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+The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen
+Züchtling, by Joseph M. Hägele
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling
+ Erster Theil
+
+Author: Joseph M. Hägele
+
+Commentator: Alban Stolz
+
+Release Date: July 13, 2005 [EBook #16278]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***
+
+
+
+
+Produced by Robert Kropf and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
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+
+_ Kursiv / italic
+# Fett / bold
+% Antiqua / antiqua
+[] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+
+
+
+ Zuchthausgeschichten
+
+ von
+
+einem ehemaligen Züchtling
+
+
+ * * * * *
+
+
+ Mit einem Vorwort
+
+ von
+
+ #DR. ALBAN STOLZ#
+
+
+Professor an der Universität zu Freiburg.
+
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+ * * * * *
+
+
+#ERSTER THEIL#
+
+
+ * * * * *
+
+
+Münster, 1853.
+
+
+#VORWORT#
+
+
+Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen
+Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir.
+Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott
+durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum
+überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch
+den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden
+dieses Buch zur Hand zu nehmen.
+
+Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von
+Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein
+Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein
+Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung
+Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich
+niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere
+Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken
+und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner
+Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines
+jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach
+besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre
+wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder
+Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des
+Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das
+Verdienst hat kein Christ zu sein.
+
+Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als
+Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige
+Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele,
+die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel
+interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen
+die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde
+und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig
+zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden
+an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er
+lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine
+sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen
+glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt
+mitgetheilt werden.
+
+Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets
+noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in
+Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen
+competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und
+kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt
+hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was
+mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch
+eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung
+erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich
+zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen
+selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger
+auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in
+der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit
+_einem_ Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ,
+der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man
+die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen
+geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche
+Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter
+Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind
+Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings
+den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen
+Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit
+geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische
+Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als
+ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des
+Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der
+Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer
+deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der
+verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich
+selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das
+sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des
+Menschen.
+
+Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin
+erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd,
+während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen
+für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten
+Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die %mysteres de
+Paris% und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie
+sonst der teutsche Michel liebt.
+
+_Freiburg_ am Tag des h. Mansuetus 1853.
+
+
+#ALBAN STOLZ.#
+
+
+
+
+#MEINE VORGESCHICHTE#
+
+
+Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und
+zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein,
+daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt.
+
+Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich
+meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für
+die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die
+Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden
+[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der]
+Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion
+und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich
+heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief
+beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen
+Sache eher zu schaden als zu nützen.
+
+Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen,
+als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen,
+empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche,
+der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände
+scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über
+den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift
+insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.
+
+Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges
+aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte
+dieser Geschichten bilden.
+
+Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur
+hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit
+Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch
+über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen
+freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.
+
+Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits
+als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem
+Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling
+1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und
+Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als
+Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen
+vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung
+als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach
+Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.
+
+Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich
+bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich
+allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in
+allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.
+
+Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes,
+doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.
+
+Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in
+einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen
+Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode,
+sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte
+eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in
+Europa und--keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger,
+glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der
+gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.
+
+Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte,
+gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und
+Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen
+Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen
+Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu
+Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern,
+einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem
+Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung
+folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von
+seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der
+Revolution stürzte.
+
+Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als
+Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu
+vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen
+Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein
+Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts
+deren einzige Idole zu sein pflegen.
+
+Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer
+1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung
+genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen
+den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich
+eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte
+aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich
+mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen
+schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch
+ganz anderer und schwererer Opfer würdig.
+
+Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen
+und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser
+nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die
+Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu
+aufgefordert worden,--aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes
+gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber
+immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden
+Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch
+betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein
+nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht
+sonderlich gefiele.
+
+Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich
+auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren.
+
+Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den
+Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte,
+wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik
+schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester
+demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher
+getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15.
+erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher
+getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen
+Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die
+Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein
+scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei
+der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als
+die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur
+noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein
+Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen,
+tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte
+Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen
+können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension
+angenommen hätte.
+
+"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus,
+dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore
+bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter
+den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann
+einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die
+etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen
+Halbinseln haben aufgehört zu regieren!--allgemeine Einladung an John
+Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter
+vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein
+großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des
+nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan,
+friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige
+Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes
+Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins
+gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"
+
+Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler
+Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.
+
+Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des
+Bürgers erste Pflicht! %Aux armes, citoyens%!"--erwartete von einem
+Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und
+schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und
+die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber
+fortdauerte.
+
+An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die
+alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen
+und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte
+es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse,
+dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging.
+Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im
+Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den
+Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung
+und Gesinnung des Volkes zu mustern.
+
+Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn
+bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen
+Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir
+wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens
+voraussehen mußte.
+
+Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in
+Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe
+Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an
+sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in
+andern Ländern.
+
+In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem
+allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre"
+zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen
+werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen.
+
+Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen
+Flüchtlings auf den Hals.
+
+Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen
+eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament
+würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben,
+weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.
+
+Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution
+über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter"
+und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des
+Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend
+sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß
+ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das
+Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst
+erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft
+wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt,
+zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den
+nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können.
+
+Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß
+ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend
+eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine
+einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich
+damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr
+von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer
+und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und
+Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke
+_empfahl_? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem
+Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen
+Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt!
+Versucht es, ob Ihr _meine_ Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der
+Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu
+verspeisen!"
+
+Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr
+lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne"
+Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges
+und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt.
+Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden
+Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den
+Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren
+erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel
+rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.
+
+Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte
+und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich
+keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große
+Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder
+Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung
+gedeihen können.
+
+Was hilft ein schöner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?--
+
+Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich
+bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder
+unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein
+talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht
+genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen
+hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen
+Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen,
+die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem
+unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte
+viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt
+wurde.
+
+Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der
+Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie.
+
+Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik
+mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger
+als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches
+wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des
+Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des
+Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.
+
+Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und
+glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach
+Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen
+Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes,
+an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter
+Weise.
+
+Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines
+gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen
+seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt,
+geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von
+Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.
+
+Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde,
+wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum _zweitenmal_, wenn auch in
+der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört
+nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes
+Zuchthaus.
+
+Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?--
+Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu
+zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten
+unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe
+geschenkten Jahre auszuhalten.
+
+Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten
+angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen
+jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen
+weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins
+Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und
+meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen.
+
+Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines
+gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am
+Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.
+
+Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch
+später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den
+Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben
+sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich
+zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne
+Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am
+Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.
+
+Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einfluß reichen, zum
+Heckerzuge wahrhaft gepreßten W., dessen Söhne ich unterrichtete, sammt
+andern politischen Führern des Bezirkes flüchtig, die revolutionäre
+Gesinnung in reichlichem Maaße vorhanden und könnte ich eidlich beschwören,
+innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehört noch von einer
+konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte
+lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen
+die Schweizerkantone Zürich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und
+noch mehr militärisch wichtige Gegend mit den üppig auftauchenden und unter
+sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in
+Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fähigkeit und Beruf hiezu von mehr
+als einer Seite her zu, ich hätte es sogar versuchen und durchsetzen
+können, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die
+demokratische Organisation ließ sich damals innerhalb der Schranken der
+bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen.
+
+Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht.
+
+Es ließe sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art würde
+nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Führer zu werden. Diesem
+Einwande widersprächen frühere Ereignisse, auch ließe sich an das
+Sprichwort denken: Probiren geht über Studiren, doch soll er gelten; ferner
+ließe sich sagen, der Flüchtling W. als der einflußreichste Mann der Gegend
+würde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wäre möglich, denn der
+Vater meiner Zöglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch
+welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglück gestürzt
+hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, höchstens ein schlichter
+Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im
+ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der
+Vater meiner Zöglinge noch längere Zeit flüchtig und ich keineswegs Einer,
+der ein Stücklein Gnadenbrod bei ihm aß und ihm hinsichtlich meines
+politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu
+Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen.
+
+Ich lebte ebenso unabhängig als glücklich in Herrn W's Hause und kann
+beweisen, daß ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit
+erfüllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte
+anhielt, was außerhalb übernommener Verpflichtungen lag.
+
+Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in
+meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der
+Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf.
+
+Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, ließ mich
+mondenlang kaum in ein politisches Gespräch ein, besuchte den Volksverein
+des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, daß ich Mitglied
+irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener
+petitionenreichen Tage verfaßt oder unterzeichnet.
+
+Benutzte ich vielleicht die Nähe der Gränze, um mit Flüchtlingen zu wühlen?
+Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe
+ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flüchtlinge
+war sehr gering in Schaffhausen und Zürich, zwei Ausflüge dorthin und drei
+dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flüchtlingen, nämlich mit
+dem Vater meiner Zöglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den
+ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging.
+
+Gegen den Frühling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand
+dieselben zumeist in den Wirthshäusern, deutsche und schweizerische
+Republikanerblätter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprächen
+und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen
+harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines
+gesetzmäßigen Verhaltens und meine gleichmäßige Verachtung aller damaligen
+politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so
+mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan
+haben, der es nicht verdiente aber vergaß, wohl auch verdiente, aber nur
+bis auf andere Zeiten scheinbar vergaß.--
+
+Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und
+Wühlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der
+meinen Müßiggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits
+offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem
+zusah, zuhörte und stumm und unthätig blieb in beharrlicher Neutralität.
+
+Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine
+Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm
+von Freiburg ab und saß am Tage der Offenburger Volks- und
+Soldatenverbrüderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube.
+
+Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern
+schwer eingebüßt, wäre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der
+provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als
+Commissär mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsäbel Bürgern
+und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es
+nie.
+
+Das Herz glaubt so gerne, was es wünscht!
+
+Lügenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere
+Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus
+betrachtet prächtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine
+baldige Versöhnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine
+süddeutsche Foederativ-Republik, weiß Gott, was ich nicht Alles ferne vom
+Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjäger, der
+mich um Neuigkeiten bat, welche über Nacht zum Heil der Völker vom Himmel
+gefallen.
+
+Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des
+Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfürst mit seinen Räthen der
+Bewegung gegenüber annehmen würde, war mir jedoch noch nicht klar und als
+diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener
+genug, bedürfe keines Schulmeisters, im Nothfalle höchstens eines
+Freiwilligen mehr.
+
+Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung
+als deren Organ sammt den regelmäßig fortlaufenden Nummern des
+Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzücken verschlang,
+die bisherigen Beamten und Behörden unseres Bezirkes friedlich huldigen
+sah, ohne daß eine ernstliche Weigerung eines großherzoglichen Dieners oder
+irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissärs stattfand und als ich
+zuletzt Aktenstücke aus der Residenz in die Hände bekam, unter welchen
+hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und
+von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem
+Großherzog viel Tröstliches vernahm--da hielt ich mich ehrlich und
+aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden,
+denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine
+Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem
+_Ursprunge_ seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses
+lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewiß ein großer Jurist und meines
+Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten
+Regierung niemals gehört, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben,
+jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein
+neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prächtig und
+großartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und
+glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten,
+wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrücklich dazu
+aufgefordert würde.
+
+Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede
+über die jüngsten Ereignisse vor einer großen Volksversammlung aus,
+rücksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom
+Lesen und Hörensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei
+dieser Rede so wenig, daß ich einen Entwurf derselben hübsch in eine Mappe
+legte und später selbst in die Hände des Amtsverwesers durch genaue Angabe
+des Verwahrungsortes liefern half.
+
+Mir ist es bloß darum zu thun, den Beweis zu liefern, daß ich als
+Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmäßigen
+Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser
+Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe.
+
+Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und
+können hier nicht besprochen werden. Eine Veröffentlichung sämmtlicher
+Akten würde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus
+hervorginge, daß mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem
+Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen
+Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu
+bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein
+gutes Recht entschuldigen ließe. Anderseits möchte eine derartige
+Veröffentlichung aber ebenfalls zeigen, daß meine Vergehen rein politischer
+Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen
+Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien.
+
+Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen
+Regierung, den ordnungslosen Rückzug des Insurgentenheeres, das Lager bei
+Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran
+ein Flüchtling zu werden.
+
+Später nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdümmsten Streich meines
+bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frühling 1849 zur Auswanderung nach
+Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit für mich da
+war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz
+mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in
+meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, daß bei der ungeheuern Zahl der
+Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Prozeß vom Standpunkte des
+Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes
+der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren
+fortfunktionirt hatten, unmöglich sei, die Hoffnung, daß man bei einer
+politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner
+anerkenne, daß ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das
+Bewußtsein, mich während des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle
+hingedrängt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben--dies
+Alles bewog mich, die Ankunft der preußischen Truppen ruhig zu erwarten.
+
+Am 13. Juli 1849 ließ mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf
+den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier
+ein, mich ohne den mindesten Anlaß von meiner Seite am frühen Morgen in
+Stühlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergnügen eine
+starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen.
+Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hören; ich verzeihe es ihm sammt
+seinem energisch ausgedrückten Herzenswunsche, daß es mir und meinem
+Leidensgefährten "recht schlecht" ergehen möge, verzeihe auch gern Anderes,
+was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militär sehr unnöthig
+angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu
+schaffen hat.
+
+Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich
+und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten
+hätten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den
+Preußen, über deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen könnte, während
+alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und
+menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl
+einstimmig sein und bleiben werden.
+
+Ehre und Dank den preußischen Offizieren und Soldaten!--
+
+Im September ward ich den ordentlichen Gerichten überantwortet, im October
+jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhöre Alles gesagt hatte, was zu
+sagen war und worauf später das Urtheil sich stützte, vor die
+Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge
+einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des höchstseligen
+Großherzogs abermals den ordentlichen Gerichten überwiesen. Am 28. Januar
+1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntniß eröffnet, welches auf _acht_
+Jahre gemeinen _Zuchthauses_ lautete. Ich verzichtete auf einen
+Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der höchsten Instanz, jedoch
+in einer so unklugen und trotzigen Weise, daß ich meine verbrecherische d.
+h. revolutionäre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und
+eher Schärfung des Urtheils fürchtete als Milderung hoffte.
+
+Am 16. Februar 1850 schlüpfte ich in die entehrende Sträflingsjacke,
+nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses
+als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Bestätigung
+meines Urtheils von Seite des höchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde
+ich in das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis
+zum 13. April 1852.
+
+Sterbend hat der edle, unvergeßliche Großherzog Leopold, dessen wahrhaft
+adelich gesinnte _Persönlichkeit_ weder von mir noch, laut meiner gewiß
+nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals
+angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte
+Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget.
+
+Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und
+für mich durch Gottes Gnade höchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich
+zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hüter herumlaufen und
+frische Luft schöpfen, wo es und wieviel mir beliebte.
+
+Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde,
+wieviel ich dem in Gott ruhenden Fürsten verdanke, denn meine Bestrafung
+und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite
+der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen
+und ewigen Glückes und zudem sind tausend Kerkernächte zwar kein Spaß,
+sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre.
+
+Weder vor noch während der Revolution beging ich jemals eine an sich
+entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu
+haben, daß ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die
+badische Regierung %mala fide% beging; ebensowenig brach ich jemals einen
+Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft
+zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich während meines Lebens
+ablegte.
+
+In diesen Thatsachen liegt die subjective Begründung der Protestation,
+welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen
+mit _entehrenden_ Strafen belegt, fortwährend erhob.
+
+Große Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, daß politische Verbrecher,
+insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen,
+vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit
+Spitzbuben und Mördern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn
+sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig
+begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten
+civilisierten Länder, wie Belgien, Preußen und Würtemberg in mehr oder
+minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frühere
+badische Gesetzgebung hierin sachgemäßere und ausgedehntere Unterschiede
+als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an
+verantwortliche Minister und ließen der Regierung keine Ruhe, bis das
+Zuchthaus für reinpolitische Vergehen recht in Flor kam.
+
+Die objective Begründung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag
+den Rechtsgelehrten überlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden.
+Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle
+Ewigkeit meine Verurtheilung zum _Zuchthause_ lediglich als _Gewaltthat des
+Gesetzes_ betrachten und dagegen protestiren muß, so mag eine kurze
+Aufzählung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, daß es nicht
+minder unzweckmäßig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre
+Interesse der badischen Regierung gerichtet sei.
+
+Ich habe die Belehrung über die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen
+Finger gesaugt sondern während und nach der Gefangenschaft aus der
+alltäglichen Erfahrung geschöpft.
+
+Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, möchte ich sagen, das Zuchthaus an
+sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher
+demoralisirt worden.
+
+Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach
+ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von
+Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen
+fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die
+Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und
+Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen
+ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott
+mahnte.
+
+Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil
+selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten
+früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als
+wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu
+betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn
+nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch
+die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es
+beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern
+Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den
+gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht
+sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der
+verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget.
+
+Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen
+Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue
+Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz
+gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde
+nur scheinbar an _Entehrung ohne ehrlose Handlungen_ und fuhren fort, die
+Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht,
+sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die
+Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in
+Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der
+Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend
+ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie
+ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte.
+
+Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie
+eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden,
+so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren,
+wenn man für die _nächste_ Zeit sich heilsame Wirkungen von jener
+geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht.
+
+Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher
+aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und
+Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und _höchst beunruhigende_ Artikel
+über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen,
+gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und
+Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von
+vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und
+Taugenichts.
+
+Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder
+verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten
+ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und
+anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen
+heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und
+nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein
+Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am
+Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich
+jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche
+Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein
+"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise
+im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig
+und harmlos lebt.
+
+Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa
+Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher
+Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam
+viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß
+und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf
+Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht
+der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte
+vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder
+in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner
+Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung
+[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der
+gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein
+weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher
+sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit.
+
+Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich
+seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine
+Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der
+politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit
+getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande
+im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den
+niedern und mittlern Volksklassen überhaupt.
+
+Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt,
+sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der
+schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die
+Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage
+erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie
+in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen
+Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen
+Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum
+Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in
+seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will,
+ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung
+seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er
+spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär
+werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben
+heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze
+und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger
+verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet.
+
+Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische
+Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht,
+das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses
+Gesetz!--
+
+Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was
+meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten
+Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten
+Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen
+Zweifel mehr übrig zu lassen.
+
+Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch
+schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in
+einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen
+Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle
+positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die
+eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich
+mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir
+zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den
+Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden
+Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit
+zu setzen.
+
+Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und
+die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen
+zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum
+Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn
+gegangen zu sein.
+
+Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen
+klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, _bewußter_ Vorliebe für das
+Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer,
+welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose
+Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich
+langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder
+des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach
+in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein
+mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als
+18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte,
+die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu
+einer %tabula rasa% zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre
+vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß
+mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.
+
+Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von
+Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu
+spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand;
+ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der
+Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen
+wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein,
+dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die
+Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen
+beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger,
+die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle
+Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen
+Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen
+enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte
+Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit--des Scheines.
+
+Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich
+Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in
+der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und
+theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen
+lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den
+Mitstudirenden recht imponiren zu können.
+
+
+Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben
+voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit
+Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde
+täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer
+und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines
+geistigen Lebens.
+
+Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!--
+
+Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes
+Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler
+gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche
+Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im
+Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden
+Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein
+Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave,
+gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner
+Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.
+
+Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.
+
+Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei
+Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte
+ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als
+"anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal
+mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit
+gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs
+vor--Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen
+den Deutschkatholizismus war entschieden.
+
+Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und
+würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes
+Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.
+
+Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza
+begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren
+Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender
+den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und
+der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch
+vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines
+dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen
+Viper befürchtet.
+
+In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser,
+Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen
+großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich
+hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der
+ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr
+trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender
+Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.
+
+Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch,
+daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der
+Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals
+noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und
+Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.
+
+Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.
+
+Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der
+Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen
+Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller
+Protestanten bei.
+
+Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der
+mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen
+derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem
+argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern,
+bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die
+ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der
+Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und
+an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme
+sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die
+Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der
+Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig
+immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in
+welchem wir noch befangen sind.
+
+Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine
+Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil
+nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten"
+geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu
+retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des
+äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes
+überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu
+allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig
+mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten
+und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn
+nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung
+des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des
+allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen
+Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr
+geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch
+die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben
+sein würden.
+
+Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte
+gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden
+Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz
+unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der
+Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung
+und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich
+fortgaloppirte.
+
+Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte
+"Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen
+ich damals nicht verstehen wollte.
+
+Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu
+meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig
+gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich
+betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es
+hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth
+nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte.
+
+Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das
+Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der
+Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend,
+betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit
+wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.
+
+Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar
+nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei
+und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament,
+Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen
+Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen
+gegen mich bewirkten.
+
+Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur
+verborgene Laster gewesen--ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für
+meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer
+Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden
+Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück
+gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost,
+Glück findet!--
+
+Woher mein Unglaube?--Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein
+Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab
+mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller
+kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur
+als nutzlose, leidige Disciplinarsache.
+
+Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den
+Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten
+der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald
+gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den
+althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von
+tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht
+ertheilt wird.
+
+Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt
+blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen
+Glaubens, _handelnde Christen_ vor sich sieht.
+
+Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat
+mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch
+weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.
+
+Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen
+Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich
+schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man
+dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten
+Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische
+Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f.
+entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der
+evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische
+Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich
+nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich
+im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das
+Gegentheil thatsächlich zu zeigen.
+
+Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger
+Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im
+Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem
+geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der
+Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche
+bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen
+Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht
+zurück.
+
+Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein
+durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal
+den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des
+Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der
+Entwicklung immer mehr und zwar _lediglich aus freier, innerer
+Ueberzeugung_ zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren
+müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation
+der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß
+ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des
+Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und
+kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule
+u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame
+daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen
+Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber
+das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was
+Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch
+katholisch!"
+
+Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als
+sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur
+Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.
+
+Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip
+und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen
+Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das
+Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen
+Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, _zuerst_
+offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.
+
+Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so
+wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen
+eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht
+meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im
+Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und
+Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese
+Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und
+Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer
+und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die
+katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten
+protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung
+durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das
+Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.
+
+Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers,
+aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr
+heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm
+gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich
+selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein
+Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht
+gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.
+
+Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen
+Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern
+wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den
+leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz
+ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres
+Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.
+
+Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen
+Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden
+Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die
+Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der
+Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen
+begründet?
+
+Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed
+herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß
+vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der
+Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei
+erscheinen.
+
+Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen
+Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der
+ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor
+geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.
+
+Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit
+lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht
+klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie,
+huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn
+nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des
+gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die
+Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.
+
+Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir
+sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche
+Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und
+habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren
+Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und
+kommender Geschlechter anpreisen hörte.
+
+So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube
+ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen
+Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden
+Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie
+gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen
+Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die
+protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen
+civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr
+Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.
+
+Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen
+Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über
+die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das
+Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.
+
+Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche,
+und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist
+ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten,
+welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend
+gegen sie eingeleitet werden.
+
+Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte
+in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der
+Geschichte sei--dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß
+ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung
+stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres
+Geschlechts in sich schließt.
+
+Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden
+protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen
+vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen,
+Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr
+bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr
+vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.
+
+Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare
+Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die
+Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine
+Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des
+Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.
+
+Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker,
+Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke
+der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff
+vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor
+Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte
+das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion
+habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und
+bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen
+Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen
+zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der
+Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher,
+fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten,
+verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der
+Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im
+mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken,
+überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.
+
+"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen,
+Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene
+auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen
+verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und
+selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in
+Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und
+keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht
+verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und
+gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und
+sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion,
+deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch
+Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"
+
+So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen
+den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und
+gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen
+Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die
+Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die
+positive Religion und katholische Kirche blutwenig.
+
+Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne"
+Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem
+Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger"
+waren und sich ruhig verhielten.
+
+Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit
+erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die
+wilde Nacht meines Innern erleuchteten.
+
+Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als
+welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde
+ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und
+erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens
+auch solche von der Macht des Glaubens.
+
+Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil
+ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten
+meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach
+bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal
+machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.
+
+Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende
+zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck
+gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während
+der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen
+meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das
+Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction
+aufgehalten haben.
+
+An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der
+Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und
+tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle
+Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser
+Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und
+verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den
+etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in
+ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube,
+ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck
+auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach
+langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich
+zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese
+Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir
+hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt.
+
+Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache
+lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der
+einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender
+Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern
+aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit
+seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus
+ist erstanden--und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.
+
+Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande
+und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die
+theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das
+Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte.
+
+Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar
+nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in
+Deutschland blieb.
+
+In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August
+1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und
+ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen
+davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum
+wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er
+hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das
+Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut
+hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für
+die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.
+
+Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den
+Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb
+der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts
+der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.
+
+An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag
+mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.
+
+Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen.
+Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie
+acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr
+als meine Schuld.
+
+Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von
+Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des
+Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der
+kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.
+
+War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in
+Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in
+das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in
+der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte;
+ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu
+haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um
+Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es
+damals.
+
+Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir
+anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.
+
+Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und
+Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den
+Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die
+nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen
+Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von
+hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich
+jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die
+schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in
+die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich
+nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und
+bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig
+mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich
+gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker
+hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung
+politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige
+Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel
+bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich
+einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft
+genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der
+Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine
+Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an
+Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits
+unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah
+ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf
+dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische
+eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im
+günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.
+
+Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich
+ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete,
+blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem
+Ingrimme zusammen.
+
+Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte
+allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben
+in Hochmuth beruht.
+
+Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum
+Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und
+Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche
+Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.
+
+Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee
+der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr
+dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins
+gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet
+Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die
+auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des
+alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie
+es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte
+folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein
+schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb
+auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert,
+einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und
+niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche
+Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich
+evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse
+einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.
+
+Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor
+Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch
+der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon
+sich die Philosophen nichts träumen lassen!--hielt mich in beständiger
+Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte,
+protestirte beständig das bewegliche Herz.
+
+Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit,
+das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst
+des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und
+Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im
+Ganzen.
+
+Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte
+nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der
+Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben
+durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich
+hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der
+Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den
+Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder
+Henker werden lassen?--
+
+Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend
+beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht
+daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums
+und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und
+Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu
+betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und
+Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und
+objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden
+Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der
+katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen
+mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als
+Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre
+Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten,
+dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich
+keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein
+_persönlicher_ Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben
+wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das
+Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene
+Redensart, sondern volle Wahrheit ist.--
+
+Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein
+Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich
+mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich
+auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen
+oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.
+
+Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen
+brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und
+gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den
+solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als
+verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten
+erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte,
+würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.
+
+Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und
+mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die
+Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert
+Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem
+Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.
+
+Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich
+nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre
+Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine _wahren
+zeitlichen_ Vortheile.
+
+Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst
+betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß
+des _zeitlichen_ Glückes, die einfachste und großartigste _Lösung der
+sozialen Aufgaben_.
+
+Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich
+gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher,
+namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der
+Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die
+menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher
+entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd
+bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer
+einschlummern.
+
+Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause
+mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott
+nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten,
+indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr
+bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe
+Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle
+nach Bruchsal.
+
+Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem
+Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde,
+wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl
+auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für
+meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge,
+welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei
+meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten,
+recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb
+gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher
+Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner
+Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen
+namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.
+
+"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge
+oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und
+vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken
+läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den
+Herren in Carlsruhe.
+
+"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige
+Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott
+ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen
+Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich
+heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft
+genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt
+den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht
+unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in
+einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So
+dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der
+Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter
+gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.
+
+Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und
+sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut.
+
+Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte
+Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte
+meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht
+an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich
+mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig
+es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des
+Zuchthauses würdige That begangen zu haben.
+
+Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches
+Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge
+der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen
+Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann
+kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm
+gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt
+hatte.
+
+Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits
+hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit
+wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des
+souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das
+Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die
+Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto
+sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender
+Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige
+Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen
+gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum;
+der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der
+kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal
+charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen.
+
+Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens
+Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische
+Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern
+Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter
+Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten.
+
+Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn
+alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt
+und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und
+Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit
+zurückgebliebene Christus.
+
+"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für
+Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an
+Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er
+ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und
+glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und
+beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein
+Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe
+büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher
+Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern
+ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es
+nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe
+ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine
+Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher
+Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"
+
+In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem
+geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der
+Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als
+ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum
+ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein
+katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem
+Wissen und ernstem Denken bekehren!"
+
+Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner
+besondern Weise und fragte ruhig:
+
+"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben _wollen?_"
+
+"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn
+Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die
+Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet
+nicht darauf!"
+
+"Haben Sie denn diesen guten Willen schon _bethätiget_?"
+
+"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften?
+Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit
+denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und
+anderer Ketzer?"
+
+"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens
+Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine
+Gnade!--Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit
+führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas
+wissen _wollen_, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und
+eignen Wissens einsehen und zugeben!"
+
+"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben
+behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer
+die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr
+gelangt, der _muß_ den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal
+an Gott glauben sollte. Ich _habe_ gebetet, jedoch nicht um die Gnade des
+Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen."
+
+"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"
+
+"Allerdings!"
+
+"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller
+Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den
+Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch
+beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose
+Menschen _wollen_ nicht darum bitten, _wollen_ den vornehmen Weg zur
+Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen
+kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen
+Namenchristen!"
+
+Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich
+um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue
+Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich
+mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal.
+
+Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche
+Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen
+Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose,
+beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen.
+
+Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe
+offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.
+
+Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen
+geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über.
+
+Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der
+rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die
+Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren
+Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige
+Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne
+zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen
+durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf
+dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.
+
+Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur
+Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute
+Wille unser vornehmstes Verdienst.
+
+Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke
+oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen
+Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten
+derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren
+Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen
+Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch
+langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher
+Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts
+weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein
+alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst
+weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als
+Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu
+Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise
+vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That
+das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für
+die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran
+fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter
+anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein
+zu hohes Ziel vorgesteckt habe.
+
+Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung
+durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen
+Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich
+auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist
+erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch
+Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben
+entgegenzuarbeiten.
+
+Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit
+vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und
+insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt
+werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche
+Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so
+läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die
+Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die
+unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie
+der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen
+schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen
+entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß.
+
+Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen
+und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der
+ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden
+und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen
+das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich
+oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von
+vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß
+die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter
+insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der
+ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für
+den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig
+beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den
+positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.
+
+Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer
+protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu
+verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu
+wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß
+es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe
+unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus
+fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten,
+doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur
+allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will,
+halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik
+und der gegenwärtigen Zeit überhaupt.
+
+Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in
+entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den
+gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden
+Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von
+sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl
+deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das
+Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und
+jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei
+aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten
+Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.
+
+Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine
+Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen
+Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens
+hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre
+Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines
+Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner
+gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch
+Waffen gegen sich in die Hände zu liefern.
+
+Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die
+Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum
+ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der
+Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte
+Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur
+ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der
+Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen
+Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.
+
+Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein,
+von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder
+mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so
+heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft
+geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat,
+Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger
+Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher
+kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken
+übrig bleibt.
+
+Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der
+unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch
+mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu
+kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur
+in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen
+werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren
+gehört.
+
+Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller
+Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten
+bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in
+einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im
+Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein
+Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische
+Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten
+Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen
+die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten,
+geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden
+der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei
+_allen_ Klassen des Volkes--schmutzige Geschichten ab.
+
+Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von
+der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann
+fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen
+herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses
+Gelichters frappante Ähnlichkeit hat.
+
+Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen
+Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder
+historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts
+weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger
+als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern
+mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen
+Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von
+Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden
+könnte.
+
+Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der
+Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die
+platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar
+unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos
+unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine
+bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und
+verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität
+darunter zu große Noth litte.
+
+Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck
+derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch
+praktischer.
+
+Er ist auch zugleich ein zwiefacher.
+
+Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die
+Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und
+unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher
+gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.
+
+Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven
+Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am
+Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine
+Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß
+lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.
+
+Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und
+dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke
+offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten
+Gestalten des Himmels verherrlichet.
+
+Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im
+Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend
+und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere
+Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist
+eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und
+damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.
+
+Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß
+die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines
+untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht
+begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben
+vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände.
+Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die
+Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik
+und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste
+Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.
+
+Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser
+Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit
+steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen
+sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.
+
+Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und
+fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern
+habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der
+Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.
+
+Auflösung und Zerstörung des Familienlebens--dieses Idol hirnloser
+Utopier--führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange
+entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten
+betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich
+von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und
+Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.
+
+Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und
+gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind
+nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.
+
+Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften
+darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der
+Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen.
+Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße
+Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch
+erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt
+hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend
+erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten
+mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und
+rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige
+Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner
+derselben--dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat
+schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an
+die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die
+meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und
+niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe
+seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst
+zerfällt, weil er _zuviel_ von den Menschen verlangt.
+
+Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs-
+und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und
+Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften
+Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach
+streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch
+einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle
+Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter
+zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen
+Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel
+Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.
+
+Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine
+erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde
+aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar
+Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel
+und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger
+vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.
+
+Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die
+Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in
+Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra
+des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen
+Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre
+Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.
+
+Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles
+Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt,
+Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche
+geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort
+ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der
+erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut
+geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten,
+gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der
+reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger
+deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.
+
+Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften
+und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern
+stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen
+heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je
+fragte.
+
+Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos
+an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt,
+keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem
+leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für
+das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher
+Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten
+schweigen.
+
+Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und
+meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen
+das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane,
+welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als
+andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt
+Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher
+sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig,
+hier etwas Gutes zu leisten.
+
+Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes
+Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das
+größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder
+durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich
+dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven
+Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.
+
+Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn
+Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im
+Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der
+geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.
+
+Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das _Gefängnißwesen_.
+
+In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein
+ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete,
+als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.
+
+Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu
+sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre
+hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine
+Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins
+Handwerk pfusche.
+
+Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen
+Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange
+genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des
+pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung
+kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und
+Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen
+Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter
+Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das
+Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung
+gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen
+selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche
+Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als
+berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen
+schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen
+Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.
+
+Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung
+und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen
+Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen
+begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und
+bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen
+Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit
+einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß
+auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.
+
+Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das
+Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich
+gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu
+beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen,
+theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr
+verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen
+angehörten.
+
+Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich
+ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch
+bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen
+einsamen Haft.
+
+Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der
+Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht.
+Warum?
+
+Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der _Besserung_, so
+muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr
+oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang
+und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung
+ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein
+wird.
+
+Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß
+derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung
+befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.
+
+Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der
+Gefangenschaft _möglicherweise_ ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber
+auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des
+Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der
+Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim
+Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu
+leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu
+den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.
+
+Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im
+Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein
+grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung
+von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte,
+als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während
+seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.
+
+Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten
+mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner
+völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem
+_Nutzen_ für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.
+
+Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen
+Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die
+stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß
+diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die
+Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der
+Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?
+
+Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen
+in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die
+Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.
+
+Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben
+umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu
+erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für
+Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.
+
+Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der
+sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in
+der positiven Religion.
+
+Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges
+Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden;
+ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser
+Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein
+es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus
+gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers
+zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne--damit
+habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr
+viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern
+spreche.
+
+In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts
+Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist
+bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die
+zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem
+Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu
+übertreten.
+
+Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein
+von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.
+
+Warum?
+
+Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz
+zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen
+Besserung durch dieselbe reden.
+
+Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener
+Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller
+Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer
+Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche
+dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren
+bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus
+der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt
+ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten--all
+diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft
+betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.
+
+Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer
+der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden
+will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute
+Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen
+Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit
+und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu
+vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch
+Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich
+selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen
+Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch
+beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne
+derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere
+in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß
+gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.
+
+Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch
+nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein
+innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren
+Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit
+tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit
+kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze,
+äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft,
+so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft,
+läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf
+jede Frucht des Zellenlebens.
+
+Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller
+Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die
+Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des
+religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst
+erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen
+soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.
+
+Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter
+gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine
+einzige erwähnt werden soll.
+
+Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und
+Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes
+huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider
+statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten
+innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin
+fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und
+mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.
+
+In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der
+Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre
+Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden,
+um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.
+
+Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln
+auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der
+Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen,
+wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer
+Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit
+Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft
+wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu
+oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.
+
+Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft
+verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden,
+priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren
+Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten
+Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen
+Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich
+die _absolute Trennung der Verbrecher unter sich_, mehr oder minder
+vollkommen beseitiget worden wäre.
+
+In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr
+verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch
+Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die
+Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig
+sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der
+Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß
+untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal
+vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt
+in Widerspruch gerathen.
+
+Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder
+Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält
+denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter
+mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der
+einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten
+und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse
+bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle
+von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und
+Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne
+daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus
+sich ergeben.
+
+Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling
+ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von
+Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der
+_Abschreckung_ in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich
+trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen
+sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der
+Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die
+Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all
+diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich
+hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der
+gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft
+bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch
+Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man
+hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung
+nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und
+zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren
+finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst
+nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß,
+weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an
+Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig
+vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der
+Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere
+abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande
+bringen.
+
+Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die _Sühne_ auf
+das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und
+gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt,
+was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist,
+desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich
+leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen
+Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der
+Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare
+Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage
+der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die
+Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil
+sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die
+Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört.
+Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler
+und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die
+schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu
+mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern
+und Schlechten gleich zu werden.
+
+Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein
+Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch
+nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest
+des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche
+Gesellschaft darinnen gelesen.
+
+Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder
+minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft
+die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld
+keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten,
+sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom
+Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso
+selbstsüchtig als ungerecht.
+
+Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle
+Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit
+großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt
+schreiben:
+
+ _Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!_
+
+und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.
+
+Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches
+ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein
+menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben
+keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung
+derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt.
+Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der
+Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein
+gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche
+Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch
+über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich
+Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und
+Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein
+Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben
+alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich
+verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch
+freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst
+seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet,
+wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe
+stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es
+dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst
+gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. _Den_ Sträfling
+möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und
+Laster _nicht_ zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht,
+sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit
+bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!
+
+Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe
+gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres
+Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen,
+an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen
+einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde
+er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die
+Hülfe der Religion bei diesem zu holen.
+
+Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300
+Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal
+bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte,
+wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in
+Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als
+leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und
+weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener
+Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische
+Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er
+nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser
+Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden
+Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.
+
+Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei
+Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und
+um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von
+schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von
+der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit
+welchen er sich zu vertragen vermochte.
+
+Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen
+jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die
+Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die _individuelle
+Behandlung_ der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller
+Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.
+
+Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der
+Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit
+religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird.
+Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten
+Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und
+gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das %Non plus ultra% aller
+Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.
+
+Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes
+und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder
+und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein
+geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der
+Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages
+ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage
+ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur
+Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen
+Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt
+Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft
+leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an
+sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein
+Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der
+Zellenbewohner--aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur
+Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht
+jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder
+im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst
+durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den
+individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen
+vollkommen einig.
+
+Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen
+Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die
+Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.
+
+Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst
+gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige
+Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des
+Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr
+beeinträchtigte.
+
+Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der
+Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der
+Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große
+Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise
+behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen
+her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt
+die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.
+
+Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die
+Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender
+Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem
+Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und
+der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß,
+welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern
+Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen
+wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn
+erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge
+tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur
+übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem
+Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt,
+keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er
+der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser
+Geistlicher kommen, um die _Schrecken der Religion_ in die Zelle zu bringen
+oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der
+altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft
+dem religiösen Wahnsinne verfallen.
+
+Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer
+derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und
+europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des
+Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und
+hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.
+
+Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!--Dies ist
+an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder
+andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise
+gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.
+
+Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß
+zumeist die _schlechtesten_ Subjekte Seelenstörungen und
+Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies
+in der ganzen Welt der Fall ist.
+
+Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat
+mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft
+_an sich_ als eine mangelhafte, verkehrte _Behandlung der Gefangenen_
+machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der
+Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu
+Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da
+und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man
+bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und
+überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der
+Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von
+sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein
+Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem
+Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der
+noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren
+bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin
+Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal
+noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen
+Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das
+lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu
+müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem
+Wahnsinn in die Arme treibt!--
+
+In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige,
+geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen
+durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert;
+mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen
+Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein
+Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe
+eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft
+auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.
+
+Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi
+willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis
+religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es
+meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und
+keine ächte Sittlichkeit.
+
+Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man
+könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und
+jedem Tode folgt eine Auferstehung!------
+
+Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt,
+die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen
+Freunde der einsamen Haft machten.
+
+Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte
+sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die
+Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden,
+welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz
+andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher
+erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon
+werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im
+kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von
+vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem
+religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die
+Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu
+überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und
+Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß
+Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in
+Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter
+vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.--Würde sich jedoch
+niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren
+Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein
+entschiedener Anhänger der einsamen Haft.
+
+Aus welchen Gründen?
+
+Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei
+der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele
+Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen.
+
+Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle
+keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln,
+Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der
+verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den
+Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung
+boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der
+Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit,
+endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den
+Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren
+Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich
+das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen
+Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an.
+
+Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel,
+ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen,
+sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch
+Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung
+anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch
+zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die
+Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des
+einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen
+Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für
+weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen.
+
+Drittens endlich _wird der Zellenbewohner_ doch gewiß _nicht_ bei den
+reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung _verschlechtert_,
+wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht
+tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen
+tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche
+stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche
+Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen
+leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger
+und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische
+Nahrung allmählig erlöschen.
+
+Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für
+blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer
+Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos
+deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen
+überhaupt gerne vergißt.
+
+Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten
+alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.
+
+Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für
+Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres
+Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und
+möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau
+"moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste."
+
+Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld
+dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch
+stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den
+Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen,
+zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen
+oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte
+ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen
+Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder
+Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in
+einer Zelle untergebracht werden sollte.
+
+Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth
+an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung
+gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln,
+bis vollkommene gebaut wären.
+
+In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten
+Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen
+nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf
+die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen.
+
+In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem _jugendliche
+Verbrecher_ unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der
+Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am
+leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht
+zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich
+herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen,
+sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und
+sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten
+als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter
+bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat.
+
+Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern
+rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr
+zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher
+schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur
+Seltenheit werden.
+
+Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor
+Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz
+verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß
+die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß
+verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten--
+Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen--verwendet oder in Folge
+eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne
+Länder geschickt würden.
+
+Träume sind Schäume!--
+
+Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und
+herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren
+sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht
+ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne
+Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch _als Ausnahmen_ sich stets
+erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich
+in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.
+
+Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen
+und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas
+ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.
+
+Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit
+schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar
+nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute,
+welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern
+Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil
+dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich
+verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der
+vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen
+beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits
+überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben
+überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere
+Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden
+der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine
+Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.
+
+
+_Freiburg_, am Charfreitag 1853.
+
+
+#J.M. HÄGELE#, Privatlehrer
+
+
+
+
+#DER ZUCKERHANNES.#
+
+
+#KINDER UND JUGENDLEBEN.#
+
+
+Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die
+Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern
+Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn
+nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern,
+finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte,
+könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei
+verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und
+arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder
+machen.
+
+Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.
+
+Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu
+verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und
+Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen,
+vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten
+Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig
+zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das
+Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle
+vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von
+einer steilen Anhöhe herabschauen.
+
+Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen
+Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er
+mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder
+auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm
+folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener
+Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig
+gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden
+könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden
+Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer
+Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter
+diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte
+Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich
+aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend
+Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen"
+und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.
+
+Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen
+dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich
+vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche
+weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr
+unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen
+bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder
+unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo
+Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott
+gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der
+stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den
+sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die
+alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie
+keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.
+
+Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung
+ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug
+bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das
+Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind
+froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des
+Gottesackers stehen sehen.
+
+Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu
+nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien,
+spricht das sonst so mechanische %miserere% und %de profundis% mit ganz
+besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der
+an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die
+Tiefe sinke.
+
+Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den
+Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert
+still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere,
+die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem
+Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der
+Verstorbenen.
+
+"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele
+Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der
+dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die
+Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von
+Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben
+wollte.
+
+Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu
+überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren,
+wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.
+
+Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in
+die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile
+unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab
+hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief
+und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch
+durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt
+war.
+
+Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme
+Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte
+bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat
+thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das
+Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.
+
+Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer
+Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen
+kühlen Grube der Mutter.
+
+Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem
+Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter
+stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis
+ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!
+
+Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen
+Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen
+Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit
+traurigem Recht eine _Alltagsgeschichte_ genannt werden.
+
+Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem
+herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion
+oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe
+überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität
+sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und
+begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem
+Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals
+Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein
+bischen herauszureißen.
+
+Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib,
+die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich
+mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer
+Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und
+die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig
+nicht übel bestellt.
+
+Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die
+ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer
+Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und
+schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an
+einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr
+Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker,
+wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf
+dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne
+nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher
+Woche mehr als sie brauchte?
+
+Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas
+gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes
+Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der
+strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen
+Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.
+
+Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets
+froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und
+fand in diesem ihren besten Erdentrost.
+
+Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der
+Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine
+handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist,
+und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug,
+aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches
+brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche
+später bitterlich bereut.
+
+Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch
+die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so
+verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und
+alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und
+nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.
+
+Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht
+ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die
+wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine
+schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu
+dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der
+Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den
+stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.
+
+Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme,
+die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die
+frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe
+und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war
+die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die
+weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel
+alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.
+
+So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges
+Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig
+nach!"--seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger
+und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese
+nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja
+sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott,
+was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"
+
+Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für
+die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht
+mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem
+wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.
+
+War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es
+schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer
+langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das
+Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter
+im Schwarzwalde geben konnte.
+
+Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige
+an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch
+kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche
+Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt.
+Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war
+letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses
+Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten
+auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und
+Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges
+Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld
+machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr
+Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere
+Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.
+
+Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht,
+Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem
+großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen
+Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man
+muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des
+Gebirges nicht brauchen.
+
+Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom
+Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die
+zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst
+zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath
+zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost
+und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.
+
+Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis
+Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele"
+an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede,
+Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich
+Verdammten in der Hölle.
+
+Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom
+Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen
+würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige,
+hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr
+ausgekommen sein.
+
+Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz,
+die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch
+tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an
+einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich,
+kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen
+Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden
+zitterte.
+
+Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch
+Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits
+arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu
+müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie
+Niemand verpflegen und lieben würde.
+
+Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in
+einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an
+Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre.
+
+Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes
+Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn
+eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem
+mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der
+Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und
+Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären.
+
+"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem
+Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der
+Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank
+wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber.
+
+Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel
+fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst
+mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf
+die wohlfeilste Weise.
+
+So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig
+und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am
+Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein
+oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter
+der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte
+dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle
+Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den
+spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den
+Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen.
+
+Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um
+das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute,
+herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in
+diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen
+der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte
+hundertmal ganz ruhig erwiedert:
+
+"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich
+habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du
+hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"--
+
+Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine
+Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund
+davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die
+Eifersucht.
+
+Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige
+Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung,
+das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der
+Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr
+unter die Haube kommen, machte sie rasend.
+
+Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb
+Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere
+einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit
+dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten
+Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane
+gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los.
+Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und
+herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal
+mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.
+
+Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem
+Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als
+solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht
+und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu.
+
+Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und
+lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen
+Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der
+Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines
+armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr
+ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt.
+
+Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine
+Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze
+kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die
+tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die
+Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der
+Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und
+nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen
+Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn
+die schwersten Arbeiten verrichten mußte.
+
+Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich,
+seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer
+uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern
+des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann
+eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet,
+daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in
+ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe
+zu den Menschen genommen.
+
+Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in
+ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der
+unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu
+Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle
+bewiesen.
+
+Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich
+bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und--
+beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig
+denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich
+Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der
+Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale
+herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder
+ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen
+haben, um dasselbe heimzuführen.
+
+Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran
+sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch
+abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde
+und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann
+gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes
+Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen
+ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter
+Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute.
+
+Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran,
+welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich
+trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit
+erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie
+sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.
+
+Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten
+Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit
+Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die
+gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.
+
+Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen,
+der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben
+durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht
+zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base
+Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft
+herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet
+hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und
+Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.
+
+Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der
+Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig
+brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren
+bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu
+jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch
+stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch
+die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer,
+Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber
+übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne
+und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.
+
+Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden
+versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden,
+mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu
+Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war
+nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und
+zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld,
+welches sie sich am eigenen Leibe absparte.
+
+Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben
+niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen
+haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus
+freiem Willen.
+
+Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll
+Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich
+lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem
+Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit
+ihren Leib durchwühle.
+
+Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht
+mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie
+keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein
+anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde
+verpflegt zu werden.
+
+Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre
+irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die
+Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott
+zurückgeführt wurde.
+
+Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus,
+ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr
+jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen,
+welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte
+Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte,
+zusteckte.
+
+Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen
+für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht
+ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines
+elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.
+
+Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal
+nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer
+Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den
+verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.
+
+Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte
+ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu
+Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen
+Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen
+waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder
+minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.
+
+In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege,
+doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens
+störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große
+Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle
+voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange
+mehr zur Last sein würde.
+
+Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den
+Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil
+Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten
+keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen
+größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.
+
+Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als
+landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an
+Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene
+Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf
+Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust
+zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen,
+schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu
+belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern.
+
+Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ
+und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt
+Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß
+Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen
+beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und
+handelte.
+
+Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten
+Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art
+überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um
+der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so
+einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer
+Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen
+Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig
+wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen
+göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender
+Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden
+Sieg einbüßte.
+
+Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am
+lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines
+hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen
+Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der
+"christlichen" Staaten!--
+
+Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die
+lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr
+möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.
+
+Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des
+Begräbnisses.
+
+Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im
+halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der
+Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis
+Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des
+Schwarzwaldes?--
+
+Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte
+die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus
+der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens
+verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug
+unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf
+und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen
+ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah,
+schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob
+er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes,
+trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen
+mit Schnaps zu vertreiben.
+
+Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der
+armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des
+Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine
+"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen
+worden war.
+
+Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein
+Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine
+Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins
+Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.
+
+Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des
+floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt,
+diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken
+vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende
+"Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der
+unbefangenen Kindheit.
+
+Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal
+und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der
+Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur
+reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos
+und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der
+Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.
+
+Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft
+magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch
+nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß,
+den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben
+nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den
+Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche
+einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just
+da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht
+mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle
+nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten
+Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt
+verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von
+allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche
+den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser,
+wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe
+nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise
+bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle
+Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen
+anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege
+und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich
+nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte
+der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen.
+
+In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er
+andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu
+Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken
+Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.
+
+Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst
+entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit
+die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn
+Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde
+in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib
+noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.
+
+Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle
+zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als
+dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein
+ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im
+Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht
+vieles doch gutes Essen bekommt.
+
+Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen
+Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die
+Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am
+allerwenigsten eine Erzieherin war.
+
+Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl
+gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten
+Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel
+wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes
+Bäumlein.
+
+Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern
+der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem
+Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit
+einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die
+natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz
+erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an
+den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie
+hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und
+schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend
+entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener
+Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet.
+
+Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen
+Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig
+geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben
+aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus
+dem zarten, jungen Herzen heraus.
+
+Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die
+"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf
+Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt,
+so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese
+kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu
+geben.
+
+Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das
+Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und
+der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht
+noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an
+den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten
+vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich
+spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug.
+
+Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle
+zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen
+des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst
+zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte.
+
+Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern
+arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den
+Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand
+beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am
+Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten
+anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark
+und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu
+sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen.
+
+Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes
+sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der
+Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern,
+welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen
+können.
+
+Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war
+eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater,
+naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens
+darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben
+zeigte.
+
+Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus
+ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr
+Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten
+Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.
+
+Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch
+kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib
+und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem
+ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im
+Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen
+worden.
+
+Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe
+zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst.
+Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über
+alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne
+daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.
+
+Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre
+Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten
+ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen
+Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und
+stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil
+Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich
+nach ihren Kunden zu richten pflegen.
+
+Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz
+auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor
+Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht
+bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt,
+so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut
+glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen
+Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu
+Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an
+Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.
+
+Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf
+machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam
+und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen
+Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in
+Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des
+Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die
+Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht
+wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu
+sich nehmen.
+
+Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht
+bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen
+haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.
+
+Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer
+Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht
+das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die
+Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig
+über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.
+
+Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt
+allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und
+an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen
+fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen
+Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort
+viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von
+Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein
+schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten
+Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen
+Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der
+sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich
+vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.
+
+Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von _Hoffart_ so erfüllt, wie ein
+ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer
+wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch
+frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen.
+Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer
+Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um
+lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie
+befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht,
+diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu
+bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie
+ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte
+und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne
+behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim
+und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.
+
+Vom _Geize_ der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte
+und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen
+Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und
+leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr
+aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt.
+Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine
+besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte
+und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere
+Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht
+übermannten.
+
+Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht
+zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit
+er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß
+sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten
+Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie
+ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu
+üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen
+mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode
+behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die
+Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die
+große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und
+ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen
+sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer
+Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.
+
+Von der _Unkeuschheit_ der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu
+erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie
+hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit
+blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst
+zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes
+merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem
+Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die
+Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie
+ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine
+Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum
+patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so
+wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den
+dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.
+
+Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen,
+welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes
+Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne
+und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde,
+allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es
+Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein
+kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die
+Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das
+Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle
+betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe
+werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner
+"gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen
+Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte
+Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz
+ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der
+frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm
+auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.
+
+Von Elsbethens _Unmäßigkeit_ munkelten und lärmten böse Zungen erst in
+spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten
+Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und
+weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse
+glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß
+sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem
+Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte,
+allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler
+vorausschickte.
+
+Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die
+besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur
+Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit
+im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich
+die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe
+eine Verkennung und Anschwärzung in sich.
+
+Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum
+eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen.
+Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich,
+sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der
+Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh
+herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu
+vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche
+freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den
+Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen
+vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den
+Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen
+und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches
+sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten,
+nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.
+
+Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die
+Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie
+himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren
+letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon
+längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen
+lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch
+eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu
+achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste
+und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen
+herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank
+sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der
+Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der
+Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten
+keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine
+für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten
+vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das
+Wohl aller Menschen zum Himmel empor.
+
+Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von
+einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so
+beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß
+ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine
+zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die
+schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit
+war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken
+versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden
+Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen
+das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und
+Zanksucht.
+
+Zwar ging ihr _Zorn_ vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit
+und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen
+Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt
+oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse
+Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und
+sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre
+Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und
+durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte
+und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit
+ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre
+sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein,
+wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil
+trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen
+verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das
+Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und
+Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.
+
+Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames
+Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm
+nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die
+Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die
+ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen
+Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen
+desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich
+zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden
+wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle
+verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.
+
+Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet
+brachten, hielt Elsbeth den der _Trägheit_ und nimmermehr vermochte sie es
+zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb,
+welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.
+
+Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere
+deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und
+thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und
+pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat
+leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise
+bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des
+Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von
+der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter
+ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die
+Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer
+Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor
+er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung
+gebildet hat.
+
+Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der
+Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige
+Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg
+ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth
+und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die
+beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und
+merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht
+der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen,
+Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen
+mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.
+
+Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im
+Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der
+Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu
+verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine
+Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes
+Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.
+
+Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken
+Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.
+
+Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr
+Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des
+Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer
+Todfeinde blutig gerächt haben soll.
+
+Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen
+gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen,
+dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals
+in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27
+Jahren gelähmt war.
+
+Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu
+erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es
+sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde,
+nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder
+gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei
+unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme,
+dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute
+Meinung von ihr haben könne.--Andere berechneten, wieviel diese Zauberin
+durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen
+Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit
+Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus
+und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die
+Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch
+angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch
+nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe
+des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie
+würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch
+zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von
+der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen
+sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie
+in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb
+von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden
+alter Zeiten abzubüßen.
+
+Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen
+halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der
+Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene
+lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin,
+von der er schon Manches vernommen hatte.
+
+In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges
+Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder
+überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren
+und armseligen "G'häs" und:
+
+ "Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm,
+ aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"
+
+waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende
+Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer
+geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und
+schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten
+Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.
+
+Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich
+Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen,
+die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch
+das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in
+ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer
+höhern Welt hervorzubrechen schien.
+
+Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe
+anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann
+von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und
+als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27
+Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen
+Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste,
+Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich
+eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und
+lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei.
+
+Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf
+Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und
+hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher
+Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen
+Bibliothek vermocht haben würde.
+
+Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler
+besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine
+Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.
+
+Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht
+zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er
+bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen
+Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die
+Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht
+gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider,
+welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und
+dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen,
+sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales
+getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.
+
+"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den
+besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder
+gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und
+denselben als Ihresgleichen zu betrachten.
+
+Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und
+Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und
+gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.
+
+"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen
+sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der
+Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den
+herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch
+so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und
+ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter
+sich selbst so große Unterschiede?"
+
+Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die
+Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig
+derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm
+begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er
+daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr
+redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier
+zerfloß.
+
+Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben,
+Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es
+ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich
+blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe
+und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder
+gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause
+und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.
+
+Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten
+etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer
+Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.
+
+All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die
+Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr
+Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und
+Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein,
+einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh,
+Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch
+weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an
+bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen
+herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder
+auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei
+schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer
+aufbrachten.
+
+Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich
+nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er
+in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder
+religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon
+weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen
+suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim
+Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles
+litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales
+nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu
+bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben
+fortschritten.
+
+Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth
+zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und
+höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur
+Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit
+gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und
+oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter
+geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn
+während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein
+"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit
+Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt.
+
+"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht
+allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief.
+
+"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die
+Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert"
+sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und
+weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen.
+
+"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott
+verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich
+gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten
+wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott
+denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur
+Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die
+Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die
+Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf
+die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften.
+
+Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im
+Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau
+Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister
+lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den
+Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.
+
+Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe
+trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein
+Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit
+"Gesindel und Bettelvolk" abgebe.
+
+Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten
+hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in
+seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und
+allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim
+Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen
+Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber
+später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein
+Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem
+Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein
+Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um
+des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den
+freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und
+Sorgen wüßte.
+
+Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu
+bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer
+spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem
+spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.
+
+Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.
+
+Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual
+des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr
+versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu
+wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen
+Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen
+sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen
+Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der
+Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische
+Trennen und Scheiden in größern Städten.
+
+Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.
+
+Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht
+erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch
+selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen,
+weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und
+war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen
+herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es
+fehlte ihm an Gespielen.
+
+Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht
+und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil
+er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren
+in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden,
+Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu,
+allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu
+gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben,
+ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden
+Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie
+verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"
+
+Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse,
+doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig
+niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in
+gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als
+Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er
+die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.
+
+Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen
+seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele
+hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke
+Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle
+erzogen.
+
+Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein
+Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste
+und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der
+Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum
+Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als
+den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum
+Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten,
+was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß
+der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines
+Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und
+Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig
+Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das
+Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er
+entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten
+bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe
+emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen
+des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah
+die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals
+ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener
+Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er
+aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen
+geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den
+seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und
+verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.
+
+Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes
+Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum
+Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat
+er diese Lehre niemals recht erfaßt.
+
+Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre
+Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten
+der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber
+mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die
+Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange
+zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle
+sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem
+Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während
+des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig
+halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die
+Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen,
+Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er
+nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme
+Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme
+Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte
+anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu
+widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er
+die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen
+habe.
+
+Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem
+Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen
+müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung
+aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die
+Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat
+verloren gegangen!--Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei
+der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es
+allgemach einerndten.
+
+Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil
+es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für
+das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des
+Himmels.
+
+"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt
+Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm
+macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen,
+daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor,
+die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ,
+dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und
+Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen
+denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der
+Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.
+
+Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen
+religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher
+und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.
+
+Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden
+den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und
+Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal
+keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden
+Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das
+Christenthum.
+
+Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich
+leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen,
+der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt
+an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des
+Christenthums über die heidnische Welt.
+
+Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und
+seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren
+viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr
+leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der
+Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal
+klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu
+werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten
+und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.--
+
+Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber
+einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er
+in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit
+kurzen Worten abmachen.
+
+Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins
+gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im
+Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches
+Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte
+Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr
+unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues,
+niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren
+ihm nicht recht gefallen wollte.
+
+"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner
+Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn
+die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte
+Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube
+weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.
+
+Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur
+noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine
+reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle
+selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm
+als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem
+Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.
+
+Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage
+zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich
+mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen
+brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth
+Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin,
+die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott
+zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem
+blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und
+vorbei!--
+
+Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth
+übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den
+Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die
+Sache nicht mehr.
+
+Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu
+gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines
+Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter,
+ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen
+Rolle.
+
+"Komm, wir gehen zu _deiner Großmutter_;" spricht der Vicar an einem
+schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die
+dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung,
+was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr
+führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.
+
+Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen
+einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt,
+traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne
+Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der
+schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht,
+weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch
+unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.
+
+Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.
+
+War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der
+Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre
+Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie
+schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem
+Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie
+mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch
+später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales
+und absonderlich die des Hannesle heißen?--Der Geistliche blieb eine
+Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des
+Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu
+kommen und den Buben abzuholen.
+
+Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren
+wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine
+neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu
+Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat
+die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben
+verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die
+Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben
+der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende
+Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das
+fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar
+und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht
+mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der
+Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen
+empfand er täglich weniger.
+
+Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als
+der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der
+Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise
+machte, trug ihm bittere Früchte ein.
+
+Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen
+habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt
+oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine
+Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere,
+setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem
+Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je
+musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein
+schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.
+
+Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein
+anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes
+mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein
+zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe
+Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen.
+Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als
+vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In
+einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und
+Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß
+alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der
+Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem
+Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und
+stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein
+würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.
+
+Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und
+ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die
+Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war,
+sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser
+behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote
+suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute
+sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und
+Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen
+keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es
+befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem
+Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren
+fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser,
+Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter
+genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er
+allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte.
+Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen
+Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und
+diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem
+Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde.
+Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und
+diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin
+die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den
+Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter
+Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden
+Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch
+keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.
+
+Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging,
+läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug,
+um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen,
+bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens
+ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und
+winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit
+entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu
+verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle
+für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte
+denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was
+ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur
+_"Zuckerhannes"_ rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und
+Erwachsene.
+
+Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und
+hat denselben niemals wieder verloren.
+
+Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube
+geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn
+boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe
+sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der
+Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die
+Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth
+und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der
+Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das
+Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.
+
+Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in
+der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute
+Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.
+
+Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte
+jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen
+und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte
+in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen,
+verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden
+Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und
+vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde
+unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der
+er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und
+Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten,
+kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten
+weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das
+Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und
+Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.
+
+Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den
+Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah
+fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen
+Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der
+Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn
+er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte
+ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang
+bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers
+Werth veruntreue oder entwende.
+
+Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der
+schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als
+Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.
+
+"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich
+zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen
+soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte
+Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei
+ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und
+Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und
+betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit
+langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß
+gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim
+keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren
+lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der
+Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche
+er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.
+
+Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des
+Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen,
+Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes
+Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen,
+welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum
+Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein
+schienen.
+
+War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die
+Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe
+entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer
+schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für
+sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares
+Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße
+und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat
+und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde
+hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen
+oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei
+heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung,
+die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine
+so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so
+hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen
+Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.
+
+Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande
+eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger
+und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl
+verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte
+derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb
+behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so
+schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger
+wurde.
+
+Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und
+höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er
+habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines
+Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses
+Wirthshaus für ihn finden.
+
+Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen
+Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den
+"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen,
+der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich
+manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen
+und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden
+auszustoßen.
+
+Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und
+ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten
+und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im
+herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und
+göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.
+
+Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während
+des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder
+im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht
+angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht
+allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen
+wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der
+Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel
+ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der
+Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin
+getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse
+Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er
+manches Stündlein bei ihr.
+
+Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes
+bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch
+Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden
+lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern,
+unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.
+
+Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem
+Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte,
+aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den
+auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge
+Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des
+Sünders für sich gewinnen.
+
+Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und
+weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres
+Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit
+willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ
+dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein,
+der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht
+wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche
+wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in
+schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:
+
+"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine
+Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst
+am Sonntage noch gesagt!"
+
+Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine
+eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden
+Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den
+herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.
+
+Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche
+unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete
+amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz
+redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den
+Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben
+geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem
+lebenslänglichen Hinkebein.
+
+Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn
+ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von
+Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.
+
+So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie
+jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie
+versprach demselben goldene Berge---eines schönen Morgens fand man das
+Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand
+sagen.
+
+In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte
+sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch
+dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und
+heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre
+Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.
+
+Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines
+Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher
+als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer
+freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der
+Gedanke an seine Papiere.
+
+Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen
+Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er
+sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue
+und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm
+nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein
+gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah,
+daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen
+Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste
+von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so
+schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach,
+ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche
+machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und
+Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen
+ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen
+Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an
+erlebt, fand er im Mooshofe nicht.
+
+Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen
+Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen,
+angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.
+
+An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse
+über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz
+und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges
+Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ
+und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das
+Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.
+
+Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins
+Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf
+erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu
+lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht
+unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht,
+sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen
+und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.
+
+"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde
+einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei
+fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"
+
+Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in
+ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der
+Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem
+gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich
+darnach zu richten.
+
+Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag
+Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube,
+undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes"
+mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines
+Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer
+und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von
+Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei
+merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten
+solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle
+Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das
+Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft,
+doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu
+befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.
+
+Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung,
+Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende
+hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen
+erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß
+gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint
+haben.
+
+Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen
+Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen
+Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die
+Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.
+
+Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und
+seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und
+sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden
+zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat
+den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und
+menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als
+getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen
+Gesellschaftern machte.
+
+An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine
+silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus
+der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme
+den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.
+
+
+
+
+#IM THURM.#
+
+
+Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der
+Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in
+Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das
+Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.
+
+Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit
+einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen
+vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.
+
+So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser,
+Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich
+bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so
+bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.
+
+Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur
+noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie _durch das
+Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster
+werden_; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und
+Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität
+schneidenden Hohn sprechen.
+
+Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit
+Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und
+Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu,
+mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich
+sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern,
+mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren
+Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen
+versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen,
+die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit
+eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über
+kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber
+großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.
+
+Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen
+Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam,
+schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue
+Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger
+auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.
+
+Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten
+sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die
+Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen
+bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen
+oder gar vereiteln.
+
+Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische
+Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung
+und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr
+bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen--mit
+diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine _Ausnahme_
+von der Regel, nämlich in ein _schlechtes_ Amtsgefängniß treten und in
+einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.
+
+Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe
+vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft
+erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen
+Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft
+und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel
+einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die
+Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf
+die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am
+Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum
+Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen.
+An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger
+Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht
+alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle
+denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen
+Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit
+marmorirten Wände hingeklekst wurden.
+
+Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers
+ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber
+findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her
+gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich
+darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er
+außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines
+Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und
+Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des
+Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome
+verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen;
+viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter
+Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen
+hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke
+umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen
+Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er
+geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe
+weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der
+Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.
+
+Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu
+Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert
+den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die
+"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue
+Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen
+Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden
+Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch
+verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls
+würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des
+Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet.
+
+In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern
+schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer
+spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang
+der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall
+war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines
+deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern,
+Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten
+geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte
+hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der
+Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem
+Befehle _strenger_ Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man
+wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen
+die Regierung erbittert werden.
+
+Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das
+gemeine Volk sei, die _Regierung_ als den allgemeinen großen Sündenbock
+aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der
+Angestellten und Beamten zu betrachten.
+
+Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere
+Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht
+beurkundet--eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden
+noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben,
+wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und
+Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige
+Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr
+geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"--eine
+Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten.
+
+Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges
+Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen
+Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor
+Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne,
+die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen
+und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins
+heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen
+Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit
+freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und
+erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der
+morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom
+schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung
+auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen
+bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in
+schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören.
+
+Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt
+in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend.
+Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte
+Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde
+nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so
+gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen
+Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in
+Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene
+Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er
+knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines
+Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige
+abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife,
+einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der
+allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid
+künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe
+auf dem nächsten Bette macht.
+
+Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet
+gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der
+Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine
+des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der
+Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche
+macht.
+
+Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der
+Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein
+Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu.
+
+Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht
+in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und
+Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der
+Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und
+brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten
+ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.
+
+Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser
+begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der
+Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in
+Wallung bringt.
+
+Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe,
+eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu
+gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und
+wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und
+repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.
+
+Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange
+in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören
+und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten
+der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben
+stark beeinträchtigen.
+
+Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des
+schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der
+Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält
+sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz
+unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in
+sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher
+erhalten wird.
+
+Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten,
+Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der
+schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher
+den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger
+einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen
+entsprechend gebildet zu haben.
+
+Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was
+er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung,
+welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu
+einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten,
+unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind
+seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er
+redet.
+
+Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen
+Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen
+sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und
+furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des
+Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der
+einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der
+Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster
+grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser
+als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer
+Quälereien los und ledig zu werden.
+
+Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes
+geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem
+dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben
+aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein,
+doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn
+das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht
+schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte
+er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges %da
+Capo%.
+
+Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es
+im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste
+Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses
+Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich
+noch ein bischen vor sich selbst schäme.
+
+Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes
+verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall
+zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert
+weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen
+Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er
+mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum
+allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand
+am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine
+aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein
+Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und
+welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der
+zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird.
+
+Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls
+hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der
+Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die
+Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher
+sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art
+von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft.
+
+Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende,
+um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!----
+
+So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter
+Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht
+bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig
+verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und
+Züchtigkeit?
+
+Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter"
+Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind
+schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art
+vorangegangen--doch _der Staat_ soll den Uebertretungen des sechsten
+Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute
+verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen
+Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch _Leute verschiedener
+Glaubensbekenntnisse_ sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am
+allerwenigsten Juden zu Christen.
+
+Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach
+in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth
+finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung
+wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je
+entfernt sind.
+
+Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und
+Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln,
+im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für
+das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn
+seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische
+Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus
+des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller
+Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel
+das Volk arm und elend macht.
+
+Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich
+entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige
+Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch
+worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen
+Juden_menschen_ und Christen_menschen_? Verschiedenheiten der Nationalität,
+Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch
+Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den
+Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens
+verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten,
+tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.
+
+Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden
+wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel
+zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das
+Sichselbstaufgeben und Bekehren.
+
+Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke
+kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch
+der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner
+Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.
+
+Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art
+verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen
+drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei
+ergriffen und _daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine
+Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von
+welcher die Gesetze nichts wissen wollen._
+
+Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum
+Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen
+Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als
+halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt
+hatte.
+
+Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten"
+Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner
+Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger
+Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von
+besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden
+sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand
+in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche
+mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles
+Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine
+Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs
+auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er
+die Leiden des Kerkers.
+
+Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei
+heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen
+Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel"
+oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus
+Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der
+Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich
+von "unsere Lait" kreuzigen ließ.
+
+So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt
+zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist
+auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht
+schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling
+ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.
+
+Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die
+finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul
+hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen
+gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende
+Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:
+
+"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche,
+spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du
+Tropf!"
+
+"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes
+gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"
+
+Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der
+sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in
+Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn
+nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend
+dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck
+verschafft hätte.
+
+"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams
+und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.
+
+"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ...
+gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere
+Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ...
+uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ...
+
+Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende
+Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol
+mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er
+schrie:
+
+"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die
+Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die
+Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da,
+Jean de sucre, par Dieu!" ...
+
+Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und
+schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine
+besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht,
+der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft
+heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt
+still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von
+Neuem Rache und Haß.
+
+Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen
+ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen
+könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch
+Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.
+
+"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue
+es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es
+dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte
+wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten
+Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl
+umherwandelt.
+
+"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte
+und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich
+will sie so gut erzählen, als ich vermag und _Das_ will ich Euch sagen,
+_wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige
+Zeugen genug nennen._ Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann,
+doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der
+Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den
+Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter
+Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! _Du_ besonders sollst Deine
+Judenohren spitzen, denn ich _bin ein Evangelischer_ und _Pfaffenfeind_,
+frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine
+Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine
+Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!"
+
+Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben
+dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie
+selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem
+Spiele.
+
+
+
+
+_Die Geschichte des alten Mannes._
+
+
+"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige
+Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70.
+Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil
+Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch
+dieses eintreffen.
+
+Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters,
+welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten
+Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.
+
+Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich
+mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an
+diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich
+Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die
+Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde
+dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als
+Geselle drunten in der Pfalz.
+
+Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die
+Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre
+Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte
+ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre
+alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und
+der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn
+nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle.
+
+Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch
+damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle
+hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte,
+dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über
+den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit
+Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt.
+
+Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht
+von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu
+bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln
+verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in
+die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze
+liegen und wurde gefangen.
+
+Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe
+eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und
+besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel
+mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.
+
+Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir
+schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen
+uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof
+hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten
+vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir
+nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen
+Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal,
+der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter
+der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.
+
+Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug
+und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner
+diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.
+
+Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch
+das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich
+langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder
+gelangte ich aus dem Graben ins Freie.
+
+Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror
+Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg,
+ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich
+nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf
+allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern
+und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain
+hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief
+im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige
+Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß
+ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei
+bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof
+ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das
+Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem
+Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht
+nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.
+
+Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo
+es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein
+Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet
+erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals
+zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen
+laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es
+gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr
+eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor
+dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir
+das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es
+denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu
+sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben
+wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur
+lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch
+herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps,
+als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen
+Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett,
+betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein
+Wort verstanden.
+
+Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher
+Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt
+sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht
+fast dazu.
+
+Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich
+wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer
+Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich
+ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.
+
+Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins
+Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.
+
+Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann
+derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an
+einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann
+Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel
+Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie
+ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren
+mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.
+
+Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim
+gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie
+mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis
+Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den
+Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem
+eisgrauen Gottesmanne.
+
+Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus
+mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er
+sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.
+
+Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern
+Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du
+deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen
+verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der
+Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre
+alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten.
+Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage
+erleben!"
+
+Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum
+recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.
+
+Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß,
+auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles
+wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu
+holen, der Commandant aber schnauzte mich an:
+
+"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat
+oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten
+Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir
+Bedenkzeit!"
+
+Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der
+Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur
+bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit
+kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.
+
+Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"--Nein!
+--"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"
+
+Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es
+auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig,
+hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich
+ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen
+Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht,
+der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden
+hätten!
+
+Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur;
+derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend
+und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den
+Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die
+Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein
+Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst
+bis morgen bei mir bleiben!"
+
+Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte;
+zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich
+ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher
+betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch
+halbtod prügeln werde.
+
+Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege,
+welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich
+ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide
+bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch
+viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große
+Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für
+eine halbe Compagnie.
+
+Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich
+sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus
+zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer
+Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze
+Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.
+
+Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld,
+sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst
+übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages,
+ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und
+ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in
+der Nacht erfrieren können.
+
+Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können,
+blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser,
+sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und
+Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles
+so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem
+Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein
+Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.
+
+Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim
+Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu
+begleiten.
+
+Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte
+nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben
+mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort
+unter die Soldaten anwerben zu lassen.
+
+Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste
+Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben
+und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.
+
+Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.
+
+Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause,
+sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld
+als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's?
+der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.
+
+Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst
+hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager
+und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch
+er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister
+heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen
+Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.
+
+Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24
+Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das
+Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich
+beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.
+
+Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen
+wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen
+waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen,
+weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am
+Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum
+Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf
+uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf
+geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf
+eingeliefert.
+
+Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte
+mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen
+hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere
+Vorwürfe.
+
+Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der
+Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach
+der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß
+nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem
+Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch
+bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz
+gewaltig.
+
+Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen
+die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort:
+Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben
+schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir
+schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem
+Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig
+blutete.
+
+_Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen
+vieler Herren und Damen der Stadt._
+
+Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins
+Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war
+mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte,
+in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die
+Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte
+ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch
+dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf
+halt auf dem Rücken keine Maden geben!"
+
+Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt
+erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren,
+wenn es mir auch das Leben kosten sollte.
+
+Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben
+konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine
+Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich
+trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen
+Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste
+ernsthafte Bekanntschaft an.
+
+Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften
+anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei
+ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und
+Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für
+dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht
+heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"
+
+Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu
+bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten,
+Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht
+sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört,
+was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie
+allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es
+mit der Marie im Mohren gut meine.
+
+Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und
+sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie
+selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten
+sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.
+
+Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern
+ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein.
+"Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"--"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn
+ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"--"Nu, nu, Alterle!"--
+"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ
+mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"--
+"So, so!"--"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die
+Meinige!"
+
+Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt,
+der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches
+Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.
+
+Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus,
+worin Muck arbeitete.
+
+Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es
+Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und
+sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"
+
+Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine
+Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch
+nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles,
+stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie
+ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn
+wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen
+Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche
+im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag
+fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.
+
+Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus
+Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name
+nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die
+Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu
+lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt
+werde.
+
+Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause,
+es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt
+oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im
+Gartenhause zu Jägerndorf denke!
+
+Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres
+Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich
+Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und
+mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu
+vermeiden.
+
+Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau
+wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden
+Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer,
+ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten
+hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon,
+daß wir Deserteurs seien--er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe,
+spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog
+denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns
+ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie
+die Rehe dem Walde zu!
+
+Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien,
+denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.
+
+Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den
+Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der
+Stadt seien und kamen unangefochten hinein.
+
+Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein
+Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem
+Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen.
+Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn
+die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst
+im ärgsten Rausche nicht vergaß.
+
+Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir
+gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune
+Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.
+
+Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment
+bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend,
+dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine
+Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier
+müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.
+
+Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und
+verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das
+Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der
+Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich
+Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei
+den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem
+Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu
+lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden
+Handgeld.
+
+Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf,
+doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich
+zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet,
+zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und
+begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe
+ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber
+die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger
+mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt
+vielleicht schon daheim.
+
+Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich
+sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht
+verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"
+
+In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal
+noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in
+Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke
+Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer
+mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den
+Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte
+mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn
+ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.
+
+Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß
+sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich
+auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest
+verherrlichen sollte.
+
+Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte,
+sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen
+fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte,
+wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht
+schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim
+Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.
+
+Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn
+zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand
+jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine
+besonderen Absichten.
+
+Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit
+einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag
+in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der
+Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt
+wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß
+eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle
+dazu.
+
+Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und
+gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn
+ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der
+dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren
+arbeitete und allen Soldaten bekannt war.
+
+Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks
+Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die
+Karte?"--"Hier!"--"Woher die Karte?"--"Von dem und dem!"--"Kennst du den
+Soldaten?"--"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf
+wird denselben wissen!"--"Arretirt!--"
+
+Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein
+Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten,
+der in der Moldau ertrunken sei.
+
+Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf,
+als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts
+wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe
+mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei
+meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör
+gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im
+vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"--"Weßhalb?"--"Schon im ersten
+Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche
+dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben
+und meine Sache dem General vortragen."--"Glaubst du, es sei dir zuviel
+geschehen?"--"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"--"Glaubst du
+nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"--"Freilich
+glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"--Jetzt meint
+der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür
+sind wir auch da!--Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so
+pfiffig gemacht!--"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich
+auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem
+den Buckel blau zu schlagen!"--"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom
+Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber
+angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht
+in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du
+nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"--"Nein!"--Jetzt
+sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn.
+Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst
+in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem
+Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"
+
+Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren
+lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder
+eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3
+Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"
+
+Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut
+bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er
+meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon
+gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es
+heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich
+es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest
+dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern
+desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"
+
+Ich dachte, _du_ hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.
+
+Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten,
+Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als
+sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die
+Offiziere gefüllt hatte.
+
+Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln
+beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire
+und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein
+Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze
+sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber
+und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in
+Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht
+mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine
+Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem
+Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben
+und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und
+brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.
+
+Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski
+die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum
+Rasiren ging, aus Prag hinaus.
+
+Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich
+warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen
+sollte, war schon in der Nähe!
+
+Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich
+bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des
+Landes?"--"Bin bei Eger zu Hause!"--"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!"
+--"Warum nicht?"--"Hm, hm!"
+
+Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien,
+ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die
+Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich
+bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im--Staabsstockhaus.
+
+Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte
+darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur
+für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!
+
+Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins
+Regimentsstockhaus und ins Verhör.
+
+"Woher die Zivilkleider?"--"Mitgebracht!"--"Dann?"--"Im Wolf, dann bei
+der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"--"Dann?"--"Auf dem Leibe
+unter der Montur!"--"Die Montur?"--"Hinter einem Gartenzaune!"--"Wie kamst
+du zum Thore hinaus?"--"In Civilkleidern und mit einer Karte!"--"Woher die
+Karte?"--"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]--"So! Nun diesmal geht
+es anders, Paule!"
+
+Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen,
+die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte,
+freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich
+um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.
+
+Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke:
+"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"
+
+Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden,
+wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde
+ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.
+
+Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15
+herab!--Gestehst du jetzt?"--"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"--
+"Nochmals 15!"
+
+So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ
+ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte,
+nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau
+des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in
+der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht
+geschunden wurde!
+
+Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.--
+"Weßhalb keine Antwort?"--"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"--
+"Bleibst du dabei?"--"Ja!"--Wieder 15 herunter!--"Gestehst du?"--
+"Ich habe Alles schon gesagt!"--"Das Verhör ist geschlossen!"
+
+Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht
+für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in
+Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.
+
+Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den
+Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem
+Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die
+Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei
+mir war.
+
+Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.
+
+Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden
+verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth
+noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben
+würde.
+
+"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin--"Wen Gott halten
+will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"--"Ja, es ist arg!"
+sagt die Margareth traurig--"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem
+selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf
+dem Exerzierplatze!--Am Sonntag wird's eingebracht!"--"He, 's wird
+halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat--"Ja, Bruder,
+wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"--"Aber die
+Ordonnanz?"--"Können nicht Zwei zusammen gehen?"--"Ist schon oft
+geschehen!"--"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch
+österreichischer Bürger werden!"
+
+Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu
+dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich
+bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause
+hinaus.
+
+Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei
+der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm
+versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so
+durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn,
+weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.
+
+Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren
+und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.
+
+Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen
+würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum
+Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit
+6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte
+die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit
+milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten
+sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht:
+Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen
+Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.
+
+Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und
+ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine
+Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im
+ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem
+Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch
+das Kind zu sich nahmen.
+
+Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem
+Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der
+Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon
+redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir
+an den Augen abzusehen vermochte.
+
+Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines
+Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit
+mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre
+zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit
+mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren
+wäre--ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit,
+den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.
+
+Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf,
+die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als
+Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren
+Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem
+Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore
+hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth
+mangelte.
+
+In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im
+letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam
+heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag
+wegbrachte, wuchs unser Muth.
+
+Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich
+dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.
+
+Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach
+Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage
+sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht
+auf, geht zur Thüre hinaus und--kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er
+gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein
+Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei
+ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich
+mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe
+ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte
+auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien,
+ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe
+derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.
+
+Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau
+seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie
+ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater
+das Tanzen gelernt haben.
+
+Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den
+Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in
+Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle
+jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge
+immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.
+
+Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer
+heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz
+am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so
+wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.
+
+Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr
+gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren
+Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.
+
+Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr
+Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum
+Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.
+
+Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken
+Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß
+ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen
+mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren
+Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein
+Deserteur, aber ein Rekrute sei.
+
+Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück,
+der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner
+meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär,
+dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der
+angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten
+bekommen würde.
+
+Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu
+danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu
+lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine
+schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in
+einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei,
+das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die
+Kaiserstadt.
+
+Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen
+Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm
+essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch
+einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.
+
+Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders
+die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die
+Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr
+bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh
+den Weg unter die Füße zu bekommen.
+
+Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen
+Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute
+denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!
+
+Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen,
+doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die
+Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen
+glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich
+wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches
+Regiment?"--"Deutschmeister!"--"Gut, du kannst jetzt allein gehen und
+dich melden, dein Paß bleibt da!"
+
+Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung
+sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient
+habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht
+der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem
+Bäckerladen und--vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf,
+welche bisher auf mich geharrt hatte.
+
+Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen
+reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie
+sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich
+ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied
+genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der
+Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor,
+der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis
+zum Jahre 1852!
+
+Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten
+und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und
+fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"--"Ebenfalls hier!"--"Wo finden
+wir ihn?"--"Er hat die Wache beziehen müssen!"--"Wo gehts Abends hin?"
+--"Da und da!"--"Gut, wir treffen uns!"
+
+Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu
+verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn
+die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.
+
+Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den
+Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß
+ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle!
+... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht
+aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie
+gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren
+vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich
+keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief
+aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.
+
+In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach
+Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch
+Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet
+tief in die Lombardei.
+
+Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp
+Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe
+gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze
+nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß
+eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.
+
+Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300
+Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe
+verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine
+riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus
+auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und
+trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der
+ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles
+eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.
+
+Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl
+kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der
+nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte
+mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich
+befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin
+und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche
+schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten
+und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und
+viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der
+Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage
+und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu
+kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das
+%No% und %Si% verstand.
+
+Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer
+hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit.
+
+Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert,
+meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe
+keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den
+Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf
+das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir
+nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen
+umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns
+Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und
+kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.
+
+Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und
+verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach
+kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im
+Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum
+Tode verurtheilt!
+
+Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich
+ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen
+und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht,
+sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich
+zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!
+
+Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und
+wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein
+ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben.
+
+Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint.
+"Wenn _Ihr_ nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in
+kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"
+
+"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die
+Erzählung für Erdichtung halten könnte!"
+
+"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge
+vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich
+Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau
+nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich
+vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen,
+doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth
+wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe,
+Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"
+
+"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.
+
+"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in _ganz kurzer Zeit_! seufzt
+der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000,
+zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut
+accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die
+damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus
+ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen
+9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!
+
+"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.
+
+"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe,
+ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen
+Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!"
+
+"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles
+ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.
+
+"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von
+Siebenzig, _dann_ muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit,
+siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden
+gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ...
+Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"
+
+"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.
+
+"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist,
+ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich
+Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges
+Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren
+ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!"
+"Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen
+bist!" meint der Indianer.
+
+"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von
+Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich
+weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten
+Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an
+der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne
+glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für
+mich!"
+
+"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die
+Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!"
+murmelt der Spaniol.
+
+"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es,
+ich!" brummt der Paule.
+
+"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen
+helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der
+Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die
+er vor einigen Augenblicken äußerte.
+
+Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man
+vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet
+sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese
+Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder
+vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken
+umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!
+
+
+
+
+#DER ZUCKERHANNES KOMMT AUS DEM THURME.#
+
+
+Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der
+Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings
+sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich
+unruhig hin und herwälzten.
+
+Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten
+dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.
+
+"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben,
+die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"
+
+"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges
+Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch
+kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich
+her, wie in Mantua!" riefen Einige.
+
+"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit
+Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol.
+
+"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht!
+... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war
+Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause
+gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.
+
+"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst
+auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen
+gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der
+alte Paule.
+
+"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!"
+meint der Spaniol.
+
+"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter
+dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist
+ebbes Rares!" versichert der Moses.
+
+"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule.
+
+"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich
+an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht
+braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die
+Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle
+abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie
+wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte
+der Zuckerhannes.
+
+"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn
+und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an,
+doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf
+noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das
+Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!"
+
+"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder
+nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte,
+die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu
+nichts Gutem!"
+
+Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige
+Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und
+seine Geschichte fortzusetzen.
+
+Nach einigem Bitten sagt der Alte:
+
+"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer
+Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und
+die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden,
+wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen
+alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich
+glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und
+oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran
+denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend
+Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt
+mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ...
+Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich
+je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein
+gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht
+thun!"
+
+Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und
+bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will
+zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli
+Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:
+
+
+
+
+_Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes._
+
+
+Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern
+behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar
+nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch
+und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben,
+doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte,
+weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar
+Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache,
+die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff
+geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied
+hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf
+das schwere %travaux% nach Straßburg gebracht wurden.
+
+Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft;
+wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und
+wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her,
+mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon
+erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen
+Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich
+wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808
+kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in
+Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.
+
+Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien
+war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die
+fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles
+Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich
+keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und
+unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles
+die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen
+Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen
+Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die
+Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins
+Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen,
+schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir
+Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich
+für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute
+und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das
+Hornberger Schießen!
+
+Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß
+ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere
+auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins,
+was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns
+anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder
+fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen,
+die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen
+Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der
+grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig,
+verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende
+Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und
+umbrüllt wurden!
+
+Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken
+durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich,
+sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für
+todt auf dem Platze liegen blieb.
+
+Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen
+und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß
+ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.
+
+Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde
+erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das
+Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu
+mir zu nehmen.
+
+Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich
+nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er
+lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich
+dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag!
+... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders
+an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil
+ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er
+blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward
+er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm
+mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als
+genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt
+sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte,
+wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm
+nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele
+Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in
+welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte
+und eine Wienerin zur Frau hatte.
+
+Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau
+konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann
+immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach,
+mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen
+recht gewonnen hatte.
+
+Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm
+aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal
+mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und
+nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.
+
+Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts,
+denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein
+pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah.
+Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem
+Pelzhändler nach Wien.
+
+Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht
+bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich
+allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag
+lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war
+die Kugel für mich dreifach gegossen.
+
+Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei
+gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in
+meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der
+Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo
+mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir
+einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über
+meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach
+Heidelberg.
+
+Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der
+unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am
+nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach
+Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der
+Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen
+Drangsalen und über meine Rückkehr freute.
+
+Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur
+abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich
+seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin
+bestand meine einzige Freude.
+
+Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger
+betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu
+einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht
+lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich
+beim 16. Regimente.
+
+Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern
+mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht
+von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die
+Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell
+am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen
+sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen
+Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und
+Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden
+war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten
+ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch
+anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so
+mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei
+erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und
+jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr
+je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein
+Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend
+auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer
+war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die
+Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch
+nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen?
+Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu
+sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon
+wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans
+Desertiren gedacht!--Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die
+Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte,
+zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich
+nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht
+wurde.
+
+Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital,
+das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an
+einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder
+hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.
+
+Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück
+wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und
+bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede
+Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren
+lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich
+erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner
+Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.
+
+Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern
+lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren,
+bis ich Arbeit erhielt.
+
+Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath
+und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und
+Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber
+auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.
+
+Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer
+Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld
+anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging
+es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte
+Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur
+zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und
+liederliches Weibsstück.
+
+Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um
+mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen
+Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme
+Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und
+Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange,
+ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte,
+zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht
+hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden
+Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und
+mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.
+
+Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten
+herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern
+Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich
+einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke
+Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir
+zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.
+
+Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm
+abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das
+Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und
+blieb viele Monate sitzen.
+
+Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit
+alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals
+ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir
+redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren
+Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.
+
+Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat
+redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser
+lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der
+mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste
+versprach!
+
+Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die
+vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten
+sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt
+muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen
+immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen
+den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von
+Karlsruhe aus also angeordnet würde.
+
+Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in
+die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug
+verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn
+Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute
+seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie
+auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es
+Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die
+Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre
+Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie
+Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die
+größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen
+feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius
+nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und
+rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken
+darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein,
+dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert
+vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt:
+Kommt Zeit, kommt Rath!
+
+Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem
+Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten
+kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich
+Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden
+gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig
+erkannt und freigelassen.
+
+Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir
+den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst
+in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm
+machen!"
+
+Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was
+ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen,
+wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben
+versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt,
+läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen
+sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und
+zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.
+
+Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn
+drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und
+ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige
+saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.
+
+Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute
+freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine
+Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede
+mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.
+
+Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte,
+heimtückische Tyrannen.
+
+Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es
+damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!
+
+Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag,
+mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der
+Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"--"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat
+Ihr Wartgeld dafür!"--"Soll ich meinen Mann schellen?"--"Nur
+zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!"
+
+Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du
+Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, _Du_ bist dazu da!"
+Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht,
+doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm,
+wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen,
+ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt
+und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt
+mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich
+nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie
+davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr
+aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8
+Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig,
+der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"--"Nein, Du Mörder, ich habe nichts
+mit Dir!"--"Wendet Gewalt an!" brüllt er.--["]Das werdet Ihr bleiben
+lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten
+mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich
+schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage.
+"Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!"
+
+Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich
+gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb
+den Gefangenwärter mißhandeln?"--"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen,
+will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu
+schlecht, als daß ich Dir antwortete!"
+
+Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters
+holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch,
+weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das
+Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte
+meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu
+melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben,
+damit es das Hofgericht erfahre.
+
+Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war,
+als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.
+
+Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus
+einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und
+Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und
+vernietet jede mit einem Nagel.
+
+Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der
+Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und
+Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet
+hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser
+mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt
+ordentlich seid!"--"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie
+auch tragen!"
+
+Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden
+einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der
+ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der
+Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende
+Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt"
+worden sei, daß er das Bett hütete.
+
+Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich
+wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen,
+endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.
+
+Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine
+Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"--"Du bist auch nicht sauber, Du
+Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und
+ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene
+Thüre herein.
+
+Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will
+mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen
+sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich
+antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!"
+... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle,
+voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen
+Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.
+
+Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem
+Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle
+behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien,
+welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie
+dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation
+reden sollten.
+
+Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die
+Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer,
+nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres
+Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.
+
+Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich
+wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.
+
+Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet
+sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs
+ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel
+los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle
+gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde
+mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und
+verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.
+
+Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal
+gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als
+Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt
+einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und
+4 Wochen schweres Eisen.
+
+Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben
+beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in
+2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.
+
+Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der
+ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!
+
+Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine
+Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese
+machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und
+Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten
+aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern
+herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem
+Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem
+herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede
+immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.
+
+Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab
+vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der
+"goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich,
+ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.
