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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/16278-8.txt b/16278-8.txt new file mode 100644 index 0000000..acd3164 --- /dev/null +++ b/16278-8.txt @@ -0,0 +1,12835 @@ +The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen +Züchtling, by Joseph M. Hägele + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling + Erster Theil + +Author: Joseph M. Hägele + +Commentator: Alban Stolz + +Release Date: July 13, 2005 [EBook #16278] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Robert Kropf and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +_ Kursiv / italic +# Fett / bold +% Antiqua / antiqua +[] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos + + + + Zuchthausgeschichten + + von + +einem ehemaligen Züchtling + + + * * * * * + + + Mit einem Vorwort + + von + + #DR. ALBAN STOLZ# + + +Professor an der Universität zu Freiburg. + + + * * * * * + + +#ERSTER THEIL# + + + * * * * * + + +Münster, 1853. + + +#VORWORT# + + +Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen +Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir. +Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott +durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum +überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch +den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden +dieses Buch zur Hand zu nehmen. + +Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von +Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein +Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein +Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung +Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich +niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere +Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken +und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner +Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines +jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach +besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre +wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder +Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des +Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das +Verdienst hat kein Christ zu sein. + +Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als +Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige +Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele, +die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel +interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen +die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde +und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig +zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden +an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er +lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine +sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen +glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt +mitgetheilt werden. + +Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets +noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in +Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen +competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und +kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt +hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was +mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch +eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung +erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich +zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen +selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger +auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in +der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit +_einem_ Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ, +der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man +die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen +geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche +Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter +Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind +Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings +den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen +Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit +geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische +Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als +ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des +Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der +Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer +deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der +verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich +selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das +sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des +Menschen. + +Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin +erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd, +während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen +für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten +Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die %mysteres de +Paris% und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie +sonst der teutsche Michel liebt. + +_Freiburg_ am Tag des h. Mansuetus 1853. + + +#ALBAN STOLZ.# + + + + +#MEINE VORGESCHICHTE# + + +Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und +zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein, +daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt. + +Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich +meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für +die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die +Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden +[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der] +Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion +und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich +heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief +beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen +Sache eher zu schaden als zu nützen. + +Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen, +als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen, +empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche, +der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände +scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über +den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift +insbesondere einnehme, verlauten zu lassen. + +Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges +aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte +dieser Geschichten bilden. + +Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur +hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit +Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch +über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen +freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf. + +Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits +als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem +Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling +1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und +Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als +Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen +vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung +als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach +Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten. + +Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich +bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich +allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in +allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte. + +Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes, +doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete. + +Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in +einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen +Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode, +sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte +eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in +Europa und--keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger, +glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der +gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt. + +Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte, +gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und +Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen +Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen +Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu +Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern, +einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem +Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung +folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von +seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der +Revolution stürzte. + +Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als +Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu +vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen +Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein +Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts +deren einzige Idole zu sein pflegen. + +Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer +1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung +genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen +den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich +eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte +aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich +mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen +schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch +ganz anderer und schwererer Opfer würdig. + +Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen +und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser +nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die +Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu +aufgefordert worden,--aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes +gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber +immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden +Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch +betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein +nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht +sonderlich gefiele. + +Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich +auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren. + +Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den +Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte, +wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik +schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester +demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher +getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15. +erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher +getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen +Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die +Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein +scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei +der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als +die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur +noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein +Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen, +tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte +Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen +können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension +angenommen hätte. + +"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus, +dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore +bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter +den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann +einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die +etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen +Halbinseln haben aufgehört zu regieren!--allgemeine Einladung an John +Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter +vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein +großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des +nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan, +friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige +Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes +Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins +gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!" + +Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler +Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848. + +Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des +Bürgers erste Pflicht! %Aux armes, citoyens%!"--erwartete von einem +Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und +schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und +die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber +fortdauerte. + +An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die +alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen +und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte +es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse, +dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging. +Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im +Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den +Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung +und Gesinnung des Volkes zu mustern. + +Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn +bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen +Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir +wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens +voraussehen mußte. + +Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in +Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe +Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an +sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in +andern Ländern. + +In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem +allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre" +zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen +werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen. + +Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen +Flüchtlings auf den Hals. + +Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen +eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament +würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben, +weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben. + +Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution +über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter" +und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des +Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend +sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß +ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das +Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst +erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft +wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt, +zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den +nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können. + +Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß +ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend +eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine +einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich +damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr +von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer +und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und +Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke +_empfahl_? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem +Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen +Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt! +Versucht es, ob Ihr _meine_ Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der +Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu +verspeisen!" + +Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr +lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne" +Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges +und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt. +Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden +Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den +Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren +erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel +rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken. + +Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte +und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich +keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große +Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder +Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung +gedeihen können. + +Was hilft ein schöner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?-- + +Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich +bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder +unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein +talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht +genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen +hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen +Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen, +die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem +unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte +viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt +wurde. + +Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der +Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie. + +Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik +mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger +als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches +wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des +Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des +Heckerzuges in der Schweiz herumirrten. + +Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und +glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach +Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen +Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes, +an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter +Weise. + +Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines +gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen +seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt, +geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von +Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen. + +Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde, +wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum _zweitenmal_, wenn auch in +der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört +nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes +Zuchthaus. + +Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?-- +Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu +zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten +unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe +geschenkten Jahre auszuhalten. + +Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten +angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen +jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen +weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins +Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und +meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen. + +Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines +gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am +Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint. + +Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch +später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den +Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben +sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich +zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne +Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am +Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist. + +Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einfluß reichen, zum +Heckerzuge wahrhaft gepreßten W., dessen Söhne ich unterrichtete, sammt +andern politischen Führern des Bezirkes flüchtig, die revolutionäre +Gesinnung in reichlichem Maaße vorhanden und könnte ich eidlich beschwören, +innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehört noch von einer +konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte +lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen +die Schweizerkantone Zürich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und +noch mehr militärisch wichtige Gegend mit den üppig auftauchenden und unter +sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in +Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fähigkeit und Beruf hiezu von mehr +als einer Seite her zu, ich hätte es sogar versuchen und durchsetzen +können, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die +demokratische Organisation ließ sich damals innerhalb der Schranken der +bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen. + +Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht. + +Es ließe sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art würde +nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Führer zu werden. Diesem +Einwande widersprächen frühere Ereignisse, auch ließe sich an das +Sprichwort denken: Probiren geht über Studiren, doch soll er gelten; ferner +ließe sich sagen, der Flüchtling W. als der einflußreichste Mann der Gegend +würde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wäre möglich, denn der +Vater meiner Zöglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch +welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglück gestürzt +hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, höchstens ein schlichter +Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im +ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der +Vater meiner Zöglinge noch längere Zeit flüchtig und ich keineswegs Einer, +der ein Stücklein Gnadenbrod bei ihm aß und ihm hinsichtlich meines +politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu +Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen. + +Ich lebte ebenso unabhängig als glücklich in Herrn W's Hause und kann +beweisen, daß ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit +erfüllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte +anhielt, was außerhalb übernommener Verpflichtungen lag. + +Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in +meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der +Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf. + +Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, ließ mich +mondenlang kaum in ein politisches Gespräch ein, besuchte den Volksverein +des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, daß ich Mitglied +irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener +petitionenreichen Tage verfaßt oder unterzeichnet. + +Benutzte ich vielleicht die Nähe der Gränze, um mit Flüchtlingen zu wühlen? +Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe +ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flüchtlinge +war sehr gering in Schaffhausen und Zürich, zwei Ausflüge dorthin und drei +dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flüchtlingen, nämlich mit +dem Vater meiner Zöglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den +ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging. + +Gegen den Frühling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand +dieselben zumeist in den Wirthshäusern, deutsche und schweizerische +Republikanerblätter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprächen +und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen +harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines +gesetzmäßigen Verhaltens und meine gleichmäßige Verachtung aller damaligen +politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so +mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan +haben, der es nicht verdiente aber vergaß, wohl auch verdiente, aber nur +bis auf andere Zeiten scheinbar vergaß.-- + +Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und +Wühlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der +meinen Müßiggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits +offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem +zusah, zuhörte und stumm und unthätig blieb in beharrlicher Neutralität. + +Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine +Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm +von Freiburg ab und saß am Tage der Offenburger Volks- und +Soldatenverbrüderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube. + +Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern +schwer eingebüßt, wäre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der +provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als +Commissär mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsäbel Bürgern +und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es +nie. + +Das Herz glaubt so gerne, was es wünscht! + +Lügenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere +Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus +betrachtet prächtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine +baldige Versöhnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine +süddeutsche Foederativ-Republik, weiß Gott, was ich nicht Alles ferne vom +Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjäger, der +mich um Neuigkeiten bat, welche über Nacht zum Heil der Völker vom Himmel +gefallen. + +Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des +Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfürst mit seinen Räthen der +Bewegung gegenüber annehmen würde, war mir jedoch noch nicht klar und als +diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener +genug, bedürfe keines Schulmeisters, im Nothfalle höchstens eines +Freiwilligen mehr. + +Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung +als deren Organ sammt den regelmäßig fortlaufenden Nummern des +Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzücken verschlang, +die bisherigen Beamten und Behörden unseres Bezirkes friedlich huldigen +sah, ohne daß eine ernstliche Weigerung eines großherzoglichen Dieners oder +irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissärs stattfand und als ich +zuletzt Aktenstücke aus der Residenz in die Hände bekam, unter welchen +hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und +von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem +Großherzog viel Tröstliches vernahm--da hielt ich mich ehrlich und +aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden, +denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine +Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem +_Ursprunge_ seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses +lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewiß ein großer Jurist und meines +Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten +Regierung niemals gehört, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben, +jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein +neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prächtig und +großartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und +glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten, +wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrücklich dazu +aufgefordert würde. + +Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede +über die jüngsten Ereignisse vor einer großen Volksversammlung aus, +rücksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom +Lesen und Hörensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei +dieser Rede so wenig, daß ich einen Entwurf derselben hübsch in eine Mappe +legte und später selbst in die Hände des Amtsverwesers durch genaue Angabe +des Verwahrungsortes liefern half. + +Mir ist es bloß darum zu thun, den Beweis zu liefern, daß ich als +Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmäßigen +Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser +Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe. + +Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und +können hier nicht besprochen werden. Eine Veröffentlichung sämmtlicher +Akten würde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus +hervorginge, daß mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem +Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen +Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu +bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein +gutes Recht entschuldigen ließe. Anderseits möchte eine derartige +Veröffentlichung aber ebenfalls zeigen, daß meine Vergehen rein politischer +Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen +Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien. + +Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen +Regierung, den ordnungslosen Rückzug des Insurgentenheeres, das Lager bei +Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran +ein Flüchtling zu werden. + +Später nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdümmsten Streich meines +bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frühling 1849 zur Auswanderung nach +Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit für mich da +war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz +mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in +meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, daß bei der ungeheuern Zahl der +Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Prozeß vom Standpunkte des +Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes +der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren +fortfunktionirt hatten, unmöglich sei, die Hoffnung, daß man bei einer +politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner +anerkenne, daß ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das +Bewußtsein, mich während des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle +hingedrängt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben--dies +Alles bewog mich, die Ankunft der preußischen Truppen ruhig zu erwarten. + +Am 13. Juli 1849 ließ mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf +den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier +ein, mich ohne den mindesten Anlaß von meiner Seite am frühen Morgen in +Stühlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergnügen eine +starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen. +Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hören; ich verzeihe es ihm sammt +seinem energisch ausgedrückten Herzenswunsche, daß es mir und meinem +Leidensgefährten "recht schlecht" ergehen möge, verzeihe auch gern Anderes, +was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militär sehr unnöthig +angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu +schaffen hat. + +Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich +und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten +hätten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den +Preußen, über deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen könnte, während +alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und +menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl +einstimmig sein und bleiben werden. + +Ehre und Dank den preußischen Offizieren und Soldaten!-- + +Im September ward ich den ordentlichen Gerichten überantwortet, im October +jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhöre Alles gesagt hatte, was zu +sagen war und worauf später das Urtheil sich stützte, vor die +Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge +einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des höchstseligen +Großherzogs abermals den ordentlichen Gerichten überwiesen. Am 28. Januar +1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntniß eröffnet, welches auf _acht_ +Jahre gemeinen _Zuchthauses_ lautete. Ich verzichtete auf einen +Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der höchsten Instanz, jedoch +in einer so unklugen und trotzigen Weise, daß ich meine verbrecherische d. +h. revolutionäre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und +eher Schärfung des Urtheils fürchtete als Milderung hoffte. + +Am 16. Februar 1850 schlüpfte ich in die entehrende Sträflingsjacke, +nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses +als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Bestätigung +meines Urtheils von Seite des höchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde +ich in das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis +zum 13. April 1852. + +Sterbend hat der edle, unvergeßliche Großherzog Leopold, dessen wahrhaft +adelich gesinnte _Persönlichkeit_ weder von mir noch, laut meiner gewiß +nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals +angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte +Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget. + +Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und +für mich durch Gottes Gnade höchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich +zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hüter herumlaufen und +frische Luft schöpfen, wo es und wieviel mir beliebte. + +Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde, +wieviel ich dem in Gott ruhenden Fürsten verdanke, denn meine Bestrafung +und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite +der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen +und ewigen Glückes und zudem sind tausend Kerkernächte zwar kein Spaß, +sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre. + +Weder vor noch während der Revolution beging ich jemals eine an sich +entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu +haben, daß ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die +badische Regierung %mala fide% beging; ebensowenig brach ich jemals einen +Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft +zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich während meines Lebens +ablegte. + +In diesen Thatsachen liegt die subjective Begründung der Protestation, +welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen +mit _entehrenden_ Strafen belegt, fortwährend erhob. + +Große Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, daß politische Verbrecher, +insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen, +vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit +Spitzbuben und Mördern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn +sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig +begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten +civilisierten Länder, wie Belgien, Preußen und Würtemberg in mehr oder +minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frühere +badische Gesetzgebung hierin sachgemäßere und ausgedehntere Unterschiede +als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an +verantwortliche Minister und ließen der Regierung keine Ruhe, bis das +Zuchthaus für reinpolitische Vergehen recht in Flor kam. + +Die objective Begründung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag +den Rechtsgelehrten überlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden. +Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle +Ewigkeit meine Verurtheilung zum _Zuchthause_ lediglich als _Gewaltthat des +Gesetzes_ betrachten und dagegen protestiren muß, so mag eine kurze +Aufzählung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, daß es nicht +minder unzweckmäßig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre +Interesse der badischen Regierung gerichtet sei. + +Ich habe die Belehrung über die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen +Finger gesaugt sondern während und nach der Gefangenschaft aus der +alltäglichen Erfahrung geschöpft. + +Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, möchte ich sagen, das Zuchthaus an +sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher +demoralisirt worden. + +Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach +ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von +Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen +fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die +Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und +Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen +ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott +mahnte. + +Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil +selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten +früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als +wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu +betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn +nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch +die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es +beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern +Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den +gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht +sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der +verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget. + +Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen +Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue +Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz +gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde +nur scheinbar an _Entehrung ohne ehrlose Handlungen_ und fuhren fort, die +Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht, +sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die +Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in +Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der +Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend +ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie +ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte. + +Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie +eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden, +so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren, +wenn man für die _nächste_ Zeit sich heilsame Wirkungen von jener +geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht. + +Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher +aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und +Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und _höchst beunruhigende_ Artikel +über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen, +gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und +Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von +vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und +Taugenichts. + +Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder +verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten +ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und +anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen +heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und +nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein +Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am +Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich +jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche +Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein +"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise +im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig +und harmlos lebt. + +Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa +Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher +Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam +viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß +und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf +Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht +der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte +vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder +in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner +Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung +[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der +gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein +weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher +sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit. + +Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich +seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine +Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der +politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit +getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande +im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den +niedern und mittlern Volksklassen überhaupt. + +Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt, +sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der +schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die +Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage +erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie +in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen +Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen +Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum +Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in +seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will, +ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung +seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er +spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär +werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben +heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze +und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger +verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet. + +Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische +Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht, +das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses +Gesetz!-- + +Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was +meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten +Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten +Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen +Zweifel mehr übrig zu lassen. + +Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch +schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in +einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen +Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle +positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die +eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich +mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir +zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den +Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden +Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit +zu setzen. + +Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und +die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen +zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum +Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn +gegangen zu sein. + +Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen +klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, _bewußter_ Vorliebe für das +Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer, +welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose +Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich +langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder +des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach +in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein +mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als +18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte, +die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu +einer %tabula rasa% zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre +vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß +mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte. + +Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von +Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu +spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand; +ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der +Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen +wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein, +dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die +Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen +beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger, +die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle +Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen +Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen +enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte +Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit--des Scheines. + +Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich +Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in +der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und +theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen +lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den +Mitstudirenden recht imponiren zu können. + + +Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben +voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit +Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde +täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer +und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines +geistigen Lebens. + +Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!-- + +Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes +Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler +gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche +Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im +Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden +Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein +Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave, +gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner +Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben. + +Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden. + +Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei +Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte +ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als +"anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal +mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit +gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs +vor--Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen +den Deutschkatholizismus war entschieden. + +Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und +würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes +Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte. + +Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza +begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren +Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender +den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und +der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch +vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines +dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen +Viper befürchtet. + +In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser, +Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen +großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich +hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der +ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr +trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender +Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte. + +Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch, +daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der +Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals +noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und +Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben. + +Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht. + +Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der +Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen +Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller +Protestanten bei. + +Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der +mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen +derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem +argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern, +bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die +ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der +Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und +an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme +sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die +Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der +Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig +immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in +welchem wir noch befangen sind. + +Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine +Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil +nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten" +geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu +retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des +äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes +überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu +allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig +mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten +und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn +nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung +des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des +allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen +Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr +geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch +die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben +sein würden. + +Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte +gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden +Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz +unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der +Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung +und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich +fortgaloppirte. + +Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte +"Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen +ich damals nicht verstehen wollte. + +Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu +meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig +gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich +betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es +hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth +nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte. + +Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das +Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der +Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend, +betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit +wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid. + +Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar +nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei +und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament, +Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen +Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen +gegen mich bewirkten. + +Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur +verborgene Laster gewesen--ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für +meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer +Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden +Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück +gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost, +Glück findet!-- + +Woher mein Unglaube?--Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein +Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab +mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller +kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur +als nutzlose, leidige Disciplinarsache. + +Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den +Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten +der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald +gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den +althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von +tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht +ertheilt wird. + +Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt +blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen +Glaubens, _handelnde Christen_ vor sich sieht. + +Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat +mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch +weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern. + +Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen +Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich +schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man +dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten +Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische +Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f. +entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der +evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische +Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich +nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich +im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das +Gegentheil thatsächlich zu zeigen. + +Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger +Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im +Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem +geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der +Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche +bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen +Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht +zurück. + +Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein +durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal +den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des +Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der +Entwicklung immer mehr und zwar _lediglich aus freier, innerer +Ueberzeugung_ zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren +müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation +der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß +ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des +Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und +kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule +u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame +daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen +Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber +das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was +Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch +katholisch!" + +Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als +sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur +Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache. + +Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip +und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen +Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das +Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen +Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, _zuerst_ +offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung. + +Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so +wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen +eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht +meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im +Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und +Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese +Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und +Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer +und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die +katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten +protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung +durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das +Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen. + +Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers, +aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr +heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm +gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich +selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein +Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht +gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand. + +Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen +Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern +wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den +leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz +ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres +Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht. + +Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen +Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden +Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die +Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der +Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen +begründet? + +Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed +herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß +vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der +Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei +erscheinen. + +Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen +Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der +ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor +geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget. + +Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit +lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht +klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie, +huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn +nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des +gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die +Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst. + +Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir +sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche +Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und +habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren +Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und +kommender Geschlechter anpreisen hörte. + +So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube +ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen +Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden +Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie +gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen +Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die +protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen +civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr +Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise. + +Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen +Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über +die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das +Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht. + +Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche, +und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist +ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten, +welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend +gegen sie eingeleitet werden. + +Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte +in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der +Geschichte sei--dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß +ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung +stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres +Geschlechts in sich schließt. + +Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden +protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen +vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen, +Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr +bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr +vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien. + +Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare +Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die +Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine +Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des +Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben. + +Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker, +Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke +der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff +vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor +Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte +das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion +habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und +bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen +Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen +zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der +Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher, +fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten, +verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der +Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im +mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken, +überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus. + +"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen, +Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene +auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen +verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und +selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in +Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und +keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht +verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und +gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und +sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion, +deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch +Worte, selten durch Thaten bekannt wird?" + +So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen +den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und +gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen +Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die +Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die +positive Religion und katholische Kirche blutwenig. + +Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne" +Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem +Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger" +waren und sich ruhig verhielten. + +Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit +erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die +wilde Nacht meines Innern erleuchteten. + +Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als +welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde +ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und +erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens +auch solche von der Macht des Glaubens. + +Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil +ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten +meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach +bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal +machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich. + +Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende +zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck +gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während +der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen +meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das +Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction +aufgehalten haben. + +An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der +Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und +tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle +Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser +Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und +verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den +etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in +ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube, +ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck +auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach +langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich +zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese +Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir +hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt. + +Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache +lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der +einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender +Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern +aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit +seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus +ist erstanden--und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik. + +Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande +und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die +theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das +Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte. + +Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar +nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in +Deutschland blieb. + +In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August +1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und +ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen +davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum +wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er +hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das +Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut +hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für +die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben. + +Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den +Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb +der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts +der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt. + +An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag +mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben. + +Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen. +Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie +acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr +als meine Schuld. + +Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von +Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des +Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der +kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen. + +War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in +Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in +das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in +der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte; +ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu +haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um +Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es +damals. + +Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir +anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte. + +Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und +Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den +Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die +nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen +Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von +hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich +jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die +schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in +die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich +nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und +bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig +mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich +gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker +hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung +politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige +Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel +bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich +einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft +genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der +Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine +Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an +Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits +unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah +ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf +dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische +eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im +günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel. + +Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich +ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete, +blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem +Ingrimme zusammen. + +Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte +allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben +in Hochmuth beruht. + +Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum +Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und +Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche +Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt. + +Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee +der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr +dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins +gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet +Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die +auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des +alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie +es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte +folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein +schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb +auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert, +einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und +niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche +Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich +evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse +einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten. + +Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor +Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch +der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon +sich die Philosophen nichts träumen lassen!--hielt mich in beständiger +Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte, +protestirte beständig das bewegliche Herz. + +Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit, +das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst +des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und +Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im +Ganzen. + +Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte +nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der +Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben +durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich +hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der +Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den +Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder +Henker werden lassen?-- + +Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend +beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht +daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums +und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und +Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu +betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und +Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und +objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden +Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der +katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen +mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als +Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre +Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten, +dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich +keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein +_persönlicher_ Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben +wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das +Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene +Redensart, sondern volle Wahrheit ist.-- + +Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein +Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich +mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich +auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen +oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte. + +Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen +brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und +gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den +solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als +verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten +erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte, +würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben. + +Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und +mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die +Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert +Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem +Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen. + +Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich +nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre +Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine _wahren +zeitlichen_ Vortheile. + +Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst +betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß +des _zeitlichen_ Glückes, die einfachste und großartigste _Lösung der +sozialen Aufgaben_. + +Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich +gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher, +namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der +Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die +menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher +entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd +bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer +einschlummern. + +Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause +mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott +nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten, +indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr +bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe +Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle +nach Bruchsal. + +Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem +Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde, +wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl +auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für +meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge, +welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei +meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten, +recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb +gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher +Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner +Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen +namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus. + +"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge +oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und +vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken +läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den +Herren in Carlsruhe. + +"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige +Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott +ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen +Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich +heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft +genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt +den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht +unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in +einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So +dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der +Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter +gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein. + +Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und +sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut. + +Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte +Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte +meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht +an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich +mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig +es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des +Zuchthauses würdige That begangen zu haben. + +Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches +Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge +der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen +Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann +kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm +gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt +hatte. + +Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits +hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit +wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des +souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das +Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die +Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto +sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender +Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige +Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen +gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum; +der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der +kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal +charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen. + +Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens +Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische +Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern +Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter +Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten. + +Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn +alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt +und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und +Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit +zurückgebliebene Christus. + +"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für +Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an +Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er +ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und +glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und +beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein +Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe +büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher +Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern +ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es +nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe +ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine +Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher +Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!" + +In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem +geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der +Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als +ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum +ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein +katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem +Wissen und ernstem Denken bekehren!" + +Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner +besondern Weise und fragte ruhig: + +"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben _wollen?_" + +"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn +Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die +Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet +nicht darauf!" + +"Haben Sie denn diesen guten Willen schon _bethätiget_?" + +"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften? +Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit +denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und +anderer Ketzer?" + +"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens +Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine +Gnade!--Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit +führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas +wissen _wollen_, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und +eignen Wissens einsehen und zugeben!" + +"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben +behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer +die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr +gelangt, der _muß_ den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal +an Gott glauben sollte. Ich _habe_ gebetet, jedoch nicht um die Gnade des +Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen." + +"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?" + +"Allerdings!" + +"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller +Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den +Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch +beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose +Menschen _wollen_ nicht darum bitten, _wollen_ den vornehmen Weg zur +Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen +kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen +Namenchristen!" + +Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich +um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue +Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich +mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal. + +Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche +Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen +Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose, +beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen. + +Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe +offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte. + +Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen +geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über. + +Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der +rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die +Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren +Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige +Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne +zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen +durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf +dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern. + +Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur +Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute +Wille unser vornehmstes Verdienst. + +Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke +oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen +Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten +derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren +Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen +Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch +langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher +Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts +weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein +alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst +weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als +Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu +Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise +vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That +das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für +die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran +fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter +anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein +zu hohes Ziel vorgesteckt habe. + +Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung +durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen +Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich +auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist +erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch +Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben +entgegenzuarbeiten. + +Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit +vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und +insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt +werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche +Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so +läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die +Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die +unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie +der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen +schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen +entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß. + +Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen +und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der +ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden +und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen +das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich +oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von +vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß +die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter +insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der +ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für +den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig +beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den +positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren. + +Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer +protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu +verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu +wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß +es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe +unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus +fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten, +doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur +allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will, +halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik +und der gegenwärtigen Zeit überhaupt. + +Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in +entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den +gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden +Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von +sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl +deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das +Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und +jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei +aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten +Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt. + +Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine +Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen +Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens +hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre +Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines +Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner +gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch +Waffen gegen sich in die Hände zu liefern. + +Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die +Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum +ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der +Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte +Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur +ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der +Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen +Wissenschaft und Kunst fortgeschritten. + +Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein, +von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder +mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so +heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft +geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat, +Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger +Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher +kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken +übrig bleibt. + +Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der +unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch +mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu +kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur +in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen +werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren +gehört. + +Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller +Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten +bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in +einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im +Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein +Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische +Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten +Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen +die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten, +geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden +der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei +_allen_ Klassen des Volkes--schmutzige Geschichten ab. + +Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von +der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann +fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen +herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses +Gelichters frappante Ähnlichkeit hat. + +Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen +Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder +historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts +weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger +als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern +mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen +Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von +Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden +könnte. + +Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der +Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die +platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar +unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos +unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine +bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und +verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität +darunter zu große Noth litte. + +Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck +derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch +praktischer. + +Er ist auch zugleich ein zwiefacher. + +Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die +Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und +unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher +gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag. + +Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven +Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am +Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine +Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß +lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht. + +Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und +dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke +offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten +Gestalten des Himmels verherrlichet. + +Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im +Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend +und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere +Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist +eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und +damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen. + +Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß +die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines +untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht +begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben +vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände. +Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die +Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik +und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste +Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte. + +Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser +Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit +steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen +sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung. + +Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und +fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern +habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der +Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen. + +Auflösung und Zerstörung des Familienlebens--dieses Idol hirnloser +Utopier--führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange +entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten +betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich +von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und +Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren. + +Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und +gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind +nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will. + +Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften +darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der +Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen. +Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße +Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch +erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt +hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend +erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten +mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und +rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige +Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner +derselben--dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat +schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an +die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die +meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und +niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe +seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst +zerfällt, weil er _zuviel_ von den Menschen verlangt. + +Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs- +und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und +Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften +Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach +streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch +einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle +Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter +zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen +Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel +Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre. + +Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine +erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde +aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar +Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel +und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger +vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet. + +Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die +Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in +Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra +des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen +Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre +Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert. + +Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles +Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt, +Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche +geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort +ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der +erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut +geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten, +gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der +reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger +deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat. + +Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften +und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern +stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen +heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je +fragte. + +Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos +an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt, +keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem +leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für +das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher +Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten +schweigen. + +Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und +meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen +das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane, +welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als +andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt +Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher +sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig, +hier etwas Gutes zu leisten. + +Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes +Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das +größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder +durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich +dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven +Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten. + +Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn +Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im +Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der +geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe. + +Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das _Gefängnißwesen_. + +In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein +ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete, +als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen. + +Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu +sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre +hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine +Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins +Handwerk pfusche. + +Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen +Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange +genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des +pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung +kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und +Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen +Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter +Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das +Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung +gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen +selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche +Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als +berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen +schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen +Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt. + +Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung +und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen +Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen +begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und +bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen +Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit +einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß +auf meine Ueberzeugung ausüben könnte. + +Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das +Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich +gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu +beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen, +theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr +verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen +angehörten. + +Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich +ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch +bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen +einsamen Haft. + +Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der +Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht. +Warum? + +Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der _Besserung_, so +muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr +oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang +und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung +ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein +wird. + +Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß +derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung +befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt. + +Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der +Gefangenschaft _möglicherweise_ ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber +auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des +Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der +Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim +Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu +leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu +den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering. + +Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im +Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein +grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung +von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte, +als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während +seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat. + +Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten +mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner +völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem +_Nutzen_ für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll. + +Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen +Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die +stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß +diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die +Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der +Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen? + +Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen +in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die +Parias unserer gesellschaftlichen Zustände. + +Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben +umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu +erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für +Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster. + +Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der +sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in +der positiven Religion. + +Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges +Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden; +ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser +Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein +es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus +gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers +zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne--damit +habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr +viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern +spreche. + +In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts +Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist +bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die +zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem +Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu +übertreten. + +Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein +von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird. + +Warum? + +Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz +zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen +Besserung durch dieselbe reden. + +Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener +Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller +Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer +Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche +dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren +bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus +der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt +ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten--all +diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft +betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge. + +Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer +der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden +will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute +Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen +Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit +und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu +vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch +Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich +selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen +Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch +beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne +derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere +in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß +gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein. + +Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch +nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein +innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren +Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit +tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit +kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze, +äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft, +so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft, +läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf +jede Frucht des Zellenlebens. + +Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller +Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die +Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des +religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst +erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen +soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann. + +Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter +gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine +einzige erwähnt werden soll. + +Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und +Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes +huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider +statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten +innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin +fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und +mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden. + +In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der +Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre +Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden, +um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen. + +Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln +auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der +Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen, +wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer +Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit +Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft +wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu +oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit. + +Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft +verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden, +priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren +Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten +Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen +Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich +die _absolute Trennung der Verbrecher unter sich_, mehr oder minder +vollkommen beseitiget worden wäre. + +In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr +verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch +Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die +Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig +sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der +Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß +untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal +vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt +in Widerspruch gerathen. + +Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder +Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält +denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter +mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der +einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten +und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse +bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle +von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und +Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne +daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus +sich ergeben. + +Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling +ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von +Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der +_Abschreckung_ in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich +trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen +sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der +Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die +Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all +diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich +hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der +gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft +bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch +Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man +hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung +nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und +zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren +finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst +nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß, +weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an +Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig +vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der +Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere +abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande +bringen. + +Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die _Sühne_ auf +das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und +gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt, +was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist, +desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich +leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen +Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der +Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare +Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage +der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die +Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil +sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die +Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört. +Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler +und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die +schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu +mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern +und Schlechten gleich zu werden. + +Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein +Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch +nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest +des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche +Gesellschaft darinnen gelesen. + +Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder +minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft +die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld +keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten, +sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom +Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso +selbstsüchtig als ungerecht. + +Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle +Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit +großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt +schreiben: + + _Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!_ + +und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben. + +Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches +ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein +menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben +keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung +derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt. +Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der +Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein +gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche +Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch +über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich +Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und +Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein +Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben +alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich +verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch +freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst +seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet, +wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe +stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es +dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst +gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. _Den_ Sträfling +möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und +Laster _nicht_ zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht, +sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit +bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt! + +Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe +gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres +Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen, +an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen +einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde +er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die +Hülfe der Religion bei diesem zu holen. + +Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300 +Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal +bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte, +wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in +Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als +leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und +weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener +Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische +Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er +nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser +Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden +Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war. + +Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei +Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und +um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von +schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von +der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit +welchen er sich zu vertragen vermochte. + +Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen +jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die +Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die _individuelle +Behandlung_ der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller +Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll. + +Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der +Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit +religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird. +Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten +Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und +gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das %Non plus ultra% aller +Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse. + +Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes +und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder +und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein +geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der +Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages +ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage +ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur +Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen +Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt +Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft +leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an +sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein +Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der +Zellenbewohner--aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur +Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht +jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder +im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst +durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den +individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen +vollkommen einig. + +Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen +Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die +Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe. + +Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst +gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige +Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des +Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr +beeinträchtigte. + +Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der +Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der +Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große +Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise +behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen +her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt +die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes. + +Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die +Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender +Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem +Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und +der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß, +welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern +Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen +wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn +erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge +tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur +übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem +Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt, +keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er +der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser +Geistlicher kommen, um die _Schrecken der Religion_ in die Zelle zu bringen +oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der +altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft +dem religiösen Wahnsinne verfallen. + +Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer +derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und +europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des +Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und +hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt. + +Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!--Dies ist +an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder +andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise +gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte. + +Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß +zumeist die _schlechtesten_ Subjekte Seelenstörungen und +Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies +in der ganzen Welt der Fall ist. + +Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat +mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft +_an sich_ als eine mangelhafte, verkehrte _Behandlung der Gefangenen_ +machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der +Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu +Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da +und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man +bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und +überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der +Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von +sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein +Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem +Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der +noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren +bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin +Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal +noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen +Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das +lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu +müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem +Wahnsinn in die Arme treibt!-- + +In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige, +geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen +durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert; +mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen +Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein +Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe +eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft +auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus. + +Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi +willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis +religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es +meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und +keine ächte Sittlichkeit. + +Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man +könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und +jedem Tode folgt eine Auferstehung!------ + +Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt, +die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen +Freunde der einsamen Haft machten. + +Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte +sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die +Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden, +welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz +andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher +erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon +werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im +kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von +vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem +religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die +Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu +überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und +Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß +Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in +Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter +vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.--Würde sich jedoch +niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren +Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein +entschiedener Anhänger der einsamen Haft. + +Aus welchen Gründen? + +Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei +der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele +Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen. + +Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle +keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln, +Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der +verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den +Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung +boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der +Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit, +endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den +Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren +Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich +das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen +Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an. + +Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel, +ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen, +sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch +Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung +anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch +zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die +Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des +einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen +Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für +weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen. + +Drittens endlich _wird der Zellenbewohner_ doch gewiß _nicht_ bei den +reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung _verschlechtert_, +wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht +tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen +tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche +stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche +Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen +leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger +und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische +Nahrung allmählig erlöschen. + +Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für +blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer +Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos +deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen +überhaupt gerne vergißt. + +Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten +alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener. + +Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für +Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres +Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und +möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau +"moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste." + +Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld +dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch +stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den +Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen, +zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen +oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte +ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen +Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder +Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in +einer Zelle untergebracht werden sollte. + +Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth +an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung +gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln, +bis vollkommene gebaut wären. + +In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten +Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen +nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf +die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen. + +In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem _jugendliche +Verbrecher_ unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der +Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am +leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht +zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich +herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen, +sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und +sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten +als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter +bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat. + +Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern +rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr +zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher +schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur +Seltenheit werden. + +Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor +Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz +verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß +die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß +verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten-- +Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen--verwendet oder in Folge +eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne +Länder geschickt würden. + +Träume sind Schäume!-- + +Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und +herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren +sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht +ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne +Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch _als Ausnahmen_ sich stets +erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich +in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen. + +Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen +und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas +ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint. + +Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit +schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar +nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute, +welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern +Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil +dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich +verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der +vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen +beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits +überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben +überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere +Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden +der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine +Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten. + + +_Freiburg_, am Charfreitag 1853. + + +#J.M. HÄGELE#, Privatlehrer + + + + +#DER ZUCKERHANNES.# + + +#KINDER UND JUGENDLEBEN.# + + +Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die +Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern +Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn +nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern, +finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte, +könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei +verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und +arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder +machen. + +Dagegen gehts im Thale nicht so still zu. + +Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu +verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und +Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen, +vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten +Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig +zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das +Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle +vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von +einer steilen Anhöhe herabschauen. + +Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen +Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er +mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder +auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm +folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener +Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig +gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden +könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden +Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer +Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter +diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte +Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich +aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend +Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen" +und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite. + +Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen +dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich +vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche +weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr +unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen +bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder +unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo +Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott +gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der +stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den +sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die +alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie +keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem. + +Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung +ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug +bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das +Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind +froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des +Gottesackers stehen sehen. + +Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu +nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien, +spricht das sonst so mechanische %miserere% und %de profundis% mit ganz +besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der +an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die +Tiefe sinke. + +Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den +Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert +still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere, +die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem +Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der +Verstorbenen. + +"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele +Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der +dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die +Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von +Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben +wollte. + +Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu +überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren, +wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten. + +Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in +die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile +unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab +hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief +und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch +durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt +war. + +Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme +Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte +bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat +thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das +Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war. + +Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer +Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen +kühlen Grube der Mutter. + +Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem +Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter +stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis +ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte! + +Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen +Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen +Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit +traurigem Recht eine _Alltagsgeschichte_ genannt werden. + +Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem +herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion +oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe +überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität +sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und +begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem +Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals +Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein +bischen herauszureißen. + +Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib, +die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich +mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer +Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und +die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig +nicht übel bestellt. + +Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die +ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer +Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und +schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an +einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr +Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker, +wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf +dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne +nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher +Woche mehr als sie brauchte? + +Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas +gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes +Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der +strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen +Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte. + +Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets +froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und +fand in diesem ihren besten Erdentrost. + +Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der +Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine +handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist, +und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug, +aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches +brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche +später bitterlich bereut. + +Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch +die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so +verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und +alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und +nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war. + +Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht +ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die +wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine +schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu +dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der +Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den +stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte. + +Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme, +die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die +frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe +und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war +die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die +weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel +alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr. + +So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges +Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig +nach!"--seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger +und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese +nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja +sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott, +was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?" + +Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für +die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht +mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem +wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen. + +War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es +schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer +langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das +Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter +im Schwarzwalde geben konnte. + +Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige +an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch +kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche +Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt. +Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war +letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses +Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten +auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und +Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges +Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld +machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr +Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere +Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte. + +Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht, +Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem +großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen +Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man +muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des +Gebirges nicht brauchen. + +Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom +Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die +zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst +zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath +zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost +und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft. + +Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis +Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele" +an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede, +Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich +Verdammten in der Hölle. + +Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom +Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen +würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige, +hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr +ausgekommen sein. + +Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz, +die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch +tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an +einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich, +kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen +Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden +zitterte. + +Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch +Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits +arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu +müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie +Niemand verpflegen und lieben würde. + +Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in +einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an +Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre. + +Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes +Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn +eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem +mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der +Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und +Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären. + +"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem +Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der +Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank +wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber. + +Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel +fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst +mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf +die wohlfeilste Weise. + +So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig +und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am +Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein +oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter +der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte +dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle +Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den +spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den +Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen. + +Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um +das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute, +herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in +diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen +der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte +hundertmal ganz ruhig erwiedert: + +"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich +habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du +hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"-- + +Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine +Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund +davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die +Eifersucht. + +Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige +Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung, +das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der +Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr +unter die Haube kommen, machte sie rasend. + +Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb +Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere +einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit +dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten +Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane +gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los. +Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und +herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal +mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es. + +Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem +Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als +solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht +und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu. + +Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und +lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen +Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der +Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines +armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr +ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt. + +Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine +Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze +kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die +tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die +Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der +Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und +nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen +Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn +die schwersten Arbeiten verrichten mußte. + +Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich, +seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer +uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern +des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann +eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet, +daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in +ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe +zu den Menschen genommen. + +Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in +ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der +unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu +Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle +bewiesen. + +Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich +bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und-- +beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig +denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich +Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der +Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale +herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder +ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen +haben, um dasselbe heimzuführen. + +Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran +sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch +abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde +und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann +gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes +Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen +ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter +Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute. + +Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran, +welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich +trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit +erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie +sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten. + +Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten +Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit +Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die +gefallene Mitschwester vorgebracht hatten. + +Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen, +der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben +durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht +zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base +Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft +herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet +hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und +Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen. + +Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der +Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig +brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren +bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu +jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch +stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch +die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer, +Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber +übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne +und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle. + +Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden +versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden, +mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu +Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war +nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und +zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld, +welches sie sich am eigenen Leibe absparte. + +Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben +niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen +haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus +freiem Willen. + +Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll +Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich +lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem +Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit +ihren Leib durchwühle. + +Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht +mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie +keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein +anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde +verpflegt zu werden. + +Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre +irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die +Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott +zurückgeführt wurde. + +Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus, +ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr +jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen, +welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte +Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte, +zusteckte. + +Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen +für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht +ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines +elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb. + +Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal +nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer +Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den +verlassenen Hannesle zu trüben vermochte. + +Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte +ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu +Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen +Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen +waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder +minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen. + +In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege, +doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens +störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große +Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle +voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange +mehr zur Last sein würde. + +Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den +Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil +Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten +keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen +größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals. + +Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als +landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an +Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene +Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf +Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust +zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen, +schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu +belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern. + +Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ +und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt +Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß +Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen +beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und +handelte. + +Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten +Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art +überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um +der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so +einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer +Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen +Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig +wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen +göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender +Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden +Sieg einbüßte. + +Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am +lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines +hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen +Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der +"christlichen" Staaten!