden. Er ist ganz original. Doch ich will dem Urteile meiner
+Leser nicht vorgreifen.
+
+Essex kommt von seiner Expedition wider die Spanier zurueck und will der
+Koenigin in London Bericht davon abstatten. Wie er anlangt, hoert er, dass
+sie sich zwei Meilen von der Stadt auf dem Landgute einer ihrer Hofdamen,
+namens Blanca, befinde. Diese Blanca ist die Geliebte des Grafen, und auf
+diesem Landgute hat er, noch bei Lebszeiten ihres Vaters, viele heimliche
+Zusammenkuenfte mit ihr gehabt. Sogleich begibt er sich dahin und bedient
+sich des Schluessels, den er noch von der Gartentuere bewahret, durch die
+er ehedem zu ihr gekommen. Es ist natuerlich, dass er sich seiner Geliebten
+eher zeigen will, als der Koenigin. Als er durch den Garten nach ihren
+Zimmern schleichet, wird er an dem schattichten Ufer eines durch
+denselben geleiteten Armes der Themse ein Frauenzimmer gewahr, (es ist
+ein schwueler Sommerabend), das mit den blossen Fuessen in dem Wasser sitzt
+und sich abkuehlet. Er bleibt voller Verwunderung ueber ihre Schoenheit
+stehen, ob sie schon das Gesicht mit einer halben Maske bedeckt hat, um
+nicht erkannt zu werden. (Diese Schoenheit, wie billig, wird weitlaeuftig
+beschrieben, und besonders werden ueber die allerliebsten weissen Fuesse in
+dem klaren Wasser sehr spitzfindige Dinge gesagt. Nicht genug, dass der
+entzueckte Graf zwei kristallene Saeulen in einem fliessenden Kristalle
+stehen sieht; er weiss vor Erstaunen nicht, ob das Wasser der Kristall
+ihrer Fuesse ist, welcher in Fluss geraten, oder ob ihre Fuesse der Kristall
+des Wassers sind, der sich in diese Form kondensiert hat.[2]) Noch
+verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem weissen Gesichte:
+er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so goettliches
+Monstrum gebildet und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so
+glaenzendem Helfenbeine gepaaret habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr
+zur Verspottung?[3] Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet,
+als, unter der Ausrufung: Stirb, Tyrannin! ein Schuss auf sie geschieht,
+und gleich darauf zwei maskierte Maenner mit blossem Degen auf sie
+losgehen, weil der Schuss sie nicht getroffen zu haben scheinet. Essex
+besinnt sich nicht lange, ihr zu Hilfe zu eilen. Er greift die Moerder an,
+und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurueck und
+bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, dass er
+verwundet ist, knuepft ihre Schaerpe los und gibt sie ihm, sich die Wunde
+damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schaerpe dienen, mich
+Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muss ich mich entfernen,
+ehe ueber den Schuss mehr Laermen entsteht; ich moechte nicht gern, dass die
+Koenigin den Zufall erfuehre, und ich beschwoere Euch daher um Eure
+Verschwiegenheit. Sie geht, und Essex bleibt voller Erstaunen ueber diese
+sonderbare Begebenheit, ueber die er mit seinem Bedienten, namens Cosme,
+allerlei Betrachtungen anstellt. Dieser Cosme ist die lustige Person des
+Stuecks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hereingegangen,
+und hatte den Schuss zwar gehoert, aber ihm doch nicht zu Hilfe kommen
+duerfen. Die Furcht hielt an der Tuere Schildwache und versperrte ihm den
+Eingang. Furchtsam ist Cosme fuer viere;[4] und das sind die spanischen
+Narren gemeiniglich alle. Essex bekennt, dass er sich unfehlbar in die
+schoene Unbekannte verliebt haben wuerde, wenn Blanca nicht schon so voellig
+Besitz von seinem Herzen genommen haette, dass sie durchaus keiner andern
+Leidenschaft darin Raum lasse. "Aber", sagt er, "wer mag sie wohl gewesen
+sein? Was duenkt dich, Cosme?"--"Wer wird's gewesen sein", antwortet
+Cosme, "als des Gaertners Frau, die sich die Beine gewaschen?"[5] Aus
+diesem Zuge kann man leicht auf das uebrige schliessen. Sie gehen endlich
+beide wieder fort; es ist zu spaet geworden; das Haus koennte ueber den
+Schuss in Bewegung geraten sein; Essex getraut sich daher nicht, unbemerkt
+zur Blanca zu kommen, und verschiebt seinen Besuch auf ein andermal.
+
+Nun tritt der Herzog von Alanzon auf, mit Flora, der Blanca Kammermaedchen.
+(Die Szene ist noch auf dem Landgute, in einem Zimmer der Blanca; die
+vorigen Auftritte waren in dem Garten. Es ist des folgenden Tages.) Der
+Koenig von Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mit seinem
+juengsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog von Alanzon. Er ist,
+unter dem Vorwande einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese
+Verbindung zustande zu bringen. Es laesst sich alles, sowohl von seiten des
+Parlaments als der Koenigin, sehr wohl dazu an: aber indes erblickt er die
+Blanca und verliebt sich in sie. Itzt koemmt er und bittet Floren, ihm in
+seiner Liebe behilflich zu sein. Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er
+zu erwarten habe; doch ohne ihm das geringste von der Vertraulichkeit,
+in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt bloss, Blanca
+suche sich zu verheiraten, und da sie hierauf sich mit einem Manne,
+dessen Stand so weit ueber den ihrigen erhaben sei, doch keine Rechnung
+machen koenne, so duerfte sie schwerlich seiner Liebe Gehoer geben.--(Man
+erwartet, dass der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner
+Absichten beteuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in
+diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er
+hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora uebergeben soll. Er
+wuenscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief fuer Eindruck auf sie
+machen werde. Er schenkt Floren eine gueldne Kette, und Flora versteckt
+ihn in eine anstossende Galerie, indem Blanca mit Cosme hereintritt,
+welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet.
+
+Essex koemmt. Nach den zaertlichsten Bewillkommungen der Blanca, nach den
+teuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich wuerdig
+zu zeigen wuensche, muessen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca
+bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchem Eifer und mit
+welcher Standhaftigkeit er sich um ihre Liebe beworben habe. Nachdem sie
+ihm drei Jahre widerstanden, habe sie endlich sich ihm ergeben und ihn,
+unter Versicherung sie zu heiraten, zum Eigentuemer ihrer Ehre gemacht.
+(Te hice dueno de mi honor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig
+viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beiderseitigen Familien
+obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Essex ist
+nichts in Abrede und fuegt hinzu, dass, nach dem Tode ihres Vaters und
+Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition wider die Spanier dazwischen
+gekommen sei. Nun aber habe er diese gluecklich vollendet; nun wolle er
+unverzueglich die Koenigin um Erlaubnis zu ihrer Vermaehlung antreten.--"Und
+so kann ich dir denn", sagt Blanca, "als meinem Geliebten, als meinem
+Braeutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher
+anvertrauen."[6]--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Dar la vida por su Dama o el Conde de Sex"; de un Ingenio de esta
+Corte.
+
+[2]
+ Las dos columnas bellas
+ Metio dentro del rio, y como al verlas
+ Vi un cristal en el rio desatado,
+ Y vi cristal en ellas condensado,
+ No supe si las aguas que se vian
+ Eran sus pies, que liquidos corrian,
+ O si sus dos columnas se formaban
+ De las aguas, que alli se conjelaban.
+
+Diese Aehnlichkeit treibt der Dichter noch weiter, wenn er beschreiben
+will, wie die Dame, das Wasser zu kosten, es mit ihrer hohlen Hand
+geschoepft und nach dem Munde gefuehrt habe. Diese Hand, sagt er, war dem
+klaren Wasser so aehnlich, dass der Fluss selbst fuer Schrecken zusammenfuhr,
+weil er befuerchtete, sie moechte einen Teil ihrer eignen Hand mittrinken.
+
+ Quiso probar a caso
+ El agua, y fueron cristalino vaso
+ Sus manos, acercolas a los labios,
+ Y entonces el arroyo lloro agravios,
+ Y como tanto, en fin, se parecia
+ A sus manos aquello que bebia,
+ Temi con sobresalto (y no fue en vano)
+ Que se bebiera parte de la mano.
+
+[3]
+ Yo, que al principio vi, ciego, y turbado,
+ A una parte nevado
+ Y en otra negro el rostro,
+ Juzgue, mirando tan divino monstruo,
+ Que la naturaleza cuidadosa
+ Desigualdad uniendo tau hermosa,
+ Quiso hacer por asombro, o por ultraje,
+ De azabache y marfil un maridaie.
+
+[4]
+ Ruido de armas en la Quinta,
+ Y dentro el Conde? Que aguardo,
+ Que no voy a socorrerle?
+ Que aguardo? Lindo recado:
+ Aguardo a que quiera el miedo
+ Dejarme entrar:--
+ ------
+ Cosme, que ha temido un miedo
+ Que puede valer por cuatro.
+
+[5]
+ La mujer del hortelano,
+ Que se lavaba las piernas.
+
+[6]
+ Bien podre seguramente
+ Revelarte intentos mios,
+ Como a galan, como a dueno,
+ Como a esposo, y como a amigo.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Einundsechzigstes Stueck
+Den 1. Dezember 1767
+
+Hierauf beginnt sie eine lange Erzaehlung von dem Schicksale der Maria von
+Schottland. Wir erfahren (denn Essex selbst muss alles das, ohne Zweifel,
+laengst wissen), dass ihr Vater und Bruder dieser ungluecklichen Koenigin
+sehr zugetan gewesen; dass sie sich geweigert, an der Unterdrueckung der
+Unschuld teilzunehmen; dass Elisabeth sie daher gefangensetzen und in dem
+Gefaengnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, dass Blanca die
+Elisabeth hasst; dass sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu raechen.
+Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen und sie
+ihres ganzen Vertrauens gewuerdiget. Aber Blanca ist unversoehnlich.
+Umsonst waehlte die Koenigin, nur kuerzlich, vor allen andern das Landgut
+der Blanca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu geniessen.
+--Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen
+lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es
+moechte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland
+geflohen war, wo er sich im Verborgnen aufhielt. Der Oheim war gekommen;
+und kurz, dieser Oheim war es gewesen, welcher die Koenigin in dem Garten
+ermorden wollen. Nun weiss Essex, und wir mit ihm, wer die Person ist, der
+er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiss nicht, dass es Essex ist,
+welcher ihren Anschlag vereiteln muessen. Sie rechnet vielmehr auf die
+unbegrenzte Liebe, deren sie Essex versichert, und wagt es, ihn nicht
+bloss zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm voellig die
+gluecklichere Vollziehung ihrer Rache zu uebertragen. Er soll sogleich an
+ihren Oheim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben und
+gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyrannin muesse sterben; ihr
+Name sei allgemein verhasst; ihr Tod sei eine Wohltat fuer das Vaterland,
+und niemand verdiene es mehr als Essex, dem Vaterlande diese Wohltat zu
+verschaffen.
+
+Essex ist ueber diesen Antrag aeusserst betroffen. Blanca, seine teure
+Blanca, kann ihm eine solche Verraeterei zumuten? Wie sehr schaemt er sich
+in diesem Augenblicke seiner Liebe! Aber was soll er tun? Soll er ihr,
+wie es billig waere, seinen Unwillen zu erkennen geben? Wird sie darum
+weniger bei ihren schaendlichen Gesinnungen bleiben? Soll er der Koenigin
+die Sache hinterbringen? Das ist unmoeglich: Blanca, seine ihm noch immer
+teure Blanca, laeuft Gefahr. Soll er sie, durch Bitten und Vorstellungen,
+von ihrem Entschlusse abzubringen suchen? Er muesste nicht wissen, was fuer
+ein rachsuechtiges Geschoepf eine beleidigte Frau ist; wie wenig es sich
+durch Flehen erweichen und durch Gefahr abschrecken laesst. Wie leicht
+koennte sie seine Abratung, sein Zorn zur Verzweiflung bringen, dass sie
+sich einem andern entdeckte, der so gewissenhaft nicht waere und ihr
+zuliebe alles unternaehme?[1]--Dieses in der Geschwindigkeit ueberlegt,
+fasst er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heisst der
+Oheim der Blanca, mit allen seinen Anhaengern in die Falle zu locken.
+
+Blanca wird ungeduldig, dass ihr Essex nicht sogleich antwortet. "Graf",
+sagt sie, "wenn du erst lange mit dir zu Rate gehst, so liebst du mich
+nicht. Auch nur zweifeln ist Verbrechen. Undankbarer!"[2]--"Sei ruhig,
+Blanca!" erwidert Essex: "ich bin entschlossen."--"Und wozu?"--"Gleich
+will ich dir es schriftlich geben."
+
+Essex setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der
+Herzog aus der Galerie naeher. Er ist neugierig, zu sehen, wer sich mit
+der Blanca so lange unterhaelt; und erstaunt, den Grafen von Essex zu
+erblicken. Aber noch mehr erstaunt er ueber das, was er gleich darauf zu
+hoeren bekoemmt. Essex hat an den Roberto geschrieben und sagt der Blanca
+den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den Cosme abschicken
+will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen;
+Essex will ihn mit seinen Leuten unterstuetzen; Essex hat die Gunst des
+Volks; nichts wird leichter sein, als sich der Koenigin zu bemaechtigen;
+sie ist schon so gut als tot.--"Erst muesst' ich sterben!" ruft auf einmal
+der Herzog und koemmt auf sie los. Blanca und der Graf erstaunen ueber
+diese ploetzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letztern ist nicht
+ohne Eifersucht. Er glaubt, dass Blanca den Herzog bei sich verborgen
+gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Blanca und versichert, dass sie von
+seiner Anwesenheit nichts gewusst; er habe die Galerie offen gefunden und
+sei von selbst hereingegangen, die Gemaelde darin zu betrachten.[3]
+
+"Der Herzog. Bei dem Leben meines Bruders, bei dem mir noch kostbarern
+Leben der Koenigin, bei--Aber genug, dass ich es sage: Blanca ist
+unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklaerung zu danken.
+Auf Sie ist im geringsten nicht dabei gesehen. Denn mit Leuten, wie
+Sie, machen Leute, wie ich--
+
+Der Graf. Prinz, Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht?--
+
+Der Herzog. Freilich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich
+kenne Sie nun. Ich hielt Sie fuer einen ganz andern Mann: und ich
+finde, Sie sind ein Verraeter.
+
+Der Graf. Wer darf das sagen?
+
+Der Herzog. Ich!--Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hoeren,
+Graf!
+
+Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen sein--
+
+Der Herzog. Denn kurz: ich bin ueberzeugt, dass ein Verraeter kein Herz
+hat. Ich treffe Sie als einen Verraeter: ich muss Sie fuer einen Mann
+ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vorteils
+ueber Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen
+verlustig sind. Waeren Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt,
+so wuerde ich Sie zu zuechtigen wissen.
+
+Der Graf. Ich bin der Graf von Essex. So hat mir noch niemand
+begegnen duerfen, als der Bruder des Koenigs von Frankreich.
+
+Der Herzog. Wenn ich auch der nicht waere, der ich bin; wenn nur Sie
+der waeren, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl
+empfinden, mit wem Sie zu tun haetten.--Sie, der Graf von Essex? Wenn
+Sie dieser berufene Krieger sind: wie koennen Sie so viele grosse Taten
+durch eine so unwuerdige Tat vernichten wollen?--"
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Ay tal traicion! vive el Cielo,
+ Que de amarla estoy corrido.
+ Blanca, que es mi dulce dueno,
+ Blanca, a quien quiero, y estimo,
+ Me propone tal traicion!
+ Que hare, porque si ofendido,
+ Respondiendo, como es justo,
+ Contra su traicion me irrito,
+ No por eso ha de evitar
+ So resuelto desatino.
+ Pues darle cuenta a la Reina
+ Es imposible, pues quiso
+ Mi suerte, que tenga parte
+ Blanca en aqueste delito.
+ Pues si procuro con ruegos
+ Disuadirla, es desvario,
+ Que es una mujer resuelta
+ Animal tan vengativo,
+ Que no se dobla a los riesgos:
+ Antes con afecto impio,
+ En el mismo rendimiento
+ Suelen aguzar los filos;
+ Y quiza desesperada
+ De mi enojo, o mi desvio,
+ Se declarara con otro
+ Menos leal, menos fino,
+ Que quiza por ella intente
+ Lo que yo hacer no he querido.
+
+[2]
+ Si estas consultando, Conde,
+ Alla dentro de ti mismo
+ Lo que has de hacer, no me quieres,
+ Ya el dudarlo fue delito.
+ Vive Dios, que eres ingrato!
+
+[3]
+ Por vida del Rey mi hermano,
+ Y por la que mas estimo,
+ De la Reina mi senora,
+ Y por--pero yo lo digo,
+ Que en mi es el mayor empeno
+ De la verdad del decirlo,
+ Que no tiene Blanca parte
+ De estar yo aqui--
+ ------
+ Y estad muy agradecido
+ A Blanca, de que yo os de,
+ No satisfaccion, aviso
+ De esta verdad, porque a vos,
+ Hombres como yo--Cond. Imagino
+ Que no me conoceis bien.
+ Duq. No os habia conocido
+ Hasta aqui; mas ya os conozco,
+ Pues ya tan otro os he visto
+ Que os reconozco traidor.
+ Cond. Quien dijere--Duq. Yo lo digo
+ No pronuncieis algo, Conde,
+ Que ya no puedo sufriros.
+ Cond. Cualquier cosa que yo intente--
+ Duq. Mirad que estoy persuadido
+ Que hace la traicion cobardes;
+ Y asi cuando os he cogido
+ En un lance que me da
+ De que sois cobarde indicios,
+ No he de aprovecharme de esto,
+ Y asi os perdona mi brio
+ Ese rato que teneis
+ El valor desminuido;
+ Que a estar todo vos entero,
+ Supiera daros castigo.
+ Cond. Yo soy el Conde de Sex
+ Y nadie se me ha atrevido
+ Sino el hermano del Rey
+ De Francia. Duq. Yo tengo brio
+ Para que sin ser quien soy,
+ Pueda mi valor invicto
+ Castigar, no digo yo
+ Solo a vos, mas a vos mismo,
+ Siendo leal, que es lo mas
+ Con que queda encarecido.
+ Y pues sois tan gran Soldado,
+ No echeis a perder, os pido
+ Tantas heroicas hazanas
+ Con un hecho tan indigno--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundsechzigstes Stueck
+Den 4. Dezember 1767
+
+Der Herzog faehrt hierauf fort, ihm sein Unrecht in einem etwas gelindern
+Tone vorzuhalten. Er ermahnt ihn, sich eines Bessern zu besinnen; er will
+es vergessen, was er gehoert habe; er ist versichert, dass Blanca mit dem
+Grafen nicht einstimmen und dass sie selbst ihm eben das wuerde gesagt
+haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen waere. Er schliesst
+endlich: "Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von einem so
+schaendlichen Vorhaben ab! Werden Sie wieder Sie selbst! Wollen Sie aber
+meinem Rate nicht folgen: so erinnern Sie sich, dass Sie einen Kopf haben,
+und London einen Henker!"[1]--Hiermit entfernt sich der Herzog. Essex ist
+in der aeussersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich fuer einen Verraeter
+gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen
+den Herzog zu rechtfertigen; er muss sich gedulden, bis es der Ausgang
+lehre, dass er da seiner Koenigin am getreuesten gewesen sei, als er es am
+wenigsten zu sein geschienen.[2] So spricht er mit sich selbst: zur
+Blanca aber sagt er, dass er den Brief sogleich an ihren Oheim senden
+wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern
+verwuenscht, sich aber noch damit getroestet, dass es kein Schlimmerer als
+der Herzog sei, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse.
+
+Die Koenigin erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was
+ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, dass ihre Leibwache alle Zugaenge
+wohl besetzt; und morgen will sie nach London zurueckkehren. Der Kanzler
+ist der Meinung, die Meuchelmoerder aufsuchen zu lassen und durch ein
+oeffentliches Edikt demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche
+Belohnung zu verheissen, sollte er auch selbst ein Mitschuldiger sein.
+"Denn da es ihrer zwei waren", sagt er, "die den Anfall taten, so kann
+leicht einer davon ein ebenso treuloser Freund sein, als er ein treuloser
+Untertan ist."[3] Aber die Koenigin missbilliget diesen Rat; sie haelt es
+fuer besser, den ganzen Vorfall zu unterdruecken und es gar nicht bekannt
+werden zu lassen, dass es Menschen gegeben, die sich einer solchen Tat
+erkuehnen duerfen. "Man muss", sagt sie, "die Welt glauben machen, dass die
+Koenige so wohl bewacht werden, dass es der Verraeterei unmoeglich ist, an
+sie zu kommen. Ausserordentliche Verbrechen werden besser verschwiegen,
+als bestraft. Denn das Beispiel der Strafe ist von dem Beispiele der
+Suende unzertrennlich; und dieses kann oft ebensosehr anreizen, als jenes
+abschrecken."[4]
+
+Indem wird Essex gemeldet und vorgelassen. Der Bericht, den er von dem
+gluecklichen Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Koenigin
+sagt ihm auf eine sehr verbindliche Weise: "Da ich Euch wieder erblicke,
+weiss ich von dem Ausgange des Krieges schon genug."[5] Sie will von
+keinen naehern Umstaenden hoeren, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, und
+befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von
+England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Koenigin und Essex sind
+allein; das Gespraech wird vertraulicher; Essex hat die Schaerpe um; die
+Koenigin bemerkt sie, und Essex wuerde es aus dieser blossen Bemerkung
+schliessen, dass er sie von ihr habe, wenn er es aus den Reden der Blanca
+nicht schon geschlossen haette. Die Koenigin hat den Grafen schon laengst
+heimlich geliebt; und nun ist sie ihm sogar das Leben schuldig.[6] Es
+kostet ihr alle Muehe, ihre Neigung zu verbergen. Sie tut verschiedne
+Fragen, ihn auszulocken und zu hoeren, ob sein Herz schon eingenommen, und
+ob er es vermute, wem er das Leben in dem Garten gerettet. Das letzte
+gibt er ihr durch seine Antworten gewissermassen zu verstehen, und zugleich,
+dass er fuer ebendiese Person mehr empfinde, als er derselben zu entdecken
+sich erkuehnen duerfe. Die Koenigin ist auf dem Punkte, sich ihm zu erkennen
+zu geben: doch siegt noch ihr Stolz ueber ihre Liebe. Ebensosehr hat der
+Graf mit seinem Stolze zu kaempfen: er kann sich des Gedankens nicht
+entwehren, dass ihn die Koenigin liebe, ob er schon die Vermessenheit
+dieses Gedankens erkennet. (Dass diese Szene groesstenteils aus Reden
+bestehen muesse, die jedes seitab fuehret, ist leicht zu erachten.) Sie
+heisst ihn gehen und heisst ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm
+das Patent bringe. Er bringt es; sie ueberreicht es ihm; er bedankt sich,
+und das Seitab faengt mit neuem Feuer an.
+
+"Die Koenigin. Toerichte Liebe!--
+
+Essex. Eitler Wahnsinn!--
+
+Die Koenigin. Wie blind!--
+
+Essex. Wie verwegen!--
+
+Die Koenigin. So tief willst du, dass ich mich herabsetze?--
+
+Essex. So hoch willst Du, dass ich mich versteige?--
+
+Die Koenigin. Bedenke, dass ich Koenigin bin!
+
+Essex. Bedenke, dass ich Untertan bin!
+
+Die Koenigin. Du stuerzest mich bis in den Abgrund,--
+
+Essex. Du erhebest mich bis zur Sonne,--
+
+Die Koenigin. Ohne auf meine Hoheit zu achten.
+
+Essex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwaegen.
+
+Die Koenigin. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert:--
+
+Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemaechtiget:--
+
+Die Koenigin. So stirb da, und komm' nie auf die Zunge!
+
+Essex. So stirb da, und komm' nie ueber die Lippen!"[7]
+
+(Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden
+miteinander und reden auch nicht miteinander. Der eine hoert, was der
+andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehoert hat. Sie
+nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele.
+Man sage jedoch nicht, dass man ein Spanier sein muss, um an solchen
+unnatuerlichen Kuensteleien Geschmack zu finden. Noch vor einige dreissig
+Jahre fanden wir Deutsche ebensoviel Geschmack daran; denn unsere
+Staats-und Heldenaktionen wimmelten davon, die in allem nach den
+spanischen Mustern zugeschnitten waren.)
+
+Nachdem die Koenigin den Essex beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald
+wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab und machen dem
+ersten Aufzuge ein Ende.--Die Stuecke der Spanier, wie bekannt, haben
+deren nur drei, welche sie Jornadas, Tagewerke, nennen. Ihre
+alleraeltesten Stuecke hatten viere: sie krochen, sagt Lope de Vega, auf
+allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von
+Komoedien. Virves war der erste, welcher die vier Aufzuege auf drei
+brachte; und Lope folgte ihm darin, ob er schon die ersten Stuecke seiner
+Jugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte.
+Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letztern "Neuen Kunst, Komoedien
+zu machen"[8]; mit der ich aber eine Stelle des Cervantes in Widerspruch
+finde[9], wo sich dieser den Ruhm anmasst, die spanische Komoedie von fuenf
+Akten, aus welchen sie sonst bestanden, auf drei gebracht zu haben. Der
+spanische Literator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich
+dabei nicht aufhalten.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Miradlo mejor, dejad
+ Un intento tan indigno,
+ Corresponded a quien sois,
+ Y sino bastan avisos,
+ Mirad que hay Verdugo en Londres,
+ Y en vos cabeza, harto os digo.
+
+[2]
+ No he de responder al Duque
+ Hasta que el suceso mismo
+ Muestre como fueron falsos
+ De mi traicion los indicios,
+ Y que soy mas leal, cuando
+ Mas traidor he parecido.
+
+[3]
+ Y pues son dos los culpados
+ Podra ser, que alguno de ellos
+ Entregue al otro; que es llano,
+ Que sera traidor amigo
+ Quien fue desleal vasallo.
+
+[4]
+ Y es gran materia de estado
+ Dar a entender, que los Reyes
+ Estan en si tan guardados
+ Que aunque la traicion los busque,
+ Nunca ha de poder hallarlos;
+ Y asi el secreto averiguee
+ Enormes delitos, cuando
+ Mas que el castigo, escarmientos
+ De ejemplares el pecado.
+
+[5]
+ Que ya solo con miraros
+ Se el suceso de la guerra.
+
+[6]
+ No bastaba, amor tirano,
+ Una inclinacion tan fuerte,
+ Sin que te hayas ayudado
+ Del deberle yo la vida?
+
+[7]
+ Rein. Loco Amor--Cond. Necio imposible--
+ Rein. Que ciego--Cond. Que temerario--
+ Rein. Me abates a tal bajeza--
+ Cond. Me quieres subir tan alto--
+ Rein. Advierte, que soy la Reina--
+ Cond. Advierte, que soy vasallo--
+ Rein. Pues me humillas al abismo--
+ Cond. Pues me acercas a los rayos--
+ Rein. Sin reparar mi grandeza--
+ Cond. Sin mirar mi humilde estado--
+ Rein. Ya que te miro aca dentro--
+ Cond. Ya que en mi te vas entrando--
+ Rein. Muere entre el pecho, y la voz.
+ Cond. Muere entre el alma, y los labios.
+
+[8]
+"Arte nuevo de hazer Comedias", die sich hinter des Lope "Rimas"
+befindet.
+ El Capitan Virues; insigne ingenio,
+ Puso en tres actos la Comedia, que antes
+ Andaba en cuatro, como pies de nino,
+ Que eran entonces ninas las Comedias,
+ Y yo las escribi de once, y doce anos,
+ De a cuatro actos, y de a cuatro pliegos,
+ Porque cada acto un pliego contenia.
+
+[9] In der Vorrede zu seinen Komoedien: Donde me atrevi a reducir las
+Comedias a tres Jornadas, de cinco que tenian.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiundsechzigstes Stueck
+Den 8. Dezember 1767
+
+Die Koenigin ist von dem Landgute zurueckgekommen; und Essex gleichfalls.
+Sobald er in London angelangt, eilte er nach Hofe, um sich keinen
+Augenblick vermissen zu lassen. Er eroeffnet mit seinem Cosme den zweiten
+Akt, der in dem koeniglichen Schlosse spielt. Cosme hat, auf Befehl des
+Grafen, sich mit Pistolen versehen muessen; der Graf hat heimliche Feinde;
+er besorgt, wenn er des Nachts spaet vom Schlosse gehe, ueberfallen zu
+werden. Er heisst den Cosme, die Pistolen nur indes in das Zimmer der
+Blanca zu tragen und sie von Floren aufheben zu lassen. Zugleich bindet
+er die Schaerpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist
+eifersuechtig; die Schaerpe koennte ihr Gedanken machen; sie koennte sie
+haben wollen; und er wuerde sie ihr abschlagen muessen. Indem er sie dem
+Cosme zur Verwahrung uebergibt, koemmt Blanca dazu. Cosme will sie
+geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, dass es
+Blanca nicht merken sollte. Blanca nimmt den Grafen mit sich zur Koenigin;
+und Essex ermahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schaerpe reinen Mund zu
+halten und sie niemanden zu zeigen.
+
+Cosme hat, unter seinen andern guten Eigenschaften, auch diese, dass er
+ein Erzplauderer ist. Er kann kein Geheimnis eine Stunde bewahren; er
+fuerchtet ein Geschwaer im Leibe davon zu bekommen; und das Verbot des
+Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, dass er sich dieser Gefahr
+bereits sechsunddreissig Stunden ausgesetzt habe.[1] Er gibt Floren die
+Pistolen und hat den Mund schon auf, ihr auch die ganze Geschichte von
+der maskierten Dame und der Schaerpe zu erzaehlen. Doch eben besinnt er
+sich, dass es wohl eine wuerdigere Person sein muesse, der er sein Geheimnis
+zuerst mitteile. Es wuerde nicht lassen, wenn sich Flora ruehmen koennte,
+ihn dessen defloriert zu haben.[2] (Ich muss von allerlei Art des
+spanischen Witzes eine kleine Probe einzuflechten suchen.)
+
+Cosme darf auf diese wuerdigere Person nicht lange warten. Blanca wird von
+ihrer Neugierde viel zu sehr gequaelt, dass sie sich nicht, sobald als
+moeglich, von dem Grafen losmachen sollen, um zu erfahren, was Cosme
+vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie koemmt also sogleich
+zurueck, und nachdem sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nach
+Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr
+geantwortet, dass er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu
+wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn; doch Cosme laesst
+nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schaerpe
+weiss; und Blanca nimmt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines
+Geheimnisses entlediget, ist aeusserst ekel. Sein Magen will es nicht
+laenger bei sich behalten; es stoesst ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den
+Finger in den Hals; er gibt es von sich, und um einen bessern Geschmack
+wieder in den Mund zu bekommen, laeuft er geschwind ab, eine Quitte oder
+Olive darauf zu kauen.[3] Blanca kann aus seinem verwirrten Geschwaetze
+zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, dass
+die Schaerpe das Geschenk einer Dame ist, in die Essex verliebt werden
+koennte, wenn er es nicht schon sei. "Denn er ist doch nur ein Mann", sagt
+sie. "Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste
+ist noch so schlimm! "[4]--Um seiner Untreue also zuvorzukommen, will sie
+ihn je eher je lieber heiraten.
+
+Die Koenigin tritt herein und ist aeusserst niedergeschlagen. Blanca fragt,
+ob sie die uebrigen Hofdamen rufen soll: aber die Koenigin will lieber
+allein sein; nur Irene soll kommen und vor dem Zimmer singen. Blanca geht
+auf der einen Seite nach Irenen ab, und von der andern koemmt der Graf.
+
+Essex liebt die Blanca: aber er ist ehrgeizig genug, auch der Liebhaber
+der Koenigin sein zu wollen. Er wirft sich diesen Ehrgeiz selbst vor; er
+bestraft sich deswegen; sein Herz gehoert der Blanca; eigennuetzige
+Absichten muessen es ihr nicht entziehen wollen; unechte Konvenienz muss
+keinen echten Affekt besiegen.[5] Er will sich also lieber wieder
+entfernen, als er die Koenigin gewahr wird: und die Koenigin, als sie ihn
+erblickt, will ihm gleichfalls ausweichen. Aber sie bleiben beide. Indem
+faengt Irene vor dem Zimmer an zu singen. Sie singt eine Redondilla, ein
+kleines Lied von vier Zeilen, dessen Sinn dieser ist: "Sollten meine
+verliebten Klagen zu deiner Kenntnis gelangen: oh, so lass das Mitleid,
+welches sie verdienen, den Unwillen ueberwaeltigen, den du darueber
+empfindest, dass ich es bin, der sie fuehret." Der Koenigin gefaellt das
+Lied; und Essex findet es bequem, ihr durch dasselbe, auf eine versteckte
+Weise, seine Liebe zu erklaeren. Er sagt, er habe es glossieret[6] und
+bittet um Erlaubnis, ihr seine Glosse vorsagen zu duerfen. In dieser
+Glosse beschreibt er sich als den zaertlichsten Liebhaber, dem es aber die
+Ehrfurcht verbiete, sich dem geliebten Gegenstande zu entdecken. Die
+Koenigin lobt seine Poesie: aber sie missbilliget seine Art zu lieben.
+"Eine Liebe", sagt sie unter andern, "die man verschweigt, kann nicht
+gross sein; denn Liebe waechst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe
+macht man sich durch das Schweigen mutwillig verlustig."
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ --Yo no me acordaba
+ De decirlo, y lo callaba.
+ Y como me lo entrego,
+ Ya por decirlo reviento,
+ Que tengo tal propiedad,
+ Que en un hora, o la mitad,
+ Se me hace postema un cuento.
+
+[2]
+ Alla va Flora; mas no,
+ Sera persona mas grave--
+ No es bien que Flora se alabe
+ Que el cuento me desfloro.
+
+[3]
+ Ya se me viene a la boca
+ La purga.--
+ O que regueeldos tan secos
+ Me vienen! terrible aprieto.--
+ Mi estomago no lo lleva;
+ Protesto que es gran trabajo,
+ Meto los dedos.--
+ Y pues la purga he trocado,
+ Y el secreto he vomitado
+ Desde el principio hasta el fin,
+ Y sin dejar cosa alguna,
+ Tal asco me dio al decillo,
+ Voy a probar de en membrillo,
+ O a morder de una accituna.--
+
+[4]
+ Es hombre al fin, y ay! de aquella
+ Que a un hombre fio su honor,
+ Siendo tan malo, el mejor.
+
+[5]
+ Abate, abate las alas
+ No subas tanto, busquemos
+ Mas proporcionada esfera
+ A tan limitado vuelo.
+ Blanca me quiere, y a Blanca
+ Adoro yo ya en mi dueno;
+ Pues como de amor tan noble
+ Por una ambicion me alejo?
+ No conveniencia bastarda
+ Venza un legitimo afecto.
+
+[6] Die Spanier haben eine Art von Gedichten, welche sie Glosas nennen.
+Sie nehmen eine oder mehrere Zeilen gleichsam zum Texte und erklaeren oder
+umschreiben diesen Text so, dass sie die Zeilen selbst in diese Erklaerung
+oder Umschreibung wiederum einflechten. Den Text heissen sie Mote oder
+Letra, und die Auslegung insbesondere Glosa, welches denn aber auch der
+Name des Gedichts ueberhaupt ist. Hier laesst der Dichter den Essex das Lied
+der Irene zum Mote machen, das aus vier Zeilen besteht, deren jede er in
+einer besondern Stanze umschreibt, die sich mit der umschriebenen Zeile
+schliesst. Das Ganze sieht so aus:
+
+ Mote.
+
+ Si acaso mis desvarios
+ Llegaren a tus umbrales,
+ La lastima de ser males
+ Quite el horror de ser mios.
+
+ Glosa.
+
+ Aunque el dolor me provoca
+ Decir mis quejas no puedo,
+ Que es mi osadia tan poca,
+ Que entre el respeto, y el miedo
+ Se me mueren en la boca;
+ Y asi no llegan tan mios
+ Mis males a tus orejas,
+ Porque no han de ser oidos
+ Si acaso digo mis quejas,
+ Si acaso mis desvarios.
+ El ser tan mal explicados
+ Sea su mayor indicio,
+ Que trocando en mis cuidados
+ El silencio, y vos su oficio,
+ Quedaran mas ponderados:
+ Desde hoy por estas senales
+ Sean de ti conocidos,
+ Que sin duda son mis males
+ Si algunos mal repetidos
+ Llegaren a tus umbrales.
+ Mas ay Dies! que mis cuidados
+ De tu crueldad conocidos,
+ Aunque mas acreditados,
+ Seran menos adquiridos.
+ Que con los otros mezclados:
+ Porque no sabiendo a cuales
+ Mas tu ingratitud se deba
+ Viendolos todos iguales
+ Fuerza es que en comun te mueva
+ La lastima de ser males.
+ En mi este afecto violento
+ Tu hermoso desden le causa;
+ Tuyo, y mio es mi tormento;
+ Tuyo, porque eres la causa;
+ Y mio, porque yo le siento:
+ Sepan, Laura, tus desvios
+ Que mis males son tan suyos,
+ Y en mis cuerdos desvarios
+ Esto que tienen de tuyos
+ Quite el horror de ser mios.
+
+Es muessen aber eben nicht alle Glossen so symmetrisch sein als diese.
+Man hat alle Freiheit, die Stanzen, die man mit den Zeilen des Mote
+schliesst, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht
+alle Zeilen einzuflechten; man kann sich auf eine einzige einschraenken
+und diese mehr als einmal wiederholen. uebrigens gehoeren diese Glossen
+unter die aelteren Gattungen der spanischen Poesie, die nach dem Boscan
+und Garcilasso ziemlich aus der Mode gekommen.
+
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundsechzigstes Stueck
+Den 11. Dezember 1767
+
+Der Graf versetzt, dass die vollkommenste Liebe die sei, welche keine
+Belohnung erwarte; und Gegenliebe sei Belohnung. Sein Stillschweigen
+selbst mache sein Glueck: denn solange er seine Liebe verschweige, sei sie
+noch unverworfen, koenne er sich noch von der suessen Vorstellung taeuschen
+lassen, dass sie vielleicht duerfe genehmiget werden. Der Unglueckliche sei
+gluecklich, solange er noch nicht wisse, wie ungluecklich er sei.[1] Die
+Koenigin widerlegt diese Sophistereien als eine Person, der selbst daran
+gelegen ist, dass Essex nicht laenger darnach handle: und Essex, durch
+diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntnis zu wagen,
+von welchem die Koenigin behauptet, dass es ein Liebhaber auf alle Weise
+wagen muesse; als Blanca hereintritt, den Herzog anzumelden. Diese
+Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten
+Theaterstreichen. Denn Blanca hat die Schaerpe um, die sie dem Cosme
+abgenommen, welches zwar die Koenigin, aber nicht Essex gewahr wird.[2]
+
+"Essex. So sei es gewagt!--Frisch! Sie ermuntert mich selbst. Warum
+will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dem Hilfsmittel sterben
+kann? Was fuerchte ich noch?--Koenigin, wann denn also,--
+
+Blanca. Der Herzog, Ihre Majestaet,--
+
+Essex. Blanca koennte nicht ungelegener kommen.
+
+Blanca. Wartet in dem Vorzimmer,--
+
+Die Koenigin. Ah! Himmel!
+
+Blanca. Auf Erlaubnis,--
+
+Die Koenigin. Was erblicke ich?
+
+Blanca. Hereintreten zu duerfen.
+
+Die Koenigin. Sag ihm--Was seh' ich!--Sag ihm, er soll warten.--Ich
+komme von Sinnen!--Geh, sag ihm das.
+
+Blanca. Ich gehorche.
+
+Die Koenigin. Bleib! Komm her! naeher!
+
+Blanca. Was befehlen Ihro Majestaet?--
+
+Die Koenigin. Oh, ganz gewiss!--Sage ihm--Es ist kein Zweifel mehr!--
+Geh, unterhalte ihn einen Augenblick,--Weh, mir!--Bis ich selbst zu
+ihm herauskomme. Geh, lass mich!
+
+Blanca. Was ist das?--Ich gehe.
+
+Essex. Blanca ist weg. Ich kann nun wieder fortfahren,--
+
+Die Koenigin. Ha, Eifersucht!
+
+Essex. Mich zu erklaeren.--Was ich wage, wage ich auf ihre eigene
+Ueberredung.
+
+Die Koenigin. Mein Geschenk in fremden Haenden! Bei Gott!--Aber ich
+muss mich schaemen, dass eine Leidenschaft so viel ueber mich vermag!
+
+Essex. Wenn denn also,--wie Ihre Majestaet gesagt, und wie ich
+einraeumen muss,--das Glueck, welches man durch Furcht erkauft,--sehr
+teuer zu stehen koemmt; wenn man viel edler stirbt:--so will auch
+ich,--
+
+Die Koenigin. Warum sagen Sie das, Graf?
+
+Essex. Weil ich hoffe, dass, wann ich--Warum fuerchte ich mich noch?--
+wann ich Ihre Majestaet meine Leidenschaft bekannte,--dass einige
+Liebe--
+
+Die Koenigin. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie?
+Tor! Unsinniger! Kennen Sie mich auch? Wissen Sie, wer ich bin?
+Und wer Sie sind? Ich muss glauben, dass Sie den Verstand verloren.--"
+
+Und so fahren Ihre Majestaet fort, den armen Grafen auszufenstern, dass es
+eine Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel ueber
+alle menschliche Erfrechungen erhaben sei? Ob er nicht wisse, dass der
+Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurueckbrausen
+muesse? Ob er nicht wisse, dass die Duenste, welche sich zur Sonne erhueben,
+von ihren Strahlen zerstreuet wuerden?--Wer vom Himmel gefallen zu sein
+glaubt, ist Essex. Er zieht sich beschaemt zurueck und bittet um Verzeihung.
+Die Koenigin befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Palast wieder
+zu betreten und sich gluecklich zu schaetzen, dass sie ihm den Kopf lasse,
+in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen koennen.[3] Er entfernt sich;
+und die Koenigin geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie
+wenig ihr Herz mit ihren Reden uebereinstimme.
+
+Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Buehne zu fuellen. Blanca
+hat dem Herzog es frei gestanden, auf welchem Fusse sie mit dem Grafen
+stehe; dass er notwendig ihr Gemahl werden muesse, oder ihre Ehre sei
+verloren. Der Herzog fasst den Entschluss, den er wohl fassen muss; er will
+sich seiner Liebe entschlagen: und ihr Vertrauen zu vergelten, verspricht
+er sogar, sich bei der Koenigin ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die
+Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle.
+
+Die Koenigin kommt bald, in tiefen Gedanken, wieder zurueck. Sie ist mit
+sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so schuldig sei, als er
+scheine. Vielleicht, dass es eine andere Schaerpe war, die der ihrigen nur
+so aehnlich ist.--Der Herzog tritt sie an. Er sagt, er komme, sie um eine
+Gnade zu bitten, um welche sie auch zugleich Blanca bitte. Blanca werde
+sich naeher darueber erklaeren; er wolle sie zusammen allein lassen: und so
+laesst er sie.
+
+Die Koenigin wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschliesst sich
+Blanca, zu reden. Sie will nicht laenger von dem veraenderlichen Willen
+eines Mannes abhangen; sie will es seiner Rechtschaffenheit nicht laenger
+anheimstellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sie flehet die
+Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, die Frau, nicht die Koenigin. Denn
+da sie eine Schwachheit ihres Geschlechts bekennen muesse: so suche sie in
+ihr nicht die Koenigin, sondern nur die Frau.[4]
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ --El mas verdadero amor
+ Es el que en si mismo quieto
+ Descansa, sin atender
+ A mas paga, o mas intento:
+ La correspondencia es paga,
+ Y tener por blanco el precio
+ Es querer per granjeria.--
+ ------
+ Dentro esta del silencio, y del respeto
+ Mi amor, y asi mi dicha esta segura,
+ Presumiendo tal vez (dulce locura!)
+ Que es admitido del mayor suieto.
+ Dejandome enganar de este concepto,
+ Dura mi bien, porque mi engano dura;
+ Necia sera la lengua, si aventura
+ Un bien que esta seguro en el secreto.--
+ Que es feliz quien no siendo venturoso
+ Nunca llega a saber, que es desdichado.
+
+ [2]
+ Por no morir de mal, cuando
+ Puedo morir de remedio,
+ Digo pues, ea, osadia,
+ Ella me alento, que temo?--
+ Que sera bien que a tu Alteza--
+ (Sale Blanca con la banda puesta.)
+ Bl. Senora, el duque--Cond. A mal tiempo
+ Viene Blanca. Bl. Esta aguardando
+ En la antecamara--Rein. Ay, cielo!
+ Bl. Para entrar--Rein. Que es lo que miro!
+ Bl. Licencia. Rein. Decid;--que veo!--
+ Decid que espere;--estoy loca!
+ Decid, andad. Bl. Ya obedezco.
+ Rein. Venid aca, volved. Bl. Que manda
+ Vuestra Alteza? Rein. Ei dano es cierto.
+ Decidle--no hay que dudar--
+ Entretenedle un momento--
+ Ay de mi!--mientras yo salgo--
+ Y dejadme. Bl. Que es aquesto?
+ Y voy. Cond. Ya Blanca se fue,
+ Quiero pues volver--Rein. Ha celos!
+ Cond. A declararme atrevido,
+ Pues si me atrevo, me atrevo
+ En fe de sus pretensiones.
+ Rein. Mi prenda en poder ajeno?
+ Vive Dios, pero es vergueenza
+ Que pueda tanto un afecto
+ En mi. Cond. Segun lo que dijo
+ Vuestra Alteza aqui, y supuesto,
+ Que cuesta cara la dicha,
+ Que se compra con el miedo,
+ Quiero morir noblemente.
+ Rein. Porque lo decis? Cond. Que espero
+ Si a vuestra Alteza (que dudo!)
+ Le declarase mi afecto,
+ Algun amor--Rein. Que decis?
+ A mi? como, loco, necio,
+ Conoceisme? Quien soy yo?
+ Decid, quien soy? que sospecho,
+ Que se os huyo la memoria.--
+
+ [3]
+ --No me veais,
+ Y agradeced el que os dejo
+ Cabeza, en que se engendraron
+ Tan livianos pensamientos.
+
+ [4]
+ --Ya estoy resuelta;
+ No a la voluntad mudable
+ De un hombre este yo sujeta,
+ Que aunque no se que me olvide,
+ Es necedad, que yo quiera
+ Dejar a su cortesia
+ Lo que puede hacer la fuerza.
+ Gran Isabela, escuchadme,
+ Y al escucharme tu Alteza,
+ Ponga aun mas que la atencion,
+ La piedad con las orejas.
+ Isabela os he llamado
+ En esta ocasion, no Reina,
+ Que cuando vengo a deciros
+ Del honor una flaqueza
+ Que he hecho como mujer,
+ Porque mejor os parezca,
+ No Reina, mujer os busco.
+ Solo mujer os quisiera.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfundsechzigstes Stueck
+Den 15. Dezember 1767
+
+Du? mir eine Schwachheit? fragt die Koenigin.
+
+"Blanca. Schmeicheleien, Seufzer, Liebkosungen, und besonders Traenen,
+sind vermoegend, auch die reinste Tugend zu untergraben. Wie teuer
+koemmt mir diese Erfahrung zu stehen! Der Graf--
+
+Die Koenigin. Der Graf? Was fuer ein Graf?--
+
+Blanca. Von Essex.
+
+Die Koenigin. Was hoere ich?
+
+Blanca. Seine verfuehrerische Zaertlichkeit--
+
+Die Koenigin. Der Graf von Essex?
+
+Blanca. Er selbst, Koenigin.--
+
+Die Koenigin (beiseite). Ich bin des Todes!--Nun? weiter!
+
+Blanca. Ich zittere.--Nein, ich darf es nicht wagen--"
+
+Die Koenigin macht ihr Mut und lockt ihr nach und nach mehr ab, als
+Blanca zu sagen brauchte; weit mehr, als sie selbst zu hoeren wuenscht.
+Sie hoeret, wo und wie der Graf gluecklich gewesen;[1] und als sie
+endlich auch hoeret, dass er ihr die Ehe versprochen, und dass Blanca auf
+die Erfuellung dieses Versprechens dringe: so bricht der so lange
+zurueckgehaltene Sturm auf einmal aus. Sie verhoehnet das leichtglaeubige
+Maedchen auf das empfindlichste und verbietet ihr schlechterdings, an
+den Grafen weiter zu denken. Blanca erraet ohne Muehe, dass dieser Eifer
+der Koenigin Eifersucht sein muesse: und gibt es ihr zu verstehen.
+
+"Die Koenigin. Eifersucht?--Nein; bloss deine Auffuehrung entruestet mich.
+--Und gesetzt,--ja gesetzt, ich liebte den Grafen. Wenn ich,--ich ihn
+liebte, und eine andere waere so vermessen, so toericht, ihn neben mir
+zu lieben,--was sage ich, zu lieben?--ihn nur anzusehen,--was sage
+ich, anzusehen?--sich nur eine Gedanke von ihm in den Sinn kommen zu
+lassen: das sollte dieser andern nicht das Leben kosten?--Du siehest,
+wie sehr mich eine bloss vorausgesetzte, erdichtete Eifersucht
+aufbringt: urteile daraus, was ich bei einer wahren tun wuerde. Itzt
+stelle ich mich nur eifersuechtig. Huete dich, mich es wirklich zu
+machen!"[2]
+
+Mit dieser Drohung geht die Koenigin ab und laesst die Blanca in der
+aeussersten Verzweiflung. Dieses fehlte noch zu den Beleidigungen, ueber
+die sich Blanca bereits zu beklagen hatte. Die Koenigin hat ihr Vater
+und Bruder und Vermoegen genommen: und nun will sie ihr auch den Grafen
+nehmen. Die Rache war schon beschlossen: aber warum soll Blanca noch
+erst warten, bis sie ein anderer fuer sie vollzieht? Sie will sie selbst
+bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammerfrau der Koenigin muss
+sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein; und es kann ihr
+an Gelegenheit nicht fehlen.--Sie sieht die Koenigin mit dem Kanzler
+wiederkommen und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefasst zu machen.
+
+Der Kanzler haelt verschiedne Briefschaften, die ihm die Koenigin nur auf
+einen Tisch zu legen befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch
+durchsehen. Der Kanzler erhebt die ausserordentliche Wachsamkeit, mit der
+sie ihren Reichsgeschaeften obliege; die Koenigin erkennt es fuer ihre
+Pflicht und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein und setzt sich zu
+den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers entschlagen und
+anstaendigern Sorgen ueberlassen. Aber das erste Papier, was sie in die
+Haende nimmt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! "Muss
+es denn eben", sagt sie, "von einem Grafen sein, was mir zuerst vorkoemmt!"
+Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganzen
+Seele bei demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine
+Liebe zu Blanca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur
+Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter befreie, will sie bei dem
+Bruder des Todes Linderung suchen: und so faellt sie in Schlaf.
+
+Indem tritt Blanca herein und hat eine von den Pistolen des Grafen, die
+sie in ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses
+Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Koenigin allein
+und entschlafen: was fuer einen bequemem Augenblick koennte sie sich
+wuenschen? Aber eben hat der Graf die Blanca gesucht und sie in ihrem
+Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel erraet man, was nun geschieht. Er
+koemmt also, sie hier zu suchen; und koemmt eben noch zurecht, der Blanca
+in den moerderischen Arm zu fallen und ihr die Pistole, die sie auf die
+Koenigin schon gespannt hat, zu entreissen. Indem er aber mit ihr ringt,
+geht der Schuss los: die Koenigin erwacht, und alles koemmt aus dem Schlosse
+herzugelaufen.
+
+"Die Koenigin (im Erwachen). Ha! Was ist das?
+
+Der Kanzler. Herbei, herbei! Was war das fuer ein Knall in dem Zimmer
+der Koenigin? Was geschieht hier?
+
+Essex (mit der Pistole in der Hand). Grausamer Zufall!
+
+Die Koenigin. Was ist das, Graf?
+
+Essex. Was soll ich tun?
+
+Die Koenigin. Blanca, was ist das?
+
+Blanca. Mein Tod ist gewiss!
+
+Essex. In welcher Verwirrung befinde ich mich!
+
+Der Kanzler. Wie? der Graf ein Verraeter?
+
+Essex (beiseite). Wozu soll ich mich entschliessen? Schweige ich: so
+faellt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich
+der nichtswuerdige Verklaeger meiner Geliebten, meiner Blanca, meiner
+teuersten Blanca.