+
+Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt
+zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte,
+gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme,
+so möge ich sie im "freien Leben" erwarten.
+
+Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der
+"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich
+sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe
+da--es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es
+sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der
+"goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.
+
+Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen
+müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht
+sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen
+breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und
+Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die
+Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der
+Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde
+Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."
+
+Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen,
+mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und
+drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.
+
+Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich
+wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum
+Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister
+herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"--"Nein!"--"Ei, dort schauen ja
+zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht
+die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt
+Ihr hier übernachtet?"--"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod,
+ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich
+hier so viele Leute kennen!"--"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?"
+--"Ja, ich bin schuldlos!"--"Das wird sich herausstellen, kommt nur
+mit!"
+
+Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing
+erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß
+Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit
+derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem
+Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen,
+kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.
+
+Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen
+Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und
+sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern
+so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"
+
+Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem
+Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.
+
+Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das
+Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen
+Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen
+vermochte.
+
+Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt,
+alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von
+den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.
+
+Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen
+Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der
+Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich
+vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man
+Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam
+auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte,
+daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere
+lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod
+sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank,
+diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein
+Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem
+Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals
+solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug,
+Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte,
+wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen!
+... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie
+und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei
+Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel
+setzten.
+
+Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den
+Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein
+geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und
+beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war,
+worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt
+ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den
+Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und
+Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten
+Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.
+
+Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da
+steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die
+Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen
+diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein
+Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein
+Sack.
+
+Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein
+und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem
+Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß
+des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein,
+schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.
+
+Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen
+würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten
+und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den
+Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner,
+jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter
+Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen
+achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die
+Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen
+Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft
+ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen
+in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!
+
+Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer
+gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug.
+Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch
+zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach
+Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25
+empfangen.
+
+Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie
+erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die
+Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal
+ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern
+herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war,
+fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt,
+dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit
+Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört,
+einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von
+der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur
+Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre
+Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten
+jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester
+verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten
+nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in
+unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht
+weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen,
+hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie
+hinausgeworfen.
+
+Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h.
+in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.
+
+Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien
+abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und
+sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen,
+ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23
+Tage bleiben.
+
+Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des
+sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und
+hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten,
+ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden
+andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich
+eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.
+
+Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf
+zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich
+sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir.
+Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte,
+weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und
+arbeitete.
+
+Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir
+entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht
+mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch
+schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich
+schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich
+kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan--ich hing mich
+einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang
+bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte
+es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die
+Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und
+Gottesvertrauen ein.
+
+Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur
+scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.
+
+Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam,
+doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem
+Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath
+Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei.
+Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den
+Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.
+
+Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter
+Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine
+Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange
+Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu
+verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen
+zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem
+Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen
+erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort
+und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus
+einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit
+und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner
+Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.
+
+Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas
+verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt
+ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment,
+welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo
+auch einen Fuß verlor.
+
+Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu
+finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle,
+so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus
+reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und
+versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.
+
+Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es:
+"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der
+Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten
+verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"--
+"Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden
+wenden!"
+
+Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage
+diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts
+Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht,
+sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.
+
+In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht
+lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt
+mich bald nachkommen und reist weiter.
+
+Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der
+Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe
+Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!
+
+Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne
+Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.
+
+Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig;
+es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den
+schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.
+
+Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn
+zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"--"Ich habe kein
+Buch mitgenommen."--"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"--"Ich weiß von
+keinem Buche nichts!"--"Fort, in den Brückenthurm!"
+
+Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen,
+weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens
+würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"--
+"Ist die wahr?"--"Mein Seel!"--"Ich wills gestehen, ich habe das Buch
+genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"--
+"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!"
+
+Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht
+frei und komme ins Verhör.
+
+Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des
+Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die
+Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe
+dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern
+herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder
+in ein besseres Zimmer gesetzt.
+
+Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung
+klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und
+sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah,
+damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.
+
+Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch
+nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon
+wußte.
+
+Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben
+wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.
+
+Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils,
+doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an
+den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die
+meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der
+Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil
+Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn
+Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden
+und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf,
+wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!
+
+Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution
+wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn
+er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um
+Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen,
+schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem
+die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst
+sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte
+sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich
+einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte
+dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und
+stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet
+einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und
+ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und
+ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath,
+abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner
+Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne
+ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in
+Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal
+mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!
+
+Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und
+es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte
+mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen
+hatte.
+
+Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden,
+andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind
+abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle
+genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse
+selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl
+besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe
+herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug
+erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und
+Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und
+freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt
+wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte
+und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!
+
+Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein
+hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah
+ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein]
+bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles,
+der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte,
+er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.
+
+Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes
+Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten
+Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten
+aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über
+meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den
+Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die
+Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend
+Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und
+Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal
+manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten
+hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich
+sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn
+ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute
+recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber
+sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen,
+daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute
+blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten
+Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr
+durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm
+nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein
+Hexenmeister bin!
+
+Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken,
+steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte,
+versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir
+ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil
+mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig
+darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch
+keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies
+auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am
+Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.
+
+Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern
+wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig
+gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.
+
+Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und
+um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst
+habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der
+Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und
+deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir
+Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie
+nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.
+
+Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich
+setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht,
+ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu
+Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen
+und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man
+möge mich nur näher betrachten.
+
+"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.--"Käthchen hat ihn mir
+draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich
+erschrocken.--"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt
+der Wirth.--"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"
+
+Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht
+nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.
+
+Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen
+beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir
+niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.
+
+Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der
+Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein
+Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich
+machte meine Zeit.
+
+Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.
+
+Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines
+Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche
+liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth
+war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in
+mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt
+heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau
+noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in
+Frieden ziehen.
+
+Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt
+mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine
+leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch
+nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.
+
+Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte
+abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und
+machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine
+Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3
+Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht
+gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten
+gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!
+
+Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte
+sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf
+der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der
+Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren
+bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich
+Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.
+
+Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr
+vom Spitale, arbeitet!"--"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"--
+"Verrichtet leichte Arbeit!"--"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr
+eine Gelegenheit zum Verdienen!"--"Suche Er nur eine solche!"--"Ja, was
+soll ich jetzt anfangen?"--"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"
+
+Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als
+einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den
+Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.
+
+Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht,
+hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.
+
+Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen
+stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich,
+weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich
+gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging
+wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir
+wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem
+Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.
+
+Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.
+
+Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich
+hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit
+dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und
+volksfeindlich.
+
+Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht
+mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für
+jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch,
+ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten
+und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.
+
+Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum
+Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß,
+alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich
+an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine
+alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im
+vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden
+Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies
+sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz
+schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch
+aus einem Kreuz ins andere schickt!
+
+Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt,
+mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor
+und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles
+gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch
+ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler
+ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich
+arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath
+geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr
+1852 jetzt nahe ist!
+
+
+ * * * * *
+
+
+"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber,
+wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige
+Streich' gemacht!" meint der Moses.
+
+"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat _der_ Mensch
+ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir
+Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.
+
+"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht
+darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm;
+so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der
+Indianer.
+
+"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen.
+Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich
+hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!"
+grinst das Affengesicht.
+
+Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.
+
+"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in
+Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur
+einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren
+zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten
+Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue
+Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und
+was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das
+Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb,
+Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch
+einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine
+Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, _daß sie nicht
+erdichtet ist_!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit
+deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine
+_gewöhnliche Zuchthausgeschichte_, wie wir sie von vielen Rückfälligen
+vernehmen können!"
+
+"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit
+der Stoffel. "Was der Paule von den _alten_ Zuchthäusern erzählte, habe ich
+großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern
+Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß
+die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz
+andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich
+und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"
+
+"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.
+
+"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm,
+ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer
+arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus
+ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief
+ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen
+findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne
+Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die
+Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!"
+belehrt der Stoffel.
+
+"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen?
+Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern
+beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu
+Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern
+Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die
+Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der
+Indianer.
+
+"Hu, das ist grausig!--gräßlich!--Lieber todt als in der Zelle!--Man sollte
+das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die
+Gefangenen im Chorus.
+
+"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der
+Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine
+Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen
+der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei
+uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!"
+
+"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der
+Zuckerhannes.
+
+"Mon Dieu, _du_ Dummkopf gehörst ja selbst dazu!"
+
+"Ich?"
+
+"Ja du!"
+
+"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man
+Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht
+der Indianer.
+
+"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon
+gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern,
+Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen
+möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der
+Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will
+wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt
+dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß
+brummt!" lacht der Stoffel.
+
+"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von
+Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["]
+
+Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber
+verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und
+schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe
+ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger
+Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch
+der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es
+kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat
+mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor
+Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das
+heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für
+gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren!
+... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je
+nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr
+gewesen!"
+
+"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt
+Schwabenalter!" lachte der Stoffel.
+
+"%Silence, je vous prie!%" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal
+und spricht mit steigender Aufgeregtheit.
+
+"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im
+Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit,
+Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit
+eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen
+Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth
+gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe
+betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends
+existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und
+stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der
+Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen
+sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem
+scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."
+
+"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen
+seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus,
+Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden
+heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre
+natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der
+Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten,
+um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein."
+
+"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in
+einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine
+usurpatorischen Hände käme!--Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art
+Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und
+Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre
+Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und
+Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos
+der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten
+Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja
+gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in
+Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger."
+
+"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes,
+welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen
+alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten
+Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint
+wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der
+That nur ein französischer See sein würde."
+
+"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"--
+
+"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller
+Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen
+nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und
+Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen
+Knechtung und Elend trieb."
+
+"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die
+unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des
+Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich
+steigert."
+
+"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse
+Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß
+gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen
+Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und
+die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in
+welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit
+unterjochen oder vernichten wird."
+
+"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der
+Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der
+Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das
+gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des
+Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte
+immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren
+Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln
+oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den
+Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken.
+
+"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen,
+blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner
+auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der
+Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und
+sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den
+ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den
+zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?
+
+"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber
+Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die
+Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen
+Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den _alten
+Menschen überhaupt_ erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen
+vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen,
+unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und
+religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: _der permanenten
+Revolution_ in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie
+sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein
+Herz!"
+
+"Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln,
+jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr
+zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein
+stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen
+das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen--im
+Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet,
+doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann
+entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über
+alle Henkersknechte der Völker!"--
+
+"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu
+fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren
+Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern
+gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als
+Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!"
+
+"Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat
+längst ihre Männer, Helden und Märtyrer--wir selbst gehören dazu, wir Alle,
+wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution,
+obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich
+in Euch steckt."
+
+"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder
+vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und
+Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!"
+
+"Sind wir nicht gefangen?--Gewiß!--Weßhalb?--Weil jeder Bewohner dieses
+Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener
+Weise übertreten zu haben!--Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa?
+%Jamais%, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen
+Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt
+und Betrug!--Was ist ihr Zweck?--Aufrechthaltung der grundverderbten
+bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt?--Weil sie in
+der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung
+derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten
+aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen."
+
+"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift,
+zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein
+thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen
+Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein
+strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein
+bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft,
+der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen,
+freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!"
+
+"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten
+Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich
+der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch
+von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern,
+Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre
+unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge."
+
+"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der
+Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine
+andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät
+als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe
+übergibt."
+
+"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt,
+aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an
+die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine
+himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!"
+
+"Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und
+Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger
+Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener
+Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht
+zu haben.
+
+"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar
+nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes.
+
+"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei
+uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein
+dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!" bemerkt Martin, der
+Schlosserlehrling.
+
+"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und
+alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen
+lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern
+hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was
+besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies
+anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem
+jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt
+und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes.
+
+"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn
+Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten
+bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis
+Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört
+er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!"
+
+"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und
+machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf,
+Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft."
+
+"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder
+zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten
+lassen!" sagt der alte Paul.
+
+"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl
+verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein
+Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein
+Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die
+Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche
+Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!" belehrt
+der Mauschel den Paule.
+
+"Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn
+Christen!" lacht der Spaniol.
+
+"Wenn man in der "großen Zukunft" sich mit Jeder einen Spaß machen darf,
+die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen
+mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht.
+
+"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht,
+Polizeistaat und Budget geredet?" gähnt das schlaftrunkene Murmelthier.
+Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber
+schreit:
+
+"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein
+Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer
+neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?"
+
+"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll
+ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" läßt sich der
+redselige Spaniol vernehmen.
+
+"Jetzt!--Gleich!--Wir hören!--%En avant!%--Stille!" schreien die
+Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem
+Besinnen:
+
+"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres
+oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines,
+sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen
+Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen
+Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und
+politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das
+Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne
+Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von
+Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene
+Weisen."
+
+"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine
+Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen,
+politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den
+Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des
+verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede
+zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die
+Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die
+Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte
+Menschheit als Notwendigkeit erkennen.
+
+Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses
+Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung
+werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine
+Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des
+Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen."
+
+"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner
+seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein
+constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein
+demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der
+Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung
+zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!"
+
+"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!"
+
+"Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei
+als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns
+Allen gleich."
+
+"Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen
+macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon
+weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name
+ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb
+nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde
+die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern."
+
+"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie
+_Privatverbrecher_, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer
+unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich
+Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder
+gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine
+eigene Person bekümmert."
+
+"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee
+der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der
+geknechteten Menschheit."
+
+"Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig
+Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in
+seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er
+kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der
+elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als
+Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen
+Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk
+abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält
+die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"--
+
+"Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die
+jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten
+müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze
+und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als
+ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen."
+
+"Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit
+unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede
+gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker
+zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!"
+
+"Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der
+verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene
+Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft
+einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock,
+Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten
+und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder
+für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem
+Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!"
+
+"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen
+mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf
+erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend
+die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft."
+
+"Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen,
+nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige
+Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im
+Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche
+dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende
+betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft
+mit nicht strafbaren Waffen angreifen."
+
+"Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen,
+Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine
+ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen
+und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!"
+
+"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen
+zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen
+Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat
+bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den
+Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen
+Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei
+ein Krieg gegen das Volk!"--
+
+"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar
+schwächten, entnervten und verminderten: _Vernichtung oder Verdummung der
+Verbrecher_. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste
+des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte
+Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in
+Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen
+Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere
+Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und
+Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind
+mit dem Bade ausgeschüttet!"--
+
+"Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche
+Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns
+durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern
+fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun
+frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er
+dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger,
+unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke
+der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem
+Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet
+werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter
+Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine
+Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf
+Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod
+den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren
+Opfern Staub geworden!--Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein
+Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten,
+so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht
+für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!"--
+
+"Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in
+solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine
+Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr
+werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören
+heißen, unversöhnlichen Haß aller--."
+
+Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf.
+
+"Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer
+Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden.
+
+"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.
+
+"Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und
+lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.
+
+"%Mon Dieu%, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen
+Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!" sagt der Spaniol
+kleinlaut und ärgerlich.
+
+"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid
+ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir
+seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest,
+jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe?
+--Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil
+bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer.
+
+"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr
+Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel
+oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut
+als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!" ruft
+der Spaniol unwillig.
+
+"Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel.
+
+"Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!" erwiedert der empörte
+Zimmerkommandant.
+
+"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft,
+hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen
+und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir
+freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel
+mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die
+Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er
+hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man
+nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich
+der Einäugige.
+
+"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder
+Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch,
+aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein
+Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20
+recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele
+gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind
+als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte,
+bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser
+gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt
+sich der Paule vernehmen.
+
+"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol.
+
+"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran
+doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung,
+ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein
+besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es
+auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich
+gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins
+Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf
+Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer.
+
+"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt.
+Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern
+herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und
+die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die
+Beweise?" bemerkt das Affengesicht.
+
+"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und
+wir stehen wieder--."
+
+"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.
+
+"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein
+Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da
+meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom
+nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein,
+der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes
+macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!--Es gibt
+einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten,
+wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und
+thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich
+angethan wurde!" predigt der Indianer.
+
+"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne
+und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib
+beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen
+anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht
+der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem
+Musje Baboeuf als dem _französischen Christus_ redete. In Spanien traf den
+"schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach
+jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe
+doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland
+aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré
+formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte,
+um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung
+weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal
+und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und
+mit den Zähnen klappert."
+
+"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich,
+aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in
+Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus
+allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie
+fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken
+stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden
+zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir
+ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten,
+richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr
+gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden
+so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft
+dalagen!"--erzählt der alte Paul.
+
+"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und
+keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein.
+
+"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das
+einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet,
+der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende
+doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."--
+
+"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der
+Schlosserlehrling den Indianer.
+
+"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von
+Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten
+soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als
+sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und
+Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er
+die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein
+Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend
+der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus
+meiner Erfahrung."
+
+"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch
+oft reden gehört habe, wie ist's _Dem_ ergangen? Am Ende schlimmer als mir,
+weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen,
+welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er
+denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft
+herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum
+Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der
+Paul.
+
+"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und
+hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's,
+daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid
+Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus
+der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen
+Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.
+
+"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen
+versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer
+erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem
+leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.
+
+Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der
+Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in
+einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den
+Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze
+Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an
+und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis
+gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben
+dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und
+denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten
+hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben
+und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.
+
+Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt
+sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage
+zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen
+Schlafgemach angewiesen habe.
+
+Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge
+als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet,
+bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um
+eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch
+zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz
+herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein,
+erhebt den Säbel und--die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt
+mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm
+nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld
+ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.
+
+Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt
+gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit--
+der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat
+voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.
+
+Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben
+auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten,
+allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder
+fröhlich sein können.--
+
+Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und
+gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen,
+die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht
+Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der
+Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu
+verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen
+durch die Frage:
+
+"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott
+nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat
+diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That
+des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen
+aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist
+dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen
+sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und
+dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"
+
+Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht
+liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu
+beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei
+demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr
+oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch
+mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in
+ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.
+
+Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls
+abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm
+berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft
+sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen,
+dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.
+
+"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in
+ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:
+
+"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses
+Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz
+dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel
+niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen
+wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen
+Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte,
+dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?
+
+"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen
+Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker,
+großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein
+nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen
+Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der
+Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind,
+betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."
+
+"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel
+besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das
+freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat
+es ergriffen, auf den Arm gehoben und--in den tiefen Rhein hinein geworfen
+und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"--
+
+"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre
+ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus
+dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn
+der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der
+Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich
+gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie
+sich dieselbe begeben."
+
+"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser
+bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch
+Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre
+von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim
+Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde
+Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm
+ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt,
+geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während
+desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne
+sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und
+der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.
+
+Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht
+leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und
+Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem
+Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat
+mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen
+verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft,
+ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute
+Schäflein!"
+
+Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst
+der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen,
+doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von
+vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den
+geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem
+Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.--
+
+Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des
+Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder
+doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die
+Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu
+verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich
+gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und
+Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.
+
+Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem
+Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen
+Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr
+als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen
+einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der
+Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den
+eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers,
+das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das
+Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die
+tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die
+Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr
+durchzogen.
+
+Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines
+trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte
+beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding
+auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute
+von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.
+
+Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an
+ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die
+Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn
+Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches
+sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es
+wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom
+Staate zu emancipiren.
+
+Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf,
+reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der
+Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:
+
+ Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will,
+ Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.
+
+Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im
+Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und
+nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der
+Schlosserlehrling:
+
+"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im
+Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe,
+wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und
+einem Gottesdienste beiwohnen könnte!"
+
+"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht
+einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!"
+meint der Paule.
+
+"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der
+Zuckerhannes.
+
+"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann
+könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der
+Einäugige.
+
+"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.
+
+"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!"
+prophezeit Jener.
+
+"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch
+wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die
+"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern
+geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.
+
+"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt
+noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese
+halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der
+Spaniol.
+
+"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion
+heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es
+selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein
+Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. _Der_ wird den
+Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.
+
+"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt
+fort:
+
+"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen
+und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter
+Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur
+auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so
+nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn
+es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie
+nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt
+Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die
+Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit?
+Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist
+geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen
+Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt
+wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben,
+es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten
+Kerkermeister fragen!"
+
+"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom
+Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger
+niemals oder selten denken!"--schreien die Gefangenen.
+
+"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte
+Paul.
+
+"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je
+einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch
+übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der
+Moses.
+
+"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der
+Spaniol.
+
+"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer
+Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran,
+Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des
+armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk
+hält und dieses verspottet sieht.
+
+Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das
+Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:
+
+"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters
+doch ein paar Stunden täglich lesen!"
+
+"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein,
+Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht.
+
+"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und
+bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit
+uns macht man, was man will!" klagt der Paul.
+
+"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen
+annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls
+so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!"
+sagt der Zuckerhannes.
+
+"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn
+Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch
+keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige.
+
+"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden,
+aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld
+wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.
+
+"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in
+einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch
+reich werden!" spottet der Indianer.
+
+"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit,
+das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.
+
+"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.
+
+"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird
+jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer
+Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt,
+welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt
+des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum
+gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen
+können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.
+
+"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens
+einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau
+anlaufen!" lacht der Indianer.
+
+"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20
+hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr
+ernst.
+
+"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen
+Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich
+nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.
+
+"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du
+mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu
+wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.
+
+In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines
+Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister
+steht auf der Schwelle:
+
+"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"
+
+"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den
+Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.
+
+"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, _der_ ist Euch schön
+durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.
+
+"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann
+erträglicher!" spottet der Einäugige.
+
+Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und
+Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des
+Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des
+Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem
+Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.
+
+Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und
+lachen alsdann laut.
+
+Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.
+
+Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten,
+welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide
+verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt
+werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der
+Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein--dieses sind
+Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet
+werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die
+Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige
+Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen
+und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer
+Tugenden zu sein pflegen.
+
+Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus
+tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.
+
+Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche
+Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme
+Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam
+entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem
+Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:
+
+"Hans, Ihr seid frei!"
+
+Frei!--dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die
+Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die
+liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.
+
+Frei!--Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem
+Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu
+versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.
+
+Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet
+einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende
+Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er
+dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über
+seine verblichenen Wangen.
+
+"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"
+
+"Nein!"
+
+"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor
+aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"
+
+Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er
+nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und
+Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.
+
+Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des
+Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur
+Stunde auch im Kerker gültig sei.
+
+Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller
+Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein
+gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht
+haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.
+
+Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm
+vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er
+Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.
+
+Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch
+die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen
+Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen,
+er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum
+ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an
+ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung,
+Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf
+berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine
+Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause
+entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in
+welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des
+Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des
+Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen
+Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann
+wieder vor sich hin.
+
+Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den
+Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul,
+seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren
+zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen
+wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden,
+küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.
+
+Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod
+hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker
+herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:
+
+"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du
+habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger
+Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ...
+Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]
+
+Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag,
+daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi
+eine Silbe erwiedert zu haben.
+
+"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der
+Knecht ihm nach.
+
+Er hört nicht darauf.
+
+"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern
+eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren
+mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von
+Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit
+diesem unter Einem Dache leben müßten.
+
+Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind
+freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.
+
+Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach
+von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen
+Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum
+Gefängniß.
+
+Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten
+Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.
+
+"_Diesem_ soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt
+den Kopf.
+
+"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das
+Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum
+halbgeöffneten Thore hinaus.
+
+"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den
+Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das
+mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt
+in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.
+
+
+
+
+#DER ZUCKERHANNES WANDERT FORT UND VERLIERT SICH SELBST#
+
+
+Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine
+glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag,
+Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen
+des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend
+durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und
+ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen
+Gespräche.
+
+Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand
+freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine
+Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein
+Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten
+Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der
+Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen
+Person einen bequemen Sitz zu bereiten.
+
+Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig
+ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das
+freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen
+Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken
+und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden
+entgegen.
+
+"Er ist's nicht!--der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!"
+murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige
+nachläßige Lage zurück.
+
+Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch-
+Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs
+häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch
+einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine
+alte Jungfer.
+
+Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren
+Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst
+seit einem halben Jahre reicher geworden ist.
+
+Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder
+frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte
+die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen
+Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch
+wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen,
+ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie
+es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm.
+
+Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich
+nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an
+Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett
+beständig hüten.
+
+Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und
+zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht
+fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und
+derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während
+sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.
+
+Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre,
+erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt
+jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt
+nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst
+seinen Namen geben soll.
+
+Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der
+Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange
+die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu
+schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.
+
+Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz
+um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen
+Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins
+Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel.
+
+Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen?
+Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen
+Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im
+Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe
+sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet
+hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er
+nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die
+Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters
+hinwegsähe?
+
+Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern
+Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft
+gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß
+er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und
+machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas.
+
+Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine
+Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling
+fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte
+sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig
+empfahl.
+
+Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener
+Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde
+widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt.
+
+Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten,
+abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas
+einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes.
+
+"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"
+
+"Hoh,--keucht der Angeredete--der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun,
+so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt!
+... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb
+aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!"
+
+"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da
+bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten
+Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer
+in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch
+mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"--
+
+"Oh, ich wäre für dich--für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es
+sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"
+
+"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu
+verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und
+verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"--
+
+Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des
+Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz
+zu verlieren.
+
+"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß,
+daß du auch mich nicht verachtest!"
+
+"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt
+außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie--"
+
+"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!"
+[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß,
+was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"
+
+Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit
+großen Augen bewegungslos an.
+
+"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen
+Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein
+kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist
+grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler
+verlassen und mein--Knecht werden?"
+
+"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen,
+senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"
+
+"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst
+Alles mit mir und Alles wird gut werden!"
+
+"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der
+Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er
+schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände.
+
+Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen
+Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd:
+
+"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht
+verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit
+Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das
+gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren
+Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!"
+
+"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ...
+Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein
+Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.
+
+"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht
+wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange
+_ledig_ bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt
+mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht
+anders mehr!"
+
+Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert
+vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre
+einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft
+den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen,
+plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den
+Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:
+
+"Hannes, hast du Geld?"
+
+"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar
+Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe--"
+
+"Wieviel hast du Alles in Allem?"
+
+"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen
+Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich
+weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"
+
+Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für
+den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher
+erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten
+und nie im Ernste.
+
+"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht
+lachen! ... Was kann ich für meine Armuth?
+
+"Oh, die _reiche_ Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula
+noch gewollt, aber an Geld ist die _reiche_ Emmerenz eben auch arm und ohne
+Geld... ja ohne Geld ist--Vieles nicht zu machen!"
+
+"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!"
+sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.
+
+"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß
+ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das
+Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!"
+
+"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu
+nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"
+
+"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du
+so blutjung und ich schon so alt bin!"
+
+"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich
+mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem
+Beine hüpfend.
+
+Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.
+
+"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"
+
+"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre!
+... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der
+Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in
+der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ...
+Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter
+Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in]
+meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der
+Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der
+Spaniol doch, _den_ hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir
+auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ...
+Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs
+thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz
+es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein
+Geld zu holen!"
+
+"_Dein_ Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter
+stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ...
+Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe
+lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus
+einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ...
+Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die
+Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]
+
+"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld
+mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"
+
+"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es
+nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ...
+Wieviel ist es denn?"
+
+"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich
+gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und
+ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß
+auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und
+mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen
+selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe
+gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht
+gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.
+
+"Du meinst den rothen Fritz, he?"
+
+"Ja, _den_ mein ich, _der_ ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in
+meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke,
+der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das
+Maul verzieht!"
+
+"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"
+
+"Aber ich desto mehr wider ihn!"
+
+"Weßhalb denn?"
+
+"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch
+sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden
+und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes
+Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein
+Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben
+kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh
+als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem
+Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat
+bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich
+Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft!
+... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist
+bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister,
+Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in
+Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich
+kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und
+fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht
+die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was
+mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist
+unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die
+Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich
+ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders
+geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach
+geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer
+und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der
+leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was
+treiben könnte!"
+
+Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes
+angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor
+leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie
+das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:
+
+"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß
+ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist
+rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in
+meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem
+Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als
+daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz
+paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem
+hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu
+nehmen!"
+
+Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die
+Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor.
+
+"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben,
+wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld,
+woher nehmen und nicht stehlen?"
+
+"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes
+in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel
+verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es
+um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon
+gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der
+Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist
+gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet
+und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort
+weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe
+ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben
+und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen
+Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug
+herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner
+Nähe bleiben darf! ... Versprich es!"
+
+"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"
+
+"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch
+einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der
+tiefsten Verzweiflung.
+
+"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und
+vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln!
+... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe:
+Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und
+zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei
+bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen
+Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein,
+wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem
+Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit
+sich selber redend dem Adler zu.
+
+Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes
+fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät
+heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse
+auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst
+kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne
+einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte.
+
+Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der
+Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber
+mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit
+vielen Fragen und ließ ihn gehen.
+
+Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen.
+
+Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath
+gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.
+
+Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen
+Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan
+und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere
+Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und
+Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner
+gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines
+unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen
+müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr
+ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur
+für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen
+himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen
+könne.
+
+Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden
+aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel
+und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein
+vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus
+den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag.
+
+Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf
+den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht
+anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es
+schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.
+
+Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen,
+heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern
+Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß
+mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit
+offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof
+bald wieder freiwillig meide.
+
+Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und
+Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der
+seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle
+Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht
+versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen,
+hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune
+aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so
+weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des
+Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die
+Kirche die schwerste aller Arbeiten.
+
+Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser
+und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der
+ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen,
+so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich
+und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und
+tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm
+ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine
+unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein
+wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum
+unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was
+dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können,
+sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.
+
+Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er
+erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von
+der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm
+etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann
+glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen
+aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und
+kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen
+mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die
+Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit
+den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise
+vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung
+niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes
+Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun
+und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:
+
+"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es
+vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter
+den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der
+Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben
+im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind
+Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine
+unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst
+selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden
+möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen
+Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein
+schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt
+und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"--
+
+Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und
+Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der
+Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal
+bei Leuten laut werden ließ.
+
+Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber
+seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit
+andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht
+immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder
+kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da
+schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich,
+wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die
+Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner
+des Gottesdienstes.
+
+Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem
+Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit,
+Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu.
+
+Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es
+noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und
+je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger
+wußten ihm dafür die Dienstboten.
+
+Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall
+zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen,
+damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und
+dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und
+plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die
+Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und
+während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll
+gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das
+Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und
+unversöhnlich zu machen.
+
+Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er
+auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines
+Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst
+aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem
+Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn
+seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu
+rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen.
+
+Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute
+wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue
+mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer
+der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und
+veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer
+Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar
+oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines
+Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer
+größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und
+an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine
+Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten
+und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich
+einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht,
+doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm
+Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre.
+
+Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von
+ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich
+etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien,
+nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde
+und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte
+mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche,
+deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um
+offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.
+
+Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der
+friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch
+einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel
+und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit
+seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten
+trinken und lustig sein mit ihnen.
+
+Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu,
+der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die
+Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:
+
+"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht.
+Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der
+Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu
+thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein
+Geld den Wirthen zu geben!"
+
+Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt.
+
+Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann
+einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und
+endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.
+
+An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel
+zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit
+silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in
+Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.
+
+Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse
+traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der
+Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem
+Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er
+unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu
+thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim.
+
+Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht
+nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf
+vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden
+in Friede und Freude.
+
+Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht
+und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt
+prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil
+zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die
+Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der
+menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen
+lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu
+sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer
+Knechte sehr ungern sähen.
+
+Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das
+Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich
+gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne
+Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das
+Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein
+erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er
+ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."
+
+Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im
+Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern
+ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen
+Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit
+den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes
+mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant
+vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder
+verkauft hatte.
+
+Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und
+noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines
+nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen
+der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können.
+
+Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten
+spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem
+Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter
+Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom
+Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies
+erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht
+darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi
+zusammentraf.
+
+Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er
+während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten,
+so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen
+und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter
+Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den
+er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.
+
+Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich
+von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als
+Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu
+nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des
+Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.
+
+Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl
+wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der
+meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im
+Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm
+entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm
+zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und
+ging fort.
+
+Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum,
+die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den
+vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in
+Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen
+Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig
+genug entgegenschaute.
+
+Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten
+Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz
+verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar
+nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich
+oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun
+herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen
+Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll
+Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde
+so auch mit der lahmen Alten bekannt.
+
+Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau
+oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was
+er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit
+seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch
+angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb
+er mit demselben zufrieden.
+
+"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch
+sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein
+rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es
+wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich
+dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion?
+Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt
+und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder
+halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht
+gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im
+Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal
+einen guten Tag machst!"
+
+Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des
+Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf
+dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und
+bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.
+
+Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und
+verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus,
+weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben
+und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere
+Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging
+und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.
+
+Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn
+keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum
+Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam
+und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber
+behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er
+sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht
+an die Zukunft denke.
+
+Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm
+der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es
+ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in
+Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und
+wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch
+Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus,
+der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im
+Zuchthaus.
+
+Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch
+sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und
+während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für
+ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten
+Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch
+wieder zu etwas besserer Einsicht.
+
+Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk
+bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer,
+stärker und älter wurde.
+
+In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig
+nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur
+tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an
+sich.
+
+Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an
+manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum
+zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und
+wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.
+
+Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen
+und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held
+nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner
+und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen
+kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte?
+Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur
+Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die
+Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals
+in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das
+Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.
+
+Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als
+einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der
+Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse
+in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das
+erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den
+zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit
+desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er
+mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen
+Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.
+
+Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein,
+Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin
+fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths
+half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu
+finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging.
+
+Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz
+hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war
+schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so
+wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um
+sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die
+bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn
+auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so
+wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und
+wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre
+wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in
+diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich
+weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und
+besser vor und das Liedlein:
+
+ Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß,
+ Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß!
+
+wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr.
+
+Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben
+doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden
+Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben
+auch Augen.
+
+Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem
+armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht
+abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem
+Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie
+jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm
+Alles für Scherz auf.
+
+Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen
+Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die
+Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch
+in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen
+zu reden und Gehör zu finden.
+
+Allmählig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz für
+sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stündlein zu
+versüßen, welches sonst bitter ausgefallen wäre; ferner half er dieser bei
+ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den
+Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen
+und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch
+tragen mußte, ob es ihr gefiel oder nicht.
+
+Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer
+Granatenschnur prunkte, was der Hans um schönes Geld vom Randegger Juden
+erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljährlich zweimal im
+Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ältlichen Magd mit dem
+hinkenden Schwarzwälder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest
+verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die
+Einzigen, welche nichts davon wußten und wissen wollten.
+
+Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel
+abgeschlossen würden, von sonderbaren Fügungen Gottes, von den Vortheilen
+einer Ehe, in welcher die ältere Frau den jüngern Mann für sich recht
+erziehen könne, von der künftigen Erbschaft der Emmerenz und der
+Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer
+Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblümt davon, es werde
+das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans über ihrem Grabe die
+Hände reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische
+Musik--aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeißen, sondern vorläufig
+vollkommen frei und ledig bleiben und erklärte in unwirschen Augenblicken,
+eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend
+ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes."
+
+Es gäbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um
+der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere hätte
+alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits,
+daß selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres
+Helden nicht dämpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur
+peinigenden und verzehrenden auflodern machte.
+
+Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas muß aber
+der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hält und bei ihm, in
+dessen Gemüth einmal eingedrungene Gefühle und Leidenschaften tiefe Wurzeln
+schlugen, deren Blüthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern,
+war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er
+beständig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschöpf
+war, wurde der Anbeter auch von allen Stürmen des Tages und des Herzens
+unerquicklich genug mitgenommen.
+
+Weil die später folgende Geschichte des Duckmäusers voll von Liebe ist und
+wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit
+der verständigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den
+Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied.
+
+Jetzt leuchtet die Abendsonne über die weiten Getreidefelder der Baar,
+schärfer und schärfer malen sich die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes im
+tiefblauen Himmel ab, länger und länger werden die Schatten, am Fuße eines
+Kreuzes, das weit in die einförmige Landschaft hinausschaut und seinen
+Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes
+hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Händen und bewegt die
+Lippen in inbrünstigem Gebete.
+
+Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft
+genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall
+ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er wähnt, ohne die Emmerenz
+gebe es kein Glück mehr für ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein
+Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu können?--
+
+Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen
+eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend,
+ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je näher er dem Ziele seiner nächsten
+Wanderung kam, je gründlicher er Alles überlegte, was ihm vom Erfolge
+derselben abzuhängen schien, desto ängstlicher schnürte sich sein Herz
+zusammen.
+
+Vom ursprünglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld
+zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln für
+sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im äußersten Nothfalle
+Gebrauch machen und bittet Gott inbrünstig, diesen Fall _nicht_ eintreten
+zu lassen.
+
+Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht
+vergessen und Gott ließ ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn
+zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der
+seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat
+erwiesen und ihn selbst in die Hände der Elsbeth geliefert hat.
+
+Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat
+seinen alten Schützling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich
+bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom
+letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der
+Begegnung in der Baar da oben ausführlich erzählen lassen.
+
+Manchmal hat der Herr den Kopf geschüttelt und den Erzähler scharf
+angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende
+Hannesle nicht zu einem lügenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser
+nicht zuviel, sondern erzählte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn
+er sah in der Begegnung mit seinem alten Schützer eine Fügung Gottes und
+wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben
+schaute, wollte keine Lüge über die Zunge, es war ihm schier als ob er
+wieder einmal in einem Beichtstuhle säße und keinen Menschen, sondern einen
+Engel vor sich hätte, welcher Gottes Allwissenheit theile.
+
+Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes
+geredet und nicht verschwiegen, daß und weßhalb er sich gerade auf dem Wege
+befinde, diesen Plan auszuführen. Verwundert und fast traurig hat der
+Pfarrer zugehört und dann dem Plane mit unbesiegbaren Gründen
+widersprochen.
+
+Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fühlen, Denken und Wollen, folglich
+auch andere Gründe als die christliche Wahrheit und weil der Knecht
+leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane
+abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts
+Stichhaltiges für das Ausführen desselben vorzubringen wußte.
+
+Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar,
+welchen die nächste, beste Gleißnerin mit frömmelndem Geschwätze lange
+hinters Licht führt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder
+Verkleidung, selbst in der der Frömmigkeit und religiösen Ergriffenheit,
+durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel,
+welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder
+tausend Tagen heilen lasse.
+
+Weil dieser offen erklärte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gänzlich
+aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche für ihn endlich einen Brief
+in der schönen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol
+allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnöthig zu machen.
+
+Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten
+Schützer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter
+er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der
+Geistliche habe die Worte viel zu milde und versöhnlich gestellt, so daß
+wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich
+dadurch rühren und zum Geldhergeben bewegen lasse.
+
+Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdächtigungen und
+Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefängnisse und
+anderswo gehört, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben
+auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Großen und Reichen das Volk
+betrügen helfe und habe offenbar nicht gewollt, daß er seinen Zweck
+erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das
+Feld räume.
+
+Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthäter hinein, findet
+einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen
+Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des
+Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des
+Ueberbringers, nämlich des Zuckerhannes, geschrieben ist.
+
+Jetzt sitzt dieser betend am Fuße des Kreuzes und erhebt sich endlich
+entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nähern, denn der
+Eigenthümer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und
+damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll.
+
+Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflößt; langsam, mit klopfendem
+Herzen hinkt er dem Hofe näher, der Kettenhund ist längst unruhig geworden
+und fährt wüthend aus seinem Häuslein heraus, ein Knecht steht unter der
+Stallthüre und betrachtet verwundert den Ankömmling, dessen Anzug
+keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen
+Sünders ziemlich ähnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich
+dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thüre, bringt den Hund zum
+Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes
+kurze Gespräch:
+
+"Was wollt Ihr?"
+
+"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?"
+
+"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten."
+
+"Wann kommt er heim?"
+
+"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch
+ein Maul!"
+
+"Ich muß unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?"
+
+"Mit Tagesanbruch muß er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht könnt
+Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?"
+
+"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Päcklein
+mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?"
+
+"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!"
+
+"Ihr seid doch die Hofbäuerin?"
+
+"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen
+entlaufen sein und es wohl sagen dürfen!"
+
+"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und
+behüte Euch Gott bis morgen neun Uhr!"
+
+"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, könnt Ihr ja dableiben und ein
+Gläslein trinken, bis mein Bauer heimkommt."
+
+"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind
+schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl
+für jetzt!"
+
+"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ...
+Lebt wohl!"
+
+Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus
+des nahen Dorfes:
+
+"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin
+scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele
+Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben
+führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite
+Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl
+treiben mag!"
+
+In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den
+Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen
+ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als
+zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die
+Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung,
+der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging
+nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später
+die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge
+trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern.
+
+Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen,
+war der Empfänger des Briefes, nämlich _der leibliche Vater des
+Zuckerhannes_. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer
+Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach
+verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches
+ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib
+genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen
+Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.
+
+Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener
+Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im
+Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.
+
+Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm
+Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel
+genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des
+verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der
+Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen.
+
+Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der
+Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange
+Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen
+die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den
+Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte
+und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war
+mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um
+Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche
+dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten.
+
+Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den
+Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das
+gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und
+unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen
+sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern
+erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf,
+nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und
+beharrlich jede Antwort verweigerte.
+
+Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt,
+wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen
+auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes
+Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne
+besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der
+meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die
+Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt
+worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten
+hätte.
+
+Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt
+eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die
+schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen
+hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen
+zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus
+Vielen" recht gut paßt.
+
+Derselbe aber lautet:
+
+"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich,
+nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir
+ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den
+alten Tiger hat."
+
+"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne
+nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem
+andern Stande angehört."
+
+"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein
+bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung
+empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir
+bisher zu Theil wurde."
+
+"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"--
+
+"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am
+Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist,
+leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet
+derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was
+Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen
+Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt,
+Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar
+sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt."
+
+"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste
+Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast,
+Du Unmensch!"--
+
+"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der
+Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und
+geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast."
+
+"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die
+erlogenen Redensarten und Schwüre aufgetischt, welche jeder Verliebte
+aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene
+Eheversprechen in dein höllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke
+deiner thierischen Lüsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen
+Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr
+Ehre im Herzen trug als Du."
+
+"Zum Dritten bist Du ein Mörder, denn Du hast der Brigitte das Herz
+gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglücke gelegt,
+welches ihren frühen Tod herbeiführte."
+
+"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar
+Viele erliegen durch Schuld ihres Verführers dem geistigen Tode, der wohl
+mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen,
+verachteten und freudlosen Leben preisgegeben."
+
+"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den
+Todestritt und der Todtengräber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr
+Gespenst auch niemals deinen Schlaf störte, so sind ihre Thränen und
+Seufzer, ihre Anklagen und Verwünschungen doch von Gott gehört worden, denn
+Er ließ mich leben und am jüngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich
+ehrlosen, meineidigen Mörder als Anklägerin auftreten, wenn Du deine Schuld
+nicht auf Erden erkennst und einigermaßen zu sühnen Lust bekommst."
+
+"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann
+und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und
+ernste Buße thut."
+
+"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, daß Du, Fesenmichel, vor mehr als 20
+Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher
+und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber
+ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung
+schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser,
+meineidiger, mörderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Ständen und
+Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen:
+Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle
+Redensarten für Dich hast."
+
+"Weißt Du, weßhalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem
+Sündenschlafe aufzurütteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens
+Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit
+mehr als 20 Jahren täglich versündiget hast."
+
+"Der zweideutigen, flüchtigen Freude einer Schäferstunde hast Du das
+Lebensglück zweier Menschen geopfert, welche nichts Böses gethan haben und
+die Folgen deiner lustigen Sünde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf
+Erden und hinüber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglücklich
+auf Erden durch Dich; wäre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den
+Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen
+Qualen der Hölle überantwortet worden, so trügest Du wohl die meiste Schuld
+daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und
+Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglücken."
+
+"Ungemach und Unglück aller Art haben mich großgezogen, Dir zumeist habe
+ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre
+begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann für immer
+verließest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen
+pflegt."
+
+"Hyänen, Löwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter
+herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden
+befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in
+christlichen Landen laufen große Haufen viehischer Bauern und viehischer
+Herren, die großartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem
+Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und
+arme Heiden thun und Christen vor Allem im höchsten Grade thun sollen."
+
+"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zuständen eine Hauptquelle der
+unermeßlichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit
+lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel dürfen
+sie sich mehr als allgemeines Gerede über das sechste Gebot erlauben, wenn
+sie nicht von der empfindsamen, anständigen und doch so grundliederlichen
+und verderbten Welt arg verkannt, verlästert und vom zahllosen Heer der
+Religionsspötter, Staatsverbesserer und Unzüchtigen gesteiniget werden
+sollen."
+
+"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze _müssen_ da aufhören, wo
+allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in
+den meisten Ländern das sprechendste Zeugniß ablegen, wie weit es unser
+Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und ächten Sittlichkeit
+hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu
+zartsinnigen Erziehung sei."
+
+"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen,
+ganz im Gegentheil schützen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mörder und
+Rabenvater vor jeder unsanften Berührung, aber ich nehme Dich doch am
+Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott
+gewährleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhämmerte, die
+Gesetze mich dafür verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die
+alleinige Verantwortung!"--
+
+"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen,
+verachteten, mißhandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es,
+meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, daß ich die
+bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mißhandlungen,
+welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen ließen,
+am Urheber räche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in
+alle Ewigkeit in die tiefste Hölle hinabfluche und noch dort erwürge."
+
+"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafür, wenn er in einem
+Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube
+würde gewiß bald und gerne zu einem "gnädigen Herrlein" sich ummodeln, wenn
+es nur anginge; ferner ist das Weib schwächer als der Mann, ein
+unerfahrenes Mädchen mit Schwüren und besonders mit schriftlichen
+Versprechungen nicht sonderlich schwer zu übertölpeln.--Das Kind ist ganz,
+die Mutter in den meisten Fällen sicher mehr als halb unschuldig, doch
+Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter
+Menschen und christlicher Nächstenliebe alle Schuld und alle Folgen der
+Sünde, der Hauptschuldige und Hauptsünder dagegen wird kaum in Heimgärten
+oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen
+durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge,
+seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren."
+
+"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Sünde gestorben und ich habe diese
+Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts
+darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer
+geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt
+schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte
+Hagar gerächt werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen
+wie die Thiere der Wüste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen
+willst!"--
+
+"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge
+wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen
+keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits
+angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die
+erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst
+ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?"
+
+"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter
+die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das
+ist der Schuft!--dann hast Du den Rechten errathen!--Gelt, der _junge_
+Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken
+bekommen? Ich vermuthe, der _alte_ Fesenbauer bekomme vom vielen Denken
+noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen
+lassen und mit Freuden unterzeichnet."
+
+"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich
+Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß
+geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."
+
+"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen
+als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich
+bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem
+Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom
+Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre,
+würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den
+Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar
+keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder
+machen!"--
+
+"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und
+vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn
+werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen
+und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch
+irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst--wenn und
+insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von
+Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet,
+geschweige noch zu erwarten hat."
+
+"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der
+verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu
+machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer
+Wohlergehen betet."
+
+"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und
+letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um
+Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und
+ewig unselig zu machen."
+
+"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf
+nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn
+Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer
+ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du
+mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr
+nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme."
+
+"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und
+Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug,
+nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger
+ertragen mag."
+
+"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal
+menschlich und christlich an Deinem
+
+ _Ismael Zuckerhannes_."
+
+Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept
+des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster
+unanständiger Grobheit ärmer geblieben.
+
+Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an
+die Brigitte und ihren Bären gedacht.
+
+Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der
+heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den
+Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner
+schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während
+der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte.
+
+Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem
+Hofe weg.
+
+Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste
+eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu
+Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den
+Hofbauern.
+
+Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der
+ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen
+Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.
+
+Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei
+Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange
+Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein
+neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an
+allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst
+auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten--aber Alles änderte der
+Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen
+Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im
+ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt
+und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich
+um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den
+Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.--
+
+Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen
+ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren
+froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte.
+
+Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft
+zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war,
+um vor Amt erscheinen zu können.
+
+Kein Unglück ohne Glück!--Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu
+Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er
+nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei
+ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern
+Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter
+so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu
+erklären.
+
+Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche
+Kleider.
+
+
+
+
+#EIN TAG IM ZUCHTHAUSE.#
+
+
+Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond
+schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für
+ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines
+bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem
+Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen
+stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen
+wünschten--da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch
+die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins
+Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die
+modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.
+
+Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit
+einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und
+unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu
+einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren
+Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber
+fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.
+
+Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige
+Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr
+ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen
+Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu
+opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und
+so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes
+Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig
+sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag
+und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der
+gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.
+
+Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig,
+still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und
+Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen
+und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust
+bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu
+fraternisiren--aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen
+Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von
+der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft
+so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste
+Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.
+
+Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben
+sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der
+Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf
+ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig
+dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und
+Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in
+niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren
+Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die
+Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum
+Handtuche gegriffen werden kann.
+
+Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein
+oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und
+Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder
+will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur
+aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und
+der Flinke ärgert sich über den Langsamen.
+
+Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die
+vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die
+Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das
+Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin
+kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der
+Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man
+weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht
+und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der
+Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren
+Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig
+geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der
+eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre
+springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von
+mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.
+
+Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem
+Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen,
+durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die
+Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten
+durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem
+Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher.
+
+Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner
+Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des
+Tages in lautlose Stille verwandelt.
+
+"Gebet!"
+
+Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar,
+dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen
+Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt
+Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens
+versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden
+falten die Hände und schauen in die Nacht hinein.
+
+"Ab!"
+
+Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu,
+Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber,
+welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.
+
+Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die
+Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine
+Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt,
+einige derselben sind uns bekannt.
+
+Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5
+schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr
+gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die
+gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche
+Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft
+und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.
+
+Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das
+durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu
+zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet,
+derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am
+Halse hängen habe--es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale
+hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen
+sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im
+Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die
+reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut.
+
+Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen
+und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe
+zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet
+beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides
+zugleich der Fall sei.
+
+Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein
+Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen
+verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu
+"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch
+hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus
+dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und
+ausschließlicher fleht er um dieselbe.
+
+Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen
+würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen
+Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft
+er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und
+jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche
+Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle
+Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und
+es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge
+grauer Schelme mit Nutzen hört.
+
+Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch
+jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der
+Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und
+hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch
+nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell
+freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den
+Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram.
+
+Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter,
+nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.
+
+Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde
+dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt
+vielleicht das Interesse des Lesers--doch für jetzt lassen wir den armen
+Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle
+desselben.
+
+Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute
+Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten
+bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt
+hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen
+Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der
+lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und
+verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.
+
+Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in
+den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen
+Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten
+Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.
+
+Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten
+Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das
+emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle,
+nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner
+und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von
+Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen
+des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der
+Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das
+Klosterwesen des Mittelalters.
+
+Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe
+hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche
+Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße
+und Hände in Bewegung.
+
+Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab,
+während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt
+aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem
+fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher
+ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der
+hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.
+
+Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in
+die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert
+von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.
+
+Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann
+schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank
+zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen
+Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein
+kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt
+sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen
+hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz,
+ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und
+die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne.
+"Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und
+lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des
+zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her,
+doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das
+Signal zur Wiederholung des Manövers.
+
+Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und
+erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen
+jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und
+dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der
+Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen
+Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.
+
+Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute
+Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des
+Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran,
+Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.
+
+"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen
+Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im
+Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig
+aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt.
+
+"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel
+soll den Staat holen!"--Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein
+reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür
+auf jede Weise beschädigt werden muß.
+
+Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer
+kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der
+Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen
+geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der
+Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer.
+Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber
+schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in
+diesem Augenblicke ein Glücklicher.
+
+Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder
+unglücklicher zu machen!--
+
+"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes
+springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der
+Thüre.
+
+"Wohin?"
+
+"Hinaus!"
+
+"Schon wieder?--Verfluchtes Geläufe!"
+
+"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen
+schweren Fluch über alle Leuteschinder.
+
+Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein
+ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und
+darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem
+Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses
+Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem
+Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine
+abschlagen zu wollen.
+
+"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher
+erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.--"Von
+wegen meiner Religion!"--"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen
+halten!"--"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich
+hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"--"Ja, was glaubst Du denn?"--"Ich
+habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und
+letzter Artikel!"--Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern
+der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt.
+
+"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!"
+sagt der Exfourier und lacht höhnisch.
+
+"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict
+trocken.
+
+"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer.
+
+"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas
+Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn
+der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein
+darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die
+Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen
+haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.
+
+"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert:
+
+"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer
+meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch
+schon zu Ende!"
+
+"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes.
+
+"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.
+
+"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und
+die Meisten gehen, während Andere kommen.
+
+Allmählig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man
+merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Sträflinge bereits geschlagen;
+endlich ertönt die helle, schrille Stimme des Hausglöckleins, in einem Nu
+werden sämmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straßenräuber brüllt mit
+einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht
+hätte:
+
+"Suppe!"--Alle rüsten sich zum Abgehen.
+
+"Ab!"
+
+Die Gefangenen drängen sich nach der Thüre durch die Gänge und marschiren
+im Gänsemarsch dem Hauptgebäude zu, still, geordnet, rasch, das einsame
+Klirren der Fußkette eines Räubers gibt zuweilen den Takt an, mit
+befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren.
+
+Dort aus jener Thüre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen möglichen
+Leidenschaften und Schicksalen durchwühlte Gesicht gegen den Zuckerhannes,
+zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine möglichst
+angenehme Krümmung.
+
+Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, daß er zur alten Garde des
+Zuchthauses gehöre, es ist der einäugige Stoffel, der Besenbinder und
+Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefängnisse kennen lernten und welcher das
+gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat.
+
+Beim Eingange zum Hauptgebäude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen.
+
+"Der alte Paul läßt Dich grüßen, Hannes!"
+
+"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?"
+
+"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er,
+aber das Unglück verfolgt ihn. Hab Dir's ja längst auseinandergesetzt, daß
+ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und daß er deßhalb
+Händel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen,
+das Unglück verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, daß das
+Zuchthaus nicht das größte Unglück ist, was Einem begegnen kann!"
+
+"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß
+Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der
+dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob
+er hier hocke oder--."
+
+Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich
+in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der
+Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein
+verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen,
+schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter
+Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt
+und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher,
+der von Hand zu Hand geht.
+
+Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen,
+wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel
+klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter
+im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des
+Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.
+
+"Suppe!" schreit der Aufseher.
+
+Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von
+den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein
+Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine
+Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge.
+
+Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn
+kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch
+oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den
+Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit
+nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.
+
+"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen
+setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen
+Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf
+die Seite stellen.
+
+An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und
+viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen.
+Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße
+unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele
+schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein
+müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg
+ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so
+groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost
+bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher
+auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen--Schuft werden kann.
+
+Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der
+badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung
+der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer
+der Fall gewesen sein möchte.
+
+_Selbstbereitung der Kost_ von Seiten der Anstalt, wie dies im
+Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte
+übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger
+Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das
+Vortheilhafteste bewähren.--
+
+Mancher leckt bereits sein Schüsselchen rein, das Affengesicht bettelt
+Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem
+Benedict an Einem Tische sitzt und längst als Wortführer der Sippe
+anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und läßt den Duckmäuser
+bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten übertreffe nimmermehr eine solche
+Mehlsuppe.
+
+Dieser bejaht, findet nichts zu wünschen übrig, außer einem "Pfifflein vom
+Alten" als Würze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter
+müsse sicher auch vom tüchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein
+hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben.
+
+Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause,
+geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schließlich die
+"Großköpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein.
+
+Das Gespräch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen
+gefällt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will.
+
+"Dort drüben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Löffel durch
+das Fenster, "dort drüben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter-
+und Räubergeschichten gelesen und tief über die heutige Welt und Lumperei
+nachgedacht. Wenn ich die armen Sträflinge so betrachtete, wie sie bleich
+und hungrig an mir vorüberschlichen und die Nase sehnsüchtig nach dem
+Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor
+Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in
+Büchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mißhandelt Euch
+doch im Leben. Was könnt Ihr dafür, weil Ihr zu spät auf die Welt gekommen
+seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschäft adelicher Herren
+mehr sein darf und gemeine Leute dafür eingesperrt und gehängt werden?
+Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bändelland keine
+Abruzzen und kein Estremadura? Weßhalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen
+statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich
+gedacht hätten, wären wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack
+weggelaufen, um als freie Männer zu leben und den Reichen die Schädel
+einzuschießen. Wir hätten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten,
+leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf
+dem Wege unsere Beutel und Schnapssäcke füllen und manchem Schurken den
+wohl verdienten Lohn geben können! ... Ich wäre als Karl Moor
+vorangegangen, meine Braune hätte ich als Amalie oder Emilie oder wie das
+Theatermensch heißt, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine
+Braune nicht auch zur Büchse gegriffen und in die liederliche Welt
+hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und freß unschuldige
+Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Küche und hat Abends
+vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!--Der Teufel soll die Welt,
+den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich
+habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das
+Kriegsgericht an mir verübte, gut gemacht und meine Schmach blutig
+abgewaschen ist!"--
+
+Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest
+überzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte.
+
+Er gehörte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd
+oder auch gar keines unter der glänzenden Uniform tragen und nach
+zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mägdewelt ward endlich auch er
+erobert. Eine handfeste, stämmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen
+Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lächeln so
+süß als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und
+was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier
+Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt
+und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre
+sich täglich weniger zusammenreimen ließen.
+
+Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch.
+
+Die Gebieterin der Nymphe trug einen prächtigen Schawl, die Nymphe wollte
+einen ähnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben.
+
+Bitten und Thränen, Vorwürfe und Schmollen brachten den ohnehin stark
+verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige kühne
+Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn
+mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Füßen und erndtete der Minne Sold,
+nur die Angst vor Entdeckung trübte seine Seligkeit. Mindestens Ein
+Pöstlein mußte rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen
+wollte, deßhalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft,
+welche sich für ihn in einem feisten Corporal verkörpert hatte.
+
+Die Freundschaft saß gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und
+nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel
+tiefster Verschwiegenheit.
+
+Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den
+Kameraden groß an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie
+einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an
+Münze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und
+während der Fourier denselben noch mit trüber, rathloser Jammermiene
+betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglücklichen zum
+Schluß einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schütten und ohne
+Entschuldigung fort zu gehen.
+
+Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spaß
+der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn
+die Stunde des Zapfenstreiches war da.
+
+In Todesangst läuft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten,
+dritten und vierten Busenfreund und erhält von Dreien Nichts, vom vierten
+den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei
+vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem
+Augenblicke ihn bereits verriethen.
+
+Er weiß nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore
+hinaus. Es war eine schöne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele
+poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und
+unglückseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als
+"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehört. Der Hauptmann sieht und
+erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdächtig, er
+hält ihn an und arretirt ihn.
+
+Aber ein Liebhaber der Romantik läßt sich keineswegs mir nichts dir nichts
+auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und
+erst ein glücklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in
+Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute
+reden auch ein Wörtlein und eine Stunde später sitzt unser Held
+krummgeschlossen im "Dunkelarrest für Unteroffiziere" und sinnt über
+Schicksalstücke voll Weltschmerz nach.
+
+Jetzt sitzt er für eine hübsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und
+Aufklärung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und deßhalb
+ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmäusers, den er
+übrigens in innerster Seele anwidert.
+
+Der Duckmäuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr
+werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und während
+jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt,
+will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch über Alle herrschen.
+
+Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthäuser, der Mensch mit seinen
+Leidenschaften bleibt überall derselbe, wenn nicht die übernatürliche Weihe
+der Religion sein Wesen allmählig veredelt.
+
+Von einer derartigen Veredlung weiß der Exfourier mit seinen Kameraden
+wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend-
+Glauben verloren und ein langes Sündenleben, oft in Verbindung mit
+mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemüther verwildert und
+verkehrt.
+
+"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer
+wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das:
+
+"Stille, Stille!"
+
+des Aufsehers den Redefluß des Exfouriers für eine Weile unterbrochen hat.
+
+"Im Krankenzimmer ist's schändlich langweilig, die paar alten Schunken,
+welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist
+jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stück
+Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Diät
+und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wäre doch froh, wenn ich
+wieder einige Tage droben sein könnte, um der Abwechslung willen und um aus
+der leidigen Kirche bleiben zu können!" murmelt der Exfourier.
+
+"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he,
+he, he! ... Ich weiß, wie man Doktoren auch im Zuchthause über den Löffel
+barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut
+bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster
+hinaus!
+
+"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich
+gesessen, er weiß Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm
+beliebt."
+
+"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier.
+
+"Was krieg ich, he, he, he?"
+
+"Fünf Päcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmäuser.
+
+"Zehn Päcklein!" bietet der Exfourier.
+
+"Zehn Päcklein und fünf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht.
+
+"Zehn Päcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet
+der Kilian.
+
+"Ich, es gilt, topp!"--Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und
+kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurück, der ein
+freudebringendes Geheimniß erfahren.
+
+"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und
+wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist
+so dumm, daß ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der
+Exfourier der ganzen Tischgesellschaft.
+
+Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lüge. Er gab dem
+Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen
+und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt
+kein Verräther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem
+Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und deßhalb hat der Exfourier
+auch "auf Ehre" schwören müssen, in den nächsten vier Wochen noch keinen
+Gebrauch von der Sache zu machen.
+
+"Gebet!" ruft der Aufseher.
+
+Die Aufseher legen ihre Schüsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich
+und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es
+lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher würden 60 bis 70 Esser dieses
+Saales nicht vollkommen im Zaum halten können.
+
+"Was hat denn der drüben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen
+Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinüber.
+
+"Ein altes Weib ausgeplündert und alsdann ins Kamin gehängt! ... Nein,
+einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen
+Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herüber.
+
+Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehört, das Gelächter ärgert
+ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn:
+
+"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich
+machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen
+läßt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!"
+
+"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier.
+
+"Hör, Du, Hasengosche, fährt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst,
+dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem
+Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an _dem_ Tische, wo ich sitze,
+muß Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!"
+
+"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist
+Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat.
+
+"Der Teufel hat mit der wüstesten, ältesten Hexe in der Mainacht das
+Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier.
+
+"Beleidiget und quält Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der
+Duckmäuser.
+
+"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig
+hergekommen, Gott weiß es und wird meine Ankläger, Zeugen und Richter
+finden."
+
+"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner.
+
+"Bst, der Aufseher kommt!"
+
+Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und
+erzählt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es
+thun, Alle werden für den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese
+werden dann Alles rundweg läugnen und dennoch bestraft werden, aber das
+Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte gründlich
+bessern.--
+
+Wiederum ruft das Glöcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die
+Speisesäle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder
+bei seiner Arbeit.
+
+Der Zuckerhannes hobelt rüstig darauf los, er ist im Zuchthause kein
+heuriges Häslein mehr und weiß seine Zeit so einzutheilen, daß er stets
+bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen
+oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig
+verfertiget.
+
+Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefängnißbeamten, Erhaltung eines
+lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskräfte und Heranbildung
+von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelöst, als die zahlreichen
+Schwierigkeiten von Außen und Innen, Oben und Unten es erlauben.
+
+Der Zuckerhannes hätte ein Handwerk erlernen können, aber er mochte nicht
+und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfügens, welche wenig
+Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wäre im Stande ein
+doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhöhen, aber er that dies
+nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er muß, denn
+erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine
+Macht der Welt wäre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu
+überzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als
+möglich nützen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk
+Schnupftaback, diesen mächtigen Beweger eines Sträflingsgemüthes und Butter
+tauscht unser Held für manche Fleischportion ein.
+
+Er thut somit gemächlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und
+plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frühern Todfeinde, dem Bläsi,
+welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete.
+
+Bläsi ist wegen unvorsätzlicher Tödtung bei Raufhändeln auf einem Tanzboden
+zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen
+Hochmuth furchtbar erschüttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott
+und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt.
+
+Er hält seine Strafe lediglich für ein unverdientes Unglück, bleibt zu
+stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die
+Meinung der Menschen galt ihm stets als höchstes Gesetz, jetzt ist er in
+dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein
+Innerstes beständig durchwühlt.
+
+Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der
+Menschheit und Martyrer der großen Zukunft, niemals vergessen, das Leben
+unter Sträflingen und das tägliche Anhören ihrer Geschichten hat ihn gegen
+Verbrechen abgestumpft und für die Leidensgenossen eingenommen.
+
+Gutmüthig ist er dem Bläsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen,
+ist unfähig, den Einfluß zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein
+Schicksal ausübte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul während
+des Morgenessens erzählt.
+
+Bläsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und
+Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber
+das Anzeigen desselben findet er nicht schön.
+
+"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.
+
+"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und
+entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu
+verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer
+dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der
+Neuling.
+
+"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht,
+was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß
+nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere
+gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein
+Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah
+ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf
+einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal
+aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas
+Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann
+hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und
+Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der
+ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache
+machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne
+ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und
+das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme
+des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt
+hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen,
+kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und
+weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute
+Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und
+Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem
+Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen,
+aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat
+er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der
+Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den
+Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht
+droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich
+doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"
+
+"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner
+Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht,
+denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit
+Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn
+sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht
+es bei diesem und Andern böses Blut!"
+
+"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen
+nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut.
+Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben
+Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen,
+das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll,
+weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken,
+bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller,
+gutmüthiger Riese.
+
+"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.
+
+"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt
+ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.
+
+"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter
+kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich
+heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an
+seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das
+ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und
+kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen
+verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es
+absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.
+
+"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom
+Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der
+Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich
+aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den
+Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche
+herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit
+nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.
+
+"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim
+Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er
+der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell,
+die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt
+oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum
+zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja
+die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein
+und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual
+wird!" meint der Duckmäuser.
+
+"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den
+Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts
+zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch,
+wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem
+geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor
+er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi.
+
+"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er
+Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister
+entgelten!"
+
+"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre.
+Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ...
+Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst
+verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der
+Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen.
+
+Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen
+Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde
+tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt?
+
+"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer
+mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem
+hobelnden Zuckerhannes zu.
+
+"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes
+Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.
+
+"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind
+schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du
+nicht geglaubt?"
+
+Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung
+vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig,
+doch sammelt er sich rasch:
+
+"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder,
+aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin
+doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit
+gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die
+Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held
+finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen.
+
+In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die
+Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen
+thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.
+
+Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er
+selbst!--In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und
+Schluchzen in die Werkstätte herein.
+
+"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister.
+
+Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich
+hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich
+und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten
+Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt
+Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand
+vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?
+
+Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute
+zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins
+Krankenzimmer gesprochen worden.
+
+"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen
+ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth
+bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor
+keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser
+Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken
+sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor
+zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ...
+Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr
+brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins
+Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig
+wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde,
+wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab!
+... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu
+melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel
+geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen,
+Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.
+
+"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob
+_er_ die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir
+Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht
+besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern
+Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah
+ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen
+Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im
+Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da
+umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von
+Neuem auf.
+
+"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!"
+droht der Aufseher.
+
+"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.
+
+"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener.
+
+Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere
+Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin.
+
+"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig.
+
+"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem
+Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.
+
+Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die
+Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab:
+
+"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"
+
+"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der
+Bläsi.
+
+"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der
+Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist.
+
+"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu
+arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.
+
+Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein
+naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern
+herein tönt dumpfes Trommeln.
+
+Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie
+herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert.
+Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen
+Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig
+vor sich hat.
+
+Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande
+führt.
+
+Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er
+zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann
+erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im
+zweiten zu Boden schlägt.
+
+Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base
+vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden
+vermacht.
+
+"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde
+Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus
+beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der
+Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher
+nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß
+ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich
+Nichts!
+
+"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück
+auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum,
+was er spricht.
+
+Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank
+zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der
+Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen
+Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu.
+
+Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine
+Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt
+eine große Thräne auf den Fügebock.
+
+"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt
+dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den
+Hobel ingrimmig zu Boden.
+
+"Bst, bst!" warnt der Aufseher.
+
+"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem
+Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.
+
+Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den
+Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und
+räumen dem _Schweigsysteme_ die Oberherrschaft ein.
+
+Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt,
+auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die
+Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und
+erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.
+
+Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden,
+aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb
+aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum
+erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf
+wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich
+jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden
+und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste
+verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches
+besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig
+oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und
+Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen
+wird.
+
+Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer
+Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger
+Ersprießliches erzielten.
+
+Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das
+Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von
+Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen
+ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um
+das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des
+Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und
+Bekehrung unzugänglich zu machen.
+
+Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und
+jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß
+es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer,
+stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein
+und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen
+lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene
+System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des
+Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer
+Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft
+nimmermehr zu erreichen vermag.
+
+Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen
+der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen
+und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling
+leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und
+der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und
+Selbstmörder werde.
+
+Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen
+desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die
+einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und
+reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die
+Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen
+oder Stockfischen zu werden, _sich selbst zu isoliren_ und weil dies nicht
+angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der
+Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu
+begehen.
+
+Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit
+schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen
+innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die
+Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch
+tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten
+Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne
+gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen,
+strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den
+meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine
+unmögliche Sache.
+
+Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke
+Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem
+unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet,
+schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser,
+blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das
+undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht
+versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen
+Gänge des Saales sich hindurchwinden.
+
+Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und
+zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die
+Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme
+hörbar, nämlich die des Werkmeisters.--
+
+Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele
+für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte
+dies länger dauern als der Besuch währt?
+
+Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und
+Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden
+und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister
+ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn
+gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine
+Gewalt erzwingen.
+
+Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als
+Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige
+Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.
+
+Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten
+in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich
+gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den
+unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist
+bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt.
+
+Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute
+Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben
+durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist
+lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann
+plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die
+Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur
+keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden.
+
+Und bei den Holzhackern!
+
+Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit
+dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher
+unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht?
+Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch
+moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel
+nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden.
+
+Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer,
+vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger
+zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen
+hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt
+er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt.
+
+Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen
+Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung
+desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch
+Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe.
+
+Der Angeredete seufzt tief auf und weint:
+
+"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube
+an kein Glück mehr!"
+
+"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut
+werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.
+
+Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet,
+der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster:
+
+"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere
+und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als
+Oberschinder anstellen lassen! ... In _seinen_ Beutel wird er dein Geld
+gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"
+
+"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den
+lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste
+hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht!
+... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!""
+
+"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber.
+
+Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben.
+
+Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies
+finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur
+beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer
+Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur
+Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu
+einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der
+es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen
+im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die
+wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken
+der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm
+einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat
+ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in
+verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes,
+ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem
+entehrenden Sträflingskittel.
+
+Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel
+ins Gewölbe herab:
+
+"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen
+Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem
+schmucklosen Betsaale zu.
+
+Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich
+von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich
+rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich
+hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden.
+
+So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung
+schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm
+steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten
+Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum
+Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu
+finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem
+heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht.
+
+Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei
+alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth
+gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt
+der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt:
+
+"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem
+Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand
+längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein
+minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir
+Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen _dich_ daran
+kriegen!"
+
+"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb
+und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat
+erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und--"
+
+"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers.
+
+Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt
+der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster
+verstummt.
+
+Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten
+Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere
+Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber
+nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders.
+
+Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche
+Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern
+Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise
+Bewegung.
+
+"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere
+Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.
+
+"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten
+Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und
+hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.
+
+"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor
+Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer.
+
+"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... _Wir_ schwere Sünder?
+Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.
+
+"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst
+du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.
+
+"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem
+Nachbar ins Ohr, warum, und--
+
+"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.
+
+"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.
+
+"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen
+Leuteschindern weg bin, dann soll mich--!" murmelt ein kleiner Knirps und
+wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.
+
+Der Geistliche will heute eine kleine Prüfung anstellen, um sich zu
+überzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig gesäet, doch ein
+bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jüngst Angekommenen
+wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur
+wenige Bücher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder
+nachzudenken und wie Mancher schläft ein in der schwülen Luft des
+überfüllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken außerhalb
+der Gefängnißmauern herum, wie mancher liest während des Unterrichtes ein
+wildfremdes Buch oder paßt nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten
+und critisiren zu können!--
+
+Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene
+bleibt beim fünften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte
+verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fügt auch
+kurze befriedigende Erklärungen bei.
+
+Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach
+Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.
+
+Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur
+verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei
+den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und
+Andere müssen dieselben wiederholen.
+
+Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein
+Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als
+stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage
+wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die
+Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele
+seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun--er stiehlt eine
+Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt,
+nämlich ins Zuchthaus zurück.
+
+In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere
+gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl
+der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und
+Spitäler.--Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!--
+
+Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er
+hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt
+empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom
+Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine
+ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.
+
+In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person
+wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln
+ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den
+gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren.
+Auch stände nichts davon in der Hausordnung.
+
+Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug
+genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen
+weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen.
+
+Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein
+unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert,
+der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben
+absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug,
+um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich _das Erwischtwerden!_
+--Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster,
+denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen,
+weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille
+wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt.
+Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte,
+nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen
+Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der
+Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und
+entfernt sich traurig und wehmutsvoll.
+
+Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die
+Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits
+von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem
+Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.
+
+Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit
+Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser
+Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals
+über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind
+ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger
+ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte
+Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht,
+dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht
+ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem
+Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich
+der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den
+Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!--
+
+In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren
+der Löffel, Messer und Schüsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem
+Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"--
+allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert.
+
+Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum
+Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmäuser spricht an seiner Stelle
+recht deutlich, kräftig und andächtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die
+Aufwärter mit den Suppenschüsseln herbei, der Speisezettel lautet heute
+vortrefflich, deßhalb herrscht eine ziemlich gleichmüthige und oft heitere
+Stimmung unter den Gefangenen.
+
+"Reissuppe--Kartoffelschnitze--Rindfleisch!"
+
+Morgen wirds lauten:
+
+"Wassersuppe--saure Bohnen--Ende!" und mehr als ein alter oder junger
+Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begnügen,
+dagegen werden die Vielfraße wiederum einen Freudentag haben. Alte Häuser
+wissen von Manchem zu erzählen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen,
+Mancher hat dem Affengesichte schon einen ähnlichen Tod prophezeit, aber
+dieser läßt sich dadurch nicht rühren, bettelt und erhandelt die Schüsseln
+Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre
+Ueberreste zu, er ißt Alles, was er bekommt und hat der Heißhunger den
+Straußenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige
+oben drauf.
+
+Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht muß heute
+fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle
+entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen.
+
+Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod
+eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer
+versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und
+wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer
+hungrig.
+
+In allen Sälen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer
+antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum
+Anknüpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung.
+
+Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente
+"schwarze Loch" ab, dafür wird das religiöse Gespräch im Saale desselben
+und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter.
+
+Wir werden uns hüten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren
+über die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Buße
+und des Altars, über den Erlöser und dessen jungfräuliche Mutter, über alle
+Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer
+Halbgebildeten oft genug anhören mußten und möchten nur dreierlei jedem
+Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nämlich:
+
+_Erstens_ liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der
+Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre
+tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst
+nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht
+des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem
+Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und
+Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich
+gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt
+hinein.
+
+Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben
+dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere.
+
+Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das
+Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen
+Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl
+aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur
+gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben
+die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze
+beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben
+vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für
+strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr
+schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen
+Richter zu thun zu bekommen.
+
+Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter
+vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als
+gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig
+um deren Predigten.
+
+"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das
+Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst
+bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein
+Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern
+Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen
+nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo
+und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war
+sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber
+wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann
+ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche
+Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich
+dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden
+und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen
+und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses
+zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich
+dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur
+Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt!
+... Gibt es Einen, dann kommen _wir_ in den Himmel, jedenfalls vor den
+Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können
+_wirs_ nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und
+wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in
+einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und
+vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu
+bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und
+pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und
+Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht
+und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition,
+aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele
+Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald
+oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen
+wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in
+die Stadt hinaus darf!"
+
+So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der
+Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die
+Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern
+geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt:
+
+"_Der_ kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier
+sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"
+
+An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und
+heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres.
+
+_Zweitens_ nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der
+Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes
+eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen
+sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und
+Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen
+Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der
+Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden
+Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es
+sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich
+derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums
+entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung
+und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und
+literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen
+Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst
+geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst
+bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur
+bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion
+überhaupt gesteigert.
+
+Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in
+religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und
+die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den
+Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar
+untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen
+Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die
+Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über
+das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den
+Christenmenschen Siege feiern zu lassen.
+
+Das gegenwärtig lebende Geschlecht hat von seinen Vätern durchgängig eine
+sehr elende religiöse Erziehung ererbt, die der positiven Religion
+gleichgültig, gehässig oder auch todesfeindlich gegenüber stehende
+Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft,
+das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen
+überwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und
+Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich
+liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen
+und wenn gründlich gelehrte Männer oft wie Kinder reden, sobald von der
+katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, daß
+die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus
+fremd, lau, mißtrauisch und feindselig gegenüber stehen erstaunlich groß
+und fortwährend im Zunehmen begriffen bleibt.
+
+Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwährend in und mit dem
+Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtümer und Lügen der Zeit und
+was ihnen an umfassender Bildung und gründlicher Gelehrsamkeit abgeht,
+ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstümlichen Witz
+und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens.
+
+Es ist erstaunlich, wie aufgeklärt Schustersjungen und Schneidergesellen
+heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich
+geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europäischen
+Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bündig an jedem Biertische
+über den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen
+Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird.
+
+Wer das Volk genau kennt und tagtäglich in Berührung mit den
+verschiedenartigsten Menschen tritt, der weiß am besten, wie gewaltig der
+Geist des Widerspruchs und der Empörung geworden und wie scheinbar er
+gebändiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen
+Anfängen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar
+zu wähnen, es ließe sich in einigen Jährlein gut machen, was mehrere
+Menschenalter sündigten, der wird auf eine aufrichtige Rückkehr des jetzt
+lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der
+Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen
+Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen
+herrschender Ansichten und Grundsätze, nämlich vor einer sozialen
+Revolution und der schauderhaften "großen Zukunft" des Spaniolen erblicken.
+
+Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des
+Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des
+Unglaubens, welche mindestens von den Männern des Proletariats am liebsten
+gehört werden.
+
+Die Welt ist ein großes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach
+in kleinen Zuchthäusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen
+und verderblichen Büchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine
+strenge Hausordnung wird möglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer
+suchen rohsinnliche Naturen für höhere und edlere als rohsinnliche Genüsse
+empfänglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des
+Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert
+jeden Sträfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den
+verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen--dennoch ist von wahrer
+Besserung in Sträflingssälen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und
+Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie
+beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich für immer.
+
+Einen Grund dafür finden wir auch in dem Umstande, daß Halbgelehrte und
+Halbgebildete in jedem Sträflingssaale sich finden und ihre Kameraden im
+Grunde mehr beherrschen, als sämtliche Vorgesetzten zusammengenommen.
+
+Allenthalben herrscht der Gebildetere über den Unwissenden und Rohen und
+wenn der Sträfling von vornherein geneigt ist, den besten
+Gefängnißgeistlichen mißtrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von
+Herzen gern einem Leidensgefährten.
+
+Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdächtigt und
+verläumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit
+welchem ein Sträfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich
+verspottet, verhöhnt und verdächtiget zu werden? Was der Geistliche bei
+diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nächste, beste
+Fanatiker des Unglaubens in fünf Minuten oder noch rascher durch einen
+derben Witz.
+
+Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener
+gloriosen Gefängnißkundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und
+Großartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen
+wollen?--
+
+Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens üben mächtigen Einfluß auf die Armen
+außerhalb der Gefängnißmauern aus, sie beherrschen auch als Sträflinge die
+Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefährten und sind eigentliche
+Verderber der Besserungsfähigen unter denselben wie des gesammten
+Proletariates.
+
+Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Sträflinge gelegenheitlich bei
+Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich übernahmen, es ist auch
+begreiflich, weßhalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene
+den wahnwitzigsten Träumern des Sozialismus in die Arme stürzen und bei der
+wachsenden Anfüllung und Ueberfüllung aller Strafanstalten möchte einsame
+Haft für die verderbtesten, so wie für halbgebildete Verbrecher eine
+Maßregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine
+unsterbliche Seele besäßen und nicht die Bestimmung hätten, Glieder am
+Leibe Christi zu werden.
+
+Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine
+Kameraden und machen Strafhäuser nicht zu Kasernen der Revolution.
+
+_Drittens_ endlich ist das enge Beisammenleben von Sträflingen
+verschiedener Confessionen für die auf den Grundlagen der positiven
+Religion allein mögliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der
+Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der
+Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen
+Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Sträflinge wissen
+gemeiniglich nicht gehörig zu erwidern oder sie mögen weder für Jesuiten
+noch für Dummköpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten
+gewöhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte
+Sträflinge den Israeliten gegenüber gewöhnlich das Gegentheil und aus all'
+diesem folgt, daß die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der
+religiöse Frieden ungestört bleibt.
+
+Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte
+und etwas belesene Sträflinge vertreten die Rolle der Priester des
+Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen
+befördert kein Anschmiegen an positive Religion--woher soll da die
+Besserung kommen?
+
+Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermögen und kehren
+nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurück, in
+welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen
+Rechtes" in seiner gewohnten Art erläutert.
+
+Der Aufseher stört diesmal den Redefluß des gelehrten Mannes, der
+Zuckerhannes erfährt nur noch, die großen Fische fräßen die kleinen und das
+sei historisches Recht und das Gespräch wird rasch auf die Begnadigungen
+gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen.
+
+Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Verträglichkeit zu bekommen,
+setzt sich einen Augenblick neben den Duckmäuser, hört dem Gespräche zu und
+meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gönnten, sei eben doch wegen
+Straßenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung
+unwürdig.
+
+Auf solche Rede hin versetzt der gegenübersitzende Mordbrenner dem armen
+Hasenmaul einen Stoß auf die Brust, daß es über die Bank hinabpurzelt und
+laut aufschreit.
+
+In diesem Augenblicke ruft das Glöcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher
+muß zur Thüre hinaus auf seinen Posten, der Lärm der Sträflinge hat den
+Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drängt Alles der Thüre zu.
+Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein
+Wort könnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmäuser
+sucht Beide zu beschwichtigen, erklärt letzterm, er habe Unrecht, dem armen
+Jost das bischen Freiheit zu vergönnen und sagt:
+
+"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher
+niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die
+eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder
+hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe
+der Hunger thut?"--
+
+Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im
+Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur
+Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem
+Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der
+Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und
+Entlassene oft genug behandelt werden.
+
+An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr
+oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos
+zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und
+Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!--
+
+Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das
+Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren,
+Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler
+schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen
+einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der
+Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe,
+schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter,
+pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche
+Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen--dieser hundertstimmige Lärm
+mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an
+Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende
+Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des
+sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.
+
+Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen
+sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke
+steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu
+Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.
+
+Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen
+Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben
+ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den
+tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften
+Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte--doch kein geschaffenes
+Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, _tägliche Gewohnheit_
+stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das
+Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt,
+stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu
+freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch'
+unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen
+guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich
+drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem
+Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird
+und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages
+dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele--aber hat er
+draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er
+jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin
+im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen?
+War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe
+Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu
+erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause
+wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren,
+weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine
+Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen
+seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum
+Durchbruche gelangte.
+
+Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die
+Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier
+dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich
+den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.
+
+Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts
+von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel
+ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet
+und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.
+
+Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im
+Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken,
+er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu
+behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm
+schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist
+voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach
+überboten, anwiderten.
+
+Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der
+Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe
+zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit
+lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind
+beide Freunde geblieben.
+
+Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers
+erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben
+vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine
+Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich
+verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge,
+mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt.
+
+Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit
+sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine
+Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen.
+
+Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen
+zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird
+jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von
+denen er nichts zu befürchten hat.
+
+Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf
+Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben
+sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals
+sähe!--
+
+Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu
+Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich
+der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse,
+bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten
+deßhalb gescholten oder bedroht werden kann.
+
+Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne
+ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das
+Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht
+daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung
+betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen!
+
+Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven
+Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den
+weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender,
+der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern
+niemals ein Buch lesen!--
+
+Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten
+Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher
+Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!
+
+"Hof!--Hof!" ruft es durch das Haus.
+
+Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den
+Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an
+Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig
+und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende
+Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.
+
+Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber
+seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die
+Stiege hinab in den Hof.
+
+Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng
+beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin
+und her, der ein längliches Viereck bildet.
+
+Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte
+desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge
+herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte
+schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und
+auswendig erträglich aussehe.
+
+Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden
+Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen
+Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit
+vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem
+Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt,
+genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft
+und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden,
+abschneidet.
+
+Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der
+Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch
+eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden
+hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.
+
+"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und
+während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger
+in den Hof hinaus.
+
+Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt
+der Ruf. "_Vier Uhr!_"--dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein
+plötzliches Ziel.
+
+Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse,
+welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den
+letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken
+lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!--hörbar
+geworden.
+
+Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die
+einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte
+gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen.
+
+"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der
+Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem
+Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen,
+an welchen er Antheil haben soll.
+
+Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der
+feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen
+Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor,
+vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von
+einem Eßkünstler in sich hat.
+
+Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und
+einige Tropfen ranzigen Brennöles daran--der Zuchthaussalat ist fertig und
+mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher
+aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.
+
+Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide
+betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den
+Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei
+Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!--
+
+Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter
+des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der
+Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate
+erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch
+nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im
+Strafbuch nach sich ziehen könnte.
+
+Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends
+auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier
+ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu
+empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das
+Affengesicht erhält jedoch den Vorzug.
+
+Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und
+steht auf den Treppen der Eingangsthüre.
+
+Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen
+Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt
+plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu
+drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht
+er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt.
+
+Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter
+der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:
+
+"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm
+gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse
+habe?"
+
+"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt
+den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte.
+
+"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt,
+hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal
+manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort.
+
+"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins
+Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er
+behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um
+keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir
+selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit
+er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe."
+
+"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest
+gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag
+und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein
+Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken
+lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht
+einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen
+Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder
+herausgenommen."
+
+"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist
+fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und
+werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren
+Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich
+übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als
+Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an
+Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür
+Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus.
+Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen
+durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und
+hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er
+zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat
+nicht gewesen! ..."
+
+"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte
+einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden
+andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet
+oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist
+nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und
+Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..."
+
+"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so
+geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser
+nachdenklich.
+
+"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte
+ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und
+wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge
+ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.
+
+"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das
+Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt
+der Duckmäuser.
+
+"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz
+dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und
+Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals
+ein, auch einen _Verein gegen Menschenquälerei_ zu stiften?" fragt der
+Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird
+bis über die Ohren roth.
+
+"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das
+Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch
+eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt
+Einer.
+
+"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte
+sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier.
+
+"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der
+Zuckerhannes.
+
+"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige.
+
+"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet,
+es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen
+wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und
+verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!"
+
+"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So
+ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...
+
+"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit
+der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint
+auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch
+vor 3 Wochen und--"
+
+"Zur Arbeit, Leute!"
+
+unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der
+Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück
+und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am
+Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund
+Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen
+Tagwerkes nicht zurückbleiben.
+
+"_Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!_"
+
+Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36.
+Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling
+mit Widerwillen.
+
+Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein
+dankbares und segensreiches.
+
+Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers
+und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich
+gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten
+sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich
+verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer
+arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.
+
+Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben,
+Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen
+auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem
+unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu
+beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an
+Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen
+Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen
+Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs
+vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem
+Auswendiglernen gänzlich ein Ende.
+
+Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der
+Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und
+pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und
+belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft
+durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in
+neuen Verbrechen abzuhalten.
+
+Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden,
+Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche
+Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk
+gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den
+Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine
+klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben--doch im Ganzen sind und
+bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange
+die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.
+
+"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder
+auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben
+ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser
+Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein
+beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der
+Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.--
+
+Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt,
+später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und
+unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist
+ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur
+Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs
+ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der
+zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der
+dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen
+ereignißreichen Tages.
+
+Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der
+Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er
+den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut.
+
+"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"
+
+"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im
+schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch
+zusammenbrennen würde und ich damit! ..."
+
+"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"
+
+"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja,
+daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle
+Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen
+Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig
+gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der
+Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man
+fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter
+wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"
+
+"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich
+früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit
+triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und
+stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres
+hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen,
+als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an
+welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine
+Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"
+
+"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch
+bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar
+ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten?
+... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen
+mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß,
+doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den
+Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle
+Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz
+zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude
+verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch
+die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war
+ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."
+
+"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig
+davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak
+wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das
+Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird
+voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen
+von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber
+die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel
+Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem
+Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit
+stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und
+Alles thun, was er vermag!"
+
+"Warum?"
+
+"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters
+Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit
+durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und
+die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er
+ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein
+gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die
+Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht
+ausbleiben--"
+
+"Fort, s'kommt Einer!"
+
+Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter
+ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten
+anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in
+den Hofraum der Strafanstalt herein.
+
+Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen
+von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes,
+wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der
+strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten
+Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter
+und Pflegbefohlenen.
+
+Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.
+
+"_Sechs Uhr!_"
+
+Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom
+Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher
+faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.
+
+Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?
+
+Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr
+Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines
+Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit
+Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.
+
+Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in
+mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen
+einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den
+letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.
+
+Endlich ertönt es;--"_Feierabend!_"--rasches Verstummen jedes
+Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch.
+
+Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder
+beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder
+die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück
+Brod schmecken.
+
+Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die
+Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle.
+
+Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der
+Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem
+Andern marschirt ab.
+
+Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille
+und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst
+um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher
+noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte
+Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig
+schadet.
+
+Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an
+einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein
+bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.
+
+Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein
+bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im
+Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu
+mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein
+Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den
+hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.
+
+Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist
+ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung
+sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für
+Gefangene.
+
+Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit
+weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und
+manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche
+Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische
+sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends
+die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne
+im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem
+vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche
+die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.
+
+Was sollen dieselben machen?
+
+Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden
+und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern,
+Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.
+
+Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese
+wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das
+Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der
+Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre
+Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die
+Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht
+ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend
+hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet
+Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst.
+Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er
+schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder
+zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste
+Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese,
+spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem
+Schandgemälde beglückt zu werden.
+
+Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten
+Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag
+einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem
+Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich
+Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn
+ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft,
+wird er die furchtbaren Worte:
+
+ Ha, wo bin ich und was soll ich hier
+ Unter Tigern, unter Affen?
+ Welchen Plan hat Gott mit mir
+ Und wozu bin ich erschaffen?
+
+mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.
+
+Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen
+Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am
+nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren,
+welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich
+"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen
+Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem
+Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben
+abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten
+Schriften zu machen pflegt.
+
+Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf
+seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.
+
+"Numero Fünf!"--ruft es durch die Gänge.
+
+Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht
+der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt
+Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu
+schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.
+
+Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher
+folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser
+herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen
+Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute
+zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.
+
+"Gute Nacht!"
+
+Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen
+Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil
+sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt
+vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort,
+wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.
+
+Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder
+kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange
+miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen
+Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute,
+welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen
+begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug
+als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich
+auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen
+ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten
+Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der
+Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne
+Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man
+nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes,
+rasendmachendes Tutti beginnen.
+
+Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg
+vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der
+Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr
+fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr
+gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch
+thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust
+klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten
+ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.
+
+Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben,
+Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den
+Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als
+dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf.
+
+Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert
+fort und wann naht das Ende der Qual?--
+
+
+
+
+#DIE LETZTEN JAHRE DES ZUCKERHANNES.#
+
+
+Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem
+wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten,
+unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.
+
+Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch
+und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen
+Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten
+Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen
+Matten und silbern schimmernden Bächlein.
+
+Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend
+Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume
+und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte
+säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der
+Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und
+fromme Gesänge an unser Ohr.
+
+Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen
+Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und
+verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte
+beiwohnen?
+
+Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen
+Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und
+Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und
+unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte,
+dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe,
+unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische
+Rosenkränze.
+
+Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige
+Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen
+Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen,
+wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den
+Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und
+lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod
+stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.
+
+Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist
+alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele
+Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne
+einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des
+Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.
+
+Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer
+prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der
+ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen
+Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der
+bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das
+dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.
+
+Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine
+vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen
+des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst
+laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr
+gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach
+der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar
+zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein
+Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:
+
+ Ich mach' in Tuch und Seide,
+ Politik und Religion!
+ Und hab' von allen Vieren
+ Die allerneuest' Facon!
+
+im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig
+verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und
+geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze
+in Entzücken versetzt.
+
+Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft
+mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während
+die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm
+steht--die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst
+aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges
+Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und
+einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit
+Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.
+
+Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen
+"Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei,
+welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit
+Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch
+Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als
+bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.
+
+Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich
+die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne
+hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr
+ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden
+der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist
+dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner
+Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er
+seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.
+
+Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne
+Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze
+Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches
+Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein
+abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke
+neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des
+Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib
+in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen
+lasse.
+
+"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein
+heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau
+dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern
+und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.
+
+Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon
+erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am
+Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden
+nicht allzulang gerathe.
+
+Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise
+fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und
+wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.
+
+Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das
+265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und
+von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich
+vermißt wurde.
+
+Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den
+theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen
+unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich
+unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu
+entreißen und für den Himmel einzunehmen.
+
+Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des
+Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit
+vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln,
+Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit
+Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte,
+bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er
+nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das
+Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum
+daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr
+herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und
+muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten,
+linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende
+Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da
+der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal,
+wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche
+hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen
+Theil haben und notirt alles gut auf?"