-- + +Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die +lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr +möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen. + +Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des +Begräbnisses. + +Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im +halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der +Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis +Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des +Schwarzwaldes?-- + +Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte +die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus +der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens +verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug +unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf +und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen +ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah, +schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob +er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes, +trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen +mit Schnaps zu vertreiben. + +Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der +armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des +Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine +"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen +worden war. + +Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein +Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine +Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins +Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam. + +Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des +floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt, +diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken +vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende +"Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der +unbefangenen Kindheit. + +Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal +und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der +Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur +reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos +und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der +Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen. + +Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft +magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch +nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß, +den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben +nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den +Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche +einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just +da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht +mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle +nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten +Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt +verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von +allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche +den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser, +wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe +nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise +bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle +Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen +anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege +und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich +nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte +der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen. + +In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er +andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu +Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken +Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden. + +Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst +entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit +die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn +Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde +in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib +noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue. + +Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle +zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als +dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein +ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im +Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht +vieles doch gutes Essen bekommt. + +Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen +Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die +Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am +allerwenigsten eine Erzieherin war. + +Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl +gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten +Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel +wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes +Bäumlein. + +Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern +der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem +Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit +einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die +natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz +erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an +den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie +hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und +schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend +entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener +Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet. + +Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen +Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig +geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben +aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus +dem zarten, jungen Herzen heraus. + +Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die +"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf +Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt, +so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese +kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu +geben. + +Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das +Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und +der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht +noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an +den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten +vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich +spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug. + +Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle +zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen +des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst +zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte. + +Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern +arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den +Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand +beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am +Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten +anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark +und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu +sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen. + +Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes +sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der +Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern, +welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen +können. + +Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war +eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater, +naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens +darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben +zeigte. + +Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus +ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr +Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten +Christen und rechten Mustermenschen heranbilden. + +Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch +kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib +und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem +ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im +Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen +worden. + +Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe +zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst. +Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über +alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne +daß sie selbst darüber zur Einsicht kam. + +Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre +Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten +ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen +Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und +stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil +Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich +nach ihren Kunden zu richten pflegen. + +Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz +auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor +Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht +bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt, +so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut +glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen +Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu +Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an +Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde. + +Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf +machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam +und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen +Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in +Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des +Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die +Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht +wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu +sich nehmen. + +Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht +bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen +haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre. + +Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer +Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht +das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die +Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig +über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren. + +Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt +allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und +an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen +fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen +Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort +viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von +Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein +schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten +Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen +Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der +sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich +vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen. + +Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von _Hoffart_ so erfüllt, wie ein +ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer +wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch +frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen. +Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer +Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um +lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie +befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht, +diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu +bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie +ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte +und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne +behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim +und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe. + +Vom _Geize_ der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte +und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen +Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und +leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr +aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt. +Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine +besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte +und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere +Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht +übermannten. + +Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht +zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit +er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß +sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten +Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie +ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu +üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen +mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode +behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die +Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die +große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und +ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen +sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer +Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird. + +Von der _Unkeuschheit_ der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu +erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie +hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit +blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst +zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes +merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem +Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die +Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie +ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine +Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum +patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so +wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den +dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen. + +Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen, +welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes +Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne +und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde, +allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es +Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein +kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die +Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das +Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle +betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe +werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner +"gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen +Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte +Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz +ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der +frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm +auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte. + +Von Elsbethens _Unmäßigkeit_ munkelten und lärmten böse Zungen erst in +spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten +Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und +weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse +glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß +sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem +Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte, +allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler +vorausschickte. + +Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die +besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur +Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit +im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich +die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe +eine Verkennung und Anschwärzung in sich. + +Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum +eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen. +Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich, +sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der +Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh +herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu +vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche +freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den +Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen +vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den +Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen +und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches +sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten, +nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge. + +Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die +Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie +himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren +letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon +längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen +lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch +eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu +achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste +und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen +herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank +sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der +Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der +Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten +keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine +für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten +vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das +Wohl aller Menschen zum Himmel empor. + +Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von +einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so +beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß +ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine +zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die +schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit +war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken +versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden +Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen +das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und +Zanksucht. + +Zwar ging ihr _Zorn_ vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit +und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen +Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt +oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse +Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und +sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre +Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und +durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte +und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit +ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre +sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein, +wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil +trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen +verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das +Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und +Anfechtungen des Zornes vorzubeugen. + +Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames +Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm +nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die +Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die +ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen +Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen +desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich +zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden +wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle +verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch. + +Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet +brachten, hielt Elsbeth den der _Trägheit_ und nimmermehr vermochte sie es +zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb, +welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte. + +Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere +deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und +thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und +pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat +leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise +bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des +Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von +der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter +ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die +Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer +Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor +er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung +gebildet hat. + +Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der +Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige +Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg +ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth +und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die +beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und +merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht +der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen, +Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen +mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging. + +Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im +Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der +Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu +verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine +Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes +Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte. + +Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken +Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene. + +Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr +Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des +Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer +Todfeinde blutig gerächt haben soll. + +Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen +gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen, +dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals +in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27 +Jahren gelähmt war. + +Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu +erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es +sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde, +nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder +gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei +unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme, +dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute +Meinung von ihr haben könne.--Andere berechneten, wieviel diese Zauberin +durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen +Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit +Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus +und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die +Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch +angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch +nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe +des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie +würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch +zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von +der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen +sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie +in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb +von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden +alter Zeiten abzubüßen. + +Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen +halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der +Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene +lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin, +von der er schon Manches vernommen hatte. + +In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges +Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder +überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren +und armseligen "G'häs" und: + + "Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm, + aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!" + +waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende +Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer +geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und +schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten +Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen. + +Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich +Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen, +die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch +das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in +ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer +höhern Welt hervorzubrechen schien. + +Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe +anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann +von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und +als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27 +Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen +Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste, +Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich +eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und +lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei. + +Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf +Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und +hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher +Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen +Bibliothek vermocht haben würde. + +Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler +besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine +Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben. + +Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht +zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er +bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen +Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die +Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht +gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider, +welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und +dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen, +sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales +getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte. + +"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den +besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder +gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und +denselben als Ihresgleichen zu betrachten. + +Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und +Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und +gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind. + +"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen +sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der +Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den +herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch +so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und +ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter +sich selbst so große Unterschiede?" + +Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die +Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig +derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm +begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er +daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr +redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier +zerfloß. + +Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben, +Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es +ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich +blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe +und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder +gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause +und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten. + +Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten +etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer +Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen. + +All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die +Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr +Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und +Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein, +einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh, +Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch +weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an +bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen +herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder +auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei +schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer +aufbrachten. + +Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich +nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er +in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder +religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon +weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen +suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim +Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles +litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales +nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu +bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben +fortschritten. + +Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth +zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und +höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur +Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit +gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und +oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter +geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn +während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein +"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit +Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt. + +"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht +allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief. + +"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die +Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert" +sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und +weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen. + +"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott +verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich +gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten +wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott +denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur +Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die +Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die +Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf +die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften. + +Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im +Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau +Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister +lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den +Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden. + +Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe +trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein +Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit +"Gesindel und Bettelvolk" abgebe. + +Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten +hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in +seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und +allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim +Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen +Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber +später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein +Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem +Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein +Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um +des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den +freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und +Sorgen wüßte. + +Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu +bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer +spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem +spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen. + +Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern. + +Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual +des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr +versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu +wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen +Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen +sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen +Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der +Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische +Trennen und Scheiden in größern Städten. + +Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig. + +Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht +erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch +selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen, +weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und +war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen +herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es +fehlte ihm an Gespielen. + +Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht +und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil +er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren +in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden, +Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu, +allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu +gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben, +ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden +Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie +verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!" + +Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse, +doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig +niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in +gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als +Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er +die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte. + +Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen +seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele +hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke +Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle +erzogen. + +Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein +Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste +und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der +Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum +Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als +den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum +Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten, +was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß +der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines +Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und +Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig +Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das +Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er +entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten +bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe +emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen +des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah +die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals +ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener +Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er +aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen +geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den +seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und +verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke. + +Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes +Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum +Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat +er diese Lehre niemals recht erfaßt. + +Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre +Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten +der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber +mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die +Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange +zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle +sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem +Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während +des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig +halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die +Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen, +Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er +nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme +Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme +Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte +anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu +widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er +die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen +habe. + +Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem +Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen +müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung +aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die +Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat +verloren gegangen!--Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei +der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es +allgemach einerndten. + +Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil +es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für +das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des +Himmels. + +"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt +Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm +macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen, +daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor, +die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ, +dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und +Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen +denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der +Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte. + +Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen +religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher +und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen. + +Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden +den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und +Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal +keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden +Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das +Christenthum. + +Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich +leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen, +der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt +an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des +Christenthums über die heidnische Welt. + +Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und +seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren +viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr +leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der +Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal +klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu +werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten +und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.-- + +Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber +einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er +in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit +kurzen Worten abmachen. + +Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins +gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im +Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches +Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte +Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr +unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues, +niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren +ihm nicht recht gefallen wollte. + +"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner +Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn +die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte +Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube +weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that. + +Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur +noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine +reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle +selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm +als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem +Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse. + +Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage +zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich +mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen +brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth +Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin, +die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott +zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem +blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und +vorbei!-- + +Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth +übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den +Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die +Sache nicht mehr. + +Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu +gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines +Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter, +ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen +Rolle. + +"Komm, wir gehen zu _deiner Großmutter_;" spricht der Vicar an einem +schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die +dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung, +was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr +führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete. + +Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen +einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt, +traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne +Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der +schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht, +weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch +unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört. + +Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene. + +War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der +Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre +Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie +schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem +Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie +mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch +später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales +und absonderlich die des Hannesle heißen?--Der Geistliche blieb eine +Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des +Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu +kommen und den Buben abzuholen. + +Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren +wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine +neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu +Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat +die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben +verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die +Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben +der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende +Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das +fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar +und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht +mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der +Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen +empfand er täglich weniger. + +Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als +der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der +Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise +machte, trug ihm bittere Früchte ein. + +Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen +habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt +oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine +Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere, +setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem +Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je +musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein +schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus. + +Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein +anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes +mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein +zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe +Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen. +Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als +vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In +einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und +Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß +alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der +Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem +Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und +stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein +würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre. + +Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und +ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die +Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war, +sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser +behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote +suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute +sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und +Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen +keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es +befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem +Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren +fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser, +Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter +genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er +allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte. +Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen +Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und +diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem +Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde. +Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und +diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin +die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den +Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter +Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden +Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch +keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise. + +Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging, +läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug, +um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen, +bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens +ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und +winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit +entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu +verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle +für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte +denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was +ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur +_"Zuckerhannes"_ rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und +Erwachsene. + +Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und +hat denselben niemals wieder verloren. + +Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube +geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn +boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe +sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der +Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die +Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth +und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der +Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das +Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist. + +Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in +der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute +Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren. + +Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte +jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen +und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte +in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen, +verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden +Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und +vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde +unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der +er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und +Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten, +kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten +weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das +Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und +Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte. + +Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den +Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah +fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen +Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der +Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn +er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte +ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang +bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers +Werth veruntreue oder entwende. + +Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der +schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als +Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde. + +"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich +zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen +soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte +Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei +ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und +Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und +betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit +langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß +gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim +keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren +lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der +Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche +er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste. + +Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des +Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen, +Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes +Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen, +welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum +Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein +schienen. + +War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die +Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe +entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer +schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für +sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares +Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße +und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat +und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde +hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen +oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei +heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung, +die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine +so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so +hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen +Haß gegen Gott und Welt schüren helfen. + +Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande +eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger +und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl +verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte +derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb +behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so +schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger +wurde. + +Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und +höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er +habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines +Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses +Wirthshaus für ihn finden. + +Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen +Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den +"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen, +der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich +manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen +und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden +auszustoßen. + +Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und +ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten +und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im +herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und +göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen. + +Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während +des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder +im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht +angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht +allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen +wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der +Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel +ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der +Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin +getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse +Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er +manches Stündlein bei ihr. + +Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes +bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch +Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden +lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern, +unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben. + +Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem +Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte, +aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den +auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge +Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des +Sünders für sich gewinnen. + +Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und +weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres +Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit +willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ +dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein, +der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht +wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche +wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in +schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus: + +"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine +Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst +am Sonntage noch gesagt!" + +Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine +eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden +Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den +herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte. + +Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche +unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete +amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz +redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den +Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben +geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem +lebenslänglichen Hinkebein. + +Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn +ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von +Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte. + +So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie +jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie +versprach demselben goldene Berge---eines schönen Morgens fand man das +Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand +sagen. + +In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte +sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch +dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und +heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre +Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben. + +Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines +Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher +als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer +freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der +Gedanke an seine Papiere. + +Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen +Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er +sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue +und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm +nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein +gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah, +daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen +Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste +von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so +schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach, +ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche +machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und +Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen +ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen +Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an +erlebt, fand er im Mooshofe nicht. + +Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen +Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen, +angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen. + +An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse +über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz +und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges +Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ +und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das +Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete. + +Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins +Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf +erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu +lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht +unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht, +sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen +und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß. + +"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde +einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei +fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!" + +Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in +ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der +Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem +gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich +darnach zu richten. + +Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag +Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube, +undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes" +mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines +Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer +und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von +Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei +merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten +solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle +Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das +Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft, +doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu +befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde. + +Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung, +Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende +hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen +erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß +gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint +haben. + +Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen +Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen +Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die +Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen. + +Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und +seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und +sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden +zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat +den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und +menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als +getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen +Gesellschaftern machte. + +An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine +silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus +der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme +den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß. + + + + +#IM THURM.# + + +Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der +Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in +Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das +Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen. + +Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit +einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen +vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung. + +So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser, +Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich +bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so +bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig. + +Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur +noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie _durch das +Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster +werden_; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und +Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität +schneidenden Hohn sprechen. + +Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit +Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und +Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu, +mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich +sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern, +mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren +Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen +versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen, +die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit +eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über +kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber +großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden. + +Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen +Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam, +schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue +Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger +auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen. + +Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten +sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die +Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen +bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen +oder gar vereiteln. + +Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische +Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung +und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr +bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen--mit +diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine _Ausnahme_ +von der Regel, nämlich in ein _schlechtes_ Amtsgefängniß treten und in +einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen. + +Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe +vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft +erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen +Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft +und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel +einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die +Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf +die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am +Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum +Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen. +An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger +Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht +alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle +denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen +Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit +marmorirten Wände hingeklekst wurden. + +Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers +ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber +findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her +gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich +darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er +außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines +Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und +Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des +Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome +verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen; +viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter +Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen +hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke +umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen +Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er +geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe +weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der +Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte. + +Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu +Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert +den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die +"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue +Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen +Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden +Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch +verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls +würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des +Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet. + +In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern +schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer +spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang +der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall +war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines +deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern, +Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten +geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte +hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der +Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem +Befehle _strenger_ Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man +wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen +die Regierung erbittert werden. + +Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das +gemeine Volk sei, die _Regierung_ als den allgemeinen großen Sündenbock +aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der +Angestellten und Beamten zu betrachten. + +Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere +Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht +beurkundet--eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden +noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben, +wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und +Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige +Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr +geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"--eine +Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten. + +Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges +Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen +Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor +Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne, +die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen +und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins +heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen +Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit +freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und +erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der +morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom +schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung +auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen +bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in +schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören. + +Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt +in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend. +Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte +Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde +nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so +gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen +Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in +Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene +Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er +knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines +Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige +abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife, +einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der +allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid +künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe +auf dem nächsten Bette macht. + +Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet +gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der +Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine +des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der +Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche +macht. + +Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der +Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein +Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu. + +Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht +in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und +Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der +Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und +brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten +ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein. + +Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser +begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der +Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in +Wallung bringt. + +Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe, +eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu +gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und +wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und +repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung. + +Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange +in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören +und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten +der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben +stark beeinträchtigen. + +Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des +schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der +Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält +sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz +unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in +sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher +erhalten wird. + +Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten, +Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der +schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher +den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger +einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen +entsprechend gebildet zu haben. + +Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was +er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung, +welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu +einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten, +unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind +seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er +redet. + +Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen +Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen +sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und +furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des +Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der +einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der +Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster +grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser +als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer +Quälereien los und ledig zu werden. + +Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes +geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem +dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben +aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein, +doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn +das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht +schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte +er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges %da +Capo%. + +Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es +im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste +Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses +Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich +noch ein bischen vor sich selbst schäme. + +Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes +verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall +zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert +weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen +Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er +mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum +allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand +am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine +aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein +Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und +welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der +zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird. + +Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls +hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der +Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die +Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher +sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art +von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft. + +Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende, +um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!---- + +So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter +Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht +bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig +verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und +Züchtigkeit? + +Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter" +Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind +schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art +vorangegangen--doch _der Staat_ soll den Uebertretungen des sechsten +Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute +verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen +Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch _Leute verschiedener +Glaubensbekenntnisse_ sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am +allerwenigsten Juden zu Christen. + +Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach +in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth +finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung +wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je +entfernt sind. + +Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und +Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln, +im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für +das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn +seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische +Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus +des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller +Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel +das Volk arm und elend macht. + +Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich +entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige +Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch +worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen +Juden_menschen_ und Christen_menschen_? Verschiedenheiten der Nationalität, +Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch +Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den +Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens +verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten, +tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes. + +Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden +wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel +zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das +Sichselbstaufgeben und Bekehren. + +Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke +kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch +der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner +Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden. + +Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art +verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen +drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei +ergriffen und _daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine +Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von +welcher die Gesetze nichts wissen wollen._ + +Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum +Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen +Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als +halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt +hatte. + +Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten" +Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner +Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger +Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von +besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden +sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand +in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche +mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles +Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine +Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs +auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er +die Leiden des Kerkers. + +Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei +heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen +Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel" +oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus +Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der +Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich +von "unsere Lait" kreuzigen ließ. + +So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt +zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist +auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht +schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling +ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren. + +Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die +finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul +hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen +gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende +Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten: + +"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche, +spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du +Tropf!" + +"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes +gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!" + +Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der +sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in +Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn +nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend +dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck +verschafft hätte. + +"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams +und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen. + +"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ... +gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere +Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ... +uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ... + +Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende +Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol +mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er +schrie: + +"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die +Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die +Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da, +Jean de sucre, par Dieu!" ... + +Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und +schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine +besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht, +der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft +heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt +still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von +Neuem Rache und Haß. + +Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen +ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen +könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch +Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn. + +"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue +es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es +dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte +wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten +Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl +umherwandelt. + +"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte +und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich +will sie so gut erzählen, als ich vermag und _Das_ will ich Euch sagen, +_wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige +Zeugen genug nennen._ Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann, +doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der +Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den +Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter +Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! _Du_ besonders sollst Deine +Judenohren spitzen, denn ich _bin ein Evangelischer_ und _Pfaffenfeind_, +frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine +Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine +Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!" + +Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben +dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie +selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem +Spiele. + + + + +_Die Geschichte des alten Mannes._ + + +"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige +Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70. +Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil +Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch +dieses eintreffen. + +Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters, +welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten +Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt. + +Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich +mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an +diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich +Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die +Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde +dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als +Geselle drunten in der Pfalz. + +Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die +Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre +Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte +ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre +alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und +der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn +nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle. + +Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch +damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle +hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte, +dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über +den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit +Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt. + +Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht +von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu +bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln +verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in +die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze +liegen und wurde gefangen. + +Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe +eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und +besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel +mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch. + +Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir +schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen +uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof +hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten +vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir +nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen +Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal, +der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter +der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt. + +Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug +und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner +diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen. + +Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch +das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich +langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder +gelangte ich aus dem Graben ins Freie. + +Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror +Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg, +ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich +nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf +allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern +und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain +hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief +im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige +Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß +ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei +bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof +ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das +Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem +Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht +nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben. + +Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo +es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein +Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet +erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals +zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen +laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es +gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr +eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor +dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir +das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es +denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu +sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben +wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur +lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch +herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps, +als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen +Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett, +betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein +Wort verstanden. + +Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher +Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt +sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht +fast dazu. + +Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich +wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer +Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich +ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen. + +Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins +Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen. + +Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann +derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an +einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann +Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel +Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie +ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren +mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu. + +Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim +gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie +mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis +Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den +Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem +eisgrauen Gottesmanne. + +Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus +mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er +sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab. + +Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern +Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du +deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen +verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der +Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre +alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten. +Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage +erleben!" + +Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum +recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung. + +Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß, +auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles +wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu +holen, der Commandant aber schnauzte mich an: + +"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat +oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten +Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir +Bedenkzeit!" + +Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der +Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur +bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit +kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war. + +Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"--Nein! +--"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!" + +Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es +auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig, +hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich +ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen +Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht, +der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden +hätten! + +Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur; +derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend +und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den +Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die +Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein +Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst +bis morgen bei mir bleiben!" + +Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte; +zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich +ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher +betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch +halbtod prügeln werde. + +Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege, +welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich +ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide +bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch +viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große +Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für +eine halbe Compagnie. + +Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich +sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus +zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer +Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze +Apotheke durchgebraucht gehabt hätte. + +Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld, +sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst +übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages, +ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und +ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in +der Nacht erfrieren können. + +Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können, +blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser, +sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und +Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles +so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem +Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein +Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her. + +Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim +Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu +begleiten. + +Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte +nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben +mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort +unter die Soldaten anwerben zu lassen. + +Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste +Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben +und frage, ob ich über Nacht bleiben könne. + +Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus. + +Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause, +sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld +als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's? +der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte. + +Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst +hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager +und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch +er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister +heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen +Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet. + +Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24 +Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das +Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich +beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren. + +Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen +wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen +waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen, +weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am +Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum +Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf +uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf +geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf +eingeliefert. + +Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte +mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen +hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere +Vorwürfe. + +Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der +Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach +der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß +nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem +Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch +bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz +gewaltig. + +Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen +die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort: +Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben +schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir +schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem +Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig +blutete. + +_Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen +vieler Herren und Damen der Stadt._ + +Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins +Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war +mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte, +in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die +Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte +ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch +dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf +halt auf dem Rücken keine Maden geben!" + +Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt +erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren, +wenn es mir auch das Leben kosten sollte. + +Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben +konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine +Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich +trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen +Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste +ernsthafte Bekanntschaft an. + +Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften +anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei +ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und +Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für +dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht +heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!" + +Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu +bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten, +Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht +sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört, +was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie +allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es +mit der Marie im Mohren gut meine. + +Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und +sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie +selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten +sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen. + +Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern +ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein. +"Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"--"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn +ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"--"Nu, nu, Alterle!"-- +"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ +mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"-- +"So, so!"--"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die +Meinige!" + +Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt, +der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches +Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben. + +Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus, +worin Muck arbeitete. + +Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es +Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und +sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!" + +Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine +Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch +nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles, +stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie +ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn +wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen +Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche +im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag +fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete. + +Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus +Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name +nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die +Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu +lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt +werde. + +Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause, +es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt +oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im +Gartenhause zu Jägerndorf denke! + +Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres +Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich +Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und +mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu +vermeiden. + +Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau +wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden +Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer, +ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten +hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon, +daß wir Deserteurs seien--er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, +spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog +denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns +ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie +die Rehe dem Walde zu! + +Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien, +denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag. + +Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den +Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der +Stadt seien und kamen unangefochten hinein. + +Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein +Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem +Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen. +Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn +die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst +im ärgsten Rausche nicht vergaß. + +Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir +gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune +Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe. + +Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment +bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend, +dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine +Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier +müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme. + +Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und +verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das +Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der +Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich +Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei +den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem +Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu +lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden +Handgeld. + +Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf, +doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich +zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet, +zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und +begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe +ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber +die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger +mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt +vielleicht schon daheim. + +Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich +sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht +verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!" + +In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal +noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in +Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke +Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer +mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den +Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte +mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn +ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen. + +Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß +sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich +auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest +verherrlichen sollte. + +Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte, +sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen +fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte, +wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht +schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim +Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne. + +Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn +zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand +jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine +besonderen Absichten. + +Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit +einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag +in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der +Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt +wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß +eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle +dazu. + +Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und +gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn +ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der +dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren +arbeitete und allen Soldaten bekannt war. + +Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks +Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die +Karte?"--"Hier!"--"Woher die Karte?"--"Von dem und dem!"--"Kennst du den +Soldaten?"--"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf +wird denselben wissen!"--"Arretirt!--" + +Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein +Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten, +der in der Moldau ertrunken sei. + +Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf, +als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts +wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe +mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei +meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör +gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im +vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"--"Weßhalb?"--"Schon im ersten +Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche +dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben +und meine Sache dem General vortragen."--"Glaubst du, es sei dir zuviel +geschehen?"--"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"--"Glaubst du +nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"--"Freilich +glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"--Jetzt meint +der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür +sind wir auch da!--Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so +pfiffig gemacht!--"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich +auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem +den Buckel blau zu schlagen!"--"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom +Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber +angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht +in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du +nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"--"Nein!"--Jetzt +sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn. +Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst +in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem +Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!" + +Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren +lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder +eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3 +Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!" + +Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut +bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er +meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon +gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es +heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich +es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest +dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern +desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!" + +Ich dachte, _du_ hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg. + +Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten, +Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als +sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die +Offiziere gefüllt hatte. + +Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln +beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire +und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein +Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze +sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber +und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in +Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht +mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine +Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem +Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben +und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und +brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück. + +Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski +die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum +Rasiren ging, aus Prag hinaus. + +Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich +warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen +sollte, war schon in der Nähe! + +Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich +bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des +Landes?"--"Bin bei Eger zu Hause!"--"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!" +--"Warum nicht?"--"Hm, hm!" + +Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien, +ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die +Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich +bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im--Staabsstockhaus. + +Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte +darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur +für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab! + +Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins +Regimentsstockhaus und ins Verhör. + +"Woher die Zivilkleider?"--"Mitgebracht!"--"Dann?"--"Im Wolf, dann bei +der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"--"Dann?"--"Auf dem Leibe +unter der Montur!"--"Die Montur?"--"Hinter einem Gartenzaune!"--"Wie kamst +du zum Thore hinaus?"--"In Civilkleidern und mit einer Karte!"--"Woher die +Karte?"--"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]--"So! Nun diesmal geht +es anders, Paule!" + +Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen, +die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte, +freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich +um baares Geld alles bekam, was ich wünschte. + +Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke: +"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!" + +Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden, +wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde +ich von aller und jeder Strafe frei bleiben. + +Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15 +herab!--Gestehst du jetzt?"--"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"-- +"Nochmals 15!" + +So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ +ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte, +nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau +des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in +der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht +geschunden wurde! + +Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.-- +"Weßhalb keine Antwort?"--"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"-- +"Bleibst du dabei?"--"Ja!"--Wieder 15 herunter!--"Gestehst du?"-- +"Ich habe Alles schon gesagt!"--"Das Verhör ist geschlossen!" + +Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht +für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in +Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen. + +Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den +Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem +Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die +Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei +mir war. + +Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt. + +Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden +verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth +noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben +würde. + +"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin--"Wen Gott halten +will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"--"Ja, es ist arg!" +sagt die Margareth traurig--"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem +selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf +dem Exerzierplatze!--Am Sonntag wird's eingebracht!"--"He, 's wird +halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat--"Ja, Bruder, +wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"--"Aber die +Ordonnanz?"--"Können nicht Zwei zusammen gehen?"--"Ist schon oft +geschehen!"--"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch +österreichischer Bürger werden!" + +Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu +dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich +bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause +hinaus. + +Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei +der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm +versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so +durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn, +weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe. + +Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren +und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich. + +Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen +würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum +Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit +6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte +die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit +milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten +sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht: +Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen +Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten. + +Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und +ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine +Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im +ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem +Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch +das Kind zu sich nahmen. + +Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem +Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der +Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon +redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir +an den Augen abzusehen vermochte. + +Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines +Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit +mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre +zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit +mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren +wäre--ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit, +den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht. + +Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf, +die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als +Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren +Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem +Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore +hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth +mangelte. + +In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im +letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam +heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag +wegbrachte, wuchs unser Muth. + +Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich +dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau. + +Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach +Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage +sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht +auf, geht zur Thüre hinaus und--kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er +gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein +Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei +ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich +mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe +ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte +auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien, +ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe +derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten. + +Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau +seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie +ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater +das Tanzen gelernt haben. + +Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den +Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in +Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle +jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge +immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen. + +Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer +heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz +am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so +wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit. + +Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr +gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren +Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war. + +Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr +Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum +Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk. + +Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken +Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß +ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen +mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren +Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein +Deserteur, aber ein Rekrute sei. + +Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück, +der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner +meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär, +dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der +angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten +bekommen würde. + +Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu +danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu +lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine +schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in +einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei, +das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die +Kaiserstadt. + +Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen +Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm +essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch +einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben. + +Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders +die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die +Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr +bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh +den Weg unter die Füße zu bekommen. + +Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen +Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute +denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen! + +Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen, +doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die +Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen +glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich +wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches +Regiment?"--"Deutschmeister!"--"Gut, du kannst jetzt allein gehen und +dich melden, dein Paß bleibt da!" + +Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung +sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient +habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht +der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem +Bäckerladen und--vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf, +welche bisher auf mich geharrt hatte. + +Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen +reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie +sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich +ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied +genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der +Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor, +der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis +zum Jahre 1852! + +Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten +und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und +fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"--"Ebenfalls hier!"--"Wo finden +wir ihn?"--"Er hat die Wache beziehen müssen!"--"Wo gehts Abends hin?" +--"Da und da!"--"Gut, wir treffen uns!" + +Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu +verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn +die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten. + +Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den +Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß +ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle! +... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht +aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie +gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren +vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich +keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief +aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen. + +In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach +Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch +Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet +tief in die Lombardei. + +Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp +Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe +gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze +nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß +eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert. + +Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300 +Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe +verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine +riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus +auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und +trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der +ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles +eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte. + +Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl +kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der +nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte +mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich +befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin +und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche +schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten +und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und +viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der +Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage +und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu +kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das +%No% und %Si% verstand. + +Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer +hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit. + +Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert, +meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe +keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den +Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf +das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir +nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen +umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns +Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und +kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen. + +Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und +verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach +kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im +Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum +Tode verurtheilt! + +Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich +ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen +und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht, +sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich +zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen! + +Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und +wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein +ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben. + +Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint. +"Wenn _Ihr_ nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in +kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!" + +"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die +Erzählung für Erdichtung halten könnte!" + +"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge +vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich +Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau +nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich +vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen, +doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth +wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe, +Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!" + +"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer. + +"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in _ganz kurzer Zeit_! seufzt +der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000, +zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut +accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die +damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus +ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen +9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt! + +"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige. + +"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe, +ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen +Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!" + +"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles +ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes. + +"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von +Siebenzig, _dann_ muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit, +siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden +gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ... +Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!" + +"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol. + +"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist, +ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich +Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges +Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren +ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!" +"Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen +bist!" meint der Indianer. + +"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von +Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich +weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten +Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an +der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne +glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für +mich!" + +"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die +Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!" +murmelt der Spaniol. + +"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es, +ich!" brummt der Paule. + +"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen +helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der +Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die +er vor einigen Augenblicken äußerte. + +Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man +vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet +sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese +Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder +vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken +umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen! + + + + +#DER ZUCKERHANNES KOMMT AUS DEM THURME.# + + +Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der +Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings +sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich +unruhig hin und herwälzten. + +Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten +dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft. + +"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben, +die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!" + +"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges +Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch +kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich +her, wie in Mantua!" riefen Einige. + +"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit +Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol. + +"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht! +... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war +Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause +gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel. + +"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst +auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen +gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der +alte Paule. + +"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!" +meint der Spaniol. + +"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter +dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist +ebbes Rares!" versichert der Moses. + +"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule. + +"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich +an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht +braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die +Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle +abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie +wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte +der Zuckerhannes. + +"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn +und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an, +doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf +noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das +Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!" + +"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder +nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte, +die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu +nichts Gutem!" + +Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige +Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und +seine Geschichte fortzusetzen. + +Nach einigem Bitten sagt der Alte: + +"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer +Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und +die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden, +wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen +alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich +glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und +oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran +denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend +Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt +mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ... +Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich +je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein +gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht +thun!" + +Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und +bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will +zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli +Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt: + + + + +_Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes._ + + +Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern +behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar +nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch +und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben, +doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte, +weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar +Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache, +die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff +geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied +hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf +das schwere %travaux% nach Straßburg gebracht wurden. + +Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft; +wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und +wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her, +mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon +erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen +Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich +wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808 +kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in +Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten. + +Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien +war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die +fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles +Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich +keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und +unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles +die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen +Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen +Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die +Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins +Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen, +schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir +Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich +für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute +und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das +Hornberger Schießen! + +Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß +ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere +auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins, +was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns +anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder +fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen, +die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen +Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der +grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig, +verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende +Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und +umbrüllt wurden! + +Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken +durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich, +sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für +todt auf dem Platze liegen blieb. + +Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen +und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß +ich keine Silbe hervorzubringen vermochte. + +Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde +erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das +Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu +mir zu nehmen. + +Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich +nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er +lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich +dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag! +... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders +an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil +ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er +blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward +er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm +mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als +genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt +sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte, +wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm +nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele +Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in +welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte +und eine Wienerin zur Frau hatte. + +Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau +konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann +immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach, +mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen +recht gewonnen hatte. + +Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm +aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal +mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und +nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer. + +Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts, +denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein +pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah. +Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem +Pelzhändler nach Wien. + +Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht +bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich +allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag +lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war +die Kugel für mich dreifach gegossen. + +Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei +gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in +meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der +Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo +mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir +einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über +meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach +Heidelberg. + +Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der +unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am +nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach +Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der +Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen +Drangsalen und über meine Rückkehr freute. + +Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur +abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich +seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin +bestand meine einzige Freude. + +Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger +betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu +einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht +lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich +beim 16. Regimente. + +Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern +mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht +von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die +Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell +am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen +sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen +Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und +Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden +war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten +ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch +anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so +mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei +erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und +jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr +je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein +Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend +auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer +war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die +Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch +nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen? +Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu +sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon +wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans +Desertiren gedacht!--Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die +Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte, +zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich +nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht +wurde. + +Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital, +das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an +einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder +hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war. + +Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück +wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und +bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede +Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren +lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich +erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner +Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück. + +Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern +lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren, +bis ich Arbeit erhielt. + +Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath +und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und +Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber +auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn. + +Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer +Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld +anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging +es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte +Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur +zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und +liederliches Weibsstück. + +Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um +mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen +Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme +Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und +Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange, +ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte, +zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht +hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden +Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und +mich einen Räuber und Spitzbuben nannten. + +Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten +herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern +Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich +einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke +Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir +zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will. + +Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm +abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das +Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und +blieb viele Monate sitzen. + +Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit +alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals +ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir +redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren +Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte. + +Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat +redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser +lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der +mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste +versprach! + +Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die +vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten +sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt +muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen +immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen +den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von +Karlsruhe aus also angeordnet würde. + +Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in +die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug +verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn +Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute +seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie +auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es +Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die +Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre +Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie +Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die +größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen +feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius +nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und +rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken +darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein, +dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert +vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt: +Kommt Zeit, kommt Rath! + +Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem +Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten +kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich +Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden +gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig +erkannt und freigelassen. + +Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir +den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst +in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm +machen!" + +Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was +ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen, +wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben +versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt, +läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen +sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und +zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören. + +Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn +drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und +ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige +saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte. + +Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute +freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine +Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede +mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten. + +Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte, +heimtückische Tyrannen. + +Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es +damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen! + +Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag, +mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der +Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"--"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat +Ihr Wartgeld dafür!"--"Soll ich meinen Mann schellen?"--"Nur +zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!" + +Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du +Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, _Du_ bist dazu da!" +Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht, +doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm, +wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen, +ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt +und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt +mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich +nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie +davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr +aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8 +Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig, +der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"--"Nein, Du Mörder, ich habe nichts +mit Dir!"--"Wendet Gewalt an!" brüllt er.--["]Das werdet Ihr bleiben +lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten +mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich +schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage. +"Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!" + +Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich +gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb +den Gefangenwärter mißhandeln?"--"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen, +will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu +schlecht, als daß ich Dir antwortete!" + +Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters +holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch, +weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das +Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte +meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu +melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben, +damit es das Hofgericht erfahre. + +Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war, +als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt. + +Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus +einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und +Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und +vernietet jede mit einem Nagel. + +Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der +Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und +Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet +hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser +mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt +ordentlich seid!"