+
+Die Koenigin. Sind Sie der Verraeter, Graf? Bist du es, Blanca? Wer
+von euch war mein Retter? wer mein Moerder? Mich duenkt, ich hoerte im
+Schlafe euch beide rufen: Verraeterin! Verraeter! Und doch kann nur
+eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben
+suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich es schuldig,
+Graf? Wer suchte es, Blanca? Ihr schweigt?--Wohl, schweigt nur! Ich
+will in dieser Ungewissheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht
+wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht duerfte es mich
+ebensosehr schmerzen, meinen Beschuetzer zu erfahren, als meinen Feind.
+Ich will der Blanca gern ihre Verraeterei vergeben, ich will sie ihr
+verdanken: wenn dafuer der Graf nur unschuldig war."[3]
+
+Aber der Kanzler sagt: wenn es die Koenigin schon hierbei wolle bewenden
+lassen, so duerfe er es doch nicht; das Verbrechen sei zu gross; sein Amt
+erfodere, es zu ergruenden; besonders da aller Anschein sich wider den
+Grafen erklaere.
+
+"Die Koenigin. Der Kanzler hat recht; man muss es untersuchen.--Graf,--
+
+Essex. Koenigin!--
+
+Die Koenigin. Bekennen Sie die Wahrheit.--(Beiseite.) Aber wie sehr
+fuerchtet meine Liebe, sie zu hoeren! War es Blanca?
+
+Essex. Ich Ungluecklicher!
+
+Die Koenigin. War es Blanca, die meinen Tod wollte?
+
+Essex. Nein, Koenigin; Blanca war es nicht.
+
+Die Koenigin. Sie waren es also?
+
+Essex. Schreckliches Schicksal!--Ich weiss nicht.
+
+Die Koenigin. Sie wissen es nicht?--Und wie koemmt dieses moerderische
+Werkzeug in Ihre Hand?--"
+
+Der Graf schweigt, und die Koenigin befiehlt, ihn nach dem Tower zu
+bringen. Blanca, bis sich die Sache mehr aufhellet, soll in ihrem Zimmer
+bewacht werden. Sie werden abgefuehrt, und der zweite Aufzug schliesst.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ bl. le llame una noche obscura--
+ rein. y vino a verte? bl. pluguiera
+ a dios, que no fuera tanta
+ mi desdicha, y su fineza.
+ vino mas galan que nunca,
+ y yo que dos veces ciega,
+ por mi mal, estaba entonces
+ del amor, y las tinieblas--
+
+[2]
+ rein. este es celo, blanca. bl. celos,
+ anadiendole una letra.
+ rein. que decis? bl. senora, que
+ si acaso posible fuera,
+ a no ser vos la que dice
+ esas palabras, dijera,
+ que eran celos. rein. que son celos?
+ no son celos, es ofensa
+ que me estais haciendo vos.
+ supongamos, que quisiera
+ al conde en esta ocasion;
+ pues si yo al conde quisiera
+ y alguna atrevida, loca
+ presumida, descompuesta
+ le quisiera, que es querer?
+ que le mirara, o le viera;
+ que es verle? no se que diga.
+ no hay cosa que menos sea--
+ no la quitara la vida?
+ la sangre no le bebiera?--
+ los celos, aunque fingidos,
+ me arrebataron la lengua,
+ y dispararon mi enojo--
+ mirad que no me deis celos,
+ que si fingidos se altera
+ tanto mi enojo, ved vos,
+ si fuera verdad, que hiciera--
+ escarmentad en las burlas,
+ no me deis celos de veras.
+
+ conde, vos traidor? vos, blanca?
+ el juicio esta indiferente,
+ cual me libra, cual me mata.
+ conde, bianca, respondedme!
+ tu a la reina? tu a la reina?
+ oid, aunque confusamente:
+ ha, traidora, dijo el conde.
+ blanca, dijo: traidor eres.
+ estas razones de entrambos
+ a entrambas cosas convienen:
+ uno de los dos me libra,
+ otro de los me ofende.
+ conde, cual me daba vida?
+ blanca, cual me daba muerte?
+ decidme!--no lo digais,
+ que neutral mi valor quiere,
+ per no saber el traidor,
+ no saber el inocente.
+ mejor es quedar confusa,
+ en duda mi juicio quede,
+ porque cuando mire a alguno,
+ y de la traicion me acuerde,
+ a pensar, que es el traidor,
+ que es el leal tambien piense.
+ yo le agradeciera a blanca,
+ que ella la traidora fuese,
+ solo a trueque de que el conde
+ fuera el, que estaba inocente.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechsundsechzigstes Stueck
+Den 18. Dezember 1767
+
+Der dritte Aufzug faengt sich mit einer langen Monologe der Koenigin an,
+die allen Scharfsinn der Liebe aufbietet, den Grafen unschuldig zu
+finden. Die Vielleicht werden nicht gesparet, um ihn weder als ihren
+Moerder, noch als den Liebhaber der Blanca denken zu duerfen. Besonders
+geht sie mit den Voraussetzungen wider die Blanca ein wenig sehr weit;
+sie denkt ueber diesen Punkt ueberhaupt lange so zaertlich und sittsam
+nicht, als wir es wohl wuenschen moechten, und als sie auf unsern Theatern
+denken muesste.[1]
+
+Es kommen der Herzog und der Kanzler: jener, ihr seine Freude ueber die
+glueckliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen
+Beweis, der sich wider den Essex aeussert, vorzulegen. Auf der Pistole, die
+man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehoert ihm; und wem
+sie gehoert, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen.
+
+Doch nichts scheinet den Essex unwidersprechlicher zu verdammen, als was
+nun erfolgt. Cosme hat, bei anbrechendem Tage, mit dem bewussten Briefe
+nach Schottland abgehen wollen und ist angehalten worden. Seine Reise
+sieht einer Flucht sehr aehnlich, und solche Flucht laesst vermuten, dass er
+an dem Verbrechen seines Herrn Anteil koenne gehabt haben. Er wird also
+vor den Kanzler gebracht, und die Koenigin befiehlt, ihn in ihrer
+Gegenwart zu verhoeren. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann
+man leicht erraten. Er weiss von nichts; und als er sagen soll, wo er
+hingewollt, laesst er sich um die Wahrheit nicht lange noetigen. Er zeigt
+den Brief, den ihm sein Graf an einen andern Grafen nach Schottland zu
+ueberbringen befohlen: und man weiss, was dieser Brief enthaelt. Er wird
+gelesen, und Cosme erstaunt nicht wenig, als er hoert, wohin es damit
+abgesehen gewesen. Aber noch mehr erstaunt er ueber den Schluss desselben,
+worin der Ueberbringer ein Vertrauter heisst, durch den Roberto seine
+Antwort sicher bestellen koenne. "Was hoere ich?" ruft Cosme. "Ich ein
+Vertrauter? Bei diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin
+niemals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner sein.--Habe
+ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? Ich moechte doch wissen, was
+mein Herr an mir gefunden haette, um mich dafuer zu nehmen. Ich, ein
+Vertrauter, ich, dem das geringste Geheimnis zur Last wird? Ich weiss zum
+Exempel, dass Blanca und mein Herr einander lieben, und dass sie heimlich
+miteinander verheiratet sind: es hat mir schon lange das Herz abdruecken
+wollen; und nun will ich es nur sagen, damit Sie huebsch sehen, meine
+Herren, was fuer ein Vertrauter ich bin. Schade, dass es nicht etwas viel
+Wichtigeres ist: ich wuerde es ebensowohl sagen."[2] Diese Nachricht
+schmerzt die Koenigin nicht weniger, als die Ueberzeugung, zu der sie durch
+den ungluecklichen Brief von der Verraeterei des Grafen gelangt. Der Herzog
+glaubt, nun auch sein Stillschweigen brechen zu muessen und der Koenigin
+nicht laenger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Blanca zufaelligerweise
+angehoert habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Verraeters, und
+sobald die Koenigin wieder allein ist, reizen sie sowohl beleidigte Majestaet,
+als gekraenkte Liebe, des Grafen Tod zu beschliessen.
+
+Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm in das Gefaengnis. Der Kanzler koemmt
+und eroeffnet dem Grafen, dass ihn das Parlament fuer schuldig erkannt und
+zum Tode verurteilet habe, welches Urteil morgen des Tages vollzogen
+werden solle. Der Graf beteuert seine Unschuld.
+
+"Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so
+viele Beweise wider Sie!--Haben Sie den Brief an den Roberto nicht
+geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhaendiger Name?
+
+Essex. Allerdings ist er es.
+
+Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Blanca,
+nicht ausdruecklich den Tod der Koenigin beschliessen hoeren?
+
+Essex. Was er gehoert hat, hat er freilich gehoert.
+
+Der Kanzler. Sahe die Koenigin, als sie erwachte, nicht die Pistole in
+Ihrer Hand? Gehoert die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht
+Ihnen?
+
+Essex. Ich kann es nicht leugnen.
+
+Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig.
+
+Essex. Das leugne ich.
+
+Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, dass Sie den Brief an den
+Roberto schrieben?
+
+Essex. Ich weiss nicht.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, dass der Herzog den verraeterischen
+Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehmen musste?
+
+Essex. Weil es der Himmel so wollte.
+
+Der Kanzler. Wie kam es denn, dass sich das moerderische Werkzeug in
+Ihren Haenden fand?
+
+Essex. Weil ich viel Unglueck habe.
+
+Der Kanzler. Wenn alles das Unglueck, und nicht Schuld ist: wahrlich,
+Freund, so spielst Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie
+werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen muessen.
+
+Essex. Schlimm genug."[3]
+
+"Wissen Ihre Gnaden nicht", fragt Cosme, der dabei ist, "ob sie mich etwa
+mit haengen werden?" Der Kanzler antwortet Nein, weil ihn sein Herr
+hinlaenglich gerechtfertiget habe; und der Graf ersucht den Kanzler, zu
+verstatten, dass er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen duerfe. Der
+Kanzler bedauert, dass er, als Richter, ihm diese Bitte versagen muesse;
+weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als moeglich,
+geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er
+vielleicht sowohl unter den Grossen, als unter dem Poebel in Menge haben
+moechte. Er ermahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf
+wuenschte bloss deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu
+ermahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht muendlich tun
+duerfen, so will er es schriftlich tun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein
+Leben fuer sie hinzugeben; bei diesem Opfer, das die Verliebten alle auf
+der Zunge fuehren, das aber nur bei ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er
+sie beschwoeren, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er
+setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er
+ihm hernach geben werde, sogleich nach seinem Tode der Blanca
+einzuhaendigen. Cosme geht ab, um indes erst auszuschlafen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ No pudo ser que mintiera
+ Blanca en lo que me conto
+ De gozarla el Conde? No,
+ Que Blanca no lo fingiera:
+ No pudo haberla gozado,
+ Sin estar enamorado,
+ Y cuando tierno y rendido,
+ Entonces la haya querido,
+ No puede haberla olvidado?
+ No le vieron mis antoios
+ Entre acogimientos sabios,
+ Muy callando con los labios,
+ Muy bachiller con los ojos,
+ Cuando al decir sus enojos
+ Yo su despecho reni?
+
+ [2]
+ Que escucho? Senores mios,
+ Dos mil demonios me lleven,
+ Si yo confidente soy,
+ Si lo he sido, o si lo fuere,
+ Ni tengo intencion de serlo.
+ --Tengo yo
+ Cara de ser confidente?
+ Yo no se que ha visto en mi
+ Mi amo para tenerme
+ En esta opinion; y a fe,
+ Que me holgara de que fuese
+ Cosa de mas importancia
+ Un secretillo muy leve,
+ Que rabio ya per decirlo,
+ Que es que el Conde a Blanca quiere,
+ Que estan casados los dos
+ En secreto--
+
+ [3]
+ Con. Solo el descargo que tengo
+ Es el estar inocente.
+ Senescal. Aunque yo quiera creerlo
+ No me dejan los indicios,
+ Y advertid, que ya no es tiempo
+ De dilacion, que manana
+ Habeis de morir. Con. Yo muero
+ Inocente. Sen. Pues decid:
+ No escribisteis a Roberto
+ Esta carta? Aquesta firma
+ No es la vuestra? Con. No lo niego.
+ Sen. El gran duque de Alanzon
+ No os oyo en el aposento
+ De Blanca trazar la muerte
+ De la Reina? Con. Aqueso es cierto.
+ Sen. Cuando desperto la Reina
+ No os hallo, Conde, a vos mesmo
+ Con la pistola en la mano?
+ Y la pistola que vemos
+ Vuestro nombre alli gravado
+ No es vuestro? Con. Os lo concedo.
+ Sen. Luego vos estais culpado.
+ Con. Eso solamente niego.
+ Sen. Pues como escribisteis, Conde,
+ La carta al traidor Roberto?
+ Con. No lo se. Sen. Pues como el Duque,
+ Que escucho vuestros intentos,
+ Os convence en la traicion?
+ Con. Porque asi lo quiso el cielo.
+ Sen. Como hallado en vuestra mano
+ Os culpa el vil instrumento?
+ Con. Porque tengo poca dicha.--
+ Sen. Pues sabed, que si es desdicha
+ Y no culpa, en tanto aprieto
+ Os pone vuestra fortuna,
+ Conde amigo, que supuesto
+ Que no dais otro descargo,
+ En fe de indicios tan ciertos,
+ Manana vuestra cabeza
+ Ha de pagar--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebenundsechzigstes Stueck
+Den 22. Dezember 1767
+
+Nun folgt eine Szene, die man wohl schwerlich erwartet haette. Alles ist
+ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Essex in dem
+ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzuge, die halbe Maske auf
+dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das
+Gefaengnis hereintritt. Es ist die Koenigin. "Der Graf", sagt sie vor sich
+im Hereintreten, "hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafuer
+verpflichtet. Der Graf hat mir das Leben nehmen wollen: das schreiet um
+Rache. Durch seine Verurteilung ist der Gerechtigkeit ein Genuege
+geschehen: nun geschehe es auch der Dankbarkeit und Liebe!"[1] Indem sie
+naeher kommt, wird sie gewahr, dass der Graf schreibt. "Ohne Zweifel", sagt
+sie, "an seine Blanca! Was schadet das? Ich komme aus Liebe, aus der
+feurigsten, uneigennuetzigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht!--Graf!"
+--Der Graf hoert sich rufen, sieht hinter sich und springt voller Erstaunen
+auf. "Was seh' ich!"--"Keinen Traum", faehrt die Koenigin fort, "sondern die
+Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu ueberzeugen, und lassen Sie uns kostbare
+Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren.--Sie erinnern sich doch meiner?
+Ich bin die, der Sie das Leben gerettet. Ich hoere, dass Sie morgen sterben
+sollen; und ich komme, Ihnen meine Schuld abzutragen, Ihnen Leben fuer Leben
+zu geben. Ich habe den Schluessel des Gefaengnisses zu bekommen gewusst.
+Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; nehmen Sie; er wird Ihnen die
+Pforte in den Park oeffnen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben,
+das mir so teuer ist."--
+
+"Essex. Teuer? Ihnen, Madame?
+
+Die Koenigin. Wuerde ich sonst soviel gewagt haben, als ich wage?
+
+Essex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! Es findet
+einen Weg, mich durch mein Glueck selbst ungluecklich zu machen. Ich
+scheine gluecklich, weil die mich zu befreien koemmt, die meinen Tod
+will: aber ich bin um so viel ungluecklicher, weil die meinen Tod will,
+die meine Freiheit mir anbietet."[2]--
+
+Die Koenigin verstehet hieraus genugsam, dass sie Essex kennet. Er
+verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gaenzlich; aber er
+bittet, sie mit einer andern zu vertauschen.
+
+"Die Koenigin. Und mit welcher?
+
+Essex. Mit der, Madame, von der ich weiss, dass sie in Ihrem Vermoegen
+steht,--mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Koenigin sehen zu
+lassen. Es ist die einzige, um die ich es nicht zu klein halte, Sie
+an das zu erinnern, was ich fuer Sie getan habe. Bei dem Leben, das
+ich Ihnen gerettet, beschwoere ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu
+erzeigen.
+
+Die Koenigin (vor sich). Was soll ich tun? Vielleicht, wenn er mich
+sieht, dass er sich rechtfertiget! Das wuensche ich ja nur.
+
+Essex. Verzoegern Sie mein Glueck nicht, Madame.
+
+Die Koenigin. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber
+nehmen Sie erst diesen Schluessel; von ihm haengt Ihr Leben ab. Was ich
+itzt fuer Sie tun darf, koennte ich hernach vielleicht nicht duerfen.
+Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen.[3]
+
+Essex (indem er den Schluessel nimmt). Ich erkenne diese Vorsicht mit
+Dank.--Und nun, Madame,--ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte
+der Koenigin, oder dem Ihrigen zu lesen.
+
+Die Koenigin. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehoert doch nur das,
+welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun
+erblicken, (indem sie die Maske abnimmt) ist der Koenigin. Jenes, mit
+welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr.
+
+Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist es das Vorrecht des
+koeniglichen Antlitzes, dass es jeden Schuldigen begnadigen muss, der
+es erblickt; und auch mir muesste diese Wohltat des Gesetzes zustatten
+kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht
+nehmen. Ich will es wagen, meine Koenigin an die Dienste zu erinnern,
+die ich ihr und dem Staate geleistet--.[4]
+
+Die Koenigin. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr
+Verbrechen, Graf, ist groesser als Ihre Dienste.
+
+Essex. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Koenigin zu
+versprechen?
+
+Die Koenigin. Nichts.
+
+Essex. Wenn die Koenigin so streng ist, so rufe ich die Dame an, der
+ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl guetiger mit mir
+verfahren?
+
+Die Koenigin. Diese hat schon mehr getan, als sie sollte: sie hat
+Ihnen den Weg geoeffnet, der Gerechtigkeit zu entfliehen.
+
+Essex. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir ihr
+Leben schuldig ist?
+
+Die Koenigin. Sie haben schon gehoert, dass ich diese Dame nicht bin.
+Aber gesetzt, ich waere es: gebe ich Ihnen nicht ebensoviel wieder, als
+ich von Ihnen empfangen habe?
+
+Essex. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, dass Sie mir den Schluessel
+gegeben?
+
+Die Koenigin. Dadurch allerdings.
+
+Essex. Der Weg, den mir dieser Schluessel eroeffnen kann, ist weniger
+der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freiheit bewirken soll,
+muss nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt
+die Koenigin, mich mit diesem Schluessel fuer die Reiche, die ich ihr
+erfochten, fuer das Blut, das ich um sie vergossen, fuer das Leben, das
+ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schluessel fuer alles das
+abzulohnen?[5] Ich will mein Leben einem anstaendigem Mittel zu danken
+haben, oder sterben (indem er nach dem Fenster geht).
+
+Die Koenigin. Wo gehen Sie hin?
+
+Essex. Nichtwuerdiges Werkzeug meines Lebens und meiner Entehrung!
+Wenn bei dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flut, in
+ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er eroeffnet das
+Fenster und wirft den Schluessel durch das Gitter in den Kanal.) Durch
+die Flucht waere mein Leben viel zu teuer erkauft.[6]
+
+Die Koenigin. Was haben Sie getan, Graf?--Sie haben sehr uebel getan.
+
+Essex. Wenn ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, dass ich
+eine undankbare Koenigin hinterlasse.--Will sie aber diesen Vorwurf
+nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses
+unanstaendigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals auf
+meine Dienste: es steht bei ihr, sie zu belohnen oder mit dem Andenken
+derselben ihren Undank zu verewigen.
+
+Die Koenigin. Ich muss das letztere Gefahr laufen.--Denn wahrlich, mehr
+konnte ich, ohne Nachteil meiner Wuerde, fuer Sie nicht tun.
+
+Essex. So muss ich denn sterben?
+
+Die Koenigin. Ohnfehlbar. Die Frau wollte Sie retten; die Koenigin muss
+dem Rechte seinen Lauf lassen. Morgen muessen Sie sterben; und es ist
+schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wehmut bricht mir
+das Herz; aber es ist nun einmal das Schicksal der Koenige, dass sie
+viel weniger nach ihren Empfindungen handeln koennen, als andere.
+--Graf, ich empfehle Sie der Vorsicht!--"
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ el conde me dio la vida
+ y asi obligada me veo;
+ el conde me daba muerte,
+ y asi ofendida me quejo.
+ pues ya que con la sentencia
+ esta parte he satisfecho,
+ pues compli con la justicia,
+ con el amor cumplir quiero.--
+
+[2]
+ ingeniosa mi fortuna
+ hallo en la dicha mas nuevo
+ modo de hacerme infeliz,
+ pues cuando dichoso veo,
+ que me libra quien me mata,
+ tambien desdichado advierto,
+ que me mata quien me libra.
+
+[3]
+ pues si esto ha de ser, primero
+ tomad, conde, aquesta llave,
+ que si ha de ser instrumento
+ de vuestra vida, quiza
+ tan otra, quitando el velo,
+ sere, que no pueda entonces
+ hacer lo que ahora puedo,
+ y como a daros la vida
+ me empene por lo que os debo,
+ por si no puedo despues,
+ de esta suerte me prevengo.
+
+[4]
+ morire yo consolado.
+ aunque si por privilegio
+ en viendo la cara al rey
+ queda perdonado el reo;
+ yo de este indulto, senora
+ vida por ley me prometo:
+ esto es en comun, que es
+ lo que a todos da el derecho;
+ pero si en particular
+ merecer el perdon quiero,
+ oid, vereis que me ayuda
+ mayor indulto en mis hechos.
+ mis hazanas--
+
+[5]
+ luego esta, que asi camino
+ abrira a mi vida, abriendo,
+ tambien lo abrira a mi infamia;
+ luego esta, que instrumento
+ de mi libertad, tambien
+ lo habra de ser de mi miedo.
+ esta, que solo me sirve
+ de huir, es el desempeno
+ de reinos, que os he ganado,
+ de servicios, que os he hecho.
+ y en fin, de esa vida, de esa,
+ que teneis hoy por mi esfuerzo?
+ en esta se cifra tanto?--
+
+[6]
+ vil instrumento
+ de mi vida, y de mi infamia,
+ por esta reja cayendo
+ del parque, que bate el rio,
+ entre sus cristales quiero,
+ si sois mi esperanza, hundiros;
+ caed al humido centro,
+ donde el tamasis sepulte
+ mi esperanza, y mi remedio.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtundsechzigstes Stueck
+Den 25. Dezember 1767
+
+Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der
+Stille: und beide, der Graf und die Koenigin, gehen ab; jedes von einer
+besondern Seite. Im Herausgehen, muss man sich einbilden, hat Essex Cosmen
+den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick
+darauf koemmt dieser damit herein und sagt, dass man seinen Herrn zum Tode
+fuehre; sobald es damit vorbei sei, wolle er den Brief, so wie er es
+versprochen, uebergeben. Indem er ihn aber ansieht, erwacht seine
+Neugierde. "Was mag dieser Brief wohl enthalten? Eine Eheverschreibung?
+die kaeme ein wenig zu spaet. Die Abschrift von seinem Urteile? die wird er
+doch nicht der schicken, die es zur Witwe macht. Sein Testament? auch
+wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich faellt ihm
+ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet haette, dass er nicht
+gewusst, was in dem Briefe seines Herrn stuende. "Waere ich nicht", sagt er,
+"bei einem Haare zum Vertrauten darueber geworden? Hol' der Geier die
+Vertrautschaft! Nein, das muss mir nicht wieder begegnen!" Kurz, Cosme
+beschliesst den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natuerlich, dass ihn
+der Inhalt aeusserst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige
+und gefaehrliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu koennen;
+er zittert ueber den blossen Gedanken, dass man es in seinen Haenden finden
+koenne, ehe er es freiwillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der
+Koenigin zu bringen.
+
+Eben koemmt die Koenigin mit dem Kanzler heraus. Cosme will sie den Kanzler
+nur erst abfertigen lassen; und tritt beiseite. Die Koenigin erteilt dem
+Kanzler den letzten Befehl zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich
+und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon
+erfahren, bis der gekoepfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und
+Gehorsam zurufe.[1] Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen und,
+nebst dem blutigen Beile, unter einen Teppich legen lassen; hierauf die
+Grossen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu
+zeigen, zugleich sie an diesem Beispiele ihrer Pflicht zu erinnern und
+ihnen einzuschaerfen, dass ihre Koenigin ebenso strenge zu sein wisse, als
+sie gnaedig sein zu koennen wuensche: und das alles, wie sie der Dichter
+sagen laesst, nach Gebrauch und Sitte des Landes.[2]
+
+Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Koenigin an.
+"Diesen Brief", sagt er, "hat mir mein Herr gegeben, ihn nach seinem Tode
+der Blanca einzuhaendigen. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiss selbst nicht
+warum; und da ich Dinge darin finde, die Ihro Majestaet wissen muessen, und
+die dem Grafen vielleicht noch zustatten kommen koennen: so bringe ich ihn
+Ihro Majestaet, und nicht der Blanca." Die Koenigin nimmt den Brief und
+lieset: "Blanca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will mir
+nicht vergoennen, mit dir zu sprechen: empfange also meine Ermahnung
+schriftlich. Aber vors erste lerne mich kennen; ich bin nie der Verraeter
+gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; ich versprach, dir in der
+bewussten Sache behilflich zu sein, bloss um der Koenigin desto nachdrueck-
+licher zu dienen und den Roberto, nebst seinen Anhaengern, nach London zu
+locken. Urteile, wie gross meine Liebe ist, da ich demohngeachtet eher
+selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und nun die Ermahnung:
+stehe von dem Vorhaben ab, zu welchem dich Roberto anreizet; du hast mich
+nun nicht mehr; und es moechte sich nicht alle Tage einer finden, der dich
+so sehr liebte, dass er den Tod des Verraeters fuer dich sterben wollte. "[3]--
+
+"Mensch!" ruft die bestuerzte Koenigin, "was hast du mir da gebracht?"
+"Nun?" sagt Cosme, "bin ich noch ein Vertrauter?"--"Eile, fliehe, deinen
+Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, einzuhalten!--Holla, Wache! bringt ihn
+augenblicklich vor mich,--den Grafen,--geschwind!"--Und eben wird er
+gebracht: sein Leichnam naemlich. So gross die Freude war, welche die
+Koenigin auf einmal ueberstroemte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so
+gross sind nunmehr Schmerz und Wut, ihn hingerichtet zu sehen. Sie
+verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und
+Blanca mag zittern!--
+
+So schliesst sich dieses Stueck, bei welchem ich meine Leser vielleicht zu
+lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den
+dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wuesste kein einziges,
+welches man uns uebersetzt oder auch nur auszugsweise mitgeteilet haette.
+Denn die "Virginia" des Augustino de Montiano y Luyando ist zwar spanisch
+geschrieben; aber kein spanisches Stueck. ein blosser Versuch in der
+korrekten Manier der Franzosen, regelmaessig, aber frostig. Ich bekenne sehr
+gern, dass ich bei weiten so vorteilhaft nicht mehr davon denke, als ich
+wohl ehedem muss gedacht haben.[4] Wenn das zweite Stueck des naemlichen
+Verfassers nicht besser geraten ist; wenn die neueren Dichter der Nation,
+welche ebendiesen Weg betreten wollen, ihn nicht gluecklicher betreten haben:
+so moegen sie mir es nicht uebelnehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem
+alten Lope und Calderon greife, als nach ihnen.
+
+Die echten spanischen Stuecke sind vollkommen nach der Art dieses "Essex".
+In allen einerlei Fehler, und einerlei Schoenheiten: mehr oder weniger;
+das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den
+Schoenheiten duerfte man mich fragen.--Eine ganze eigne Fabel; eine sehr
+sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue
+Theaterstreiche; die ausgespartesten Situationen; meistens sehr wohl
+angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Wuerde
+und Staerke im Ausdrucke.--
+
+Das sind allerdings Schoenheiten: ich sage nicht, dass es die hoechsten
+sind; ich leugne nicht, dass sie zum Teil sehr leicht bis in das
+Romanenhafte, Abenteuerliche, Unnatuerliche koennen getrieben werden, dass
+sie bei den Spaniern von dieser Uebertreibung selten frei sind. Aber man
+nehme den meisten franzoesischen Stuecken ihre mechanische Regelmaessigkeit:
+und sage mir, ob ihnen andere, als Schoenheiten solcher Art, uebrig
+bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung und
+Theaterstreiche und Situationen?
+
+Anstaendigkeit: wird man sagen.--Nun ja; Anstaendigkeit. Alle ihre
+Verwicklungen sind anstaendiger, und einfoermiger; alle ihre
+Theaterstreiche anstaendiger, und abgedroschner; alle ihre Situationen
+anstaendiger, und gezwungner. Das koemmt von der Anstaendigkeit!
+
+Aber Cosme, dieser spanische Hanswurst; diese ungeheure Verbindung der
+poebelhaftesten Possen mit dem feierlichsten Ernste; diese Vermischung des
+Komischen und Tragischen, durch die das spanische Theater so beruechtiget
+ist? Ich bin weit entfernt, diese zu verteidigen. Wenn sie zwar bloss mit
+der Anstaendigkeit stritte,--man versteht schon, welche Anstaendigkeit ich
+meine;--wenn sie weiter keinen Fehler haette, als dass sie die Ehrfurcht
+beleidigte, welche die Grossen verlangen, dass sie der Lebensart, der
+Etikette, dem Zeremoniell und allen den Gaukeleien zuwiderlief, durch die
+man den groessern Teil der Menschen bereden will, dass es einen kleinern
+gaebe, der von weit besserm Stoffe sei, als er: so wuerde mir die unsinnigste
+Abwechslung von Niedrig auf Gross, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf
+Weiss, willkommner sein, als die kalte Einfoermigkeit, durch die mich der
+gute Ton, die feine Welt, die Hofmanier, und wie dergleichen Armseligkeiten
+mehr heissen, unfehlbar einschlaefert. Doch es kommen ganz andere Dinge hier
+in Betrachtung.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Hasta que el tronco cadaver
+ Le sirva de muda lengua.
+
+[2]
+ Y asi al salon de palacio
+ Hareis que llamados vengan
+ Los Grandes y los Milordes,
+ Y para que alli le vean,
+ Debajo de una cortina
+ Hareis poner la cabeza
+ Con el sangriento cuchillo,
+ Que amenaza junto a ella,
+ Por simbolo de justicia,
+ Costumbre de Inglaterra:
+ Y en estando todos juntos,
+ Monstrandome justiciera,
+ Exhortandolos primero
+ Con amor a la obediencia,
+ Les mostrare luego al Conde,
+ Para que todos atiendan,
+ Que en mi hay rigor que los rinda,
+ Si hay piedad que los atreva.
+
+[3]
+ Blanca, en el ultimo trance,
+ Porque hablarte no me dejan,
+ He de escribirte un consejo,
+ Y tambien una advertencia;
+ La advertencia es, que yo nunca
+ Fui traidor, que la promesa
+ De ayudar en lo que sabes,
+ Fue por servir a la Reina,
+ Cogiendo a Roberto en Londres,
+ Y a los que seguirle intentan;
+ Para aquesto fue la carta:
+ Esto he querido que sepas,
+ Porque adviertas el prodigio
+ De mi amor, que asi se deja
+ Morir, por guardar tu vida.
+ Esta ha sido la advertencia:
+ (Valgame dios!) el consejo
+ Es, que desistas la empresa
+ A que Roberto te incita.
+ Mira que sin mi te quedas
+ Y no ha de haber cada dia
+ Quien, por mucho que te quiera,
+ Por conservarte la vida
+ Por traidor la suya pierda.--
+
+[4] "Theatralische Bibliothek", erstes Stueck, S. 117.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunundsechzigstes Stueck
+Den 29. Dezember 1767
+
+Lope de Vega, ob er schon als der Schoepfer des spanischen Theaters
+betrachtet wird, war es indes nicht, der jenen Zwitterton einfuehrte. Das
+Volk war bereits so daran gewoehnt, dass er ihn wider Willen mit anstimmen
+musste. In seinem Lehrgedichte ueber "die Kunst, neue Komoedien zu machen",
+dessen ich oben schon gedacht, jammert er genug darueber. Da er sahe, dass
+es nicht moeglich sei, nach den Regeln und Mustern der Alten fuer seine
+Zeitgenossen mit Beifall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit
+wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er
+dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sei, so
+muesse er doch seine Grundsaetze haben; und es sei besser, auch nur nach
+diesen mit einer bestaendigen Gleichfoermigkeit zu handeln, als nach gar
+keinen. Stuecke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, koennen
+doch noch immer Regeln beobachten und muessen dergleichen beobachten,
+wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem blossen Nationalgeschmacke
+hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des
+Ernsthaften und Laecherlichen die erste.
+
+"Auch Koenige", sagt er, "koennet ihr in euern Komoedien auftreten lassen.
+Ich hoere zwar, dass unser weiser Monarch (Philipp der Zweite) dieses nicht
+gebilliget; es sei nun, weil er einsahe, dass es wider die Regeln laufe,
+oder weil er es der Wuerde eines Koeniges zuwider glaubte, so mit unter den
+Poebel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, dass dieses wieder zur
+aeltesten Komoedie zurueckkehren heisst, die selbst Goetter einfuehrte; wie
+unter andern in dem "Amphitruo" des Plautus zu sehen: und ich weiss gar
+wohl, dass Plutarch, wenn er von Menandern redet, die aelteste Komoedie
+nicht sehr lobt. Es faellt mir also freilich schwer, unsere Mode zu
+billigen. Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der Kunst
+entfernen: so muessen die Gelehrten schon auch hierueber schweigen. Es ist
+wahr, das Komische mit dem Tragischen vermischet, Seneca mit dem Terenz
+zusammengeschmolzen, gibt kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus
+der Pasiphae war. Doch diese Abwechselung gefaellt nun einmal; man will
+nun einmal keine andere Stuecke sehen, als die halb ernsthaft und halb
+lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Mannigfaltigkeit, von der
+sie einen Teil ihrer Schoenheit entlehnet."[1]
+
+Die letzten Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anfuehre. Ist es
+wahr, dass uns die Natur selbst, in dieser Vermengung des Gemeinen und
+Erhabnen, des Possierlichen und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen,
+zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope
+mehr getan, als er sich vornahm; er hat nicht bloss die Fehler seiner
+Buehne beschoeniget; er hat eigentlich erwiesen, dass wenigstens dieser
+Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler sein, was eine Nachahmung
+der Natur ist.
+
+"Man tadelt", sagt einer von unsern neuesten Skribenten, "an Shakespeare
+--demjenigen unter allen Dichtern seit Homer, der die Menschen, vom Koenige
+bis zum Bettler, und von Julius Caesar bis zu Jack Fa1staff am besten
+gekannt und mit einer Art von unbegreiflicher Intuition durch und durch
+gesehen hat--dass seine Stuecke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften
+unregelmaessigen und schlecht ausgesonnenen Plan haben; dass Komisches und
+Tragisches darin auf die seltsamste Art durcheinander geworfen ist und oft
+ebendieselbe Person, die uns durch die ruehrende Sprache der Natur Traenen in
+die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken darauf uns durch irgendeinen
+seltsamen Einfall oder barockischen Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht
+zu lachen macht, doch dergestalt abkuehlt, dass es ihm hernach sehr schwer
+wird, uns wieder in die Fassung zu setzen, worin er uns haben moechte.--Man
+tadelt das und denkt nicht daran, dass seine Stuecke eben darin natuerliche
+Abbildungen des menschlichen Lebens sind."
+
+"Das Leben der meisten Menschen, und (wenn wir es sagen duerfen) der
+Lebenslauf der grossen Staatskoerper selbst, insofern wir sie als
+ebensoviel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- und
+Staatsaktionen im alten gotischen Geschmacke in so vielen Punkten, dass
+man beinahe auf die Gedanken kommen moechte, die Erfinder dieser Letztern
+waeren klueger gewesen, als man gemeiniglich denkt, und haetten, wofern sie
+nicht gar die heimliche Absicht gehabt, das menschliche Leben laecherlich
+zu machen, wenigstens die Natur ebenso getreu nachahmen wollen, als die
+Griechen sich angelegen sein liessen, sie zu verschoenern. Um itzt nichts
+von der zufaelligen Aehnlichkeit zu sagen, dass in diesen Stuecken, sowie im
+Leben, die wichtigsten Rollen sehr oft gerade durch die schlechtesten
+Akteurs gespielt werden,--was kann aehnlicher sein, als es beide Arten der
+Haupt-und Staatsaktionen einander in der Anlage, in der Abteilung und
+Disposition der Szenen, im Knoten und in der Entwicklung zu sein pflegen?
+Wie selten fragen die Urheber der einen und der andern sich selbst, warum
+sie dieses oder jenes gerade so und nicht anders gemacht haben? Wie oft
+ueberraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten
+vorbereitet waren? Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten,
+ohne dass sich begreifen laesst, warum sie kamen, oder warum sie wieder
+verschwinden? Wie viel wird in beiden dem Zufall ueberlassen? Wie oft
+sehen wir die groessesten Wirkungen durch die armseligsten Ursachen
+hervorgebracht? Wie oft das Ernsthafte und Wichtige mit einer
+leichtsinnigen Art, und das Nichtsbedeutende mit laecherlicher Gravitaet
+behandelt? Und wenn in beiden endlich alles so klaeglich verworren und
+durcheinander geschlungen ist, dass man an der Moeglichkeit der Entwicklung
+zu verzweifeln anfaengt: wie gluecklich sehen wir durch irgendeinen unter
+Blitz und Donner aus papiernen Wolken herabspringenden Gott oder durch
+einen frischen Degenhieb den Knoten auf einmal zwar nicht aufgeloeset,
+aber doch aufgeschnitten, welches insofern auf eines hinauslauft, dass auf
+die eine oder die andere Art das Stueck ein Ende hat und die Zuschauer
+klatschen oder zischen koennen, wie sie wollen oder--duerfen. Uebrigens weiss
+man, was fuer eine wichtige Person in den komischen Tragoedien, wovon wir
+reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermutlich zum ewigen
+Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der Hauptstadt
+des deutschen Reiches, erhalten zu wollen scheinet. Wollte Gott, dass er
+seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber wieviel grosse
+Aufzuege auf dem Schauplatze der Welt hat man nicht in allen Zeiten
+mit Hanswurst--oder, welches noch ein wenig aerger ist, durch Hanswurst
+--auffuehren gesehen? Wie oft haben die groessesten Maenner, dazu geboren, die
+schuetzenden Genii eines Throns, die Wohltaeter ganzer Voelker und Zeitalter
+zu sein, alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch einen kleinen
+schnakischen Streich von Hanswurst oder solchen Leuten vereitelt sehen
+muessen, welche, ohne eben sein Wams und seine gelben Hosen zu tragen,
+doch gewiss seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht in
+beiden Arten der Tragikomoedien die Verwicklung selbst lediglich daher,
+dass Hanswurst durch irgendein dummes und schelmisches Stueckchen von
+seiner Arbeit den gescheiten Leuten, eh' sie sich's versehen koennen, ihr
+Spiel verderbt?"--
+
+Wenn in dieser Vergleichung des grossen und kleinen, des urspruenglichen
+und nachgebildeten heroischen Possenspiels--(die ich mit Vergnuegen aus
+einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten
+unsers Jahrhunderts gehoert, aber fuer das deutsche Publikum noch viel zu
+frueh geschrieben zu sein scheinet. In Frankreich und England wuerde es das
+aeusserste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers wuerde auf
+aller Zungen sein. Aber bei uns? Wir haben es, und damit gut. Unsere
+Grossen lernen vors erste an den kauen; und freilich ist der Saft aus
+einem franzoesischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiss
+schaerfer und ihr Magen staerker geworden, wenn sie indes Deutsch gelernt
+haben, so kommen sie auch wohl einmal ueber den "Agathon"[2]. Dieses ist
+das Werk, von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem
+schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, sagen will, wie sehr ich
+es bewundere: da ich mit der aeussersten Befremdung wahrnehme, welches
+tiefe Stillschweigen unsere Kunstrichter darueber beobachten, oder in
+welchem kalten und gleichgueltigen Tone sie davon sprechen. Es ist der
+erste und einzige Roman fuer den denkenden Kopf, von klassischem
+Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht,
+dass es einige Leser mehr dadurch bekoemmt. Die wenigen, die es darueber
+verlieren moechte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.)
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ Eligese el sujeto, y no se mire,
+ (Perdonen los preceptos) si es de Reyes,
+ Aunque por esto entiendo, que el prudente,
+ Filipo Rey de Espana, y Senor nuestro,
+ En viendo un Rey en ellos se enfadaba,
+ O fuese el ver, que al arte contradice,
+ O que la autoridad real no debe
+ Andar fingida entre la humilde plebe,
+ Esto es volver a la Comedia antigua,
+ Donde vemos que Plauto puso Dioses,
+ Como en su Anfitrion lo muestra Jupiter.
+ Sabe Dios, que me pesa de aprobarlo,
+ Porque Plutarco hablando de Menandro,
+ No siente bien de la Comedia antigua,
+ Mas pues del arte vamos tan remotos,
+ Y en Espana le hacemos mil agravios,
+ Cierren los Doctos esta vez los labios.
+ Lo Tragico, y lo Comico mezclado,
+ Y Terencio con Seneca, aunque sea,
+ Como otro Minotauro de Pasife,
+ Haran grave una parte, otra ridicula,
+ Que aquesta variedad deleita mucho,
+ Buen ejemplo nos da naturaleza,
+ Que por tal variedad tiene belleza.
+
+[2] Zweiter Teil (S. 192).
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebzigstes Stueck
+Den 1. Januar 1768
+
+Wenn in dieser Vergleichung, sage ich, die satirische Laune nicht zu sehr
+vorstaeche: so wuerde man sie fuer die beste Schutzschrift des komisch-
+tragischen, oder tragisch-komischen Drama (Mischspiel habe ich es einmal
+auf irgendeinem Titel genannt gefunden), fuer die geflissentlichste
+Ausfuehrung des Gedankens beim Lope halten duerfen. Aber zugleich wuerde sie
+auch die Widerlegung desselben sein. Denn sie wuerde zeigen, dass eben das
+Beispiel der Natur, welches die Verbindung des feierlichen Ernstes mit
+der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, ebensogut jedes
+dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschen-
+verstand hat, rechtfertigen koenne. Die Nachahmung der Natur muesste
+folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst sein; oder, wenn sie es
+doch bliebe, wuerde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu sein aufhoeren;
+wenigstens keine hoehere Kunst sein, als etwa die Kunst, die bunten Adern
+des Marmors in Gips nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag geraten, wie er
+will, der seltsamste kann so seltsam nicht sein, dass er nicht natuerlich
+scheinen koennte; bloss und allein der scheinet es nicht, bei welchem sich
+zu viel Symmetrie, zu viel Ebenmass und Verhaeltnis, zu viel von dem zeiget,
+was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der kuenstlichste in diesem
+Verstande ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste.
+
+Als Kritikus duerfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so
+sinnreich aufstuetzen zu wollen scheinet, wuerde er ohne Zweifel als eine
+Missgeburt des barbarischen Geschmacks verdammen, wenigstens als die
+ersten Versuche der unter ungeschlachteten Voelkern wieder auflebenden
+Kunst vorstellen, an deren Form irgendein Zusammenfluss gewisser
+aeusserlichen Ursachen oder das Ohngefaehr den meisten, Vernunft und
+Ueberlegung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Anteil hatte.
+Er wuerde schwerlich sagen, dass die ersten Erfinder des Mischspiels (da das
+Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) "die Natur ebenso
+getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen sein lassen, sie
+zu verschoenern".
+
+Die Worte getreu und verschoenert, von der Nachahmung und der Natur, als
+dem Gegenstande der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Missdeutungen
+unterworfen. Es gibt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche
+man zu getreu nachahmen koenne; selbst was uns in der Natur missfalle,
+gefalle in der getreuen Nachahmung, vermoege der Nachahmung. Es gibt
+andere, welche die Verschoenerung der Natur fuer eine Grille halten; eine
+Natur, die schoener sein wolle, als die Natur, sei eben darum nicht Natur.
+Beide erklaeren sich fuer Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene
+finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also
+muesste notwendig das gotische Mischspiel gefallen; so wie diese Muehe haben
+wuerden, an den Meisterstuecken der Alten Geschmack zu finden.
+
+Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so grosse Bewunderer sie
+auch von der gemeinsten und alltaeglichsten Natur sind, sich dennoch wider
+die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklaerten? Wann diese,
+so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schoener sein will als
+die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten
+Anstoss von dieser Seite, durchwandelten? Wie wollten wir diesen
+Widerspruch erklaeren?
+
+Wir wuerden notwendig zurueckkommen und das, was wir von beiden Gattungen
+erst behauptet, widerrufen muessen. Aber wie muessten wir widerrufen, ohne
+uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vergleichung einer solchen
+Haupt-und Staatsaktion, ueber deren Guete wir streiten, mit dem menschlichen
+Leben, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig!
+
+Ich will einige Gedanken herwerfen, die, wenn sie nicht gruendlich genug
+sind, doch gruendlichere veranlassen koennen.--Der Hauptgedanke ist dieser:
+Es ist wahr, und auch nicht wahr, dass die komische Tragoedie, gotischer
+Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Haelfte
+getreu nach und vernachlaessiget die andere Haelfte gaenzlich; sie ahmet die
+Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer
+Empfindungen und Seelenkraefte dabei zu achten.
+
+In der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles
+wechselt mit allem, alles veraendert sich eines in das andere. Aber nach
+dieser unendlichen Mannigfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel fuer einen
+unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Anteil
+nehmen zu lassen, mussten diese das Vermoegen erhalten, ihr Schranken zu
+geben, die sie nicht hat; das Vermoegen abzusondern und ihre Aufmerksamkeit
+nach Gutduenken lenken zu koennen.
+
+Dieses Vermoegen ueben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe
+wuerde es fuer uns gar kein Leben geben; wir wuerden vor allzu verschiedenen
+Empfindungen nichts empfinden; wir wuerden ein bestaendiger Raub des
+gegenwaertigen Eindruckes sein; wir wuerden traeumen, ohne zu wissen, was
+wir traeumten.
+
+Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schoenen dieser
+Absonderung zu ueberheben, uns die Fixierung unserer Aufmerksamkeit zu
+erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstande oder einer
+Verbindung verschiedener Gegenstaende, es sei der Zeit oder dem Raume
+nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu koennen wuenschen,
+sondert sie wirklich ab und gewaehrt uns diesen Gegenstand, oder diese
+Verbindung verschiedener Gegenstaende, so lauter und buendig, als es nur
+immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet.
+
+Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und ruehrenden Begebenheit sind, und
+eine andere von nichtigem Belange laeuft quer ein: so suchen wir der
+Zerstreuung, die diese uns drohet, moeglichst auszuweichen. Wir
+abstrahieren von ihr; und es muss uns notwendig ekeln, in der Kunst das
+wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwuenschten.
+
+Nur wenn ebendieselbe Begebenheit in ihrem Fortgange alle Schattierungen
+des Interesse annimmt, und eine nicht bloss auf die andere folgt, sondern
+so notwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die
+Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, dass uns
+die Abstraktion des einen oder des andern unmoeglich faellt: nur alsdenn
+verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiss aus dieser
+Unmoeglichkeit selbst Vorteil zu ziehen.--
+
+Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.--
+
+Den fuenfundvierzigsten Abend (freitags, den 17. Julius) wurden "Die
+Brueder" des Herrn Romanus, und "Das Orakel" vom Saint-Foix gespielt.
+
+Das erstere Stueck kann fuer ein deutsches Original gelten, ob es schon
+groesstenteils aus den "Bruedern" des Terenz genommen ist. Man hat gesagt,
+dass auch Moliere aus dieser Quelle geschoepft habe; und zwar seine
+"Maennerschule". Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen ueber dieses
+Vorgeben: und ich fuehre Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern
+an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon
+nicht allezeit das, was er darin sagt: wenigstens das, was er haette sagen
+sollen. Primus sapientiae gradus est, falsa intelligere (wo dieses
+Spruechelchen steht, will mir nicht gleich beifallen); und ich wuesste
+keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen koennte,
+ob man auf dieser ersten Stufe der Weisheit stehe, als an dem Herrn von
+Voltaire: aber daher auch keinen, der uns, die zweite zu ersteigen,
+weniger behilflich sein koennte; secundus, vera cognoscere. Ein kritischer
+Schriftsteller, duenkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach
+diesem Spruechelchen ein. Er suche sich nur erst jemanden, mit dem er
+streiten kann: so koemmt er nach und nach in die Materie, und das uebrige
+findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es
+aufrichtig, nun einmal die franzoesischen Skribenten vornehmlich erwaehlet,
+und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach
+einer kleinen Verbeugung, nur darauf zu! Wem diese Methode aber etwan
+mehr mutwillig, als gruendlich scheinen wollte: der soll wissen, dass
+selbst der gruendliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat.
+Solet Aristoteles, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand
+liegt, quaerere pugnam in suis libris. Atque hoc facit non temere et
+casu, sed certa ratione atque consilio: nam labefactatis aliorum
+opinionibus, usw. O des Pedanten! wuerde der Herr von Voltaire rufen.
+--Ich bin es bloss aus Misstrauen in mich selbst.
+
+"'Die Brueder' des Terenz", sagt der Herr von Voltaire, "koennen hoechstens
+die Idee zu der Maennerschule, gegeben haben. In den 'Bruedern' sind zwei
+Alte von verschiedner Gemuetsart, die ihre Soehne ganz verschieden
+erziehen; ebenso sind in der 'Maennerschule' zwei Vormuender, ein sehr
+strenger und ein sehr nachsehender: das ist die ganze Aehnlichkeit. In den
+'Bruedern' ist fast ganz und gar keine Intrige: die Intrige in der
+'Maennerschule' hingegen ist fein und unterhaltend und komisch. Eine von
+den Frauenzimmern des Terenz, welche eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen muesste, erscheinet bloss auf dem Theater, um niederzukommen. Die
+Isabelle des Moliere ist fast immer auf der Szene und zeigt sich immer
+witzig und reizend und verbindet sogar die Streiche, die sie ihrem
+Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung In den 'Bruedern' ist
+ganz unwahrscheinlich; es ist wider die Natur, dass ein Alter, der sechzig
+Jahre aergerlich und streng und geizig gewesen, auf einmal lustig und
+hoeflich und freigebig werden sollte. Die Entwicklung in der 'Maennerschule'
+aber ist die beste von allen Entwicklungen des Moliere; wahrscheinlich,
+natuerlich, aus der Intrige selbst hergenommen, und was ohnstreitig nicht
+das Schlechteste daran ist, aeusserst komisch."
+
+
+
+
+
+Einundsiebzigstes Stueck
+Den 5. Januar 1768
+
+Es scheinet nicht, dass der Herr von Voltaire, seitdem er aus der Klasse
+bei den Jesuiten gekommen, den Terenz viel wieder gelesen habe. Er
+spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur
+noch sowas davon im Gedaechtnisse; und das schreibt er auf gut Glueck so
+hin, unbekuemmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht
+aufmutzen, was er von der Pamphila des Stuecks sagt, "dass sie bloss auf dem
+Theater erscheine, um niederzukommen". Sie erscheinet gar nicht auf dem
+Theater; sie kommt nicht auf dem Theater nieder; man vernimmt bloss ihre
+Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle
+spielen muesste, das laesst sich auch gar nicht absehen. Den Griechen und
+Roemern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes
+Maedchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen und
+Gefahr laeuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem
+sehr ungeschickt.--
+
+Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, betrifft
+die Entwicklung und den Charakter des Demea. Demea ist der muerrische strenge
+Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal voellig veraendern. Das
+ist, mit Erlaubnis des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Demea behauptet
+seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatur autem per totam
+fabulam mitis Micio, saevus Demea, Leno avarus usw. Was geht mich Donatus
+an? duerfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche
+nur glauben duerfen, dass Donatus den Terenz fleissiger gelesen und besser
+verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlornen Stuecke die
+Rede; es ist noch da; man lese selbst.
+
+Nachdem Micio den Demea durch die triftigsten Vorstellungen zu
+besaenftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines
+Aergernisses zu entschlagen, wenigstens heute lustig zu sein. Endlich
+bringt er ihn auch so weit; heute will Demea alles gut sein lassen; aber
+morgen, bei frueher Tageszeit, muss der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da
+will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ihm anfangen,
+wo er es heute gelassen hat; die Saengerin, die diesem der Vetter gekauft,
+will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavin mehr, und
+eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen,
+sie soll kochen und backen. In der darauffolgenden vierten Szene des
+fuenften Akts, wo Demea allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte
+nur so obenhin nimmt, als ob er voellig von seiner alten Denkungsart
+abgehen und nach den Grundsaetzen des Micio zu handeln anfangen wolle.[1]
+Doch die Folge zeigt es, dass man alles das nur von dem heutigen Zwange,
+den er sich antun soll, verstehen muss. Denn auch diesen Zwang weiss er
+hernach so zu nutzen, dass er zu der foermlichsten haemischsten Verspottung
+seines gefaelligen Bruders ausschlaegt. Er stellt sich lustig, um die
+andern wahre Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht
+in dem verbindlichsten Tone die bittersten Vorwuerfe; er wird nicht
+freigebig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder
+von dem Seinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er
+Verschwenden nennt, laecherlich zu machen. Dieses erhellet unwider-
+sprechlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den
+Anschein betriegen laesst, und ihn wirklich veraendert glaubt.[2] Hic
+ostendit Terentius, sagt Donatus, magis Demeam simulasse mutatos mores,
+quam mutavisse.