+
+Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris
+hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus
+diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon
+wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte
+und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel
+Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen
+Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte.
+Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von
+der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten,
+welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:
+
+"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und
+geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt
+würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die
+Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend
+gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein
+Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in
+Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt
+derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat
+mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin
+schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen
+der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich
+zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will,
+wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen
+und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den
+Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan
+noch, _der_ brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats
+im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm.
+In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den
+Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"--
+
+Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige
+Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine
+Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete
+sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb,
+wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden
+und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das
+Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein
+Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.
+
+Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es
+sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter,
+aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann
+sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.
+
+Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika
+drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und
+dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders
+zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren
+und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten,
+der Pariser sei an die Unrechte gekommen.
+
+Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus
+Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der
+Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den
+Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie
+man mit Weibern fertig werde.
+
+Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes
+mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit
+ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude,
+ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im
+Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und
+selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten,
+hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom
+Kirchhofe herab ins Thal schaut.
+
+Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und
+diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder
+von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen,
+sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.
+
+Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und
+ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue
+Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit
+überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle
+Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für
+fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht,
+welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die
+günstigsten Bedingungen festsetzte.
+
+Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor
+dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für
+sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl
+würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts,
+was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu
+Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen
+Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget
+hätten.
+
+So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem
+frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der
+Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen
+Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der
+Blüthe seiner Jahre zu Grunde.
+
+Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin
+mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark
+ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie
+die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei
+ihr gefunden.
+
+Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand,
+daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der
+jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen,
+als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser
+Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute
+ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit
+eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem
+fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so
+toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger
+die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte
+aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer
+auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir
+alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei
+ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der
+Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der
+Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel
+an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.
+
+Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert
+ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas
+grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für
+ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im
+Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.
+
+Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen
+tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer
+Erklärung.
+
+Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern
+sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.
+
+Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die
+Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz,
+denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das
+Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt
+kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.
+
+Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen
+zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm
+großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug
+ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt
+und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und
+Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.
+
+Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen
+Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen
+geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und
+folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.
+
+Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach
+der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche
+er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer
+Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein
+dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen
+Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden
+Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's
+Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die
+Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.
+
+Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße
+geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu
+befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er
+nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß
+nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.
+
+Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene
+Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und
+näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande,
+Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen
+Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!
+
+"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen,
+lieber Herr? Ich muß doch leben!"
+
+"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr
+wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es
+wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter
+eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem
+Diener winkte.
+
+Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser
+den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein
+viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.
+
+Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine
+kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte
+in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten.
+Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen
+Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese
+den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften,
+obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute
+boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht,
+woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und
+zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm
+statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube
+geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein
+abzog.
+
+Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der
+Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh
+genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte
+und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren
+alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig
+gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er
+oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort
+der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im
+Zuchthause gehockt!"
+
+Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später
+einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist
+auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle
+ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus
+der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches
+Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern
+von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen
+Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte
+eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.
+
+Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert,
+mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt.
+Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit,
+welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er
+freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen
+zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz
+ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der
+Gemeinde zu verzichten.
+
+Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und
+verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen
+gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten,
+waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.
+
+Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten,
+die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der
+Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause
+anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden
+und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die
+Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er
+niemals zu übertreten hoffte.
+
+Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige
+Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen
+habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden
+der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein
+kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.
+
+Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit
+rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst,
+wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein
+verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering
+scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.
+
+Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von
+Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven
+Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als
+Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.
+
+Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr
+Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen
+langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder
+noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die
+Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn
+aus der Emmerenz geworden sei.
+
+Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des
+menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen
+ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die
+Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben
+anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht
+geantwortet.
+
+"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und
+sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß
+man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr
+recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei
+gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige
+Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln
+ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.
+
+Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich
+seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle"
+jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines
+Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen
+müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines
+Zuchthäuslers.
+
+Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des
+Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib
+und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode
+nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der
+Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren
+verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten
+wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da,
+an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen
+er wünschte und dies that ihm wehe.
+
+War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme
+unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?
+
+Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er
+Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den
+Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über
+die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der
+Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil
+er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie
+ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles
+laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß
+der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen
+Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm
+bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei
+jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.
+
+Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit
+Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet.
+In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten
+zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde
+Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die
+Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den
+Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem
+nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom
+Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern
+vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als
+einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.
+
+Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und
+noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf
+an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen
+lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute
+jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth
+an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im
+Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe
+dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog
+aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres
+Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht
+daheim gewesen.
+
+In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne,
+obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler,
+welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht
+komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr
+gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man
+vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein
+fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges
+Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein
+betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter,
+Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals
+copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und
+sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder,
+der als Knecht bei ihm diene.
+
+Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine
+große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle
+und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause
+zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller
+zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde
+das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.
+
+So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer
+bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern
+nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach
+Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die
+Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer
+lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke
+Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.
+
+Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner
+der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch
+christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten,
+Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der
+vielgepriesenen Berserker.
+
+Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah
+denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar
+nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken
+fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie
+sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder
+ganz ruhig und still zurück.
+
+Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen
+schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare
+Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie
+leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie
+verloren.
+
+Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst
+her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler
+durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:
+
+"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall
+heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und
+glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute
+sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen
+müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann
+recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich
+wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit
+und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete,
+während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am
+bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth
+hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater
+und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."
+
+"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen
+Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie
+selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns
+Beiden zurück ließ."
+
+"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein
+alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen
+doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht
+wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles
+anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."
+
+"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste,
+sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte
+Freundin
+
+ _Emmerenz_."
+
+"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.
+
+"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und
+ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es
+nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!"
+
+"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher
+Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich
+ihnen doch nicht schenken!"
+
+"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn
+ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes
+zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen."
+
+"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir,
+bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an
+Dir fehlte.--Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und
+Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4
+Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger
+und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh,
+daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen
+Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"
+
+"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich
+leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße
+werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt
+und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der
+Spaniol."
+
+"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch
+droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem
+Lächeln sein Braunbier.
+
+"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin
+ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor
+lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe
+verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke,
+so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder
+nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten
+Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers
+Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals
+Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische
+Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt
+jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere
+wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst
+jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte
+Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich
+ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer
+ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"
+
+"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und
+Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie
+wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt
+andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.
+
+"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan,
+von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir
+Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar
+merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich
+der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so
+lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt
+werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat
+auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt.
+Was bin ich schuldig?"
+
+Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes
+hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen
+Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.
+
+Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem
+Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt,
+daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten.
+
+Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte
+auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der
+Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung
+begann.
+
+"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" ließen sich Zwei
+ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen.
+
+Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß
+dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.
+
+"Hat _der_ wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im
+Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flüsterte später ein
+Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde
+machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der
+Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.
+
+"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!" rief ein Kind dem
+kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und
+ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken
+im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.
+
+Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen,
+er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.
+
+Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:
+
+"Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für
+Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als
+Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da
+drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht.
+Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen
+lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als
+Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!"
+
+Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem
+Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:
+
+"Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine
+weitere Beichte durch rasches Umkehren.
+
+Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja,
+es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!"
+und zog rüstig seine einsame Straße weiter.
+
+Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn
+verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden,
+welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen
+er sich bei der Pflegemutter antrank.
+
+Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm
+vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles
+Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft
+durchzubringen.
+
+Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem
+Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.
+
+Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete
+Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast.
+Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft,
+zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande
+zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht
+aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte
+es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche
+Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und
+verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete.
+
+Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die
+Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil
+er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel.
+
+Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht,
+er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze.
+
+"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören.
+Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.
+
+"Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr
+habe!"
+
+"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"
+
+"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach
+längerem Besinnen.
+
+Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in
+kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig
+sei und verwendet werde.
+
+"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so
+ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit,
+wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so
+gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch
+nie gelebt!"
+
+Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die
+alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit
+leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.
+
+Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und
+menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht
+gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand.
+
+Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der
+Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen
+liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher
+mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers
+jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes
+in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern
+duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo
+suchen, wornach er gelüstete.
+
+Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des
+Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast
+mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein
+Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der
+Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand
+sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu
+besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit
+dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben
+sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser
+ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als
+Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch
+Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so
+vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel,
+strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders
+Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und
+weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.
+
+Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in
+diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der
+Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst
+nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge,
+dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag
+Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.
+
+Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen
+Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr
+gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten
+Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute
+berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den
+heilbringenden Westen.
+
+Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern?
+
+Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und
+der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen
+Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes
+endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche
+seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen
+entsprach.
+
+Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen.
+
+Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in
+ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten
+Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles
+wird.
+
+Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil
+dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die
+allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen
+einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen
+als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und
+menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer
+Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten
+aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen _Vereine für Entlassene_
+von Neuem begründen.
+
+Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur
+Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine
+Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen
+und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne
+arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine
+Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo
+möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch
+einen Galgen finden.
+
+Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche
+Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als
+andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie
+des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig
+geworden.
+
+Drittens endlich hat der _Stifter der Gesellenbunde_ den besten Weg
+gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.
+
+Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und
+politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der
+kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des
+gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer
+Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden
+zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital
+arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den
+Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht
+mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des
+Proletariats zu verhindern.
+
+Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten,
+indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes
+durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch
+Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln
+christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.
+
+Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen
+Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften
+und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet
+und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung
+dasteht.
+
+Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen,
+Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für
+Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll
+Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes
+furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen,
+Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer
+Enkel Zukunft zu bedenken.
+
+Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den
+Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes
+entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in _diesem_ Falle
+einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit
+vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die
+Revolution, diese Ausgeburt der Hölle!--
+
+Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von
+Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind
+allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere
+Erfahrungen hindrängten.
+
+_Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem
+Lande in ähnlichen Vereinen_, sorgt für angenehme und nützliche
+Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath
+und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen,
+welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen,
+in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die
+Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe
+sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das
+zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen!--
+
+Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher
+gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen
+aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die
+Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der
+Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung
+des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung
+halten.
+
+Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger
+Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere!--
+
+Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im
+freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe,
+welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben
+kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares,
+sittliches und religiöses Leben heraussprach.
+
+Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits
+ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz
+zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude
+und aufhörte, demselben Etwas zu senden.
+
+Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere
+Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner
+Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten
+Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem
+Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit
+dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und
+lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine
+mehrwöchentliche Gefängnißstrafe.
+
+Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last
+fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ
+ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen
+haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr
+geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben,
+hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum
+Entwickeln gebracht.
+
+Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst
+nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte,
+daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den
+Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten,
+nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.
+
+Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale
+fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein
+elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der
+einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und
+Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich
+fürchtete.
+
+Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache
+zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum
+Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie
+wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen
+Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für
+den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem
+Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände
+in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der
+unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden
+Korbmacher zu bringen.
+
+In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am
+Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre
+Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte.
+
+Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der
+Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde
+festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer
+langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles
+wegläugnete.
+
+Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner
+Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin
+den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im
+Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen.
+
+Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang
+ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben
+ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein _Christ_, sondern als der
+_Zuckerhannes_ gestorben.
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem
+ehemaligen Züchtling, by Joseph M. Hägele
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***
+
+***** This file should be named 16278-8.txt or 16278-8.zip *****
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+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
+<html>
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1">
+<title>The Project Gutenberg eBook of Zuchthausgeschichten 1, by Joseph M. Hägele</title>
+</head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen
+Züchtling, by Joseph M. Hägele
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Zuchthausgeschichten von einem ehemaligen Züchtling
+ Erster Theil
+
+Author: Joseph M. Hägele
+
+Commentator: Alban Stolz
+
+Release Date: July 13, 2005 [EBook #16278]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***
+
+
+
+
+Produced by Robert Kropf and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+
+<center><h2>Zuchthausgeschichten<br />
+von<br />
+einem ehemaligen Züchtling</h2></center>
+<center><h3>von Joseph M. Hägele</h3></center>
+<center>
+<p>&nbsp;</p>
+<p><b>Mit einem Vorwort</b><br />
+von<br />
+<b>Dr. Alban Stolz</b><br />
+Professor an der Universität zu Freiburg.</p></center>
+<p>&nbsp;</p>
+<center><h2>Erster Theil</h2></center>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Inhalt:</h3>
+<p><big><b><a href="#Vorwort">I. Vorwort</a></b></big> von Alban Stolz<br />
+<big><b><a href="#Vorgeschichte">II. Meine Vorgeschichte</a></b></big><br />
+<big><b>III.Der Zuckerhannes</b></big><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#1">1. Kinder und Jugendleben</a></b><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#2">2. Im Thurm</a></b><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="#2a">Die Geschichte des alten Mannes</a><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#3">3. Der Zuckerhannes kommt aus dem Thurme</a></b><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<a href="#3a">Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes</a><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#4">4. Der Zuckerhannes wandert fort und verliert sich selbst</a></b><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#5">5. Ein Tag im Zuchthause</a></b><br />
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;<b><a href="#6">6. Die letzten Jahre des Zuckerhannes</a></b>
+</p>
+<p>
+Münster, 1853.</p>
+
+<p><small>[&nbsp;] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos</small>
+</p>
+<h3><a name="Vorwort">Vorwort</a></h3>
+<p>
+Ich bin gebeten worden, dem Verfasser dieser Zuchthausgeschichten einen
+Verleger zu verschaffen; der Verleger wünschte dazu ein Vorwort von mir.
+Ich gebe es gern; ich hoffe dadurch nicht nur dem jungen Manne, den Gott
+durch Verirrung und Unglück hindurch zum wahren Glück, zum
+überzeugungsfesten Christenthum geführt hat, nützlich zu sein, sondern auch
+den Lesern, welche etwa durch meinen bekanntern Namen veranlaßt werden
+dieses Buch zur Hand zu nehmen.</p>
+<p>Man hat viel Geschrei gemacht mit den Schwarzwälder Geschichten von
+Auerbach. Es wäre nicht nothwendig gewesen. Auerbach ist kein
+Schwarzwälder, er ist ein Jude. Ein Jude wird nämlich niemals ein
+Schwarzwälder, selbst wenn seine Vorfahren gleich nach der Zerstörung
+Jerusalems an den Feldberg oder nach Todtnau gezogen und sich
+niedergelassen hätten. Eben deßhalb mag Auerbach immerhin äußere
+Vorkommnisse auf dem Schwarzwald beschreiben; wenn er aber von dem Denken
+und Fühlen des Schwarzwälders reden will, so muß er dieses aus seiner
+Phantasie nehmen, welche aber keine Schwarzwälder Natur, sondern die eines
+jüdischen Literaten hat. Man hat, so will es mir scheinen, Auerbach
+besonders da viel gepriesen und gelesen, wo man blos unterhaltende Lektüre
+wollte und das tägliche Futter, die Romanenliebeleien im Schwarzwälder
+Bauernrock neu und pikant fand; auch mag mancher Posaunenbläser des
+Literaturmarktes den Meister Auerbach deßhalb gepriesen haben, weil er das
+Verdienst hat kein Christ zu sein.</p>
+<p>Die Zuchthausgeschichten, welche hier vorliegen, halte ich für besser als
+Auerbachs Dorfgeschichten. Der Stoff ist wahr, und die kräftige
+Durchführung kommt aus einem Schwarzwälder Naturell und aus einer Seele,
+die selbst Schweres durchgemacht hat; es ist aber überhaupt eine viel
+interessantere und nützlichere Lektüre für einen geistiggesunden Menschen
+die Darstellung, wie Gottes Wege und die Wege des Menschen, wie große Sünde
+und großes Unglück in einandergreifen, als was ein Literat lustig
+zusammenphantasirt hat. Ich hoffe, daß die Leser sich nicht stoßen werden
+an manchen Derbheiten; der Verfasser konnte nicht Alle umgehen, wenn er
+lebensgetreu schildern sollte; und es scheint mir eigentlich nur eine
+sittliche Kränklichkeit, wenn man alsbald Aergerniß nehmen zu müssen
+glaubt, wo Wort und That des rohern verkommnern Menschen unverhüllt
+mitgetheilt werden.</p>
+<p>Nicht minder beachtenswerth ist diese Schrift aber auch bezüglich des stets
+noch unentschiedenen Streites, ob Zellengefängniß oder gemeinsame Haft in
+Zuchthäusern den Vorzug verdienen. In dieser Frage wird es wohl keinen
+competentern Schiedsrichter geben, als den, der nicht aus Büchern und
+kopfloser Sentimentalität spricht, sondern selbst die Sache durchgelebt
+hat, wie der Verfasser dieser Zuchthausgeschichten. Ich habe außer dem, was
+mein Klient aus eigener Erfahrung darthut, auch noch ein anderes Tagbuch
+eines gebildeten Zellengefangenen gelesen, der seine nach der Entlassung
+erprobte Bekehrung gleichfalls der Einzelhaft zuschreibt. Nun reducirt sich
+zuletzt der Streit darauf: Die Einzelhaft ist drückender und führt zuweilen
+selbst zur Verrücktheit; hingegen kann bei der Einzelhaft viel regelmäßiger
+auf Bekehrung gerechnet werden, als bei gemeinsamer Haft, ja diese ist in
+der Regel der Anlaß zu gründlicherer sittlicher Verwüstung, so daß wer mit
+<I>einem</I> Teufel ins Zuchthaus kömmt, oft mit sieben hinausgeht. Ein Christ,
+der dieses weiß, kann nicht in Zweifel sein, was vorzuziehen ist. Wenn man
+die Eierschalen gelehrter Bücher abgestreift hat und auf eigenen Füßen
+geht, so wird man letztlich nicht dafür halten, daß um eine mögliche
+Geistesstörung zu vermeiden lieber der Verbrecher im Morast schlechter
+Kameradschaft belassen werden müsse. Alle Formen des Wahnsinns sind
+Krankheiten der Grenzorgane zwischen Geist und Leib; sie binden allerdings
+den Geist und suspendiren denselben in seiner bestimmungsgemäßen
+Entwicklung, wie solches auch im Schlaf oder schlimmer in der Betrunkenheit
+geschieht. Der Wahnsinn ist daher nur ein langer Traum, eine moralische
+Pause, daher ein unendlich geringeres Unglück, christlich aufgefaßt, als
+ein bewußtes Leben in der Sünde. Hingegen ist die einzige Krankheit des
+Geistes selbst Irrthum und Sünde; Erlösung davon kommt oft vor in der
+Einzelhaft, in der gemeinsamen hingegen häufiger Verschlimmerung. Wer
+deßhalb, weil in seltenen Fällen Wahnsinn in der Zelle ausbricht, der
+verderblichen Verbrecher-Kameradschaft den Vorzug gibt, der zeichnet sich
+selbst damit: er ist ein Mensch, welchem zugestanden oder unbewußt das
+sinnliche weltliche Wohlsein mehr gilt, als die höchste Bestimmung des
+Menschen.</p>
+<p>Ich wünschte, daß diese Schrift in Norddeutschland erscheine; die darin
+erzählten Vorkommnisse und Schilderungen sind dort mehrfach neu und fremd,
+während sie uns etwas Bekannteres sind. Hoffentlich wird man in Westphalen
+für solche wahre Geschichten aus einem fern gelegenen und doch verwandten
+Volksstamme wenigstens so viel Interesse haben, als für die <U>mysteres de
+Paris</U> und andere aus fremden Sprachen übersetzte Verbrecherromane, wie sie
+sonst der teutsche Michel liebt.</p>
+<p><I>Freiburg</I> am Tag des h. Mansuetus 1853.</p>
+<p><b>Alban Stolz.</b></p>
+<h3><a name="Vorgeschichte">Meine Vorgeschichte</a></h3>
+<p>Wenn ein ehemaliger Züchtling sich unterfängt, als Schriftsteller, und
+zudem als katholischer, auftreten zu wollen, so möchte es am Platze sein,
+daß er zunächst ein Wörtlein über seine Person fallen läßt.</p>
+<p>Zwar hat ein hochgeachteter und berühmter katholischer Schriftsteller sich
+meiner angenommen, mir eine Vorrede geschrieben und mir einen Verleger für
+die Zuchthausgeschichten verschafft, und in dieser Thatsache möchte für die
+Schrift und wohl auch für meine Person genügende Empfehlung lieden
+[liegen]; aber ein Zuchthaus ist kein Haus der Ehren, sondern ger [der]
+Sünde und Schmach, und ein ehemaliger Zuchthäusler, welcher die Religion
+und Kirche vertheidigen und verherrlichen helfen möchte, kommt namentlich
+heutzutage gar leicht in Gefahr, mißtrauisch angesehen und schief
+beurtheilt zu werden und durch öffentliches Auftreten einer großen heiligen
+Sache eher zu schaden als zu nützen.</p>
+<p>Ich rede ungern von meiner Person, könnte sogar in den Verdacht gerathen,
+als ob ich meine zuchthäuslerische Wenigkeit sonderlich rechtfertigen,
+empfehlen und verherrlichen wolle; allein die Ehre der katholischen Kirche,
+der Inhalt dieser Schrift und wohl auch die gegenwärtigen Zeitumstände
+scheinen es mir anzubefehlen, zunächst Einiges über mich und noch mehr über
+den Standpunkt, welchen ich im Allgemeinen und in dieser Schrift
+insbesondere einnehme, verlauten zu lassen.</p>
+<p>Meine eigene Geschichte ist eine Zuchthausgeschichte, deßhalb mag Einiges
+aus meinem äußern Leben und meiner innern Entwicklung die Vorgeschichte
+dieser Geschichten bilden.</p>
+<p>Aus meinem wechselreichen und oft wildbewegten Jugendleben hebe ich nur
+hervor, daß ich zahlreiche Beweise und deßhalb auch Grund besitze, mit
+Freude und Stolz auf dasselbe zurückzublicken, insofern sich der Mensch
+über seine äußere ehrenhafte Haltung und redliches Streben nach Kenntnissen
+freuen und darauf auch als Christenmensch noch stolz sein darf.</p>
+<p>Im Jahre 1837 begann ich meine Studien, der Herbst 1843 fand mich bereits
+als Schüler der katholischen Hochschule Freiburg, welcher ich außer vielem
+Andern auch die Wohlthat eines Stipendiums zu verdanken habe; im Frühling
+1846 ging ich nach Heidelberg, studirte fast ausschließlich Geschichte und
+Philosophie, machte und bestand im Spätjahre 1847 eine Staatsprüfung als
+Fachlehrer der Geschichte und Philosophie gemäß den badischen Verordnungen
+vom Jahre 1836, erhielt zugleich das Versprechen gelegentlicher Verwendung
+als Sprachlehrer in den niedern Klassen einer Gelehrtenschule und zog nach
+Freiburg zurück, zunächst um mich auf ein Doctorexamen vorzubereiten.</p>
+<p>Aeußere Verhältnisse und innere Lebensvorgänge wirkten zusammen, daß ich
+bereits im Winter 1847/48, wo die Vorboten des nahenden Völkersturmes sich
+allenthalben und täglich mehr bemerkbar machten, das Revolutionsfieber in
+allen Gliedern spürte und mich mit der leidigen deutschen Politik befaßte.</p>
+<p>Ich träumte dabei fort vom Stillleben eines Büchermenschen und Schulmannes,
+doch Alles sollte anders kommen, als ich träumte und erwartete.</p>
+<p>Gerade am Abend des verhängnißvollen Schalttages im Jahre 1848 hielt ich in
+einer Versammlung von Studenten, Turnern, Arbeitern und Bürgern einen
+Vortrag über die möglichen Folgen von Ludwigs Philipps möglichem Tode,
+sprach mich darin entschieden gegen eine deutsche Republik aus, erklärte
+eine Republik nach amerikanischem Muster für eine baare Unmöglichkeit in
+Europa und&mdash;keine 14 Tage später war ich erklärter, offenkundiger,
+glühender Republikaner und an die Stelle meines Götzen Mirabeau, der
+gewaltige Danton, dieser fruchtlose Atlas der Revolution gesetzt.</p>
+<p>Die Pariser Ereignisse brachten die ältesten Diplomaten aus dem Concepte,
+gereiste und feine Staatsmänner zur Verzweiflung, machten Fürsten und
+Regierungen wehrlos, ehrliche Conservative vielfach zu aufrichtigen
+Freunden der bisherigen Bestrebungen der Radikalen, die Radikalen zu weißen
+Republikanern und rothen Sozialdemokraten, berechnende Kaufleute zu
+Schwärmern, redliche Handwerker zu Wirthshaushockern und Zeitungslesern,
+einfache Handwerksbursche zu wüthenden Politikern und so mag man es einem
+Lehrer ohne Schüler auch verzeihen, wenn er seiner gewonnenen Ueberzeugung
+folgte, den Zug des Herzens als des Schicksals Stimme betrachtete und von
+seinen Büchern hinweg mit wilder Thatenlust sich in den ärgsten Strudel der
+Revolution stürzte.</p>
+<p>Der Mensch wird, was man aus ihm macht; aus mir haben weniger Anlagen, als
+Schicksale und Staatsdressuranstalten einen Revolutionair gemacht, dazu
+vielleicht auch der Umstand, daß ich niemals zur kraft- und saftlosen
+Jugend gehörte, welche man "die alte" nennen sollte, weil der Brodkorb, ein
+Titelchen und eine oder auch mehrere Vertreterinnen des schönen Geschlechts
+deren einzige Idole zu sein pflegen.</p>
+<p>Ich habe im Frühling 1848 so thätigen und lebhaften und wiederum im Sommer
+1849 im Herzen so innigen und verzweifelnden Antheil an der Völkerbewegung
+genommen, als ihn ein der positiven Religion gänzlich entfremdeter, gegen
+den büreaukratischen Staat und die "moderne" Kirche leidenschaftlich
+eingenommener Mensch nur zu nehmen vermag; von meinem damaligen Standpunkte
+aus war diese Theilnahme sittliche That und der Allmächtige weiß, daß ich
+mit Freuden mein persönliches Wohl und meine Existenz in die Schanzen
+schlug, weil ich glaubte, Völkerfreiheit und Menschheitsglück seien noch
+ganz anderer und schwererer Opfer würdig.</p>
+<p>Leichtmöglich könnte ich durch Mittheilung meiner zahlreichen Erfahrungen
+und nicht unwichtigen Erlebnisse in jener vielbewegten Zeit viele Leser
+nicht nur unterhalten, sondern noch mehr belehren und zeigen, wie Gott die
+Revolution im Großen und Kleinen richtet; ich bin auch schon mehrfach dazu
+aufgefordert worden,&mdash;aber ich mag nicht in den Schatten eines Verdachtes
+gerathen, als ob ich bei der gegenwärtig keineswegs unberechtigten, aber
+immerhin übertriebenen und alle christliche Liebe mit Fäusten schlagenden
+Parforcejagd auf flüchtige, gefangene, verfolgte und mißtrauisch
+betrachtete Mitmenschen ins Hörnlein stoßen wolle und zudem müßte ich ein
+nagelneues Buch schreiben, welches vielleicht manchem Jäger nicht
+sonderlich gefiele.</p>
+<p>Nein, der Schuster bleibe bei seinem Leisten, deßhalb will und kann ich
+auch nur Einiges, was meine Wenigkeit allein angeht, berühren.</p>
+<p>Am 24. Februar 1848 noch ein erträglicher badischer Unterthan, weil ich den
+Segen kleinerer Staaten für die Menschheitsentwicklung nicht verkannte,
+wandelte mich die Nachricht der Geburt der französischen Republik
+schnurstracks in einen Verfechter der Monarchie auf allerbreitester
+demokratischer Basis um; am 3. März schwärmte ich für ein unter 3 Herrscher
+getheiltes einiges Deutschland und das Einkammersystem; bis zum 15.
+erkannte ich den lächerlichen Widerspruch eines unter 3 Herrscher
+getheilten und trotzdem einig sein sollenden Vaterlandes und wünschte einen
+Barbarossa, der die Gränzen des Reiches scharf umreite, die
+Souveränitätsträume aller großen und kleinen Fürsten vernichte und ein
+scharfes Staatsdieneredict gegen dieselben erlasse. Am 18. März war ich bei
+der ersten großen Offenburger Volksversammlung und nicht sowohl diese als
+die Wiener Nachrichten bewirkten, daß ich in der Monarchie überhaupt nur
+noch die fliegende Brücke sah, welche zur Republik hinüberführte; ein
+Aufenthalt in Straßburg ließ mich vor lauter Freude über die kleinen,
+tapfern Französlein ins Röthliche hinüberschillern, jedenfalls hätte
+Eberhard in Barte nur dann noch ruhig sein Haupt in meinen Schooß legen
+können, wenn er vorher seiner fürstlichen Stellung entsagt und eine Pension
+angenommen hätte.</p>
+<p>"Zuerst putzen und räuchern wir den germanischen Augiasstall tüchtig aus,
+dann kommen unsere Brüder, die Franzosen, wir tragen zusammen die Tricolore
+bis zur Weichsel, errichten die Republik Polen, donnern den Czaren hinter
+den Ural tief in sein zobelreiches Asien hinein auf Nimmerwiedersehen, dann
+einstimmiger Beschluß der verbündeten Franzosen, Deutschen und Slaven: die
+etwa noch übrigen regierenden Häuser der pyrenäischen und italischen
+Halbinseln haben aufgehört zu regieren!&mdash;allgemeine Einladung an John
+Bull, seinen kostspieligen und ziemlich überflüssigen monarchischen Flitter
+vollends wegzuwerfen, allgemeiner Gehorsam, lauter Freude und Friede, ein
+großes Bankett von mindestens 120 Millionen Gedecken zu Ehren des
+nordamerikanischen Menschenstaates, ewiges Bündniß mit Bruder Jonathan,
+friedliches Entwickeln innerhalb der europäischen Völkerfamilie, großartige
+Freischaarenzüge im Interesse der Freiheit, Bildung und des Wohlstandes
+Aller nach andern Erdtheilen, zunächst Zurückführung der Kinder Israels ins
+gelobte Land und Wiederaufbau eines neuen Jerusalem!"</p>
+<p>Dies war, man mag es glauben oder nicht, das Programm meiner und vieler
+Andern politischen Gesinnungen und Bestrebungen noch vor dem 1. April 1848.</p>
+<p>Vom 18. März an predigte und lebte ich nach dem Thema: "Mißtrauen ist des
+Bürgers erste Pflicht! <U>Aux armes, citoyens</U>!"&mdash;erwartete von einem
+Parlamente voll bedächtiger Professoren, wortklaubender Juristen und
+schlangenkluger Aristokraten wenig oder nichts mehr für Völkerfreiheit und
+die Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse sorgten dafür, daß mein Fieber
+fortdauerte.</p>
+<p>An Warnungen und Winken wohlmeinender Männer fehlte es nicht, die
+alltägliche Erfahrung versetzte meinem Idealismus unaufhörlich Ohrfeigen
+und Fußtritte, ich glaubte zu schieben, sollte geschoben werden, entdeckte
+es ein bischen zu spät und durch diese Entdeckung an meiner Achillesferse,
+dem Hochmuth, tief verwundet, zog ich mich zurück, so weit es anging.
+Hecker reiste nach Konstanz, die Schilderhebung für die Republik war im
+Werke, ich griff nach Hirschfänger und Flinte und zog zu Fuß über den
+Schwarzwald an den Bodensee, um mit eigenen Augen und Ohren die Stimmung
+und Gesinnung des Volkes zu mustern.</p>
+<p>Die Reise aus dem betäubenden Volkslärm der Rheinebene über den dünn
+bevölkerten und stillen Schwarzwald, durch die von ihren politischen
+Häuptern abgehetzte Baar und den banger Erwartung vollen Hegau that mir
+wohl, obgleich ein Stockblinder den Ausgang des Heckerschen Unternehmens
+voraussehen mußte.</p>
+<p>Unter allen demokratischen Führern, welche ich auf der Reise und in
+Konstanz traf, fand ich auch nicht Einen, der sich sonderlich auf das nahe
+Wiegenfest der Republik freute, doch mit mir glaubten Viele aufrichtig an
+sofortigen Uebertritt der Soldaten und an gleichzeitige Ereignisse in
+andern Ländern.</p>
+<p>In Konstanz verlebte ich unvergeßliche Tage und schloß mich dann dem
+allmählig zu Leben kommenden Freischaarenzuge an, lediglich um meine "Ehre"
+zu retten und noch mehr, um ein Stücklein Geschichte mit eigenen Augen
+werden, wachsen, blühen und vergehen zu sehen.</p>
+<p>Der Freischaarenzug lud mir die traurige Rolle eines politischen
+Flüchtlings auf den Hals.</p>
+<p>Gott meinte es gut mit mir, denn ich besaß keine Anlage für einen
+eigentlichen Revolutionär, ein leicht erregbares, stürmisches Temperament
+würde mich bei längerm Verweilen im Strudel der Revolution aufgerieben,
+weitere politische Thätigkeit leiblich, geistig und sittlich ruinirt haben.</p>
+<p>Was der ebenso gelehrte als geistvolle Staudenmaier kurz vor der Revolution
+über diese schrieb, was die gehaltreichen "historisch-politischen Blätter"
+und der berühmte Gründer derselben lange vor 1848 von dieser Hydra des
+Scheines und der Lüge sagten und erstere mit seltener Kühnheit fortwährend
+sagten, während die Revolution die Völker verblendete und verführte, muß
+ich als Wahrheit unterschreiben. Sie verfinstert den Kopf, vergiftet das
+Herz, entmenscht und verteufelt das Gemüth. Ich habe dies an mir selbst
+erfahren und alle Ursache, dem Allmächtigen zu danken, weil Er auf eine oft
+wunderbar scheinende Weise mich von Gelegenheiten zu Handlungen fern hielt,
+zu denen mich mein politischer Fanatismus hätte leicht hinreißen und den
+nagenden Wurm ewiger Reue in mein Bewußtsein werfen können.</p>
+<p>Weniger mein Verdienst als das meines leitenden Schutzgeistes ist es, daß
+ich jetzt Allen, welche mich im Frühling 1848 sahen, hörten und auf irgend
+eine Weise kennen lernten, ruhig zurufen darf: "Wißt Ihr auch nur eine
+einzige unehrenhafte, gemeine und verbrecherische Handlung, welche ich
+damals zu verhindern vermochte und zuließ oder gar selbst beging? Habt Ihr
+von mir Eine Rede gehört, in welcher ich etwa nach dem Beispiele früherer
+und gleichzeitiger Republikaner Mord und Todschlag, Plünderung und
+Verfolgung Andersgesinnter als Mittel zur Freiheit und zum Volksglücke
+<I>empfahl</I>? Tretet auf, ihr Artikelschmiede, welche ihr jetzt unter dem
+Schutze großer Armeen und einer wohl dressirten Polizei so gewaltigen
+Heldenmuth gegen alle mißliebigen, wehrlosen Mitmenschen entwickelt!
+Versucht es, ob Ihr <I>meine</I> Ehre auch besudeln könnt, es möchte schon der
+Mühe werth sein, gibt es jetzt doch in mir einen "Ultramontanen" zu
+verspeisen!"</p>
+<p>Je weniger Menschen ich vor der Revolution kennen gelernt hatte, desto mehr
+lernte ich während derselben kennen. Meine Begeisterung für das "souveräne"
+Volk und manche Führer desselben wurde namentlich während des Heckerzuges
+und noch weit mehr während meines Flüchtlingslebens ungemein abgekühlt.
+Liebe zur Macht ist keine Freiheitsliebe und hinter den wohlklingenden
+Redensarten, womit dem armen Volke Sand in die Augen gestreut und den
+Regierenden oft auf eine sehr ungerechte und schädliche Weise das Regieren
+erschwert und das Gemüth verbittert und verhärtet wird, kann ungemein viel
+rohe und verfeinerte Selbstsucht stecken.</p>
+<p>Im Lande der Alpen impfte mir das Flüchtlingsleben die früher einstudirte
+und gänzlich vergessene Wahrheit wieder ein, daß Staatsformen an sich
+keineswegs ein Volk beglücken und möglicherweise in einer Republik große
+Engherzigkeit, arge Volksunterdrückung und thatsächliche Tyrannei jeder
+Art, dagegen in einer Monarchie Recht, Freiheit, Wohlstand und Bildung
+gedeihen können.</p>
+<p>Was hilft ein schöner Hafen, wenn nichts Rares drinnen steckt?&mdash;</p>
+<p>Im August 1848 kehrte ich freiwillig in die Heimath zurück und stellte mich
+bei den Gerichten derselben Stadt, in der ich meine politischen oder
+unpolitischen Hörner zuerst abgerannt, nämlich in Freiburg. Ein
+talentvoller und im traurigen Juristengewerbe wahrscheinlich noch nicht
+genug verhärteter Untersuchungsrichter schien den ehrlichen Geständnissen
+hinsichtlich meiner persönlichen Theilnahme an hochverrätherischen
+Unternehmungen Glauben zu schenken; ich konnte mich auf Thatsachen berufen,
+die mir zur Ehre gereichten und der Umstand, daß ich kurz vor dem
+unerwarteten Ausbruch des Struveputsches freiwillig mich gestellt, mochte
+viel dazu beitragen, daß ich auf die Liste der zu Amnestirenden gesetzt
+wurde.</p>
+<p>Nach kurzer Haft bekam ich Stadtarrest und am 18. Oktober 1848 unter der
+Bedingung eines gesetzmäßigen Verhaltens gänzliche Amnestie.</p>
+<p>Mit der immer verworrener und hoffnungsloser werdenden deutschen Politik
+mochte ich mir keine Mühe mehr geben, ein Doktorhut war mir gleichgültiger
+als eine Pfefferdute, etwas für die Menschheit und mich Ersprießliches
+wollte und mußte ich jedoch unternehmen, zog in eine entlegene Gegend des
+Landes und unterrichtete Kinder, deren Hauslehrer und Vater wegen des
+Heckerzuges in der Schweiz herumirrten.</p>
+<p>Vom Herbste 1848 bis Mitte April 1849 führte ich ein friedliches und
+glückliches Schulmeisterleben, alsdann machte ich eine Ferienreise nach
+Freiburg, vorzüglich um den Prozessen einiger mir bekannten politischen
+Persönlichkeiten beizuwohnen und blieb bis zum Ausbruch des Maiaufstandes,
+an welchem ich mich wiederum betheiligte, obwohl in sehr untergeordneter
+Weise.</p>
+<p>Wer sich von einem großmüthigen Staatsoberhaupt unter der Bedingung eines
+gesetzmäßigen Verhaltens begnadigen läßt und später doch wieder gegen
+seinen Wohlthäter durch Theilnahme an einem Aufstande sich versündigt,
+geräth bei allen Redlichen leicht in den Verdacht, sonderbare Begriffe von
+Ehre und jedenfalls ein weites Gewissen zu besitzen.</p>
+<p>Wem Amnestie bei so schwerer Betheiligung an der Revolution zu Theil wurde,
+wie dies bei mir der Fall gewesen und wer zum <I>zweitenmal</I>, wenn auch in
+der untergeordnetsten Weise an einer Revolution sich betheiligt, gehört
+nach meiner Ansicht von Gott und Rechtswegen geradezu in ein entehrendes
+Zuchthaus.</p>
+<p>Wie verhält sich dies nun bei mir? War ich des Zuchthauses nicht würdig?&mdash;
+Wahrheit sei mein Leitstern und wer immer mich der geringsten Lüge zu
+zeihen vermag, soll den Antrag stellen, daß ich als der Gnade des Fürsten
+unwürdig wiederum ins Zuchthaus spedirt werde, um dort die an der Strafe
+geschenkten Jahre auszuhalten.</p>
+<p>Weder mein Urtheil noch meine Richter kann und will ich im mindesten
+angreifen, ich beginge damit das größte, fragwürdigste Unrecht; aber gegen
+jenes Gesetz, welches rein politische Verbrecher, mit deren Handlungen
+weiter keine ehrlose That oder gar ein gemeines Verbrechen concurrirt, ins
+Zuchthaus spricht, glaube ich im Interesse der Menschheit, des Rechtes und
+meiner eigenen Person protestiren zu müssen und zu dürfen.</p>
+<p>Ich habe mein der badischen Regierung gegebenes Versprechen eines
+gesetzmäßigen Verhaltens nicht gebrochen, obwohl meine Theilnahme am
+Aufstande des Sommers 1849 stark dagegen zu sprechen scheint.</p>
+<p>Die Gegend, in der ich vom Spätherbste 1848 bis Mitte April 1849 und noch
+später lebte, gehörte meines Wissens schon vor der Revolution zu den
+Wahlbezirken der Opposition; bekanntlich haben sich die Bewohner desselben
+sehr lebhaft am Heckerzuge betheiliget, den flüchtigen Hecker beharrlich
+zum Mitgliede des Frankfurterparlamentes wählen helfen und würden sich ohne
+Dazwischenkunft des einflußreichen Flüchtlings W. wohl bedeutender auch am
+Struveputsch betheiliget haben, als dies wirklich der Fall gewesen ist.</p>
+<p>Bei meiner Ankunft fand ich den an Geld und Gut wie an Einfluß reichen, zum
+Heckerzuge wahrhaft gepreßten W., dessen Söhne ich unterrichtete, sammt
+andern politischen Führern des Bezirkes flüchtig, die revolutionäre
+Gesinnung in reichlichem Maaße vorhanden und könnte ich eidlich beschwören,
+innerhalb 6 Monaten weder Ein conservatives Wort gehört noch von einer
+konstitutionellen Parthei das Mindeste gesehen zu haben. Es fehlte
+lediglich an einem organisirenden und leitenden Kopfe, um diese zwischen
+die Schweizerkantone Zürich und Schaffhausen eingekeilte, politisch und
+noch mehr militärisch wichtige Gegend mit den üppig auftauchenden und unter
+sich immer enger verbundenen demokratischen Vereinen des Landes in
+Wechselverkehr zu setzen. Man traute mir Fähigkeit und Beruf hiezu von mehr
+als einer Seite her zu, ich hätte es sogar versuchen und durchsetzen
+können, ohne mein der Regierung gegebenes Wort zu brechen, denn die
+demokratische Organisation ließ sich damals innerhalb der Schranken der
+bestehenden Gesetze sehr leicht vornehmen.</p>
+<p>Ich habe niemals den leisesten Versuch hiezu gemacht.</p>
+<p>Es ließe sich sagen, ein so unangesehenes Menschenkind meiner Art würde
+nicht Ansehen genug gehabt haben, um politischer Führer zu werden. Diesem
+Einwande widersprächen frühere Ereignisse, auch ließe sich an das
+Sprichwort denken: Probiren geht über Studiren, doch soll er gelten; ferner
+ließe sich sagen, der Flüchtling W. als der einflußreichste Mann der Gegend
+würde mein Thun nicht gebilliget haben und dies wäre möglich, denn der
+Vater meiner Zöglinge ist trotz seines demokratischen Auftretens, durch
+welches er sich in ein leider noch jetzt fortdauerndes Unglück gestürzt
+hat, sein Lebenlang kein inwendiger Demokrat, höchstens ein schlichter
+Liberaler und mit dem Herrn Amtsverweser ganz einverstanden gewesen im
+ruhigen Leben. Allein das demokratische Organisiren war gesetzlich, der
+Vater meiner Zöglinge noch längere Zeit flüchtig und ich keineswegs Einer,
+der ein Stücklein Gnadenbrod bei ihm aß und ihm hinsichtlich meines
+politischen Verhaltens Rechenschaft abzulegen hatte. Vieles lud zu
+Versuchen ein, eine politische Rolle zu spielen.</p>
+<p>Ich lebte ebenso unabhängig als glücklich in Herrn W's Hause und kann
+beweisen, daß ich meine Pflicht als Lehrer mit strenger Gewissenhaftigkeit
+erfüllte, die Kinder sogar zum Kirchengehen und Religionsunterrichte
+anhielt, was außerhalb übernommener Verpflichtungen lag.</p>
+<p>Im naheliegenden Amtsorte gab es einen Volksverein und keinen andern, in
+meinem Wohnorte dagegen tauchte trotz der allbekannten Gesinnung der
+Einwohner vor dem Mai 1849 kein politischer Verein irgend einer Art auf.</p>
+<p>Was meine Wenigkeit anbelangt, las ich wochenlang keine Zeitung, ließ mich
+mondenlang kaum in ein politisches Gespräch ein, besuchte den Volksverein
+des Amtsortes auch nicht ein einziges mal, geschweige, daß ich Mitglied
+irgend eines Vereins wurde und habe nicht einmal eine Petition jener
+petitionenreichen Tage verfaßt oder unterzeichnet.</p>
+<p>Benutzte ich vielleicht die Nähe der Gränze, um mit Flüchtlingen zu wühlen?
+Bekanntlich ist die Schweiz unschuldig am badischen Maiaufstande, derselbe
+ging von Mannheim aus und fing in der Residenz an, die Zahl der Flüchtlinge
+war sehr gering in Schaffhausen und Zürich, zwei Ausflüge dorthin und drei
+dahin brachten mich in Verbindung mit 3 ganzen Flüchtlingen, nämlich mit
+dem Vater meiner Zöglinge und 2 Studienfreunden, von denen Einer in den
+ersten Monden des Jahres 1849 nach Amerika ging.</p>
+<p>Gegen den Frühling hin thaute ich wieder etwas auf, suchte Menschen fand
+dieselben zumeist in den Wirthshäusern, deutsche und schweizerische
+Republikanerblätter und aufregende Ereignisse liehen Stoff zu Gesprächen
+und weil mein Thun keineswegs mit meinen politischen Gesinnungen
+harmonirte, sondern lediglich durch mein gegebenes Versprechen eines
+gesetzmäßigen Verhaltens und meine gleichmäßige Verachtung aller damaligen
+politischen Partheien und feigen Windfahnen insbesondere bedingt war, so
+mag ich zuweilen durch derbe Redensarten Diesem oder Jenem wehe gethan
+haben, der es nicht verdiente aber vergaß, wohl auch verdiente, aber nur
+bis auf andere Zeiten scheinbar vergaß.&mdash;</p>
+<p>Im April fand ich in Freiburg ein sehr bewegtes politisches Treiben und
+Wühlen, zahlreiche Bekannte, neben alten Freunden mehr als Einen, der
+meinen Müßiggang in politischen Dingen hart und bitter tadelte, mir bereits
+offener oder heimlicher Feind geworden war oder wurde, weil ich Allem
+zusah, zuhörte und stumm und unthätig blieb in beharrlicher Neutralität.</p>
+<p>Die Verhandlungen der armen, verhetzten Soldaten begannen, ich warnte meine
+Bekannten unter denselben vor Unbesonnenheit, reiste beim beginnenden Sturm
+von Freiburg ab und saß am Tage der Offenburger Volks- und
+Soldatenverbrüderung im Mai 1849 bereits wieder in meiner Schulstube.</p>
+<p>Obwohl ich meinen Credit als Republikaner bei Hecker und manchen Andern
+schwer eingebüßt, wäre es mir doch ein Leichtes gewesen, bei der
+provisorischen Regierung irgend ein Aemtlein zu erschnappen, mindestens als
+Commissär mit dreifarbiger Leibbinde und klirrendem Schleppsäbel Bürgern
+und Bauern einen nagelneuen, hochgebietenden Herrn zu zeigen. Ich that es
+nie.</p>
+<p>Das Herz glaubt so gerne, was es wünscht!</p>
+<p>Lügenhafte und prahlerische Zeitungsberichte gaben mir wieder eine bessere
+Meinung von den Menschen, die Dinge im Lande sahen von meinem Winkel aus
+betrachtet prächtig und vielversprechend herein, ich glaubte an eine
+baldige Versöhnung aller politischen Partheien, an Verzichtleistungen, eine
+süddeutsche Foederativ-Republik, weiß Gott, was ich nicht Alles ferne vom
+Schauplatze so ernsthaft glaubte, wie mancher schweizerische Landjäger, der
+mich um Neuigkeiten bat, welche über Nacht zum Heil der Völker vom Himmel
+gefallen.</p>
+<p>Ich glaubte ernsthaft nicht das Gelingen, sondern das Gelungensein des
+Maiaufstandes; die Stellung, welche der Landesfürst mit seinen Räthen der
+Bewegung gegenüber annehmen würde, war mir jedoch noch nicht klar und als
+diese Gewissenszweifel verschwanden, dachte ich, der Staat habe Diener
+genug, bedürfe keines Schulmeisters, im Nothfalle höchstens eines
+Freiwilligen mehr.</p>
+<p>Als ich die Proclamationen der neuen Regierung las, die Karlsruher Zeitung
+als deren Organ sammt den regelmäßig fortlaufenden Nummern des
+Regierungsblattes in altem Format und neuem Style mit Entzücken verschlang,
+die bisherigen Beamten und Behörden unseres Bezirkes friedlich huldigen
+sah, ohne daß eine ernstliche Weigerung eines großherzoglichen Dieners oder
+irgend eine Drohung von Seiten des Civilcommissärs stattfand und als ich
+zuletzt Aktenstücke aus der Residenz in die Hände bekam, unter welchen
+hochachtbare Namen im Staatsdienste beinahe ergrauter Herren standen und
+von friedlichen Unterhandlungen der "provisorischen" Regierung mit dem
+Großherzog viel Tröstliches vernahm&mdash;da hielt ich mich ehrlich und
+aufrichtig meines Versprechens vom 18. Oktober 1848 ganz und gar entbunden,
+denn gegen eine nicht mehr bestehende Regierung kann es keine
+Verpflichtungen mehr geben, der Unterthan aber hat niemals nach dem
+<I>Ursprunge</I> seiner Regierung zu fragen, sondern nur zu gehorchen. Dieses
+lehrt ja der Staatslehrer Zachariae, der gewiß ein großer Jurist und meines
+Erachtens ein sehr winziger Demokrat war. Mein Herz hatte der alten
+Regierung niemals gehört, solcher Mangel mag ihr wenig geschadet haben,
+jedenfalls war ich an ihrem Sturze im Jahr 1849 so unschuldig wie ein
+neugebornes Kind, doch der neuen, aus der Ferne anfangs so prächtig und
+großartig aussehenden Regierung war ich mit Leib und Seele ergeben und
+glaubte, es sei Pflicht und Schuldigkeit, derselben Dienste zu leisten,
+wenn kein Anderer und Besserer als ich zu finden und ich ausdrücklich dazu
+aufgefordert würde.</p>
+<p>Meine Ansichten und Gesinnungen sprach ich am 27. Mai 1849 in einer Rede
+über die jüngsten Ereignisse vor einer großen Volksversammlung aus,
+rücksichtslos, derb und hinsichtlich der Thatsachen, welche ich ja nur vom
+Lesen und Hörensagen kannte, vielfach unwahr. An Hochverrath dachte ich bei
+dieser Rede so wenig, daß ich einen Entwurf derselben hübsch in eine Mappe
+legte und später selbst in die Hände des Amtsverwesers durch genaue Angabe
+des Verwahrungsortes liefern half.</p>
+<p>Mir ist es bloß darum zu thun, den Beweis zu liefern, daß ich als
+Amnestirter mein der Regierung geleistetes Versprechen eines gesetzmäßigen
+Verhaltens keineswegs mit Wissen und Willen gebrochen, folglich in dieser
+Hinsicht die Pflicht der Ehre nicht verletzt habe.</p>
+<p>Meine Betheiligung am Aufstande sammt Untersuchung und Urtheil sollen und
+können hier nicht besprochen werden. Eine Veröffentlichung sämmtlicher
+Akten würde mir eher angenehm denn zuwider sein, weil einerseits daraus
+hervorginge, daß mich die zahreiche [zahlreiche] Armee in Baden sammt dem
+Standgerichte nicht im mindesten abhielt, mich zu meinen damaligen
+Gesinnungen und mit Recht angeklagten Handlungen mit einem Trotze zu
+bekennen, der sich lediglich durch meine Verblendung und Glauben an mein
+gutes Recht entschuldigen ließe. Anderseits möchte eine derartige
+Veröffentlichung aber ebenfalls zeigen, daß meine Vergehen rein politischer
+Natur und mit keiner an sich ehrlosen Handlung oder gar mit einem gemeinen
+Verbrechen im geringsten Zusammenhange seien.</p>
+<p>Ich sah die letzten Tage des deutschen Parlamentes und der provisorischen
+Regierung, den ordnungslosen Rückzug des Insurgentenheeres, das Lager bei
+Baltersweil, den Uebergang ins Schweizerland, aber ich dachte nicht daran
+ein Flüchtling zu werden.</p>
+<p>Später nannte ich im Kerker mein Dableiben den allerdümmsten Streich meines
+bisherigen Lebens, zumal ich schon im Frühling 1849 zur Auswanderung nach
+Amerika entschlossen und im Juli eine angenehme Gelegenheit für mich da
+war, um mit einer befreundeten Familie wohlfeil fortzukommen; der Stolz
+mich vor keiner menschlichen Macht oder Uebermacht zu beugen, wo ich in
+meinem Rechte zu sein glaube, die Einsicht, daß bei der ungeheuern Zahl der
+Theilnehmer des Maiaufstandes ein politischer Prozeß vom Standpunkte des
+Rechts und der Gerichte, die ja mit Ausnahme Eines [eines] Gerichtshofes
+der provisorischen Regierung ebenfalls gehuldigt und ungeschoren
+fortfunktionirt hatten, unmöglich sei, die Hoffnung, daß man bei einer
+politisch allerdings sehr zu rechtfertigenden Verfolgung Einzelner
+anerkenne, daß ich als Amnestirter meine Pflicht nicht verletzte und das
+Bewußtsein, mich während des Maiaufstandes keineswegs zu einer Rolle
+hingedrängt und noch weniger eine auffallende Rolle gespielt zu haben&mdash;dies
+Alles bewog mich, die Ankunft der preußischen Truppen ruhig zu erwarten.</p>
+<p>Am 13. Juli 1849 ließ mich der Amtsverweser verhaften, am 20. kam ich auf
+den Transport nach Freiburg, am 21. fiel es einem churhessischen Offizier
+ein, mich ohne den mindesten Anlaß von meiner Seite am frühen Morgen in
+Stühlingen mit Handschellen zu bedenken und zu seinem Privatvergnügen eine
+starke halbe Stunde vor seinem Hause gleichsam an den Pranger zu stellen.
+Der Amtmann wollte nichts von Beschwerde hören; ich verzeihe es ihm sammt
+seinem energisch ausgedrückten Herzenswunsche, daß es mir und meinem
+Leidensgefährten "recht schlecht" ergehen möge, verzeihe auch gern Anderes,
+was mir vom churhessischen und mecklenburgischen Militär sehr unnöthig
+angethan wurde und mit soldatischer Biederkeit nicht sonderlich viel zu
+schaffen hat.</p>
+<p>Am 22. Juli kamen wir noch immer geschlossen, mit einer Eskorte, als ob ich
+und der gefangene Bauer am Jahr 1848 und 1849 dazu Vaterstelle vertreten
+hätten, in Freiburg an und lebte als Kriegsgefangener 7 Monate unter den
+Preußen, über deren strenge Aufsicht nur ein Narr klagen könnte, während
+alle Kriegsgefangenen Freiburgs hinsichtlich der ehrenhaften und
+menschlichen Behandlung von Seite der Offiziere und Soldaten wohl
+einstimmig sein und bleiben werden.</p>
+<p>Ehre und Dank den preußischen Offizieren und Soldaten!&mdash;</p>
+<p>Im September ward ich den ordentlichen Gerichten überantwortet, im October
+jedoch, obwohl ich in meinem allerersten Verhöre Alles gesagt hatte, was zu
+sagen war und worauf später das Urtheil sich stützte, vor die
+Untersuchungskommission des Standgerichtes gestellt, im November in Folge
+einer Verschiebung des Gerichtstages und einer Verordnung des höchstseligen
+Großherzogs abermals den ordentlichen Gerichten überwiesen. Am 28. Januar
+1850 wurde mir das hofgerichtliche Erkenntniß eröffnet, welches auf <I>acht</I>
+Jahre gemeinen <I>Zuchthauses</I> lautete. Ich verzichtete auf einen
+Vertheidiger und vertheidigte mich selbst bei der höchsten Instanz, jedoch
+in einer so unklugen und trotzigen Weise, daß ich meine verbrecherische d.
+h. revolutionäre Gesinnung dadurch abermals unwiderlegbar constatirte und
+eher Schärfung des Urtheils fürchtete als Milderung hoffte.</p>
+<p>Am 16. Februar 1850 schlüpfte ich in die entehrende Sträflingsjacke,
+nachdem ich schon seit September 1849 innerhalb der Mauern des Zuchthauses
+als Untersuchungsgefangener geweilt hatte. Im Sommer kam die Bestätigung
+meines Urtheils von Seite des höchsten Gerichtshofes, im August 1850 wurde
+ich in das Zellengefängniß nach Bruchsal versetzt und blieb daselbst bis
+zum 13. April 1852.</p>
+<p>Sterbend hat der edle, unvergeßliche Großherzog Leopold, dessen wahrhaft
+adelich gesinnte <I>Persönlichkeit</I> weder von mir noch, laut meiner gewiß
+nicht armen Erfahrung, selbst von den wildesten Republikanern Badens jemals
+angegriffen, sondern hochgeachtet und geliebt wurde, mich auf meine dritte
+Bittschrift hin mit 16 Andern begnadiget.</p>
+<p>Nach 33 Monden einer leidensvollen, jedoch schon 1848 wohlverdienten und
+für mich durch Gottes Gnade höchst segensreichen Gefangenschaft durfte ich
+zum erstenmal wieder ehrliche Kleider anziehen, ohne Hüter herumlaufen und
+frische Luft schöpfen, wo es und wieviel mir beliebte.</p>
+<p>Am 13. April und zur Stunde fast noch mehr empfand ich und empfinde,
+wieviel ich dem in Gott ruhenden Fürsten verdanke, denn meine Bestrafung
+und zwar gerade in der Art und Weise, wie dieselbe stattfand, war von Seite
+der Menschen gerecht und milde, und zugleich der Quell meines zeitlichen
+und ewigen Glückes und zudem sind tausend Kerkernächte zwar kein Spaß,
+sondern furchtbarer Ernst, allein es sind noch lange keine 8 Jahre.</p>
+<p>Weder vor noch während der Revolution beging ich jemals eine an sich
+entehrende Handlung oder gar ein gemeines Verbrechen; ich glaube gezeigt zu
+haben, daß ich als Amnestirter des Jahres 1848 keinen Wortbruch gegen die
+badische Regierung <U>mala fide</U> beging; ebensowenig brach ich jemals einen
+Eid, weil der Huldigungseid, den ich im August 1852 schwor und gewissenhaft
+zu halten gedenke, mein allererster Eid war, den ich während meines Lebens
+ablegte.</p>
+<p>In diesen Thatsachen liegt die subjective Begründung der Protestation,
+welche ich gegen die Anwendung jenes Gesetzes, das reinpolitische Vergehen
+mit <I>entehrenden</I> Strafen belegt, fortwährend erhob.</p>
+<p>Große Rechtsgelehrte verfechten den Grundsatz, daß politische Verbrecher,
+insbesondere wenn dieselben an einem allgemeinen Aufstande Antheil nahmen,
+vom Standpunkte der Rechtsidee aus nur dann mit Entehrung bestraft, mit
+Spitzbuben und Mördern in Eine [eine] Reihe gestellt werden sollen, wenn
+sie an sich entehrende Handlungen und gemeine Verbrechen gleichzeitig
+begangen haben. Dieser Grundsatz ist in den Gesetzgebungen der meisten
+civilisierten Länder, wie Belgien, Preußen und Würtemberg in mehr oder
+minder ausgedehntem Grade anerkannt; meines Wissens zog auch die frühere
+badische Gesetzgebung hierin sachgemäßere und ausgedehntere Unterschiede
+als die jetzige, doch die Liberalen der zweiten Kammer dachten an
+verantwortliche Minister und ließen der Regierung keine Ruhe, bis das
+Zuchthaus für reinpolitische Vergehen recht in Flor kam.</p>
+<p>Die objective Begründung der Ungerechtigkeit eines derartigen Gesetzes mag
+den Rechtsgelehrten überlassen bleiben und ist oft genug geliefert worden.
+Wenn ich vom Standpunkte des Rechtes hinsichtlich meiner Person in alle
+Ewigkeit meine Verurtheilung zum <I>Zuchthause</I> lediglich als <I>Gewaltthat des
+Gesetzes</I> betrachten und dagegen protestiren muß, so mag eine kurze
+Aufzählung der praktischen Folgen obigen Gesetzes zeigen, daß es nicht
+minder unzweckmäßig als ungerecht und recht eigentlich gegen das wahre
+Interesse der badischen Regierung gerichtet sei.</p>
+<p>Ich habe die Belehrung über die praktischen Folgen nicht aus dem kleinen
+Finger gesaugt sondern während und nach der Gefangenschaft aus der
+alltäglichen Erfahrung geschöpft.</p>
+<p>Um Alles in Einen Ausdruck zu fassen, möchte ich sagen, das Zuchthaus an
+sich sei durch die Vermischung gemeiner und politischer Verbrecher
+demoralisirt worden.</p>
+<p>Die Schlimmen unter den gemeinen Verbrechern fragen nicht das Mindeste nach
+ihrer Entehrung, weil mit ihrem ganzen Wesen sich auch ihre Begriffe von
+Ehre in das Gegentheil dessen verkehrt haben, was sein sollte. Dagegen
+fühlten gerade die Gottlob zahlreichen Bessern und Besserungsfähigen die
+Wucht der Entehrung mehr oder minder stark, was auf Abschreckung und
+Besserung wohlthätigen Einfluß hatte und haben mußte, insofern ihr Gewissen
+ihnen eine an sich ehrlose Handlung vorwarf und sie an einen gerechten Gott
+mahnte.</p>
+<p>Mit der Ankunft reinpolitischer Verbrecher wurde dies ganz anders. Weil
+selbst die gemeinsten Spitzbuben solche Ankömmlinge, von denen die Meisten
+früher niemals vor Gericht als Angeklagte gestanden und Manche als
+wohlhabende und angesehene Leute bekannt waren, nicht als Ihresgleichen zu
+betrachten vermochten, so sahen die gemeinen Verbrecher ihre Entehrung wenn
+nicht gesetzlich doch moralisch aufgehoben. Durch die Wahrnehmung, daß auch
+die rohesten Aufseher durch ihr Benehmen unwillkürlich verriethen, es
+beständen unsichtbare Unterschiede zwischen politischen und andern
+Gefangenen, steigerte sich das Bewußtsein der Ehrbarmachung bei den
+gemeinen Verbrechern, die unsichtbaren Unterschiede erzeugten recht
+sichtbare, dadurch litt die Hausordnung, und die Erreichung der
+verschiedenen Strafzwecke ward vielfach beeinträchtiget.</p>
+<p>Manche politische Gefangene knirschten gegen ein ungerechtes Gesetz, dessen
+Opfer sie geworden, die Meisten jedoch gewöhnten sich an die neue
+Sippschaft und lachten ob der Absicht des Gesetzes, denn sie wußten ganz
+gut, ihre Freunde außerhalb des Zuchthauses dächten gar nicht, ihre Feinde
+nur scheinbar an <I>Entehrung ohne ehrlose Handlungen</I> und fuhren fort, die
+Regierung keineswegs als eine über politischen Gegensätzen stehende Macht,
+sondern lediglich als feindselige politische Parthei zu betrachten. Die
+Besserung eines politischen Verbrechers besteht wesentlich in
+Versöhnlichkeit und Aenderung politischer Gesinnung, aber die Thatsache der
+Zuchthausstrafe schien mächtig dagegen zu reden, daß die Regierung irgend
+ein Gewicht auf Versöhnlichkeit und Gesinnungsänderung legte, nachdem sie
+ihre geschlagenen Feinde den Dieben und Räubern gleichgestellt hatte.</p>
+<p>Ich bin aus guten Gründen nicht sonderlich für die Abschreckungstheorie
+eingenommen; will man dieselbe auf politische Verbrecher jedoch anwenden,
+so muß man lieber mit Kugeln und Stricken als mit Zuchthäusern dreinfahren,
+wenn man für die <I>nächste</I> Zeit sich heilsame Wirkungen von jener
+geschichtlich und rechtlich längst abgeurtheilten Theorie verspricht.</p>
+<p>Manch unsichtbarer Held der Jahre 1848 und 1849 und meinethalben ehrlicher
+aber jedenfalls ungeschickter und unchristlicher Wütherich der Ordnung und
+Ruhe schreibt heutzutage heldenmüthige und <I>höchst beunruhigende</I> Artikel
+über die Unverbesserlichkeit und Vernichtungswürdigkeit der "ehrlosen,
+gottvergessenen" Demokraten und könnte ein Blinder meinen, Demokrat und
+Revolutionär seien ganz gleichbedeutende Worte und ein Demokrat von
+vornherein der Teufel in höchsteigener Person, mindestens ein Unchrist und
+Taugenichts.</p>
+<p>Ich für meine Person lache über dergleichen federfuchsende Narren oder
+verachte solche umgekehrten Jakobiner, denn mit den deutschen Demokraten
+ist's noch nicht halb so arg, als man gerne redet oder auch gerne hätte und
+anstrebt. Ich habe sogar unter Freischärlern bei uns nicht Einen
+heimtückischen, meuchelmörderischen Italiener, wenig herzlose Franzosen und
+nicht viele wilde Ungarn getroffen, denn der Deutsche ist und bleibt ein
+Deutscher, leidet als Revolutionär oft bei weitem mehr am Kopfe als am
+Herzen, besitzt häufig ein tiefes, aber verwildertes Gemüth, ließe sich
+jedoch durch bessere Belehrung, menschliche Behandlung und christliche
+Liebe gar nicht schwer gewinnen, zumal der Deutsche überhaupt ein
+"politisches Thier" des Aristoteles niemals wird, sondern glücklicherweise
+im engen Kreise seines Berufes und im stillen der Familie gerne recht ruhig
+und harmlos lebt.</p>
+<p>Im Zuchthause bewährte mancher politische Gefangene übrigens nicht etwa
+Religion und löblichen Abscheu vor Verbrechen, sondern weit eher
+Geisteshochmuth und Lieblosigkeit gegen gemeine Verbrecher. Dadurch kam
+viel Unfriede, Zwietracht und Haß unter die Bevölkerung und wäre Einfluß
+und Mühe der Angestellten und Beamten minder groß, die Hoffnung auf
+Begnadigung nicht so gar lebhaft, die Zahl der Politischen und die Macht
+der Bildung kleiner gewesen, so würden arge und schreckliche Auftritte
+vorgekommen und das Zuchthausleben zu einem Leben in einer Mördergrube oder
+in der Hölle geworden sein. Jedenfalls haben die Meisten meiner
+Leidensgefährten wenig für religiöse Erhebung und sittliche Ermannung
+[Ermahnung] der gemeinen Verbrecher gethan und war mehr als Einer der
+gemeinen Verbrecher besonders unter den unvorsätzlichen Todtschlägern ein
+weit besserer und wohl auch achtungswertherer Mensch, denn mancher
+sogenannte Märtyrer einer zweideutigen Freiheit.</p>
+<p>Die schädlichste Wirkung des von mir angefochtenen Gesetzes beobachtete ich
+seit der Zeit meiner Befreiung. Einerseits bewiesen entlassene gemeine
+Verbrecher, daß sie die keineswegs völlig grundlose Ansicht von der
+politischen Natur aller Verbrechen aus dem Straforte in die Freiheit
+getragen, anderseits bemerkte ich eine große Abstumpfung gegen die Schande
+im Zuchthause gewesen zu sein nicht nur bei Entlassenen, sondern bei den
+niedern und mittlern Volksklassen überhaupt.</p>
+<p>Die Tagesblätter reden genug davon, die Revolution sei keineswegs todt,
+sondern nur momentan gefesselt und gelähmt; Ereignisse der
+schauderhaftesten Art sprechen dafür und ein Christ darf und muß sagen, die
+Revolution sei erst dann besiegt, wenn die Hölle eine völlige Niederlage
+erlitten haben werde. Das Böse schreitet in großen moralischen Körpern wie
+in Einzelnen mit einer gewissen immanenten Dialectik und logischen
+Gesetzmäßigkeit vorwärts; das an sich Gute geht in leisen, allmäligen
+Uebergängen zum minder Guten, Gemischten und wirklich Bösen, endlich zum
+Teuflischen fort und so kann ein Staat die Lebenskeime der Revolution in
+seinem Schooße hegen und großziehen, ohne daß er darum weiß und es will,
+ebenso der Einzelne durch die Verletzung seines rechtlichen und Empörung
+seines sittlichen Gefühles allmälig und leise, in Uebergängen, welche er
+spät oder niemals gewahr wird, aus einem ruhigen Bürger zum Revolutionär
+werden. Diese Thatsache hat folgenschwere Consequenzen und eine derselben
+heißt, daß ein Staat, welcher durch ungerechte und unzweckmäßige Gesetze
+und Verfahrungsweisen das rechtliche und sittliche Gefühl seiner Bürger
+verletzt, an seinem eigenen Untergange unbewußt arbeitet.</p>
+<p>Ein ungerechtes und unzweckmäßiges Gesetz in Baden spricht reinpolitische
+Verbrecher ins Zuchthaus und wer am allerwenigsten Vortheil daraus zieht,
+das ist die Regierung, daher wende sie ihre Aufmerksamkeit auf dieses
+Gesetz!&mdash;</p>
+<p>Soviel von meinen Erfahrungen, soviel auch von meinem äußeren Leben. Was
+meine innere Geschichte betrifft, die mit der äußern im engsten
+Zusammenhange steht, so will und muß ich hier nur den hauptsächlichsten
+Moment, nämlich den religiösen berühren, um über meinen Standtpunkt keinen
+Zweifel mehr übrig zu lassen.</p>
+<p>Geborner Katholik genoß ich als Kind eine strengkatholische Erziehung, doch
+schon im Knabenalter verlor sich der naive Glaube des Kindes zunächst in
+einem äußerlichen Gebahren, dann in Mangel an Verständniß der katholischen
+Religion, welcher in den Jünglingsjahren zur Gleichgültigkeit gegen alle
+positive Religion, endlich zur Verachtung derselben und zum Hasse gegen die
+eigene Kirche sich steigerte. Schicksale und Staatsschulen verbanden sich
+mit dem in mir liegenden und unruhig werdenden Keime des Bösen, um mir
+zuerst den lebendigen, dann den unlebendigen Glauben an Christum den
+Gottessohn zu rauben und endlich an die Stelle dieser allein beseligenden
+Wahrheit einen wechselnden Mischmasch der beweglichen Weisheit unserer Zeit
+zu setzen.</p>
+<p>Ich beklagte den ungeheuern Verlust nicht, weil ich ihn nicht kannte und
+die Größe aller Folgen desselben so wenig als viele andere Jugendgenossen
+zu bemessen vermochte. Ich glaube während meiner ganzen Studienzeit kaum
+Einmal recht vorbereitet zur Beichte und würdig zum Tische des Herrn
+gegangen zu sein.</p>
+<p>Nicht als ob die Vorbereitungsschulen zur Universität mich durch das Lesen
+klassischer Schriftsteller mit Vorliebe, <I>bewußter</I> Vorliebe für das
+Heidenthum erfüllt hätten. Nein, ich fand nur drei vortreffliche Lehrer,
+welche mich und Andere durch elende Wortklauberei und sehr geistlose
+Conjunctivenjagd mit ihren alten Schriftstellern nicht tödtlich
+langweilten. Erst auf der Hochschule lehrte mich der ausgezeichnete Bruder
+des nicht minder ausgezeichneten und weit berühmteren Philosophen Feuerbach
+in die Weltanschauung und in das innere Leben der Alten hineinblicken. Ein
+mangelhafter Religionsunterricht brachte mich so weit, daß ich als
+18jähriger Mensch die Artikel des Glaubensbekenntnisses nicht mehr wußte,
+die Mehrzahl anderer Lehrer trug dazu bei, mich in religiösen Dingen zu
+einer <U>tabula rasa</U> zu machen, welche ich instinktmäßig durch Lectüre
+vieler Klassiker des modernen Europa, deren wahrhaft inneres Verständniß
+mir auch noch nicht zuzumuthen war, von selbst auszufüllen strebte.</p>
+<p>Kurz vor dem Bezuge der Hochschule lud mir Gott verschiedene Arten von
+Elend auf den Hals, gab mir den ersten und letzten eifrigen und leider zu
+spät kommenden Religionslehrer, den ich auf den Vorbereitungsschulen fand;
+ich war trotz meines Unglaubens ganz ernstlich gesonnen, ein Diener der
+Kirche zu werden. Der stets auch im Mangel an gründlichen Kenntnissen
+wurzelnde Geisteshochmuth gab mir und Andern damals den Gedanken ein,
+dereinst Reformatoren der Kirche unterstützen zu wollen, doch die
+Restauration in Freiburg, welche man "theologisches Convict" zu nennen
+beliebte, gefiel mir nicht, manche Gäste gefielen mir noch weit weniger,
+die tiefe Gelehrsamkeit eines Hug entmuthigte, die prinzipielle
+Entschiedenheit eines Staudenmaier, der meine Herzkäfer, die deutschen
+Klassiker und besonders das junge Deutschland in ihren tiefsten Abgründen
+enthüllte, empörte mich und die Philosophie eröffnete mir eine kaum geahnte
+Welt voll Licht, Klarheit und Seligkeit&mdash;des Scheines.</p>
+<p>Ich entschied mich für gar kein bestimmtes Fach und studirte, als ob ich
+Rothschilds leiblicher Sohn wäre, während ich wochenlang keinen Knopf in
+der Tasche trug, hörte philosophische, juristische, philologische und
+theologische Vorlesungen und las die Schriften berühmter Theologen
+lediglich, um als tiefsinniger, strebsamer Kopf zugelten und den
+Mitstudirenden recht imponiren zu können.</p>
+<p>
+Das rechte Verständniß theologischer Schriften setzt lebendigen Glauben
+voraus, dieser mangelte mir täglich mehr, deßhalb legte mir meine Eitelkeit
+Riesenarbeiten auf, aber ich übernahm dieselben, denn Geisteshochmuth wurde
+täglich mehr der Kern meines Wesens und Thuns, die Achtung meiner Lehrer
+und die Bewunderung meiner Mitschüler wurde Nektar und Ambrosia meines
+geistigen Lebens.</p>
+<p>Armseliger, unglücklicher Mensch, der ich war!&mdash;</p>
+<p>Hatte ich das Beichten schon auf den Vorschulen als leidiges, unnützes
+Geschäft betrachtet, so ließ ich die Glocken am Sonntage als Hochschüler
+gemüthlich brummen und ging höchstens in die Kirche, wenn eine hübsche
+Messe anzuhören oder gar ein Prediger sammt Predigt zu critisiren war. Im
+Collegium über Kirchengeschichte und in der Kneipe nahm ich für jeden
+Ketzer immer eifriger Parthei, wenn die Ketzerei nur auch ein Fünklein
+Geist in sich schloß und begriff täglich weniger, wie manche brave,
+gebildete, kenntnißreiche und theilweise sehr begüterte Bursche meiner
+Gesellschaft Theologen bleiben konnten, ohne vor Langweile zu sterben.</p>
+<p>Unter solchen Umständen mußte Ronge mein Apostel werden.</p>
+<p>Mit einem vor freudigbangen Erwartungen zitternden Herzen wohnte ich bei
+Konstanz dem "Concilium am Säubach" bei, sah den großen Reformator, hörte
+ihn, fand denselben sehr unbedeutend; sein College Dowiat kam mir als
+"anmaßender Schwung", mancher Deutschkatholik, der seit Jahren nicht einmal
+mehr die Augustinerkirche betreten hatte und jetzt gar andächtig mit
+gefalteten Händen zum Tische des Herrn Ronge ging, als ein Reinecke Fuchs
+vor&mdash;Heuchelei habe ich von jeher tödtlich gehaßt, meine Opposition gegen
+den Deutschkatholizismus war entschieden.</p>
+<p>Ich blieb Katholik dem Namen nach, wurde geistig immer mehr zum Heiden und
+würde auch sittlich völlig verkommen sein, wenn ich ein minder ernstes
+Temperament, mehr Geld und vor allem weniger Ehrgeiz gehabt hätte.</p>
+<p>Aller positiven Religion baar und ledig, in der letzten Zeit von Spinoza
+begeistert, kam ich nach Heidelberg. Der katholischen Kirche und deren
+Lebensäußerungen stand ich gegenüber wie ein junger, unerfahrener Reisender
+den Ruinen des Riesentempels von Karnak mit seinen unheimlichen Säulen und
+der wunderlich besternten lasurblauen Decke, der ein befremdendes Geräusch
+vernimmt, den Einsturz einer alten Säule, das Hervorbrechen eines
+dummwüthigen Raubthieres oder das Heranwinden einer giftigen jesuitischen
+Viper befürchtet.</p>
+<p>In Heidelberg studirte ich unter Beihülfe der Hochschullehrer Schlosser,
+Häußer, Kortüm, Gervinus und Hagen namentlich Geschichte und diesen
+großentheils hochberühmten und mit Recht gefeierten Männern verdanke ich
+hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Bildung sehr Vieles; der
+ausgezeichnete Philolog und unübertreffliche Menschenfreund Hofrath Bähr
+trug durch sein edles Benehmen gegen mich dazu noch bei, daß mein wankender
+Glaube an die Menschheit nicht vollends zertrümmerte.</p>
+<p>Ich wußte Manches, vielleicht Vieles und die innere Leere sagte mir doch,
+daß ich nichts wüßte, nichts wäre als ein überflüssiges Atom in der
+Schöpfung, nichts besäße als ein gequältes Herz, dessen Sehnen ich damals
+noch nicht recht verstand. Es war eine trübe Zeit, ich arbeitete Tag und
+Nacht oft genug in der Absicht, mich durch Arbeiten aufzureiben.</p>
+<p>Ich war geborner Katholik und kannte Christum nicht.</p>
+<p>Ich suchte Prinzipien, leitende Fäden der Geschichte der Menschheit und der
+Einzelnen und solches Streben trug wohl Vieles zu einer eigenthümlichen
+Auffassung der geschichtlichen Vorträge gelehrter und geistvoller
+Protestanten bei.</p>
+<p>Jetzt erst erschloß sich mir die großartige Weltanschauung der
+mittelalterlichen Kirche und ich lernte die staunenswürdigen Leistungen
+derselben für die barbarischen Völker Europas kennen, welche sich aus dem
+argen Wirrwarr der Völkerwanderung allmählig und langsam zu reinern,
+bessern, mildern Zuständen und nationaler Gliederung emporarbeiteten; die
+ewige Fehde zwischen Kaiser und Papst ward mir verständlich als der
+Doppelweg, auf welchem die Menschheit ihrer Bestimmung entgegenreiset und
+an dessen Ende feindliche Brüder mit versöhnter Liebe sich in die Arme
+sinken, während ihr gemeinsamer Vater den ewigen neuen Bund segnet; die
+Fehde zwischen Kaiser und Papst erschien mir als Kampf der Zeit mit der
+Ewigkeit, des Staates mit der Kirche und lös'te [löste] sich allmählig
+immer mehr in den Kampf zwischen Subjectivität und Autorität auf, in
+welchem wir noch befangen sind.</p>
+<p>Der fast übermenschlich hohe Character einzelner Päpste erregte meine
+Bewunderung, die trostlosesten Zeiten der Kirche machten mich stutzig, weil
+nur ein Gott, ein persönlicher Gott, der für mich zum "großen Unbekannten"
+geworden, diese Kirche bei der gränzenlosen Verkommenheit der Menschen zu
+retten vermochte. Die feine, weitschauende und weltbewegende Politik des
+äußerlich so unscheinbaren und oft so schwer bedrängten römischen Hofes
+überzeugte mich, dieser Hof sei vor allen andern Höfen des Erdballs zu
+allen Zeiten an Genies und Characteren der reichste gewesen. Gleichzeitig
+mit Luther gewann der Jesuitenorden gerade wegen seiner tief begründeten
+und unversöhnlichen Feindschaft gegen das Prinzip der Subjectivität, wenn
+nicht meine Liebe, doch meine unwillkührliche Achtung und die Schilderung
+des bürgerlichen und politischen Lebens während des Mittelalters, des
+allmähligen Werdens und Wachsens der altrömischen und englischen
+Verfassungen war schon durch die redende Macht der Thatsachen sehr
+geeignet, mich gegen die bestehenden Zustände arg einzunehmen, wenn auch
+die Jahre 1846 und 1847 ohne alle politische Bewegung im Leben geblieben
+sein würden.</p>
+<p>Letzteres war bekanntlich nicht der Fall; die Bewegung der Zeit gährte
+gewaltig, selbst in der Studentenwelt, welche alle Phasen der kommenden
+Revolutionsjahre thatsächlich anticipirte, während ich selbst bald ganz
+unabhängig von den Hörsälen, von der Oberrheinischen Zeitung und der
+Rundschau zu Struves Volksführer, von diesem zur Mannheimer Abendzeitung
+und rasch zu Heinzens diabolischen witzigen Pamphleten innerlich
+fortgaloppirte.</p>
+<p>Das Staatsexamen kühlte meinen Radicalismus ab und die sogenannte
+"Beruhigungsmütze" des Candidaten hatte für mich einen tiefen Sinn, welchen
+ich damals nicht verstehen wollte.</p>
+<p>Weil Noth beten lehrt, so habe auch ich im seltsamsten Widerspruche zu
+meinen pantheistischen Ansichten als Hochschüler manchmal recht inbrünstig
+gebetet. Mein Beten konnte bei Gott nicht den mindesten Werth besitzen, ich
+betete um lauter zeitliche Güter und wenn ich diese hatte, ließ ich es
+hübsch bleiben, doch die oftmalige Erhörung wirkte bei, daß mein Gemüth
+nicht gänzlich erstarrte oder verwilderte.</p>
+<p>Häufig hörte ich, die positive Religion übe gar keinen Einfluß auf das
+Leben des Menschen aus und ich glaubte es, weil es bei mir gänzlich der
+Fall war. Auf dem erträumten Gipfel der bisherigen Zeitentwicklung stehend,
+betrachtete ich positive Religionen wie untergegangene Völker lediglich mit
+wissenschaftlichem Interesse und gar oft mit Mitleid.</p>
+<p>Ich hielt mich für den sittlichsten Menschen von der Welt, merkte gar
+nicht, daß lediglich der Geisteshochmuth die Quelle meiner Sittlichkeit sei
+und schrieb meinen Verdiensten zu, was ein ernstes finsteres Temperament,
+Mangel an Zeit, Geld, Gelegenheit, Mangel an Neigung zu rohsinnlichen
+Genüssen, das Streben nach Fortdauer der Liebe und Achtung edler Menschen
+gegen mich bewirkten.</p>
+<p>Ein großer Katholik hat einmal gesagt, die Tugenden der Heiden seien nur
+verborgene Laster gewesen&mdash;ich war ein Heide und muß diesen Ausspruch für
+meine Person bestätigen. Bildung für sich ist nimmermehr die Mutter wahrer
+Sittlichkeit, sondern nur der verfeinerten Sinnlichkeit und berechnenden
+Selbstsucht. Werdet in arge Versuchung geführt oder in schweres Unglück
+gestürzt und sehet dann zu, ob Ihr in Eurer Bildung Halt, Muth, Trost,
+Glück findet!&mdash;</p>
+<p>Woher mein Unglaube?&mdash;Vorerst kehre ich die Frage um: woher hätte mein
+Glaube kommen sollen? Mein Religionsunterricht war höchst mangelhaft, gab
+mir kaum eine Ahnung der christlichen Weltanschauung, das Mitmachen aller
+kirchlichen Uebungen galt mir und den meisten meiner Mitschüler fast nur
+als nutzlose, leidige Disciplinarsache.</p>
+<p>Man redet heutzutage viel von der Vermehrung der Religionsstunden an den
+Gelehrtenschulen. Solche Forderungen sind bei den gewaltigen Fortschritten
+der Wissenschaft und den gesteigerten Ansprüchen an Studirende bald
+gemacht, aber schwer durchzuführen. Ich für meine Person würde es bei den
+althergebrachten zwei Stunden wöchentlich bewenden lassen, wenn von
+tüchtigen und vor Allem von treugläubigen Lehrern Religionsunterricht
+ertheilt wird.</p>
+<p>Aller Buchstabenglaube und alles Wissen in religiösen Dingen nützt
+blutwenig, wenn der Schüler nicht in seinen Lehrern Männer voll lebendigen
+Glaubens, <I>handelnde Christen</I> vor sich sieht.</p>
+<p>Die durch und durch protestantisirte und rationalistische Wissenschaft hat
+mich mit meinen Altersgenossen großgezogen, ihr verdanken wir aber doch
+weit mehr Gutes als unsern Religionslehrern.</p>
+<p>Der Allerletzte, welcher Etwas gegen den Gedanken einer katholischen
+Wissenschaft an katholischen Lehranstalten einzuwenden wüßte, habe ich
+schon als Student jene oberflächlichen, einfältigen Einwände, welche man
+dem ebenso kenntnißreichen als geistvollen und dabei charakterfesten
+Hofrath Buß: es gebe keine katholische Mathematik, keine katholische
+Medizin und sogar keine katholische Nationalökonomie u.s.f.