--"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie +auch tragen!" + +Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden +einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der +ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der +Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende +Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt" +worden sei, daß er das Bett hütete. + +Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich +wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen, +endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen. + +Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine +Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"--"Du bist auch nicht sauber, Du +Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und +ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene +Thüre herein. + +Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will +mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen +sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich +antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!" +... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle, +voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen +Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf. + +Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem +Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle +behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien, +welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie +dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation +reden sollten. + +Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die +Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer, +nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres +Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete. + +Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich +wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert. + +Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet +sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs +ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel +los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle +gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde +mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und +verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun. + +Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal +gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als +Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt +einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und +4 Wochen schweres Eisen. + +Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben +beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in +2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde. + +Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der +ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht! + +Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine +Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese +machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und +Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten +aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern +herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem +Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem +herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede +immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien. + +Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab +vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der +"goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich, +ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle. + +Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt +zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte, +gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme, +so möge ich sie im "freien Leben" erwarten. + +Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der +"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich +sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe +da--es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es +sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der +"goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet. + +Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen +müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht +sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen +breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und +Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die +Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der +Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde +Zuflucht im Hause eines "guten Freundes." + +Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen, +mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und +drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze. + +Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich +wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum +Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister +herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"--"Nein!"--"Ei, dort schauen ja +zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht +die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt +Ihr hier übernachtet?"--"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod, +ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich +hier so viele Leute kennen!"--"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?" +--"Ja, ich bin schuldlos!"--"Das wird sich herausstellen, kommt nur +mit!" + +Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing +erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß +Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit +derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem +Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen, +kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin. + +Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen +Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und +sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern +so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!" + +Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem +Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir. + +Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das +Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen +Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen +vermochte. + +Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt, +alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von +den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen. + +Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen +Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der +Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich +vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man +Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam +auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte, +daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere +lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod +sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank, +diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein +Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem +Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals +solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug, +Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte, +wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen! +... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie +und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei +Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel +setzten. + +Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den +Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein +geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und +beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war, +worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt +ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den +Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und +Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten +Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus. + +Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da +steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die +Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen +diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein +Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein +Sack. + +Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein +und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem +Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß +des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein, +schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück. + +Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen +würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten +und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den +Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner, +jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter +Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen +achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die +Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen +Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft +ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen +in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig! + +Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer +gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug. +Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch +zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach +Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25 +empfangen. + +Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie +erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die +Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal +ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern +herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war, +fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt, +dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit +Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört, +einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von +der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur +Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre +Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten +jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester +verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten +nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in +unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht +weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen, +hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie +hinausgeworfen. + +Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h. +in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen. + +Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien +abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und +sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen, +ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23 +Tage bleiben. + +Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des +sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und +hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten, +ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden +andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich +eher tödten zu lassen, als zu arbeiten. + +Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf +zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich +sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir. +Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte, +weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und +arbeitete. + +Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir +entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht +mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch +schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich +schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich +kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan--ich hing mich +einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang +bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte +es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die +Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und +Gottesvertrauen ein. + +Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur +scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen. + +Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam, +doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem +Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath +Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei. +Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den +Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren. + +Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter +Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine +Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange +Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu +verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen +zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem +Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen +erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort +und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus +einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit +und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner +Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte. + +Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas +verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt +ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment, +welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo +auch einen Fuß verlor. + +Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu +finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle, +so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus +reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und +versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde. + +Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es: +"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der +Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten +verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"-- +"Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden +wenden!" + +Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage +diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts +Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht, +sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen. + +In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht +lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt +mich bald nachkommen und reist weiter. + +Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der +Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe +Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort! + +Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne +Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post. + +Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig; +es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den +schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen. + +Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn +zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"--"Ich habe kein +Buch mitgenommen."--"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"--"Ich weiß von +keinem Buche nichts!"--"Fort, in den Brückenthurm!" + +Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen, +weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens +würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"-- +"Ist die wahr?"--"Mein Seel!"--"Ich wills gestehen, ich habe das Buch +genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"-- +"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!" + +Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht +frei und komme ins Verhör. + +Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des +Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die +Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe +dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern +herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder +in ein besseres Zimmer gesetzt. + +Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung +klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und +sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah, +damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten. + +Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch +nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon +wußte. + +Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben +wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre. + +Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils, +doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an +den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die +meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der +Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil +Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn +Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden +und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf, +wenn ich nicht gerade Blutspeien habe! + +Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution +wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn +er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um +Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen, +schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem +die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst +sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte +sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich +einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte +dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und +stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet +einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und +ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und +ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath, +abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner +Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne +ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in +Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal +mehr aushält als der größte und stärkste Elephant! + +Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und +es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte +mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen +hatte. + +Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden, +andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind +abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle +genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse +selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl +besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe +herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug +erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und +Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und +freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt +wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte +und Geistliche ihre Schuhlumpen wären! + +Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein +hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah +ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein] +bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles, +der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte, +er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche. + +Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes +Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten +Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten +aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über +meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den +Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die +Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend +Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und +Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal +manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten +hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich +sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn +ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute +recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber +sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen, +daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute +blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten +Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr +durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm +nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein +Hexenmeister bin! + +Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken, +steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte, +versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir +ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil +mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig +darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch +keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies +auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am +Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen. + +Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern +wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig +gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen. + +Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und +um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst +habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der +Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und +deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir +Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie +nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich. + +Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich +setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht, +ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu +Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen +und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man +möge mich nur näher betrachten. + +"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.--"Käthchen hat ihn mir +draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich +erschrocken.--"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt +der Wirth.--"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!" + +Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht +nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort. + +Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen +beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir +niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren. + +Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der +Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein +Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich +machte meine Zeit. + +Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück. + +Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines +Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche +liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth +war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in +mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt +heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau +noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in +Frieden ziehen. + +Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt +mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine +leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch +nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern. + +Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte +abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und +machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine +Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3 +Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht +gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten +gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum! + +Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte +sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf +der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der +Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren +bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich +Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei. + +Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr +vom Spitale, arbeitet!"--"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"-- +"Verrichtet leichte Arbeit!"--"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr +eine Gelegenheit zum Verdienen!"--"Suche Er nur eine solche!"--"Ja, was +soll ich jetzt anfangen?"--"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!" + +Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als +einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den +Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf. + +Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht, +hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe. + +Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen +stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich, +weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich +gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging +wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir +wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem +Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector. + +Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein. + +Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich +hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit +dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und +volksfeindlich. + +Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht +mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für +jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch, +ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten +und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch. + +Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum +Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß, +alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich +an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine +alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im +vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden +Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies +sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz +schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch +aus einem Kreuz ins andere schickt! + +Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt, +mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor +und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles +gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch +ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler +ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich +arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath +geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr +1852 jetzt nahe ist! + + + * * * * * + + +"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber, +wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige +Streich' gemacht!" meint der Moses. + +"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat _der_ Mensch +ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir +Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert. + +"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht +darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm; +so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der +Indianer. + +"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen. +Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich +hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!" +grinst das Affengesicht. + +Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen. + +"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in +Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur +einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren +zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten +Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue +Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und +was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das +Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb, +Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch +einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine +Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, _daß sie nicht +erdichtet ist_!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit +deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine +_gewöhnliche Zuchthausgeschichte_, wie wir sie von vielen Rückfälligen +vernehmen können!" + +"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit +der Stoffel. "Was der Paule von den _alten_ Zuchthäusern erzählte, habe ich +großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern +Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß +die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz +andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich +und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!" + +"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer. + +"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm, +ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer +arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus +ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief +ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen +findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne +Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die +Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!" +belehrt der Stoffel. + +"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen? +Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern +beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu +Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern +Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die +Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der +Indianer. + +"Hu, das ist grausig!--gräßlich!--Lieber todt als in der Zelle!--Man sollte +das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die +Gefangenen im Chorus. + +"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der +Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine +Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen +der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei +uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!" + +"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der +Zuckerhannes. + +"Mon Dieu, _du_ Dummkopf gehörst ja selbst dazu!" + +"Ich?" + +"Ja du!" + +"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man +Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht +der Indianer. + +"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon +gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern, +Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen +möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der +Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will +wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt +dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß +brummt!" lacht der Stoffel. + +"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von +Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["] + +Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber +verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und +schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe +ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger +Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch +der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es +kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat +mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor +Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das +heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für +gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren! +... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je +nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr +gewesen!" + +"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt +Schwabenalter!" lachte der Stoffel. + +"%Silence, je vous prie!%" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal +und spricht mit steigender Aufgeregtheit. + +"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im +Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit, +Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit +eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen +Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth +gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe +betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends +existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und +stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der +Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen +sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem +scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze." + +"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen +seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus, +Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden +heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre +natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der +Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten, +um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein." + +"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in +einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine +usurpatorischen Hände käme!--Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art +Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und +Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre +Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und +Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos +der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten +Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja +gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in +Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger." + +"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes, +welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen +alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten +Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint +wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der +That nur ein französischer See sein würde." + +"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"-- + +"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller +Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen +nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und +Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen +Knechtung und Elend trieb." + +"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die +unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des +Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich +steigert." + +"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse +Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß +gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen +Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und +die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in +welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit +unterjochen oder vernichten wird." + +"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der +Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der +Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das +gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des +Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte +immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren +Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln +oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den +Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken. + +"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen, +blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner +auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der +Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und +sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den +ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den +zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird? + +"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber +Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die +Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen +Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den _alten +Menschen überhaupt_ erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen +vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen, +unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und +religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: _der permanenten +Revolution_ in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie +sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein +Herz!" + +"Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln, +jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr +zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein +stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen +das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen--im +Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet, +doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann +entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über +alle Henkersknechte der Völker!"-- + +"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu +fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren +Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern +gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als +Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!" + +"Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat +längst ihre Männer, Helden und Märtyrer--wir selbst gehören dazu, wir Alle, +wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution, +obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich +in Euch steckt." + +"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder +vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und +Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!" + +"Sind wir nicht gefangen?--Gewiß!--Weßhalb?--Weil jeder Bewohner dieses +Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener +Weise übertreten zu haben!--Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa? +%Jamais%, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen +Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt +und Betrug!--Was ist ihr Zweck?--Aufrechthaltung der grundverderbten +bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt?--Weil sie in +der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung +derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten +aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen." + +"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift, +zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein +thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen +Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein +strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein +bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft, +der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen, +freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!" + +"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten +Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich +der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch +von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern, +Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre +unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge." + +"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der +Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine +andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät +als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe +übergibt." + +"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt, +aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an +die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine +himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!" + +"Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und +Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger +Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener +Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht +zu haben. + +"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar +nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes. + +"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei +uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein +dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!" bemerkt Martin, der +Schlosserlehrling. + +"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und +alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen +lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern +hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was +besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies +anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem +jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt +und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes. + +"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn +Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten +bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis +Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört +er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!" + +"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und +machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf, +Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft." + +"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder +zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten +lassen!" sagt der alte Paul. + +"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl +verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein +Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein +Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die +Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche +Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!" belehrt +der Mauschel den Paule. + +"Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn +Christen!" lacht der Spaniol. + +"Wenn man in der "großen Zukunft" sich mit Jeder einen Spaß machen darf, +die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen +mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht. + +"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht, +Polizeistaat und Budget geredet?" gähnt das schlaftrunkene Murmelthier. +Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber +schreit: + +"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein +Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer +neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?" + +"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll +ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" läßt sich der +redselige Spaniol vernehmen. + +"Jetzt!--Gleich!--Wir hören!--%En avant!%--Stille!" schreien die +Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem +Besinnen: + +"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres +oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines, +sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen +Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen +Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und +politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das +Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne +Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von +Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene +Weisen." + +"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine +Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen, +politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den +Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des +verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede +zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die +Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die +Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte +Menschheit als Notwendigkeit erkennen. + +Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses +Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung +werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine +Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des +Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen." + +"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner +seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein +constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein +demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der +Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung +zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!" + +"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!" + +"Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei +als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns +Allen gleich." + +"Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen +macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon +weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name +ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb +nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde +die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern." + +"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie +_Privatverbrecher_, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer +unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich +Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder +gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine +eigene Person bekümmert." + +"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee +der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der +geknechteten Menschheit." + +"Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig +Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in +seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er +kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der +elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als +Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen +Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk +abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält +die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"-- + +"Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die +jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten +müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze +und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als +ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen." + +"Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit +unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede +gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker +zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!" + +"Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der +verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene +Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft +einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock, +Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten +und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder +für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem +Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!" + +"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen +mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf +erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend +die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft." + +"Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen, +nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige +Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im +Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche +dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende +betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft +mit nicht strafbaren Waffen angreifen." + +"Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen, +Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine +ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen +und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!" + +"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen +zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen +Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat +bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den +Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen +Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei +ein Krieg gegen das Volk!"-- + +"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar +schwächten, entnervten und verminderten: _Vernichtung oder Verdummung der +Verbrecher_. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste +des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte +Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in +Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen +Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere +Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und +Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind +mit dem Bade ausgeschüttet!"-- + +"Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche +Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns +durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern +fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun +frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er +dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger, +unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke +der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem +Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet +werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter +Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine +Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf +Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod +den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren +Opfern Staub geworden!--Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein +Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten, +so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht +für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!"-- + +"Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in +solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine +Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr +werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören +heißen, unversöhnlichen Haß aller--." + +Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf. + +"Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer +Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden. + +"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls. + +"Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und +lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben. + +"%Mon Dieu%, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen +Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!" sagt der Spaniol +kleinlaut und ärgerlich. + +"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid +ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir +seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest, +jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe? +--Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil +bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer. + +"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr +Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel +oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut +als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!" ruft +der Spaniol unwillig. + +"Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel. + +"Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!" erwiedert der empörte +Zimmerkommandant. + +"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft, +hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen +und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir +freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel +mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die +Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er +hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man +nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich +der Einäugige. + +"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder +Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch, +aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein +Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20 +recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele +gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind +als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte, +bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser +gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt +sich der Paule vernehmen. + +"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol. + +"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran +doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung, +ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein +besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es +auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich +gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins +Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf +Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer. + +"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt. +Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern +herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und +die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die +Beweise?" bemerkt das Affengesicht. + +"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und +wir stehen wieder--." + +"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen. + +"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein +Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da +meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom +nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein, +der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes +macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!--Es gibt +einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten, +wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und +thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich +angethan wurde!" predigt der Indianer. + +"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne +und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib +beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen +anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht +der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem +Musje Baboeuf als dem _französischen Christus_ redete. In Spanien traf den +"schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach +jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe +doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland +aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré +formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte, +um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung +weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal +und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und +mit den Zähnen klappert." + +"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich, +aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in +Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus +allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie +fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken +stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden +zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir +ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten, +richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr +gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden +so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft +dalagen!"--erzählt der alte Paul. + +"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und +keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein. + +"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das +einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet, +der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende +doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."-- + +"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der +Schlosserlehrling den Indianer. + +"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von +Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten +soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als +sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und +Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er +die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein +Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend +der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus +meiner Erfahrung." + +"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch +oft reden gehört habe, wie ist's _Dem_ ergangen? Am Ende schlimmer als mir, +weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen, +welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er +denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft +herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum +Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der +Paul. + +"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und +hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's, +daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid +Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus +der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen +Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt. + +"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen +versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer +erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem +leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat. + +Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der +Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in +einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den +Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze +Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an +und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis +gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben +dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und +denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten +hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben +und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben. + +Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt +sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage +zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen +Schlafgemach angewiesen habe. + +Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge +als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet, +bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um +eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch +zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz +herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein, +erhebt den Säbel und--die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt +mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm +nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld +ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen. + +Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt +gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit-- +der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat +voreiligen Abschied von dieser Welt genommen. + +Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben +auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten, +allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder +fröhlich sein können.-- + +Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und +gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen, +die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht +Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der +Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu +verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen +durch die Frage: + +"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott +nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat +diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That +des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen +aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist +dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen +sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und +dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!" + +Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht +liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu +beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei +demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr +oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch +mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in +ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben. + +Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls +abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm +berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft +sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen, +dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben. + +"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in +ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt: + +"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses +Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz +dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel +niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen +wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen +Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte, +dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum? + +"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen +Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker, +großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein +nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen +Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der +Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind, +betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht." + +"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel +besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das +freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat +es ergriffen, auf den Arm gehoben und--in den tiefen Rhein hinein geworfen +und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"-- + +"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre +ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus +dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn +der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der +Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich +gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie +sich dieselbe begeben." + +"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser +bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch +Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre +von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim +Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde +Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm +ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt, +geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während +desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne +sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und +der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt. + +Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht +leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und +Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem +Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat +mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen +verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft, +ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute +Schäflein!" + +Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst +der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen, +doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von +vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den +geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem +Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.-- + +Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des +Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder +doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die +Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu +verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich +gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und +Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten. + +Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem +Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen +Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr +als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen +einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der +Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den +eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers, +das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das +Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die +tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die +Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr +durchzogen. + +Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines +trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte +beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding +auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute +von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde. + +Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an +ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die +Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn +Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches +sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es +wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom +Staate zu emancipiren. + +Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf, +reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der +Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt: + + Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will, + Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w. + +Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im +Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und +nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der +Schlosserlehrling: + +"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im +Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, +wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und +einem Gottesdienste beiwohnen könnte!" + +"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht +einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!" +meint der Paule. + +"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der +Zuckerhannes. + +"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann +könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der +Einäugige. + +"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes. + +"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!" +prophezeit Jener. + +"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch +wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die +"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern +geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer. + +"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt +noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese +halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der +Spaniol. + +"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion +heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es +selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein +Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. _Der_ wird den +Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart. + +"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt +fort: + +"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen +und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter +Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur +auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so +nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn +es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie +nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt +Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die +Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit? +Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist +geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen +Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt +wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben, +es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten +Kerkermeister fragen!" + +"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom +Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger +niemals oder selten denken!"--schreien die Gefangenen. + +"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte +Paul. + +"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je +einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch +übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der +Moses. + +"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der +Spaniol. + +"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer +Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran, +Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des +armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk +hält und dieses verspottet sieht. + +Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das +Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint: + +"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters +doch ein paar Stunden täglich lesen!" + +"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein, +Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht. + +"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und +bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit +uns macht man, was man will!" klagt der Paul. + +"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen +annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls +so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!" +sagt der Zuckerhannes. + +"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn +Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch +keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige. + +"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden, +aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld +wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll. + +"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in +einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch +reich werden!" spottet der Indianer. + +"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit, +das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt. + +"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling. + +"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird +jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer +Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt, +welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt +des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum +gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen +können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul. + +"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens +einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau +anlaufen!" lacht der Indianer. + +"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20 +hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr +ernst. + +"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen +Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich +nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes. + +"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du +mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu +wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes. + +In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines +Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister +steht auf der Schwelle: + +"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!" + +"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den +Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol. + +"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, _der_ ist Euch schön +durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht. + +"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann +erträglicher!" spottet der Einäugige. + +Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und +Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des +Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des +Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem +Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort. + +Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und +lachen alsdann laut. + +Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden. + +Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten, +welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide +verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt +werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der +Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein--dieses sind +Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet +werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die +Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige +Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen +und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer +Tugenden zu sein pflegen. + +Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus +tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter. + +Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche +Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme +Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam +entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem +Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich: + +"Hans, Ihr seid frei!" + +Frei!--dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die +Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die +liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath. + +Frei!--Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem +Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu +versichern, von keinem Traume geäfft zu werden. + +Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet +einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende +Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er +dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über +seine verblichenen Wangen. + +"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?" + +"Nein!" + +"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor +aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!" + +Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er +nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und +Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit. + +Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des +Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur +Stunde auch im Kerker gültig sei. + +Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller +Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein +gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht +haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge. + +Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm +vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er +Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben. + +Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch +die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen +Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen, +er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum +ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an +ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung, +Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf +berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine +Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause +entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in +welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des +Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des +Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen +Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann +wieder vor sich hin. + +Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den +Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul, +seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren +zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen +wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden, +küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes. + +Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod +hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker +herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch: + +"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du +habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger +Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ... +Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["] + +Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag, +daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi +eine Silbe erwiedert zu haben. + +"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der +Knecht ihm nach. + +Er hört nicht darauf. + +"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern +eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren +mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von +Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit +diesem unter Einem Dache leben müßten. + +Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind +freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr. + +Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach +von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen +Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum +Gefängniß. + +Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten +Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen. + +"_Diesem_ soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt +den Kopf. + +"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das +Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum +halbgeöffneten Thore hinaus. + +"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den +Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das +mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt +in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt. + + + + +#DER ZUCKERHANNES WANDERT FORT UND VERLIERT SICH SELBST# + + +Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine +glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag, +Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen +des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend +durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und +ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen +Gespräche. + +Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand +freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine +Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein +Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten +Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der +Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen +Person einen bequemen Sitz zu bereiten. + +Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig +ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das +freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen +Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken +und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden +entgegen. + +"Er ist's nicht!--der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!" +murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige +nachläßige Lage zurück. + +Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch- +Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs +häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch +einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine +alte Jungfer. + +Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren +Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst +seit einem halben Jahre reicher geworden ist. + +Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder +frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte +die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen +Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch +wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen, +ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie +es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm. + +Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich +nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an +Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett +beständig hüten. + +Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und +zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht +fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und +derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während +sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte. + +Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre, +erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt +jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt +nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst +seinen Namen geben soll. + +Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der +Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange +die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu +schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft. + +Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz +um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen +Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins +Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel. + +Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen? +Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen +Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im +Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe +sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet +hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er +nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die +Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters +hinwegsähe? + +Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern +Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft +gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß +er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und +machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas. + +Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine +Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling +fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte +sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig +empfahl. + +Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener +Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde +widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt. + +Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten, +abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas +einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes. + +"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!" + +"Hoh,--keucht der Angeredete--der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun, +so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt! +... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb +aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!" + +"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da +bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten +Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer +in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch +mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"-- + +"Oh, ich wäre für dich--für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es +sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!" + +"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu +verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und +verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"-- + +Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des +Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz +zu verlieren. + +"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß, +daß du auch mich nicht verachtest!" + +"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt +außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie--" + +"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!" +[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß, +was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!" + +Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit +großen Augen bewegungslos an. + +"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen +Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein +kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist +grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler +verlassen und mein--Knecht werden?" + +"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen, +senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?" + +"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst +Alles mit mir und Alles wird gut werden!" + +"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der +Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er +schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände. + +Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen +Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd: + +"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht +verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit +Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das +gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren +Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!" + +"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ... +Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein +Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes. + +"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht +wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange +_ledig_ bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt +mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht +anders mehr!" + +Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert +vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre +einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft +den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen, +plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den +Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig: + +"Hannes, hast du Geld?" + +"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar +Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe--" + +"Wieviel hast du Alles in Allem?" + +"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen +Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich +weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!" + +Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für +den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher +erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten +und nie im Ernste. + +"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht +lachen! ... Was kann ich für meine Armuth? + +"Oh, die _reiche_ Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula +noch gewollt, aber an Geld ist die _reiche_ Emmerenz eben auch arm und ohne +Geld... ja ohne Geld ist--Vieles nicht zu machen!" + +"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!" +sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig. + +"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß +ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das +Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!" + +"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu +nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?" + +"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du +so blutjung und ich schon so alt bin!" + +"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich +mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem +Beine hüpfend. + +Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz. + +"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?" + +"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre! +... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der +Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in +der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ... +Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter +Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in] +meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der +Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der +Spaniol doch, _den_ hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir +auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ... +Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs +thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz +es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein +Geld zu holen!" + +"_Dein_ Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter +stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ... +Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe +lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus +einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ... +Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die +Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.] + +"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld +mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!" + +"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es +nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ... +Wieviel ist es denn?" + +"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich +gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und +ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß +auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und +mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen +selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe +gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht +gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus. + +"Du meinst den rothen Fritz, he?" + +"Ja, _den_ mein ich, _der_ ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in +meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke, +der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das +Maul verzieht!" + +"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!" + +"Aber ich desto mehr wider ihn!" + +"Weßhalb denn?" + +"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch +sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden +und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes +Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein +Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben +kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh +als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem +Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat +bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich +Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft! +... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist +bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister, +Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in +Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich +kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und +fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht +die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was +mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist +unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die +Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich +ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders +geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach +geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer +und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der +leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was +treiben könnte!" + +Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes +angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor +leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie +das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste: + +"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß +ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist +rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in +meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem +Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als +daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz +paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem +hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu +nehmen!" + +Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die +Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor. + +"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben, +wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld, +woher nehmen und nicht stehlen?" + +"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes +in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel +verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es +um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon +gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der +Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist +gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet +und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort +weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe +ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben +und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen +Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug +herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner +Nähe bleiben darf! ... Versprich es!" + +"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!" + +"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch +einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der +tiefsten Verzweiflung. + +"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und +vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln! +... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe: +Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und +zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei +bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen +Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein, +wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem +Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit +sich selber redend dem Adler zu. + +Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes +fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät +heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse +auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst +kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne +einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte. + +Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der +Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber +mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit +vielen Fragen und ließ ihn gehen. + +Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen. + +Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath +gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten. + +Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen +Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan +und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere +Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und +Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner +gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines +unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen +müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr +ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur +für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen +himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen +könne. + +Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden +aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel +und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein +vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus +den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag. + +Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf +den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht +anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es +schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen. + +Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen, +heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern +Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß +mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit +offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof +bald wieder freiwillig meide. + +Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und +Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der +seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle +Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht +versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen, +hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune +aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so +weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des +Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die +Kirche die schwerste aller Arbeiten. + +Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser +und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der +ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen, +so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich +und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und +tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm +ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine +unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein +wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum +unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was +dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können, +sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet. + +Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er +erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von +der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm +etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann +glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen +aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und +kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen +mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die +Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit +den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise +vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung +niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes +Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun +und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen: + +"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es +vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter +den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der +Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben +im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind +Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine +unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst +selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden +möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen +Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein +schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt +und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"-- + +Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und +Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der +Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal +bei Leuten laut werden ließ. + +Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber +seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit +andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht +immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder +kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da +schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich, +wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die +Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner +des Gottesdienstes. + +Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem +Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit, +Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu. + +Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es +noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und +je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger +wußten ihm dafür die Dienstboten. + +Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall +zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen, +damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und +dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und +plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die +Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und +während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll +gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das +Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und +unversöhnlich zu machen. + +Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er +auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines +Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst +aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem +Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn +seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu +rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen. + +Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute +wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue +mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer +der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und +veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer +Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar +oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines +Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer +größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und +an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine +Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten +und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich +einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht, +doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm +Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre. + +Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von +ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich +etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien, +nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde +und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte +mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche, +deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um +offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen. + +Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der +friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch +einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel +und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit +seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten +trinken und lustig sein mit ihnen. + +Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu, +der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die +Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig: + +"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht. +Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der +Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu +thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein +Geld den Wirthen zu geben!" + +Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt. + +Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann +einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und +endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken. + +An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel +zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit +silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in +Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an. + +Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse +traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der +Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem +Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er +unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu +thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim. + +Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht +nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf +vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden +in Friede und Freude. + +Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht +und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt +prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil +zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die +Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der +menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen +lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu +sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer +Knechte sehr ungern sähen. + +Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das +Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich +gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne +Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das +Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein +erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er +ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh." + +Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im +Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern +ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen +Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit +den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes +mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant +vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder +verkauft hatte. + +Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und +noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines +nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen +der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können. + +Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten +spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem +Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter +Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom +Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies +erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht +darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi +zusammentraf. + +Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er +während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten, +so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen +und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter +Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den +er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten. + +Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich +von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als +Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu +nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des +Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen. + +Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl +wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der +meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im +Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm +entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm +zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und +ging fort. + +Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum, +die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den +vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in +Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen +Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig +genug entgegenschaute. + +Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten +Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz +verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar +nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich +oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun +herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen +Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll +Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde +so auch mit der lahmen Alten bekannt. + +Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau +oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was +er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit +seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch +angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb +er mit demselben zufrieden. + +"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch +sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein +rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es +wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich +dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion? +Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt +und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder +halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht +gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im +Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal +einen guten Tag machst!" + +Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des +Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf +dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und +bessere Tage hat er niemals wieder bekommen. + +Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und +verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus, +weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben +und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere +Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging +und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte. + +Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn +keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum +Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam +und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber +behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er +sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht +an die Zukunft denke. + +Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm +der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es +ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in +Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und +wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch +Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus, +der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im +Zuchthaus. + +Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch +sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und +während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für +ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten +Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch +wieder zu etwas besserer Einsicht. + +Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk +bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer, +stärker und älter wurde. + +In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig +nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur +tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an +sich. + +Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an +manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum +zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und +wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte. + +Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen +und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held +nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner +und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen +kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte? +Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur +Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die +Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals +in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das +Kirchengehen gewaltig ans Herz legte. + +Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als +einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der +Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse +in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das +erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den +zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit +desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er +mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen +Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen. + +Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein, +Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin +fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths +half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu +finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging. + +Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz +hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war +schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so +wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um +sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die +bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn +auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so +wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und +wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre +wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in +diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich +weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und +besser vor und das Liedlein: + + Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß, + Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß! + +wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr. + +Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben +doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden +Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben +auch Augen. + +Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem +armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht +abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem +Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie +jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm +Alles für Scherz auf. + +Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen +Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die +Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch +in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen +zu reden und Gehör zu finden. + +Allmählig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz für +sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stündlein zu +versüßen, welches sonst bitter ausgefallen wäre; ferner half er dieser bei +ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den +Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen +und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch +tragen mußte, ob es ihr gefiel oder nicht. + +Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer +Granatenschnur prunkte, was der Hans um schönes Geld vom Randegger Juden +erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljährlich zweimal im +Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ältlichen Magd mit dem +hinkenden Schwarzwälder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest +verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die +Einzigen, welche nichts davon wußten und wissen wollten. + +Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel +abgeschlossen würden, von sonderbaren Fügungen Gottes, von den Vortheilen +einer Ehe, in welcher die ältere Frau den jüngern Mann für sich recht +erziehen könne, von der künftigen Erbschaft der Emmerenz und der +Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer +Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblümt davon, es werde +das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans über ihrem Grabe die +Hände reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische +Musik--aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeißen, sondern vorläufig +vollkommen frei und ledig bleiben und erklärte in unwirschen Augenblicken, +eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend +ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes." + +Es gäbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um +der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere hätte +alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits, +daß selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres +Helden nicht dämpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur +peinigenden und verzehrenden auflodern machte. + +Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas muß aber +der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hält und bei ihm, in +dessen Gemüth einmal eingedrungene Gefühle und Leidenschaften tiefe Wurzeln +schlugen, deren Blüthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern, +war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er +beständig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschöpf +war, wurde der Anbeter auch von allen Stürmen des Tages und des Herzens +unerquicklich genug mitgenommen. + +Weil die später folgende Geschichte des Duckmäusers voll von Liebe ist und +wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit +der verständigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den +Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied. + +Jetzt leuchtet die Abendsonne über die weiten Getreidefelder der Baar, +schärfer und schärfer malen sich die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes im +tiefblauen Himmel ab, länger und länger werden die Schatten, am Fuße eines +Kreuzes, das weit in die einförmige Landschaft hinausschaut und seinen +Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes +hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Händen und bewegt die +Lippen in inbrünstigem Gebete. + +Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft +genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall +ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er wähnt, ohne die Emmerenz +gebe es kein Glück mehr für ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein +Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu können?-- + +Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen +eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend, +ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je näher er dem Ziele seiner nächsten +Wanderung kam, je gründlicher er Alles überlegte, was ihm vom Erfolge +derselben abzuhängen schien, desto ängstlicher schnürte sich sein Herz +zusammen. + +Vom ursprünglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld +zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln für +sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im äußersten Nothfalle +Gebrauch machen und bittet Gott inbrünstig, diesen Fall _nicht_ eintreten +zu lassen. + +Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht +vergessen und Gott ließ ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn +zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der +seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat +erwiesen und ihn selbst in die Hände der Elsbeth geliefert hat. + +Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat +seinen alten Schützling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich +bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom +letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der +Begegnung in der Baar da oben ausführlich erzählen lassen. + +Manchmal hat der Herr den Kopf geschüttelt und den Erzähler scharf +angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende +Hannesle nicht zu einem lügenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser +nicht zuviel, sondern erzählte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn +er sah in der Begegnung mit seinem alten Schützer eine Fügung Gottes und +wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben +schaute, wollte keine Lüge über die Zunge, es war ihm schier als ob er +wieder einmal in einem Beichtstuhle säße und keinen Menschen, sondern einen +Engel vor sich hätte, welcher Gottes Allwissenheit theile. + +Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes +geredet und nicht verschwiegen, daß und weßhalb er sich gerade auf dem Wege +befinde, diesen Plan auszuführen. Verwundert und fast traurig hat der +Pfarrer zugehört und dann dem Plane mit unbesiegbaren Gründen +widersprochen. + +Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fühlen, Denken und Wollen, folglich +auch andere Gründe als die christliche Wahrheit und weil der Knecht +leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane +abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts +Stichhaltiges für das Ausführen desselben vorzubringen wußte. + +Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar, +welchen die nächste, beste Gleißnerin mit frömmelndem Geschwätze lange +hinters Licht führt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder +Verkleidung, selbst in der der Frömmigkeit und religiösen Ergriffenheit, +durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel, +welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder +tausend Tagen heilen lasse. + +Weil dieser offen erklärte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gänzlich +aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche für ihn endlich einen Brief +in der schönen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol +allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnöthig zu machen. + +Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten +Schützer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter +er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der +Geistliche habe die Worte viel zu milde und versöhnlich gestellt, so daß +wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich +dadurch rühren und zum Geldhergeben bewegen lasse. + +Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdächtigungen und +Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefängnisse und +anderswo gehört, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben +auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Großen und Reichen das Volk +betrügen helfe und habe offenbar nicht gewollt, daß er seinen Zweck +erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das +Feld räume. + +Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthäter hinein, findet +einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen +Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des +Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des +Ueberbringers, nämlich des Zuckerhannes, geschrieben ist. + +Jetzt sitzt dieser betend am Fuße des Kreuzes und erhebt sich endlich +entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nähern, denn der +Eigenthümer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und +damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll. + +Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflößt; langsam, mit klopfendem +Herzen hinkt er dem Hofe näher, der Kettenhund ist längst unruhig geworden +und fährt wüthend aus seinem Häuslein heraus, ein Knecht steht unter der +Stallthüre und betrachtet verwundert den Ankömmling, dessen Anzug +keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen +Sünders ziemlich ähnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich +dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thüre, bringt den Hund zum +Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes +kurze Gespräch: + +"Was wollt Ihr?" + +"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?" + +"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten." + +"Wann kommt er heim?" + +"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch +ein Maul!" + +"Ich muß unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?" + +"Mit Tagesanbruch muß er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht könnt +Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?" + +"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Päcklein +mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?" + +"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!" + +"Ihr seid doch die Hofbäuerin?" + +"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen +entlaufen sein und es wohl sagen dürfen!" + +"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und +behüte Euch Gott bis morgen neun Uhr!" + +"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, könnt Ihr ja dableiben und ein +Gläslein trinken, bis mein Bauer heimkommt." + +"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind +schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl +für jetzt!" + +"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ... +Lebt wohl!" + +Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus +des nahen Dorfes: + +"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin +scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele +Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben +führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite +Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl +treiben mag!" + +In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den +Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen +ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als +zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die +Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung, +der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging +nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später +die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge +trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern. + +Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen, +war der Empfänger des Briefes, nämlich _der leibliche Vater des +Zuckerhannes_. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer +Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach +verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches +ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib +genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen +Unfrieden als Brautschatz mitbrachte. + +Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener +Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im +Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren. + +Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm +Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel +genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des +verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der +Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen. + +Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der +Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange +Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen +die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den +Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte +und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war +mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um +Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche +dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten. + +Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den +Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das +gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und +unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen +sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern +erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf, +nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und +beharrlich jede Antwort verweigerte. + +Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt, +wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen +auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes +Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne +besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der +meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die +Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt +worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten +hätte. + +Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt +eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die +schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen +hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen +zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus +Vielen" recht gut paßt. + +Derselbe aber lautet: + +"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich, +nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir +ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den +alten Tiger hat." + +"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne +nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem +andern Stande angehört." + +"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein +bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung +empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir +bisher zu Theil wurde." + +"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"-- + +"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am +Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist, +leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet +derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was +Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen +Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt, +Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar +sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt." + +"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste +Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast, +Du Unmensch!"-- + +"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der +Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und +geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast." + +"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die +erlogenen Redensarten und Schwüre aufgetischt, welche jeder Verliebte +aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene +Eheversprechen in dein höllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke +deiner thierischen Lüsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen +Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr +Ehre im Herzen trug als Du." + +"Zum Dritten bist Du ein Mörder, denn Du hast der Brigitte das Herz +gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglücke gelegt, +welches ihren frühen Tod herbeiführte." + +"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar +Viele erliegen durch Schuld ihres Verführers dem geistigen Tode, der wohl +mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen, +verachteten und freudlosen Leben preisgegeben." + +"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den +Todestritt und der Todtengräber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr +Gespenst auch niemals deinen Schlaf störte, so sind ihre Thränen und +Seufzer, ihre Anklagen und Verwünschungen doch von Gott gehört worden, denn +Er ließ mich leben und am jüngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich +ehrlosen, meineidigen Mörder als Anklägerin auftreten, wenn Du deine Schuld +nicht auf Erden erkennst und einigermaßen zu sühnen Lust bekommst." + +"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann +und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und +ernste Buße thut." + +"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, daß Du, Fesenmichel, vor mehr als 20 +Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher +und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber +ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung +schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser, +meineidiger, mörderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Ständen und +Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen: +Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle +Redensarten für Dich hast." + +"Weißt Du, weßhalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem +Sündenschlafe aufzurütteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens +Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit +mehr als 20 Jahren täglich versündiget hast." + +"Der zweideutigen, flüchtigen Freude einer Schäferstunde hast Du das +Lebensglück zweier Menschen geopfert, welche nichts Böses gethan haben und +die Folgen deiner lustigen Sünde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf +Erden und hinüber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglücklich +auf Erden durch Dich; wäre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den +Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen +Qualen der Hölle überantwortet worden, so trügest Du wohl die meiste Schuld +daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und +Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglücken." + +"Ungemach und Unglück aller Art haben mich großgezogen, Dir zumeist habe +ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre +begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann für immer +verließest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen +pflegt." + +"Hyänen, Löwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter +herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden +befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in +christlichen Landen laufen große Haufen viehischer Bauern und viehischer +Herren, die großartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem +Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und +arme Heiden thun und Christen vor Allem im höchsten Grade thun sollen." + +"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zuständen eine Hauptquelle der +unermeßlichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit +lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel dürfen +sie sich mehr als allgemeines Gerede über das sechste Gebot erlauben, wenn +sie nicht von der empfindsamen, anständigen und doch so grundliederlichen +und verderbten Welt arg verkannt, verlästert und vom zahllosen Heer der +Religionsspötter, Staatsverbesserer und Unzüchtigen gesteiniget werden +sollen." + +"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze _müssen_ da aufhören, wo +allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in +den meisten Ländern das sprechendste Zeugniß ablegen, wie weit es unser +Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und ächten Sittlichkeit +hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu +zartsinnigen Erziehung sei." + +"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen, +ganz im Gegentheil schützen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mörder und +Rabenvater vor jeder unsanften Berührung, aber ich nehme Dich doch am +Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott +gewährleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhämmerte, die +Gesetze mich dafür verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die +alleinige Verantwortung!"-- + +"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen, +verachteten, mißhandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es, +meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, daß ich die +bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mißhandlungen, +welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen ließen, +am Urheber räche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in +alle Ewigkeit in die tiefste Hölle hinabfluche und noch dort erwürge." + +"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafür, wenn er in einem +Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube +würde gewiß bald und gerne zu einem "gnädigen Herrlein" sich ummodeln, wenn +es nur anginge; ferner ist das Weib schwächer als der Mann, ein +unerfahrenes Mädchen mit Schwüren und besonders mit schriftlichen +Versprechungen nicht sonderlich schwer zu übertölpeln.--Das Kind ist ganz, +die Mutter in den meisten Fällen sicher mehr als halb unschuldig, doch +Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter +Menschen und christlicher Nächstenliebe alle Schuld und alle Folgen der +Sünde, der Hauptschuldige und Hauptsünder dagegen wird kaum in Heimgärten +oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen +durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge, +seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren." + +"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Sünde gestorben und ich habe diese +Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts +darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer +geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt +schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte +Hagar gerächt werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen +wie die Thiere der Wüste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen +willst!"-- + +"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge +wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen +keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits +angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die +erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst +ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?" + +"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter +die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das +ist der Schuft!--dann hast Du den Rechten errathen!--Gelt, der _junge_ +Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken +bekommen? Ich vermuthe, der _alte_ Fesenbauer bekomme vom vielen Denken +noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen +lassen und mit Freuden unterzeichnet." + +"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich +Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß +geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen." + +"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen +als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich +bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem +Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom +Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre, +würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den +Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar +keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder +machen!"-- + +"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und +vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn +werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen +und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch +irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst--wenn und +insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von +Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet, +geschweige noch zu erwarten hat." + +"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der +verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu +machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer +Wohlergehen betet." + +"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und +letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um +Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und +ewig unselig zu machen." + +"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf +nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn +Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer +ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du +mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr +nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme." + +"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und +Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug, +nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger +ertragen mag." + +"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal +menschlich und christlich an Deinem + + _Ismael Zuckerhannes_." + +Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept +des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster +unanständiger Grobheit ärmer geblieben. + +Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an +die Brigitte und ihren Bären gedacht. + +Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der +heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den +Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner +schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während +der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte. + +Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem +Hofe weg. + +Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste +eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu +Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den +Hofbauern. + +Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der +ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen +Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war. + +Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei +Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange +Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein +neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an +allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst +auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten--aber Alles änderte der +Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen +Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im +ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt +und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich +um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den +Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.-- + +Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen +ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren +froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte. + +Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft +zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war, +um vor Amt erscheinen zu können. + +Kein Unglück ohne Glück!--Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu +Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er +nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei +ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern +Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter +so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu +erklären. + +Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche +Kleider. + + + + +#EIN TAG IM ZUCHTHAUSE.# + + +Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond +schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für +ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines +bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem +Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen +stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen +wünschten--da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch +die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins +Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die +modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei. + +Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit +einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und +unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu +einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren +Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber +fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will. + +Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige +Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr +ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen +Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu +opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und +so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes +Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig +sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag +und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der +gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient. + +Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig, +still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und +Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen +und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust +bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu +fraternisiren--aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen +Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von +der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft +so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste +Behandlung nur gemildert und niemals gehoben. + +Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben +sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der +Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf +ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig +dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und +Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in +niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren +Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die +Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum +Handtuche gegriffen werden kann. + +Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein +oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und +Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder +will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur +aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und +der Flinke ärgert sich über den Langsamen. + +Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die +vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die +Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das +Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin +kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der +Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man +weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht +und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der +Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren +Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig +geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der +eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre +springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von +mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen. + +Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem +Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen, +durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die +Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten +durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem +Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher. + +Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner +Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des +Tages in lautlose Stille verwandelt. + +"Gebet!" + +Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar, +dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen +Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt +Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens +versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden +falten die Hände und schauen in die Nacht hinein. + +"Ab!" + +Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu, +Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber, +welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern. + +Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die +Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine +Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt, +einige derselben sind uns bekannt. + +Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5 +schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr +gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die +gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche +Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft +und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen. + +Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das +durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu +zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet, +derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am +Halse hängen habe--es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale +hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen +sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im +Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die +reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut. + +Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen +und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe +zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet +beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides +zugleich der Fall sei. + +Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein +Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen +verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu +"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch +hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus +dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und +ausschließlicher fleht er um dieselbe. + +Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen +würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen +Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft +er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und +jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche +Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle +Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und +es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge +grauer Schelme mit Nutzen hört. + +Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch +jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der +Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und +hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch +nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell +freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den +Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram. + +Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter, +nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes. + +Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde +dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt +vielleicht das Interesse des Lesers--doch für jetzt lassen wir den armen +Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle +desselben. + +Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute +Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten +bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt +hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen +Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der +lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und +verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes. + +Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in +den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen +Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten +Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde. + +Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten +Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das +emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle, +nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner +und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von +Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen +des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der +Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das +Klosterwesen des Mittelalters. + +Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe +hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche +Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße +und Hände in Bewegung. + +Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab, +während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt +aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem +fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher +ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der +hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen. + +Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in +die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert +von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen. + +Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann +schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank +zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen +Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein +kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt +sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen +hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz, +ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und +die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne. +"Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und +lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des +zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her, +doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das +Signal zur Wiederholung des Manövers. + +Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und +erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen +jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und +dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der +Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen +Haushalter mit fremdem Eigenthum macht. + +Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute +Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des +Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran, +Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern. + +"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen +Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im +Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig +aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt. + +"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel +soll den Staat holen!"--Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein +reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür +auf jede Weise beschädigt werden muß. + +Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer +kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der +Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen +geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der +Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer. +Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber +schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in +diesem Augenblicke ein Glücklicher. + +Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder +unglücklicher zu machen!-- + +"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes +springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der +Thüre. + +"Wohin?" + +"Hinaus!" + +"Schon wieder?--Verfluchtes Geläufe!" + +"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen +schweren Fluch über alle Leuteschinder. + +Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein +ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und +darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem +Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses +Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem +Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine +abschlagen zu wollen. + +"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher +erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.--"Von +wegen meiner Religion!"--"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen +halten!"--"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich +hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"--"Ja, was glaubst Du denn?"--"Ich +habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und +letzter Artikel!"--Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern +der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt. + +"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!" +sagt der Exfourier und lacht höhnisch. + +"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict +trocken. + +"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer. + +"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas +Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn +der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein +darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die +Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen +haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier. + +"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert: + +"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer +meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch +schon zu Ende!" + +"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes. + +"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict. + +"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und +die Meisten gehen, während Andere kommen. + +Allmählig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man +merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Sträflinge bereits geschlagen; +endlich ertönt die helle, schrille Stimme des Hausglöckleins, in einem Nu +werden sämmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straßenräuber brüllt mit +einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht +hätte: + +"Suppe!"--Alle rüsten sich zum Abgehen. + +"Ab!" + +Die Gefangenen drängen sich nach der Thüre durch die Gänge und marschiren +im Gänsemarsch dem Hauptgebäude zu, still, geordnet, rasch, das einsame +Klirren der Fußkette eines Räubers gibt zuweilen den Takt an, mit +befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren. + +Dort aus jener Thüre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen möglichen +Leidenschaften und Schicksalen durchwühlte Gesicht gegen den Zuckerhannes, +zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine möglichst +angenehme Krümmung. + +Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, daß er zur alten Garde des +Zuchthauses gehöre, es ist der einäugige Stoffel, der Besenbinder und +Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefängnisse kennen lernten und welcher das +gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat. + +Beim Eingange zum Hauptgebäude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen. + +"Der alte Paul läßt Dich grüßen, Hannes!" + +"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?" + +"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er, +aber das Unglück verfolgt ihn. Hab Dir's ja längst auseinandergesetzt, daß +ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und daß er deßhalb +Händel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen, +das Unglück verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, daß das +Zuchthaus nicht das größte Unglück ist, was Einem begegnen kann!" + +"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß +Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der +dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob +er hier hocke oder--." + +Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich +in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der +Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein +verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen, +schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter +Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt +und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher, +der von Hand zu Hand geht. + +Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen, +wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel +klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter +im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des +Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein. + +"Suppe!" schreit der Aufseher. + +Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von +den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein +Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine +Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge. + +Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn +kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch +oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den +Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit +nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren. + +"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen +setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen +Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf +die Seite stellen. + +An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und +viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen. +Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße +unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele +schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein +müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg +ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so +groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost +bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher +auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen--Schuft werden kann. + +Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der +badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung +der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer +der Fall gewesen sein möchte. + +_Selbstbereitung der Kost_ von Seiten der Anstalt, wie dies im +Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte +übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger +Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das +Vortheilhafteste bewähren.-- + +Mancher leckt bereits sein Schüsselchen rein, das Affengesicht bettelt +Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem +Benedict an Einem Tische sitzt und längst als Wortführer der Sippe +anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und läßt den Duckmäuser +bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten übertreffe nimmermehr eine solche +Mehlsuppe. + +Dieser bejaht, findet nichts zu wünschen übrig, außer einem "Pfifflein vom +Alten" als Würze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter +müsse sicher auch vom tüchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein +hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben. + +Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause, +geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schließlich die +"Großköpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein. + +Das Gespräch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen +gefällt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will. + +"Dort drüben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Löffel durch +das Fenster, "dort drüben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter- +und Räubergeschichten gelesen und tief über die heutige Welt und Lumperei +nachgedacht. Wenn ich die armen Sträflinge so betrachtete, wie sie bleich +und hungrig an mir vorüberschlichen und die Nase sehnsüchtig nach dem +Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor +Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in +Büchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mißhandelt Euch +doch im Leben. Was könnt Ihr dafür, weil Ihr zu spät auf die Welt gekommen +seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschäft adelicher Herren +mehr sein darf und gemeine Leute dafür eingesperrt und gehängt werden? +Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bändelland keine +Abruzzen und kein Estremadura? Weßhalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen +statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich +gedacht hätten, wären wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack +weggelaufen, um als freie Männer zu leben und den Reichen die Schädel +einzuschießen. Wir hätten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten, +leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf +dem Wege unsere Beutel und Schnapssäcke füllen und manchem Schurken den +wohl verdienten Lohn geben können! ... Ich wäre als Karl Moor +vorangegangen, meine Braune hätte ich als Amalie oder Emilie oder wie das +Theatermensch heißt, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine +Braune nicht auch zur Büchse gegriffen und in die liederliche Welt +hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und freß unschuldige +Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Küche und hat Abends +vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!--Der Teufel soll die Welt, +den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich +habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das +Kriegsgericht an mir verübte, gut gemacht und meine Schmach blutig +abgewaschen ist!"-- + +Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest +überzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte. + +Er gehörte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd +oder auch gar keines unter der glänzenden Uniform tragen und nach +zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mägdewelt ward endlich auch er +erobert. Eine handfeste, stämmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen +Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lächeln so +süß als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und +was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier +Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt +und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre +sich täglich weniger zusammenreimen ließen. + +Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch. + +Die Gebieterin der Nymphe trug einen prächtigen Schawl, die Nymphe wollte +einen ähnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben. + +Bitten und Thränen, Vorwürfe und Schmollen brachten den ohnehin stark +verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige kühne +Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn +mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Füßen und erndtete der Minne Sold, +nur die Angst vor Entdeckung trübte seine Seligkeit. Mindestens Ein +Pöstlein mußte rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen +wollte, deßhalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft, +welche sich für ihn in einem feisten Corporal verkörpert hatte. + +Die Freundschaft saß gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und +nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel +tiefster Verschwiegenheit. + +Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den +Kameraden groß an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie +einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an +Münze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und +während der Fourier denselben noch mit trüber, rathloser Jammermiene +betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglücklichen zum +Schluß einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schütten und ohne +Entschuldigung fort zu gehen. + +Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spaß +der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn +die Stunde des Zapfenstreiches war da. + +In Todesangst läuft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten, +dritten und vierten Busenfreund und erhält von Dreien Nichts, vom vierten +den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei +vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem +Augenblicke ihn bereits verriethen. + +Er weiß nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore +hinaus. Es war eine schöne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele +poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und +unglückseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als +"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehört. Der Hauptmann sieht und +erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdächtig, er +hält ihn an und arretirt ihn. + +Aber ein Liebhaber der Romantik läßt sich keineswegs mir nichts dir nichts +auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und +erst ein glücklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in +Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute +reden auch ein Wörtlein und eine Stunde später sitzt unser Held +krummgeschlossen im "Dunkelarrest für Unteroffiziere" und sinnt über +Schicksalstücke voll Weltschmerz nach. + +Jetzt sitzt er für eine hübsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und +Aufklärung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und deßhalb +ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmäusers, den er +übrigens in innerster Seele anwidert. + +Der Duckmäuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr +werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und während +jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt, +will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch über Alle herrschen. + +Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthäuser, der Mensch mit seinen +Leidenschaften bleibt überall derselbe, wenn nicht die übernatürliche Weihe +der Religion sein Wesen allmählig veredelt. + +Von einer derartigen Veredlung weiß der Exfourier mit seinen Kameraden +wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend- +Glauben verloren und ein langes Sündenleben, oft in Verbindung mit +mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemüther verwildert und +verkehrt. + +"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer +wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das: + +"Stille, Stille!" + +des Aufsehers den Redefluß des Exfouriers für eine Weile unterbrochen hat. + +"Im Krankenzimmer ist's schändlich langweilig, die paar alten Schunken, +welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist +jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stück +Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Diät +und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wäre doch froh, wenn ich +wieder einige Tage droben sein könnte, um der Abwechslung willen und um aus +der leidigen Kirche bleiben zu können!" murmelt der Exfourier. + +"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he, +he, he! ... Ich weiß, wie man Doktoren auch im Zuchthause über den Löffel +barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut +bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster +hinaus! + +"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich +gesessen, er weiß Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm +beliebt." + +"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier. + +"Was krieg ich, he, he, he?" + +"Fünf Päcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmäuser. + +"Zehn Päcklein!" bietet der Exfourier. + +"Zehn Päcklein und fünf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht. + +"Zehn Päcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet +der Kilian. + +"Ich, es gilt, topp!"--Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und +kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurück, der ein +freudebringendes Geheimniß erfahren. + +"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und +wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist +so dumm, daß ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der +Exfourier der ganzen Tischgesellschaft. + +Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lüge. Er gab dem +Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen +und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt +kein Verräther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem +Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und deßhalb hat der Exfourier +auch "auf Ehre" schwören müssen, in den nächsten vier Wochen noch keinen +Gebrauch von der Sache zu machen. + +"Gebet!" ruft der Aufseher. + +Die Aufseher legen ihre Schüsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich +und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es +lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher würden 60 bis 70 Esser dieses +Saales nicht vollkommen im Zaum halten können. + +"Was hat denn der drüben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen +Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinüber. + +"Ein altes Weib ausgeplündert und alsdann ins Kamin gehängt! ... Nein, +einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen +Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herüber. + +Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehört, das Gelächter ärgert +ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn: + +"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich +machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen +läßt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!" + +"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier. + +"Hör, Du, Hasengosche, fährt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst, +dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem +Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an _dem_ Tische, wo ich sitze, +muß Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!" + +"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist +Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat. + +"Der Teufel hat mit der wüstesten, ältesten Hexe in der Mainacht das +Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier. + +"Beleidiget und quält Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der +Duckmäuser. + +"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig +hergekommen, Gott weiß es und wird meine Ankläger, Zeugen und Richter +finden." + +"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner. + +"Bst, der Aufseher kommt!" + +Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und +erzählt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es +thun, Alle werden für den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese +werden dann Alles rundweg läugnen und dennoch bestraft werden, aber das +Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte gründlich +bessern.-- + +Wiederum ruft das Glöcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die +Speisesäle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder +bei seiner Arbeit. + +Der Zuckerhannes hobelt rüstig darauf los, er ist im Zuchthause kein +heuriges Häslein mehr und weiß seine Zeit so einzutheilen, daß er stets +bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen +oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig +verfertiget. + +Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefängnißbeamten, Erhaltung eines +lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskräfte und Heranbildung +von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelöst, als die zahlreichen +Schwierigkeiten von Außen und Innen, Oben und Unten es erlauben. + +Der Zuckerhannes hätte ein Handwerk erlernen können, aber er mochte nicht +und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfügens, welche wenig +Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wäre im Stande ein +doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhöhen, aber er that dies +nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er muß, denn +erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine +Macht der Welt wäre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu +überzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als +möglich nützen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk +Schnupftaback, diesen mächtigen Beweger eines Sträflingsgemüthes und Butter +tauscht unser Held für manche Fleischportion ein. + +Er thut somit gemächlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und +plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frühern Todfeinde, dem Bläsi, +welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete. + +Bläsi ist wegen unvorsätzlicher Tödtung bei Raufhändeln auf einem Tanzboden +zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen +Hochmuth furchtbar erschüttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott +und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt. + +Er hält seine Strafe lediglich für ein unverdientes Unglück, bleibt zu +stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die +Meinung der Menschen galt ihm stets als höchstes Gesetz, jetzt ist er in +dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein +Innerstes beständig durchwühlt. + +Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der +Menschheit und Martyrer der großen Zukunft, niemals vergessen, das Leben +unter Sträflingen und das tägliche Anhören ihrer Geschichten hat ihn gegen +Verbrechen abgestumpft und für die Leidensgenossen eingenommen. + +Gutmüthig ist er dem Bläsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen, +ist unfähig, den Einfluß zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein +Schicksal ausübte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul während +des Morgenessens erzählt. + +Bläsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und +Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber +das Anzeigen desselben findet er nicht schön. + +"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes. + +"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und +entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu +verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer +dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der +Neuling. + +"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht, +was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß +nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere +gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein +Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah +ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf +einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal +aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas +Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann +hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und +Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der +ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache +machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne +ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und +das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme +des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt +hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen, +kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und +weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute +Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und +Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem +Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen, +aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat +er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der +Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den +Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht +droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich +doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!" + +"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner +Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht, +denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit +Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn +sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht +es bei diesem und Andern böses Blut!" + +"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen +nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut. +Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben +Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen, +das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll, +weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken, +bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller, +gutmüthiger Riese. + +"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister. + +"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt +ihm, das Gespräch wird fortgesetzt. + +"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter +kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich +heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an +seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das +ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und +kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen +verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es +absichtlich gethan hat!" erzählt Einer. + +"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom +Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der +Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich +aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den +Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche +herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit +nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel. + +"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim +Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er +der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell, +die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt +oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum +zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja +die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein +und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual +wird!" meint der Duckmäuser. + +"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den +Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts +zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch, +wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem +geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor +er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi. + +"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er +Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister +entgelten!" + +"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre. +Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ... +Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst +verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der +Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen. + +Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen +Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde +tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt? + +"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer +mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem +hobelnden Zuckerhannes zu. + +"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes +Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig. + +"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind +schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du +nicht geglaubt?" + +Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung +vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig, +doch sammelt er sich rasch: + +"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder, +aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin +doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit +gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die +Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held +finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen. + +In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die +Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen +thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein. + +Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er +selbst!--In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und +Schluchzen in die Werkstätte herein. + +"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister. + +Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich +hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich +und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten +Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt +Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand +vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben? + +Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute +zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins +Krankenzimmer gesprochen worden. + +"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen +ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth +bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor +keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser +Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken +sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor +zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ... +Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr +brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins +Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig +wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde, +wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab! +... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu +melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel +geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen, +Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden. + +"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob +_er_ die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir +Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht +besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern +Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah +ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen +Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im +Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da +umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von +Neuem auf. + +"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!" +droht der Aufseher. + +"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn. + +"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener. + +Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere +Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin. + +"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig. + +"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem +Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes. + +Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die +Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab: + +"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!" + +"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der +Bläsi. + +"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der +Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist. + +"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu +arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort. + +Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein +naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern +herein tönt dumpfes Trommeln. + +Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie +herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert. +Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen +Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig +vor sich hat. + +Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande +führt. + +Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er +zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann +erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im +zweiten zu Boden schlägt. + +Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base +vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden +vermacht. + +"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde +Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus +beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der +Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher +nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß +ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich +Nichts! + +"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück +auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum, +was er spricht. + +Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank +zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der +Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen +Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu. + +Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine +Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt +eine große Thräne auf den Fügebock. + +"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt +dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den +Hobel ingrimmig zu Boden. + +"Bst, bst!" warnt der Aufseher. + +"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem +Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand. + +Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den +Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und +räumen dem _Schweigsysteme_ die Oberherrschaft ein. + +Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt, +auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die +Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und +erfahrenen Fachmännern entworfen wurde. + +Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden, +aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb +aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum +erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf +wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich +jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden +und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste +verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches +besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig +oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und +Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen +wird. + +Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer +Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger +Ersprießliches erzielten. + +Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das +Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von +Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen +ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um +das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des +Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und +Bekehrung unzugänglich zu machen. + +Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und +jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß +es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer, +stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein +und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen +lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene +System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des +Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer +Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft +nimmermehr zu erreichen vermag. + +Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen +der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen +und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling +leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und +der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und +Selbstmörder werde. + +Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen +desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die +einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und +reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die +Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen +oder Stockfischen zu werden, _sich selbst zu isoliren_ und weil dies nicht +angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der +Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu +begehen. + +Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit +schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen +innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die +Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch +tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten +Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne +gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen, +strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den +meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine +unmögliche Sache. + +Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke +Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem +unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet, +schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser, +blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das +undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht +versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen +Gänge des Saales sich hindurchwinden. + +Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und +zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die +Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme +hörbar, nämlich die des Werkmeisters.-- + +Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele +für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte +dies länger dauern als der Besuch währt? + +Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und +Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden +und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister +ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn +gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine +Gewalt erzwingen. + +Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als +Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige +Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht. + +Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten +in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich +gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den +unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist +bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt. + +Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute +Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben +durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist +lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann +plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die +Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur +keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden. + +Und bei den Holzhackern! + +Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit +dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher +unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht? +Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch +moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel +nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden. + +Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer, +vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger +zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen +hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt +er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt. + +Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen +Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung +desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch +Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe. + +Der Angeredete seufzt tief auf und weint: + +"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube +an kein Glück mehr!" + +"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut +werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern. + +Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet, +der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster: + +"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere +und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als +Oberschinder anstellen lassen! ... In _seinen_ Beutel wird er dein Geld +gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!" + +"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den +lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste +hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht! +... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!"" + +"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber. + +Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben. + +Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies +finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur +beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer +Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur +Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu +einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der +es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen +im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die +wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken +der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm +einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat +ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in +verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes, +ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem +entehrenden Sträflingskittel. + +Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel +ins Gewölbe herab: + +"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen +Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem +schmucklosen Betsaale zu. + +Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich +von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich +rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich +hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden. + +So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung +schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm +steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten +Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum +Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu +finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem +heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht. + +Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei +alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth +gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt +der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt: + +"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem +Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand +längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein +minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir +Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen _dich_ daran +kriegen!" + +"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb +und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat +erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und--" + +"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers. + +Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt +der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster +verstummt. + +Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten +Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere +Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber +nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders. + +Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche +Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern +Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise +Bewegung. + +"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere +Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin. + +"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten +Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und +hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier. + +"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor +Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer. + +"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... _Wir_ schwere Sünder? +Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner. + +"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst +du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes. + +"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem +Nachbar ins Ohr, warum, und-- + +"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche. + +"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher. + +"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen +Leuteschindern weg bin, dann soll mich--!" murmelt ein kleiner Knirps und +wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche. + +Der Geistliche will heute eine kleine Prüfung anstellen, um sich zu +überzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig gesäet, doch ein +bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jüngst Angekommenen +wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur +wenige Bücher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder +nachzudenken und wie Mancher schläft ein in der schwülen Luft des +überfüllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken außerhalb +der Gefängnißmauern herum, wie mancher liest während des Unterrichtes ein +wildfremdes Buch oder paßt nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten +und critisiren zu können!-- + +Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene +bleibt beim fünften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte +verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fügt auch +kurze befriedigende Erklärungen bei. + +Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach +Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten. + +Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur +verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei +den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und +Andere müssen dieselben wiederholen. + +Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein +Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als +stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage +wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die +Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele +seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun--er stiehlt eine +Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt, +nämlich ins Zuchthaus zurück. + +In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere +gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl +der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und +Spitäler.--Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!-- + +Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er +hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt +empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom +Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine +ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage. + +In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person +wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln +ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den +gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren. +Auch stände nichts davon in der Hausordnung. + +Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug +genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen +weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen. + +Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein +unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert, +der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben +absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug, +um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich _das Erwischtwerden!_ +--Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster, +denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen, +weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille +wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt. +Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte, +nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen +Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der +Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und +entfernt sich traurig und wehmutsvoll. + +Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die +Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits +von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem +Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen. + +Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit +Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser +Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals +über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind +ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger +ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte +Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht, +dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht +ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem +Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich +der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den +Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!-- + +In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren +der Löffel, Messer und Schüsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem +Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"-- +allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert. + +Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum +Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmäuser spricht an seiner Stelle +recht deutlich, kräftig und andächtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die +Aufwärter mit den Suppenschüsseln herbei, der Speisezettel lautet heute +vortrefflich, deßhalb herrscht eine ziemlich gleichmüthige und oft heitere +Stimmung unter den Gefangenen. + +"Reissuppe--Kartoffelschnitze--Rindfleisch!" + +Morgen wirds lauten: + +"Wassersuppe--saure Bohnen--Ende!" und mehr als ein alter oder junger +Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begnügen, +dagegen werden die Vielfraße wiederum einen Freudentag haben. Alte Häuser +wissen von Manchem zu erzählen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen, +Mancher hat dem Affengesichte schon einen ähnlichen Tod prophezeit, aber +dieser läßt sich dadurch nicht rühren, bettelt und erhandelt die Schüsseln +Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre +Ueberreste zu, er ißt Alles, was er bekommt und hat der Heißhunger den +Straußenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige +oben drauf. + +Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht muß heute +fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle +entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen. + +Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod +eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer +versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und +wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer +hungrig. + +In allen Sälen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer +antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum +Anknüpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung. + +Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente +"schwarze Loch" ab, dafür wird das religiöse Gespräch im Saale desselben +und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter. + +Wir werden uns hüten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren +über die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Buße +und des Altars, über den Erlöser und dessen jungfräuliche Mutter, über alle +Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer +Halbgebildeten oft genug anhören mußten und möchten nur dreierlei jedem +Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nämlich: + +_Erstens_ liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der +Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre +tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst +nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht +des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem +Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und +Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich +gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt +hinein. + +Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben +dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere. + +Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das +Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen +Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl +aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur +gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben +die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze +beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben +vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für +strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr +schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen +Richter zu thun zu bekommen. + +Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter +vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als +gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig +um deren Predigten. + +"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das +Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst +bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein +Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern +Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen +nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo +und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war +sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber +wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann +ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche +Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich +dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden +und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen +und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses +zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich +dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur +Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt! +... Gibt es Einen, dann kommen _wir_ in den Himmel, jedenfalls vor den +Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können +_wirs_ nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und +wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in +einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und +vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu +bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und +pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und +Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht +und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition, +aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele +Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald +oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen +wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in +die Stadt hinaus darf!" + +So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der +Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die +Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern +geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt: + +"_Der_ kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier +sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!" + +An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und +heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres. + +_Zweitens_ nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der +Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes +eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen +sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und +Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen +Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der +Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden +Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es +sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich +derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums +entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung +und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und +literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen +Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst +geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst +bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur +bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion +überhaupt gesteigert. + +Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in +religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und +die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den +Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar +untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen +Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die +Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über +das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den +Christenmenschen Siege feiern zu lassen. + +Das gegenwärtig lebende Geschlecht hat von seinen Vätern durchgängig eine +sehr elende religiöse Erziehung ererbt, die der positiven Religion +gleichgültig, gehässig oder auch todesfeindlich gegenüber stehende +Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft, +das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen +überwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und +Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich +liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen +und wenn gründlich gelehrte Männer oft wie Kinder reden, sobald von der +katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, daß +die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus +fremd, lau, mißtrauisch und feindselig gegenüber stehen erstaunlich groß +und fortwährend im Zunehmen begriffen bleibt. + +Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwährend in und mit dem +Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtümer und Lügen der Zeit und +was ihnen an umfassender Bildung und gründlicher Gelehrsamkeit abgeht, +ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstümlichen Witz +und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens. + +Es ist erstaunlich, wie aufgeklärt Schustersjungen und Schneidergesellen +heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich +geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europäischen +Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bündig an jedem Biertische +über den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen +Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird. + +Wer das Volk genau kennt und tagtäglich in Berührung mit den +verschiedenartigsten Menschen tritt, der weiß am besten, wie gewaltig der +Geist des Widerspruchs und der Empörung geworden und wie scheinbar er +gebändiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen +Anfängen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar +zu wähnen, es ließe sich in einigen Jährlein gut machen, was mehrere +Menschenalter sündigten, der wird auf eine aufrichtige Rückkehr des jetzt +lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der +Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen +Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen +herrschender Ansichten und Grundsätze, nämlich vor einer sozialen +Revolution und der schauderhaften "großen Zukunft" des Spaniolen erblicken. + +Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des +Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des +Unglaubens, welche mindestens von den Männern des Proletariats am liebsten +gehört werden. + +Die Welt ist ein großes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach +in kleinen Zuchthäusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen +und verderblichen Büchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine +strenge Hausordnung wird möglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer +suchen rohsinnliche Naturen für höhere und edlere als rohsinnliche Genüsse +empfänglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des +Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert +jeden Sträfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den +verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen--dennoch ist von wahrer +Besserung in Sträflingssälen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und +Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie +beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich für immer. + +Einen Grund dafür finden wir auch in dem Umstande, daß Halbgelehrte und +Halbgebildete in jedem Sträflingssaale sich finden und ihre Kameraden im +Grunde mehr beherrschen, als sämtliche Vorgesetzten zusammengenommen. + +Allenthalben herrscht der Gebildetere über den Unwissenden und Rohen und +wenn der Sträfling von vornherein geneigt ist, den besten +Gefängnißgeistlichen mißtrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von +Herzen gern einem Leidensgefährten. + +Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdächtigt und +verläumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit +welchem ein Sträfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich +verspottet, verhöhnt und verdächtiget zu werden? Was der Geistliche bei +diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nächste, beste +Fanatiker des Unglaubens in fünf Minuten oder noch rascher durch einen +derben Witz. + +Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener +gloriosen Gefängnißkundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und +Großartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen +wollen?-- + +Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens üben mächtigen Einfluß auf die Armen +außerhalb der Gefängnißmauern aus, sie beherrschen auch als Sträflinge die +Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefährten und sind eigentliche +Verderber der Besserungsfähigen unter denselben wie des gesammten +Proletariates. + +Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Sträflinge gelegenheitlich bei +Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich übernahmen, es ist auch +begreiflich, weßhalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene +den wahnwitzigsten Träumern des Sozialismus in die Arme stürzen und bei der +wachsenden Anfüllung und Ueberfüllung aller Strafanstalten möchte einsame +Haft für die verderbtesten, so wie für halbgebildete Verbrecher eine +Maßregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine +unsterbliche Seele besäßen und nicht die Bestimmung hätten, Glieder am +Leibe Christi zu werden. + +Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine +Kameraden und machen Strafhäuser nicht zu Kasernen der Revolution. + +_Drittens_ endlich ist das enge Beisammenleben von Sträflingen +verschiedener Confessionen für die auf den Grundlagen der positiven +Religion allein mögliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der +Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der +Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen +Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Sträflinge wissen +gemeiniglich nicht gehörig zu erwidern oder sie mögen weder für Jesuiten +noch für Dummköpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten +gewöhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte +Sträflinge den Israeliten gegenüber gewöhnlich das Gegentheil und aus all' +diesem folgt, daß die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der +religiöse Frieden ungestört bleibt. + +Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte +und etwas belesene Sträflinge vertreten die Rolle der Priester des +Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen +befördert kein Anschmiegen an positive Religion--woher soll da die +Besserung kommen? + +Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermögen und kehren +nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurück, in +welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen +Rechtes" in seiner gewohnten Art erläutert. + +Der Aufseher stört diesmal den Redefluß des gelehrten Mannes, der +Zuckerhannes erfährt nur noch, die großen Fische fräßen die kleinen und das +sei historisches Recht und das Gespräch wird rasch auf die Begnadigungen +gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen. + +Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Verträglichkeit zu bekommen, +setzt sich einen Augenblick neben den Duckmäuser, hört dem Gespräche zu und +meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gönnten, sei eben doch wegen +Straßenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung +unwürdig. + +Auf solche Rede hin versetzt der gegenübersitzende Mordbrenner dem armen +Hasenmaul einen Stoß auf die Brust, daß es über die Bank hinabpurzelt und +laut aufschreit. + +In diesem Augenblicke ruft das Glöcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher +muß zur Thüre hinaus auf seinen Posten, der Lärm der Sträflinge hat den +Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drängt Alles der Thüre zu. +Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein +Wort könnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmäuser +sucht Beide zu beschwichtigen, erklärt letzterm, er habe Unrecht, dem armen +Jost das bischen Freiheit zu vergönnen und sagt: + +"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher +niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die +eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder +hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe +der Hunger thut?"-- + +Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im +Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur +Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem +Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der +Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und +Entlassene oft genug behandelt werden. + +An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr +oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos +zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und +Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!-- + +Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das +Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren, +Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler +schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen +einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der +Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe, +schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter, +pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche +Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen--dieser hundertstimmige Lärm +mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an +Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende +Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des +sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen. + +Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen +sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke +steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu +Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt. + +Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen +Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben +ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den +tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften +Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte--doch kein geschaffenes +Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, _tägliche Gewohnheit_ +stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das +Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt, +stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu +freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch' +unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen +guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich +drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem +Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird +und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages +dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele--aber hat er +draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er +jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin +im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen? +War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe +Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu +erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause +wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren, +weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine +Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen +seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum +Durchbruche gelangte. + +Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die +Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier +dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich +den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt. + +Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts +von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel +ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet +und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will. + +Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im +Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken, +er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu +behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm +schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist +voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach +überboten, anwiderten. + +Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der +Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe +zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit +lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind +beide Freunde geblieben. + +Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers +erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben +vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine +Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich +verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge, +mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt. + +Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit +sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine +Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen. + +Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen +zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird +jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von +denen er nichts zu befürchten hat. + +Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf +Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben +sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals +sähe!-- + +Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu +Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich +der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse, +bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten +deßhalb gescholten oder bedroht werden kann. + +Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne +ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das +Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht +daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung +betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen! + +Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven +Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den +weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender, +der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern +niemals ein Buch lesen!-- + +Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten +Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher +Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet! + +"Hof!--Hof!" ruft es durch das Haus. + +Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den +Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an +Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig +und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende +Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet. + +Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber +seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die +Stiege hinab in den Hof. + +Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng +beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin +und her, der ein längliches Viereck bildet. + +Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte +desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge +herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte +schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und +auswendig erträglich aussehe. + +Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden +Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen +Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit +vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem +Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt, +genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft +und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden, +abschneidet. + +Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der +Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch +eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden +hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum. + +"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und +während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger +in den Hof hinaus. + +Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt +der Ruf. "_Vier Uhr!_"--dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein +plötzliches Ziel. + +Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse, +welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den +letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken +lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!--hörbar +geworden. + +Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die +einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte +gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen. + +"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der +Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem +Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen, +an welchen er Antheil haben soll. + +Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der +feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen +Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor, +vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von +einem Eßkünstler in sich hat. + +Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und +einige Tropfen ranzigen Brennöles daran--der Zuchthaussalat ist fertig und +mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher +aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert. + +Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide +betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den +Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei +Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!-- + +Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter +des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der +Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate +erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch +nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im +Strafbuch nach sich ziehen könnte. + +Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends +auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier +ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu +empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das +Affengesicht erhält jedoch den Vorzug. + +Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und +steht auf den Treppen der Eingangsthüre. + +Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen +Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt +plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu +drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht +er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt. + +Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter +der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt: + +"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm +gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse +habe?" + +"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt +den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte. + +"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt, +hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal +manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort. + +"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins +Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er +behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um +keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir +selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit +er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe." + +"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest +gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag +und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein +Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken +lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht +einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen +Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder +herausgenommen." + +"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist +fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und +werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren +Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich +übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als +Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an +Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür +Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus. +Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen +durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und +hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er +zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat +nicht gewesen! ..." + +"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte +einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden +andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet +oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist +nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und +Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..." + +"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so +geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser +nachdenklich. + +"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte +ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und +wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge +ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier. + +"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das +Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt +der Duckmäuser. + +"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz +dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und +Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals +ein, auch einen _Verein gegen Menschenquälerei_ zu stiften?" fragt der +Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird +bis über die Ohren roth. + +"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das +Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch +eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt +Einer. + +"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte +sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier. + +"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der +Zuckerhannes. + +"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige. + +"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet, +es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen +wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und +verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!" + +"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So +ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ... + +"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit +der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint +auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch +vor 3 Wochen und--" + +"Zur Arbeit, Leute!" + +unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der +Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück +und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am +Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund +Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen +Tagwerkes nicht zurückbleiben. + +"_Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!_" + +Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36. +Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling +mit Widerwillen. + +Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein +dankbares und segensreiches. + +Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers +und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich +gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten +sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich +verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer +arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten. + +Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben, +Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen +auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem +unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu +beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an +Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen +Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen +Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs +vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem +Auswendiglernen gänzlich ein Ende. + +Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der +Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und +pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und +belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft +durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in +neuen Verbrechen abzuhalten. + +Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden, +Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche +Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk +gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den +Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine +klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben--doch im Ganzen sind und +bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange +die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben. + +"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder +auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben +ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser +Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein +beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der +Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.-- + +Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt, +später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und +unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist +ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur +Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs +ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der +zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der +dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen +ereignißreichen Tages. + +Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der +Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er +den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut. + +"Was gibts, alter Strolch, was treibst?" + +"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im +schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch +zusammenbrennen würde und ich damit! ..." + +"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?" + +"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja, +daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle +Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen +Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig +gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der +Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man +fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter +wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!" + +"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich +früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit +triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und +stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres +hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, +als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an +welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine +Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!" + +"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch +bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar +ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten? +... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen +mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß, +doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den +Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle +Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz +zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude +verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch +die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war +ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..." + +"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig +davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak +wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das +Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird +voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen +von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber +die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel +Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem +Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit +stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und +Alles thun, was er vermag!" + +"Warum?" + +"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters +Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit +durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und +die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er +ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein +gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die +Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht +ausbleiben--" + +"Fort, s'kommt Einer!" + +Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter +ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten +anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in +den Hofraum der Strafanstalt herein. + +Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen +von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes, +wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der +strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten +Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter +und Pflegbefohlenen. + +Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen. + +"_Sechs Uhr!_" + +Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom +Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher +faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen. + +Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit? + +Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr +Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines +Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit +Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet. + +Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in +mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen +einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den +letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme. + +Endlich ertönt es;--"_Feierabend!_"--rasches Verstummen jedes +Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch. + +Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder +beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder +die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück +Brod schmecken. + +Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die +Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle. + +Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der +Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem +Andern marschirt ab. + +Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille +und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst +um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher +noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte +Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig +schadet. + +Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an +einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein +bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile. + +Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein +bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im +Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu +mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein +Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den +hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus. + +Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist +ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung +sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für +Gefangene. + +Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit +weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und +manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche +Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische +sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends +die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne +im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem +vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche +die Mehrzahl der Sträflinge erlebt. + +Was sollen dieselben machen? + +Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden +und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern, +Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten. + +Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese +wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das +Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der +Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre +Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die +Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht +ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend +hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet +Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst. +Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er +schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder +zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste +Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese, +spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem +Schandgemälde beglückt zu werden. + +Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten +Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag +einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem +Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich +Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn +ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft, +wird er die furchtbaren Worte: + + Ha, wo bin ich und was soll ich hier + Unter Tigern, unter Affen? + Welchen Plan hat Gott mit mir + Und wozu bin ich erschaffen? + +mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben. + +Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen +Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am +nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren, +welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich +"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen +Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem +Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben +abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten +Schriften zu machen pflegt. + +Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf +seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen. + +"Numero Fünf!"--ruft es durch die Gänge. + +Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht +der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt +Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu +schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben. + +Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher +folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser +herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen +Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute +zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt. + +"Gute Nacht!" + +Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen +Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil +sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt +vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort, +wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht. + +Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder +kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange +miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen +Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute, +welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen +begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug +als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich +auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen +ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten +Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der +Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne +Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man +nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes, +rasendmachendes Tutti beginnen. + +Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg +vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der +Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr +fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr +gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch +thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust +klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten +ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen. + +Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben, +Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den +Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als +dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf. + +Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert +fort und wann naht das Ende der Qual?-- + + + + +#DIE LETZTEN JAHRE DES ZUCKERHANNES.# + + +Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem +wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten, +unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten. + +Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch +und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen +Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten +Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen +Matten und silbern schimmernden Bächlein. + +Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend +Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume +und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte +säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der +Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und +fromme Gesänge an unser Ohr. + +Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen +Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und +verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte +beiwohnen? + +Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen +Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und +Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und +unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte, +dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe, +unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische +Rosenkränze. + +Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige +Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen +Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen, +wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den +Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und +lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod +stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde. + +Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist +alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele +Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne +einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des +Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen. + +Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer +prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der +ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen +Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der +bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das +dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel. + +Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine +vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen +des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst +laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr +gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach +der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar +zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein +Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes: + + Ich mach' in Tuch und Seide, + Politik und Religion! + Und hab' von allen Vieren + Die allerneuest' Facon! + +im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig +verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und +geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze +in Entzücken versetzt. + +Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft +mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während +die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm +steht--die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst +aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges +Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und +einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit +Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben. + +Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen +"Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei, +welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit +Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch +Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als +bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen. + +Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich +die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne +hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr +ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden +der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist +dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner +Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er +seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden. + +Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne +Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze +Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches +Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein +abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke +neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des +Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib +in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen +lasse. + +"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein +heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau +dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern +und am allerwenigsten mit Heiden befaßte. + +Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon +erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am +Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden +nicht allzulang gerathe. + +Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise +fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und +wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden. + +Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das +265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und +von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich +vermißt wurde. + +Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den +theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen +unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich +unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu +entreißen und für den Himmel einzunehmen. + +Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des +Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit +vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln, +Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit +Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte, +bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er +nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das +Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum +daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr +herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und +muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten, +linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende +Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da +der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal, +wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche +hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen +Theil haben und notirt alles gut auf?" + +Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris +hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus +diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon +wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte +und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel +Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen +Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte. +Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von +der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten, +welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich: + +"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und +geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt +würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die +Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend +gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein +Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in +Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt +derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat +mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin +schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen +der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich +zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will, +wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen +und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den +Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan +noch, _der_ brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats +im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm. +In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den +Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"-- + +Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige +Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine +Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete +sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb, +wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden +und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das +Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein +Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage. + +Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es +sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter, +aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann +sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden. + +Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika +drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und +dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders +zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren +und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten, +der Pariser sei an die Unrechte gekommen. + +Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus +Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der +Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den +Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie +man mit Weibern fertig werde. + +Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes +mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit +ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude, +ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im +Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und +selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten, +hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom +Kirchhofe herab ins Thal schaut. + +Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und +diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder +von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen, +sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte. + +Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und +ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue +Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit +überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle +Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für +fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht, +welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die +günstigsten Bedingungen festsetzte. + +Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor +dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für +sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl +würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts, +was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu +Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen +Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget +hätten. + +So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem +frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der +Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen +Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der +Blüthe seiner Jahre zu Grunde. + +Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin +mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark +ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie +die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei +ihr gefunden. + +Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand, +daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der +jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen, +als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser +Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute +ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit +eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem +fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so +toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger +die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte +aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer +auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir +alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei +ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der +Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der +Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel +an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick. + +Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert +ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas +grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für +ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im +Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden. + +Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen +tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer +Erklärung. + +Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern +sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit. + +Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die +Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz, +denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das +Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt +kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt. + +Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen +zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm +großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug +ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt +und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und +Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte. + +Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen +Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen +geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und +folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte. + +Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach +der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche +er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer +Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein +dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen +Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden +Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's +Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die +Augen ganz verwirrt zu Boden schlug. + +Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße +geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu +befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er +nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß +nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben. + +Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene +Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und +näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande, +Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen +Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen! + +"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen, +lieber Herr? Ich muß doch leben!" + +"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr +wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es +wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter +eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem +Diener winkte. + +Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser +den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein +viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers. + +Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine +kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte +in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten. +Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen +Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese +den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften, +obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute +boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht, +woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und +zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm +statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube +geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein +abzog. + +Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der +Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh +genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte +und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren +alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig +gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er +oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort +der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im +Zuchthause gehockt!" + +Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später +einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist +auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle +ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus +der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches +Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern +von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen +Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte +eine neue und stets wechselnde Platz gemacht. + +Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert, +mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt. +Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit, +welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er +freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen +zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz +ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der +Gemeinde zu verzichten. + +Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und +verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen +gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten, +waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten. + +Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten, +die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der +Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause +anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden +und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die +Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er +niemals zu übertreten hoffte. + +Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige +Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen +habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden +der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein +kleiner Profit vor ihr zu stehen schien. + +Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit +rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst, +wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein +verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering +scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte. + +Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von +Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven +Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als +Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ. + +Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr +Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen +langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder +noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die +Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn +aus der Emmerenz geworden sei. + +Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des +menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen +ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die +Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben +anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht +geantwortet. + +"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und +sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß +man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr +recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei +gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige +Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln +ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath. + +Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich +seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle" +jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines +Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen +müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines +Zuchthäuslers. + +Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des +Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib +und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode +nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der +Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren +verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten +wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da, +an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen +er wünschte und dies that ihm wehe. + +War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme +unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern? + +Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er +Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den +Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über +die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der +Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil +er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie +ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles +laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß +der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen +Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm +bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei +jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person. + +Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit +Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet. +In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten +zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde +Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die +Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den +Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem +nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom +Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern +vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als +einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte. + +Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und +noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf +an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen +lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute +jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth +an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im +Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe +dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog +aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres +Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht +daheim gewesen. + +In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne, +obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler, +welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht +komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr +gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man +vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein +fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges +Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein +betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter, +Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals +copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und +sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder, +der als Knecht bei ihm diene. + +Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine +große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle +und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause +zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller +zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde +das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan. + +So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer +bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern +nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach +Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die +Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer +lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke +Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte. + +Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner +der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch +christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten, +Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der +vielgepriesenen Berserker. + +Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah +denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar +nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken +fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie +sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder +ganz ruhig und still zurück. + +Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen +schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare +Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie +leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie +verloren. + +Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst +her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler +durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus: + +"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall +heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und +glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute +sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen +müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann +recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich +wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit +und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete, +während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am +bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth +hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater +und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf." + +"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen +Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie +selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns +Beiden zurück ließ." + +"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein +alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen +doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht +wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles +anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler." + +"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste, +sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte +Freundin + + _Emmerenz_." + +"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth. + +"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und +ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es +nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!" + +"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher +Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich +ihnen doch nicht schenken!" + +"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn +ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes +zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen." + +"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir, +bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an +Dir fehlte.--Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und +Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4 +Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger +und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh, +daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen +Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?" + +"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich +leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße +werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt +und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der +Spaniol." + +"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch +droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem +Lächeln sein Braunbier. + +"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin +ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor +lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe +verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke, +so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder +nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten +Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers +Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals +Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische +Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt +jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere +wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst +jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte +Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich +ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer +ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!" + +"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und +Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie +wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt +andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke. + +"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan, +von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir +Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar +merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich +der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so +lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt +werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat +auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt. +Was bin ich schuldig?" + +Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes +hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen +Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof. + +Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem +Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt, +daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten. + +Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte +auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der +Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung +begann. + +"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" ließen sich Zwei +ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen. + +Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß +dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter. + +"Hat _der_ wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im +Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flüsterte später ein +Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde +machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der +Tannenwald finster und schweigend herabstarrte. + +"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!" rief ein Kind dem +kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und +ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken +im vollen Laufe ins Haus hineinrannte. + +Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen, +er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen. + +Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte: + +"Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für +Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als +Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da +drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht. +Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen +lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als +Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!" + +Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem +Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme: + +"Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine +weitere Beichte durch rasches Umkehren. + +Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja, +es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!" +und zog rüstig seine einsame Straße weiter. + +Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn +verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden, +welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen +er sich bei der Pflegemutter antrank. + +Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm +vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles +Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft +durchzubringen. + +Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem +Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen. + +Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete +Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast. +Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft, +zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande +zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht +aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte +es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche +Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und +verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete. + +Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die +Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil +er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel. + +Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht, +er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze. + +"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören. +Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr. + +"Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr +habe!" + +"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?" + +"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach +längerem Besinnen. + +Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in +kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig +sei und verwendet werde. + +"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so +ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit, +wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so +gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch +nie gelebt!" + +Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die +alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit +leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit. + +Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und +menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht +gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand. + +Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der +Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen +liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher +mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers +jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes +in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern +duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo +suchen, wornach er gelüstete. + +Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des +Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast +mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein +Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der +Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand +sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu +besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit +dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben +sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser +ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als +Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch +Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so +vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel, +strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders +Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und +weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde. + +Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in +diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der +Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst +nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge, +dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag +Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht. + +Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen +Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr +gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten +Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute +berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den +heilbringenden Westen. + +Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern? + +Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und +der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen +Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes +endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche +seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen +entsprach. + +Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen. + +Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in +ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten +Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles +wird. + +Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil +dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die +allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen +einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen +als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und +menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer +Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten +aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen _Vereine für Entlassene_ +von Neuem begründen. + +Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur +Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine +Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen +und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne +arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine +Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo +möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch +einen Galgen finden. + +Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche +Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als +andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie +des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig +geworden. + +Drittens endlich hat der _Stifter der Gesellenbunde_ den besten Weg +gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag. + +Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und +politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der +kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des +gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer +Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden +zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital +arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den +Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht +mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des +Proletariats zu verhindern. + +Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten, +indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes +durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch +Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln +christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt. + +Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen +Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften +und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet +und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung +dasteht. + +Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen, +Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für +Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll +Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes +furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen, +Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer +Enkel Zukunft zu bedenken. + +Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den +Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes +entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in _diesem_ Falle +einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit +vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die +Revolution, diese Ausgeburt der Hölle!-- + +Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von +Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind +allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere +Erfahrungen hindrängten. + +_Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem +Lande in ähnlichen Vereinen_, sorgt für angenehme und nützliche +Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath +und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen, +welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen, +in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die +Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe +sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das +zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen!-- + +Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher +gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen +aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die +Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der +Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung +des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung +halten. + +Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger +Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere!-- + +Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im +freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe, +welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben +kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares, +sittliches und religiöses Leben heraussprach. + +Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits +ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz +zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude +und aufhörte, demselben Etwas zu senden. + +Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere +Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner +Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten +Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem +Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit +dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und +lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine +mehrwöchentliche Gefängnißstrafe. + +Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last +fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ +ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen +haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr +geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben, +hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum +Entwickeln gebracht. + +Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst +nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte, +daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den +Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten, +nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen. + +Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale +fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein +elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der +einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und +Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich +fürchtete. + +Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache +zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum +Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie +wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen +Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für +den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem +Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände +in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der +unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden +Korbmacher zu bringen. + +In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am +Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre +Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte. + +Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der +Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde +festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer +langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles +wegläugnete. + +Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner +Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin +den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im +Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen. + +Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang +ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben +ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein _Christ_, sondern als der +_Zuckerhannes_ gestorben. + + + * * * * * + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem +ehemaligen Züchtling, by Joseph M. Hägele + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 16278-8.txt or 16278-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/2/7/16278/ + +Produced by Robert Kropf and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/16278-8.zip b/16278-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3f37bc8 --- /dev/null +++ b/16278-8.zip diff --git a/16278-h.zip b/16278-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..72c3bb7 --- /dev/null +++ b/16278-h.zip diff --git a/16278-h/16278-h.htm b/16278-h/16278-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b522e6b --- /dev/null +++ b/16278-h/16278-h.htm @@ -0,0 +1,10993 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1"> +<title>The Project Gutenberg eBook of Zuchthausgeschichten 1, by Joseph M. Hägele</title> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen +Züchtling, by Joseph M. Hägele + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling + Erster Theil + +Author: Joseph M. Hägele + +Commentator: Alban Stolz + +Release Date: July 13, 2005 [EBook #16278] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Robert Kropf and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<center><h2>Zuchthausgeschichten<br /> +von<br /> +einem ehemaligen Züchtling</h2></center> +<center><h3>von Joseph M. Hägele</h3></center> +<center> +<p> </p> +<p><b>Mit einem Vorwort</b><br /> +von<br /> +<b>Dr. Alban Stolz</b><br /> +Professor an der Universität zu Freiburg.</p></center> +<p> </p> +<center><h2>Erster Theil</h2></center> +<p> </p> +<h3>Inhalt:</h3> +<p><big><b><a href="#Vorwort">I. Vorwort</a></b></big> von Alban Stolz<br /> +<big><b><a href="#Vorgeschichte">II. Meine Vorgeschichte</a></b></big><br /> +<big><b>III.Der Zuckerhannes</b></big><br /> + <b><a href="#1">1. Kinder und Jugendleben</a></b><br /> + <b><a href="#2">2. Im Thurm</a></b><br /> + <a href="#2a">Die Geschichte des alten Mannes</a><br /> + <b><a href="#3">3. Der Zuckerhannes kommt aus dem Thurme</a></b><br /> + <a href="#3a">Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes</a><br /> + <b><a href="#4">4. Der Zuckerhannes wandert fort und verliert sich selbst</a></b><br /> + <b><a href="#5">5. Ein Tag im Zuchthause</a></b><br /> + <b><a href="#6">6. Die letzten Jahre des Zuckerhannes</a></b> +</p> +<p> +Münster, 1853.</p> + +<p><small>[ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos</small> +</p> +<h3><a name="Vorwort">Vorwort</a></h3> +<p> +Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen +Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir. +Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott +durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum +überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch +den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden +dieses Buch zur Hand zu nehmen.</p> +<p>Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von +Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein +Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein +Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung +Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich +niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere +Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken +und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner +Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines +jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach +besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre +wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder +Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des +Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das +Verdienst hat kein Christ zu sein.</p> +<p>Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als +Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige +Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele, +die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel +interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen +die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde +und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig +zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden +an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er +lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine +sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen +glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt +mitgetheilt werden.</p> +<p>Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets +noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in +Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen +competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und +kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt +hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was +mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch +eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung +erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich +zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen +selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger +auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in +der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit +<I>einem</I> Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ, +der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man +die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen +geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche +Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter +Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind +Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings +den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen +Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit +geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische +Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als +ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des +Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der +Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer +deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der +verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich +selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das +sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des +Menschen.