+
+Ich will aber nicht hoffen, dass der Herr von Voltaire meinet, selbst
+diese Verstellung laufe wider den Charakter des Demea, der vorher nichts
+als geschmaelt und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung erfodere
+mehr Gelassenheit und Kaelte, als man dem Demea zutrauen duerfe. Auch
+hierin ist Terenz ohne Tadel, und er hat alles so vortrefflich
+motivieret, bei jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet,
+bei dem geringsten Uebergange so feine Schattierungen in acht genommen,
+dass man nicht aufhoeren kann, ihn zu bewundern.
+
+Nur ist oefters, um hinter alle Feinheiten des Terenz zu kommen, die Gabe
+sehr noetig, sich das Spiel des Akteurs dabei zu denken; denn dieses
+schrieben die alten Dichter nicht bei. Die Deklamation hatte ihren eignen
+Kuenstler, und in dem uebrigen konnten sie sich ohne Zweifel auf die
+Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschaefte ein sehr
+ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die
+Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre
+Stuecke ueberhaupt nicht eher bekannt werden liessen, als bis sie gespielt
+waren, als bis man sie gesehen und gehoert hatte: so konnten sie es um so
+mehr ueberhoben sein, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu
+unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gewissermassen mit
+unter die handelnden Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber
+einbildet, dass die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen,
+in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebaerde, jede Miene, jede
+besondere Abaenderung der Stimme, die dabei zu beobachten, mit anzudeuten
+gesucht: so irret man sich. In dem Terenz allein kommen unzaehlige Stellen
+vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur
+zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Erratung der
+wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte
+gerade das Gegenteil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene
+ausdruecken muss.
+
+Selbst in der Szene, in welcher die vermeinte Sinnesaenderung des Demea
+vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anfuehren will, weil auf
+ihnen gewissermassen die Missdeutung beruhet, die ich bestreite. Demea weiss
+nunmehr alles, er hat es mit seinen eignen Augen gesehen, dass es sein
+ehrbarer frommer Sohn ist, fuer den die Saengerin entfuehret worden, und
+stuerzt mit dem unbaendigsten Geschrei heraus. Er klagt es dem Himmel und
+der Erde und dem Meere; und eben bekommt er den Micio zu Gesicht.
+
+"Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt meine Soehne, mir sie
+beide zugrunde richtet! Micio. Oh, so maessige dich, und komm wieder
+zu dir!
+
+Demea. Gut, ich maessige mich, ich bin bei mir, es soll mir kein hartes
+Wort entfahren. Lass uns bloss bei der Sache bleiben. Sind wir nicht eins
+geworden, warest du es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte,
+dass sich ein jeder nur um den seinen bekuemmern sollte? Antworte."[3] usw.
+
+Wer sich hier nur an die Worte haelt und kein so richtiger Beobachter ist,
+als es der Dichter war, kann leicht glauben, dass Demea viel zu geschwind
+austobe, viel zu geschwind diesen gelassenem Ton anstimme. Nach einiger
+Ueberlegung wird ihm zwar vielleicht beifallen, dass jeder Affekt, wenn er
+aufs aeusserste gekommen, notwendig wieder sinken muesse; dass Demea, auf den
+Verweis seines Bruders, sich des ungestuemen Jachzorns nicht anders als
+schaemen koenne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht
+das rechte. Dieses lasse er sich also vom Donatus lehren, der hier zwei
+vortreffliche Anmerkungen hat. Videtur, sagt er, paulo citius
+destomachatus, quam res etiam incertae poscebant. Sed et hoc morale: nam
+juste irati, omissa saevitia ad ratiocinationes saepe festinant. Wenn der
+Zornige ganz offenbar recht zu haben glaubt, wenn er sich einbildet, dass
+sich gegen seine Beschwerden durchaus nichts einwenden lasse: so wird er
+sich bei dem Schelten gerade am wenigsten aufhalten, sondern zu den
+Beweisen eilen, um seinen Gegner durch eine so sonnenklare Ueberzeugung zu
+demuetigen. Doch da er ueber die Wallungen seines kochenden Gebluets nicht
+so unmittelbar gebieten kann, da der Zorn, der ueberfuehren will, doch noch
+immer Zorn bleibt, so macht Donatus die zweite Anmerkung: Non quid
+dicatur, sed quo gestu dicatur, specta: et videbis neque adhuc repressisse
+iracundiam, neque ad se rediisse Demeam. Demea sagte zwar: "Ich maessige
+mich, ich bin wieder bei mir": aber Gesicht und Gebaerde und Stimme
+verraten genugsam, dass er sich noch nicht gemaessiget hat, dass er noch
+nicht wieder bei sich ist. Er bestuermt den Micio mit einer Frage ueber die
+andere, und Micio hat alle seine Kaelte und gute Laune noetig, um nur zum
+Worte zu kommen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ --Nam ego vitam duram, quam vixi usque adhuc,
+ Prope jam excurso spatio mitto--
+
+[2]
+ Mi. Quid istuc? quae res tam repente mores mutavit tuos?
+ Quod prolubium, quae istaec subita est largitas? De. Dicam tibi:
+ Ut id ostenderem, quod te isti facilem et festivum putant,
+ Id non fieri ex vera vita, neque adeo ex aequo et bono,
+ Sed ex assentando, indulgendo et largiendo, Micio.
+ Nunc adeo, si ob eam rem vobis mea vita invisa est, Aeschine,
+ Quia non justa injusta prorsus omnia, omnino obsequor;
+ Missa facio; effundite, emite, facite quod vobis lubet!
+
+
+[3]
+ --De. Eccum adest
+ Communis corruptela nostrum liberum.
+ Mi. Tandem reprime iracundiam, atque ad te redi.
+ De. Repressi, redii, mitto maledicta omnia:
+ Rem ipsam putemus. Dictum hoc inter nos fuit,
+ Et ex te adeo est ortum, ne te curares meum,
+ Neve ego tuum? responde!--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundsiebzigstes Stueck
+Den 8. Januar 1768
+
+Als er endlich dazukommt, wird Demea zwar eingetrieben, aber im
+geringsten nicht ueberzeugt. Aller Vorwand, ueber die Lebensart seiner
+Kinder unwillig zu sein, ist ihm benommen: und doch faengt er wieder von
+vorne an, zu nergeln. Micio muss auch nur abbrechen und sich begnuegen, dass
+ihm die muerrische Laune, die er nicht aendern kann, wenigstens auf heute
+Frieden lassen will. Die Wendungen, die ihn Terenz dabei nehmen laesst,
+sind meisterhaft.[1]
+
+"Demea. Nun gib nur acht, Micio, wie wir mit diesen schoenen
+Grundsaetzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht am Ende fahren werden.
+
+Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest.--Und nun genug davon!
+Heute schenke dich mir. Komm, klaere dich auf.
+
+Demea. Mag's doch nur heute sein! Was ich muss, das muss ich.--Aber
+morgen, sobald es Tag wird, geh' ich wieder aufs Dorf, und der Bursche
+geht mit.
+
+Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; daechte ich. Sei nur heute
+lustig!
+
+Demea. Auch das Mensch von einer Saengerin muss mit heraus.
+
+Micio. Vortrefflich! So wird sich der Sohn gewiss nicht weg wuenschen.
+Nur halte sie auch gut.
+
+Demea. Da lass mich vor sorgen! Sie soll in der Muehle und vor dem
+Ofenloche Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu
+soll sie mir am heissen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so
+schwarz geworden, als ein Loeschbrand.
+
+Micio. Das gefaellt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege!--Und
+alsdenn, wenn ich wie du waere, muesste mir der Sohn bei ihr schlafen, er
+moechte wollen oder nicht.
+
+Demea. Lachst du mich aus?--Bei so einer Gemuetsart freilich kannst du
+wohl gluecklich sein. Ich fuehl' es, leider--
+
+Micio. Du faengst doch wieder an?
+
+Demea. Nu, nu; ich hoere ja auch schon wieder auf."
+
+Bei dem "Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Hoc verbum
+vultu Demeae sic profertur, ut subrisisse videatur invitus. Sed rursus
+EGO SENTIO, amare severeque dicit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller
+Ernst es war, dass er die Saengerin nicht als Saengerin, sondern als eine
+gemeine Sklavin halten und nutzen wollte, muss ueber den Einfall des Micio
+lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich
+stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: "Lachst du mich aus?"
+und muss sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbeissen. Er verbeisst
+es auch bald, denn das "Ich fuehl' es leider" sagt er wieder in einem
+aergerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch
+ist: so grosse Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat
+man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann.
+Je seltner ihm diese wohltaetige Erschuetterung ist, desto laenger haelt sie
+innerlich an; nachdem er laengst alle Spur derselben auf seinem Gesichte
+vertilgt, dauert sie noch fort, ohne dass er es selbst weiss, und hat auf
+sein naechstfolgendes Betragen einen gewissen Einfluss.--
+
+Aber wer haette wohl bei einem Grammatiker so feine Kenntnisse gesucht?
+Die alten Grammatiker waren nicht das, was wir itzt bei dem Namen denken.
+Es waren Leute von vieler Einsicht; das ganze weite Feld der Kritik war
+ihr Gebiete. Was von ihren Auslegungen klassischer Schriften auf uns
+gekommen, verdient daher nicht bloss wegen der Sprache studiert zu werden.
+Nur muss man die neuern Interpolationen zu unterscheiden wissen. Dass aber
+dieser Donatus (Aelius) so vorzueglich reich an Bemerkungen ist, die
+unsern Geschmack bilden koennen, dass er die verstecktesten Schoenheiten
+seines Autors mehr als irgendein anderer zu enthuellen weiss: das koemmt
+vielleicht weniger von seinen groessern Gaben, als von der Beschaffenheit
+seines Autors selbst. Das roemische Theater war, zur Zeit des Donatus,
+noch nicht gaenzlich verfallen; die Stuecke des Terenz wurden noch
+gespielt, und ohne Zweifel noch mit vielen von den Ueberlieferungen
+gespielt, die sich aus den bessern Zeiten des roemischen Geschmacks
+herschrieben: er durfte also nur anmerken, was er sahe und hoerte; er
+brauchte also nur Aufmerksamkeit und Treue, um sich das Verdienst zu
+machen, dass ihm die Nachwelt Feinheiten zu verdanken hat, die er selbst
+schwerlich duerfte ausgegruebelt haben. Ich wuesste daher auch kein Werk, aus
+welchem ein angehender Schauspieler mehr lernen koennte, als diesen
+Kommentar des Donatus ueber den Terenz: und bis das Latein unter unsern
+Schauspielern ueblicher wird, wuenschte ich sehr, dass man ihnen eine gute
+Uebersetzung davon in die Haende geben wollte. Es versteht sich, dass der
+Dichter dabei sein und aus dem Kommentar alles wegbleiben muesste, was die
+blosse Worterklaerung betrifft. Die Dacier hat in dieser Absicht den
+Donatus nur schlecht genutzt, und ihre Uebersetzung des Textes ist waessrig
+und steif. Eine neuere deutsche, die wir haben, hat das Verdienst der
+Richtigkeit so so, aber das Verdienst der komischen Sprache fehlt ihr
+gaenzlich;[2] und Donatus ist auch nicht weiter gebraucht, als ihn die
+Dacier zu brauchen fuer gut befunden. Es waere also keine getane Arbeit,
+was ich vorschlage: aber wer soll sie tun? Die nichts Bessers tun
+koennten, koennen auch dieses nicht: und die etwas Bessers tun koennten,
+werden sich bedanken.
+
+Doch endlich vom Terenz auf unsern Nachahmer zu kommen--es ist doch
+sonderbar, dass auch Herr Romanus den falschen Gedanken des Voltaire
+gehabt zu haben scheinet. Auch er hat geglaubt, dass am Ende mit dem
+Charakter des Demea eine gaenzliche Veraenderung vorgehe; wenigstens laesst
+er sie mit dem Charakter seines Lysimons vorgehen. "Je, Kinder", laesst er
+ihn rufen, "schweigt doch! Ihr ueberhaeuft mich ja mit Liebkosungen. Sohn,
+Bruder, Vetter, Diener, alles schmeichelt mir, bloss weil ich einmal ein
+bisschen freundlich aussehe. Bin ich's denn, oder bin ich's nicht? Ich
+werde wieder recht jung, Bruder! Es ist doch huebsch, wenn man geliebt
+wird. Ich will auch gewiss so bleiben. Ich wuesste nicht, wenn ich so eine
+vergnuegte Stunde gehabt haette." Und Frontin sagt: "Nun, unser Alter
+stirbt gewiss bald.[3] Die Veraenderung ist gar zu ploetzlich." Jawohl; aber
+das Sprichwort und der gemeine Glaube von den unvermuteten Veraenderungen,
+die einen nahen Tod vorbedeuten, soll doch wohl nicht im Ernste hier
+etwas rechtfertigen?
+
+
+----Fussnote
+
+[1]
+ --De. Ne nimium modo
+ Bonae tuae istae nos rationes, Micio,
+ Et tuus iste animus aequus subvertat. Mi. Tace;
+ Non fiet. Mitte jam istaec; da te hodie mihi:
+ Exporge frontem. De. Scilicet ita tempus fert,
+ Faciendum est: ceterum rus cras cum filio
+ Cum primo lucu ibo hinc. Mi. De nocte censeo:
+ Hodie modo hilarum fac te. De. Et istam psaltriam
+ Una illuc mecum hinc abstraham. Mi. Pugnaveris.
+ Eo pacto prorsum illic alligaris filium.
+ Modo facito, ut illam serves. De. Ego istuc videro,
+ Atque ibi favillae plena, fumi, ac pollinis,
+ Coquendo sit faxo et molendo; praeter haec
+ Meridie ipso faciam ut stipulam colligat:
+ Tam excoctam reddam atque atram, quam carbo est. Mi. Placet,
+ Nunc mihi videre sapere. Atque equidem filium,
+ Tum etiam si nolit, cogam, ut cum illa una cubet.
+ De. Derides? fortunatus, qui istoc animo sies:
+ Ego sentio. Mi. Ah pergisne? De. Jam jam desino.
+
+[2]
+Halle 1753. Wunders halben erlaube man mir, die Stelle daraus anzufuehren,
+die ich eben itzt uebersetzt habe. Was mir hier aus der Feder geflossen,
+ist weit entfernt, so zu sein, wie es sein sollte; aber man wird doch
+ungefaehr daraus sehen koennen, worin das Verdienst besteht, das ich dieser
+Uebersetzung absprechen muss.
+
+"Demea. Aber mein lieber Bruder, dass uns nur nicht deine schoenen
+Gruende, und dein gleichgueltiges Gemuete sie ganz und gar ins Verderben
+stuerzen.
+
+Micio. Ach, schweig doch nur, das wird nicht geschehen. Lass das
+immer sein. Ueberlass dich heute einmal mir. Weg mit den Runzeln von
+der Stirne.
+
+Demea. Ja, ja, die Zeit bringt es so mit sich, ich muss es wohl tun.
+Aber mit anbrechendem Tage gehe ich wieder mit meinem Sohne aufs Land.
+
+Micio. Ich werde dich nicht aufhalten, und wenn du die Nacht wieder
+gehn wil1st; sei doch heute nur einmal froehlich!
+
+Demea. Die Saengerin will ich zugleich mit herausschleppen.
+
+Micio. Da tust du wohl; dadurch wirst du machen, dass dein Sohn ohne
+sie nicht wird leben koennen. Aber sorge auch, dass du sie gut
+verhaeltst!
+
+Demea. Dafuer werde ich schon sorgen. Sie soll mir kochen, und Rauch,
+Asche und Mehl sollen sie schon kenntlich machen. Ausserdem soll sie
+mir in der groessten Mittagshitze gehen und Aehren lesen, und dann will
+ich sie ihm so verbrannt und so schwarz, wie eine Kohle, ueberliefern.
+
+Micio. Das gefaellt mir; nun seh' ich recht ein, dass du weislich
+hande1st; aber dann kannst du auch deinen Sohn mit Gewalt zwingen, dass
+er sie mit zu Bette nimmt.
+
+Demea. Lachst du mich etwa aus? Du bist gluecklich, dass du ein
+solches Gemuet hast; aber ich fuehle.
+
+Micio. Ach! haeltst du noch nicht inne?
+
+Demea. Ich schweige schon."
+
+So soll es ohne Zweifel heissen, und nicht: stirbt ohnmoeglich bald.
+Fuer viele von unsern Schauspielern ist es noetig, auch solche
+Druckfehler anzumerken.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiundsiebzigstes Stueck
+Den 12. Januar 1768
+
+Die Schlussrede des Demea bei dem Terenz geht aus einem ganz andern Tone.
+"Wenn euch nur das gefaellt: nun so macht, was ihr wollt, ich will mich um
+nichts mehr bekuemmern!" Er ist es ganz und gar nicht, der sich nach der
+Weise der andern, sondern die andern sind es, die sich nach seiner Weise
+kuenftig zu bequemen versprechen.--Aber wie koemmt es, duerfte man fragen,
+dass die letzten Szenen mit dem Lysimon in unsern deutschen "Bruedern" bei
+der Vorstellung gleichwohl immer so wohl aufgenommen werden? Der
+bestaendige Rueckfall des Lysimon in seinen alten Charakter macht sie
+komisch: aber bei diesem haette es auch bleiben muessen.--Ich verspare das
+Weitere, bis zu einer zweiten Vorstellung des Stuecks.
+
+"Das Orakel" vom Saint-Foix, welches diesen Abend den Beschluss machte,
+ist allgemein bekannt, und allgemein beliebt.
+
+Den sechsundvierzigsten Abend (montags, den 20. Julius) ward "Miss
+Sara"[1], und den siebenundvierzigsten, Tages darauf, "Nanine"[2]
+wiederholt. Auf die "Nanine" folgte "Der unvermutete Ausgang" vom
+Marivaux, in einem Akte.
+
+Oder, wie es woertlicher und besser heissen wuerde: "Die unvermutete
+Entwicklung". Denn es ist einer von denen Titeln, die nicht sowohl den
+Inhalt anzeigen, als vielmehr gleich anfangs gewissen Einwendungen
+vorbauen sollen, die der Dichter gegen seinen Stoff, oder dessen
+Behandlung, vorhersieht. Ein Vater will seine Tochter an einen jungen
+Menschen verheiraten, den sie nie gesehen hat. Sie ist mit einem andern
+schon halb richtig, aber dieses auch schon seit so langer Zeit, dass es
+fast gar nicht mehr richtig ist. Unterdessen moechte sie ihn doch noch
+lieber, als einen ganz Unbekannten, und spielt sogar, auf sein Angeben,
+die Rolle einer Wahnwitzigen, um den neuen Freier abzuschrecken. Dieser
+koemmt; aber zum Gluecke ist es ein so schoener liebenswuerdiger Mann, dass
+sie gar bald ihre Verstellung vergisst und in aller Geschwindigkeit mit
+ihm einig wird. Man gebe dem Stuecke einen andern Titel, und alle Leser
+und Zuschauer werden ausrufen: das ist auch sehr unerwartet! Einen
+Knoten, den man in zehn Szenen so muehsam geschuerzt hat, in einer einzigen
+nicht zu loesen, sondern mit eins zu zerhauen! Nun aber ist dieser Fehler
+in dem Titel selbst angekuendiget, und durch diese Ankuendigung
+gewissermassen gerechtfertiget. Denn, wenn es nun wirklich einmal so einen
+Fall gegeben hat: warum soll er nicht auch vorgestellt werden koennen? Er
+sahe ja in der Wirklichkeit einer Komoedie so aehnlich: und sollte er denn
+eben deswegen um so unschicklicher zur Komoedie sein?--Nach der Strenge,
+allerdings: denn alle Begebenheiten, die man im gemeinen Leben wahre
+Komoedien nennet, findet man in der Komoedie wahren Begebenheiten nicht
+sehr gleich; und darauf kaeme es doch eigentlich an.
+
+Aber Ausgang und Entwicklung, laufen beide Worte nicht auf eins hinaus?
+Nicht voellig. Der Ausgang ist, dass Jungfer Argante den Erast und nicht
+den Dorante heiratet, und dieser ist hinlaenglich vorbereitet. Denn ihre
+Liebe gegen Doranten ist so lau, so wetterlaeunisch; sie liebt ihn, weil
+sie seit vier Jahren niemanden gesehen hat als ihn; manchmal liebt sie
+ihn mehr, manchmal weniger, manchmal gar nicht, so wie es koemmt; hat sie
+ihn lange nicht gesehen, so koemmt er ihr liebenswuerdig genug vor; sieht
+sie ihn alle Tage, so macht er ihr Langeweile; besonders stossen ihr dann
+und wann Gesichter auf, gegen welche sie Dorantens Gesicht so kahl, so
+unschmackhaft, so ekel findet! Was brauchte es also weiter, um sie ganz
+von ihm abzubringen, als dass Erast, den ihr ihr Vater bestimmte, ein
+solches Gesicht ist? Dass sie diesen also nimmt, ist so wenig unerwartet,
+dass es vielmehr sehr unerwartet sein wuerde, wenn sie bei jenem bliebe.
+Entwicklung hingegen ist ein mehr relatives Wort; und eine unerwartete
+Entwicklung involvieret eine Verwicklung, die ohne Folgen bleibt, von
+der der Dichter auf einmal abspringt, ohne sich um die Verlegenheit zu
+bekuemmern, in der er einen Teil seiner Personen laesst. Und so ist es hier:
+Peter wird es mit Doranten schon ausmachen; der Dichter empfiehlt
+sich ihm.
+
+Den achtundvierzigsten Abend (mittewochs, den 22. Julius) ward das
+Trauerspiel des Herrn Weisse "Richard der Dritte" aufgefuehrt: zum
+Beschlusse "Herzog Michel".
+
+Dieses Stueck ist ohnstreitig eines von unsern betraechtlichsten
+Originalen; reich an grossen Schoenheiten, die genugsam zeigen, dass, die
+Fehler, mit welchen sie verwebt sind, zu vermeiden, im geringsten nicht
+ueber die Kraefte des Dichters gewesen waere, wenn er sich diese Kraefte nur
+selbst haette zutrauen wollen.
+
+Schon Shakespeare hatte das Leben und den Tod des dritten Richards auf
+die Buehne gebracht: aber Herr Weisse erinnerte sich dessen nicht eher, als
+bis sein Werk bereits fertig war. "Sollte ich also", sagt er, "bei der
+Vergleichung schon viel verlieren: so wird man doch wenigstens finden,
+dass ich kein Plagium begangen habe;--aber vielleicht waere es ein
+Verdienst gewesen, an dem Shakespeare ein Plagium zu begehen."
+
+Vorausgesetzt, dass man eines an ihm begehen kann. Aber was man von dem
+Homer gesagt hat, es lasse sich dem Herkules eher seine Keule, als ihm
+ein Vers abringen, das laesst sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen.
+Auf die geringste von seinen Schoenheiten ist ein Stempel gedruckt,
+welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeares! Und wehe der
+fremden Schoenheit, die das Herz hat, sich neben ihr zu stellen!
+
+Shakespeare will studiert, nicht gepluendert sein. Haben wir Genie, so muss
+uns Shakespeare das sein, was dem Landschaftsmaler die Camera obscura
+ist: er sehe fleissig hinein, um zu lernen, wie sich die Natur in allen
+Faellen auf eine Flaeche projektieret; aber er borge nichts daraus.
+
+Ich wuesste auch wirklich in dem ganzen Stuecke des Shakespeares keine
+einzige Szene, sogar keine einzige Tirade, die Herr Weisse so haette
+brauchen koennen, wie sie dort ist. Alle, auch die kleinsten Teile beim
+Shakespeare, sind nach den grossen Massen des historischen Schauspiels
+zugeschnitten, und dieses verhaelt sich zu der Tragoedie franzoesischen
+Geschmacks ungefaehr wie ein weitlaeuftiges Freskogemaelde gegen ein
+Miniaturbildchen fuer einen Ring. Was kann man zu diesem aus jenem nehmen,
+als etwa ein Gesicht, eine einzelne Figur, hoechstens eine kleine Gruppe,
+die man sodann als ein eigenes Ganze ausfuehren muss? Ebenso wuerden aus
+einzeln Gedanken beim Shakespeare ganze Szenen, und aus einzeln Szenen
+ganze Aufzuege werden muessen. Denn wenn man den Aermel aus dem Kleide eines
+Riesen fuer einen Zwerg recht nutzen will, so muss man ihm nicht wieder
+einen Aermel, sondern einen ganzen Rock daraus machen.
+
+Tut man aber auch dieses, so kann man wegen der Beschuldigung des
+Plagiums ganz ruhig sein. Die meisten werden in dem Faden die Flocke
+nicht erkennen, woraus er gesponnen ist. Die wenigen, welche die Kunst
+verstehen, verraten den Meister nicht und wissen, dass ein Goldkorn so
+kuenstlich kann getrieben sein, dass der Wert der Form den Wert der Materie
+bei weitem uebersteiget.
+
+Ich fuer mein Teil bedauere es also wirklich, dass unserm Dichter
+Shakespeares Richard so spaet beigefallen. Er haette ihn koennen gekannt
+haben und doch eben so original geblieben sein, als er itzt ist: er haette
+ihn koennen genutzt haben, ohne dass eine einzige uebergetragene Gedanke
+davon gezeugt haette.
+
+Waere mir indes eben das begegnet, so wuerde ich Shakespeares Werk
+wenigstens nachher als einen Spiegel genutzt haben, um meinem Werke alle
+die Flecken abzuwischen, die mein Auge unmittelbar darin zu erkennen
+nicht vermoegend gewesen waere.--Aber woher weiss ich, dass Herr Weisse dieses
+nicht getan? Und warum sollte er es nicht getan haben?
+
+Kann es nicht ebenso wohl sein, dass er das, was ich fuer dergleichen
+Flecken halte, fuer keine haelt? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass
+er mehr recht hat, als ich? Ich bin ueberzeugt, dass das Auge des Kuenstlers
+groesstenteils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner
+Betrachter. Unter zwanzig Einwuerfen, die ihm diese machen, wird er sich
+von neunzehn erinnern, sie waehrend der Arbeit sich selbst gemacht und sie
+auch schon sich selbst beantwortet zu haben.
+
+Gleichwohl wird er nicht ungehalten sein, sie auch von andern machen zu
+hoeren: denn er hat es gern, dass man ueber sein Werk urteilet; schal oder
+gruendlich, links oder rechts, gutartig oder haemisch, alles gilt ihm
+gleich; und auch das schalste, linkste, haemischste Urteil ist ihm lieber,
+als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in
+seinen Nutzen zu verwenden wissen: aber was faengt er mit dieser an?
+Verachten moechte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn fuer so
+etwas Ausserordentliches halten: und doch muss er die Achseln ueber sie
+zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz
+moechte er zehnmal lieber einen unverdienten Tadel als ein unverdientes
+Lob auf sich sitzen lassen.--
+
+Man wird glauben, welche Kritik ich hiermit vorbereiten will.--
+Wenigstens nicht bei dem Verfasser,--hoechstens nur bei einem oder dem
+andern Mitsprecher. Ich weiss nicht, wo ich es juengst gedruckt lesen
+musste, dass ich die "Amalia" meines Freundes auf Unkosten seiner uebrigen
+Lustspiele gelobt haette.[3]--Auf Unkosten? aber doch wenigstens der
+fruehern? Ich goenne es Ihnen, mein Herr, dass man niemals Ihre aeltern Werke
+so moege tadeln koennen. Der Himmel bewahre Sie vor dem tueckischen Lobe:
+dass Ihr letztes immer Ihr bestes ist!--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. den 11. Abend.
+
+[2] S. den 27. und 33. und 37. Abend.
+
+[3] Eben erinnere ich mich noch: in des Herrn Schmids "Zusaetzen zu
+seiner Theorie der Poesie", S. 45.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundsiebzigstes Stueck
+Den 15. Januar 1768
+
+Zur Sache.--Es ist vornehmlich der Charakter des Richards, worueber ich
+mir die Erklaerung des Dichters wuenschte.
+
+Aristoteles wuerde ihn schlechterdings verworfen haben; zwar mit dem
+Ansehen des Aristoteles wollte ich bald fertig werden, wenn ich es nur
+auch mit seinen Gruenden zu werden wuesste.
+
+Die Tragoedie, nimmt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus
+folgert er, dass der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann noch
+ein voelliger Boesewicht sein muesse. Denn weder mit des einen noch mit des
+andern Ungluecke lasse sich jener Zweck erreichen.
+
+Raeume ich dieses ein: so ist "Richard der Dritte" eine Tragoedie, die
+ihres Zweckes verfehlt. Raeume ich es nicht ein: so weiss ich gar nicht
+mehr, was eine Tragoedie ist.
+
+Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weisse geschildert hat, ist
+unstreitig das groesste, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Buehne
+getragen. Ich sage, die Buehne: dass es die Erde wirklich getragen habe,
+daran zweifle ich.
+
+Was fuer Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das
+soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind
+ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenstaenden unsers
+Mitleids gemacht hat.
+
+Aber Schrecken?--Sollte dieser Boesewicht, der die Kluft, die sich
+zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gefuellet, mit
+Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt haetten sein muessen; sollte
+dieser blutduerstige, seines Blutdurstes sich ruehmende, ueber seine
+Verbrechen sich kitzelnde Teufel nicht Schrecken in vollem Masse erwecken?
+
+Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen ueber
+unbegreifliche Missetaten, das Entsetzen ueber Bosheiten, die unsern
+Begriff uebersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns
+bei Erblickung vorsaetzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden,
+ueberfaellt. Von diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes
+Teil empfinden lassen.
+
+Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels,
+dass es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn
+ihre Personen irgendein grosses Verbrechen begehen mussten. Sie schoben
+oefters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber
+zu einem Verhaengnisse einer raechenden Gottheit, verwandelten lieber den
+freien Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bei der graesslichen Idee
+wollten verweilen lassen, dass der Mensch von Natur einer solchen Verderbnis
+faehig sei.
+
+Bei den Franzosen fuehrt Crebillon den Beinamen des Schrecklichen. Ich
+fuerchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragoedie nicht
+sein sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der
+Tragoedie rechnet.
+
+Und dieses--haette man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort,
+welches Aristoteles braucht, heisst Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er,
+soll die Tragoedie erregen; nicht Mitleid und Schrecken. Es ist wahr,
+das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; es ist eine ploetzliche,
+ueberraschende Furcht. Aber eben dieses Ploetzliche, dieses Ueberraschende,
+welches die Idee desselben einschliesst, zeiget deutlich, dass die, von
+welchen sich hier die Einfuehrung des Wortes "Schrecken", anstatt des
+Wortes "Furcht" herschreibet, nicht eingesehen haben, was fuer eine Furcht
+Aristoteles meine.--Ich moechte dieses Weges sobald nicht wieder kommen:
+man erlaube mir also einen kleinen Ausschweif.
+
+"Das Mitleid", sagt Aristoteles, "verlangt einen, der unverdient leidet:
+und die Furcht einen unsersgleichen. Der Boesewicht ist weder dieses noch
+jenes: folglich kann auch sein Unglueck weder das erste noch das andere
+erregen."[1]
+
+Diese Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Uebersetzer
+Schrecken, und es gelingt ihnen, mit Hilfe dieses Worttausches, dem
+Philosophen die seltsamsten Haendel von der Welt zu machen.
+
+"Man hat sich", sagt einer aus der Menge,[2] "ueber die Erklaerung des
+Schreckens nicht vereinigen koennen; und in der Tat enthaelt sie in jeder
+Betrachtung ein Glied zuviel, welches sie an ihrer Allgemeinheit hindert
+und sie allzusehr einschraenkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz
+'unsersgleichen' nur bloss die Aehnlichkeit der Menschheit verstanden hat,
+weil naemlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind,
+gesetzt auch, dass sich unter ihrem Charakter, ihrer Wuerde und ihrem Range
+ein unendlicher Abstand befaende: so war dieser Zusatz ueberfluessig; denn
+er verstand sich von selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, dass nur
+tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an sich
+haetten, Schrecken erregen koennten: so hatte er unrecht; denn die Vernunft
+und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt
+ohnstreitig aus einem Gefuehl der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist
+ihm unterworfen, und jeder Mensch erschuettert sich, vermoege dieses
+Gefuehls, bei dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl
+moeglich, dass irgend jemand einfallen koennte, dieses von sich zu leugnen:
+allein dieses wuerde allemal eine Verleugnung seiner natuerlichen
+Empfindungen, und also eine blosse Prahlerei aus verderbten Grundsaetzen,
+und kein Einwurf sein.--Wenn nun auch einer lasterhaften Person, auf die
+wir eben unsere Aufmerksamkeit wenden, unvermutet ein widriger Zufall
+zustoesst, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte und sehen
+bloss den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elendes ueberhaupt macht
+uns traurig, und die ploetzliche traurige Empfindung, die wir sodann
+haben, ist das Schrecken."
+
+Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider
+den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht,
+wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglueck unsersgleichen
+setzen koenne. Dieses Schrecken, welches uns bei der ploetzlichen
+Erblickung eines Leidens befaellt, das einem andern bevorstehet, ist ein
+mitleidiges Schrecken und also schon unter dem Mitleide begriffen.
+Aristoteles wuerde nicht sagen, Mitleiden und Furcht; wenn er unter der
+Furcht weiter nichts als eine blosse Modifikation des Mitleids verstuende.
+
+"Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe ueber die Empfindungen,[3]
+"ist eine vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande,
+und aus der Unlust ueber dessen Unglueck zusammengesetzt ist. Die
+Bewegungen, durch welche sich das Mitleid zu erkennen gibt, sind von den
+einfachen Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden,
+denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei kann diese
+Erscheinung werden! Man aendre nur in dem bedauerten Unglueck die einzige
+Bestimmung der Zeit: so wird sich das Mitleiden durch ganz andere
+Kennzeichen zu erkennen geben. Mit der Elektra, die ueber die Urne ihres
+Bruders weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie haelt das
+Unglueck fuer geschehen und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bei
+den Schmerzen des Philoktets fuehlen, ist gleichfalls Mitleiden, aber
+von einer etwas andern Natur; denn die Qual, die dieser Tugendhafte
+auszustehen hat, ist gegenwaertig und ueberfaellt ihn vor unsern Augen.
+Wenn aber Oedip sich entsetzt, indem das grosse Geheimnis sich ploetzlich
+entwickelt; wenn Monime erschrickt, als sie den eifersuechtigen Mithridates
+sich entfaerben sieht; wenn die tugendhafte Desdemona sich fuerchtet, da
+sie ihren sonst zaertlichen Othello so drohend mit ihr reden hoeret: was
+empfinden wir da? Immer noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen,
+mitleidige Furcht, mitleidiges Schrecken. Die Bewegungen sind verschieden,
+allein das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Faellen einerlei.
+Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit verbunden ist, uns an die
+Stelle des Geliebten zu setzen: so muessen wir alle Arten von Leiden mit
+der geliebten Person teilen, welches man sehr nachdruecklich Mitleiden
+nennet. Warum sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht,
+Rachbegier, und ueberhaupt alle Arten von unangenehmen Empfindungen, sogar
+den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen koennen?--Man sieht
+hieraus, wie gar ungeschickt der groesste Teil der Kunstrichter die
+tragischen Leidenschaften in Schrecken und Mitleiden einteilet. Schrecken
+und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein Mitleiden? Fuer
+wen erschrickt der Zuschauer, wenn Merope auf ihren eignen Sohn den Dolch
+ziehet? Gewiss nicht fuer sich, sondern fuer den Aegisth, dessen Erhaltung
+man so sehr wuenschet, und fuer die betrogne Koenigin, die ihn fuer den
+Moerder ihres Sohnes ansiehet. Wollen wir aber nur die Unlust ueber das
+gegenwaertige Uebel eines andern Mitleiden nennen: so muessen wir nicht nur
+das Schrecken, sondern alle uebrige Leidenschaften, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, von dem eigentlichen Mitleiden unterscheiden."--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Im 13. Kapitel der "Dichtkunst".
+
+[2] Hr. S. in der Vorrede zu S. "Komischen Theater", S. 35.
+
+[3] "Philosophische Schriften" des Herrn Moses Mendelssohn, zweiter
+Teil, S. 4.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfundsiebzigstes Stueck
+Den 19. Januar 1768
+
+Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, dass uns duenkt,
+ein jeder haette sie haben koennen und haben muessen. Gleichwohl will ich
+die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht
+unterschieben; ich kenne jenes Verdienste um die Lehre von den vermischten
+Empfindungen zu wohl; die wahre Theorie derselben haben wir nur ihm zu
+danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch
+Aristoteles im ganzen ungefaehr empfunden haben: wenigstens ist es
+unleugbar, dass Aristoteles entweder muss geglaubt haben, die Tragoedie
+koenne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust
+ueber das gegenwaertige Uebel eines andern erwecken, welches ihm schwerlich
+zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften ueberhaupt, die uns von einem
+andern mitgeteilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen.
+
+Denn er, Aristoteles, ist es gewiss nicht, der die mit Recht getadelte
+Einteilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht
+hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch uebersetzt. Er spricht von
+Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht
+ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Uebel eines
+andern, fuer diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus
+unserer Aehnlichkeit mit der leidenden Person fuer uns selbst entspringt;
+es ist die Furcht, dass die Ungluecksfaelle, die wir ueber diese verhaengst
+sehen, uns selbst treffen koennen; es ist die Furcht, dass wir der
+bemitleidete Gegenstand selbst werden koennen. Mit einem Worte: diese
+Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid.
+
+Aristoteles will ueberall aus sich selbst erklaert werden. Wer uns einen
+neuen Kommentar ueber seine "Dichtkunst" liefern will, welcher den
+Dacierschen weit hinter sich laesst, dem rate ich, vor allen Dingen die
+Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird
+Aufschluesse fuer die Dichtkunst finden, wo er sich deren am wenigsten
+vermutet; besonders muss er die Buecher der "Rhetorik" und "Moral"
+studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschluesse muessten die
+Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wussten,
+laengst gefunden haben. Doch die "Dichtkunst" war gerade diejenige von
+seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekuemmerten. Dabei fehlten
+ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschluesse wenigstens nicht
+fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstuecke
+desselben nicht.
+
+Die authentische Erklaerung dieser Furcht, welche Aristoteles dem
+tragischen Mitleid beifueget, findet sich in dem fuenften und achten
+Kapitel des zweiten Buchs seiner "Rhetorik". Es war gar nicht schwer,
+sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner
+seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon
+gemacht, der sich davon machen laesst. Denn auch die, welche ohne sie
+einsahen, dass diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sei, haetten
+noch ein wichtiges Stueck aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache naemlich,
+warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht,
+warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften
+beigesellet habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich moechte
+wohl hoeren, was sie aus ihrem Kopfe antworten wuerden, wenn man sie fragte:
+warum z.E. die Tragoedie nicht ebensowohl Mitleid und Bewunderung, als
+Mitleid und Furcht, erregen koenne und duerfe?
+
+Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem
+Mitleiden gemacht hat. Er glaubte naemlich, dass das Uebel, welches der
+Gegenstand unsers Mitleidens werden solle, notwendig von der
+Beschaffenheit sein muesse, dass wir es auch fuer uns selbst, oder fuer eines
+von den Unsrigen, zu befuerchten haetten. Wo diese Furcht nicht sei, koenne
+auch kein Mitleiden stattfinden. Denn weder der, den das Unglueck so tief
+herabgedrueckt habe, dass er weiter nichts fuer sich zu fuerchten saehe, noch
+der, welcher sich so vollkommen gluecklich glaube, dass er gar nicht
+begreife, woher ihm ein Unglueck zustossen koenne, weder der Verzweifelnde
+noch der Uebermuetige, pflege mit andern Mitleid zu haben. Er erklaeret
+daher auch das Fuerchterliche und das Mitleidswuerdige, eines durch das
+andere. Alles das, sagt er, ist uns fuerchterlich, was, wenn es einem
+andern begegnet waere, oder begegnen sollte, unser Mitleid erwecken
+wuerde:[1] und alles das finden wir mitleidswuerdig, was wir fuerchten
+wuerden, wenn es uns selbst bevorstuende. Nicht genug also, dass der
+Unglueckliche, mit dem wir Mitleiden haben sollen, sein Unglueck nicht
+verdiene, ob er es sich schon durch irgendeine Schwachheit zugezogen:
+seine gequaelte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld,
+sei fuer uns verloren, sei nicht vermoegend, unser Mitleid zu erregen, wenn
+wir keine Moeglichkeit saehen, dass uns sein Leiden auch treffen koenne.
+Diese Moeglichkeit aber finde sich alsdenn und koenne zu einer grossen
+Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache,
+als wir gemeiniglich zu sein pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken
+und handeln lasse, als wir in seinen Umstaenden wuerden gedacht und
+gehandelt haben, oder wenigstens glauben, dass wir haetten denken und
+handeln muessen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne
+schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, dass unser Schicksal
+gar leicht dem seinigen ebenso aehnlich werden koenne, als wir ihm zu sein
+uns selbst fuehlen: und diese Furcht sei es, welche das Mitleid gleichsam
+zur Reife bringe.
+
+So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre
+Ursache begreiflich, warum er in der Erklaerung der Tragoedie, naechst dem
+Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier
+eine besondere, von dem Mitleiden unabhaengige Leidenschaft sei, welche
+bald mit bald ohne dem Mitleid, sowie das Mitleid bald mit bald ohne ihr,
+erreget werden koenne; welches die Missdeutung des Corneille war: sondern
+weil, nach seiner Erklaerung des Mitleids, dieses die Furcht notwendig
+einschliesst; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere
+Furcht erwecken kann.
+
+Corneille hatte seine Stuecke schon alle geschrieben, als er sich
+hinsetzte, ueber die Dichtkunst des Aristoteles zu kommentieren[2]. Er
+hatte funfzig Jahre fuer das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung
+wuerde er uns unstreitig vortreffliche Dinge ueber den alten dramatischen
+Kodex haben sagen koennen, wenn er ihn nur auch waehrend der Zeit seiner
+Arbeit fleissiger zu Rate gezogen haette. Allein dieses scheinet er
+hoechstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst getan zu
+haben. In den wesentlichem liess er sich um ihn unbekuemmert, und als er am
+Ende fand, dass er wider ihn verstossen, gleichwohl nicht wider ihn
+verstossen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen und
+liess seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie
+gedacht hatte.
+
+Corneille hatte Maertyrer auf die Buehne gebracht und sie als die
+vollkommensten und untadelhaftesten Personen geschildert; er hatte die
+abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra
+aufgefuehrt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, dass sie zur
+Tragoedie unschicklich waeren, weil beide weder Mitleid noch Furcht
+erwecken koennten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie faengt er es an,
+damit bei diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des
+Aristoteles leiden moege? "Oh", sagte er, "mit dem Aristoteles koennen wir
+uns hier leicht vergleichen.[3] Wir duerfen nur annehmen, er habe eben
+nicht behaupten wollen, dass beide Mittel zugleich, sowohl Furcht als
+Mitleid, noetig waeren, um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken,
+die er zu dem letzten Endzwecke der Tragoedie macht: sondern nach seiner
+Meinung sei auch eines zureichend.--Wir koennen diese Erklaerung", faehrt
+er fort, "aus ihm selbst bekraeftigen, wenn wir die Gruende recht erwaegen,
+welche er von der Ausschliessung derjenigen Begebenheiten, die er in den
+Trauerspielen missbilliget, gibt. Er sagt niemals: dieses oder jenes
+schickt sich in die Tragoedie nicht, weil es bloss Mitleiden und keine
+Furcht erweckt; oder dieses ist daselbst unertraeglich, weil es bloss die
+Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern er verwirft
+sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mitleid noch Furcht zuwege
+bringen, und gibt uns dadurch zu erkennen, dass sie ihm deswegen nicht
+gefallen, weil ihnen sowohl das eine als das andere fehlet, und dass er
+ihnen seinen Beifall nicht versagen wuerde, wenn sie nur eines von
+beiden wirkten."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] [Greek: Os d' aplos eipein, phobera estin, osa eph' eteron
+gignomena, ae mellonta, eleeina estin.] Ich weiss nicht, was dem
+Aemilius Portus (in seiner Ausgabe der Rhetorik, Spirae 1598)
+eingekommen ist, dieses zu uebersetzen: Denique ut simpliciter loquar,
+formidabilia sunt, quaecunque simulac in aliorum potestatem venerunt,
+vel ventura sunt, miseranda sunt. Es muss schlechtweg heissen:
+quaecunque simulac aliis evenerunt, vel eventura sunt.
+
+[2] Je hazarderai quelque chose sur cinquante ans de travail pour la
+scene, sagt er in seiner Abhandlung ueber das Drama. Sein erstes Stueck
+"Melite" war von 1625, und sein letztes "Surena" von 1675; welches
+gerade die funfzig Jahr ausmacht, so dass es gewiss ist, dass er bei den
+Auslegungen des Aristoteles auf alle seine Stuecke ein Auge haben
+konnte und hatte.
+
+[3] Il est aise de nous accommoder avec Aristote etc.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechsundsiebzigstes Stueck
+Den 22. Januar 1768
+
+Aber das ist grundfalsch!--Ich kann mich nicht genug wundern, wie Dacier,
+der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche
+Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen
+suchte, diese groesste von allen uebersehen koennen. Zwar, wie konnte er sie
+nicht uebersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklaerung vom
+Mitleid zu Rate zu ziehen?--Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich
+Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man
+muesste glauben, dass er seine eigene Erklaerungen vergessen koennen, man
+muesste glauben, dass er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen
+koennen. Wenn, nach seiner Lehre, kein Uebel eines andern unser Mitleid
+erreget, was wir nicht fuer uns selbst fuerchten: so konnte er mit keiner
+Handlung in der Tragoedie zufrieden sein, welche nur Mitleid und keine
+Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst fuer unmoeglich; dergleichen
+Handlungen existierten ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu
+erwecken faehig waeren, glaubte er, muessten sie auch Furcht fuer uns
+erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid.
+Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragoedie vorstellen,
+welche Furcht fuer uns erregen koenne, ohne zugleich unser Mitleid zu
+erwecken: denn er war ueberzeugt, dass alles, was uns Furcht fuer uns selbst
+errege, auch unser Mitleid erwecken muesse, sobald wir andere damit
+bedrohet oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der
+Tragoedie, wo wir alle das Uebel, welches wir fuerchten, nicht uns, sondern
+anderen begegnen sehen.
+
+Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die
+Tragoedie nicht schicken, so bedient er sich mehrmalen des Ausdrucks von
+ihnen, dass sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer,
+wenn sich Corneille durch dieses weder noch verfuehren lassen. Diese
+disjunktive Partikeln involvieren nicht immer, was er sie involvieren
+laesst. Denn wenn wir zwei oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie
+verneinen, so koemmt es darauf an, ob sich diese Dinge ebensowohl in der
+Natur voneinander trennen lassen, als wir sie in der Abstraktion und
+durch den symbolischen Ausdruck trennen koennen, wenn die Sache
+demohngeachtet noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere
+von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z.E. von einem Frauenzimmer sagen, sie
+sei weder schoen noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir wuerden
+zufrieden sein, wenn sie auch nur eines von beiden waere; denn Witz und
+Schoenheit lassen sich nicht bloss in Gedanken trennen, sondern sie sind
+wirklich getrennet. Aber wenn wir sagen: "dieser Mensch glaubt weder
+Himmel noch Hoelle", wollen wir damit auch sagen: dass wir zufrieden sein
+wuerden, wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und
+keine Hoelle, oder nur die Hoelle und keinen Himmel glaubte? Gewiss nicht:
+denn wer das eine glaubt, muss notwendig auch das andere glauben; Himmel
+und Hoelle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch
+das andere. Oder, um mein Exempel aus einer verwandten Kunst zu nehmen;
+wenn wir sagen, dieses Gemaelde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung
+noch Kolorit: wollen wir damit sagen, dass ein gutes Gemaelde sich mit
+einem von beiden begnuegen koenne?--Das ist so klar!
+
+Allein, wie, wenn die Erklaerung, welche Aristoteles von dem Mitleiden
+gibt, falsch waere? Wie, wenn wir auch mit Uebeln und Ungluecksfaellen
+Mitleid fuehlen koennten, die wir fuer uns selbst auf keine Weise zu
+besorgen haben?
+
+Es ist wahr: es braucht unserer Furcht nicht, um Unlust ueber das
+physikalische Uebel eines Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese
+Unlust entstehet bloss aus der Vorstellung der Unvollkommenheit, so wie
+unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus
+dem Zusammenflusse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte
+Empfindung, welche wir Mitleid nennen.
+
+Jedoch auch sonach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles notwendig
+aufgeben zu muessen.
+
+Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht fuer uns selbst, Mitleid fuer andere
+empfinden koennen: so ist es doch unstreitig, dass unser Mitleid, wenn jene
+Furcht dazukommt, weit lebhafter und staerker und anzueglicher wird, als es
+ohne sie sein kann. Und was hindert uns, anzunehmen, dass die vermischte
+Empfindung ueber das physikalische Uebel eines geliebten Gegenstandes nur
+allein durch die dazukommende Furcht fuer uns zu dem Grade erwaechst, in
+welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet?
+
+Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht
+nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es bloss als Affekt. Ohne
+jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme.
+Mitleidige Regungen, ohne Furcht fuer uns selbst, nennt er Philanthropie:
+und nur den staerkere Regungen dieser Art, welche mit Furcht fuer uns
+selbst verknuepft sind, gibt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er
+zwar, dass das Unglueck eines Boesewichts weder unser Mitleid noch unsere
+Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Ruehrung ab. Auch der
+Boesewicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bei allen seinen
+moralischen Unvollkommenheiten Vollkommenheiten genug behaelt, um sein
+Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bei dieser etwas
+Mitleidaehnliches, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden.
+Aber, wie schon gesagt, diese mitleidaehnliche Empfindung nennt er nicht
+Mitleid, sondern Philanthropie. "Man muss", sagt er, "keinen Boesewicht aus
+ungluecklichen in glueckliche Umstaende gelangen lassen; denn das ist das
+untragischste, was nur sein kann; es hat nichts von allem, was es haben
+sollte; es erweckt weder Philanthropie, noch Mitleid, noch Furcht. Auch
+muss es kein voelliger Boesewicht sein, der aus gluecklichen Umstaenden in
+unglueckliche verfaellt; denn eine dergleichen Begebenheit kann zwar
+Philanthropie, aber weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts
+Kahleres und Abgeschmackteres, als die gewoehnlichen Uebersetzungen dieses
+Wortes Philanthropie. Sie geben naemlich das Adjektivum davon im
+Lateinischen durch hominibus gratum; im Franzoesischen durch ce que peut
+faire quelque plaisir; und im Deutschen durch "was Vergnuegen machen
+kann". Der einzige Goulston, soviel ich finde, scheinet den Sinn des
+Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das [Greek: philanthropon]
+durch quod humanitatis sensu tangat uebersetzt. Denn allerdings ist unter
+dieser Philanthropie, auf welche das Unglueck auch eines Boesewichts
+Anspruch macht, nicht die Freude ueber seine verdiente Bestrafung, sondern
+das sympathetische Gefuehl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, trotz
+der Vorstellung, dass sein Leiden nichts als Verdienst sei, dennoch in dem
+Augenblicke des Leidens in uns sich fuer ihn reget. Herr Curtius will zwar
+diese mitleidige Regungen fuer einen ungluecklichen Boesewicht nur auf eine
+gewisse Gattung der ihn treffenden Uebel einschraenken. "Solche Zufaelle des
+Lasterhaften", sagt er, "die weder Schrecken noch Mitleiden in uns
+wirken, muessen Folgen seines Lasters sein: denn treffen sie ihn zufaellig,
+oder wohl gar unschuldig, so behaelt er in dem Herzen der Zuschauer die
+Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden
+Gottlosen ihr Mitleid nicht versaget." Aber er scheinet dieses nicht
+genug ueberlegt zu haben. Denn auch dann noch, wenn das Unglueck, welches
+den Boesewicht befaellt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist,
+koennen wir uns nicht entwehren, bei dem Anblicke dieses Ungluecks mit ihm
+zu leiden.