+entgegenschleudert, oft bemitleidet und verlacht. Sie wurzeln in der
+evidenten Thatsache, daß es nach meinem Wissen damals kaum eine katholische
+Wissenschaft gab, doch Beweise, daß es gar keine geben könne, lassen sich
+nicht beibringen und man hatte seit Dezenien Gottlob angefangen, namentlich
+im Gebiete der Geschichtschreibung und spekulativen Theologie das
+Gegentheil thatsächlich zu zeigen.</p>
+<p>Ueberhaupt scheint es, daß der christliche Geist aus hundertjähriger
+Entäußerung immer mehr aufwache und sich aufraffe und wie die Engländer im
+Guten und Bösen die Vorkämpfer der Franzosen und Deutschen seit langem
+geworden und nach meiner unmaßgeblichen Ansicht die eigentlichen Träger der
+Kultur sind, so sind es in neuester Zeit besonders Engländer, welche
+bereits auch die Naturwissenschaften wiederum in den Dienst des religiösen
+Glaubens ziehen; die Franzosen folgen und die Deutschen bleiben nicht
+zurück.</p>
+<p>Ich anerkenne das protestantische Prinzip der Subjectivität als ein
+durchaus berechtigtes, insofern die Völker und Einzelnen, welche nun einmal
+den naiven Christenglauben verloren haben, durch alle möglichen Stadien des
+Irrthums, der halben Wahrheit und der Lüge wandern und im Verlaufe der
+Entwicklung immer mehr und zwar <I>lediglich aus freier, innerer
+Ueberzeugung</I> zum katholischen Glauben als dem ewig wahren zurückkehren
+müssen. Die Geschichte vom verlornen Sohne ist für mich die Anticipation
+der ganzen Geschichte des Protestantismus. Von diesem Standpunkte aus muß
+ich auch die protestantische Wissenschaft als die Odyssee des
+Menschengeistes nach dem Ithaka des Glaubens achten, ehren und lieben und
+kann selbst in der Richtung eines Strauß, Feuerbach, der Neutübinger Schule
+u.s.f. das für die Menschheit und die Weltkirche Jesu Christi Heilsame
+daran nicht verkennen. Luther hat A gesagt; wie weit seine zahlreichen
+Nachfolger bisher gekommen, läßt sich im Allgemeinen nicht bestimmen, aber
+das ganze Alphabet werden sie durchmachen müssen und am Ende erfüllen, was
+Lacordaire predigt: "Macht, was Ihr wollt, die Welt wird dennoch
+katholisch!"</p>
+<p>Daß die katholische Wissenschaft erst wieder einigen Aufschwung nahm als
+sie protestantisirt wurde und erst in neuerer Zeit wiederum zur
+Selbstständigkeit sich emporschwingt, ist historische Thatsache.</p>
+<p>Ganz naturgemäß fehlte den Katholiken das unruhige, forttreibende Prinzip
+und erst der übermächtig werdende Gegensatz der protestantischen
+Wissenschaft hat sie wiederum geweckt zu neuem Leben und Streben. Daß das
+Ringen nach Selbstständigkeit namentlich in der modernen spekulativen
+Theologie und katholischen Geschichtschreibung sich offenbarte, <I>zuerst</I>
+offenbarte, darin liegt wohl eine tiefe Bedeutung.</p>
+<p>Die Philosophie gibt, die einzelnen Systeme mögen noch so barok und noch so
+wunderlich klingen, dem Selbstbewußtsein der wechselnden Zeit seinen
+eigenthümlichen Ausdruck, die protestantische Geschichtschreibung geht
+meist hierin Hand in Hand und betrachtet die Thatsachen der Geschichte im
+Lichte der herrschenden Zeitanschauung, die katholische Theologie und
+Geschichtschreibung muß im Namen der Ewigkeit dagegen protestiren, diese
+Protestation begründet werden und wenn dieselbe von einem Möhler und
+Männern wie Staudenmaier, v. Hirscher, Hurter, Döllinger, Hefele, Gfrörer
+und Andern begründet wird, bleibt immerhin starke Hoffnung, daß die
+katholische Wissenschaft mindestens das Gleichgewicht mit der vorangeeilten
+protestantischen noch in diesem Jahrhundert erringe und die Jugenderziehung
+durchsäuere. Mit dem Katholisiren der Wissenschaft sollte jedoch das
+Katholisiren des Lebens stets mehr Hand in Hand gehen.</p>
+<p>Während meiner Studienjahren kam mir außer den Werken Johannes v. Müllers,
+aus denen mindestens ich viel Gespreitztes, Affectirtes, und noch mehr
+heuchlerische Perfidie herausfühlte und den Schriften Leos, dessen Ingrimm
+gegen Rationalismus und Revolution mich anwiderte und empörte, weil ich
+selbst bereits ein Rationalist und Revolutionär geworden, kaum ein
+Geschichtswerk zu Gesicht, welches der positiven Religion nicht
+gleichgültig oder auch feindselig gegenüberstand.</p>
+<p>Eine Weltgeschichte, welche Jesum Christum wirklich als lebendigen
+Mittelpunkt der Menschheitsentwicklung nicht blos gelten ließ, sondern
+wissenschaftlich darstellte und die Lehren des Christenthums mit den
+leitenden Gesetzen der Geschichte in Harmonie zu bringen versuchte, kurz
+ein von christlicher Philosophie der Geschichte durchsäuertes größeres
+Geschichtswerk, existirt meines Wissens gar nicht.</p>
+<p>Wie soll nun der lebendige Glaube an den Gottessohn als den archimedischen
+Punkt der Weltgeschichte in einem ernstlich nach Bildung ringenden
+Jünglinge fortzuleben vermögen oder gar erwachen und stark werden, wenn die
+Geschichtschreibung Christum als lebendige Einheit der
+Menschheitsentwicklung kühl übergeht oder den Erlöser nicht als solchen
+begründet?</p>
+<p>Christus muß dann nothwendig zum Range eines Zoroaster, Mohamed
+herabgedrückt als eine ehemals zeitgemäße und nicht minder zeitgemäß
+vorübergehende Erscheinung, das Christenthum lediglich als Produkt der
+Faktoren einer bestimmten Zeit und die katholische Kirche als Partei
+erscheinen.</p>
+<p>Aus solchem tiefgehenden Widerspruche zwischen den Lehren der katholischen
+Kirche und der Geschichtschreibung fließen dann gerechte Zweifel an der
+ewigen Wahrheit der Christusreligion, und dem Unglauben ist Thür und Thor
+geöffnet, ohne daß man denselben noch besonders prediget.</p>
+<p>Weil im Menschen eine nimmerruhende Sehnsucht nach Wahrheit und Gewißheit
+lebt und das Herz etwas Positives haben muß, woran es sich mit aller Macht
+klammert, wirft sich der Jüngling vertrauend in die Arme der Philosophie,
+huldigt damit den Grundtendenzen der Zeit und weil die Bücherweisheit ihn
+nicht oder doch selten ganz befriediget, stürzt er sich in den Strudel des
+gemeinen oder in den Wirrwarr des politischen Lebens und vergißt darin die
+Ewigkeit und häufig genug sein besseres Selbst.</p>
+<p>Das Moderne soll eine Vermittlung des Antiken und Christlichen sein; mir
+sind frühzeitig Zweifel erwacht, ob es überhaupt eine mehr als äußerliche
+Vermittlung, eine innere Versöhnung so schroffer Gegensätze geben könne und
+habe in Staat, Kunst, Wissenschaft und Leben blutwenig von solcher inneren
+Versöhnung gesehen, die ich doch als höchste Aufgabe unserer Zeit und
+kommender Geschlechter anpreisen hörte.</p>
+<p>So wenig ich je eine Vermittlung zwischen Christus und Belial will, glaube
+ich an die Möglichkeit einer innern Vermittlung des protestantischen
+Prinzips mit dem katholischen, muß diese jedoch einer weiter hinausgehenden
+Fortentwicklung des Menschengeschlechtes überlassen und finde sie
+gegenwärtig in ein Stadium eingetreten, wo sie einer entschiedenen
+Feindschaft und grimmigem Kampfe aufs Haar ähnlich sieht. Die
+protestantische Wissenschaft ist bis zur Stunde tonangebend in der ganzen
+civilisirten Welt, der Katholik darf und muß von ihr sagen, daß ihr
+Hauptzug ins alte, nackte Heidenthum zurückweise.</p>
+<p>Mit der Rückkehr heidnischer Anschauungen steht die Rückkehr heidnischen
+Lebens in enger Wechselwirkung und das arge Geschrei und Geschreibsel über
+die "schlechte Juden- und Heidenpresse" ist auch ein Nothschrei gegen das
+Leben, in welchem es jüdisch und heidnisch zugeht.</p>
+<p>Die heidnische Wissenschaft und Literatur ist allerdings keine christliche,
+und als unchristliche und verderbliche zu bekämpfen, allein sie ist
+ziemlich unschuldig an ihrem Unglauben und mag der Verfolgungen spotten,
+welche gegenwärtig ziemlich erfolglos und vielleicht bald vorübergehend
+gegen sie eingeleitet werden.</p>
+<p>Mein hochgeachteter Lehrer Gervinus hat in seinem Prozesse dem Hofgerichte
+in Mannheim gesagt, daß Er selbst ganz unschuldig an den Thatsachen der
+Geschichte sei&mdash;dies ist gewiß richtig und nicht minder richtig aber, daß
+ein Verdammungsurtheil gegen irgend eine geschichtliche Weltanschauung
+stets ein Verdammungsurtheil gegen das geschichtliche Leben unseres
+Geschlechts in sich schließt.</p>
+<p>Die Macht der bisher eines ziemlich ungeschmälerten Sieges sich erfreuenden
+protestantischen Wissenschaft liegt darin, daß sie ihre Anschauungen
+vorherrschend aus der Wirklichkeit schöpft und wenn man unsere Philosophen,
+Historiker, Dichter heidnisch nennt, so sollte man vor Allem etwas mehr
+bedenken, daß sie Söhne unserer Zeit, unsere Zeit aber noch sehr
+vorherrschend Zeiten des praktischen Heidenthumes seien.</p>
+<p>Worte bewegen, Thatsachen reißen hin; die thatsächliche unläugbare
+Uebermacht des Heidenthumes im öffentlichen und bürgerlichen Leben ist die
+Wiege der heidnischen Wissenschaft und die durch keine Censur, keine
+Polizei und Gewaltmaßregeln zu hemmende ursprünglichste Quelle des
+Unglaubens der Gelehrten und Ungelehrten geworden und geblieben.</p>
+<p>Bei mangelhafter religiöser Erziehung muß das Lesen der Klassiker,
+Philosophen und Historiker, von denen die Wenigsten mit dem ruhigen Blicke
+der Ewigkeit in das zeitliche Leben hineingeschaut und alle ihren Stoff
+vorherrschend doch aus der Wirklichkeit geschöpft haben und müssen dann vor
+Allem eigene Lebenserfahrungen Unglauben erzeugen und vollenden. Ich hörte
+das Christenthum predigen und preisen und fand, diese gepriesene Religion
+habe höchstens im Mittelalter einigen Einfluß auf das staatliche und
+bürgerliche Leben ausgeübt; aus dem Mittelalter heraus sah ich einen
+Heidenstaat sich gebären, während die Kirche nach Außen und Innen
+zusammenschrumpfte und verdarb und aufhörte Trägerin der
+Menschheitsentwicklung zu sein. Ich schaute im modernen Staatswesen umher,
+fand blutwenig Christliches in diesen sogenannten christlichen Staaten,
+verglich protestantische Länder mit katholischen, das Treiben und Leben der
+Protestanten mit dem der Katholiken und mein Urtheil fiel nicht im
+mindesten zu Gunsten des Bestehenden, der Kirche und der Katholiken,
+überhaupt nicht zu Gunsten der positiven Religion aus.</p>
+<p>"Sollen nur die Armen, Geringen und Schwachen Christen sein, die Reichen,
+Mächtigen und Starken darob lachen und thun was ihnen beliebt? Sollen Jene
+auf Gott und Beten sich stützen und die Erde um des Himmels willen
+verachten, während diese auf Geld und Waffenrecht, heillose Ränke und
+selbstfabrizirte Gesetze vertrauen und jedenfalls vorläufig die Erde in
+Besitz haben, folglich nur halb betrogen sind, wenn es keinen Gott und
+keinen Himmel geben sollte? Muß ich eine Kirche, meine eigene Kirche, nicht
+verachten und verabscheuen, wenn sie im Namen eines allliebenden und
+gerechten Gottes solch ungöttlichem Treiben nur veraltete Redensarten und
+sinnlos gewordene Ceremonien entgegensetzt? Was soll mir eine Religion,
+deren Wirkung in der Luft hängt, die von ihren Bekennern höchstens durch
+Worte, selten durch Thaten bekannt wird?"</p>
+<p>So rief ich oft in wildem Unmuthe und Hunderte riefen mit mir. Wir sahen
+den Wald vor lauter Bäumen nicht, schöpften deßhalb aus dem vergangenen und
+gegenwärtigen Leben Zweifel, Irrthum, Unglauben, einen tiefen Haß gegen
+Staat und Kirche und eine Sehnsucht nach bessern Zuständen, welcher die
+Revolution Bahn brechen sollte. Während der Revolution bekümmerte mich die
+positive Religion und katholische Kirche blutwenig.</p>
+<p>Ich meinte es aufrichtig mit der Gewissensfreiheit, glaubte, die "moderne"
+Kirche werde als verwesender Leichnam schon von selbst mit ihrem Herrn, dem
+Staate, zusammenfallen und redete für die Priester, weil sie auch "Bürger"
+waren und sich ruhig verhielten.</p>
+<p>Es kamen ernste Augenblicke genug, welche mir Gedanken an Gott und Ewigkeit
+erweckten und ich erlebte Dinge, welche gleich leuchtenden Blitzen die
+wilde Nacht meines Innern erleuchteten.</p>
+<p>Zumeist in Heidelberg hatten mich Protestanten die katholische Kirche als
+welthistorische Erscheinung achten gelehrt, während der Revolution wurde
+ich durch Thatsachen an die Existenz eines persönlichen Gottes gemahnt und
+erhielt neben zahlreichen Beweisen von der gewaltigen Macht des Unglaubens
+auch solche von der Macht des Glaubens.</p>
+<p>Das friedlichere Landleben gab mir Sehnsucht nach Ruhe und Frieden und weil
+ich die Wahrheit des Christenthums bereits für eine mögliche hielt, mußten
+meine Zöglinge Religionsunterricht und Kirche fleißig besuchen, ich sprach
+bei ihnen so wenig gegen, als für die positive Religion und manchmal
+machten mich die naiven Fragen der Kinder nachdenklich.</p>
+<p>Zeitgemäße Philosophie, zeitgemäße Geschichtschreibung, daraus folgende
+zeitgemäße Anschauung des Lebens hatten meinem Unglauben Form und Ausdruck
+gegeben, die Seele desselben war mein souveräner Hochmuth, allein während
+der Revolution redeten Thatsachen mit unläugbarer, zweifelloser Macht gegen
+meinen Unglauben und erschütterten die Zuversichtlichkeit desselben. Das
+Lesen republikanischer Zeitungen mag die innerlich beginnende Reaction
+aufgehalten haben.</p>
+<p>An Weihnachten 1848 besuchte ich den mitternächtlichen Gottesdienst in der
+Klosterkirche zu Rheinau und nahm einige meiner Zöglinge mit mir. Voll und
+tief zitterten die Glockenklänge durch die eiskalte, sternenhelle
+Mitternacht, ich hörte die Kinder voll naiven Glaubens vom Heile dieser
+Nacht plaudern, dachte wehmüthig an die Zeit meiner eigenen Kindheit und
+verzweifelnd an einige Verse aus Göthes Faust. Verstimmt legte ich den
+etwas langen Weg zurück, sandte die Kinder zur Kirche, ich selbst ging in
+ein Wirthshaus. Doch der Wein war schlecht, die Gäste leerten die Stube,
+ich folgte denselben. Dieser Gottesdienst hat einen wunderbaren Eindruck
+auf mich gemacht, ich hätte laut aufschreien mögen und zum erstenmale nach
+langen Jahren riß mich ein Gottesdienst zum Gebete hin, ohne daß ich
+zeitliche Dinge erflehte. Lediglich die Neugierde hatte mich in diese
+Klosterkirche geführt, den unvergeßlichen Eindruck, welchen ich mit mir
+hinausnehmen würde, hatte ich nicht geahnt.</p>
+<p>Wie entfremdet ich dem katholischen Cultus gewesen, mag die Thatsache
+lehren, daß ich nach Beendigung des Hochamtes und beim Beginne der
+einzelnen Messen trotz dem Fortgehen vieler, besonders entfernt wohnender
+Kirchengänger stehen blieb und mich von meinen harrenden Begleitern
+aufsuchen ließ, denn ich Armer erwartete die Rückkehr des Prälaten mit
+seinem Gefolge aus der Sacristei, dann den Gesang der Botschaft: Christus
+ist erstanden&mdash;und neuen vermehrten Jubel der Kirchenmusik.</p>
+<p>Innere Vorgänge mögen auf mein politisches Verhalten bis zum Maiaufstande
+und während desselben vielen Einfluß ausgeübt haben, sicher bleibt, daß die
+theilweise schrecklichen Auftritte, welche ich mit ansah, besonders das
+Elend des Rückzuges einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte.</p>
+<p>Gott verblendete mich, daß ich in kurzsichtigem, thörichtem Glauben, gar
+nicht oder nur wenig bestraft zu werden, am Ende des Aufstandes in
+Deutschland blieb.</p>
+<p>In der Kriegsgefangenschaft kam ich mit Neff zusammen, der am 8. August
+1849 standrechtlich erschossen wurde. Er war mein Jugendfreund und
+ursprünglich ein edler Mensch, bei welchem der Kopf leicht mit dem Herzen
+davon lief und dessen Vaterlandsliebe Struve und die Revolution zum
+wahnsinnigen Fanatismus gesteigert haben. Die Rolle, in welche er
+hineingeredet und hineingetrieben wurde, paßte nicht für ihn, das
+Todesurtheil erschütterte ihn, weil er eine alte Mutter und eine Braut
+hatte, doch sammelte er sich wieder und starb in gutem Glauben, etwas für
+die Menschheit Ersprießliches gethan zu haben.</p>
+<p>Sein Tod mahnte mich fortwährend an das Jenseits, meine Umgebung an den
+Jammer und das Elend dieser Erde, der rasche Umschwung der Dinge außerhalb
+der Kerkermauern an die Charakterlosigkeit der Menschen und an das Nichts
+der Volksgunst, um welche ich selbst so eifrig gebuhlt.</p>
+<p>An Gefangenschaft und Zertrümmerung des selbstgebildeten Lebensplanes lag
+mir wenig, die Aussicht auf das Zuchthaus machte mich aber beben.</p>
+<p>Gott bestrafte den Hochmuth der Revolution im Großen, an mir im Kleinen.
+Acht Jahre Festung würden mich bei weitem nicht so erschüttert haben, wie
+acht Jahre Zuchthaus, die Richter trafen damit meinen Stolz noch weit mehr
+als meine Schuld.</p>
+<p>Das Fundament meiner gewöhnten Sittlichkeit bildeten jene Begriffe von
+Ehre, welche in der Achtung vor der Menschheit und im Selbstgefühle des
+Gebildeten wurzeln, die Achtung der Zeitgenossen und noch mehr der
+kommenden Geschlechter als das Höchste des Lebens erscheinen lassen.</p>
+<p>War diese Sittlichkeit bereits während der Revolution in
+Partheileidenschaft schiffbrüchig geworden, so bot sie beim Eintritte in
+das Zuchthaus vollends keinen Halt mehr. Am lebhaftesten fühlte ich dies in
+der ersten Nacht, die ich als Sträfling im einsamen Vorarreste zubrachte;
+ich glaube die Geburtswehen eines neuen Menschen in mir durchgemacht zu
+haben und habe ich in meinem Leben jemals im Gefühle meiner Ohnmacht um
+Gottes Schutz und Erleuchtung von Oben inbrünstig gefleht, so geschah es
+damals.</p>
+<p>Die Zuchthausstrafe war die Pferdekur, welche der erbarmende Gott bei mir
+anwenden mußte, wenn ich nicht zeitlich und ewig verloren gehen sollte.</p>
+<p>Voll Einbildung auf meine ganz absonderliche Gescheidheit und
+Scharfsinnigkeit hatte ich mich auf eine höchst tölpelhafte Weise den
+Gerichten selbst in die Hände geliefert und den Richtern nicht nur die
+nöthigen Waffen der Wahrheit, sondern noch ganz unnöthige meines souveränen
+Hochmuthes gegeben; voll von Träumen eines weitausschauenden Ehrgeizes, von
+hohen Ehren und in ferne Zeiten hinüberwallenden Weihrauchwolken, aß ich
+jetzt mit Räubern an Einem Tische und Nachts flüsterten mir Mörder die
+schauerlichen Geheimnisse ihres Lebens und gar oft ihrer Verworfenheit in
+die Ohren; voll armseligen Dünkels auf ein bischen Bücherkram mußte ich
+nunmehr mit den rohesten, unwissendsten Söhnen des Volkes mich abgeben und
+bald diesem bald jenem als eine Art Knecht unterthan sein; sehr freigebig
+mit Versprechungen gegen blutarme Angehörige, die alle Hoffnungen auf mich
+gesetzt, glaubte ich mindestens die Vorwürfe dieser in meinen Kerker
+hereintönen zu hören und so gleichgültig mir die Achtung oder Verachtung
+politischer Partheimänner wurde, so sehr kränkte mich doch das ungünstige
+Licht, in welches ich während der Revolution und jetzt gar als Graukittel
+bei manchem redlichen und einflußreichen "Aristokraten" gekommen, der mich
+einst geliebt, geachtet, in dieser oder jener Weise unterstützt und mir oft
+genug auch den Kamm wachsen gemacht hatte. Von den übrigen Leiden der
+Gefangenschaft mag sich der Leser dieser Zuchthausgeschichten leicht eine
+Vorstellung später bilden und weil ich einerseits nicht so unsinnig war, an
+Erlösung in Folge des Ausbruches einer neuen Revolution, anderseits
+unsinnig genug, an ein achtjähriges Zuchthausleben ernstlich zu denken, sah
+ich statt einer erträumten Apotheose schließlich einen nackten Leichnam auf
+dem fürchterlichen Brette der Anatomie, mein Skelett in irgend einer Nische
+eines anatomischen Museums neben den Hölzerlipsen und Schinderhansen und im
+günstigsten Falle mein vergeßnes Grab in einem Kirchhofwinkel.</p>
+<p>Viel zu stolz, um zu klagen oder zu murren, schickte ich mich äußerlich
+ganz vortrefflich in meine Lage, doch während der Mund lachte und spottete,
+blutete das Herz und zog sich bald in hoffnungsloser Trauer, bald in wildem
+Ingrimme zusammen.</p>
+<p>Viele Wassertropfen hölen den härtesten Stein, viele Zuchthausnächte
+allmählig das stärkste Mannesherz aus, besonders wenn die Stärke desselben
+in Hochmuth beruht.</p>
+<p>Durch die redende Macht der Thatsachen des Alltagslebens war ich zum
+Unglauben vorbereitet, durch das Studium der zeitgemäßen Philosophie und
+Geschichtschreibung der Unglaube meine Ueberzeugung geworden; auf ähnliche
+Weise wurde ich in die Arme des Glaubens zurückgeführt.</p>
+<p>Pantheismus und dessen reiferer Bruder Atheismus lassen Gott und die Idee
+der Zweckmäßigkeit fallen, in ihrer scheinbar oft reichen und wirklich sehr
+dürftigen Weltanschauung ist das Sein Alles, die letzten Gründe des Seins
+gelten bei ersterm wenig, bei letzterm gar nichts; der erstere verläugnet
+Alles, was nicht in sein Spinnengewebe taugt und findet für die
+auffallendsten, wunderbarsten Ereignisse der Geschichte und Thatsachen des
+alltäglichen Lebens höchstens natürliche Gründe, letzterer nimmt alles, wie
+es ist, verzichtet auf die Erklärung des letzten Warum und müßte
+folgerichtig aller Philosophie und allem Denken überhaupt den Todesschein
+schreiben. Mich hat das Studium ganz verschiedenartig denkender und deßhalb
+auch verschiedenartig darstellender Geschichtsschreiber immer verhindert,
+einer philosophischen Schule ausschließlich und lange zu huldigen und
+niemals konnte ich es über mich bringen, die leitenden Gesetze, welche
+Astronomie, Geschichte und Naturwissenschaften insbesondere täglich
+evidenter zu Tage fördern, als an sich selbstständige oder als Ausflüsse
+einer blinden, willenlosen Kraft zu betrachten.</p>
+<p>Ich nannte mich in keinem philosophischen Systeme fest, Spinoza und vor
+Allem die Schelling'sche Naturphilosophie sagten mir am meisten zu, doch
+der Ausspruch Hamlets: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, wovon
+sich die Philosophen nichts träumen lassen!&mdash;hielt mich in beständiger
+Unruhe und gegen den Fatalismus, in welchen ich mich hineinzulügen strebte,
+protestirte beständig das bewegliche Herz.</p>
+<p>Die Geschichte ist eine großartige Apologie der Idee der Zweckmäßigkeit,
+das Unzweckmäßige, Böse wird mit all seinen Folgen wunderbar in den Dienst
+des Zweckmäßigen, Guten hineingezogen, bei aller Disharmonie und
+Gesetzlosigkeit im Einzelnen herrscht Harmonie und Gesetzmäßigkeit im
+Ganzen.</p>
+<p>Weil jeder Mensch doch eine Welt im Kleinen ist, sollte dessen Geschichte
+nicht auch eine Weltgeschichte im Kleinen sein? Sollte die Idee der
+Zweckmäßigkeit nicht auch als rother Faden jedes individuelle Leben
+durchziehen, gleichviel ob der Mensch mehr zum Guten oder zum Bösen sich
+hinneige? Sollte keine höhere Macht durch das Leben und die Schicksale der
+Einzelnen wandeln und von ihm unabhängig dessen Thaten und Unthaten mit den
+Zwecken des Ganzen vereinbaren, denselben zu seinem eigenen Beglücker oder
+Henker werden lassen?&mdash;</p>
+<p>Solche Fragen sind nichts weniger als neu, schon oft genug bejahend
+beantwortet worden, doch ich glaubte nicht an die Bejahung und wollte nicht
+daran glauben, weil ich Morgenluft der positiven Religionen, des Judenthums
+und des Katholizismus herauswitterte und ich längst gewohnt war, Juden und
+Katholiken auch nur als Schauspieler des welthistorischen Dramas zu
+betrachten, welche nach gut gespielter Rolle von der Bühne abziehen und
+Andern Platz machen. Jetzt bin ich überzeugt, jede möglichst umfassende und
+objektiv gehaltene Geschichte eines Einzelnen, selbst des unbedeutenden
+Menschen würde zu einer indirekten oder direkten Verteidigung der
+katholischen Weltanschauung und christlichen Moral. Wenn unter den Menschen
+mehr Vertrauen als berechnende Vorsicht, mehr Wahrheitsliebe als
+Selbstliebe herrschten, so daß Viele ihr ganzes Sein und Leben, ihre
+Schatten- und Lichtseiten, ihr Böses und Gutes den Mitmenschen blos legten,
+dann schwände das heillose Vorurtheil, als ob die positive Religion an sich
+keinen Einfluß auf das Leben ausübe; man würde klar erkennen, wie ein
+<I>persönlicher</I> Gott strafend und lohnend durch jedes einzelne Menschenleben
+wandelt und daß der Ausspruch unseres Erlösers, wornach [wonach] ohne das
+Wissen Gottes kein Haar von unserm Haupte fällt, keine hingeworfene
+Redensart, sondern volle Wahrheit ist.&mdash;</p>
+<p>Ohne die Revolution wäre ich vielleicht nie zur Religion gekommen. Mein
+Bücherhochmuth mußte zunächst durch Thatsachen gedemüthiget werden, die ich
+mit eigenen Ohren hörte und mit eigenen Augen sah und deren Ursachen ich
+auf eine übernatürliche Macht, auf einen persönlichen Willen zurückführen
+oder notgedrungen das Denken aufgeben mußte.</p>
+<p>Fremde Schicksale, die ich genau kennen lernte und besondere Lebenslagen
+brachten mich zum Nachdenken über mein eigenes leichtsinniges und
+gottverlassenes Leben und wenn ich in meinem Stolze mich nicht als den
+solidesten, vortrefflichsten Burschen von der Welt, meine Fehltritte als
+verzeihliche Schwachheiten, meine heidnischen Gutthaten als nie oder selten
+erhörte Beweise großer, aufopfernder Tugend fortwährend betrachtet hätte,
+würde mir Gott vielleicht den grauen Kittel doch erspart haben.</p>
+<p>Im Zuchthause hatte das Beisammensein mit schamlosen, schlechten Leuten und
+mit Unglücklichen der bessern Sorte für mich den Nutzen, daß ich die
+Schicksale Einzelner genau kennen lernte und hundert und aber hundert
+Geschichten vernahm, welche mich überzeugten, der Mangel an positivem
+Christenthum sei die erste Quelle des Unglücks aller Menschen.</p>
+<p>Vom Nützlichkeitsprinzip der Zeit noch immer durchdrungen, vermochte ich
+nicht mehr zu verkennen, das Christenthum sei auch die wahre
+Nützlichkeitsreligion, der Ungläubige verkenne zunächst auch seine <I>wahren
+zeitlichen</I> Vortheile.</p>
+<p>Den Katholizismus als vollendetste Form des Christenthums längst
+betrachtend fand ich in Befolgung der Lehren desselben auch das Geheimniß
+des <I>zeitlichen</I> Glückes, die einfachste und großartigste <I>Lösung der
+sozialen Aufgaben</I>.</p>
+<p>Erzählungen gemeiner und politischer Verbrecher, an welche ich mich
+gleichmäßig anschloß, besondere Vorfälle, das Lesen guter Bücher,
+namentlich von Hirschers Erörterungen über die religiösen Fragen der
+Gegenwart, Unterredungen mit Geistlichen machten mich nachdenklich, die
+menschenfreundliche Behandlung von Seiten der Beamten und Aufseher
+entwaffnete meinen politischen Fanatismus, meine dennoch verzweifelnd
+bleibende Lage ließ das Bedürfniß eines höhern sittlichen Haltes nimmer
+einschlummern.</p>
+<p>Gott schien mich an den Haaren zu Sich reißen zu wollen, im Zuchthause
+mußte ich gezwungen den gottesdienstlichen Uebungen fleißig anwohnen, Gott
+nahm mir einige wenige Freunde, welche mich besucht und getröstet hatten,
+indem ihr Beruf sie in die Ferne rief, endlich entriß Er mich den sehr
+bedeutenden Zerstreuungen, welche in der Sträflingsgesellschaft eine tiefe
+Verinnerlichung des Gemüthes arg erschweren und führte mich in eine Zelle
+nach Bruchsal.</p>
+<p>Schon in Freiburg habe ich viel gebetet, sogar meine Sünden dem
+Zuchthauspfarrer aufrichtig gebeichtet, aber ich glaubte, Christus werde,
+wenn ein so seltener Gast wie ich Ihn mit einem Besuche beehre, mir wohl
+auch die kleine Gefälligkeit erweisen, und die Herren in Carlsruhe für
+meine Freilassung stimmen. Ich versprach Christo dagegen, meine Zöglinge,
+welche noch immer auf ihren alten Hauslehrer harrten, sich jedoch bei
+meinem längern Ausbleiben nach einem neuen nothgedrungen umsehen mußten,
+recht christlich und gottesfürchtig zu erziehen. Christus aber blieb
+gesonnen, zunächst mich selbst zu erziehen, bevor ich wieder der Erzieher
+Anderer würde, die Herren in Carlsruhe fanden sich vorläufig "in keiner
+Weise veranlaßt", auf meine Begnadigung anzutragen und dies bewirkte einen
+namhaften Rückfall in den alten Unglauben und politischen Fanatismus.</p>
+<p>"Entweder liegt dem Erlöser wenig an den Seelen meiner verlassenen Zöglinge
+oder Er vermag nichts in Carlsruhe, weil Er einen bereits gebesserten und
+vortrefflichen Menschen meiner Art in der Zelle eines Zuchthauses stecken
+läßt", dachte ich, dachte geringer von Christus und mehr als gering von den
+Herren in Carlsruhe.</p>
+<p>"Was liegt an mir, ob ich zeitlich und ewig zu Grunde gehe? Das lumpige
+Leben dauert nur Einen Augenblick, dann ists vorbei und hat mich Gott
+ungerecht auf Erden zappeln lassen, so mag er dann meinethalben auch Seinen
+Himmel für sich behalten. Gibt es eine Hölle, dann ist sie schwerlich
+heißer als ein pennsylvanisches Gefängniß und finde vornehme Kameradschaft
+genug darin. Zunächst will ich den geistlichen und weltlichen Beamten sammt
+den Aufsehern durch keine Klage Freude bereiten, will meine Lage nicht
+unklug verschlimmern und ihnen zeigen, was für ein grundsatzfester Mann in
+einem Freischärler und in einer Sträflingsjacke zu stecken vermag!" So
+dachte ich in schlimmen Stunden und redete mich beim Anblick der an der
+Wand hängenden Hausordnung und des Himmels, der durch das Kerkergitter
+gleichgültig hereinschaute, in stoischen Gleichmuth hinein.</p>
+<p>Doch in der Einsamkeit gedeiht der Stoicismus bei einem achtjährigen und
+sich schuldlos dünkenden Gefangenen nicht gut.</p>
+<p>Die Einsamkeit hielt eindringliche, furchtbare Reden an mich, der alte
+Mensch fing mit dem neuen in mir immer ärgere Händel an, ich verbrachte
+meine freie Zeit mit Lesen und Zeichnen, dachte unter Tags und in der Nacht
+an mich, suchte die Räthsel meines Schicksales zu lösen und wurde täglich
+mehr überzeugt, welcher Bursche ich eigentlich bisher gewesen und wie wenig
+es mein eigenes Verdienst sei, niemals eine an sich entehrende und des
+Zuchthauses würdige That begangen zu haben.</p>
+<p>Noch weit mehr als früher entwaffnete ein taktvolles, menschenfreundliches
+Benehmen der Beamten und Aufseher, welche doch in meinen Augen Söldlinge
+der vernichtungswürdigen badischen Regierung waren, meinen politischen
+Fanatismus, in meinem Hausgeistlichen lernte ich einen sehr gebildeten Mann
+kennen, der vor meinem Bücherkram keineswegs verstummte und in ihm
+gleichzeitig einen Christen, wie ich bisher noch keinen kennen gelernt
+hatte.</p>
+<p>Von der positiven Religion und der katholischen Kirche dachte ich bereits
+hoch, am Glauben an Vieles mangelte es mir nicht mehr, meine alte Wenigkeit
+wurde durch Gespräche, Bücher und Lebenslage aus den letzten Bollwerken des
+souveränen Hochmuthes herausgetrieben. Immer lebhafter erwachte in mir das
+Bedürfniß eines positiven Verhältnisses zu Gott und je mehr ich die
+Haltlosigkeit meines Wissens, Lebens und Strebens einsah, desto
+sehnsüchtiger wurde ich nach Wahrheit, erleuchtender, beseligender
+Wahrheit. Endlich hinkte ich, der souveräne Bürger und preiswürdige
+Märtyrer des Volkes, an einem Krückenstocke, von leiblichen Schmerzen
+gefoltert, elendiglich und von den Menschen verlassen im Zuchthause herum;
+der Schmerz machte mich oft wüthend und nach einiger Zeit begriff ich, der
+kleinste Heilige der katholischen Kirche sei doch ein tausendmal
+charakterfesterer und glücklicherer Mensch als ich gewesen.</p>
+<p>Wiederum las ich Hirschers Erörterungen, Staudenmaiers Dogmatik, Stolzens
+Ewigkeitskalender und Legenden, englische und amerikanische
+Controversschriften und vieles Andere, schaute bereits mit ganz andern
+Augen als früher in diese Bücher hinein und wünschte, daß sie lauter
+Wahrheit, absolute Wahrheit enthalten möchten.</p>
+<p>Ich sah ein, daß ohne den Glauben an den lebendig gewordenen Gottessohn
+alles Gerede von Christenthum eben ein Gerede, daß Christus der Mittelpunkt
+und Wendepunkt der natürlichen und übernatürlichen Welt, des Diesseits und
+Jenseits sei, die katholische Kirche aber der in der Zeitlichkeit
+zurückgebliebene Christus.</p>
+<p>"Wer die göttliche Dreieinigkeit zugibt, mag Satz für Satz und Schluß für
+Schluß die göttliche Wahrheit des Christenthums darthun. Wer einmal fest an
+Christum glaubt, muß nothwendig auf den Katholizismus verfallen, wenn er
+ein bischen gesunde Logik im Leibe hat. Das ist alles richtig, und
+glücklich wer in Christo den Urquell erleuchtender Wahrheit und
+beseligenden Lebens gefunden; aber Ein Gott in drei Personen und ein
+Gottessohn, der auf Golgatha für die Sünden selbstgeschaffener Geschöpfe
+büßt, gleichsam als ob eine Weltordnung auszusühnen gewesen, welcher
+Christus, ein Gott, selbst unterthan, folglich wieder kein Gott, sondern
+ein Unterthan gewesen, das ist meinen Einsichten zu stark, ich kann es
+nicht recht glauben und wenn ich deßhalb verdammt werden sollte, so sähe
+ich darin lediglich eine neue Ungerechtigkeit Gottes. Der Glaube ist eine
+Gnade; Andere mögen diese Gnade erhalten haben, ich weiß nichts von solcher
+Begnadigung, folglich bin ich für meine Zweifel auch nicht verantwortlich!"</p>
+<p>In dieser Weise redete ich einmal im Anfange des Jahres 1851 mit dem
+geistvollen, würdigen Zuchthauspfarrer und dachte: "Gelt, Theologe, der
+Freischärler schlägt dich doch noch aus dem Felde; du verstehst mehr als
+ein Dutzend anderer Pfarrer im Lande und bist zudem bei allem Christenthum
+ein vorherrschender Verstandesmensch, ein Mathematiker, aber mich soll kein
+katholischer Pfarrer durch Ueberzeugung von meinem Mangel an gründlichem
+Wissen und ernstem Denken bekehren!"</p>
+<p>Der Geistliche war ein ordentlicher Gedankenerrather, lächelte in seiner
+besondern Weise und fragte ruhig:</p>
+<p>"Haben Sie denn jemals an Christum den Gottessohn glauben <I>wollen</I>?"</p>
+<p>"Gewiß, denn ich will Wahrheit, womöglich absolute Wahrheit und wenn
+Christus diese absolute, fleischgewordene Wahrheit ist, will ich gern die
+Gnade des Glaubens an Ihn ergreifen. Mein Wille ist gut, aber Gott achtet
+nicht darauf!"</p>
+<p>"Haben Sie denn diesen guten Willen schon <I>bethätiget</I>?"</p>
+<p>"Ei, habe ich nicht einen Heißhunger nach theologischen Schriften?
+Vergleiche ich nicht während der Arbeit die Aussagen der Katholiken mit
+denen der Protestanten, die Aussagen dieser mit denen der Philosophen und
+anderer Ketzer?"</p>
+<p>"Dies ist Etwas, aber nicht genug. Alles Bücherwissen gibt Ihnen höchstens
+Vorbereitung auf den Christenglauben, nicht diesen selbst, denn er ist eine
+Gnade!&mdash;Sie haben noch einen andern Weg zu betreten, der zur Wahrheit
+führt und von welchem die wenigsten sogenannten Wahrheitsfreunde Etwas
+wissen <I>wollen</I>, wenn sie auch die Unzulänglichkeit des menschlichen und
+eignen Wissens einsehen und zugeben!"</p>
+<p>"Sie meinen das Gebet, Herr Pfarrer, nicht wahr? Viele Menschen haben
+behauptet und behaupten noch, durch Gebet zur Wahrheit gelangt zu sein. Wer
+die Wahrheit ernstlich will, durch alles Denken und Studiren nicht zu ihr
+gelangt, der <I>muß</I> den Weg des Gebetes betreten, wenn er auch nicht einmal
+an Gott glauben sollte. Ich <I>habe</I> gebetet, jedoch nicht um die Gnade des
+Glaubens, sondern um volle Wahrheit und Gewißheit in göttlichen Dingen."</p>
+<p>"Und zweifeln noch an dem Gottessohn?"</p>
+<p>"Allerdings!"</p>
+<p>"Gut, fahren Sie nur mit Studiren und mit Beten fort, beten Sie mit aller
+Inbrunst, deren Sie fähig sind, nicht um die Gnade des Glaubens an den
+Gottessohn, sondern in Demuth um Wahrheit, befriedigende und dadurch auch
+beseligende Wahrheit allein. Wer um Gnade bittet, bekommt sie; glaubenslose
+Menschen <I>wollen</I> nicht darum bitten, <I>wollen</I> den vornehmen Weg zur
+Wahrheit nicht betreten, wenn sie denselben auch längst vom Hörensagen
+kennen. Im bösen Willen allein liegt das Verdammungsurtheil der zahllosen
+Namenchristen!"</p>
+<p>Mir war es ernstlich um Wahrheit zu thun, deshalb flehte ich auch ernstlich
+um sie und die Wahrheit ist mir in Jesu Christo kund geworden. Eine neue
+Erde, eine neue Geschichte der Menschheit, ein neuer Himmel eröffnete sich
+mir in einer kleinen Zelle des neuen Männerzuchthauses zu Bruchsal.</p>
+<p>Ich habe aufgehört, Christum lediglich als einen großen Mann, die Kirche
+Christi als vorübergehende Erscheinung im geschichtlichen
+Entwicklungsprozesse zu betrachten, eine Ansicht, aus welcher zahllose,
+beklagenswerthe und sehr folgenschwere Irrthümer fließen.</p>
+<p>Der positivkatholische Standpunkt ist der meinige geworden und ich habe
+offen und ehrlich dargethan, auf welche Weise ich zu ihm gelangte.</p>
+<p>Damit ist meine Vorgeschichte zu diesen Zuchthausgeschichten einstweilen
+geschlossen und ich gehe zu letztern selbst über.</p>
+<p>Einer, der die Welt verbessern helfen möchte und zugleich Einer, der
+rücksichtslos gegen sich und Andere redet, handelt und schreibt, wo die
+Interessen der ewigen Wahrheit wirklich oder doch nach meiner inneren
+Überzeugung im Spiele zu sein scheinen, bin ich geblieben. Die ewige
+Wahrheit aber ist die der katholischen Kirche und wenn man in ihrem Sinne
+zunächst sich selbst zu verbessern und auf die Besserung der Einzelnen
+durch Beispiel, Wort und Schrift einzuwirken sucht, befindet man sich auf
+dem nächsten und besten Wege, das Ganze zu verbessern.</p>
+<p>Das Christenthum gelangt im Einzelnen wie im Ganzen nur allmählig zur
+Wirklichkeit, ist ein mühevolles Streben und langsames Werden und der gute
+Wille unser vornehmstes Verdienst.</p>
+<p>Wenn ich über Wandel und Lehre meines ewigen Herrn und Meisters nachdenke
+oder die einzig ächten Helden der Weltgeschichte, die Helden des sittlichen
+Willens, nämlich die Heiligen betrachte und mich mit dem geringsten
+derselben vergleiche, ja wenn ich einzelner Männer gedenke, deren
+Gesinnungen und Wandel mich in dieser trüben, drangvollen, gewitterschwülen
+Zeit aufrichten und ermuthigen, dann empfinde ich sehr lebhaft, welch
+langen Weg ich noch zurückzulegen habe, um in Allem ein erträglicher
+Katholik heißen zu dürfen. Auch sind meine Worte und Ansichten nichts
+weniger als unfehlbar und meine Schriften mögen mehr Mängel haben denn ein
+alter Judengaul, mindestens habe ich an meinen Erstlingsversuchen selbst
+weit mehr als Andere auszusetzen gefunden. Aber an redlichem Willen als
+Christenmensch durch meine Lebensminute zu wandeln, die Weltkirche Jesu
+Christi bei jeder Gelegenheit und auf jede mir zustehende Weise
+vertheidigen und verherrlichen zu helfen, durch Schriften, Wort und That
+das Werden des Christenthums in meinen Mitmenschen zu fördern, damit für
+die moralische Hebung des Volkes im allgemeinsten Sinne zu wirken, daran
+fehlt es mir nicht und Gott wird durch den Erfolg der Schriften auch unter
+anderm zeigen, ob ich meinen eigentlichen Beruf nicht verkannt und mir ein
+zu hohes Ziel vorgesteckt habe.</p>
+<p>Wie in neuerer Zeit gegen heidnische Weltweisheit und Geschichtschreibung
+durch das Aufblühen der spekulativen Theologie und christlichen
+Geschichtschreibung im Namen der Ewigkeit protestiert wurde, also hat sich
+auch gegen die heidnische Unterhaltungsliteratur der christliche Geist
+erhoben, zuerst vorherrschend verneinend, dann aber versuchend, durch
+Schöpfung einer christlichen Unterhaltungsliteratur derselben
+entgegenzuarbeiten.</p>
+<p>Wie Gleichgültigkeit gegen positive Religion, Unglaube und Unsittlichkeit
+vorzugsweise durch unterhaltende Schriften in das Herz des Volkes und
+insbesondere des jungen, lesesüchtigen Volkes wahrhaft hineingeschmuggelt
+werden, indem Irrthum und Lüge das Mäntelchen der Wahrheit, falsche
+Sittlichkeit und entschiedene Unsittlichkeit das der Tugend umhängen, so
+läßt sich meines Erachtens auch die Weltanschauung des Christenthums in die
+Herzen der Menschen gleichsam hineinschmuggeln. Freilich hat die
+unchristliche Unterhaltungsliteratur den großen Vortheil für sich, daß sie
+der Sinnlichkeit, dem Geisteshochmuth und den Leidenschaften der Menschen
+schmeichelt, während die christliche gerade gegen die Selbstsucht einen
+entschiedenen Vernichtungskrieg führen muß.</p>
+<p>Ferner huldiget die unchristliche Unterhaltungsliteratur den Anschauungen
+und Tendenzen der Zeit, während die christliche bisher vorherrschend in der
+ihr eigenthümlichen ideellen Welt, deren Verständniß zur Rarität geworden
+und ein bereits christliches Gemüth voraussetzt, sich bewegte oder gegen
+das Wahre und Ewige in den Anschauungen und Tendenzen der Gegenwart sich
+oft mit einseitiger Polemik kehrte und dadurch die Kinder der Zeit von
+vornherein abstieß und langweilte. Endlich läßt sich nicht verkennen, daß
+die genialsten Schriftsteller, Romanenschreiber und Theaterdichter
+insbesondere vorzugsweise Protestanten und Juden sind, ausgerüstet mit der
+ganzen Bildung der Zeit und mit allen Waffen des Geistes, welche sie für
+den Geist der Verneinung schwingen und im Hochgefühle ihrer noch wenig
+beeinträchtigten Herrschaft im Gebiete der Literatur besonders gegen den
+positiven Glauben und gegen die katholische Kirche kehren.</p>
+<p>Ich bin sehr weit davon entfernt, die großen Verdienste unserer
+protestantischen und jüdischen Schriftsteller um Wissenschaft und Kunst zu
+verkennen, oder Zeitrichtungen und Persönlichkeiten deßhalb verdammen zu
+wollen, weil dieselben nicht katholisch sind; auch verkenne ich nicht, daß
+es einem entschiedenen Protestanten oder glaubenslosen Juden beinahe
+unmöglich sei, die katholische Weltanschauung sammt Allem, was daraus
+fließt, mit andern als mißtrauischen oder feindseligen Augen zu betrachten,
+doch jene Ungerechtigkeit und Leidenschaftlichkeit, mit welcher nur
+allzuhäufig Alles abgethan wird, was katholisch heißt und heißen will,
+halte ich eben für keinen lobenswerthen Characterzug der modernen Kritik
+und der gegenwärtigen Zeit überhaupt.</p>
+<p>Die Fähigkeit sich über Partheistandpunkte zu erheben, das Wahre in
+entgegengesetzten Richtungen anzuerkennen und auch im Feinde den
+gleichberechtigten Menschen gelten zu lassen, scheint dem jetztlebenden
+Geschlechte täglich mehr abhanden zu kommen, je ärgeres Geschrei von
+sogenannter reinmenschlicher Bildung und Freiheit Aller erhoben wird. Wohl
+deßhalb, weil Wissenschaft und Kunst sich immer entschiedener auf das
+Wirkliche und Praktische geworfen, wird auch hierin Alles zur Parthei und
+jede Aeußerung katholischen Lebens nicht nur vom Standpunkte der Parthei
+aus beurtheilt, sondern in Folge eines gewissen Instinktes von den meisten
+Söhnen der Verneinung mit Partheileidenschaft und Partheiwuth behandelt.</p>
+<p>Die katholische Kirche kennt keine Partheiwuth, es liegt hierin eine
+Aeußerung ihrer unbesiegbaren Stärke. Der Katholik sollte mit dem ruhigen
+Blicke der Ewigkeit in das Gewühl und in den Wirrwarr des zeitlichen Lebens
+hineinschauen, allein Katholiken sind auch Menschen, haben auch ihre
+Schwachheiten und Fehler und je inniger Einer von der Wahrheit seines
+Glaubens überzeugt ist, desto leichter steht er in Gefahr, dem Gegner
+gegenüber ungerecht und leidenschaftlich zu werden und diesem dadurch
+Waffen gegen sich in die Hände zu liefern.</p>
+<p>Man darf nur in manche katholische Tagesblätter hinein sehen, um die
+Ueberzeugung zu gewinnen, der gerechte Ingrimm gegen die Revolution sei zum
+ungerechten Ingrimm gegen das democratische Prinzip, welches innerhalb der
+Kirche Anerkennung und Berechtigung doch auch gefunden und der gerechte
+Zorn gegen die Partheisucht der sogenannten Juden- und Heidenpresse zur
+ungerechten Verkennung der Berechtigung des protestantischen Prinzips der
+Subjectivität und der großartigen Verdienste der protestantischen
+Wissenschaft und Kunst fortgeschritten.</p>
+<p>Wer ein Buch im katholischen Geiste schreibt, darf ziemlich sicher sein,
+von der herrschenden protestantischen Kritik entweder vornehm ignorirt oder
+mit Waffen todgeschlagen zu werden, welche nicht von der angeblich so
+heißen Liebe für Wahrheit und vom angeblich freien Geiste der Wissenschaft
+geschliffen sind. Dagegen werden Protestanten, welche sich in Staat,
+Wissenschaft und Kunst die höchsten Verdienste erworben, um mißliebiger
+Ansichten willen von Katholiken oft in einer Weise behandelt, in welcher
+kein Fünklein menschlicher Billigkeit und christlicher Liebe zu entdecken
+übrig bleibt.</p>
+<p>Zuletzt haben Protestanten und Katholiken, welche sich damit abgeben, der
+unsittlichen Unterhaltungsliteratur eine christliche entgegenzusetzen, noch
+mit dem verdorbenen Geschmacke und der Verkehrtheit der Lesewelt zu
+kämpfen. Um sich von dem verdorbenen Geschmacke zu überzeugen, darf man nur
+in die nächste beste Leihbibliothek gehen. Welche Bücher am meisten gelesen
+werden, habe ich hundertfältig mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren
+gehört.</p>
+<p>Sauber und wohlerhalten stehen die Werke classischer Schriftsteller aller
+Völker, die deutschen nicht ausgenommen, in den Schränken und selten
+bekümmert sich ein Leser um dieselben. Ich könnte einen Leihbibliothekar in
+einer schon bedeutenden Stadt nennen, welcher Göthe's Werke sechs Jahre im
+Laden hatte und dann verkaufte, weil während der ganzen Zeit auch nicht Ein
+Leser Eines derselben abgeholt hatte. Englische und amerikanische
+Schriftsteller werden zwar ziemlich gelesen, ebenso unsere guten
+Romanenschreiber und noch mehr unsere Tendenzbären, allein reißend gehen
+die neuern und neuesten Franzosen, noch reißender die einfältigsten,
+geistlosesten Ritter-, Räuber-, Gespensterromane und herzbrechende Helden
+der verschollen geglaubten sentimentalen Zeit und am reißendsten bei
+<I>allen</I> Klassen des Volkes&mdash;schmutzige Geschichten ab.</p>
+<p>Man darf nur Bücher, deren Decke von Schmutz glänzt und deren Blätter von
+der Unschuldsfarbe bereits keine Spur mehr zeigen, heraussuchen und dann
+fast sicher sein, aus diesem Liebling des Publikums einen Menschen
+herausreden zu hören, der mit Paul de Kok, Casanova und Andern dieses
+Gelichters frappante Ähnlichkeit hat.</p>
+<p>Die traurigen Folgen derartigen Geschmackes werden in diesen
+Zuchthausgeschichten zum Theil am "Duckmäuser" offenbar und zwar weder
+historisch unwahr noch übertrieben, denn der gute Duckmäuser ist nichts
+weniger als ein erdichteter Charakter und dessen Geschichte nichts weniger
+als eine erdichtete Geschichte, was nicht nur schwarz auf weiß sondern
+mündlich von ihm selbst wie vom alten "Paule" und den meisten in diesen
+Geschichten vorkommenden Persönlichkeiten, ich möchte sagen bereits von
+Allen, die noch leben oder nicht nach Amerika auswanderten, bewiesen werden
+könnte.</p>
+<p>Aus der Wirklichkeit ist der ganze Inhalt dieser Schrift geschöpft und der
+Idealisirung absichtlich nur der allernothwendigste Spielraum gelassen. Die
+platte, gemeinste Wirklichkeit eines Zuchthauses zu schildern ist zwar
+unmöglich und glücklicherweise auch unnöthig, allein wer nicht blos
+unterhalten, sondern noch mehr belehren möchte und bei der Belehrung eine
+bestimmte Absicht verfolgt, darf und kann nicht so Vieles vertuschen und
+verschönern, als er von Herzen gern wünschte, weil die Objektivität
+darunter zu große Noth litte.</p>
+<p>Einen ästhetischen Maßstab an vorliegende Schrift legen, hieße den Zweck
+derselben gänzlich verkennen, denn dieser ist ein durch und durch
+praktischer.</p>
+<p>Er ist auch zugleich ein zwiefacher.</p>
+<p>Erstens nämlich soll diese Schrift ein Scherflein dazu beitragen, die
+Einsicht in die Schäden und Wunden unseres süddeutschen Volkslebens und
+unserer gesellschaftlichen Zustände zu vermehren und dahin zu weisen, woher
+gründliche Heilung einzig und allein zu kommen vermag.</p>
+<p>Ich habe meine eigene Zuchthausgeschichte im Interesse der positiven
+Religion so offen und ehrlich erzählt, daß ich nicht fürchte, dereinst am
+Gerichtstage Gottes darob zu Schanden zu werden und gerade weil meine
+Selbstliebe sich dagegen sträubte, daß ich der Welt mein Innerstes bloß
+lege, habe ich mich eher zu schlecht als zu gut gemacht.</p>
+<p>Durch die Geschichte gemeiner Verbrecher werden die Wege zum Zuchthaus und
+dadurch aber auch der einzig richtige Weg zum zeitlichen und ewigen Glücke
+offenbar, die finstern Mächte des Erdenlebens enthüllt, die verklärten
+Gestalten des Himmels verherrlichet.</p>
+<p>Langsam und allmählig wächst der Mensch im Guten, rascher und reicher im
+Bösen. Mag die That eines Verbrechens den Mitmenschen noch so auffallend
+und vereinzelt erscheinen, dieselbe ist doch nur die Frucht eines längere
+Zeit fortschleichenden und wachsenden innern Verderbnisses und beweist
+eindringlich, wie klein der Schritt vom Lasterhaften zum Verbrecher sei und
+damit der Unterschied zwischen zahllosen Freien und den meisten Gefangenen.</p>
+<p>Ich brauche dem Leser wohl nicht im Einzelnen nachzuweisen, welchen Einfluß
+die positive Religion auf das Leben ausübe. Wer die Geschichte irgend eines
+untergegangenen Volkes der Erde vom Anfange bis zu den Endpunkten recht
+begreifen will, muß sich vor Allem in die religiöse Anschauung desselben
+vertiefen, denn in dieser wurzelt die Gestaltung der Lebenszustände.
+Christi Welt- und Menschheitsreligion hätte ohne Einfluß auf das Leben die
+Welt schwerlich umgestaltet, übt fortwährend mächtigen Einfluß auf Politik
+und Völkerleben und sogar auf die Nationalökonomie, wie der ungläubigste
+Nationalökonom bei den wohlhabenden und betriebsamen Quäkern finden könnte.</p>
+<p>Der Leser weiß auch mindestens im Allgemeinen, daß Mangel an religiöser
+Erziehung und noch mehr an Belebung, steigende Genußsucht im Kampfe mit
+steigender Armuth und Verdienstlosigkeit die Quellen der meisten Verbrechen
+sind und ich erlaube mir nur Eine Bemerkung.</p>
+<p>Viele Sträflinge haben Väter, deren Namen in keinem Taufbuche zu finden und
+fast bei allen gemeinen und wohl auch bei vielen politischen Verbrechern
+habe ich eine merkwürdige Lockerung der Familienbande und Zerrüttung der
+Familienverhältnisse in verschiedener Weise wahrgenommen.</p>
+<p>Auflösung und Zerstörung des Familienlebens&mdash;dieses Idol hirnloser
+Utopier&mdash;führt Einzelne dem Zuchthause und Völker dem raschen Untergange
+entgegen und wo Hurerei und Ehebruch als verzeihliche Schwachheiten
+betrachtet werden, was bei uns häufig der Fall zu sein pflegt, läßt sich
+von der Zukunft nicht allzuviel Tröstliches erwarten und Büreaukraten und
+Polizeimänner sind hierin auch wunderliche Volksdoktoren.</p>
+<p>Noch weit wunderlicher sind aber hierin viele Erzieher und Mütter und
+gleichen dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um den Feind
+nicht zu sehen, der ihn oder seine Jungen zerfleischen will.</p>
+<p>Ich finde einen Mangel sehr vieler katholischer Unterhaltungsschriften
+darin, daß sich die Gestalten derselben weit eher im Himmel und in der
+Hölle, als auf der Erde und in der lebendigen Wirklichkeit herumbewegen.
+Man mag sich in einer erdichteten Idealwelt sehr gut gefallen und süße
+Thränen der Rührung und Freude weinen, aber ich habe in meiner Jugend auch
+erfahren, daß viele Bücher den unerfahrenen Leser zu sehr in die Idealwelt
+hineingewöhnen, dadurch die Bekanntschaft mit der wirklichen bedeutend
+erschweren und es Jedem überlassen, oft mit großen Gefahren und Unkosten
+mit derselben näher bekannt zu werden. Lauter schneeweiße Tugendhelden und
+rabenschwarze Lastermenschen, überglückliche Christen und unglückselige
+Unchristen, lauter verklärte fromme Priester und ganz abscheuliche Gegner
+derselben&mdash;dies Alles ist etwas Unwirkliches, Einseitiges und hat
+schlimme Folgen, weil der junge Leser den Maßstab der gewonnenen Ideale an
+die Gestalten des wirklichen Lebens legt, nichts davon weiß, daß die
+meisten Menschen für den Himmel zu schlecht und für die Hölle zu gut und
+niemals fertige sondern immerfort werdende und sich entwickelnde Geschöpfe
+seien und sehr leicht mit der Wirklichkeit, Gott, Welt und sich selbst
+zerfällt, weil er <I>zuviel</I> von den Menschen verlangt.</p>
+<p>Ich für meine Person halte blutwenig vom Nutzen derartiger Unterhaltungs-
+und Controversschriften, meine, der Schriftsteller sollte Stoff und
+Charaktere aus der Alltagswelt schöpfen und besonders in Jugendschriften
+Alles eher zu wenig als zuviel in übernatürliche Höhe schrauben und darnach
+streben, den Leser nicht der Wirklichkeit zu entfremden, in der er doch
+einmal leben muß, sondern mit derselben zu befreunden, keck auf alle
+Schatten- und Lichtseiten eingehen, damit man sich in derselben leichter
+zurecht finde und alle trüben und hellen und dämmerungsreichen
+Erscheinungen des Lebens im Lichte der Idee zeigen, damit man nicht eitel
+Unwahrheit darin sehe und sich gegen dasselbe kehre.</p>
+<p>Man braucht die Gestalten des Himmels und gute Menschen nicht in eine
+erträumte Idealwelt hineinzubannen, denn beide sind auf der Erde
+aufzufinden; die Gestalten des Himmels wirken hienieden unsichtbar
+Sichtbares genug, an guten Menschen ist auch heutzutage noch kein Mangel
+und den Mittelschlag zwischen Guten und Bösen sollte man um so weniger
+vergessen, weil derselbe im Leben die ungeheure Mehrzahl bildet.</p>
+<p>Eines der größten, folgenschwersten und leider allgemeinsten Laster ist die
+Unkeuschheit und das Schlimmste dabei, daß weder auf der Kanzel noch in
+Büchern, welche auf christlichen Geist Anspruch machen, von dieser Hydra
+des Menschengeschlechtes die Rede sein soll. Einem zu weit getriebenen
+Anstande und einer falschen Schaam wird die ächte Delikatesse und wahre
+Schaam vieler tausend jungen Seelen geopfert.</p>
+<p>Schon Rousseau hat diese verderbenbringende Schönthuerei als Anlaß vieles
+Bösen und großen Unglückes mit Recht verdammt. Papa lächelt und schweigt,
+Mama lacht und schilt bei gewissen naiven Fragen des Kindes, auf welche
+geistliche und weltliche Lehrer keine oder doch keine genügende Antwort
+ertheilen. Allein das Kind vergißt die Frage nicht mehr, weil der
+erwachende Trieb es an dieselbe mahnt, es gibt größere und minder gut
+geartete und wohlerzogene Kinder, gibt furchtbar gewissenlose Dienstboten,
+gibt Gelegenheiten zu Sünden und nur zu oft springt der junge Mensch der
+reizenden Sünde lächelnd in die Arme, weil er sie nicht und noch weniger
+deren Nachwehen genügend kennen gelernt hat.</p>
+<p>Genügend? Wo gibt es einen Schutz gegen sittenlose Unterhaltungsschriften
+und medizinische Bücher? Ich weiß, daß wir in großen Wörterbüchern
+stundenlang nach gewissen Ausdrücken suchten und gewisse Stellen
+heidnischer Dichter auswendig wußten, ohne daß der Lehrer darnach je
+fragte.</p>
+<p>Man kann zu sehr hinter dem Berge halten und dadurch wahrhaft gewissenlos
+an den eigenen Kindern handeln, zumal keine Sünde dem Menschen näher liegt,
+keine mehr reizt und scheinbar befriediget, keine so rasch und leicht dem
+leiblichen und geistigen Verderben entgegenführt und betrübtere Folgen für
+das spätere Leben nach sich zieht, als gerade diejenige, von welcher
+Eltern, Lehrer und christliche Bücher am allerunliebsten reden, am liebsten
+schweigen.</p>
+<p>Unsere Jugend liest im Ganzen zehnmal mehr als sie zu verdauen vermag und
+meistens unterhaltende Bücher. Christliche Unterhaltungsschriften schonen
+das heillose Vorurtheil der Menschen, doch die Zahl unchristlicher Romane,
+welche das Laster der Unkeuschheit lieber ausmalen und verherrlichen, als
+andeuten und die traurigen, schrecklichen Folgen desselben schildern, heißt
+Legion und nicht christliche, sondern unchristliche und sittenlose Bücher
+sind das Lieblingsfutter der jungen Lesewelt. Es ist mißlich und schwierig,
+hier etwas Gutes zu leisten.</p>
+<p>Natürlicherweise kommt in Zuchthäusern hinsichtlich des sechsten Gebotes
+Vieles vor, was man in einer nicht sowohl für Gefängnißkundige als für das
+größere Publikum bestimmten Schrift nur ungemein gemildert auftischen oder
+durchaus weglassen muß und eine der größten Schwierigkeiten hinsichtlich
+dieser Zuchthausgeschichten lag für mich darin, einerseits der objectiven
+Wahrheit und anderseits dem sittlichen Gefühle nicht allzunahe zu treten.</p>
+<p>Schon die äußere Rücksicht auf meinen hochverehrten Gönner, den Herrn
+Professor Stolz mußte mich vorsichtig machen, damit ich durch die im
+Interesse einer großen Sache nothwendige Profanirung des Kultus und der
+geschlechtlichen Verhältnisse keinen Anlaß zu gegründeten Beschwerden gebe.</p>
+<p>Der zweite Zweck dieser Schrift berührt das <I>Gefängnißwesen</I>.</p>
+<p>In diesem Fache können Männer aller religiösen und politischen Farben ein
+ruhiges und vernünftiges Wort reden und eine beim Volke ebenso unbeachtete,
+als wichtige Frage der Zeit entscheiden helfen.</p>
+<p>Weil ich nicht die Ehre habe, Rechtsgelehrter oder Gefängnißbeamter zu
+sein, erscheine ich als vollkommen Unpartheiischer und weil ich die Unehre
+hatte, volle 33 Monate ein Gefangener zu sein, wird es wohl als keine
+Anmaßung erscheinen, wenn ich Gelehrten von Fach ein klein bischen ins
+Handwerk pfusche.</p>
+<p>Ich habe lange genug unter Sträflingen gelebt, um die unverbesserlichen
+Grundfehler des Zusammenlebens derselben ausfindig zu machen und fast lange
+genug in der Zelle, um die Lichtseiten und Schattenseiten des
+pennsylvanischen Systems an sich und in seiner bisherigen Durchführung
+kennen zu lernen. Ich versäumte auch nicht, die Jahrbücher von Julius und
+Varrentrapp und die Schriften berühmter Anhänger der verschiedenen
+Gefängnißsysteme sammt denen ihrer Gegner zu lesen, habe sogar Ritter
+Apperts zahlreiche Geisteserzeugnisse, bei denen der Erfolg das
+Merkwürdigste bleibt, verschlungen und dadurch mindestens die Ueberzeugung
+gewonnen, daß auch im Gefängnißwesen eine 33jährige Erfahrung die Augen
+selbst einem Franzosen nicht mehr öffnet, wenn derselbe alltägliche
+Vorurtheile gegen ein System einmal eingesogen und öffentlich als
+berechtigte anerkannt hat oder gar, mit einem selbstfabrizirten Systemchen
+schwanger gehend, in schweren, langjährigen und immer fruchtlosen
+Geburtsnöthen in der weiten Welt herumkutschirt.</p>
+<p>Weil die Gefängnißfrage eine der wichtigsten Fragen der Staatsverwaltung
+und Rechtspflege ist, so habe ich mich keineswegs mit meinen persönlichen
+Erfahrungen und dem Lesen zahlreicher Schriften über Gefängnißwesen
+begnügt, sondern namentlich auch bedacht, daß mich die aufrichtige und
+bleibende Hochachtung und Liebe, welche ich den geistlichen und weltlichen
+Beamten des Bruchsaler Zellengefängnisses zollen muß, leicht mit
+einseitiger Vorliebe für das Isolirsystem erfüllen und unmerklichen Einfluß
+auf meine Ueberzeugung ausüben könnte.</p>
+<p>Noch selbst Gefangener habe ich mit Manchem geredet, welcher das
+Zellenleben früher durchgemacht hatte und nach meiner Begnadigung redlich
+gestrebt, Urtheile der Zellenbewohner zu vernehmen und Entlassene zu
+beobachten und zwar beides bei Leuten, welche gemeine Verbrechen begangen,
+theilweise die einsame sammt der gemeinsamen Haft gekostet hatten und sehr
+verschiedenen Ständen, Bildungsstufen und religiösen Bekenntnissen
+angehörten.</p>
+<p>Was ich bereits in der Zelle war, bin ich bis zur Stunde geblieben, nämlich
+ein Anhänger der allerdings harten und je nach Umständen gefährlichen, doch
+bei sachgemäßer Durchführung für die Gesellschaft höchst segensreichen
+einsamen Haft.</p>
+<p>Die gemeinsame Haft erfüllt ihre Aufgabe hinsichtlich der Strafzwecke der
+Sühne, Abschreckung und besonders der Besserung nur halb oder gar nicht.
+Warum?</p>
+<p>Richten wir das Augenmerk zunächst auf den Strafzweck der <I>Besserung</I>, so
+muß ich mich vor Allem gegen jenen sehr zeitgemäßen, aber auch sehr
+oberflächlichen Begriff von Besserung verwahren, der bis zur Stunde gang
+und gäbe ist und bei Rechtsgelehrten in Folge der bisherigen Entwicklung
+ihrer Wissenschaft bis nächsten Frühling wohl noch nicht aufgegeben sein
+wird.</p>
+<p>Laut diesem Begriffe besteht die Besserung des Sträflings darin, daß
+derselbe in der Strafanstalt recht fleißig arbeitet und die Hausordnung
+befolgt, nach der Entlassung aber nicht mehr zurückkehrt.</p>
+<p>Nun ist fleißiges Arbeiten und gesetzmäßiges Verhalten während und nach der
+Gefangenschaft <I>möglicherweise</I> ein Zeichen von Besserung, eben so gut aber
+auch keines, denn Arbeitsamkeit kann Folge der Gewohnheit, Noth, des
+Ehrgeizes, der Geldliebe und vieler anderer Dinge sein, welche mit der
+Besserung nichts gemein haben und die Zahl jener Menschen, welche beim
+Austritt aus der Strafanstalt sich vornehmen, keineswegs gesetzlich zu
+leben, dem Amtmann wiederum in die Haare zu gerathen und möglichst bald zu
+den augenarmen Zuchthaussuppen zurückzukehren, ist wohl äußerst gering.</p>
+<p>Alles dies könnte den Rechtsgelehrten gleichgültig sein, wenn man im
+Staatsleben nur nicht innerhalb der gesetzlichen Schranken ein
+grundschlechter Kerl sein und der menschlichen Gesellschaft durch Ausübung
+von mancherlei Lastern hundertmal mehr in Einem Jahre zu schaden vermöchte,
+als etwa ein alter Zuchthausbruder durch seine kleinen Diebstähle während
+seiner ganzen Spitzbubenlaufbahn geschadet hat.</p>
+<p>Diese unläugbare Thatsache läßt den Begriff, welchen die Rechtsgelehrten
+mit den meisten Gefängnißbeamten von der Besserung haben, in seiner
+völligen Armuth und Bedeutungslosigkeit erscheinen, insofern von einem
+<I>Nutzen</I> für die menschliche Gesellschaft die Rede sein soll.</p>
+<p>Ferner sind laut meinem Sträflingsleben und zahllosen, einstimmigen
+Veröffentlichungen der Fachmänner gerade unter den Rückfälligen die
+stillsten, fleißigen und fügsamsten Seelen und woher kommt es wohl, daß
+diese Gebesserten immer häufiger in die Strafanstalten zurückkehren und die
+Amtsleute sammt Gefängnißbeamten durch persönliches Erscheinen von der
+Nichtigkeit des herrschenden Begriffes von Besserung überzeugen?</p>
+<p>Diese Rückfälligen haben keinen sittlichen Halt in sich und keinen sozialen
+in der Gesellschaft, bilden den Abfall der Volksentwicklung und sind die
+Parias unserer gesellschaftlichen Zustände.</p>
+<p>Der alte Paul, welcher im Amtsgefängnisse seine, ein jetzt 73jähriges Leben
+umfassende Zuchthausgeschichte, an der ich gar nichts geändert habe, getreu
+erzählt, ist das Muster eines Rückfälligen und nach meinem Ermessen ein für
+Rechtsgelehrte und Geistliche besonders belehrendes Muster.</p>
+<p>Die Besserung, von welcher in dieser Schrift geredet wird, besteht in der
+sittlichreligiösen Wiedergeburt des Menschen und diese wurzelt lediglich in
+der positiven Religion.</p>
+<p>Etwas Sittliches kann möglicherweise positives und damit strafwürdiges
+Unrecht sein, etwas Unsittliches jedoch kann nimmermehr zu Recht werden;
+ferner bestand die Besserung bei mir zwar in sittlichreligiöser
+Wiedergeburt, worin sie auch beim gemeinen Verbrecher bestehen soll, allein
+es können bessere Leute als ich wegen politischer Vergehen ins Zuchthaus
+gekommen sein, endlich besteht die Besserung des politischen Verbrechers
+zunächst im ehrlichen Aufgeben seiner regierungsfeindlichen Pläne&mdash;damit
+habe ich den Hauptgrund angegeben, weßhalb ich in dieser Schrift nicht mehr
+viel von politischen, sondern fast lediglich von gemeinen Verbrechern
+spreche.</p>
+<p>In der gemeinsamen Haft sind Thränen und Seufzer der Reue zwar nichts
+Seltenes und gute Vorsätze gibt es mehr als Erdäpfel, allein die Reue ist
+bereits immer und fast nothwendig nur eine natürliche Reue über die
+zeitlichen Folgen der That und die guten Vorsätze enden gemeiniglich in dem
+Vorsatze, das elfte Gebot, nämlich das Erwischtwerden nicht mehr zu
+übertreten.</p>
+<p>Eigentliche Besserung gedeiht in Sträflingsgesellschaft so wenig, als ein
+von den ersten Symptomen der Pest Befallener durch Pestkranke gesund wird.</p>
+<p>Warum?</p>
+<p>Die Zuchthausgeschichten sagen es und hier zunächst die Gründe kurz
+zusammengenommen, welche gegen gemeinsame Haft überhaupt und gegen
+Besserung durch dieselbe reden.</p>
+<p>Die empörenden Prahlereien und schamlosen Herzensergüsse hartgesottener
+Sünder, der Unterricht, den die Altmeister der Greiferkunde und aller
+Laster in der Sprache und den Kniffen der Gaunerwelt Andern mit satanischer
+Freude ertheilen, die unvermeidliche Anknüpfung von Bekanntschaften, welche
+dem bessern Entlassenen häufig arge Verlegenheiten, Versuche und Gefahren
+bereiten, die Möglichkeit der Verabredung und Durchführung von Flucht aus
+der Anstalt und zu Verbrechen, welche innerhalb und außerhalb der Anstalt
+ausgeführt werden sollen, der Verkauf von Gelegenheiten zu Unthaten&mdash;all
+diese längst anerkannten Schattenseiten der Sträflingsgesellschaft
+betrachte ich trotz ihrer Wichtigkeit doch nur als Nebendinge.</p>
+<p>Den unverbesserlichen Grundfehler aller gemeinsamen Haft, für welchen außer
+der einsamen kein Kräutlein gewachsen ist, insofern man von Besserung reden
+will, finde ich darin, daß der stets durch Gesellschaft zerstreute
+Sträfling schwer oder gar nicht zum ernsten Nachdenken und unpartheiischen
+Insichblicken gelangt, in Folge des steten Zusammenlebens blutwenig Zeit
+und Gelegenheit findet, dem nicht gerade karg zugemessenen, doch schwer zu
+vertheilenden Unterricht in Kirche und Schule nachzuhelfen durch
+Selbstbildung. Dagegen findet er lauter Leidende um sich, überzeugt sich
+selbst und Andere gerne von seiner allzuharten Strafe oder beispiellosen
+Unschuld, läßt sich auch von Anderer Unschuld gerne überreden, wird durch
+beständigen Anblick von Verbrechern und engeres Anschließen an Einzelne
+derselben gar bald gegen alle Verbrechen abgestumpft, redet sich und Andere
+in eine rettungslose Selbsttäuschung über den eigenen Werth, in wilden Haß
+gegen Gesetze und Menschen, gegen Staat und Kirche und Gott hinein.</p>
+<p>Dagegen helfen keine Klasseneintheilungen, deren Eintheilungsgrund doch
+nirgends annehmbar aufzufinden ist, weil die sittliche Wiedergeburt ein
+innerer Akt ist und mit dem äußeren Verhalten gar oft in scheinbaren
+Widerspruch gerathen kann. Auch die farbenreichen Affenjacken mit
+tellergroßen Knöpfen voll Inschriften, welche die liebe Eitelkeit
+kindischer Sträflinge ködern könnten, darf Herr Appert als unnütze,
+äußerliche Spielerei herzhaft aufgeben und was das Schweigsystem betrifft,
+so beseitiget dieses keineswegs die Schattenseiten der gemeinsamen Haft,
+läßt einige derselben höchstens in neuer Art fortleben und verzichtet auf
+jede Frucht des Zellenlebens.</p>
+<p>Das Schweigsystem ist eine Halbheit und theilt das Schicksal aller
+Halbheiten; verdirbt es mit allen Partheien und bleibt unfruchtbar für die
+Gesellschaft. Besserung als Wiedergeburt des Menschen vermittelst des
+religiösen Glaubens gedeiht lediglich in der Zelle, wie ich an mir selbst
+erfahren habe, wie die Geschichte des "Duckmäusers" insbesondere zeigen
+soll und wie ich von mehr als Einem Gefangenen genügend beweisen kann.</p>
+<p>Freilich erfolgt auch in der Zelle Besserung nicht immer und nur unter
+gewissen Bedingungen, von denen später die Rede sein und hier nur eine
+einzige erwähnt werden soll.</p>
+<p>Es ist kaum glaublich, welche Ansichten manche Rechtsgelehrte und
+Gefängnißbeamte von der Besserung durch einsame Haft hegen. Alles Ernstes
+huldigen sie dem Wahn, alte, gründlich verdorbene Menschen, welche leider
+statt jugendlicher Verbrecher nach Bruchsal spedirt werden, könnten
+innerhalb weniger Monate nicht nur Anfänge zur Besserung machen und darin
+fortschreiten, sondern vollkommen gebessert und so Alles, was 20 bis 50 und
+mehr Jahre verdorben, im Sturmschritte einiger Monate verbessert werden.</p>
+<p>In neuerer Zeit haben die Engländer die Zeit der längsten Dauer der
+Einzelhaft auf 18 Monate festgesetzt, nach deren Verlauf sie ihre
+Gurgelabschneider und Londoner Spitzbubengenies in ferne Colonien senden,
+um dieselben auf gute Weise sich vom Halse zu schaffen.</p>
+<p>Kaum war dieses beschlossen, priesen deutsche Gelehrte solche Maaßregeln
+auch für deutsche Zellengefangene an und weil die Deutschen als Träger der
+Cultur und anderer schöner Sächelchen keine Verbrecherkolonien besitzen,
+wollten Jene die Leute bereden, ein Mensch, der über 18 Monate in einer
+Zelle sitze, leide nothwendig an der leiblichen und geistigen Gesundheit
+Schaden und könne nach 18 Monaten des Glückes jeder Spitzbubengesellschaft
+wieder theilhaftig gemacht werden wegen der während dieses Zeitraums neu
+oder zum erstenmal errungenen Vortrefflichkeit.</p>
+<p>Weil ferner in manchen Anstalten Englands die Zellengefangenen wahrhaft
+verhätschelt und eher für ihre Verbrechen belohnt als bestraft werden,
+priesen Ritter einer durch und durch falschen, weil gegen die wahren
+Interessen der Gesellschaft und der Gefangenen gleichmäßig gerichteten
+Humanität auch für Deutschland dergleichen Verhätschelungen an und schlugen
+Maaßregeln vor, durch welche das Grundprinzip der einsamen Haft, nämlich
+die <I>absolute Trennung der Verbrecher unter sich</I>, mehr oder minder
+vollkommen beseitiget worden wäre.</p>
+<p>In Baden ist die Strafdauer natürlich je nach dem Vergehen sehr
+verschieden, kurze Strafzeiten herrschen vor, damit aber auch
+Nichtbesserung der meisten ältern Sträflinge und dies um so mehr, weil die
+Gerichte in neuester Zeit mit Hungerkost und Dunkelarrest gar zu freigebig
+sind und durch diese Strafverschärfungen ein dem Isolirsystem als dem der
+Besserung zwar nicht widersprechendes, doch demselben sachgemäß
+untergeordnetes Prinzip, nämlich das der Abschreckung auch in Bruchsal
+vorherrschend machen und dadurch erst mit dem Grundgedanken dieser Anstalt
+in Widerspruch gerathen.</p>
+<p>Vollkommen mit Herrn Professor Stolz einverstanden, erkläre ich: Jeder
+Geistliche und jeder Mensch, welcher die Sünde für ein größeres Uebel hält
+denn Wahnsinn und Leibestod und daran glaubt, daß im Himmel Ein Bekehrter
+mehr Freude verursache denn 10 Gerechte, muß folgerichtig ein Anhänger der
+einsamen Haft der Verbrecher werden, zumal die Erfahrung an manchen Orten
+und besonders auch zu Bruchsal trotz der ungünstigsten Verhältnisse
+bewiesen hat, bei richtiger Behandlung der Zellenbewohner seien die Fälle
+von Geistesstörung und Tod kaum häufiger, als in einsamer Haft und
+Bekehrungen gemeiner Verbrecher nichts weniger als eine Seltenheit, ohne
+daß die Bekehrten einem krankhaften Muckerthum oder einseitigem Fanatismus
+sich ergeben.</p>
+<p>Ist ein unter dem Abschaum der Gesellschaft lebender gebesserter Sträfling
+ein weißer Rabe, was eigentlich ein Kindesverstand ohne die Erfahrungen von
+Jahrhunderten einsehen sollte, so steht es mit dem Strafzwecke der
+<I>Abschreckung</I> in gemeinsamer Haft eben auch nicht glänzend. Bekanntlich
+trägt Jeder seine Bürde leichter, wenn er Andere dieselbe Bürde tragen
+sieht, ebenso bekanntlich sucht und findet man Zerstreuung in der
+Gesellschaft und nicht minder bekanntlich kommen täglich mehr Gäste in die
+Strafanstalten und bringen erheiternde oder tröstliche Neuigkeiten. Von all
+diesen Erleichterungen der Strafe weiß der Zellenbewohner wenig, folglich
+hat die einsame Haft auch hinsichtlich der Abschreckung Vorzüge vor der
+gemeinsamen. In neuerer Zeit hat man gemerkt, wie wenig die gemeinsame Haft
+bei guter Kost und ordentlicher Pflege abschrecke und wenn dieselbe durch
+Hungerkost verschärft wird, so finden wir hierin nur etwas Löbliches. Man
+hat Hungerkost und den bei längerer Dauer und regelmäßiger Wiederholung
+nicht sehr empfehlenswerthen Dunkelarrest aber auch für Zellenbewohner und
+zwar nicht blos für Rückfällige reichlich verordnet und dieses Verfahren
+finden wir ein bischen grundsatzwidrig, stark ungerecht und äußerst
+nutzlos. Es hat überhaupt mit der Abschreckungstheorie eigene Bewandtniß,
+weil der Mensch beim Begehen eines Verbrechens wohl selten an
+Erwischtwerden und kommende Strafe ernstlich denkt oder glaubt, sich häufig
+vom Augenblicke der Leidenschaft beherrschen läßt und was laut der
+Geschichte die grausamsten Strafen nur wenig vermochten, nämlich Andere
+abzuschrecken, wird kein Zuchthaus der Welt jemals ersprießlich zu Stande
+bringen.</p>
+<p>Mit den Leiden des Verbrechers hängt als dritter Strafzweck die <I>Sühne</I> auf
+das Engste zusammen und hier ist das Verhältniß der einsamen und
+gemeinsamen Haft so, daß letztere geradezu das Gegentheil dessen bewirkt,
+was sein sollte. Je verkommener und schlechter nämlich ein Mensch ist,
+desto leichter findet er sich in die Sträflingsgesellschaft, gewöhnt sich
+leicht an das Zuchthaus, weil er sich daselbst in seinem eigentlichen
+Elemente befindet und die Zeit stumpft ihn gegen das Elend der
+Gefangenschaft beim Andenken an das meist wohlverdiente und oft furchtbare
+Elend außerhalb der Gefängnißmauern manchmal völlig ab, so daß er dem Tage
+der Freilassung nicht freudig, sondern traurig entgegensieht. Gerade die
+Bessern und Besserungsfähigen leiden in gemeinsamer Haft am meisten, weil
+sich ihr innerstes Gefühl, der Rest des bessern Menschen in ihnen gegen die
+Gleichstellung und das Zusammenleben mit den verworfensten Burschen empört.
+Wie in der Welt überhaupt, so haben auch im Zuchthause gar oft die Heuchler
+und Schlimmen die Oberhand über die Geraden und Bessern und um die
+schmerzliche Empörung ihres Innern zu betäuben, dadurch ihre Leiden zu
+mildern und ruhig und erträglich leben zu können, suchen sie den Heuchlern
+und Schlechten gleich zu werden.</p>
+<p>Ich habe hineingeblickt in die Herzen alter Sträflinge, wie nur ein
+Sträfling dem andern hineinzublicken vermag und wenn diese Herzen noch
+nicht ganz verknöchert und versteinert waren, so habe ich als letzten Rest
+des bessern Menschen eine bittere, furchtbare Anklage gegen die menschliche
+Gesellschaft darinnen gelesen.</p>
+<p>Jeder Mensch ist ein Gesellschaftsmensch, die Gesellschaft trägt mehr oder
+minder Mitschuld an seinen Lastern und Verbrechen und wenn die Gesellschaft
+die Sühne des Verbrechers diesem allein aufbürdet, ihre Mitschuld
+keineswegs anerkennt und nur sich selbst, keineswegs aber ihn zu retten,
+sondern moralisch zu vernichten strebt, so nenne ich Entlassener vom
+Standpunkte der Rechtsidee aus ein derartiges Verfahren ebenso
+selbstsüchtig als ungerecht.</p>
+<p>Rücksichtlich der Sühne haben die Zellengefängnisse einen Vorzug, der alle
+Männer des Rechtes zu Freunden derselben machen sollte. Man könnte mit
+großen Buchstaben über die Eingangsthüre einer derartigen Anstalt
+schreiben:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;<I>Je schlechter der Kerl, desto schlechter geht es ihm hier!</I></p>
+<p>und würde damit eine nachweisbare Wahrheit getroffen haben.</p>
+<p>Manche Beamte alter Anstalten prahlen mit merkwürdigem Vertrauen, welches
+ihre Gefangenen gegen sie bewiesen. Nun ist es zwar richtig, daß ein
+menschlicher Beamter, der Sträflinge taktvoll zu behandeln weiß, was eben
+keine leichte Sache und nicht Jedem gegeben ist, sich die Liebe und Achtung
+derselben und wohl auch das Vertrauen Einzelner in hohem Grade erwirbt.
+Doch das Vertrauen Einzelner ist noch lange nicht das Vertrauen der
+Gefangenen überhaupt; ferner ist zwischen Vertrauen und Vertrauen ein
+gewaltiger Unterschied und ich für meine Person sehe nicht ein, welche
+Gründe zusammenlebende Sträflinge im Allgemeinen haben könnten, einen hoch
+über ihnen, Allen gleichmäßig gegenüberstehenden Beamten, der es unmöglich
+Allen recht machen kann und deßhalb seine Gegner, Verläumder und
+Ehrabschneider unter den Sträflingen stets finden wird, wenn er auch ein
+Halbgott wäre, zu ihrem wahren Vertrauten zu machen und damit demselben
+alle Falten ihres Herzens und alle Geheimnisse eines oft schauerlich
+verkommenen Lebens zu offenbaren. Der Mittheilung bedarf der Mensch
+freilich, aber der Sträfling wird gerade wie andere Leute sich zunächst
+seinen Gesinnungsgenossen mittheilen, wenn er solche in der Nähe findet,
+wird sich an Solche wenden, welche mit ihm auf gleicher Bildungsstufe
+stehen und in der gleichen Lage leben und bei einiger Klugheit, woran es
+dem einfältigsten Sträfling selten mangelt, den Beamten sich in möglichst
+gutem Lichte zeigen und dadurch seine Lage verbessern. <I>Den</I> Sträfling
+möchte ich wohl einmal sehen, der zu den Beamten läuft und seine Sünden und
+Laster <I>nicht</I> zu entschuldigen, zu verschönern und zu rechtfertigen sucht,
+sondern denselben von seinen Verirrungen erzählt, Beweise der Verruchtheit
+bringt und unentdeckte Schandthaten enthüllt!</p>
+<p>Er würde jedenfalls unter seinen Kameraden als der größte aller Dummköpfe
+gelten und hätte es bei ihnen für immer verschüttet. Statt an wahres
+Vertrauen glaube ich tausendmal eher an Heucheln und heimliches Anzeigen,
+an Lug und Trug und wenn je ein Sträfling statt seinen Gesinnungsgenossen
+einen Vorgesetzten zu seinem wahren Vertrauten zu machen gedächte, so würde
+er zunächst sich an den Zuchthauspfarrer wenden, um etwa den Trost und die
+Hülfe der Religion bei diesem zu holen.</p>
+<p>Sträflinge dieser Art gibt es; ich selbst habe unter durchschnittlich 300
+Einen gefunden, aber nur Einen, welcher von der Predigt am Sonntag manchmal
+bis zu Thränen gerührt wurde und jedesmal dem Pfarrer entgegenzitterte,
+wenn ihn der Verwalter vorher wegen seines unordentlichen Benehmens in
+Arrest gesprochen hatte. Dieser Bursche war ein ebenso jähzorniger als
+leidenschaftlicher Todtschläger, dabei eine höchst sentimentale Natur und
+weil er eine hübsche Magd liebte, welche er zuweilen aus bescheidener
+Entfernung betrachten, doch nur durch Blicke und Geberden romantische
+Gefühle mit ihr austauschen konnte, so wird es leicht begreiflich, daß er
+nach Befreiung dürstete und schmachtete und sehr wahrscheinlich, daß unser
+Herrgott weit weniger als die hübsche Magd der Gegenstand seiner rührenden
+Sehnsucht und herzbrechenden Verehrung war.</p>
+<p>Ein gutes Zeugniß vom Hausgeistlichen gilt als gewaltiger Hebel bei
+Begnadigungen, der Bursche bedurfte eines solchen weit mehr als andere und
+um die Gunst des Pfarrers zu gewinnen, redete er gottselige Dinge von
+schuldlosen Gefangenen, welche Gott mit Gebet bestürmen müßten, niemals von
+der holdseligen Magd ausgenommen Tag und Nacht unter den Sträflingen, mit
+welchen er sich zu vertragen vermochte.</p>
+<p>Weil ein Zusammenleben der Sträflinge Heuchelei, Verstellung, Verabredungen
+jeglicher Art und heimliche Angebereien möglich macht, wird den Beamten die
+Kenntniß der einzelnen Individuen, damit aber auch die <I>individuelle
+Behandlung</I> der Einzelnen sehr erschwert, die doch mit der Erreichung aller
+Strafzwecke in engen Zusammenhang treten soll.</p>
+<p>Die Beamten sind mit andern Arbeiten überladen, und zufrieden, wenn nur der
+Gewerbsbetrieb der Anstalt blüht und die Hausordnung, welche wenig mit
+religiössittlicher Wiedergeburt zu thun haben kann, aufrecht erhalten wird.