</p> +<p>Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin +erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd, +während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen +für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten +Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die <U>mysteres de +Paris</U> und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie +sonst der teutsche Michel liebt.</p> +<p><I>Freiburg</I> am Tag des h. Mansuetus 1853.</p> +<p><b>Alban Stolz.</b></p> +<h3><a name="Vorgeschichte">Meine Vorgeschichte</a></h3> +<p>Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und +zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein, +daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt.</p> +<p>Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich +meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für +die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die +Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden +[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der] +Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion +und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich +heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief +beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen +Sache eher zu schaden als zu nützen.</p> +<p>Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen, +als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen, +empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche, +der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände +scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über +den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift +insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.</p> +<p>Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges +aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte +dieser Geschichten bilden.</p> +<p>Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur +hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit +Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch +über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen +freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.</p> +<p>Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits +als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem +Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling +1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und +Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als +Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen +vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung +als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach +Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.</p> +<p>Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich +bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich +allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in +allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.</p> +<p>Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes, +doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.</p> +<p>Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in +einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen +Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode, +sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte +eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in +Europa und—keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger, +glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der +gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.</p> +<p>Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte, +gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und +Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen +Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen +Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu +Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern, +einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem +Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung +folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von +seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der +Revolution stürzte.</p> +<p>Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als +Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu +vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen +Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein +Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts +deren einzige Idole zu sein pflegen.</p> +<p>Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer +1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung +genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen +den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich +eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte +aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich +mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen +schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch +ganz anderer und schwererer Opfer würdig.</p> +<p>Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen +und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser +nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die +Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu +aufgefordert worden,—aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes +gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber +immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden +Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch +betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein +nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht +sonderlich gefiele.</p> +<p>Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich +auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren.</p> +<p>Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den +Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte, +wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik +schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester +demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher +getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15. +erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher +getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen +Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die +Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein +scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei +der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als +die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur +noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein +Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen, +tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte +Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen +können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension +angenommen hätte.</p> +<p>"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus, +dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore +bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter +den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann +einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die +etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen +Halbinseln haben aufgehört zu regieren!—allgemeine Einladung an John +Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter +vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein +großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des +nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan, +friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige +Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes +Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins +gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"</p> +<p>Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler +Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.</p> +<p>Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des +Bürgers erste Pflicht! <U>Aux armes, citoyens</U>!"—erwartete von einem +Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und +schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und +die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber +fortdauerte.</p> +<p>An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die +alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen +und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte +es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse, +dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging. +Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im +Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den +Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung +und Gesinnung des Volkes zu mustern.</p> +<p>Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn +bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen +Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir +wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens +voraussehen mußte.</p> +<p>Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in +Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe +Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an +sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in +andern Ländern.</p> +<p>In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem +allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre" +zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen +werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen.</p> +<p>Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen +Flüchtlings auf den Hals.</p> +<p>Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen +eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament +würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben, +weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.</p> +<p>Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution +über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter" +und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des +Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend +sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß +ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das +Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst +erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft +wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt, +zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den +nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können.</p> +<p>Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß +ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend +eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine +einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich +damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr +von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer +und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und +Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke +<I>empfahl</I>? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem +Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen +Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt! +Versucht es, ob Ihr <I>meine</I> Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der +Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu +verspeisen!"</p> +<p>Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr +lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne" +Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges +und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt. +Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden +Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den +Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren +erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel +rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.</p> +<p>Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte +und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich +keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große +Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder +Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung +gedeihen können.</p> +<p>Was hilft ein schöner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?—</p> +<p>Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich +bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder +unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein +talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht +genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen +hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen +Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen, +die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem +unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte +viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt +wurde.</p> +<p>Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der +Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie.</p> +<p>Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik +mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger +als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches +wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des +Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des +Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.</p> +<p>Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und +glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach +Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen +Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes, +an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter +Weise.</p> +<p>Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines +gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen +seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt, +geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von +Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.</p> +<p>Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde, +wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum <I>zweitenmal</I>, wenn auch in +der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört +nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes +Zuchthaus.</p> +<p>Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?— +Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu +zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten +unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe +geschenkten Jahre auszuhalten.</p> +<p>Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten +angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen +jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen +weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins +Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und +meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen.</p> +<p>Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines +gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am +Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.</p> +<p>Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch +später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den +Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben +sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich +zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne +Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am +Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.</p> +<p>Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einfluß reichen, zum +Heckerzuge wahrhaft gepreßten W., dessen Söhne ich unterrichtete, sammt +andern politischen Führern des Bezirkes flüchtig, die revolutionäre +Gesinnung in reichlichem Maaße vorhanden und könnte ich eidlich beschwören, +innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehört noch von einer +konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte +lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen +die Schweizerkantone Zürich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und +noch mehr militärisch wichtige Gegend mit den üppig auftauchenden und unter +sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in +Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fähigkeit und Beruf hiezu von mehr +als einer Seite her zu, ich hätte es sogar versuchen und durchsetzen +können, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die +demokratische Organisation ließ sich damals innerhalb der Schranken der +bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen.</p> +<p>Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht.</p> +<p>Es ließe sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art würde +nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Führer zu werden. Diesem +Einwande widersprächen frühere Ereignisse, auch ließe sich an das +Sprichwort denken: Probiren geht über Studiren, doch soll er gelten; ferner +ließe sich sagen, der Flüchtling W. als der einflußreichste Mann der Gegend +würde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wäre möglich, denn der +Vater meiner Zöglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch +welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglück gestürzt +hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, höchstens ein schlichter +Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im +ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der +Vater meiner Zöglinge noch längere Zeit flüchtig und ich keineswegs Einer, +der ein Stücklein Gnadenbrod bei ihm aß und ihm hinsichtlich meines +politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu +Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen.</p> +<p>Ich lebte ebenso unabhängig als glücklich in Herrn W's Hause und kann +beweisen, daß ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit +erfüllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte +anhielt, was außerhalb übernommener Verpflichtungen lag.</p> +<p>Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in +meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der +Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf.</p> +<p>Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, ließ mich +mondenlang kaum in ein politisches Gespräch ein, besuchte den Volksverein +des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, daß ich Mitglied +irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener +petitionenreichen Tage verfaßt oder unterzeichnet.</p> +<p>Benutzte ich vielleicht die Nähe der Gränze, um mit Flüchtlingen zu wühlen? +Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe +ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flüchtlinge +war sehr gering in Schaffhausen und Zürich, zwei Ausflüge dorthin und drei +dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flüchtlingen, nämlich mit +dem Vater meiner Zöglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den +ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging.</p> +<p>Gegen den Frühling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand +dieselben zumeist in den Wirthshäusern, deutsche und schweizerische +Republikanerblätter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprächen +und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen +harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines +gesetzmäßigen Verhaltens und meine gleichmäßige Verachtung aller damaligen +politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so +mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan +haben, der es nicht verdiente aber vergaß, wohl auch verdiente, aber nur +bis auf andere Zeiten scheinbar vergaß.—</p> +<p>Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und +Wühlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der +meinen Müßiggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits +offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem +zusah, zuhörte und stumm und unthätig blieb in beharrlicher Neutralität.</p> +<p>Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine +Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm +von Freiburg ab und saß am Tage der Offenburger Volks- und +Soldatenverbrüderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube.</p> +<p>Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern +schwer eingebüßt, wäre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der +provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als +Commissär mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsäbel Bürgern +und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es +nie.</p> +<p>Das Herz glaubt so gerne, was es wünscht!</p> +<p>Lügenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere +Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus +betrachtet prächtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine +baldige Versöhnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine +süddeutsche Foederativ-Republik, weiß Gott, was ich nicht Alles ferne vom +Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjäger, der +mich um Neuigkeiten bat, welche über Nacht zum Heil der Völker vom Himmel +gefallen.</p> +<p>Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des +Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfürst mit seinen Räthen der +Bewegung gegenüber annehmen würde, war mir jedoch noch nicht klar und als +diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener +genug, bedürfe keines Schulmeisters, im Nothfalle höchstens eines +Freiwilligen mehr.</p> +<p>Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung +als deren Organ sammt den regelmäßig fortlaufenden Nummern des +Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzücken verschlang, +die bisherigen Beamten und Behörden unseres Bezirkes friedlich huldigen +sah, ohne daß eine ernstliche Weigerung eines großherzoglichen Dieners oder +irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissärs stattfand und als ich +zuletzt Aktenstücke aus der Residenz in die Hände bekam, unter welchen +hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und +von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem +Großherzog viel Tröstliches vernahm—da hielt ich mich ehrlich und +aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden, +denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine +Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem +<I>Ursprunge</I> seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses +lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewiß ein großer Jurist und meines +Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten +Regierung niemals gehört, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben, +jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein +neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prächtig und +großartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und +glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten, +wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrücklich dazu +aufgefordert würde.</p> +<p>Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede +über die jüngsten Ereignisse vor einer großen Volksversammlung aus, +rücksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom +Lesen und Hörensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei +dieser Rede so wenig, daß ich einen Entwurf derselben hübsch in eine Mappe +legte und später selbst in die Hände des Amtsverwesers durch genaue Angabe +des Verwahrungsortes liefern half.</p> +<p>Mir ist es bloß darum zu thun, den Beweis zu liefern, daß ich als +Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmäßigen +Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser +Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe.</p> +<p>Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und +können hier nicht besprochen werden. Eine Veröffentlichung sämmtlicher +Akten würde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus +hervorginge, daß mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem +Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen +Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu +bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein +gutes Recht entschuldigen ließe. Anderseits möchte eine derartige +Veröffentlichung aber ebenfalls zeigen, daß meine Vergehen rein politischer +Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen +Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien.</p> +<p>Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen +Regierung, den ordnungslosen Rückzug des Insurgentenheeres, das Lager bei +Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran +ein Flüchtling zu werden.</p> +<p>Später nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdümmsten Streich meines +bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frühling 1849 zur Auswanderung nach +Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit für mich da +war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz +mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in +meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, daß bei der ungeheuern Zahl der +Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Prozeß vom Standpunkte des +Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes +der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren +fortfunktionirt hatten, unmöglich sei, die Hoffnung, daß man bei einer +politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner +anerkenne, daß ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das +Bewußtsein, mich während des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle +hingedrängt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben—dies +Alles bewog mich, die Ankunft der preußischen Truppen ruhig zu erwarten.</p> +<p>Am 13. Juli 1849 ließ mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf +den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier +ein, mich ohne den mindesten Anlaß von meiner Seite am frühen Morgen in +Stühlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergnügen eine +starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen. +Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hören; ich verzeihe es ihm sammt +seinem energisch ausgedrückten Herzenswunsche, daß es mir und meinem +Leidensgefährten "recht schlecht" ergehen möge, verzeihe auch gern Anderes, +was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militär sehr unnöthig +angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu +schaffen hat.</p> +<p>Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich +und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten +hätten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den +Preußen, über deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen könnte, während +alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und +menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl +einstimmig sein und bleiben werden.</p> +<p>Ehre und Dank den preußischen Offizieren und Soldaten!—</p> +<p>Im September ward ich den ordentlichen Gerichten überantwortet, im October +jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhöre Alles gesagt hatte, was zu +sagen war und worauf später das Urtheil sich stützte, vor die +Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge +einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des höchstseligen +Großherzogs abermals den ordentlichen Gerichten überwiesen. Am 28. Januar +1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntniß eröffnet, welches auf <I>acht</I> +Jahre gemeinen <I>Zuchthauses</I> lautete. Ich verzichtete auf einen +Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der höchsten Instanz, jedoch +in einer so unklugen und trotzigen Weise, daß ich meine verbrecherische d. +h. revolutionäre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und +eher Schärfung des Urtheils fürchtete als Milderung hoffte.</p> +<p>Am 16. Februar 1850 schlüpfte ich in die entehrende Sträflingsjacke, +nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses +als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Bestätigung +meines Urtheils von Seite des höchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde +ich in das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis +zum 13. April 1852.</p> +<p>Sterbend hat der edle, unvergeßliche Großherzog Leopold, dessen wahrhaft +adelich gesinnte <I>Persönlichkeit</I> weder von mir noch, laut meiner gewiß +nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals +angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte +Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget.</p> +<p>Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und +für mich durch Gottes Gnade höchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich +zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hüter herumlaufen und +frische Luft schöpfen, wo es und wieviel mir beliebte.</p> +<p>Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde, +wieviel ich dem in Gott ruhenden Fürsten verdanke, denn meine Bestrafung +und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite +der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen +und ewigen Glückes und zudem sind tausend Kerkernächte zwar kein Spaß, +sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre.</p> +<p>Weder vor noch während der Revolution beging ich jemals eine an sich +entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu +haben, daß ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die +badische Regierung <U>mala fide</U> beging; ebensowenig brach ich jemals einen +Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft +zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich während meines Lebens +ablegte.</p> +<p>In diesen Thatsachen liegt die subjective Begründung der Protestation, +welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen +mit <I>entehrenden</I> Strafen belegt, fortwährend erhob.</p> +<p>Große Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, daß politische Verbrecher, +insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen, +vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit +Spitzbuben und Mördern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn +sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig +begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten +civilisierten Länder, wie Belgien, Preußen und Würtemberg in mehr oder +minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frühere +badische Gesetzgebung hierin sachgemäßere und ausgedehntere Unterschiede +als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an +verantwortliche Minister und ließen der Regierung keine Ruhe, bis das +Zuchthaus für reinpolitische Vergehen recht in Flor kam.</p> +<p>Die objective Begründung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag +den Rechtsgelehrten überlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden. +Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle +Ewigkeit meine Verurtheilung zum <I>Zuchthause</I> lediglich als <I>Gewaltthat des +Gesetzes</I> betrachten und dagegen protestiren muß, so mag eine kurze +Aufzählung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, daß es nicht +minder unzweckmäßig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre +Interesse der badischen Regierung gerichtet sei.</p> +<p>Ich habe die Belehrung über die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen +Finger gesaugt sondern während und nach der Gefangenschaft aus der +alltäglichen Erfahrung geschöpft.</p> +<p>Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, möchte ich sagen, das Zuchthaus an +sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher +demoralisirt worden.</p> +<p>Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach +ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von +Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen +fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die +Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und +Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen +ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott +mahnte.</p> +<p>Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil +selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten +früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als +wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu +betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn +nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch +die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es +beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern +Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den +gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht +sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der +verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget.</p> +<p>Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen +Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue +Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz +gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde +nur scheinbar an <I>Entehrung ohne ehrlose Handlungen</I> und fuhren fort, die +Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht, +sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die +Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in +Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der +Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend +ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie +ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte.</p> +<p>Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie +eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden, +so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren, +wenn man für die <I>nächste</I> Zeit sich heilsame Wirkungen von jener +geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht.</p> +<p>Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher +aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und +Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und <I>höchst beunruhigende</I> Artikel +über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen, +gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und +Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von +vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und +Taugenichts.</p> +<p>Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder +verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten +ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und +anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen +heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und +nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein +Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am +Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich +jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche +Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein +"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise +im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig +und harmlos lebt.</p> +<p>Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa +Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher +Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam +viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß +und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf +Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht +der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte +vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder +in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner +Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung +[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der +gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein +weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher +sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit.</p> +<p>Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich +seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine +Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der +politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit +getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande +im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den +niedern und mittlern Volksklassen überhaupt.</p> +<p>Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt, +sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der +schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die +Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage +erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie +in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen +Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen +Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum +Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in +seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will, +ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung +seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er +spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär +werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben +heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze +und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger +verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet.</p> +<p>Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische +Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht, +das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses +Gesetz!—</p> +<p>Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was +meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten +Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten +Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen +Zweifel mehr übrig zu lassen.</p> +<p>Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch +schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in +einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen +Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle +positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die +eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich +mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir +zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den +Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden +Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit +zu setzen.</p> +<p>Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und +die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen +zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum +Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn +gegangen zu sein.</p> +<p>Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen +klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, <I>bewußter</I> Vorliebe für das +Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer, +welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose +Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich +langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder +des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach +in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein +mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als +18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte, +die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu +einer <U>tabula rasa</U> zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre +vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß +mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.</p> +<p>Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von +Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu +spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand; +ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der +Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen +wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein, +dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die +Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen +beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger, +die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle +Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen +Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen +enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte +Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit—des Scheines.</p> +<p>Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich +Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in +der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und +theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen +lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den +Mitstudirenden recht imponiren zu können.</p> +<p> +Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben +voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit +Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde +täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer +und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines +geistigen Lebens.</p> +<p>Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!—</p> +<p>Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes +Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler +gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche +Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im +Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden +Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein +Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave, +gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner +Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.</p> +<p>Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.</p> +<p>Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei +Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte +ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als +"anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal +mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit +gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs +vor—Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen +den Deutschkatholizismus war entschieden.</p> +<p>Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und +würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes +Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.</p> +<p>Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza +begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren +Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender +den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und +der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch +vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines +dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen +Viper befürchtet.</p> +<p>In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser, +Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen +großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich +hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der +ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr +trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender +Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.</p> +<p>Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch, +daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der +Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals +noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und +Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.</p> +<p>Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.</p> +<p>Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der +Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen +Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller +Protestanten bei.</p> +<p>Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der +mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen +derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem +argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern, +bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die +ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der +Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und +an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme +sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die +Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der +Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig +immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in +welchem wir noch befangen sind.</p> +<p>Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine +Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil +nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten" +geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu +retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des +äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes +überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu +allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig +mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten +und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn +nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung +des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des +allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen +Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr +geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch +die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben +sein würden.</p> +<p>Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte +gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden +Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz +unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der +Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung +und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich +fortgaloppirte.</p> +<p>Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte +"Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen +ich damals nicht verstehen wollte.</p> +<p>Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu +meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig +gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich +betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es +hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth +nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte.</p> +<p>Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das +Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der +Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend, +betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit +wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.</p> +<p>Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar +nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei +und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament, +Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen +Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen +gegen mich bewirkten.</p> +<p>Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur +verborgene Laster gewesen—ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für +meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer +Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden +Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück +gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost, +Glück findet!—</p> +<p>Woher mein Unglaube?—Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein +Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab +mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller +kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur +als nutzlose, leidige Disciplinarsache.</p> +<p>Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den +Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten +der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald +gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den +althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von +tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht +ertheilt wird.</p> +<p>Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt +blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen +Glaubens, <I>handelnde Christen</I> vor sich sieht.</p> +<p>Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat +mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch +weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.</p> +<p>Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen +Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich +schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man +dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten +Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische +Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f. +entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der +evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische +Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich +nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich +im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das +Gegentheil thatsächlich zu zeigen.</p> +<p>Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger +Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im +Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem +geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der +Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche +bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen +Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht +zurück.</p> +<p>Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein +durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal +den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des +Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der +Entwicklung immer mehr und zwar <I>lediglich aus freier, innerer +Ueberzeugung</I> zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren +müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation +der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß +ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des +Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und +kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule +u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame +daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen +Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber +das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was +Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch +katholisch!"</p> +<p>Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als +sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur +Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.</p> +<p>Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip +und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen +Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das +Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen +Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, <I>zuerst</I> +offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.</p> +<p>Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so +wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen +eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht +meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im +Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und +Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese +Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und +Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer +und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die +katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten +protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung +durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das +Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.</p> +<p>Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers, +aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr +heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm +gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich +selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein +Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht +gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.</p> +<p>Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen +Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern +wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den +leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz +ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres +Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.</p> +<p>Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen +Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden +Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die +Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der +Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen +begründet?</p> +<p>Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed +herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß +vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der +Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei +erscheinen.</p> +<p>Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen +Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der +ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor +geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.</p> +<p>Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit +lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht +klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie, +huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn +nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des +gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die +Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.</p> +<p>Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir +sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche +Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und +habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren +Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und +kommender Geschlechter anpreisen hörte.</p> +<p>So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube +ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen +Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden +Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie +gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen +Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die +protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen +civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr +Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.</p> +<p>Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen +Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über +die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das +Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.</p> +<p>Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche, +und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist +ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten, +welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend +gegen sie eingeleitet werden.</p> +<p>Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte +in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der +Geschichte sei—dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß +ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung +stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres +Geschlechts in sich schließt.</p> +<p>Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden +protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen +vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen, +Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr +bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr +vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.</p> +<p>Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare +Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die +Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine +Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des +Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.</p> +<p>Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker, +Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke +der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff +vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor +Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte +das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion +habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und +bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen +Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen +zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der +Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher, +fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten, +verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der +Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im +mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken, +überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.</p> +<p>"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen, +Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene +auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen +verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und +selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in +Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und +keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht +verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und +gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und +sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion, +deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch +Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"</p> +<p>So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen +den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und +gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen +Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die +Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die +positive Religion und katholische Kirche blutwenig.</p> +<p>Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne" +Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem +Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger" +waren und sich ruhig verhielten.</p> +<p>Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit +erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die +wilde Nacht meines Innern erleuchteten.</p> +<p>Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als +welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde +ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und +erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens +auch solche von der Macht des Glaubens.</p> +<p>Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil +ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten +meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach +bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal +machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.</p> +<p>Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende +zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck +gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während +der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen +meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das +Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction +aufgehalten haben.</p> +<p>An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der +Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und +tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle +Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser +Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und +verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den +etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in +ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube, +ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck +auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach +langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich +zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese +Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir +hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt.</p> +<p>Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache +lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der +einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender +Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern +aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit +seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus +ist erstanden—und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.</p> +<p>Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande +und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die +theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das +Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte.</p> +<p>Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar +nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in +Deutschland blieb.</p> +<p>In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August +1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und +ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen +davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum +wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er +hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das +Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut +hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für +die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.</p> +<p>Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den +Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb +der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts +der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.</p> +<p>An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag +mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.</p> +<p>Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen. +Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie +acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr +als meine Schuld.</p> +<p>Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von +Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des +Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der +kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.</p> +<p>War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in +Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in +das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in +der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte; +ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu +haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um +Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es +damals.</p> +<p>Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir +anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.</p> +<p>Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und +Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den +Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die +nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen +Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von +hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich +jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die +schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in +die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich +nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und +bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig +mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich +gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker +hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung +politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige +Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel +bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich +einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft +genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der +Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine +Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an +Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits +unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah +ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf +dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische +eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im +günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.</p> +<p>Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich +ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete, +blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem +Ingrimme zusammen.</p> +<p>Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte +allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben +in Hochmuth beruht.</p> +<p>Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum +Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und +Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche +Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.</p> +<p>Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee +der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr +dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins +gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet +Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die +auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des +alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie +es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte +folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein +schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb +auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert, +einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und +niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche +Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich +evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse +einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.</p> +<p>Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor +Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch +der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon +sich die Philosophen nichts träumen lassen!—hielt mich in beständiger +Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte, +protestirte beständig das bewegliche Herz.</p> +<p>Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit, +das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst +des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und +Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im +Ganzen.</p> +<p>Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte +nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der +Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben +durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich +hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der +Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den +Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder +Henker werden lassen?—</p> +<p>Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend +beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht +daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums +und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und +Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu +betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und +Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und +objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden +Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der +katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen +mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als +Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre +Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten, +dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich +keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein +<I>persönlicher</I> Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben +wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das +Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene +Redensart, sondern volle Wahrheit ist.—</p> +<p>Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein +Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich +mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich +auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen +oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.</p> +<p>Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen +brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und +gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den +solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als +verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten +erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte, +würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.</p> +<p>Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und +mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die +Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert +Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem +Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.</p> +<p>Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich +nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre +Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine <I>wahren +zeitlichen</I> Vortheile.</p> +<p>Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst +betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß +des <I>zeitlichen</I> Glückes, die einfachste und großartigste <I>Lösung der +sozialen Aufgaben</I>.</p> +<p>Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich +gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher, +namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der +Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die +menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher +entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd +bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer +einschlummern.</p> +<p>Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause +mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott +nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten, +indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr +bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe +Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle +nach Bruchsal.</p> +<p>Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem +Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde, +wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl +auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für +meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge, +welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei +meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten, +recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb +gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher +Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner +Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen +namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.</p> +<p>"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge +oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und +vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken +läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den +Herren in Carlsruhe.</p> +<p>"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige +Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott +ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen +Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich +heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft +genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt +den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht +unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in +einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So +dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der +Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter +gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.</p> +<p>Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und +sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut.</p> +<p>Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte +Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte +meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht +an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich +mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig +es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des +Zuchthauses würdige That begangen zu haben.</p> +<p>Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches +Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge +der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen +Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann +kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm +gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt +hatte.</p> +<p>Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits +hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit +wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des +souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das +Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die +Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto +sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender +Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige +Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen +gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum; +der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der +kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal +charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen.</p> +<p>Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens +Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische +Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern +Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter +Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten.</p> +<p>Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn +alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt +und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und +Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit +zurückgebliebene Christus.</p> +<p>"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für +Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an +Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er +ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und +glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und +beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein +Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe +büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher +Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern +ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es +nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe +ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine +Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher +Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"</p> +<p>In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem +geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der +Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als +ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum +ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein +katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem +Wissen und ernstem Denken bekehren!"</p> +<p>Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner +besondern Weise und fragte ruhig:</p> +<p>"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben <I>wollen</I>?"</p> +<p>"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn +Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die +Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet +nicht darauf!"</p> +<p>"Haben Sie denn diesen guten Willen schon <I>bethätiget</I>?"</p> +<p>"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften? +Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit +denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und +anderer Ketzer?"</p> +<p>"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens +Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine +Gnade!—Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit +führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas +wissen <I>wollen</I>, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und +eignen Wissens einsehen und zugeben!"</p> +<p>"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben +behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer +die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr +gelangt, der <I>muß</I> den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal +an Gott glauben sollte. Ich <I>habe</I> gebetet, jedoch nicht um die Gnade des +Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen."</p> +<p>"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"</p> +<p>"Allerdings!"</p> +<p>"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller +Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den +Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch +beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose +Menschen <I>wollen</I> nicht darum bitten, <I>wollen</I> den vornehmen Weg zur +Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen +kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen +Namenchristen!"</p> +<p>Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich +um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue +Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich +mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal.</p> +<p>Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche +Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen +Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose, +beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen.</p> +<p>Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe +offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.</p> +<p>Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen +geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über.</p> +<p>Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der +rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die +Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren +Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige +Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne +zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen +durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf +dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.</p> +<p>Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur +Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute +Wille unser vornehmstes Verdienst.</p> +<p>Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke +oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen +Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten +derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren +Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen +Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch +langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher +Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts +weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein +alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst +weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als +Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu +Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise +vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That +das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für +die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran +fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter +anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein +zu hohes Ziel vorgesteckt habe.</p> +<p>Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung +durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen +Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich +auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist +erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch +Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben +entgegenzuarbeiten.</p> +<p>Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit +vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und +insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt +werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche +Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so +läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die +Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die +unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie +der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen +schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen +entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß.</p> +<p>Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen +und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der +ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden +und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen +das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich +oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von +vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß +die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter +insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der +ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für +den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig +beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den +positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.</p> +<p>Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer +protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu +verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu +wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß +es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe +unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus +fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten, +doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur +allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will, +halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik +und der gegenwärtigen Zeit überhaupt.</p> +<p>Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in +entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den +gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden +Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von +sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl +deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das +Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und +jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei +aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten +Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.</p> +<p>Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine +Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen +Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens +hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre +Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines +Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner +gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch +Waffen gegen sich in die Hände zu liefern.</p> +<p>Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die +Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum +ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der +Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte +Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur +ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der +Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen +Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.</p> +<p>Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein, +von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder +mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so +heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft +geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat, +Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger +Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher +kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken +übrig bleibt.</p> +<p>Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der +unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch +mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu +kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur +in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen +werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren +gehört.</p> +<p>Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller +Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten +bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in +einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im +Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein +Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische +Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten +Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen +die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten, +geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden +der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei +<I>allen</I> Klassen des Volkes—schmutzige Geschichten ab.</p> +<p>Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von +der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann +fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen +herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses +Gelichters frappante Ähnlichkeit hat.</p> +<p>Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen +Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder +historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts +weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger +als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern +mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen +Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von +Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden +könnte.</p> +<p>Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der +Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die +platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar +unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos +unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine +bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und +verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität +darunter zu große Noth litte.</p> +<p>Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck +derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch +praktischer.</p> +<p>Er ist auch zugleich ein zwiefacher.</p> +<p>Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die +Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und +unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher +gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.</p> +<p>Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven +Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am +Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine +Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß +lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.</p> +<p>Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und +dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke +offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten +Gestalten des Himmels verherrlichet.</p> +<p>Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im +Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend +und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere +Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist +eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und +damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.</p> +<p>Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß +die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines +untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht +begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben +vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände. +Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die +Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik +und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste +Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.</p> +<p>Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser +Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit +steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen +sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.</p> +<p>Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und +fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern +habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der +Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.</p> +<p>Auflösung und Zerstörung des Familienlebens—dieses Idol hirnloser +Utopier—führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange +entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten +betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich +von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und +Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.</p> +<p>Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und +gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind +nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.</p> +<p>Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften +darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der +Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen. +Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße +Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch +erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt +hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend +erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten +mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und +rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige +Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner +derselben—dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat +schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an +die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die +meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und +niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe +seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst +zerfällt, weil er <I>zuviel</I> von den Menschen verlangt.</p> +<p>Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs- +und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und +Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften +Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach +streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch +einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle +Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter +zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen +Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel +Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.</p> +<p>Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine +erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde +aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar +Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel +und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger +vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.</p> +<p>Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die +Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in +Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra +des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen +Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre +Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.</p> +<p>Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles +Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt, +Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche +geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort +ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der +erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut +geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten, +gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der +reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger +deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.</p> +<p>Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften +und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern +stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen +heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je +fragte.</p> +<p>Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos +an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt, +keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem +leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für +das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher +Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten +schweigen.</p> +<p>Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und +meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen +das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane, +welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als +andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt +Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher +sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig, +hier etwas Gutes zu leisten.</p> +<p>Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes +Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das +größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder +durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich +dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven +Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.</p> +<p>Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn +Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im +Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der +geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.</p> +<p>Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das <I>Gefängnißwesen</I>.</p> +<p>In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein +ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete, +als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.</p> +<p>Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu +sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre +hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine +Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins +Handwerk pfusche.</p> +<p>Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen +Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange +genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des +pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung +kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und +Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen +Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter +Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das +Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung +gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen +selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche +Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als +berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen +schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen +Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.</p> +<p>Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung +und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen +Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen +begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und +bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen +Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit +einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß +auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.</p> +<p>Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das +Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich +gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu +beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen, +theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr +verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen +angehörten.</p> +<p>Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich +ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch +bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen +einsamen Haft.</p> +<p>Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der +Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht. +Warum?</p> +<p>Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der <I>Besserung</I>, so +muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr +oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang +und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung +ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein +wird.</p> +<p>Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß +derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung +befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.</p> +<p>Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der +Gefangenschaft <I>möglicherweise</I> ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber +auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des +Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der +Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim +Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu +leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu +den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.</p> +<p>Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im +Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein +grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung +von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte, +als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während +seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.</p> +<p>Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten +mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner +völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem +<I>Nutzen</I> für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.</p> +<p>Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen +Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die +stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß +diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die +Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der +Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?</p> +<p>Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen +in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die +Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.</p> +<p>Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben +umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu +erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für +Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.</p> +<p>Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der +sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in +der positiven Religion.</p> +<p>Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges +Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden; +ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser +Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein +es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus +gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers +zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne—damit +habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr +viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern +spreche.</p> +<p>In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts +Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist +bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die +zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem +Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu +übertreten.</p> +<p>Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein +von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.</p> +<p>Warum?</p> +<p>Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz +zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen +Besserung durch dieselbe reden.</p> +<p>Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener +Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller +Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer +Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche +dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren +bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus +der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt +ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten—all +diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft +betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.</p> +<p>Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer +der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden +will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute +Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen +Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit +und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu +vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch +Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich +selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen +Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch +beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne +derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere +in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß +gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.</p> +<p>Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch +nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein +innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren +Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit +tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit +kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze, +äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft, +so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft, +läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf +jede Frucht des Zellenlebens.</p> +<p>Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller +Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die +Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des +religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst +erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen +soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.</p> +<p>Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter +gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine +einzige erwähnt werden soll.</p> +<p>Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und +Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes +huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider +statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten +innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin +fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und +mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.</p> +<p>In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der +Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre +Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden, +um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.</p> +<p>Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln +auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der +Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen, +wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer +Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit +Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft +wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu +oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.</p> +<p>Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft +verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden, +priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren +Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten +Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen +Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich +die <I>absolute Trennung der Verbrecher unter sich</I>, mehr oder minder +vollkommen beseitiget worden wäre.</p> +<p>In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr +verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch +Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die +Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig +sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der +Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß +untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal +vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt +in Widerspruch gerathen.</p> +<p>Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder +Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält +denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter +mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der +einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten +und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse +bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle +von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und +Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne +daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus +sich ergeben.</p> +<p>Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling +ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von +Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der +<I>Abschreckung</I> in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich +trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen +sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der +Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die +Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all +diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich +hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der +gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft +bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch +Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man +hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung +nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und +zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren +finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst +nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß, +weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an +Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig +vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der +Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere +abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande +bringen.</p> +<p>Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die <I>Sühne</I> auf +das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und +gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt, +was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist, +desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich +leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen +Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der +Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare +Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage +der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die +Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil +sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die +Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört. +Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler +und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die +schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu +mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern +und Schlechten gleich zu werden.</p> +<p>Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein +Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch +nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest +des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche +Gesellschaft darinnen gelesen.</p> +<p>Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder +minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft +die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld +keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten, +sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom +Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso +selbstsüchtig als ungerecht.</p> +<p>Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle +Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit +großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt +schreiben:</p> +<p> <I>Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!</I></p> +<p>und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.</p> +<p>Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches +ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein +menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben +keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung +derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt. +Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der +Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein +gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche +Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch +über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich +Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und +Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein +Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben +alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich +verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch +freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst +seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet, +wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe +stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es +dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst +gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. <I>Den</I> Sträfling +möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und +Laster <I>nicht</I> zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht, +sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit +bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!</p> +<p>Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe +gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres +Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen, +an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen +einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde +er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die +Hülfe der Religion bei diesem zu holen.</p> +<p>Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300 +Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal +bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte, +wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in +Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als +leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und +weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener +Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische +Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er +nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser +Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden +Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.</p> +<p>Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei +Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und +um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von +schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von +der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit +welchen er sich zu vertragen vermochte.</p> +<p>Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen +jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die +Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die <I>individuelle +Behandlung</I> der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller +Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.</p> +<p>Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der +Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit +religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird. +Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten +Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und +gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das <U>Non plus ultra</U> aller +Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.</p> +<p>Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes +und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder +und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein +geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der +Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages +ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage +ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur +Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen +Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt +Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft +leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an +sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein +Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der +Zellenbewohner—aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur +Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht +jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder +im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst +durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den +individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen +vollkommen einig.</p> +<p>Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen +Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die +Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.</p> +<p>Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst +gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige +Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des +Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr +beeinträchtigte.</p> +<p>Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der +Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der +Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große +Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise +behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen +her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt +die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.</p> +<p>Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die +Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender +Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem +Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und +der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß, +welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern +Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen +wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn +erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge +tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur +übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem +Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt, +keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er +der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser +Geistlicher kommen, um die <I>Schrecken der Religion</I> in die Zelle zu bringen +oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der +altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft +dem religiösen Wahnsinne verfallen.</p> +<p>Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer +derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und +europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des +Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und +hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.</p> +<p>Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!—Dies ist +an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder +andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise +gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.</p> +<p>Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß +zumeist die <I>schlechtesten</I> Subjekte Seelenstörungen und +Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies +in der ganzen Welt der Fall ist.</p> +<p>Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat +mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft +<I>an sich</I> als eine mangelhafte, verkehrte <I>Behandlung der Gefangenen</I> +machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der +Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu +Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da +und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man +bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und +überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der +Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von +sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein +Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem +Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der +noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren +bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin +Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal +noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen +Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das +lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu +müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem +Wahnsinn in die Arme treibt!—</p> +<p>In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige, +geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen +durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert; +mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen +Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein +Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe +eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft +auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.</p> +<p>Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi +willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis +religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es +meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und +keine ächte Sittlichkeit.</p> +<p>Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man +könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und +jedem Tode folgt eine Auferstehung!———</p> +<p>Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt, +die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen +Freunde der einsamen Haft machten.</p> +<p>Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte +sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die +Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden, +welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz +andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher +erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon +werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im +kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von +vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem +religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die +Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu +überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und +Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß +Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in +Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter +vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.—Würde sich jedoch +niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren +Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein +entschiedener Anhänger der einsamen Haft.</p> +<p>Aus welchen Gründen?</p> +<p>Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei +der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele +Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen.</p> +<p>Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle +keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln, +Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der +verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den +Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung +boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der +Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit, +endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den +Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren +Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich +das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen +Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an.</p> +<p>Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel, +ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen, +sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch +Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung +anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch +zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die +Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des +einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen +Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für +weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen.</p> +<p>Drittens endlich <I>wird der Zellenbewohner</I> doch gewiß <I>nicht</I> bei den +reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung <I>verschlechtert</I>, +wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht +tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen +tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche +stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche +Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen +leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger +und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische +Nahrung allmählig erlöschen.</p> +<p>Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für +blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer +Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos +deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen +überhaupt gerne vergißt.</p> +<p>Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten +alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.</p> +<p>Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für +Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres +Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und +möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau +"moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste."</p> +<p>Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld +dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch +stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den +Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen, +zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen +oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte +ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen +Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder +Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in +einer Zelle untergebracht werden sollte.</p> +<p>Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth +an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung +gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln, +bis vollkommene gebaut wären.</p> +<p>In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten +Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen +nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf +die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen.</p> +<p>In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem <I>jugendliche +Verbrecher</I> unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der +Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am +leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht +zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich +herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen, +sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und +sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten +als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter +bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat.</p> +<p>Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern +rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr +zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher +schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur +Seltenheit werden.</p> +<p>Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor +Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz +verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß +die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß +verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten— +Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen—verwendet oder in Folge +eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne +Länder geschickt würden.</p> +<p>Träume sind Schäume!—</p> +<p>Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und +herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren +sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht +ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne +Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch <I>als Ausnahmen</I> sich stets +erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich +in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.</p> +<p>Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen +und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas +ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.</p> +<p>Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit +schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar +nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute, +welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern +Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil +dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich +verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der +vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen +beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits +überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben +überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere +Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden +der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine +Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.</p> +<p> +<I>Freiburg</I>, am Charfreitag 1853.</p> +<p> +<b>J.M. Hägele</b>, Privatlehrer</p> +<h3>Der Zuckerhannes.</h3> +<H4><a name="1">Kinder und Jugendleben.</a></H4> +<p> +Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die +Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern +Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn +nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern, +finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte, +könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei +verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und +arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder +machen.</p> +<p>Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.</p> +<p>Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu +verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und +Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen, +vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten +Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig +zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das +Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle +vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von +einer steilen Anhöhe herabschauen.</p> +<p>Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen +Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er +mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder +auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm +folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener +Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig +gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden +könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden +Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer +Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter +diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte +Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich +aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend +Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen" +und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.</p> +<p>Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen +dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich +vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche +weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr +unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen +bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder +unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo +Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott +gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der +stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den +sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die +alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie +keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.</p> +<p>Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung +ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug +bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das +Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind +froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des +Gottesackers stehen sehen.</p> +<p>Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu +nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien, +spricht das sonst so mechanische <U>miserere</U> und <U>de profundis</U> mit ganz +besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der +an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die +Tiefe sinke.</p> +<p>Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den +Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert +still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere, +die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem +Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der +Verstorbenen.</p> +<p>"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele +Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der +dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die +Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von +Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben +wollte.</p> +<p>Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu +überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren, +wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.</p> +<p>Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in +die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile +unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab +hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief +und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch +durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt +war.</p> +<p>Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme +Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte +bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat +thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das +Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.</p> +<p>Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer +Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen +kühlen Grube der Mutter.</p> +<p>Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem +Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter +stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis +ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!</p> +<p>Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen +Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen +Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit +traurigem Recht eine <I>Alltagsgeschichte</I> genannt werden.</p> +<p>Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem +herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion +oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe +überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität +sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und +begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem +Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals +Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein +bischen herauszureißen.</p> +<p>Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib, +die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich +mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer +Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und +die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig +nicht übel bestellt.</p> +<p>Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die +ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer +Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und +schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an +einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr +Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker, +wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf +dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne +nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher +Woche mehr als sie brauchte?</p> +<p>Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas +gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes +Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der +strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen +Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.</p> +<p>Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets +froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und +fand in diesem ihren besten Erdentrost.</p> +<p>Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der +Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine +handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist, +und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug, +aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches +brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche +später bitterlich bereut.</p> +<p>Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch +die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so +verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und +alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und +nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.</p> +<p>Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht +ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die +wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine +schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu +dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der +Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den +stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.</p> +<p>Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme, +die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die +frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe +und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war +die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die +weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel +alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.</p> +<p>So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges +Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig +nach!"—seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger +und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese +nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja +sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott, +was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"</p> +<p>Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für +die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht +mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem +wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.</p> +<p>War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es +schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer +langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das +Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter +im Schwarzwalde geben konnte.</p> +<p>Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige +an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch +kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche +Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt. +Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war +letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses +Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten +auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und +Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges +Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld +machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr +Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere +Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.</p> +<p>Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht, +Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem +großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen +Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man +muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des +Gebirges nicht brauchen.</p> +<p>Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom +Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die +zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst +zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath +zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost +und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.</p> +<p>Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis +Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele" +an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede, +Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich +Verdammten in der Hölle.</p> +<p>Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom +Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen +würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige, +hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr +ausgekommen sein.</p> +<p>Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz, +die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch +tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an +einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich, +kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen +Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden +zitterte.</p> +<p>Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch +Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits +arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu +müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie +Niemand verpflegen und lieben würde.</p> +<p>Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in +einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an +Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre.</p> +<p>Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes +Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn +eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem +mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der +Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und +Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären.</p> +<p>"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem +Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der +Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank +wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber.</p> +<p>Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel +fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst +mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf +die wohlfeilste Weise.</p> +<p>So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig +und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am +Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein +oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter +der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte +dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle +Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den +spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den +Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen.</p> +<p>Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um +das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute, +herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in +diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen +der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte +hundertmal ganz ruhig erwiedert:</p> +<p>"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich +habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du +hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"—</p> +<p>Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine +Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund +davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die +Eifersucht.</p> +<p>Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige +Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung, +das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der +Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr +unter die Haube kommen, machte sie rasend.</p> +<p>Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb +Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere +einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit +dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten +Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane +gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los. +Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und +herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal +mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.</p> +<p>Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem +Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als +solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht +und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu.</p> +<p>Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und +lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen +Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der +Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines +armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr +ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt.</p> +<p>Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine +Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze +kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die +tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die +Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der +Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und +nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen +Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn +die schwersten Arbeiten verrichten mußte.</p> +<p>Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich, +seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer +uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern +des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann +eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet, +daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in +ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe +zu den Menschen genommen.</p> +<p>Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in +ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der +unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu +Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle +bewiesen.</p> +<p>Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich +bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und— +beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig +denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich +Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der +Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale +herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder +ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen +haben, um dasselbe heimzuführen.</p> +<p>Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran +sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch +abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde +und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann +gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes +Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen +ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter +Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute.</p> +<p>Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran, +welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich +trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit +erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie +sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.</p> +<p>Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten +Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit +Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die +gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.</p> +<p>Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen, +der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben +durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht +zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base +Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft +herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet +hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und +Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.</p> +<p>Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der +Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig +brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren +bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu +jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch +stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch +die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer, +Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber +übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne +und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.</p> +<p>Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden +versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden, +mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu +Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war +nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und +zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld, +welches sie sich am eigenen Leibe absparte.</p> +<p>Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben +niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen +haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus +freiem Willen.</p> +<p>Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll +Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich +lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem +Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit +ihren Leib durchwühle.</p> +<p>Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht +mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie +keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein +anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde +verpflegt zu werden.</p> +<p>Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre +irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die +Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott +zurückgeführt wurde.</p> +<p>Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus, +ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr +jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen, +welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte +Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte, +zusteckte.</p> +<p>Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen +für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht +ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines +elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.</p> +<p>Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal +nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer +Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den +verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.</p> +<p>Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte +ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu +Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen +Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen +waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder +minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.</p> +<p>In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege, +doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens +störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große +Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle +voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange +mehr zur Last sein würde.</p> +<p>Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den +Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil +Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten +keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen +größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.</p> +<p>Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als +landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an +Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene +Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf +Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust +zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen, +schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu +belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern.</p> +<p>Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ +und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt +Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß +Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen +beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und +handelte.