+
+"Seht jene Menge", sagt der Verfasser der "Briefe ueber die Empfindungen",
+"die sich um einen Verurteilten in dichten Haufen draenget. Sie haben alle
+Greuel vernommen, die der Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel
+und vielleicht ihn selbst verabscheuet. Itzt schleppt man ihn entstellt
+und ohnmaechtig auf das entsetzliche Schaugerueste. Man arbeitet sich durch
+das Gewuehl, man stellt sich auf die Zehen, man klettert die Daecher hinan,
+um die Zuege des Todes sein Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urteil ist
+gesprochen; sein Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal
+entscheiden. Wie sehnlich wuenschen itzt aller Herzen, dass ihm verziehen
+wuerde! Ihm? dem Gegenstande ihres Abscheues, den sie einen Augenblick
+vorher selbst zum Tode verurteilet haben wuerden? Wodurch wird itzt ein
+Strahl der Menschenliebe wiederum bei ihnen rege? Ist es nicht die
+Annaeherung der Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen
+Uebel, die uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussoehnen und ihm
+unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe koennten wir unmoeglich mitleidig mit
+seinem Schicksale sein."
+
+Und ebendiese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebenmenschen unter
+keinerlei Umstaenden ganz verlieren koennen, die unter der Asche, mit
+welcher sie andere staerkere Empfindungen ueberdecken, unverloeschlich
+fortglimmet und gleichsam nur einen guenstigen Windstoss von Unglueck und
+Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrechen;
+ebendiese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie
+verstehet. Wir haben recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids
+begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht unrecht, wenn er ihr einen
+eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem hoechsten Grade der
+mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer
+wahrscheinlichen Furcht fuer uns selbst, Affekt werden, zu
+unterscheiden.
+
+
+
+
+Siebenundsiebzigstes Stueck
+Den 26. Januar 1768
+
+Einem Einwurfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff
+von dem Affekte des Mitleids hatte, dass er notwendig mit der Furcht fuer
+uns selbst verknuepft sein muesse: was war es noetig, der Furcht noch
+insbesondere zu erwaehnen? Das Wort Mitleid schloss sie schon in sich, und
+es waere genug gewesen, wenn er bloss gesagt haette: die Tragoedie soll durch
+Erregung des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn
+der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, und macht das, was er sagen soll,
+noch dazu schwankend und ungewiss.
+
+Ich antworte: wenn Aristoteles uns bloss haette lehren wollen, welche
+Leidenschaften die Tragoedie erregen koenne und solle, so wuerde er sich den
+Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen koennen, und ohne Zweifel sich
+wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein groesserer
+Wortsparer als er. Aber er wollte uns zugleich lehren, welche
+Leidenschaften, durch die in der Tragoedie erregten, in uns gereiniget
+werden sollten; und in dieser Absicht musste er der Furcht insbesondere
+gedenken. Denn obschon, nach ihm, der Affekt des Mitleids weder in noch
+ausser dem Theater ohne Furcht fuer uns selbst sein kann; ob sie schon ein
+notwendiges Ingrediens des Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch
+umgekehrt, und das Mitleid fuer andere ist kein Ingrediens der Furcht fuer
+uns selbst. Sobald die Tragoedie aus ist, hoeret unser Mitleid auf, und
+nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurueck als die
+wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Uebel fuer uns selbst
+schoepfen lassen. Diese nehmen wir mit; und so wie sie, als Ingrediens des
+Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine
+vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reinigen. Folglich, um
+anzuzeigen, dass sie dieses tun koenne und wirklich tue, fand es
+Aristoteles fuer noetig, ihrer insbesondere zu gedenken.
+
+Es ist unstreitig, dass Aristoteles ueberhaupt keine strenge logische
+Definition von der Tragoedie geben wollen. Denn ohne sich auf die bloss
+wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschraenken, hat er verschiedene
+zufaellige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch notwendig gemacht
+hatte. Diese indes abgerechnet, und die uebrigen Merkmale ineinander
+reduzieret, bleibt eine vollkommen genaue Erklaerung uebrig: die naemlich,
+dass die Tragoedie, mit einem Worte, ein Gedicht ist, welches Mitleid
+erreget. Ihrem Geschlechte nach ist sie die Nachahmung einer Handlung; so
+wie die Epopee und die Komoedie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung
+einer mitleidswuerdigen Handlung. Aus diesen beiden Begriffen lassen sich
+vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form
+ist daraus zu bestimmen.
+
+An dem letztern duerfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wuesste ich
+keinen Kunstrichter zu nennen, dem es nur eingekommen waere, es zu
+versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragoedie als etwas
+Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so
+laesst, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache
+ergruendet, aber sie bei seiner Erklaerung mehr vorausgesetzt, als deutlich
+angegeben. "Die Tragoedie", sagt er, "ist die Nachahmung einer
+Handlung,--die nicht vermittelst der Erzaehlung, sondern vermittelst des
+Mitleids und der Furcht die Reinigung dieser und dergleichen
+Leidenschaften bewirket." So drueckt er sich von Wort zu Wort aus. Wem
+sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, "nicht vermittelst der
+Erzaehlung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht", befremden?
+Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragoedie braucht, um ihre
+Absicht zu erreichen: und die Erzaehlung kann sich nur auf die Art und
+Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen oder nicht zu bedienen.
+Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet
+hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzaehlung, welches die
+dramatische Form ist, zu fehlen? Was tun aber die Uebersetzer bei dieser
+Luecke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere fuellt sie, aber
+nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darin, als eine vernachlaessigte
+Wortfuegung, an die sie sich nicht halten zu duerfen glauben, wenn sie nur
+den Sinn des Philosophen liefern. Dacier uebersetzt: d'une action--qui,
+sans le secours de la narration, par le moyen de la compassion et de la
+terreur usw.; und Curtius: "einer Handlung, welche nicht durch die
+Erzaehlung des Dichters, sondern (durch Vorstellung der Handlung selbst)
+uns, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der
+vorgestellten Leidenschaften reiniget". Oh, sehr recht! Beide sagen, was
+Aristoteles sagen will, nur dass sie es nicht so sagen, wie er es sagt.
+Gleichwohl ist auch an diesem Wie gelegen; denn es ist wirklich keine
+bloss vernachlaessigte Wortfuegung. Kurz, die Sache ist diese: Aristoteles
+bemerkte, dass das Mitleid notwendig ein vorhandenes Uebel erfodere; dass
+wir laengst vergangene oder fern in der Zukunft bevorstehende Uebel
+entweder gar nicht oder doch bei weitem nicht so stark bemitleiden
+koennen, als ein anwesendes; dass es folglich notwendig sei, die Handlung,
+durch welche wir Mitleid erregen wollen, nicht als vergangen, das ist,
+nicht in der erzaehlenden Form, sondern als gegenwaertig, das ist, in der
+dramatischen Form, nachzuahmen. Und nur dieses, dass unser Mitleid durch
+die Erzaehlung wenig oder gar nicht, sondern fast einzig und allein durch
+die gegenwaertige Anschauung erreget wird, nur dieses berechtigte ihn, in
+der Erklaerung anstatt der Form der Sache die Sache gleich selbst zu
+setzen, weil diese Sache nur dieser einzigen Form faehig ist. Haette er es
+fuer moeglich gehalten, dass unser Mitleid auch durch die Erzaehlung erreget
+werden koenne: so wuerde es allerdings ein sehr fehlerhafter Sprung gewesen
+sein, wenn er gesagt haette, "nicht durch die Erzaehlung, sondern durch
+Mitleid und Furcht". Da er aber ueberzeugt war, dass Mitleid und Furcht in
+der Nachahmung nur durch die einzige dramatische Form zu erregen sei: so
+konnte er sich diesen Sprung, der Kuerze wegen, erlauben.--Ich verweise
+desfalls auf das naemliche achte Kapitel des zweiten Buchs seiner
+Rhetorik.[1]
+
+Was endlich den moralischen Endzweck anbelangt, welchen Aristoteles der
+Tragoedie gibt, und den er mit in die Erklaerung derselben bringen zu
+muessen glaubte: so ist bekannt, wie sehr, besonders in den neuern Zeiten,
+darueber gestritten worden. Ich getraue mich aber zu erweisen, dass alle,
+die sich dawider erklaert, den Aristoteles nicht verstanden haben. Sie
+haben ihm alle ihre eigene Gedanken untergeschoben, ehe sie gewiss wussten,
+welches seine waeren. Sie bestreiten Grillen, die sie selbst gefangen, und
+bilden sich ein, wie unwidersprechlich sie den Philosophen widerlegen,
+indem sie ihr eigenes Hirngespinste zuschanden machen. Ich kann mich in
+die naehere Eroerterung dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch
+nicht ganz ohne Beweis zu sprechen scheine, will ich zwei
+Anmerkungen machen.
+
+1. Sie lassen den Aristoteles sagen, "die Tragoedie solle uns, vermittelst
+des Schreckens und Mitleids, von den Fehlern der vorgestellten
+Leidenschaften reinigen". Der vorgestellten? Also, wenn der Held durch
+Neugierde, oder Ehrgeiz, oder Liebe, oder Zorn ungluecklich wird: so ist
+es unsere Neugierde, unser Ehrgeiz, unsere Liebe, unser Zorn, welchen die
+Tragoedie reinigen soll? Das ist dem Aristoteles nie in den Sinn gekommen.
+Und so haben die Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt
+Windmuehlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges,
+darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als
+gesunden Menschenverstand hat und ihnen auf seinem bedaechtlichern Pferde
+hinten nachruft, sich nicht zu uebereilen, und doch nur erst die Augen
+recht aufzusperren: [Greek: Ton toiouton pathaematon], sagt Aristoteles:
+und das heisst nicht "der vorgestellten Leidenschaften"; das haetten sie
+uebersetzen muessen durch "dieser und dergleichen" oder "der erweckten
+Leidenschaften". Das [Greek: toiouton] bezieht sich lediglich auf das
+vorhergehende Mitleid und Furcht; die Tragoedie soll unser Mitleid und
+unsere Furcht erregen, bloss um diese und dergleichen Leidenschaften,
+nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt
+aber [Greek: toiouton] und nicht [Greek: touton], er sagt "dieser und
+dergleichen" und nicht bloss "dieser": um anzuzeigen, dass er unter dem
+Mitleid nicht bloss das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern ueberhaupt
+alle philanthropische Empfindungen, sowie unter der Furcht nicht bloss die
+Unlust ueber ein uns bevorstehendes Uebel, sondern auch jede damit verwandte
+Unlust, auch die Unlust ueber ein gegenwaertiges, auch die Unlust ueber ein
+vergangenes Uebel, Betruebnis und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange
+soll das Mitleid und die Furcht, welche die Tragoedie erweckt, unser
+Mitleid und unsere Furcht reinigen; aber auch nur diese reinigen, und
+keine andere Leidenschaften. Zwar koennen sich in der Tragoedie auch zur
+Reinigung der andern Leidenschaften nuetzliche Lehren und Beispiele finden;
+doch sind diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopee und
+Komoedie gemein, insofern sie ein Gedicht, die Nachahmung einer Handlung
+ueberhaupt ist, nicht aber insofern sie Tragoedie, die Nachahmung einer
+mitleidswuerdigen Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle
+Gattungen der Poesie; es ist klaeglich, wenn man dieses erst beweisen muss;
+noch klaeglicher ist es, wenn es Dichter gibt, die selbst daran zweifeln.
+Aber alle Gattungen koennen nicht alles bessern; wenigstens nicht jedes so
+vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kann,
+worin es ihr keine andere Gattung gleich zu tun vermag, das allein ist
+ihre eigentliche Bestimmung.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] [Greek: Epei d' eggys phainomena ta pathae, eleeina eisi, ta de
+myrioston etos genomena, ae esomena, out' elpizontes, oute memnaemenoi,
+ae olos ouch eleousin, ae ouch' dmoios, anankae tous synapergazomenous
+schaemasi kai onais, kai esti, kai olos tae hypochrisei,
+eleeinoterous einai.]
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtundsiebzigstes Stueck
+Den 29. Januar 1768
+
+2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in acht nahmen, was fuer
+Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragoedie, in uns gereiniget haben wollte: so war es natuerlich, dass sie
+sich auch mit der Reinigung selbst irren mussten. Aristoteles verspricht
+am Ende seiner "Politik", wo er von der Reinigung der Leidenschaften
+durch die Musik redet, von dieser Reinigung in seiner Dichtkunst
+weitlaeuftiger zu handeln. "Weil man aber", sagt Corneille, "ganz und gar
+nichts von dieser Materie darin findet, so ist der groesste Teil seiner
+Ausleger auf die Gedanken geraten, dass sie nicht ganz auf uns gekommen
+sei." Gar nichts? Ich meinesteils glaube, auch schon in dem, was uns von
+seiner Dichtkunst noch uebrig, es mag viel oder wenig sein, alles zu
+finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz
+unbekannt ist, ueber diese Sache zu sagen fuer noetig halten konnte.
+Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach seiner Meinung,
+Licht genug geben koenne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die
+Reinigung der Leidenschaften in der Tragoedie geschehe: naemlich die, wo
+Aristoteles sagt, "das Mitleid verlange einen, der unverdient leide, und
+die Furcht einen unsersgleichen". Diese Stelle ist auch wirklich sehr
+wichtig, nur dass Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und
+nicht wohl anders als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der
+Leidenschaften ueberhaupt im Kopfe hatte. "Das Mitleid mit dem Ungluecke",
+sagt er, "von welchem wir unsersgleichen befallen sehen, erweckt in uns
+die Furcht, dass uns ein aehnliches Unglueck treffen koenne; diese Furcht
+erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben,
+die Leidenschaft, durch welche die Person, die wir bedauern, sich ihr
+Unglueck vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu maessigen, zu bessern,
+ja gar auszurotten; indem einem jeden die Vernunft sagt, dass man die
+Ursache abschneiden muesse, wenn man die Wirkung vermeiden wolle." Aber
+dieses Raisonnement, welches die Furcht bloss zum Werkzeuge macht, durch
+welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch
+und kann unmoeglich die Meinung des Aristoteles sein; weil sonach die
+Tragoedie gerade alle Leidenschaften reinigen koennte, nur nicht die zwei,
+die Aristoteles ausdruecklich durch sie gereiniget wissen will. Sie koennte
+unsern Zorn, unsere Neugierde, unsern Neid, unsern Ehrgeiz, unsern Hass
+und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft
+ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglueck zugezogen. Nur
+unser Mitleid und unsere Furcht muesste sie ungereiniget lassen. Denn
+Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragoedie wir,
+nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften,
+durch welche die handelnden Personen uns ruehren, nicht aber die, durch
+welche sie sich selbst ihre Unfaelle zuziehen. Es kann ein Stueck geben,
+in welchem sie beides sind: das weiss ich wohl. Aber noch kenne ich kein
+solches Stueck: ein Stueck naemlich, in welchem sich die bemitleidete Person
+durch ein uebelverstandenes Mitleid oder durch eine uebelverstandene Furcht
+ins Unglueck stuerze. Gleichwohl wuerde dieses Stueck das einzige sein, in
+welchem, so wie es Corneille versteht, das geschaehe, was Aristoteles
+will, dass es in allen Tragoedien geschehen soll: und auch in diesem
+einzigen wuerde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt.
+Dieses einzige Stueck wuerde gleichsam der Punkt sein, in welchem zwei
+gegeneinander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in
+alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen.--So gar sehr konnte Dacier
+den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war verbunden, auf die Worte
+seines Autors aufmerksamer zu sein, und diese besagen es zu positiv, dass
+unser Mitleid und unsere Furcht durch das Mitleid und die Furcht der
+Tragoedie gereiniget werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, dass
+der Nutzen der Tragoedie sehr gering sein wuerde, wenn er bloss hierauf
+eingeschraenkt waere: so liess er sich verleiten, nach der Erklaerung des
+Corneille, ihr die ebenmaessige Reinigung auch aller uebrigen Leidenschaften
+beizulegen. Wie nun Corneille diese fuer sein Teil leugnete und in
+Beispielen zeigte, dass sie mehr ein schoener Gedanke, als eine Sache sei,
+die gewoehnlicherweise zur Wirklichkeit gelange: so musste er sich mit ihm
+in diese Beispiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand,
+dass er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen musste, um seinen
+Aristoteles mit sich durchzubringen. Ich sage seinen Aristoteles: denn
+der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu beduerfen.
+Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leiden-
+schaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragoedie reinigen
+solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; und es ist ihm sehr
+gleichgueltig, ob die Tragoedie zur Reinigung der uebrigen Leidenschaften
+viel oder wenig beitraegt. An jene Reinigung haette sich Dacier allein
+halten sollen: aber freilich haette er sodann auch einen vollstaendigem
+Begriff damit verbinden muessen. "Wie die Tragoedie", sagt er, "Mitleid und
+Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer zu
+erklaeren. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglueck vor Augen stellet, in
+das unsersgleichen durch nicht vorsaetzliche Fehler gefallen sind; und sie
+reiniget sie, indem sie uns mit diesem naemlichen Ungluecke bekannt macht
+und uns dadurch lehret, es weder allzusehr zu fuerchten, noch allzusehr
+davon geruehrt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte.--Sie
+bereitet die Menschen, die allerwidrigsten Zufaelle mutig zu ertragen, und
+macht die Allerelendesten geneigt, sich fuer gluecklich zu halten, indem
+sie ihre Ungluecksfaelle mit weit groessern vergleichen, die ihnen die
+Tragoedie vorstellet. Denn in welchen Umstaenden kann sich wohl ein Mensch
+finden, der bei Erblickung eines Oedips, eines Philoktets, eines Orests
+nicht erkennen muesste, dass alle Uebel, die er zu erdulden, gegen die,
+welche diese Maenner erdulden muessen, gar nicht in Vergleichung gekommen?"
+Nun das ist wahr; diese Erklaerung kann dem Dacier nicht viel Kopfbrechens
+gemacht haben. Er fand sie fast mit den naemlichen Worten bei einem
+Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indes
+einzuwenden, dass das Gefuehl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid
+neben sich duldet; dass folglich bei dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu
+erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betruebnis durch das
+Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt,
+gelten lassen. Nur fragen muss ich: wieviel er nun damit gesagt? Ob er im
+geringsten mehr damit gesagt, als, dass das Mitleid unsere Furcht reinige?
+Gewiss nicht: und das waere doch nur kaum der vierte Teil der Foderung des
+Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, dass die Tragoedie Mitleid
+und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht,
+dass dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklaeren fuer gut befunden? Denn,
+nach den verschiedenen Kombinationen der hier vorkommenden Begriffe, muss
+der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschoepfen will, stueckweise
+zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische
+Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, und
+4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen koenne und wirklich
+reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch
+diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Haelfte erlaeutert. Denn
+wer sich um einen richtigen und vollstaendigen Begriff von der
+Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemueht hat, wird finden, dass
+jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schliesset. Da
+naemlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als
+in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bei
+jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich diesseits und jenseits
+ein Extremum findet, zwischen welchem sie innestehet: so muss die Tragoedie,
+wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Extremis
+des Mitleids zu reinigen vermoegend sein; welches auch von der Furcht zu
+verstehen. Das tragische Mitleid muss nicht allein, in Ansehung des Mitleids,
+die Seele desjenigen reinigen, welcher zu viel Mitleid fuehlet, sondern auch
+desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muss nicht
+allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich
+ganz und gar keines Ungluecks befuerchtet, sondern auch desjenigen, den ein
+jedes Unglueck, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in
+Angst setzet. Gleichfalls muss das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht,
+dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hinwiederum die
+tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Dacier aber, wie gesagt, hat
+nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzugrosse Furcht maessige: und
+noch nicht einmal, wie es dem gaenzlichen Mangel derselben abhelfe oder sie
+in dem, welcher allzu wenig von ihm empfindet, zu einem heilsamem Grade
+erhoehe; geschweige, dass er auch das uebrige sollte gezeigt haben. Die nach
+ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergaenzet;
+aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung den Nutzen der Tragoedie voellig ausser
+Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedichte ueberhaupt, aber
+keinesweges der Tragoedie, als Tragoedie, insbesondere zukommen; z.E. dass sie
+die Triebe der Menschlichkeit naehren und staerken; dass sie Liebe zur Tugend
+und Hass gegen das Laster wirken solle usw.[1] Lieber! welches Gedicht sollte
+das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende
+Kennzeichen der Tragoedie sein; so kann es nicht das sein, was wir suchten.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Hr. Curtius in seiner "Abhandlung von der Absicht des Trauerspiels",
+hinter der Aristotelischen Dichtkunst".
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunundsiebzigstes Stueck
+Den 2. Februar 1768
+
+Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen.--Richard also erweckt
+ebensowenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gemissbrauchten
+Verstande, fuer die ploetzliche Ueberraschung des Mitleids; noch in dem
+eigentlichen Verstande des Aristoteles, fuer heilsame Furcht, dass uns ein
+aehnliches Unglueck treffen koenne. Denn wenn er diese erregte, wuerde er
+auch Mitleid erregen; so gewiss er hinwiederum Furcht erregen wuerde, wenn
+wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten wuerdig faenden. Aber er ist so
+ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so
+voellig keinen einzigen aehnlichen Zug mit uns selbst finden, dass ich
+glaube, wir koennten ihn vor unsern Augen den Martern der Hoelle uebergeben
+sehen, ohne das geringste fuer ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu
+fuerchten, dass, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie
+auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglueck, die Strafe, die ihn
+trifft? Nach so vielen Missetaten, die wir mit ansehen muessen, hoeren wir,
+dass er mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Koenigin dieses
+erzaehlt wird, laesst sie der Dichter sagen:
+
+"Dies ist etwas!"--
+
+Ich habe mich nie enthalten koennen, bei mir nachzusprechen: nein, das ist
+gar nichts! Wie mancher gute Koenig ist so geblieben, indem er seine Krone
+wider einen maechtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als
+ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich fuer den
+Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stueck durch ueber den Triumph
+seiner Bosheiten empfunden? (Ich glaube, die griechische Sprache ist die
+einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen ueber das Glueck
+eines Boesewichts auszudruecken: [Greek: nemesis, nemesan.][1]) Sein Tod
+selbst, welcher wenigstens meine Gerechtigkeitsliebe befriedigen sollte,
+unterhaelt noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich:
+aber gut, dass es noch eine andere Gerechtigkeit gibt, als die poetische!
+
+Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das
+Stueck heisst zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben,
+nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragoedie erreicht wird; er
+hat nur das Mittel sein sollen, unser Mitleid fuer andere zu erregen. Die
+Koenigin, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid?--
+
+Um allem Wortstreite auszuweichen: ja. Aber was ist es fuer eine fremde,
+herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid fuer diese Personen mischt? die
+da macht, dass ich mir dieses Mitleid ersparen zu koennen wuenschte? Das
+wuensche ich mir bei dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile
+gern dabei; und danke dem Dichter fuer eine so suesse Qual.
+
+Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiss sein! Er
+spricht von einem [Greek: miaron], von einem Graesslichen, das sich bei dem
+Ungluecke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die
+Koenigin, Elisabeth, die Prinzen vollkommen solche Personen? Was haben sie
+getan? wodurch haben sie es sich zugezogen, dass sie in den Klauen dieser
+Bestie sind? Ist es ihre Schuld, dass sie ein naeheres Recht auf den Thron
+haben als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfer, die noch
+kaum rechts und links unterscheiden koennen! Wer wird leugnen, dass sie
+unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit
+Schaudern an die Schicksale der Menschen denken laesst, dem Murren wider
+die Vorsehung sich zugesellet und Verzweiflung von weiten nachschleicht,
+ist dieser Jammer--ich will nicht fragen, Mitleid?--Er heisse, wie er
+wolle--Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte?
+
+Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gruendet er sich doch auf
+etwas, das wirklich geschehen ist.--Das wirklich geschehen ist? es sei:
+so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange
+aller Dinge haben. In diesem ist Weisheit und Guete, was uns in den
+wenigen Gliedern, die der Dichter herausnimmt, blindes Geschick und
+Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes
+machen, das voellig sich rundet, wo eines aus dem andern sich voellig
+erklaeret, wo keine Schwierigkeit aufstoesst, derenwegen wir die Befriedigung
+nicht in seinem Plane finden, sondern sie ausser ihm, in dem allgemeinen
+Plane der Dinge suchen muessen; das Ganze dieses sterblichen Schoepfers
+sollte ein Schattenriss von dem Ganzen des ewigen Schoepfers sein; sollte
+uns an den Gedanken gewoehnen, wie sich in ihm alles zum Besten aufloese,
+werde es auch in jenem geschehen: und er vergisst diese seine edelste
+Bestimmung so sehr, dass er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in
+seinen kleinen Zirkel flicht und geflissentlich unsern Schauder darueber
+erregt?--O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt
+habt! Wozu diese traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Diese
+kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft
+in uns bekleiben soll, wenn wir, bei unserer Unterwerfung, noch Vertrauen
+und froehlichen Mut behalten sollen: so ist es hoechst noetig, dass wir an
+die verwirrenden Beispiele solcher unverdienten schrecklichen Verhaengnisse
+so wenig als moeglich erinnert werden. Weg mit ihnen von der Buehne! Weg,
+wenn es sein koennte, aus allen Buechern mit ihnen!--
+
+Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige die erforderlichen
+Eigenschaften hat, die sie haben muessten, falls er wirklich das sein
+sollte, was er heisst: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes
+Stueck geworden, wofuer ihn unser Publikum haelt? Wenn er nicht Mitleid und
+Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muss er doch haben und
+hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er diese
+oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschaeftiget, wenn er sie
+vergnuegt: was will man denn mehr? Muessen sie denn notwendig nur nach den
+Regeln des Aristoteles beschaeftiget und vergnuegt werden?
+
+Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Ueberhaupt:
+wenn Richard schon keine Tragoedie waere, so bleibt er doch ein dramatisches
+Gedicht; wenn ihm schon die Schoenheiten der Tragoedie mangelten, so koennte
+er doch sonst Schoenheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiraden;
+kuehne Gesinnungen; einen feurigen hinreissenden Dialog; glueckliche
+Veranlassungen fuer den Akteur, den ganzen Umfang seiner Stimme mit den
+mannigfaltigsten Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Staerke in der
+Pantomime zu zeigen usw.
+
+Von diesen Schoenheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die
+den eigentlichen Schoenheiten der Tragoedie naeher kommen.
+
+Richard ist ein abscheulicher Boesewicht: aber auch die Beschaeftigung
+unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnuegen; besonders in der
+Nachahmung.
+
+Auch das Ungeheuere in den Verbrechen partizipieret von den Empfindungen,
+welche Groesse und Kuehnheit in uns erwecken.
+
+Alles, was Richard tut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in
+Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und ueberall, wo wir einen Plan
+wahrnehmen, wird unsere Neugierde rege; wir warten gern mit ab, ob er
+ausgefuehrt wird werden, und wie er es wird werden; wir lieben das
+Zweckmaessige so sehr, dass es uns, auch unabhaengig von der Moralitaet des
+Zweckes, Vergnuegen gewaehret.
+
+Wir wollten, dass Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, dass er
+ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Missvergnuegen ueber
+ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so
+viel Blut voellig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist,
+moechten wir es nicht gern, auch noch bloss vor langer Weile, vergossen
+finden. Hinwiederum waere dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit;
+nichts hoeren wir ungerner; die Absicht interessierte uns, als zu
+erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht waere, wuerden wir nichts
+als das Abscheuliche derselben erblicken, wuerden wir wuenschen, dass sie
+nicht erreicht waere; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert
+vor der Erreichung.
+
+Die guten Personen des Stuecks lieben wir; eine so zaertliche feurige
+Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese
+Gegenstaende gefallen immer, erregen immer die suessesten sympathetischen
+Empfindungen, wir moegen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld
+leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar fuer unsere Ruhe, zu unserer
+Besserung kein sehr erspriessliches Gefuehl: aber es ist doch immer Gefuehl.
+
+Und sonach beschaeftiget uns das Stueck durchaus, und vergnuegt durch diese
+Beschaeftigung unserer Seelenkraefte. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht
+wahr, die man daraus zu ziehen meinet: naemlich, dass wir also damit
+zufrieden sein koennen.
+
+Ein Dichter kann viel getan, und doch noch nichts damit vertan haben.
+Nicht genug, dass sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muss auch die haben,
+die ihm, vermoege der Gattung, zukommen; es muss diese vornehmlich haben,
+und alle andere koennen den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen;
+besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit und
+Kostbarkeit ist, dass alle Muehe und aller Aufwand vergebens waere, wenn sie
+weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine
+leichtere und weniger Anstalten erfordernde Gattung ebensowohl zu
+erhalten waeren. Ein Bund Stroh aufzuheben, muss man keine Maschinen in
+Bewegung setzen; was ich mit dem Fusse umstossen kann, muss ich nicht mit
+einer Mine sprengen wollen; ich muss keinen Scheiterhaufen anzuenden, um
+eine Muecke zu verbrennen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Arist. Rhet., lib. II. cap. 9.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Achtzigstes Stueck
+Den 5. Februar 1768
+
+Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet,
+Maenner und Weiber verkleidet, Gedaechtnisse gemartert, die ganze Stadt auf
+einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Auffuehrung
+desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen,
+die eine gute Erzaehlung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen,
+ungefaehr auch hervorbringen wuerde.
+
+Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht
+erregen laesst; wenigstens koennen in keiner andern Form diese Leidenschaften
+auf einen so hohen Grad erreget werden: und gleichwohl will man lieber alle
+andere darin erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem
+andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzueglich geschickt ist.
+
+Das Publikum nimmt vorlieb.--Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man
+sehnt sich nicht sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muss.
+
+Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und roemische Volk auf die
+Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgueltig,
+wie kalt dagegen unser Volk fuer das Theater! Woher diese Verschiedenheit,
+wenn sie nicht daher koemmt, dass die Griechen vor ihrer Buehne sich mit so
+starken, so ausserordentlichen Empfindungen begeistert fuehlten, dass sie
+den Augenblick nicht erwarten konnten, sie abermals und abermals zu
+haben: dahingegen wir uns vor unserer Buehne so schwacher Eindruecke bewusst
+sind, dass wir es selten der Zeit und des Geldes wert halten, sie uns zu
+verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Neugierde, aus Mode,
+aus Langerweile, aus Gesellschaft, aus Begierde zu begaffen und begafft
+zu werden, ins Theater: und nur wenige, und diese wenige nur sparsam, aus
+anderer Absicht.
+
+Ich sage, wir, unser Volk, unsere Buehne: ich meine aber nicht bloss, uns
+Deutsche. Wir Deutsche bekennen es treuherzig genug, dass wir noch kein
+Theater haben. Was viele von unsern Kunstrichtern, die in dieses
+Bekenntnis mit einstimmen und grosse Verehrer des franzoesischen Theaters
+sind, dabei denken: das kann ich so eigentlich nicht wissen. Aber ich
+weiss wohl, was ich dabei denke. Ich denke naemlich dabei: dass nicht allein
+wir Deutsche; sondern, dass auch die, welche sich seit hundert Jahren ein
+Theater zu haben ruehmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben
+prahlen,--dass auch die Franzosen noch kein Theater haben.
+
+Kein tragisches gewiss nicht! Denn auch die Eindruecke, welche die
+franzoesische Tragoedie macht, sind so flach, so kalt!--Man hoere einen
+Franzosen selbst davon sprechen.
+
+"Bei den hervorstechenden Schoenheiten unsers Theaters", sagt der Herr von
+Voltaire, "fand sich ein verborgner Fehler, den man nicht bemerkt hatte,
+weil das Publikum von selbst keine hoehere Ideen haben konnte, als ihm die
+grossen Meister durch ihre Muster beibrachten. Der einzige Saint-Evremond
+hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt naemlich, dass unsere Stuecke nicht
+Eindruck genug machten, dass das, was Mitleid erwecken solle, aufs hoechste
+Zaertlichkeit errege, dass Ruehrung die Stelle der Erschuetterung, und
+Erstaunen die Stelle des Schreckens vertrete; kurz, dass unsere Empfindungen
+nicht tief genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evremond hat mit
+dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des franzoesischen Theaters
+getroffen. Man sage immerhin, dass Saint-Evremond der Verfasser der elenden
+Komoedie 'Sir Politik Wouldbe' und noch einer andern ebenso elenden, 'Die
+Opern' genannt, ist: dass seine kleinen gesellschaftlichen Gedichte das
+Kahlste und Gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben; dass er nichts
+als ein Phrasendrechsler war: man kann keinen Funken Genie haben und
+gleichwohl viel Witz und Geschmack besitzen. Sein Geschmack aber war
+unstreitig sehr fein, da er die Ursache, warum die meisten von unsern
+Stuecken so matt und kalt sind, so genau traf. Es hat uns immer an einem
+Grade von Waerme gefehlt: das andere hatten wir alles."
+
+Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere
+Tragoedien waren vortrefflich, nur dass es keine Tragoedien waren. Und woher
+kam es, dass sie das nicht waren?
+
+"Diese Kaelte aber", faehrt er fort, "diese einfoermige Mattigkeit,
+entsprang zum Teil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals
+unter unsern Hofleuten und Damen so herrschte und die Tragoedie in eine
+Folge von verliebten Gespraechen verwandelte, nach dem Geschmacke des
+'Cyrus' und der 'Clelie'. Was fuer Stuecke sich hiervon noch etwa
+ausnahmen, die bestanden aus langen politischen Raisonnements,
+dergleichen den 'Sertorius' so verdorben, den 'Otho' so kalt, und den
+'Surena' und 'Attila' so elend gemacht haben. Noch fand sich aber auch
+eine andere Ursache, die das hohe Pathetische von unserer Szene
+zurueckhielt und die Handlung wirklich tragisch zu machen verhinderte: und
+diese war das enge schlechte Theater mit seinen armseligen Verzierungen.
+--Was liess sich auf einem paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit
+Zuschauern angefuellt waren, machen? Mit welchem Pomp, mit welchen
+Zuruestungen konnte man da die Augen der Zuschauer bestechen, fesseln,
+taeuschen? Welche grosse tragische Aktion liess sich da auffuehren? Welche
+Freiheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben? Die Stuecke
+mussten aus langen Erzaehlungen bestehen, und so wurden sie mehr Gespraeche
+als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen Monologe glaenzen, und ein
+Stueck, das dergleichen nicht hatte, ward verworfen.--Bei dieser Form fiel
+alle theatralische Handlung weg; fielen alle die grossen Ausdruecke der
+Leidenschaften, alle die kraeftigen Gemaelde der menschlichen
+Ungluecksfaelle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele
+dringende Zuege weg; man ruehrte das Herz nur kaum, anstatt es zu
+zerreissen."
+
+Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und
+Politik laesst immer kalt; und noch ist es keinem Dichter in der Welt
+gelungen, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden.
+Jene lassen uns nichts als den Fat, oder den Schulmeister hoeren: und
+diese fodern, dass wir nichts als den Menschen hoeren sollen.
+
+Aber die zweite Ursache?--Sollte es moeglich sein, dass der Mangel eines
+geraeumlichen Theaters und guter Verzierungen einen solchen Einfluss auf
+das Genie der Dichter gehabt haette? Ist es wahr, dass jede tragische
+Handlung Pomp und Zuruestungen erfodert? Oder sollte der Dichter nicht
+vielmehr sein Stueck so einrichten, dass es auch ohne diese Dinge seine
+voellige Wirkung hervorbraechte.
+
+Nach dem Aristoteles sollte er es allerdings. "Furcht und Mitleid", sagt
+der Philosoph, "laesst sich zwar durchs Gesicht erregen; es kann aber auch
+aus der Verknuepfung der Begebenheiten selbst entspringen, welches
+letztere vorzueglicher, und die Weise des bessern Dichters ist. Denn die
+Fabel muss so eingerichtet sein, dass sie, auch ungesehen, den, der den
+Verlauf ihrer Begebenheiten bloss anhoert, zu Mitleid und Furcht ueber diese
+Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Oedips, die man nur anhoeren
+darf, um dazu gebracht zu werden. Diese Absicht aber durch das Gesicht
+erreichen wollen, erfodert weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die
+Vorstellung des Stuecks uebernommen."
+
+Wie entbehrlich ueberhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon
+will man mit den Stuecken des Shakespeares eine sonderbare Erfahrung
+gehabt haben. Welche Stuecke brauchten, wegen ihrer bestaendigen
+Unterbrechung und Veraenderung des Orts, des Beistandes der Szenen und der
+ganzen Kunst des Dekorateurs, wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war
+eine Zeit, wo die Buehnen, auf welchen sie gespielt wurden, aus nichts
+bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn
+er aufgezogen war, die blossen blanken, hoechstens mit Matten oder Tapeten
+behangenen Waende zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem
+Verstaendnisse des Zuschauers und der Ausfuehrung des Spielers zu Hilfe
+kommen konnte: und demohngeachtet, sagt man, waren damals die Stuecke des
+Shakespeares ohne alle Szenen verstaendlicher, als sie es hernach mit
+denselben gewesen sind.[1]
+
+Wenn sich also der Dichter um die Verzierung gar nicht zu bekuemmern hat;
+wenn die Verzierung, auch wo sie noetig scheinet, ohne besondere Nachteil
+seines Stuecks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten
+Theater gelegen haben, dass uns die franzoesischen Dichter keine ruehrendere
+Stuecke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst.
+
+Und das beweiset die Erfahrung. Denn nun haben ja die Franzosen eine
+schoenere, geraeumlichere Buehne; keine Zuschauer werden mehr darauf
+geduldet; die Kulissen sind leer; der Dekorateur hat freies Feld; er malt
+und bauet dem Poeten alles, was dieser von ihm verlangt: aber wo sind sie
+denn, die waermern Stuecke, die sie seitdem erhalten haben? Schmeichelt
+sich der Herr von Voltaire, dass seine "Semiramis" ein solches Stueck ist?
+Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst obendarein: und doch kenne
+ich nichts Kaelteres, als seine "Semiramis".
+
+
+----Fussnote
+
+[1] ("Cibber's Lives of the Poets of G. B. and Ir." Vol. II. p. 78.
+79.)--Some have insinuated, that fine scenes proved the ruin of acting.
+--In the reign of Charles I. there was nothing more than a curtain
+of very coarse stuff, upon the drawing up of which, the stage appeared
+either with bare walls on the sides, coarsly matted, or covered with
+tapestry; so that for the place originally represented, and all the
+successive changes, in which the poets of those times freely indulged
+themselves, there was nothing to help the spectator's understanding, or
+to assist the actor's performance, but bare imagination.--The spirit and
+judgement of the actors supplied all deficiencies, and made as some would
+insinuate, plays more intelligible without scenes than they afterwards
+were with them.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Einundachtzigstes Stueck
+Den 9. Februar 1768
+
+Will ich denn nun aber damit sagen, dass kein Franzose faehig sei, ein
+wirklich ruehrendes tragisches Werk zu machen? dass der volatile Geist der
+Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sei?--Ich wuerde mich schaemen,
+wenn mir das nur eingekommen waere. Deutschland hat sich noch durch keinen
+Bouhours laecherlich gemacht. Und ich, fuer mein Teil, haette nun gleich die
+wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr ueberzeugt, dass kein Volk in der
+Welt irgendeine Gabe des Geistes vorzueglich vor andern Voelkern erhalten
+habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Englaender, der witzige Franzose.
+Aber wer hat denn die Teilung gemacht? Die Natur gewiss nicht, die alles
+unter alle gleich verteilet. Es gibt ebensoviel witzige Englaender als
+witzige Franzosen, und ebensoviel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige
+Englaender: der Prass von dem Volke aber ist keines von beidem.--
+
+Was will ich denn? Ich will bloss sagen, was die Franzosen gar wohl haben
+koennten, dass sie das noch nicht haben: die wahre Tragoedie. Und warum noch
+nicht haben?--Dazu haette sich der Herr von Voltaire selbst besser kennen
+muessen, wenn er es haette treffen wollen.
+
+Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu
+haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freilich durch etwas
+bestaerkt, das sie vorzueglich vor allen Voelkern haben; aber es ist keine
+Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit.
+
+Es geht mit den Nationen, wie mit einzelnen Menschen.--Gottsched (man
+wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle) galt in seiner
+Jugend fuer einen Dichter, weil man damals den Versmacher von dem Dichter
+noch nicht zu unterscheiden wusste. Philosophie und Kritik setzten nach
+und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem
+Jahrhunderte nur haette fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichten und
+sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines
+Zeitalters haetten verbreiten und laeutern wollen: so haette er vielleicht
+wirklich aus dem Versmacher ein Dichter werden koennen. Aber da er sich
+schon so oft den groessten Dichter hatte nennen hoeren, da ihn seine
+Eitelkeit ueberredet hatte, dass er es sei: so unterblieb jenes. Er konnte
+unmoeglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je aelter er
+ward, desto hartnaeckiger und unverschaemter ward er, sich in diesem
+traeumerischen Besitze zu behaupten.
+
+Gerade so, duenkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riss Corneille
+ihr Theater ein wenig aus der Barbarei: so glaubten sie es der
+Vollkommenheit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand
+angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage (die es zwar
+auch nie gewesen), ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch
+ruehrender sein koenne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward fuer
+unmoeglich angenommen, und alle Beeiferung der nachfolgenden Dichter musste
+sich darauf einschraenken, dem einen oder dem andern so aehnlich zu werden
+als moeglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Teil ihre
+Nachbarn mit, hintergangen: nun komme einer und sage ihnen das, und hoere,
+was sie antworten!
+
+Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet
+und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluss gehabt hat.
+Denn Racine hat nur durch seine Muster verfuehrt; Corneille aber durch
+seine Muster und Lehren zugleich.
+
+Diese letztern besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwei
+Pedanten, einen Hedelin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wussten,
+was sie wollten) als Orakelsprueche angenommen, von allen nachherigen
+Dichtern befolgt: haben--ich getraue mich, es Stueck vor Stueck zu
+beweisen,--nichts anders, als das kahlste, waessrigste, untragischste Zeug
+hervorbringen koennen.
+
+Die Regeln des Aristoteles sind alle auf die hoechste Wirkung der Tragoedie
+kalkuliert. Was macht aber Corneille damit? Er traegt sie falsch und
+schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so
+sucht er, bei einer nach der andern, quelque moderation, quelque favorable
+interpretation; entkraeftet und verstuemmelt, deutelt und vereitelt eine
+jede,--und warum? pour n'etre pas obliges de condamner beaucoup de poemes
+que nous avons vu reussir sur nos theatres; um nicht viele Gedichte
+verwerfen zu duerfen, die auf unsern Buehnen Beifall gefunden. Eine schoene
+Ursache!
+
+Ich will die Hauptpunkte geschwind beruehren. Einige davon habe ich schon
+beruehrt; ich muss sie aber, des Zusammenhanges wegen, wiederum mitnehmen.
+
+1. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen.--
+Corneille sagt: o ja, aber wie es koemmt; beides zugleich ist eben nicht
+immer noetig; wir sind auch mit einem zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne
+Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb' ich, ich der
+grosse Corneille, sonst mit meinem Rodrigue und meiner Chimene? Die guten
+Kinder erwecken Mitleid; und sehr grosses Mitleid: aber Furcht wohl
+schwerlich. Und wiederum: wo blieb' ich sonst mit meiner Kleopatra, mit
+meinem Prusias, mit meinem Phokas? Wer kann Mitleid mit diesen
+Nichtswuerdigen haben? Aber Furcht erregen sie doch.--So glaubte Corneille:
+und die Franzosen glaubten es ihm nach.
+
+2. Aristoteles sagt: die Tragoedie soll Mitleid und Furcht erregen;
+beides, versteht sich, durch eine und ebendieselbe Person.--Corneille
+sagt: wenn es sich so trifft, recht gut. Aber absolut notwendig ist es
+eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen
+bedienen, diese zwei Empfindungen hervorzubringen; so wie ich in meiner
+"Rodogune" getan habe.--Das hat Corneille getan: und die Franzosen tun
+es ihm nach.
+
+3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die
+Tragoedie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen
+anhaengig, gereiniget werden.--Corneille weiss davon gar nichts und bildet
+sich ein, Aristoteles habe sagen wollen. Die Tragoedie erwecke unser
+Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die
+Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete
+Gegenstand sein Unglueck zugezogen. Ich will von dem Werte dieser Absicht
+nicht sprechen: genug, dass es nicht die Aristotelische ist; und dass, da
+Corneille seinen Tragoedien eine ganz andere Absicht gab, auch notwendig
+seine Tragoedien selbst ganz andere Werke werden mussten, als die waren,
+von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahieret hatte; es mussten
+Tragoedien werden, welches keine wahre Tragoedien waren. Und das sind nicht
+allein seine, sondern alle franzoesische Tragoedien geworden; weil ihre
+Verfasser alle nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des
+Corneille sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, dass Dacier beide
+Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese blosse Verbindung
+wird die erstere geschwaecht, und die Tragoedie muss unter ihrer hoechsten
+Wirkung bleiben. Dazu hatte Dacier, wie ich gezeigt, von der erstern nur
+einen sehr unvollstaendigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich
+daher einbildete, dass die franzoesischen Tragoedien seiner Zeit noch eher
+die erste, als die zweite Absicht erreichten. "Unsere Tragoedie", sagt er,
+"ist, zufolge jener, noch so ziemlich gluecklich, Mitleid und Furcht zu
+erwecken und zu reinigen. Aber diese gelingt ihr nur sehr selten, die
+doch gleichwohl die wichtigere ist, und sie reiniget die uebrigen
+Leidenschaften nur sehr wenig, oder da sie gemeiniglich nichts als
+Liebesintrigen enthaelt, wenn sie ja eine davon reinigte, so wuerde es
+einzig und allein die Liebe sein, woraus denn klar erhellet, dass ihr
+Nutzen nur sehr klein ist.[1] Gerade umgekehrt! Es gibt noch eher
+franzoesische Tragoedien, welche der zweiten, als welche der ersten Absicht
+ein Genuege leisten. Ich kenne verschiedene franzoesische Stuecke, welche
+die ungluecklichen Folgen irgendeiner Leidenschaft recht wohl ins Licht
+setzen; aus denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend,
+ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade
+erregte, in welchem die Tragoedie es erregen sollte, in welchem ich, aus
+verschiedenen griechischen und englischen Stuecken gewiss weiss, dass sie es
+erregen kann. Verschiedene franzoesische Tragoedien sind sehr feine, sehr
+unterrichtende Werke, die ich alles Lobes wert halte: nur, dass es keine
+Tragoedien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr
+gute Koepfe sein; sie verdienen, zum Teil, unter den Dichtern keinen
+geringen Rang: nur dass sie keine tragische Dichter sind; nur dass ihr
+Corneille und Racine, ihr Crebillon und Voltaire von dem wenig oder gar
+nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripides zum
+Euripides, den Shakespeare zum Shakespeare macht. Diese sind selten mit
+den wesentlichen Foderungen des Aristoteles im Widerspruch: aber jene
+desto oefterer. Denn nur weiter--
+
+
+----Fussnote
+
+[1] (Poet. d'Arist. Chap. VI. Rem. 8.) Notre Tragedie peut reussir
+assez dans la premiere partie, c'est-a-dire, qu'elle peut exciter et
+purger la terreur et la compassion. Mais elle parvient rarement a la
+derniere, qui est pourtant la plus utile, elle purge peu les autres
+passions, ou comme elle roule ordinairement sur des intrigues d'amour,
+si elle en purgeait quelqu'une, ce serait celle-la seule, et par la il
+est aise de voir qu'elle ne fait que peu de fruit.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundachtzigstes Stueck
+Den 12. Februar 1768
+
+4. Aristoteles sagt: man muss keinen ganz guten Mann, ohne alle sein
+Verschulden, in der Tragoedie ungluecklich werden lassen; denn so was sei
+graesslich.--"Ganz recht", sagt Corneille; "ein solcher Ausgang erweckt
+mehr Unwillen und Hass gegen den, welcher das Leiden verursacht, als
+Mitleid fuer den, welchen es trifft. Jene Empfindung also, welche nicht
+die eigentliche Wirkung der Tragoedie sein soll, wuerde, wenn sie nicht
+sehr fein behandelt waere, diese ersticken, die doch eigentlich
+hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer wuerde missvergnuegt weggehen,
+weil sich allzuviel Zorn mit dem Mitleiden vermischt, welches ihm
+gefallen haette, wenn er es allein mit wegnehmen koennen. Aber", koemmt
+Corneille hintennach; denn mit einem Aber muss er nachkommen--"aber, wenn
+diese Ursache wegfaellt, wenn es der Dichter so eingerichtet, dass der
+Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid fuer sich, als Widerwillen gegen
+den erweckt, der ihn leiden laesst: alsdenn?--Oh, alsdenn", sagt Corneille,
+"halte ich dafuer, darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den
+tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Ungluecke zu zeigen."[1]
+--Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag
+hineinschwatzen kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu
+verstehen, indem man ihn Dinge sagen laesst, an die er nie gedacht hat.
+Das gaenzlich unverschuldete Unglueck eines rechtschaffenen Mannes, sagt
+Aristoteles, ist kein Stoff fuer das Trauerspiel; denn es ist graesslich.
+Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine
+blosse Bedingung, unter welcher es tragisch zu sein aufhoert. Aristoteles
+sagt: es ist durchaus graesslich, und eben daher untragisch. Corneille aber
+sagt: es ist untragisch, insofern es graesslich ist. Dieses Graessliche
+findet Aristoteles in dieser Art des Unglueckes selbst: Corneille aber
+setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht.
+Er sieht nicht, oder will nicht sehen, dass jenes Graessliche ganz etwas
+anders ist als dieser Unwille; dass, wenn auch dieser ganz wegfaellt, jenes
+doch noch in seinem vollen Masse vorhanden sein kann: genug, dass vors
+erste mit diesem Quid pro quo verschiedene von seinen Stuecken
+gerechtfertiget scheinen, die er so wenig wider die Regeln des
+Aristoteles will gemacht haben, dass er vielmehr vermessen genug ist, sich
+einzubilden, es habe dem Aristoteles bloss an dergleichen Stuecken gefehlt,
+um seine Lehre darnach naeher einzuschraenken und verschiedene Manieren
+daraus zu abstrahieren, wie demohngeachtet das Unglueck des ganz
+rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden koenne. En voici,
+sagt er, deux ou trois manieres que peut-etre Aristote n'a su prevoir,
+parce qu'on n'en voyait pas d'exemples sur les theatres de son temps.
+Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst?
+Und welches sind jene zwei oder drei Manieren? Wir wollen geschwind
+sehen.--"Die erste", sagt er, "ist, wenn ein sehr Tugendhafter durch
+einen sehr Lasterhaften verfolgt wird, der Gefahr aber entkoemmt, und
+so, dass der Lasterhafte sich selbst darin verstricket, wie es in der
+'Rodogune' und im 'Heraklius' geschiehet, wo es ganz unertraeglich wuerde
+gewesen sein, wenn in dem ersten Stuecke Antiochus und Rodogune, und in
+dem andern Heraklius, Pulcheria und Martian umgekommen waeren, Kleopatra
+und Phokas aber triumphieret haetten. Das Unglueck der erstern erweckt ein
+Mitleid, welches durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben,
+nicht erstickt wird, weil man bestaendig hofft, dass sich irgendein
+gluecklicher Zufall ereignen werde, der sie nicht unterliegen lasse." Das
+mag Corneille sonst jemanden weismachen, dass Aristoteles diese Manier
+nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, dass er sie, wo nicht
+gaenzlich verworfen, wenigstens mit ausdruecklichen Worten fuer angemessener
+der Komoedie als Tragoedie erklaert hat. Wie war es moeglich, dass Corneille
+dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache
+zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehoert diese Manier auch gar
+nicht zu dem vorhabenden Falle. Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht
+ungluecklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Ungluecke; welches
+gar wohl mitleidige Besorgnisse fuer ihn erregen kann, ohne graesslich zu
+sein.--Nun, die zweite Manier! "Auch kann es sich zutragen", sagt
+Corneille, "dass ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl
+eines andern umkoemmt, der nicht lasterhaft genug ist, unsern Unwillen
+allzusehr zu verdienen, indem er in der Verfolgung, die er wider den
+Tugendhaften betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix
+seinen Eidam Polyeukt umkommen laesst, so ist es nicht aus wuetendem Eifer
+gegen die Christen, der ihn uns verabscheuungswuerdig machen wuerde,
+sondern bloss aus kriechender Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn
+in Gegenwart des Severus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in
+Sorgen stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, und
+missbilliget sein Verfahren; doch ueberwiegt dieser Unwille nicht das
+Mitleid, welches wir fuer den Polyeukt empfinden, und verhindert auch
+nicht, dass ihn seine wunderbare Bekehrung, zum Schlusse des Stuecks, nicht
+voellig wieder mit den Zuhoerern aussoehnen sollte." Tragische Stuemper,
+denke ich, hat es wohl zu allen Zeiten und selbst in Athen gegeben. Warum
+sollte es also dem Aristoteles an einem Stuecke von aehnlicher Einrichtung
+gefehlt haben, um daraus ebenso erleuchtet zu werden, als Corneille?