+Wir wollten damit auch zufrieden sein, wenn nur die Vertheidiger der alten
+Zuchthäuser der Welt nichts von Besserung der Gefangenen vormalten und
+gegen das Isolirsystem loszögen, als ob dieses das <U>Non plus ultra</U> aller
+Unzweckmäßigkeiten und aller Gräuel in sich schlösse.</p>
+<p>Der Zellenbewohner ist ein Mensch, folglich ein für Gesellschaft geborenes
+und der Mittheilung bedürftiges Geschöpf, ist manchmal ein großer Sünder
+und schwerer Verbrecher und gerade diese Art von Leuten drängt ein
+geheimnisvoller Trieb zu Selbstgeständnissen; die drückende Alplast der
+Einsamkeit lastet schlaflose Stunden der Nacht und viele Stunden des Tages
+ungestört auf ihm, er fängt an mit sich selbst zu reden, seine ganze Lage
+ist darauf berechnet, ihn zum Nachdenken, Insichblicken, zur
+Verinnerlichung zu bringen und weil außer geistlichen und weltlichen
+Beamten, Werkmeistern, Aufsehern und einzelnen Besuchern der Anstalt
+Niemand zu ihm kommt, weil schon seine Lage ihn in eine erhöhte und oft
+leidenschaftliche, äußerst reizbare Gemüthsstimmung versetzt, welche an
+sich einer langdauernden Heuchelei widerspricht, endlich weil nirgends ein
+Gefangener so unabläßig und scharf beobachtet zu werden vermag wie der
+Zellenbewohner&mdash;aus all diesen Gründen ist er sehr offenherzig, oft bis zur
+Unverschämtheit und Maßlosigkeit treuherzig und naiv und wenn er sich nicht
+jedem Besucher geradezu gibt wie er ist, sei es vorherrschend im Bösen oder
+im Guten, so werden doch alle Beobachter zusammen in Folge einer äußerst
+durchdachten Controlle und musterhaften Zusammenwirkens sehr bald über den
+individuellen Charakter, den Unwerth und Werth jedes einzelnen Gefangenen
+vollkommen einig.</p>
+<p>Kenntniß des individuellen Charakters macht jedoch eine diesem gegebenen
+Charakter entsprechende Behandlung möglich und durch diese hat die
+Einwirkung im Interesse aller Strafzwecke eine mächtige Handhabe.</p>
+<p>Was in gemeinsamer Haft ein Akt der Nothwendigkeit ist, nämlich möglichst
+gleiche Behandlung aller Gefangenen, aus welcher sich übrigens gewaltige
+Ungleichheiten von selbst ergeben, wäre im Zellengefängniß ein Akt des
+Unverstandes, welcher die Erreichung der Strafzwecke beim Einzelnen sehr
+beeinträchtigte.</p>
+<p>Ohne die Hausordnung im Mindesten bei Seite zu setzen, liegt es in der
+Macht der Beamten eines Zellengefängnisses, bei Behandlung der
+Zellenbewohner an sich sehr geringfügige, für diesen jedoch sehr große
+Unterschiede eintreten zu lassen. Weil Jeder nach seiner Art und Weise
+behandelt werden kann und soll, mag der Strafzweck der Sühne auch von Außen
+her seine Erfüllung finden. Aber schon die Lage des Zellenbewohners bewirkt
+die bestmögliche Erreichung dieses Strafzweckes.</p>
+<p>Nichts ist so beredt als die Einsamkeit und nichts so furchtbar, als die
+Lage eines Zellenbewohners, der ganz ins Aeußerliche versenkt, ein elender
+Knecht seiner Triebe und Leidenschaften, ein hohles Rohr, welches von jedem
+Aufathmen der maßlosen Begierde gebeugt wird, viele Stunden des Tages und
+der Nacht einsam zubringen, seine Zerstreuung in lauter Dingen suchen muß,
+welche darauf hinzielen, die schlummernden Keime und Reste des bessern
+Menschen in ihm zu wecken. Er steht allein mit seinem Ich, mit seinen
+wüsten Erinnerungen, mit dem vollen Bewußtsein seines Unglücks und wenn
+erst die Selbstvorwürfe lebhafter werden, wenn die natürliche Reue in Folge
+tieferer Einsicht in sich selbst und neuerrungener Erkenntniß zur
+übernatürlichen sich steigert, wenn er dasteht mit zerrissenem, blutendem
+Herzen und von der Größe seiner Schuld überzeugt in sich keinen Halt,
+keinen Trost, keine Ruhe und keinen Frieden zu finden vermag, dann ist er
+der Verzweiflung, dem Wahnsinne nahe und es darf nur ein taktloser
+Geistlicher kommen, um die <I>Schrecken der Religion</I> in die Zelle zu bringen
+oder die Gefühlsseiten der Religion vorherrschend schildern, dann mag der
+altgewordene Sünder durch Verzweiflung an Gottes Gnade und eigener Kraft
+dem religiösen Wahnsinne verfallen.</p>
+<p>Der erfahrenste, taktvollste, ruhigste Geistliche vermag nicht immer
+derartige Stürme zu beschwören, schon mancher Bewohner amerikanischer und
+europäischer Zellengefängnisse ist an der Ungeschicklichkeit des
+Geistlichen oder auch an der Offenbarung Johannis zu Grunde gegangen und
+hat durch ein seelengestörtes Leben seine zeitliche Schuld gesühnt.</p>
+<p>Je verkommener der Mensch, desto größer die Qual in der Zelle!&mdash;Dies ist
+an sich ganz in der Ordnung und ein Vorzug der einsamen Haft vor jeder
+andern Haftart, von dessen Vorhandensein ich mich auf vielfache Weise
+gewissenhaft zu überzeugen trachtete und überzeugte.</p>
+<p>Für die Richtigkeit dieser Thatsache spricht auch die alte Erfahrung, daß
+zumeist die <I>schlechtesten</I> Subjekte Seelenstörungen und
+Selbstmordsgedanken in der Zelle vor allen Andern ausgesetzt sind, wie dies
+in der ganzen Welt der Fall ist.</p>
+<p>Der Vorwurf, einsame Haft erzeuge leicht Seelenstörungen und Selbstmord hat
+mindestens historische Thatsachen genug für sich, doch weniger einsame Haft
+<I>an sich</I> als eine mangelhafte, verkehrte <I>Behandlung der Gefangenen</I>
+machte einzelne Zellengefängnisse zu einer Art Versammlungsort der
+Kandidaten des Narrenhauses und Selbstmordes. Die Gestalt [Anstalt] zu
+Bruchsal steht hierin glänzender als alle oder doch die meisten andern da
+und wenn auch hier Seelenstörungen und Selbstmorde vorkommen, so muß man
+bedenken, dies sei in Anstalten mit gemeinsamer Haft wohl auch der Fall und
+überhaupt in Gefängnissen, in welchen gemeiniglich der Auswurf der
+Gesellschaft zusammenströmt, etwas Natürliches. Ich kenne zwei Fälle von
+sogenannten Halucinationen und, wenn das Springen ins Wasser ein
+Selbstmordsversuch genannt werden darf, auch einen solchen Fall aus meinem
+Zusammenleben mit Sträflingen binnen kurzer Zeit und der alte Paul, der
+noch lebt und das bewunderungswürdigste Gedächtniß in hohen Jahren
+bethätigt, weiß in seiner langen Zuchthausgeschichte auch hierin
+Belehrendes zu erzählen. Endlich darf man nicht vergessen, daß in Bruchsal
+noch viele politische Gefangene sitzen, welche, wie namentlich die armen
+Soldaten, keineswegs das Bewußtsein innerer Verworfenheit, sondern eher das
+lebendige Gefühl, für Andere die Suppe ausessen und allzu schwer büßen zu
+müssen im Bunde mit einer einst mächtigen und jetzt zerstörten Hoffnung dem
+Wahnsinn in die Arme treibt!&mdash;</p>
+<p>In Bruchsal ist der Beweis, daß nicht einmal vier- und fünfjährige,
+geschweige eine über 18 Monate hinausgehende Einzelhaft den Gefangenen
+durchschnittlich leiblich oder geistig krank mache, thatsächlich geliefert;
+mit Gott und Welt versöhnt leben Manche recht glücklich in ihren engen
+Behausungen und liefern Viele den Beweis, die Behauptung, ein
+Zellenbewohner sei nicht im Stande seine Besserung zu bethätigen, laufe
+eben auch nur wie so Manches in den Schriften der Gegner der einsamen Haft
+auf arge Oberflächlichkeit und leidige Unkenntniß hinaus.</p>
+<p>Wenn das Ertragen der schweren Leiden der einsamen Haft um Jesu Christi
+willen und ein ruhiges, fast freudiges Ertragen und Dulden kein Beweis
+religiössittlicher Wiedergeburt, der Besserung sein sollte, dann gibt es
+meines Erachtens keinen Einfluß der Religion auf das Leben der Menschen und
+keine ächte Sittlichkeit.</p>
+<p>Die Zelle ist eine Art von Sarg, das Zellenleben eine Art von Tod, man
+könnte ihn den "Vortod" nennen, doch aus Särgen erblüht neues Leben und
+jedem Tode folgt eine Auferstehung!&mdash;&mdash;&mdash;</p>
+<p>Ich habe nun meine allgemeinen und meines Erachtens guten Gründe dargelegt,
+die mich zum entschiedenen Gegner der gemeinsamen und zum entschiedenen
+Freunde der einsamen Haft machten.</p>
+<p>Ein berühmter Rechtsgelehrter und hochgeachteter Schriftsteller äußerte
+sich gegen mich einmal dahin, daß die Einzelhaft eine zu starke Kur, die
+Frucht der Besserung keine sichere sei und daß ein religiöser Orden,
+welcher sich ganz und ausschließlich mit Gefangenen beschäftigte, ganz
+andere und größere Erfolge erzielen würde, als die durch Zellenleben bisher
+erzielten. Ich kann dieser Ansicht nur halb beipflichten, die Gründe davon
+werden durch das Folgende klar werden, hier möchte ich nur bemerken, daß im
+kleinen Baden und in andern paritätischen Staaten, der Staat sich von
+vornherein nicht dazu verstehen würde, die Sträflinge je nach ihrem
+religiösen Bekenntnisse in besondere Anstalten unterzubringen und die
+Leitung katholischer Strafanstalten einem geistlichen Orden zu
+überantworten. Ein Zellengefängniß bietet zudem den für das Aufwachen und
+Erstarken des Bedürfnisses nach positiver Religion wichtigen Vortheil, daß
+Katholiken, Evangelische und Juden getrennt sind und jeder Einzelne in
+Kirche und Schule recht aufmerksam sein und in der Zelle ungestört unter
+vier Augen mit seinem Seelsorger sich unterreden kann.&mdash;Würde sich jedoch
+niemals ein Zellenbewohner wirklich bessern, eine Voraussetzung, deren
+Grundlosigkeit ich bei Vielen einsehen lernte, so bliebe ich dennoch ein
+entschiedener Anhänger der einsamen Haft.</p>
+<p>Aus welchen Gründen?</p>
+<p>Erstens fallen die unverbesserlichen Nachtheile der gemeinsamen Haft bei
+der einsamen von selbst weg und verwandeln sich bereits in ebenso viele
+Vortheile für die Gesellschaft wie für die Gefangenen.</p>
+<p>Die Großhansen der Greiferkunde und aller Verbrechen finden in der Zelle
+keine Gelegenheit, sich ein lernbegieriges Schärlein zu sammeln,
+Zellengefängnisse bieten anerkannte Garantie gegen Fluchtversuche der
+verwegensten und verzweifeltsten Menschen und sichern damit den
+Strafvollzug; ferner sind Verabredungen und Verbindungen zur Ausführung
+boshafter oder verbrecherischer Plane, welche während oder nach der
+Gefangenschaft ins Werk gesetzt werden sollen, eine baare Unmöglichkeit,
+endlich beugt eine streng und folgerichtig durchgeführte Einzelhaft den
+Bekanntschaften gleichgesinnter Bösewichter und den oft so folgenschweren
+Begegnungen verschiedenartig gesinnter Entlassener vor, zuletzt nimmt sich
+das Volk mit gesundem, richtigen Instinkte eines entlassenen
+Zellenbewohners eher als jedes andern entlassenen Sträflings an.</p>
+<p>Zweitens bekommt der Zellenbewohner nicht nur Zeit, Gelegenheit und Mittel,
+ein Gewerbe zu erlernen oder sich in einem solchen zu vervollkommnen,
+sondern er bekommt in weit höherm Grade als jeder andere Gefangene auch
+Zeit, Gelegenheit und Mittel, sich mehr oder minder die Macht der Bildung
+anzueignen, um ein guter Bürger, ein sittlicher, religiös gesinnter Mensch
+zu werden. Dadurch sühnt aber die Gesellschaft unstreitig großentheils die
+Mitschuld, welche sie ebenso unstreitig am Vergehen und Verbrechen des
+einzelnen Mitgliedes hat und deßhalb halte ich auch einen ehemaligen
+Zellenbewohner, welcher wiederum rückfällig wird, je nach Umständen für
+weit strafwürdiger als jeden andern Rückfälligen.</p>
+<p>Drittens endlich <I>wird der Zellenbewohner</I> doch gewiß <I>nicht</I> bei den
+reichlich vorhandenen Mitteln der Bildung und Besserung <I>verschlechtert</I>,
+wenn er auch nicht gebessert werden sollte. Sein Ehrgefühl wird nicht
+tödtlich verwundet, weil er seine Schande mehr für sich und fast ungesehen
+tragen kann, der beständige Anblick und die Rede roher, ehrloser Bursche
+stumpft ihn nicht gegen Schande und Verbrechen ab und die ausschließliche
+Gesellschaft der Beamten und Angestellten macht seinen Haß und seinen
+leidenschaftlichen Ingrimm gegen Gott und Welt, Gesetze und Richter, Kläger
+und Zeugen keineswegs aufflammen, sondern läßt denselben ohne frische
+Nahrung allmählig erlöschen.</p>
+<p>Ein Zellengefängniß ist jedenfalls keine Lasterschule, kein Werbeplatz für
+blutdürstige Utopier und hirnverbrannte Ikarier, wie Gefängnisse anderer
+Art und hierin liegt ein großer Vortheil für die Gesellschaft, den sie blos
+deßhalb nicht genügend anerkennen möchte, weil sie ihre wahren Interessen
+überhaupt gerne vergißt.</p>
+<p>Bin ich als entschiedener Freund der Einzelhaft ein Feind der Anstalten
+alten Styles? Allerdings, doch kein unbesonnener.</p>
+<p>Ein Zellengefängniß nach dem Muster des badischen ist zwar ein für
+Jahrhunderte erbautes Gebäude, aber Bau und Einrichtung kosten schweres
+Geld und Geld ist ein Artikel, den die Regierungen zu andern und
+möglicherweise zu bessern Zwecken verwenden können als zum raschen Aufbau
+"moderner Bastillen und Spitzbubenpaläste."</p>
+<p>Wenn meine zuchthäusliche Wenigkeit in der Welt Etwas zu befehlen und Geld
+dazu hätte, so würde ich zunächst die vorhandenen alten Lasterschulen auch
+stehen lassen, vom Strafzwecke der Besserung klüglich schweigen und den
+Grundsatz der Abschreckung noch energischer als bisher geschah durchführen,
+zugleich aber auch den verderblichen Grundsatz, den Fehler eines Einzelnen
+oder Weniger sogleich Alle büßen zu lassen, aufstecken. Abschreckung wollte
+ich als verzweifeltes Mittel anwenden, weil bei alten, hartgesottenen
+Sündern schwerlich mehr an Besserung zu denken sein wird, wenn jeder
+Einzelne derselben nicht mindestens vier bis fünf Jahre unausgesetzt in
+einer Zelle untergebracht werden sollte.</p>
+<p>Statt mit Dunkelarrest würde ich mit Hungerkost freigebiger werden, wo Noth
+an Mann käme und die alten Gefängnisse gerade so wie die badische Regierung
+gegenwärtig thut, allmählig in unvollkommene Zellengefängnisse verwandeln,
+bis vollkommene gebaut wären.</p>
+<p>In den Einzelzellen der alten Strafanstalten würde ich die schlechtesten
+Subjekte unterbringen, damit dieselben mindestens die bessern Gefangenen
+nicht mehr zu verschlechtern im Stande wären und hiebei insbesondere auf
+die Halbgebildeten und Religionsspötter Bedacht nehmen.</p>
+<p>In ordentlichen Zellengefängnissen dagegen würde ich vor Allem <I>jugendliche
+Verbrecher</I> unterbringen und bei diesen ausschließlich den Grundsatz der
+Besserung durchzuführen suchen, denn erstens biegen sich Bäumlein am
+leichtesten, so lange sie noch jung sind, zweitens würde ich nicht
+zuwarten, bis ein junger Mensch zum großgewordenen Verbrecher sich
+herangebildet und die sittliche Fäulniß in ihm tüchtig um sich gegriffen,
+sondern so schnell als möglich mit einsamer Haft dazwischen fahren und
+sicher sein, bei einem jungen Menschen in 18 Monaten weit mehr auszurichten
+als im Laufe von 4-6 Jahren bei einem Verbrecher, welcher dem Schwabenalter
+bereits nahe steht oder dasselbe gar schon auf dem Rücken hat.</p>
+<p>Mit der Kur der Einzelhaft, wenn dieselbe bei jugendlichen Verbrechern
+rechtzeitig angewandt wird, ließe sich freilich bei der immer mehr
+zunehmenden Verarmung und Verdienstlosigkeit die Zahl der Verbrecher
+schwerlich namhaft vermindern, dagegen würden doch Rückfälle sicher zur
+Seltenheit werden.</p>
+<p>Wie es geborne Dichter gibt, gibt es wohl auch geborne Diebe und vor
+Unglücklichen dieser Art wie vor andern Leuten an denen Hopfen und Malz
+verloren bleibt, würde ich die Gesellschaft dadurch zu schützen suchen, daß
+die unverbesserlichen Feinde derselben entweder unter beständiger sachgemäß
+verschiedener Aufsicht und Behandlung bei öffentlichen Arbeiten&mdash;
+Straßenbau, Festungsbau, Lichten von Waldungen&mdash;verwendet oder in Folge
+eines Vertrages mit einem andern Staate auf Nimmerwiederkommen in ferne
+Länder geschickt würden.</p>
+<p>Träume sind Schäume!&mdash;</p>
+<p>Wenn auch das Isoliersystem allmählig in ganz Europa aufkommen und
+herrschend würde und je nach den verschiedenen Ländern und Volkscharakteren
+sich in der Durchführung mehr oder minder verschieden gestaltete, was nicht
+ausbleiben kann und nicht ausbleiben wird, so werden einzelne
+Strafanstalten mit gemeinsamer Haft doch <I>als Ausnahmen</I> sich stets
+erhalten und der Grundsatz der Abschreckung mehr oder minder ausschließlich
+in denselben ein kümmerliches Fortleben fristen.</p>
+<p>Es gibt nämlich Kategorien von Sträflingen, welche nicht in Zellen taugen
+und deren Versetzung in dieselben nach meiner unmaßgeblichen Ansicht etwas
+ungerecht und zweckwidrig zu sein scheint.</p>
+<p>Darunter gehören vor Allem Sträflinge von sehr schwächlichem Körperbau, mit
+schwacher Brust oder großen Kröpfen, ferner Wasserköpfe, an denen offenbar
+nichts zu bilden ist und schwerlich Etwas verbessert wird. Ältere Leute,
+welche selten mehr so fertig das Schreiben und Lesen lernen, um aus Büchern
+Unterhaltung, Belehrung und Bildung schöpfen zu können, Gehörlose, weil
+dieselben unter Sträflingen selten viel verderben und nicht gründlich
+verderbt werden können, während sie anderseits als Zellenbewohner der
+vornehmsten Tröstungen und fast jeglicher Unterhaltung der Mitgefangenen
+beraubt sind, endlich Verbrecher, welche das 55. Lebensjahr bereits
+überschritten und das eigentliche Interesse an Verbrechen und am Leben
+überhaupt mehr oder minder verloren haben, zuletzt Leute, welche besondere
+Anlagen zu Seelenstörungen zeigen, möchten wohl als unbrauchbare Invaliden
+der einsamen Haft auch am füglichsten zusammenbleiben. So weit meine
+Vorgeschichte der Zuchthausgeschichten.</p>
+<p>
+<I>Freiburg</I>, am Charfreitag 1853.</p>
+<p>
+<b>J.M. Hägele</b>, Privatlehrer</p>
+<h3>Der Zuckerhannes.</h3>
+<H4><a name="1">Kinder und Jugendleben.</a></H4>
+<p>
+Ein trüber, regnerischer Septembermorgen schaut langweilig genug in die
+Thäler des Schwarzwaldes hinein, die Vorhügel rauchen gewaltig, den höhern
+Bergen statten graue schwere Regenwolken just einen Besuch ab und wenn
+nicht zuweilen ein Schuß oder das Geschrei eines Raben von den höhern,
+finstern Tannen, welche bis zum Waldbache herabgestiegen, herübertönte,
+könnte man leicht meinen, alles Leben im Wald und auf den Bergen sei
+verstummt, vor Verwunderung über den Besuch, den nach langer Dürre und
+arger Hitze die Wolken des Himmels dem sonst so befreundeten Gebirge wieder
+machen.</p>
+<p>Dagegen gehts im Thale nicht so still zu.</p>
+<p>Murmelnd und jauchzend, brausend und tobend in wilder Lust ob der neu
+verjüngten Kraft läuft und springt und stürzt der Gießbach über Stock und
+Gestein durch das Thal mit seinen grünen Matten, stolzen Obstbäumen,
+vereinzelnten Hütten und stattlichen neuen Häusern, an denen von bemoosten
+Strohdächern, altersgrauen Schindeln und gebräunten Brettern nur noch wenig
+zu entdecken ist. Eintönig und verstimmt klingt ein Glöcklein durch das
+Thal und ein Leichenzug bewegt sich so eben an der kreischenden Sägemühle
+vorüber einem Kirchhofe zu, dessen weiße Mauern und dunkelen Kreuze von
+einer steilen Anhöhe herabschauen.</p>
+<p>Der Zug ist sehr klein; voran trägt ein pausbackiger Bube mit schwarzen
+Augen und rothen Wangen stolz ein einfaches Kreuz und man weiß nicht, ob er
+mehr auf die kurzen Lederhöschen und den nagelneuen Manchesterkittel oder
+auf seine vorübergehende Würde als Kreuzträger sich Etwas einbildete. Ihm
+folgt ein sehr einfacher Sarg von vier Männern getragen, deren bescheidener
+Anzug und gleichgültige Gesichter verkünden, daß ihnen das Leben wenig
+gegeben und der Tod nicht das Aergste wäre, was ihnen zu Theil werden
+könnte. Hintendran kommt der Geistliche, ein großer junger Mann mit blonden
+Haaren und mild freundlichen Gesichtszügen, auf denen ein ganz besonderer
+Schmerz zu liegen scheint; neben ihm wandeln seine Diener und dicht hinter
+diesen baarfuß und im elendesten Aufzuge ein Bube, dessen rothgeweinte
+Augen den Leidtragenden anzeigen und den ein stattlicher, behaglich
+aussehender Bauer an der Hand führt. Zwei bis drei Männer und ein Dutzend
+Weiber, deren schwefelgelbe runde Strohhüte, dunkelfarbige schwere "Juppen"
+und Rosenkränze an die "gute alte Zeit" mahnen, vollenden das Geleite.</p>
+<p>Die Leute beten und man würde ihr Gebet eintönig und mechanisch nennen
+dürfen, wenn nicht Eine Stimme vor allen andern laut und kräftig sich
+vernehmen ließe. Es ist die der dicken Sonnenwirthin, der Elsbeth, welche
+weitum im Geruche der Frömmigkeit steht und selbst von sich rühmt, ihr
+unabläßiges Beten und Kirchengehen habe sie in ein besonders großes Ansehen
+bei unserm Herrgott gebracht; sie sei im Stande, Einen auf die Beine oder
+unter den Boden hinabzubeten und fünf Männer hättens bei ihr erfahren, wo
+Barthel den Most und der Teufel gottvergessene Seelen hole. Weil Gott
+gerecht und sie die Elsbeth sei, deßhalb stehe die Sonne auch als eines der
+stattlichsten Wirthshäuser des ganzen Waldes da und wenn Gott ihr den
+sechsten Mann und vielleicht doch noch ein Kind schenke, so müsse neben die
+alte Sonne ein neuer, drei Stock hoher Gasthof hingestellt werden, wie
+keiner in Friberg oder Villingen zu finden. Das Beten helfe zu Allem.</p>
+<p>Gleichsam als wolle der Himmel die fehlenden Thränen der Leichenbegleitung
+ersetzen, fällt ein feiner Regen aus den grauen Wolken herab, der Zug
+bewegt sich rascher auf dem schlüpferigen Wege die Anhöhe hinauf, das
+Bergsteigen macht außer der Elsbeth die Beterinnen stumm und Alle sind
+froh, wie sie endlich den Sarg neben einem frisch ausgeworfenen Grabe des
+Gottesackers stehen sehen.</p>
+<p>Der junge Geistliche scheint am wenigsten Rücksicht auf das üble Wetter zu
+nehmen, verrichtet mit gewohnter Andacht und Würde die üblichen Liturgien,
+spricht das sonst so mechanische <U>miserere</U> und <U>de profundis</U> mit ganz
+besonderer Ergriffenheit und scheint nicht zu bemerken, daß der Sarg, der
+an den raschelnden Seilen ins Grab gesenkt wird, nicht genügend in die
+Tiefe sinke.</p>
+<p>Beim Einsegnen des Grabes wirft er noch einen tiefbewegten Blick auf den
+Sarg, der leidtragende Knabe beginnt von Neuem zu schluchzen und wimmert
+still vor sich hin, der Weihwasserwedel geht aus einer Hand in die andere,
+die Leute sammeln sich unter ihren Regendächern und gehen fort, auf dem
+Heimwege entschuldiget Jedes die Mängel und erhebt Jedes die Tugenden der
+Verstorbenen.</p>
+<p>"Ach, würden doch die Menschen den Lebendigen dieselbe Nachsicht und viele
+Liebe erweisen, wie sie den Todten thun!" sagte der junge Geistliche zu der
+dicken Sonnenwirthin, welche ihn unter ihren Schirm eingeladen hat und die
+Elsbeth beginnt alle Gutthaten aufzuzählen, die sie in einer Reihe von
+Jahren der verstorbenen und so eben begrabenen Brigitte erwiesen haben
+wollte.</p>
+<p>Der Begrabenen? So schnell geht die Sache nicht und um uns davon zu
+überzeugen, dürfen wir nur zum Kirchhof noch einen Augenblick zurückkehren,
+wollen auch zugleich eine Art von Leichenrede hier halten.</p>
+<p>Der Todtengräber hat diesmal nicht wie sonst nach Beendigung der Feier in
+die Hände gespuckt und zum Spaten gegriffen, sondern zunächst die Seile
+unter dem Sarge fluchend weggezogen und dann ist er in das Grab
+hineingesprungen und auf dem Sarge herumgetreten, denn das Grab war schief
+und schlecht gehauen und der Mann mußte das Gewicht seines Leibes noch
+durch Sprünge vermehren, bis der Sarg in die gehörige Tiefe hinabgedrückt
+war.</p>
+<p>Halbzertrümmert gelangte er daselbst an, der Todtengräber hat die arme
+Brigitte zum Abschied von der Welt mit den letzten der vielen Tritte
+bedacht, deren sie im Leben theilhaftig wurde, der leidtragende Bube hat
+thränenlos und erschrocken zugeschaut und ist stehen geblieben, bis das
+Grab der Mutter beinahe gänzlich ausgefüllt war.</p>
+<p>Er mochte dunkel fühlen, die ganze Erde sei für ihn jetzt ein großer
+Kirchhof und vielleicht das Beste, wenn er auch drunten läge in der stillen
+kühlen Grube der Mutter.</p>
+<p>Er hat wenig Menschen gefunden, der arme Hannesle, denen er sich in seinem
+Leben liebend und vertrauend ans Herz legen durfte, am Grabe der Mutter
+stand er als der ärmste und verlassendste Tropf des Thales und stand, bis
+ihn der Todtengräber zuletzt auch von da verjagte!</p>
+<p>Brigitte war jung an Jahren und reich an Leiden gestorben, gehörte zu jenen
+Weibern, welche Kinder auf die Welt setzen, denen sie ihren eigenen
+Geschlechtsnamen geben müssen und ihre kurze Geschichte darf heutzutage mit
+traurigem Recht eine <I>Alltagsgeschichte</I> genannt werden.</p>
+<p>Ihr Vater ist ein armer Bürstenbinder gewesen, der bei seinem
+herumziehenden Leben blutwenig Zeit fand, sich sonderlich mit der Religion
+oder der Erziehung seines Kindes abzugeben und Beides seinem Weibe
+überließ. Ein Bürstenbinder ohne eine durstige Leber soll eine Kuriosität
+sein; wir lassen die Richtigkeit dieses Ausspruches dahin gestellt und
+begnügen uns zu erzählen, Brigittens Vater habe in jeder Hinsicht seinem
+Handwerke keine Schande machen wollen und vor lauter Trinken niemals
+Gelegenheit gehabt, sich mit den Seinigen aus der ererbten Armuth ein
+bischen herauszureißen.</p>
+<p>Er starb frühzeitig, wurde in seinem Hauswesen kaum vermißt und sein Weib,
+die Marianne hat geglaubt, es thue Noth, für seine arme Seele allabendlich
+mindestens Einen Rosenkranz zu beten, hat denselben auch mit großer
+Gewissenhaftigkeit bis auf die letzte Zeit ihres Erdenwandels gebetet und
+die Brigitte hat fleißig mitbeten müssen. Marianne war zeitlich und ewig
+nicht übel bestellt.</p>
+<p>Was das Zeitliche betrifft, so hatten Sorgen und Kummer zwar die
+ursprüngliche Anmuth und Schönheit ihres Antlitzes zerstört und in ihrer
+Stube lag Alles unter einander und über einander, so unordentlich und
+schmutzig, wie bei manchem Trödeljuden, aber hatte sie nicht Antheil an
+einer Hütte und nannte keineswegs die schlechteste Kammer darin ihr
+Eigenthum? Besaß sie nicht einen kleinen Krautgarten, zwei Viertel Acker,
+wo nicht niedriger Hafer und erbsengroße Kartoffeln gedeihen wie droben auf
+dem hohen Walle, sondern die Gottesgaben der Rheinebene? War die Marianne
+nicht eine geschickte und fleißige Strohflechterin und verdiente in mancher
+Woche mehr als sie brauchte?</p>
+<p>Wäre nur ihr Mann kein Lump gewesen, die Leutchen hättens schon zu Etwas
+gebracht, denn sie galt mit Recht allenthalben als ein "rechtschaffenes
+Mensch" und es war ihr mit der Religion Ernst, mindestens wußte der
+strengste Pfarrer wenig an ihr auszusetzen außer der übergroßen
+Zärtlichkeit für die kleine, hübsche Brigitte.</p>
+<p>Vielleicht weil die Frau ihren Mann nicht zu lieben vermochte und stets
+froh war, wenn er ging, hing sie ihr ganzes Herz an das einzige Kind und
+fand in diesem ihren besten Erdentrost.</p>
+<p>Sie weihte das "Brigittle" in alle hohen Geheimnisse und schönen Lehren der
+Religion ein, zeigte demselben in ihrer eigenen Person vielfach auch eine
+handelnde Katholikin, was eine Hauptsache aller katholischen Erzieher ist,
+und ihr betrunkener Mann gab ihr Gelegenheit zum Dulden und Ertragen genug,
+aber ihr Töchterlein mit Ernst und Strenge zu Etwas anzuhalten, Solches
+brachte sie niemals übers Herz und sie hat diese unglückselige Schwäche
+später bitterlich bereut.</p>
+<p>Brigitte hörte Gottes Willen und sah denselben befolgen, wurde aber durch
+die Mutter daran gewöhnt, ganz nach eigenem Willen zu leben und dadurch so
+verdorben, als man in einem Thale verderbt werden mag, wo alte Tracht und
+alter Glaube sammt den alten Sitten und Gebräuchen noch vorherrschten und
+nicht viel Verkehr mit der übrigen Welt zu finden war.</p>
+<p>Mit 16 Jahren hieß die Brigitte weitum das "schöne Teufele" und dies nicht
+ganz mit Unrecht. Die Kleider nach uraltem Schnitte entstellten zwar die
+wohlgebaute Gestalt, doch unter dem gelben Strohhute schaute eine
+schneeweiße Stirne hervor, die schwarzen feurigen Augen paßten recht gut zu
+dem schelmischen Stumpfnäschen und das gesunde Roth der Wangen schien der
+Abglanz der frischen Lippen des freundlichen Mundes zu sein, der den
+stolzesten Burschen des Thales allerlei weltliche Gedanken erregte.</p>
+<p>Die Leute wußten aber auch, daß die schöne Stirne finstere Falten bekomme,
+die Augen wie höllisches Feuer aufblitzen, die Wangen erbleichen, die
+frischen Lippen sich krampfhaft verzerren und dem feinen Munde gar grobe
+und garstige Reden entströmen könnten und wer es am besten wußte, das war
+die alternde Mutter und wenn den Burschen, die es ehrlich meinten, die
+weißen, zarten Hände der Brigitte nicht gefallen wollten, so gefiel
+alsgemach der Marianne die ganze Brigitte nicht mehr.</p>
+<p>So lange diese noch ein Kind war, hieß es: "sie hat ein gar zu hitziges
+Geblüt, ist gleich bös und gleich wieder gut, schlägt halt dem Vater selig
+nach!"&mdash;seitdem aber das Brigittle täglich größer und gröber, störriger
+und auffahrender geworden und der Mutter nur gute Worte gab, wenn diese
+nach schweren Händeln in großen Dingen als gehorsame Magd zu Allem Ja
+sagte, wie sie es jahrelang in kleinen gethan, da jammerte diese: "Gott,
+was hab' ich für ein Kreuz auf mir und wo hab' ich Solches denn verdient?"</p>
+<p>Sie fügte dem Rosenkranz für ihren Bürstenbinder noch einen Rosenkranz für
+die Besserung ihrer Tochter bei, aber wenn der Rosenkranz für Jenen nicht
+mehr gefruchtet haben sollte, als der Rosenkranz für Diese, dann ist es dem
+wüsten Manne der frommen Beterin im Jenseits nicht allzu gut ergangen.</p>
+<p>War es kein Glück für die Brigitte, ihre Mutter zu verlieren, so war es
+schwerlich ein Unglück für Diese, daß sie nach zahllosen Leiden und einer
+langwierigen Krankheit von Gott geholt wurde, ohne an ihrer Tochter das
+Aergste erleben zu müssen, was es mindestens damals für eine brave Mutter
+im Schwarzwalde geben konnte.</p>
+<p>Marianne hinterließ den Leuten eine gute Erinnerung an sie, eine wehmüthige
+an ihr Schicksal und an irdischer Habe zwar keine Schulden, dagegen auch
+kein Vermögen. Der Bürstenbinder hatte lieber "gebürstet" und heimliche
+Schulden als Bürsten gemacht und sein Weib die Gläubiger ehrlich bezahlt.
+Eine vortreffliche Haushälterin hinsichtlich der Kunst des Sparens war
+letztere niemals gewesen, Brigittens Erziehung kostete auch Geld und dieses
+Geld wurde nicht ersetzt, weil Brigitte nicht gerne und am allerwenigsten
+auf dem Felde arbeitete, endlich brachten nach der Mutter Tode Doctor und
+Apotheker ellenlange Rechnungen; das Grab verschlingt auch noch einiges
+Geld, obwohl die Todten den Weg in die Ewigkeit ohne Felleisen und Zehrgeld
+machen und so kam es, daß die Verweiste außer ihrem "G'häs" nichts mehr ihr
+Eigenthum nennen konnte und ihren Pfleger durch keine schwere
+Rechnungsaufgaben in Verlegenheit setzte.</p>
+<p>Sie redete in den letzten Jahren Vieles davon, die "altfränkische" Tracht,
+Mutter und Heimath ganz zu verlassen und in Villingen oder gar in dem
+großen, prächtigen Freiburg ein vornehmes Unterkommen und wohl auch einen
+Mann zu suchen, allein in der Stadt bekommt man auch wenig geschenkt, man
+muß arbeiten und Vielerlei erlernen und verstehen, was die Landleute des
+Gebirges nicht brauchen.</p>
+<p>Das Lernen war schon in der Schule Brigittens Sache nicht gewesen, vom
+Arbeiten befürchtete sie schweren Nachtheil für ihr holdes Antlitz und die
+zarten Gliedmaßen, der Stolz hielt sie ab, bei einem Hofbauern einen Dienst
+zu suchen, die Unwissenheit und Faulheit vor Allem hielt sie in der Heimath
+zurück und eine weitschichtige, kinderlose Base gab ihr Dach und Fach, Kost
+und Kleider und versprach ihr herrliche Dinge für die Zukunft.</p>
+<p>Das "schöne Teufele" hielt bei dieser Base jedoch kaum von Jörgentag bis
+Johanni aus, denn Base Bibiane hatte auch gar Manches von einem "Teufele"
+an sich und wo zwei derartige Geschöpfe zusammenkommen, mögen Friede,
+Freude und Liebe nimmermehr gedeihen und leben die Menschen gleich
+Verdammten in der Hölle.</p>
+<p>Brigitte war faul und befehlshaberisch, eitel und auffahrend, verstand vom
+Haushalten wenig und vom Sparen gar nichts und unter solchen Umständen
+würde die beste Frau, geschweige eine launenhafte, zanksüchtige,
+hartherzige und im Kleinen knickische Bibiane, nicht gut mit ihr
+ausgekommen sein.</p>
+<p>Die Beiden lebten gleich Hund und Katze, doch Brigitte war faul und stolz,
+die Base forderte keine schweren Arbeiten von ihr und sie wollte doch
+tausendmal eher bei einer Verwandten leichtes und gutes Gnadenbrod als an
+einem fremden Tische Dienstbotenbrod essen und zudem war die Base reich,
+kinderlos und machte in guten Stunden Versprechungen, daß der nach großen
+Dingen Lüsternen der Mund gewaltig wässerte und das eitle Herz vor Freuden
+zitterte.</p>
+<p>Bibiane dagegen mußte Jemanden haben, mit dem sie zanken und zugleich auch
+Jemanden, den sie lieben konnte, dachte, weil sie dem Schwabenalter bereits
+arg nahe war, an die Möglichkeit, doch noch als alte Jungfer sterben zu
+müssen und mit Schrecken an ein einsames freudenloses Alter, in welchem sie
+Niemand verpflegen und lieben würde.</p>
+<p>Unter solchen Umständen hätten sich die Beiden am Ende allmählig in
+einander hineingelebt und an einander gewöhnt, jedenfalls nicht so bald an
+Trennung gedacht, wenn nur der Michel nicht ins Thal gekommen wäre.</p>
+<p>Dieser Michel, ein unschöner, großer, spindeldürrer Bursche, dessen altes
+Gesicht den Taufschein mindestens um 15 Jahre Lügen strafte, war der Sohn
+eines reichen Hofbauern, des Fesenfranz, der allwöchentlich mit einem
+mächtigen Wagen voll Getreide nach Zürich fuhr und dort im Adler wie in der
+Lilie zu Villingen oder im Hirschen zu Donaueschingen mit Brabantern und
+Fünflivren um sich warf, als ob es Bohnen wären.</p>
+<p>"Wenn der Michel thäte, wie der alte Fesenfranz, dann würde es bei allem
+Reichthum doch bergab gehen und Mathaei am Letzten heißen!" hieß es in der
+Baar mit Recht, denn der Vater trank und spielte gern, der Sohn trank
+wenig, spielte gar nicht und liebte außer dem Gelde nur noch die Weiber.</p>
+<p>Er wollte nicht mehr mit dem Vater hausen und den Getreidehandel
+fortbetreiben, sondern sein Vermögen in ein Wirthshaus stecken, zunächst
+mit Allem, was einem Wirthe Noth thut, recht bekannt werden und zwar auf
+die wohlfeilste Weise.</p>
+<p>So kam der Michel ins Thal zu seinem Vetter, dem Bärenwirth an der Steig
+und lernte die Brigitte kennen, denn der Weg zur Kirche führte dieselbe am
+Bären vorüber und weil die Base häufig Krämpfe bekam und dann jedesmal ein
+oder zwei Fläschlein vom Rothen brauchte, so machte die Brigitte auch unter
+der Woche den weiten Weg zum Bären, sah Michels Gefallen an ihr, hörte
+dessen schmeichelnde, schlangenkluge Worte, dachte an sein Geld, an alle
+Wehen des ledigen Standes und es dauerte gar nicht lange, so konnte man den
+spindeldürren Allerweltbedienungscandidaten im Zwielicht unter den
+Nußbäumen bei einer gewissen Bürstenbinderstochter stehen sehen.</p>
+<p>Marianne hatte streng auf ihre Hausehre gehalten und mehr als Einen, der um
+das Töchterlein herumzuschleichen Lust zeigte und dem sie nicht traute,
+herzhaft gesagt, wohinaus der Zimmermann das Loch gemacht habe, war in
+diesem einzigen Punkte trotz allem Gesichterschneiden, Heulen und Wüthen
+der holdseligen Tochter unerbittlich und unerschüttert geblieben und hatte
+hundertmal ganz ruhig erwiedert:</p>
+<p>"Bin ich bald unter dem Boden, so kannst Du machen, was Du magst, denn ich
+habe keine Verantwortung mehr, doch so lange ich lebe, bleibst Du
+hinsichtlich der Mannsbilder gescheid, das weiß ich!"&mdash;</p>
+<p>Bibiane glich insofern der Bürstenbinderin, als auch sie durchaus keine
+Bekanntschaft Brigittens dulden wollte, nicht jedoch, insofern der Grund
+davon ein anderer war, nämlich keineswegs die Angst vor Unehre, sondern die
+Eifersucht.</p>
+<p>Die alte Jungfer konnte stundenlang höchst lieblos über das ganze bärtige
+Geschlecht losziehen, aber in ihrem Herzen glimmte noch immer die Hoffnung,
+das harte Ehejoch gleich den meisten Mitschwestern tragen zu dürfen und der
+Gedanke, das blutjunge, blutarme, aber hübsche Bäschen werde noch vor ihr
+unter die Haube kommen, machte sie rasend.</p>
+<p>Es versteht sich von selbst, daß die Argwöhnische sehr bald erfuhr, weßhalb
+Brigitte seit einiger Zeit so gerne in den Bären gehe und als letztere
+einmal glaubte, Bibiane liege vor lauter Krämpfe in tiefer Ohnmacht und mit
+dem Michel bereits ausrechnete, wie viel in der Woche vor dem nächsten
+Michaelistag die Hochzeit wohl kostete, sprang die leibhaftige Bibiane
+gleich einem Tiger zwischen das glückliche Paar und auf die Braut los.
+Michel hatte bisher schöne Worte und Versprechungen, gräßliche Schwüre und
+herrliche Plane zu Markte getragen, sonst aber nichts Weiteres, diesmal
+mußte er jedoch ein Einsehen nehmen und that es.</p>
+<p>Brigitte übertrat die Thürschwelle der Base nicht wieder, ging mit dem
+Michel in den Bären, welcher gerade einer Kellnerin bedurfte, blieb als
+solche daselbst und der Michel hat ihr am andern Tage ihre Kleider gebracht
+und ein prächtiges, floretseidenes Halstuch dazu.</p>
+<p>Kein Jahr später ist der Michel plötzlich aus der Gegend verschwunden und
+lebt, wenn man dem Bärenwirth glauben wollte, in irgend einer wälschen
+Stadt, mindestens 150 Stunden entfernt, Brigitte aber drischt in der
+Scheune eines Thalbauern und eilt Abends zu der kinderlosen Frau eines
+armseligen Gestellmachers, wo der Hannesle die kleinen Aermchen nach ihr
+ausstreckt und nach einiger Zeit ihr den süßen Mutternamen entgegenlallt.</p>
+<p>Sehr bald nach der eiligen Abreise des Michel hat der Bärenwirth seine
+Kellnerin fortgeschickt, die verführte und verlassene Brigitte zu Kreuze
+kriechen und bei der wohlhabenden Base Aufnahme erbetteln wollen, aber die
+tugendsame Bibiane stieß sie mit entrüsteten Fäusten aus dem Hause. Die
+Unglückliche lief einige Zeit am Bache hin und her, dann ward sie von der
+Frau des Gestellmachers um Gottes Barmherzigkeit willen aufgenommen und
+nach der Geburt des Hannesle mußte sie froh sein, bei einem Bauern einen
+Dienst zu finden, wo sie bei harter, elender Kost fast ohne weitern Lohn
+die schwersten Arbeiten verrichten mußte.</p>
+<p>Der Hannesle blieb im Häuslein des Gestellmachers und gedieh leiblich,
+seine Mutter blieb bei dem harten Bauern und erduldete Unsägliches; einer
+uralten Sitte gemäß, welche erst in neuester Zeit in den meisten Thälern
+des Schwarzwaldes verschwunden ist, mußte sie als eine Mutter ohne Mann
+eine besondere Auszeichnung tragen und wurde so verachtet und verspottet,
+daß sie sich kaum zur Kirche zu gehen getraute und ein tiefer Gram sich in
+ihrem Herzen fest setzte, der ihrem Gemüthe alles Zutrauen und alle Liebe
+zu den Menschen genommen.</p>
+<p>Der Mensch ist nur wahrhaft unglücklich, wenn die Religion kein Leben in
+ihm hat. Brigitte war bei ihrem äußern Unglücke auch inwendig eine der
+unglücklichsten Personen, denn daß alles Elend sie nicht besserte und zu
+Gott zurück führte, hat sie sieben Jahre nach der Geburt des Hannesle
+bewiesen.</p>
+<p>Ein Jahr vorher starb die gute Frau des Gestellmachers, Brigitte ließ sich
+bewegen als Haushälterin zu dem bereits grauen Wittwer zu ziehen und&mdash;
+beging den zweiten Fehltritt, der ihr das Herz brach. Manche billig
+denkende Menschen, insbesondere Mannsleute, hatten mit den Jahren ziemlich
+Gras über den ersten Fehltritt der Brigitte wachsen lassen und wenn der
+Hannesle nicht als zweibeinige Erinnerung an den langen Michel im Thale
+herumgesprungen wäre, würde vielleicht irgend ein armer Holzschläger oder
+ein Anderer beide Augen zugedrückt und nach dem "schönen Teufele" gegriffen
+haben, um dasselbe heimzuführen.</p>
+<p>Die Billigen bedachten eben, wie unschuldig manches ledige Weibsbild daran
+sei, daß es zu keinem Kinde komme, die geistlichen Herren überlegten, welch
+abscheuliches Sündenleben oft unter dem Namen des Ehelebens geführt würde
+und hätten der Brigitte gerne die halbe Ehrlichmachung durch einen Ehemann
+gegönnt, zumal das "schöne Teufele" zwar durch alle Mühsale kein rechtes
+Christenmensch, dagegen auch nicht nach Art mancher Schicksalsgefährtinnen
+ganz ehrlos und liederlich wurde, namentlich die Mannsleute für lauter
+Michels hielt und ärger als Gift, Feuer und Schwert scheute.</p>
+<p>Die Weibsleute, vor Allem die Ledigen und unter diesen diejenigen voran,
+welche am meisten Grund für nachsichtige, milde Beurtheilung in sich
+trugen, hatten der Gefallenen am meisten Verachtung und Lieblosigkeit
+erwiesen und dieselbe hartnäckig um so tiefer herabgesetzt, je höher sie
+sich selbst in den Augen der Leute setzen wollten.</p>
+<p>Brigittens zweiter Fehltritt erregte den Jubel der schlimmsten
+Weiberzünglein, denn jetzt schien Alles gerechtfertigt, was diese seit
+Jahren unabläßig trotz der offenkundigen Scheu vor Mannsleuten gegen die
+gefallene Mitschwester vorgebracht hatten.</p>
+<p>Zwar wußte Jedermann, der Gestellmacher habe die Brigitte heirathen wollen,
+der Pfarrer selbst sei dafür gewesen, doch die Gemeinde habe es eben
+durchaus nicht geduldet, weil das Brautpaar das gesetzliche Vermögen nicht
+zusammen zu bringen vermochte. Daß Brigitte Alles gethan, um sogar die Base
+Bibiane zu bewegen, einige Dublonen des Antheils an der Erbschaft
+herauszubezahlen und für diesen Fall gerne auf alles Erben verzichtet
+hätte, wußte man so gut, als daß die Base voll Schadenfreude und
+Unmenschlichkeit die Heirathslustige mit Hohn und Spott abgewiesen.</p>
+<p>Der Gestellmacher selbst behauptete fortwährend, lediglich ob der
+Unbarmherzigkeit der Gemeinde gegen ihn, der doch eine Frau nothwendig
+brauche und gegen die alte Freundin seines Weibes, welche er zu Ehren
+bringen wollte und doch nicht durfte, sei das Unglück passirt und er zu
+jeder Stunde bereit, die Brigitte zu nehmen, zumal er den Hannesle auch
+stets wie sein eigen Fleisch und Blut betrachtet und behandelt habe. Doch
+die Gemeinde blieb unerbittlich, die lieblosen Zungen ruhten nimmer,
+Brigitte mußte das Häuslein des Gestellmachers verlassen, den Hannesle aber
+übergab er der Gemeinde, weil er ohne Weib auch kein Kind brauchen könne
+und außer der Brigitte keine andere Haushälterin wolle.</p>
+<p>Die Gemeinde hätte den Buben übernehmen müssen und an den Wenigstnehmenden
+versteigert, wie dies in christlichen Landen der Brauch geworden,
+mindestens in Gegenden, allwo die christliche Liebe noch nicht zu
+Waisenhäusern und Findelhäusern fortgeschritten ist; allein Brigitte war
+nicht aller Ehre baar und ledig, stellte den Buben bei armen Leuten ein und
+zahlte ein zwar geringes, doch für sie beinahe unerschwingliches Kostgeld,
+welches sie sich am eigenen Leibe absparte.</p>
+<p>Der lange Michel hat ihr niemals einen Heller geschickt, sie hat denselben
+niemals bei Amt verklagt und würde schwerlich Etwas von ihm angenommen
+haben, wenn er ihr auch eine bedeutende Entschädigung angeboten hätte aus
+freiem Willen.</p>
+<p>Ihre Kräfte nahmen zusehends ab, ihr bleiches Gesicht und der Zug voll
+Schwermuth und Todessehnsucht, welcher sich um den einst so freundlich
+lächelnden Mund lagerte, verkündigte genugsam, daß ein tiefer Gram an ihrem
+Herzen nage und ihr Hüsteln, daß eine unheilbare schleichende Krankheit
+ihren Leib durchwühle.</p>
+<p>Täglich schwächer, elender und verschlossener, konnte sie endlich nicht
+mehr arbeiten, der Dienstherr trieb sie fort, beim Gestellmacher durfte sie
+keine Unterkunft suchen und mußte wöchentlich aus einem Hause in ein
+anderes wanken und später sich tragen lassen, um auf Unkosten der Gemeinde
+verpflegt zu werden.</p>
+<p>Sechs Jahre hatte ihr irdisches Fegfeuer gedauert, jetzt begann ihre
+irdische Hölle und die Wanderungen von Haus zu Haus scheinen für sie die
+Leidensstationen gewesen zu sein, auf denen sie wahrhaft zu Gott
+zurückgeführt wurde.</p>
+<p>Kinder deuteten mit Fingern auf sie, Mädchen und Weiber spieen vor ihr aus,
+ledige Bursche rissen Zoten und in mehr als Einem Hause mißgönnte man ihr
+jede Arznei, welche der Arzt verschrieb und jeden genießbaren Bissen,
+welchen diese oder jene mitleidige Seele der Schwerkranken, die harte
+Hausmannskost und kohlschwarzes Brod nicht mehr zu verdauen vermochte,
+zusteckte.</p>
+<p>Im Hause ihrer ärgsten Feindin, der Base Bibiane, die sie von Gemeindswegen
+für einige Tage aufnehmen mußte, weil sie kein Geld geben wollte und nicht
+ungern aufnahm, um dieselbe recht quälen zu können, genas Brigitte eines
+elenden Mägdleins, das schon nach wenigen Stunden starb.</p>
+<p>Der Arzt zuckte die Achseln und schwieg, Brigitte lächelte zum ersten Mal
+nach langer Zeit, denn sie verstand des Arztes Schweigen und sah mit einer
+Freudigkeit dem Tode entgegen, welche nicht einmal der Gedanke an den
+verlassenen Hannesle zu trüben vermochte.</p>
+<p>Unter den Thalbewohnern gab es nicht viele eigentliche Unmenschen; Brigitte
+ward manchmal unmenschlich behandelt, weil die Leute Menschenliebe um Jesu
+Christi willen nur vom Hörensagen kannten, und von einer gewaltigen
+Vorstellung des eigenen Werthes oder von jenem rohen Eigennutze besessen
+waren, den die Gebildeten hinter schönen Redensarten und einem mehr oder
+minder fein berechneten Verfahren zu verstecken wissen.</p>
+<p>In manchem Hause fand die Kranke Mitleid, Erbarmen und ordentliche Pflege,
+doch ein unwillkommener, weil aufgedrungener und den Gang des Hauswesens
+störender Gast blieb sie fast überall und gerade die gar zu große
+Ungleichheit der Behandlung und Pflege machte sie kränker. Bald sahen Alle
+voraus, daß sie nicht mehr auskommen und der Gemeinde nicht allzu lange
+mehr zur Last sein würde.</p>
+<p>Allmählig genoß sie allenthalben einer bessern Pflege, selbst bei den
+Hartherzigsten; nicht weil die Leute mehr Mitleid empfanden, sondern weil
+Jeder befürchtete, sie werde unter seinem Dache sterben. Die Einen wollten
+keine Todte in ihrem Haus, die Andern meinten, Brigittens Tod lade ihnen
+größere Unbequemlichkeiten und Unkosten auf den Hals.</p>
+<p>Der Pfarrer der Gemeinde war ein 265 pfündiges Pfarramt, dazu als
+landesherrlicher Dekan mit viel unnützen Schreibereien geplagt, litt an
+Gliederreißen, mochte seinen kostbaren Leichnam nicht durch übertriebene
+Anstrengungen allzu voreilig dem Himmel entgegen führen, hielt mächtig auf
+Ansehen und Ehre bei den Amtsherren und so fehlte es ihm an Zeit und Lust
+zugleich, Kranke zu besuchen und er dachte am wenigsten daran, den langen,
+schmerzlichen Todeskampf der armen, verachteten und verrufenen Brigitte zu
+belauschen und durch die Tröstungen der Religion zu erleichtern.</p>
+<p>Sehr Vieles, was dieses 265 pfündige Pfarramt that und unterließ, unterließ
+und that dagegen der junge Vicar, der auch leider allzufrühe von der Welt
+Abschied genommen hat. Er war ein treuer Jünger Christi, der nicht bloß
+Andern katholisch predigte, sondern, was den Predigten eines Geistlichen
+beim Volke erst den anhaltenden Nachdruck verleiht, katholisch lebte und
+handelte.</p>
+<p>Bei der Saumseligkeit des Pfarramtes mit Geschäften und bei der unbedingten
+Oberherrschaft der pfarramtlichen Haushälterin mit Verdruß aller Art
+überladen, mußte er das Beten des Brevieres für einige Wochen abkürzen, um
+der leidenden Brigitte beizuspringen. Er hörte aus ihrem Munde die so
+einfache und doch so inhaltsschwere Geschichte ihres Lebens und ihrer
+Verirrungen, ward Zeuge ihrer Leiden, ihrer tiefen Reue und stillen
+Ergebung und seitdem er ihr die Wege enthüllt, auf denen sie nothwendig
+wandeln mußte, um zu erfahren, was es heiße, Jesum Christum und Dessen
+göttliche Mutter ehren und lieben, war er in ihren Augen ein tröstender
+Engel des Himmels, in dessen Nähe der Tod jeden Stachel und die Hölle jeden
+Sieg einbüßte.</p>
+<p>Am lebendigen Glauben des Priesters entzündet sich der Glaube der Laien, am
+lebendigen Glauben der Laien die Begeisterung des nach Vollendung seines
+hohen Berufes strebenden Priesters; diese Thatsache wirft wohl einen
+Lichtstrahl in die mehr trostlosen als tröstlichen Zustände der
+"christlichen" Staaten!&mdash;</p>
+<p>Der junge Geistliche sah Brigitten sterben, drückte derselben die
+lebensmüden Augen zu, dann sank er auf die Kniee und betete laut, der Herr
+möge ihn dereinst nach solchem Muster sterben lassen.</p>
+<p>Er kannte die Verstorbene, deßhalb seine Ergriffenheit während des
+Begräbnisses.</p>
+<p>Jetzt liegt die Bürstenbinderstochter mit freudig gebrochenem Herzen im
+halbzertrümmerten Sarge, die Herbstluft streicht über das einsame Grab, der
+Himmel weint seine Thränen darauf und wie lange wird es dauern, bis
+Brigittens Name verklungen sein wird im heimathlichen Thale des
+Schwarzwaldes?&mdash;</p>
+<p>Der Gestellmacher wohnte dem Leichenbegängnisse nicht bei, aber er hörte
+die Stimme des Todtenglöckleins, sie zitterte durch sein Herz wie ein aus
+der Ewigkeit herübertönender anklagender Mahnruf. "Die Thalherrn mögens
+verantworten!" rief er, während er von der Arbeit aufstand und schlug
+unwillig mit der Faust auf den Tisch. Er ging eine Weile im Stüblein auf
+und ab und als er zufällig in den kleinen Spiegel schaute, seinen
+ergrauenden Kopf und die vom Leben arg durchfurchten Gesichtszüge sah,
+schrak er zusammen, fuhr mit der Hand über die faltenreiche Stirne, als ob
+er gewisse Erinnerungen dort wegwischen wolle, verfiel in ein langes,
+trübes Nachdenken und eilte dann in den Bären an der Steig, um die Grillen
+mit Schnaps zu vertreiben.</p>
+<p>Während dieser Zeit saß der Hannesle auf der Ofenbank in der Stube der
+armen Leute, bei welchen er seit seiner Vertreibung aus dem Häuslein des
+Gestellmachers gelebt hatte und verzehrte in größter Gemüthsruhe eine
+"Dinnelen", welche vor einer Viertelstunde warm aus dem Ofen genommen
+worden war.</p>
+<p>Die guten Leute hatten ihn behalten, obwohl die kranke Brigitte kein
+Kostgeld mehr zu zahlen vermochte und von der Gemeinde bisher noch keine
+Entschädigung verlangt, im Gegentheil auch Brigitten von Zeit zu Zeit ins
+Haus aufgenommen, wenn die Reihe an sie kam.</p>
+<p>Bei der Heimkehr vom Kirchhofe hat der Bube gezittert und beim Anblicke des
+floretseidenen Halstuches, welches der Michel einst der Brigitte geschenkt,
+diese vor ihrem Tode der Bäurin noch ziemlich wohl erhalten als Andenken
+vermachte, wiederum geweint, doch die Bäurin gab ihm eine duftende
+"Dinnelen" und er aß daraus Vergessenheit der Mutter und Sorglosigkeit der
+unbefangenen Kindheit.</p>
+<p>Der Vicar aber schritt neben der stattlichen Sonnenwirthin durch das Thal
+und schien recht eindringliche Worte zu derselben zu reden. Er sah ein, der
+Hannesle könne nicht bei seinen Pflegeltern bleiben, denn diese waren nur
+reich an Kindern, Brigittens Sohn hatte bei ihnen ein sehr dürftiges Loos
+und eine noch dürftigere Erziehung zu erwarten und doch hatte der Vicar der
+Sterbenden versprochen, für den armen Tropf einige Sorge tragen zu wollen.</p>
+<p>Ein Pfarrhof ist selten ein Californien, der Geldbeutel eines Vicars oft
+magerer als eine der sieben magern Kühe des Pharao, der Credit heißt auch
+nicht viel, weil ein Vicar wenig hat und alle Augenblicke bereit sein muß,
+den Bündel zu schnüren. Mit Geld konnte unser braves Herrlein dem Buben
+nicht helfen und hatte sich an Base Bibianen gewandt, damit diese den
+Waisen bei sich aufnehme. Diese wollte in neuerer Zeit auch im Geruche
+einer tüchtigen Katholikin stehen, aber ihr Christenthum hörte immer just
+da auf, wo Lehren und Befehle desselben anfingen, deren Befolgung ihr nicht
+mundete. Sie wollte ganz besondere Gründe für sich haben, um den Hannesle
+nicht anzunehmen, dem Herrn Vicar jeden andern, selbst den schwersten
+Dienst mit Freuden erweisen, nur gerade den nicht, welchen er von ihr jetzt
+verlangte. Der Vicar war nichts weniger als ein Menschenkenner, hegte von
+allen Leuten die beste Meinung und meinte ganz freundlich, Bibiane brauche
+den Hannesle nicht in ihr Haus aufzunehmen, es sei im Gegentheil besser,
+wenn er ein bischen unter eine scharfe Zuchtruthe komme und die Base dürfe
+nur etwas Geld schwitzen, dann werde er die Sache schon ins Geleise
+bringen. Doch Bibiane hatte abermals triftige und theilweise geheimnißvolle
+Gründe, auch kein Geld für den Hannesle herzugeben und als sie zu predigen
+anfing und dem Vicar sagte, der Bube sei ein Lasterkind, wer denselben hege
+und pflege, nehme schweren Antheil am Laster und dieses vertrüge sich
+nimmermehr mit ihrer Ehre und ihrem christlichen Gewissen, da schüttelte
+der gute Vicar den Kopf und zog betrübt von dannen.</p>
+<p>In diesem Augenblick glänzt sein Gesicht vor Freude, denn so eben hat er
+andere Ansichten, bessere Einsichten und einen freudevollen Willen zu
+Werken der Barmherzigkeit und all' diese Herrlichkeiten bei der dicken
+Sonnenwirthin, der Elsbeth, gefunden.</p>
+<p>Als er mit dieser vom Hannesle redete, meinte sie, sie sei schon längst
+entschlossen gewesen, den Waisen aufzunehmen, habe lediglich der Obrigkeit
+die Ehre des ersten Wortes gönnen wollen und deßhalb den Antrag des Herrn
+Vicars erwartet. Der Hannesle möge noch in dieser Stunde kommen, er werde
+in der Sonne eine zweite Mutter finden, die Elsbeth heiße und weder an Leib
+noch Seele irgendwie Etwas vermissen, was Noth thue.</p>
+<p>Schon am nächsten Tage nach dem Begräbniß der Mutter wanderte der Hannesle
+zur Sonnenwirthin und fühlte sich in der ersten Woche so glücklich, als
+dies bei einem Knaben der Fall sein mag, der in seinem Leben noch kein
+ordentliches Kleidungsstück auf dem Leibe und selten einen guten Bissen im
+Magen gehabt hat und nun auf einmal ganze Kleider und wenn auch nicht
+vieles doch gutes Essen bekommt.</p>
+<p>Die Herrlichkeit dauerte jedoch gar kurze Zeit und dies aus dem einfachen
+Grunde, weil der Hannesle ein ungezogenes, verwahrlostes Büblein, die
+Elsbeth wohl eine eitle Betschwester, doch keine ächte Christin und am
+allerwenigsten eine Erzieherin war.</p>
+<p>Elternliebe ist die Sonne der Kinderwelt und ohne Liebe mag ein Kind wohl
+gedeihen, wie eine Pflanze im Treibhaus oder in einem sparsam erhellten
+Kellergewölbe, nimmermehr wie ein in frischer Luft und unter freiem Himmel
+wachsendes und vom Gärtner sorgsam gehegtes, beschütztes und beschnittenes
+Bäumlein.</p>
+<p>Dabei kommt jedoch Vieles darauf an, ob die Liebe der Eltern zu den Kindern
+der des Thieres zu seinen Jungen oder der des Erlösers zu dem
+Menschengeschlechte entspricht und so häufig beide Arten von Liebe mit
+einander vermischt gefunden werden, so richtig ist es auch, daß die
+natürliche gewöhnlich die übernatürliche überflügelt und fast ganz
+erstickt. Brigitte wurde zwar durch den Anblick des Hannesle beständig an
+den treulosen Michel und an ihre Schmach und Schande gemahnt, aber sie
+hatte zuviel liebreiches Gemüth, um dies beim Anblicke des hülflosen und
+schuldlosen Bübleins, welches allein ihr die Aermchen liebend
+entgegenstreckte, nicht zu vergessen und liebte den Hannesle mit all' jener
+Zärtlichkeit einer Mutter, deren Liebe nur erdwärts sich richtet.</p>
+<p>Eine arme Bauernmagd findet höchstens am Abend und an Sonn- und Feiertagen
+Zeit und Gelegenheit sich mit ihrem Kinde abzugeben, ist dann wenig
+geneigt, die Augen für die keimenden und wachsenden Unarten desselben
+aufzumachen und wähnt, mit dem Rüthlein peitsche sie leicht alle Liebe aus
+dem zarten, jungen Herzen heraus.</p>
+<p>Hannesle blieb unter der Obhut der Frau des Gestellmachers, welche er die
+"Werktagsmutter" nannte, freute sich den Tag und die Woche über auf
+Brigitten, die "Sonntagsmutter" und hatte er kleine Streiche genug verübt,
+so war er doch sicherlich brav, wenn letztere in der Nähe saß, denn diese
+kam selten, ohne ihm Etwas zum Essen mitzubringen und für das Bravsein zu
+geben.</p>
+<p>Die Frau des Gestellmachers, ein herzensgutes Weib, welches jedoch das
+Pulver schwerlich erfunden haben würde, meinte Kinder seien eben Kinder und
+der Hannesle müsse von andern Kindern genug leiden, so daß sie ihn nicht
+noch mehr plagen wolle; der Gestellmacher aber fand seine größte Freude an
+den Unarten des heranwachsenden Bübleins und wollte sich schier ausschütten
+vor Lachen, wenn dieses "einen Kopf machte" irgend einen pfiffigen Streich
+spielte oder gar zornmüthig nach ihm schlug.</p>
+<p>Wenn die Brigitte kam, wußte er nicht genug Gutes und Liebes vom Hannesle
+zu berichten, Brigitte freute sich darob und lachte auch ob den Streichen
+des kleinen Wichtes, dessen Gesicht immer mehr Aehnlichkeit mit ihr selbst
+zeigte und dessen Gebahren sie hundertfältig an die eigene Kindheit mahnte.</p>
+<p>Aus dem Häuslein des Gestellmachers wanderte der Bube in die mit Kindern
+arg bevölkerte Stube armer Leute, die an ihm und den eigenen Kindern den
+Himmel zu verdienen glaubten, wenn sie nur das nöthige Futter und Gewand
+beischafften, mit den Kindern vor und nach dem Essen und besonders lange am
+Abend beteten, dieselben zum Kirchengehen und vor Allem zum Arbeiten
+anhielten. So klein der Hannesle noch war, schien er doch groß und stark
+und gescheid genug, um Kühe und Geisen zu hüten, Reisig und Waldbeeren zu
+sammeln und bei Feldgeschäften wie im Hause Hand mitanzulegen.</p>
+<p>Es ist ein hartes, aber oft wahres Wort, daß der Fluch eines Geschlechtes
+sich fortpflanze bis ins siebente Glied und wohl noch darüber hinaus. Der
+Fluch aber wurzelt zumeist in den schlimmen Eigenschaften der Eltern,
+welche auf die Kinder übergehen und für diese keine guten Früchte bringen
+können.</p>
+<p>Brigitte schlug ihrem Vater, der Hannesle aber zumeist der Mutter nach, war
+eitel in Lumpen, eigensinnig wie ein Kameel, zornmüthig wie ein Kater,
+naschhaft wie ein verzogenes Schooßhündchen und glich dem Michel höchstens
+darin, daß er große Rührigkeit, Lust und Liebe zur Arbeit und zum Erwerben
+zeigte.</p>
+<p>Hannesle stand als ein recht verwahrloster Bube am Grabe der Mutter und aus
+ihm sollte und konnte nach der Meinung des Vicars die durch ihr
+Christenthum berühmte dicke Sonnenwirthin, die Elsbeth, einen ächten
+Christen und rechten Mustermenschen heranbilden.</p>
+<p>Fast sechs geschlagene Jahre lebte der Hannesle in ihrem Hause, ist jedoch
+kein Christ, sondern der "Zuckerhannes" geworden, als ein Krüppel an Leib
+und Seele in die weite Welt gelaufen und hat der Pflegmutter in seinem
+ganzen Leben keinen Dank für ihre viele Mühe und Sorge gewußt, sondern im
+Zuchthause behauptet, in der Sonne sei ihm der Sträflingskittel angemessen
+worden.</p>
+<p>Die Religion der Elsbeth wurzelte keineswegs in der übernatürlichen Liebe
+zu Gott und zum Erlöser, sondern in der natürlichen Liebe zu sich selbst.
+Sie liebte weder Gott noch die Menschen, dagegen ihre eigene Person über
+alle Maßen, hinter ihrem frommen Gebahren stand die liebe Eitelkeit, ohne
+daß sie selbst darüber zur Einsicht kam.</p>
+<p>Heutzutage würde sie eine etwas wunderliche Figur spielen, wenn sie ihre
+Rolle nicht umkehrte, denn die Ehre, als eine rechte Katholikin zu gelten
+ist bei weitem nicht so groß als die, der aufgeklärten und freisinnigen
+Welt anzugehören. Damals war in dem entlegenen Thale dies noch anders und
+stand die Sonnenwirthin um so höher bei manchen Frommen angeschrieben, weil
+Wirthsleute sich in Allem, folglich auch in religiösen Dingen gemeiniglich
+nach ihren Kunden zu richten pflegen.</p>
+<p>Wirthe und Kaufleute vor Allem sind die berufenen Schildträger der Toleranz
+auf der breitesten demokratischen Unterlage und haben die Holländer vor
+Allem um des Handels willen ihr Christenthum bei heidnischen Völkern nicht
+bloß thatsächlich sondern auch mit Schwüren ernstlich in Abrede gestellt,
+so haben ihre Haupterben, die Engländer, aus demselben Grunde laut
+glaubwürdigen Berichten bis auf die neueste Zeit die menschenmörderischen
+Feste des Götzen von Dschaggernaut verherrlichen helfen und auf Ceylon zu
+Ehren des Teufels alljährlich viel Pulver verschossen, was an
+Frohnleichnamstagen in Altengland erspart wurde.</p>
+<p>Wir wollen daraus weder Mynheeren noch John Bull einen besondern Vorwurf
+machen, weil man nicht wissen kann, ob die Deutschen nicht ebenso duldsam
+und fügsam geworden wären, wenn sie es bisher zu einer ordentlichen
+Seemacht gebracht hätten; jedenfalls muß man auch bei uns selten in
+Kaufläden oder Wirthshäusern suchen, wenn man erträglichen Einfluß des
+Christenthums auf Handel und Wandel entdecken will und holten die
+Gelehrten, welche jeden solchen Einfluß läugnen, ihre Ansicht
+wahrscheinlich da, wo sie Tuch für ihre Röcke kaufen oder ihr Schöpplein zu
+sich nehmen.</p>
+<p>Zur Sonnenwirthin hätte Keiner kommen dürfen, der fest in solcher Ansicht
+bleiben wollte und schon ein Judenbart würde ihm eine Zeche zugezogen
+haben, daß er schwerlich zum andernmal gekommen wäre.</p>
+<p>Ein intoleranteres Weib als die Elsbeth gab es schwerlich auch zu ihrer
+Zeit im ganzen Schwarzwalde und sie machte aus ihrer Unduldsamkeit nicht
+das mindeste Hehl. Sie betete für Bekehrung der Heiden, fürchtete die
+Türken, haßte die Juden, verabscheute die Protestanten und schimpfte eifrig
+über Geistliche und Laien, welche ihr nicht katholisch genug waren.</p>
+<p>Es gab Leute, welche behaupteten, die dicke Sonnenwirthin habe Gott sammt
+allen Heiligen beständig auf den Lippen, dagegen zehn Teufel im Herzen und
+an sich alle Mängel, welche ein schlimmes Weib zu tragen vermöge. Gegen
+fromme Menschen sind Unfromme leicht eingenommen und weil diese zu allen
+Zeiten die Mehrzahl bildeten, darf man hinter argem Geschrei nicht sofort
+viele Wolle vermuthen; auch ist die Elsbeth längst unter dem Boden, von
+Verstorbenen soll man nicht leicht Schlimmes glauben, zudem preist ein
+schöner Grabstein mit goldenen Worten so viele Tugenden der alten
+Sonnenwirthin an, daß gar kein Tadel aufzukommen vermag und unter solchen
+Umständen wollen wir die Verstorbene kurz und wahrheitsgetreu im Lichte der
+sieben Todsünden betrachten, Christenmenschen so gut als möglich
+vertheidigen und den Hannesle als Zeugen mitspringen lassen.</p>
+<p>Die Verläumder behaupten, die Elsbeth sei von <I>Hoffart</I> so erfüllt, wie ein
+ins Wasser geworfener Schwamm, habe in ihrem Leben niemals geweint, außer
+wenn man ihrem guten Rufe einen Druck gab und wehe that und suche durch
+frommes Gebahren nicht Gott, sondern nur sich selbst zu verherrlichen.
+Sicher bleibt, daß man nur an ihrer Schönheit, ihrem Reichthum, an ihrer
+Billigkeit, Tugend und Religion einen leisen Zweifel aussprechen durfte, um
+lebenslänglich von ihr angefeindet und verfolgt zu werden, allein sie
+befeindete und verfolgte dergleichen Zweifler in der löblichen Absicht,
+diese zur Einsicht ihrer Gottlosigkeit und Verworfenheit zu bringen und zu
+bekehren und arbeitete in dieser Hinsicht so rüstig für den Himmel, daß sie
+ihre eigenen fünf Männer als arge Zweifler unter den Boden hinabdisputirte
+und dem Hannesle ein Bein abschlug, weil derselbe einmal im Zorne
+behauptete, die Pflegemutter thue nur vor den Leuten fromm und sei daheim
+und besonders gegen ihn ein Drache, wie die Katzenlene auch gesagt habe.</p>
+<p>Vom <I>Geize</I> der Sonnenwirthin wußten Gäste, Dienstboten, Bettler, Verwandte
+und Schuldner Unerhörtes zu erzählen; wirklich trieb sie alle einträglichen
+Betrügereien, welche ein Wirth zu begehen vermag, ohne mit dem Amte und
+leeren Gastzimmern zu thun zu bekommen und jene machen jährlich oft mehr
+aus, als ein halbes Zuchthaus voll Spitzbuben in zehn Jahren stiehlt.
+Allein sie zwang ja durchaus Niemanden bei ihr einzukehren, der keine
+besondere Geschäfte mit ihr hatte, zahlte geringen Lohn, damit die Knechte
+und Mägde nicht übermüthig würden und forderte bei schmaler Kost schwere
+Arbeit, damit die Anfechtungen des Teufels dieselben nicht leicht
+übermannten.</p>
+<p>Bet' und arbeite! hieß ihr Wahlspruch und wenn ein Bettler damit nicht
+zufrieden war, mußte ihn der Nero oder Sultan zum Hause hinausbellen, damit
+er lerne, sich fleißig zu rühren. Niemals hat man ein Beispiel erlebt, daß
+sie einem Zinsmanne die Frist verlängerte oder einem bedrängten
+Familienvater mit einem Kapitälchen aus der Noth half, dagegen zahlte sie
+ihre Schulden sehr ungerne, um die Gläubiger in der christlichen Geduld zu
+üben und ließ Jeden in der Noth stecken, damit die Bedrängten ihr Vertrauen
+mehr auf Gott als auf Menschen setzten. Der Hannesle hat bis zu seinem Tode
+behauptet, sich in der Sonne nur dann satt gegessen zu haben, wenn die
+Elsbeth betrunken war oder nach Friberg oder Löffingen wallfahrtete und die
+große Schaar von Knechten und Mägden, welche jährlich in die Sonne ein und
+ausgewandert, habe beim Fortgehen mindestens einige Zentner des eigenen
+sündhaften Fleisches zurückgelassen, was der gerechte Himmel unserer
+Frommen zweifelsohne sehr hoch angerechnet haben wird.</p>
+<p>Von der <I>Unkeuschheit</I> der Sonnenwirthin wußte man wohl am meisten zu
+erzählen und ihre Männer sollen schwer darüber geseufzt haben, allein sie
+hatte das Unglück, niemals Einen zu bekommen, welcher ihr längere Zeit
+blieb, entlassene Dienstboten haben böse Mäuler und weil der Hannesle erst
+zu ihr kam, als sie bereits über Vierzig war, niemals etwas Unrechtes
+merkte und es ganz in der Ordnung fand, daß sie allabendlich mit dem
+Oberknechte nach dem Fortgehen der Gäste sehr lange allein blieb, um die
+Rechnung des Tages zu stellen; endlich weil er hundertmal anhörte, wie sie
+ungeberdige Gäste auf feine oder grobe Weise zur Ruhe verwies, keine
+Liebschaft unter ihrem Dache duldete, Nachts im ganzen Hause herum
+patrouillirte und in alle Schlafkammern sorgfältig hineinleuchtete, so
+wollen wir über die Jugend, das Eheleben und Gebahren der Wittib den
+dichtesten Mantel der christlichen Liebe werfen.</p>
+<p>Elsbethens Feinde sagten, sie beneide die Nachbaren um die Regentropfen,
+welche auf deren Wiesen und Aecker fielen, könne ein mit Kindern gesegnetes
+Weib kaum anschauen, seufze, so oft einem Thalbewohner etwas Gutes begegne
+und preise Gott, wenn Jemand von schwerem Unglücke heimgesucht wurde,
+allein gibt es Etwas, was eher Lob denn Tadel verdient, so ist es
+Elsbethens Neid, weil ihr Neid kein Neid, sondern eher Liebe gewesen sein
+kann. Sie wußte, wie sorglos, selbstvertrauend und übermüthig das Glück die
+Menschen mache und wie die Noth beten lehre, daher ihre Trauer über das
+Glück und ihre Freude über das Unglück der Mitmenschen. Den Hannesle
+betrauerte sie wegen seiner hübschen Gestalt und prophezeite, dieselbe
+werde ihm zeitliches und ewiges Unheil zuziehen, wie dies bei seiner
+"gotteslästerlichen" Mutter der Fall gewesen. Als der Bube vom vielen
+Wassertrinken einen Kropf bekam, wollte sie durchaus von keinem Rezepte
+Etwas vernehmen; die Halszierde wuchs, verhärtete und gedieh ganz
+ausgezeichnet und würde ein lebenslängliches Andenken an die Sorge der
+frommen Pflegemutter um sein ewiges Heil daran besessen haben, wenn sie ihm
+auch niemals ein Bein abgeschlagen hätte.</p>
+<p>Von Elsbethens <I>Unmäßigkeit</I> munkelten und lärmten böse Zungen erst in
+spätern Jahren. Zwar erfreute sie sich stets eines sehr gesegneten
+Appetites, aß vielleicht zu viel, was die Hausgenossen zu wenig bekamen und
+weil ihr Leib mit den Jahren einem auf zwei Klötzen einherwandelnden Fasse
+glich, welchem fast nur die Reifen fehlten, ist nicht zu verwundern, daß
+sie für Füllung des zunehmenden Fasses zunehmende Sorge trug und dem
+Liqueur, welchen sie seit der ersten Ehe Abends zu sich zu nehmen pflegte,
+allgemach unter Tags immer mehr Gläslein als Vorposten und Plänkler
+vorausschickte.</p>
+<p>Weil schon der Hannesle die Sonnenwirthin häufig betrunken sah und dann die
+besten Stunden bei ihr verlebte, dieselbe in spätern Jahren wirklich zur
+Trunkenboldin wurde und dadurch Hab und Gut meistens einbüßte, Unmäßigkeit
+im Trinken jedoch zu den Todsünden gehört, so müssen wir etwas gründlich
+die Wahrscheinlichkeit erwecken, auch der Vorwurf dieser Todsünde schließe
+eine Verkennung und Anschwärzung in sich.</p>
+<p>Wir behaupten, das Trinken der frommen Elsbeth sei keine Todsünde, kaum
+eine läßliche Sünde, sondern wohl die größte ihrer Tugenden gewesen.
+Weßhalb? Ei, sie trank nicht um des Trinkens willen, nicht einmal für sich,
+sondern für die Sünden der Welt. Oberflächlich und grundlos ist oft der
+Vorwurf, ein Säufer liebt das Saufen an sich und gäbe sich zum Vieh
+herunter, denn wohl die Meisten betrinken sich nur, um ihr Elend zu
+vergessen. Ein Betrunkener steigt keineswegs zu den Thieren herab, welche
+freiwillig sich niemals betrinken, sondern von den Unglücklichen zu den
+Glücklichen der Erde hinauf; so lange er noch auf den Beinen zu stehen
+vermag, ist er ein Glücklicher, ein König, ein Gott und sinkt er unter den
+Tisch, so beweist er ja klar, daß er die Erde mit all ihren Leiden, Qualen
+und harten Dingen nicht mehr kenne und das größte Glück genieße, welches
+sehr gelehrte und tiefsinnige Heiden aufzutreiben und zu nennen vermochten,
+nämlich das Glück der Vergessenheit ihrer selbst und aller Dinge.</p>
+<p>Je älter unsere Elsbeth wurde, desto deutlicher erkannte sie, wie sehr die
+Welt im Argen liege und wie unverbesserlich die Menschen, wie
+himmelschreiend die Sünden der meisten Thalbewohner seien und in ihren
+letzten Lebensjahren sprach sie es manchmal laut aus, Gott hätte schon
+längst Feuer auf den ganzen Schwarzwald und über ihr Thal zuerst regnen
+lassen, wenn Er nicht um weniger Gerechten willen die sündhafte Menge noch
+eine kleine Weile verschonte. Sie vermochte die Menschen immer weniger zu
+achten und zu lieben, wenn sie nüchtern war; die Liebe ist jedoch das erste
+und größte Gebot unserer Religion und weil die Liebe aus Elsbethens Herzen
+herausgepumpt wurde, je höher der Stand des Alkohol im Magen war, so trank
+sie fleißig und weil die Welt täglich schlechter wurde, mußte sie um der
+Nächstenliebe willen täglich und jährlich auch mehr trinken. In der
+Trunkenheit war sie die beste Seele von der Welt, schlug einem Dienstboten
+keine Bitte ab, half Nothleidenden, schrieb Quittungen und Schuldscheine
+für Jeden der es haben wollte und so lange sie eine Feder zu halten
+vermochte und zum Schlusse stammelte sie oft die glühendsten Gebete für das
+Wohl aller Menschen zum Himmel empor.</p>
+<p>Dieser Zug einer im Leben vielfach verkannten und am Ende nur noch von
+einem Grabstein gegriesenen [gepriesenen] frommen Seele ist um so
+beachtenswerter, weil er für Elsbethens tiefe Selbstkenntniß Zeugniß
+ablegte. Diese wußte sehr wohl, daß sie ein hitziges Geblüt und eine
+zornige Gemüthsart zur Welt gebracht habe und daß ihr Haß gegen die
+schlechte Welt mit der Liebe zu Gott wachse und zunehme. In ihrer Kindheit
+war sie nicht hart und bitter gegen die Welt gewesen, durch Trinken
+versetzte sie sich in den Zustand der unbefangenen, weil unwissenden
+Kindheit zurück, deßhalb war ihr Trinken auch ein ernstlicher Kampf gegen
+das eigene sündhafte Fleisch und besonders gegen ihre Zornausbrüche und
+Zanksucht.</p>
+<p>Zwar ging ihr <I>Zorn</I> vom Himmel aus, weil sie die bodenlose Verderbtheit
+und endlose Heuchelei der Nachbarn gründlich erkannte und nicht mit ruhigen
+Augen anzusehen vermochte. Wenn sie Jemanden schwer beleidiget, gekränkt
+oder beschädiget hatte, so fand sie Trost in dem Gedanken, Gott lasse
+Niemanden etwas Böses widerfahren, ohne daß Er seine Gründe dafür habe und
+sie sei wohl nur ein Werkzeug des göttlichen Zornes, aber alle ihre
+Beichtväter bekämpften solche Ansicht, mit geistlichen Herren wollte und
+durfte sie es nicht ganz verderben, zumal der Kapitelsdekan im Thale wohnte
+und dieser Umstand ihrer Wirtschaft und ihrem Rufe der Gottseligkeit
+ebensoviel zu schaden als zu nützen vermochte. Sie gestand deßhalb ihre
+sündhafte Neigung zum Zorne zu, fand sich jedesmal im Beichtstuhle ein,
+wenn sie ihrer Jachheit und ihrer Rachsucht volles Genüge gethan und weil
+trotz Beichten und Beten ihr Herz jährlich mehr gegen die Mitmenschen
+verhärtete, so machte sie immer eifriger Gebrauch von der Entdeckung, das
+Trinken sei ein probates Mittel, um die Liebe wach zu erhalten und
+Anfechtungen des Zornes vorzubeugen.</p>
+<p>Für unsern Hannesle war Elsbethens gallichte Gemüthsart ein sehr heilsames
+Mittel der Besserung und müssen wir nur bedauern, daß das Mittel bei ihm
+nicht recht anschlug und die von Brigitten ererbte Neigung zum Zorn die
+Quelle manches Unheiles für ihn wurde. An der Pflegmutter erkannte er die
+ganze Abscheulichkeit dieses Lasters, sein Kopf und Rücken samt allen
+Gliedmaßen verspürten täglich die wehethuenden, schmerzlichen Folgen
+desselben und weil er lernen mußte, den eigenen Zorn zu verbeißen und sich
+zu beherrschen, wenn er nicht trotz dem ärgsten Russen geprügelt werden
+wollte, so wurde der von Natur offenherzige und ehrliche Hannesle
+verschlagen, hinterlistig, falsch und heimtückisch.</p>
+<p>Für den ungerechtesten aller Vorwürfe, welchen ihre Feinde aufs Tapet
+brachten, hielt Elsbeth den der <I>Trägheit</I> und nimmermehr vermochte sie es
+zu fassen, weßhalb das 265pfündige Dekanat der einzige Beichtvater blieb,
+welcher ihr keine lange Predigt über diese Todsünde machte.</p>
+<p>Mit diesem dicken Seelenhirten stund die dicke Sonnenwirthin insbesondere
+deßhalb auf freundschaftlichen Füßen, weil er sie als die rührigste und
+thätigste Hausfrau und Wirthin des ganzen Schwarzwaldes gelten ließ und
+pries. Ihn zahlte sie zu den wenigen Gerechten des Thales, das Dekanat
+leistete der reichen, stattlichen Elsbeth denselben Dienst. Auf diese Weise
+bekam auch der junge Vikar, welcher die Brigitte begraben und sich des
+Hannesle angenommen hatte, von vornherein eine vortreffliche Meinung von
+der Sonnenwirthin und als diese den Hannesle so willig und freudig unter
+ihr Dach aufnahm, vergoß der gute Mann fast Thränen der Rührung über die
+Beweise christlicher Barmherzigkeit, die er hier und sogar bei einer
+Wirthin gefunden. Wie der Mensch ist, so schaut er auch die Welt an, bevor
+er dieselbe genauer kennen gelernt und sich eine richtige Weltanschauung
+gebildet hat.</p>
+<p>Der Selbstsüchtige sieht lauter rohe und verfeinerte Selbstsucht, der
+Glaubenslose eitel bewußten und unbewußten Unglauben und eigennützige
+Heuchelei der Frommen, der Stürmische lauter offenen und heimlichen Krieg
+ohne entscheidenden Sieg; unser Vikar besaß ein tiefes, herrliches Gemüth
+und einen lebensvollen Glauben an Christum und dessen Weltkirche, hegte die
+beste Meinung von den Menschen, übte große Nachsicht gegen Andere und
+merkte zu spät, welchen Bock er geschossen, indem er den Waisen der Zucht
+der frommen Elsbeth anvertraut hatte, welche bei Messen, Bittgängen,
+Leichenzügen und Brüderschaften die Vorderste war und alle vier Wochen
+mindestens einmal beichtete und zum Tische des Herrn ging.</p>
+<p>Er schenkte den schlimmen Gerüchten, welche über die Betschwester im
+Schwange gingen, um so weniger Glauben, weil dieselbe auch in der Kunst der
+Verstellung ihren Meister suchte und trotz der besten Advokaten Alles zu
+verdrehen und zu lügen verstund, seine Seele dagegen kein Arg und keine
+Falschheit kannte und weder die Sonne noch der Bär oder ein anderes
+Wirthshaus der Ort war, wo er oft und gerne weilte.</p>
+<p>Allmählich wurden ihm die Augen hinsichtlich des Characters der dicken
+Sonnenwirthin ganz geöffnet und zwar durch die Katzenlene.</p>
+<p>Diese Katzenlene hieß Magdalena, im Thale aber die Katzenlene, weil ihr
+Mann, ein blutarmer Taglöhner, ein außerordentlicher Liebhaber des
+Katzenfleisches gewesen und das Volk der Mäuse an manchem Dutzend ihrer
+Todfeinde blutig gerächt haben soll.</p>
+<p>Der Vikar hatte viel Seltsames von diesem alten, eisgrauen Mütterchen
+gehört, welches Tag und Nacht, Sommer und Winter in einem altersbraunen,
+dämmerungsreichen Hinterstübchen einer einsamen Strohhütte saß und niemals
+in eine Kirche oder zu andern Leuten kam, weil es an beiden Füßen seit 27
+Jahren gelähmt war.</p>
+<p>Die Einen wußten viel von merkwürdigen Prophezeiungen der Katzenlene zu
+erzählen, welche aufs Haar eingetroffen sein sollen; Andere glaubten, es
+sei bei der Alten nicht ganz geheuer, dieselbe stehe mit Geistern im Bunde,
+nehme höchstens zum Scheine ein bischen Speise zu sich und könne weder
+gesund werden noch sterben bis zum jüngsten Tag. Viele behaupteten, es sei
+unmöglich, der Lene etwas Schlimmes nachzusagen und wer in ihre Nähe komme,
+dem werfe sie Zauberblicke zu, daß er von der Stunde an nur eine gute
+Meinung von ihr haben könne.&mdash;Andere berechneten, wieviel diese Zauberin
+durch ihr Stricken verdiene und fanden, dieselbe gebe beinahe ihren ganzen
+Lohn den Armen und lasse sich nicht bewegen, das Gewand, welches sie seit
+Menschengedenken trug, mit einem neuen zu vertauschen oder statt Habermus
+und Milch, wovon sie und ihre Katze lebten, etwas Besseres zu genießen. Die
+Gutthätigen erzählten, es müsse Einer oder Eine bei der Lene schon hoch
+angeschrieben und ein rechtschaffener Christenmensch sein, bevor sie auch
+nur einen Apfel oder eine Birne von ihr annehme und Manche, welche im Rufe
+des Leichtsinnes oder in einem noch übleren standen, versicherten, sie
+würden das Hinterstübchen der Alten nicht betreten, wenn man ihnen auch
+zehn Karlinen verspräche. Das 265pfündige Dekanat wußte nichts Genaues von
+der Lene, dagegen erzählte die Elsbeth Vielerlei, woraus hervorgehen
+sollte, die alte Madlene trage ihren Taufnamen mit vollem Rechte, weil sie
+in ihrer Jugend ein leichtfertiges, gottvergessenes Ding gewesen, deßhalb
+von Gott schwer heimgesucht und bis zur Stunde im Begriffe sei, die Sünden
+alter Zeiten abzubüßen.</p>
+<p>Am Begräbnißtage Brigittens hatte ein Büblein dem jungen Geistlichen einen
+halben Gulden gebracht und gesagt, das Geld sei von der Katzenlene, der
+Herr Vikar möge es nehmen und dafür eine heilige Messe für die Verstorbene
+lesen. Der Vikar gab das Geld zurück und besuchte Nachmittags die Geberin,
+von der er schon Manches vernommen hatte.</p>
+<p>In einem niedern, dunkeln Stüblein, dessen einziger Schmuck ein armseliges
+Bett, ein alter Tisch von Tannenholz und ein mit zerrissenem alten Leder
+überzogener Großvaterstuhl war, saß ein Weiblein mit schneeweißen Haaren
+und armseligen "G'häs" und:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;"Schau, geistlicher Bueb, kann holt nicht aufstehen, denn ich bin lahm,<br />
+&nbsp;&nbsp;aber setze Dich daher und sei willkommen im Namen Jesu Christi!"</p>
+<p>waren die ersten Worte, welche der verwundert und mitleidig umherschauende
+Geistliche von der Katzenlene hörte und dann setzte er sich, von einer
+geheimnißvollen Macht zu ihr hingezogen, ruhig auf einen alten Trog und
+schaute unbefangen in das ruhig und freundlich lächelnde Antlitz der alten
+Tirolerin, welche vor vielen Jahren in den Schwarzwald herabgekommen.</p>
+<p>Das Regenwetter vom Morgen hatte Etwas nachgelassen, es glühten gleich
+Diamanten einzelne Tropfen, welche an den Rosen und Passionsblumen hingen,
+die aus dem Gärtchen hereinnickten, einige Sonnenstrahlen spielten durch
+das armselige Stüblein, der Vikar schaute in zwei große, helle Augen und in
+ein altes, kluges Gesicht, aus dessen Runzeln der Morgenschimmer einer
+höhern Welt hervorzubrechen schien.</p>
+<p>Er wollte von ihrer Verlassenheit und ihrem Elend anfangen, einige Hülfe
+anbieten, doch die Katzenlene schien seine Gedanken zu errathen und begann
+von dem irdischen Glücke zu reden, dessen sie Gott theilhaftig gemacht und
+als der Vikar diese uralte, blutarme, verlassene Frau, welche volle 27
+Jahre keine fünfzig Schritte weit von der Hütte gekommen war, nach einigen
+Stunden verließ, trug er die Überzeugung mit sich fort, die glücklichste,
+Person des ganzen Thales und wohl des ganzen Schwarzwaldes und zugleich
+eine Christin gesprochen zu haben, welcher er trotz tadellosem Wandel und
+lebendigem Glauben nicht die Schuhriemen aufzulösen würdig sei.</p>
+<p>Für diese Alte gab es keine Erdennoth und keinen Erdenwehe, sie lebte auf
+Erden bereits wie im Himmel, bedurfte keines Trostes und keiner Hülfe und
+hat den jungen Geistlichen in der Erkenntniß göttlicher und menschlicher
+Dinge weiter gebracht, als das Studium einer umfassenden wissenschaftlichen
+Bibliothek vermocht haben würde.</p>
+<p>Schade, daß wir uns weder mit der Katzenlene noch mit derem neuen Schüler
+besonders befassen dürfen, indem wir statt einer Himmelsgeschichte eine
+Zuchthausgeschichte zu liefern uns zur Aufgabe gestellt haben.</p>
+<p>Hannesle war in der Sonne und getraute sich kaum in der ersten Zeit recht
+zu athmen, denn trotz seiner Jugend und der idyllischen Heimath wußte er
+bereits, es bestehe ein mächtiger Unterschied zwischen reichen und armen
+Leuten und die Armen lebten eigentlich nur von der Gnade der Reichen, die
+Sonnenwirthin sei ein grundreiches Weib und ein armer Tropf nicht
+gescheidt, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanze. Er erhielt Kleider,
+welche er im Vergleich zu seinen frühern für wahre Grafenkleider hielt und
+dazu keine Schuhe, welche immer das höchste Ziel seiner Wünsche gewesen,
+sondern Halbstiefel, wie sie nur von den vornehmsten Buben des Thales
+getragen wurden und an die er kaum zu denken gewagt hatte.</p>
+<p>"Kleider machen Leute!" so ist es nun einmal auf der Welt und es kostet den
+besten Menschen Ueberwindung, in einem recht nachlässig gekleideten oder
+gar zerlumpt einhergehenden Mitmenschen etwas Ordentliches zu entdecken und
+denselben als Ihresgleichen zu betrachten.</p>
+<p>Mit der Muttermilch und Sprache saugt der Mensch die Ansichten und
+Vorurtheile ein, welche innerhalb der menschlichen Gesellschaft gang und
+gäbe und im Grunde oft mit dem Christenthume arg im Widerspruche sind.</p>
+<p>"Vor Gott sind alle Menschen, Könige und Bettler gleich und die Menschen
+sollen vor Allem Gott ähnlich werden!" hört das Kind, sieht jedoch in der
+Welt nirgends Gleichheit, sondern allenthalben Ungleichheit und fühlt den
+herben Widerspruch zwischen Religion und Wirklichkeit heraus, ehe es noch
+so weit kommt zu fragen: "Ei, sind die Menschen vor Gott alle gleich und
+ist es Aufgabe Aller, gottähnlich zu werden, weßhalb machen sie denn unter
+sich selbst so große Unterschiede?"</p>
+<p>Der Hannesle hatte oft gehört, wie gewaltig der Gestellmacher über die
+Sonnenwirthin daheim schimpfte, aber auch erfahren, wie gar demüthig
+derselbe Gestellmacher den Hut herabzog, so oft dieselbe Sonnenwirthin ihm
+begegnete und wie er ihr kein Wörtlein von Allem ins Gesicht sagte, was er
+daheim mit der Werktagsmutter und der Brigitte oder andern Leuten von ihr
+redete, sondern in lauter Freundlichkeit und Unterthänigkeit schier
+zerfloß.</p>
+<p>Ebenso schimpfte der Gestellmacher grausam über Steuern und Abgaben,
+Bettelvögte und Amtsleute, die spätern Pflegeltern und Andere machten es
+ebenso und wenn nur der Zweifarbige oder ein Amtsschreiber im Thale sich
+blicken ließ, sah der Bube nichts als entblößte Häupter und demüthige Köpfe
+und wenn der Bettelvogt oder Amtsschreiber Einem Grobheiten machten oder
+gar drohten, lief dieser, gleich einem begossenen Pudel, still nach Hause
+und ließ höchstens Weib und Kinder das widerfahrene Leid entgelten.</p>
+<p>Brigitte redete von dem Bauer, bei welchem sie in Dienst stand, auch selten
+etwas Gutes und doch verbot sie dem horchenden Hannesle bei schwerer
+Strafe, jemals eine Silbe davon bei andern Leuten verlauten zu lassen.</p>
+<p>All diese Dinge kamen dem Buben so wunderlich vor als der Umstand, daß die
+Einen vieles Vieh, größere Häuser, viele Felder, Matten und Waldungen ihr
+Eigenthum nannten, schöne Kleider auch am Werktage trugen und mit Roß und
+Wagen zu Markte fuhren, während die Mehrzahl kaum ein mageres Kühlein,
+einige Geisen oder gar keinen Stall besaß, in Hütten hauste, die aus Stroh,
+Schindeln und wurmstichigen Balken gemacht waren, wenig Äcker und noch
+weniger Matten ihr Eigenthum nannten, das Holz kauften und froh waren, an
+bestimmten Tagen dürre Äste von den himmelhohen, stattlichen Bäumen
+herabhäkeln zu dürfen, nur Einen Rock im Kasten führten und baarfuß oder
+auf des Schusters bescheidenem Rappen durch das Thal wandelten, dabei
+schwer arbeiteten und am Sonntage kaum die Werktagskost Anderer
+aufbrachten.</p>
+<p>Der Hannesle dachte, Alles müsse so sein, wie es eben sei, richtete sich
+nach den Erwachsenen und seine Gefühle wurden erst zu Gedanken, während er
+in der Sonne lebte und der Aufenthalt machte ihn früh zu dem, was jeder
+religionslose arme Teufel im Grunde ist, obwohl er häufig nichts davon
+weiß, nämlich zu einem "gottvergessenen" Demokraten. Gelehrte und Theologen
+suchen die Ursachen des Unglaubens an allen möglichen Enden und Orten, beim
+Hannesle genügte es, daß er wenig handelnde Christen vor sich sah, Vieles
+litt und ein bischen über das Leben und Treiben der Bewohner des Thales
+nachsann, um leise Zweifel an der Richtigkeit und Wahrheit der Religion zu
+bekommen, welche im Laufe der Zeit bis zum verstocktesten Unglauben
+fortschritten.</p>
+<p>Die nagelneuen Kleider und Halbstiefel, welche ihm die vornehme Elsbeth
+zukommen ließ, schufen ihn zu einem Menschen um, der sich für besser und
+höher hielt, als er bisher gewesen. Seit Allerheiligen schon ging er zur
+Schule, der Schulmeister hatte ihn höchstens dann seiner Aufmerksamkeit
+gewürdiget, wenn Ohrfeigen, Tatzen und Schimpfreden auszutheilen waren und
+oft genug war er heulend heimgesprungen oder hatte der schwerkranken Mutter
+geklagt, die Buben und absonderlich die Herrenbauernbuben hätten ihn
+während der Schule gefoppt und gesagt, er habe keinen Vater, sei ein
+"Bankert", die Mutter ein Lumpenmensch und nach der Schule ihn mit
+Schimpfreden und Steinwürfen verfolgt.</p>
+<p>"Schlag' zu!" schrie dann der Gestellmacher und der Bube thats, wenn nicht
+allzu Viele gegen ihn standen oder ein Feind ihm in die Hände lief.</p>
+<p>"Armer Tropf, wir Arme sind eben Hunde!" seufzte manchmal die
+Gestellmacherin und wiewohl der Hannesle nicht wußte, was ein "Bankert"
+sei, so wußte er doch recht gut, was ein "armer Tropf" zu bedeuten habe und
+weil die Hunde beißen und davonlaufen, glaubte er auch also thun zu müssen.</p>
+<p>"Die Buben meinens nicht böse, es kommt Alles von den Alten her, Gott
+verzeihe es ihnen!" hüstelte zuweilen die Mutter und schaute schmerzlich
+gen Himmel, allein Schimpfreden und noch mehr Steinwürfe und Prügel thaten
+wehe, diese kamen nicht von den Alten, sondern von den Jungen und wenn Gott
+denselben ohnehin verzieh, meinte der Mißhandelte, um so weniger Grund zur
+Verzeihung zu haben, liebte die Buben, welche baarfuß gingen und die
+Herrenleute auf der Straße mit ihm anbettelten, haßte die
+Herrenbauernbuben, welche ihn und seine Kameraden verachteten und sich auf
+die Hülfe der großen Leute schier immer verlassen durften.</p>
+<p>Jetzt wurde dies Alles plötzlich anders, denn der Hannesle stolzirte im
+Gewande eines Herrenbuben einher, der Herr Vicar verkündigte, die Frau
+Sonnenwirthin sei nunmehr die Mutter seines Schützlings, der Schulmeister
+lächelte gnädig, die Schüler horchten hoch auf und Alles betrachtete den
+Glücklichen, als ob er ein wildfremder und hochachtbarer Mensch geworden.</p>
+<p>Er aber sagte sich von der Stunde an von Allen los, welche keine Schuhe
+trugen, hielt zu den Herrenbauernbuben, die Eltern derselben drückten ein
+Auge zu und die Sonnenwirthin lobte ihn, weil er sich nicht mehr mit
+"Gesindel und Bettelvolk" abgebe.</p>
+<p>Die Frühlingssonne hatte den Schnee noch nicht von den saftiggrünen Matten
+hinweggeschmolzen, da zweifelte der Hannesle schon stark, ob er nicht in
+seinen Kleidern einen recht elenden kleinen Menschen stecken habe und
+allgemach verblaßte zwar die Erinnerung an das ungebundene Leben beim
+Gestellmacher und bei den spätern Pflegeältern, er gewöhnte sich in seinen
+Zustand hinein und es dauerte jahrelang, bis er die Sonne verließ, aber
+später sagte er oft, hier sei es ihm beständig gewesen, als ob ein
+Mühlenstein auf seinem Herzen läge und ein schweres Wetter über seinem
+Haupte stünde und nach der Flucht sei es ihm vorgekommen, als wäre er ein
+Vogel, der jahrelang in einem kleinen Käfig gefangen saß und trauerte, um
+des Futterkastens willen sitzen blieb und zuletzt beim Fortfliegen nach den
+freien Wäldern sich neugeboren fühlte und nichts von des Lebens Mühen und
+Sorgen wüßte.</p>
+<p>Wer das Schul- und Hausleben des armen Burschen betrachtet und dazu
+bedenkt, daß die Lichtstrahlen der Wahrheit und Liebe in Jesu Christo immer
+spärlicher in sein verdüstertes und vereinsamtes Gemüth fielen, wird dem
+spätern "Zuckerhannes" billig Manches verzeihen.</p>
+<p>Auf dem Lande hat die Jugend zwei große Vortheile vor Stadtkindern.</p>
+<p>Zum Ersten nämlich werden die Kinderfreuden nicht durch die tägliche Qual
+des vielstündigen ununterbrochenen Sitzens auf der Schulbank allzusehr
+versalzen, man geht nicht darauf aus, aus ihnen lauter Gelehrte machen zu
+wollen und quält sie nicht mit endlosen Schulaufgaben; zum Zweiten sitzen
+Buben und Mägdlein in Einer Schulstube, theilen Mühe und Freuden, gewöhnen
+sich an einander und gewinnt das Verhältniß beider Geschlechter einen
+Charakter, welcher großen Einfluß auf das spätere Leben und zwar einen der
+Religion und Sittlichkeit wohl günstigern ausübt, als das mißtrauische
+Trennen und Scheiden in größern Städten.</p>
+<p>Beider Vortheile ging der Hannesle durch die Elsbeth verlustig.</p>
+<p>Er mußte die Schule pünktlich besuchen, denn sie mochte das Pfarramt nicht
+erzürnen und ebenso wenig dem Volksbildner unverdientes Geld geben, doch
+selten bekam der Bube an Werktagen und Feiertagen ein freies Stündchen,
+weil er entweder beten oder arbeiten oder Beides zugleich thun mußte und
+war er einmal frei, so hatte er entweder an blauen Malen und Beulen
+herumzudrücken, mußte den Obstgarten oder etwas Anderes hüten oder es
+fehlte ihm an Gespielen.</p>
+<p>Die armen Buben haßten und verfolgten ihn, wie es früher die Andern gemacht
+und diese hielten nicht zu ihm, weil sie entweder zu stolz waren oder weil
+er sich nicht mit ihnen viel abgeben konnte. Einige Schulkameradinnen waren
+in der Nachbarschaft und gar oft schaute er betrübt beim Garnwinden,
+Kartoffelschälen, Holztragen und andern Geschäften ihren frohen Spielen zu,
+allein ans Mitmachen durfte er nimmermehr denken, wenn er auch Zeit dazu
+gehabt hätte, denn die fromme Pflegemutter würde ihn gesteiniget haben,
+ohne einen Grund dafür laut werden zu lassen außer dem seltsam klingenden
+Spruche: "Die Sünde geht herum wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie
+verschlinge, absonderlich wenn Einer eine hübsche Larve hat!"</p>
+<p>Von Knechten, Mägden und Gästen erhielt er freilich oft genug Aufschlüsse,
+doch zum rechten Verständniß derselben kam er nicht, dachte vorläufig
+niemals darüber nach und es darf als wahre Fügung Gottes gelten, daß er in
+gewissen Dingen sehr einfältig blieb, weder sah noch hörte, bis er als
+Jüngling in die heillose Lasterschule eines Amtsgefängnisses gerieth, wo er
+die Welt mit minder unschuldigen Augen als bisher betrachten lernte.</p>
+<p>Zweifelsohne hat das viele Arbeiten und die schmale Kost das Gedeihen
+seines Leibes aufgehalten, damit aber auch das Verderbniß seiner Seele
+hinsichtlich des sechsten Gebotes, denn im Ganzen hat die dicke
+Sonnenwirthin den Hannesle so recht für das Zuchthaus und die Hölle
+erzogen.</p>
+<p>Seine Hoffart bekämpfte sie durch tägliche und stündliche Mahnung an sein
+Herkommen und seine Armuth, sein Selbstgefühl ging durch die demüthigendste
+und niederträchtigste Behandlung unter, welche er nach dem Beispiele der
+Hausherrin von den meisten Dienstboten, vom Oberknecht bis hinab zum
+Roßbuben und zur "Saumagd" erdulden mußte. Ihr Geiz lehrte ihn das Geld als
+den wahren Erdengott schätzen und ihre Habsucht ließ ihm alle Mittel zum
+Erwerben gleich gut erscheinen, wenn sie nur nicht zur Amtsstube führten,
+was durch Verhehlen, Pfiffigkeit und Läugnen verhindert werden konnte. Daß
+der Bube die Reinheit seines Gemüthes nicht schon während seines
+Aufenthaltes in der Sonne einbüßte, daran hatte Elsbethens Benehmen und
+Gerede sammt dem der übrigen Bewohner und mancher Gäste blutwenig
+Verdienst. Der Neid blieb ihm sein Lebenlang ziemlich fremd, doch das
+Beispiel der Pflegemutter und noch mehr die große Summe dessen, was er
+entbehren mußte, während es den meisten Menschen zu Theil geworden, hätten
+bei größern Anlagen zu diesem Laster den Neid zu einer ingrimmigen Höhe
+emportreiben müssen und in spätern Jahren ersetzte der Haß die Leistungen
+des Neides. Von Unmäßigkeit konnte bei ihm keine große Rede sein, er sah
+die abschreckenden Folgen dieses Lasters täglich vor Augen und ist niemals
+ein Gewohnheitssäufer geworden, dagegen hat ihn Elsbethens übertriebener
+Anspruch auf die Genügsamkeit Anderer und die Lust zum Naschen, welche er
+aus dem Häuslein des Gestellmachers brachte, frühzeitig genug zum Stehlen
+geführt und sein Gewissen weit gemacht. Elsbethens Zorn besserte den
+seinigen nicht, sondern unterjochte denselben der Angst und Furcht und
+verkehrte ihn in naturwidrige Heuchelei, Hinterlist und Heimtücke.</p>
+<p>Der Trägheit hinsichtlich des Arbeitens widersprach sein quecksilbernes
+Naturell und noch mehr das Machtwort der Pflegemutter, und was Trägheit zum
+Guten heißt, hat dieselbe Pflegemutter ihm zwar gründlich gezeigt, doch hat
+er diese Lehre niemals recht erfaßt.</p>
+<p>Er haßte die Elsbeth von ganzem Herzen; am meisten verwünschte er ihre
+Frömmigkeit, weil dadurch seine Arbeit unsäglich vermehrt wurde. Das Beten
+der Dienstboten vor und nach dem Essen wollte kein Ende nehmen, er aber
+mußte vorbeten, bis er heiser wurde. Eine fleißigere Kirchgängerin als die
+Pflegmutter gab es schwerlich auf zehn Stunden im Umkreise, bei jedem Gange
+zur Kirche mußte aber der Hannesle an ihrer Seite sein, gleichsam als wolle
+sie Gott und Menschen stets daran erinnern, welche Wohlthaten sie einem
+Vertreter der Armuth spende und das Aergste für diesen war, daß sie während
+des Gottesdienstes nicht nur scharf zusah, ob er sein Gebetbüchlein richtig
+halte, beim Verbeugen und Kreuzschlagen sich keine Blöße gebe und die
+Lippen stets bewege, sondern auch forderte, er müsse über alle Mienen,
+Geberden und Reden der Kirchgänger genauen Bericht abstatten. Wußte er
+nichts zu erzählen, dann regnete es Ohrfeigen, meldete er unangenehme
+Wahrheiten, dann ließ sie ihre Wuth an ihm aus und brachte er angenehme
+Lügen vor, so schaute sie ihn mit durchbohrenden Blicken an, er pflegte
+anfangs zu erröthen und verwirrt zu werden oder später sich zu
+widersprechen und jedesmal erhielt er dann eine doppelte Portion, weil er
+die Kirchgänger nicht fleißig oder richtig beobachtet und noch dazu gelogen
+habe.</p>
+<p>Die Kundigern meinten sammt dem Beglückten, die Sonnenwirthin habe nach dem
+Tode ihrer Männer einen Sündenbock ihrer Launen und Untugenden anschaffen
+müssen, welcher Aussicht auf langes Leben und keine Aussicht auf Erlösung
+aus ihren Klauen besitze und die Kosten des Sündenbockes würden durch die
+Arbeiten desselben mehr als vergütet, an ihr sei ein schlauer Diplomat
+verloren gegangen!&mdash;Eine Reihe von Jahren verlebte Brigittens Sohn bei
+der Elsbeth und was diese säete, wuchs und gedieh und sie mußte es
+allgemach einerndten.</p>
+<p>Ein kindliches Gemüth versteht die tiefsten Geheimnisse der Religion, weil
+es die Liebe versteht, die Liebe zu den Eltern und Geschwistern bildet für
+das Kind die Brücke zur Wanderung und Vertrautheit mit den Gestalten des
+Himmels.</p>
+<p>"Wie Jeder ist, so ist sein Gott, darum wird Gott so oft zum Spott!" sagt
+Göthe sehr wahr und, fügen wir bei, weil der Mensch wird, was man aus ihm
+macht, so mußte ein Leben ohne Liebe und Freude den Hannesle dazu führen,
+daß er zuerst die Menschen fürchtete, Zutrauen und Glauben an sie verlor,
+die angeborene Liebe des Gemüthes in Haß und Selbstsucht untergehen ließ,
+dann das Verständniß der Religion der Liebe verlor, den Gott des Hasses und
+Zornes fürchtete, mit den Jahren gleichgültig und feindselig gegen
+denselben wurde und den einzigen und höchsten Zweck des Erdenlebens in der
+Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche erblickte.</p>
+<p>Aller Religionsunterricht, alles Beten und Kirchenrennen und Empfehlen
+religiöser Gesinnungen fruchtet bei der Jugend wenig, wenn Eltern, Erzieher
+und Andere durch ihr Beispiel denselben keine handelnden Christen zeigen.</p>
+<p>Tagtägliche Uebertretungen der Gebote Gottes von Seite der Großen werden
+den Kleinen allmählig zu Widerlegungen der Lehren der Religion und
+Rechtfertigungen der religiösen Gleichgültigkeit und des Unglaubens, zumal
+keine Religion der Erde den Interessen der erwachenden, schmeichelnden
+Selbstsucht des Kindes schroffer und herber entgegentritt als gerade das
+Christenthum.</p>
+<p>Der tausendjährige Fortbestand mancher heidnischen Religionen erklärt sich
+leicht aus dem Anschmiegen ihrer Lehren an die Selbstsucht des Menschen,
+der bald zweitausendjährige Fortbestand der Weltkirche Jesu Christi bleibt
+an sich ein Wunder der göttlichen Vorsehung, wie der anfängliche Sieg des
+Christenthums über die heidnische Welt.</p>
+<p>Gerade weil der Zuckerhannes ein an sich ganz gewöhnliches Menschenkind und
+seine Geschichte zunächst eine Alltagsgeschichte gewesen ist, wie es deren
+viele Tausende gibt, wir aber zunächst den wohl unästhetischen, doch sehr
+leicht zu vertheidigenden Zweck im Auge haben, die Mitschuld der
+Gesellschaft an den Sünden, Lastern und Verbrechen des Einzelnen einmal
+klar nachzuweisen, haben wir auf die Gefahr hin, ein bischen langweilig zu
+werden, die Einflüsse hervorgehoben, welche auf den jungen Hannesle wirkten
+und denselben zu einem Zuchthausbruder machen halfen.&mdash;</p>
+<p>Nicht still, denn dafür sorgte die Pflegmutter mit vielen Andern, wohl aber
+einförmig und freudlos flohen dem Buben beinahe 3000 Tage dahin, welche er
+in der Sonne verlebte und das Besondere, was ihm aufstieß, läßt sich mit
+kurzen Worten abmachen.</p>
+<p>Der Vicar hatte die Lebensfreudigkeit, Rohheit und Unarten des Bübleins
+gesehen, als dasselbe noch baarfuß und mit zerrissenen Zwilchhöslein im
+Thale herumsprang. Er kam anfangs oft in die Sonne, vernahm manches
+Untröstliche von der Wirthin, welche schwer über das selbst auferlegte
+Kreuz der Erziehung eines Halbwilden seufzte und prägte dem Lehrer sehr
+unnöthig große Strenge gegen den Hannesle ein, dessen scheues,
+niedergeschlagenes Benehmen trotz der bescheidenen und höflichen Manieren
+ihm nicht recht gefallen wollte.</p>
+<p>"Der Bube ist nicht glücklich, er begreift die heilsame Strenge seiner
+Behandlung noch nicht, es wird bald besser werden und besser gehen, denn
+die Sonnenwirthin ist ein gescheidtes Weib und eine musterhafte
+Katholikin!" dachte der Geistliche, mußte jedoch bald erleben, daß der Bube
+weder wie ein Glücklicher dreinschaute noch wie ein unbefangenes Kind that.</p>
+<p>Bei der Katzenlene fand er nicht sogleich Aufschluß, denn diese kannte nur
+noch wenige Leute des Thales und unter diesen die Sonnenwirthin als eine
+reiche, stolze, entfernt wohnende Person nur vom Hörensagen, der Hannesle
+selbst versicherte stets, daß es ihm sehr wohl ergehe, Frau Elsbeth an ihm
+als einem verlassenen "unehrlichen" Buben den Himmel verdiene und sich dem
+Herrn Vicar höflichst empfehlen lasse.</p>
+<p>Letzterer bemerkte, daß der Bube sich vor ihm verkroch, bei jeder Frage
+zitterte, wenn von der Sonne die Rede war und seine Antworten gemeiniglich
+mit Thränen würzte. Die Katzenlene, andre Leute und die eigenen Augen
+brachten ihn zuletzt doch zur rechten Einsicht; er wollte der Elsbeth
+Lehren geben, aber da kam er schlecht weg! Eine alte und berühmte Christin,
+die fünf Männer und elf Kinder in den Himmel gesandt und bei Gott
+zweifelsohne im höchsten Ansehen stehen mußte, ließ sich von einem
+blutjungen Vicar nichts vom Erziehungswesen einreden, das war aus und
+vorbei!&mdash;</p>
+<p>Der Wohlthäter des Hannesle hatte es gut gemeint, als er ihn der Elsbeth
+übergab und hierin lag sein Trost; er hatte es schlecht angefangen, den
+Bock zum Gärtner gemacht und bereute es tief, allein ändern ließ sich die
+Sache nicht mehr.</p>
+<p>Er strebte auf alle Weise darnach, das Zutrauen des Mißhandelten zu
+gewinnen, aber dieser fürchtete alle Herren, sah ihn als Urheber seines
+Unglückes an, glaubte ihn im Einverständniß mit der zornigen Pflegemutter,
+ließ sich nicht fangen und beharrte auf seiner unnatürlichen, stummen
+Rolle.</p>
+<p>"Komm, wir gehen zu <I>deiner Großmutter</I>;" spricht der Vicar an einem
+schönen Sommernachmittag zu dem Buben. Dieser schaut zuerst ihn, dann die
+dicke Sonnenwirthin an, diese nickt bejahend und er geht voll Verwunderung,
+was das für eine Großmutter sein werde, zu welcher ihn der geistliche Herr
+führe, ohne daß die Pflegemutter es verbiete.</p>
+<p>Er wußte von einigen Vettern und Basen, der Gestellmacher trank zuweilen
+einen Schnaps in der Sonne, die Bauernleute, bei welchen er zuletzt gelebt,
+traf er an Sonntagen auf dem Kirchgange, doch die Sonne verlassen und ohne
+Vorwissen der Pflegemutter ein anderes Haus betreten, galt als eines der
+schwersten Verbrechen, welches er zu begehen vermochte; er beging es nicht,
+weil die Angst ihm alle Freude verdarb und von einer Großmutter, die noch
+unter den Lebendigen wandle, hatte er noch nie gehört.</p>
+<p>Jetzt führte ihn der Schützer in das Stüblein der Katzenlene.</p>
+<p>War die Katzenlene nicht eine Base der Marianne selig und damit auch der
+Brigitte selig? Hatte Marianne mit der kleinen Brigitte nicht zuweilen ihre
+Zuflucht in dieses Stüblein genommen, wenn der betrunkene Bürstenbinder sie
+schlagen wollte, ihr sonst ein großes Wehe oder auch die Langeweile auf dem
+Herzen lag? Saß Brigitte nicht oft genug auf dem Fensterbänklein, bevor sie
+mit dem langen Michel bekannt wurde und hat die Lene sie nicht auch noch
+später einigemal eingeladen? Konnte diese nicht die Großmutter des Thales
+und absonderlich die des Hannesle heißen?&mdash;Der Geistliche blieb eine
+Weile, versprach der Alten, ihr künftigen Sonntag wiederum den Leib des
+Herrn in die Hütte zu tragen und ging, um nach einigen Stunden wieder zu
+kommen und den Buben abzuholen.</p>
+<p>Von dieser Zeit an kam letzterer oft zur Katzenlene und diese hat mit ihren
+wundersamen Historien von heiligen und unheiligen Menschen dem Knaben eine
+neue, bisher unbekannte Welt erschlossen und Vieles gethan, um die Liebe zu
+Gott und den Menschen im jungen Herzen wach zu erhalten. Der Hannesle hat
+die alte Frau unsäglich lieb gewonnen, doch die Geschichten derselben
+verbitterten ihm das Leben in der Sonne mehr als sie es versüßten und die
+Liebe des Erlösers zu den Menschen wußte er nicht mit dem Leben und Treiben
+der Thalbewohner zusammenzureimen. Er betrachtete die fromme vielbetende
+Elsbeth, verglich sie mit der frommen, vielbetenden Katzenlene, sah das
+fromme und hochangesehene Dekanat und den frommen, minder angesehenen Vicar
+und wußte sich in den vielerlei Arten von Frömmigkeit am Ende gar nicht
+mehr zurecht zu finden. Er hätte am liebsten sterben und zu der
+Sonntagsmutter kommen mögen, denn Freude an der Welt und an den Menschen
+empfand er täglich weniger.</p>
+<p>Gelbveigelein und Rosmarin blühten zum zweitenmal auf Brigittens Grab, als
+der Vicar wandern mußte und damit hatten auch die Besuche des Buben bei der
+Katzenlene ein Ende und der letzte, welchen er einmal verstohlener Weise
+machte, trug ihm bittere Früchte ein.</p>
+<p>Es schien, als ob mit dem Vicar der Schutzgeist des Buben Abschied genommen
+habe, denn war die Elsbeth bisher unmenschlich gewesen, so wurde sie jetzt
+oft mehr als unmenschlich und hatte beim Hannesle bisher nicht Alles seine
+Richtigkeit, so verfiel er jetzt rasch aus einer Untugend in die andere,
+setzte dem Hochmuthe Trotz, dem Zorn Heimtücke, dem Geize Diebstahl, dem
+Neide Schadenfreude, der Lieblosigkeit tiefen Haß entgegen und je
+musterhafter und frommer sein Benehmen auf den ersten Anblick zu sein
+schien, desto hohler und fauler sah es inwendig in ihm aus.</p>
+<p>Der Gestellmacher hatte selten einen Gang in das Amtsstädtchen oder in ein
+anderes Dorf gemacht, ohne dem Hannesle, dem Herzkäfer etwas Gutes
+mitzubringen, die Sonntagsmutter am eigenen Munde gespart, um ihr Büblein
+zu erfreuen. Ostern, Kirchweihen, Jahrmärkte und Klausentage waren hohe
+Feste für ihn und er hatte die Woche über sich immer auf Etwas zu freuen.