</p> +<p>Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten +Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art +überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um +der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so +einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer +Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen +Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig +wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen +göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender +Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden +Sieg einbüßte.</p> +<p>Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am +lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines +hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen +Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der +"christlichen" Staaten!—</p> +<p>Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die +lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr +möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.</p> +<p>Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des +Begräbnisses.</p> +<p>Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im +halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der +Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis +Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des +Schwarzwaldes?—</p> +<p>Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte +die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus +der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens +verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug +unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf +und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen +ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah, +schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob +er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes, +trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen +mit Schnaps zu vertreiben.</p> +<p>Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der +armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des +Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine +"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen +worden war.</p> +<p>Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein +Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine +Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins +Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.</p> +<p>Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des +floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt, +diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken +vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende +"Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der +unbefangenen Kindheit.</p> +<p>Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal +und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der +Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur +reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos +und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der +Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.</p> +<p>Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft +magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch +nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß, +den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben +nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den +Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche +einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just +da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht +mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle +nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten +Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt +verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von +allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche +den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser, +wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe +nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise +bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle +Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen +anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege +und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich +nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte +der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen.</p> +<p>In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er +andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu +Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken +Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.</p> +<p>Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst +entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit +die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn +Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde +in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib +noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.</p> +<p>Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle +zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als +dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein +ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im +Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht +vieles doch gutes Essen bekommt.</p> +<p>Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen +Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die +Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am +allerwenigsten eine Erzieherin war.</p> +<p>Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl +gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten +Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel +wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes +Bäumlein.</p> +<p>Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern +der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem +Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit +einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die +natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz +erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an +den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie +hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und +schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend +entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener +Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet.</p> +<p>Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen +Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig +geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben +aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus +dem zarten, jungen Herzen heraus.</p> +<p>Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die +"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf +Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt, +so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese +kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu +geben.</p> +<p>Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das +Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und +der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht +noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an +den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten +vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich +spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug.</p> +<p>Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle +zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen +des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst +zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte.</p> +<p>Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern +arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den +Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand +beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am +Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten +anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark +und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu +sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen.</p> +<p>Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes +sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der +Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern, +welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen +können.</p> +<p>Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war +eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater, +naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens +darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben +zeigte.</p> +<p>Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus +ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr +Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten +Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.</p> +<p>Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch +kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib +und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem +ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im +Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen +worden.</p> +<p>Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe +zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst. +Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über +alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne +daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.</p> +<p>Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre +Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten +ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen +Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und +stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil +Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich +nach ihren Kunden zu richten pflegen.</p> +<p>Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz +auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor +Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht +bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt, +so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut +glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen +Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu +Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an +Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.</p> +<p>Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf +machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam +und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen +Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in +Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des +Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die +Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht +wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu +sich nehmen.</p> +<p>Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht +bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen +haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.</p> +<p>Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer +Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht +das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die +Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig +über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.</p> +<p>Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt +allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und +an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen +fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen +Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort +viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von +Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein +schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten +Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen +Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der +sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich +vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.</p> +<p>Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von <I>Hoffart</I> so erfüllt, wie ein +ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer +wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch +frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen. +Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer +Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um +lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie +befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht, +diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu +bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie +ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte +und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne +behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim +und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.</p> +<p>Vom <I>Geize</I> der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte +und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen +Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und +leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr +aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt. +Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine +besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte +und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere +Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht +übermannten.</p> +<p>Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht +zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit +er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß +sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten +Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie +ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu +üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen +mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode +behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die +Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die +große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und +ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen +sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer +Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.</p> +<p>Von der <I>Unkeuschheit</I> der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu +erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie +hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit +blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst +zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes +merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem +Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die +Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie +ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine +Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum +patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so +wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den +dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.</p> +<p>Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen, +welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes +Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne +und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde, +allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es +Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein +kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die +Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das +Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle +betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe +werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner +"gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen +Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte +Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz +ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der +frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm +auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.</p> +<p>Von Elsbethens <I>Unmäßigkeit</I> munkelten und lärmten böse Zungen erst in +spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten +Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und +weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse +glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß +sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem +Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte, +allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler +vorausschickte.</p> +<p>Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die +besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur +Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit +im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich +die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe +eine Verkennung und Anschwärzung in sich.</p> +<p>Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum +eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen. +Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich, +sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der +Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh +herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu +vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche +freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den +Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen +vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den +Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen +und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches +sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten, +nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.</p> +<p>Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die +Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie +himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren +letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon +längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen +lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch +eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu +achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste +und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen +herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank +sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der +Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der +Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten +keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine +für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten +vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das +Wohl aller Menschen zum Himmel empor.</p> +<p>Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von +einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so +beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß +ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine +zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die +schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit +war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken +versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden +Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen +das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und +Zanksucht.</p> +<p>Zwar ging ihr <I>Zorn</I> vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit +und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen +Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt +oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse +Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und +sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre +Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und +durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte +und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit +ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre +sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein, +wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil +trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen +verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das +Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und +Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.</p> +<p>Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames +Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm +nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die +Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die +ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen +Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen +desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich +zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden +wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle +verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.</p> +<p>Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet +brachten, hielt Elsbeth den der <I>Trägheit</I> und nimmermehr vermochte sie es +zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb, +welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.</p> +<p>Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere +deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und +thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und +pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat +leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise +bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des +Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von +der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter +ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die +Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer +Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor +er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung +gebildet hat.</p> +<p>Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der +Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige +Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg +ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth +und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die +beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und +merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht +der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen, +Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen +mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.</p> +<p>Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im +Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der +Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu +verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine +Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes +Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.</p> +<p>Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken +Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.</p> +<p>Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr +Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des +Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer +Todfeinde blutig gerächt haben soll.</p> +<p>Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen +gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen, +dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals +in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27 +Jahren gelähmt war.</p> +<p>Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu +erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es +sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde, +nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder +gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei +unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme, +dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute +Meinung von ihr haben könne.—Andere berechneten, wieviel diese Zauberin +durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen +Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit +Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus +und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die +Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch +angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch +nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe +des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie +würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch +zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von +der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen +sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie +in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb +von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden +alter Zeiten abzubüßen.</p> +<p>Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen +halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der +Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene +lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin, +von der er schon Manches vernommen hatte.</p> +<p>In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges +Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder +überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren +und armseligen "G'häs" und:</p> +<p> "Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm,<br /> + aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"</p> +<p>waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende +Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer +geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und +schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten +Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.</p> +<p>Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich +Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen, +die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch +das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in +ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer +höhern Welt hervorzubrechen schien.</p> +<p>Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe +anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann +von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und +als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27 +Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen +Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste, +Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich +eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und +lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei.</p> +<p>Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf +Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und +hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher +Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen +Bibliothek vermocht haben würde.</p> +<p>Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler +besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine +Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.</p> +<p>Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht +zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er +bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen +Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die +Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht +gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider, +welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und +dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen, +sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales +getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.</p> +<p>"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den +besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder +gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und +denselben als Ihresgleichen zu betrachten.</p> +<p>Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und +Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und +gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.</p> +<p>"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen +sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der +Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den +herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch +so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und +ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter +sich selbst so große Unterschiede?"</p> +<p>Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die +Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig +derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm +begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er +daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr +redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier +zerfloß.</p> +<p>Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben, +Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es +ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich +blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe +und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder +gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause +und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.</p> +<p>Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten +etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer +Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.</p> +<p>All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die +Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr +Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und +Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein, +einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh, +Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch +weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an +bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen +herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder +auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei +schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer +aufbrachten.</p> +<p>Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich +nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er +in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder +religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon +weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen +suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim +Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles +litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales +nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu +bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben +fortschritten.</p> +<p>Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth +zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und +höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur +Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit +gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und +oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter +geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn +während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein +"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit +Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt.</p> +<p>"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht +allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief.</p> +<p>"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die +Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert" +sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und +weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen.</p> +<p>"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott +verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich +gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten +wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott +denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur +Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die +Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die +Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf +die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften.</p> +<p>Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im +Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau +Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister +lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den +Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.</p> +<p>Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe +trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein +Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit +"Gesindel und Bettelvolk" abgebe.</p> +<p>Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten +hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in +seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und +allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim +Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen +Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber +später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein +Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem +Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein +Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um +des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den +freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und +Sorgen wüßte.</p> +<p>Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu +bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer +spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem +spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.</p> +<p>Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.</p> +<p>Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual +des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr +versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu +wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen +Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen +sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen +Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der +Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische +Trennen und Scheiden in größern Städten.</p> +<p>Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.</p> +<p>Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht +erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch +selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen, +weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und +war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen +herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es +fehlte ihm an Gespielen.</p> +<p>Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht +und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil +er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren +in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden, +Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu, +allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu +gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben, +ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden +Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie +verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"</p> +<p>Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse, +doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig +niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in +gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als +Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er +die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.</p> +<p>Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen +seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele +hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke +Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle +erzogen.</p> +<p>Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein +Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste +und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der +Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum +Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als +den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum +Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten, +was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß +der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines +Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und +Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig +Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das +Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er +entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten +bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe +emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen +des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah +die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals +ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener +Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er +aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen +geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den +seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und +verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.</p> +<p>Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes +Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum +Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat +er diese Lehre niemals recht erfaßt.</p> +<p>Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre +Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten +der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber +mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die +Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange +zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle +sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem +Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während +des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig +halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die +Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen, +Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er +nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme +Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme +Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte +anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu +widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er +die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen +habe.</p> +<p>Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem +Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen +müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung +aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die +Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat +verloren gegangen!—Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei +der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es +allgemach einerndten.</p> +<p>Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil +es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für +das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des +Himmels.</p> +<p>"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt +Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm +macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen, +daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor, +die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ, +dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und +Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen +denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der +Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.</p> +<p>Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen +religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher +und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.</p> +<p>Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden +den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und +Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal +keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden +Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das +Christenthum.</p> +<p>Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich +leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen, +der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt +an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des +Christenthums über die heidnische Welt.</p> +<p>Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und +seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren +viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr +leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der +Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal +klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu +werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten +und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.—</p> +<p>Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber +einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er +in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit +kurzen Worten abmachen.</p> +<p>Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins +gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im +Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches +Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte +Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr +unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues, +niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren +ihm nicht recht gefallen wollte.</p> +<p>"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner +Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn +die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte +Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube +weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.</p> +<p>Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur +noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine +reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle +selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm +als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem +Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.</p> +<p>Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage +zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich +mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen +brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth +Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin, +die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott +zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem +blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und +vorbei!—</p> +<p>Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth +übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den +Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die +Sache nicht mehr.</p> +<p>Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu +gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines +Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter, +ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen +Rolle.</p> +<p>"Komm, wir gehen zu <I>deiner Großmutter</I>;" spricht der Vicar an einem +schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die +dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung, +was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr +führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.</p> +<p>Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen +einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt, +traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne +Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der +schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht, +weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch +unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.</p> +<p>Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.</p> +<p>War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der +Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre +Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie +schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem +Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie +mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch +später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales +und absonderlich die des Hannesle heißen?—Der Geistliche blieb eine +Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des +Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu +kommen und den Buben abzuholen.</p> +<p>Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren +wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine +neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu +Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat +die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben +verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die +Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben +der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende +Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das +fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar +und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht +mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der +Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen +empfand er täglich weniger.</p> +<p>Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als +der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der +Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise +machte, trug ihm bittere Früchte ein.</p> +<p>Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen +habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt +oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine +Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere, +setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem +Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je +musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein +schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.</p> +<p>Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein +anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes +mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein +zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe +Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen. +Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als +vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In +einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und +Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß +alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der +Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem +Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und +stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein +würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.</p> +<p>Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und +ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die +Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war, +sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser +behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote +suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute +sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und +Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen +keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es +befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem +Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren +fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser, +Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter +genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er +allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte. +Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen +Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und +diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem +Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde. +Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und +diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin +die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den +Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter +Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden +Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch +keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.</p> +<p>Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging, +läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug, +um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen, +bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens +ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und +winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit +entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu +verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle +für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte +denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was +ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur +<I>"Zuckerhannes"</I> rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und +Erwachsene.</p> +<p>Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und +hat denselben niemals wieder verloren.</p> +<p>Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube +geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn +boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe +sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der +Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die +Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth +und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der +Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das +Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.</p> +<p>Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in +der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute +Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.</p> +<p>Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte +jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen +und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte +in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen, +verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden +Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und +vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde +unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der +er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und +Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten, +kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten +weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das +Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und +Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.</p> +<p>Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den +Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah +fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen +Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der +Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn +er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte +ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang +bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers +Werth veruntreue oder entwende.</p> +<p>Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der +schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als +Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.</p> +<p>"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich +zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen +soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte +Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei +ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und +Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und +betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit +langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß +gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim +keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren +lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der +Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche +er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.</p> +<p>Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des +Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen, +Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes +Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen, +welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum +Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein +schienen.</p> +<p>War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die +Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe +entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer +schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für +sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares +Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße +und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat +und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde +hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen +oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei +heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung, +die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine +so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so +hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen +Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.</p> +<p>Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande +eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger +und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl +verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte +derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb +behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so +schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger +wurde.</p> +<p>Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und +höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er +habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines +Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses +Wirthshaus für ihn finden.</p> +<p>Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen +Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den +"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen, +der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich +manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen +und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden +auszustoßen.</p> +<p>Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und +ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten +und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im +herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und +göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.</p> +<p>Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während +des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder +im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht +angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht +allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen +wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der +Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel +ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der +Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin +getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse +Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er +manches Stündlein bei ihr.</p> +<p>Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes +bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch +Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden +lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern, +unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.</p> +<p>Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem +Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte, +aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den +auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge +Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des +Sünders für sich gewinnen.</p> +<p>Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und +weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres +Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit +willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ +dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein, +der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht +wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche +wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in +schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:</p> +<p>"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine +Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst +am Sonntage noch gesagt!"</p> +<p>Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine +eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden +Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den +herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.</p> +<p>Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche +unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete +amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz +redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den +Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben +geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem +lebenslänglichen Hinkebein.</p> +<p>Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn +ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von +Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.</p> +<p>So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie +jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie +versprach demselben goldene Berge—-eines schönen Morgens fand man das +Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand +sagen.</p> +<p>In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte +sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch +dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und +heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre +Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.</p> +<p>Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines +Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher +als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer +freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der +Gedanke an seine Papiere.</p> +<p>Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen +Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er +sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue +und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm +nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein +gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah, +daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen +Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste +von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so +schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach, +ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche +machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und +Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen +ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen +Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an +erlebt, fand er im Mooshofe nicht.</p> +<p>Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen +Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen, +angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.</p> +<p>An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse +über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz +und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges +Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ +und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das +Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.</p> +<p>Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins +Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf +erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu +lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht +unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht, +sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen +und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.</p> +<p>"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde +einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei +fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"</p> +<p>Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in +ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der +Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem +gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich +darnach zu richten.</p> +<p>Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag +Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube, +undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes" +mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines +Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer +und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von +Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei +merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten +solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle +Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das +Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft, +doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu +befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.</p> +<p>Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung, +Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende +hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen +erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß +gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint +haben.</p> +<p>Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen +Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen +Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die +Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.</p> +<p>Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und +seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und +sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden +zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat +den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und +menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als +getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen +Gesellschaftern machte.</p> +<p>An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine +silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus +der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme +den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.</p> +<H4><a name="2">Im Thurm.</a></H4> +<p> +Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der +Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in +Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das +Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.</p> +<p>Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit +einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen +vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.</p> +<p>So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser, +Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich +bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so +bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.</p> +<p>Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur +noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie <I>durch das +Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster +werden</I>; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und +Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität +schneidenden Hohn sprechen.</p> +<p>Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit +Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und +Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu, +mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich +sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern, +mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren +Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen +versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen, +die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit +eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über +kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber +großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.</p> +<p>Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen +Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam, +schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue +Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger +auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.</p> +<p>Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten +sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die +Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen +bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen +oder gar vereiteln.</p> +<p>Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische +Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung +und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr +bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen—mit +diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine <I>Ausnahme</I> +von der Regel, nämlich in ein <I>schlechtes</I> Amtsgefängniß treten und in +einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.</p> +<p>Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe +vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft +erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen +Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft +und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel +einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die +Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf +die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am +Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum +Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen. +An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger +Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht +alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle +denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen +Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit +marmorirten Wände hingeklekst wurden.</p> +<p>Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers +ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber +findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her +gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich +darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er +außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines +Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und +Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des +Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome +verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen; +viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter +Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen +hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke +umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen +Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er +geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe +weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der +Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.</p> +<p>Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu +Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert +den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die +"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue +Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen +Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden +Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch +verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls +würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des +Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet.</p> +<p>In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern +schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer +spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang +der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall +war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines +deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern, +Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten +geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte +hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der +Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem +Befehle <I>strenger</I> Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man +wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen +die Regierung erbittert werden.</p> +<p>Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das +gemeine Volk sei, die <I>Regierung</I> als den allgemeinen großen Sündenbock +aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der +Angestellten und Beamten zu betrachten.</p> +<p>Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere +Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht +beurkundet—eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden +noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben, +wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und +Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige +Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr +geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"—eine +Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten.</p> +<p>Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges +Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen +Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor +Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne, +die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen +und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins +heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen +Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit +freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und +erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der +morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom +schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung +auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen +bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in +schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören.</p> +<p>Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt +in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend. +Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte +Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde +nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so +gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen +Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in +Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene +Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er +knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines +Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige +abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife, +einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der +allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid +künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe +auf dem nächsten Bette macht.</p> +<p>Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet +gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der +Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine +des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der +Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche +macht.</p> +<p>Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der +Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein +Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu.</p> +<p>Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht +in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und +Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der +Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und +brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten +ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.</p> +<p>Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser +begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der +Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in +Wallung bringt.</p> +<p>Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe, +eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu +gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und +wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und +repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.</p> +<p>Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange +in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören +und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten +der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben +stark beeinträchtigen.</p> +<p>Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des +schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der +Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält +sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz +unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in +sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher +erhalten wird.</p> +<p>Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten, +Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der +schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher +den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger +einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen +entsprechend gebildet zu haben.</p> +<p>Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was +er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung, +welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu +einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten, +unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind +seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er +redet.</p> +<p>Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen +Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen +sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und +furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des +Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der +einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der +Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster +grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser +als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer +Quälereien los und ledig zu werden.</p> +<p>Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes +geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem +dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben +aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein, +doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn +das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht +schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte +er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges <U>da +Capo</U>.</p> +<p>Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es +im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste +Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses +Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich +noch ein bischen vor sich selbst schäme.</p> +<p>Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes +verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall +zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert +weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen +Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er +mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum +allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand +am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine +aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein +Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und +welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der +zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird.</p> +<p>Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls +hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der +Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die +Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher +sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art +von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft.</p> +<p>Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende, +um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!——</p> +<p>So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter +Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht +bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig +verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und +Züchtigkeit?</p> +<p>Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter" +Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind +schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art +vorangegangen—doch <I>der Staat</I> soll den Uebertretungen des sechsten +Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute +verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen +Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch <I>Leute verschiedener +Glaubensbekenntnisse</I> sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am +allerwenigsten Juden zu Christen.</p> +<p>Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach +in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth +finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung +wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je +entfernt sind.</p> +<p>Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und +Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln, +im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für +das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn +seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische +Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus +des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller +Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel +das Volk arm und elend macht.</p> +<p>Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich +entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige +Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch +worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen +Juden<I>menschen</I> und Christen<I>menschen</I>? Verschiedenheiten der Nationalität, +Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch +Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den +Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens +verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten, +tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.</p> +<p>Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden +wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel +zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das +Sichselbstaufgeben und Bekehren.</p> +<p>Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke +kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch +der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner +Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.</p> +<p>Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art +verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen +drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei +ergriffen und <I>daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine +Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von +welcher die Gesetze nichts wissen wollen.</I></p> +<p>Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum +Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen +Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als +halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt +hatte.</p> +<p>Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten" +Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner +Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger +Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von +besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden +sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand +in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche +mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles +Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine +Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs +auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er +die Leiden des Kerkers.</p> +<p>Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei +heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen +Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel" +oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus +Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der +Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich +von "unsere Lait" kreuzigen ließ.</p> +<p>So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt +zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist +auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht +schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling +ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.</p> +<p>Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die +finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul +hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen +gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende +Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:</p> +<p>"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche, +spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du +Tropf!"</p> +<p>"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes +gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"</p> +<p>Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der +sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in +Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn +nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend +dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck +verschafft hätte.</p> +<p>"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams +und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.</p> +<p>"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ... +gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere +Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ... +uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ...</p> +<p>Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende +Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol +mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er +schrie:</p> +<p>"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die +Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die +Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da, +Jean de sucre, par Dieu!" ...</p> +<p>Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und +schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine +besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht, +der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft +heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt +still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von +Neuem Rache und Haß.</p> +<p>Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen +ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen +könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch +Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.</p> +<p>"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue +es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es +dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte +wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten +Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl +umherwandelt.</p> +<p>"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte +und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich +will sie so gut erzählen, als ich vermag und <I>Das</I> will ich Euch sagen, +<I>wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige +Zeugen genug nennen.</I> Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann, +doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der +Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den +Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter +Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! <I>Du</I> besonders sollst Deine +Judenohren spitzen, denn ich <I>bin ein Evangelischer</I> und <I>Pfaffenfeind</I>, +frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine +Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine +Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!"</p> +<p>Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben +dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie +selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem +Spiele.</p> +<H5><I><a name="2a">Die Geschichte des alten Mannes.</a></I> +</H5> +<p> +"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige +Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70. +Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil +Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch +dieses eintreffen.</p> +<p>Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters, +welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten +Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.</p> +<p>Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich +mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an +diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich +Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die +Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde +dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als +Geselle drunten in der Pfalz.</p> +<p>Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die +Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre +Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte +ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre +alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und +der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn +nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle.</p> +<p>Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch +damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle +hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte, +dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über +den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit +Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt.</p> +<p>Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht +von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu +bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln +verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in +die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze +liegen und wurde gefangen.</p> +<p>Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe +eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und +besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel +mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.</p> +<p>Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir +schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen +uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof +hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten +vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir +nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen +Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal, +der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter +der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.</p> +<p>Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug +und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner +diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.</p> +<p>Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch +das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich +langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder +gelangte ich aus dem Graben ins Freie.</p> +<p>Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror +Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg, +ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich +nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf +allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern +und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain +hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief +im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige +Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß +ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei +bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof +ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das +Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem +Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht +nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.</p> +<p>Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo +es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein +Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet +erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals +zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen +laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es +gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr +eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor +dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir +das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es +denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu +sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben +wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur +lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch +herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps, +als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen +Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett, +betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein +Wort verstanden.</p> +<p>Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher +Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt +sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht +fast dazu.</p> +<p>Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich +wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer +Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich +ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.</p> +<p>Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins +Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.</p> +<p>Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann +derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an +einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann +Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel +Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie +ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren +mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.</p> +<p>Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim +gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie +mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis +Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den +Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem +eisgrauen Gottesmanne.</p> +<p>Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus +mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er +sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.</p> +<p>Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern +Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du +deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen +verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der +Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre +alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten. +Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage +erleben!"</p> +<p>Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum +recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.</p> +<p>Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß, +auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles +wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu +holen, der Commandant aber schnauzte mich an:</p> +<p>"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat +oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten +Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir +Bedenkzeit!"</p> +<p>Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der +Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur +bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit +kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.</p> +<p>Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"—Nein! +—"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"</p> +<p>Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es +auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig, +hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich +ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen +Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht, +der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden +hätten!</p> +<p>Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur; +derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend +und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den +Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die +Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein +Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst +bis morgen bei mir bleiben!"</p> +<p>Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte; +zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich +ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher +betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch +halbtod prügeln werde.</p> +<p>Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege, +welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich +ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide +bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch +viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große +Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für +eine halbe Compagnie.</p> +<p>Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich +sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus +zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer +Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze +Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.</p> +<p>Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld, +sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst +übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages, +ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und +ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in +der Nacht erfrieren können.</p> +<p>Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können, +blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser, +sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und +Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles +so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem +Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein +Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.</p> +<p>Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim +Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu +begleiten.</p> +<p>Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte +nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben +mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort +unter die Soldaten anwerben zu lassen.</p> +<p>Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste +Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben +und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.</p> +<p>Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.</p> +<p>Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause, +sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld +als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's? +der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.</p> +<p>Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst +hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager +und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch +er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister +heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen +Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.</p> +<p>Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24 +Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das +Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich +beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.</p> +<p>Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen +wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen +waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen, +weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am +Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum +Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf +uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf +geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf +eingeliefert.</p> +<p>Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte +mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen +hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere +Vorwürfe.</p> +<p>Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der +Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach +der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß +nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem +Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch +bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz +gewaltig.</p> +<p>Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen +die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort: +Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben +schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir +schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem +Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig +blutete.</p> +<p><I>Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen +vieler Herren und Damen der Stadt.</I></p> +<p>Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins +Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war +mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte, +in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die +Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte +ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch +dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf +halt auf dem Rücken keine Maden geben!"</p> +<p>Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt +erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren, +wenn es mir auch das Leben kosten sollte.</p> +<p>Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben +konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine +Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich +trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen +Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste +ernsthafte Bekanntschaft an.</p> +<p>Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften +anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei +ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und +Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für +dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht +heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"</p> +<p>Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu +bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten, +Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht +sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört, +was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie +allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es +mit der Marie im Mohren gut meine.</p> +<p>Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und +sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie +selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten +sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.</p> +<p>Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern +ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein. +"Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"—"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn +ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"—"Nu, nu, Alterle!"— +"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ +mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"— +"So, so!"—"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die +Meinige!"</p> +<p>Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt, +der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches +Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.</p> +<p>Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus, +worin Muck arbeitete.</p> +<p>Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es +Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und +sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"</p> +<p>Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine +Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch +nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles, +stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie +ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn +wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen +Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche +im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag +fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.</p> +<p>Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus +Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name +nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die +Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu +lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt +werde.</p> +<p>Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause, +es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt +oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im +Gartenhause zu Jägerndorf denke!</p> +<p>Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres +Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich +Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und +mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu +vermeiden.</p> +<p>Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau +wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden +Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer, +ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten +hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon, +daß wir Deserteurs seien—er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe, +spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog +denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns +ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie +die Rehe dem Walde zu!</p> +<p>Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien, +denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.</p> +<p>Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den +Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der +Stadt seien und kamen unangefochten hinein.</p> +<p>Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein +Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem +Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen. +Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn +die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst +im ärgsten Rausche nicht vergaß.</p> +<p>Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir +gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune +Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.</p> +<p>Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment +bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend, +dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine +Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier +müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.</p> +<p>Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und +verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das +Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der +Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich +Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei +den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem +Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu +lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden +Handgeld.</p> +<p>Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf, +doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich +zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet, +zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und +begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe +ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber +die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger +mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt +vielleicht schon daheim.</p> +<p>Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich +sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht +verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"</p> +<p>In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal +noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in +Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke +Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer +mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den +Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte +mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn +ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.</p> +<p>Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß +sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich +auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest +verherrlichen sollte.</p> +<p>Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte, +sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen +fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte, +wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht +schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim +Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.</p> +<p>Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn +zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand +jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine +besonderen Absichten.</p> +<p>Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit +einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag +in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der +Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt +wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß +eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle +dazu.</p> +<p>Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und +gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn +ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der +dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren +arbeitete und allen Soldaten bekannt war.</p> +<p>Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks +Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die +Karte?"—"Hier!"—"Woher die Karte?"—"Von dem und dem!"—"Kennst du den +Soldaten?"—"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf +wird denselben wissen!"—"Arretirt!—"</p> +<p>Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein +Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten, +der in der Moldau ertrunken sei.</p> +<p>Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf, +als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts +wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe +mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei +meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör +gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im +vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"—"Weßhalb?"—"Schon im ersten +Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche +dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben +und meine Sache dem General vortragen."—"Glaubst du, es sei dir zuviel +geschehen?"—"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"—"Glaubst du +nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"—"Freilich +glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"—Jetzt meint +der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür +sind wir auch da!—Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so +pfiffig gemacht!—"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich +auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem +den Buckel blau zu schlagen!"—"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom +Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber +angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht +in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du +nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"—"Nein!"—Jetzt +sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn. +Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst +in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem +Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"</p> +<p>Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren +lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder +eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3 +Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"</p> +<p>Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut +bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er +meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon +gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es +heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich +es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest +dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern +desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"</p> +<p>Ich dachte, <I>du</I> hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.</p> +<p>Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten, +Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als +sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die +Offiziere gefüllt hatte.</p> +<p>Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln +beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire +und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein +Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze +sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber +und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in +Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht +mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine +Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem +Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben +und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und +brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.</p> +<p>Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski +die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum +Rasiren ging, aus Prag hinaus.</p> +<p>Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich +warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen +sollte, war schon in der Nähe!</p> +<p>Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich +bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des +Landes?"—"Bin bei Eger zu Hause!"—"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!" +—"Warum nicht?"—"Hm, hm!"</p> +<p>Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien, +ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die +Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich +bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im—Staabsstockhaus.</p> +<p>Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte +darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur +für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!</p> +<p>Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins +Regimentsstockhaus und ins Verhör.</p> +<p>"Woher die Zivilkleider?"—"Mitgebracht!"—"Dann?"—"Im Wolf, dann bei +der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"—"Dann?"—"Auf dem Leibe +unter der Montur!"—"Die Montur?"—"Hinter einem Gartenzaune!"—"Wie kamst +du zum Thore hinaus?"—"In Civilkleidern und mit einer Karte!"—"Woher die +Karte?"—"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]—"So! Nun diesmal geht +es anders, Paule!"</p> +<p>Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen, +die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte, +freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich +um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.</p> +<p>Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke: +"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"</p> +<p>Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden, +wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde +ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.</p> +<p>Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15 +herab!—Gestehst du jetzt?"—"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"— +"Nochmals 15!"</p> +<p>So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ + +ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte, +nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau +des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in +der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht +geschunden wurde!</p> +<p>Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.— +"Weßhalb keine Antwort?"—"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"— +"Bleibst du dabei?"—"Ja!"—Wieder 15 herunter!—"Gestehst du?"— +"Ich habe Alles schon gesagt!"—"Das Verhör ist geschlossen!"</p> +<p>Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht +für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in +Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.</p> +<p>Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den +Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem +Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die +Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei +mir war.</p> +<p>Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.</p> +<p>Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden +verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth +noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben +würde.</p> +<p>"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin—"Wen Gott halten +will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"—"Ja, es ist arg!" +sagt die Margareth traurig—"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem +selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf +dem Exerzierplatze!—Am Sonntag wird's eingebracht!"—"He, 's wird +halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat—"Ja, Bruder, +wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"—"Aber die +Ordonnanz?"—"Können nicht Zwei zusammen gehen?"—"Ist schon oft +geschehen!"—"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch +österreichischer Bürger werden!"</p> +<p>Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu +dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich +bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause +hinaus.</p> +<p>Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei +der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm +versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so +durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn, +weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.</p> +<p>Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren +und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.</p> +<p>Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen +würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum +Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit +6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte +die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit +milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten +sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht: +Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen +Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.</p> +<p>Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und +ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine +Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im +ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem +Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch +das Kind zu sich nahmen.</p> +<p>Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem +Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der +Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon +redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir +an den Augen abzusehen vermochte.</p> +<p>Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines +Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit +mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre +zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit +mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren +wäre—ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit, +den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.</p> +<p>Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf, +die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als +Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren +Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem +Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore +hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth +mangelte.</p> +<p>In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im +letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam +heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag +wegbrachte, wuchs unser Muth.</p> +<p>Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich +dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.</p> +<p>Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach +Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage +sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht +auf, geht zur Thüre hinaus und—kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er +gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein +Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei +ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich +mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe +ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte +auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien, +ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe +derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.</p> +<p>Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau +seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie +ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater +das Tanzen gelernt haben.</p> +<p>Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den +Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in +Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle +jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge +immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.</p> +<p>Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer +heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz +am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so +wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.</p> +<p>Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr +gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren +Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.</p> +<p>Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr +Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum +Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.</p> +<p>Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken +Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß +ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen +mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren +Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein +Deserteur, aber ein Rekrute sei.</p> +<p>Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück, +der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner +meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär, +dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der +angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten +bekommen würde.</p> +<p>Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu +danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu +lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine +schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in +einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei, +das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die +Kaiserstadt.</p> +<p>Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen +Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm +essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch +einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.</p> +<p>Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders +die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die +Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr +bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh +den Weg unter die Füße zu bekommen.</p> +<p>Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen +Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute +denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!</p> +<p>Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen, +doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die +Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen +glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich +wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches +Regiment?"—"Deutschmeister!"—"Gut, du kannst jetzt allein gehen und +dich melden, dein Paß bleibt da!"</p> +<p>Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung +sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient +habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht +der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem +Bäckerladen und—vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf, +welche bisher auf mich geharrt hatte.</p> +<p>Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen +reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie +sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich +ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied +genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der +Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor, +der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis +zum Jahre 1852!</p> +<p>Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten +und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und +fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"—"Ebenfalls hier!"—"Wo finden +wir ihn?"—"Er hat die Wache beziehen müssen!"—"Wo gehts Abends hin?" +—"Da und da!"—"Gut, wir treffen uns!"</p> +<p>Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu +verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn +die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.</p> +<p>Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den +Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß +ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle! +... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht +aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie +gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren +vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich +keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief +aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.</p> +<p>In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach +Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch +Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet +tief in die Lombardei.</p> +<p>Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp +Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe +gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze +nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß +eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.</p> +<p>Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300 +Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe +verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine +riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus +auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und +trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der +ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles +eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.</p> +<p>Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl +kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der +nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte +mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich +befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin +und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche +schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten +und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und +viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der +Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage +und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu +kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das +<U>No</U> und <U>Si</U> verstand.</p> +<p>Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer +hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit.</p> +<p>Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert, +meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe +keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den +Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf +das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir +nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen +umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns +Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und +kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.</p> +<p>Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und +verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach +kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im +Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum +Tode verurtheilt!</p> +<p>Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich +ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen +und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht, +sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich +zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!</p> +<p>Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und +wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein +ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben.</p> +<p>Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint. +"Wenn <I>Ihr</I> nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in +kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"</p> +<p>"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die +Erzählung für Erdichtung halten könnte!"</p> +<p>"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge +vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich +Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau +nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich +vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen, +doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth +wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe, +Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"</p> +<p>"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.</p> +<p>"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in <I>ganz kurzer Zeit</I>! seufzt +der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000, +zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut +accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die +damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus +ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen +9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!</p> +<p>"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.</p> +<p>"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe, +ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen +Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!"</p> +<p>"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles +ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.</p> +<p>"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von +Siebenzig, <I>dann</I> muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit, +siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden +gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ... +Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"</p> +<p>"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.</p> +<p>"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist, +ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich +Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges +Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren +ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!" +"Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen +bist!" meint der Indianer.</p> +<p>"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von +Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich +weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten +Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an +der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne +glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für +mich!"</p> +<p>"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die +Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!" +murmelt der Spaniol.</p> +<p>"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es, +ich!" brummt der Paule.</p> +<p>"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen +helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der +Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die +er vor einigen Augenblicken äußerte.</p> +<p>Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man +vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet +sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese +Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder +vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken +umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!</p> +<H4><a name="3">Der Zuckerhannes kommt aus dem Thurme.</a></H4> +<p> +Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der +Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings +sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich +unruhig hin und herwälzten.</p> +<p>Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten +dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.</p> +<p>"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben, +die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"</p> +<p>"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges +Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch +kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich +her, wie in Mantua!" riefen Einige.</p> +<p>"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit +Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol.</p> +<p>"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht! +... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war +Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause +gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.</p> +<p>"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst +auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen +gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der +alte Paule.</p> +<p>"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!" +meint der Spaniol.</p> +<p>"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter +dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist +ebbes Rares!" versichert der Moses.</p> +<p>"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule.</p> +<p>"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich +an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht +braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die +Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle +abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie +wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte +der Zuckerhannes.</p> +<p>"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn +und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an, +doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf +noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das +Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!"</p> +<p>"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder +nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte, +die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu +nichts Gutem!"</p> +<p>Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige +Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und +seine Geschichte fortzusetzen.</p> +<p>Nach einigem Bitten sagt der Alte:</p> +<p>"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer +Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und +die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden, +wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen +alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich +glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und +oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran +denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend +Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt +mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ... +Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich +je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein +gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht +thun!"</p> +<p>Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und +bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will +zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli +Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:</p> +<H5><I><a name="3a">Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes.</a></I> +</H5> +<p> +Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern +behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar +nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch +und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben, +doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte, +weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar +Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache, +die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff +geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied +hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf +das schwere <U>travaux</U> nach Straßburg gebracht wurden.</p> +<p>Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft; +wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und +wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her, +mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon +erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen +Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich +wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808 +kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in +Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.</p> +<p>Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien +war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die +fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles +Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich +keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und +unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles +die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen +Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen +Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die +Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins +Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen, +schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir +Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich +für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute +und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das +Hornberger Schießen!</p> +<p>Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß +ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere +auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins, +was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns +anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder +fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen, +die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen +Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der +grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig, +verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende +Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und +umbrüllt wurden!</p> +<p>Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken +durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich, +sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für +todt auf dem Platze liegen blieb.</p> +<p>Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen +und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß +ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.</p> +<p>Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde +erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das +Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu +mir zu nehmen.</p> +<p>Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich +nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er +lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich +dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag! +... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders +an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil +ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er +blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward +er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm +mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als +genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt +sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte, +wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm +nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele +Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in +welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte +und eine Wienerin zur Frau hatte.</p> +<p>Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau +konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann +immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach, +mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen +recht gewonnen hatte.</p> +<p>Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm +aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal +mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und +nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.</p> +<p>Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts, +denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein +pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah. +Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem +Pelzhändler nach Wien.</p> +<p>Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht +bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich +allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag +lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war +die Kugel für mich dreifach gegossen.</p> +<p>Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei +gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in +meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der +Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo +mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir +einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über +meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach +Heidelberg.</p> +<p>Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der +unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am +nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach +Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der +Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen +Drangsalen und über meine Rückkehr freute.</p> +<p>Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur +abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich +seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin +bestand meine einzige Freude.</p> +<p>Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger +betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu +einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht +lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich +beim 16. Regimente.</p> +<p>Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern +mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht +von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die +Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell +am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen +sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen +Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und +Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden +war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten +ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch +anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so +mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei +erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und +jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr +je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein +Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend +auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer +war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die +Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch +nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen? +Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu +sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon +wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans +Desertiren gedacht!—Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die +Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte, +zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich +nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht +wurde.</p> +<p>Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital, +das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an +einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder +hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.</p> +<p>Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück +wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und +bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede +Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren +lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich +erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner +Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.</p> +<p>Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern +lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren, +bis ich Arbeit erhielt.</p> +<p>Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath +und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und +Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber +auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.</p> +<p>Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer +Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld +anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging +es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte +Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur +zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und +liederliches Weibsstück.</p> +<p>Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um +mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen +Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme +Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und +Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange, +ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte, +zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht +hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden +Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und +mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.</p> +<p>Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten +herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern +Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich +einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke +Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir +zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.</p> +<p>Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm +abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das +Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und +blieb viele Monate sitzen.</p> +<p>Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit +alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals +ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir +redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren +Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.</p> +<p>Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat +redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser +lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der +mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste +versprach!</p> +<p>Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die +vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten +sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt +muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen +immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen +den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von +Karlsruhe aus also angeordnet würde.</p> +<p>Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in +die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug +verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn +Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute +seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie +auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es +Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die +Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre +Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie +Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die +größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen +feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius +nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und +rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken +darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein, +dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert +vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt: +Kommt Zeit, kommt Rath!</p> +<p>Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem +Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten +kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich +Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden +gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig +erkannt und freigelassen.</p> +<p>Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir +den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst +in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm +machen!"</p> +<p>Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was +ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen, +wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben +versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt, +läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen +sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und +zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.</p> +<p>Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn +drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und +ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige +saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.</p> +<p>Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute +freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine +Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede +mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.</p> +<p>Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte, +heimtückische Tyrannen.</p> +<p>Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es +damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!</p> +<p>Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag, +mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der +Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"—"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat +Ihr Wartgeld dafür!"—"Soll ich meinen Mann schellen?"—"Nur +zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!"</p> +<p>Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du +Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, <I>Du</I> bist dazu da!" +Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht, +doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm, +wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen, +ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt +und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt +mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich +nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie +davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr +aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8 +Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig, +der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"—"Nein, Du Mörder, ich habe nichts +mit Dir!"—"Wendet Gewalt an!" brüllt er.—["]Das werdet Ihr bleiben +lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten +mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich +schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage. +"Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!"</p> +<p>Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich +gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb +den Gefangenwärter mißhandeln?"—"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen, +will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu +schlecht, als daß ich Dir antwortete!"</p> +<p>Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters +holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch, +weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das +Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte +meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu +melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben, +damit es das Hofgericht erfahre.</p> +<p>Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war, +als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.</p> +<p>Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus +einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und +Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und +vernietet jede mit einem Nagel.</p> +<p>Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der +Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und +Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet +hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser +mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt +ordentlich seid!"