+Possen! Die furchtsamen, schwanken, unentschlossenen Charaktere, wie
+Felix, sind in dergleichen Stuecken ein Fehler mehr und machen sie noch
+obendarein ihrerseits kalt und ekel, ohne sie auf der andern Seite im
+geringsten weniger graesslich zu machen. Denn, wie gesagt, das Graessliche
+liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in
+dem Ungluecke selbst, das jene unverschuldet trifft; das sie einmal so
+unverschuldet trifft als das andere, ihre Verfolger moegen boese oder
+schwach sein, moegen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der
+Gedanke ist an und fuer sich selbst graesslich, dass es Menschen geben kann,
+die ohne alle ihr Verschulden ungluecklich sind. Die Helden haetten diesen
+graesslichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als moeglich:
+und wir wollten ihn naehren? wir wollten uns an Schauspielen vergnuegen,
+die ihn bestaetigen? wir? die Religion und Vernunft ueberzeuget haben
+sollte, dass er ebenso unrichtig als gotteslaesterlich ist?--Das naemliche
+wuerde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille
+nicht selbst naeher anzugeben vergessen haette.
+
+5. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz
+Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglueck weder Mitleid
+noch Furcht erregen koenne, bringt Corneille seine Laeuterungen bei.
+Mitleid zwar, gesteht er zu, koenne er nicht erregen; aber Furcht
+allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster
+desselben faehig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglueck nicht
+zu befuerchten habe: so koenne doch ein jeder irgendeine jenen Lastern
+aehnliche Unvollkommenheit bei sich hegen und durch die Furcht vor den
+zwar proportionierten, aber doch noch immer ungluecklichen Folgen
+derselben, gegen sie auf seiner Hut zu sein lernen. Doch dieses gruendet
+sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von
+der Reinigung der in der Tragoedie zu erweckenden Leidenschaften hatte,
+und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, dass die
+Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist und
+dass der Boesewicht, wenn es moeglich waere, dass er unsere Furcht erregen
+koenne, auch notwendig unser Mitleid erregen muesste. Da er aber dieses, wie
+Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann er auch jenes nicht und
+bleibt gaenzlich ungeschickt, die Absicht der Tragoedie erreichen zu
+helfen. Ja, Aristoteles haelt ihn hierzu noch fuer ungeschickter als den
+ganz tugendhaften Mann; denn er will ausdruecklich, falls man den Held aus
+der mittlere Gattung nicht haben koenne, dass man ihn eher besser als
+schlimmer waehlen solle. Die Ursache ist klar: ein Mensch kann sehr gut
+sein und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler
+begehen, wodurch er sich in unabsehliches Unglueck stuerzet, das uns mit
+Mitleid und Wehmut erfuellet, ohne im geringsten graesslich zu sein, weil es
+die natuerliche Folge seines Fehlers ist.--Was Dubos[2] von dem Gebrauche
+der lasterhaften Personen in der Tragoedie sagt, ist das nicht, was
+Corneille will. Dubos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben, bloss zu
+Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; bloss zur
+Abstechung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen
+lassen, so wie in der "Rodogune": und das ist eigentlich, was mit der
+Absicht der Tragoedie streitet, und nicht jenes. Dubos merket dabei auch
+sehr richtig an, dass das Unglueck dieser subalternen Boesewichter keinen
+Eindruck auf uns mache. "Kaum", sagt er, "dass man den Tod des Narciss im
+Britannicus bemerkt." Aber also sollte sich der Dichter auch schon
+deswegen ihrer so viel als moeglich enthalten. Denn wenn ihr Unglueck die
+Absicht der Tragoedie nicht unmittelbar befoerdert, wenn sie blosse
+Hilfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern
+Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, dass das Stueck noch
+besser sein wuerde, wenn es die naemliche Wirkung ohne sie haette. Je
+simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Raeder und Gewichte sie
+hat, desto vollkommener ist sie.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] J'estime qu'il ne faut point faire de difficulte d'exposer sur la
+scene des hommes tres vertueux.
+
+[2] Reflexions cr. T. I. Sect. XV.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiundachtzigstes Stueck
+Den 16. Februar 1768
+
+6. Und endlich, die Missdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft,
+welche Aristoteles fuer die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie
+sollen gut sein, die Sitten. "Gut?" sagt Corneille. "Wenn gut hier so
+viel als tugendhaft heissen soll: so wird es mit den meisten alten und
+neuen Tragoedien uebel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte,
+wenigstens mit einer Schwachheit, die naechst der Tugend so recht nicht
+bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm fuer
+seine Kleopatra in der "Rodogune" bange. Die Guete, welche Aristoteles
+fodert, will er also durchaus fuer keine moralische Guete gelten lassen;
+es muss eine andere Art von Guete sein, die sich mit dem moralisch Boesen
+ebensowohl vertraegt, als mit dem moralisch Guten. Gleichwohl meinet
+Aristoteles schlechterdings eine moralische Guete: nur dass ihm tugendhafte
+Personen, und Personen, welche in gewissen Umstaenden tugendhafte Sitten
+zeigen, nicht einerlei sind. Kurz, Corneille verbindet eine ganz falsche
+Idee mit dem Worte Sitten, und was die Proaeresis ist, durch welche
+allein, nach unserm Weltweisen, freie Handlungen zu guten oder boesen
+Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in
+einen weitlaeuftigen Beweis einlassen; er laesst sich nur durch den
+Zusammenhang, durch die syllogistische Folge aller Ideen des griechischen
+Kunstrichters einleuchtend genug fuehren. Ich verspare ihn daher auf eine
+andere Gelegenheit, da es bei dieser ohnedem nur darauf ankoemmt, zu
+zeigen, was fuer einen ungluecklichen Ausweg Corneille, bei Verfehlung des
+richtigen Weges, ergriffen. Dieser Ausweg lief dahin: dass Aristoteles
+unter der Guete der Sitten den glaenzenden und erhabnen Charakter
+irgendeiner tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, sowie sie der
+eingefuehrten Person entweder eigentuemlich zukomme oder ihr schicklich
+beigeleget werden koenne: le caractere brillant et eleve d'une habitude
+vertueuse ou criminelle, selon qu'elle est propre et convenable a la
+personne qu'on introduit. "Kleopatra in der 'Rodogune'", sagt er, "ist
+aeusserst boese: da ist kein Meuchelmord, vor dem sie sich scheue, wenn er
+sie nur auf dem Throne zu erhalten vermag, den sie allem in der Welt
+vorzieht; so heftig ist ihre Herrschsucht. Aber alle ihre Verbrechen sind
+mit einer gewissen Groesse der Seele verbunden, die so etwas Erhabenes hat,
+dass man, indem man ihre Handlungen verdammt, doch die Quelle, woraus sie
+entspringen, bewundern muss. Ebendieses getraue ich mir von dem 'Luegner'
+zu sagen. Das Luegen ist unstreitig eine lasterhafte Angewohnheit; allein
+Dorant bringt seine Luegen mit einer solchen Gegenwart des Geistes, mit so
+vieler Lebhaftigkeit vor, dass diese Unvollkommenheit ihm ordentlich wohl
+laesst und die Zuschauer gestehen muessen, dass die Gabe, so zu luegen, ein
+Laster sei, dessen kein Dummkopf faehig ist."--Wahrlich, einen
+verderblichern Einfall haette Corneille nicht haben koennen! Befolget ihn
+in der Ausfuehrung, und es ist um alle Wahrheit, um alle Taeuschung, um
+allen sittlichen Nutzen der Tragoedie getan! Denn die Tugend, die immer
+bescheiden und einfaeltig ist, wird durch jenen glaenzenden Charakter eitel
+und romantisch: das Laster aber mit einem Firnis ueberzogen, der uns
+ueberall blendet, wir moegen es aus einem Gesichtspunkte nehmen, aus
+welchem wir wollen. Torheit, bloss durch die ungluecklichen Folgen von dem
+Laster abschrecken wollen, indem man die innere Haesslichkeit desselben
+verbirgt! Die Folgen sind zufaellig; und die Erfahrung lehrt, dass sie
+ebensooft gluecklich als ungluecklich fallen. Dieses bezieht sich auf die
+Reinigung der Leidenschaften, wie sie Corneille sich dachte. Wie ich mir
+sie vorstelle, wie sie Aristoteles gelehrt hat, ist sie vollends nicht
+mit jenem truegerischen Glanze zu verbinden. Die falsche Folie, die so dem
+Laster untergelegt wird, macht, dass ich Vollkommenheiten erkenne, wo
+keine sind; macht, dass ich Mitleiden habe, wo ich keines haben sollte.
+Zwar hat schon Dacier dieser Erklaerung widersprochen, aber aus
+untriftigern Gruenden; und es fehlt nicht viel, dass die, welche er mit dem
+Pater Le Bossu dafuer annimmt, nicht ebenso nachteilig ist, wenigstens den
+poetischen Vollkommenheiten des Stuecks ebenso nachteilig werden kann. Er
+meinet naemlich, "die Sitten sollen gut sein", heisse nichts mehr als, sie
+sollen gut ausgedrueckt sein, qu'elles soient bien marquees. Das ist
+allerdings eine Regel, die, richtig verstanden, an ihrer Stelle aller
+Aufmerksamkeit des dramatischen Dichters wuerdig ist. Aber wenn es die
+franzoesischen Muster nur nicht bewiesen, dass man "gut ausdruecken" fuer
+stark ausdruecken genommen haette. Man hat den Ausdruck ueberladen, man hat
+Druck auf Druck gesetzt, bis aus charakterisierten Personen personifierte
+Charaktere; aus lasterhaften oder tugendhaften Menschen hagere Gerippe
+von Lastern und Tugenden geworden sind.--
+
+Hier will ich diese Materie abbrechen. Wer ihr gewachsen ist, mag die
+Anwendung auf unsern "Richard" selbst machen.
+
+Vom "Herzog Michel", welcher auf den "Richard" folgte, brauche ich wohl
+nichts zu sagen. Auf welchem Theater wird er nicht gespielt, und wer hat
+ihn nicht gesehen oder gelesen? Krueger hat indes das wenigste Verdienst
+darum; denn er ist ganz aus einer Erzaehlung in den Bremischen Beitraegen
+genommen. Die vielen guten satirischen Zuege, die er enthaelt, gehoeren
+jenem Dichter, sowie der ganze Verfolg der Fabel. Kruegern gehoert nichts,
+als die dramatische Form. Doch hat wirklich unsere Buehne an Kruegern viel
+verloren. Er hatte Talent zum Niedrig-Komischen, wie seine "Kandidaten"
+beweisen. Wo er aber ruehrend und edel sein will, ist er frostig und
+affektiert. Hr. Loewen hat seine Schriften gesammelt, unter welchen man
+jedoch "Die Geistlichen auf dem Lande" vermisst. Dieses war der erste
+dramatische Versuch, welchen Krueger wagte, als er noch auf dem Grauen
+Kloster in Berlin studierte.
+
+Den neunundvierzigsten Abend (donnerstags, den 23. Julius) ward das
+Lustspiel des Hrn. von Voltaire "Die Frau, die recht hat" gespielt, und
+zum Beschlusse des L'Affichard "Ist er von Familie?"[1] wiederholt.
+
+"Die Frau, die recht hat" ist eines von den Stuecken, welche der Hr. von
+Voltaire fuer sein Haustheater gemacht hat. Dafuer war es nun auch gut
+genug. Es ist schon 1758 zu Carouge gespielt worden: aber noch nicht
+zu Paris; soviel ich weiss. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine
+schlechtern Stuecke gespielt haetten: denn dafuer haben die Marins und
+Le Brets wohl gesorgt. Sondern weil--ich weiss selbst nicht. Denn ich
+wenigstens moechte doch noch lieber einen grossen Mann in seinem Schlafrocke
+und seiner Nachtmuetze, als einen Stuemper in seinem Feierkleide sehen.
+
+Charaktere und Interesse hat das Stueck nicht; aber verschiedne
+Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem
+allergemeinsten Fache, da es sich auf nichts als aufs Inkognito, auf
+Verkennungen und Missverstaendnisse gruendet. Doch die Lacher sind nicht
+ekel; am wenigsten wuerden es unsre deutschen Lacher sein, wenn ihnen das
+Fremde der Sitten und die elende Uebersetzung das mot pour rire nur nicht
+meistens so unverstaendlich machte.
+
+Den funfzigsten Abend (freitags, den 24. Julius) ward Gressets "Sidney"
+wiederholt. Den Beschluss machte "Der sehende Blinde".
+
+Dieses kleine Stueck ist vom Le Grand, und auch nicht von ihm. Denn er hat
+Titel und Intrige und alles einem alten Stuecke des De Brosse abgeborgt.
+Ein Offizier, schon etwas bei Jahren, will eine junge Witwe heiraten, in
+die er verliebt ist, als er Ordre bekoemmt, sich zur Armee zu verfuegen. Er
+verlaesst seine Versprochene mit den wechselseitigen Versicherungen der
+aufrichtigsten Zaertlichkeit. Kaum aber ist er weg, so nimmt die Witwe die
+Aufwartungen des Sohnes von diesem Offiziere an. Die Tochter desselben
+macht sich gleichergestalt die Abwesenheit ihres Vaters zunutze und nimmt
+einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte
+Intrige wird dem Vater gemeldet, der, um sich selbst davon zu ueberzeugen,
+ihnen schreiben laesst, dass er sein Gesicht verloren habe. Die List
+gelingt; er koemmt wieder nach Paris, und mit Hilfe eines Bedienten, der
+um den Betrug weiss, sieht er alles, was in seinem Hause vorgeht. Die
+Entwicklung laesst sich erraten; da der Offizier an der Unbestaendigkeit der
+Witwe nicht laenger zweifeln kann, so erlaubt er seinem Sohne, sie zu
+heiraten, und der Tochter gibt er die naemliche Erlaubnis, sich mit ihrem
+Geliebten zu verbinden. Die Szenen zwischen der Witwe und dem Sohn des
+Offiziers, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Witwe
+versichert, dass ihr der Zufall des Offiziers sehr nahe gehe, dass sie ihn
+aber darum nicht weniger liebe; und zugleich gibt sie seinem Sohn, ihrem
+Liebhaber, einen Wink mit den Augen oder bezeugt ihm sonst ihre
+Zaertlichkeit durch Gebaerden. Das ist der Inhalt des alten Stueckes vom De
+Brosse,[2] und ist auch der Inhalt von dem neuen Stuecke des Le Grand. Nur
+dass in diesem die Intrige mit der Tochter weggeblieben ist, um jene fuenf
+Akte desto leichter in einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel
+geworden, und was sonst dergleichen kleine Veraenderungen mehr sind. Es
+mag endlich entstanden sein wie es will; gnug, es gefaellt sehr. Die
+Uebersetzung ist in Versen, und vielleicht eine von den besten, die wir
+haben; sie ist wenigstens sehr fliessend und hat viele drollige Zeilen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. den 17. Abend.
+
+[2] Hist. du Th. Fr., Tome VII. p. 226.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundachtzigstes Stueck
+Den 19. Februar 1768
+
+Den einundfunfzigsten Abend (montags, den 27. Julius) ward "Der
+Hausvater" des Hrn. Diderot aufgefuehrt.
+
+Da dieses vortreffliche Stueck, welches den Franzosen nur so so gefaellt,
+--wenigstens hat es mit Mueh' und Not kaum ein- oder zweimal auf dem
+Pariser Theater erscheinen duerfen--sich, allem Ansehen nach, lange, sehr
+lange, und warum nicht immer? auf unsern Buehnen erhalten wird; da es auch
+hier nicht oft genug wird koennen gespielt werden: so hoffe ich, Raum und
+Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl ueber das
+Stueck selbst, als ueber das ganze dramatische System des Verfassers, von
+Zeit zu Zeit angemerkt habe.
+
+Ich hole recht weit aus. Nicht erst mit dem "Natuerlichen Sohne", in den
+beigefuegten Unterredungen, welche zusammen im Jahre 1757 herauskamen, hat
+Diderot sein Missvergnuegen mit dem Theater seiner Nation geaeussert. Bereits
+verschiedne Jahre vorher liess er es sich merken, dass er die hohen
+Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landsleute taeuschen
+und Europa sich von ihnen taeuschen lassen. Aber er tat es in einem Buche,
+in welchem man freilich dergleichen Dinge nicht sucht; in einem Buche, in
+welchem der persiflierende Ton so herrschet, dass den meisten Lesern auch
+das, was guter gesunder Verstand darin ist, nichts als Posse und Hoehnerei
+zu sein scheinet. Ohne Zweifel hat Diderot seine Ursachen, warum er mit
+seiner Herzensmeinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen
+wollte: ein kluger Mann sagt oefters erst mit Lachen, was er hernach im
+Ernste wiederholen will.
+
+Dieses Buch heisst "Les bijoux indiscrets", und Diderot will es itzt
+durchaus nicht geschrieben haben. Daran tut Diderot auch sehr wohl; aber
+doch hat er es geschrieben und muss es geschrieben haben, wenn er nicht
+ein Plagiarius sein will. Auch ist es gewiss, dass nur ein solcher junger
+Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schaemen wuerde, es
+geschrieben zu haben.
+
+Es ist ebenso gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch
+kennen. Ich will mich auch wohl hueten, es ihnen weiter bekannt zu machen,
+als es hier in meinen Kram dienet.--
+
+Ein Kaiser--was weiss ich, wo und welcher?--hatte mit einem gewissen
+magischen Ringe gewisse Kleinode so viel haessliches Zeug schwatzen lassen,
+dass seine Favoritin durchaus nichts mehr davon hoeren wollte. Sie haette
+lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darueber brechen moegen; wenigstens
+nahm sie sich auf die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf
+des Sultans Majestaet und ein paar witzige Koepfe einzuschraenken. Diese
+waren Selim und Riccaric: Selim, ein Hofmann; und Riccaric, ein Mitglied
+der kaiserlichen Akademie, ein Mann, der das Altertum studieret hatte und
+ein grosser Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu sein. Mit diesen
+unterhaelt sich die Favoritin einsmals, und das Gespraech faellt auf den
+elenden Ton der akademischen Reden, ueber den sich niemand mehr ereifert
+als der Sultan selbst, weil es ihn verdriesst, sich nur immer auf Unkosten
+seines Vaters und seiner Vorfahren darin loben zu hoeren, und er wohl
+voraussieht, dass die Akademie ebenso auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme
+seiner Nachfolger aufopfern werde. Selim, als Hofmann, war dem Sultan in
+allem beigefallen: und so spinnt sich die Unterredung ueber das Theater
+an, die ich meinen Lesern hier ganz mitteile.
+
+"Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr", antwortete Riccaric dem Selim.
+"Die Akademie ist noch itzt das Heiligtum des guten Geschmacks, und ihre
+schoensten Tage haben weder Weltweise noch Dichter aufzuweisen, denen wir
+nicht andere aus unserer Zeit entgegensetzen koennten. Unser Theater ward
+fuer das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch dafuer
+gehalten. Welch ein Werk ist nicht der 'Tamerlan' des Tuxigraphe! Es
+verbindet das Pathetische des Eurisope mit dem Erhabnen des Azophe. Es
+ist das klare Altertum!"
+
+"Ich habe", sagte die Favoritin, "die erste Vorstellung des Tamerlans
+gesehen und gleichfalls den Faden des Stuecks sehr richtig gefuehret, den
+Dialog sehr zierlich und das Anstaendige sehr wohl beobachtet gefunden."
+
+"Welcher Unterschied, Madame", unterbrach sie Riccaric, "zwischen einem
+Verfasser wie Tuxigraphe, der sich durch Lesung der Alten genaehret, und
+dem groessten Teile unsrer Neuern!"
+
+"Aber diese Neuern", sagte Selim, "die Sie hier so wacker ueber die Klinge
+springen lassen, sind doch bei weitem so veraechtlich nicht, als Sie
+vorgeben. Oder wie? finden Sie kein Genie, keine Erfindung, kein Feuer,
+keine Charaktere, keine Schilderungen, keine Tiraden bei ihnen? Was
+bekuemmere ich mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnuegen macht? Es sind
+wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und des Gelehrten
+Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen Facardin, die ich alle
+nicht gelesen habe, welche es machen, dass ich die Stuecke des Aboulcazem,
+des Muhardar, des Albaboukre und so vieler andren Sarazenen bewundre!
+Gibt es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der Natur? Und
+haben wir nicht eben die Augen, mit welchen diese sie studierten?"
+
+"Die Natur", antwortete Riccaric, "zeiget sich uns alle Augenblicke in
+verschiednen Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht alle sind gleich
+schoen. Eine gute Wahl darunter zu treffen, das muessen wir aus den Werken
+lernen, von welchen Sie eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die
+gesammelten Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgaenger
+gemacht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kopf sein, so erlangt
+man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner
+Mensch schmeichelt sich vergebens, in dem kurzen Raume seines Lebens
+alles selbst zu bemerken, was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt
+worden. Sonst liesse sich behaupten, dass eine Wissenschaft ihren Ursprung,
+ihren Fortgang und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken
+haben koenne; welches doch wider alle Erfahrung ist."
+
+"Hieraus, mein Herr", antwortete ihm Selim, "folget weiter nichts, als
+dass die Neuern, welche sich alle die Schaetze zunutze machen koennen, die
+bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher sein muessen, als die Alten:
+oder, wenn Ihnen diese Vergleichung nicht gefaellt, dass sie auf den
+Schultern dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, notwendig muessen weiter
+sehen koennen, als diese selbst. Was ist auch in der Tat ihre Naturlehre,
+ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mechanik, ihre Rechenlehre in
+Vergleichung mit unsern? Warum sollten wir ihnen also in der Beredsamkeit
+und Poesie nicht ebensowohl ueberlegen sein?"
+
+"Selim", versetzte die Sultane, "der Unterschied ist gross, und Riccaric
+kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklaeren. Er mag Ihnen sagen,
+warum unsere Tragoedien schlechter sind, als der Alten ihre; aber dass sie
+es sind, kann ich leicht selbst auf mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich
+will Ihnen nicht schuld geben", fuhr sie fort, "dass Sie die Alten nicht
+gelesen haben. Sie haben sich um zu viele schoene Kenntnisse beworben, als
+dass Ihnen das Theater der Alten unbekannt sein sollte. Nun setzen Sie
+gewisse Ideen, die sich auf ihre Gebraeuche, auf ihre Sitten, auf ihre
+Religion beziehen, und die Ihnen nur deswegen anstoessig sind, weil sich
+die Umstaende geaendert haben, beiseite und sagen Sie mir, ob ihr Stoff
+nicht immer edel, wohlgewaehlt und interessant ist? ob sich die Handlung
+nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple Dialog dem
+Natuerlichen nicht sehr nahe koemmt? ob die Entwicklungen im geringsten
+gezwungen sind? ob sich das Interesse wohl teilt und die Handlung mit
+Episoden ueberladen ist? Versetzen Sie sich in Gedanken in die Insel
+Alindala; untersuchen Sie alles, was da vorging, hoeren Sie alles, was von
+dem Augenblicke an, als der junge Ibrahim und der verschlagne Forfanti
+ans Land stiegen, da gesagt ward; naehern Sie sich der Hoehle des
+ungluecklichen Polipsile; verlieren Sie kein Wort von seinen Klagen, und
+sagen Sie mir, ob das Geringste vorkoemmt, was Sie in der Taeuschung stoeren
+koennte? Nennen Sie mir ein einziges neueres Stueck, welches die naemliche
+Pruefung aushalten, welches auf den naemlichen Grad der Vollkommenheit
+Anspruch machen kann: und Sie sollen gewonnen haben."
+
+"Beim Brahma!" rief der Sultan und gaehnte; "Madame hat uns da eine
+vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!"
+
+"Ich verstehe die Regeln nicht", fuhr die Favoritin fort, "und noch
+weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefasst hat. Aber ich
+weiss, dass nur das Wahre gefaellt und ruehret. Ich weiss auch, dass die
+Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer
+Handlung bestehet, dass der ohne Unterbrechung betrogne Zuschauer bei der
+Handlung selbst gegenwaertig zu sein glaubt. Findet sich aber in den
+Tragoedien, die Sie uns so ruehmen, nur das geringste, was diesem
+aehnlich saehe?"
+
+
+
+
+Fuenfundachtzigstes Stueck
+Den 23. Februar 1768
+
+"Wollen Sie den Verlauf darin loben? Er ist meistens so vielfach und
+verwickelt, dass es ein Wunder sein wuerde, wenn wirklich so viel Dinge in
+so kurzer Zeit geschehen waeren. Der Untergang oder die Erhaltung eines
+Reichs, die Heirat einer Prinzessin, der Fall eines Prinzen, alles das
+geschieht so geschwind, wie man eine Hand umwendet. Koemmt es auf eine
+Verschwoerung an? Im ersten Akte wird sie entworfen; im zweiten ist sie
+beisammen; im dritten werden alle Massregeln genommen, alle Hindernisse
+gehoben, und die Verschwornen halten sich fertig; mit naechstem wird es
+einen Aufstand setzen, wird es zum Treffen kommen, wohl gar zu einer
+foermlichen Schlacht. Und das alles nennen Sie gut gefuehrt, interessant,
+warm, wahrscheinlich? Ihnen kann ich nun so etwas am wenigsten vergeben,
+der Sie wissen, wieviel es oft kostet, die allerelendeste Intrige
+zustande zu bringen, und wieviel Zeit bei der kleinsten politischen
+Angelegenheit auf Einleitungen, auf Besprechungen und Beratschlagungen
+geht."
+
+"Es ist wahr, Madame", antwortete Selim, "unsere Stuecke sind ein wenig
+ueberladen; aber das ist ein notwendiges Uebel; ohne Hilfe der Episoden
+wuerden wir uns vor Frost nicht zu lassen wissen."
+
+"Das ist. Um der Nachahmung einer Handlung Feuer und Geist zu geben, muss
+man die Handlung weder so vorstellen, wie sie ist, noch so, wie sie sein
+sollte. Kann etwas Laecherlicheres gedacht werden? Schwerlich wohl; es
+waere denn etwa dieses, dass man die Geigen ein lebhaftes Stueck, eine
+muntere Sonate spielen laesst, waehrend dass die Zuhoerer um den Prinzen
+bekuemmert sein sollen, der auf dem Punkte ist, seine Geliebte, seinen
+Thron und sein Leben zu verlieren.
+
+"Madame", sagte Mongogul, "Sie haben vollkommen recht; traurige Arien
+muesste man indes spielen, und ich will Ihnen gleich einige bestellen
+gehen." Hiermit stand er auf und ging heraus, und Selim, Riccaric und die
+Favoritin setzten die Unterredung unter sich fort.
+
+"Wenigstens, Madame", erwiderte Selim, "werden Sie nicht leugnen, dass,
+wenn die Episoden uns aus der Taeuschung herausbringen, der Dialog uns
+wieder hereinsetzt. Ich wuesste nicht, wer das besser verstuende, als unsere
+tragische Dichter."
+
+"Nun so versteht es durchaus niemand", antwortete Mirzoza. "Das Gesuchte,
+das Witzige, das Spielende, das darin herrscht, ist tausend und tausend
+Meilen von der Natur entfernt. Umsonst sucht sich der Verfasser zu
+verstecken; er entgeht meinen Augen nicht, und ich erblicke ihn
+unaufhoerlich hinter seinen Personen. Cinna, Sertorius, Maximus, Aemilia
+sind alle Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man bei
+unsern alten Sarazenen nicht miteinander. Herr Riccaric kann Ihnen, wenn
+Sie wollen, einige Stellen daraus uebersetzen; und Sie werden die blosse
+Natur hoeren, die sich durch den Mund derselben ausdrueckt. Ich moechte gar
+zu gern zu den Neuern sagen: 'Meine Herren, anstatt dass ihr euern
+Personen bei aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch lieber in
+Umstaende zu setzen, die ihnen welchen geben.'"
+
+"Nach dem zu urteilen, was Madame von dem Verlaufe und dem Dialoge
+unserer dramatischen Stuecke gesagt hat, scheint es wohl nicht", sagte
+Selim, "dass Sie den Entwicklungen wird Gnade widerfahren lassen."
+
+"Nein, gewiss nicht", versetzte die Favoritin, "es gibt hundert schlechte
+fuer eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet; die andere ereignet sich
+durch ein Wunder. Weiss der Verfasser nicht, was er mit einer Person, die
+er von Szene zu Szene ganze fuenf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll:
+geschwind fertiget er sie mit einem guten Dolchstosse ab; die ganze Welt
+faengt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll waere. Hernach,
+hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir deklamieren? Pflegen die
+Prinzen und Koenige wohl anders zu gehen, als sonst ein Mensch, der gut
+geht? Gestikulieren sie wohl jemals wie Besessene und Rasende? Und wenn
+Prinzessinnen sprechen, sprechen sie wohl in so einem heulenden Tone? Man
+nimmt durchgaengig an, dass wir die Tragoedie zu einem hohen Grade der
+Vollkommenheit gebracht haben; und ich, meinesteils, halte es fast fuer
+erwiesen, dass von allen Gattungen der Literatur, auf die sich die
+Afrikaner in den letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die
+unvollkommenste geblieben ist."
+
+Eben hier war die Favoritin mit ihrem Ausfalle gegen unsere theatralische
+Werke, als Mongogul wieder hereinkam. "Madame", sagte er, "Sie werden mir
+einen Gefallen erweisen, wenn Sie fortfahren. Sie sehen, ich verstehe
+mich darauf, eine Dichtkunst abzukuerzen, wenn ich sie zu lang finde."
+
+"Lassen Sie uns", fuhr die Favoritin fort, "einmal annehmen, es kaeme
+einer ganz frisch aus Angote, der in seinem Leben von keinem Schauspiele
+etwas gehoert haette; dem es aber weder an Verstande noch an Welt fehle;
+der ungefaehr wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlaegen der
+Hoeflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hetzereien der Weiber
+nicht ganz unbekannt waere, und zu dem ich im Vertrauen sagte: 'Mein
+Freund, es aeussern sich in dem Seraglio schreckliche Bewegungen. Der
+Fuerst, der mit seinem Sohne missvergnuegt ist, weil er ihn im Verdacht hat,
+dass er die Manimonbande liebt, ist ein Mann, den ich fuer faehig halte, an
+beiden die grausamste Rache zu ueben. Diese Sache muss, allem Ansehen nach,
+sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie wollen, so will ich machen, dass Sie
+von allem, was vorgeht, Zeuge sein koennen.' Er nimmt mein Anerbieten an,
+und ich fuehre ihn in eine mit Gitterwerk vermachte Loge, aus der er das
+Theater sieht, welches er fuer den Palast des Sultans haelt. Glauben Sie
+wohl, dass trotz alles Ernstes, in dem ich mich zu erhalten bemuehte, die
+Taeuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern koennte? Muessen Sie nicht
+vielmehr gestehen, dass er, bei dem steifen Gange der Akteurs, bei ihrer
+wunderlichen Tracht, bei ihren ausschweifenden Gebaerden, bei dem
+seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, bei tausend
+andern Ungereimtheiten, die ihm auffallen wuerden, gleich in der ersten
+Szene mir ins Gesicht lachen und gerade heraus sagen wuerde, dass ich ihn
+entweder zum Besten haben wollte, oder dass der Fuerst mitsamt seinem Hofe
+nicht wohl bei Sinnen sein muessten."
+
+"Ich bekenne", sagte Selim, "dass mich dieser angenommene Fall verlegen
+macht; aber koennte man Ihnen nicht zu bedenken geben, dass wir in das
+Schauspiel gehen, mit der Ueberzeugung, der Nachahmung einer Handlung,
+nicht aber der Handlung selbst beizuwohnen."
+
+"Und sollte denn diese Ueberzeugung verwehren", erwiderte Mirzoza, "die
+Handlung auf die allernatuerlichste Art vorzustellen?"--
+
+Hier koemmt das Gespraech nach und nach auf andere Dinge, die uns nichts
+angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den
+klaren Lautern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den
+Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem franzoesischen
+Publico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wiederholt und mit
+Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der
+geruegten Maengel zu entfernen und den Weg der Natur und Taeuschung besser
+einzuschlagen bemueht hatte. Nun weckte der Neid die Kritik. Nun war es
+klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der
+Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum
+er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstuecken desselben fand: bloss
+und allein, um seinen Stuecken Platz zu schaffen. Er musste die Methode
+seiner Vorgaenger verschrien haben, weil er empfand, dass in Befolgung der
+naemlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben wuerde. Er musste ein
+elender Charlatan sein, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein
+Mensch andern als seinen kaufe. Und so fielen die Palissots ueber seine
+Stuecke her.
+
+Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem "Natuerlichen Sohne", manche
+Bloesse gegeben. Dieser erste Versuch ist bei weiten das nicht, was der
+"Hausvater" ist. Zu viel Einfoermigkeit in den Charakteren, das
+Romantische in diesen Charakteren selbst, ein steifer kostbarer Dialog,
+ein pedantisches Geklingle von neumodisch philosophischen Sentenzen:
+alles das machte den Tadlern leichtes Spiel. Besonders zog die feierliche
+Theresia (oder Constantia, wie sie in dem Originale heisst), die so
+philosophisch selbst auf die Freierei geht, die mit einem Manne, der sie
+nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu
+erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen,
+dass die Einkleidung, welche Diderot den beigefuegten Unterredungen gab,
+dass der Ton, den er darin annahm, ein wenig eitel und pompoes war; dass
+verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darin vorgetragen
+wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; dass
+andere Anmerkungen die Gruendlichkeit nicht hatten, die sie in dem
+blendenden Vortrage zu haben schienen.
+
+
+
+
+Sechsundachtzigstes Stueck
+Den 26. Februar 1768
+
+z.E. Diderot behauptete,[1] dass es in der menschlichen Natur aufs
+hoechste nur ein Dutzend wirklich komische Charaktere gaebe, die grosser
+Zuege faehig waeren; und dass die kleinen Verschiedenheiten unter den
+menschlichen Charakteren nicht so gluecklich bearbeitet werden koennten,
+als die reinen unvermischten Charaktere. Er schlug daher vor, nicht mehr
+die Charaktere, sondern die Staende auf die Buehne zu bringen; und wollte
+die Bearbeitung dieser zu dem besondern Geschaefte der ernsthaften Komoedie
+machen. "Bisher", sagt er, "ist in der Komoedie der Charakter das
+Hauptwerk gewesen; und der Stand war nur etwas Zufaelliges: nun aber muss
+der Stand das Hauptwerk, und der Charakter das Zufaellige werden. Aus dem
+Charakter zog man die ganze Intrige: man suchte durchgaengig die Umstaende,
+in welchen er sich am besten aeussert, und verband diese Umstaende
+untereinander. Kuenftig muss der Stand, muessen die Pflichten, die Vorteile,
+die Unbequemlichkeiten desselben zur Grundlage des Werks dienen. Diese
+Quelle scheint mir weit ergiebiger, von weit groesserm Umfange, von weit
+groesserm Nutzen, als die Quelle der Charaktere. War der Charakter nur ein
+wenig uebertrieben, so konnte der Zuschauer zu sich selbst sagen: das bin
+ich nicht. Das aber kann er unmoeglich leugnen, dass der Stand, den man
+spielt, sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmoeglich verkennen. Er
+muss das, was er hoert, notwendig auf sich anwenden."
+
+Was Palissot hierwider erinnert,[2] ist nicht ohne Grund. Er leugnet es,
+dass die Natur so arm an urspruenglichen Charakteren sei, dass sie die
+komischen Dichter bereits sollten erschoepft haben. Moliere sahe noch
+genug neue Charaktere vor sich und glaubte kaum den allerkleinsten Teil
+von denen behandelt zu haben, die er behandeln koenne. Die Stelle, in
+welcher er verschiedne derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so
+merkwuerdig als lehrreich, indem sie vermuten laesst, dass der Misanthrop
+schwerlich sein Non plus ultra in dem hohen Komischen duerfte geblieben
+sein, wann er laenger gelebt haette.[3] Palissot selbst ist nicht
+ungluecklich, einige neue Charaktere von seiner eignen Bemerkung
+beizufuegen: den dummen Maezen mit seinen kriechenden Klienten; den Mann an
+seiner unrechten Stelle; den Arglistigen, dessen ausgekuenstelte Anschlaege
+immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den
+Scheinphilosophen; den Sonderling, den Destouches verfehlt habe; den
+Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Religionsheuchler
+ziemlich aus der Mode sei.--Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten,
+die sich einem Auge, das gut in die Ferne traegt, bis ins Unendliche
+erweitern. Das ist noch Ernte genug fuer die wenigen Schnitter, die sich
+daran wagen duerfen!
+
+Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so
+wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet waeren: wuerden
+die Staende denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man waehle einmal einen; z.
+E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen
+Charakter geben muessen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder
+leichtsinnig, leutselig oder stuermisch sein muessen? Wird es nicht bloss
+dieser Charakter sein, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte
+heraushebt und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich
+die Grundlage der Intrige und die Moral des Stuecks wiederum auf dem
+Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das
+Zufaellige sein?
+
+Zwar koennte Diderot hierauf antworten: Freilich muss die Person, welche
+ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen
+Charakter haben; aber ich will, dass es ein solcher sein soll, der mit den
+Pflichten und Verhaeltnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs
+beste harmonieret. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es
+mir nicht frei, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder
+stuermisch machen will: er muss notwendig ernsthaft und leutselig sein, und
+jedesmal es in dem Grade sein, den das vorhabende Geschaefte erfodert.
+
+Dieses, sage ich, koennte Diderot antworten: aber zugleich haette er sich
+einer andern Klippe genaehert; naemlich der Klippe der vollkommnen
+Charaktere. Die Personen seiner Staende wuerden nie etwas anders tun, als
+was sie nach Pflicht und Gewissen tun muessten; sie wuerden handeln, voellig
+wie es im Buche steht. Erwarten wir das in der Komoedie? Koennen
+dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den
+wir davon hoffen duerfen, gross genug sein, dass es sich der Muehe verlohnt,
+eine neue Gattung dafuer festzusetzen und fuer diese eine eigene Dichtkunst
+zu schreiben?
+
+Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot ueberhaupt
+nicht genug erkundiget zu haben. In seinen Stuecken steuert er ziemlich
+gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich
+durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darin, die den
+Lauf nach ihr hin zu lenken raten. Man erinnere sich nur, was er, bei
+Gelegenheit des Kontrasts unter den Charakteren, von den "Bruedern" des
+Terenz sagt.[4] "Die zwei kontrastierten Vaeter darin sind mit so gleicher
+Staerke gezeichnet, dass man dem feinsten Kunstrichter Trotz bieten kann,
+die Hauptperson zu nennen; ob es Micio oder ob es Demea sein soll? Faellt
+er sein Urteil vor dem letzten Auftritte, so duerfte er leicht mit
+Erstaunen wahrnehmen, dass der, den er ganzer fuenf Aufzuege hindurch fuer
+einen verstaendigen Mann gehalten hat, nichts als ein Narr ist, und dass
+der, den er fuer einen Narren gehalten hat, wohl gar der verstaendige Mann
+sein koennte. Man sollte zu Anfange des fuenften Aufzuges dieses Drama fast
+sagen, der Verfasser sei durch den beschwerlichen Kontrast gezwungen
+worden, seinen Zweck fahren zu lassen und das ganze Interesse des Stuecks
+umzukehren. Was ist aber daraus geworden? Dieses, dass man gar nicht mehr
+weiss, fuer wen man sich interessieren soll. Vom Anfange her ist man fuer
+den Micio gegen den Demea gewesen, und am Ende ist man fuer keinen von
+beiden. Beinahe sollte man einen dritten Vater verlangen, der das Mittel
+zwischen diesen zwei Personen hielte und zeigte, worin sie beide fehlten."
+
+Nicht ich! Ich verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sei in dem
+naemlichen Stuecke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen,
+wie ein Vater sein soll? Auf dem rechten Wege duenken wir uns alle: wir
+verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gewarnet
+zu werden.
+
+Diderot hat recht: es ist besser, wenn die Charaktere bloss verschieden,
+als wenn sie kontrastiert sind. Kontrastierte Charaktere sind minder
+natuerlich und vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den
+dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Fuer eine Gesellschaft
+im gemeinen Leben, wo sich der Kontrast der Charaktere so abstechend
+zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend
+finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist
+ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleise haelt, das ihm
+Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung?
+Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben werden eher zehn sein, in
+welchen man Vaeter findet, die bei Erziehung ihrer Kinder voellig
+entgegengesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater
+aufweisen koennte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der
+naemliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm unendlich
+sind. Folglich werden die Stuecke, die den wahren Vater ins Spiel bringen,
+nicht allein jedes vor sich unnatuerlicher, sondern auch untereinander
+einfoermiger sein, als es die sein koennen, welche Vaeter von verschiednen
+Grundsaetzen einfuehren. Auch ist es gewiss, dass die Charaktere, welche in
+ruhigen Gesellschaften bloss verschieden scheinen, sich von selbst
+kontrastieren, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja
+es ist natuerlich, dass sie sich sodann beeifern, noch weiter voneinander
+entfernt zu scheinen, als sie wirklich sind. Der Lebhafte wird Feuer und
+Flamme gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheinet: und der Laue
+wird kalt wie Eis, um jenem soviel Uebereilungen begehen zu lassen, als
+ihm nur immer nuetzlich sein koennen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] S. die Unterredungen hinter dem "Natuerlichen Sohne", S. 321-322 d.
+Uebers.
+
+[2] "Petites Lettres sur de grands Philosophes", Lettr. II.
+
+[3] ("Impromptu de Versailles", Sc. 3.) Eh! mon pauvre Marquis, nous lui
+(a Moliere) fournirons toujours assez de matiere, et nous ne prenons
+guere le chemin de nous rendre sages par tout ce qu'il fait et tout ce
+qu'il dit. Crois-tu qu'il ait epuise dans ses Comedies tous les ridicules
+des hommes, et sans sortir de la Cour, n'a-t-il pas encore vingt
+caracteres de gens, ou il n'a pas touche? N'a-t-il pas, par exemple, ceux
+qui se font les plus grandes amities du monde, et qui, le dos tourne,
+font galanterie de se dechirer l'un l'autre? N'a-t-il pas ces adulateurs
+a outrance, ces flatteurs insipides qui n'assaisonnent d'aucun sel les
+louanges qu'ils donnent, et dont toutes les flatteries ont une douceur
+fade qui fait mal au coeur a ceux qui les ecoutent? N'a-t-il pas ces
+laches courtisans de la faveur, ces perfides adorateurs de la fortune,
+qui vous encensent dans la prosperite, et vous accablent dans la
+disgrace? N'a-t-il pas ceux qui sont toujours mecontents de la Cour, ces
+suivants inutiles, ces incommodes assidus, ces gens, dis-je, qui pour
+services ne peuvent compter que des importunites, et qui veulent qu'on
+les recompense d'avoir obsede le Prince dix ans durant? N'a-t-il pas ceux
+qui caressent egalement tout le monde, qui promenent leurs civilites a
+droite, a gauche, et courent a tous ceux qu'ils voyent avec les memes
+embrassades, et les memes protestations d'amitie?--Va, va, Marquis,
+Moliere aura toujours plus de sujets qu'il n'en voudra, et tout ce qu'il
+a touche n'est que bagatelle au prix de ce qui reste.
+
+[4] In der dr. Dichtkunst hinter dem "Hausvater", S. 258 d. Uebers.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebenundachtzig-und achtundachtzigstes Stueck
+Den 4. Maerz 1768
+
+Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz
+richtig, doch auch nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit
+seiner Lanze stossen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprengens
+verrueckt die Lanze, und er stoesst den Ring gerade vorbei.
+
+So sagt er ueber den "Natuerlichen Sohn" unter andern: "Welch ein seltsamer
+Titel! der natuerliche Sohn! Warum heisst das Stueck so? Welchen Einfluss hat
+die Geburt des Dorval? Was fuer einen Vorfall veranlasst sie? Zu welcher
+Situation gibt sie Gelegenheit? Welche Luecke fuellt sie auch nur? Was kann
+also die Absicht des Verfassers dabei gewesen sein? Ein paar Betrachtungen
+ueber das Vorurteil gegen die uneheliche Geburt aufzuwaermen? Welcher
+vernuenftige Mensch weiss denn nicht von selbst, wie ungerecht ein solches
+Vorurteil ist?"
+
+Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur
+Verwickelung meiner Fabel noetig; ohne ihn wuerde es weit unwahrscheinlicher
+gewesen sein, dass Dorval seine Schwester nicht kennet und seine Schwester
+von keinem Bruder weiss; es stand mir frei, den Titel davon zu entlehnen,
+und ich haette den Titel von noch einem geringern Umstande entlehnen koennen.
+--Wenn Diderot dieses antwortete, sag' ich, waere Palissot nicht ungefaehr
+widerlegt?
+
+Gleichwohl ist der Charakter des natuerlichen Sohnes einem ganz andern
+Einwurfe blossgestellet, mit welchem Palissot dem Dichter weit schaerfer
+haette zusetzen koennen. Diesem naemlich: dass der Umstand der unehelichen
+Geburt und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher
+sich Dorval von allen Menschen so viele Jahre hindurch sahe, ein viel zu
+eigentuemlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung
+seines Charakters viel zuviel Einfluss gehabt hat, als dass dieser
+diejenige Allgemeinheit haben koenne, welche nach der eignen Lehre des
+Diderot ein komischer Charakter notwendig haben muss.--Die Gelegenheit
+reizt mich zu einer Ausschweifung ueber diese Lehre: und welchem Reize von
+der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen?
+
+"Die komische Gattung", sagt Diderot,[1] "hat Arten, und die tragische
+hat Individua. Ich will mich erklaeren. Der Held einer Tragoedie ist der
+und der Mensch. es ist Regulus, oder Brutus, oder Cato, und sonst kein
+anderer. Die vornehmste Person einer Komoedie hingegen muss eine grosse
+Anzahl von Menschen vorstellen. Gaebe man ihr von ohngefaehr eine so eigene
+Physiognomie, dass ihr nur ein einziges Individuum aehnlich waere, so wuerde
+die Komoedie wieder in ihre Kindheit zuruecktreten.--Terenz scheinet mir
+einmal in diesen Fehler gefallen zu sein. Sein Heautontimorumenos ist ein
+Vater, der sich ueber den gewaltsamen Entschluss graemet, zu welchem er
+seinen Sohn durch uebermaessige Strenge gebracht hat, und der sich deswegen
+nun selbst bestraft, indem er sich in Kleidung und Speise kuemmerlich
+haelt, allen Umgang fliehet, sein Gesinde abschafft und das Feld mit
+eigenen Haenden bauet. Man kann gar wohl sagen, dass es so einen Vater
+nicht gibt. Die groesste Stadt wuerde kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein
+Beispiel einer so seltsamen Betruebnis aufzuweisen haben."
+
+Zuerst von der Instanz des "Heautontimorumenos". Wenn dieser Charakter
+wirklich zu tadeln ist: so trifft der Tadel nicht sowohl den Terenz, als
+den Menander. Menander war der Schoepfer desselben, der ihn, allem Ansehen
+nach, in seinem Stuecke noch weit ausfuehrlichere Rolle spielen lassen, als
+er in der Kopie des Terenz spielet, in der sich seine Sphaere, wegen der
+verdoppelten Intrige, wohl sehr einziehen muessen.[2] Aber dass er von
+Menandern herruehrt, dieses allein schon haette, mich wenigstens,
+abgeschreckt, den Terenz desfalls zu verdammen. Das [Greek: o Menandre
+kai bie, poteros ar' ymon poteron emimaesato]; ist zwar frostiger, als
+witzig gesagt: doch wuerde man es wohl ueberhaupt von einem Dichter gesagt
+haben, der Charaktere zu schildern imstande waere, wovon sich in der
+groessten Stadt kaum in einem ganzen Jahrhunderte ein einziges Beispiel
+zeiget? Zwar in hundert und mehr Stuecken koennte ihm auch wohl ein solcher
+Charakter entfallen sein. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; und
+wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstaende der
+Nachahmung mehr erinnern kann, so komponiert sie deren selbst, welches
+denn freilich meistens Karikaturen werden. Dazu will Diderot bemerkt
+haben, dass schon Horaz, der einen so besonders zaertlichen Geschmack
+hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen und im Vorbeigehen,
+aber fast unmerklich, getadelt habe.
+
+Die Stelle soll die in der zweiten Satire des ersten Buchs sein, wo Horaz
+zeigen will, "dass die Narren aus einer Uebertreibung in die andere
+entgegengesetzte zu fallen pflegen. Fufidius", sagt er, "fuerchtet fuer
+einen Verschwender gehalten zu werden. Wisst ihr, was er tut? Er leihet
+monatlich fuer fuenf Prozent und macht sich im voraus bezahlt. Je noetiger
+der andere das Geld braucht, desto mehr fodert er. Er weiss die Namen
+aller jungen Leute, die von gutem Hause sind und itzt in die Welt treten,
+dabei aber ueber harte Vaeter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr,
+dass dieser Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkuenften
+entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und der Vater in
+der Komoedie, der sich wegen der Entweichung seines Sohnes bestraft, kann
+sich nicht schlechter quaelen: non se pejus cruciaverit."--Dieses schlechter,
+dieses pejus, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal
+soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Terenz gehen; dergleichen
+beilaeufige Hiebe, meinet er, waeren dem Charakter des Horaz vollkommen
+gemaess.
+
+Das letzte kann sein, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu
+lassen. Denn hier, duenkt mich, wuerde die beilaeufige Anspielung dem
+Hauptverstande nachteilig werden. Fufidius ist kein so grosser Narr, wenn
+es mehr solche Narren gibt. Wenn sich der Vater des Terenz ebenso
+abgeschmackt peinigte, wenn er ebensowenig Ursache haette, sich zu
+peinigen, als Fufidius, so teilt er das Laecherliche mit ihm, und Fufidius
+ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdenn, wenn Fufidius, ohne
+alle Ursache, ebenso hart und grausam gegen sich selbst ist, als der
+Vater des Terenz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Geize tut,
+was dieser aus Reu und Betruebnis tat: nur alsdenn wird uns jener
+unendlich laecherlicher und veraechtlicher, als mitleidswuerdig wir
+diesen finden.
+
+Und allerdings ist jede grosse Betruebnis von der Art, wie die Betruebnis
+dieses Vaters: die sich nicht selbst vergisst, die peiniget sich selbst.
+Es ist wider alle Erfahrung, dass kaum alle hundert Jahre sich ein
+Beispiel einer solchen Betruebnis finde: vielmehr handelt jede ungefaehr
+ebenso; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veraenderung. Cicero
+hatte auf die Natur der Betruebnis genauer gemerkt; er sahe daher in dem
+Betragen des Heautontimorumenos nichts mehr, als was alle Betruebte, nicht
+bloss von dem Affekte hingerissen, tun, sondern auch bei kaelterm Gebluete
+fortsetzen zu muessen glauben.[3] Haec omnia recta, vera, debita putantes,
+faciunt in dolore: maximeque declaratur, hoc quasi officii judicio fieri,
+quod si qui forte, cum se in luctu esse vellent, aliquid fecerunt
+humanius, aut si hilarius locuti essent, revocant se rursus ad
+moestitiam, peccatique se insimulant, quod dolere intermiserint: pueros
+vero matres et magistri castigare etiam solent, nec verbis solum, sed
+etiam verberibus, si quid in domestico luctu hilarius ab iis factum est,
+aut dictum: plorare cogunt.--Quid ille Terentianus ipse se puniens? usw.
+
+Menedemus aber, so heisst der Selbstpeiniger bei dem Terenz, haelt sich
+nicht allein so hart aus Betruebnis; sondern, warum er sich auch jeden
+geringen Aufwand verweigert, ist die Ursache und Absicht vornehmlich
+dieses: um desto mehr fuer den abwesenden Sohn zu sparen und dem einmal
+ein desto gemaechlicheres Leben zu versichern, den er itzt gezwungen, ein
+so ungemaechliches zu ergreifen. Was ist hierin, was nicht hundert Vaeter
+tun wuerden? Meint aber Diderot, dass das Eigene und Seltsame darin
+bestehe, dass Menedemus selbst hackt, selbst graebt, selbst ackert: so hat
+er wohl in der Eil' mehr an unsere neuere, als an die alten Sitten
+gedacht. Ein reicher Vater itziger Zeit wuerde das freilich nicht so
+leicht tun: denn die wenigsten wuerden es zu tun verstehen. Aber die
+wohlhabensten, vornehmsten Roemer und Griechen waren mit allen laendlichen
+Arbeiten bekannter und schaemten sich nicht, selbst Hand anzulegen.