+Bei der Elsbeth bekam er weit Besseres, dagegen auch weit weniger Essen als
+vorher und von besondern Leckerbissen oder Geschenken war keine Rede. In
+einem Wirthshause liegen einem Hungernden Versuche des Naschens und
+Stehlens sehr nahe, namentlich wenn er von Zeit zu Zeit erleben muß, daß
+alle Hausbewohner Bescheerungen erhalten und er allein leer ausgeht. In der
+Sonne hieß es: wenn die Katze fort ist, tanzen die Mäuse, denn hinter dem
+Rücken der sparsamen, haushälterischen Wirthin verdarben, veruntreuten und
+stahlen die Knechte und Mägde zehnmal mehr, als dies der Fall gewesen sein
+würde, wenn jene billiger und gütiger gewesen wäre.</p>
+<p>Ihre Habsucht erzeugte täglich Veranlassung zu schweren Sünden Anderer und
+ihr Geiz trug als Frucht Verschwendung. Alle Dienstboten hielten gegen die
+Herrin zusammen und betrogen sie gleichmäßig. Hannesle, so klein er war,
+sah Manches und plauderte, wurde von der Pflegemutter deßhalb nicht besser
+behandelt, dagegen von den Verrathenen desto schlimmer. Mancher Dienstbote
+suchte ihn zu gewinnen und gescheidt zu machen, der Bube sah Vieles, freute
+sich darob, schwieg und befand sich nicht übel dabei. Was Pfarrer und
+Lehrer und Elsbeth selbst predigten, fand in der Sonne bei den Erwachsenen
+keine Geltung, weßhalb sollte ein geplagter, oft genug hungernder Bube es
+befolgen? Er begann auf eigene Faust zu stehlen, schritt von einem
+Stücklein Zucker allgemach zu einem ganzen heimlichen Magazin von Eßwaaren
+fort und stibitzte bei guter Gelegenheit zuerst Kreuzer, Sechser,
+Sechsbätzner und nachdem er einmal mit kühnem Griffe einen Brabanter
+genommen und nach achttägiger Angst unentdeckt geblieben war, lernte er
+allmälig stehlen, ohne daß ihm die Finger zitterten und das Herz pochte.
+Eine Magd kam hinter sein Waaren- und Geldmagazin, ihre schrecklichen
+Drohungen machten den Buben zu ihrem Sklaven, er stahl fortan für sie und
+diese versorgte ihn dagegen mit süßen Herrlichkeiten, welche einem
+Bettelbuben so vortrefflich schmecken wie dem verzogensten Stadtkinde.
+Seine Hehlerin gerieth einmal in scharfe Händel mit einer andern Magd und
+diese wußte im ersten Zorn nichts Besseres zu thun, als der Sonnenwirthin
+die Augen über die Untreue der Feindin zu öffnen, diese dagegen machte den
+Pflegsohn zum Sündenbocke und ein mit Zuckerwaaren halb angefüllter alter
+Trog sammt einem Leinwandsäckchen mit Münzen aller Art gab der erstarrenden
+Elsbeth Einsicht in die langfingerigen Anlagen des Hannesle, wenn auch
+keine in die Früchte ihrer Erziehungsweise.</p>
+<p>Beide Mägde wurden augenblicklich fortgeschickt; wie es dem Buben erging,
+läßt sich denken und nur der Umstand, daß sie denselben so grausam schlug,
+um den Bader herbeirufen und Amtsgeschichten befürchten zu müssen,
+bewirkte, daß der Hannesle noch länger im Hause bleiben durfte. Elsbethens
+ärgster Zorn verrauchte, der Bube rutschte vor ihren Füßen herum und
+winselte erbärmlich, um dableiben zu dürfen und durfte bleiben. Doch weit
+entfernt, den Fehltritt desselben verständig zu beurtheilen und klug zu
+verschweigen, erfuhr jeder Gast die Beweise, welche der gottlose Hannesle
+für den Undank der grundverderbten Welt geliefert, sie selbst führte
+denselben nach der Genesung in die Schulstube und erzählte den Kindern, was
+ihr Mitschüler verschuldete und wie sie den Hannesle fortan nur
+<I>"Zuckerhannes"</I> rief, also riefen ihn fortan auch die Altersgenossen und
+Erwachsene.</p>
+<p>Brigittens Sohn erhielt durch diesen Beinamen die Taufe des Verbrechers und
+hat denselben niemals wieder verloren.</p>
+<p>Der verachtete "Bankert" war ein beargwohnter und gemiedener Spitzbube
+geworden, die Verachtung Aller vernichtete sein Ehrgefühl, machte ihn
+boshaft, weil feindselig gegen die Menschen. Er fühlte wohl, seine Strafe
+sei nicht unverdient, doch im Grunde hatte er blos das Beispiel der
+Erwachsenen befolgt, diese erndteten weder Verachtung noch Verfolgung, die
+Unversöhnlichkeit, welche gegen ihn bewiesen wurde, verbitterte sein Gemüth
+und seine Selbstliebe schmeichelte ihm den vornehmsten Glaubensartikel der
+Spitzbuben ein, wornach nämlich nicht sowohl das Stehlen, als das
+Ertapptwerden etwas Schändliches und Strafwürdiges ist.</p>
+<p>Den Namen "Zuckerhannes" bekam er im dritten Jahre seines Aufenthaltes in
+der Sonne und noch mehr als diesen Namen quälte ihn die Furcht, der gute
+Vicar und die Katzenlene würden Alles erfahren.</p>
+<p>Die Sonnenwirthin hegte ernsten Willen, den jungen Dieb zu bessern, wählte
+jedoch lauter verkehrte Mittel. Das bisherige gute Bett ward ihm genommen
+und durch einen Spreusack sammt Pferdeteppich ersetzt; er mußte die Nächte
+in der schlechtesten Bodenkammer des Hinterhauses eingeschlossen zubringen,
+verschmachtete im hohen Sommer beinahe vor Hitze, in dem langdauernden
+Winter vor Kälte, Sturm und Regen, Schnee und Eis drangen zu ihm hinein und
+vom zweiten Hahnenschrei bis spät in die Nacht blieb er keine Stunde
+unbeschäftigt, unbeobachtet und ungeschoren. Nicht die elende Kost, mit der
+er fortan vorlieb nehmen mußte, und nicht die Zumuthung, in Stall und
+Scheune, Feld und Wald die Arbeit eines baumstarken Knechtes zu verrichten,
+kränkte den armen Buben am meisten, wohl aber, daß er für alles Arbeiten
+weder Dank noch Ehre einerndtete und daß mit dem Namen "Zuckerhannes" das
+Mißtrauen gegen seine Ehrlichkeit sich forterbte und in Mienen, Reden und
+Handlungen der Hausbewohner sich täglich offenbarte.</p>
+<p>Knechte und Mägde veruntreuten und stahlen nach wie vor, aber den
+Zuckerhannes machten sie nicht mehr zu ihren Vertrauten. Dieser sah
+fortwährend veruntreuen und stehlen, gönnte der unversöhnlichen
+Pflegemutter jeden Schaden und schwieg deßhalb auch, er selbst hat in der
+Sonne zahllose Versuchungen mannhaft überwunden und zwar aus Furcht, denn
+er wußte, daß Elsbeth aus Drohungen sehr bald Ernst mache und diese hatte
+ihm gedroht, ihn den Gerichten augenblicklich zu überliefern und jahrelang
+bei Wasser und Brod einsperren zu lassen, wenn er nur noch Eines Kreuzers
+Werth veruntreue oder entwende.</p>
+<p>Der einzige Vortheil, welcher dem Zuckerhannes nach seiner Ansicht aus der
+schlimmen Geschichte erwuchs, bestand darin, daß er seines Amtes als
+Vorbeter und Kirchenbegleiter enthoben wurde.</p>
+<p>"Das Gebet eines Spitzbuben hat keine Kraft; mit einem Bankert konnte ich
+zur Nothdurft aus christlicher Barmherzigkeit zur Kirche gehen, dagegen
+soll ein Galgenvogel niemals neben mir wandeln!" sagte die rauhe, mannhafte
+Elsbeth und dabei blieb es, denn ein Wortbruch in schlimmen Dingen war bei
+ihr eine Seltenheit. Zwei schwere Jahre voll Arbeit, Entbehrungen und
+Leiden verflossen wiederum, der Zuckerhannes wurde der Schule entlassen und
+betrachtete den Tag der Entlassung als den größten Glückstag, welcher seit
+langer Zeit ihm zu Theil geworden. Seine Freude am Lernen war niemals groß
+gewesen, er blieb stets hinter seinen Mitschülern zurück, zumal er daheim
+keine Zeit zum Lernen und keinen Sporn dazu erhielt; in den letzten Jahren
+lag die Mißachtung des geistlichen und weltlichen Lehrers und die der
+Schüler dazu immer drückender auf seinem Herzen und an den Stunden, welche
+er in Schule und Kirche zubringen mußte, war ihm das Ende das Allerliebste.</p>
+<p>Vom Beichten hielt er bereits wenig und schon der erste Gang zum Tische des
+Herrn galt ihm eben als herkömmlicher, wunderlicher Brauch. Mit Zeitungen,
+Büchern und gelehrten Leuten ist der Zuckerhannes während seines ganzes
+Lebens blutwenig zusammengekommen, dagegen hat er Leute genug gesehen,
+welche trotz Beichte und Abendmahl stets die Alten blieben und wiederum
+Andere, welche ohne diese Heilsmittel nicht schlimmer als Andere zu sein
+schienen.</p>
+<p>War sein Schulsack klein, so wurde doch der Kropf groß, den er in die
+Jünglingsjahre hinübertrug und später nicht mehr wegbrachte. Derselbe
+entstellte seine nicht unansehnliche Gestalt und war die Ursache einer
+schweren Fehde mit der Pflegemutter. Der dicke Hals eines Bankerts war für
+sie kein Anlaß zum Geldausgeben, der Kropf eines Spitzbuben ein sichtbares
+Zeichen der göttlichen Strafgerichte und ein heilsames Werkzeug der Buße
+und Besserung. Der Hannesle bekam keinen Heller Geld in die Hände und bat
+und flehte vergeblich um einige Kreuzer, mit welchen die lästige Halszierde
+hinwegbeschworen werden konnte. Elsbeth schwur, entweder einen kropfigen
+oder gar keinen Zuckerhannes vor ihren Augen sehen zu wollen, gab bei
+heiterer Laune gute Versprechungen und wiederholte in anderer ihre Drohung,
+die Hausbewohner und manche Gäste hatten ihre helle Freude daran und eine
+so geringfügige und abgeschmackte Geschichte die eines Kropfes sein mag, so
+hat dieselbe unserm Helden doch manche heimliche Thräne gekostet und seinen
+Haß gegen Gott und Welt schüren helfen.</p>
+<p>Elsbeth haßte den Pflegsohn, weil er ihrer Erziehung vielfache Schande
+eintrug, doch ihre Habsucht flüsterte ihr ein, es lasse sich ein rühriger
+und geschickter Knecht aus ihm großziehen, der die Sonne nicht wohl
+verlassen und noch weniger ordentlichen Lohn fordern könne. Bisher hatte
+derselbe ihren Haß nicht durch besondere Unfolgsamkeit geschürt, deßhalb
+behielt die Habsucht Oberhand, obwohl das Maulen und Trotzen dem einst so
+schüchternen, demüthigen Buben von Tag zu Tag allgemach doch geläufiger
+wurde.</p>
+<p>Nach seiner Entlassung aus der Schule stimmte er merklich einen andern und
+höhern Ton gegen die Sonnenwirthin an und redete ziemlich laut davon, er
+habe bisher just wenig Gutes hier genossen, jeder Arbeiter sei seines
+Lohnes werth und am Ende ließe sich auch ein anderer Ort als dieses
+Wirthshaus für ihn finden.</p>
+<p>Knechte und Mägde gaben ihm Recht und hetzten aus verschiedenen
+Beweggründen, Elsbeth ließ ein halbes Dutzend Todsünden gegen den
+"undankbaren, gottverlassenen Galgenstrick" immer heftiger Sturm laufen,
+der Angegriffene setzte ähnliche Mannschaft entgegen, es entspann sich
+manches wüste, hitzige Gefecht und zuletzt wurde die Katzenlene ohne Wissen
+und Willen der Anlaß, dem Faße der Trübsalen des Zuckerhannes den Boden
+auszustoßen.</p>
+<p>Seitdem nämlich unser Held kein gezwungener Vorbeter und Kirchengänger und
+ein Sonntagsschüler geworden war, emanzipirte er sich allmählig vom Beten
+und Kirchengehen überhaupt und schlenderte an schönen Sonntagen im
+herrlichen Tempel der Natur herum, übrigens ohne mit Gedanken über Gott und
+göttliche Dinge sich sonderlich zu befassen.</p>
+<p>Weil er gerne allein war und keinen guten Kameraden brauchte, der während
+des Gottesdienstes mit ihm im Gebüsche längs den Ufern des Gießbaches oder
+im Walde schlief und sich herumtrieb, kam ihm solcher Naturdienst recht
+angenehm vor, doch im Schwarzwalde dauerte die milde Jahreszeit nicht
+allzulange und die Freude manches Sommertages wird durch einen
+wolkenreichen Himmel getrübt. In die Kirche zu gehen, scheute sich der
+Zuckerhannes immer mehr, vom Bären hielt ihn Menschenscheu und Geldmangel
+ab, in ein anderes Haus getraute er sich nicht wohl, als in das der
+Katzenlene und seitdem ein arger Platzregen ihn wiederum einmal dahin
+getrieben und der Besuch ihn überzeugt hatte, daß die Alte zwar seine böse
+Geschichte kenne, ihn jedoch keineswegs verachte und geringschätze, saß er
+manches Stündlein bei ihr.</p>
+<p>Am Morgen durfte er jedoch nicht kommen, weil das Schwänzen des Hochamtes
+bei gesundem Leibe in ihren Augen ein unverzeihliches Verbrechen war, doch
+Mittags während der Vesper übte sie Nachsicht, nachdem sie sich einreden
+lassen, der Besucher vermöge es nicht, mitten unter den Thalbewohnern,
+unter lauter Verächtern und Feinden das Herz zu Gott zu erheben.</p>
+<p>Der alten Großmutter erzählte der Zuckerhannes gar Mancherlei von seinem
+Leben und Leiden, verschwieg Alles, was ihn selbst herabzusetzen vermochte,
+aber sie merkte sehr wohl, woran es ihm fehlte, wollte Alles thun, um den
+auf gefährlichen Pfaden Wandelnden zu Gott zurückzuführen und als kluge
+Frau nicht mit der Thüre ins Haus fallen, sondern vor Allem das Herz des
+Sünders für sich gewinnen.</p>
+<p>Kam er auf die Sonnenwirthin zu sprechen, so redete heißer Haß aus ihm und
+weil der Haß keineswegs ein grundloser war, mußte die Katzenlene um ihres
+Zweckes willen ruhig zuhören und dem Ankläger in Manchem um der Wahrheit
+willen Recht geben. Gar Vieles empörte die alte Christin und so ließ
+dieselbe einmal das Wort fallen: "die Elsbeth müsse ein wahrer Drache sein,
+der die Seelen verderbe!" Diesen Ausspruch vergaß der Zuckerhannes nicht
+wieder, überbrachte denselben den Hausgenossen und als er unter der Woche
+wegen eines nachläßig geschmierten Wagenrades mit der Pflegmutter in
+schwere Händel gerieth, so schrie er im Zorne aus:</p>
+<p>"Tobt nur wie der lebendige Teufel! Als ein Drache und eine
+Seelenverderberin seid Ihr ja genugsam bekannt, die Katzenlene hat es erst
+am Sonntage noch gesagt!"</p>
+<p>Diese Worte versetzten die Elsbeth in besinnungslose Wuth, sie ergriff eine
+eiserne Stange, welche gerade vor ihr lag und schlug den davonspringenden
+Burschen mit solcher Wucht auf das Bein, daß derselbe stürzte und von den
+herbeieilenden Knechten in die Kammer getragen werden mußte.</p>
+<p>Die Verletzung mag nicht sehr bedeutend gewesen sein, aber das beharrliche
+unversöhnliche Schweigen des Verletzten machte ihr Angst und sie fürchtete
+amtliche Untersuchung, obwohl keine Zeugen in der Nähe gewesen, ihr Geiz
+redete auch ein Wörtlein und ein versoffener Bader, welcher versprach, den
+Fuß binnen 8 Tagen schöner herzustellen, als die Natur denselben
+geschaffen, machte den kropfigen Zuckerhannes binnen 8 Wochen zu einem
+lebenslänglichen Hinkebein.</p>
+<p>Gerade noch rechtzeitig schwur der Gequälte, seinen Mund zu halten, wenn
+ein ordentlicher Arzt gerufen würde, ein solcher erschien und durfte von
+Glück reden, weil der Fuß nicht vom Leibe getrennt werden mußte.</p>
+<p>So gütig, milde und freigebig war die Sonnenwirthin niemals gewesen, wie
+jetzt, als sie den Bankert und Spitzbuben doch Etwas zu fürchten hatte, sie
+versprach demselben goldene Berge&mdash;-eines schönen Morgens fand man das
+Bett desselben leer, der Vogel war ausgeflogen und das Wohin konnte Niemand
+sagen.</p>
+<p>In den ersten Tagen war es Elsbethen nicht recht geheuer, sie entfärbte
+sich Etwas, so oft der Gerichtsbote in den Bereich ihrer Augen kam, doch
+dieser brachte ihr niemals eine Vorladung, sie fing an, sich lauter und
+heftiger über den entlaufenen Galgenstrick auszutoben und ohne ihre
+Predigten würden wohl Wenige denselben vermißt haben.</p>
+<p>Der Zuckerhannes aber saß droben im Hegau, lebte in der Nähe eines
+Amtsstädtleins in einem stattlichen Bauernhofe, dem Mooshofe, glücklicher
+als er jemals im Schwarzwalde drunten gewesen und in die Hoffnungen einer
+freudenvollen Zukunft warf nur zuweilen Ein Gedanke Schatten, nämlich der
+Gedanke an seine Papiere.</p>
+<p>Der Moosbauer war ein guter, verständiger Mann und hatte den hergelaufenen
+Zuckerhannes probweise unter der Bedingung als Roßbube eingestellt, daß er
+sich über seine Person gehörig ausweise. Der übelaussehende, menschenscheue
+und wortarme Bursche, der zudem noch ein hinkendes Bein hatte, wollte ihm
+nicht recht gefallen, aber die Bäurin redete für den Weinenden ein
+gewichtiges Wörtlein und weil der Bauer als tüchtiger Landwirth bald sah,
+daß er keineswegs einen Faullenzer oder im Bauernwesen unerfahrenen
+Menschen aufgenommen und derselbe in den ersten Wochen nicht das Mindeste
+von einem Säufer, Spieler, Mädchenjäger oder Raufer an sich merken ließ, so
+schenkte er den Reden des Zuckerhannes bald vollen Glauben und versprach,
+ihn so lange zu behalten, als er da bleiben und keine schlechten Streiche
+machen wolle. Unser Held fühlte sich wie neugeboren, denn sein Arbeiten und
+Benehmen fand Anerkennung, Meister und Meisterin, Knechte und Mägde kamen
+ihm freundlich und wohlwollend entgegen und den argen Zwiespalt zwischen
+Dienstgeber und Dienenden, welchen er in der Sonne von Kindesbeinen an
+erlebt, fand er im Mooshofe nicht.</p>
+<p>Die Leute mußten tüchtig arbeiten, dafür erhielten sie gute Pflege, hohen
+Lohn und menschliche Behandlung und waren stolz darauf, dem reichen,
+angesehenen Moosbauern dienen zu dürfen.</p>
+<p>An einem Montag erhielt der Moosbauer genügende und überflüßige Aufschlüsse
+über den neu eingestellten Schwarzwälder. Das Zeugniß des Vogtes war kurz
+und gut, dagegen hatte das 265pfündige Dekanat ein großes, bogenlanges
+Sündenregister gesandt, welches am Zuckerhannes kein gutes Haar übrig ließ
+und vorzüglich deßhalb seine Wirkung nicht vollständig hatte, weil das
+Uebertriebene gar zu sehr hervorleuchtete.</p>
+<p>Der Moosbauer schüttelte den Kopf, nahm nach der Heimkunft den Roßbuben ins
+Hinterstübchen und ließ sich von demselben seinen ganzen Lebenslauf
+erzählen, ohne eine Silbe von den angekommenen Schriften laut werden zu
+lassen. Der Zuckerhannes hatte in der Sonne in der Kunst des Lügens nicht
+unerhebliche Fertigkeit erlangt, doch diesmal merkte er Etwas, log nicht,
+sondern erzählte binnen einer peinlichen Stunde Alles, was sein Herkommen
+und seine Schicksale betraf, der Wahrheit gemäß.</p>
+<p>"Es ist dein Glück, weil Du nicht logst, denn ich weiß Alles und würde
+einen Lügner auf der Stelle fortgejagt haben. Jetzt bleibe Du nur da, sei
+fleißig und brav, dann wird Alles gut gehen!"</p>
+<p>Mit diesen Worten entließ der Moosbauer den Zuckerhannes und sie klangen in
+ihm fort wie himmlische Musik. Gegen die Knechte und Mägde wollte der
+Meister Stillschweigen über alles Nachtheilige beobachten, was er von jenem
+gelesen und gehört hatte, dagegen mußte die Bäurin Alles wissen, um sich
+darnach zu richten.</p>
+<p>Diese war ein gutes Weib und versprach Stillschweigen, aber am Dienstag
+Mittag wußten sämmtliche Hofbewohner, daß ein Bankert, Spitzbube,
+undankbarer, gottvergessener und entlaufener Kerl, kurz der "Zuckerhannes"
+mit ihnen aus Einer Schüssel esse und der Oberknecht, der Bläsi, der seines
+Zeichens auswendig ein beurlaubter Dragoner und inwendig ein etwas stolzer
+und hochfahrender Bursche war, munkelte davon, der neue Gast gehöre von
+Gott und Rechtswegen ins Zuchthaus statt in den Mooshof und es sei
+merkwürdig, daß heutzutage ein ehrlicher Meisterknecht nicht mehr gelten
+solle, denn ein hergelaufener Galgenvogel, in dessen Nähe man alle
+Schlüssel abziehen, unter Tag im Sack herumschleifen und Nachts unter das
+Kopfkissen legen müsse. Der Moosbauer hat dem Dragoner den Mund verstopft,
+doch über Gesichter und Gebärden desselben vermochte er so wenig zu
+befehlen, als über die der übrigen Knechte und Mägde.</p>
+<p>Dienstag Nachts hat der arme Zuckerhannes schon gewußt, daß Achtung,
+Zutrauen und Liebe der meisten Hausbewohner für ihn auch hier ein Ende
+hätten und altes Elend in anderer Weise beginne. Am Mittwoch Morgen
+erzählte die Hausmagd der Bäurin, das Kopfkissen des Roßbuben sei ganz naß
+gewesen, derselbe müsse heute Nacht wenig geschlafen und viel geweint
+haben.</p>
+<p>Eine Andere versicherte, derselbe sehe übernächtig drein, habe diesen
+Morgen nicht laut mitgebetet, gezittert, als er den schwarzen, blechernen
+Löffel, den sonst Niemand brauche, welchen ihm der Bläsi zuschob, in die
+Hände genommen und kaum einen rechten "Schub" Suppe gegessen.</p>
+<p>Am Sonntag Abend wußte der Held unserer Geschichte, sein Herkommen und
+seine begangenen Sünden sammt vielen unbegangenen seien im Dorfe drüben und
+sogar im Amtsstädtchen in mehr als Einem Munde, schwor, niemals Kameraden
+zu suchen und ohne besondere Geschäfte kein Wirthshaus zu betreten und hat
+den Schwur bis tief in den Winter hinein gehalten. Still, verschlossen und
+menschenscheu lebte er im Mooshofe und erfüllte seine Pflichten mehr als
+getreu, indem er die Stallbewohner beinahe zu seinen ausschließlichen
+Gesellschaftern machte.</p>
+<p>An einem Sonntage saß er vor dem Stalle auf der Hundshütte, ließ eine
+silberne Sackuhr im Licht der Wintersonne spielen, der Bläsi sah dies aus
+der Ferne und lächelte höhnisch, am andern Tage aber holte ein Gensdarme
+den Zuckerhannes aus dem Mooshofe und führte ihn in das Amtsgefängniß.</p>
+<H4><a name="2">Im Thurm.</a></H4>
+<p>
+Es bleibt eine Thatsache, über deren Richtigkeit schon das Studium der
+Schriften der ausgezeichneten Gefängnißkundigen genügend belehrt, daß in
+Deutschland Preußen und Baden das Meiste gethan haben und noch thun, um das
+Gefängnißwesen in musterhaften Stand zu setzen.</p>
+<p>Preußens Gefängnisse kennen wir nur durch Schriften, Unterredungen mit
+einzelnen Gefängnißbeamten und ehemaligen Gefangenen, die badischen dagegen
+vielfach aus eigener Anschauung und Erfahrung.</p>
+<p>So vortrefflich in neuer und neuester Zeit die Zuchthäuser, Arbeitshäuser,
+Kreisgefängnisse eingerichtet und verwaltet werden, so sehr man sich
+bemüht, auch die Untersuchungsgefängnisse in guten Stand zu setzen, so
+bleibt doch in Beziehung auf letztere noch Manches zu thun übrig.</p>
+<p>Wir kennen trefflich eingerichtete Untersuchungsgefängnisse, welche nur
+noch an Einem großen Mangel leiden, nämlich daß sie <I>durch das
+Beisammenleben der Gefangenen Vorschulen aller Verkehrtheit und Laster
+werden</I>; wir kennen aber auch Arrestlocale, deren Beschaffenheit und
+Einrichtung wohl bis zur Stunde aller Gesundheitspolizei und Humanität
+schneidenden Hohn sprechen.</p>
+<p>Von Oben herab geschieht freilich alles Mögliche, damit
+Untersuchungsgefangene oder polizeilich Verurtheilte nicht an Leib und
+Seele Schaden leiden, allein mancher Phisikus ist dick und bequem dazu,
+mancher Beamte hat viel zu viel mit der Unschuld zu schaffen, um sich
+sonderlich um etwas anderes denn um Verurtheilung der Schuld zu bekümmern,
+mancher Kerkermeister ist ein kleiner Absolutist, der hinter dem unnahbaren
+Schild des Gesetzes und der Verordnungen seinen Eigennutz und seine Launen
+versteckt und in mancher kleineren Gemeinde sind gewiß keine drei Personen,
+die sich Etwas von der Wichtigkeit des Gefängnißwesens träumen lassen, weit
+eher dreißig gedankenlose, kurzsichtige Schwätzer, welche sich über
+kostspielig scheinende Verbesserungen der Gefängnisse aufhalten und lieber
+großen Schaden mitbezahlen, als kleinere verhüten helfen würden.</p>
+<p>Freilich gibt es unter dem Monde nichts ganz Vollkommenes; wie in allen
+Dingen lassen sich auch im Gefängnißwesen manche Mißstände nur langsam,
+schwer oder auch gar nicht beseitigen oder Verbesserungen ziehen neue
+Mißstände nach sich, so daß die Menschen am Ende ein großes Übel weniger
+auszumärzen, als durch ein kleineres zu ersetzen vermögen.</p>
+<p>Was Friedrich II. in der bekannten Audienz zu einem deutschen Gelehrten
+sagte: "Die Menschen seien eine ganz verfluchte Race" werden die
+Regierenden zu allen Zeiten an einzelnen Werkzeugen und vielen Unterthanen
+bestätigt finden, welche ihre wohlwollenden Absichten Absichten sein lassen
+oder gar vereiteln.</p>
+<p>Die Hauptsache bleibt, daß nach dem Vorbilde der preußischen die badische
+Regierung fortwährend redlich und ernstlich nach musterhafter Einrichtung
+und Verwaltung aller Zweige des Gefängnißwesens strebt und hierin wohl mehr
+bereits geleistet hat, als einige größere Staaten zusammengenommen&mdash;mit
+diesem tröstlichen, versöhnlichen Gedanken wollen wir in eine <I>Ausnahme</I>
+von der Regel, nämlich in ein <I>schlechtes</I> Amtsgefängniß treten und in
+einer Spelunke desselben den Zuckerhannes aufsuchen.</p>
+<p>Man stelle sich ein nicht gar geräumiges Gemach oder vielmehr Kellergewölbe
+vor, das durch ein kleines, hoch oben angebrachtes Fenster Licht und Luft
+erhalten soll. Ein außerhalb des Fensters angebrachter Verschlag, dessen
+Zweck sich schwer absehen läßt, hindert jedoch das Einströmen frischer Luft
+und ließe bei Tag von der Erde das Dach einer nahen Scheune, vom Himmel
+einiges Blau und in der Nacht einige Sterne deutlich sehen, wenn die
+Scheiben nicht durch den Qualm und Staub vieler Jahre zu einer Satire auf
+die Erfindung des Glases geworden wären. Ein enggeflochtenes Drahtgitter am
+Fenster und sechs lange, mächtige Eisenstäbe spotten jedes Versuches, zum
+Fenster emporzuklettern, um etwa Vorüberwandelnde zu sehen und zu sprechen.
+An sonnenhellen Tagen stiehlt sich um Mittag zuweilen ein barmherziger
+Sonnenstrahl matt und vielfach gebrochen durch die Gitter herein und macht
+alte Jahreszahlen und verschollene Namen ehemaliger Bewohner dieser Höhle
+denjenigen bekannt, die kein Vergnügen an rohen Versen und schmutzigen
+Zeichnungen finden, welche auf die altersgrauen, von Feuchtigkeit
+marmorirten Wände hingeklekst wurden.</p>
+<p>Drei alte, wurmstichige Bettladen nehmen nahezu den ganzen Raum des Kerkers
+ein und nur längs der Wand, in welcher sich die Thüre mit dem Schieber
+findet, läuft ein schmaler Gang, in welchem ein Gefangener hin- und her
+gehen kann. Freilich setzt solcher Spaziergang Bedingungen; erstens nämlich
+darf der Gefangene keinen Fallstaffleib besitzen, zweitens bedarf er
+außerordentlich solider Geruchsnerven, weil er rechts in Ermanglung eines
+Stuhles oder Tisches ein Möbel findet, welches eben nicht gleich Rosen und
+Gelbveigelein duftet; drittens bedarf er einer Brust trotz der des
+Kriegsgottes Mars, um die von seinen Schritten aufgewirbelten feinen Atome
+verschiedener Mineralien und zerstäubter Thiergeschlechter einzuathmen;
+viertens endlich muß er gute Augen haben oder ein geschickter
+Blindekuhspieler sein, damit er sich nicht beschädige an den scharfkantigen
+hölzernen Pallisaden, womit der schlechte, eiserne Ofen links in der Ecke
+umzäunt wird. Dieser Ofen mag schon manchem Bewohner des dämmerungsreichen
+Ortes Stoff zum Nachdenken geliefert haben, denn auf welche Weise er
+geputzt und angestrichen und der Staub unter ihm und in seiner Nähe
+weggebracht werden könnte, bleibt ein Räthsel, an dessen Lösung der
+Verstand der Amtsverweser offenbar verzweifelte.</p>
+<p>Die Gefangenen indeß oder der Kerkermeister selbst zertrümmern von Jahr zu
+Jahr eine oder zwei Pallisaden, die Magd kommt mit ihrem Besen und säubert
+den Augiasstall beim Ofen, der Beamte brummt ein bischen über die
+"liederlichen" Pflegbefohlenen unter dem Themistempel und decretirt neue
+Pallisaden. Abends erzählt er in der Post beim Bier dem dicken, mundfaulen
+Phisikus von der Decretur; letzterer meint, die Gefangenen der beiden
+Lokale unter der Amtsstube könnten einmal bequem ersticken oder auch
+verbrennen, ersterer versichert, das Gewölbe sei feuerfest und jedenfalls
+würden die Akten der Amtsstube bald gerettet sein, beide Leuchten des
+Rechts und der Wissenschaft sind vollkommen damit beruhigt und getröstet.</p>
+<p>In einem derartigen Kerker keinen vorübergehenden Besuch machen, sondern
+schwüle Sommermonate und endlose Winternächte hindurch den Ausgang einer
+spannenden, aufregenden Untersuchung abwarten, wie dies beim Schneckengang
+der Justiz vor Einführung des Geschwornengerichtes gemeiniglich der Fall
+war und noch jetzt der Fall sein kann, mag die Kerneichennatur eines
+deutschen Bauern tief erschüttern und hat sicher den Armenhäusern,
+Spitälern und den Krankenstuben der Strafanstalten schon manchen Rekruten
+geliefert. Kommen elende Kost, rohe Gefangenwärter und unsichtbare Beamte
+hinzu, welche den Gefangenen nicht einmal während des Reinigens der
+Spelunke frische Luft gönnen und im Fall einer Beschwerde sich mit dem
+Befehle <I>strenger</I> Verwahrung zu entschuldigen vermeinen, dann könnte man
+wohl begreifen, daß die Gefangenen gegen Gott und Welt und besonders gegen
+die Regierung erbittert werden.</p>
+<p>Wir wissen aus eigener Erfahrung hundert- und tausendfach, wie geneigt das
+gemeine Volk sei, die <I>Regierung</I> als den allgemeinen großen Sündenbock
+aller scheinbaren oder wirklichen Taktlosigkeiten, Willkür, Brutalität der
+Angestellten und Beamten zu betrachten.</p>
+<p>Die preußische Regierung hat vor Kurzem der Polizei Höflichkeit und mildere
+Formen empfohlen und dadurch ihre Kenntniß des Volkes und ihre Einsicht
+beurkundet&mdash;eine ähnliche Empfehlung möchte von Zeit zu Zeit in Baden
+noch weit nothwendiger sein denn in Preußen und um so bessere Folgen haben,
+wenn sie nicht nur der Polizei, sondern vielen andern Angestellten und
+Beamten zu Gemüthe geführt würde, unter denen gar Mancher durch unnöthige
+Grobheit und hochnasige Rohheit der gewiß wohlwollenden Regierung mehr
+geschadet hat, als mancher sogenannte "rothe Republikaner"&mdash;eine
+Behauptung, an sich einleuchtend und durch Thatsachen unschwer zu erhärten.</p>
+<p>Der Zuckerhannes schneidet sein gutmüthiges, etwas einfältiges
+Alltagsgesicht, sitzt sehr unruhig auf seinem zusammengefallenen
+Strohsacke, dessen klein zerriebener Inhalt ihn genügend vor
+Verweichlichung schützt und betrachtet bald eine dickleibige Kreuzspinne,
+die aus ihrem dichten Gewebe in der Nähe des gegenwärtig halb zerbrochenen
+und von der Mittagssonne eines Frühlingstages umspielten Fensterleins
+heißhungerig auf eine ausgemergelte, verirrte Fliege losstürzt, bald einen
+Sperling, der im Vorbeiflattern sich auf den Verschlag setzt mit
+freundlicher Neugier in die Wüste dieser Behausung hineinzirpt und
+erschrocken davonfliegt, bald eine Wanze, welche träg aus einer Fuge der
+morschen Bettlade in eine andere schleicht, bald einen Floh, der vom
+schmutzigen Hemdärmel des Nachbars sich durch einen fröhlichen Harrassprung
+auf die Hand unseres Helden setzt, hier mit vertraulicher Keckheit sitzen
+bleibt und seine Bestimmung zu erfüllen sucht, nämlich Gefangene in
+schwermüthigen Grillen und Nachbrüten zu stören.</p>
+<p>Neben dem dickhalsigen, schwerkeuchenden Hannes kauert ein Genie, gehüllt
+in Lumpen, die mit Namen und Wappen tätovirten Arme schlecht verhüllend.
+Wäre das arg verworrene, mit Strohstückchen und andern Dingen gepuderte
+Haar des Lumpenmannes oben in einen urgermanischen Zopf gebunden und würde
+nicht ein starker Bart sich seines dreiwöchentlichen Daseins erfreuen, so
+gliche diese Gestalt mit ihrem rothbraunen, starkknochigen, länglichen
+Gesichte und dunkeln, glühenden Augen so ziemlich einem Indianer, der in
+Gegenwart mehrerer Blaßgesichter Zurüstungen trifft, die verlorene
+Friedenspfeife seines Stammes durch eine provisorische zu ersetzen. Er
+knetet nämlich einen gewaltigen Klumpen Schwarzbrod mit Hülfe seines
+Speichels zu einem Teige und unterhält sich damit, aus diesem Teige
+abwechselnd Etwas zu gestalten, was Aehnlichkeit mit einer Tabakspfeife,
+einem Cigarrenhalter oder etwas Anderm besitzt, was er jedesmal der
+allgemeinen Bewunderung preisgibt. Hat er ein Gegenstück zum Ovid
+künstlerisch gestaltet, dann schaut er von Zeit zu Zeit, was der Gehülfe
+auf dem nächsten Bette macht.</p>
+<p>Dieser, ein hübscher Schlosserlehrling und böser Bube dazu, schneidet
+gehärtete Teigplatten in Riemen, diese in gleichförmige Vierecke und der
+Nachbar, ein alter Mann, vollendet die aus Brod zierlich geformten Steine
+des Dominospieles, indem er vorn in der Helle auf einem Pfosten der
+Bettlade mit einem Bleistiftstückchen die nöthigen Punkte und Striche
+macht.</p>
+<p>Während der Zuckerhannes in den Tag hineinschaut, der Indianer knetet, der
+Schlosserlehrling schneidet und der alte Mann punktirt, alle zugleich ein
+Quartett kratzen, schnarcht das Murmelthier den Grundbaß dazu.</p>
+<p>Das Murmelthier, ein kurzer, dicker Kerl, besitzt das Talent, Tag und Nacht
+in Einem fort zu schlafen und mörderlich zu schnarchen trotz Flöhen und
+Wanzen, Hunger und Durst, Ermahnen und Bitten, Schreien und Fluchen der
+Mitgefangenen. Er steht nur auf, wenn er absolut muß, gähnt, murrt und
+brummt dann wie ein aus dem Winterschlaf auftaumelnder Bär, redet selten
+ein deutliches Wort und schnarcht sehr bald wieder ein.</p>
+<p>Er wird zornig und fährt auf, wenn man ihn stößt und rüttelt, mit Wasser
+begießt, wirft, sticht oder schlägt, doch sein Zorn endet stets mit der
+Mißhandlung, sein Blut ist dick, ein todtes Meer, welches kein Sturm in
+Wallung bringt.</p>
+<p>Das Murmelthier ist ein Gastwirth, der, höchstwahrscheinlich im Schlafe,
+eine Majestätsbeleidigung ausgestoßen haben soll, vielleicht den Gästen zu
+gefallen, denn Bier, Wein und Branntwein sind in seinem Hause liberal und
+wenn ihn seine Frau erzürnt, so brummt er heftig über das Ministerium und
+repetirt einen Theil der neuesten Nummer der Mannheimer Abendzeitung.</p>
+<p>Was er im Schlafe gesagt, gestand er im Halbschlafe ehrlich, um nicht lange
+in Verhören herumstehen zu müssen; schlafend wird er sein Urtheil anhören
+und an sich vollziehen lassen, wird blutwenig an den Ansichten und Sitten
+der Zuchthäusler verbessern oder verderben, wohl aber den Schlaf derselben
+stark beeinträchtigen.</p>
+<p>Auf demselben Bette, worauf diese zweibeinige Widerlegung des
+schwermüthigen Young. der "balsamische Schlaf meide die Augen der
+Unglücklichen," behaglich schnarcht, sitzt das "Affengesicht" und unterhält
+sich mit dem einäugigen Stoffel, einem alten Besenbinder und ganz
+unverbesserlichen Vagabunden, der sich wieder um eine Eintrittskarte in
+sein Winterquartier, nämlich ins Zuchthaus beworben hat und dieselbe sicher
+erhalten wird.</p>
+<p>Das "Affengesicht" hat seinen Namen vom "Indianer" nicht umsonst erhalten,
+Gesicht und Gestalt zeigen Aehnlichkeit mit einem Affen; die Laune der
+schöpferischen Natur scheint hier zum Troste verzweifelnder Naturforscher
+den bisher noch nicht ermittelten Uebergang vom Schimpanse zum Australneger
+einmal verkörpert und die äußere Gestalt den innern Anlagen vollkommen
+entsprechend gebildet zu haben.</p>
+<p>Er lebt und webt Tag und Nacht in einem und demselben Elemente; Alles, was
+er sieht und hört, bringt er in Beziehung mit seiner Lieblingsneigung,
+welche ihn auch in dieses Kellergewölbe gebracht hat und voraussichtlich zu
+einer Zierde der Strafanstalten machen wird. Wüste Lieder, gemeine Zoten,
+unzüchtige Erzählungen und kitzelnde oder ekelhafte Schilderungen sind
+seine Lust und Wonne und beinahe das Einzige, woran er denkt und wovon er
+redet.</p>
+<p>Anfangs entleidete sein Geschwätz und sein Gabahren [Gebahren] einigen
+Mitgefangenen, doch darnach fragte das Affengesicht wenig und jetzt lassen
+sie ihn reden und hören nicht mehr darauf. Von Natur schwächlich, feige und
+furchtsam würde ihn ein Blick, eine Drohung, geschweige ein Schlag des
+Indianers oder jedes Andern für einige Zeit zum Schweigen bringen, aber der
+einäugige Stoffel nimmt stets eifrig für das Affengesicht Parthei, der
+Moses thut dasselbe, denn der Stoffel ist in Gemeinheit, Sünde und Laster
+grau geworden, der Sohn Israels kennt den Casanova und Paul de Kock besser
+als Talmud und Bibel, erzählt gerne pikante Histörchen, um anderer
+Quälereien los und ledig zu werden.</p>
+<p>Der Schlosserlehrling ist ein begeisterter Schüler des Affengesichtes
+geworden, dem unerfahrenen, täppischen Zuckerhannes ist in diesem
+dämmerungsreichen Orte ein ganz neues Licht über Leben und Lieben
+aufgegangen; er gesteht gerne, bisher ein "dummer Kaib" gewesen zu sein,
+doch reift in ihm auch der Entschluß, seine Dummheit zu verbessern und wenn
+das Affengesicht, der Moses oder der Einäugige etwas vorbringen, was nicht
+schon hundertmal dagewesen ist und den Reiz der Neuheit verloren hat, paßte
+er gewaltig auf, lacht gewaltig und bittet gewöhnlich um ein baldiges <U>da
+Capo</U>.</p>
+<p>Während er dem alten Mann zuschaut, der die Dominosteine punktirt, wird es
+im nächsten Käfig laut. Dort sitzt das "rothe Liesli," das berüchtigtste
+Weibsbild des Städtleins, klopft an die Wand und singt dann ein schamloses
+Lied, während eine Kameradin leise sekundirt, so leise, als ob sie sich
+noch ein bischen vor sich selbst schäme.</p>
+<p>Unsere Gefangenen spitzen die Ohren; einige, wie der Zuckerhannes
+verschlingen jedes Wort, ermangeln nicht beim Schlusse jedes Verses Beifall
+zu klatschen und zu lachen, nur das Murmelthier schnarcht unbekümmert
+weiter, der Indianer knetet heftiger, der alte Paul schüttelt den grauen
+Kopf und meint, die Welt sei noch immer so schlecht, wie Anno 1805, als er
+mit den Franzosen nach Oesterreich kam. Der dienstfertige Moses kauert zum
+allgemeinen Besten in der Nähe des Ofens auf dem Boden, weil hier die Wand
+am dünsten ist und den Schall am besten fortleitet. Er preßt seine
+aufgeworfenen Wurstlippen an die feuchte, schmutzige Wand und führt ein
+Gespräch mit dem Liesle, über dessen Inhalt Niemand zweifeln wird und
+welches von Zeit zu Zeit nur von dem wiehernden und gellenden Gelächter der
+zuhörenden Weiber und Männer unterbrochen wird.</p>
+<p>Der Zuckerhannes schreit einen Einfall des Schlosserlehrlings ebenfalls
+hinüber, doch seine dumpfe, krächzende Stimme wird nicht verstanden; der
+Moses mit seiner schneidenden bringt den Einfall an Ort und Stelle, die
+Antwort ist ein Gruß und eine Einladung an den Zuckerhannes, ob welcher
+sich der Stoffel vor Lachen den Bauch hält, der Zuckerhannes mit einer Art
+von Stolz und Freude vergnüglich umherhüpft.</p>
+<p>Endlich klirren Schlüssel, Gespräch und Gesang nehmen für diesmal ein Ende,
+um vielleicht in der Nacht desto lebhafter fortgesetzt zu werden!&mdash;&mdash;</p>
+<p>So lange Gefangene beisammensitzen, so lange Weiber und Männer sich unter
+Einem Dache wissen, ebenso lange werden Gefängnisse Schulen der Unzucht
+bleiben; Kerkermeister und Schildwachen können beim besten Willen nur wenig
+verhindern und seit wann sind diese Leute Ritter der Ehrbarkeit und
+Züchtigkeit?</p>
+<p>Freilich, in Wachtstuben, Kneipen und sogar in Gesellschaften "honetter"
+Leute nimmt man's mit Worten und Thaten nicht genau, vornehme Herren sind
+schon oft genug mit Ehebruch und Mätressenwirthschaft der tollsten Art
+vorangegangen&mdash;doch <I>der Staat</I> soll den Uebertretungen des sechsten
+Gebotes keinen Vorschub leisten und er thut dies überall, wo er Leute
+verschiedenen Alters in einen und denselben Kerker, Leute verschiedenen
+Geschlechtes unter ein und dasselbe Dach sperrt. Auch <I>Leute verschiedener
+Glaubensbekenntnisse</I> sollten nicht zusammen eingesperrt werden, am
+allerwenigsten Juden zu Christen.</p>
+<p>Man mag jene Verschmelzung der Juden und Christen, welche Berthold Auerbach
+in seinen Dorfgeschichten anticipirt, sehr schön und recht wünschenswerth
+finden, leider wird sie ein frommer Wunsch bleiben, von dessen Erfüllung
+wir in dieser Zeit der Gottlob! beginnenden Wucherprozesse weiter als je
+entfernt sind.</p>
+<p>Im allgemeinen bleibt der Jude ein Fremdling, der unser Denken, Fühlen und
+Glauben nur schwer oder gar nicht versteht, mag er mit altem Eisen handeln,
+im Bureau eine Rolle spielen oder mit scharfer oder geistreicher Feder für
+das "reine" Menschenthum wüthen. Man haßt nicht sowohl seine Religion, denn
+seine Irreligion, nämlich die gemeine Habsucht, die spitzbübische
+Schlauheit, den tiefgehenden Haß gegen das Christenvolk und den Fanatismus
+des Unglaubens, welchen das "junge Israel" in Zeitungen und Büchern aller
+Art zur Schau trägt, während das mit greifbaren Dingen schachernde Israel
+das Volk arm und elend macht.</p>
+<p>Freilich ist man den Juden nirgends liebevoll und christlich
+entgegengekommen; ihr Haß gegen die Christen hätte vielhundertjährige
+Berechtigung, wenn der Haß überhaupt jemals berechtigt sein könnte, doch
+worin wurzeln die ersten Ursachen der betrübenden Feindschaft zwischen
+Juden<I>menschen</I> und Christen<I>menschen</I>? Verschiedenheiten der Nationalität,
+Weltanschauungen, Interessen, vor Allem der wunderbar erfüllte Fluch
+Gottes, der dieses Volk zuerst in die Sandwüste Arabiens, dann zu den
+Trauerweiden Babylons, zuletzt in die Wüste eines fremdartigen Völkerlebens
+verbannte, erklären die trübe, schwermüthige Geschichte des auserwählten,
+tief gesunkenen und dennoch niemals untergehenden Volkes.</p>
+<p>Unter den tragischen Erscheinungen der Weltgeschichte nimmt die der Juden
+wohl den ersten Rang ein und ein Christ vermag kein durchgreifendes Mittel
+zur Verbesserung der Lage des unglücklichen Volkes zu sehen als das
+Sichselbstaufgeben und Bekehren.</p>
+<p>Wie immer, wenn ein Jude in enge Gemeinschaft mit Leuten aus dem Volke
+kommt, ohne daß Handel und Geldangelegenheiten im Spiele sind, hatte auch
+der Moses von der Rohheit, Gemeinheit und Lieblosigkeit seiner
+Mitgefangenen Vieles zu dulden und zu leiden.</p>
+<p>Wohlfeile Spöttereien, gemeine Späße, Neckereien und Quälereien aller Art
+verfolgten ihn Tag und Nacht und sobald der Geduldfaden bei ihm zu brechen
+drohte, mußte er erleben, daß die Meisten gegen ihn eifrig Parthei
+ergriffen und <I>daß gemeinsame Haft für einen Israeliten eine
+Strafverschärfung, eine Tortur der Seele und wohl auch des Leibes sei, von
+welcher die Gesetze nichts wissen wollen.</I></p>
+<p>Um sich Ruhe zu verschaffen, lebte er Allen zu Gefallen, stieg zum
+Affengesichte und dem einäugigen Besenbinder herab und ergänzte die rohen
+Späße und ekelhaften Erzählungen derselben durch Brocken, welche er als
+halbstudirter und gebildeter Mann aus der neuern Romanenliteratur gefischt
+hatte.</p>
+<p>Der Moses that jedoch noch mehr; er selbst gehörte zum "aufgeklärten"
+Israel, glaubte in religiösen Dingen gar nichts und vom Glauben seiner
+Väter und der Jugend war ihm nichts übrig geblieben, denn ein ingrimmiger
+Haß gegen das Christenthum. Er sah bald, daß bei seinen Mitgefangenen von
+besonderer religiöser Ergriffenheit und lebendigem Glauben wenig vorhanden
+sei, ließ seinem Hasse gegen die Religion seiner Gegner freien Lauf, fand
+in diesem Punkte Duldung und Beifall genug, bemühte sich, alles Christliche
+mit der Lauge des bittersten Spottes und Hohnes zu übergießen, alles
+Heilige und Ehrwürdige in den Koth herabzuziehen und fand hierin seine
+Freude, seinen Stolz, seinen Genuß und wenn er bemerkte, daß er keineswegs
+auf Felsengrund säete, sondern seine Feinde gründlich verderbe, vergaß er
+die Leiden des Kerkers.</p>
+<p>Das rothe Liesli ist abgefertigt, der Stoffel erinnert den Moses, es sei
+heute Freitag, in diesem Loche gehe die Sonne bereits unter, er möge seinen
+Schabes damit anfangen, indem er "ebbes Koschers" von einem "Schicksel"
+oder "Gojim" erzähle, dem Moses fällt gerade nichts bei, als daß Jesus
+Christus am Freitage gestorben und er geht daran zu beweisen, der
+Welterlöser könne unmöglich der Messias gewesen sein, weil derselbe sich
+von "unsere Lait" kreuzigen ließ.</p>
+<p>So unvorsichtig und frech hat der Jude noch niemals geredet, wie er jetzt
+zu reden beginnt. Dem Zuckerhannes steht das Haar schier empor, doch er ist
+auch in diesem Kerker der Aermste und Einflußloseste, das Affengesicht
+schweigt, der Stoffel hört mit Lachen auf, nur der Schlosserlehrling
+ermuntert durch sein Kichern den Moses zum Fortfahren.</p>
+<p>Wäre es in dieser Höhle minder dunkel gewesen, so daß der Lästerer die
+finstern Gesichter und drohenden Blicke des Indianers und des alten Paul
+hätte sehen können, so würde er sich eine unfeine Redensart und einen
+gewaltigen Fußtritt erspart haben, welche der urplötzlich aufspringende
+Indianer ausstieß und ihm versetzte mit den Worten:</p>
+<p>"Wir glauben zwar wenig, was die Pfaffen sagen, doch du, lausiger Mausche,
+spottest nicht mehr über unsere Religion oder ich haue Dich kreuzlahm, Du
+Tropf!"</p>
+<p>"Au waih geschrieen!" jammert der Getretene, ["]hab' ich dem Herrn Ebbes
+gethan? Hab ich doch glaabt, Rores und Koschers zu erzähle!"</p>
+<p>Der Stoffel und der Schlosserlehrling nehmen Parthei für den Moses, der
+sich hinter sie flüchtete und vom Zuckerhannes fast erwürgt wird, eine in
+Gefängnissen nicht ungewöhnliche Rauferei würde sich entsponnen haben, wenn
+nicht der sonst schweigsame "Zimmercommandant" oder der "Spaniol," drohend
+dazwischen getreten und der Drohung durch seine sehnigen Arme Nachdruck
+verschafft hätte.</p>
+<p>"Haut den Mausche nieder, schlagt ihn todt, er muß in den Schooß Abrahams
+und Speck fressen!" schreit der Schlosserlehrling wie besessen.</p>
+<p>"Graußer Gott, kümm ich gegange zu gain in de Taud! ... Laßt mich gain ...
+gain! ... As ich klag beim Polizeicumisär, ist er doch aach von unsere
+Lait, er ist aach en Gojim geworde und angesehe ... Kairausche ... uh ...
+uh ... Laßt mich gain, ... Zuckerhannes!" ...</p>
+<p>Mit der blinden Wuth des gereizten Kampfstieres hielt der keuchende
+Zuckerhannes den geängstigten ächzenden Juden an der Kehle, bis der Spaniol
+mit seinen Fäusten Ruhe schaffte und den Zuckerhannes wegriß, indem er
+schrie:</p>
+<p>"Wollt Ihr Euch selbst zerfleischen, Kinder des Volkes? ... Sollen die
+Aristokraten eine Freude haben! ... Ventre saint gris, Ruhe! ... Die
+Lappalie ist nicht der Rede werth! ... Viel Lärm um Nichts! ... weg da,
+Jean de sucre, par Dieu!" ...</p>
+<p>Nach einigen Minuten ward die Ruhe hergestellt; der Indianer flucht und
+schimpft noch, denn er ist ein besonderer Feind der Juden und hatte seine
+besondere Ursache, der Zuckerhannes keucht, der Schlosserlehrling lacht,
+der Stoffel lacht auch, das Murmelthier brummt und das rothe Liesli klopft
+heftig an die Wand, das Affengesicht gibt Antwort, der Moses aber sitzt
+still und erbittert in einem Winkel und schwört den "Göjims" im Herzen von
+Neuem Rache und Haß.</p>
+<p>Er wußte schon, daß eine Anzeige ihm wenig nützen würde, weil Alle gegen
+ihn sprächen, wohl aber sehr mißliche Folgen für ihn nach sich ziehen
+könnte und beschloß, nach der Freilassung drei arme Christenfamilien durch
+Erbarmungslosigkeit ganz gesetzlich zu ruinirn.</p>
+<p>"Alter Schwede, Du hast versprochen, uns Deine Geschichte zu erzählen, thue
+es jetzt. Es hat zwar draußen erst 3 Uhr geschlagen, doch hier wird es
+dunkel, es ist Abend! die Herren haben sich etwas erhitzt, Deine Geschichte
+wird die Wirkung einer Limonade haben!" sagt der Spaniol zu dem alten
+Manne, dessen große, dunkle Gestalt zwischen dem Ofen und Nachtstuhl
+umherwandelt.</p>
+<p>"Oui, je suis prêt de vous faire un plaisir, mon commandant!" sagt der Alte
+und setzt bei: ["]Schon acht Tage denke ich über meine Geschichte nach, ich
+will sie so gut erzählen, als ich vermag und <I>Das</I> will ich Euch sagen,
+<I>wenn Einer im mindesten an Etwas zweifelt, so will ich ihm lebendige
+Zeugen genug nennen.</I> Ich lüge den Amtmann an, denn dieser ist ein Tyrann,
+doch Euch lüge ich nicht an, es wäre nicht der Mühe werth. Zudem kennt der
+Stoffel da von Mannheim her mein Leben; wir haben schon in den
+Zwanzigerjahren Zuchthaussuppen mit einander gegessen, er ist ein alter
+Spezel von mir. Setzt Euch! ... Komm Mausche! <I>Du</I> besonders sollst Deine
+Judenohren spitzen, denn ich <I>bin ein Evangelischer</I> und <I>Pfaffenfeind</I>,
+frage den Teufel nach dem Teufel, doch einen Gott gibts, Jude, und eine
+Vorsehung, das kannst Du sammt dem Spaniolen mir nicht nehmen und Deine
+Spöttereien will ich auch nicht mehr hören!"</p>
+<p>Alle Zuhörer kauern auf ihre Strohsäcke, der Paul will erzählen, wir geben
+dessen Lebensgeschichte mit wenigen nöthigen Abänderungen, wie er sie
+selbst gegeben und lassen die unwesentlichen Unterbrechungen aus dem
+Spiele.</p>
+<H5><I><a name="2a">Die Geschichte des alten Mannes.</a></I>
+</H5>
+<p>
+"Es ist eine hübsche Zeit seitdem ich auf die Welt kam und habe noch wenige
+Jahre, dann werde ich gute Leute finden und glücklich sein, nämlich vom 70.
+Jahre an. Das hat mir Anno 1805 ein frommer Waldbruder prophezeit und weil
+Alles so pünktlich eingetroffen ist, was er mir prophezeite, so wird auch
+dieses eintreffen.</p>
+<p>Im Jahr 1782 bin ich geboren und der jüngste Sohn eines Stabstrompeters,
+welcher bei den Heidelberger Dragonern stand und später vom Churfürsten
+Karl Theodor das Patent als Tanz- und Fechtmeister erhielt.</p>
+<p>Als ein Büblein zwischen 5 und 6 Jahren verlor ich den Vater, an den ich
+mich kaum mehr recht erinnere. Bald darauf lag die Mutter lange krank; an
+diese kann ich mich noch recht gut erinnern und als sie starb, hatte ich
+Niemanden mehr auf der Welt. Meine Brüder waren als Soldaten fort, die
+Schwestern verheiratet, ich mußte in das Waisenhaus nach Mannheim und wurde
+dort erzogen. Später erlernte ich die Weberprofession und arbeitete als
+Geselle drunten in der Pfalz.</p>
+<p>Verwandte von mir lebten über dem Rheine und dort regierten damals die
+Franzosen. An einem Sonntage kommt eine Base zu mir herüber, klagt mir ihre
+Noth und weint bitterlich. Sie war eine Wittwe mit 5 Kindern, keines konnte
+ihr an die Hand gehen außer dem ältesten Sohne; dieser war erst 17 Jahre
+alt, sollte mit Gewalt bei den Franzosen Soldat werden, war entlaufen und
+der General hatte der armen Frau fürchterlich gedroht, wenn sie ihren Sohn
+nicht beischaffe oder einen Mann für denselben stelle.</p>
+<p>Jetzt weinte sie mit mir über ihr Elend, ich weinte mit und weil ich doch
+damals schon so groß war, wie jetzt und so stark, daß ich alle Webstühle
+hätte zusammenschlagen mögen, auch weiter Niemanden in der Heimath hatte,
+dem Etwas an mir lag, so machte ich kurzen Prozeß, ging mit der Base über
+den Rhein, meldete mich beim General als Ersatzmann ihres Sohnes, wurde mit
+Freuden angenommen und zum 16. französischen Linienregiment eingeteilt.</p>
+<p>Anno 1805 machte ich den Feldzug nach Oesterreich mit, war bei der Schlacht
+von Austerlitz, erhielt einen Säbelhieb über das Gesicht, der wenig zu
+bedeuten hatte, dagegen wurde unser Regiment in Mähren oft zum Plänkeln
+verwendet, bei einer solchen Gelegenheit erhielt ich einen Bajonettstich in
+die rechte Seite und einen in den rechten Fuß, blieb auf dem Kampfplatze
+liegen und wurde gefangen.</p>
+<p>Nicht so gar weit von Olmütz war ein ehemaliges Kloster zu einem Lazarethe
+eingerichtet worden; man brachte mich dahin, ich wurde gut verpflegt und
+besorgt, obwohl viele Soldaten darin lagen, doch die Gefangenschaft gefiel
+mir nicht und ich verabredete mit einigen Kameraden einen Fluchtversuch.</p>
+<p>Oben auf einem Speicher war die Todtenkammer, Todte gab es genug, wir
+schlichen uns eines Abends hinauf, lagen still bis Mitternacht und ließen
+uns dann durch eine Dachluke an zusammengebundenen Leintüchern in den Hof
+hinab. Wir standen im Hofe und hatten Eile, denn die Leintücher flatterten
+vor den Fenstern herum, wenn uns die Schildwachen entdeckten, hatten wir
+nicht viel Gutes zu erwarten. Wir hatten keinen Schlüssel und keinen
+Ausweg, meine Kameraden verzweifelten an der Flucht, denn der Abzugskanal,
+der durch den Hof lief, war gefroren, zudem voll Unrath und da, wo er unter
+der Mauer ins Freie führte, durch ein Gatter versperrt.</p>
+<p>Das Gatter war von Holz; wir brachen es los, doch weil das Eis nicht trug
+und wir leicht im Schlamme ersticken konnten, wagte es außer mir keiner
+diesen sichern, jedoch gefährlichen Weg zu machen.</p>
+<p>Meine Kameraden kehrten um, einen andern Ausgang zu suchen, ich kroch durch
+das Gatter in den Abzugskanal, wäre um ein Haar erstickt unter der ziemlich
+langen Wölbung, doch Gott hatte Erbarmen mit mir und wie durch ein Wunder
+gelangte ich aus dem Graben ins Freie.</p>
+<p>Es war eine sternenhelle Winternacht, weil ich tropfnaß geworden, gefror
+Alles an mir, meine noch nicht ganz geheilten Wunden schmerzten mich arg,
+ich lief auf den Feldern umher, bis ich einige Lichter sah, welche sich
+nicht bewegten. Dem Umsinken nahe, konnte ich nicht mehr laufen, kroch auf
+allen Vieren den Lichtern näher und weil ich immer nur nach den Lichtern
+und nicht genau um mich schaute, kugelte ich auf einmal über einen Rain
+hinab in einen Bach, die Eisdecke brach, ich stand zwei bis drei Schuh tief
+im Wasser, schrie aus allen Kräften um Hülfe, wurde gehört, einige
+Weibspersonen kamen und zogen mich aus dem Bache. Ich sagte denselben, daß
+ich kein Franzose sondern aus dem Reiche sei, sie aber sagten mir, ich sei
+bei keinem Dorfe, sondern bei einigen Häusern, welche zusammen einen Hof
+ausmachten und ich habe über 4 Stunden hieher gebraucht, obwohl das
+Lazareth keine Stunde weit entfernt liege. Meine Angst vor dem
+Erwischtwerden verschwand bei der Versicherung, man werde mir gar nicht
+nachspüren, der Krieg sei ja aus und ich könne ruhig bei ihnen bleiben.</p>
+<p>Im Stalle zogen sie mich aus und führten mich dann in die warme Stube, wo
+es mich erst recht fror. Um den Leib trug ich eine Schnur, an dieser ein
+Amulet mit seltsamen Zeichen, Namen und Bibelstellen und dieses Amulet
+erregte die Neugier der guten Leute, an die ich noch jetzt niemals
+zurückdenke, ohne daß mir die Thränen stromweise über die alten Wangen
+laufen! ... Ich habe in meinem langen Leben wenig Leute gefunden, die es
+gut mit mir meinten, doch diese Leute behandelten mich, als ob ich ihr
+eigen Kind wäre, wiewohl ich als Feind in ihr Land gekommen war! ... Vor
+dem Kriege lag das 16. Regiment in Besançon, dort hat meine Waschfrau mir
+das Amulet gegeben und gesagt, daß mich keine Kugel treffen werde, wie es
+denn auch geschehen ist. Mehr vermochte ich den guten Leuten nicht zu
+sagen, sie kochten mir eine Milchsuppe und als ich ihnen Alles dafür geben
+wollte, was ich besaß, nämlich 15 Groschen, die in der gefrornen Montur
+lägen, lachten sie mich aus. Ein alter Mann mit Einem Fuße stelzte auch
+herein, fragte mich über Vieles und gab mir auf meine Bitte soviel Schnaps,
+als ich nur begehrte. Dann kam der Alte mit meinem französischen
+Gebetbuche, ich durfte nicht mehr in den Stall, sondern in ein gutes Bett,
+betete vorher laut aus dem Buche und Alle knieten nieder, obwohl sie kein
+Wort verstanden.</p>
+<p>Der Stelzfuß sagte mir noch, ich sei sicher, weil kein kaiserlicher
+Deserteur, dann grüßten Alle mit dem Gruße jenes Landes, nämlich. "Gelobt
+sei Jesus Christus!" und ich schlief den ganzen Tag und die andere Nacht
+fast dazu.</p>
+<p>Weil das Wetter schlecht geworden, ließen sie mich nicht marschiren, ich
+wollte aber nicht umsonst da sein. Es standen zwei Webstühle in einer
+Kammer, der Zettel war fertig, eine Magd machte mir Spulen und so webte ich
+ein schönes Stück Tuch, bis die Eigentümer des großen Hofes heimkamen.</p>
+<p>Endlich wurde das Wetter gut, meine Wunden ebenfalls, ich wollte ins
+Preußische, dort einen Paß auftreiben und damit heimgehen.</p>
+<p>Die Bäurin hatte eine Schwester an der Grenze verheirathet, der Mann
+derselben war ein Wirth. Ich bekam einen Brief an diese Leute, dazu auch an
+einen Einsiedler, den man in jener Gegend nur "den frommen Gottesmann
+Bernardus" nannte, ferner andere Kleider, einiges Geld und so viel
+Eßwaaren, als ich nur einzustecken vermochte. Beim Abschiede weinte ich wie
+ein Kind, die guten Leute weinten auch, ein Knecht und zwei Töchter fuhren
+mit mir bis Mährisch Neustadt, dann ging ich allein der Grenze zu.</p>
+<p>Ich kam zu den Wirthsleuten und wurde so gut aufgenommen, als ob ich daheim
+gewesen wäre. Die Frau hieß ihre Kinder mir die Händchen reichen, sie
+mußten mich "Vetter" nennen, ich weinte vor Freuden und mußte bleiben bis
+Sonntag. An diesem Tage kam eine Tochter auf Besuch, diese hatte den
+Waldbruder Bernardus bei sich auf dem Hofe und mit ihr kam ich zu diesem
+eisgrauen Gottesmanne.</p>
+<p>Am dritten Tage erst durfte ich abreisen, vorher prophezeite mir Bernardus
+mein Schicksal und Gott der Allmächtige weiß, daß Alles eintraf, was er
+sagte, wiewohl ich nicht viel darauf gab.</p>
+<p>Er prophezeite Folgendes. "Du wirst in Preußen keinen Paß bekommen, sondern
+Soldat werden, dem Kaiser dienen und noch Vieles auszustehen haben, ehe Du
+deine Heimath wieder siehst. Du wirst nicht nur manchen Blutstropfen
+verlieren, sondern auch ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werden. In der
+Heimath wirst Du wenig Gutes finden und im Elend bleiben, bis Du 70 Jahre
+alt bist, wirst mehr aushalten, als Tausend Andere auszuhalten vermöchten.
+Vom 70. bis zum 90. Jahre jedoch wirst Du gute Leute finden und gute Tage
+erleben!"</p>
+<p>Er prophezeite mir noch vieles Einzelne und ich hatte den Gottesmann kaum
+recht verlassen, so erfüllte sich seine erste Prophezeiung.</p>
+<p>Am Thore von Glatz nämlich wurde ich arretiert, weil ich keinen Paß besaß,
+auf die Hauptwache geführt, vom Commandanten examinirt. Ich erzählte Alles
+wahrheitsgemäß und sagte, ich sei ja gerade gekommen, um einen Paß zu
+holen, der Commandant aber schnauzte mich an:</p>
+<p>"Du bist ein österreichischer Deserteur und wirst entweder bei mir Soldat
+oder ich lasse Dich schließen, über die Grenze bringen und an den nächsten
+Kreishauptmann abliefern. Hast freie Wahl, bis morgen gebe ich Dir
+Bedenkzeit!"</p>
+<p>Ich wollte fast Soldat in Glatz werden, doch als der Commandant der
+Hauptwache sagte. "Sei gescheid, nimm keinen Dienst, wenn Du kein Deserteur
+bist; wir hocken bereits 6-8 Jahre in diesem Nest und haben in dieser Zeit
+kein Gras wachsen sehen!" da wußte ich, was zu thun war.</p>
+<p>Am andern Morgen kommt der Adjutant und fragte: "Nehmt Ihr Dienst?"&mdash;Nein!
+&mdash;"Also zunächst geschlossen und ins Civilstockhaus!"</p>
+<p>Ich bat, mich nicht zu schließen, doch er sagte, er müsse es thun, wenn es
+auf ihn ankäme, ließe er mich laufen. Es war kalt, ich fror, war hungerig,
+hatte fast kein Geld mehr, der Adjutant gab mir einige Groschen, ließ mich
+ins Civilstockhaus führen, wo die Weibsleute nur durch einen löcherigen
+Verschlag von den Mannsleuten getrennt waren, so daß unser Affengesicht,
+der Mausche und mein einäugiger Spezel dort ein wahres Paradies gefunden
+hätten!</p>
+<p>Am andern Tag wurde ich geschlossen, ein Bube machte den Transporteur;
+derselbe bekam nichts dafür, weil es in der Frohne ging. Vor lauter Elend
+und Hunger kam ich nur 4 Stunden weit, der Bube gab seinen Brief an den
+Schulzen ab, der Schulze konnte keinen Buchstaben lesen, ich las ihm die
+Adresse. "An den Kreishauptmann auf der Grenz abzugeben," erzählte ihm mein
+Schicksal und dann sagte er. "Es werden 4 Groschen für Dich bezahlt, kannst
+bis morgen bei mir bleiben!"</p>
+<p>Am andern Tage wurde ich nicht geschlossen, weil mir der Schulze glaubte;
+zum Transporteur gab er mir ein riesenmäßiges Weibsbild. Ich dachte gleich
+ans Durchgehen, doch der Muth dazu verging mir, wie ich das Weib näher
+betrachtete und es mir sagte, daß sie mich beim geringsten Fluchtversuch
+halbtod prügeln werde.</p>
+<p>Als es durch den Wald ging, verließen wir die Straße und machten Nebenwege,
+welche näher sein sollten und kamen dann zu einem Bauernhof, der zugleich
+ein Wirthshaus war. Ich wollte einkehren, sie ging mit mir und wir beide
+bereuten es nicht, denn der Hofbauer war ein Pfälzer, überzeugte sich durch
+viele Fragen, daß ich meine Mundart nicht umsonst redete, zeigte eine große
+Freude, lud uns zum Mittagessen ein und mein Transporteur aß und trank für
+eine halbe Compagnie.</p>
+<p>Der Landsmann fragt mich heimlich, ob ich wirklich ein Deserteur sei, ich
+sage Nein und er sagt, ich käme an den alten Ort zum Bruder Bernardus
+zurück. Dieser fromme Mann habe sein kleines Töchterlein von einer
+Krankheit bald und ganz geheilt, nachdem das Kind vergeblich die ganze
+Apotheke durchgebraucht gehabt hätte.</p>
+<p>Nach dem Essen will das Weibsbild fort, der Wirth gibt ihr heimlich Geld,
+sagt, es pressire nicht so, sie könne auf dem Rückwege bei ihm umsonst
+übernachten. Jetzt trinkt die Große bis gegen Abend des kurzen Wintertages,
+ich hätte dann leicht entlaufen können. Kaum recht im Walde fiel sie um und
+ich mochte sie nicht verlassen, weil sie leicht hätte liegen bleiben und in
+der Nacht erfrieren können.</p>
+<p>Sie war zu schwer, als daß ich sie hätte auf die Beine bringen können,
+blieb über eine Stunde besinnungslos liegen; es wurde ihr allgemach besser,
+sie steht auf, ich bitte um Gotteswillen, mich nicht irre zu führen und
+Nachts um 12 Uhr kommen wir richtig beim Bruder Bernardus an, der mir Alles
+so vorausgesagt hatte. Die Leute auf dem Hofe erschrecken ob meinem
+Aussehen, ich war beinahe erfroren, doch eine gute Weinsuppe und ein
+Nachtlager in der warmen Stube stellt mich wieder her.</p>
+<p>Am andern Morgen gibt das Weibsbild den Brief an Bernardus und weint beim
+Abschied über mein Elend, denn ich war kaum im Stande, sie bis zur Thüre zu
+begleiten.</p>
+<p>Vier Wochen blieb ich wieder auf dem Hofe, dann war ich hergestellt, mochte
+nicht bleiben, weil die Feldarbeiten mir zu schwer waren; die Leute gaben
+mir Geld, weinend nahm ich Abschied und ging nach Jägerndorf, um mich dort
+unter die Soldaten anwerben zu lassen.</p>
+<p>Am Abend des zweiten Tages komme ich in die Stadt, gehe in das nächste
+Wirthshaus, wo viele Soldaten waren, lasse mir ein Seidel und Essen geben
+und frage, ob ich über Nacht bleiben könne.</p>
+<p>Es heißt Nein, denn das Haus sei ein Brauhaus.</p>
+<p>Einige Soldaten hörten, ich sei aus dem Reich und bei Mannheim zu Hause,
+sie sagen, einer ihrer Kameraden sei mein Landsmann, verdiene schönes Geld
+als Küfer in diesem Hause. Einer geht und holt den Soldaten und wer ist's?