—"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie +auch tragen!"</p> +<p>Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden +einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der +ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der +Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende +Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt" +worden sei, daß er das Bett hütete.</p> +<p>Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich +wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen, +endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.</p> +<p>Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine +Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"—"Du bist auch nicht sauber, Du +Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und +ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene +Thüre herein.</p> +<p>Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will +mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen +sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich +antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!" +... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle, +voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen +Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.</p> +<p>Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem +Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle +behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien, +welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie +dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation +reden sollten.</p> +<p>Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die +Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer, +nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres +Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.</p> +<p>Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich +wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.</p> +<p>Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet +sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs +ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel +los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle +gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde +mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und +verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.</p> +<p>Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal +gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als +Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt +einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und +4 Wochen schweres Eisen.</p> +<p>Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben +beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in +2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.</p> +<p>Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der +ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!</p> +<p>Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine +Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese +machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und +Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten +aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern +herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem +Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem +herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede +immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.</p> +<p>Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab +vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der +"goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich, +ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.</p> +<p>Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt +zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte, +gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme, +so möge ich sie im "freien Leben" erwarten.</p> +<p>Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der +"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich +sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe +da—es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es +sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der +"goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.</p> +<p>Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen +müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht +sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen +breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und +Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die +Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der +Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde +Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."</p> +<p>Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen, +mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und +drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.</p> +<p>Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich +wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum +Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister +herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"—"Nein!"—"Ei, dort schauen ja +zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht +die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt +Ihr hier übernachtet?"—"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod, +ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich +hier so viele Leute kennen!"—"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?" +—"Ja, ich bin schuldlos!"—"Das wird sich herausstellen, kommt nur +mit!"</p> +<p>Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing +erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß +Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit +derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem +Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen, +kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.</p> +<p>Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen +Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und +sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern +so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"</p> +<p>Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem +Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.</p> +<p>Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das +Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen +Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen +vermochte.</p> +<p>Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt, +alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von +den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.</p> +<p>Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen +Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der +Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich +vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man +Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam +auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte, +daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere +lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod +sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank, +diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein +Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem +Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals +solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug, +Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte, +wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen! +... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie +und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei +Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel +setzten.</p> +<p>Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den +Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein +geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und +beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war, +worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt +ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den +Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und +Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten +Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.</p> +<p>Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da +steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die +Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen +diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein +Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein +Sack.</p> +<p>Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein +und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem +Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß +des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein, +schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.</p> +<p>Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen +würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten +und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den +Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner, +jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter +Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen +achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die +Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen +Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft +ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen +in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!</p> +<p>Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer +gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug. +Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch +zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach +Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25 +empfangen.</p> +<p>Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie +erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die +Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal +ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern +herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war, +fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt, +dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit +Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört, +einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von +der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur +Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre +Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten +jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester +verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten +nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in +unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht +weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen, +hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie +hinausgeworfen.</p> +<p>Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h. +in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.</p> +<p>Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien +abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und +sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen, +ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23 +Tage bleiben.</p> +<p>Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des +sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und +hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten, +ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden +andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich +eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.</p> +<p>Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf +zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich +sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir. +Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte, +weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und +arbeitete.</p> +<p>Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir +entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht +mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch +schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich +schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich +kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan—ich hing mich +einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang +bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte +es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die +Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und +Gottesvertrauen ein.</p> +<p>Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur +scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.</p> +<p>Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam, +doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem +Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath +Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei. +Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den +Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.</p> +<p>Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter +Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine +Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange +Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu +verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen +zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem +Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen +erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort +und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus +einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit +und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner +Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.</p> +<p>Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas +verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt +ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment, +welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo +auch einen Fuß verlor.</p> +<p>Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu +finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle, +so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus +reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und +versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.</p> +<p>Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es: +"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der +Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten +verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"— +"Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden +wenden!"</p> +<p>Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage +diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts +Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht, +sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.</p> +<p>In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht +lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt +mich bald nachkommen und reist weiter.</p> +<p>Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der +Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe +Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!</p> +<p>Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne +Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.</p> +<p>Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig; +es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den +schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.</p> +<p>Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn +zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"—"Ich habe kein +Buch mitgenommen."—"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"—"Ich weiß von +keinem Buche nichts!"—"Fort, in den Brückenthurm!"</p> +<p>Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen, +weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens +würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"— +"Ist die wahr?"—"Mein Seel!"—"Ich wills gestehen, ich habe das Buch +genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"— +"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!"</p> +<p>Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht +frei und komme ins Verhör.</p> +<p>Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des +Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die +Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe +dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern +herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder +in ein besseres Zimmer gesetzt.</p> +<p>Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung +klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und +sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah, +damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.</p> +<p>Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch +nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon +wußte.</p> +<p>Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben +wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.</p> +<p>Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils, +doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an +den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die +meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der +Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil +Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn +Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden +und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf, +wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!</p> +<p>Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution +wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn +er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um +Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen, +schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem +die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst +sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte +sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich +einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte +dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und +stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet +einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und +ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und +ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath, +abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner +Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne +ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in +Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal +mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!</p> +<p>Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und +es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte +mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen +hatte.</p> +<p>Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden, +andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind +abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle +genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse +selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl +besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe +herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug +erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und +Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und +freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt +wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte +und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!</p> +<p>Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein +hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah +ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein] +bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles, +der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte, +er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.</p> +<p>Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes +Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten +Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten +aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über +meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den +Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die +Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend +Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und +Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal +manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten +hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich +sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn +ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute +recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber +sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen, +daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute +blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten +Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr +durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm +nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein +Hexenmeister bin!</p> +<p>Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken, +steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte, +versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir +ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil +mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig +darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch +keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies +auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am +Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.</p> +<p>Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern +wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig +gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.</p> +<p>Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und +um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst +habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der +Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und +deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir +Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie +nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.</p> +<p>Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich +setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht, +ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu +Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen +und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man +möge mich nur näher betrachten.</p> +<p>"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.—"Käthchen hat ihn mir +draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich +erschrocken.—"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt +der Wirth.—"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"</p> +<p>Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht +nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.</p> +<p>Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen +beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir +niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.</p> +<p>Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der +Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein +Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich +machte meine Zeit.</p> +<p>Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.</p> +<p>Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines +Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche +liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth +war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in +mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt +heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau +noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in +Frieden ziehen.</p> +<p>Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt +mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine +leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch +nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.</p> +<p>Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte +abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und +machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine +Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3 +Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht +gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten +gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!</p> +<p>Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte +sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf +der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der +Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren +bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich +Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.</p> +<p>Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr +vom Spitale, arbeitet!"—"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"— +"Verrichtet leichte Arbeit!"—"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr +eine Gelegenheit zum Verdienen!"—"Suche Er nur eine solche!"—"Ja, was +soll ich jetzt anfangen?"—"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"</p> +<p>Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als +einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den +Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.</p> +<p>Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht, +hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.</p> +<p>Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen +stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich, +weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich +gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging +wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir +wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem +Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.</p> +<p>Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.</p> +<p>Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich +hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit +dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und +volksfeindlich.</p> +<p>Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht +mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für +jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch, +ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten +und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.</p> +<p>Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum +Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß, +alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich +an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine +alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im +vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden +Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies +sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz +schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch +aus einem Kreuz ins andere schickt!</p> +<p>Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt, +mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor +und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles +gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch +ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler +ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich +arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath +geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr +1852 jetzt nahe ist!</p> +<p> +————————————</p> +<p> +"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber, +wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige +Streich' gemacht!" meint der Moses.</p> +<p>"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat <I>der</I> Mensch +ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir +Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.</p> +<p>"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht +darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm; +so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der +Indianer.</p> +<p>"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen. +Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich +hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!" +grinst das Affengesicht.</p> +<p>Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.</p> +<p>"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in +Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur +einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren +zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten +Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue +Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und +was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das +Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb, +Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch +einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine +Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, <I>daß sie nicht +erdichtet ist</I>!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit +deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine +<I>gewöhnliche Zuchthausgeschichte</I>, wie wir sie von vielen Rückfälligen +vernehmen können!"</p> +<p>"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit +der Stoffel. "Was der Paule von den <I>alten</I> Zuchthäusern erzählte, habe ich +großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern +Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß +die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz +andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich +und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"</p> +<p>"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.</p> +<p>"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm, +ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer +arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus +ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief +ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen +findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne +Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die +Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!" +belehrt der Stoffel.</p> +<p>"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen? +Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern +beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu +Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern +Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die +Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der +Indianer.</p> +<p>"Hu, das ist grausig!—gräßlich!—Lieber todt als in der Zelle!—Man sollte +das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die +Gefangenen im Chorus.</p> +<p>"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der +Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine +Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen +der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei +uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!"</p> +<p>"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der +Zuckerhannes.</p> +<p>"Mon Dieu, <I>du</I> Dummkopf gehörst ja selbst dazu!"</p> +<p>"Ich?"</p> +<p>"Ja du!"</p> +<p>"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man +Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht +der Indianer.</p> +<p>"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon +gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern, +Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen +möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der +Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will +wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt +dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß +brummt!" lacht der Stoffel.</p> +<p>"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von +Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["]</p> +<p>Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber +verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und +schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe +ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger +Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch +der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es +kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat +mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor +Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das +heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für +gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren! +... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je +nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr +gewesen!"</p> +<p>"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt +Schwabenalter!" lachte der Stoffel.</p> +<p>"<U>Silence, je vous prie!</U>" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal +und spricht mit steigender Aufgeregtheit.</p> +<p>"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im +Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit, +Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit +eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen +Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth +gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe +betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends +existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und +stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der +Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen +sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem +scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."</p> +<p>"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen +seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus, +Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden +heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre +natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der +Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten, +um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein."</p> +<p>"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in +einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine +usurpatorischen Hände käme!—Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art +Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und +Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre +Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und +Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos +der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten +Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja +gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in +Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger."</p> +<p>"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes, +welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen +alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten +Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint +wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der +That nur ein französischer See sein würde."</p> +<p>"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"—</p> +<p>"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller +Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen +nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und +Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen +Knechtung und Elend trieb."</p> +<p>"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die +unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des +Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich +steigert."</p> +<p>"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse +Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß +gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen +Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und +die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in +welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit +unterjochen oder vernichten wird."</p> +<p>"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der +Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der +Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das +gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des +Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte +immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren +Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln +oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den +Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken.</p> +<p>"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen, +blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner +auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der +Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und +sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den +ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den +zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?</p> +<p>"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber +Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die +Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen +Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den <I>alten +Menschen überhaupt</I> erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen +vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen, +unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und +religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: <I>der permanenten +Revolution</I> in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie +sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein +Herz!"</p> +<p>"Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln, +jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr +zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein +stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen +das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen—im +Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet, +doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann +entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über +alle Henkersknechte der Völker!"—</p> +<p>"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu +fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren +Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern +gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als +Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!"</p> +<p>"Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat +längst ihre Männer, Helden und Märtyrer—wir selbst gehören dazu, wir Alle, +wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution, +obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich +in Euch steckt."</p> +<p>"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder +vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und +Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!"</p> +<p>"Sind wir nicht gefangen?—Gewiß!—Weßhalb?—Weil jeder Bewohner dieses +Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener +Weise übertreten zu haben!—Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa? +<U>Jamais</U>, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen +Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt +und Betrug!—Was ist ihr Zweck?—Aufrechthaltung der grundverderbten +bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt?—Weil sie in +der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung +derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten +aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen."</p> +<p>"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift, +zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein +thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen +Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein +strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein +bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft, +der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen, +freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!"</p> +<p>"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten +Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich +der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch +von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern, +Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre +unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge."</p> +<p>"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der +Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine +andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät +als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe +übergibt."</p> +<p>"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt, +aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an +die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine +himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!"</p> +<p>"Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und +Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger +Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener +Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht +zu haben.</p> +<p>"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar +nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes.</p> +<p>"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei +uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein +dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!" bemerkt Martin, der +Schlosserlehrling.</p> +<p>"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und +alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen +lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern +hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was +besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies +anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem +jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt +und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes.</p> +<p>"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn +Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten +bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis +Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört +er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!"</p> +<p>"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und +machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf, +Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft."</p> +<p>"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder +zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten +lassen!" sagt der alte Paul.</p> +<p>"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl +verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein +Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein +Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die +Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche +Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!" belehrt +der Mauschel den Paule.</p> +<p>"Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn +Christen!" lacht der Spaniol.</p> +<p>"Wenn man in der "großen Zukunft" sich mit Jeder einen Spaß machen darf, +die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen +mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht.</p> +<p>"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht, +Polizeistaat und Budget geredet?" gähnt das schlaftrunkene Murmelthier. +Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber +schreit:</p> +<p>"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein +Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer +neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?"</p> +<p>"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll +ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" läßt sich der +redselige Spaniol vernehmen.</p> +<p>"Jetzt!—Gleich!—Wir hören!—<U>En avant!</U>—Stille!" schreien die +Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem +Besinnen:</p> +<p>"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres +oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines, +sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen +Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen +Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und +politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das +Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne +Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von +Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene +Weisen."</p> +<p>"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine +Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen, +politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den +Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des +verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede +zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die +Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die +Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte +Menschheit als Notwendigkeit erkennen.</p> +<p>Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses +Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung +werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine +Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des +Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen."</p> +<p>"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner +seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein +constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein +demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der +Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung +zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!"</p> +<p>"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!"</p> +<p>"Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei +als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns +Allen gleich."</p> +<p>"Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen +macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon +weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name +ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb +nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde +die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern."</p> +<p>"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie +<I>Privatverbrecher</I>, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer +unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich +Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder +gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine +eigene Person bekümmert."</p> +<p>"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee +der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der +geknechteten Menschheit."</p> +<p>"Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig +Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in +seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er +kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der +elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als +Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen +Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk +abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält +die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"—</p> +<p>"Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die +jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten +müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze +und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als +ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen."</p> +<p>"Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit +unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede +gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker +zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!"</p> +<p>"Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der +verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene +Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft +einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock, +Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten +und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder +für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem +Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!"</p> +<p>"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen +mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf +erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend +die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft."</p> +<p>"Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen, +nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige +Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im +Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche +dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende +betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft +mit nicht strafbaren Waffen angreifen."</p> +<p>"Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen, +Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine +ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen +und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!"</p> +<p>"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen +zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen +Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat +bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den +Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen +Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei +ein Krieg gegen das Volk!"—</p> +<p>"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar +schwächten, entnervten und verminderten: <I>Vernichtung oder Verdummung der +Verbrecher</I>. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste +des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte +Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in +Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen +Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere +Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und +Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind +mit dem Bade ausgeschüttet!"—</p> +<p>"Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche +Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns +durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern +fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun +frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er +dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger, +unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke +der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem +Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet +werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter +Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine +Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf +Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod +den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren +Opfern Staub geworden!—Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein +Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten, +so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht +für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!"—</p> +<p>"Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in +solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine +Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr +werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören +heißen, unversöhnlichen Haß aller—."</p> +<p>Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf.</p> +<p>"Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer +Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden.</p> +<p>"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.</p> +<p>"Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und +lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.</p> +<p>"<U>Mon Dieu</U>, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen +Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!" sagt der Spaniol +kleinlaut und ärgerlich.</p> +<p>"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid +ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir +seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest, +jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe? +—Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil +bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer.</p> +<p>"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr +Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel +oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut +als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!" ruft +der Spaniol unwillig.</p> +<p>"Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel.</p> +<p>"Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!" erwiedert der empörte +Zimmerkommandant.</p> +<p>"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft, +hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen +und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir +freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel +mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die +Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er +hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man +nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich +der Einäugige.</p> +<p>"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder +Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch, +aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein +Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20 +recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele +gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind +als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte, +bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser +gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt +sich der Paule vernehmen.</p> +<p>"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol.</p> +<p>"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran +doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung, +ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein +besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es +auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich +gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins +Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf +Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer.</p> +<p>"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt. +Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern +herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und +die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die +Beweise?" bemerkt das Affengesicht.</p> +<p>"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und +wir stehen wieder—."</p> +<p>"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.</p> +<p>"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein +Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da +meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom +nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein, +der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes +macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!—Es gibt +einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten, +wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und +thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich +angethan wurde!" predigt der Indianer.</p> +<p>"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne +und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib +beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen +anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht +der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem +Musje Baboeuf als dem <I>französischen Christus</I> redete. In Spanien traf den +"schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach +jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe +doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland +aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré +formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte, +um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung +weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal +und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und +mit den Zähnen klappert."</p> +<p>"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich, +aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in +Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus +allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie +fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken +stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden +zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir +ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten, +richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr +gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden +so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft +dalagen!"—erzählt der alte Paul.</p> +<p>"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und +keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein.</p> +<p>"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das +einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet, +der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende +doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."—</p> +<p>"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der +Schlosserlehrling den Indianer.</p> +<p>"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von +Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten +soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als +sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und +Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er +die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein +Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend +der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus +meiner Erfahrung."</p> +<p>"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch +oft reden gehört habe, wie ist's <I>Dem</I> ergangen? Am Ende schlimmer als mir, +weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen, +welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er +denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft +herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum +Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der +Paul.</p> +<p>"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und +hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's, +daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid +Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus +der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen +Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.</p> +<p>"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen +versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer +erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem +leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.</p> +<p>Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der +Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in +einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den +Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze +Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an +und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis +gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben +dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und +denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten +hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben +und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.</p> +<p>Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt +sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage +zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen +Schlafgemach angewiesen habe.</p> +<p>Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge +als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet, +bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um +eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch +zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz +herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein, +erhebt den Säbel und—die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt +mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm +nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld +ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.</p> +<p>Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt +gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit— +der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat +voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.</p> +<p>Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben +auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten, +allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder +fröhlich sein können.—</p> +<p>Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und +gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen, +die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht +Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der +Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu +verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen +durch die Frage:</p> +<p>"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott +nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat +diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That +des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen +aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist +dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen +sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und +dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"</p> +<p>Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht +liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu +beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei +demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr +oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch +mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in +ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.</p> +<p>Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls +abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm +berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft +sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen, +dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.</p> +<p>"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in +ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:</p> +<p>"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses +Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz +dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel +niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen +wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen +Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte, +dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?</p> +<p>"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen +Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker, +großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein +nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen +Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der +Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind, +betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."</p> +<p>"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel +besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das +freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat +es ergriffen, auf den Arm gehoben und—in den tiefen Rhein hinein geworfen +und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"—</p> +<p>"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre +ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus +dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn +der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der +Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich +gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie +sich dieselbe begeben."</p> +<p>"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser +bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch +Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre +von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim +Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde +Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm +ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt, +geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während +desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne +sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und +der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.</p> +<p>Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht +leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und +Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem +Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat +mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen +verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft, +ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute +Schäflein!"</p> +<p>Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst +der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen, +doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von +vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den +geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem +Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.—</p> +<p>Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des +Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder +doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die +Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu +verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich +gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und +Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.</p> +<p>Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem +Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen +Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr +als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen +einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der +Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den +eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers, +das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das +Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die +tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die +Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr +durchzogen.</p> +<p>Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines +trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte +beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding +auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute +von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.</p> +<p>Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an +ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die +Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn +Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches +sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es +wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom +Staate zu emancipiren.</p> +<p>Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf, +reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der +Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:</p> +<p> Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will,<br /> + Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.</p> +<p>Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im +Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und +nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der +Schlosserlehrling:</p> +<p>"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im +Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, +wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und +einem Gottesdienste beiwohnen könnte!"</p> +<p>"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht +einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!" +meint der Paule.</p> +<p>"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der +Zuckerhannes.</p> +<p>"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann +könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der +Einäugige.</p> +<p>"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.</p> +<p>"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!" +prophezeit Jener.</p> +<p>"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch +wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die +"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern +geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.</p> +<p>"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt +noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese +halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der +Spaniol.</p> +<p>"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion +heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es +selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein +Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. <I>Der</I> wird den +Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.</p> +<p>"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt +fort:</p> +<p>"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen +und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter +Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur +auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so +nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn +es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie +nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt +Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die +Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit? +Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist +geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen +Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt +wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben, +es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten +Kerkermeister fragen!"</p> +<p>"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom +Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger +niemals oder selten denken!"—schreien die Gefangenen.</p> +<p>"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte +Paul.</p> +<p>"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je +einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch +übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der +Moses.</p> +<p>"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der +Spaniol.</p> +<p>"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer +Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran, +Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des +armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk +hält und dieses verspottet sieht.</p> +<p>Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das +Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:</p> +<p>"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters +doch ein paar Stunden täglich lesen!"</p> +<p>"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein, +Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht.</p> +<p>"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und +bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit +uns macht man, was man will!" klagt der Paul.</p> +<p>"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen +annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls +so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!" +sagt der Zuckerhannes.</p> +<p>"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn +Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch +keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige.</p> +<p>"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden, +aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld +wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.</p> +<p>"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in +einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch +reich werden!" spottet der Indianer.</p> +<p>"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit, +das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.</p> +<p>"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.</p> +<p>"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird +jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer +Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt, +welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt +des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum +gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen +können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.</p> +<p>"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens +einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau +anlaufen!" lacht der Indianer.</p> +<p>"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20 +hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr +ernst.</p> +<p>"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen +Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich +nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.</p> +<p>"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du +mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu +wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.</p> +<p>In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines +Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister +steht auf der Schwelle:</p> +<p>"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"</p> +<p>"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den +Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.</p> +<p>"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, <I>der</I> ist Euch schön +durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.</p> +<p>"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann +erträglicher!" spottet der Einäugige.</p> +<p>Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und +Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des +Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des +Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem +Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.</p> +<p>Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und +lachen alsdann laut.</p> +<p>Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.</p> +<p>Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten, +welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide +verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt +werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der +Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein—dieses sind +Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet +werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die +Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige +Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen +und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer +Tugenden zu sein pflegen.</p> +<p>Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus +tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.</p> +<p>Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche +Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme +Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam +entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem +Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:</p> +<p>"Hans, Ihr seid frei!"</p> +<p>Frei!—dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die +Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die +liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.</p> +<p>Frei!—Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem +Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu +versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.</p> +<p>Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet +einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende +Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er +dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über +seine verblichenen Wangen.</p> +<p>"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"</p> +<p>"Nein!"</p> +<p>"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor +aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"</p> +<p>Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er +nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und +Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.</p> +<p>Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des +Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur +Stunde auch im Kerker gültig sei.</p> +<p>Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller +Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein +gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht +haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.</p> +<p>Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm +vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er +Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.</p> +<p>Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch +die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen +Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen, +er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum +ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an +ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung, +Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf +berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine +Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause +entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in +welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des +Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des +Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen +Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann +wieder vor sich hin.</p> +<p>Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den +Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul, +seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren +zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen +wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden, +küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.</p> +<p>Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod +hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker +herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:</p> +<p>"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du +habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger +Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ... +Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]</p> +<p>Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag, +daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi +eine Silbe erwiedert zu haben.</p> +<p>"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der +Knecht ihm nach.</p> +<p>Er hört nicht darauf.</p> +<p>"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern +eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren +mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von +Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit +diesem unter Einem Dache leben müßten.</p> +<p>Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind +freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.</p> +<p>Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach +von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen +Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum +Gefängniß.</p> +<p>Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten +Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.</p> +<p>"<I>Diesem</I> soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt +den Kopf.</p> +<p>"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das +Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum +halbgeöffneten Thore hinaus.</p> +<p>"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den +Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das +mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt +in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.</p> +<H4><a name="4"></a>Der Zuckerhannes wandert fort und verliert sich selbst</H4> +<p> +Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine +glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag, +Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen +des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend +durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und +ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen +Gespräche.</p> +<p>Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand +freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine +Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein +Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten +Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der +Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen +Person einen bequemen Sitz zu bereiten.</p> +<p>Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig +ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das +freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen +Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken +und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden +entgegen.</p> +<p>"Er ist's nicht!—der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!" +murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige +nachläßige Lage zurück.</p> +<p>Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch- +Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs +häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch +einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine +alte Jungfer.</p> +<p>Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren +Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst +seit einem halben Jahre reicher geworden ist.</p> +<p>Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder +frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte +die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen +Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch +wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen, +ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie +es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm.</p> +<p>Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich +nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an +Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett +beständig hüten.</p> +<p>Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und +zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht +fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und +derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während +sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.</p> +<p>Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre, +erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt +jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt +nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst +seinen Namen geben soll.</p> +<p>Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der +Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange +die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu +schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.</p> +<p>Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz +um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen +Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins +Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel.</p> +<p>Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen? +Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen +Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im +Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe +sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet +hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er +nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die +Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters +hinwegsähe?</p> +<p>Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern +Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft +gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß +er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und +machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas.</p> +<p>Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine +Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling +fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte +sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig +empfahl.</p> +<p>Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener +Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde +widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt.</p> +<p>Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten, +abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas +einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes.</p> +<p>"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"</p> +<p>"Hoh,—keucht der Angeredete—der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun, +so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt! +... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb +aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!"</p> +<p>"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da +bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten +Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer +in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch +mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"—</p> +<p>"Oh, ich wäre für dich—für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es +sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"</p> +<p>"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu +verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und +verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"—</p> +<p>Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des +Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz +zu verlieren.</p> +<p>"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß, +daß du auch mich nicht verachtest!"</p> +<p>"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt +außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie—"</p> +<p>"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!" +[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß, +was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"</p> +<p>Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit +großen Augen bewegungslos an.</p> +<p>"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen +Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein +kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist +grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler +verlassen und mein—Knecht werden?"</p> +<p>"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen, +senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"</p> +<p>"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst +Alles mit mir und Alles wird gut werden!"</p> +<p>"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der +Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er +schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände.</p> +<p>Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen +Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd:</p> +<p>"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht +verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit +Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das +gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren +Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!"</p> +<p>"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ... +Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein +Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.</p> +<p>"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht +wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange +<I>ledig</I> bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt +mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht +anders mehr!"</p> +<p>Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert +vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre +einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft +den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen, +plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den +Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:</p> +<p>"Hannes, hast du Geld?"</p> +<p>"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar +Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe—"</p> +<p>"Wieviel hast du Alles in Allem?"</p> +<p>"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen +Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich +weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"</p> +<p>Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für +den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher +erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten +und nie im Ernste.</p> +<p>"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht +lachen! ... Was kann ich für meine Armuth?</p> +<p>"Oh, die <I>reiche</I> Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula +noch gewollt, aber an Geld ist die <I>reiche</I> Emmerenz eben auch arm und ohne +Geld... ja ohne Geld ist—Vieles nicht zu machen!"</p> +<p>"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!" +sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.</p> +<p>"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß +ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das +Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!"</p> +<p>"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu +nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"</p> +<p>"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du +so blutjung und ich schon so alt bin!"</p> +<p>"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich +mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem +Beine hüpfend.</p> +<p>Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.</p> +<p>"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"</p> +<p>"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre! +... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der +Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in +der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ... +Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter +Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in] +meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der +Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der +Spaniol doch, <I>den</I> hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir +auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ... +Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs +thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz +es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein +Geld zu holen!"</p> +<p>"<I>Dein</I> Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter +stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ... +Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe +lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus +einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ... +Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die +Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]</p> +<p>"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld +mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"</p> +<p>"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es +nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ... +Wieviel ist es denn?"</p> +<p>"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich +gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und +ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß +auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und +mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen +selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe +gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht +gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.</p> +<p>"Du meinst den rothen Fritz, he?"</p> +<p>"Ja, <I>den</I> mein ich, <I>der</I> ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in +meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke, +der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das +Maul verzieht!"</p> +<p>"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"</p> +<p>"Aber ich desto mehr wider ihn!"</p> +<p>"Weßhalb denn?"</p> +<p>"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch +sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden +und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes +Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein +Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben +kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh +als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem +Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat +bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich +Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft! +... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist +bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister, +Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in +Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich +kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und +fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht +die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was +mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist +unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die +Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich +ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders +geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach +geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer +und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der +leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was +treiben könnte!"</p> +<p>Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes +angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor +leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie +das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:</p> +<p>"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß +ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist +rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in +meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem +Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als +daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz +paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem +hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu +nehmen!"</p> +<p>Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die +Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor.</p> +<p>"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben, +wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld, +woher nehmen und nicht stehlen?"</p> +<p>"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes +in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel +verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es +um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon +gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der +Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist +gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet +und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort +weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe +ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben +und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen +Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug +herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner +Nähe bleiben darf! ... Versprich es!"</p> +<p>"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"</p> +<p>"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch +einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der +tiefsten Verzweiflung.</p> +<p>"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und +vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln! +... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe: +Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und +zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei +bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen +Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein, +wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem +Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit +sich selber redend dem Adler zu.</p> +<p>Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes +fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät +heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse +auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst +kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne +einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte.</p> +<p>Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der +Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber +mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit +vielen Fragen und ließ ihn gehen.</p> +<p>Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen.</p> +<p>Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath +gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.</p> +<p>Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen +Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan +und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere +Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und +Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner +gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines +unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen +müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr +ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur +für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen +himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen +könne.</p> +<p>Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden +aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel +und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein +vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus +den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag.</p> +<p>Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf +den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht +anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es +schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.</p> +<p>Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen, +heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern +Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß +mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit +offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof +bald wieder freiwillig meide.</p> +<p>Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und +Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der +seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle +Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht +versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen, +hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune +aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so +weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des +Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die +Kirche die schwerste aller Arbeiten.</p> +<p>Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser +und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der +ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen, +so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich +und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und +tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm +ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine +unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein +wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum +unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was +dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können, +sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.</p> +<p>Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er +erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von +der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm +etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann +glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen +aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und +kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen +mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die +Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit +den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise +vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung +niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes +Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun +und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:</p> +<p>"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es +vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter +den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der +Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben +im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind +Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine +unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst +selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden +möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen +Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein +schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt +und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"—</p> +<p>Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und +Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der +Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal +bei Leuten laut werden ließ.</p> +<p>Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber +seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit +andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht +immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder +kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da +schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich, +wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die +Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner +des Gottesdienstes.</p> +<p>Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem +Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit, +Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu.</p> +<p>Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es +noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und +je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger +wußten ihm dafür die Dienstboten.</p> +<p>Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall +zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen, +damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und +dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und +plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die +Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und +während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll +gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das +Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und +unversöhnlich zu machen.</p> +<p>Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er +auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines +Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst +aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem +Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn +seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu +rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen.</p> +<p>Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute +wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue +mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer +der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und +veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer +Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar +oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines +Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer +größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und +an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine +Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten +und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich +einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht, +doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm +Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre.</p> +<p>Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von +ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich +etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien, +nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde +und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte +mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche, +deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um +offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.</p> +<p>Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der +friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch +einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel +und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit +seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten +trinken und lustig sein mit ihnen.</p> +<p>Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu, +der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die +Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:</p> +<p>"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht. +Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der +Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu +thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein +Geld den Wirthen zu geben!"</p> +<p>Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt.</p> +<p>Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann +einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und +endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.</p> +<p>An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel +zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit +silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in +Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.</p> +<p>Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse +traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der +Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem +Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er +unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu +thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim.</p> +<p>Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht +nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf +vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden +in Friede und Freude.</p> +<p>Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht +und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt +prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil +zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die +Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der +menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen +lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu +sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer +Knechte sehr ungern sähen.</p> +<p>Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das +Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich +gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne +Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das +Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein +erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er +ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."</p> +<p>Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im +Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern +ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen +Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit +den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes +mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant +vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder +verkauft hatte.</p> +<p>Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und +noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines +nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen +der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können.</p> +<p>Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten +spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem +Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter +Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom +Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies +erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht +darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi +zusammentraf.</p> +<p>Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er +während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten, +so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen +und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter +Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den +er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.</p> +<p>Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich +von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als +Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu +nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des +Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.</p> +<p>Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl +wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der +meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im +Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm +entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm +zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und +ging fort.</p> +<p>Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum, +die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den +vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in +Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen +Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig +genug entgegenschaute.</p> +<p>Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten +Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz +verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar +nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich +oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun +herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen +Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll +Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde +so auch mit der lahmen Alten bekannt.</p> +<p>Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau +oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was +er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit +seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch +angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb +er mit demselben zufrieden.</p> +<p>"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch +sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein +rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es +wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich +dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion? +Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt +und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder +halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht +gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im +Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal +einen guten Tag machst!"</p> +<p>Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des +Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf +dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und +bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.</p> +<p>Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und +verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus, +weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben +und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere +Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging +und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.</p> +<p>Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn +keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum +Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam +und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber +behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er +sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht +an die Zukunft denke.</p> +<p>Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm +der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es +ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in +Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und +wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch +Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus, +der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im +Zuchthaus.</p> +<p>Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch +sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und +während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für +ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten +Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch +wieder zu etwas besserer Einsicht.</p> +<p>Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk +bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer, +stärker und älter wurde.</p> +<p>In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig +nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur +tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an +sich.</p> +<p>Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an +manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum +zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und +wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.</p> +<p>Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen +und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held +nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner +und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen +kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte? +Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur +Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die +Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals +in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das +Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.</p> +<p>Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als +einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der +Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse +in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das +erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den +zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit +desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er +mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen +Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.</p> +<p>Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein, +Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin +fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths +half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu +finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging.</p> +<p>Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz +hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war +schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so +wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um +sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die +bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn +auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so +wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und +wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre +wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in +diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich +weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und +besser vor und das Liedlein:</p> +<p> Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß,<br /> + Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß!</p> +<p>wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr.</p> +<p>Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben +doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden +Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben +auch Augen.</p> +<p>Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem +armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht +abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem +Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie +jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm +Alles für Scherz auf.</p> +<p>Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen +Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die +Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch +in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen +zu reden und Gehör zu finden.</p> +<p>Allmählig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz für +sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stündlein zu +versüßen, welches sonst bitter ausgefallen wäre; ferner half er dieser bei +ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den +Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen +und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch +tragen mußte, ob es ihr gefiel oder nicht.</p> +<p>Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer +Granatenschnur prunkte, was der Hans um schönes Geld vom Randegger Juden +erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljährlich zweimal im +Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ältlichen Magd mit dem +hinkenden Schwarzwälder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest +verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die +Einzigen, welche nichts davon wußten und wissen wollten.</p> +<p>Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel +abgeschlossen würden, von sonderbaren Fügungen Gottes, von den Vortheilen +einer Ehe, in welcher die ältere Frau den jüngern Mann für sich recht +erziehen könne, von der künftigen Erbschaft der Emmerenz und der +Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer +Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblümt davon, es werde +das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans über ihrem Grabe die +Hände reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische +Musik—aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeißen, sondern vorläufig +vollkommen frei und ledig bleiben und erklärte in unwirschen Augenblicken, +eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend +ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes."</p> +<p>Es gäbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um +der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere hätte +alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits, +daß selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres +Helden nicht dämpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur +peinigenden und verzehrenden auflodern machte.</p> +<p>Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas muß aber +der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hält und bei ihm, in +dessen Gemüth einmal eingedrungene Gefühle und Leidenschaften tiefe Wurzeln +schlugen, deren Blüthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern, +war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er +beständig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschöpf +war, wurde der Anbeter auch von allen Stürmen des Tages und des Herzens +unerquicklich genug mitgenommen.</p> +<p>Weil die später folgende Geschichte des Duckmäusers voll von Liebe ist und +wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit +der verständigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den +Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied.</p> +<p>Jetzt leuchtet die Abendsonne über die weiten Getreidefelder der Baar, +schärfer und schärfer malen sich die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes im +tiefblauen Himmel ab, länger und länger werden die Schatten, am Fuße eines +Kreuzes, das weit in die einförmige Landschaft hinausschaut und seinen + +Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes +hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Händen und bewegt die +Lippen in inbrünstigem Gebete.</p> +<p>Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft +genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall +ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er wähnt, ohne die Emmerenz +gebe es kein Glück mehr für ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein +Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu können?—</p> +<p>Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen +eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend, +ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je näher er dem Ziele seiner nächsten +Wanderung kam, je gründlicher er Alles überlegte, was ihm vom Erfolge +derselben abzuhängen schien, desto ängstlicher schnürte sich sein Herz +zusammen.</p> +<p>Vom ursprünglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld +zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln für +sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im äußersten Nothfalle +Gebrauch machen und bittet Gott inbrünstig, diesen Fall <I>nicht</I> eintreten +zu lassen.</p> +<p>Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht +vergessen und Gott ließ ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn +zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der +seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat +erwiesen und ihn selbst in die Hände der Elsbeth geliefert hat.</p> +<p>Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat +seinen alten Schützling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich +bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom +letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der +Begegnung in der Baar da oben ausführlich erzählen lassen.</p> +<p>Manchmal hat der Herr den Kopf geschüttelt und den Erzähler scharf +angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende +Hannesle nicht zu einem lügenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser +nicht zuviel, sondern erzählte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn +er sah in der Begegnung mit seinem alten Schützer eine Fügung Gottes und +wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben +schaute, wollte keine Lüge über die Zunge, es war ihm schier als ob er +wieder einmal in einem Beichtstuhle säße und keinen Menschen, sondern einen +Engel vor sich hätte, welcher Gottes Allwissenheit theile.</p> +<p>Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes +geredet und nicht verschwiegen, daß und weßhalb er sich gerade auf dem Wege +befinde, diesen Plan auszuführen. Verwundert und fast traurig hat der +Pfarrer zugehört und dann dem Plane mit unbesiegbaren Gründen +widersprochen.</p> +<p>Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fühlen, Denken und Wollen, folglich +auch andere Gründe als die christliche Wahrheit und weil der Knecht +leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane +abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts +Stichhaltiges für das Ausführen desselben vorzubringen wußte.</p> +<p>Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar, +welchen die nächste, beste Gleißnerin mit frömmelndem Geschwätze lange +hinters Licht führt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder +Verkleidung, selbst in der der Frömmigkeit und religiösen Ergriffenheit, +durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel, +welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder +tausend Tagen heilen lasse.</p> +<p>Weil dieser offen erklärte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gänzlich +aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche für ihn endlich einen Brief +in der schönen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol +allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnöthig zu machen.</p> + +<p>Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten +Schützer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter +er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der +Geistliche habe die Worte viel zu milde und versöhnlich gestellt, so daß +wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich +dadurch rühren und zum Geldhergeben bewegen lasse.</p> +<p>Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdächtigungen und +Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefängnisse und +anderswo gehört, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben +auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Großen und Reichen das Volk +betrügen helfe und habe offenbar nicht gewollt, daß er seinen Zweck +erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das +Feld räume.</p> +<p>Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthäter hinein, findet +einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen +Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des +Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des +Ueberbringers, nämlich des Zuckerhannes, geschrieben ist.</p> +<p>Jetzt sitzt dieser betend am Fuße des Kreuzes und erhebt sich endlich +entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nähern, denn der +Eigenthümer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und +damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll.</p> +<p>Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflößt; langsam, mit klopfendem +Herzen hinkt er dem Hofe näher, der Kettenhund ist längst unruhig geworden +und fährt wüthend aus seinem Häuslein heraus, ein Knecht steht unter der +Stallthüre und betrachtet verwundert den Ankömmling, dessen Anzug +keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen +Sünders ziemlich ähnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich +dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thüre, bringt den Hund zum +Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes +kurze Gespräch:</p> +<p>"Was wollt Ihr?"</p> +<p>"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?"</p> +<p>"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten."</p> +<p>"Wann kommt er heim?"</p> +<p>"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch +ein Maul!"</p> +<p>"Ich muß unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?"</p> +<p>"Mit Tagesanbruch muß er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht könnt +Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?"</p> +<p>"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Päcklein +mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?"</p> +<p>"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!"</p> +<p>"Ihr seid doch die Hofbäuerin?"</p> +<p>"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen +entlaufen sein und es wohl sagen dürfen!"</p> +<p>"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und +behüte Euch Gott bis morgen neun Uhr!"</p> +<p>"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, könnt Ihr ja dableiben und ein +Gläslein trinken, bis mein Bauer heimkommt."</p> +<p>"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind +schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl +für jetzt!"</p> +<p>"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ... +Lebt wohl!"</p> +<p>Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus +des nahen Dorfes:</p> +<p>"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin +scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele +Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben +führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite +Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl +treiben mag!"</p> +<p>In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den +Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen +ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als +zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die +Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung, +der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging +nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später +die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge +trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern.</p> +<p>Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen, +war der Empfänger des Briefes, nämlich der <I>leibliche Vater des +Zuckerhannes</I>. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer +Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach +verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches +ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib +genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen +Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.</p> +<p>Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener +Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im +Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.</p> +<p>Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm +Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel +genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des +verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der +Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen.</p> +<p>Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der +Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange +Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen +die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den +Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte +und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war +mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um +Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche +dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten.</p> +<p>Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den +Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das +gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und +unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen +sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern +erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf, +nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und +beharrlich jede Antwort verweigerte.</p> +<p>Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt, +wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen +auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes +Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne +besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der +meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die +Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt +worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten +hätte.</p> +<p>Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt +eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die +schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen +hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen +zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus +Vielen" recht gut paßt.</p> +<p>Derselbe aber lautet:</p> +<p>"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich, +nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir +ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den +alten Tiger hat."</p> +<p>"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne +nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem +andern Stande angehört."</p> +<p>"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein +bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung +empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir +bisher zu Theil wurde."</p> +<p>"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"—</p> +<p>"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am +Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist, +leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet +derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was +Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen +Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt, +Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar +sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt."</p> +<p>"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste +Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast, +Du Unmensch!"—</p> +<p>"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der +Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und +geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast."</p> +<p>"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die +erlogenen Redensarten und Schwüre aufgetischt, welche jeder Verliebte +aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene +Eheversprechen in dein höllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke +deiner thierischen Lüsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen +Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr +Ehre im Herzen trug als Du."</p> +<p>"Zum Dritten bist Du ein Mörder, denn Du hast der Brigitte das Herz +gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglücke gelegt, +welches ihren frühen Tod herbeiführte."</p> +<p>"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar +Viele erliegen durch Schuld ihres Verführers dem geistigen Tode, der wohl +mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen, +verachteten und freudlosen Leben preisgegeben."</p> +<p>"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den +Todestritt und der Todtengräber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr +Gespenst auch niemals deinen Schlaf störte, so sind ihre Thränen und +Seufzer, ihre Anklagen und Verwünschungen doch von Gott gehört worden, denn +Er ließ mich leben und am jüngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich +ehrlosen, meineidigen Mörder als Anklägerin auftreten, wenn Du deine Schuld +nicht auf Erden erkennst und einigermaßen zu sühnen Lust bekommst."</p> +<p>"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann +und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und +ernste Buße thut."</p> +<p>"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, daß Du, Fesenmichel, vor mehr als 20 +Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher +und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber +ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung +schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser, +meineidiger, mörderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Ständen und +Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen: +Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle +Redensarten für Dich hast."</p> +<p>"Weißt Du, weßhalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem +Sündenschlafe aufzurütteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens +Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit +mehr als 20 Jahren täglich versündiget hast."</p> +<p>"Der zweideutigen, flüchtigen Freude einer Schäferstunde hast Du das +Lebensglück zweier Menschen geopfert, welche nichts Böses gethan haben und +die Folgen deiner lustigen Sünde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf +Erden und hinüber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglücklich +auf Erden durch Dich; wäre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den +Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen +Qualen der Hölle überantwortet worden, so trügest Du wohl die meiste Schuld +daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und +Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglücken."</p> +<p>"Ungemach und Unglück aller Art haben mich großgezogen, Dir zumeist habe +ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre +begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann für immer +verließest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen +pflegt."</p> +<p>"Hyänen, Löwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter +herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden +befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in +christlichen Landen laufen große Haufen viehischer Bauern und viehischer +Herren, die großartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem +Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und +arme Heiden thun und Christen vor Allem im höchsten Grade thun sollen."</p> +<p>"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zuständen eine Hauptquelle der +unermeßlichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit +lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel dürfen +sie sich mehr als allgemeines Gerede über das sechste Gebot erlauben, wenn +sie nicht von der empfindsamen, anständigen und doch so grundliederlichen +und verderbten Welt arg verkannt, verlästert und vom zahllosen Heer der +Religionsspötter, Staatsverbesserer und Unzüchtigen gesteiniget werden +sollen."</p> +<p>"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze <I>müssen</I> da aufhören, wo +allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in +den meisten Ländern das sprechendste Zeugniß ablegen, wie weit es unser +Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und ächten Sittlichkeit +hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu +zartsinnigen Erziehung sei."</p> +<p>"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen, +ganz im Gegentheil schützen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mörder und +Rabenvater vor jeder unsanften Berührung, aber ich nehme Dich doch am +Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott +gewährleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhämmerte, die +Gesetze mich dafür verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die +alleinige Verantwortung!"—</p> +<p>"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen, +verachteten, mißhandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es, +meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, daß ich die +bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mißhandlungen, +welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen ließen, +am Urheber räche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in +alle Ewigkeit in die tiefste Hölle hinabfluche und noch dort erwürge."</p> +<p>"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafür, wenn er in einem +Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube +würde gewiß bald und gerne zu einem "gnädigen Herrlein" sich ummodeln, wenn +es nur anginge; ferner ist das Weib schwächer als der Mann, ein +unerfahrenes Mädchen mit Schwüren und besonders mit schriftlichen +Versprechungen nicht sonderlich schwer zu übertölpeln.—Das Kind ist ganz, +die Mutter in den meisten Fällen sicher mehr als halb unschuldig, doch +Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter +Menschen und christlicher Nächstenliebe alle Schuld und alle Folgen der +Sünde, der Hauptschuldige und Hauptsünder dagegen wird kaum in Heimgärten +oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen +durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge, +seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren."</p> +<p>"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Sünde gestorben und ich habe diese +Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts +darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer +geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt +schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte +Hagar gerächt werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen +wie die Thiere der Wüste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen +willst!"—</p> +<p>"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge +wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen +keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits +angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die +erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst +ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?"</p> +<p>"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter +die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das +ist der Schuft!—dann hast Du den Rechten errathen!—Gelt, der <I>junge</I> +Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken +bekommen? Ich vermuthe, der <I>alte</I> Fesenbauer bekomme vom vielen Denken +noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen +lassen und mit Freuden unterzeichnet."</p> +<p>"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich +Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß +geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."</p> +<p>"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen +als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich +bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem +Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom +Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre, +würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den +Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar +keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder +machen!"—</p> +<p>"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und +vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn +werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen +und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch +irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst—wenn und +insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von +Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet, +geschweige noch zu erwarten hat."</p> +<p>"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der +verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu +machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer +Wohlergehen betet."</p> +<p>"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und +letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um +Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und +ewig unselig zu machen."</p> +<p>"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf +nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn +Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer +ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du +mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr +nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme."</p> +<p>"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und +Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug, +nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger +ertragen mag."</p> +<p>"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal +menschlich und christlich an Deinem</p> +<p> <I>Ismael Zuckerhannes</I>."</p> +<p>Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept +des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster +unanständiger Grobheit ärmer geblieben.</p> +<p>Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an +die Brigitte und ihren Bären gedacht.</p> +<p>Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der +heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den +Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner +schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während +der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte.</p> +<p>Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem +Hofe weg.</p> +<p>Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste +eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu +Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den +Hofbauern.</p> +<p>Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der +ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen +Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.</p> +<p>Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei +Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange +Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein +neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an +allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst +auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten—aber Alles änderte der +Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen +Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im +ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt +und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich +um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den +Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.—</p> +<p>Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen +ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren +froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte.</p> +<p>Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft +zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war, +um vor Amt erscheinen zu können.</p> +<p>Kein Unglück ohne Glück!—Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu +Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er +nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei +ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern +Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter +so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu +erklären.</p> +<p>Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche +Kleider.</p> +<H4><a name="5"></a>Ein Tag im Zuchthause.</H4> +<p> +Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond +schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für +ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines +bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem +Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen +stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen +wünschten—da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch +die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins +Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die +modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.</p> +<p>Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit +einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und +unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu +einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren +Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber +fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.</p> +<p>Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige +Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr +ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen +Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu +opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und +so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes +Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig +sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag +und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der +gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.</p> +<p>Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig, +still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und +Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen +und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust +bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu +fraternisiren—aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen +Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von +der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft +so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste +Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.</p> +<p>Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben +sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der +Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf +ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig +dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und +Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in +niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren +Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die +Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum +Handtuche gegriffen werden kann.</p> +<p>Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein +oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und +Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder +will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur +aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und +der Flinke ärgert sich über den Langsamen.</p> +<p>Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die +vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die +Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das +Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin +kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der +Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man +weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht +und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der +Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren +Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig +geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der +eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre +springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von +mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.</p> +<p>Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem +Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen, +durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die +Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten +durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem +Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher.</p> +<p>Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner +Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des +Tages in lautlose Stille verwandelt.</p> +<p>"Gebet!"</p> +<p>Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar, +dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen +Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt +Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens +versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden +falten die Hände und schauen in die Nacht hinein.</p> +<p>"Ab!"</p> +<p>Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu, +Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber, +welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.</p> +<p>Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die +Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine +Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt, +einige derselben sind uns bekannt.