+
+Doch alles sei, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des
+Selbstpeinigers sei wegen des Allzueigentuemlichen, wegen dieser ihm fast
+nur allein zukommenden Falte, zu einem komischen Charakter so
+ungeschickt, als er nur will. Waere Diderot nicht in eben den Fehler
+gefallen? Denn was kann eigentuemlicher sein, als der Charakter seines
+Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein
+zukoemmt, als der Charakter dieses natuerlichen Sohnes? "Gleich nach meiner
+Geburt", laesst er ihn von sich selbst sagen, "ward ich an einen Ort
+verschleudert, der die Grenze zwischen Einoede und Gesellschaft heissen
+kann; und als ich die Augen auftat, mich nach den Banden umzusehen, die
+mich mit den Menschen verknuepften, konnte ich kaum einige Truemmern davon
+erblicken. Dreissig Jahre lang irrte ich unter ihnen einsam, unbekannt und
+verabsaeumet umher, ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden,
+noch irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die meinige gesucht
+haette." Dass ein natuerliches Kind sich vergebens nach seinen Eltern,
+vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die naehern Bande des
+Bluts verknuepfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen neunen
+begegnen. Aber dass es ganze dreissig Jahre in der Welt herumirren koenne,
+ohne die Zaertlichkeit irgendeines Menschen empfunden zu haben, ohne
+irgendeinen Menschen angetroffen zu haben, der die seinige gesucht haette:
+das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmoeglich. Oder wenn es
+moeglich waere, welche Menge ganz besonderer Umstaende muessten von beiden
+Seiten, von seiten der Welt und von seiten dieses so lange insulierten
+Wesens zusammengekommen sein, diese traurige Moeglichkeit wirklich zu
+machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfliessen, ehe sie wieder
+einmal wirklich wird. Wolle der Himmel nicht, dass ich mir je das
+menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wuenschte ich sonst, ein
+Baer geboren zu sein, als ein Mensch. Nein, kein Mensch kann unter
+Menschen so lange verlassen sein! Man schleudere ihn hin, wohin man will:
+wenn er noch unter Menschen faellt, so faellt er unter Wesen, die, ehe er
+sich umgesehen, wo er ist, auf allen Seiten bereit stehen, sich an ihn
+anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht
+glueckliche, so sind es unglueckliche Menschen! Menschen sind es doch
+immer. So wie ein Tropfen nur die Flaeche des Wassers beruehren darf, um
+von ihm aufgenommen zu werden und ganz in ihm zu verfliessen: das Wasser
+heisse, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Belt oder Ozean.
+
+Gleichwohl soll diese dreissigjaehrige Einsamkeit unter den Menschen den
+Charakter des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun
+aehnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Teil in
+ihm erkennen?
+
+Eine Ausflucht, finde ich doch, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er
+sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: "In der ernsthaften Gattung
+werden die Charaktere oft ebenso allgemein sein, als in der komischen
+Gattung; sie werden aber allezeit weniger individuell sein, als in der
+tragischen." Er wuerde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein
+komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das ernsthafte
+Schauspiel erfodert; wie dieses den Raum zwischen Komoedie und Tragoedie
+fuellen soll, so muessen auch die Charaktere desselben das Mittel zwischen
+den komischen und tragischen Charakteren halten; sie brauchen nicht so
+allgemein zu sein als jene, wenn sie nur nicht so voellig individuell
+sind, als diese; und solcher Art duerfte doch wohl der Charakter des
+Dorval sein.
+
+Also waeren wir gluecklich wieder an dem Punkte, von welchem wir ausgingen.
+Wir wollten untersuchen, ob es wahr sei, dass die Tragoedie Individua, die
+Komoedie aber Arten habe: das ist, ob es wahr sei, dass die Personen der
+Komoedie eine grosse Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen
+muessten; dahingegen der Held der Tragoedie nur der und der Mensch, nur
+Regulus oder Brutus oder Cato sei und sein solle. Ist es wahr, so hat
+auch das, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er
+die ernsthafte Komoedie nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter
+seines Dorval waere so tadelhaft nicht. Ist es aber nicht wahr, so faellt
+auch dieses von selbst weg, und dem Charakter des natuerlichen Sohnes kann
+aus einer so ungegruendeten Einteilung keine Rechtfertigung zufliessen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Unterred., S. 292 d. Uebers.
+
+[2] Falls naemlich die 6. Zeile des Prologs
+
+Duplex quae ex argumento facta est simplici,
+
+von dem Dichter wirklich so geschrieben und nicht anders zu verstehen
+ist, als die Dacier und nach ihr der neue englische Uebersetzer des
+Terenz, Colman, sie erklaeren. Terence only meant to say, that he had
+doubled the characters; instead of one old man, one young gallant, one
+mistress, as in Menander, he had two old men etc. He therefore adds very
+properly: novam esse ostendi,--which certainly could not have been
+implied, had the characters been the same in the Greek poet. Auch schon
+Adrian Barlandus, ja selbst die alte Glossa interlinealis des Ascensius,
+hatte das duplex nicht anders verstanden; propter senes et juvenes sagt
+diese; und jener schreibt: nam in hac latina senes duo, adolescentes item
+duo sunt. Und dennoch will mir diese Auslegung nicht in den Kopf, weil
+ich gar nicht einsehe, was von dem Stuecke uebrigbleibt, wenn man die
+Personen, durch welche Terenz den Alten, den Liebhaber und die Geliebte
+verdoppelt haben soll, wieder wegnimmt. Mir ist es unbegreiflich, wie
+Menander diesen Stoff ohne den Chremes und ohne den Clitipho habe
+behandeln koennen; beide sind so genau hineingeflochten, dass ich mir weder
+Verwicklung noch Aufloesung ohne sie denken kann. Einer andern Erklaerung,
+durch welche sich Julius Scaliger laecherlich gemacht hat, will ich gar
+nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, und die vom
+Faerne angenommen worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit
+haben die Kritici bald das duplex, bald das simplici in der Zeile zu
+veraendern gesucht, wozu sie die Handschriften gewissermassen berechtigten.
+Einige haben gelesen:
+
+Duplex quae ex Argumente facta est duplici.
+
+Andere:
+
+Simplex quae ex argumento facta est duplici.
+
+Was bleibt noch uebrig, als dass nun auch einer lieset:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici?
+
+Und in allem Ernste: so moechte ich am liebsten lesen. Man sehe die Stelle
+im Zusammenhange, und ueberlege meine Gruende:
+
+ Ex integra Graeca integram comoediam
+ Hodie sum acturus Heautontimorumenon:
+ Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+[3] Es ist bekannt, was dem Terenz von seinen neidischen Mitarbeitern
+am Theater vorgeworfen ward:
+
+ Multas contaminasse graecas, dum facit
+ Paucas latinas--
+
+[4] Er schmelzte naemlich oefters zwei Stuecke in eines und machte aus zwei
+griechischen Komoedien eine einzige lateinische. So setzte er seine
+"Andria" aus der "Andria" und "Perinthia" des Menanders zusammen; seinen
+"Eunuchus" aus dem "Eunuchus" und dem "Colax" eben dieses Dichters; seine
+"Brueder" aus den "Bruedern" des naemlichen und einem Stuecke des Diphilus.
+Wegen dieses Vorwurfs rechtfertiget er sich nun in dem Prologe des
+"Heautontimorumenos". Die Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit
+nichts anders getan haben, als was andere gute Dichter vor ihm
+getan haetten.
+
+ --Id esse factum hic non negat
+ Neque se pigere, et deinde factum iri autumat.
+ Habet bonorum exemplum: quo exemplo sibi
+ Licere id facere, quod illi fecerunt putat.
+
+[5] Ich habe es getan, sagt er, und ich denke, dass ich es noch oefterer
+tun werde. Das bezog sich aber auf vorige Stuecke, und nicht auf das
+gegenwaertige, den "Heautontimorumenos". Denn dieser war nicht aus zwei
+griechischen Stuecken, sondern nur aus einem einzigen gleichen Namens
+genommen. Und das ist es, glaube ich, was er in der streitigen Zeile
+sagen will, so wie ich sie zu lesen vorschlage:
+
+Simplex quae ex argumento facta est simplici.
+
+So einfach, will Terenz sagen, als das Stueck des Menanders ist, ebenso
+einfach ist auch mein Stueck; ich habe durchaus nichts aus andern Stuecken
+eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechischen Stuecke
+genommen, und das griechische Stueck ist ganz in meinem lateinischen;
+ich gebe also
+
+Ex integra Graeca integram Comoediam.
+
+Die Bedeutung, die Faerne dem Worte integra in einer alten Glosse gegeben
+fand, dass es soviel sein sollte als a nullo tacta, ist hier offenbar
+falsch, weil sie sich nur auf das erste integra, aber keinesweges auf das
+zweite integram schicken wuerde.--Und so glaube ich, dass sich meine
+Vermutung und Auslegung wohl hoeren laesst! Nur wird man sich an die gleich
+folgende Zeile stossen:
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+Man wird sagen: wenn Terenz bekennet, dass er das ganze Stueck aus einem
+einzigen Stuecke des Menanders genommen habe, wie kann er eben durch
+dieses Bekenntnis bewiesen zu haben vorgeben, dass sein Stueck neu sei,
+novam esse? Doch diese Schwierigkeit kann ich sehr leicht heben, und zwar
+durch eine Erklaerung ebendieser Worte, von welcher ich mich zu behaupten
+getraue, dass sie schlechterdings die einzige wahre ist, ob sie gleich nur
+mir zugehoert, und kein Ausleger, soviel ich weiss, sie nur von weitem
+vermutet hat. Ich sage naemlich: die Worte,
+
+Novam esse ostendi, et quae esset--
+
+beziehen sich keinesweges auf das, was Terenz den Vorredner in dem
+vorigen sagen lassen; sondern man muss darunter verstehen, apud Aediles;
+novus aber heisst hier nicht, was aus des Terenz eigenem Kopfe geflossen,
+sondern bloss, was im Lateinischen noch nicht vorhanden gewesen. Dass mein
+Stueck, will er sagen, ein neues Stueck sei, das ist, ein solches Stueck,
+welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem
+Griechischen uebersetzt, das habe ich den Aedilen, die mir es abgekauft,
+bewiesen. Um mir hierin ohne Bedenken beizufallen, darf man sich nur an
+den Streit erinnern, welchen er wegen seines "Eunuchus" vor den Aedilen
+hatte. Diesen hatte er ihnen als ein neues, von ihm aus dem Griechischen
+uebersetztes Stueck verkauft; aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den
+Aedilen ueberreden, dass er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwei
+alten Stuecken des Naevius und Plautus genommen habe. Freilich hatte der
+"Eunuchus" mit diesen Stuecken vieles gemein; aber doch war die
+Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Terenz hatte nur aus eben der
+griechischen Quelle geschoepft, aus welcher, ihm unwissend, schon Naevius
+und Plautus vor ihm geschoepft hatten. Also, um dergleichen Verleumdungen
+bei seinem "Heautontimorumenos" vorzubauen, was war natuerlicher, als dass
+er den Aedilen das griechische Original vorgezeigt und sie wegen des
+Inhalts unterrichtet hatte? Ja, die Aedilen konnten das leicht selbst von
+ihm gefodert haben. Und darauf geht das
+
+Novam esse ostendi, et quae esset.
+
+[6] Tusc. Quaest., lib. III. c. 27.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunundachtzigstes Stueck
+Den 8. Maerz 1768
+
+Zuerst muss ich anmerken, dass Diderot seine Assertion ohne allen Beweis
+gelassen hat. Er muss sie fuer eine Wahrheit angesehen haben, die kein
+Mensch in Zweifel ziehen werde, noch koenne; die man nur denken duerfe, um
+ihren Grund zugleich mitzudenken. Und sollte er den wohl gar in den
+wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles
+und Alexander und Cato und Augustus heissen und Achilles, Alexander, Cato,
+Augustus wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus
+geschlossen haben, dass sonach alles, was der Dichter in der Tragoedie sie
+sprechen und handeln laesst, auch nur diesen einzeln so genannten Personen,
+und keinem in der Welt zugleich mit, muesse zukommen koennen? Fast scheint
+es so. Aber diesen Irrtum hatte Aristoteles schon vor zweitausend Jahren
+widerlegt und auf die ihr entgegenstehende Wahrheit den wesentlichen
+Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, sowie den groessern Nutzen
+der letztern vor der ersten gegruendet. Auch hat er es auf eine so
+einleuchtende Art getan, dass ich nur seine Worte anfuehren darf, um keine
+geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein
+Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm sein koenne.
+
+"Aus diesen also", sagt Aristoteles,[1] nachdem er die wesentlichen
+Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, "aus diesen also erhellet
+klar, dass des Dichters Werk nicht ist, zu erzaehlen, was geschehen,
+sondern zu erzaehlen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene und was
+nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit dabei moeglich gewesen.
+Denn Geschichtschreiber und Dichter unterscheiden sich nicht durch die
+gebundene oder ungebundene Rede: indem man die Buecher des Herodotus in
+gebundene Rede bringen kann und sie darum doch nichts weniger in
+gebundener Rede eine Geschichte sein werden, als sie es in ungebundener
+waren. Sondern darin unterscheiden sie sich, dass jener erzaehlet, was
+geschehen; dieser aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene
+gewesen. Daher ist denn auch die Poesie philosophischer und nuetzlicher
+als die Geschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und die
+Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie so oder so ein
+Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit sprechen und handeln
+wuerde; als worauf die Dichtkunst bei Erteilung der Namen sieht. Das
+Besondere hingegen ist, was Alcibiades getan oder gelitten hat. Bei der
+Komoedie nun hat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn wenn die
+Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefasst ist, legt man die etwanigen
+Namen sonach bei und macht es nicht wie die jambischen Dichter, die bei
+dem Einzeln bleiben. Bei der Tragoedie aber haelt man sich an die schon
+vorhandenen Namen; aus Ursache, weil das Moegliche glaubwuerdig ist und wir
+nicht moeglich glauben, was nie geschehen, dahingegen was geschehen
+offenbar moeglich sein muss, weil es nicht geschehen waere, wenn es nicht
+moeglich waere. Und doch sind auch in den Tragoedien, in einigen nur ein
+oder zwei bekannte Namen, und die uebrigen sind erdichtet; in einigen auch
+gar keiner, so wie in der >Blume< des Agathon. Denn in diesem Stuecke sind
+Handlungen und Namen gleich erdichtet, und doch gefaellt es darum
+nichts weniger."
+
+In dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Uebersetzung anfuehre, mit
+welcher ich so genau bei den Worten geblieben bin, als moeglich, sind
+verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rate ziehen
+koennen, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier
+zur Sache gehoert, muss ich mitnehmen.
+
+Das ist unwidersprechlich, dass Aristoteles schlechterdings keinen
+Unterschied zwischen den Personen der Tragoedie und Komoedie, in Ansehung
+ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen sowohl als die andern, und selbst
+die Personen der Epopee nicht ausgeschlossen, alle Personen der
+poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln,
+nicht wie es ihnen einzig und allein zukommen koennte, sondern so wie ein
+jeder von ihrer Beschaffenheit in den naemlichen Umstaenden sprechen oder
+handeln wuerde und muesste. In diesem [Greek: katholou], in dieser
+Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer
+und folglich lehrreicher ist als die Geschichte; und wenn es wahr ist,
+dass derjenige komische Dichter, welcher seinen Personen so eigene
+Physiognomien geben wollte, dass ihnen nur ein einziges Individuum in der
+Welt aehnlich waere, die Komoedie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre
+Kindheit zuruecksetzen und in Satire verkehren wuerde: so ist es auch
+ebenso wahr, dass derjenige tragische Dichter, welcher nur den und den
+Menschen, nur den Caesar, nur den Cato, nach allen den Eigentuemlichkeiten,
+die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie
+alle diese Eigentuemlichkeiten mit dem Charakter des Caesar und Cato
+zusammengehangen, der ihnen mit mehrern kann gemein sein, dass, sage ich,
+dieser die Tragoedie entkraeften und zur Geschichte erniedrigen wuerde.
+
+Aber Aristoteles sagt auch, dass die Poesie auf dieses Allgemeine der
+Personen mit den Namen, die sie ihnen erteile, ziele ([Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]); welches sich besonders
+bei der Komoedie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die
+Ausleger dem Aristoteles nachzusagen sich begnuegt, im geringsten aber
+nicht erlaeutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darueber
+ausgedrueckt, dass man klar sieht, sie muessen entweder nichts, oder etwas
+ganz Falsches dabei gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie,
+wenn sie ihren Personen Namen erteilt, auf das Allgemeine dieser
+Personen? und wie ist diese ihre Ruecksicht auf das Allgemeine der Person,
+besonders bei der Komoedie, schon laengst sichtbar gewesen?
+
+Die Worte: [Greek: esti de katholou men, to poio ta poi atta symbainei
+legein, ae prattein kata to eikos, ae io anankaion, ou stochazetai ae
+poiaesis onomata epitithemenae], uebersetzt Dacier: Une chose generale,
+c'est ce que tout homme d'un tel ou d'un tel caractere a du dire, ou
+faire vraisemblablement ou necessairement, ce qui est le but de la poesie
+lors meme, qu'elle impose les noms a ses personnages. Vollkommen so
+uebersetzt sie auch Herr Curtius: "Das Allgemeine ist, was einer, vermoege
+eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit
+redet oder tut. Dieses Allgemeine ist der Endzweck der Dichtkunst, auch
+wenn sie den Personen besondere Namen beilegt.--Auch in ihrer Anmerkung
+ueber diese Worte stehen beide fuer einen Mann; der eine sagt vollkommen
+eben das, was der andere sagt. Sie erklaeren beide, was das Allgemeine
+ist; sie sagen beide, dass dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sei:
+aber wie die Poesie bei Erteilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht,
+davon sagt keiner ein Wort. Vielmehr zeigt der Franzose durch sein lors
+meme, sowie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, dass sie nichts
+davon zu sagen gewusst, ja, dass sie gar nicht einmal verstanden, was
+Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lors meme, dieses auch wenn, heisst
+bei ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach
+bloss sagen, dass ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln
+Personen beilege, sie demohngeachtet nicht auf das Einzelne dieser
+Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des
+Dacier, die ich in der Note anfuehren will,[2] zeigen dieses deutlich. Nun
+ist es wahr, dass dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es
+erschoepft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, dass
+die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das
+Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, dass sie mit diesen Namen selbst
+auf das Allgemeine ziele, [Greek: ou stochazetai]. Ich sollte doch wohl
+meinen, dass beides nicht einerlei waere. Ist es aber nicht einerlei: so
+geraet man notwendig auf die Frage: wie zielt sie darauf? Und auf diese
+Frage antworten die Ausleger nichts.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Dichtk., 9. Kapitel.
+
+[2] Aristote previent ici une objection, qu'on pouvait lui faire, sur la
+definition qu'il vient de donner d'une chose generale: car les ignorants
+n'auraient pas manque de lui dire qu'Homere, par exemple, n'a point en
+vue d'ecrire une action generale et universelle, mais une action
+particuliere, puisqu'il raconte ce qu'ont fait de certains hommes comme
+Achille, Agamemnon, Ulysse, etc. et que par consequent, il n'y a aucune
+difference entre Homere et un Historien, qui aurait ecrit les actions
+d'Achille. Le Philosophe va au-devant de cette objection, en faisant voir
+que les Poetes, c'est-a-dire, les Auteurs d'une Tragedie ou d'un Poeme
+Epique lors meme qu'ils imposent les noms a leurs personnages ne pensent
+en aucune maniere a les faire parler veritablement, ce qu'ils seraient
+obliges de faire, s'ils ecrivaient les actions particulieres et
+veritables d'un certain homme, nomme Achille ou Edipe, mais qu'ils se
+proposent de les faire parler et agir necessairement ou vraisemblablement;
+c'est-a-dire, de leur faire dire et faire tout ce que des hommes de ce meme
+caractere doivent faire et dire en cet etat, ou par necessite, ou au moins
+selon les regles de la vraisemblance; ce qui prouve incontestablement que
+ce sont des actions generales et universelles. Nichts anders sagt auch Herr
+Curtius in seiner Anmerkung; nur dass er das Allgemeine und Einzelne noch an
+Beispielen zeigen wollen, die aber nicht so recht beweisen, dass er auf den
+Grund der Sache gekommen. Denn ihnen zufolge wuerden es nur personifierte
+Charaktere sein, welche der Dichter reden und handeln liesse, da es doch
+charakterisierte Personen sein sollen.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunzigstes Stueck
+Den 11. Maerz 1768
+
+Wie sie darauf ziele, sagt Aristoteles, dieses habe ich schon laengst an
+der Komoedie deutlich gezeigt: [Greek: Hepi men oun taes komodias aedae
+touto daelon gegonen sustaesantes gar ton mython dia ton eikoton, outo ta
+tychonta onomata epititheasi, chai ouch osper oi iambopoioi peri ton
+kath' ekaston poiousin]. Ich muss auch hiervon die Uebersetzungen des
+Dacier und Curtius anfuehren. Dacier sagt: C'est ce qui est deja rendu
+sensible dans la comedie, car les poetes comiques, apres avoir dresse
+leur sujet sur la vraisemblance, imposent apres cela a leurs personnages
+tels noms qu'il leur plait, et n'imitent pas les poetes satyriques, qui
+ne s'attachent qu'aux choses particulieres. Und Curtius: "In dem
+Lustspiele ist dieses schon lange sichtbar gewesen. Denn wenn die
+Komoedienschreiber den Plan der Fabel nach der Wahrscheinlichkeit
+entworfen haben, legen sie den Personen willkuerliche Namen bei und setzen
+sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum
+Ziele." Was findet man in diesen Uebersetzungen von dem, was Aristoteles
+hier vornehmlich sagen will? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als
+dass die komischen Dichter es nicht machten wie die jambischen, (das ist,
+satirischen Dichter) und sich an das Einzelne hielten, sondern auf das
+Allgemeine mit ihren Personen gingen, denen sie willkuerliche Namen, tels
+noms qu'il leur plait, beilegten. Gesetzt nun auch, dass [Greek: ta
+tychonta onomata] dergleichen Namen bedeuten koennten: wo haben denn beide
+Uebersetzer das "[Greek: outo]" gelassen? Schien ihnen denn dieses
+"[Greek: outo]" gar nichts zu sagen? Und doch sagt es hier alles: denn
+diesem "[Greek: outo]" zufolge legten die komischen Dichter ihren
+Personen nicht allein willkuerliche Namen bei, sondern sie legten ihnen
+diese willkuerliche Namen "so", [Greek: outo], bei. Und wie "so"? So, dass
+sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine zielten: [Greek: ou
+stochazetai ae poiaesis onomata epitithemenae]. Und wie geschah das?
+Davon finde man mir ein Wort in den Anmerkungen des Dacier und Curtius!
+
+Ohne weitere Umschweife: es geschah so, wie ich nun sagen will. Die
+Komoedie gab ihren Personen Namen, welche, vermoege ihrer grammatischen
+Ableitung und Zusammensetzung oder auch sonstigen Bedeutung die
+Beschaffenheit dieser Personen ausdrueckten: mit einem Worte, sie gab
+ihnen redende Namen; Namen, die man nur hoeren durfte, um sogleich zu
+wissen, von welcher Art die sein wuerden, die sie fuehren. Ich will eine
+Stelle des Donatus hierueber anziehen. Nomina personarum, sagt er bei
+Gelegenheit der ersten Zeile in dem ersten Aufzuge der "Brueder", in
+comoediis duntaxat, habere debent rationem et etymologiam. Etenim
+absurdum est, comicum aperte argumentum confingere: vel nomen personae
+incongruum dare vel officium quod sit a nomine diversum.[1] Hinc servus
+fidelis Parmeno: infidelis vel Syrus vel Geta: miles Thraso vel Polemon:
+juvenis Pamphilus: matrona Myrrhina, et puer ab odore Storax: vel a ludo
+et a gesticulatione Circus: et item similia. In quibus summum poetae
+vitium est, si quid e contrario repugnans contrarium diversumque
+protulerit, nisi per [Greek: antiorasin] nomen imposuerit joculariter, ut
+Misargyrides in Plauto dicitur trapezita. Wer sich durch noch mehr
+Beispiele hiervon ueberzeugen will, der darf nur die Namen bei dem Plautus
+und Terenz untersuchen. Da ihre Stuecke alle aus dem Griechischen genommen
+sind: so sind auch die Namen ihrer Personen griechischen Ursprungs und
+haben, der Etymologie nach, immer eine Beziehung auf den Stand, auf die
+Denkungsart oder auf sonst etwas, was diese Personen mit mehrern gemein
+haben koennen; wenn wir schon solche Etymologie nicht immer klar und
+sicher angeben koennen.
+
+Ich will mich bei einer so bekannten Sache nicht verweilen: aber wundern
+muss ich mich, wie die Ausleger des Aristoteles sich ihrer gleichwohl da
+nicht erinnern koennen, wo Aristoteles so unwidersprechlich auf sie
+verweiset. Denn was kann nunmehr wahrer, was kann klaerer sein, als was
+der Philosoph von der Ruecksicht sagt, welche die Poesie bei Erteilung der
+Namen auf das Allgemeine nimmt? Was kann unleugbarer sein, als dass
+[Greek: epi men taes komodias aedae touto daelon gegonen], dass sich
+diese Ruecksicht bei der Komoedie besonders laengst offenbar gezeigt habe?
+Von ihrem ersten Ursprunge an, das ist, sobald sie die jambischen Dichter
+von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der
+beleidigenden Satire die unterrichtende Komoedie entstand: suchte man
+jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der grosssprecherische
+feige Soldat hiess nicht wie dieser oder jener Anfuehrer aus diesem oder
+jenem Stamme: er hiess Pyrgopolinices, Hauptmann Mauerbrecher. Der elende
+Schmarutzer, der diesem um das Maul ging, hiess nicht, wie ein gewisser
+armer Schlucker in der Stadt: er hiess Artotrogus, Brockenschroeter. Der
+Juengling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Vater
+in Schulden setzte, hiess nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edeln
+Buergers: er hiess Phidippides, Junker Sparross.
+
+Man koennte einwenden, dass dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine
+Erfindung der neuern griechischen Komoedie sein duerften, deren Dichtern
+es ernstlich verboten war, sich wahrer Namen zu bedienen; dass aber
+Aristoteles diese neuere Komoedie nicht gekannt habe und folglich bei
+seinen Regeln keine Ruecksicht auf sie nehmen koennen. Das letztere
+behauptet Hurd;[2] aber es ist ebenso falsch, als falsch es ist, dass die
+aeltere griechische Komoedie sich nur wahrer Namen bedient habe. Selbst in
+denjenigen Stuecken, deren vornehmste, einzige Absicht es war, eine
+gewisse bekannte Person laecherlich und verhasst zu machen, waren, ausser
+dem wahren Namen dieser Person, die uebrigen fast alle erdichtet, und mit
+Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Diese Periode koennte leicht sehr falsch verstanden werden. Naemlich
+wenn man sie so verstehen wollte, als ob Donatus auch das fuer etwas
+Ungereimtes hielte, Comicum aperte argumentum confingere. Und das ist
+doch die Meinung des Donatus gar nicht. Sondern er will sagen: es wuerde
+ungereimt sein, wenn der komische Dichter, da er seinen Stoff offenbar
+erfindet, gleichwohl den Personen unschickliche Namen oder Beschaeftigungen
+beilegen wollte, die mit ihren Namen stritten. Denn freilich, da der Stoff
+ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein
+bei ihm, was er seinen Personen fuer Namen beilegen, oder was er mit diesen
+Namen fuer einen Stand oder fuer eine Verrichtung verbinden wollte. Sonach
+duerfte sich vielleicht Donatus auch selbst so zweideutig nicht ausgedrueckt
+haben; und mit Veraenderung einer einzigen Silbe ist dieser Anstoss vermieden.
+Man lese naemlich entweder: Absurdum est, Comicum aperte argumentum
+confingentem vel nomen personae etc. Oder auch aperte argumentum confingere
+et nomen personae u.s.w.
+
+[2] Hurd in seiner Abhandlung ueber die verschiedenen Gebiete des Drama:
+From the account of Comedy, here given, it may appear, that the idea of
+this drama is much enlarged beyond what it was in Aristotle's time; who
+defines it to be, an imitation of light and trivial actions, provoking
+ridicule. His notion was taken from the state and practice of the
+Athenian stage; that is from the old or middle comedy, which answer to
+this description. The great revolution, which the introduction of the new
+comedy made in the drama, did not happen till afterwards. Aber dieses
+nimmt Hurd bloss an, damit seine Erklaerung der Komoedie mit der
+Aristotelischen nicht so geradezu zu streiten scheine. Aristoteles hat
+die Neue Komoedie allerdings erlebt, und er gedenkt ihrer namentlich in
+der Moral an den Nikomachus, wo er von dem anstaendigen und unanstaendigen
+Scherze handelt. (Lib. IV. cap. 14.) [Greek: Idoi d' an tis kai ek ton
+komodion ton palaion kai ton kainon. Tois men gar aen geloion ae
+aischrologia, tois de mallon ae hyponoia]. Man koennte zwar sagen, dass
+unter der Neuen Komoedie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch
+keine Neue gewesen, habe notwendig die Mittlere die Neue heissen muessen.
+Man koennte hinzusetzen, dass Aristoteles in eben der Olympiade gestorben,
+in welcher Menander sein erstes Stueck auffuehren lassen, und zwar noch das
+Jahr vorher. (Eusebius in Chronico ad Olymp. CXIV. 4.) Allein man hat
+unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komoedie von dem Menander rechnet;
+Menander war der erste Dichter dieser Epoche, dem poetischen Werte nach,
+aber nicht der Zeit nach. Philemon, der dazugehoert schrieb viel frueher,
+und der Uebergang von der Mittleren zur Neuen Komoedie war so unmerklich,
+dass es dem Aristoteles unmoeglich an Mustern derselben kann gefehlt haben.
+Aristophanes selbst hatte schon ein solches Muster gegeben; sein
+"Kokalos" war so beschaffen, wie ihn Philemon sich mit wenigen
+Veraenderungen zueignen konnte: Kokalon heisst es in dem "Leben des
+Aristophanes", [Greek: en ho eisagei phthoran kai anagnorismon, kai
+talla panta a ezaelose Menandros]. Wie nun also Aristophanes Muster von
+allen verschiedenen Abaenderungen der Komoedie gegeben, so konnte auch
+Aristoteles seine Erklaerung der Komoedie ueberhaupt auf sie alle
+einrichten. Das tat er denn; und die Komoedie hat nachher keine
+Erweiterung bekommen, fuer welche diese Erklaerung zu enge geworden waere.
+Hurd haette sie nur recht verstehen duerfen, und er wuerde gar nicht noetig
+gehabt haben, um seine an und fuer sich richtigen Begriffe von der Komoedie
+ausser allen Streit mit den Aristotelischen zu setzen, seine Zuflucht zu
+der vermeintlichen Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Einundneunzigstes Stueck
+Den 15. Maerz 1768
+
+Ja die wahren Namen selbst, kann man sagen, gingen nicht selten mehr auf
+das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokrates wollte
+Aristophanes nicht den einzeln Sokrates, sondern alle Sophisten, die sich
+mit Erziehung junger Leute bemengten, laecherlich und verdaechtig machen.
+Der gefaehrliche Sophist ueberhaupt war sein Gegenstand, und er nannte
+diesen nur Sokrates, weil Sokrates als ein solcher verschrien war. Daher
+eine Menge Zuege, die auf den Sokrates gar nicht passten; so dass Sokrates
+in dem Theater getrost aufstehen und sich der Vergleichung preisgeben
+konnte! Aber wie sehr verkennt man das Wesen der Komoedie, wenn man diese
+nicht treffende Zuege fuer nichts als mutwillige Verleumdungen erklaert und
+sie durchaus dafuer nicht erkennen will, was sie doch sind, fuer
+Erweiterungen des einzeln Charakters, fuer Erhebungen des Persoenlichen zum
+Allgemeinen!
+
+Hier liesse sich von dem Gebrauche der wahren Namen in der griechischen
+Komoedie ueberhaupt verschiednes sagen, was von den Gelehrten so genau noch
+nicht auseinandergesetzt worden, als es wohl verdiente. Es liesse sich
+anmerken, dass dieser Gebrauch keinesweges in der aeltern griechischen
+Komoedie allgemein gewesen,[1] dass sich nur der und jener Dichter
+gelegentlich desselben erkuehnet,[2] dass er folglich nicht als ein
+unterscheidendes Merkmal dieser Epoche der Komoedie zu betrachten. [3]
+Es liesse sich zeigen, dass, als er endlich durch ausdrueckliche Gesetze
+untersagt war, doch noch immer gewisse Personen von dem Schutze dieser
+Gesetze entweder namentlich ausgeschlossen waren, oder doch
+stillschweigend fuer ausgeschlossen gehalten wurden. In den Stuecken des
+Menanders selbst wurden noch Leute genug bei ihren wahren Namen genannt
+und laecherlich gemacht.[4] Doch ich muss mich nicht aus einer
+Ausschweifung in die andere verlieren.
+
+Ich will nur noch die Anwendung auf die wahren Namen der Tragoedie machen.
+So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens
+vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses personifierte Ideal
+einer eiteln und gefaehrlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates
+bekam, weil Sokrates als ein solcher Taeuscher und Verfuehrer zum Teil
+bekannt war, zum Teil noch bekannter werden sollte; so wie bloss der
+Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband
+und noch naeher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens
+bestimmte: so ist auch bloss der Begriff des Charakters, den wir mit den
+Namen Regulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum
+der tragische Dichter seinen Personen diese Namen erteilet. Er fuehrt
+einen Regulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen
+Begegnissen dieser Maenner bekanntzumachen, nicht um das Gedaechtnis
+derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Begegnissen zu
+unterhalten, die Maennern von ihrem Charakter ueberhaupt begegnen koennen
+und muessen. Nun ist zwar wahr, dass wir diesen ihren Charakter aus ihren
+wirklichen Begegnissen abstrahieret haben: es folgt aber daraus nicht,
+dass uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Begegnisse zurueckfuehren muesse;
+er kann uns nicht selten weit kuerzer, weit natuerlicher auf ganz andere
+bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als dass
+sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuverfolgenden Umwegen und
+ueber Erdstriche hergeflossen sind, welche ihre Lauterheit verdorben
+haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen
+schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen
+lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon
+gewohnt sind, bei diesen Namen einen Charakter zu denken, wie er ihn in
+seiner Allgemeinheit zeiget; zweitens, weil wirklichen Namen auch
+wirkliche Begebenheiten anzuhaengen scheinen und alles, was einmal
+geschehen, glaubwuerdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser
+Ursachen fliesst aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe
+ueberhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht noetig, sich
+umstaendlicher bei ihr zu verweilen; wohl aber bei der zweiten, als einer
+von anderwaerts noch dazukommenden Ursache. Doch diese liegt itzt ausser
+meinem Wege, und die Ausleger insgesamt haben sie weniger
+missverstanden als jene.
+
+Nun also auf die Behauptung des Diderot zurueckzukommen. Wenn ich die
+Lehre des Aristoteles richtig erklaert zu haben glauben darf: so darf ich
+auch glauben, durch meine Erklaerung bewiesen zu haben, dass die Sache
+selbst unmoeglich anders sein kann, als sie Aristoteles lehret. Die
+Charaktere der Tragoedie muessen ebenso allgemein sein, als die Charaktere
+der Komoedie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder
+Diderot muss unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders
+verstehen, als Aristoteles darunter verstand.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Wenn, nach dem Aristoteles, das Schema der Komoedie von dem Margites
+des Homer, [Greek: ou psogon alla to geloion dramatopoiaesantos], genommen
+worden, so wird man, allem Ansehen nach, auch gleich anfangs die
+erdichteten Namen mit eingefuehrt haben. Denn Margites war wohl nicht der
+wahre Name einer gewissen Person, indem [Greek: Margeitaes] wohl eher von
+[Greek: margaes] gemacht worden, als dass [Greek: margaes] von [Greek:
+Margeitaes] sollte entstanden sein. Von verschiednen Dichtern der alten
+Komoedie finden wir es auch ausdruecklich angemerkt, dass sie sich aller
+Anzueglichkeiten enthalten, welches bei wahren Namen nicht moeglich gewesen
+waere. z.E. von dem Pherekrates.
+
+[2] Die persoenliche und namentliche Satire war so wenig eine wesentliche
+Eigenschaft der alten Komoedie, dass man vielmehr denjenigen ihrer Dichter
+gar wohl kennet, der sich ihrer zuerst erkuehnet. Es war Cratinus, welcher
+zuerst [Greek: to charienti taes komodias to ophelimon prosethaeke,
+tous kakos prattontas diaballon, kai osper daemosia mastigi tae
+komodia kolazon]. Und auch dieser wagte sich nur anfangs an gemeine,
+verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befuerchten hatte.
+Aristophanes wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, dass er es sei,
+welcher sich zuerst an die Grossen des Staats gewagt habe (Ir. v. 750.):
+[Greek: Ouch idiotas anthropischous komodon, oude gynaikas, All'
+Haerakleous orgaen tin' echon toisi megistois epicheirei].
+
+[3] Ja er haette lieber gar diese Kuehnheit als sein eigenes Privilegium
+betrachten moegen. Er war hoechst eifersuechtig, als er sahe, dass ihm so
+viele andere Dichter, die er verachtete, darin nachfolgten.
+
+[4] Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter und
+will behaupten, dass mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten
+verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Teil
+gehabt. Dacier selbst sagt: Aristote n'a pu vouloir dire qu'Epicharmus et
+Phormis inventerent les sujets de leurs pieces, puisque l'un et l'autre
+ont ete des Poetes de la vieille Comedie, ou il n'y avait rien de feint,
+et que ces aventures feintes ne commencerent a etre mises sur le theatre,
+que du temps d'Alexandre le Grand, c'est-a-dire dans la nouvelle Comedie.
+(Remarque sur le Chap. V. de la Poet. d'Arist.) Man sollte glauben, wer
+so etwas sagen koenne, muesste nie auch nur einen Blick in den Aristophanes
+getan haben. Das Argument, die Fabel der alten griechischen Komoedie, war
+ebensowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabeln der neuen nur immer
+sein konnten. Kein einziges von den uebriggebliebenen Stuecken des
+Aristophanes stellt eine Begebenheit vor, die wirklich geschehen waere;
+und wie kann man sagen, dass sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil
+sie zum Teil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als
+ausgemacht annimmt, [Greek: oti ton poiaetaen mallon ton mython einai dei
+poiaetaen ae ton metron]: wuerde er nicht schlechterdings die Verfasser
+der alten griechischen Komoedie aus der Klasse der Dichter haben
+ausschliessen muessen, wenn er geglaubt haette, dass sie die Argumente ihrer
+Stuecke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihm, in der Tragoedie gar wohl
+mit der poetischen Erfindung bestehen kann, dass Namen und Umstaende aus
+der wahren Geschichte entlehnt sind: so muss es, seiner Meinung nach, auch
+in der Komoedie bestehen koennen. Es kann unmoeglich seinen Begriffen gemaess
+gewesen sein, dass die Komoedie dadurch, dass sie wahre Namen brauche und
+auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die jambische Schmaehsucht
+zurueckfalle; vielmehr muss er geglaubt haben, dass sich das [Greek: katholou
+poiein logous ae mythous] gar wohl damit vertrage. Er gesteht dieses den
+aeltesten komischen Dichtern, dem Epicharmus, dem Phormis und Krates zu und
+wird es gewiss dem Aristophanes nicht abgesprochen haben, ob er schon wusste,
+wie sehr er nicht allein den Kleon und Hyperbolus, sondern auch den Perikles
+und Sokrates namentlich mitgenommen.
+
+[5] Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verbot, jemand in der Komoedie
+laecherlich zu machen, in seiner "Republik" einfuehren wollte ([Greek:
+maete logo, maete eichoni, maete thymo, maete aneu thymou, maedamno
+maedena ton politon komodein]) ist in der wirklichen Republik niemals
+darueber gehalten worden. Ich will nicht anfuehren, dass in den Stuecken des
+Menander noch so mancher zynische Philosoph, noch so manche Buhlerin mit
+Namen genennt ward; man koennte antworten, dass dieser Abschaum von
+Menschen nicht zu den Buergern gehoert. Aber Ktesippus, der Sohn des
+Chabrias, war doch gewiss atheniensischer Buerger so gut wie einer, und man
+sehe, was Menander von ihm sagte. (Menandri Fr. p. 137. Edit. Cl.)
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Zweiundneunzigstes Stueck
+Den 18. Maerz 1768
+
+Und warum koennte das letztere nicht sein? Finde ich doch noch einen
+andern, nicht minder trefflichen Kunstrichter, der sich fast ebenso
+ausdrueckt als Diderot, fast ebenso geradezu dem Aristoteles zu
+widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht,
+dass ich ihn vielmehr unter allen Kunstrichtern fuer denjenigen erkennen
+muss, der noch das meiste Licht ueber diese Materie verbreitet hat.
+
+Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischen Dichtkunst, Hurd;
+ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Uebersetzungen bei uns
+immer am spaetesten bekannt werden. Ich moechte ihn aber hier nicht gern
+anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der
+Deutsche, der ihr gewachsen waere, sich noch nicht gefunden hat: so
+duerften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele sein, denen
+daran gelegen waere. Der fleissige Mann, voll guten Willens, uebereile sich
+also lieber damit nicht und sehe, was ich von einem noch unuebersetzten
+guten Buche hier sage, ja fuer keinen Wink an, den ich seiner allezeit
+fertigen Feder geben wollen.
+
+Hurd hat seinem Kommentar eine Abhandlung "Ueber die verschiednen Gebiete
+des Drama" beigefuegt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, dass bisher nur
+die allgemeinen Gesetze dieser Dichtungsart in Erwaegung gezogen worden,
+ohne die Grenzen der verschiednen Gattungen derselben festzusetzen.
+Gleichwohl muesse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste
+einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urteil zu faellen. Nachdem
+er also die Absicht des Drama ueberhaupt, und der drei Gattungen
+desselben, die er vor sich findet, der Tragoedie, der Komoedie und des
+Possenspiels, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener
+allgemeinen und aus diesen besondern Absichten, sowohl diejenigen
+Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in
+welchen sie voneinander unterschieden sein muessen.
+
+Unter die letztern rechnet er, in Ansehung der Komoedie und Tragoedie, auch
+diese, dass der Tragoedie eine wahre, der Komoedie hingegen eine erdichtete
+Begebenheit zutraeglicher sei. Hierauf faehrt er fort: The same genius in
+the two dramas is observable, in their draught of characters. Comedy
+makes all its characters general; tragedy, particular. The Avare of
+Moliere is not so properly the picture of a covetous man, as of
+covetousness itself. Racine's Nero on the other hand, is not a picture of
+cruelty, but of a cruel man. d.I.: "In dem naemlichen Geiste schildern
+die zwei Gattungen des Drama auch ihre Charaktere. Die Komoedie macht alle
+ihre Charaktere general; die Tragoedie partikulaer. Der Geizige des Moliere
+ist nicht so eigentlich das Gemaelde eines geizigen Mannes, als des Geizes
+selbst. Racines Nero hingegen ist nicht das Gemaelde der Grausamkeit,
+sondern nur eines grausamen Mannes."
+
+Hurd scheinet so zu schliessen: wenn die Tragoedie eine wahre Begebenheit
+erfodert, so muessen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen
+sein, wie sie wirklich in den Individuis existieren; wenn hingegen die
+Komoedie sich mit erdichteten Begebenheiten begnuegen kann, wenn ihr
+wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allem
+ihrem Umfange zeigen koennen, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so
+weiten Spielraum nicht erlauben, so duerfen und muessen auch ihre
+Charaktere selbst allgemeiner sein, als sie in der Natur existieren;
+angesehen dem Allgemeinen selbst in unserer Einbildungskraft eine Art von
+Existenz zukoemmt, die sich gegen die wirkliche Existenz des Einzeln eben
+wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhaelt.
+
+Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schliessen nicht ein
+blosser Zirkel ist: ich will die Schlussfolge bloss annehmen, so wie sie da
+liegt und wie sie der Lehre des Aristoteles schnurstracks zu
+widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie scheint es bloss, welches aus
+der weitern Erklaerung des Hurd erhellet.
+
+"Es wird aber", faehrt er fort, "hier dienlich sein, einer doppelten
+Verstossung vorzubauen, welche der eben angefuehrte Grundsatz zu
+beguenstigen scheinen koennte.
+
+Die erste betrifft die Tragoedie, von der ich gesagt habe, dass sie
+partikulaere Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind
+partikulaerer, als die Charaktere der Komoedie. Das ist: die Absicht der
+Tragoedie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, dass der Dichter von den
+charakteristischen Umstaenden, durch welche sich die Sitten schildern, so
+viele zusammenzieht, als die Komoedie. Denn in jener wird von dem
+Charakter nicht mehr gezeigt, als soviel der Verlauf der Handlung
+unumgaenglich erfodert. In dieser hingegen werden alle Zuege, durch die er
+sich zu unterscheiden pflegt, mit Fleiss aufgesucht und angebracht.
+
+Es ist fast wie mit dem Portraetmalen. Wenn ein grosser Meister ein
+einzelnes Gesicht abmalen soll, so gibt er ihm alle die Lineamente, die
+er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der naemlichen Art nur so
+weit aehnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigentuemlichen
+Zuges geschehen kann. Soll ebenderselbe Kuenstler hingegen einen Kopf
+ueberhaupt malen, so wird er alle die gewoehnlichen Mienen und Zuege
+zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gesamten Gattung bemerkt
+hat, dass sie die Idee am kraeftigsten ausdruecken, die er sich itzt in
+Gedanken gemacht hat und in seinem Gemaelde darstellen will.
+
+Ebenso unterscheiden sich die Schildereien der beiden Gattungen des
+Drama: woraus denn erhellet, dass, wenn ich den tragischen Charakter
+partikular nenne, ich bloss sagen will, dass er die Art, zu welcher er
+gehoeret, weniger vorstellig macht als der komische; nicht aber, dass das,
+was man von dem Charakter zu zeigen fuer gut befindet, es mag nun so wenig
+sein, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen sein sollte, als
+wovon ich das Gegenteil anderwaerts behauptet und umstaendlich
+erlaeutert habe.[1]
+
+Was zweitens die Komoedie anbelangt, so habe ich gesagt, dass sie generale
+Charaktere geben muesse, und habe zum Beispiele den Geizigen des Moliere
+angefuehrt, der mehr der Idee des Geizes, als eines wirklichen geizigen
+Mannes entspricht. Doch auch hier muss man meine Worte nicht in aller
+ihrer Strenge nehmen. Moliere duenkt mich in diesem Beispiele selbst
+fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der erforderlichen Erklaerung, nicht
+ganz unschicklich sein wird, meine Meinung begreiflich zu machen.
+
+Da die komische Buehne die Absicht hat, Charaktere zu schildern, so meine
+ich, kann diese Absicht am vollkommensten erreicht werden, wenn sie diese
+Charaktere so allgemein macht, als moeglich. Denn indem auf diese Weise
+die in dem Stuecke aufgefuehrte Person gleichsam der Repraesentant aller
+Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der
+Vorstellung so viel Nahrung darin finden, als nur moeglich. Es muss aber
+sodann diese Allgemeinheit sich nicht bis auf unsern Begriff von den
+moeglichen Wirkungen des Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken,
+sondern nur bis auf die wirkliche Aeusserung seiner Kraefte, so wie sie von
+der Erfahrung gerechtfertiget werden und im gemeinen Leben stattfinden
+koennen. Hierin haben Moliere, und vor ihm Plautus, gefehlt; statt der
+Abbildung eines geizigen Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige
+Schilderung der Leidenschaft des Geizes gegeben. Ich nenne es eine
+grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Natur hat. Ich
+nenne es eine widrige Schilderung; denn da es die Schilderung einer
+einfachen unvermischten Leidenschaft ist, so fehlen ihr alle die Lichter
+und Schatten, deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben
+erteilen koennte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung
+verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder
+herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen;
+und diese Vermischung muss sich in jedem dramatischen Gemaelde von Sitten
+finden, weil es zugestanden ist, dass das Drama vornehmlich das wirkliche
+Leben abbilden soll. Doch aber muss die Zeichnung der herrschenden
+Leidenschaft so allgemein entworfen sein, als es ihr Streit mit den
+andern in der Natur nur immer zulassen will, damit der vorzustellende
+Charakter sich desto kraeftiger ausdruecke."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Bei den Versen der Horazischen Dichtkunst: Respicere exemplar vitae
+morumque jubebo Doctum imitatorum, et veras hinc ducere voces, wo Hurd
+zeigt, dass die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen solchen
+Ausdruck bedeute, als der allgemeinen Natur der Dinge gemaess ist;
+Falschheit hingegen das heisse, was zwar dem vorhabenden besondern Falle
+angemessen, aber nicht mit jener allgemeinen Natur uebereinstimmend sei.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Dreiundneunzigstes Stueck
+Den 22. Maerz 1768
+
+"Alles dieses laesst sich abermals aus der Malerei sehr wohl erlaeutern. In
+charakteristischen Portraeten, wie wir diejenigen nennen koennen, welche
+eine Abbildung der Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann
+von wirklicher Faehigkeit ist, nicht auf die Moeglichkeit einer abstrakten
+Idee losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zeigen, wird dieses sein,
+dass irgendeine Eigenschaft die herrschende ist; diese drueckt er stark,
+und durch solche Zeichen aus, als sich in den Wirkungen der herrschenden
+Leidenschaft am sichtbarsten aeussern. Und wenn er dieses getan hat, so
+duerfen wir, nach der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man will, als ein
+Kompliment gegen seine Kunst, gar wohl von einem solchen Portraete sagen,
+dass es uns nicht sowohl den Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade
+so wie die Alten von der beruehmten Bildsaeule des Apollodorus vom Silanion
+angemerkt haben, dass sie nicht sowohl den zornigen Apollodorus, als die
+Leidenschaft des Zornes vorstelle.[1] Dieses aber muss bloss so verstanden
+werden, dass er die hauptsaechlichen Zuege der vorgebildeten Leidenschaft
+gut ausgedrueckt habe. Denn im uebrigen behandelt er seinen Vorwurf ebenso,
+wie er jeden andern behandeln wuerde: das ist, er vergisst die
+mitverbundenen Eigenschaften nicht und nimmt das allgemeine Ebenmass und
+Verhaeltnis, welches man an einer menschlichen Figur erwartet, in acht.
+Und das heisst denn die Natur schildern, welche uns kein Beispiel von
+einem Menschen gibt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft
+verwandelt waere. Keine Metamorphosis koennte seltsamer und unglaublicher
+sein. Gleichwohl sind Portraete, in diesem tadelhaften Geschmacke
+verfertiget, die Bewunderung gemeiner Gaffer, die, wenn sie in einer
+Sammlung das Gemaelde, z.E. eines Geizigen (denn ein gewoehnlicheres gibt
+es wohl in dieser Gattung nicht), erblicken und nach dieser Idee jede
+Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und ueberladen finden,
+sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und Bewunderung darueber zu
+aeussern.--Nach diesem Begriffe der Vortrefflichkeit wuerde Le Bruns Buch
+von den Leidenschaften eine Folge der besten und richtigsten moralischen
+Portraete enthalten: und die Charaktere des Theophrasts muessten, in Absicht
+auf das Drama, den Charakteren des Terenz weit vorzuziehen sein.
+
+Ueber das erstere dieser Urteile wuerde jeder Virtuose in den bildenden
+Kuensten unstreitig lachen. Das letztere aber, fuerchte ich, duerften wohl
+nicht alle so seltsam finden; wenigstens nach der Praxis verschiedener
+unserer besten komischen Schriftsteller und nach dem Beifalle zu
+urteilen, welchen dergleichen Stuecke gemeiniglich gefunden haben. Es
+liessen sich leicht fast aus allen charakteristischen Komoedien Beispiele
+anfuehren. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten nach abstrakten
+Ideen auszufuehren, in ihrem voelligen Lichte sehen will, der darf nur Ben
+Jonsons 'Jedermann aus seinem Humor'[2] vor sich nehmen; welches ein
+charakteristisches Stueck sein soll, in der Tat aber nichts als eine
+unnatuerliche und, wie es die Maler nennen wuerden, harte Schilderung einer
+Gruppe von fuer sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild
+in dem wirklichen Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komoedie immer
+ihre Bewunderer gehabt; und besonders muss Randolph von ihrer Einrichtung
+sehr bezaubert gewesen sein, weil er sie in seinem 'Spiegel der Muse'
+ausdruecklich nachgeahmet zu haben scheint.
+
+Auch hierin, muessen wir anmerken, ist Shakespeare, so wie in allen andern
+noch wesentlichern Schoenheiten des Drama, ein vollkommenes Muster. Wer
+seine Komoedien in dieser Absicht aufmerksam durchlesen will, wird finden,
+dass seine auch noch so kraeftig gezeichneten Charaktere, den groessten Teil
+ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle andere ausdruecken und ihre
+wesentlichen und herrschenden Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die
+Umstaende eine ungezwungene Aeusserung veranlassen, an den Tag legen. Diese
+besondere Vortrefflichkeit seiner Komoedien entstand daher, dass er die
+Natur getreulich kopierte und sein reges und feuriges Genie auf alles
+aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe der Szenen Dienliches aufstossen
+konnte: dahingegen Nachahmung und geringere Faehigkeiten kleine Skribenten
+verleiten, sich um die Fertigkeit zu beeifern, diesen einen Zweck keinen
+Augenblick aus dem Gesichte zu lassen und mit der aengstlichen Sorgfalt
+ihre Lieblingscharaktere in bestaendigem Spiele und ununterbrochner
+Taetigkeit zu erhalten. Man koennte ueber diese ungeschickte Anstrengung
+ihres Witzes sagen, dass sie mit den Personen ihres Stuecks nicht anders
+umgehen, als gewisse spasshafte Leute mit ihren Bekannten, denen sie mit
+ihren Hoeflichkeiten so zusetzen, dass sie ihren Anteil an der allgemeinen
+Unterhaltung gar nicht nehmen koennen, sondern nur immer, zum Vergnuegen
+der Gesellschaft, Spruenge und Maennerchen machen muessen."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Non hominem ex aere iecit, sed iracundiam. Plinius libr. 34. 8.