+der Muck, welchen ich schon als kleines Kind gekannt hatte.</p>
+<p>Ihr könnt Euch denken wie groß unsere Freude war und als der Muck erst
+hörte, ich wolle mich anwerben lassen, bekam ich Essen, Trinken, Nachtlager
+und Kameraden genug. Muck geht, um schnell einen Nachtzettel zu holen, doch
+er bekam keinen, der Richter, wie man dort zu Lande den Bürgermeister
+heißt, wollte mich selbst sehen, ich ging hin und bekam gleich einen
+Nachtzettel, nachdem ich vom Anwerbenlassen geredet.</p>
+<p>Am andern Tage war ich Soldat bei Mucks Compagnie und bekam als Handgeld 24
+Gulden, die mir kein Glück brachten. Ich bekam viele Kameraden, das
+Regiment gefiel mir aber nicht, weil es Stockprügel regnete und ich
+beschloß nach drei Wochen, mit 18 Andern zu desertiren.</p>
+<p>Dem Muck sagte ich nichts, denn er hatte es gut; an einem Sonntage liefen
+wir davon, doch kamen die Nachsetzer, ehe wir 3-4 Stunden weit gekommen
+waren. Sie hatten Fuhrwerk bis zur Grenze, eine Menge Bauern folgte ihnen,
+weil Jedem, der einen Deserteur fange, 24 Gulden versprochen wurden. Am
+Rande eines Waldes holten sie uns ein, wir hatten beschlossen, uns bis zum
+Tode zu wehren und nicht zu fliehen, die Bauern unternahmen einen Sturm auf
+uns, wir wurden bald überwältigt, gebunden, von den Bauern ins Dorf
+geschleppt und bewacht, am andern Morgen aber zum Regimente nach Jägerndorf
+eingeliefert.</p>
+<p>Wir Alle waren von der ersten Grenadiercompagnie, unser Hauptmann dauerte
+mich wahrhaft, denn er war ein guter Mann, fragte, was wir denn zu klagen
+hätten, wir wußten nichts gegen ihn vorzubringen und er machte uns bittere
+Vorwürfe.</p>
+<p>Wir Alle wurden getrennt, verhört, in 10 Tagen Kriegsgericht gehalten. Der
+Rädelsführer erhielt die Kugel vor den Kopf, wir die härteste Strafe nach
+der Kugel, nämlich 10maliges Gassenlaufen durch 300 Mann und zwar so, daß
+nach 5 Läufen frische Ruthen vertheilt wurden. Als ich auf dem
+Exerzierplatze die langen Soldatenreihen und Ruthen sah, wurde mir doch
+bange und als die Tambours und Pfeifer anstimmten, klopfte mir das Herz
+gewaltig.</p>
+<p>Ich gehörte zu den Ersten, welche laufen mußten, denn ich hatte mich gegen
+die Bauern arg gewehrt, der Major und Adjutant schrieen in Einem fort:
+Zugehauen! Zugehauen! Dennoch hieb gar Mancher auf die Hosen, Viele hieben
+schonend, denn die Soldaten waren fast lauter Ausländer. Uebrigens lief mir
+schon beim zweiten Gang das Blut durch die Hosen, denn ich trug auf dem
+Rücken eine große Warze, welche gar bald weggehauen war und tüchtig
+blutete.</p>
+<p><I>Das Aergste war mir übrigens nicht das Gassenlaufen, sondern das Zuschauen
+vieler Herren und Damen der Stadt.</I></p>
+<p>Diese gaben uns nach der Exekution vieles Geld, wir kamen Alle ins
+Lazareth. Mir wurde ein nasses Leintuch auf den Rücken gelegt, dasselbe war
+mit Etwas bestrichen, welches mich so wüthend schmerzte, daß ich vermeinte,
+in die Luft springen zu müssen und eine volle, ewiglange Stunde dauerte die
+Qual! ... Nach 8 Tagen sollten wir als Geheilte aus dem Lazareth, da fragte
+ich den Krankenwärter, was denn an dem verfluchten Leintuche gewesen, doch
+dieser sagte nur: "Ich weiß nicht, wie es heißt und was es ist, es darf
+halt auf dem Rücken keine Maden geben!"</p>
+<p>Fortan ging ich nur mit Muck um, hatte die Freude an diesem Regimente jetzt
+erst recht verloren und war fest entschlossen, ganz allein zu desertiren,
+wenn es mir auch das Leben kosten sollte.</p>
+<p>Neben der Kaserne stand das Wirthshaus zum Mohren, wo man Alles haben
+konnte, was zur Menage gehört. Der Wirth war aus Landau, seine Frau, eine
+Wienerin, hatte zwei Schwestern bei sich, von denen eine Marie hieß. Ich
+trank zuweilen für einen Kreuzer Rosoli; einmal gab ich der Marie einen
+Groschen, sie gab mir das Doppelte wieder und so fing meine erste
+ernsthafte Bekanntschaft an.</p>
+<p>Die Offiziere sahen nichts lieber, als wenn die Soldaten Liebschaften
+anfingen und heiratheten, denn sie glaubten, das Desertiren habe dann bei
+ihnen eher ein Ende. Kam ich auf Wache, so brachte die Maria mir Essen und
+Trinken und sagte hundertmal. "Wären wir nur in Wien, da wollte ich für
+dich sorgen! Habe ich nicht einen Bruder dort, einen Bäcker, der nicht
+heirathen mag? Wir könnten's für ihn thun!"</p>
+<p>Solche Reden leuchteten mir ein, ich ging endlich zum Muck, um denselben zu
+bereden, daß er mit mir nach Wien desertire. Er kannte Sprache und Sitten,
+Weg und Steg, andere Montur mußte auch her und die Marie wollte ich nicht
+sogleich mitnehmen, was sie immer wünschte. Die Wirthin hatte alles gehört,
+was ich mit Muck redete doch weit entfernt, uns zu verrathen, versprach sie
+allen möglichen Vorschub und sagte, sie könne mich gut leiden, weil ich es
+mit der Marie im Mohren gut meine.</p>
+<p>Die Wirthin schenkte mir zwei Würste, weil gerade geschlachtet worden und
+sagte mir beim Fortgehen, ich solle nicht mehr viel in den Mohren, Marie
+selbst wünsche es und wolle lieber daher kommen, ihre Schwestern plagten
+sie arg und paßten ihr sehr auf um meinetwillen.</p>
+<p>Einige Tage blieb ich aus dem Mohren weg, eine Botschaft nach der andern
+ließ ich unbeachtet, endlich ruft mich beim Vorübergehen der Wirth hinein.
+"Weßhalb kommen Sie nicht mehr?"&mdash;"Weil ich keine Aufsicht brauche, wenn
+ich ein Glas Bier trinke, ich zahle es immer!"&mdash;"Nu, nu, Alterle!"&mdash;
+"Hab' ich kein Geld, so schreibe ich heim, dort hab' ich genug; ich ließ
+mich nicht aus Noth engagiren, sondern weil mir das Herumziehen gefällt!"&mdash;
+"So, so!"&mdash;"Komme ich auch nicht mehr ins Haus, so wird Marie doch die
+Meinige!"</p>
+<p>Die Soldaten sagten, Marie werde von ihren Schwestern nur aus Neid geplagt,
+der Wirth und die 3 Weiber glaubten, ich besäße daheim ein ordentliches
+Vermögen und ich ließ sie in dem guten Glauben.</p>
+<p>Mit Erlaubniß ihres Schwagers kam mein Schatz jetzt häufig in das Bierhaus,
+worin Muck arbeitete.</p>
+<p>Einmal schlief ich auf dem Posten ein bischen ein, dafür gab es
+Stockprügel; besinnungslos vor Zorn und Schmerz renne ich zum Muck und
+sage: "Jetzt hats ein Ende, Bruder, Wien oder die Kugel, Eins von Beiden!"</p>
+<p>Marie kam mit ihrem Strickzeuge, sah mich immer traurig an, denn meine
+Augen standen immer voll Thränen und mein Rücken war vom Gassenlaufen noch
+nicht ganz heil. Wie ich hinausgehe, kommt sie nach, ich erzähle Alles,
+stelle ihr weinend vor, sie dürfe nicht gleich mit mir nach Wien, weil sie
+ihr ganzes Vermögen verlieren und noch Strafe dazu erhalten könnte, wenn
+wir erwischt würden. Sie verspricht, am andern Tage all ihr Geld und einen
+Brief an den Bäcker nach Wien zu bringen, der Muck sorgt für Montur, welche
+im Gartenhause versteckt wird und setzt die Flucht auf den nächsten Sonntag
+fest, weil an diesem Tage Niemand auf dem Felde arbeitete.</p>
+<p>Richtig bringt mein Schatz das Geld, doch den Brief nehme ich nicht aus
+Fürsorge für sie, sondern nur die Adresse des Bruders, auf welcher ihr Name
+nicht stand; ich verspreche, von Wien aus unter fremdem Namen an die
+Bierwirthin zu schreiben, mich eher selbst todtzuschießen, als fangen zu
+lassen und sie schwört, sich in den Bach zu stürzen, wenn ich eingeholt
+werde.</p>
+<p>Muck besorgte Alles; am Sonntag nahm ich Abschied von Maria im Gartenhause,
+es war ein Abschied auf Leben und Sterben, die Thränen fließen noch jetzt
+oft stromweise über meine alten Wangen, wenn ich an jenen Sonntag im
+Gartenhause zu Jägerndorf denke!</p>
+<p>Wir gingen und nahmen Vogelflinten mit uns, denn Ordonnanzen unseres
+Bataillons lagen auf den umliegenden Dörfern, an vielen Orten fand sich
+Militär genug, wir waren bereit eher zu sterben als uns zu ergeben und
+mußten Umwege in die Kreuz und Quere machen, um gefährliche Orte zu
+vermeiden.</p>
+<p>Wir marschirten, daß uns die Füße schwollen und in der Nähe von Bunzlau
+wäre es bald schlecht gegangen ... Wir kehrten nämlich in einer elenden
+Kneipe ein, mehrere Gäste redeten polnisch und betrachteten mich immer,
+ohne daß ich wußte, was sie wollten. Der Muck war einige Minuten
+hinausgegangen; als er wieder kam, sagte er mir, die Leute sprächen davon,
+daß wir Deserteurs seien&mdash;er hob den Zeigefinger drohend in die Höhe,
+spielte mit der Hand am Hahne seiner Flinte, ich griff auch darnach und zog
+denselben auf, die Bauern erschraken und verstummten, ließen uns
+ungehindert abziehen, wir vergaßen unsere geschwollenen Füße und liefen wie
+die Rehe dem Walde zu!</p>
+<p>Unter Noth und Entbehrungen aller Art kamen wir endlich nicht nach Wien,
+denn dahin war der Weg viel zu gefährlich, aber doch nach Prag.</p>
+<p>Auf dem letzten Dorfe verkauften wir unsere Flinten, bürsteten vor den
+Thoren unsere Schuhe, geberdeten uns, als ob wir Spaziergänger aus der
+Stadt seien und kamen unangefochten hinein.</p>
+<p>Als wir am andern Tage dem Aufziehen der Hauptwache zuschauen, kommt ein
+Heidelberger auf den Muck zu, ein alter Bekannter, wir gehen zu einem
+Marketender und erfahren, es sei rein unmöglich über die Grenze zu kommen.
+Muck läßt sich unter fremdem Namen sofort anwerben, ich thue es nicht, denn
+die Marie und der Wienerbäcker steckten mir so im Kopfe, daß ich sie selbst
+im ärgsten Rausche nicht vergaß.</p>
+<p>Am andern Morgen treffe ich den Gefreiten eines Regimentes, welches mir
+gefiel. Mucks Regiment hieß: Reuß-Kreuz und trug kapuzinerbraune
+Aufschläge, das des Gefreiten hieß Collovrath und trug rosenrothe.</p>
+<p>Er sagte mir, mein Kamerad werde es nicht gut bekommen, denn das Regiment
+bleibe in der Stadt, der Dienst in großen Städten sei sehr anstrengend,
+dagegen kämen die Rosenrothen nach der Musterung wieder hinaus auf kleine
+Stationskommandos, wo leichter Dienst und gutes Leben zu finden seien. Hier
+müsse fast Jeder Ordonnanz sein, der aus der Kaserne komme.</p>
+<p>Der Gefreite war auch aus dem Reich, erst einen Monat in Prag und
+verheirathet. Er trieb nebenbei die Barbirerei und versprach, mir das
+Rasiren zu lehren; Seine Frau führte eine Marketenderwirthschaft in der
+Kaserne und wir wurden bald einig, daß ich bei ihm wohnen sollte, wenn ich
+Soldat würde. Mittags behielt er mich beim Essen; Alles sprach mir zu, bei
+den Rosenrothen Soldat zu werden, am andern Tage meldete ich mich bei dem
+Bataillonschef des Gefreiten, um mich als Freiwilliger unterhalten zu
+lassen, nahm eine Capitulation auf 6 Jahre und bekam 24 Kaisergulden
+Handgeld.</p>
+<p>Die Rosenrothen gefielen mir weit besser, als das Regiment zu Jägerndorf,
+doch dachte ich schon beim Hinzahlen des Handgeldes. "Es müßte wunderlich
+zugehen, wenn der Paule 6 Jahre hier bliebe!" ... Ich wurde eingekleidet,
+zog in die prächtige Kaserne zum Gefreiten, dieser hielt redlich Wort und
+begann sogleich den Unterricht im Rasiren. Abends nach dem Verlesen gehe
+ich in die Kaserne der Reuß-Kreuzer, um endlich den Muck aufzusuchen, aber
+die Soldaten lachten und erzählten, er sei nebst dem andern Heidelberger
+mit dem Handgelde davon gelaufen, bevor er eingekleidet gewesen und jetzt
+vielleicht schon daheim.</p>
+<p>Ich glaubte anfangs, man wolle mich utzen, doch wars wirklich also und ich
+sagte zu mir selbst. "Paule, jetzt werden die Civilkleider auch nicht
+verkauft, du wirst sie bald wieder brauchen!"</p>
+<p>In den ersten Tagen hatte ich im "Wolf" geschlafen, dahin kam ich manchmal
+noch, brachte meine Civilkleider und gab dieselben der Kellnerin in
+Verwahrung. Diese Kellnerin hieß Margareth, war eine dicke starke
+Tirolerin, eine nahe Verwandte der Wirthin und gab mir von Anfang an immer
+mehr Geld heraus, als ich ihr gegeben. Einige Tage konnte ich nicht in den
+Wolf und als ich wieder kam, that die Wirthin sehr freundlich, ermahnte
+mich, doch mehr zu kommen, die Margareth habe lange nach mir verlangt, denn
+ich sei ein "lustiger Bub" und könne sehr gut tanzen.</p>
+<p>Die Margareth brachte mir Braten, sagte, ich soll es nicht verübeln, daß
+sie mich immer "Du" nenne, das sei eben Brauch daheim in Tirol und lud mich
+auf den nächsten Sonntag zum Tanz ein, der das übliche Maienfest
+verherrlichen sollte.</p>
+<p>Am Sonntag gings lustig zu im Wolf; ich erhielt Alles, was ich wollte,
+sogar das Geld für die Musikanten, doch konnte ich nicht von Herzen
+fröhlich sein, denn ich dachte nicht an den Muck, wie Margareth meinte,
+wohl aber an Wien, wo die Marie aus dem Mohren bei ihrem Bruder vielleicht
+schon auf mich wartete. Nach und nach wurde ich lustiger und beim
+Zapfenstreich ging ich mit der Frau des Gefreiten in die Kaserne.</p>
+<p>Jeden Abend nahm ich den Feldwebel der Compagnie mit in den Wolf, hielt ihn
+zechfrei und das gefiel ihm gar wohl. Er war ein Stockböhme, verstand
+jedoch ordentlich deutsch und ich hatte bei meiner Freigebigkeit meine
+besonderen Absichten.</p>
+<p>Margareth ging oft vor das Thor in ihren Garten, wir wären gar zu gerne mit
+einander gegangen, aber ein ausländischer Soldat mußte damals Jahr und Tag
+in Prag bleiben und sich musterhaft aufführen, ehe er vor das Thor kam. Der
+Feldwebel gab ihm dann eine Karte, jedoch nur auf einen Monat und jetzt
+wollte ich eine solche haben. Gab mir der Feldwebel ohne höhere Erlaubniß
+eine und es kam heraus, dann mußte er Gassen laufen und verlor seine Stelle
+dazu.</p>
+<p>Er weigerte sich lange, eine Karte zu geben; Margareth gab ihm Geld und
+gelobte Stillschweigen, ich schwur, daß ich ihn nicht verrathen würde, wenn
+ich auch unglücklich wäre und erhielt endlich die Karte eines Soldaten, der
+dieselbe niemals bei sich trug, weil er immer als Gärtner vor den Thoren
+arbeitete und allen Soldaten bekannt war.</p>
+<p>Glücklich komme ich vor das Thor hinaus, da führt mir der Teufel Mucks
+Zimmercommandanten in den Weg, der mich kannte und anhielt; "Wo ist die
+Karte?"&mdash;"Hier!"&mdash;"Woher die Karte?"&mdash;"Von dem und dem!"&mdash;"Kennst du den
+Soldaten?"&mdash;"Ja, doch weiß ich seinen Namen nicht, die Margreth im Wolf
+wird denselben wissen!"&mdash;"Arretirt!&mdash;"</p>
+<p>Ich komme auf die Stockwache, der Regimentsadjutant examinirt mich, mein
+Feldwebel behauptet, er besitze alle Karten, bis auf die eines Bedienten,
+der in der Moldau ertrunken sei.</p>
+<p>Damals desertirten sehr viele Soldaten, deßhalb wurde das Verhör scharf,
+als Einleitung bekam ich 30 Stockprügel. Margareth wollte von gar Nichts
+wissen, ich nannte sie eine Lügnerin, der Auditor betheuerte, es geschehe
+mir nichts, wenn ich nur sage, woher ich die Karte habe; doch ich blieb bei
+meinem Läugnen und bekam abermals dreißig aus dem Salz. Im nächsten Verhör
+gab ich gar keine Antwort und sagte endlich dem Auditor: "Es reut mich, im
+vorletzten Verhöre geantwortet zu haben!"&mdash;"Weßhalb?"&mdash;"Schon im ersten
+Verhöre sagte ich die Wahrheit, Gott weiß es und empfing dreißig Streiche
+dafür. Macht was Ihr wollt, doch bei der Musterung werde ich stehen bleiben
+und meine Sache dem General vortragen."&mdash;"Glaubst du, es sei dir zuviel
+geschehen?"&mdash;"Allerdings, denn ich redete Wahrheit!"&mdash;"Glaubst du
+nicht, daß ich dir noch mehr Prügel geben lassen könnte?"&mdash;"Freilich
+glaube ich's, ob es aber recht wäre, ist eine andere Frage!"&mdash;Jetzt meint
+der Vorsitzende des Kriegsgerichtes: es geschieht dir kein Unrecht, dafür
+sind wir auch da!&mdash;Der Auditor meint: die Jägerndorfer haben ihn so
+pfiffig gemacht!&mdash;"O nein, sage ich; bei meinen vielen Leiden habe ich
+auch viel erfahren, in Jägerndorf gibts keine andere Weisheit, als Einem
+den Buckel blau zu schlagen!"&mdash;"Du bist auf Jahr und Tag ganz frei vom
+Regiment und erhältst gleich 25 Kaisergulden, wenn du den Kartengeber
+angibst. Zeigt ein Anderer denselben an und wird es bewiesen, daß du nicht
+in den Garten zu dem Mädchen, sondern fort wolltest, dann wirst du
+nachträglich als Deserteur behandelt! Unterschreibe!"&mdash;"Nein!"&mdash;Jetzt
+sagte der Hauptmann: "Unterschreibe nur, es ist dir nicht zuviel geschehn.
+Du hast keine Strafe erhalten, man wollte blos dein Geständniß. Du kannst
+in der Stadt und auf der Kleinseite genug herumstolpern, hüte dich vor dem
+Fortlaufen, du bist ein leichtsinniger und verwegener Patron!"</p>
+<p>Ich unterschrieb und sagte dabei: "Hätt' ich mich nur nie engagiren
+lassen!" In der Kaserne hieß es: "Hast dich brav gehalten, bekommst wieder
+eine Karte, wenn du eine brauchst. Warst aber dumm, es liegen ja 3
+Regimenter hier, konntest die rechten Wachen abpassen!"</p>
+<p>Ich schwieg ganz klug, ging zum Marketender, wurde gut empfangen und gut
+bewirthet. Mein Feldwebel saß auch da, ich erzählte ihm alles und er
+meinte. "Hättest du geplaudert, du wärest ohne Einen Streich davon
+gekommen, ich aber in des Teufels Küche. Es desertiren viele Pfälzer; es
+heißt, alle würden an der Grenze eingeholt und erschossen, doch glaube ich
+es nicht. Du könntest es bei den Kaiserlichen gut bekommen, doch du meldest
+dich bei der nächsten Musterung nicht zu einem andern Regimente, sondern
+desertirst, ich sehe es dir an, du bist ein Leichtfuß!"</p>
+<p>Ich dachte, <I>du</I> hast den Nagel auf den Kopf getroffen und schwieg.</p>
+<p>Im Wolf ward ich ganz festlich empfangen, bekam Geld von den Wirthsleuten,
+Lobreden, Essen und Trinken genug und die Margareth riß mich schier um, als
+sie aus dem Keller kam, wo sie mit meinem Gefreiten Bierkrüge für die
+Offiziere gefüllt hatte.</p>
+<p>Beim Vieruhressen wollte ich nicht sitzen und mußte von meinen 60 Prügeln
+beichten. Im Keller drunten gestand ich der Margareth, daß ich desertire
+und zwar auf Johanni; sie gab mir bald Recht und als sie hörte, ich sei ein
+Weber und wolle auf meiner Profession arbeiten, sagte sie, in Iglau besitze
+sie einen nahen Verwandten, der auch Weber sei, es gebe dort über 100 Weber
+und Arbeit für mich genug, sie wolle mir Briefe geben und bekäme ich in
+Iglau keine Arbeit, so könne ich nach Brixen und werde aus Tirol gar nicht
+mehr fortwollen, es gäbe halt nur Ein Tirol in der Welt ... Meine
+Civilkleider hatte ich im Wolf geholt, jetzt nahm ich dieselben aus dem
+Strohsacke, wohin ich sie versteckt hatte, mein Schlafkamerad sah dieselben
+und ich sagte ihm, die Frau des Gefreiten müsse sie mir verkaufen und
+brachte Stock, Hosen und Alles in den Wolf zurück.</p>
+<p>Es war noch nicht Johanni und an einem Tage, an welchem das Regiment Kinski
+die Wachen bezogen hatte, spazierte ich zu der Stunde, wo ich sonst zum
+Rasiren ging, aus Prag hinaus.</p>
+<p>Vor dem Thore zog ich die Civilkleider aus, die Montur war darunter, ich
+warf dieselbe weg; derjenige, der sie finden und dafür 24 Gulden bekommen
+sollte, war schon in der Nähe!</p>
+<p>Ohne Speise und Trank marschiere ich 6 bis 7 Stunden weit, dann trat ich
+bei einem Bäcker ein, ließ mir Semmel und Branntwein geben. "Woher des
+Landes?"&mdash;"Bin bei Eger zu Hause!"&mdash;"Freund, Ihr seid kein Deutschböhme!"
+&mdash;"Warum nicht?"&mdash;"Hm, hm!"</p>
+<p>Kaum bin ich vor dem Neste draußen, kommen Bauern mit Prügeln, schreien,
+ich sei ein Deserteur, bringen mich zum Richter, dieser läßt mich auf die
+Dorfwacht bringen, an einem Fuße fesseln und am andern Tage sitze ich
+bereits wieder zu Prag, jedoch nicht im Wolf, sondern im&mdash;Staabsstockhaus.</p>
+<p>Der Profoß sagte mir, die Frau meines Gefreiten sitze bereits; ich weinte
+darob und behauptete, meinethalben sei sie nicht in Arrest, ich habe nur
+für ihren Mann barbirt und genommen, was er mir dafür gab!</p>
+<p>Mein Papiergeld versteckte ich in den Strumpf, kam am andern Tage ins
+Regimentsstockhaus und ins Verhör.</p>
+<p>"Woher die Zivilkleider?"&mdash;"Mitgebracht!"&mdash;"Dann?"&mdash;"Im Wolf, dann bei
+der Frau des Gefreiten, endlich im Strohsacke!"&mdash;"Dann?"&mdash;"Auf dem Leibe
+unter der Montur!"&mdash;"Die Montur?"&mdash;"Hinter einem Gartenzaune!"&mdash;"Wie kamst
+du zum Thore hinaus?"&mdash;"In Civilkleidern und mit einer Karte!"&mdash;"Woher die
+Karte?"&mdash;"Um 12 Kreuzer auf der Brücke gekauft!["]&mdash;"So! Nun diesmal geht
+es anders, Paule!"</p>
+<p>Am nächsten Tage erfahre ich, mein Schlafkamerad sei im Verhöre gewesen,
+die Frau des Gefreiten, die freilich sammt ihrem Manne alles gewußt hatte,
+freigelassen worden. Ich war sehr froh darüber und wurde lustig, weil ich
+um baares Geld alles bekam, was ich wünschte.</p>
+<p>Wie ich wieder ins Verhör komme, stehen 4 Unteroffiziere da und ich denke:
+"Jetzt gute Nacht, Paule, 's gibt eine schwere Tragödie!"</p>
+<p>Der Auditor kommt und eröffnet, ich werde die schwerste Strafe erleiden,
+wenn ich nicht sage, woher ich meine Karte habe; sage ich es, dann werde
+ich von aller und jeder Strafe frei bleiben.</p>
+<p>Ich blieb bei der alten Behauptung, da hieß es: "Fort auf die Bank, 15
+herab!&mdash;Gestehst du jetzt?"&mdash;"Ja, daß ich die Wahrheit sagte!"&mdash;
+"Nochmals 15!"</p>
+<p>So ging es fort, bis ich 60 Prügel hatte, dann durfte ich abziehen, ließ
+
+ein Seidel Branntwein kommen, der "Vater", wie man den Profoßen nannte,
+nahm mir die Kette ab, ein Unteroffizier brachte Essig und Salz, die Frau
+des Gefreiten schickte Leinwand, mit Hülfe der Kameraden brachte ich es in
+der Nacht soweit, zumal ich nicht aufgeschlagen war, daß ich nicht
+geschunden wurde!</p>
+<p>Nach 8 Tagen komme ich wieder ins Verhör und gebe keine Antwort.&mdash;
+"Weßhalb keine Antwort?"&mdash;"Ich habe die Wahrheit schon gesagt!"&mdash;
+"Bleibst du dabei?"&mdash;"Ja!"&mdash;Wieder 15 herunter!&mdash;"Gestehst du?"&mdash;
+"Ich habe Alles schon gesagt!"&mdash;"Das Verhör ist geschlossen!"</p>
+<p>Der Profoß durfte mir nichts mehr geben, nach 3 Tagen ward Kriegsgericht
+für mich und Andere gehalten, das Urtheil fiel gerade aus wie in
+Jägerndorf, ich mußte durch 300 Mann Gassen laufen.</p>
+<p>Auf dem Exerzierplatze sah man, ich laufe nicht das erstemal, wurde von den
+Soldaten sehr geschont, erhielt Geld von den Zuschauern und als ich aus dem
+Lazarethe kam, war ich ein "Unvertrauter" geworden, durfte nur die
+Kasernenwache beziehen und nirgends hingehen, ohne daß eine Ordonnanz bei
+mir war.</p>
+<p>Jetzt bekam ich die Rosenrothen erst recht satt.</p>
+<p>Von den Kameraden ward ich fast auf den Händen getragen, weil ich Niemanden
+verrathen, im Wolf fand ich die herrlichste Aufnahme, denn weder Margareth
+noch sonst Jemand hatten geglaubt, daß ich die gräßliche Strafe überleben
+würde.</p>
+<p>"Mich wundert, daß Sie noch leben!" sagt die Wirthin&mdash;"Wen Gott halten
+will, hält Er, die Leiden mögen noch so groß sein!"&mdash;"Ja, es ist arg!"
+sagt die Margareth traurig&mdash;"Arg ist's gewesen, doch bin ich an Allem
+selbst schuld. Wäre nur heute Sonntag, da wollt' ich besser tanzen, als auf
+dem Exerzierplatze!&mdash;Am Sonntag wird's eingebracht!"&mdash;"He, 's wird
+halter noch einmal probirt, Franzos?" schreit ein Soldat&mdash;"Ja, Bruder,
+wenn ich nicht bald sterbe, sterbe ich nicht in Prag!"&mdash;"Aber die
+Ordonnanz?"&mdash;"Können nicht Zwei zusammen gehen?"&mdash;"Ist schon oft
+geschehen!"&mdash;"Was der Paule im Schilde führt, muß durch, ich muß noch
+österreichischer Bürger werden!"</p>
+<p>Meine Ordonnanz war ein geborner Baier, ein armer Teufel, der 10 Jahre zu
+dienen hatte, wie alle, welche nicht 5 Fuß 5 Zoll groß waren; ich
+bewirthete ihn tüchtig und konnte, wohin ich wollte, nur nicht zum Hause
+hinaus.</p>
+<p>Später ging ich in den Garten. Margareth erzählte, wie arg der Gefreite bei
+der Verhaftung seines Weibes geweint habe. Der Oberst hatte ihm
+versprochen, er sollte bald Fourier werden, kam das Geringste heraus, so
+durfte er nicht ans Fourierwerden denken. Die Leute im Wolf trösteten ihn,
+weil alle überzeugt waren, daß ich Niemanden verrathe.</p>
+<p>Ich war entschlossen, bis Michaeli längstens zum zweitenmal zu desertiren
+und bewirthete meine Ordonnanzen vortrefflich.</p>
+<p>Die Soldaten hatten nicht geglaubt, daß ich mit dem Leben davon kommen
+würde. Vier Mann meines Bataillons waren für mich zum Hauptmann, dann zum
+Oberst gegangen, um ein Fürwort einzulegen. Der Oberst sagte, ich würde mit
+6 Touren davon kommen, wenn ich den Kartengeber nenne, der Auditor forderte
+die Soldaten auf, den Kartengeber anzuzeigen und versprach dann ein weit
+milderes Urtheil für mich, doch dieser Preis war zu theuer und zudem wußten
+sie nichts Bestimmtes. In Prag schrie der Adjutant auch nicht:
+Zugeschlagen! und die 2 Grenadiercompagnien schonten mich, daß es allen
+Zuschauern auffiel, welche mir auch weit mehr Geld als Anderen schenkten.</p>
+<p>Meine liebste Ordonnanz hieß Müller. Er war auch ein armer Tropf und
+ebenfalls kein Oesterreicher, heirathete eine Pragerin, verlor damit seine
+Capitulation und mußte dienen, wie die Landeskinder. Sein Weib starb im
+ersten Wochenbette, ihr Vermögen war nicht weit her gewesen, nach ihrem
+Tode fiel alles an die Eltern zurück und er mußte froh sein, daß sie auch
+das Kind zu sich nahmen.</p>
+<p>Im Wolf schämte ich mich oft vor den Stadtleuten welche mich auf dem
+Exerzierplatze Gassenlaufen gesehen, dennoch half ich fortwährend in der
+Wirthschaft, und die Margareth, der es gar wohl gefiel, als ich davon
+redete, ich wolle ein österreichischer Bürger werden, that mir, was sie mir
+an den Augen abzusehen vermochte.</p>
+<p>Ich sparte tüchtig; gegen Michaeli hatte ich keine Ruhe mehr, meines
+Bleibens konnte in Prag nicht länger sein, Müller zeigte sich bereit, mit
+mir zu desertiren. Margareth sagte freilich, ich möge noch zwei Jahre
+zuwarten, die Pachtzeit der Wirthschaft sei dann aus, sie ginge alsdann mit
+mir nach Iglau und wir wollten dort heirathen, zumal sie schon bei Jahren
+wäre&mdash;ich wollte nicht warten in Prag, sondern in Tirol, sie war bereit,
+den letzten Blutstropfen für mich zu lassen und half uns zur Flucht.</p>
+<p>Mein Abschied von ihr war so traurig, wie der von der Marie aus Jägerndorf,
+die Tirolerin habe ich bis zur Stunde nicht mehr gesehen ... Als
+Bäckergeselle verkleidet, Haare und Gesicht weiß von Mehl, einen schweren
+Brodkorb auf der Achsel gehe ich eines Morgens mit einem Bäcker von dem
+Hause eines Kunden zur Hausthüre des andern und auf diese Weise zum Thore
+hinaus, jedoch nicht ohne banges Herzklopfen, wiewohl es mir nie an Muth
+mangelte.</p>
+<p>In einem Häuslein vor dem Thore kleide ich mich um, Müller wartete im
+letzten Wirthshause, es war verabredet, daß ich nicht hineinginge, er kam
+heraus, wir liefen davon und mit jedem Schritte, der uns weiter von Prag
+wegbrachte, wuchs unser Muth.</p>
+<p>Wir gaben uns für Handwerksgesellen aus, welche nach Wien wollten, um sich
+dort engagiren zu lassen und kamen glücklich nach Iglau.</p>
+<p>Margarethens Verwandter konnte mich gerade nicht brauchen, wollte mich nach
+Brixen recommandiren, doch der Weg schien mir zu gefährlich. Am andern Tage
+sitzen wir Abends in der Weberherberge einer Garnisonsstadt, Müller steht
+auf, geht zur Thüre hinaus und&mdash;kam nicht wieder. Gott weiß, wohin er
+gekommen ist, vielleicht in seine Heimath! ... Ich sagte dem Wirth, mein
+Kamerad sei ein Deutschböhme und habe gute Bekannte hier, ich dagegen sei
+ein Pfälzer, ein Vetter von mir Militairchirurg in der Kaiserstadt, wo ich
+mich engagiren lassen wolle. Es hieß, daß ich niemals daran denken dürfe
+ohne Paß nach Wien zu kommen und der Mangel an einem Schreiben betrübte
+auch die Mutter zweier Harfenspielerinnen. Diese Weiber wollten nach Wien,
+ich sollte mit ihnen, denn eine Tochter war unwohl; wenn ich die Harfe
+derselben tragen wollte, so wurde ich zechfrei gehalten.</p>
+<p>Abends kommen viele Soldaten, ein alter Schnauzbart erzählt mir, die Frau
+seines Majors sei auch eine Pfälzerin, habe ihre Schwester bei sich und wie
+ich nach dem Namen frage, weiß ich, daß diese Frauen noch bei meinem Vater
+das Tanzen gelernt haben.</p>
+<p>Der Schnauzbart wollte es mir ansehen, daß ich auch schon bei den
+Oesterreichern gedient habe und als ich ihm erzählte, ich hatte in
+Leitmeritz als Weber gearbeitet, die Bleicharbeit sei fertig, ich wolle
+jetzt nach Wien, um mich engagiren zu lassen, da meint er, ich möge
+immerhin dableiben und mich hier annehmen lassen.</p>
+<p>Er brachte es mir wacker zu, doch die Harfenmädchen stießen mich immer
+heimlich mit den Füßen, ich ließ mich nicht beschwatzen und wie der Schnauz
+am andern Morgen in aller Frühe wieder kommt und fragt, bin ich eben so
+wenig wie am Abend vorher zum Bleiben bereit.</p>
+<p>Um 9 Uhr besuchte ich meine Landsmänninnen, ward erkannt, fand eine sehr
+gute Aufnahme, die Jüngere freute sich insbesondere, weil ich noch ihren
+Taufnamen wußte und Beide, weil ich gut gekleidet war.</p>
+<p>Sie riethen mir ebenfalls, mich hier engagiren zu lassen, doch der Herr
+Vetter, der Chirurg in Wien mußte aushelfen, ich erzählte Vieles, wurde zum
+Mittagsessen eingeladen und erhielt ein namhaftes Geschenk.</p>
+<p>Kaum sitze ich wieder im Wirthshause, so kommen zwei Polizeidiener, trinken
+Bier, fragen nach den Schriften ich habe keine, sie sagen, ich sei gewiß
+ein Deserteur, es liefen deren gar viele herum, verhaften mich und führen
+mich auf die Polizei, wo ich mich auf die Frau des Herrn Majors und deren
+Schwester berufe als Zeugen, daß ich ein Pfälzer, ehrsamer Weber und kein
+Deserteur, aber ein Rekrute sei.</p>
+<p>Die Polizeidiener erhalten ein Schreiben, führen mich zu den Frauen zurück,
+der Herr Major war jetzt auch da, einst lange in der Pfalz und ein Gönner
+meines Vaters gewesen, gab mir ein Schreiben an den Polizeicommissär,
+dieser fertigte dann einen Paß für mich aus und rieth mir, ja nicht von der
+angezeigten Route abzugehen, weil ich sonst große Unnannehmlichkeiten
+bekommen würde.</p>
+<p>Voll Freuden gehe ich zum Herrn Major zurück, um für die Fürsorge zu
+danken. Er dringt in mich, mich hier beim Regimente Lindenau anwerben zu
+lassen, doch ich behaupte, während meines Aufenthaltes zu Leitmeritz eine
+schöne, junge und vermögliche Wienerin kennen gelernt zu haben, welche in
+einem Wirthshause bei Verwandten lebte und bereits nach Wien gegangen sei,
+das Mädchen habe mir viel Geld gegeben und ich müsse zu ihm in die
+Kaiserstadt.</p>
+<p>Ich mußte dem Offizier mein Geld zeigen, er vermehrte es durch einen
+Fünfguldenschein, lud mich zum Nachtessen ein und sagte, ich könne bei ihm
+essen so lange ich bleiben wolle, beim Fortgehen werde mir seine Frau noch
+einen Bündel weiße Wäsche und Kleider geben.</p>
+<p>Die Leute im Wirthshaus freuten sich sehr über mein Wiederkommen, besonders
+die Harfenmädchen; es hieß, der Schnauz habe mir einzig und allein die
+Polizei auf den Hals geladen. Ich blieb im Wirthshause, mochte nicht mehr
+bei meinen guten Bekannten zu Nacht essen, sondern zeitig ins Bett, um früh
+den Weg unter die Füße zu bekommen.</p>
+<p>Am andern Morgen gab mir die Frau Majorin richtig einen schönen
+Reisebündel; ich weinte beim Abschiede und wenn ich an diese guten Leute
+denke, laufen die Thränen noch jetzt stromweise über meine alten Wangen!</p>
+<p>Neben dem Bündel mußte ich die schwere Harfe des kranken Mädchens tragen,
+doch machten wir täglich nur 2 bis 3 Stunden und lebten gut, denn die
+Weiber verdienten mit Harfenschlagen und Singen schweres Geld. Wir kamen
+glücklich nach Wien, die Begleiterinnen zogen ungehindert hinein, doch ich
+wurde angehalten, zum Platzmajor geführt und da hieß es gleich. "Welches
+Regiment?"&mdash;"Deutschmeister!"&mdash;"Gut, du kannst jetzt allein gehen und
+dich melden, dein Paß bleibt da!"</p>
+<p>Am andern Tage sah der Arzt meinen Rücken, fragte, woher die Bescheerung
+sei, ich erwiederte, daß ich bei den Preußen in Glatz gezwungen gedient
+habe, erhalte Handgeld, werde eingekleidet und noch an demselben Tage steht
+der Paule als neugebackener Soldat des Regimentes Deutschmeister in einem
+Bäckerladen und&mdash;vor der geliebten Marie aus dem Mohren zu Jägerndorf,
+welche bisher auf mich geharrt hatte.</p>
+<p>Welche Freude, welch Wiedersehen! Noch jetzt fließen mir die Thränen
+reichlich, wenn ich daran zurückdenke! ... Wie weinte aber erst meine Marie
+sammt ihrem Bruder, dem Hagestolzen, nachdem Beide wußten, was ich
+ausgestanden seit jenem Sonntage, an welchem ich im Gartenhause Abschied
+genommen und mit Muck desertirt war! ... Einige Wochen lebten wir in der
+Kaiserstadt wie die Engel im Himmel, wir hatten es gut mit einander vor,
+der Bäcker war ein gar zu guter Mann, doch Unglück soll mich verfolgen bis
+zum Jahre 1852!</p>
+<p>Wir begegnen einigen Kameraden, welche mit mir in Jägerndorf gedient hatten
+und jetzt Artilleristen geworden waren, erkannten und begrüßten mich und
+fragten gleich: "Wo ist denn der Muck?"&mdash;"Ebenfalls hier!"&mdash;"Wo finden
+wir ihn?"&mdash;"Er hat die Wache beziehen müssen!"&mdash;"Wo gehts Abends hin?"
+&mdash;"Da und da!"&mdash;"Gut, wir treffen uns!"</p>
+<p>Ich bat die Kanoniere, mich und den Muck um Gotteswillen nicht zu
+verrathen, sie versprachen es hoch und theuer, doch ich traute nicht, denn
+die 24 Gulden waren ein gar zu großer Reiz für arme Soldaten.</p>
+<p>Wie weinte die Marie, wie erschrak der Bruder, als ich athemlos in den
+Bäckerladen stürzte, die fatale Begegnung erzählte und damit schloß, daß
+ich noch heute aus Wien fort müsse, wenn ich nicht erschossen werden wolle!
+... Ich zog sogleich meine Civilkleider wieder an, welche ich aus Vorsicht
+aufbewahrt hatte, das Handgeld war fort, doch besaß ich noch Geld, Marie
+gab, was sie hatte, der Bruder in seiner Angst, was er zu entbehren
+vermochte, ich versprach in der Nähe Arbeit zu suchen, vor Eile bekam ich
+keine Zeit zum Weinen, mein Schatz sank beinahe in Ohnmacht, ich aber lief
+aus der Stadt, so rasch ich es vermochte, ohne Aufsehen zu erregen.</p>
+<p>In der Nähe zu bleiben, dazu empfand ich keine Lust, sondern wollte nach
+Rom, um mich bei den päpstlichen Truppen anwerben zu lassen, schlich durch
+Steuermark [Steyermark] und Illirien Italien zu und kam ganz ungefährdet
+tief in die Lombardei.</p>
+<p>Unglücklicherweise begegnen mir französische Soldaten, welche einen Trupp
+Menschen, lauter Gefesselte, transportirten, ich werde nach meinem Passe
+gefragt, wiewohl ich aus Vorsicht gar kein Gepäck bei mir trug, besitze
+nichts Schriftliches, werde arretirt, bekomme auch sofort eine Kette, muß
+eine Stunde weit zurückmarschiren und hier wird der Transport abgeliefert.</p>
+<p>Von hier kam ich jedoch nach Mantua in ein erbärmliches Gefängniß, wo 300
+Gefangene fast nichts zu essen bekamen, dafür vom Ungeziefer beinahe
+verzehrt wurden. Solchen Mühseligkeiten erlag endlich auch meine
+riesenhafte Natur, ich wurde schwer krank, was mir der fromme Bernardus
+auch prophezeit hatte und als ich genas nach mehrwöchentlichen Leiden und
+trotz der elenden Verpflegung, da betete ich mit einer Inbrunst, mit der
+ich seither wenig mehr gebetet, um meinen Tod, damit doch nicht Alles
+eintreffe, was mir der Einsiedler vorausgesagt hatte.</p>
+<p>Kaum konnte ich recht laufen, so begann das Verhör. Ich sagte, daß ich wohl
+kein Deserteur, sondern französischer Soldat beim 16. Regimente sei, der
+nach der Schlacht bei Austerlitz verwundet und gefangen wurde. Man glaubte
+mir jedoch nicht, obwohl ich gleich bei der Verhaftung gesagt hatte, ich
+befände mich auf dem Wege mein 16. Regiment aufzusuchen. Man schrieb hin
+und her, ich mußte noch mehrere Wochen in dem abscheulichen Loche
+schmachten, dann hörte man endlich auf, mich als Deserteur zu betrachten
+und steckte mich unter ein Regiment, welches in einem Seehafen lag und
+viele Italiener in seinen Reihen zählte. Es lag sehr viel Militär in der
+Stadt, wir wurden zu den Bürgern einquartiert, aßen jedoch in der Menage
+und ich hatte das Unglück, in Ein Quartier mit 11 anderen Soldaten zu
+kommen, welche Alle Italiener waren, von deren Kauderwälsch ich kaum das
+<U>No</U> und <U>Si</U> verstand.</p>
+<p>Waren wir frei vom Dienste, so fuhren wir in einer Schaluppe ins Meer
+hinaus, um zu fischen und ich ging gewöhnlich mit.</p>
+<p>Eines Tages fahren wir nicht weit, da wird einem Holzschiff zugerudert,
+meine zehn Begleiter kletterten in Strickleitern auf das Verdeck, ich habe
+keine Lust dazu, merke schon, wo das Ding hinaus will, doch ich muß den
+Andern folgen, denn die Schaluppe wurde gleich mit einem Flaschenzug auf
+das Holzschiff gezogen und wir fahren mit demselben davon. Weit kamen wir
+nicht. Das Wachtschiff, das wegen der Contrebande und andern Dingen
+umherfuhr, ließ unser Schiff nicht passiren, zog die Fahne auf, welche uns
+Halt gebot und meine Kameraden sehen aus, mehr todt als lebendig und
+kriechen in allen Winkeln herum, ich selbst suche auch ein Winkelchen.</p>
+<p>Richtig wird das Holzschiff streng durchsucht, wir Alle werden entdeckt und
+verhaftet, unsere Schaluppe wird wieder ins Wasser hinabgelassen, nach
+kurzer Zeit sitzen wir im Cachot und weil damals gerade das Kriegsrecht im
+Flore war, werden wir Alle ohne sonderliches Verhör vom Kriegsgericht zum
+Tode verurtheilt!</p>
+<p>Damit war eine Hauptprophezeiung des Einsiedlers Bernardus, nämlich daß ich
+ganz unschuldig zum Tode verurtheilt werde, an mir in Erfüllung gegangen
+und Du siehst nun, Mauschel, daß der Mensch sein Schicksal nicht macht,
+sondern daß es gemacht wird, ob von Gott oder dem Teufel, darüber bin ich
+zweifelhaft, wahrscheinlich arbeiten Beide zusammen!</p>
+<p>Du bist doch nicht todgeschossen worden, he? fragt der Zuckerhannes und
+wenn der Kerker nicht schon sehr dunkel gewesen wäre, würde man ein
+ziemlich einfältiges Gesicht gesehen haben.</p>
+<p>Der alte Paul lacht, die Andern lachen auch, der Schlosserlehrling meint.
+"Wenn <I>Ihr</I> nicht lügt, dann lügt Keiner mehr. Wie könnte ein Mensch in
+kurzer Zeit aushalten, was Ihr ausgehalten habt!"</p>
+<p>"In der That, Alter, Dein Leben ist so bunt und abenteuerlich, daß man die
+Erzählung für Erdichtung halten könnte!"</p>
+<p>"Erdichtung? saubere Erdichtung! Als ob in der Welt nicht ganz andere Dinge
+vorfielen, als die, von denen die Dichter träumen und schreiben. Soll ich
+Euch Personen und Zeugnisse aller Art stellen? Soll ich Datum und Ort genau
+nennen? Von Italien, Spanien und Rußland, wo ich auch gewesen, wüßte ich
+vielleicht nicht mehr Alles haarscharf, es gibt dort so wunderliche Namen,
+doch Zeugnisse genug würde ich aufweisen können, wenn es der Mühe werth
+wäre. Morgen Mittag sollt Ihr Alle meinen Leib betrachten, die Hiebe,
+Bajonettstiche und das Gassenlaufen sind bis dato zu sehen!"</p>
+<p>"Wie viel Hiebe hast Du denn im Ganzen bekommen?" fragt der Indianer.</p>
+<p>"Ach, mein Gott, 6135 bei den Kaiserlichen in <I>ganz kurzer Zeit</I>! seufzt
+der Paul und rechnet: zweimal Gassenlaufen zu 3000 Streichen thut 6000,
+zweimal 30 thut 60, dann einmal 60 zusammen 120, endlich 15 dazu, thut
+accurat 6,135! ... Die kleinern Portionen rechne ich gar nicht dazu; die
+damaligen "Verweise" bei den Kaiserlichen bestanden fast Alle aus
+ungebrannter Asche! ... Was später kam, will ich morgen sagen, so zwischen
+9 und 10,000 Streichen hat der Paule gekriegt!</p>
+<p>"Erzähle weiter, wie es Dir ergangen!" schreien Einige.</p>
+<p>"Nein, für heute ists genug, der Kerkermeister kommt bald mit der Suppe,
+ich habe mich müde geredet und erhalte doch keinen Schluck Schnaps, keinen
+Pfifferling für meine ganze Leidensgeschichte!"</p>
+<p>"Ho, das Leiden wird darin auch ein Ende nehmen, hast ja so Vieles
+ausgestanden in den Kriegszeiten!" meint der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Ja, Du lieber Gott, ein Ende nehmen! Ich bin nicht mehr so weit von
+Siebenzig, <I>dann</I> muß mein Glück anfangen, es ist hohe Zeit,
+siebenzigjähriges Leiden ist kein Spaß, ich habe noch wenig gute Stunden
+gesehen und das Elend fängt jetzt erst recht an, Ihr werdets hören! ...
+Alles, wie Bernardus gesagt hat vor schon so vielen Jahren!"</p>
+<p>"Ach, dein Bernardus ist ein Mährlein, nicht wahr?" fragt der Spaniol.</p>
+<p>"So gewiß ich jetzt da stehe und rede und so gewiß ein Gott im Himmel ist,
+ebenso gewiß ist Alles, was ich von dem Einsiedler erzählte. Es ließe sich
+Alles beweisen, wenn es nöthig wäre, denn ich habe ein merkwürdiges
+Gedächtniß für Personen und Sachen und wollte mich heute noch in Mähren
+ganz gut zurecht finden, wiewohl ich seitdem nicht mehr dort gewesen!"
+"Ach, ich glaube, daß Du einmal bei einem Jesuiten in die Schule gegangen
+bist!" meint der Indianer.</p>
+<p>"Oho, erwiederte der Paule, ich bin doch gewiß kein Jesuit, sondern von
+Geburt ein Lutherischer, Zwinglianischer, Calvinischer, Evangelischer, ich
+weiß es selbst nicht, aber das weiß ich, daß die Pfaffen einen alten
+Soldaten, der den Tod hunderttausendfach gesehen hat, nicht so leicht an
+der Nase herumführen. Laßt mich jetzt in Ruhe! ... Wer mir nicht gerne
+glaubt, mag es bleiben lassen, ich erzähle doch weniger für Euch, als für
+mich!"</p>
+<p>"Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die
+Philosophen nichts träumen lassen, der Paule ist eine merkwürdige Person!"
+murmelt der Spaniol.</p>
+<p>"Ho, Anderen sind viel seltsamere Dinge in den Weg gelaufen, ich weiß es,
+ich!" brummt der Paule.</p>
+<p>"Am Ende hat der gute Bernardus den Paul leichtsinnig und verwegen machen
+helfen mit seiner Weissagung, ohne daß er dies beabsichtigte!" meint der
+Zuckerhannes und verbessert durch diese gescheite Bemerkung die dumme, die
+er vor einigen Augenblicken äußerte.</p>
+<p>Jetzt wurde es im Gange lebendig, die Suppe kam näher und näher, man
+vernahm das Gelächter oder Gebrumme einzelner Gefangenen, endlich öffnet
+sich der Thürschalter, zunächst dringt ein kühlender Luftzug in diese
+Jammerhöhle, dann werden die Suppenschüsselchen hereingereicht oder
+vielmehr Schüsselchen mit einer unnennbaren Brühe, in der einige Brocken
+umherirren. Guten Appetit, ihr Gefangenen!</p>
+<H4><a name="3">Der Zuckerhannes kommt aus dem Thurme.</a></H4>
+<p>
+Unsere Gefangenen lagen seit einigen Stunden auf ihren Strohsäcken, der
+Grundbaß des Murmelthieres ward von der Fistelstimme des Schlosserlehrlings
+sekundirt, vom Seufzen und Fluchen Anderer zuweilen unterbrochen, die sich
+unruhig hin und herwälzten.</p>
+<p>Jetzt schlugen die Uhren der Stadt und ihre langgedehnten Schläge zitterten
+dumpf und schwerfällig in die schwüle Behausung unserer Gesellschaft.</p>
+<p>"Herrgottmillionen ...! flucht der Indianer, es muß anderes Wetter geben,
+die Flöhe, Wanzen, Spinnen thun wie besessen, ich kann nicht schlafen!"</p>
+<p>"Der Teufel mag in dieser Folterkammer schlafen! ... Glückseliges
+Murmelthier, dein Speck ist dein Schild und deine Wehr! ... Ich habe noch
+kein Auge geschlossen! ... Gelt, Paule, im Badischen geht's oft ähnlich
+her, wie in Mantua!" riefen Einige.</p>
+<p>"Hätten wir nur ein Stümpfchen Licht, dann wollten wir uns die Zeit mit
+Domino und Neunerstein abkürzen!" brummt der Spaniol.</p>
+<p>"Wären wir Alle lieber im Zuchthaus, dann hätten wir Licht die ganze Nacht!
+... Im Zuchthause ist's überall besser als im Untersuchungsarrest, ich war
+Alles in Allem 29 Jährlein gefangen und habe das erlebt! ... Im Zuchthause
+gehen Einem Lichter genug auf!" betheuert der Stoffel.</p>
+<p>"Da hast Du Recht, Einäugiger! Zehnmal lieber in jeder Strafanstalt, selbst
+auf dem Spielberge als in dem Amtsgefängnisse! ... Ich will mich morgen
+gleich ins Zuchthaus melden, werde wohl wieder hineinkommen!" seufzt der
+alte Paule.</p>
+<p>"Alterchen, Du könntest noch Etwas erzählen, damit wir uns müde hören!"
+meint der Spaniol.</p>
+<p>"Mein Sir, wenn der Paule Ebbes erzählt, kriegt er den Wein, den ich unter
+dem Bette stehen habe und morgen früh Schochomajem; seine Geschicht' ist
+ebbes Rares!" versichert der Moses.</p>
+<p>"So was läßt sich hören, Mauschel!" meint der Paule.</p>
+<p>"Ich könnte von einem Juden nichts annehmen außer Geld; Alles ekelt mich
+an, was von einem Jud' kommt. Als kleiner Bub' hat mir ein sonst recht
+braves und gutes Judenweib oft Matzen gegeben, da sagt einmal Einer, in die
+Matzen, welche der Jud einem Gojim schenkt, kämen Speichel und alle
+abscheulichen Dinge, ich mußte damals dem Ulrich rufen und habe seitdem nie
+wieder etwas gegessen oder getrunken, was von einem Hebräer kam!" erzählte
+der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Moses schreit, dies verhalte sich nicht so, doch Alle schreien gegen ihn
+und der Paule versichert, er für seine Person nehme Alles von Juden an,
+doch habe er in ganz Europa gefunden, jeder Jude trage nebst dem Judenkopf
+noch besondere Mängel an sich und bei armen Juden sei der Haß gegen das
+Schweinefleisch begreiflich, weil nur Kannibalen Ihresgleichen fräßen!"</p>
+<p>"Der Spaniol behauptet, ein Jude bleibe Jude, ob er emanzipirt werde oder
+nicht und die Renegaten unter ihnen seien gerade die miserabelsten Schufte,
+die mit Religion schacherten und sich zu Allem gebrauchen ließen nur zu
+nichts Gutem!"</p>
+<p>Das peinliche Wortgefecht über die armen Hebräer dauert noch einige
+Minuten, dann wird der Paule angegangen, "Mauschels Wein zu saufen" und
+seine Geschichte fortzusetzen.</p>
+<p>Nach einigem Bitten sagt der Alte:</p>
+<p>"Nicht der Wein und nicht der Schochomajem des Moses, auch nicht Euer
+Bitten bringt mich zum Plaudern, sondern die unruhigen Flöhe und Wanzen und
+die Schlaflosigkeit. Ich bin alt, schlafe im besten Bette nur drei Stunden,
+wie ein Gaul und wenn ich so daliege in der stillen Mitternacht, kommen
+alle Personen und Vorfälle meines langen Lebens mir in den Sinn; ich
+glaube, die Todten und die Weitentfernten zu sehen und reden zu hören und
+oft fließen die Thränen stromweise über meine alten Wangen, wenn ich daran
+denke, was ich ausgestanden habe! ... Es ist mehr als zehn oder tausend
+Andere in einem ebenso langen Leben zusammen aushielten und was ist jetzt
+mein Lohn? Spitalsuppen, Zuchthaussuppen, Verachtung und Lieblosigkeit! ...
+Nicht einmal ein Felddienstzeichen oder ein paar Kreuzer Pension habe ich
+je bekommen und der Einzige, der mir altem Manne ein ruhiges Plätzlein
+gönnen wollte, der Oberstlieutenant vom 16. Regiment, durfte es nicht
+thun!"</p>
+<p>Von Neuen bitten die Mitgefangenen zu erzählen, der Moses steht auf und
+bringt den Wein, der Alte trinkt, selbst das Murmelthier wacht auf und will
+zuhören, weder das Affengesicht noch der Einäugige geben der rothen Liesli
+Gehör, die in Einem fort an die Wand klopft. Der Paul aber erzählt:</p>
+<H5><I><a name="3a">Fortsetzung und Schluß der Geschichte des alten Mannes.</a></I>
+</H5>
+<p>
+Als ich mein Todesurtheil vorlesen hörte, erschrak ich gar nicht, sondern
+behauptete meine Unschuld und forderte Untersuchung. Ich hatte wirklich gar
+nichts vom Vorhaben der 11 Italiener gewußt, verstand ja kein Italienisch
+und dies zog. Die Spitzbuben hatten mich sogar als Rädelsführer angegeben,
+doch der Zwölfte meiner Stubenkameraden, der die Andern verrathen hatte,
+weil sie nicht auf ihn warteten, bezeugte jetzt, daß ich von Allem gar
+Nichts wissen konnte, Andere bezeugten auch meine Unkenntniß der Sprache,
+die Leute auf dem Holzschiffe beschworen, ich sei nur auf das Schiff
+geklettert, weil man mir die Schaluppe genommen habe und das Ende vom Lied
+hieß, daß ich frei, der eigentliche Rädelsführer erschossen, die Andern auf
+das schwere <U>travaux</U> nach Straßburg gebracht wurden.</p>
+<p>Im Anfange des Jahres 1807 wurde unser Regiment nach Spanien eingeschifft;
+wir landeten glücklich in Cadiz und hatten von dem heißen Lande und
+wüthenden Volke genug auszustehen; es ging blutig und barbarrisch her,
+mancher brave badische Offizier und Soldat könnte auch genug davon
+erzählen. Bei einem Treffen bekam ich Gelegenheit, meinem ehemaligen
+Kapitän vom 16. Regiment mit Hülfe eines Andern das Leben zu retten, ich
+wollte wieder zu diesem Regimente und brachte es dazu. Schon im Jahre 1808
+kam das 16. Regiment aus Spanien zurück und blieb 10 Stunden von Paris in
+Garnison bis 1812, wo wir nach Rußland mußten.</p>
+<p>Alles, was ich bis dahin ausgestanden hatte, selbst der Krieg in Spanien
+war Kinderspiel im Vergleich zu dem, was ich in Rußland erlebte. Die
+fürchterliche Schlacht bei Borodino, der Einzug in Moskau und vieles
+Andere, was ich sah und erlebte, gäbe ein dickes Buch. Leider kann ich
+keines schreiben, zudem bin ich der arme Paule stets geblieben und
+unsereins kann Alles ausstehen, es kräht kein Hahn darnach, während Alles
+die Ohren spitzt, wenn ein General oder anderer hoher Herr nur ein bischen
+Bauchgrimmen bekommt! ... Das Beste war, daß ich bei einem französischen
+Regimente diente, denn Napoleon schonte seine Franzosen, schickte die
+Deutschen und Andere am liebsten in den dichtesten Kugelregen und ins
+Elend! ... Die Deutschen sind von jeher das einfältigste Volk gewesen,
+schlugen für den Napoleon und meinten, es ginge um Gott und Vaterland, wir
+Franzosen nannten sie nur "Kanonenfutter," lachten sie offen und heimlich
+für ihre Dummheit aus, aber in der Schlacht verloren auch wir genug Leute
+und auf dem Rückzuge nahm das 16. Regiment ebenfalls ein Ende wie das
+Hornberger Schießen!</p>
+<p>Um es ganz kurz zu machen und nur von mir zu erzählen, berichte ich, daß
+ich nicht über die Beresina kam, sondern gefangen wurde, wie tausend Andere
+auch. Wir fielen wie die Mücken um Allerheiligen und es war uns fast Eins,
+was die Kosaken, diese wüsten, säuischen und doch gutmüthigen Leute mit uns
+anfingen, bis sie uns in den Klauen hatten und über die Schneefelder
+fortprügelten. Noch jetzt sehe ich oft im Traume die unabsehbaren Ebenen,
+die endlosen Tannenwälder und eingeschneiten Dörfer des Czaren im bleichen
+Mondlichte da liegen und mich und meine Kameraden, wie wir bei der
+grimmigen Kälte der sternenhellen Winternacht fast nackt und hungrig,
+verwundet und krank von russischen Soldaten fortgestoßen, auf elende
+Schlitten geschmissen und vom Volke mißhandelt, am Barte herumgerissen und
+umbrüllt wurden!</p>
+<p>Ich war der Rüstigste von Allen, versuchte tief in Rußland den Kosaken
+durchzubrennen, doch ich kam nicht weit und dann gings nicht christlich,
+sondern auf gut russisch zu, man mißhandelte und schlug mich, daß ich für
+todt auf dem Platze liegen blieb.</p>
+<p>Endlich marschirte ein Bataillon ins Dorf, ein Offizier sah mich daliegen
+und redete mich französisch an, aber mein Hals war so arg geschwollen, daß
+ich keine Silbe hervorzubringen vermochte.</p>
+<p>Der Offizier ließ mich aufheben, in ein Feldspital bringen und ich wurde
+erträglich verpflegt, sah und hörte Alles, was um mich vorging, doch das
+Reden hatte ein Ende und ich befand mich kaum im Stande, ein wenig Brühe zu
+mir zu nehmen.</p>
+<p>Neben mir lag ein badischer Unteroffizier Namens Ernst, der wunderte sich
+nur, weßhalb ich allmählig genas und hatte großes Mitleiden mit mir. Er
+lebt noch heute, mindestens ist er vor Kurzem noch Amtsdiener gewesen, ich
+dagegen hocke da bei Euch und warte auf meinen siebenzigsten Geburtstag!
+... Im Feldspitale nahm sich ein russischer Bataillonsarzt meiner besonders
+an, es war ein geborner Baier, kannte viele Sprachen und freute sich, weil
+ich mir Mühe gab, russisch und polnisch zu erlernen. Von Hause aus war er
+blutarm, doch wegen seiner Sprachkenntnisse und sonstiger Tüchtigkeit ward
+er bald befördert, kam in ein großes Militärspital in Warschau und nahm
+mich als seinen Diener mit. Ohne diesen guten Mann wäre ich wohl als
+genesen entlassen und nach Asien hineintransportirt worden und es kommt
+sehr darauf an, ob der Paul auch einen Schneider von Pensa gefunden hätte,
+wie die badischen Offiziere und Soldaten, die unter dem Markgrafen Wilhelm
+nach Rußland zogen! ... In Warschau bekam ich es gut, erhielt viele
+Kleider, weil viele Soldaten starben, verkaufte dieselben in der Stadt in
+welche ich oft kam und besonders zu einem Wirthe, der mit Pelzwerk handelte
+und eine Wienerin zur Frau hatte.</p>
+<p>Diese Leute waren reich und konnten mich bald sehr gut leiden. Die Frau
+konnte Wien und ihre dortigen Freunde nicht vergessen, plagte ihren Mann
+immer, er möge mit ihr in die Kaiserstadt gehen und weil sie versprach,
+mich mitzunehmen, half ich den Mann bearbeiten, sobald ich dessen Zutrauen
+recht gewonnen hatte.</p>
+<p>Er reiste zuweilen mit Pelzwerk von Warschau nach Wien, ich schleppte ihm
+aus dem Spitale Kleider genug herbei, er versprach, mich das Nächstemal
+mitzunehmen, ich versteckte die Uniform eines russischen Jägeroffiziers und
+nöthige Kleider bei ihm im Keller unter alte Fässer.</p>
+<p>Mein Herr merkte, was ich vorhatte, doch lachte er nur und sagte nichts,
+denn ich war noch immer russischer Kriegsgefangener und er ein
+pflichtgetreuer Mann, der keine Ursache zum Verlassen des Dienstes sah.
+Ganz in Pelzwerk gehüllt, kam ich glücklich aus Warschau und mit dem
+Pelzhändler nach Wien.</p>
+<p>Auf dem Wege hatte ich mich außerordentlich gefreut, meine Marie vielleicht
+bei dem Bäcker zu finden, doch vor den Thoren der Kaiserstadt verlor ich
+allen Muth, denn das Regiment Deutschmeister sammt den Rosenrothen von Prag
+lagen in der Stadt, so hieß es wenigstens und wenn ich erkannt wurde, war
+die Kugel für mich dreifach gegossen.</p>
+<p>Mein Herr in Warschau hatte mir Geld gegeben, der Pelzhändler mich zechfrei
+gehalten, mancher polnische Gulden kam durch die Kleider der Verdorbenen in
+meinen Sack und jetzt nahm ich Abschied von meinem Begleiter, fuhr auf der
+Donau herauf bis Ulm und ward nicht angehalten bis Tauberbischofsheim, wo
+mich der Amtmann fragte, woher meine baierische Montur sei. Er schickte mir
+einen Spionen ins Wirthshaus nach, ich mußte wieder zum Amtmann, wurde über
+meine Leute und andere Personen befragt und erhielt einen Laufpaß nach
+Heidelberg.</p>
+<p>Am 27. September 1813 war ich nach langer, langer Abwesenheit wieder in der
+unvergeßlichen Heimath, übernachtete in Schlierbach und spazierte am
+nächsten Tage in der Uniform eines russischen Jägeroffiziers nach
+Heidelberg, wo mich kein Mensch erkannte. Freilich besaß ich auch in der
+Stadt und Heimath keine Seele, die sich über meine Errettung aus so vielen
+Drangsalen und über meine Rückkehr freute.</p>
+<p>Ein Wirth war der Erste, der mich erkannte; er rieth mir, die Russenmontur
+abzulegen, man sehe die Russen nicht gern am Rhein, doch befolgte ich
+seinen Rath nicht, Alles redete von dem russischen Offizier und darin
+bestand meine einzige Freude.</p>
+<p>Ein Offizier konnte sich nicht gut an einen Webstuhl setzen, noch weniger
+betteln, mein Geld schwand, weil ich standesgemäß leben mußte. Ich ging zu
+einem Bruder über den Rhein, machte eine Krankheit durch, die jedoch nicht
+lange dauerte, dann aber ging ich wieder nach Frankreich und meldete mich
+beim 16. Regimente.</p>
+<p>Ich machte alle Gefechte und Schlachten der folgenden Zeit mit, insofern
+mein Regiment dabei war, kam auch immer glücklich davon bis zur Schlacht
+von Waterloo. In dieser Schlacht haben außer den Schotten nicht die
+Engländer, sondern die Braunschweiger, Hannoveraner und Andere uns das Fell
+am ärgsten gegerbt, die pfiffigen Preußen mit ihrem alten Blücher kamen
+sehr zur unrechten Zeit und dort verzweifelten wir am Glücke des großen
+Kaisers, der nicht von uns Soldaten, sondern von den Marschällen und
+Generalen um theures Geld an die fremden Potentaten verschachert worden
+war. Die Meisten derselben waren große Spitzbuben, das wußten wir Soldaten
+ganz gut, sonst wäre es bei Waterloo trotz aller Tapferkeit doch noch
+anders gegangen! ... Kaum bei Austerlitz oder Borodino habe ich ein so
+mörderischeres Kanoniren, Kleingewehrfeuer und Einhauen der Reiterei
+erlebt, wie bei Waterloo, wo auch mein Regiment im Angesicht der alten und
+jungen Kaisergarde tüchtig mitgenommen wurde! ... Diese Garden hättet Ihr
+je sehen sollen, wie sie ins Feuer gingen, als ob ein Schlachtfeld ein
+Tanzboden wäre und noch mit den Zähnen um sich bissen, wenn sie sterbend
+auf dem Boden lagen! ... Ja, einen Soldaten wie der alte Napoleon Einer
+war, gabs damals Keinen und wirds Keinen mehr geben, denn wo haben die
+Deutschen, außer dem Erzherzog Karl, dem Blücher und wenigen Generalen auch
+nur Einen gehabt, der dem Napoleon die Schuhriemen hätte auflösen dürfen?
+Keine Führer; lauter Anführer hatten sie und es scheint heute noch so zu
+sein. Keinen Knopf gebe ich um das ganze Deutschland, für den Napoleon
+wollte ich noch heute ins Feuer, habe auch bei den Franzosen nie ans
+Desertiren gedacht!&mdash;Die Schlacht bei Waterloo war beinahe vorüber, die
+Retirade begann, da wurde ich durch eine Kanone, die eine Wendung machte,
+zu Boden geschlagen und weiß heute noch nicht, wie es möglich war, daß ich
+nicht hundertmal von Kanonen oder Cavallerie zu einem Brei zerquetscht
+wurde.</p>
+<p>Ich wurde auch nicht gefangen, sondern lag in einem französischen Spital,
+das Kreuz hatte viel gelitten und es ging mehrere Wochen, bis ich wieder an
+einer Krücke zu laufen vermochte und mehrere Monate, bis ich wieder
+hergestellt und beim 16. Regimente, damals einer der ältesten Soldaten war.</p>
+<p>Ich habe mich bei den Franzosen nicht schlecht gehalten, doch das Glück
+wollte mir eben nirgends, ich hatte das Unglück, ein Deutscher zu sein und
+bekam im Jahre 1818 meinen Abschied ohne alle Auszeichnung, ohne jede
+Pension, ohne Hoffnung und Aussicht. Ich wollte mich von Neuem engagiren
+lassen, aber ich wurde bei mehrern Regimentern für zu alt und untauglich
+erklärt und wanderte zuletzt nothgedrungen von Lyon, wo ich mit meiner
+Weberei keine Arbeit fand, in meine Heimath zurück.</p>
+<p>Im Herbst 1818 kam ich heim, spielte jedoch keinen Offizier mehr, sondern
+lebte einige Zeit bei Kameraden, welche mit mir in Spanien gewesen waren,
+bis ich Arbeit erhielt.</p>
+<p>Als die fremden Truppen aus Frankreich marschirten, befolgte ich guten Rath
+und ging nach Mannheim, machte den Dolmetscher beim Verkaufen und
+Geldwechseln, verdiente damit in kurzer Zeit schweres Geld, verfiel aber
+auch in meine alte Dummheit und meinen alten Leichtsinn.</p>
+<p>Während ich nämlich in einem Dorfe bei Mannheim lebte, wurde ich mit einer
+Weibsperson bekannt, die ich zu heirathen gedachte und der ich viel Geld
+anhing, zumal ich sonst keine Seele auf der Welt hatte. Einige Wochen ging
+es ganz gut, ich glaubte lauter Liebes und Gutes, da sagten mir rechte
+Leute, was Andere auch schon gesagt und es hieß, mein Schatz halte mich nur
+zum Besten, so lange ich Geld besitze, sei ein ziemlich verrufenes und
+liederliches Weibsstück.</p>
+<p>Dies that mir in der Seele weh, ich konnte es fast gar nicht glauben und um
+mich mit eigenen Augen zu überzeugen, gehe ich Nachts mit einer ungeladenen
+Pistole in ihr Haus. Richtig finde ich zwei Bursche in der Kammer, bekomme
+Händel und wie sie meine Pistole sehen, rennt das Kleeblatt zum Hause und
+Dorfe hinaus in den Weinberg. Ich verfolgte das treulose Weib nicht lange,
+ging in die Kammer zurück, zerschlug, was ich zerschlagen konnte,
+zertrümmerte ihre Kiste, nahm die Geschenke heraus, die ich ihr gemacht
+hatte und war noch mit Einsacken beschäftiget, als sie mit den beiden
+Burschen zurückkehrten, andere Leute durch ihr Geschrei herbeiriefen und
+mich einen Räuber und Spitzbuben nannten.</p>
+<p>Ich schlug darauf, daß sie Feuer vor die Augen bekamen, doch Andere eilten
+herbei, sie überwältigten und prügelten mich gottserbärmlich und am andern
+Tage lieferten sie mich in die Amtsstadt, wo der Amtmann mich gleich
+einlochen ließ, freilich in ein besseres Gefängniß, als diese Spelunke
+Eines ist. Übrigens kochte er es mir schlimm genug, denn ich hatte ihn mir
+zum Feinde gemacht, wie ich kurz erzählen will.</p>
+<p>Ein armer Mensch, den er nicht leiden mochte, weil er keine Kappe vor ihm
+abzog, im Wirthshause schimpfte und ihm gegenüber auch kein Blatt vor das
+Maul nahm, war unschuldig in den Verdacht eines Diebstahles gekommen und
+blieb viele Monate sitzen.</p>
+<p>Beim Vorübergehen rief mir der arme Kerl, nannte in der Geschwindigkeit
+alle Entlastungszeugen, klagte, wie er schon mondenlang sitze und niemals
+ins Verhör komme, so daß er und seine alte Mutter in großer Noth waren. Wir
+redeten, bis die Gefangenwärterin uns störte und mich nicht mit ihren
+Drohungen gegen mich, sondern mit denen gegen den Gefangenen fortjagte.</p>
+<p>Ich besaß damals Geld, ging zu einem Advokaten, erzählte Alles, der Advokat
+redete mit den Entlastungszeugen, machte mir eine Schrift und mit dieser
+lief ich vor die rechte Schmiede, direct nach Karlsruhe zum Großherzog, der
+mich sehr freundlich und gütig anhörte, die Schrift nahm und das Beste
+versprach!</p>
+<p>Ich habe in meinem langen Leben stets gesehen und erfahren, daß die
+vornehmsten und höchsten Personen gerade die herablassendsten und besten
+sind. Bei uns wird es oft dem Bürger und Bauer himmelangst, wenn er vor Amt
+muß, denn wir haben gar zu viele Amtskosaken und die dummen Leute meinen
+immer, die Amtskosaken könnten als studirte und angestellte Herren gegen
+den gemeinen Mann nicht so gar grob und brutal sein, wenn es nicht von
+Karlsruhe aus also angeordnet würde.</p>
+<p>Freilich ist gerade das Gegentheil der Fall; noch Jeder, den die Noth in
+die Residenz trieb, und mit dem ich redete, konnte sich nicht genug
+verwundern, wie gnädig und herablassend der Großherzog sammt den Herrn
+Ministern und andern hochgestellten Personen gegen arme und geringe Leute
+seien. Das thut den Leuten wohl und sie verschmerzen es leichter, wenn sie
+auch mit ihrer Bitte abfahren müssen, doch im Lande wissen und glauben es
+Viele nicht, meinen, es sei ganz in der Ordnung, wenn die Polizeidiener die
+Leute bei Feuersbrünsten zur Kurzweil prügelten, die Polizeicommissäre
+Handwerksbursche beim Visiren fast zerrissen, hohlköpfige Schreiber wie
+Pfauen und bissige Hunde zugleich sich geberdeten und mancher Amtskosak die
+größten Injurien und Schimpfreden Jedem ins Gesicht werfe, der keinen
+feinen Rock trägt. Sie getrauen nicht, sich zu beklagen, mögen den Pontius
+nicht beim vermeintlichen Pilatus anzeigen, schimpfen dafür heimlich und
+rächen sich, so gut sie es vermögen! ... Auch von denen in feinen Röcken
+darf Einer nur im Geruche stehen, ein Liberaler oder Radikaler zu sein,
+dann bekommt er Grobheiten und Verfolgungen genug auf den Hals, verliert
+vollends allen Glauben an das Wohlwollen der regierenden Herren und denkt:
+Kommt Zeit, kommt Rath!</p>
+<p>Mein Gefangener hatte Licht im Apfel, ich alter Soldat stand frisch vor dem
+Großherzog; so ein Amtmännlein, das nach Oben kriecht und nach Unten
+kratzt, macht mir keine Angst und richtig, der Großherzog hielt redlich
+Wort, der Gefangene kam rasch ins Verhör, die Entlastungszeugen wurden
+gerufen und nach 14 Tagen ward der mondenlang Herumgezerrte als unschuldig
+erkannt und freigelassen.</p>
+<p>Das war gut, allein mir trug es keine Rosen, denn der Amtmann vergaß mir
+den Streich nicht, den ich ihm gespielt hatte, jetzt bekam er mich selbst
+in die Klauen und sein erstes Wort hieß: "Warte, dich Lalle will ich zahm
+machen!"</p>
+<p>Was ich zerschlagen, war ohne großen Werth und ich wollte es bezahlen, was
+ich genommen, war mein Eigenthum und ich erbot mich, dieses zu beweisen,
+wiewohl das Mädchen niemals ein Geschenk von mir empfangen zu haben
+versicherte. Im nächsten Verhöre wurde die Klägerin mir gegenüber gestellt,
+läugnete abermals, ich aber wollte beweisen, daß die Ohrenringe, in welchen
+sie gerade prunkte, ebenfalls mir gehörten, nannte den Goldarbeiter und
+zwei andere Zeugen, doch der Amtmann wollte nichts von ihnen hören.</p>
+<p>Er spielte fortwährend mit einem Lineal um meine Nase herum, ich bat ihn
+drei und viermal, das Spiel aufzustecken, dafür trieb er es desto ärger und
+ruhte nicht, bis ich ihn bei der Gurgel nahm, zu Boden warf und ihm einige
+saftige Faustschläge ins Gesicht versetzte.</p>
+<p>Ich bekam vier Wochen Dunkelarrest bei Wasser und Brod, doch noch heute
+freuet es mich, dem Kerl den Meister gezeigt zu haben. Damals wurde meine
+Freude getrübt, weil der Gefangenwärter sammt seiner Frau mich auf jede
+mögliche Weise fortwährend ärgerten, quälten und verfolgten.</p>
+<p>Wie der Herr, so der Knecht, in meinem Falle waren beide boshafte,
+heimtückische Tyrannen.</p>
+<p>Der Kerkermeister sollte durchaus Händel mit mir suchen, ich merkte es
+damals schon und dachte. Was Ihr wollt, könnt Ihr beim Paul bekommen!</p>
+<p>Einmal verlangte ich Stroh, weil ich bereits auf den bloßen Brettern lag,
+mehrere Tage später kommt die Frau des Gefangenwärters und sagt. "Vor der
+Thür liegt Stroh, fülle Er seinen Sack!"&mdash;"Nein, fülle Sie ihn, Sie hat
+Ihr Wartgeld dafür!"&mdash;"Soll ich meinen Mann schellen?"&mdash;"Nur
+zugeschellt, ich fürchte Ihren Mann nicht!"</p>
+<p>Das Weib rennt zornig fort, bringt den Mann und dieser kreischt. "Willst Du
+Deinen Sack füllen oder nicht?" "Nein, ich will nicht, <I>Du</I> bist dazu da!"
+Er wollte mich packen und mit einem Stocke prügeln, den er mitgebracht,
+doch ich kriege ihn an der Kravatte, brachte ihn zu Boden und zeigte ihm,
+wo Barthel Most holt. Seine Frau will mir geschwind ein Fußeisen anlegen,
+ich versetze ihr einen Tritt, daß sie heulend und schimpfend davon rennt
+und bearbeitete ihren Mann, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Das Weib kommt
+mit zwei Schaarwächtern; vor der Thüre liegen einige große Steine, ich
+nehme einen und gehe damit den Schaarwächtern entgegen, daß sie
+davonliefen. Der Gefangenwärter liegt in meinem Käfig und kann nicht mehr
+aufstehen, ich laufe auf dem Gange herum, bis der Amtmann mit 6 bis 8
+Leuten kommt, von denen Jeder einen Bengel hat. Ich eile in meinen Käfig,
+der Amtmann kreischt. "Gehe heraus!"&mdash;"Nein, Du Mörder, ich habe nichts
+mit Dir!"&mdash;"Wendet Gewalt an!" brüllt er.&mdash;["]Das werdet Ihr bleiben
+lassen, wenn Euch euer Hirnkasten lieb ist!" schrie ich. Doch Zwei packten
+mich und hätten mich beinahe erwürgt; der Zorn gab mir Riesenkräfte, ich
+schmiß beide zum Käfig hinaus, Keiner wollte mehr anbeißen und ich sage.
+"Ich gehe heraus, wenn der Bürgermeister da sein wird!"</p>
+<p>Der Amtmann läßt den Kerkermeister wegtragen, den Bürgermeister holen, ich
+gehe ins Verhörzimmer, mehrere Herren kommen, der Amtmann fragt: "Weßhalb
+den Gefangenwärter mißhandeln?"&mdash;"Du Tyrann, wenn mich die Herren fragen,
+will ich eure schlechten Streiche an den Tag bringen, Du bist mir zu
+schlecht, als daß ich Dir antwortete!"</p>
+<p>Den Herrn erzähle ich Alles; sie lassen den Prügel des Kerkermeisters
+holen, der noch auf dem Boden meines Gefängnisses lag und sage auch,
+weßhalb mich der Amtmann ins Unglück bringen wolle. Jetzt erfuhr ich, das
+Mädchen habe einen Eid geschworen, daß es Nichts von mir besitze. Ich bitte
+meine Zeugen vorzuladen, meine Mißhandlung dem Herrn Kreisdirector zu
+melden, der Bürgermeister räth mir, Alles beim Schlußverhör anzugeben,
+damit es das Hofgericht erfahre.</p>
+<p>Ich kam jetzt in ein schweres Gefängniß, obwohl es noch immer besser war,
+als unser Loch hier, das an den Kesselthurm in Luzern mahnt.</p>
+<p>Wie ich am Morgen mein Nachtgeschirr leere, springen mehrere Männer aus
+einem Verstecke, packen mich von hinten, werfen mich zu Boden, Hände und
+Füße werden festgehalten, der Schlosser legt mir zwei Ketten an und
+vernietet jede mit einem Nagel.</p>
+<p>Am Sonntag kommen zwei Wächter mit Gewehren, bringen ein Hemd, das an der
+Seite ganz aufgetrennt und an den Aermeln mit Bändeln versehen war und
+Abends die Gefangenwärterin, welche seither die Thüre nicht mehr geöffnet
+hatte, so daß es unsauber genug bei mir aussah. Sie bringt den Schlosser
+mit und sagt: "Heraus, es wird eine Kette abgenommen, weil Ihr jetzt
+ordentlich seid!"&mdash;"Nein, wenn ich die Ketten verdient habe, will ich sie
+auch tragen!"</p>
+<p>Mein Gefängniß lag einige Schuh unter dem Boden, wie dieses; aus den Reden
+einiger Leute vor demselben hatte ich entnommen, meine Geschichte sei der
+ganzen Stadt bekannt und Alles freue sich, weil der als Tyrann der
+Gefangenen bekannte und auf seine große Gestalt und Kraft vertrauende
+Kerkermeister doch einmal an den Unrechten gerathen und so "gezwiebelt"
+worden sei, daß er das Bett hütete.</p>
+<p>Nicht lange hernach kommen Herren, um die Gefängnisse zu visitiren, ich
+wußte es von den Gefangenen und hörte die Thüren nacheinander aufmachen,
+endlich die Schritte der Besucher, welche näher und näher kommen.</p>
+<p>Wie dieselben vor meiner Thüre sind, höre ich den Amtmann sagen: "Meine
+Herren, da drinnen ist's nicht sauber!"&mdash;"Du bist auch nicht sauber, Du
+Tyrann!" schrie ich aus Leibeskräften; die Thüre wird jetzt aufgemacht und
+ich klappere tüchtig mit meinen Ketten, denn Licht kam nur durch die offene
+Thüre herein.</p>
+<p>Nach kurzer Einleitung halte ich eine Rede an die Herren, der Amtmann will
+mich unterbrechen, doch ein Herr sagt, daß er zuerst mich ausreden lassen
+sollte und ich erzählte Alles. Die Herren fragen, ob ich krank sei und ich
+antwortete: "Nein, Gottlob, trotz allem Elend bin ich bis jetzt gesund!"
+... Sie sehen meinen Brodlaib, ich sage, das Brod sei bitter wie Galle,
+voll Sand und mache Bauchgrimmen, sie kosten Alle das Brod und sagen
+Nichts, Einer schüttelt aber den Kopf.</p>
+<p>Die Gefangenwärterin meinte, die Gefangenen seien außer mir Alle mit dem
+Brode zufrieden, aber jetzt erzähle ich, wie verschieden hier Alle
+behandelt, gespeist und getränkt würden, wie wohl diejenigen daran seien,
+welche Geld brächten oder für die Gefangenwärtersleute arbeiteten und wie
+dieselben Alle abgerichtet hätten über das, was sie bei der Visitation
+reden sollten.</p>
+<p>Richtig werden alle Gefangenen noch einmal einzeln verhört, mir werden die
+Ketten abgenommen, Alles geht besser, ich erhalte ein weit besseres Zimmer,
+nach einigen Wochen aber auch mein Urtheil, das auf 5 Jahre schweres
+Zuchthaus mit Willkomm und Abschied lautete.</p>
+<p>Der Amtmann läßt mir den Willkomm mit 25 Stockprügeln gleich aufmessen, ich
+wurde streng bewacht und dann ins Zuchthaus abgeliefert.</p>
+<p>Hier wollte ich nicht arbeiten, bis eine andere Untersuchung eingeleitet
+sei, der Verwalter meinte, er könne nichts machen, ich hätte den Rekurs
+ergreifen sollen, leider hatte ich von der Sache damals noch nicht viel
+los. Ich arbeitete erst, als ich zuerst 25 erhalten und im Zwangstuhle
+gesungen hatte. Bald kommt ein hochgestellter Herr von Karlsruhe, ich melde
+mich zu ihm, erzähle demselben Alles, der Verwalter unterstützt und
+verklagt mich gleichzeitig und der Herr verspricht das Mögliche zu thun.</p>
+<p>Bald wurde ich aus dem schweren Zuchthaus in das Arbeitshaus nach Bruchsal
+gebracht, die fünfjährige Strafzeit blieb jedoch und das Ganze wurde als
+Gnadensache angesehen. Gnade hatte ich aber keine gewollt, machte jetzt
+einen Ausbruch, wurde erwischt, erhielt 40 Stockstreiche in 2 Portionen und
+4 Wochen schweres Eisen.</p>
+<p>Von da an blieb ich ruhig, machte meine 5 Jahre und wurde mit 25 Hieben
+beabschiedet. Das Erste, was ich that, war, daß ich mich als Dolmetscher in
+2 großen Gasthöfen meldete und angenommen wurde.</p>
+<p>Der Gefangenwärter, der alle Gefangenen so arg mißhandelte, war todt, der
+ungerechte Amtmann abgesetzt und verachtet, Gott ist gerecht!</p>
+<p>Ich verdiente ordentlich Geld und wohnte in einem Hause, in welchem eine
+Krämerin, die hausirend im Lande herumzog, ihre Niederlage hatte. Diese
+machte mir die Zähne lang, that, als ob sie daheim ein eigenes Haus und
+Felder besäße und mich heirathen wolle. Sie beredete mich, meinen Posten
+aufzugeben, mit ihr auf den Jahrmärkten in der Pfalz, in Hessen und Baiern
+herumzuziehen und ich that es, obwohl gutmeinende Leute mich vor diesem
+Weibsbilde warnten und sagten, dasselbe sei schon mit mehr als Einem
+herumgezogen und kein Mensch wisse, wohin dieselben gekommen, sie rede
+immer davon, daß sie von ihr weggelaufen seien.</p>
+<p>Einmal kamen wir nach Mannheim und logirten im "freien Leben" ... Sie gab
+vor, vorige Weihnachten Vieles in Mannheim gekauft, theilweise in der
+"goldenen Gans," theilweise in Käferthal gelassen zu haben und bat mich,
+ihr die Bündel zu tragen, welche sie jetzt holen wolle.</p>
+<p>Richtig gehen wir nach Käferthal und mit einem schweren Bündel in die Stadt
+zurück, dann in die "goldene Gans," wo sie ihre Waarenniederlage hatte,
+gibt mir wieder einen Pack, geht fort und sagt, wenn sie nicht bald komme,
+so möge ich sie im "freien Leben" erwarten.</p>
+<p>Lange will sie nicht mehr kommen, ich nehme den Pack und will aus der
+"goldenen Gans" fort, da fragt der Sohn des Hauses, was ich denn trage, ich
+sage es demselben, die Wirthin kommt, ich muß den Bündel öffnen und siehe
+da&mdash;es waren lauter Sachen, welche diesen Leuten gehörten. Ich wußte, es
+sei mit den Bündeln nicht ganz in Ordnung, doch daß Etwas den Leuten in der
+"goldenen Gans" gehöre, das habe ich nicht gewußt und nicht vermuthet.</p>
+<p>Natürlich werde ich verhaftet, merke bald, daß ich die ganze Suppe ausessen
+müsse, weil die Krämerin sich aus dem Staube gemacht hat und ich nicht
+sauber gewesen bin, wie das erstemal. Mit Beihülfe meiner Mitgefangenen
+breche ich aus, werde jedoch erwischt und erhalte eine Kette an Hand und
+Fuß. Jetzt machen wir ein Loch in die Mauer und eines Abends, als die
+Lichter angezündet wurden, gehe ich sammt der Kette fort, schlage vor der
+Stadt das Schloß ab, werfe die Kette in einen Garten hinein und finde
+Zuflucht im Hause eines "guten Freundes."</p>
+<p>Dieser getraut sich nicht, mir andere Kleidung in meinem Wohnorte zu holen,
+mein Ausbruch hatte Lärm erregt, die Polizei war ins Haus gekommen und
+drohte mit Strafen, wenn man mich in irgend einer Weise unterstütze.</p>
+<p>Am 6. Tage sagt die Hausfrau ganz erschrocken, das Haus sei umstellt; ich
+wollte zum Fenster hinaus, doch da stunden "bekannte Leute," ich hatte kaum
+Zeit, mich hinter die Kammerthüre zu stellen, so tritt der Bürgermeister
+herein: "Hat Niemand hier übernachtet?"&mdash;"Nein!"&mdash;"Ei, dort schauen ja
+zwei Stiefelspitzen unter der Thüre hervor!" meint der Wachtmeister, macht
+die Thüre ganz auf und steht vor mir. "Ah, guten Morgen, Herr Paul, habt
+Ihr hier übernachtet?"&mdash;"Nein, ich kam so eben, forderte ein Stück Brod,
+ging in diese Kammer, als ich Euch sah; ich habe mich genirt, weil mich
+hier so viele Leute kennen!"&mdash;"Weßhalb geniren, wenn Ihr schuldlos seid?"