</p> +<p>Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5 +schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr +gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die +gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche +Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft +und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.</p> +<p>Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das +durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu +zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet, +derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am +Halse hängen habe—es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale +hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen +sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im +Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die +reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut.</p> +<p>Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen +und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe +zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet +beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides +zugleich der Fall sei.</p> +<p>Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein +Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen +verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu +"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch +hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus +dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und +ausschließlicher fleht er um dieselbe.</p> +<p>Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen +würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen +Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft +er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und +jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche +Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle +Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und +es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge +grauer Schelme mit Nutzen hört.</p> +<p>Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch +jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der +Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und +hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch +nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell +freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den +Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram.</p> +<p>Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter, +nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.</p> +<p>Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde +dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt +vielleicht das Interesse des Lesers—doch für jetzt lassen wir den armen +Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle +desselben.</p> +<p>Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute +Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten +bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt +hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen +Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der +lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und +verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.</p> +<p>Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in +den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen +Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten +Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.</p> +<p>Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten +Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das +emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle, +nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner +und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von +Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen +des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der +Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das +Klosterwesen des Mittelalters.</p> +<p>Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe +hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche +Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße +und Hände in Bewegung.</p> +<p>Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab, +während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt +aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem +fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher +ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der +hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.</p> +<p>Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in +die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert +von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.</p> +<p>Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann +schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank +zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen +Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein +kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt +sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen +hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz, +ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und +die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne. +"Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und +lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des +zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her, +doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das +Signal zur Wiederholung des Manövers.</p> +<p>Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und +erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen +jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und +dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der +Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen +Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.</p> +<p>Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute +Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des +Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran, +Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.</p> +<p>"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen +Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im +Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig +aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt.</p> +<p>"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel +soll den Staat holen!"—Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein +reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür +auf jede Weise beschädigt werden muß.</p> +<p>Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer +kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der +Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen +geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der +Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer. +Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber +schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in +diesem Augenblicke ein Glücklicher.</p> +<p>Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder +unglücklicher zu machen!—</p> +<p>"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes +springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der +Thüre.</p> +<p>"Wohin?"</p> +<p>"Hinaus!"</p> +<p>"Schon wieder?—Verfluchtes Geläufe!"</p> +<p>"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen +schweren Fluch über alle Leuteschinder.</p> +<p>Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein +ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und +darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem +Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses +Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem +Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine +abschlagen zu wollen.</p> +<p>"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher +erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.—"Von +wegen meiner Religion!"—"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen +halten!"—"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich +hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"—"Ja, was glaubst Du denn?"—"Ich +habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und +letzter Artikel!"—Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern +der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt.</p> +<p>"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!" +sagt der Exfourier und lacht höhnisch.</p> +<p>"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict +trocken.</p> +<p>"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer.</p> +<p>"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas +Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn +der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein +darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die +Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen +haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.</p> +<p>"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert:</p> +<p>"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer +meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch +schon zu Ende!"</p> +<p>"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes.</p> +<p>"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.</p> +<p>"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und +die Meisten gehen, während Andere kommen.</p> +<p>Allmählig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man +merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Sträflinge bereits geschlagen; +endlich ertönt die helle, schrille Stimme des Hausglöckleins, in einem Nu +werden sämmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straßenräuber brüllt mit +einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht +hätte:</p> +<p>"Suppe!"—Alle rüsten sich zum Abgehen.</p> +<p>"Ab!"</p> +<p>Die Gefangenen drängen sich nach der Thüre durch die Gänge und marschiren +im Gänsemarsch dem Hauptgebäude zu, still, geordnet, rasch, das einsame +Klirren der Fußkette eines Räubers gibt zuweilen den Takt an, mit +befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren.</p> +<p>Dort aus jener Thüre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen möglichen +Leidenschaften und Schicksalen durchwühlte Gesicht gegen den Zuckerhannes, +zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine möglichst +angenehme Krümmung.</p> +<p>Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, daß er zur alten Garde des +Zuchthauses gehöre, es ist der einäugige Stoffel, der Besenbinder und +Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefängnisse kennen lernten und welcher das +gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat.</p> +<p>Beim Eingange zum Hauptgebäude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen.</p> +<p>"Der alte Paul läßt Dich grüßen, Hannes!"</p> +<p>"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?"</p> +<p>"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er, +aber das Unglück verfolgt ihn. Hab Dir's ja längst auseinandergesetzt, daß +ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und daß er deßhalb +Händel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen, +das Unglück verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, daß das +Zuchthaus nicht das größte Unglück ist, was Einem begegnen kann!"</p> +<p>"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß +Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der +dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob +er hier hocke oder—."</p> +<p>Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich +in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der +Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein +verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen, +schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter +Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt +und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher, +der von Hand zu Hand geht.</p> +<p>Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen, +wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel +klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter +im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des +Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.</p> +<p>"Suppe!" schreit der Aufseher.</p> +<p>Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von +den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein +Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine +Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge.</p> +<p>Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn +kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch +oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den +Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit +nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.</p> +<p>"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen +setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen +Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf +die Seite stellen.</p> +<p>An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und +viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen. +Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße +unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele +schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein +müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg +ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so +groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost +bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher +auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen—Schuft werden kann.</p> +<p>Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der +badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung +der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer +der Fall gewesen sein möchte.</p> +<p><I>Selbstbereitung der Kost</I> von Seiten der Anstalt, wie dies im +Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte +übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger +Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das +Vortheilhafteste bewähren.—</p> +<p>Mancher leckt bereits sein Schüsselchen rein, das Affengesicht bettelt +Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem +Benedict an Einem Tische sitzt und längst als Wortführer der Sippe +anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und läßt den Duckmäuser +bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten übertreffe nimmermehr eine solche +Mehlsuppe.</p> +<p>Dieser bejaht, findet nichts zu wünschen übrig, außer einem "Pfifflein vom +Alten" als Würze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter +müsse sicher auch vom tüchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein +hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben.</p> +<p>Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause, +geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schließlich die +"Großköpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein.</p> +<p>Das Gespräch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen +gefällt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will.</p> +<p>"Dort drüben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Löffel durch +das Fenster, "dort drüben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter- +und Räubergeschichten gelesen und tief über die heutige Welt und Lumperei +nachgedacht. Wenn ich die armen Sträflinge so betrachtete, wie sie bleich +und hungrig an mir vorüberschlichen und die Nase sehnsüchtig nach dem +Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor +Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in +Büchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mißhandelt Euch +doch im Leben. Was könnt Ihr dafür, weil Ihr zu spät auf die Welt gekommen +seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschäft adelicher Herren +mehr sein darf und gemeine Leute dafür eingesperrt und gehängt werden? +Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bändelland keine +Abruzzen und kein Estremadura? Weßhalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen +statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich +gedacht hätten, wären wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack +weggelaufen, um als freie Männer zu leben und den Reichen die Schädel +einzuschießen. Wir hätten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten, +leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf +dem Wege unsere Beutel und Schnapssäcke füllen und manchem Schurken den +wohl verdienten Lohn geben können! ... Ich wäre als Karl Moor +vorangegangen, meine Braune hätte ich als Amalie oder Emilie oder wie das +Theatermensch heißt, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine +Braune nicht auch zur Büchse gegriffen und in die liederliche Welt +hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und freß unschuldige +Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Küche und hat Abends +vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!—Der Teufel soll die Welt, +den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich +habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das +Kriegsgericht an mir verübte, gut gemacht und meine Schmach blutig +abgewaschen ist!"—</p> +<p>Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest +überzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte.</p> +<p>Er gehörte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd +oder auch gar keines unter der glänzenden Uniform tragen und nach +zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mägdewelt ward endlich auch er +erobert. Eine handfeste, stämmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen +Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lächeln so +süß als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und +was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier +Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt +und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre +sich täglich weniger zusammenreimen ließen.</p> +<p>Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch.</p> +<p>Die Gebieterin der Nymphe trug einen prächtigen Schawl, die Nymphe wollte +einen ähnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben.</p> +<p>Bitten und Thränen, Vorwürfe und Schmollen brachten den ohnehin stark +verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige kühne +Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn +mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Füßen und erndtete der Minne Sold, +nur die Angst vor Entdeckung trübte seine Seligkeit. Mindestens Ein +Pöstlein mußte rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen +wollte, deßhalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft, +welche sich für ihn in einem feisten Corporal verkörpert hatte.</p> +<p>Die Freundschaft saß gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und +nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel +tiefster Verschwiegenheit.</p> +<p>Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den +Kameraden groß an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie +einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an +Münze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und +während der Fourier denselben noch mit trüber, rathloser Jammermiene +betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglücklichen zum +Schluß einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schütten und ohne +Entschuldigung fort zu gehen.</p> +<p>Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spaß +der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn +die Stunde des Zapfenstreiches war da.</p> +<p>In Todesangst läuft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten, +dritten und vierten Busenfreund und erhält von Dreien Nichts, vom vierten +den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei +vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem +Augenblicke ihn bereits verriethen.</p> +<p>Er weiß nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore +hinaus. Es war eine schöne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele +poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und +unglückseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als +"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehört. Der Hauptmann sieht und +erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdächtig, er +hält ihn an und arretirt ihn.</p> +<p>Aber ein Liebhaber der Romantik läßt sich keineswegs mir nichts dir nichts +auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und +erst ein glücklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in +Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute +reden auch ein Wörtlein und eine Stunde später sitzt unser Held +krummgeschlossen im "Dunkelarrest für Unteroffiziere" und sinnt über +Schicksalstücke voll Weltschmerz nach.</p> +<p>Jetzt sitzt er für eine hübsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und +Aufklärung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und deßhalb +ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmäusers, den er +übrigens in innerster Seele anwidert.</p> +<p>Der Duckmäuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr +werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und während +jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt, +will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch über Alle herrschen.</p> +<p>Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthäuser, der Mensch mit seinen +Leidenschaften bleibt überall derselbe, wenn nicht die übernatürliche Weihe +der Religion sein Wesen allmählig veredelt.</p> +<p>Von einer derartigen Veredlung weiß der Exfourier mit seinen Kameraden +wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend- +Glauben verloren und ein langes Sündenleben, oft in Verbindung mit +mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemüther verwildert und +verkehrt.</p> +<p>"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer +wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das:</p> +<p>"Stille, Stille!"</p> +<p>des Aufsehers den Redefluß des Exfouriers für eine Weile unterbrochen hat.</p> +<p>"Im Krankenzimmer ist's schändlich langweilig, die paar alten Schunken, +welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist +jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stück +Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Diät +und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wäre doch froh, wenn ich +wieder einige Tage droben sein könnte, um der Abwechslung willen und um aus +der leidigen Kirche bleiben zu können!" murmelt der Exfourier.</p> +<p>"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he, +he, he! ... Ich weiß, wie man Doktoren auch im Zuchthause über den Löffel +barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut +bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster +hinaus!</p> +<p>"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich +gesessen, er weiß Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm +beliebt."</p> +<p>"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier.</p> +<p>"Was krieg ich, he, he, he?"</p> +<p>"Fünf Päcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmäuser.</p> +<p>"Zehn Päcklein!" bietet der Exfourier.</p> +<p>"Zehn Päcklein und fünf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht.</p> +<p>"Zehn Päcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet +der Kilian.</p> +<p>"Ich, es gilt, topp!"—Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und +kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurück, der ein +freudebringendes Geheimniß erfahren.</p> +<p>"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und +wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist +so dumm, daß ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der +Exfourier der ganzen Tischgesellschaft.</p> +<p>Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lüge. Er gab dem +Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen +und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt +kein Verräther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem +Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und deßhalb hat der Exfourier +auch "auf Ehre" schwören müssen, in den nächsten vier Wochen noch keinen +Gebrauch von der Sache zu machen.</p> +<p>"Gebet!" ruft der Aufseher.</p> +<p>Die Aufseher legen ihre Schüsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich +und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es +lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher würden 60 bis 70 Esser dieses +Saales nicht vollkommen im Zaum halten können.</p> +<p>"Was hat denn der drüben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen +Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinüber.</p> +<p>"Ein altes Weib ausgeplündert und alsdann ins Kamin gehängt! ... Nein, +einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen +Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herüber.</p> +<p>Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehört, das Gelächter ärgert +ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn:</p> +<p>"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich +machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen +läßt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!"</p> +<p>"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier.</p> +<p>"Hör, Du, Hasengosche, fährt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst, +dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem +Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an <I>dem</I> Tische, wo ich sitze, +muß Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!"</p> +<p>"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist +Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat.</p> +<p>"Der Teufel hat mit der wüstesten, ältesten Hexe in der Mainacht das +Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier.</p> +<p>"Beleidiget und quält Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der +Duckmäuser.</p> +<p>"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig +hergekommen, Gott weiß es und wird meine Ankläger, Zeugen und Richter +finden."</p> +<p>"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner.</p> +<p>"Bst, der Aufseher kommt!"</p> +<p>Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und +erzählt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es +thun, Alle werden für den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese +werden dann Alles rundweg läugnen und dennoch bestraft werden, aber das +Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte gründlich +bessern.—</p> +<p>Wiederum ruft das Glöcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die +Speisesäle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder +bei seiner Arbeit.</p> +<p>Der Zuckerhannes hobelt rüstig darauf los, er ist im Zuchthause kein +heuriges Häslein mehr und weiß seine Zeit so einzutheilen, daß er stets +bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen +oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig +verfertiget.</p> +<p>Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefängnißbeamten, Erhaltung eines +lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskräfte und Heranbildung +von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelöst, als die zahlreichen +Schwierigkeiten von Außen und Innen, Oben und Unten es erlauben.</p> +<p>Der Zuckerhannes hätte ein Handwerk erlernen können, aber er mochte nicht +und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfügens, welche wenig +Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wäre im Stande ein +doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhöhen, aber er that dies +nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er muß, denn +erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine +Macht der Welt wäre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu +überzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als +möglich nützen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk +Schnupftaback, diesen mächtigen Beweger eines Sträflingsgemüthes und Butter +tauscht unser Held für manche Fleischportion ein.</p> +<p>Er thut somit gemächlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und +plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frühern Todfeinde, dem Bläsi, +welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete.</p> +<p>Bläsi ist wegen unvorsätzlicher Tödtung bei Raufhändeln auf einem Tanzboden +zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen +Hochmuth furchtbar erschüttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott +und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt.</p> +<p>Er hält seine Strafe lediglich für ein unverdientes Unglück, bleibt zu +stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die +Meinung der Menschen galt ihm stets als höchstes Gesetz, jetzt ist er in +dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein +Innerstes beständig durchwühlt.</p> +<p>Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der +Menschheit und Martyrer der großen Zukunft, niemals vergessen, das Leben +unter Sträflingen und das tägliche Anhören ihrer Geschichten hat ihn gegen +Verbrechen abgestumpft und für die Leidensgenossen eingenommen.</p> +<p>Gutmüthig ist er dem Bläsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen, +ist unfähig, den Einfluß zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein +Schicksal ausübte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul während +des Morgenessens erzählt.</p> +<p>Bläsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und +Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber +das Anzeigen desselben findet er nicht schön.</p> +<p>"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.</p> +<p>"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und +entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu +verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer +dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der +Neuling.</p> +<p>"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht, +was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß +nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere +gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein +Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah +ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf +einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal +aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas +Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann +hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und +Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der +ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache +machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne +ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und +das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme +des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt +hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen, +kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und +weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute +Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und +Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem +Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen, +aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat +er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der +Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den +Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht +droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich +doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"</p> +<p>"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner +Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht, +denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit +Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn +sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht +es bei diesem und Andern böses Blut!"</p> +<p>"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen +nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut. +Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben +Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen, +das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll, +weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken, +bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller, +gutmüthiger Riese.</p> +<p>"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.</p> +<p>"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt +ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.</p> +<p>"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter +kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich +heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an +seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das +ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und +kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen +verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es +absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.</p> +<p>"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom +Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der +Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich +aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den +Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche +herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit +nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.</p> +<p>"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim +Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er +der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell, +die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt +oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum +zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja +die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein +und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual +wird!" meint der Duckmäuser.</p> +<p>"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den +Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts +zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch, +wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem +geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor +er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi.</p> +<p>"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er +Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister +entgelten!"</p> +<p>"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre. +Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ... +Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst +verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der +Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen.</p> +<p>Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen +Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde +tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt?</p> +<p>"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer +mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem +hobelnden Zuckerhannes zu.</p> +<p>"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes +Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.</p> +<p>"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind +schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du +nicht geglaubt?"</p> +<p>Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung +vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig, +doch sammelt er sich rasch:</p> +<p>"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder, +aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin +doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit +gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die +Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held +finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen.</p> +<p>In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die +Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen +thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.</p> +<p>Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er +selbst!—In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und +Schluchzen in die Werkstätte herein.</p> +<p>"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister.</p> +<p>Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich +hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich +und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten +Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt +Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand +vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?</p> +<p>Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute +zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins +Krankenzimmer gesprochen worden.</p> +<p>"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen +ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth +bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor +keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser +Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken +sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor +zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ... +Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr +brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins +Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig +wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde, +wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab! +... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu +melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel +geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen, +Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.</p> +<p>"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob +<I>er</I> die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir +Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht +besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern +Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah +ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen +Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im +Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da +umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von +Neuem auf.</p> +<p>"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!" +droht der Aufseher.</p> +<p>"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.</p> +<p>"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener.</p> +<p>Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere +Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin.</p> +<p>"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig.</p> +<p>"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem +Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.</p> +<p>Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die +Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab:</p> +<p>"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"</p> +<p>"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der +Bläsi.</p> +<p>"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der +Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist.</p> +<p>"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu +arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.</p> +<p>Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein +naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern +herein tönt dumpfes Trommeln.</p> +<p>Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie +herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert. +Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen +Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig +vor sich hat.</p> +<p>Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande +führt.</p> +<p>Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er +zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann +erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im +zweiten zu Boden schlägt.</p> +<p>Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base +vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden +vermacht.</p> +<p>"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde +Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus +beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der +Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher +nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß +ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich +Nichts!</p> +<p>"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück +auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum, +was er spricht.</p> +<p>Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank +zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der +Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen +Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu.</p> +<p>Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine +Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt +eine große Thräne auf den Fügebock.</p> +<p>"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt +dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den +Hobel ingrimmig zu Boden.</p> +<p>"Bst, bst!" warnt der Aufseher.</p> +<p>"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem +Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.</p> +<p>Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den +Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und +räumen dem <I>Schweigsysteme</I> die Oberherrschaft ein.</p> +<p>Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt, +auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die +Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und +erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.</p> +<p>Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden, +aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb +aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum +erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf +wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich +jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden +und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste +verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches +besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig +oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und +Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen +wird.</p> +<p>Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer +Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger +Ersprießliches erzielten.</p> +<p>Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das +Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von +Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen +ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um +das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des +Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und +Bekehrung unzugänglich zu machen.</p> +<p>Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und +jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß +es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer, +stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein +und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen +lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene +System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des +Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer +Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft +nimmermehr zu erreichen vermag.</p> +<p>Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen +der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen +und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling +leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und +der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und +Selbstmörder werde.</p> +<p>Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen +desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die +einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und +reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die +Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen +oder Stockfischen zu werden, <I>sich selbst zu isoliren</I> und weil dies nicht +angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der +Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu +begehen.</p> +<p>Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit +schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen +innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die +Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch +tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten +Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne +gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen, +strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den +meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine +unmögliche Sache.</p> +<p>Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke +Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem +unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet, +schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser, +blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das +undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht +versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen +Gänge des Saales sich hindurchwinden.</p> +<p>Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und +zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die +Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme +hörbar, nämlich die des Werkmeisters.—</p> +<p>Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele +für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte +dies länger dauern als der Besuch währt?</p> +<p>Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und +Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden +und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister +ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn +gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine +Gewalt erzwingen.</p> +<p>Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als +Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige +Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.</p> +<p>Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten +in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich +gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den +unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist +bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt.</p> +<p>Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute +Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben +durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist +lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann +plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die +Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur +keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden.</p> +<p>Und bei den Holzhackern!</p> +<p>Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit +dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher +unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht? +Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch +moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel +nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden.</p> +<p>Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer, +vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger +zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen +hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt +er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt.</p> +<p>Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen +Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung +desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch +Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe.</p> +<p>Der Angeredete seufzt tief auf und weint:</p> +<p>"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube +an kein Glück mehr!"</p> +<p>"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut +werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.</p> +<p>Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet, +der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster:</p> +<p>"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere +und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als +Oberschinder anstellen lassen! ... In <I>seinen</I> Beutel wird er dein Geld +gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"</p> +<p>"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den +lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste +hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht! +... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!""</p> +<p>"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber.</p> +<p>Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben.</p> +<p>Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies +finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur +beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer +Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur +Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu +einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der +es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen +im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die +wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken +der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm +einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat +ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in +verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes, +ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem +entehrenden Sträflingskittel.</p> +<p>Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel +ins Gewölbe herab:</p> +<p>"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen +Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem +schmucklosen Betsaale zu.</p> +<p>Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich +von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich +rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich +hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden.</p> +<p>So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung +schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm +steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten +Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum +Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu +finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem +heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht.</p> +<p>Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei +alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth +gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt +der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt:</p> +<p>"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem +Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand +längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein +minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir +Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen <I>dich</I> daran +kriegen!"</p> +<p>"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb +und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat +erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und—"</p> +<p>"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers.</p> +<p>Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt +der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster +verstummt.</p> +<p>Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten +Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere +Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber +nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders.</p> +<p>Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche +Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern +Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise +Bewegung.</p> +<p>"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere +Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.</p> +<p>"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten +Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und +hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.</p> +<p>"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor +Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer.</p> +<p>"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... <I>Wir</I> schwere Sünder? +Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.</p> +<p>"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst +du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.</p> +<p>"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem +Nachbar ins Ohr, warum, und—</p> +<p>"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.</p> +<p>"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.</p> +<p>"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen +Leuteschindern weg bin, dann soll mich—!" murmelt ein kleiner Knirps und +wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.</p> +<p>Der Geistliche will heute eine kleine Prüfung anstellen, um sich zu +überzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig gesäet, doch ein +bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jüngst Angekommenen +wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur +wenige Bücher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder +nachzudenken und wie Mancher schläft ein in der schwülen Luft des +überfüllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken außerhalb +der Gefängnißmauern herum, wie mancher liest während des Unterrichtes ein +wildfremdes Buch oder paßt nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten +und critisiren zu können!—</p> +<p>Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene +bleibt beim fünften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte +verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fügt auch +kurze befriedigende Erklärungen bei.</p> +<p>Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach +Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.</p> +<p>Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur +verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei +den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und +Andere müssen dieselben wiederholen.</p> +<p>Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein +Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als +stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage +wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die +Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele +seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun—er stiehlt eine +Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt, +nämlich ins Zuchthaus zurück.</p> +<p>In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere +gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl +der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und +Spitäler.—Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!—</p> +<p>Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er +hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt +empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom +Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine +ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.</p> +<p>In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person +wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln +ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den +gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren. +Auch stände nichts davon in der Hausordnung.</p> +<p>Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug +genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen +weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen.</p> +<p>Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein +unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert, +der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben +absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug, +um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich <I>das Erwischtwerden!</I> +—Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster, +denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen, +weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille +wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt. +Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte, +nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen +Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der +Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und +entfernt sich traurig und wehmutsvoll.</p> +<p>Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die +Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits +von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem +Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.</p> +<p>Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit +Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser +Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals +über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind +ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger +ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte +Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht, +dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht +ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem +Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich +der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den +Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!—</p> +<p>In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren +der Löffel, Messer und Schüsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem +Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"— +allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert.</p> +<p>Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum +Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmäuser spricht an seiner Stelle +recht deutlich, kräftig und andächtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die +Aufwärter mit den Suppenschüsseln herbei, der Speisezettel lautet heute +vortrefflich, deßhalb herrscht eine ziemlich gleichmüthige und oft heitere +Stimmung unter den Gefangenen.</p> +<p>"Reissuppe—Kartoffelschnitze—Rindfleisch!"</p> +<p>Morgen wirds lauten:</p> +<p>"Wassersuppe—saure Bohnen—Ende!" und mehr als ein alter oder junger +Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begnügen, +dagegen werden die Vielfraße wiederum einen Freudentag haben. Alte Häuser +wissen von Manchem zu erzählen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen, +Mancher hat dem Affengesichte schon einen ähnlichen Tod prophezeit, aber +dieser läßt sich dadurch nicht rühren, bettelt und erhandelt die Schüsseln +Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre +Ueberreste zu, er ißt Alles, was er bekommt und hat der Heißhunger den +Straußenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige +oben drauf.</p> +<p>Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht muß heute +fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle +entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen.</p> +<p>Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod +eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer +versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und +wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer +hungrig.</p> +<p>In allen Sälen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer +antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum +Anknüpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung.</p> +<p>Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente +"schwarze Loch" ab, dafür wird das religiöse Gespräch im Saale desselben +und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter.</p> +<p>Wir werden uns hüten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren +über die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Buße +und des Altars, über den Erlöser und dessen jungfräuliche Mutter, über alle +Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer +Halbgebildeten oft genug anhören mußten und möchten nur dreierlei jedem +Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nämlich:</p> +<p><I>Erstens</I> liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der +Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre +tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst +nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht +des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem +Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und +Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich +gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt +hinein.</p> +<p>Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben +dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere.</p> +<p>Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das +Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen +Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl +aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur +gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben +die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze +beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben +vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für +strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr +schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen +Richter zu thun zu bekommen.</p> +<p>Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter +vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als +gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig +um deren Predigten.</p> +<p>"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das +Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst +bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein +Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern +Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen +nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo +und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war +sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber +wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann +ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche +Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich +dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden +und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen +und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses +zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich +dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur + +Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt! +... Gibt es Einen, dann kommen <I>wir</I> in den Himmel, jedenfalls vor den +Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können +<I>wirs</I> nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und +wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in +einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und +vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu +bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und +pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und +Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht +und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition, +aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele +Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald +oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen +wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in +die Stadt hinaus darf!"</p> +<p>So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der +Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die +Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern +geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt:</p> +<p>"<I>Der</I> kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier +sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"</p> +<p>An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und +heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres.</p> +<p><I>Zweitens</I> nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der +Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes +eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen +sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und +Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen +Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der +Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden +Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es +sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich +derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums +entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung +und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und +literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen +Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst +geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst +bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur +bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion +überhaupt gesteigert.</p> +<p>Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in +religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und +die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den +Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar +untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen +Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die +Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über +das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den +Christenmenschen Siege feiern zu lassen.</p> +<p>Das gegenwärtig lebende Geschlecht hat von seinen Vätern durchgängig eine +sehr elende religiöse Erziehung ererbt, die der positiven Religion +gleichgültig, gehässig oder auch todesfeindlich gegenüber stehende +Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft, +das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen +überwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und +Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich +liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen +und wenn gründlich gelehrte Männer oft wie Kinder reden, sobald von der +katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, daß +die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus +fremd, lau, mißtrauisch und feindselig gegenüber stehen erstaunlich groß +und fortwährend im Zunehmen begriffen bleibt.</p> +<p>Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwährend in und mit dem +Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtümer und Lügen der Zeit und +was ihnen an umfassender Bildung und gründlicher Gelehrsamkeit abgeht, +ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstümlichen Witz +und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens.</p> +<p>Es ist erstaunlich, wie aufgeklärt Schustersjungen und Schneidergesellen +heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich +geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europäischen +Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bündig an jedem Biertische +über den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen +Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird.</p> +<p>Wer das Volk genau kennt und tagtäglich in Berührung mit den +verschiedenartigsten Menschen tritt, der weiß am besten, wie gewaltig der +Geist des Widerspruchs und der Empörung geworden und wie scheinbar er +gebändiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen +Anfängen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar +zu wähnen, es ließe sich in einigen Jährlein gut machen, was mehrere +Menschenalter sündigten, der wird auf eine aufrichtige Rückkehr des jetzt +lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der +Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen +Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen +herrschender Ansichten und Grundsätze, nämlich vor einer sozialen +Revolution und der schauderhaften "großen Zukunft" des Spaniolen erblicken.</p> +<p>Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des +Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des +Unglaubens, welche mindestens von den Männern des Proletariats am liebsten +gehört werden.</p> +<p>Die Welt ist ein großes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach +in kleinen Zuchthäusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen +und verderblichen Büchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine +strenge Hausordnung wird möglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer +suchen rohsinnliche Naturen für höhere und edlere als rohsinnliche Genüsse +empfänglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des +Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert +jeden Sträfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den +verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen—dennoch ist von wahrer +Besserung in Sträflingssälen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und +Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie +beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich für immer.</p> +<p>Einen Grund dafür finden wir auch in dem Umstande, daß Halbgelehrte und +Halbgebildete in jedem Sträflingssaale sich finden und ihre Kameraden im +Grunde mehr beherrschen, als sämtliche Vorgesetzten zusammengenommen.</p> +<p>Allenthalben herrscht der Gebildetere über den Unwissenden und Rohen und +wenn der Sträfling von vornherein geneigt ist, den besten +Gefängnißgeistlichen mißtrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von +Herzen gern einem Leidensgefährten.</p> +<p>Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdächtigt und +verläumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit +welchem ein Sträfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich +verspottet, verhöhnt und verdächtiget zu werden? Was der Geistliche bei +diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nächste, beste +Fanatiker des Unglaubens in fünf Minuten oder noch rascher durch einen +derben Witz.</p> +<p>Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener +gloriosen Gefängnißkundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und +Großartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen +wollen?—</p> +<p>Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens üben mächtigen Einfluß auf die Armen +außerhalb der Gefängnißmauern aus, sie beherrschen auch als Sträflinge die +Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefährten und sind eigentliche +Verderber der Besserungsfähigen unter denselben wie des gesammten +Proletariates.</p> +<p>Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Sträflinge gelegenheitlich bei +Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich übernahmen, es ist auch +begreiflich, weßhalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene +den wahnwitzigsten Träumern des Sozialismus in die Arme stürzen und bei der +wachsenden Anfüllung und Ueberfüllung aller Strafanstalten möchte einsame +Haft für die verderbtesten, so wie für halbgebildete Verbrecher eine +Maßregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine +unsterbliche Seele besäßen und nicht die Bestimmung hätten, Glieder am +Leibe Christi zu werden.</p> +<p>Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine +Kameraden und machen Strafhäuser nicht zu Kasernen der Revolution.</p> +<p><I>Drittens</I> endlich ist das enge Beisammenleben von Sträflingen +verschiedener Confessionen für die auf den Grundlagen der positiven +Religion allein mögliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der +Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der +Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen +Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Sträflinge wissen +gemeiniglich nicht gehörig zu erwidern oder sie mögen weder für Jesuiten +noch für Dummköpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten +gewöhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte +Sträflinge den Israeliten gegenüber gewöhnlich das Gegentheil und aus all' +diesem folgt, daß die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der +religiöse Frieden ungestört bleibt.</p> +<p>Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte +und etwas belesene Sträflinge vertreten die Rolle der Priester des +Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen +befördert kein Anschmiegen an positive Religion—woher soll da die +Besserung kommen?</p> +<p>Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermögen und kehren +nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurück, in +welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen +Rechtes" in seiner gewohnten Art erläutert.</p> +<p>Der Aufseher stört diesmal den Redefluß des gelehrten Mannes, der +Zuckerhannes erfährt nur noch, die großen Fische fräßen die kleinen und das +sei historisches Recht und das Gespräch wird rasch auf die Begnadigungen +gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen.</p> +<p>Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Verträglichkeit zu bekommen, +setzt sich einen Augenblick neben den Duckmäuser, hört dem Gespräche zu und +meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gönnten, sei eben doch wegen +Straßenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung +unwürdig.</p> +<p>Auf solche Rede hin versetzt der gegenübersitzende Mordbrenner dem armen +Hasenmaul einen Stoß auf die Brust, daß es über die Bank hinabpurzelt und +laut aufschreit.</p> +<p>In diesem Augenblicke ruft das Glöcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher +muß zur Thüre hinaus auf seinen Posten, der Lärm der Sträflinge hat den +Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drängt Alles der Thüre zu. +Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein +Wort könnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmäuser +sucht Beide zu beschwichtigen, erklärt letzterm, er habe Unrecht, dem armen +Jost das bischen Freiheit zu vergönnen und sagt:</p> +<p>"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher +niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die +eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder +hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe +der Hunger thut?"—</p> +<p>Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im +Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur +Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem +Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der +Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und +Entlassene oft genug behandelt werden.</p> +<p>An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr +oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos +zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und +Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!—</p> +<p>Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das +Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren, +Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler +schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen +einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der +Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe, +schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter, +pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche +Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen—dieser hundertstimmige Lärm +mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an +Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende +Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des +sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.</p> +<p>Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen +sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke +steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu +Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.</p> +<p>Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen +Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben +ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den +tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften +Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte—doch kein geschaffenes +Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, <I>tägliche Gewohnheit</I> +stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das +Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt, +stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu +freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch' +unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen +guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich +drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem +Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird +und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages +dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele—aber hat er +draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er +jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin +im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen? +War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe +Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu +erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause +wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren, +weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine +Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen +seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum +Durchbruche gelangte.</p> +<p>Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die +Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier +dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich +den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.</p> +<p>Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts +von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel +ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet +und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.</p> +<p>Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im +Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken, +er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu +behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm +schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist +voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach +überboten, anwiderten.</p> +<p>Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der +Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe +zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit +lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind +beide Freunde geblieben.</p> +<p>Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers +erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben +vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine +Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich +verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge, +mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt.</p> +<p>Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit +sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine +Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen.</p> +<p>Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen +zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird +jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von +denen er nichts zu befürchten hat.</p> +<p>Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf +Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben +sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals +sähe!—</p> +<p>Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu +Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich +der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse, +bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten +deßhalb gescholten oder bedroht werden kann.</p> +<p>Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne +ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das +Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht +daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung +betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen!</p> +<p>Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven +Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den +weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender, +der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern +niemals ein Buch lesen!—</p> +<p>Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten +Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher +Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!</p> +<p>"Hof!—Hof!" ruft es durch das Haus.</p> +<p>Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den +Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an +Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig +und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende +Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.</p> +<p>Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber +seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die +Stiege hinab in den Hof.</p> +<p>Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng +beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin +und her, der ein längliches Viereck bildet.</p> +<p>Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte +desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge +herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte +schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und +auswendig erträglich aussehe.</p> +<p>Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden +Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen +Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit +vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem +Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt, +genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft +und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden, +abschneidet.</p> +<p>Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der +Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch +eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden +hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.</p> +<p>"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und +während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger +in den Hof hinaus.</p> +<p>Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt +der Ruf. "<I>Vier Uhr!</I>"—dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein +plötzliches Ziel.</p> +<p>Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse, +welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den +letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken +lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!—hörbar +geworden.</p> +<p>Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die +einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte +gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen.</p> +<p>"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der +Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem +Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen, +an welchen er Antheil haben soll.</p> +<p>Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der +feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen +Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor, +vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von +einem Eßkünstler in sich hat.</p> +<p>Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und +einige Tropfen ranzigen Brennöles daran—der Zuchthaussalat ist fertig und +mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher +aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.</p> +<p>Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide +betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den +Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei +Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!—</p> +<p>Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter +des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der +Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate +erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch +nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im +Strafbuch nach sich ziehen könnte.</p> +<p>Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends +auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier +ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu +empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das +Affengesicht erhält jedoch den Vorzug.</p> +<p>Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und +steht auf den Treppen der Eingangsthüre.</p> +<p>Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen +Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt +plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu +drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht +er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt.</p> +<p>Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter +der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:</p> +<p>"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm +gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse +habe?"</p> +<p>"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt +den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte.</p> +<p>"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt, +hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal +manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort.</p> +<p>"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins +Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er +behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um +keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir +selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit +er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe."</p> +<p>"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest +gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag +und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein +Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken +lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht +einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen +Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder +herausgenommen."</p> +<p>"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist +fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und +werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren +Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich +übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als +Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an +Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür +Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus. +Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen +durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und +hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er +zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat +nicht gewesen! ..."</p> +<p>"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte +einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden +andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet +oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist +nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und +Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..."</p> +<p>"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so +geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser +nachdenklich.</p> +<p>"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte +ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und +wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge +ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.</p> +<p>"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das +Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt +der Duckmäuser.</p> +<p>"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz +dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und +Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals +ein, auch einen <I>Verein gegen Menschenquälerei</I> zu stiften?" fragt der +Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird +bis über die Ohren roth.</p> +<p>"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das +Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch +eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt +Einer.</p> +<p>"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte +sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier.</p> +<p>"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der +Zuckerhannes.</p> +<p>"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige.</p> +<p>"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet, +es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen +wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und +verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!"</p> +<p>"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So +ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...</p> +<p>"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit +der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint +auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch +vor 3 Wochen und—"</p> +<p>"Zur Arbeit, Leute!"</p> +<p>unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der +Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück +und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am +Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund +Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen +Tagwerkes nicht zurückbleiben.</p> +<p>"<I>Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!</I>"</p> +<p>Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36. +Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling +mit Widerwillen.</p> +<p>Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein +dankbares und segensreiches.</p> +<p>Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers +und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich +gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten +sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich +verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer +arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.</p> +<p>Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben, +Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen +auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem +unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu +beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an +Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen +Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen +Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs +vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem +Auswendiglernen gänzlich ein Ende.</p> +<p>Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der +Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und +pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und +belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft +durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in +neuen Verbrechen abzuhalten.</p> +<p>Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden, +Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche +Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk +gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den +Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine +klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben—doch im Ganzen sind und +bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange +die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.</p> +<p>"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder +auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben +ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser +Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein +beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der +Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.—</p> +<p>Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt, +später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und +unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist +ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur +Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs +ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der +zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der +dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen +ereignißreichen Tages.</p> +<p>Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der +Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er +den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut.</p> +<p>"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"</p> +<p>"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im +schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch +zusammenbrennen würde und ich damit! ..."</p> +<p>"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"</p> +<p>"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja, +daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle +Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen +Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig +gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der +Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man +fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter +wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"</p> +<p>"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich +früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit +triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und +stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres +hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, +als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an +welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine +Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"</p> +<p>"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch +bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar +ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten? +... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen +mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß, +doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den +Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle +Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz +zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude +verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch +die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war +ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."</p> +<p>"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig +davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak +wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das +Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird +voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen +von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber +die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel +Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem +Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit +stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und +Alles thun, was er vermag!"</p> +<p>"Warum?"</p> +<p>"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters +Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit +durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und +die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er +ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein +gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die +Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht +ausbleiben—"</p> +<p>"Fort, s'kommt Einer!"</p> +<p>Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter +ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten +anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in +den Hofraum der Strafanstalt herein.</p> +<p>Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen +von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes, +wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der +strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten +Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter +und Pflegbefohlenen.</p> +<p>Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.</p> +<p>"<I>Sechs Uhr!</I>"</p> +<p>Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom +Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher +faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.</p> +<p>Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?</p> +<p>Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr +Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines +Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit +Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.</p> +<p>Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in +mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen +einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den +letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.</p> +<p>Endlich ertönt es;—"<I>Feierabend!</I>"—rasches Verstummen jedes +Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch.</p> +<p>Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder +beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder +die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück +Brod schmecken.</p> +<p>Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die +Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle.</p> +<p>Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der +Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem +Andern marschirt ab.</p> +<p>Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille +und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst +um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher +noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte +Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig +schadet.</p> +<p>Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an +einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein +bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.</p> +<p>Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein +bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im +Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu +mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein +Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den +hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.</p> +<p>Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist +ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung +sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für +Gefangene.</p> +<p>Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit +weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und +manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche +Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische +sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends +die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne +im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem +vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche +die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.</p> +<p>Was sollen dieselben machen?</p> +<p>Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden +und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern, +Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.</p> +<p>Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese +wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das +Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der +Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre +Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die +Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht +ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend +hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet +Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst. +Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er +schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder +zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste +Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese, +spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem +Schandgemälde beglückt zu werden.</p> +<p>Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten +Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag +einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem +Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich +Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn +ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft, +wird er die furchtbaren Worte:</p> +<p> Ha, wo bin ich und was soll ich hier<br /> + Unter Tigern, unter Affen?<br /> + Welchen Plan hat Gott mit mir<br /> + Und wozu bin ich erschaffen?</p> +<p>mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.</p> +<p>Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen +Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am +nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren, +welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich +"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen +Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem +Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben +abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten +Schriften zu machen pflegt.</p> +<p>Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf +seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.</p> +<p>"Numero Fünf!"—ruft es durch die Gänge.</p> +<p>Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht +der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt +Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu +schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.</p> +<p>Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher +folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser +herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen +Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute +zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.</p> +<p>"Gute Nacht!"</p> +<p>Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen +Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil +sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt +vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort, +wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.</p> +<p>Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder +kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange +miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen +Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute, +welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen +begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug +als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich +auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen +ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten +Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der +Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne +Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man +nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes, +rasendmachendes Tutti beginnen.</p> +<p>Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg +vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der +Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr +fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr +gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch +thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust +klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten +ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.</p> +<p>Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben, +Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den +Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als +dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf.</p> +<p>Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert +fort und wann naht das Ende der Qual?—</p> +<H4><a name="6"></a>Die letzten Jahre des Zuckerhannes.</H4> +<p> +Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem +wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten, +unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.</p> +<p>Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch +und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen +Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten +Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen +Matten und silbern schimmernden Bächlein.</p> +<p>Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend +Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume +und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte +säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der +Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und +fromme Gesänge an unser Ohr.</p> +<p>Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen +Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und +verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte +beiwohnen?</p> +<p>Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen +Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und +Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und +unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte, +dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe, +unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische +Rosenkränze.</p> +<p>Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige +Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen +Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen, +wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den +Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und +lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod +stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.</p> +<p>Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist +alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele +Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne +einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des +Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.</p> +<p>Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer +prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der +ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen +Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der +bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das +dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.</p> +<p>Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine +vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen +des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst +laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr +gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach +der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar +zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein +Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:</p> +<p> Ich mach' in Tuch und Seide,<br /> + Politik und Religion!<br /> + Und hab' von allen Vieren<br /> + Die allerneuest' Facon!</p> +<p>im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig +verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und +geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze +in Entzücken versetzt.</p> +<p>Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft +mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während +die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm +steht—die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst +aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges +Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und +einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit +Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.</p> +<p>Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen +"Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei, +welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit +Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch +Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als +bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.</p> +<p>Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich +die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne +hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr +ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden +der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist +dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner +Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er +seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.</p> +<p>Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne +Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze +Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches +Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein +abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke +neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des +Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib +in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen +lasse.</p> +<p>"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein +heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau +dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern +und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.</p> +<p>Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon +erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am +Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden +nicht allzulang gerathe.</p> +<p>Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise +fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und +wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.</p> +<p>Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das +265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und +von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich +vermißt wurde.</p> +<p>Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den +theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen +unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich +unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu +entreißen und für den Himmel einzunehmen.</p> +<p>Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des +Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit +vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln, +Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit +Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte, +bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er +nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das +Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum +daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr +herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und +muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten, +linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende +Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da +der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal, +wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche + +hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen +Theil haben und notirt alles gut auf?"</p> +<p>Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris +hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus +diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon +wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte +und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel +Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen +Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte. +Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von +der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten, +welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:</p> +<p>"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und +geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt +würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die +Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend +gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein +Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in +Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt +derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat +mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin +schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen +der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich +zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will, +wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen +und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den +Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan +noch, <I>der</I> brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats +im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm. +In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den +Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"—</p> +<p>Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige +Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine +Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete +sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb, +wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden +und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das +Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein +Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.</p> +<p>Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es +sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter, +aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann +sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.</p> +<p>Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika +drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und +dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders +zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren +und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten, +der Pariser sei an die Unrechte gekommen.</p> +<p>Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus +Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der +Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den +Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie +man mit Weibern fertig werde.</p> +<p>Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes +mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit +ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude, +ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im +Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und +selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten, +hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom +Kirchhofe herab ins Thal schaut.</p> +<p>Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und +diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder +von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen, +sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.</p> +<p>Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und +ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue +Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit +überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle +Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für +fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht, +welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die +günstigsten Bedingungen festsetzte.</p> +<p>Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor +dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für +sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl +würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts, +was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu +Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen +Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget +hätten.</p> +<p>So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem +frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der +Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen +Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der +Blüthe seiner Jahre zu Grunde.</p> +<p>Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin +mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark +ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie +die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei +ihr gefunden.</p> +<p>Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand, +daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der +jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen, +als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser +Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute +ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit +eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem +fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so +toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger +die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte +aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer +auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir +alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei +ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der +Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der +Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel +an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.</p> +<p>Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert +ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas +grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für +ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im +Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.</p> +<p>Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen +tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer +Erklärung.</p> +<p>Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern +sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.</p> +<p>Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die +Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz, +denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das +Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt +kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.</p> +<p>Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen +zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm +großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug +ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt +und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und +Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.</p> +<p>Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen +Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen +geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und +folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.</p> +<p>Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach +der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche +er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer +Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein +dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen +Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden +Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's +Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die +Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.</p> +<p>Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße +geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu +befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er +nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß +nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.</p> +<p>Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene +Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und +näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande, +Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen +Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!</p> +<p>"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen, +lieber Herr? Ich muß doch leben!"</p> +<p>"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr +wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es +wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter +eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem +Diener winkte.</p> +<p>Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser +den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein +viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.</p> +<p>Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine +kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte +in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten. +Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen +Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese +den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften, +obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute +boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht, +woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und +zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm +statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube +geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein +abzog.</p> +<p>Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der +Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh +genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte +und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren +alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig +gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er +oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort +der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im +Zuchthause gehockt!"</p> +<p>Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später +einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist +auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle +ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus +der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches +Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern +von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen +Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte +eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.</p> +<p>Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert, +mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt. +Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit, +welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er +freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen +zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz +ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der +Gemeinde zu verzichten.</p> +<p>Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und +verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen +gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten, +waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.</p> +<p>Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten, +die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der +Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause +anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden +und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die +Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er +niemals zu übertreten hoffte.</p> +<p>Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige +Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen +habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden +der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein +kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.</p> +<p>Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit +rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst, +wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein +verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering +scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.</p> +<p>Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von +Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven +Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als +Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.</p> +<p>Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr +Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen +langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder +noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die +Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn +aus der Emmerenz geworden sei.</p> +<p>Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des +menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen +ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die +Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben +anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht +geantwortet.</p> +<p>"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und +sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß +man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr +recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei +gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige +Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln +ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.</p> +<p>Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich +seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle" +jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines +Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen +müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines +Zuchthäuslers.</p> +<p>Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des +Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib +und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode +nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der +Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren +verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten +wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da, +an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen +er wünschte und dies that ihm wehe.</p> +<p>War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme +unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?</p> +<p>Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er +Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den +Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über +die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der +Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil +er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie +ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles +laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß +der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen +Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm +bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei +jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.</p> +<p>Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit +Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet. +In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten +zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde +Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die +Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den +Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem +nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom +Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern +vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als +einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.</p> +<p>Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und +noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf +an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen +lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute +jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth +an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im +Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe +dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog +aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres +Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht +daheim gewesen.</p> +<p>In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne, +obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler, +welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht +komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr +gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man +vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein +fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges +Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein +betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter, +Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals +copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und +sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder, +der als Knecht bei ihm diene.</p> +<p>Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine +große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle +und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause +zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller +zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde +das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.</p> +<p>So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer +bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern +nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach +Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die +Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer +lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke +Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.</p> +<p>Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner +der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch +christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten, +Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der +vielgepriesenen Berserker.</p> +<p>Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah +denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar +nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken +fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie +sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder +ganz ruhig und still zurück.</p> +<p>Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen +schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare +Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie +leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie +verloren.</p> +<p>Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst +her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler +durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:</p> +<p>"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall +heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und +glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute +sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen +müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann +recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich +wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit +und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete, +während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am +bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth +hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater +und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."</p> +<p>"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen +Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie +selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns +Beiden zurück ließ."</p> +<p>"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein +alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen +doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht +wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles +anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."</p> +<p>"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste, +sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte +Freundin</p> +<p> <I>Emmerenz</I>."</p> +<p>"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.</p> +<p>"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und +ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es +nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!"</p> +<p>"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher +Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich +ihnen doch nicht schenken!"</p> +<p>"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn +ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes +zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen."</p> +<p>"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir, +bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an +Dir fehlte.—Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und +Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4 +Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger +und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh, +daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen +Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"</p> +<p>"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich +leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße +werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt +und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der +Spaniol."</p> +<p>"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch +droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem +Lächeln sein Braunbier.</p> +<p>"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin +ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor +lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe +verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke, +so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder +nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten +Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers +Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals +Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische +Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt +jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere +wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst +jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte +Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich +ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer +ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"</p> +<p>"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und +Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie +wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt +andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.</p> +<p>"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan, +von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir +Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar +merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich +der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so +lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt +werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat +auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt. +Was bin ich schuldig?"</p> +<p>Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes +hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen +Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.</p> +<p>Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem +Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt, +daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten.</p> +<p>Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte +auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der +Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung +begann.</p> +<p>"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" ließen sich Zwei +ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen.</p> +<p>Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß +dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.</p> +<p>"Hat <I>der</I> wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im +Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flüsterte später ein +Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde +machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der +Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.</p> +<p>"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!" rief ein Kind dem +kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und +ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken +im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.</p> +<p>Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen, +er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.</p> +<p>Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:</p> +<p>"Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für +Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als +Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da +drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht. +Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen +lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als +Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!"</p> +<p>Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem +Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:</p> +<p>"Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine +weitere Beichte durch rasches Umkehren.</p> +<p>Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja, +es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!" +und zog rüstig seine einsame Straße weiter.</p> +<p>Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn +verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden, +welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen +er sich bei der Pflegemutter antrank.</p> +<p>Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm +vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles +Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft +durchzubringen.</p> +<p>Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem +Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.</p> +<p>Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete +Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast. +Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft, +zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande +zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht +aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte +es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche +Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und +verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete.</p> +<p>Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die +Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil +er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel.</p> +<p>Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht, +er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze.</p> +<p>"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören. +Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.</p> +<p>"Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr +habe!"</p> +<p>"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"</p> +<p>"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach +längerem Besinnen.</p> +<p>Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in +kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig +sei und verwendet werde.</p> +<p>"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so +ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit, +wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so +gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch +nie gelebt!"</p> +<p>Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die +alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit +leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.</p> +<p>Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und +menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht +gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand.</p> +<p>Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der +Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen +liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher +mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers +jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes +in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern +duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo +suchen, wornach er gelüstete.</p> +<p>Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des +Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast +mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein +Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der +Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand +sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu +besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit +dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben +sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser +ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als +Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch +Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so +vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel, +strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders +Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und +weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.</p> +<p>Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in +diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der +Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst +nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge, +dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag +Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.</p> +<p>Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen +Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr +gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten +Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute +berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den +heilbringenden Westen.</p> +<p>Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern?</p> +<p>Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und +der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen +Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes +endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche +seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen +entsprach.</p> +<p>Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen.</p> +<p>Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in +ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten +Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles +wird.</p> +<p>Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil +dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die +allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen +einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen +als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und +menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer +Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten +aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen <I>Vereine für Entlassene</I> +von Neuem begründen.</p> +<p>Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur +Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine +Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen +und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne +arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine +Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo +möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch +einen Galgen finden.</p> +<p>Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche +Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als +andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie +des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig +geworden.</p> +<p>Drittens endlich hat der <I>Stifter der Gesellenbunde</I> den besten Weg +gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.</p> +<p>Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und +politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der +kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des +gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer +Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden +zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital +arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den +Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht +mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des +Proletariats zu verhindern.</p> +<p>Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten, +indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes +durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch +Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln +christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.</p> +<p>Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen +Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften +und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet +und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung +dasteht.</p> +<p>Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen, +Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für +Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll +Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes +furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen, +Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer +Enkel Zukunft zu bedenken.</p> +<p>Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den +Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes +entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in <I>diesem</I> Falle +einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit +vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die +Revolution, diese Ausgeburt der Hölle!—</p> +<p>Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von +Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind +allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere +Erfahrungen hindrängten.</p> +<p><I>Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem +Lande in ähnlichen Vereinen</I>, sorgt für angenehme und nützliche +Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath +und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen, +welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen, +in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die +Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe +sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das +zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen!—</p> +<p>Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher +gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen +aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die +Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der +Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung +des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung +halten.</p> +<p>Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger +Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere!—</p> +<p>Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im +freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe, +welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben +kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares, +sittliches und religiöses Leben heraussprach.</p> +<p>Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits +ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz +zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude +und aufhörte, demselben Etwas zu senden.</p> +<p>Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere +Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner +Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten +Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem +Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit +dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und +lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine +mehrwöchentliche Gefängnißstrafe.</p> +<p>Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last +fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ +ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen +haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr +geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben, +hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum +Entwickeln gebracht.</p> +<p>Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst +nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte, +daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den +Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten, +nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.</p> +<p>Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale +fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein +elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der +einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und +Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich +fürchtete.</p> +<p>Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache +zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum +Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie +wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen +Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für +den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem +Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände +in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der +unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden +Korbmacher zu bringen.</p> +<p>In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am +Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre +Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte.</p> +<p>Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der +Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde +festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer +langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles +wegläugnete.</p> +<p>Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner +Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin +den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im +Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen.</p> +<p>Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang +ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben +ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein <I>Christ</I>, sondern als der +<I>Zuckerhannes</I> gestorben.</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem +ehemaligen Züchtling, by Joseph M. Hägele + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 16278-h.htm or 16278-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/2/7/16278/ + +Produced by Robert Kropf and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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