+
+[2] Beim B. Jonson sind zwei Komoedien, die er vom Humor benennt hat;
+die eine "Every Man in his Humour" und die andere "Every Man out of
+his Humour". Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen und wurde
+auf die laecherlichste Weise gemissbraucht. Sowohl diesen Missbrauch als
+den eigentlichen Sinn desselben bemerkt er in folgender Stelle selbst:
+
+ As when some one peculiar quality
+ Doth so possess a Man, that it doth draw
+ All his affects, his spirits, and his powers,
+ In their constructions, all to run one way.
+ This may be truly said to be a humour.
+ But that a rook by wearing a py'd feather,
+ The cable hatband, or the three-pil'd ruff,
+ A yard of shoe-tye, or the Switzer's knot
+ On bis French garters, should affect a humour!
+ O, it is more than most rediculous.
+
+[3] In der Geschichte des Humors sind beide Stuecke des Jonson also sehr
+wichtige Dokumente, und das letztere noch mehr als das erstere. Der
+Humor, den wir den Englaendern itzt so vorzueglich zuschreiben, war damals
+bei ihnen grossenteils Affektation; und vornehmlich diese Affektation
+laecherlich zu machen, schilderte Jonson Humor. Die Sache genau zu nehmen,
+muesste auch nur der affektierte, und nie der wahre Humor ein Gegenstand
+der Komoedie sein. Denn nur die Begierde, sich von andern auszuzeichnen,
+sich durch etwas Eigentuemliches merkbar zu machen, ist eine allgemeine
+menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie
+waehlt, sehr laecherlich oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber,
+wodurch die Natur selbst oder eine anhaltende zur Natur gewordene
+Gewohnheit einen einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel
+zu speziell, als dass es sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht
+des Drama vertragen koennte. Der ueberhaeufte Humor in vielen englischen
+Stuecken duerfte sonach auch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere
+derselben sein. Gewiss ist es, dass sich in dem Drama der Alten keine Spur
+von Humor findet. Die alten dramatischen Dichter wussten das Kunststueck,
+ihre Personen auch ohne Humor zu individualisieren, ja die alten Dichter
+ueberhaupt. Wohl aber zeigen die alten Geschichtschreiber und Redner dann
+und wann Humor: wenn naemlich die historische Wahrheit oder die Aufklaerung
+eines gewissen Fakti diese genaue Schilderung kaJ' ekaston erfodert. Ich
+habe Exempel davon fleissig gesammelt, die ich auch bloss darum in Ordnung
+bringen zu koennen wuenschte, um gelegentlich einen Fehler
+wiedergutzumachen, der ziemlich allgemein geworden ist. Wir uebersetzen
+naemlich itzt fast durchgaengig Humor durch Laune; und ich glaube mir
+bewusst zu sein, dass ich der erste bin, der es so uebersetzt hat. Ich habe
+sehr unrecht daran getan, und ich wuenschte, dass man mir nicht gefolgt
+waere. Denn ich glaube es unwidersprechlich beweisen zu koennen, dass Humor
+und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstande gerade
+entgegengesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist,
+ausser diesem einzigen Falle, nie Laune. Ich haette die Abstammung unsers
+deutschen Worts und den gewoehnlichen Gebrauch desselben besser
+untersuchen und genauer erwaegen sollen. Ich schloss zu eilig, weil Laune
+das franzoesische Humeur ausdruecke, dass es auch das englische Humour
+ausdrucken koennte; aber die Franzosen selbst koennen Humour nicht durch
+Humeur uebersetzen.--Von den genannten zwei Stuecken des Jonson hat das
+erste, "Jedermann in seinem Humor", den vom Hurd hier geruegten Fehler
+weit weniger. Der Humor, den die Personen desselben zeigen, ist weder so
+individuell, noch so ueberladen, dass er mit der gewoehnlichen Natur nicht
+bestehen koennte; sie sind auch alle zu einer gemeinschaftlichen Handlung
+so ziemlich verbunden. In dem zweiten hingegen, "Jedermann aus seinem
+Humor", ist fast nicht die geringste Fabel; es treten eine Menge der
+wunderlichsten Narren nacheinander auf, man weiss weder wie noch warum;
+und ihr Gespraech ist ueberall durch ein paar Freunde des Verfassers
+unterbrochen, die unter dem Namen Grex eingefuehrt sind und Betrachtung
+ueber die Charaktere der Personen und ueber die Kunst des Dichters, sie zu
+behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, out of his Humour, zeigt an,
+dass alle die Personen in Umstaende geraten, in welchen sie ihres Humors
+satt und ueberdruessig werden.
+
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Vierundneunzigstes Stueck
+Den 25. Maerz 1768
+
+Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere und den
+Grenzen dieser Allgemeinheit nach der Idee des Hurd!--Doch es wird noetig
+sein, noch erst die zweite Stelle beizubringen, wo er erklaert zu haben
+versichert, inwieweit auch den tragischen Charakteren, ob sie schon nur
+partikular waeren, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluss
+ueberhaupt machen koennen, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem
+Aristoteles uebereinstimmen.
+
+"Wahrheit", sagt er, "heisst in der Poesie ein solcher Ausdruck, als der
+allgemeinen Natur der Dinge gemaess ist; Falschheit hingegen ein solcher,
+als sich zwar zu dem vorhabenden besondern Falle schicket, aber nicht mit
+jener allgemeinen Natur uebereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in
+der dramatischen Poesie zu erreichen, empfiehlet Horaz[1] zwei Dinge:
+einmal, die Sokratische Philosophie fleissig zu studieren; zweitens, sich
+um eine genaue Kenntnis des menschlichen Lebens zu bewerben. Jenes, weil
+es der eigentuemliche Vorzug dieser Schule ist, ad veritatem vitae propius
+accedere;[2] dieses, um unserer Nachahmung eine desto allgemeinere
+Aehnlichkeit erteilen zu koennen. Sich hiervon zu ueberzeugen, darf man nur
+erwaegen, dass man sich in Werken der Nachahmung an die Wahrheit zu genau
+halten kann; und dieses auf doppelte Weise. Denn entweder kann der
+Kuenstler, wenn er die Natur nachbilden will, sich zu aengstlich
+befleissigen, alle und jede Besonderheiten seines Gegenstandes anzudeuten,
+und so die allgemeine Idee der Gattung auszudruecken verfehlen. Oder er
+kann, wenn er sich diese allgemeine Idee zu erteilen bemueht, sie aus zu
+vielen Faellen des wirklichen Lebens, nach seinem weitesten Umfange,
+zusammensetzen; da er sie vielmehr von dem lautern Begriffe, der sich
+bloss in der Vorstellung der Seele findet, hernehmen sollte. Dieses
+letztere ist der allgemeine Tadel, womit die Schule der niederlaendischen
+Maler zu belegen, als die ihre Vorbilder aus der wirklichen Natur, und
+nicht, wie die italienische, von dem geistigen Ideale der Schoenheit
+entlehnet. [3] Jenes aber entspricht einem andern Fehler, den man
+gleichfalls den niederlaendischen Meistern vorwirft und der dieser ist,
+dass sie lieber die besondere, seltsame und groteske als die allgemeine
+und reizende Natur sich zum Vorbilde waehlen.
+
+Wir sehen also, dass der Dichter, indem er sich von der eigenen und
+besondern Wahrheit entfernet, desto getreuer die allgemeine Wahrheit
+nachahmet. Und hieraus ergibt sich die Antwort auf jenen spitzfindigen
+Einwurf, den Plato gegen die Poesie ausgegruebelt hatte und nicht ohne
+Selbstzufriedenheit vorzutragen schien. Naemlich, dass die poetische
+Nachahmung uns die Wahrheit nur sehr von weitem zeigen koenne. Denn, der
+poetische Ausdruck, sagt der Philosoph, ist das Abbild von des Dichters
+eigenen Begriffen; die Begriffe des Dichters sind das Abbild der Dinge;
+und die Dinge das Abbild des Urbildes, welches in dem goettlichen
+Verstande existieret. Folglich ist der Ausdruck des Dichters nur das Bild
+von dem Bilde eines Bildes und liefert uns urspruengliche Wahrheit nur
+gleichsam aus der dritten Hand. [4] Aber alle diese Vernuenftelei faellt
+weg, sobald man die nur gedachte Regel des Dichters gehoerig fasset und
+fleissig in Ausuebung bringet. Denn indem der Dichter von den Wesen alles
+absondert, was allein das Individuum angehet und unterscheidet,
+ueberspringet sein Begriff gleichsam alle die zwischen inne liegenden
+besondern Gegenstaende und erhebt sich, soviel moeglich, zu dem goettlichen
+Urbilde, um so das unmittelbare Nachbild der Wahrheit zu werden. Hieraus
+lernt man denn auch einsehen, was und wie viel jenes ungewoehnliche Lob,
+welches der grosse Kunstrichter der Dichtkunst erteilet, sagen wolle; dass
+sie, gegen die Geschichte genommen, das ernstere und philosophischere
+Studium sei: [Greek: philosophoteron kai spoudaioteron poiaesis historias
+estin]. Die Ursache, welche gleich darauf folgt, ist nun gleichfalls sehr
+begreiflich: [Greek: ae men gar poiaesis mallon ta katholou, ae d'
+historia ta kath' ekaston legei].[5] Ferner wird hieraus ein
+wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den
+zwei grossen Nebenbuhlern der griechischen Buehne soll befunden haben. Wenn
+man dem Sophocles vorwarf, dass es seinen Charakteren an Wahrheit fehle,
+so pflegte er sich damit zu verantworten, dass er die Menschen so
+schildere, wie sie sein sollten, Euripides aber so, wie sie waeren:
+[Greek: Sophochlaes ephae, autos men oious dei poiein, Euripidaes de oioi
+eisi].[6] Der Sinn hiervon ist dieser: Sophokles hatte, durch seinen
+ausgebreiteten Umgang mit Menschen, die eingeschraenkte enge Vorstellung,
+welche aus der Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen
+vollstaendigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische
+Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht
+hatte und von da aus das Leben uebersehen wollte, hielt seinen Blick zu
+sehr auf das Einzelne, auf wirklich existierende Personen geheftet,
+versenkte das Geschlecht in das Individuum und malte folglich, den
+vorhabenden Gegenstaenden nach, seine Charaktere zwar natuerlich und wahr,
+aber auch dann und wann ohne die hoehere allgemeine Aehnlichkeit, die zur
+Vollendung der poetischen Wahrheit erfodert wird.[7]
+
+Ein Einwurf stoesst gleichwohl hier auf, den wir nicht unangezeigt lassen
+muessen. Man koennte sagen, 'dass philosophische Spekulationen die Begriffe
+eines Menschen eher abstrakt und allgemein machen, als sie auf das
+Individuelle einschraenken muessten. Das letztere sei ein Mangel, welcher
+aus der kleinen Anzahl von Gegenstaenden entspringe, die den Menschen zu
+betrachten vorkommen; und diesem Mangel sei nicht allein dadurch
+abzuhelfen, dass man sich mit mehrern Individuis bekannt mache, als worin
+die Kenntnis der Welt bestehe; sondern auch dadurch, dass man ueber die
+allgemeine Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen
+Buechern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Buecher haetten ihren
+allgemeinen Begriff von der menschlichen Natur nicht anders als aus einer
+ausgebreiteten Erfahrung (es sei nun ihrer eignen, oder fremden) haben
+koennen, ohne welche ihre Buecher sonst von keinem Werte sein wuerden.' Die
+Antwort hierauf, duenkt mich, ist diese. Durch Erwaegung der allgemeinen
+Natur des Menschen lernet der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein
+muss, die aus dem Uebergewichte gewisser Neigungen und Eigenschaften
+entspringet: das ist, er lernet das Betragen ueberhaupt, welches der
+beigelegte Charakter erfodert. Aber deutlich und zuverlaessig zu wissen,
+wieweit und in welchem Grade von Staerke sich dieser oder jener Charakter,
+bei besondere Gelegenheiten, wahrscheinlicherweise aeussern wuerde, das ist
+einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Dass
+Beispiele von dem Mangel dieser Kenntnis bei einem Dichter, wie Euripides
+war, sehr haeufig sollten gewesen sein, laesst sich nicht wohl annehmen:
+auch werden, wo sich dergleichen in seinen uebriggebliebenen Stuecken etwa
+finden sollten, sie schwerlich so offenbar sein, dass sie auch einem
+gemeinen Leser in die Augen fallen muessten. Es koennen nur Feinheiten sein,
+die allein der wahre Kunstrichter zu unterscheiden vermoegend ist; und
+auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit
+der griechischen Sitten, wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im
+Grunde eine Schoenheit ist. Es wuerde also ein sehr gefaehrliches
+Unternehmen sein, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche
+Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu sein geglaubt hatte. Aber
+gleichwohl will ich es wagen, eine anzufuehren, die, wenn ich sie auch
+schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisieren sollte, wenigstens meine
+Meinung zu erlaeutern dienen kann."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] De arte poet. v. 310. 317. 318.
+
+[2] De Orat. I. 51.
+
+[3] Nach Massgebung der Antiken. Nec enim Phidias, cum faceret Jovis
+formam aut Minervae, contemplabatur aliquem e quo similitudinem duceret:
+sed ipsius in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam
+intuens in eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum
+dirigebat. (Cic. Or. 2.)
+
+[4] Plato de Repl., L. X.
+
+[5] "Dichtkunst", Kap. 9.
+
+[6] "Dichtkunst", Kap. 25.
+
+[7] Diese Erklaerung ist der, welche Dacier von der Stelle des Aristoteles
+gibt, weit vorzuziehen. Nach den Worten der Uebersetzung scheinet Dacier
+zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: que Sophocle faisait ses Heros,
+comme ils devaient etre et qu'Euripide les faisait comme ils etaient.
+Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd
+versteht unter dem Wie sie sein sollten die allgemeine abstrakte Idee des
+Geschlechts, nach welcher der Dichter seine Personen mehr als nach ihren
+individuellen Verschiedenheiten schildern muesse. Dacier aber denkt sich
+dabei eine hoehere moralische Vollkommenheit, wie sie der Mensch zu
+erreichen faehig sei, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese,
+sagt er, habe Sophokles seinen Personen gewoehnlicherweise beigelegt:
+Sophocle tachait de rendre ses imitations parfaites, en suivant toujours
+bien plus ce qu'une belle Nature etait capable de faire, que ce qu'elle
+faisait. Allein diese hoehere moralische Vollkommenheit gehoeret gerade zu
+jenem allgemeinen Begriffe nicht; sie stehet dem Individuo zu, aber nicht
+dem Geschlechte; und der Dichter, der sie seinen Personen beilegt,
+schildert gerade umgekehrt mehr in der Manier des Euripides als des
+Sophokles. Die weitere Ausfuehrung hiervon verdienet mehr als eine Note.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Fuenfundneunzigstes Stueck
+Den 29. Maerz 1768
+
+"Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter hatte in dem
+Charakter dieser Prinzessin ein tugendhaftes, aber mit Stolz und Groll
+erfuelltes Frauenzimmer zu schildern, welches durch die Haerte, mit der man
+sich gegen sie selbst betrug, erbittert war und durch noch weit staerkere
+Bewegungsgruende angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu raechen. Eine
+solche heftige Gemuetsverfassung, kann der Philosoph in seinem Winkel wohl
+schliessen, muss immer sehr bereit sein, sich zu aeussern. Elektra, kann er
+wohl einsehen, muss, bei der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren
+Groll an den Tag legen, und die Ausfuehrung ihres Vorhabens beschleunigen
+zu koennen wuenschen. Aber zu welcher Hoehe dieser Groll steigen darf? d.I.
+wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdruecken darf, ohne dass ein Mann, der
+mit dem menschlichen Geschlechte und mit den Wirkungen der Leidenschaften
+im ganzen bekannt ist, dabei ausrufen kann: Das ist unwahrscheinlich?
+Dieses auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen sein.
+Sogar eine nur maessige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben ist hier
+nicht hinlaenglich, uns zu leiten. Man kann eine Menge Individua bemerkt
+haben, welche den Poeten, der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf
+das Aeusserste getrieben haette, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die
+Geschichte duerfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine
+tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als es
+der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also die
+eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu bestimmen? Einzig
+und allein durch Bemerkung so vieler einzeln Faelle als moeglich; einzig
+und allein vermittelst der ausgebreitetsten Kenntnis, wieviel eine solche
+Erbitterung ueber dergleichen Charaktere unter dergleichen Umstaenden im
+wirklichen Leben gewoehnlicherweise vermag. So verschieden diese Kenntnis
+in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird denn auch die Art der
+Vorstellung sein. Und nun wollen wir sehen, wie der vorhabende Charakter
+von dem Euripides wirklich behandelt worden.
+
+In der schoenen Szene, welche zwischen der Elektra und dem Orestes
+vorfaellt, von dem sie aber noch nicht weiss, dass er ihr Bruder ist, koemmt
+die Unterredung ganz natuerlich auf die Ungluecksfaelle der Elektra und auf
+den Urheber derselben, die Klytaemnestra, sowie auch auf die Hoffnung,
+welche Elektra hat, von ihren Drangsalen durch den Orestes befreiet zu
+werden. Das Gespraech, wie es hierauf weitergehet, ist dieses:
+
+Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er kaeme nach Argos zurueck--
+
+Elektra. Wozu diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals
+zurueckkommen wird?
+
+Orestes. Aber gesetzt, er kaeme! Wie muesste er es anfangen, um den Tod
+seines Vaters zu raechen?
+
+Elektra. Sich eben des erkuehnen, wessen die Feinde sich gegen seinen
+Vater erkuehnten.
+
+Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter umzubringen?
+
+Elektra. Sie mit dem naemlichen Eisen umbringen, mit welchem sie
+meinen Vater mordete!
+
+Orestes. Und darf ich das, als deinen festen Entschluss, deinem Bruder
+vermelden?
+
+Elektra. 'Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!'
+
+Das Griechische ist noch staerker:
+
+[Greek: Thanoimi, maetros aim' episphaxas' emaes].
+
+'Ich will gern des Todes sein, sobald ich meine Mutter umgebracht
+habe!'
+
+Nun kann man nicht behaupten, dass diese letzte Rede schlechterdings
+unnatuerlich sei. Ohne Zweifel haben sich Beispiele genug ereignet, wo
+unter aehnlichen Umstaenden die Rache sich ebenso heftig ausgedrueckt hat.
+Gleichwohl, denke ich, kann uns die Haerte dieses Ausdrucks nicht anders
+als ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht fuer gut,
+ihn so weit zu treiben. Bei ihm sagt Elektra unter gleichen Umstaenden nur
+das: 'Jetzt sei dir die Ausfuehrung ueberlassen! Waere ich aber allein
+geblieben, so glaube mir nur: beides haette mir gewiss nicht misslingen
+sollen; entweder mit Ehren mich zu befreien, oder mit Ehren zu sterben!'
+
+Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, insofern sie aus
+einer ausgebreitetem Erfahrung, d.i. aus der Kenntnis der menschlichen
+Natur ueberhaupt, gesammelt worden, nicht weit gemaesser ist, als die
+Vorstellung des Euripides, will ich denen zu beurteilen ueberlassen, die
+es zu beurteilen faehig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine andere
+sein, als die ich angenommen: dass naemlich Sophokles seine Charaktere so
+geschildert, als er, unzaehligen von ihm beobachteten Beispielen der
+naemlichen Gattung zufolge, glaubte, dass sie sein sollten; Euripides aber
+so, als er in der engeren Sphaere seiner Beobachtungen erkannt hatte, dass
+sie wirklich waeren<--".
+
+Vortrefflich! Auch unangesehen der Absicht, in welcher ich diese langen
+Stellen des Hurd angefuehret habe, enthalten sie unstreitig so viel feine
+Bemerkungen, dass es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen
+Einschaltung derselben zu entschuldigen. Ich besorge nur, dass er meine
+Absicht selbst darueber aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu
+zeigen, dass auch Hurd, so wie Diderot, der Tragoedie besondere, und nur
+der Komoedie allgemeine Charaktere zuteile und demohngeachtet dem
+Aristoteles nicht widersprechen wolle, welcher das Allgemeine von allen
+poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen, verlanget.
+Hurd erklaert sich naemlich so: der tragische Charakter muesse zwar
+partikulaer oder weniger allgemein sein, als der komische, d.i. er muesse
+die Art, zu welcher er gehoere, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber
+muesse das wenige, was man von ihm zu zeigen fuer gut finde, nach dem
+Allgemeinen entworfen sein, welches Aristoteles fordere.[1]
+
+Und nun waere die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen
+wolle?--Warum nicht, wenn ihm daran gelegen waere, sich nirgends in
+Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem
+daran gelegen ist, dass zwei denkende Koepfe von der naemlichen Sache nicht
+Ja und Nein sagen, koennte es erlaubt sein, ihm diese Auslegung
+unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen.
+
+Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort!--Mich duenkt, es ist
+eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort allgemein wird offenbar
+darin in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die
+eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter
+verneinen, ist nicht die naemliche, in welcher es Hurd von ihm bejahet.
+Freilich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die
+andere schlechterdings ausschloesse?
+
+In der ersten Bedeutung heisst ein allgemeiner Charakter ein solcher, in
+welchen man das, was man an mehrern oder allen Individuis bemerkt hat,
+zusammennimmt; es heisst mit einem Worte, ein ueberladener Charakter; es
+ist mehr die personifierte Idee eines Charakters, als eine
+charakterisierte Person. In der andern Bedeutung aber heisst ein
+allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mehrern
+oder allen Individuis bemerkt worden, einen gewissen Durchschnitt, eine
+mittlere Proportion angenommen; es heisst mit einem Worte, ein
+gewoehnlicher Charakter, nicht zwar insofern der Charakter selbst, sondern
+nur insofern der Grad, das Mass desselben gewoehnlich ist.
+
+Hurd hat vollkommen recht, das [Greek: katholou] des Aristoteles von der
+Allgemeinheit in der zweiten Bedeutung zu erklaeren. Aber wenn denn nun
+Aristoteles diese Allgemeinheit ebensowohl von den komischen als
+tragischen Charakteren erfodert: wie ist es moeglich, dass der naemliche
+Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es
+moeglich, dass er zugleich ueberladen und gewoehnlich sein kann? Und gesetzt
+auch, er waere so ueberladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem
+getadelten Stuecke des Jonson sind; gesetzt, er liesse sich noch gar wohl
+in einem Individuo gedenken, und man habe Beispiele, dass er sich wirklich
+in mehrern Menschen ebenso stark, ebenso ununterbrochen geaeussert habe:
+wuerde er demohngeachtet nicht auch noch viel ungewoehnlicher sein, als
+jene Allgemeinheit des Aristoteles zu sein erlaubet?
+
+Das ist die Schwierigkeit!--Ich erinnere hier meine Leser, dass diese
+Blaetter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich
+bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzuloesen, die ich
+mache. Meine Gedanken moegen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar
+sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bei
+welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als
+Fermenta cognitionis ausstreuen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] In calling the tragic character particular, I suppose it only less
+representative of the kind than the comic; not that the draught of so
+much character as it is concerned to represent should not be general.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Sechsundneunzigstes Stueck
+Den 1. April 1768
+
+Den zweiundfunfzigsten Abend (dienstags, den 28. Julius) wurden des Herrn
+Romanus "Brueder" wiederholt.
+
+Oder sollte ich nicht vielmehr sagen: "Die Brueder" des Herrn Romanus?
+Nach einer Anmerkung naemlich, welche Donatus bei Gelegenheit der "Brueder"
+des Terenz macht: Hanc dicunt fabulam secundo loco actam, etiam tum rudi
+nomine poetae; itaque sic pronunciatam, Adelphoi Terenti, non Terenti
+Adelphoi, quod adhuc magis de fabulae nomine poeta; quam de poetae nomine
+fabula commendabatur. Herr Romanus hat seine Komoedien zwar ohne seinen
+Namen herausgegeben: aber doch ist sein Name durch sie bekannt geworden.
+Noch itzt sind diejenigen Stuecke, die sich auf unserer Buehne von ihm
+erhalten haben, eine Empfehlung seines Namens, der in Provinzen
+Deutschlands genannt wird, wo er ohne sie wohl nie waere gehoeret worden.
+Aber welches widrige Schicksal hat auch diesen Mann abgehalten, mit
+seinen Arbeiten fuer das Theater so lange fortzufahren, bis die Stuecke
+aufgehoert haetten, seinen Namen zu empfehlen, und sein Name dafuer die
+Stuecke empfohlen haette?
+
+Das meiste, was wir Deutsche noch in der schoenen Literatur haben, sind
+Versuche junger Leute. Ja das Vorurteil ist bei uns fast allgemein, dass
+es nur jungen Leuten zukomme, in diesem Felde zu arbeiten. Maenner, sagt
+man, haben ernsthaftere Studia oder wichtigere Geschaefte, zu welchen sie
+die Kirche oder der Staat auffodert. Verse und Komoedien heissen
+Spielwerke; allenfalls nicht unnuetzliche Voruebungen, mit welchen man sich
+hoechstens bis in sein fuenfundzwanzigstes Jahr beschaeftigen darf. Sobald
+wir uns dem maennlichen Alter naehern, sollen wir fein alle unsere Kraefte
+einem nuetzlichen Amte widmen; und laesst uns dieses Amt einige Zeit, etwas
+zu schreiben, so soll man ja nichts anders schreiben, als was mit der
+Gravitaet und dem buergerlichen Range desselben bestehen kann; ein huebsches
+Kompendium aus den hoehern Fakultaeten, eine gute Chronike von der lieben
+Vaterstadt, eine erbauliche Predigt und dergleichen.
+
+Daher koemmt es denn auch, dass unsere schoene Literatur, ich will nicht
+bloss sagen gegen die schoene Literatur der Alten, sondern sogar fast gegen
+aller neuern polierten Voelker ihre, ein so jugendliches, ja kindisches
+Ansehen hat, und noch lange, lange haben wird. An Blut und Leben, an
+Farbe und Feuer fehlet es ihr endlich nicht: aber Kraefte und Nerven, Mark
+und Knochen mangeln ihr noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein
+Mann, der im Denken geuebt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er, zu seiner
+Erholung und Staerkung, einmal ausser dem einfoermigen ekeln Zirkel seiner
+alltaeglichen Beschaeftigungen denken will! Welche Nahrung kann so ein Mann
+wohl z.E. in unsern hoechst trivialen Komoedien finden? Wortspiele,
+Sprichwoerter, Spaesschen, wie man sie alle Tage auf den Gassen hoert:
+solches Zeug macht zwar das Parterre zu lachen, das sich vergnuegt so gut
+es kann; wer aber von ihm mehr als den Bauch erschuettern will, wer
+zugleich mit seinem Verstande lachen will, der ist einmal dagewesen und
+koemmt nicht wieder.
+
+Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst
+in die Welt tritt, kann unmoeglich die Welt kennen und sie schildern. Das
+groesste komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und
+leer; selbst von den ersten Stuecken des Menanders sagt Plutarch,[1] dass
+sie mit seinen spaetern und letztern Stuecken gar nicht zu vergleichen
+gewesen. Aus diesen aber, setzt er hinzu, koenne man schliessen, was er
+noch wuerde geleistet haben, wenn er laenger gelebt haette. Und wie jung
+meint man wohl, dass Menander starb? Wieviel Komoedien meint man wohl, dass
+er erst geschrieben hatte? Nicht weniger als hundertundfuenfe; und nicht
+juenger als zweiundfunfzig.
+
+Keiner von allen unsern verstorbenen komischen Dichtern, von denen es
+sich noch der Muehe verlohnte zu reden, ist so alt geworden; keiner von
+den itztlebenden ist es noch zur Zeit; keiner von beiden hat das vierte
+Teil so viel Stuecke gemacht. Und die Kritik sollte von ihnen nicht eben
+das zu sagen haben, was sie von dem Menander zu sagen fand?--Sie wage es
+aber nur, und spreche!
+
+Und nicht die Verfasser allein sind es, die sie mit Unwillen hoeren. Wir
+haben, dem Himmel sei Dank, itzt ein Geschlecht selbst von Kritikern,
+deren beste Kritik darin besteht,--alle Kritik verdaechtig zu machen.
+"Genie! Genie!" schreien sie. "Das Genie setzt sich ueber alle Regeln
+hinweg! Was das Genie macht, ist Regel!" So schmeicheln sie dem Genie:
+ich glaube, damit wir sie auch fuer Genies halten sollen. Doch sie
+verraten zu sehr, dass sie nicht einen Funken davon in sich spueren, wenn
+sie in einem und ebendemselben Atem hinzusetzen: "Die Regeln unterdruecken
+das Genie!"--Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdruecken
+liesse! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm
+hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichter ist Genie: aber jedes Genie ist
+ein geborner Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es
+begreift und behaelt und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in
+Worten ausdruecken. Und diese seine in Worten ausgedrueckte Empfindung
+sollte seine Taetigkeit verringern koennen? Vernuenftelt darueber mit ihm, so
+viel ihr wollt; es versteht euch nur, insofern es eure allgemeinen Saetze
+den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von
+diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurueck, die waehrend der
+Arbeit auf seine Kraefte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die
+Erinnerung eines gluecklichen Beispiels, die Erinnerung einer eignen
+gluecklichen Erfahrung auf sie zu wirken imstande ist. Behaupten also, dass
+Regeln und Kritik das Genie unterdruecken koennen: heisst mit andern Worten
+behaupten, dass Beispiele und Uebung eben dieses vermoegen; heisst, das Genie
+nicht allein auf sich selbst, heisst es sogar lediglich auf seinen ersten
+Versuch einschraenken.
+
+Ebensowenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie ueber die
+nachteiligen Eindruecke, welche die Kritik auf das geniessende Publikum
+mache, so lustig wimmern! Sie moechten uns lieber bereden, dass kein Mensch
+einen Schmetterling mehr bunt und schoen findet, seitdem das boese
+Vergroesserungsglas erkennen lassen, dass die Farben desselben nur
+Staub sind.
+
+"Unser Theater", sagen sie, "ist noch in einem viel zu zarten Alter, als
+dass es den monarchischen Szepter der Kritik ertragen koenne.--Es ist fast
+noetiger, die Mittel zu zeigen, wie das Ideal erreicht werden kann, als
+darzutun, wie weit wir noch von diesem Ideale entfernt sind.--Die Buehne
+muss durch Beispiele, nicht durch Regeln reformieret werden.--Raisonnieren
+ist leichter als selbst erfinden."
+
+Heisst das, Gedanken in Worte kleiden: oder heisst es nicht vielmehr,
+Gedanken zu Worten suchen, und keine erhaschen?--Und wer sind sie denn,
+die so viel von Beispielen und vom Selbsterfinden reden? Was fuer
+Beispiele haben sie denn gegeben? Was haben sie denn selbst erfunden?
+--Schlaue Koepfe! Wenn ihnen Beispiele zu beurteilen vorkommen, so
+wuenschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurteilen sollen, so
+moechten sie lieber Beispiele haben. Anstatt von einer Kritik zu beweisen,
+dass sie falsch ist, beweisen sie, dass sie zu strenge ist; und glauben
+vertan zu haben! Anstatt ein Raisonnement zu widerlegen, merken sie an,
+dass Erfinden schwerer ist als Raisonnieren; und glauben widerlegt
+zu haben!
+
+Wer richtig raisonniert, erfindet auch: und wer erfinden will, muss
+raisonnieren koennen. Nur die glauben, dass sich das eine von dem andern
+trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind.
+
+Doch was halte ich mich mit diesen Schwaetzern auf? Ich will meinen Gang
+gehen und mich unbekuemmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren.
+Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel.
+Ihr Sommer ist so leicht abgewartet!
+
+Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bei
+Gelegenheit der ersten Vorstellung der "Brueder" des Herrn Romanus[2]
+annoch ueber dieses Stueck versprach!--Die vornehmsten derselben werden die
+Veraenderungen betreffen, die er in der Fabel des Terenz machen zu muessen
+geglaubet, um sie unsern Sitten naeher zu bringen.
+
+Was soll man ueberhaupt von der Notwendigkeit dieser Veraenderungen sagen?
+Wenn wir so wenig Anstoss finden, roemische oder griechische Sitten in der
+Tragoedie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komoedie? Woher die
+Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Szene der erstern in ein
+entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Szene der andern aber in
+unsere Heimat zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter
+aufbuerden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine
+Handlung vorgehen laesst, so genau als moeglich zu schildern; da wir in
+dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen?
+"Dieses", sagt Pope an einem Orte, "scheinet dem ersten Ansehen nach
+blosser Eigensinn, blosse Grille zu sein: es hat aber doch seinen guten
+Grund in der Natur. Das Hauptsaechlichste, was wir in der Komoedie suchen,
+ist ein getreues Bild des gemeinen Lebens, von dessen Treue wir aber
+nicht so leicht versichert sein koennen, wenn wir es in fremde Moden und
+Gebraeuche verkleidet finden. In der Tragoedie hingegen ist es die
+Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich ziehet. Einen
+einheimischen Vorfall aber fuer die Buehne bequem zu machen, dazu muss man
+sich mit der Handlung groessere Freiheiten nehmen, als eine zu bekannte
+Geschichte verstattet."
+
+
+----Fussnote
+
+[1] "Epit, [Greek: taes synkriseos] Arist. [Greek: kai Menan]",
+p. 1588. Ed. Henr. Stephani.
+
+[2] Dreiundsiebzigstes Stueck.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Siebenundneunzigstes Stueck
+Den 5. April 1768
+
+Diese Aufloesung, genau betrachtet, duerfte wohl nicht in allen Stuecken
+befriedigend sein. Denn zugegeben, dass fremde Sitten der Absicht der
+Komoedie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer
+die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der
+Tragoedie ein besseres Verhaeltnis haben, als fremde? Diese Frage ist
+wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne
+allzumerkliche und anstoessige Veraenderungen fuer die Buehne bequem zu
+machen, nicht beantwortet. Freilich erfodern einheimische Sitten auch
+einheimische Vorfaelle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragoedie am
+leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so muesste es ja doch
+wohl besser sein, sich ueber alle Schwierigkeiten, welche sich bei
+Behandlung dieser finden, wegzusetzen als in Absicht des Wesentlichsten
+zu kurz zu fallen, welches ohnstreitig der Zweck ist. Auch werden nicht
+alle einheimische Vorfaelle so merklicher und anstoessiger Veraenderungen
+beduerfen; und die deren beduerfen, ist man ja nicht verbunden zu
+bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, dass es gar wohl
+Begebenheiten geben kann und gibt, die sich vollkommen so ereignet haben,
+als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat
+er auch schon entschieden, dass sich der Dichter um den wenigern Teil
+seiner Zuschauer, der von den wahren Umstaenden vielleicht unterrichtet
+ist, lieber nicht bekuemmern, als seiner Pflicht minder Genuege
+leisten muesse.
+
+Der Vorteil, den die einheimischen Sitten in der Komoedie haben, beruhet
+auf der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter
+braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu noetigen
+Beschreibungen und Winke ueberhoben; er kann seine Personen sogleich nach
+ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig
+zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit und
+befoerdern bei dem Zuschauer die Illusion.
+
+Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten
+Vorteils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als
+moeglich zu erleichtern, seine Kraefte nicht an Nebenzwecke zu
+verschwenden, sondern sie ganz fuer den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm
+koemmt auf die Illusion des Zuschauers alles an.--Man wird vielleicht
+hierauf antworten, dass die Tragoedie der Sitten nicht gross beduerfe; dass
+sie ihrer ganz und gar entuebriget sein koenne. Aber sonach braucht sie
+auch keine fremde Sitten; und von dem wenigen, was sie von Sitten haben
+und zeigen will, wird es doch immer besser sein, wenn es von
+einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden.
+
+Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht
+bloss in der Komoedie, sondern auch in der Tragoedie, zum Grunde gelegt. Ja
+sie haben fremden Voelkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer
+Tragoedie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten
+leihen, als die Wirkungen der Buehne durch unverstaendliche barbarische
+Sitten entkraeften wollen. Auf das Kostuem, welches unsern tragischen
+Dichtern so aengstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der
+Beweis hiervon koennen vornehmlich die "Perser" des Aeschylus sein: und
+die Ursache, warum sie sich so wenig an das Kostuem binden zu duerfen
+glaubten, ist aus der Absicht der Tragoedie leicht zu folgern.
+
+Doch ich gerate zu weit in denjenigen Teil des Problems, der mich itzt
+gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, dass einheimische
+Sitten auch in der Tragoedie zutraeglicher sein wuerden, als fremde: so
+setze ich schon als unstreitig voraus, dass sie es wenigstens in der
+Komoedie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, dass sie es sind:
+so kann ich auch die Veraenderungen, welche Herr Romanus in Absicht
+derselben mit dem Stuecke des Terenz gemacht hat, ueberhaupt nicht anders
+als billigen.
+
+Er hatte recht, eine Fabel, in welche so besondere griechische und
+roemische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaffen. Das Beispiel erhaelt
+seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch
+nach dem beurteilet, was ihm selbst am gewoehnlichsten ist. Alle Anwendung
+faellt weg, wo wir uns erst mit Muehe in fremde Umstaende versetzen muessen.
+Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je
+vollkommener die Fabel ist, desto weniger laesst sich der geringste Teil
+veraendern, ohne das Ganze zu zerruetten. Und schlimm! wenn man sich sodann
+nur mit Flicken begnuegt, ohne im eigentlichen Verstande umzuschaffen.
+
+Das Stueck heisst "Die Brueder", und dieses bei dem Terenz aus einem
+doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Demea,
+sondern auch die beiden jungen Leute, Aeschinus und Ktesipho, sind
+Brueder. Demea ist dieser beider Vater; Micio hat den einen, den
+Aeschinus, nur an Sohnes Statt angenommen. Nun begreif' ich nicht, warum
+unserm Verfasser diese Adoption missfallen. Ich weiss nicht anders, als dass
+die Adoption auch unter uns, auch noch itzt gebraeuchlich und vollkommen
+auf dem naemlichen Fuss gebraeuchlich ist, wie sie es bei den Roemern war.
+Demohngeachtet ist er davon abgegangen: bei ihm sind nur die zwei Alten
+Brueder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art
+erziehet. Aber desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch
+die zwei Alten wirkliche Vaeter; und das Stueck ist wirklich eine Schule
+der Vaeter, d.i. solcher, denen die Natur die vaeterliche Pflicht
+aufgelegt, nicht solcher, die sie freiwillig zwar uebernommen, die sich
+ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen
+Gemaechlichkeit bestehen kann.
+
+ Pater esse disce ab illis, qui vere sciunt!
+
+Sehr wohl! Nur schade, dass durch Aufloesung dieses einzigen Knoten,
+welcher bei dem Terenz den Aeschinus und Ktesipho unter sich, und beide
+mit dem Demea, ihrem Vater, verbindet, die ganze Maschine auseinander
+faellt, und aus einem allgemeinen Interesse zwei ganz verschiedene
+entstehen, die bloss die Konvenienz des Dichters, und keineswegs ihre
+eigene Natur zusammenhaelt!
+
+Denn ist Aeschinus nicht bloss der angenommene, sondern der leibliche Sohn
+des Micio, was hat Demea sich viel um ihn zu bekuemmern? Der Sohn eines
+Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich finde, dass
+jemand meinen eigenen Sohn verziehet, geschaehe es auch in der besten
+Absicht von der Welt, so habe ich recht, diesem gutherzigen Verfuehrer mit
+aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, beim Terenz, Demea dem
+Micio begegnet. Aber wenn es nicht mein Sohn ist, wenn es der eigene Sohn
+des Verziehers ist, was kann ich mehr, was darf ich mehr, als dass ich
+diesen Verzieher warne, und wenn er mein Bruder ist, ihn oefters und
+ernstlich warne? Unser Verfasser setzt den Demea aus dem Verhaeltnisse, in
+welchem er bei dem Terenz stehet, aber er laesst ihm die naemliche
+Ungestuemheit, zu welcher ihn doch nur jenes Verhaeltnis berechtigen
+konnte. Ja bei ihm schimpfet und tobet Demea noch weit aerger, als bei dem
+Terenz. Er will aus der Haut fahren, "dass er an seines Bruders Kinde
+Schimpf und Schande erleben muss". Wenn ihm nun aber dieser antwortete:
+"Du bist nicht klug, mein lieber Bruder, wenn du glaubest, du koenntest an
+meinem Kinde Schimpf und Schande erleben. Wenn mein Sohn ein Bube ist und
+bleibt, so wird, wie das Unglueck, also auch der Schimpf nur meine sein.
+Du magst es mit deinem Eifer wohl gut meinen; aber er geht zu weit; er
+beleidiget mich. Falls du mich nur immer so aergern wil1st, so komm mir
+lieber nicht ueber die Schwelle! usw." Wenn Micio, sage ich, dieses
+antwortete: nicht wahr, so waere die Komoedie auf einmal aus? Oder koennte
+Micio etwa nicht so antworten? Ja, muesste er wohl eigentlich nicht so
+antworten?
+
+Wieviel schicklicher eifert Demea beim Terenz. Dieser Aeschinus, den er
+ein so liederliches Leben zu fuehren glaubt, ist noch immer sein Sohn, ob
+ihn gleich der Bruder an Kindes Statt angenommen. Und dennoch bestehet
+der roemische Micio weit mehr auf seinem Rechte als der deutsche. Du hast
+mir, sagt er, deinen Sohn einmal ueberlassen; bekuemmere dich um den, der
+dir noch uebrig ist;
+
+ --nam ambos curare; propemodum
+ Reposcere illum est, quem dedisti--
+
+Diese versteckte Drohung, ihm seinen Sohn zurueckzugeben, ist es auch, die
+ihn zum Schweigen bringt; und doch kann Micio nicht verlangen, dass sie
+alle vaeterliche Empfindungen bei ihm unterdruecken soll. Es muss den Micio
+zwar verdriessen, dass Demea auch in der Folge nicht aufhoert, ihm immer die
+naemlichen Vorwuerfe zu machen: aber er kann es dem Vater doch auch nicht
+verdenken, wenn er seinen Sohn nicht gaenzlich will verderben lassen.
+Kurz, der Demea des Terenz ist ein Mann, der fuer das Wohl dessen besorgt
+ist, fuer den ihm die Natur zu sorgen aufgab; er tut es zwar auf die
+unrechte Weise, aber die Weise macht den Grund nicht schlimmer. Der Demea
+unsers Verfassers hingegen ist ein beschwerlicher Zaenker, der sich aus
+Verwandtschaft zu allen Grobheiten berechtiget glaubt, die Micio auf
+keine Weise an dem blossen Bruder dulden muesste.
+
+
+
+
+Achtundneunzigstes Stueck
+Den 8. April 1768
+
+Ebenso schielend und falsch wird, durch Aufhebung der doppelten
+Bruederschaft, auch das Verhaeltnis der beiden jungen Leute. Ich verdenke
+es dem deutschen Aeschinus, dass er[1] "vielmals an den Torheiten des
+Ktesipho Anteil nehmen zu muessen geglaubt, um ihn, als seinen Vetter, der
+Gefahr und oeffentlichen Schande zu entreissen". Was Vetter? Und schickt es
+sich wohl fuer den leiblichen Vater, ihm darauf zu antworten: "Ich billige
+deine hierbei bezeugte Sorgfalt und Vorsicht; ich verwehre dir es auch
+inskuenftige nicht?" Was verwehrt der Vater dem Sohne nicht? An den
+Torheiten eines ungezogenen Vetters Anteil zu nehmen? Wahrlich, das
+sollte er ihm verwehren. "Suche deinen Vetter", muesste er ihm hoechstens
+sagen, "soviel moeglich von Torheiten abzuhalten: wenn du aber findest,
+dass er durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein guter
+Name muss dir wertet sein, als seiner."
+
+Nur dem leiblichen Bruder verzeihen wir, hierin weiter zu gehen. Nur an
+leiblichen Bruedern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern ruehmet:
+
+ --Illius opera nunc vivo! Festivum caput,
+ Qui omnia sibi post putarit esse prae meo commodo:
+ Maledicta, famam, meum amorem et peccatum in se transtulit.
+
+Denn der bruederlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen
+gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, dass unser Verfasser seinem Aeschinus
+die Torheit ueberhaupt zu ersparen gewusst hat, die der Aeschinus des
+Terenz fuer seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entfuehrung hat er in
+eine kleine Schlaegerei verwandelt, an welcher sein wohlgezogner Juengling
+weiter keinen Teil hat, als dass er sie gern verhindern wollen. Aber
+gleichwohl laesst er diesen wohlgezognen Juengling fuer einen ungezognen
+Vetter noch viel zuviel tun. Denn muesste es jener wohl auf irgendeine
+Weise gestatten, dass dieser ein Kreatuerchen, wie Citalise ist, zu ihm in
+das Haus braechte? in das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner
+tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verfuehrerische Damis, diese Pest
+fuer junge Leute,[2] dessentwegen der deutsche Aeschinus seinem
+liederlichen Vetter die Niederlage bei sich erlaubt: es ist die blosse
+Konvenienz des Dichters.
+
+Wie vortrefflich haengt alles das bei dem Terenz zusammen! Wie richtig und
+notwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivieret! Aeschinus
+nimmt einem Sklavenhaendler ein Maedchen mit Gewalt aus dem Hause, in das
+sich sein Bruder verliebt hat. Aber er tut das, weniger um der Neigung
+seines Bruders zu willfahren, als um einem groessern Uebel vorzubauen. Der
+Sklavenhaendler will mit diesem Maedchen unverzueglich auf einen auswaertigen
+Markt: und der Bruder will dem Maedchen nach; will lieber sein Vaterland
+verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren.[3]
+Noch erfaehrt Aeschinus zu rechter Zeit diesen Entschluss. Was soll er tun?
+Er bemaechtiget sich in der Geschwindigkeit des Maedchens und bringt sie in
+das Haus seines Oheims, um diesem guetigen Manne den ganzen Handel zu
+entdecken. Denn das Maedchen ist zwar entfuehrt, aber sie muss ihrem
+Eigentuemer doch bezahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand und
+freuet sich nicht sowohl ueber die Tat der jungen Leute, als ueber die
+bruederliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und ueber das Vertrauen,
+welches sie auf ihn dabei setzen wollen. Das Groesste ist geschehen; warum
+sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufuegen, ihnen einen vollkommen
+vergnuegten Tag zu machen?
+
+ --Argentum adnumeravit illico:
+ Dedit praeterea in sumptum dimidium minae.
+
+Hat er dem Ktesipho das Maedchen gekauft, warum soll er ihm nicht
+verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnuegen? Da ist nach den
+alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit
+widerspraeche.
+
+Aber nicht so in unsern "Bruedern"! Das Haus des guetigen Vaters wird auf
+das ungeziemendste gemissbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich
+gar mit seiner Genehmigung. Citalise ist eine weit unanstaendigere Person,
+als selbst jene Psaltria; und unser Ktesipho will sie gar heiraten. Wenn
+das der Terenzische Ktesipho mit seiner Psaltria vorgehabt haette, so
+wuerde sich der Terenzische Micio sicherlich ganz anders dabei genommen
+haben. Er wuerde Citalisen die Tuere gewiesen und mit dem Vater die
+kraeftigsten Mittel verabredet haben, einen sich so straeflich
+emanzipierenden Burschen im Zaume zu halten.
+
+Ueberhaupt ist der deutsche Ktesipho von Anfang viel zu verderbt
+geschildert, und auch hierin ist unser Verfasser von seinem Muster
+abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer Grausen, wo er sich mit seinem
+Vetter ueber seinen Vater unterhaelt.[4]
+
+"Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe,
+die du deinem Vater schuldig bist?
+
+Lykast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir
+verlangen.
+
+Leander. Er sollte sie nicht verlangen?
+
+Lykast. Nein, gewiss nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb.
+Ich muesste es luegen, wenn ich es sagen wollte.
+
+Leander. Unmenschlicher Sohn! Du bedenkst nicht, was du sagst.
+Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst
+du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal;
+hernach will ich dich fragen.
+
+Lykast. Hm! Ich weiss nun eben nicht, was da geschehen wuerde. Auf
+allen Fall wuerde ich wohl auch so gar unrecht nicht tun. Denn ich
+glaube, er wuerde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast
+taeglich zu mir: 'Wenn ich dich nur los waere! wenn du nur weg waerest!'
+Heisst das Liebe? Kannst du verlangen, dass ich ihn wieder lieben soll?"
+
+Auch die strengste Zucht muesste ein Kind zu so unnatuerlichen Gesinnungen
+nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgendeiner Ursache, faehig ist,
+verdienst nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des
+ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so
+muessen jenes Ausschweifungen kein grundboeses Herz verraten; es muessen
+nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche
+Unbedachtsamkeiten, Torheiten des Kitzels und Mutwillens sein. Nach
+diesem Grundsatze haben Menander und Terenz ihren Ktesipho geschildert.
+So streng ihn sein Vater haelt, so entfaehrt ihm doch nie das geringste
+boese Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen koennte, macht
+er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er moechte seiner Liebe gern
+wenigstens ein paar Tage ruhig geniessen; er freuet sich, dass der Vater
+wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wuenscht, dass er sich
+damit so abmatten,--so abmatten moege, dass er ganze drei Tage nicht aus
+dem Bette koenne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusatze:
+
+ --utinam quidem
+ Quod cum salute ejus fiat, ita se defatigarit velim,
+ Ut triduo hoc perpetuo prorsum e lecto nequeat surgere.
+
+Quod cum salute ejus fiat! Nur muesste es ihm weiter nicht schaden!--So
+recht! so recht, liebenswuerdiger Juengling! Immer geh, wohin dich Freunde
+und Liebe rufen! Fuer dich druecken wir gern ein Auge zu! Das Boese, das du
+begehst, wird nicht sehr boese sein! Du hast einen strengern Aufseher in
+dir, als selbst dein Vater ist!--Und so sind mehrere Zuege in der Szene,
+aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktesipho ist ein
+abgefeimter Bube, dem Luegen und Betrug sehr gelaeufig sind: der roemische
+hingegen ist in der aeussersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch
+den er seine Abwesenheit bei seinem Vater rechtfertigen koennte.
+
+ Rogabit me: ubi fuerim? quem ego hodie toto non vidi die.
+ Quid dicam? SY. Nil ne in mentem venit? CT. Nunquam quicquam.
+ SY. Tanto nequior.
+ Cliens, amicus, hospes, nemo est vobis? CT. Sunt, quid postea?
+ SY. Hisce opera ut data sit? CT. Quae non data sit? Non potest
+ fieri!
+
+Dieses naive, aufrichtige: quae non data sit! Der gute Juengling sucht
+einen Vorwand; und der schalkische Knecht schlaegt ihm eine Luege vor. Eine
+Luege! Nein, das geht nicht: non potest fieri!
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Aufz. I., Auftr. 3. S. 18.
+
+[2] Seite 30.
+
+[3] Act. II. Sc. 4.
+
+ Ae. Hoc mihi dolet, nos paene sero scisse: et paene in eum locum
+ Rediisse, ut si omnes cuperent, nihil tibi possent auxiliarier.
+ Ct. Pudebat. Ae. Ah, stultitia est istaec; non pudor, tam ob
+ parvulam
+ Rem paene e patria: turpe dictu. Deos quaeso ut istaec prohibeant.
+
+1. Erster Aufz., 6. Auftr.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Neunundneunzigstes Stueck
+Den 12. April 1768
+
+Sonach hatte Terenz auch nicht noetig, uns seinen Ktesipho am Ende des
+Stuecks beschaemt, und durch die Beschaemung auf dem Wege der Besserung, zu
+zeigen. Wohl aber musste dieses unser Verfasser tun. Nur fuerchte ich, dass
+der Zuschauer die kriechende Reue und die furchtsam Unterwerfung eines so
+leichtsinnigen Buben nicht fuer sehr aufrichtig halten kann. Ebensowenig
+als die Gemuetsaenderung seines Vaters. Beider Umkehrung ist so wenig in
+ihrem Charakter gegruendet, dass man das Beduerfnis des Dichters, sein Stueck
+schliessen zu muessen, und die Verlegenheit, es auf eine bessere Art zu
+schliessen, ein wenig zu sehr darin empfindet.--Ich weiss ueberhaupt nicht,
+woher so viele komische Dichter die Regel genommen haben, dass der Boese
+notwendig am Ende des Stuecks entweder bestraft werden oder sich bessern
+muesse. In der Tragoedie moechte diese Regel noch eher gelten; sie kann uns
+da mit dem Schicksale versoehnen und Murren in Mitleid kehren. Aber in der
+Komoedie, denke ich, hilft sie nicht allein nichts, sondern sie verdirbt
+vielmehr vieles. Wenigstens macht sie immer den Ausgang schielend und
+kalt und einfoermig. Wenn die verschiednen Charaktere, welche ich in eine
+Handlung verbinde, nur diese Handlung zu Ende bringen, warum sollen sie
+nicht bleiben, wie sie waren? Aber freilich muss die Handlung sodann in
+etwas mehr, als in einer blossen Kollision der Charaktere bestehen. Diese
+kann allerdings nicht anders, als durch Nachgebung und Veraenderung des
+einen Teiles dieser Charaktere geendet werden; und ein Stueck, das wenig
+oder nichts mehr hat als sie, naehert sich nicht sowohl seinem Ziele,
+sondern schlaeft vielmehr nach und nach ein. Wenn hingegen jene Kollision,
+die Handlung mag sich ihrem Ende naehern soviel als sie will, dennoch
+gleich stark fortdauert: so begreift man leicht, dass das Ende ebenso
+lebhaft und unterhaltend sein kann, als die Mitte nur immer war. Und das
+ist gerade der Unterschied, der sich zwischen dem letzten Akte des Terenz
+und dem letzten unsers Verfassers befindet. Sobald wir in diesem hoeren,
+dass der strenge Vater hinter die Wahrheit gekommen: so koennen wir uns das
+uebrige alles an den Fingern abzaehlen; denn es ist der fuenfte Akt. Er wird
+anfangs poltern und toben; bald darauf wird er sich besaenftigen lassen,
+wird sein Unrecht erkennen und so werden wollen, dass er nie wieder zu
+einer solchen Komoedie den Stoff geben kann: desgleichen wird der
+ungeratene Sohn kommen, wird abbitten, wird sich zu bessern versprechen;
+kurz, alles wird ein Herz und eine Seele werden. Den hingegen will ich
+sehen, der in dem fuenften Akte des Terenz die Wendungen des Dichters
+erraten kann! Die Intrige ist laengst zu Ende, aber das fortwaehrende Spiel
+der Charaktere laesst es uns kaum bemerken, dass sie zu Ende ist. Keiner
+veraendert sich; sondern jeder schleift nur dem andern ebensoviel ab, als
+noetig ist, ihn gegen den Nachteil des Exzesses zu verwahren. Der
+freigebige Micio wird durch das Manoever des geizigen Demea dahin
+gebracht, dass er selbst das Uebermass in seinem Bezeigen erkennst,
+und fragt:
+
+Quod proluvium? quae istaec subita est largitas?
+
+So wie umgekehrt der strenge Demea durch das Manoever des nachsichtsvollen
+Micio endlich erkennet, dass es nicht genug ist, nur immer zu tadeln und
+zu bestrafen, sondern es auch gut sei, obsecundare in loco.--
+
+Noch eine einzige Kleinigkeit will ich erinnern, in welcher unser
+Verfasser sich, gleichfalls zu seinem eigenen Nachteile, von seinem
+Muster entfernt hat.
+
+Terenz sagt es selbst, dass er in die "Brueder" des Menanders eine Episode
+aus einem Stuecke des Diphilus uebertragen, und so seine "Brueder"
+zusammengesetzt habe. Diese Episode ist die gewaltsame Entfuehrung der
+Psaltria durch den Aeschinus: und das Stueck des Diphilus hiess: "Die
+miteinander Sterbenden".
+
+ Synapothnescontes Diphili comoedia est--
+ In Graeca adolescens est, qui lenoni eripit
+ Meretricem in prima fabula--
+ --eum hic locum sumpsit sibi
+ In Adelphos--
+
+Nach diesen beiden Umstaenden zu urteilen, mochte Diphilus ein Paar
+Verliebte aufgefuehret haben, die fest entschlossen waren, lieber
+miteinander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weiss, was
+geschehen waere, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel
+geschlagen und das Maedchen fuer den Liebhaber mit Gewalt entfuehrt haette?
+Den Entschluss, miteinander zu sterben, hat Terenz in den blossen Entschluss
+des Liebhabers, dem Maedchen nachzufliehen und Vater und Vaterland um sie
+zu verlassen, gemildert. Donatus sagt dieses ausdruecklich: Menander mori
+illum voluisse fingit, Terentius fugere. Aber sollte es in dieser Note
+des Donatus nicht Diphilus anstatt Menander heissen? Ganz gewiss; wie Peter
+Nannius dieses schon angemerkt hat.[1] Denn der Dichter, wie wir gesehen,
+sagt es ja selbst, dass er diese ganze Episode von der Entfuehrung nicht
+aus dem Menander, sondern aus dem Diphilus entlehnet habe; und das Stueck
+des Diphilus hatte von dem Sterben sogar seinen Titel.
+
+Indes muss freilich, anstatt dieser von dem Diphilus entlehnten
+Entfuehrung, in dem Stuecke des Menanders eine andere Intrige gewesen sein,
+an der Aeschinus gleicherweise fuer den Ktesipho Anteil nahm, und wodurch
+er sich bei seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende
+ihre Verbindung so gluecklich beschleunigte. Worin diese eigentlich
+bestanden, duerfte schwer zu erraten sein. Sie mag aber bestanden haben,
+worin sie will: so wird sie doch gewiss ebensowohl gleich vor dem Stuecke
+vorhergegangen sein, als die vom Terenz dafuer gebrauchte Entfuehrung. Denn
+auch sie muss es gewesen sein, wovon man noch ueberall sprach, als Demea in
+die Stadt kam; auch sie muss die Gelegenheit und der Stoff gewesen sein,
+worueber Demea gleich anfangs mit seinem Bruder den Streit beginnet, in
+welchem sich beider Gemuetsarten so vortrefflich entwickeln.
+
+ --Nam illa, quae antehac facta sunt
+ Omitto: modo quid designavit?--
+ Fores effregit, atque in aedes irruit
+ Alienas--
+ --clamant omnes, indignissime
+ Factum esse. Hoc advenienti quot mihi, Micio,
+ Dixere? in ore est omni populo--
+
+Nun habe ich schon gesagt, dass unser Verfasser diese gewaltsame
+Entfuehrung in eine kleine Schlaegerei verwandelt hat. Er mag auch seine
+guten Ursachen dazu gehabt haben; wenn er nur diese Schlaegerei selbst
+nicht so spaet haette geschehen lassen. Auch sie sollte und muesste das sein,
+was den strengen Vater aufbringt. So aber ist er schon aufgebracht, ehe
+sie geschieht, und man weiss gar nicht worueber? Er tritt auf und zankt,
+ohne den geringsten Anlass. Er sagt zwar: "Alle Leute reden von der
+schlechten Auffuehrung deines Sohnes; ich darf nur einmal den Fuss in die
+Stadt setzen, so hoere ich mein blaues Wunder." Aber was denn die Leute
+eben itzt reden; worin das blaue Wunder bestanden, das er eben itzt
+gehoert und worueber er ausdruecklich mit seinem Bruder zu zanken koemmt, das
+hoeren wir nicht und koennen es auch aus dem Stuecke nicht erraten. Kurz,
+unser Verfasser haette den Umstand, der den Demea in Harnisch bringt, zwar
+veraendern koennen, aber er haette ihn nicht versetzen muessen! Wenigstens,
+wenn er ihn versetzen wollen, haette er den Demea im ersten Akte seine
+Unzufriedenheit mit der Erziehungsart seines Bruders nur nach und nach
+muessen aeussern, nicht aber auf einmal damit herausplatzen lassen.--
+
+Moechten wenigstens nur diejenigen Stuecke des Menanders auf uns gekommen
+sein, welche Terenz genutzet hat! Ich kann mir nichts Unterrichtenderes
+denken, als eine Vergleichung dieser griechischen Originale mit den
+lateinischen Kopien sein wuerde.
+
+Denn gewiss ist es, dass Terenz kein blosser sklavischer Uebersetzer gewesen.
+Auch da, wo er den Faden des Menandrischen Stueckes voellig beibehalten,
+hat er sich noch manchen kleinen Zusatz, manche Verstaerkung oder
+Schwaechung eines und des andern Zuges erlaubt; wie uns deren verschiedne
+Donatus in seinen Scholien angezeigt. Nur schade, dass sich Donatus immer
+so kurz und oefters so dunkel darueber ausdrueckt (weil zu seiner Zeit die
+Stuecke des Menanders noch selbst in jedermanns Haenden waren), dass es
+schwer wird, ueber den Wert oder Unwert solcher Terenzischen Kuensteleien
+etwas Zuverlaessiges zu sagen. In den "Bruedern" findet sich hiervon ein
+sehr merkwuerdiges Exempel.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Sylloge v. Miscell. cap. 10. Videat quaeso accuratus lector, num pro
+Menandro legendum sit Diphilus. Certe vel tota Comoedia, vel pars istius
+argumenti, quod hic tractatur, ad verbum e Diphilo translata est.--Ita
+cum Diphili comoedia a commoriendo nomen habeat, et ibi dicatur
+adolescens mori voluisse, quod Terentius in fugere mutavit: omnino
+adducor, eam imitationem a Diphilo, non a Menandro mutuatam esse, et ex
+eo commoriendi cum puella studio [Greek: synapothnaeskontes] nomen
+fabulae inditum esse.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Hundertstes Stueck
+Den 15. April 1768
+
+Demea, wie schon angemerkt, will im fuenften Akte dem Micio eine Lektion
+nach seiner Art geben. Er stellt sich lustig, um die andern wahre
+Ausschweifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er spielt den
+Freigebigen, aber nicht aus seinem, sondern aus des Bruders Beutel; er
+moechte diesen lieber auf einmal ruinieren, um nur das boshafte Vergnuegen
+zu haben, ihm am Ende sagen zu koennen: "Nun sieh, was du von deiner
+Gutherzigkeit hast!" Solange der ehrliche Micio nur von seinem Vermoegen
+dabei zusetzt, lassen wir uns den haemischen Spass ziemlich gefallen. Aber
+nun koemmt es dem Verraeter gar ein, den guten Hagestolze mit einem alten
+verlebten Muetterchen zu verkoppeln. Der blosse Einfall macht uns anfangs
+zu lachen; wenn wir aber endlich sehen, dass es Ernst damit wird, dass sich
+Micio wirklich die Schlinge ueber den Kopf werfen laesst, der er mit einer
+einzigen ernsthaften Wendung haette ausweichen koennen: wahrlich, so wissen
+wir kaum mehr, auf wen wir ungehaltner sein sollen; ob auf den Demea,
+oder auf den Micio.[1]
+
+"Demea. Jawohl ist das mein Wille! Wir muessen von nun an mit diesen
+guten Leuten nur eine Familie machen; wir muessen ihnen auf alle Weise
+aufhelfen, uns auf alle Art mit ihnen verbinden.--
+
+Aeschinus. Das bitte ich, mein Vater.
+
+Micio. Ich bin gar nicht dagegen.
+
+Demea. Es schickt sich auch nicht anders fuer uns.--Denn erst ist sie
+seiner Frauen Mutter--
+
+Micio. Nun dann?
+
+Demea. Auf die nichts zu sagen; brav, ehrbar--
+
+Micio. So hoere ich.
+
+Demea. Bei Jahren ist sie auch.
+
+Micio. Jawohl.
+
+Demea. Kinder kann sie schon lange nicht mehr haben. Dazu ist
+niemand, der sich um sie bekuemmerte; sie ist ganz verlassen.
+
+Micio. Was will der damit?
+
+Demea. Die musst du billig heiraten, Bruder. Und du (zum Aeschinus)
+musst ja machen, dass er es tut.
+
+Micio. Ich? sie heiraten?
+
+Demea. Du!
+
+Micio. Ich?
+
+Demea. Du! wie gesagt, du!
+
+Micio. Du bist nicht klug.
+
+Demea (zum Aeschinus). Nun zeige, was du kannst! Er muss!
+
+Aeschinus. Mein Vater--
+
+Micio. Wie?--Und du, Geck, kannst ihm noch folgen?
+
+Demea. Du straeubest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders
+sein.
+
+Micio. Du schwaermst.
+
+Aeschinus. Lass dich erbitten, mein Vater.
+
+Micio. Rasest du? Geh!
+
+Demea. Oh, so mach dem Sohne doch die Freude!
+
+Micio. Bist du wohl bei Verstande? Ich, in meinem fuenfundsechzigsten
+Jahre noch heiraten? Und ein altes, verlebtes Weib heiraten? Das
+koennet ihr mir zumuten?
+
+Aeschinus. Tu es immer; ich habe es ihnen versprochen.
+
+Micio. Versprochen gar?--Buerschchen, versprich fuer dich, was du
+versprechen wil1st!
+
+Demea. Frisch! Wenn es nun etwas Wichtigeres waere, warum er dich
+baete?
+
+Micio. Als ob etwas Wichtigeres sein koennte, wie das?
+
+Demea. So willfahre ihm doch nur!
+
+Aeschinus. Sei uns nicht zuwider!
+
+Demea. Fort, versprich!
+
+Micio. Wie lange soll das waehren?
+
+Aeschinus. Bis du dich erbitten lassen.
+
+Micio. Aber das heisst Gewalt brauchen.
+
+Demea. Tu ein uebriges, guter Micio.
+
+Micio. Nun dann;--ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt
+finde; ob es sich schon weder mit der Vernunft noch mit meiner
+Lebensart reimet:--weil ihr doch so sehr darauf besteht; es sei!"
+
+
+"Nein", sagt die Kritik; "das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht
+zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen
+koennte, waere dieses, dass er die nachteiligen Folgen einer uebermaessigen
+Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so
+liebenswuerdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntnis der
+Welt gezeigt, dass diese seine letzte Ausschweifung wider alle
+Wahrscheinlichkeit ist und den feinern Zuschauer notwendig beleidigen
+muss. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise
+zu tadeln!"
+
+Aber welcher Dichter? Terenz? oder Menander? oder beide?--Der neue
+englische Uebersetzer des Terenz, Colman, will den groessern Teil des Tadels
+auf den Menander zurueckschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des
+Donatus beweisen zu koennen, dass Terenz die Ungereimtheit seines Originals
+in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt naemlich:
+Apud Menandrum senex de nuptiis non gravatur. Ergo Terentius euretikon.
+
+"Es ist sehr sonderbar", erklaert sich Colman, "dass diese Anmerkung des
+Donatus so gaenzlich von allen Kunstrichtern uebersehen worden, da sie, bei
+unserm Verluste des Menanders, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit
+verdienet. Unstreitig ist es, dass Terenz in dem letzten Akte dem Plane
+des Menanders gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungereimtheit, den
+Micio mit der alten Mutter zu verheiraten, angenommen, so lernen wir doch
+vom Donatus, dass dieser Umstand ihm selber anstoessig gewesen, und er sein
+Original dahin verbessert, dass er den Micio alle den Widerwillen gegen
+eine solche Verbindung aeussern lassen, den er in dem Stuecke des Menanders,
+wie es scheinet, nicht geaeussert hatte."
+
+Es ist nicht unmoeglich, dass ein roemischer Dichter nicht einmal etwas
+besser koenne gemacht haben, als ein griechischer. Aber der blossen
+Moeglichkeit wegen moechte ich es gern in keinem Falle glauben.
+
+Colman meinet also, die Worte des Donatus. Apud Menandrum senex de
+nuptiis non gravatur, hiessen so viel als: beim Menander straeubet sich der
+Alte gegen die Heirat nicht. Aber wie, wenn sie das nicht hiessen? Wenn
+sie vielmehr zu uebersetzen waeren: beim Menander faellt man dem Alten mit
+der Heirat nicht beschwerlich? Nuptias gravari wuerde zwar allerdings
+jenes heissen: aber auch de nuptiis gravari? In jener Redensart wird
+gravari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja
+wohl das eigentliche Passivum und kann also meine Auslegung nicht allein
+leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie.
+
+Waere aber dieses: wie stuende es dann um den Terenz? Er haette sein
+Original so wenig verbessert, dass er es vielmehr verschlimmert haette; er
+haette die Ungereimtheit mit der Verheiratung des Micio, durch die
+Weigerung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden.
+Terentius euretikon! Aber nur, dass es mit den Erfindungen der Nachahmer
+nicht weit her ist!
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Act. v. Sc. VIII.
+
+ De. Ego vero jubeo, et in hac re, et in aliis omnibus,
+ Quam maxime unam facere nos hanc familiam;
+ Colere, adjuvare, adjungere. Aes. Ita quaeso pater.
+ Mi. Haud aliter censeo. De. Imo hercle ita nobis decet.
+ Primum hujus uxoris est mater. Mi. Quid postea?
+ De. Proba, et modesta. Mi. Ita ajunt. De. Natu grandior.
+ Mi. Scio. De. Parere jam diu haec per annos non potest:
+ Nec qui eam respiciat, quisquam est; sola est. Mi. Quam hic rem
+ agit?
+ De. Hanc te aequum est ducere: et te operam, ut fiat, dare.
+ Mi. Me ducere autem? De. Te. Mi. Me? De. Te inquam. Mi.
+ Ineptis. De. Si tu sis homo,
+ Hic faciat. Aes. Mi pater. Mi. Quid? Tu autem huic, asine,
+ auscultas. De. Nihil agis,
+ Fieri aliter non potest. Mi. Deliras. Aes. Sine te exorem, mi
+ pater.
+ Mi. Insanis, aufer. De. Age, da veniam filio. Mi. Satin' sanus es?
+ Ego novus maritus anno demum quinto et sexagesimo
+ Fiam; atque anum decrepitam ducam? Idne estis auctores mihi?
+ Aes. Fac; promisi ego illis. Mi. Promisti autem? de te largitor
+ puer.
+ De. Age, quid, si quid te majus oret? Mi. Quasi non hoc sit maximum.
+ De. Da veniam. Aes. Ne gravere. De. Fac, promitte. Mi. Non
+ omittis?
+ Aes. Non; nisi te exorem. Mi. Vis est haec quidem. De. Age
+ prolixe Micio.
+ Mi. Etsi hoc mihi pravum, ineptum, absurdum, atque alienum a vita mea
+ Videtur: si vos tantopere istuc vultis. Fiat.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Hundert und erstes, zweites, drittes und viertes Stueck
+Den 19. April 1768
+
+Hundert und erstes bis viertes?--Ich hatte mir vorgenommen, den Jahrgang
+dieser Blaetter nur aus hundert Stuecken bestehen zu lassen. Zweiundfunfzig
+Wochen, und die Woche zwei Stueck, geben zwar allerdings hundertundviere.
+Aber warum sollte, unter allen Tagewerkern, dem einzigen woechentlichen
+Schriftsteller kein Feiertag zustatten kommen? Und in dem ganzen Jahre
+nur viere: ist ja so wenig!
+
+Doch Dodsley und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen,
+ausdruecklich hundert und vier Stueck versprochen. Ich werde die guten
+Leute schon nicht zu Luegnern machen muessen.
+
+Die Frage ist nur, wie fange ich es am besten an?--Der Zeug ist schon
+verschnitten: ich werde einflicken oder recken muessen.--Aber das klingt
+so stuempermaessig. Mir faellt ein,--was mir gleich haette einfallen sollen:
+die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstellung ein kleines
+Nachspiel folgen zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will,
+und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Verbindung zu
+stehen.--So ein Nachspiel dann mag die Blaetter nun fuellen, die ich mir
+ganz ersparen wollte.
+
+Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel
+einen Prolog haben duerfen, der sich mit einem Poeta, cum primum animum ad
+scribendum appulit, anfinge?
+
+Als, vor Jahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen
+Versuch zu machen, ob nicht fuer das deutsche Theater sich etwas mehr tun
+lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Prinzipals geschehen
+koenne: so weiss ich nicht, wie man auf mich dabei fiel und sich traeumen
+liess, dass ich bei diesem Unternehmen wohl nuetzlich sein koennte?--Ich
+stand eben am Markte und war muessig; niemand wollte mich dingen: ohne
+Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wusste; bis gerade auf diese
+Freunde!--Noch sind mir in meinem Leben alle Beschaeftigungen sehr
+gleichgueltig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur
+erboten; aber auch die geringfuegigste nicht von der Hand gewiesen, zu der
+ich mich aus einer Art von Praedilektion erlesen zu sein glauben konnte.
+
+Ob ich zur Aufnahme des hiesigen Theaters konkurrieren wolle? darauf war
+also leicht geantwortet. Alle Bedenklichkeiten waren nur die: ob ich es
+koenne? und wie ich es am besten koenne?
+
+Ich bin weder Schauspieler noch Dichter.
+
+Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich fuer den letztern zu
+erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen
+Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern.
+Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist
+ein Maler. Die aeltesten von jenen Versuchen sind in den Jahren
+hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern fuer Genie
+haelt. Was in den neuerern Ertraegliches ist, davon bin ich mir sehr
+bewusst, dass ich es einzig und allein der Kritik zu verdanken habe. Ich
+fuehle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich
+emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen
+Strahlen aufschiesst: ich muss alles durch Druckwerk und Roehren aus mir
+heraufpressen. Ich wuerde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich
+nicht einigermassen gelernt haette, fremde Schaetze bescheiden zu borgen, an
+fremdem Feuer mich zu waermen und durch die Glaeser der Kunst mein Auge zu
+staerken. Ich bin daher immer beschaemt oder verdruesslich geworden, wenn ich
+zum Nachteil der Kritik etwas las oder hoerte. Sie soll das Genie
+ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem
+Genie sehr nahe koemmt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmaehschrift auf die
+Kruecke unmoeglich erbauen kann.
+
+Doch freilich; wie die Kruecke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte
+zum andern zu bewegen, aber ihn nicht zum Laeufer machen kann: so auch die
+Kritik. Wenn ich mit ihrer Hilfe etwas zustande bringe, welches besser
+ist, als es einer von meinen Talenten ohne Kritik machen wuerde: so kostet
+es mich so viel Zeit, ich muss von andern Geschaeften so frei, von
+unwillkuerlichen Zerstreuungen so ununterbrochen sein, ich muss meine ganze
+Belesenheit so gegenwaertig haben, ich muss bei jedem Schritte alle
+Bemerkungen, die ich jemals ueber Sitten und Leidenschaften gemacht, so
+ruhig durchlaufen koennen; dass zu einem Arbeiter, der ein Theater mit
+Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter sein
+kann, als ich.
+
+Was Goldoni fuer das italienische Theater tat, der es in einem Jahre mit
+dreizehn neuen Stuecken bereicherte, das muss ich fuer das deutsche zu tun
+folglich bleiben lassen. Ja, das wuerde ich bleiben lassen, wenn ich es
+auch koennte. Ich bin misstrauischer gegen alle erste Gedanken, als De la
+Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch
+schon nicht fuer Eingebungen des boesen Feindes, weder des eigentlichen
+noch des allegorischen, halte:[1] so denke ich doch immer, dass die ersten
+Gedanken die ersten sind, und dass das Beste auch nicht einmal in allen
+Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiss kein
+Haar besser, als jedermanns erste Gedanken: und mit jedermanns Gedanken
+bleibt man am kluegsten zu Hause.
+
+--Endlich fiel man darauf, selbst das, was mich zu einem so langsamen,
+oder, wie es meinen ruestigem Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht,
+selbst das an mir nutzen zu wollen: die Kritik. Und so entsprang die Idee
+zu diesem Blatte.
+
+Sie gefiel mir, diese Idee. Sie erinnerte mich an die Didaskalien der
+Griechen, d.I. an die kurzen Nachrichten, dergleichen selbst Aristoteles
+von den Stuecken der griechischen Buehne zu schreiben der Muehe wert
+gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal ueber den
+grundgelehrten Casaubonus bei mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer
+Hochachtung fuer das Solide in den Wissenschaften, einbildete, dass es dem
+Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bei seinen
+Didaskalien zu tun gewesen.[2]--Wahrhaftig, es waere auch eine ewige
+Schande fuer den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Wert der
+Stuecke, mehr um ihren Einfluss auf die Sitten, mehr um die Bildung des
+Geschmacks darin bekuemmert haette, als um die Olympiade, als um das Jahr
+der Olympiade, als um die Namen der Archonten, unter welchen sie zuerst
+aufgefuehret worden!
+
+Ich war schon willens, das Blatt selbst "Hamburgische Didaskalien" zu
+nennen. Aber der Titel klang mir allzu fremd, und nun ist es mir sehr
+lieb, dass ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie
+bringen oder nicht bringen wollte, das stand bei mir: wenigstens hatte
+mir Lione Allacci desfalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine
+Didaskalie aussehen muesse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch
+nur aus den noch vorhandenen Didaskalien des Terenz waere, die eben dieser
+Casaubonus breviter et eleganter scriptas nennt. Ich hatte weder Lust,
+meine Didaskalien so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere
+itztlebende Casauboni wuerden die Koepfe trefflich geschuettelt haben, wenn
+sie gefunden haetten, wie selten ich irgendeines chronologischen Umstandes
+gedenke, der kuenftig einmal, wenn Millionen anderer Buecher
+verlorengegangen waeren, auf irgendein historisches Faktum einiges Licht
+werfen koennte. In welchem Jahre Ludewigs des Vierzehnten, oder Ludewigs
+des Funfzehnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der
+Prinzen vom Gebluete, oder nicht der Prinzen vom Gebluete, dieses oder
+jenes franzoesische Meisterstueck zuerst aufgefuehret worden: das wuerden sie
+bei mir gesucht und zu ihrem grossen Erstaunen nicht gefunden haben.
+
+Was sonst diese Blaetter werden sollten, darueber habe ich mich in der
+Ankuendigung erklaeret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser
+wissen. Nicht voellig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas
+anderes; aber doch, denk' ich, nichts Schlechteres.
+
+"Sie sollten jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters
+als des Schauspielers hier tun wuerde."
+
+Die letztere Haelfte bin ich sehr bald ueberdruessig geworden. Wir haben
+Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn es vor Alters eine solche
+Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muss
+ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwaetze darueber hat
+man in verschiedenen Sprachen genug: aber spezielle, von jedermann
+erkannte, mit Deutlichkeit und Praezision abgefasste Regeln, nach welchen
+der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen
+sei, deren wuesste ich kaum zwei oder drei. Daher koemmt es, dass alles
+Raisonnement ueber diese Materie immer so schwankend und vieldeutig
+scheinet, dass es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts
+als eine glueckliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget
+findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zuviel
+glauben: ja oefters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln
+oder loben wollen. Ueberhaupt hat man die Anmerkung schon laengst gemacht,
+dass die Empfindlichkeit der Kuenstler, in Ansehung der Kritik, in eben dem
+Verhaeltnisse steigt, in welchem die Gewissheit und Deutlichkeit und Menge
+der Grundsaetze ihrer Kuenste abnimmt.--So viel zu meiner, und selbst zu
+deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen haette.
+
+Aber die erstere Haelfte meines Versprechens? Bei dieser ist freilich das
+Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen,--und wie haette es
+auch koennen? Die Schranken sind noch kaum geoeffnet, und man wollte die
+Wettlaeufer lieber schon bei dem Ziele sehen; bei einem Ziele, das ihnen
+alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das
+Publikum fragt, was ist denn nun geschehen? und mit einem hoehnischen
+Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum: und was hat denn das
+Publikum getan, damit etwas geschehen koennte? Auch nichts; ja noch etwas
+Schlimmers, als nichts. Nicht genug, dass es das Werk nicht allein nicht
+befoerdert: es hat ihm nicht einmal seinen natuerlichen Lauf gelassen.
+--Ueber den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu
+verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von
+der politischen Verfassung, sondern bloss von dem sittlichen Charakter.
+Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen eigenen haben zu wollen. Wir
+sind noch immer die geschwornen Nachahmer alles Auslaendischen, besonders
+noch immer die untertaenigen Bewunderer der nie genug bewunderten
+Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rheine koemmt, ist schoen,
+reizend, allerliebst, goettlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehoer,
+als dass wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit fuer
+Ungezwungenheit, Frechheit fuer Grazie, Grimasse fuer Ausdruck, ein
+Geklingle von Reimen fuer Poesie, Geheule fuer Musik uns einreden lassen,
+als im geringsten an der Superioritaet zweifeln, welche dieses
+liebenswuerdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst
+sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schoen und erhaben
+und anstaendig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Anteile
+erhalten hat.--
+
+Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die naehere Anwendung
+desselben koennte leicht so bitter werden, dass ich lieber davon abbreche.
+
+Ich war also genoetiget, anstatt der Schritte, welche die Kunst des
+dramatischen Dichters hier wirklich koennte getan haben, mich bei denen zu
+verweilen, die sie vorlaeufig tun muesste, um sodann mit eins ihre Bahn mit
+desto schnellern und groessern zu durchlaufen. Es waren die Schritte,
+welche ein Irrender zurueckgehen muss, um wieder auf den rechten Weg zu
+gelangen und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen.
+
+Seines Fleisses darf sich jedermann ruehmen: ich glaube, die dramatische
+Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig,
+die sie ausueben. Auch habe ich sie so weit ausgeuebet, als es noetig ist,
+um mitsprechen zu duerfen: denn ich weiss wohl, so wie der Maler sich von
+niemanden gern tadeln laesst, der den Pinsel ganz und gar nicht zu fuehren
+weiss, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er
+bewerkstelligen muss, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen
+vermag, doch urteilen, ob es sich machen laesst. Ich verlange auch nur eine
+Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmasst, der, wenn er nicht dem
+oder jenem Auslaender nachplaudern gelernt haette, stummer sein wuerde, als
+ein Fisch.
+
+Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Was
+mich also versichert, dass mir dergleichen nicht begegnet sei, dass ich das
+Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, dass ich es
+vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzaehligen
+Meisterstuecken der griechischen Buehne abstrahieret hat. Ich habe von dem
+Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen meine
+eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitlaeufigkeit nicht aeussern koennte.
+Indes steh' ich nicht an, zu bekennen (und sollte ich in diesen
+erleuchteten Zeiten auch darueber ausgelacht werden!), dass ich sie fuer ein
+ebenso unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklides nur immer
+sind. Ihre Grundsaetze sind ebenso wahr und gewiss, nur freilich nicht so
+fasslich, und daher mehr der Schikane ausgesetzt, als alles, was diese
+enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragoedie, als ueber die uns
+die Zeit so ziemlich alles daraus goennen wollen, unwidersprechlich zu
+beweisen, dass sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt
+entfernen kann, ohne sich ebensoweit von ihrer Vollkommenheit zu
+entfernen.
+
+
+----Fussnote
+
+[1] An opinion John de la Casa, archbishop of Benevento, was afflicted
+with--which opinion was,--that whenever a Christian was writing a book
+(not for his private amusement, but) where his intent and purpose was
+bona fide, to print and publish it to the world, his first thoughts were
+always the temptations of the evil one.--My father was hugely pleased
+with this theory of John de la Casa; and (had it not cramped him a little
+in his creed) I believe would have given ten of the best acres in the
+Shandy estate, to have been the broacher of it;--but as he could not have
+the honour of it in the litteral sense of the doctrine, he took up with
+the allegory of it. Prejudice of education, he would say, is the devil
+etc. ("Life and Op. of Tristram Shandy", Vol. V. p. 74.)
+
+[2] ("Animadv. in Athenaeum Libr." VI. cap. 7.) Didaskalia accipitur pro
+eo scripto, quo explicatur ubi, quando, quomodo et quo eventu fabula
+aliqua fuerit acta.--Quantum critici hac diligentia veteres chronologos
+adjuverint, soli aestimabunt illi, qui norunt quam infirma et tenuia
+praesidia habuerint, qui ad ineundam fugacis temporis rationem primi
+animum appulerunt. Ego non dubito, eo potissimum spectasse Aristotelem,
+cum Didaskalias suas componeret.--
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Nach dieser Ueberzeugung nahm ich mir vor, einige der beruehmtesten Muster
+der franzoesischen Buehne ausfuehrlich zu beurteilen. Denn diese Buehne soll
+ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet sein; und besonders hat man
+uns Deutsche bereden wollen, dass sie nur durch diese Regeln die Stufe der
+Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Buehnen aller neuern
+Voelker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so fest
+geglaubt, dass bei unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, ebensoviel
+gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten.
+
+Indes konnte das Vorurteil nicht ewig gegen unser Gefuehl bestehen. Dieses
+ward, gluecklicherweise, durch einige englische Stuecke aus seinem
+Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, dass die
+Tragoedie noch einer ganz andern Wirkung faehig sei, als ihr Corneille und
+Racine zu erteilen vermocht. Aber geblendet von diesem ploetzlichen
+Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes
+zurueck. Den englischen Stuecken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln,
+mit welchen uns die franzoesischen so bekannt gemacht hatten. Was schloss
+man daraus? Dieses: dass sich auch ohne diese Regeln der Zweck der
+Tragoedie erreichen lasse; ja, dass diese Regeln wohl gar schuld sein
+koennten, wenn man ihn weniger erreiche.
+
+Und das haette noch hingehen moegen!--Aber mit diesen Regeln fing man an,
+alle Regeln zu vermengen und es ueberhaupt fuer Pedanterei zu erklaeren, dem
+Genie vorzuschreiben, was es tun, und was es nicht tun muesse. Kurz, wir
+waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit mutwillig
+zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, dass jeder die
+Kunst aufs neue fuer sich erfinden solle.
+
+Ich waere eitel genug, mir einiges Verdienst um unser Theater beizumessen,
+wenn ich glauben duerfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese
+Gaerung des Geschmacks zu hemmen. Darauf losgearbeitet zu haben, darf ich
+mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner sein lassen,
+als den Wahn von der Regelmaessigkeit der franzoesischen Buehne zu
+bestreiten. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr
+verkannt, als die Franzosen. Einige beilaeufige Bemerkungen, die sie ueber
+die schicklichste aeussere Einrichtung des Drama bei dem Aristoteles
+fanden, haben sie fuer das Wesentliche angenommen und das Wesentliche
+durch allerlei Einschraenkungen und Deutungen dafuer so entkraeftet, dass
+notwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit
+unter der hoechsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln
+kalkuliert hatte.
+
+Ich wage es, hier eine Aeusserung zu tun, mag man sie doch nehmen, wofuer
+man will!--Man nenne mir das Stueck des grossen Corneille, welches ich
+nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette?--
+
+Doch nein; ich wollte nicht gern, dass man diese Aeusserung fuer Prahlerei
+nehmen koenne. Man merke also wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es
+zuverlaessig besser machen,--und doch lange kein Corneille sein,--und doch
+lange noch kein Meisterstueck gemacht haben. Ich werde es zuverlaessig
+besser machen;--und mir doch wenig darauf einbilden duerfen. Ich werde
+nichts getan haben, als was jeder tun kann,--der so fest an den
+Aristoteles glaubet, wie ich.
+
+Eine Tonne, fuer unsere kritische Walfische! Ich freue mich im voraus, wie
+trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein fuer sie
+ausgeworfen; besonders fuer den kleinen Walfisch in dem Salzwasser
+zu Halle!--
+
+Und mit diesem Uebergange,--sinnreicher muss er nicht sein,--mag denn der
+Ton des ernsthaftem Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu
+ich diese letztern Blaetter bestimmte. Wer haette mich auch sonst erinnern
+koennen, dass es Zeit sei, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben
+der Hr. Stl., welcher in der deutschen Bibliothek des Hrn. Gemeimerat
+Klotz den Inhalt desselben bereits angekuendiget hat?[1]--
+
+Aber was bekoemmt denn der schnakische Mann in dem bunten Jaeckchen, dass er
+so dienstfertig mit seiner Trommel ist? Ich erinnere mich nicht, dass ich
+ihm etwas dafuer versprochen haette. Er mag wohl bloss zu seinem Vergnuegen
+trommeln; und der Himmel weiss, wo er alles her hat, was die liebe Jugend
+auf den Gassen, die ihm mit einem bewundernden Ah! nachfolgt, aus der
+ersten Hand von ihm zu erfahren bekommt. Er muss einen Wahrsagergeist
+haben, trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer haette es ihm
+sonst sagen koennen, dass der Verfasser der Dramaturgie auch mit der
+Verleger derselben ist? Wer haette ihm sonst die geheimen Ursachen
+entdecken koennen, warum ich der einen Schauspielerin eine sonore Stimme
+beigelegt und das Probestueck einer andern so erhoben habe? Ich war
+freilich damals in beide verliebt: aber ich haette doch nimmermehr
+geglaubt, dass es eine lebendige Seele erraten sollte. Die Damen koennen es
+ihm auch unmoeglich selbst gesagt haben: folglich hat es mit dem
+Wahrsagergeiste seine Richtigkeit. Ja, weh uns armen Schriftstellern,
+wenn unsere hochgebietende Herren, die Journalisten und
+Zeitungsschreiber, mit solchen Kaelbern pfluegen wollen! Wenn sie zu ihren
+Beurteilungen, ausser ihrer gewoehnlichen Gelehrsamkeit und
+Scharfsinnigkeit, sich aus noch solcher Stueckchen aus der geheimsten
+Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen?
+
+"Ich wuerde", schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolds, "auch
+den zweiten Band der Dramaturgie anzeigen koennen, wenn nicht die
+Abhandlung wider die Buchhaendler dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als
+dass er das Werk bald beschliessen koennte."
+
+Man muss auch einen Kobold nicht zum Luegner machen wollen, wenn er es
+gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das boese Ding dem
+guten Stl. hier eingeblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Ich
+wollte meinen Lesern erzaehlen, warum dieses Werk so oft unterbrochen
+worden; warum in zwei Jahren erst, und noch mit Muehe, so viel davon
+fertig geworden, als auf ein Jahr versprochen war. Ich wollte mich ueber
+den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen,
+es in seiner Geburt zu ersticken. Ich wollte ueber die nachteiligen Folgen
+des Nachdrucks ueberhaupt einige Betrachtungen anstellen. Ich wollte das
+einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. Aber, das waere ja sonach
+keine Abhandlung wider die Buchhaendler geworden? Sondern vielmehr, fuer
+sie: wenigstens, der rechtschaffenen Maenner unter ihnen; und es gibt
+deren. Trauen Sie, mein Herr Stl., Ihrem Kobolde also nicht immer so
+ganz! Sie sehen es: was solch Geschmeiss des boesen Feindes von der Zukunft
+noch etwa weiss, das weiss es nur halb.--
+
+Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich
+nicht weise duenke. Denn eben dieser Mund sagt: Antworte dem Narren nicht
+nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist:
+antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, dass die Sache selbst darueber
+vergessen wird; als wodurch du ihm gleich werden wuerdest. Und so wende
+ich mich wieder an meinen ernsthaften Leser, den ich dieser Possen wegen
+ernstlich um Vergebung bitte.
+
+Es ist die lautere Wahrheit, dass der Nachdruck, durch den man diese
+Blaetter gemeinnuetziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich
+ihre Ausgabe bisher so verzoegert hat, und warum sie nun gaenzlich
+liegenbleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierueber sage, erlaube man mir, den
+Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die
+Unkosten dazu hergegeben, in Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen
+ansehnlichen Teil derselben wieder zu erhalten. Ich verliere nichts
+dabei, dass diese Hoffnung fehlschlaegt. Auch bin ich gar nicht ungehalten
+darueber, dass ich den zur Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an
+den Mann bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge ebenso gern
+wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Konsorten wuenschen ohnedem, dass
+ich sie nie angelegt haette; und es wird sich leicht einer unter ihnen
+finden, der das Tageregister einer misslungenen Unternehmung bis zu Ende
+fuehret und mir zeiget, was fuer einen periodischen Nutzen ich einem
+solchen periodischen Blatte haette erteilen koennen und sollen.
+
+Denn ich will und kann es nicht bergen, dass diese letzten Bogen fast ein
+Jahr spaeter niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der suesse
+Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gruenden, ist schon wieder
+verschwunden: und soviel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, duerfte er
+auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spaetesten in Erfuellung
+gehen wird.
+
+Aber auch das kann mir sehr gleichgueltig sein!--Ich moechte ueberhaupt
+nicht gern das Ansehen haben, als ob ich es fuer ein grosses Unglueck
+hielte, dass Bemuehungen vereitelt worden, an welchen ich Anteil genommen.
+Sie koennen von keiner besondern Wichtigkeit sein, eben weil ich Anteil
+daran genommen. Doch wie, wenn Bemuehungen von weiterm Belange durch die
+naemlichen Undienste scheitern koennten, durch welche meine gescheitert
+sind? Die Welt verliert nichts, dass ich, anstatt fuenf und sechs Baende
+Dramaturgie, nur zwei an das Licht der Welt bringen kann. Aber sie koennte
+verlieren, wenn einmal ein nuetzlicheres Werk eines bessern
+Schriftstellers ebenso ins Stecken geriete; und es wohl gar Leute gaebe,
+die einen ausdruecklichen Plan darnach machten, dass auch das nuetzlichste,
+unter aehnlichen Umstaenden unternommene Werk verungluecken sollte
+und muesste.
+
+In diesem Betracht stehe ich nicht an und halte es fuer meine
+Schuldigkeit, dem Publico ein sonderbares Komplott zu denunzieren. Eben
+diese Dodsley und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken
+erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aufsatz, gedruckt und
+geschrieben, bei den Buchhaendlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort
+so lautet:
+
+Nachricht an die Herren Buchhaendler
+
+Wir haben uns mit Beihilfe verschiedener Herren Buchhaendler entschlossen,
+kuenftig denenjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften
+in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Exempel, die
+neuaufgerichtete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen
+mehrere) das Selbst-Verlegen zu verwehren, und ihnen ohne Ansehen
+nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preise allezeit um die Haelfte zu
+verringern. Die diesen Vorhaben bereits beigetretene Herren Buchhaendler,
+welche wohl eingesehen, dass eine solche unbefugte Stoerung fuer alle
+Buchhaendler zum groessten Nachteil gereichen muesse, haben sich
+entschlossen, zu Unterstuetzung dieses Vorhabens eine Kasse aufzurichten,
+und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen
+vorerst noch nicht zu nennen, dabei aber versprochen, selbige ferner zu
+unterstuetzen. Von den uebrigen gutgesinnten Herren Buchhaendlern erwarten
+wir demnach zur Vermehrung der Kasse desgleichen und ersuchen, auch
+unsern Verlag bestens zu rekommandieren. Was den Druck und die Schoenheit
+des Papiers betrifft, so werden wir der ersten nichts nachgeben; uebrigens
+aber uns bemuehen, auf die unzaehlige Menge der Schleichhaendler genau
+achtzugeben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu hoecken und zu
+stoeren anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende
+Herren Mitkollegen, dass wir keinem rechtmaessigen Buchhaendler ein Blatt
+nachdrucken werden; aber dagegen werden wir sehr aufmerksam sein, sobald
+jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht
+allein dem Nachdrucker hinwieder allen Schaden zuzufuegen, sondern auch
+nicht weniger denenjenigen Buchhaendlern, welche ihren Nachdruck zu
+verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren
+Buchhaendler dienstfreundlichst, von alle Arten des Nachdrucks in einer
+Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhaendler-
+Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich loszumachen oder zu
+erwarten, ihren besten Verlag fuer die Haelfte des Preises oder noch weit
+geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhaendlern von unsre
+Gesellschaft aber, welchen etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir
+nach Proportion und Ertrag der Kasse eine ansehnliche Verguetung
+widerfahren zu lassen nicht ermangeln. Und so hoffen wir, dass sich auch
+die uebrigen Unordnungen bei der Buchhandlung mit Beihilfe gutgesinnter
+Herren Buchhaendler in kurzer Zeit legen werden.
+
+Wenn die Umstaende erlauben, so kommen wir alle Ostermessen selbst nach
+Leipzig, wo nicht, so werden wir doch desfalls Kommission geben. Wir
+empfehlen uns Deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen
+Mitkollegen,
+
+J. Dodsley und Compagnie.
+
+Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern
+Verbindung der Buchhaendler, um dem eingerissenen Nachdrucke unter sich zu
+steuern, so wuerde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beifall versagen.
+Aber wie hat es vernuenftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen koennen,
+diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein paar armen
+Hausdieben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Strassenraeuber werden?
+"Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das moechte sein; wenn
+es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu
+raechen. Aber sie wollen zugleich das Selbst-Verlegen verwehren. Wer sind
+die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren
+wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das
+Selbst-Verlegen jemals verboten gewesen? Und wie kann es verboten sein?
+Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmaelern, aus seinem
+eigentuemlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er moeglicherweise
+daraus ziehen kann? "Aber sie mischen sich ohne die erforderlichen
+Eigenschaften in die Buchhandlung." Was sind das fuer erforderliche
+Eigenschaften? Dass man fuenf Jahre bei einem Manne Pakete zubinden
+gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf
+sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine
+Innung? Welches sind seine ausschliessenden Privilegien? Wer hat sie
+ihm erteilt?
+
+Wenn Dodsley und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so
+bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstuemmeln, sondern auch
+das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Dass
+sie ihre Verteidigung beifuegen--wenn anders eine Verteidigung fuer sie
+moeglich ist--werde ich ihnen nicht verdenken. Sie moegen sie auch in einem
+Tone abfassen oder von einem Gelehrten, der klein genug sein kann, ihnen
+seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen:
+selbst in dem so interessanten der Klotzischen Schule, reich an allerlei
+Histoerchen und Anekdoetchen und Pasquillchen, ohne ein Wort von der Sache.
+Nur erklaere ich im voraus die geringste Insinuation, dass es gekraenkter
+Eigennutz sei, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, fuer eine Luege.
+Ich habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen und werde es
+schwerlich in meinem Leben tun. Ich kenne, wie schon gesagt, mehr als
+einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhaendlern, dessen Vermittelung
+ich ein solches Geschaeft gern ueberlasse. Aber keiner von ihnen muss mir es
+auch veruebeln, dass ich meine Verachtung und meinen Hass gegen Leute
+bezeigen in deren Vergleich alle Buschklepper und Weglaurer wahrlich
+nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von ihnen macht seinen
+coup de main fuer sich: Dodsley und Compagnie aber wollen
+bandenweise rauben.
+
+Das beste ist, dass ihre Einladung wohl von den wenigsten duerfte angenommen
+werden. Sonst waere es Zeit, dass die Gelehrten mit Ernst darauf daechten,
+das bekannte Leibnizische Projekt auszufuehren.
+
+Ende des zweiten Bandes
+
+
+----Fussnote
+
+[1] Neuntes Stueck, S. 56.
+
+----Fussnote
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstuecke
+
+geordnet nach Autorennamen
+
+John Banks: Der Graf von Essex
+Augustin David de Brueys: Der Advokat Patelin
+Giovanni Maria Cecchi: Die Mitgift
+Chevalier de Cerou: Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter
+Pierre Corneille: Rodogune
+Thomas Corneille: Der Graf von Essex
+Johann Friedrich Cronegk: Olint und Sophronia
+Philippe Nericault Destouches: Das Gespenst mit der Trommel
+Philippe Nericault Destouches: Das unvermutete Hindernis
+Philippe Nericault Destouches: Der poetische Dorfjunker
+Philippe Nericault Destouches: Der verborgene Schatz
+Philippe Nericault Destouches: Der verheiratete Philosoph
+Denis Diderot: Der Hausvater
+Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy: Zelmire
+Frederik Duim: Zaire
+Charles Simon Favart: Soliman der Zweite
+Christian Fuerchtegott Gellert: Die kranke Frau
+Luise Adelgunde Gottsched: Die Hausfranzoesin
+Francoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny: Cenie
+Jean Baptiste Louis Gresset: Sidney
+Franz Heufeld: Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe
+Theodor Gottlieb von Hippel: Der Mann nach der Uhr
+Johann Christian Krueger: Herzog Michel
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussee: Die Muetterschule
+Pierre Claude Nivelle de la Chaussee: Melanide
+Thomas l'Affichard: Ist er von Familie?
+Marc Antoine le Grand: Der sehende Blinde
+Marc Antoine le Grand: Der Triumph der vergangenen Zeit
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Freigeist
+Gotthold Ephraim Lessing: Der Schatz
+Gotthold Ephraim Lessing: Miss Sara Sampson
+Johann Friedrich Loewen: Die neue Agnese
+Johann Friedrich Loewen: Das Raetsel
+Francesco Scipione Maffei: Merope
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der Bauer mit der Erbschaft
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Der unvermutete Ausgang
+Pierre Carlet de Camplain de Marivaux: Die falschen Vertraulichkeiten
+Moliere: Die Frauenschule
+Gottlieb Konrad Pfeffel: Der Schatz
+Philemon von Syrakus: Der Schatz
+Plautus: Trinummus
+Philippe Quinault: Die kokette Mutter
+Jean Francois Regnard: Demokrit
+Jean Francois Regnard: Der Spieler
+Jean Francois Regnard: Der Zerstreute
+Karl Franz Romanus: Die Brueder
+Germain Francois Poullain de Saint-Foix: Der Finanzpachter
+Johann Elias Schlegel: Der Triumph der guten Frauen
+Johann Elias Schlegel: Die stumme Schoenheit
+Voltaire: Das Kaffeehaus
+Voltaire: Die Frau, die recht hat
+Voltaire: Merope
+Voltaire: Nanine
+Voltaire: Semiramis
+Voltaire: Zaire
+Christian Felix Weisse: Amalia
+Christian Felix Weisse: Richard der Dritte
+
+
+
+
+
+Verzeichnis der Theaterstuecke
+
+geordnet nach Titeln
+
+
+Amalia (Christian Felix Weisse)
+Cenie (Francoise d'Issembourg-d'Happoncourt de Graffigny)
+Das Gespenst mit der Trommel (Philippe Nericault Destouches)
+Das Kaffeehaus (Voltaire)
+Das Raetsel (Johann Friedrich Loewen)
+Das unvermutete Hindernis (Philippe Nericault Destouches)
+Demokrit (Jean Francois Regnard)
+Der Advokat Patelin (Augustin David de Brueys)
+Der Bauer mit der Erbschaft (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der Finanzpachter (Germain Francois Poullain de Saint-Foix)
+Der Freigeist (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Graf von Essex (John Banks)
+Der Graf von Essex (Thomas Corneille)
+Der Hausvater (Denis Diderot)
+Der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter (Chevalier de Cerou)
+Der Mann nach der Uhr (Theodor Gottlieb von Hippel)
+Der poetische Dorfjunker (Philippe Nericault Destouches)
+Der Schatz (Gotthold Ephraim Lessing)
+Der Schatz (Gottlieb Konrad Pfeffel)
+Der Schatz (Philemon von Syrakus)
+Der sehende Blinde (Marc Antoine le Grand)
+Der Spieler (Jean Francois Regnard)
+Der Triumph der guten Frauen (Johann Elias Schlegel)
+Der Triumph der vergangenen Zeit (Marc Antoine le Grand)
+Der unvermutete Ausgang (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Der verborgene Schatz (Philippe Nericault Destouches)
+Der verheiratete Philosoph (Philippe Nericault Destouches)
+Der Zerstreute (Jean Francois Regnard)
+Die Brueder (Karl Franz Romanus)
+Die falschen Vertraulichkeiten (Pierre Carlet de Camplain de Marivaux)
+Die Frau, die recht hat (Voltaire)
+Die Frauenschule (Moliere)
+Die Hausfranzoesin (Luise Adelgunde Gottsched)
+Die kokette Mutter (Philippe Quinault)
+Die kranke Frau (Christian Fuerchtegott Gellert)
+Die Mitgift (Giovanni Maria Cecchi)
+Die Muetterschule (Pierre Claude Nivelle de la Chaussee)
+Die neue Agnese (Johann Friedrich Loewen)
+Die stumme Schoenheit (Johann Elias Schlegel)
+Herzog Michel (Johann Christian Krueger)
+Ist er von Familie? (Thomas l'Affichard)
+Julie, oder Wettstreit der Pflicht und Liebe (Franz Heufeld)
+Melanide (Pierre Claude Nivelle de la Chaussee)
+Merope (Francesco Scipione Maffei)
+Merope (Voltaire)
+Miss Sara Sampson (Gotthold Ephraim Lessing)
+Nanine (Voltaire)
+Olint und Sophronia (Johann Friedrich Cronegk)
+Richard der Dritte (Christian Felix Weisse)
+Rodogune (Pierre Corneille)
+Semiramis (Voltaire)
+Sidney (Jean Baptiste Louis Gresset)
+Soliman der Zweite (Charles Simon Favart)
+Trinummus (Plautus)
+Zaire (Frederik Duim)
+Zaire (Voltaire)
+Zelmire (Pierre Laurent Dormont du [de] Belloy)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Hamburgische Dramaturgie, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hamburgische Dramaturgie
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HAMBURGISCHE DRAMATURGIE ***
+
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+ http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/old/10055.zip b/old/10055.zip
new file mode 100644
index 0000000..88892a5
--- /dev/null
+++ b/old/10055.zip
Binary files differ