+&mdash;"Ja, ich bin schuldlos!"&mdash;"Das wird sich herausstellen, kommt nur
+mit!"</p>
+<p>Jetzt wurde ich in einem Arreste des Zuchthauses verwahrt, das Verhör fing
+erst recht an, meine Flucht galt als Beweis meiner Schuld, ich sah, daß
+Alles schief ging, dachte an Flucht, nicht aber an die Unmöglichkeit
+derselben. Mit unsäglicher Mühe bohrte ich ein Loch in den Kamin neben dem
+Ofen, Abends nach der Suppe machte ich es groß genug, um hineinzukriechen,
+kroch im Kamine hinauf, saß auf dem Dache und wußte nicht wohin.</p>
+<p>Ehe mich eine Schildwache bemerkt hatte, kroch ich wieder hinab in meinen
+Käfig, dachte bei mir selbst: "Kommen sie um 10 Uhr zur Visitation und
+sehen das Loch, dann bist Du des Todes Paule! ... Sie habens schon Mehrern
+so gemacht, jedenfalls wehrt sich ein alter Grenadier!"</p>
+<p>Ich zog die Bettlade als Barrikade vor die Thüre, blieb angekleidet auf dem
+Bette sitzen, doch kam in dieser Nacht Niemand mehr zu mir.</p>
+<p>Am andern Morgen bringt der Zuchtknecht Wasser und Brod, betrachtet das
+Loch, sagt nichts, kommt jedoch bald mit drei Andern zurück, sie bringen
+Farrenschwänze und hauen mich, daß ich keinen Tritt mehr zu gehen
+vermochte.</p>
+<p>Blutend werde ich in einen unterirdischen, stockfinstern Kerker geschleppt,
+alles Melden zum Doctor blieb vergeblich, mein Schreien wurde höchstens von
+den im Hofe arbeitenden Gefangenen gehört und so blieb ich 11 Tage liegen.</p>
+<p>Der Zuchthauspfarrer mußte Wind bekommen haben, daß ich im "schwarzen
+Block" sei, dessen Wände schwarz angestrichen waren und worin der
+Todtenkasten lag. Er kam zu mir, ließ sich Alles erzählen, betrachtete mich
+vor der Thüre, wohin ich kroch, meinte unwillig. "Auf diese Weise kann man
+Menschen behandeln? Nimmt dies immer noch kein Ende?" und schon Mittags kam
+auch der Doctor. Als dieser mich sah, drohte er mit Karlsruhe und lärmte,
+daß Alle zitterten. Er sprach mich sogleich ins Krankenzimmer, wo Mehrere
+lagen seit Jahr und Tag in Folge unmenschlicher Behandlungen, bis der Tod
+sie erlöste oder die Gemeinde als Krüppel zurückhielt. Gottlob und Dank,
+diese Mißhandlungen sind seit den Dreißigerjahren unmöglich geworden, ein
+Sträfling der heutzutage klagt, verdient in den meisten Fällen 50 aus dem
+Salz! ... Die Herren in Karlsruhe und die Gerichte wollten freilich niemals
+solche Abscheulichkeiten, doch glaubten sie damals, Jeder sei gut genug,
+Zuchthausbeamter zu werden und wenn dieser ein Vieh zum Zuchtknecht machte,
+wurde dessen Grausamkeit den höhern Behörden als Diensteifer angewiesen!
+... Während ich im Krankenzimmer lag und in Folge der Mißhandlung Blut spie
+und trotz aller Sorgfalt des Arztes arbeitsunfähig wurde, machten zwei
+Sträflinge der Mißhandlung ein Ende, indem sie ihr Leben aufs Spiel
+setzten.</p>
+<p>Beide saßen im "schwarzen Block" und paßten, bis der Schlimmste unter den
+Aufsehern zum Visitiren kam. Wie er die Thüre öffnet, sticht ihm Einer ein
+geschliffenes Spuleisen in den Leib, der Zweite nimmt ihm den Säbel und
+beide verwunden und verfolgen den zweiten Aufseher, der ein guter Mann war,
+worauf die Sträflinge in ihrer Raserei nicht achten. Derselbe entwischt
+ihnen, die beiden Sträflinge rennen mit dem Säbel und Spuleisen in den
+Gängen herum und fordern die eingesperrten Gefangenen auf, alle Beamten und
+Aufseher todt zu schlagen und allgemein auszubrechen, thun jedoch guten
+Aufsehern, die ihnen begegnen, nichts und löschen alle Lichter aus.</p>
+<p>Wie sie zum Fensterlein des Meisterzimmers hineinschauen, siehe da, da
+steht der Schlimmste von Allen, den sie erstochen zu haben glaubten, die
+Thüre ist zu, im Gange liegen Gewichtsteine von 25 und 50 Pfund, sie werfen
+diese Steine gegen die Thüre und durch das Fenster des Meisterzimmers, ein
+Stein trifft den Gestochenen mitten auf die Brust und er fällt wie ein
+Sack.</p>
+<p>Andere Gefangene ergreifen Hämmer zum Kettenanschlagen, schlagen Thüren ein
+und suchen in den Hof zu kommen, die halbe Stadt steht jedoch schon vor dem
+Zuchthaus, die Soldaten können nicht gleich hereindringen, weil das Schloß
+des eisernen Gitterthores verstopft wurde, endlich kommen sie doch herein,
+schaffen Ordnung und bringen die beiden Sträflinge in den Block zurück.</p>
+<p>Der schlimme Aufseher starb bald an seinen Wunden; schon das Spuleisen
+würde ihn getödtet haben, wenn seine Sackuhr den Stich nicht aufgehalten
+und abgeleitet hätte. Der bessere Aufseher war durch die Säbelhiebe auf den
+Kopf halb wahnsinnig geworden, lag lange krank, wurde alsdann Pförtner,
+jagte sich jedoch bald nachher eine Kugel durch den Kopf. Er war ein guter
+Mann, trug das silberne Medaillon für einen Feldzug und hinterließ einen
+achtjährigen Buben als Waise. Vielleicht hat es ihn gekränkt, weil die
+Sträflinge ihn ungerecht mißhandelten und die Stadtleute als einen
+Haupttyrannen der Gefangenen verachteten, was er doch nie gewesen. So oft
+ich an den guten, unglücklichen Mann zurückdenke, schießen mir die Thränen
+in die Augen, er war auch eines bessern Schicksales würdig!</p>
+<p>Ich genas allmählig, ging auf einen Webstuhl, um mir einige Kreuzer
+gutschreiben zu lassen, dann kam mein Urtheil und lautete schlimm genug.
+Die fünf Jahre, welche ich schon gemacht, sollte ich wieder machen und noch
+zwei dazu, also sieben volle Jahre, zum Willkomm 25 Stockprügel, nach
+Erstehung der halben Strafzeit 25 Repetirstreiche und zum Abschied noch 25
+empfangen.</p>
+<p>Den Willkomm erhielt ich gleich baar ausbezahlt und während ich sie
+erhielt, beschloß ich, die sieben Jahre um keinen Preis zu bleiben. Die
+Weber zettelten ein Complott ein, wir wollten beim Gang aus dem Schlafsaal
+ins Freie, doch als der Tag da war, wurden wir viel später als die Andern
+herausgelassen, wagten nichts, weil Alles in der Stadt schon lebendig war,
+fanden doppelte Aufsicht, wurden aus dem Webersaale bald wieder abgeführt,
+dann kam der Verwalter und hatte alle Verschworenen auf einem Zettel mit
+Ausnahme eines Franzosen, der uns verrathen hatte. Wir Alle wurden verhört,
+einzeln in Arrest gesetzt oder paarweise, ich mit Zweien, die nichts von
+der Geschichte wußten, mir Strafzulage prophezeiten. Sie waren auch zur
+Flucht bereit und hatten bereits dafür gesorgt, daß sie in der Stadt ihre
+Montur mit Civilkleidern vertauschen konnten. Wir brachen aus, gelangten
+jedoch nicht ins Freie, weil die Ausgänge ganz verändert und fester
+verrammelt worden waren. Einer von uns war ein junger Mensch, wir wollten
+nicht, daß er mit uns gestraft werde, er mußte Lärm machen, wir redeten in
+unserm Verhöre für seine Schuldlosigkeit, doch uns selbst konnten wir nicht
+weiß waschen, denn abgesehen davon, daß wir aus dem Arreste gebrochen,
+hatte ich allzuvoreilig meine Schuhe, mein Kamerad seine Kette ins Freie
+hinausgeworfen.</p>
+<p>Die Verschwornen erhielten Einer nach dem Andern 25 und mußten singen d. h.
+in den Zwangstuhl, ich erhielt 50 und mußte auch doppelt singen.</p>
+<p>Von nun an blieb ich ruhig, bis ich meinte, die sieben Jahre seien
+abgelaufen. Da nahm ich meine Sachen, brachte dieselben dem Obermeister und
+sagte, ich wolle fort, meine Zeit sei aus. Er wollte davon nichts wissen,
+ging zum Rapport, kam zurück und berichtete, ich müsse noch 7 Monat und 23
+Tage bleiben.</p>
+<p>Nun wollte ich nicht mehr arbeiten, hörte nicht auf die Ermahnungen des
+sehr braven Obermeisters, sondern ging lieber in den schwarzen Block und
+hungerte. Täglich wurde ich ermahnt, vernünftig zu sein und zu arbeiten,
+ich hörte nicht darauf und kam endlich in den untersten Block, hatte jeden
+andern Tag einen Hungertag und hielt es 33 Tage aus, entschlossen, mich
+eher tödten zu lassen, als zu arbeiten.</p>
+<p>Am 34. Tage werde ich zu den Geistlichen gerufen, diese setzen mir den Kopf
+zurecht, ich wurde gar schwach und verworren im Kopfe, fühlte schon, ich
+sei nicht mehr der junge Paul, sondern es gehe allmählig abwärts mit mir.
+Ich versprach zu arbeiten, wenn ich ein besonderes Zimmerlein erhielte,
+weil ich nicht mehr zu den Sträflingen gehöre, erhielt auch Eines und
+arbeitete.</p>
+<p>Doch ein solches Leben, wie ich es seit meinen Feldzügen geführt, war mir
+entleidet; ich spürte, daß ich der Grenadier von Anno 1805 und 1815 nicht
+mehr sei und der Gedanke, was noch aus mir werden sollte, wenn ich noch
+schwächer, dümmer, furchtsamer oder gar kränker würde, machte mich
+schwermüthig, zumal auch gar kein Mensch auf der weiten Welt sich um mich
+kümmerte. Gott möge es mir verzeihen, daß ich es gethan&mdash;ich hing mich
+einmal in der Nacht an meinem Webestuhle auf, nachdem ich eine Zeitlang
+bittere Thränen über mein Unglück vergossen hatte. Die Nachtwache entdeckte
+es jedoch, ich wurde zeitig abgeschnitten, kam ins Krankenzimmer und die
+Geistlichen sprachen mir armen Teufel Trost, Ermuthigung und
+Gottesvertrauen ein.</p>
+<p>Fortan war ich so schüchtern, daß ich erschrack, wenn mich Jemand nur
+scharf ansah und ohne Freude sah ich meiner Freilassung entgegen.</p>
+<p>Es war Winter, als ich in einer elenden Montur in meinem Heimathsort ankam,
+doch gute Leute schenkten mir Kleider und verschafften mir Arbeit bei einem
+Weber. Bald bekam ich mein altes Blutspeien wieder, der Herr Medizinalrath
+Z. erklärte, ich müsse das Weben aufgeben, wenn mir mein Leben lieb sei.
+Den Tod scheute ich nicht, desto ärger lange Krankheit, machte wieder den
+Dolmetscher, diesmal in Heidelberg und bediente einige Herren.</p>
+<p>Ich weiß recht gut, daß ich mit mehr Fehlern behaftet bin als ein alter
+Judengaul und einer derselben besteht darin, daß ich Niemanden leicht eine
+Bitte abzuschlagen vermag. Ein hoher Beamter, den ich bediente, besaß lange
+Reihen von Büchern und wie mich eines Tages Einer ersucht, ihm ein Buch zu
+verschaffen, dessen Aufschrift er mir nannte und welches er in drei Tagen
+zurückzugeben versprach, suchte, fand und nahm ich dieses Buch bei dem
+Beamten und trug es zu dem Herrn, welcher es lesen wollte. Nach drei Tagen
+erhielt ich das Buch richtig zurück, wollte es auch gleich wieder an Ort
+und Stelle bringen, doch auf dem Wege begegnet mir ein guter Bekannter aus
+einem nahen Dorfe, ich muß mit ihm gehen, schleppe das verdammte Buch mit
+und vergesse, dasselbe auf dem Rückwege mitzunehmen, zumal es wegen seiner
+Größe in keinen Sack gesteckt werden konnte.</p>
+<p>Am andern Tag stehe ich vor dem Prinz Carl, sinne darauf, wie ich Etwas
+verdienen könnte, da fahren zwei Kutschen heran, aus einer derselben steigt
+ein ältlicher Herr und wer ists? Mein alter Kapitän vom 16. Regiment,
+welchem ich in Spanien das Leben retten half und der später bei Waterloo
+auch einen Fuß verlor.</p>
+<p>Er erkennt mich alten Kunden ebenfalls bald, freut sich sehr, mich hier zu
+finden und wie ich ihm kurz mein Schicksal oder besser mein Elend erzähle,
+so sagt er, er sei als Oberstlieutant pensionirt worden, von Hause aus
+reich, habe ein Gut in Oestreich gekauft, wolle mich mitnehmen und
+versorgen, so lange ich lebe oder so lang es mir bei ihm gefallen würde.</p>
+<p>Eilends gehe ich vors Amt und verlange meine Schriften, doch da heißt es:
+"Eure Schriften kann ich Euch nicht geben, Ihr würdet nur wieder in der
+Welt herumzigeunern, auf dem Schube wieder heimkommen und Unkosten
+verursachen!" ... "Bin ich je in meinem Leben per Schub heimgekommen?"&mdash;
+"Nun, wenns auch nicht so ist, so müßt Ihr Euch doch an höhere Behörden
+wenden!"</p>
+<p>Auch gut! denke ich und gehe nach Mannheim zum Herrn Kreisdirector, sage
+diesem guten Herrn mein Anliegen und daß ich wegen meiner Armuth nichts
+Schriftliches mitbrächte. Er läßt ein Protokoll aufnehmen und verspricht,
+sogleich für Herausgabe meiner Schriften zu sorgen.</p>
+<p>In Heidelberg erzähle ich Alles meinem Oberstlieutant, dieser kann nicht
+lange warten, gibt mir ein schönes Geschenk sammt seiner Adresse, heißt
+mich bald nachkommen und reist weiter.</p>
+<p>Nach einigen Tagen gehe ich zu dem Beamten und frage, ob nichts von der
+Kreisregierung an mich gekommen sei? Allerdings! sagt er; doch ich habe
+Gegenbericht eingesandt, Ihr dürft nicht fort!</p>
+<p>Flugs eile ich zu einem Advokaten, ich hatte ja Geld, lasse eine schöne
+Schrift an die Regierung aufsetzen und trage sie selbst auf die Post.</p>
+<p>Am andern Tage finde ich den hohen Beamten, den ich bediente, sehr zornig;
+es sind Leute bei ihm, er heißt mich später kommen und ich gehe in den
+schwarzen Bären, um das Morgenessen einzunehmen.</p>
+<p>Während ich dies thue, kommt der Wachtmeister und bringt mich zu dem Herrn
+zurück, der mich gleich fragt: "Wo habt Ihr mein Buch?"&mdash;"Ich habe kein
+Buch mitgenommen."&mdash;"Gesteht oder Ihr werdet eingesperrt!"&mdash;"Ich weiß von
+keinem Buche nichts!"&mdash;"Fort, in den Brückenthurm!"</p>
+<p>Auf dem Wege sagt der Wachtmeister: "Ohrfeigen hätt' ich Euch geben mögen,
+weil Ihr so unnöthig läugnetet; es geschähe Euch ja Nichts, höchstens
+würdet Ihr 2 bis 3 Täglein im Schatten gesetzt von wegen der Freiheit!"&mdash;
+"Ist die wahr?"&mdash;"Mein Seel!"&mdash;"Ich wills gestehen, ich habe das Buch
+genommen, jedoch nicht gestohlen, sondern nur für einen Herrn geliehen!"&mdash;
+"Gut, da Ihr gescheid seid, wollen wir gleich zu dem Herrn zurück!"</p>
+<p>Es geschah, ich erzählte Alles der Wahrheit gemäß, doch wurde ich nicht
+frei und komme ins Verhör.</p>
+<p>Mit Hülfe anderer Gefangener steige ich um Mitternacht auf das Dach des
+Thurmes, will mich an zerschnittenen Leintüchern herablassen, doch die
+Sache geht nicht gut, ich muß mich am Schieferdeckershaken halten, bleibe
+dort hängen, werde bemerkt, mit großen zusammengebundenen Leitern
+herabgeholt, komme in ein schwereres Gefängniß, werde krank und bald wieder
+in ein besseres Zimmer gesetzt.</p>
+<p>Ich würde lügen, wenn ich über meine Behandlung während der Untersuchung
+klagte; der Amtmann war kein Tyrann, sondern ein humaner, gerechter und
+sehr gescheidter Herr, der den Kerkermeistern scharf auf die Klauen sah,
+damit sie dieselben nicht allzuweit gegen die Gefangenen herausstreckten.</p>
+<p>Dagegen lautete mein Urtheil schlimm genug, zumal das unglückselige Buch
+nicht mehr aufgetrieben wurde und mein guter Bekannter nichts mehr davon
+wußte.</p>
+<p>Sieben volle Jahre hatte ich das vorigemal gemacht, ich sollte dieselben
+wieder machen und zwei neue dazu, folglich neun geschlagene Jahre.</p>
+<p>Ihr könnt Euch denken, wie mir zu Muthe war bei Verlesung des Urtheils,
+doch mein Reden half wenig, ich dachte auf dem Wege ins Zuchthaus immer an
+den frommen Gottesmann Bernhardus, der mir auch dieses Unglück wie die
+meisten andern prophezeit hat. Wenn ich daran denke, daß ich schon bei der
+Geburt zu 70 Strafjahren verurtheilt wurde, so bin ich Gott dankbar, weil
+Er mir doch auch lustige Tage schenkte und die Kraft gab, mehr als zehn
+Andere auszuhalten und wenn ich bedenke, daß die 70 Jahre bald überstanden
+und dann noch 20 gute kommen werden, so lebe ich manchmal von Neuem auf,
+wenn ich nicht gerade Blutspeien habe!</p>
+<p>Ich war diesmal nicht lange in der Strafanstalt, da gab es eine Revolution
+wegen der Kost, mein einäugiger Spezel da weiß auch davon zu erzählen, denn
+er spielte eine weit größere Rolle dabei als ich. Wir schlugen um
+Mitternacht alle Fenster zusammen, verrammelten uns in unsern Sälen,
+schlossen dieselben fest und öffneten sie nur dem Kreisdirector, nachdem
+die ganze Garnison gegen uns ausgerückt war. Uebrigens machte ich selbst
+sehr wenig dabei; ich bin nicht mehr der Alte, mein Muth und meine Kräfte
+sind sehr geschwunden und es ist eine leichte Sache geworden mich
+einzuschüchtern. Mache einer meine Feldzüge und Strapatzen durch, halte
+dann dazu 15 Jahre Gefängniß der schwersten Art aus und bleibe jung und
+stark und herzhaft, wenn er es vermag! ... Was sage ich 15 Jahre? Wartet
+einmal, fünf und sieben sind zwölf, zwei und ein halbes thut vierzehn und
+ein halbes, dann drei dazu und noch eins, macht Alles in Allem achtzehn und
+ein halbes Jahr in Strafhäusern seit meiner Rückkehr in die Heimath,
+abgerechnet, daß ich jetzt wieder einige Monate sitze und trotz meiner
+Schuldlosigkeit einige Jahre auf den Buckel bekommen kann. Freilich kenne
+ich Sträflinge, welche abwechselnd 20, 25, ja 30 und mehr Jahre in
+Zuchthäusern lebten und auch einen Beweis lieferten, daß der Mensch zehnmal
+mehr aushält als der größte und stärkste Elephant!</p>
+<p>Nach der Kostrevolution bat ich, mich alternden Mann allein zu setzen und
+es geschah auch, ich erhielt ein ordentliches Zimmerchen und man plagte
+mich nicht sehr mit dem Arbeiten, weil ich mein Blutspeien wieder bekommen
+hatte.</p>
+<p>Die Zeiten sind für die Gefangenen in Manchem anders und besser geworden,
+andere Herren sind überall ans Ruder getreten, auch die Stockprügel sind
+abgeschafft worden und ich bin ganz dafür, obwohl es Menschen und Fälle
+genug in Strafhäusern gibt, wo ein gerechter Sträfling meint, er müsse
+selbst den Stock zur Hand nehmen und Mitgefangene prügeln. Wer Ehrgefühl
+besitzt, dem wird es durch Stockprügel gar leicht aus dem Leibe
+herausgeschlagen, ich habe das bei den Oestreichern und Russen genug
+erlebt; aber wo einmal das Ehrgefühl fehlt, da bleiben Prügel und
+Zwangstuhl das einzig wirksame Mittel; alles Schonen macht unverschämte und
+freche Menschen nur ärger und weil sie sich durch das Gesetz geschützt
+wissen, geberden sich manche Sträflinge heutzutage, als ob Aufseher, Beamte
+und Geistliche ihre Schuhlumpen wären!</p>
+<p>Etwas über 2 Jahre saß ich wegen dem Buch in meinen Stüblein, da kam ein
+hoher Herr von Carlsruhe in die Anstalt, um dieselbe zu visitiren. Ich sah
+ihn durch den Hof gehen, rief seinen Namen, bat ihn, mich ein ein [ein]
+bischen zu besuchen; er kam auch richtig gleich zu mir, ich erzählte Alles,
+der Verwalter und der Doctor redeten auch gut für mich und der Herr sagte,
+er wolle meiner gedenken und schrieb Mehreres in seine Brieftasche.</p>
+<p>Es dauerte gar nicht lange, so wurde ich begnadiget, sechs und ein halbes
+Jahr sind mir an der Strafzeit geschenkt worden; so oft ich an den guten
+Herrn und an den Großherzog Leopold denke, der so Vieles für die Aermsten
+aller Armen, für Gefangene gethan hat, fließen die Thränen stromweise über
+meine alten Wangen, ich weine wie ein Kind und kann nur beten, daß Gott den
+Großherzog Leopold noch lange beim Leben erhalte, denn dieser Herr ist die
+Güte selbst. Hätte Er nur tausend Augen, tausend Ohren und zehntausend
+Arme, ein edleres Herz brauchte er nicht, dann könnte er die Spitzbuben und
+Heuchler sammt den Volksverführern an der Cravatte kriegen und auch einmal
+manchen feinen Rock ins Zuchthaus abliefern! ... Schon in frühern Zeiten
+hatten viele Leute um meiner Abentheuer und Ausbrüche willen geglaubt, ich
+sei eine Art Hexenmeister und könnte recht glücklich und reich sein, wenn
+ich nur wollte. Lustig blieb ich bei allem Elend immer, kann noch heute
+recht lustig sein und werde es wohl, wenn einmal die 70 Strafjahre vorüber
+sind! ... Nach meiner Entlassung behaupteten die Leute, ich könne machen,
+daß Einer in der Lotterie gewinne, mein Widerreden half nichts, die Leute
+blieben so abergläubisch auf ihrer Meinung, als ob sie die ärgsten
+Katholiken und keine Zwinglianer wären, am Ende dachte ich: wenn Ihr
+durchaus betrogen sein wollt, so kanns der alte Paul ja thun, es wird ihm
+nicht schaden und Ihr werdet bald an Euerm Verlust merken, daß ich kein
+Hexenmeister bin!</p>
+<p>Viele glaubten, ich wolle mit meiner Wissenschaft nur nicht herausrücken,
+steckten sich heimlich hinter mich und gaben mir, was ich gerade brauchte,
+versprachen goldene Berge dazu und ich sagte ihnen das Mittel, welches mir
+ein Jude einmal anvertraut hat und das ich niemals selbst probirte, weil
+mir das viele Geld dazu mangelte. Ich selbst hielt anfangs nicht wenig
+darauf, doch nachdem es Einige angewendet und in der Lotterie dennoch
+keinen Knopf gewonnen hatten, schwand mein Zutrauen, bei Andern war dies
+auch der Fall, sie behaupteten, ich führe die Leute betrügerisch am
+Narrenseil herum. Solches that mir wehe, weil es nicht wahr gewesen.</p>
+<p>Dagegen kamen Andere noch immer heimlich zu mir, sagten, ich habe Andern
+wahrscheinlich das rechte Mittel nicht gesagt, weil sie zu knauserig
+gewesen und wollten um jeden Preis dasselbe aus mir herausbringen.</p>
+<p>Ich lebte in einem Dorfwirthshause, weil ich da am wohlfeilsten schlief und
+um 6 Kreuzer täglich zu essen bekam. Das Essen war wenig und elend, Durst
+habe ich auch oft gehabt und so freute ich mich, daß die Schwester der
+Wirthin, eine wüste alte Jungfer, die immer noch gerne geheirathet und
+deßhalb in der Lotterie gewonnen hätte, sich hinter mich steckte und mir
+Vieles gab, damit ich das wahre Mittel sage. Den Wirthsleuten sagte sie
+nichts davon, um nicht ausgelacht zu werden und wir hielten Alles heimlich.</p>
+<p>Einmal trete ich in die Stube, da sitzen einige Juden am Tische und ich
+setze mich neben sie. Ich hatte einem Studenten eine Kommission gemacht,
+ein gutes Trinkgeld erhalten, war etwas angetrunken und lasse von Zeit zu
+Zeit ein Stück Speck unter dem Rocke hervorschauen, um die Juden zu utzen
+und sage, ich sei nicht mager, wie die Leute meinten, sondern fett, man
+möge mich nur näher betrachten.</p>
+<p>"Woher habt Ihr den Speck?" fährt mich der Wirth an.&mdash;"Käthchen hat ihn mir
+draußen gegeben in der Küche, als ich meine Pfeife anzündete!" sage ich
+erschrocken.&mdash;"Käthchen, hast du dem Paul von meinem Speck gegeben?" fragt
+der Wirth.&mdash;"Mein Herz hat nie daran gedacht, der Paul lügt!"</p>
+<p>Jetzt beginnt der Wirth zu fluchen und zu schänden, ich gebe auch nicht
+nach, weil ich Etwas im Kopf hatte, zahle meine Sache und gehe fort.</p>
+<p>Am andern Tage werde ich vor Amt geladen und eingesteckt. Käthchen
+beichtete die ganze Lotteriesache, dagegen legte sie einen Eid ab, mir
+niemals Speck gegeben zu haben, Zeugen hatte ich keine und war verloren.</p>
+<p>Der Verhörrichter ließ mich frei, weil ich alt und kränklich sei, bis der
+Bescheid vom Hofgericht kam. Dieser lautete auf 3 Jahre Zuchthaus, mein
+Widerreden half nichts, weil ich schon oft im Zuchthause gewesen und ich
+machte meine Zeit.</p>
+<p>Kaum bin ich einige Wochen frei, so passirt mir ein neues Unglück.</p>
+<p>Ich wohnte wieder in einem Dorfe, blieb bald da bald dort über Nacht. Eines
+Morgens sehe ich beim Fortgehen vor der Speicherthüre schwarze Wäsche
+liegen, nehme zwei alte, elende Hemden, von denen keines 24 Kreuzer werth
+war und will fort. Ein kleines Kind schaute mir zu, wie ich die Hemden in
+mein Sacktuch band, rennt in die Stube und sagt es der Mutter, diese eilt
+heraus, stellt mich zur Rede, ich gestehe Alles gleich, während die Frau
+noch schimpft, tritt der Gemeindediener herein, doch läßt man mich in
+Frieden ziehen.</p>
+<p>Eine halbe Stunde vom Dorfe holt mich jedoch der Polizeidiener ein, führt
+mich zum Bürgermeister des Dorfes zurück, dieser sagt, er würde mir eine
+leichte Strafe geben, wenn ich in die Gemeinde gehörte, weil dieses jedoch
+nicht der Fall sei, müsse er mich dem Amte einliefern.</p>
+<p>Vor Amt läugnete ich gar nicht, wurde abermals frei, vom Hofgerichte
+abermals zu 3 Jahren verurtheilt, diesmal ergriff ich gar keinen Rekurs und
+machte abermals meine Zeit. Apropos, daß ichs nicht vergesse, meine
+Rechnung von vorhin leidet an einer kleinen Unrichtigkeit, ich habe die 3
+Jahre, in welchen ich für die zwei elenden Hemden büßen mußte, nicht
+gezählt und bin also nicht 18½, sondern 21½ Jahr in Strafanstalten
+gewesen. Vielleicht feiere ich bald mein Zuchthausjubiläum!</p>
+<p>Elender, schwächer und ärmer als je kam ich heim und kein Mensch wollte
+sich jetzt mehr meiner annehmen, ich vermeinte, die guten Leute seien auf
+der Welt Alle ausgestorben! ... Voriges Jahr wird Einer Präsident der
+Armencommission, welcher allen Armen Abzüge machte. Seit mehreren Jahren
+bekam ich vom Spitale ganze Kost und Brod oder Kostgeld, weil ich jährlich
+Zeugnisse vom Physikus brachte, daß ich arbeitsunfähig sei.</p>
+<p>Jetzt muß ich zum Präsidenten und da heißt es: "Er erhält gar nichts mehr
+vom Spitale, arbeitet!"&mdash;"Kann ich denn weben? Ich darf ja nicht!"&mdash;
+"Verrichtet leichte Arbeit!"&mdash;"Geben Sie mir; ich bekomme nirgends mehr
+eine Gelegenheit zum Verdienen!"&mdash;"Suche Er nur eine solche!"&mdash;"Ja, was
+soll ich jetzt anfangen?"&mdash;"Betteln oder Stehlen, mir ist es gleichgültig!"</p>
+<p>Einige vornehme Bürger, von denen ich wußte, daß sie den Präsidenten als
+einen Aristokraten nicht leiden mochten, ermahnten mich, die Sache bei den
+Behörden anzuzeigen und Einer setzte mir eine Schrift auf.</p>
+<p>Diese Schrift gab ich am rechten Orte ab, erhielt 4 Wochen keinen Bericht,
+hatte manchen Tag nichts zu essen und verhungerte beinahe.</p>
+<p>Endlich gehe ich auf das Oberamt, klage mein Elend, die Thränen fließen
+stromweise über meine alten Wangen, die Herren aber verwundern sich,
+weßhalb ich noch nichts erhalten, denn sie hatten das Nöthige sogleich
+gethan. Es dauerte wieder 14 Tage, ohne daß ich etwas erfuhr, ich ging
+wieder zu den Bürgern und klagte, diese gaben mir Geld, Einer machte mir
+wieder eine Schrift, worin der Präsident der Armencommission sammt dem
+Oberamte verklagt war und ich wanderte zum Herrn Kreisdirector.</p>
+<p>Dieser gute Herr las meine Schrift und sprach mir Trost ein.</p>
+<p>Das Oberamt verübelte mir, daß ich es ungerecht verklagt habe, doch ich
+hatte dies ja nicht gewußt, die Bürger sagten alle, das Oberamt spiele mit
+dem Präsidenten unter Einer Decke und beide seien gleich schlecht und
+volksfeindlich.</p>
+<p>Endlich nach 3 weiteren Wochen ist Sitzung der Commission, dieselbe spricht
+mir für jeden Tag einen Schoppen Suppe und einen Schoppen Gemüse und für
+jeden fünften Tag 4 Pfund Brod zu. Als alter Mann wollte ich auch Fleisch,
+ging deßhalb zu einigen Herrn der Commission, doch nicht zum Präsidenten
+und erhielt dann alle Sonntage ein Stücklein Fleisch.</p>
+<p>Weil ich auch unter der Woche Fleisch will, gehe ich endlich wieder zum
+Präsidenten, erhalte aber nichts, bis er von seiner Stelle abdanken muß,
+alsdann gibt mir sein Nachfolger Alles, was ich früher genossen. So oft ich
+an diesen guten Mann denke, laufen mir die Thränen stromweise über meine
+alten Wangen und der Gottesmann Bernhardus kommt mir in den Sinn! ... Im
+vorigen Spätjahre hatte ich keine Winterkleider und lief in elenden
+Sommerhosen herum, obwohl der Winter diesmal früh angefangen hatte; dies
+sahen einige Herren und es dauerte nicht lange, so trug ich eine ganz
+schöne, warme Montur. Gott verläßt den alten Paul nicht, wenn Er ihn auch
+aus einem Kreuz ins andere schickt!</p>
+<p>Daß ich jetzt in Untersuchung bin, weil Eine, welche Lotterielose sammelt,
+mir mein Geheimniß abschwatzte, Manches gab, in der Lotterie Alles verlor
+und mich aus Rachsucht nachträglich anklagte, ich hätte ihr Vieles
+gestohlen, was auf meinem Speicher in der Kiste unter der Bettlade doch
+ganz schön geordnet gefunden wurde, dies wißt Ihr Alle! ... Der Hauptfehler
+ist, daß ich eine kleine Winterreise machte und hier herauf gerieth, wo ich
+arretirt wurde und jetzt schon so lange sitze, ehe ich in die Heimath
+geliefert werde. Wie wird es mir noch ergehen! ... Gottlob, daß das Jahr
+1852 jetzt nahe ist!</p>
+<p>
+&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;</p>
+<p>
+"Die Geschicht' vom Paul is ebbes Rares, meiner Schumme! Ich glaab' aber,
+wenn wär' Gott gewest mit ihm, hätt' er nicht so viel' leichtsinnige
+Streich' gemacht!" meint der Moses.</p>
+<p>"Oh, diese Geschichte ist fürchterlich schön, was hat <I>der</I> Mensch
+ausgestanden! ... Man sollte es kaum glauben! ... Morgen zeigt Ihr mir
+Euern Rücken Paul, nicht wahr?" ... sagt der Zuckerhannes ganz begeistert.</p>
+<p>"Mich wunderts nur, wie es dir nach dem 70sten Jahre ergeht! Siehst nicht
+darnach aus, als ob du noch 20 Jahre gut zu leben vermöchtest oder schlimm;
+so oft du Geld hattest, hast du jedesmal dummes Zeug gemacht!" bemerkt der
+Indianer.</p>
+<p>"Ach die Weibsleut', von denen hättest du doch mehr erzählen sollen.
+Jedenfalls hast du mehr mitgemacht, als wir alle zusammen! Ich wollte, ich
+hätte die Marie, die Margreth und meinethalben noch Eine jetzt neben mir!"
+grinst das Affengesicht.</p>
+<p>Der alte Paul schluchzt, die Mitgefangenen hören es und fragen.</p>
+<p>"Ach Gott! ... o Marie, du Längstverfaulte! ... Ach, auch! ... ich war in
+Akazien geboren! ... Und die Tirolerin! ... Nein, der Mensch liebt nur
+einmal recht, dann hat er kein Herz mehr dazu! ... So oft ich an den Mohren
+zu Jägerndorf zurückdenke, fließen die Thränen stromweise über meine alten
+Wangen! ... Ach, Alle, die ich kannte und liebte, sind todt, lauter neue
+Gesichter, neue Einrichtungen! ... Für mich ist die Welt ein Kirchhof und
+was soll ich auf diesem Kirchhofe noch 20 Jahre und mehr thun? ... Das
+Leben ist nur in der Jugend schön, später wird Einem der Tod lieb,
+Nichtsterbenkönnen wäre wohl die härteste aller Strafen! ... Hast noch
+einen Tropfen Wein, Mauschel? ... Nicht? o weh!" jammert der Alte, "deine
+Geschichte ist nicht ohne Interesse, das Beste daran bleibt, <I>daß sie nicht
+erdichtet ist</I>!" meint der Spaniol und setzt bei: "Was du von der Zeit
+deiner Rückkehr aus Frankreich an erzähltest, ist im Ganzen eine
+<I>gewöhnliche Zuchthausgeschichte</I>, wie wir sie von vielen Rückfälligen
+vernehmen können!"</p>
+<p>"Heutzutage gibts doch keine rechten Zuchthausgeschichten mehr!" schreit
+der Stoffel. "Was der Paule von den <I>alten</I> Zuchthäusern erzählte, habe ich
+großenteils nicht nur mit angesehen, sondern mitgemacht. In meinen jüngern
+Jahren war ich auch keiner von den Letzten, aber jetzt bin ich froh, daß
+die Herren in Carlsruhe, die Beamten und Meister in den Strafanstalten ganz
+andere und bessere sind. Kost und Brod ist gut, die Behandlung menschlich
+und das hält Einen eher vom Stehlen ab, denn alle Strenge und Grausamkeit!"</p>
+<p>"Dich hat es doch noch nie vom Zuchthaus abgehalten!" lacht der Indianer.</p>
+<p>"Weßhalb? Hatte ich zu leben, dann würde ich nicht "rapsen." Ich bin arm,
+ohne Heimath und Freunde, verstehe kein Gewerbe, kann nicht schwer
+arbeiten, da wäre ich doch ein Narr, wenn ich nicht lieber ins Zuchthaus
+ginge, als draußen mich müde und hungrig herumschleppen, von Jedem schief
+ansehen und verachten lassen möchte! Gehe in die Strafanstalten und Wen
+findest du unter den Stammgästen? Lauter Arme und Verarmte Buben ohne
+Väter, Waisenkinder, kurz Leute, die vom Schicksal verfolgt wurden! Die
+Zeiten werden schlecht, bald ist es im Zuchthause besser als draußen!"
+belehrt der Stoffel.</p>
+<p>"Oho, oho! Wollen sie nicht bald das Zellengefängniß in Bruchsal bauen?
+Kann man dort nicht mit Jedem anfangen, was den Beamten oder Aufsehern
+beliebt? Heißt es nicht in den Zeitungen, die Gefangenen würden alle zu
+Narren oder Selbstmördern? Hat man nicht schon Zellenbewohner in andern
+Ländern gefunden, welche vergessen wurden, sich bei lebendigem Leibe die
+Arme und Beine anfraßen und den Hungertod starben? He?" schreit der
+Indianer.</p>
+<p>"Hu, das ist grausig!&mdash;gräßlich!&mdash;Lieber todt als in der Zelle!&mdash;Man sollte
+das neue Käfig in Bruchsal niederbrennen, ehe es gebaut ist!" rufen die
+Gefangenen im Chorus.</p>
+<p>"Ach, die Sache ist nicht halb so arg, ich weiß dies von Frankreich und der
+Schweiz her!" sagt der Spaniol. "Zellengefängnisse sind zwar keine
+Marterhöhlen und Folterkammern, aber Volksverdummungsanstalten, in denen
+der Mensch mit Religion angesteckt wird, eine kleine Schlappe, welche bei
+uns Preußen und Baden der Armee der großen Zukunft versetzen!"</p>
+<p>"Was verstehst du unter der Armee der großen Zukunft? he?" fragt der
+Zuckerhannes.</p>
+<p>"Mon Dieu, <I>du</I> Dummkopf gehörst ja selbst dazu!"</p>
+<p>"Ich?"</p>
+<p>"Ja du!"</p>
+<p>"Setze es dem Simpel noch einmal auseinander, s'ist ein Kerl, mit dem man
+Riegelwände einstoßen könnte, ohne daß sein Hirn beschädigt würde!" lacht
+der Indianer.</p>
+<p>"Oh, ich bin nicht halb so dumm wie ich aussehe! ... Ihr könnt Einen schon
+gescheidt machen! ... Hab' ich doch in diesen paar Wochen von den Weibern,
+Pfaffen und "Großköpfen" hier Dinge gehört, die ich draußen nicht sagen
+möchte! ... Der Einäugige hat Recht, im Arrest ist Freiheit, es lebe der
+Arrest!" ... ruft der Gefoppte. "Halt' jetzt deine Gosche, der Spaniol will
+wieder eine Rede loslegen, er räuspert sich schon und wir wollen den Takt
+dazu kratzen, während die Flöhe tanzen und das Murmelthier den Contrebaß
+brummt!" lacht der Stoffel.</p>
+<p>"Noch Ein Wort!" bittet der Paul und sagt: "Der Indianer hat vorhin von
+Zeitungen geredet, die einem vor Zellengefängnissen bange machten.["]</p>
+<p>Darauf ist wenig zu geben, denn Zeitungen lügen und Zeitungsschreiber
+verstehen sicher oft kein Maaß, wenn von Gefängnissen die Sprache ist und
+schmieren in den Tag hinein, damit das Blatt voll wird. Jedenfalls habe
+ich, der alte Paul, im Zuchthause Vier gekannt, die sich innerhalb weniger
+Jahre erhängten, ich selbst habe mich aufgehängt, war weder der Erste noch
+der Letzte und Narren habe ich auch genug unter den Sträflingen gesehen. Es
+kommt eben sehr viel auf die Behandlung an! Was die Narren betrifft, so hat
+mir ein Herr Student in Heidelberg einmal gesagt, der berühmte Doktor
+Roller habe ausgerechnet, daß auf je 1000 Menschen 3 Narren kämen, das
+heißt anerkannte Narren, denn wenn man Viele dazu rechnete, welche für
+gescheidte Leute gelten, gäbe es unter 1000 Menschen mindestens 800 Narren!
+... Das hat mir auch ein Heidelberger Student gesagt und es ist so, je
+nachdem man die Sache betrachtet! ... Ich selbst bin oft ein rechter Narr
+gewesen!"</p>
+<p>"Nach dem Jahr 1852 wirst du gescheidt, hast dann bald das doppelt
+Schwabenalter!" lachte der Stoffel.</p>
+<p>"<U>Silence, je vous prie!</U>" brummt der Spaniol, räuspert sich noch einmal
+und spricht mit steigender Aufgeregtheit.</p>
+<p>"Ihr wißt, Brüder, daß alle Menschen von Geburt gleich sind und daß wir im
+Leben doch überall Ungleichheit des Besitzes, Genusses, der Arbeit,
+Bildung, kurz aller Dinge sehen. Schlaue Betrüger haben die Menschheit mit
+eitlen Phantasiegebilden von Gott, Ewigkeit, Vergeltung und dergleichen
+Träumereien des beweglichen Herzens in Furcht, Angst, Verwirrung und Noth
+gejagt. Der Starke unterdrückte den Schwächern und nahm mit Hülfe
+betrügerischer Priester seine Berechtigung von einem Himmel, der nirgends
+existirt, betrog die Mehrzahl um alle Freuden und Güter des Erdenlebens und
+stellt ihr fortwährend Wechsel aus, welche der Unverstand acceptirt und der
+Tod mit Nichts honorirt. Millionenfach haben die Interessen der Menschen
+sich verschlungen, die Armen opferten das wahre Interesse ihrem
+scheinbaren, die absolute Unordnung wurde zur Ordnung, zum Gesetze."</p>
+<p>"Zerstäubte Millionen wurden um ihr Glück betrogen, unterdrückte Millionen
+seufzen nach Erlösung aus den Banden des Aberglaubens und des Despotismus,
+Millionen sehen noch nicht, wo sie eigentlich der Schuh drückt, senden
+heimlich verspottete Gebete zum ewigstummen Himmel und schlachten ihre
+natürlichsten, schönsten Gefühle auf dem Altare des Wahnes und der
+Knechtschaft, welche ihre Herrschaft in ein endloses Jenseits ausdehnten,
+um der Herrschaft über das Diesseits desto gewisser zu sein."</p>
+<p>"Es läßt sich berechnen, Brüder, daß, wenn Louis Philipp fortwucherte, in
+einigen Jahrzehnten die Geldmasse des europäischen Festlandes in seine
+usurpatorischen Hände käme!&mdash;Ihr wißt selbst, daß die Weiber in einer Art
+Sklaverei auch bei uns leben, daß Jeder nur Ein Weib nehmen darf und
+Hunderttausende nicht im Stande sind, ein Weib zu ernähren oder ihre
+Familie also zu unterhalten, daß sie frohe Stunden erlebt. Schwelgen und
+Befehlen ist das Vorrecht Weniger, Hungern und Unterdrücktwerden das Loos
+der ungeheuern Mehrzahl. Ihr wißt ferner, von wem und wie die sogenannten
+Gesetze gezimmert und aufrecht erhalten werden, Ihr Alle seid ja
+gegenwärtig Opfer derselben und in dieser Stunde seufzen Hunderttausende in
+Kerkern, die Angehörigen verfluchen ihre Dränger."</p>
+<p>"Dies sind nur einige kleine Belege für die unermeßliche Summe des Elendes,
+welches ob der freigebornen, gleichberechtigten Menschheit lastet. Flössen
+alle Thränen zusammen, welche nur seit 2000 Jahren auf dem weiten
+Erdenrunde von der gepeinigten Natur und vom gequälten Herzen geweint
+wurden, es gäbe ein Thränenmeer, gegen welches das mittelländische in der
+That nur ein französischer See sein würde."</p>
+<p>"Brüder, es wird anders werden und muß anders werden!"&mdash;</p>
+<p>"Ich habe die Jahrbücher der Menschheit aufgeschlagen und trotz aller
+Verfälschung derselben gefunden, daß ein tiefes, unauslöschliches Sehnen
+nach Urfreiheit und Erdenglück durch die Völkerherzen aller Zeiten und
+Welttheile zieht und daß diese Sehnsucht in fortwährenden Kampf gegen
+Knechtung und Elend trieb."</p>
+<p>"Ich habe die gebildeten Völker besucht und allenthalben gefunden, daß die
+unbestimmte Sehnsucht der Völker zum Bewußtsein der eigentlichen Zwecke des
+Erdenlebens und der rechten Mittel für Erfüllung dieser Zwecke sich
+steigert."</p>
+<p>"Ich habe auch gefunden, daß in der Entwicklung der Völker eine gewisse
+Gesetzmäßigkeit liegt und aus all diesem den herzerfreuenden Schluß
+gezogen, die Morgendämmerung der großen Zukunft sei angebrochen, die vielen
+Culte der Völker wichen dem einzigen Culte des reinen Menschenthumes und
+die Zeit schärfe die Schwerdter des letzten, furchtbaren Krieges, in
+welchem die unterdrückte Mehrzahl die bisher triumphirende Minderheit
+unterjochen oder vernichten wird."</p>
+<p>"Seit 300 Jahren wurde der Kampf der Freiheit gegen die Lügen der
+Weltgeschichte ernsthafter und immer ernsthafter. Aus den Flammen der
+Bastille zuckten die ersten Strahlen des Maimorgens der Menschheit in das
+gegenwärtige Jahrhundert herüber. Große Resultate sind im Gebiete des
+Wissens und Lebens erzielt worden, die Ironie des Schicksals verurtheilte
+immer zahlreicher die bewußten Feinde des reinen Menschenthumes wider ihren
+Willen, gleichviel ob durch zagendes Nachgeben und Ansichselbstverzweifeln
+oder durch trotziges Weiterkämpfen und angstvolles Verbarrikadiren, den
+Völkern die Augen zu öffnen und im Interesse der großen Zukunft zu wirken.</p>
+<p>"Am Ende dieses Jahrhunderts wird das seitherige Geplänkel zur offenen,
+blutigen Feldschlacht sich entfalten und mag tausendstimmiger Kanonendonner
+auch noch in ein anderes Jahrtausend hinüberdröhnen, mag in der
+Neujahrsnacht des Jahres 2000 der Mond ganze Hügel von Gebeinen sehen und
+sein trübes Bild in einem Blutmeer baden, was ist dies im Vergleiche zu den
+ewigen Segnungen, welche der endliche Sieg der unendlichen Menschheit, den
+zahllosen Millionen der Zukunft bringen wird?</p>
+<p>"Wie in der Bibel gejubelt wird: Saul hat Tausende erschlagen, David aber
+Zehntausende, so werden unsere Enkel im künftigen Jahrtausend jubeln: Die
+Feinde der Menschheit haben Millionen Dulder und Kämpfer des reinen
+Menschenthums erwürgt, die Helden desselben dagegen haben den <I>alten
+Menschen überhaupt</I> erwürgt und den Muth besessen, auf den Schädelbergen
+vernichteter Feinde und gefallener Brüder die Fahne der ewigen,
+unbedingten, schrankenlosen Freiheit aufzurichten! Alle politischen und
+religiösen Partheien arbeiten dem nächsten großen Ziele: <I>der permanenten
+Revolution</I> in die Hände; je blinder sie sich befehden und je schroffer sie
+sich gegenüberstehen, desto freudiger und hoffnungsvoller schlägt mein
+Herz!"</p>
+<p>"Laßt die gegenwärtigen Machthaber nur das Volk aussaugen und mißhandeln,
+jeden Schein von Freiheit todesfeindlich bekämpfen, ihre Armeeen von Jahr
+zu Jahr vermehren, möglichst viele Proletarier in zweifarbige Röcklein
+stecken und in die heillose Regiererei hineinschauen, die Pfaffen sollen
+das Tedeum dazu plärren und der Pabst den Hokuspokus darüber sprechen&mdash;im
+Hintergrunde steht lachend die Revolution und wartet, schweigt und duldet,
+doch täglich vermehrt sich ihr Heer und wenn die Zeit gekommen, dann
+entfaltet sie ihr blutigrothes Riesenbanner und hält donnernd Gericht über
+alle Henkersknechte der Völker!"&mdash;</p>
+<p>"Wenn der Bauer nur noch Heu und der Arbeiter nur noch Hobelspäne zu
+fressen hat und wenn man die liederlichen Bourgeois sammt ihren
+Bücherwürmern in ihrem Treiben belästiget, dann werden die Erstern
+gescheidt, die Letztern vollends blind und alle Drei treten einig als
+Rekruten in die Reihen der Armee der großen Zukunft!"</p>
+<p>"Diese Armee, Brüder, ist keine Täuschung, kein Wahn, die große Zukunft hat
+längst ihre Männer, Helden und Märtyrer&mdash;wir selbst gehören dazu, wir Alle,
+wie wir da sitzen, sind Soldaten und Veteranen der permanenten Revolution,
+obwohl Ihr als unstudirte Leute wohl noch nie bedacht habt, was eigentlich
+in Euch steckt."</p>
+<p>"Ich, der Spaniol, will es Euch sagen, Ihr werdet es niemals wieder
+vergessen, es soll Euch ermuthigen zu furchtloser, männlicher That und
+Euern Brüdern sollt Ihr es verkündigen!"</p>
+<p>"Sind wir nicht gefangen?&mdash;Gewiß!&mdash;Weßhalb?&mdash;Weil jeder Bewohner dieses
+Hauses im Verdachte steht, die bestehenden Gesetze in dieser oder jener
+Weise übertreten zu haben!&mdash;Wer hat diese Gesetze fabrizirt? Das Volk etwa?
+<U>Jamais</U>, nur ein paar Dutzend Bourgeois, welche zum Zeitvertreib dem armen
+Volke Sand in die Augen streuen helfen. Unsere Gesetze stammen von Gewalt
+und Betrug!&mdash;Was ist ihr Zweck?&mdash;Aufrechthaltung der grundverderbten
+bestehenden Zustände. Warum sind diese Zustände grundverderbt?&mdash;Weil sie in
+der Dummheit der ungeheuern Mehrzahl wurzeln, die allseitige Unterdrückung
+derselben beabsichtigen und einer sehr kleinen Minderheit auf Unkosten
+aller Uebrigen fortwährend den Himmel auf Erden bereiten sollen."</p>
+<p>"Jeder, der in irgend einer Weise die gesellschaftlichen Zustände angreift,
+zu verwirren und zu zerstören strebt, ist ein Feind des Bestehenden, ein
+thatsächlicher Revolutionär, in den Augen der Nutznießer der gegenwärtigen
+Unordnung aller Dinge, ein schlechter Kerl, unruhiger Kopf oder ein
+strafwürdiger Verbrecher, in meinen und meiner Brüder Augen dagegen ein
+bewußtloser oder bewußter Streiter, Märtyrer und Held der großen Zukunft,
+der nicht blos für sich handelt, sondern zugleich für die Idee des reinen,
+freien, vollen Menschenthums, für das Menschengeschlecht überhaupt!"</p>
+<p>"Wenn die Interessen des Einzelnen mit den Interessen Aller im rechten
+Einklange ständen, wie Solches im Reiche des reinen Menschenthumes wirklich
+der Fall ist, wüßte man nichts mehr von Verbrechen, weder von gemeinen noch
+von politischen, man wüßte nichts von Fürsten, Soldaten, Polizeidienern,
+Juristen, Gesetzen, Privilegien und Gefängnissen und eine Revolution wäre
+unmöglich, weil kein Grund für sie vorhanden läge."</p>
+<p>"Das Paradies, das goldene Zeitalter, diese tiefsinnigen Wiegenträume der
+Religionen aller Völker, würde auf Erden herrschen und eine neue Erde eine
+andere bessere Menschheit beglücken, welche lebt, um zu leben und so spät
+als möglich, gesättigt von holden Genüssen den Einzelnen dem Todesschlafe
+übergibt."</p>
+<p>"Ihr verwundert Euch, Ihr staunt, Euer tiefes Stillschweigen ist beredt,
+aber ich spreche meine volle innige Ueberzeugung aus und glaube so fest an
+die große Zukunft, als ein Ultramontaner an den Papst, ein Mucker an seine
+himmlische Erleuchtung, ein Sehender an Farben!"</p>
+<p>"Der Spaniol schwieg erschöpft still und ging heftig zwischen dem Ofen und
+Nachtstuhl hin und wieder, das Beifallgeklatsche und die Lobsprüche einiger
+Mitgefangenen schmeichelten ihm gewaltig, er empfand Etwas von jener
+Seligkeit sogar, welche das Bewußtsein gewährt, eine gute That vollbracht
+zu haben.</p>
+<p>"S'ist doch ein Elend, wenn man so dumm ist, wie unser Eins und auch gar
+nicht weiß, wozu man in der Welt da ist!" seufzt der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Nun, der Spaniol hat schier jeden Tag eine Rede gehalten, seitdem er bei
+uns ist; du könntest ihn alsgemach so gut wie ich verstehen, wenn du kein
+dummer Schwarzwälder und einfältiger Roßbube wärest!" bemerkt Martin, der
+Schlosserlehrling.</p>
+<p>"Der Spaniol ist eben ein G'studirter, der alle Schulen durchgemacht und
+alle Bücher verlesen hat, aber ich, was bin ich? Wer hat mich etwas lernen
+lassen? Du, Martin, hast gut reden, bist ein Wirthssohn, der brave Eltern
+hat, hast eine Stadtschule, Sonntagsschule, Gewerbsschule und weiß Gott was
+besuchen und mit gescheidten Leuten umgehen dürfen. Bei mir ist dies
+anders, ich bin in meinem Leben noch wenig in die Stadt gekommen und zudem
+jünger als du, denn du hast dein Schlosserhandwerk ja bis Ostern ausgelernt
+und wirst freigesprochen!" entschuldigte sich der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Wenn der Spaniol kein Narr ist (und das ist er nicht), so muß man ihn
+Musje Genie taufen! ... Nur Schade, daß ein solcher Mann auch den Husten
+bekommt und von den Flöhen gebissen wird wie Andere! ... Er hätte wohl bis
+Morgen an seiner Volksrede fortgemacht, denn wenn er einmal anfängt, hört
+er nicht mehr auf und wir spüren weder Flöhe, Wanzen noch Schlaf!"</p>
+<p>"Meine Reden wirken Wunder, wie Orpheus Leier, sie bändigen Bestien und
+machen Bileams Esel gesprächig; ich habe das in Algier, Frankreich, Genf,
+Lausanne, Biel und hier erlebt! versicherte der Spaniol ernsthaft."</p>
+<p>"Viel hab' ich nicht von der heutigen Rede verstanden, sie war mir wieder
+zu hoch, aber schön ist sie gewesen, das muß ich unserm Zimmercommandanten
+lassen!" sagt der alte Paul.</p>
+<p>"Verstanden? Nicht verstanden? O ihr dummen Gojims! Du wirst doch wohl
+verstehn, daß Beschummle ist keine Sünde und unverlorne Sache finden, kein
+Verbrechen? Auf Deutsch: Betrügen ist eine Tugend und lange Finger sind ein
+Verdienst, weil der Mensch nicht nur für sich, sondern auch für die
+Menschheit betrügt und stiehlt, indem dadurch die ehrliche, volksfeindliche
+Mehrzahl beschädiget und für die große Zukunft gearbeitet wird!" belehrt
+der Mauschel den Paule.</p>
+<p>"Es geht doch nichts über einen Juden, der dümmste ist gescheidter als zehn
+Christen!" lacht der Spaniol.</p>
+<p>"Wenn man in der "großen Zukunft" sich mit Jeder einen Spaß machen darf,
+die Einem gefällt, dann gehöre ich der reinen Menschenzunft des Spaniolen
+mit Leib und Seele an!" versichert das Affengesicht.</p>
+<p>"Was hat der Spaniol von Zukunft oder Kuhzunft oder Vernunft und Recht,
+Polizeistaat und Budget geredet?" gähnt das schlaftrunkene Murmelthier.
+Alle lachen laut auf, der Stoffel will schier ersticken, der Indianer aber
+schreit:</p>
+<p>"Spaniol, das Murmelthier ist ein Politischer, ein Wunderthier, ein
+Invalide der großen Armee, von der du gesprochen; seine Frage ist einer
+neuen Rede werth, hast du keine mehr im Sack?"</p>
+<p>"Scherz bei Seite, Indianer, ich habe noch etwas Wichtiges vergessen. Soll
+ich es jetzt oder morgen nachholen? Es dauert nicht lange!" läßt sich der
+redselige Spaniol vernehmen.</p>
+<p>"Jetzt!&mdash;Gleich!&mdash;Wir hören!&mdash;<U>En avant!</U>&mdash;Stille!" schreien die
+Gefangenen, der Spaniol räuspert sich wiederum und spricht nach kurzem
+Besinnen:</p>
+<p>"Vor Allem verwahre ich mich dagegen, daß unser Murmelthier etwas Besseres
+oder Schlechteres sei als wir, weil er im Verdachte steht, kein gemeines,
+sondern ein politisches Vergehen begangen zu haben. Das Reich des reinen
+Menschenthums kennt gar keine Verbrechen, die Vernunft des reinen
+Menschenthumes macht keinen wesentlichen Unterschied zwischen gemeinen und
+politischen Verbrechern. Ein politischer Verbrecher greift das
+Staatsoberhaupt oder den Staat als Ganzes an, der gemeine dagegen einzelne
+Mitglieder des Staates und damit ebenfalls den Staat und beide Arten von
+Verbrechern kämpfen für Eine große Sache lediglich auf verschiedene
+Weisen."</p>
+<p>"Was sehr Viele thun, gilt als kein Verbrechen mehr, ist allgemeine
+Gewohnheit, wird Sitte, Gesetz und weil sehr Viele den Muth besitzen,
+politische Körper zerstören zu helfen, dagegen verhältnißmäßig Wenige den
+Muth, auf eigene Faust die Menschheit an einzelnen Mitgliedern des
+verkehrten Staatswesens zu rächen, lassen sich die kleinen Unterschiede
+zwischen politischen und gemeinen Verbrechern nur so lange halten, bis die
+Vielen in den Wenigen ihre gleichberechtigten Brüder erkennen und die
+Verdoppelung der Waffen im Kampfe gegen den alten Staat und die alte
+Menschheit als Notwendigkeit erkennen.</p>
+<p>Bisher hat der Staat gemeine Verbrechen gegen Einzelne begangen und dieses
+Verfahren Gesetzmäßigkeit getauft, im Wachsen der revolutionären Bewegung
+werden die Einzelnen gemeine Verbrechen gegen den Staat begehen, gemeine
+Verbrecher bei Ausübung ihrer Thaten die politische Farbe des
+Anzugreifenden mehr und mehr berücksichtigen."</p>
+<p>"Gerade weil erkannt werden wird, der Staat oder die politischen Gegner
+seien in Einzelnen ihrer Anhänger auch angegriffen, wird ein
+constitutioneller Spitzbube keinen liberalen Bourgeois bestehlen, ein
+demokratischer Straßenräuber vor Allem Leib, Leben und Eigenthum der
+Aristokraten beschädigen und mit jeder für ihn vortheilhaften Unternehmung
+zugleich der aristokratischen Parthei einen Schlag zu versetzen suchen!"</p>
+<p>"Derartige Erscheinungen sind die Morgenstrahlen der großen Zukunft!"</p>
+<p>"Ihr werdet nun einsehen, daß kein Bewohner dieses Hauses schlechter sei
+als unser dicker Trompeter, dieser ist nicht besser als wir, sondern uns
+Allen gleich."</p>
+<p>"Ein Betrüger, welcher unter der Firma des Gesetzes seine Geschäftchen
+macht, das Gebildetere vor Allem verstehen, ein Wilderer, der nichts davon
+weiß, daß wilde Thiere Zettel auf die Welt bringen, auf denen der Name
+ihres Eigentümers steht, ein Falschmünzer, welcher nicht absieht, weßhalb
+nur die Reichsten Geld schlagen dürfen, diese Leute bilden bis zur Stunde
+die Mittler zwischen politischen und gemeinen Verbrechern."</p>
+<p>"Gemeine Verbrecher, welch unsinniger Ausdruck! ... Hieße man sie
+<I>Privatverbrecher</I>, dann wäre der Ausdruck sachgemäßer, obwohl noch immer
+unsinnig, weil es keine Privatmenschen gibt, welche nicht auch zugleich
+Staatsmenschen wären. Jeder lebt und handelt im Allgemeinen und für oder
+gegen den Vortheil des Allgemeinen, wenn er sich auch lediglich um seine
+eigene Person bekümmert."</p>
+<p>"Die Verbrecher aller Zeiten und Arten bildeten die unverwüstliche Armee
+der großen Zukunft, sind Streiter, Helden und bisher meist die Märtyrer der
+geknechteten Menschheit."</p>
+<p>"Wer in Noth geräth, fordert sein Ureigenthum zurück und begeht gegenwärtig
+Verbrechen gegen das Eigenthum. Wer von einem andern angegriffen und in
+seinen heiligsten Rechten gekränkt wird, weist den Angriff ab, so gut er
+kann und spazirt wegen Mord, Todtschlag und dergleichen Früchten der
+elenden gesellschaftlichen Zustände ins Zuchthaus. Wer sein Grundrecht als
+Gattungsmensch etwa so gerne ausübt, wie unser Affengesicht, kann wegen
+Nothzucht ins Unglück hinein gerathen. Wer kein Geld hat, um ein Feuerwerk
+abbrennen zu sehen, zündet seine Hütte oder die eines Andern an und erhält
+die schreckliche Strafe eines Brandstifters oder Mordbrenners!"&mdash;</p>
+<p>"Brüder, das Herz blutet mir, wenn ich die zahllosen Opfer bedenke, die
+jährlich für Aufrechthalten der Knechtschaft des Volkes leiden und bluten
+müssen, aber das Herz hüpft mir vor Wonne, wenn ich sehe, wie alle Gesetze
+und alle Strenge die Armee der großen Zukunft eher reicher an Rekruten, als
+ärmer an Soldaten gemacht haben und täglich mehr machen."</p>
+<p>"Sie führt einen tausendjährigen Krieg gegen Unordnung und Verkehrtheit
+unserer Zustände, der Friede auf Erden ist bisher stets ein Scheinfriede
+gewesen, niemals haben die Unterdrückten aufgehört gegen ihre Unterdrücker
+zu kämpfen und wie unverwüstlich, wie wunderbar ist diese Armee!"</p>
+<p>"Sie ist überall und nirgends, jeder einzelne Soldat schleudert der
+verderbten Gesellschaft seine Kriegserklärung entgegen, kämpft auf eigene
+Faust oder mit wenigen Andern; gegen jeden Einzelnen muß die Gesellschaft
+einen langweiligen, formenreichen, kostspieligen Krieg mit Feder und Stock,
+Gefängniß und Schwerdt führen! Die Streiter der großen Zukunft beschädigten
+und zerfleischten bisher oft genug sich selbst, wurden für lange Zeit oder
+für immer entwaffnet und dennoch wächst ihre Zahl, als ob aus jedem
+Blutstropfen eines Gerichteten ein neuer Streiter erstünde!"</p>
+<p>"In diesem Hause leben durchschnittlich 30 Gefangene, jede Woche gehen
+mehrere ab und zu, gar Mancher setzt den Krieg gegen die Gesellschaft auf
+erlaubte oder unerlaubte Weise fort und so ist dieses Haus für diese Gegend
+die Kaserne und das Werbdepot der großen Zukunft."</p>
+<p>"Im kleinen Baden gibt es über 60 solcher Häuser, die großen Kasernen,
+nämlich die Strafanstalten, ungerechnet. In einer Strafanstalt mögen einige
+Hunderte Tag für Tag sitzen, Tag für Tag gehen Leute ab und zu und im
+Ganzen mag die Zahl der stehenden und rührigen Heeresabtheilung, welche
+dieses Ländchen der Armee der großen Zukunft liefert, wohl einige Tausende
+betragen, abgerechnet jene zahlreichen Streiter, welche die Gesellschaft
+mit nicht strafbaren Waffen angreifen."</p>
+<p>"Wie bei uns, also ist's überall und große Länder, wie Preußen,
+Oesterreich, Frankreich, England und Rußland mögen wohl Tag für Tag eine
+ansehnliche Armee von 20,000 bis 100,000 Mann in Gefängnissen beherbergen
+und mit einer noch zahlreichern im unaufhörlichen, ermüdenden Kampfe sein!"</p>
+<p>"Die Gesellschaft bietet die Arbeit vieler Menschen und ungeheure Summen
+zum Kampfe gegen die Verbrecher auf, zu einem ruhelosen und sieglosen
+Kampfe; was viele Staatsmänner im Straf- und Gefängnißwesen leisteten, hat
+bisher beim Volke noch wenig Anerkennung gefunden, es hat nur den
+Milderungen grausamer Gesetze und Verbesserungen der Lage der Gefangenen
+Beifall genickt, gleichsam als ob es fühle, der Krieg gegen Verbrecher sei
+ein Krieg gegen das Volk!"&mdash;</p>
+<p>"Nur zwei Mittel gibt es, welche die Armee der großen Zukunft sichtbar
+schwächten, entnervten und verminderten: <I>Vernichtung oder Verdummung der
+Verbrecher</I>. Vernichten ist ein gewagtes Mittel und widerspricht dem Geiste
+des Jahrhunderts, Verdummung der Verbrecher, so daß dieselben für die alte
+Gesellschaft und deren Religion geködert werden, findet nur in
+Zellengefängnissen statt, doch glücklicherweise blind gegen den eigenen
+Vortheil erheben sich tausend gewichtige Stimmen und hundert schwere
+Anklagen gegen diese Strafart und wo sie noch aufkam, wurden Mißgriffe und
+Fehler der Vollstrecker sichtbar, die einsame Haft verpfuscht oder das Kind
+mit dem Bade ausgeschüttet!"&mdash;</p>
+<p>"Denkt, daß von tausend Millionen Bewohnern dieser runden Maschine, welche
+Keinem und Jedem angehört, nur fünf Millionen in dieser Stunde mit uns
+durch Kerkergitter zum dunkeln Nachthimmel emporschauen und ihren Drängern
+fluchen oder im Kampfe mit der alten Gesellschaft begriffen sind und nun
+frage ich Euch, Brüder: Muß Einem das Herz nicht höher schlagen, wenn er
+dieser zerstreuten, aber furchtbaren Armee angehört? ... Muß nicht ewiger,
+unversöhnlicher Haß die Brust eines freien Mannes erfüllen beim Anblicke
+der zahllosen Opfer, welche täglich und zwar seit Jahrtausenden täglich dem
+Götzen Gesetz und dem großen Betrüger Wahn geopfert und geschlachtet
+werden? ... Thränen, Seufzer, Weheklagen und Blutbäche unterdrückter
+Millionen schreien vergeblich zum Himmel um Gerechtigkeit gegen eine
+Handvoll schlauer Unterdrücker, es gibt bisher noch keine Gerechtigkeit auf
+Erden, aber es soll und wird und muß Eine geben und ihr Spruch heißt: Tod
+den Unterdrückern, die noch leben, Haß und Fluch denen, die mit ihren
+Opfern Staub geworden!&mdash;Wäre Gott kein leerer Name und der Himmel kein
+Mährchen schlauer Bonzen, welche denselben von der Erde hinwegdekretirten,
+so müßte Gott ein Aristokrat und Tyrann erster Größe und sein Himmel nicht
+für das Volk eingerichtet sein, deßhalb Haß und Hohn Gott und Himmel!"&mdash;</p>
+<p>"Brüder, Ihr hört, daß ich mich in Begeiferung hineinredete. Was ich in
+solchen Stunden schon oft gethan, thue ich jetzt wiederum und Ihr, meine
+Leidensgefährten, ihr verkannten und mißhandelten Söhne des Volkes, Ihr
+werdet meinem Beispiele folgen, und mit mir schwören, feierlich schwören
+heißen, unversöhnlichen Haß aller&mdash;."</p>
+<p>Der Einäugige lacht in diesem Augenblicke unbändig auf.</p>
+<p>"Weßhalb lachen, Du altes Märzenkalb?" fragt der Zuckerhannes mit einer
+Stimme, welche verräth, daß er vor Rührung dem Weinen sehr nahe gestanden.</p>
+<p>"Ho s' ist auch zum Lachen!" brummt der Indianer und lacht dann ebenfalls.</p>
+<p>"Die Millionenkränk sollst Du kriegen, Spaniol!" schreit der alte Paul und
+lacht von ganzem Herzen, der Indianer folgt dem Beispiele desselben.</p>
+<p>"<U>Mon Dieu</U>, was ist denn zu lachen? ... Hat der Schlosser wiederum einen
+Streich gemacht? ... Bin ich Schuld? Ich wüßte nicht!" sagt der Spaniol
+kleinlaut und ärgerlich.</p>
+<p>"Ja, Du bist Schuld mit Deiner Fopperei! ... Wie kann denn Einer einen Eid
+ablegen, der weder an Gott noch an den Teufel glaubt? ... Meinst Du, wir
+seien so vernagelt, um schon wieder vergessen zu haben, wie oft Du sagtest,
+jeder Eid sei ein Unsinn, weil es keine ewige Strafe und keine Hölle gebe?
+&mdash;Was soll denn Einen vom Meineid abhalten, wenn der Meineid ihm Vortheil
+bringt und keine Strafe weder da noch dort?" fragt der Indianer.</p>
+<p>"Ich glaube an keinen andern Gott als an die Menschheit, welche durch ihr
+Denken die Gottesbegriffe ja erst allmählig hervorbrachte und finde Himmel
+oder Hölle allein in der Brust der Menschen. Doch schwören kann ich so gut
+als ein Anderer, blos daß ich statt bei Gott bei meiner Ehre schwöre!" ruft
+der Spaniol unwillig.</p>
+<p>"Mußt zuerst beweisen, daß Du Ehre im Leib hast!" schreit der Stoffel.</p>
+<p>"Jedenfalls mehr als Du, einäugiger Spitzbube!" erwiedert der empörte
+Zimmerkommandant.</p>
+<p>"So? Spitzbube? Kurz vorher war ich doch ein Streiter der großen Kuhzunft,
+hast noch gestern gesagt, ich verdiente "General der Menschheit" zu heißen
+und mit einer großen Pension bedacht zu werden! ... Die Ehre haben sie mir
+freilich genommen, es war auch nie viel daran, was thut ein armer Teufel
+mit Ehren? Ein Stück Brod ist mir lieber, als ein Compliment oder die
+Schererei, Kammerherrn machen zu helfen. Aber Ehre hat der Stoffel doch, er
+hat noch in Allem Wort gehalten und Wahrheit geredet außer vor Amt, wo man
+nach deiner Lehre ja lügen soll, daß sich die Balken biegen!" ereifert sich
+der Einäugige.</p>
+<p>"Mir hat es jedesmal Grauen gemacht, wenn der Spaniol sagte, es gäbe weder
+Gott noch Teufel, weder Himmel noch Hölle. Bisweilen zweifelte ich auch,
+aber so oft ich an den Bruder Bernhardus denke, haben meine Zweifel ein
+Ende. Freilich weiß ich nicht, weßhalb es mir 70 Jahre schlecht und nur 20
+recht gut gehen soll, aber ich habe in meinem langen Leben doch auch viele
+gute Stunden gehabt und immer gesehen, daß fromme Leute gutherziger sind
+als unfromme und wenn es mir nach 1852 in einem fort schlecht gehen sollte,
+bin ich doch 70 Jahre daran gewöhnt und hoffe, daß es mir im Himmel besser
+gehe und zwar nicht 90 Jahre, sondern die ganze Ewigkeit hindurch!" läßt
+sich der Paule vernehmen.</p>
+<p>"Himmel, Ewigkeit, dummes Waldbrudergeschwätz!" brummt der Spaniol.</p>
+<p>"Ei, wenn es keinen Gott und keinen Himmel gäbe, so würde der Glaube daran
+doch mehr nützen als schaden. Der Gedanke, im Himmel gebe es Vergeltung,
+ist für alle Armen und Unterdrückten trostreich und die Hoffnung auf ein
+besseres Leben im Jenseits bleibt freudenreich für alle Leidenden. Gäbe es
+auch keinen himmlischen Vater, der's mit Königen und Zuchthäuslern gleich
+gut meint und fiele die Hoffnung auf den Himmel nach dem Tode auch ins
+Wasser, so hat man doch tröstliche Gedanken und freudevolle Hoffnungen auf
+Erden gehabt, welche Einem manches Bittere versüßten!" eifert der Indianer.</p>
+<p>"Ja und was nach dem Tode kommt, weiß eben doch kein Mensch ganz bestimmt.
+Ich habe noch nie viel darüber nachgedacht, am Spaniolen und Andern
+herausgekriegt, daß dieselben behaupten, es gebe keinen Gott und Himmel und
+die Seele sei nach dem Tode ein ausgelöschtes Lichtlein, aber wo sind die
+Beweise?" bemerkt das Affengesicht.</p>
+<p>"Beweise mir, daß ein Gott sei, ich beweise Dir alsdann, daß keiner sei und
+wir stehen wieder&mdash;."</p>
+<p>"Als Ochsen am Berge!" unterbricht der Zuckerhannes den Spaniolen.</p>
+<p>"Der Spaniol kann Gott läugnen, so lange er mag, ich läugne Ihn nicht. Ein
+Gott muß doch sein, der Mensch ist nicht das höchste Wesen, wie der da
+meint. Ein sauberer Gott, der in Spitälern und Kerkern herumliegt und vom
+nächsten besten Wolf gefressen werden kann. Ein vom Berge rollender Stein,
+der Sturz eines unvernünftigen Baumstammes, der Schlag eines Mitgottes
+macht der Gottheit des Menschen ein Ende. Nein, das ist nichts!&mdash;Es gibt
+einen Gott, der alte Paul hat Recht und ich kenne viele, viele Geschichten,
+wo die Menschen gerade das leiden und thun mußten, was sie nicht leiden und
+thun wollten und ihnen von Andern gar nicht oder doch nicht wissentlich
+angethan wurde!" predigt der Indianer.</p>
+<p>"Mein Gott, wie oft habe ichs erlebt, daß Kameraden, welche in der Kaserne
+und im Lager über Gott und Ewigkeit spotteten, ärger als das älteste Weib
+beteten, wenn es in die Schlacht ging und die Kanonenkugeln zu brummen
+anfingen! ... Fast nur Einen hab' ich gesehen, der auch in der Schlacht
+der Alte blieb. Es war ein Pariser, ein Schneider, der immer von einem
+Musje Baboeuf als dem <I>französischen Christus</I> redete. In Spanien traf den
+"schönen Jean" wie er bei unserer Kompagnie hieß, kein Kügelchen und nach
+jedem Gefechte kam er zu mir her und sagte. "Gelt, deutsches Vieh, ich habe
+doch nicht gebetet? ... In der grausamen Schlacht bei Borodino in Rußland
+aber stand unser Bataillon auf dem linken Flügel, wir mußten ein Quarré
+formiren, weil ein Regiment russischer Kuirassiere gegen uns herdonnerte,
+um die Kanonen zu nehmen, von denen außer uns alle Kanonire und Bedeckung
+weggelaufen waren. Der schöne Jean stand dicht neben mir, zitterte diesmal
+und wie ich ihm ins Gesicht schiele, sehe ich, daß er todtenbleich ist und
+mit den Zähnen klappert."</p>
+<p>"Was ist's, Jean, ich meine schier, das Beten wolle Dir kommen? frage ich,
+aber der Jean gibt keine Antwort und wie die Russen, lauter leibhaftige, in
+Stahl und Eisen gepanzerte Riesen sich nähern, betet der Jean laut aus
+allen Kräften und will mein Seel mitten im dritten Glied auf die Knie
+fallen, so daß der Sergeant ihm fluchend den Gewehrkolben in den Rücken
+stößt. Wir bekamen keine Zeit mehr uns zu amüsiren, die Russen wurden
+zurückgeworfen, weil unsere Cavallerie auch nicht faul blieb, aber wie wir
+ein bischen abgelößt wurden und ausruhten, unsere Verlornen musterten,
+richtig, da fehlt der schöne Jean. Ich habe ihn in meinem Leben nicht mehr
+gesehen, der Ort, wo mein Bataillon im Feuer gestanden, war von den Pferden
+so zugerichtet, daß die Gefallenen wie in den Boden hinein zerstampft
+dalagen!"&mdash;erzählt der alte Paul.</p>
+<p>"Aber die große Zukunft mit ihrer Armee ist eben doch etwas Schönes und
+keine leere Erfindung der Gelehrten!" fällt der Stoffel ein.</p>
+<p>"Allerdings, wenn das Fressen, Saufen, Spielen, Lieben und Schlafen das
+einzige und größte Glück des Menschen ist. Aber der Appetit verschwindet,
+der Katzenjammer kommt, man langweilt sich bei Würfeln und Weibern am Ende
+doch auch und den Schlaf nimmt Einem Niemand."&mdash;</p>
+<p>"Außer Wanzen, Flöhen, Schnarchern, Sorgen!" unterbricht der
+Schlosserlehrling den Indianer.</p>
+<p>"Was mich betrifft, so weiß ich nicht recht, was das Geschrei von
+Aristokraten, Liberalen, Radikalen, Ultramontanen und dergleichen bedeuten
+soll, ich verstehe es nicht mehr, denn die Welt ist anders geworden, als
+sie zu meiner Zeit war. Daß aber auch ein Kaiser, König, Herzog und
+Millionär schwere Sorgen haben und recht unglücklich sein kann, obgleich er
+die köstlichsten Speisen und Weine hat, mit Dukatenrollen spielt, wie ein
+Kind mit Bohnen und nur den Finger auszustrecken braucht, um ein Dutzend
+der schönsten Fräuleins daran hängen zu haben, das Alles weiß ich aus
+meiner Erfahrung."</p>
+<p>"Denkt nur an den Napoleon, den ich so viele hundertmal gesehen und auch
+oft reden gehört habe, wie ist's <I>Dem</I> ergangen? Am Ende schlimmer als mir,
+weil er nie an's Elend gewöhnt war! ... Von all' den Millionen Menschen,
+welche ihm zujubelten, blieb ihm am Ende kaum ein Dutzend treu und hat er
+denn schlechtere Sachen gemacht, als Andere, die ich vor ihm gar oft
+herumwedeln und betteln sah? ... Mein Gott, der Mensch ist nun einmal zum
+Elend da und der Spaniol wird so wenig daran ändern, als ich!" meint der
+Paul.</p>
+<p>"Oh alte Krähe, Du begreifst eben die heutige Geisterbewegung nicht und
+hast eigentlich nie gewußt, weßhalb Du auf der Welt bist. Wohl weiß ich's,
+daß ich meine Perlen den Säuen hier vorwerfe, denn in Einen Augenblick seid
+Ihr wie umgekehrte Handschuhe, aber ich halte Reden, damit ich nicht aus
+der Uebung komme und morgen wird Eine über die "Bornirtheit des heutigen
+Volkes" gehalten!" ruft der Spaniol etwas stark verstimmt.</p>
+<p>"Erzähle Du wieder eine Geschichte, Indianer, dann wollen wir das Schlafen
+versuchen!" bittet der Zuckerhannes, Andere stimmen bei und der Indianer
+erzählt die bekannte Geschichte des beurlaubten Soldaten, welcher dem
+leiblichen Vater ohne Wissen und Willen die diebische Hand abgehauen hat.</p>
+<p>Ein Soldat geht nach dem Herbstmanöver in die Heimath. Nahe dem Ziele der
+Wanderung überfällt ihn ein heftiges Unwetter, er sucht Schutz dagegen in
+einer Mühle, deren Bewohner ihm sehr bekannt sind. Diese lassen den
+Soldaten nicht mehr fort, zumal es bereits Abend und eine pechschwarze
+Sturmnacht zu erwarten ist, er nimmt die Einladung zum Nachtessen gerne an
+und der verwittwete Müller, der sehr viel zu mahlen hatte und deßhalb bis
+gegen Morgen in der Mühle bleiben will, weist ihm ein Schlafgemach neben
+dem seinigen an. Der Soldat kann keinen Schlaf finden, ist zu müde und
+denkt an sein Elternhaus, wo er nicht viel Angenehmes und Gutes zu erwarten
+hat, weil die Eltern unzufrieden und die Schwestern liederlich dazu leben
+und häufig genug wenig zu beißen und zu nagen haben.</p>
+<p>Ein Geräusch an der Thüre macht ihn aufmerken, er steht auf, überzeugt
+sich, daß ein Dieb herein will und erinnert sich, daß der Müller am Tage
+zuvor vieles Geld eingenommen und ihm das Bett neben dem eigenen
+Schlafgemach angewiesen habe.</p>
+<p>Der Dieb befindet sich offenbar vor der unrechten Thüre, der ebenso kluge
+als muthige Soldat stellt sich mit seinem Säbel hinter dieselbe und wartet,
+bis das Loch, welches der Räuber in die Thüre macht, groß genug ist, um
+eine Hand hereinzustecken und das Schloß von innen ohne besonderes Geräusch
+zu öffnen. Das Loch wird größer und größer, endlich kommt die Hand ganz
+herein, der Soldat packt dieselbe, reißt sie sammt dem Unterarme herein,
+erhebt den Säbel und&mdash;die Hand zuckt blutend am Boden, der Räuber springt
+mit einem Schrei des Schmerzes und Entsetzens davon, der muthige Soldat ihm
+nach, macht Lärm, die Leute kommen herbei, Alles wird durchsucht, das Geld
+ist da, doch der Dieb ist glücklich entronnen.</p>
+<p>Am Morgen in aller Frühe eilt der Soldat heim, die Mutter erschreckt
+gewaltig ob seiner Ankunft, eine furchtbare Ahnung wird zur Gewißheit&mdash;
+der Vater liegt in einem blutigen Bette und der rechte Arm desselben hat
+voreiligen Abschied von dieser Welt genommen.</p>
+<p>Der Soldat hat das Amt des Henkers am eigenen Vater verrichtet, denselben
+auch den Gerichten überliefert und schöne Belohnung angeboten erhalten,
+allein er nahm nichts und hat seit der schauerlichen Nacht nicht wieder
+fröhlich sein können.&mdash;</p>
+<p>Diese Geschichte des Indianers, welcher Ort, Zeit und Personen nannte und
+gekannt haben wollte, macht einen tiefen Eindruck auf alle Mitgefangenen,
+die Einen sehen mit dem Zuckerhannes in ihr ein schreckliches Strafgericht
+Gottes, die Andern bleiben ungläubig, weil sie nicht dabei gewesen, der
+Spaniol sucht auf alle Weisen den wohlthätigen Eindruck der Erzählung zu
+verwischen und bringt den Indianer und den alten Paul richtig zum Schweigen
+durch die Frage:</p>
+<p>"Angenommen, Gott sei gegen den Dieb gerecht gewesen, war derselbe Gott
+nicht sehr ungerecht gegen den Soldaten? Das unerbetene Rächeramt hat
+diesem das Leben verbittert und er war doch sicher schuldlos an der That
+des Vaters? Ein Gott, welcher derartige Komödien im Würtembergischen
+aufführt und nach Laune den Unschuldigen mit dem Schuldigen trifft, was ist
+dies für ein Gott? Wo der leidige Zufall sein Spiel treibt und die Menschen
+sich Etwas nicht zu erklären wissen, muß Gottes Wille, Gottes Finger und
+dergleichen erträumtes Zeug ihren Nothanker abgeben!"</p>
+<p>Den meisten Gefangenen war der Spaniol ein unheimlicher Gast, den sie nicht
+liebten, aber er wußte sie Alle einzuschüchtern, zu gängeln und zu
+beherrschen und wenn sie der Sophistik des Verstandes, welcher bei
+demselben vorherrschte, ihr Herz und ihre Erfahrungen hätten nicht mehr
+oder minder entgegensetzen können, so würde er die Bessern unter ihnen noch
+mehr verschlechtert und mit dem Fanatismus des Unglaubens erfüllt, und in
+ihrem Fühlen und Denken irre gemacht haben.</p>
+<p>Der Einäugige sucht das Gespräch von der Verwerflichkeit des Diebstahls
+abzulenken und weil ihn der Indianer mit seiner Geschichte unangenehm
+berührte, derselbe wegen lebensgefährlicher Verwundung in Untersuchungshaft
+sitzt, so rächt er sich an ihm durch ein kleines Zuchthausgeschichtchen,
+dessen Held vor noch gar nicht langer Zeit gestorben.</p>
+<p>"Ja, ich glaub's, die Geschichte von dem Soldaten ist richtig und steckt in
+ihr ein Lob für mich!" beginnt der graue Dieb und erzählt:</p>
+<p>"Im Zuchthause in F. hatte ich einen Schlafkameraden, der war ein kurioses
+Thier und während sonst die ärgsten Mörder ganz ruhig schlafen und trotz
+dem Dicken neben mir schnarchen, hat dieser in der Nacht die Augendeckel
+niemals lange geschlossen und wer ihm einen großen Gefallen erweisen
+wollte, mußte ihn wecken, wenn er träumte. Er träumte zwar auch mit offenen
+Augen wie die Hasen und war dann still, aber wenn er schlief und träumte,
+dann geberdete sich der Kerl oft wie ein Unsinniger. Warum?</p>
+<p>"Er hat gedient als Knecht im Breisgau drunten bei einer grundreichen
+Wittwe, ist bei derselben gar wohl daran gewesen, denn er war ein starker,
+großer, schöner, ein bildschöner Mensch und ist oft mit Frucht oder Wein
+nach Basel hinaufgefahren. Einmal steht er auf der Brücke zwischen
+Großbasel und Kleinbasel, es soll ein sehr nebelhafter Tag gewesen und der
+Abend schon stark hereingebrochen sein. Neben ihm aber steht ein Kind,
+betrachtet ihn und lächelt ihm freundlich ins Gesicht."</p>
+<p>"Ich bin niemals daraus gekommen, ob der Knecht plötzlich vom Teufel
+besessen wurde oder ob er besondere Ursachen dazu hatte, kurz und gut, das
+freundliche Kind hat ihn mit seinem Anschauen und Anlachen geärgert, er hat
+es ergriffen, auf den Arm gehoben und&mdash;in den tiefen Rhein hinein geworfen
+und zugeschaut, wie es sein Grab in den kalten, grünen Wellen fand!"&mdash;</p>
+<p>"Bald darauf ist er um einer ganz andern Ursache willen für sieben Jahre
+ins Zuchtbaus gekommen, wo ich ihn kennen lernte und so wenig er sich aus
+dem Zuchthause und Dem, was ihn hineingebracht, machte, so arg quälte ihn
+der unbewiesen gebliebene Kindesmord und wäre er nicht im dritten Jahre der
+Gefangenschaft rasch weggestorben, so würde er am Ende den dummen Streich
+gemacht und den Gerichten die Geschichte von Basel angezeigt haben, wie
+sich dieselbe begeben."</p>
+<p>"Tag und Nacht sah er das Kind und behauptete, es schaue bald aus dieser
+bald aus jener Ecke beständig nach ihm und lachte ihn an, daß es ihm durch
+Mark und Bein gehe. Ein Kind mochte er gar nicht sehen, ich glaube, er wäre
+von Herzen gern ein zweiter Herodes geworden. Auf der Schanz und beim
+Essen, in der Kirche und im Schlafsaale sah er bereits immer das lächelnde
+Kind und im Traume kam es ihm vor, als ob es die Aermchen nach ihm
+ausstrecke und mit dem Finger in den Rhein hinunter weise. Gestöhnt,
+geächzt, geflucht und gebrüllt hat er im Schlafe und oft sind während
+desselben mitten im harten Winter große Angsttropfen auf seiner Stirne
+sichtbar geworden, obwohl die Sträflinge in hundskalten Sälen liegen und
+der Teppich ihre leeren, kalten Bäuche fast eingefrieren läßt.</p>
+<p>Als der Kerl in den Krankensaal kam und flugs wegstarb, that er mir recht
+leid, denn so aufbrausend und hitzig er nach Art der Todschläger und
+Rothhaarigen sein konnte und so sehr er auch in der ersten Zeit mit dem
+Gespensterkind langweilte, so hatte ich mich doch an ihn gewöhnt und er hat
+mir gar manchen Schick, manche Fleischportion und andere gute Bissen
+verschafft, denn seine Wittfrau hat ihn nicht verlassen und stets gehofft,
+ihn gesund und ganz wieder zu bekommen. Die Wittfrauen sind eben gute
+Schäflein!"</p>
+<p>Auch die "Geschichte vom lachenden Kinde" fand großen Beifall und selbst
+der Spaniol meinte, er sei zwar gegen die Todesstrafe sehr eingenommen,
+doch diesen Knecht aus dem Breisgau würde er dazu verurtheilt haben, von
+vier Pferden lebendig zerrissen oder durch Herabtröpfeln von Wasser auf den
+geschorenen Schädel nach jahrelanger Marter getödtet zu werden. An diesem
+Subjecte habe sich die ganze Macht des bösen Bewußtseins offenbart.&mdash;</p>
+<p>Bereits hat die "Lumpenglocke" die ehrsamen und nicht ehrsamen Bürger des
+Städtleins von den Wein-, Bier- und Branntweinbänken hinweggezaubert oder
+doch zum Stillschweigen gebracht, keine Fremdengesänge erschallen in die
+Kerker hinein, um diese mit Mißmuth, Trauer und Melancholie zu
+verproviantiren, die Gefangenen ringen mit dem Schlafgotte, würden sich
+gerne von demselben überwältigen lassen, wenn Kummer und Sorgen, Flöhe und
+Wanzen, harte Bretter und unruhige Kameraden kein Veto einlegten.</p>
+<p>Lange hat in der uns bekannten Folterkammer der Spaniol sich noch mit dem
+Zuckerhannes leise unterhalten, das Schelten der übrigen zweibeinigen
+Bewohner brachte sie endlich zum Schweigen und dann vernahm man nichts mehr
+als den ersten Schlag der Stadtuhren, das Brausen des Windes, das Krächzen
+einiger Wetterfahnen in ihren rostigen Angeln, das ferne Rauschen der
+Gewässer, das Klappern einiger Mühlen, den Schrei eines Nachtvogels, den
+eintönigen Gang der Wachen oder den eiligen Schritt eines Nachtschwärmers,
+das Pfeifen und Nagen der Mäuse, ein ohrenzerreißendes Katzenduett, das
+Schnarchen des Murmelthieres, die schweren Athemzüge des Zuckerhannes, die
+tiefen des Einäugigen und den Lärm des Indianers, dessen Traum die
+Gestalten der Geschichten der blutigen Hand und des lachenden Kindes wirr
+durchzogen.</p>
+<p>Die Morgenglocken läuteten dumpf und verstimmt die liebe Langweile eines
+trüben Regentages in den Kerker ein und die Magd des Kerkermeisters meinte
+beim Abholen des Wasserkruges, der Thermometer oder Barometer, wie das Ding
+auf Deutsch heiße, habe ihr schon gestern Abend prophezeit, daß sie heute
+von den Gefangenen wenig freundliche Gesichter bekommen würde.</p>
+<p>Als es hell genug war, gingen der Indianer und der alte Paul wiederum an
+ihre Arbeit, der Schlosserlehrling malte eine abscheuliche Fratze an die
+Wand und behauptete, der Moses sei zum Sprechen ähnlich getroffen, der Sohn
+Israels bekam Händel mit mehrern, die ärgsten mit dem Murmelthiere, welches
+sich auf ein Gespräch über Judenemancipation einließ und behauptete, es
+wäre zehnmal gescheidter das Christenvolk von den Juden als diese vom
+Staate zu emancipiren.</p>
+<p>Um dem Lärme ein Ende zu machen, springt der Einäugige vom Strohsacke auf,
+reibt mit den Fingern den Grundbaß zur "deutschen Marseillaise," welche der
+Indianer zu singen vorschlägt und sofort beginnt:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;Freund, ich bin zufrieden geh' es wie es will,<br />
+&nbsp;&nbsp;Unter diesem Dache leb' ich froh und still u.s.w.</p>
+<p>Allmählig fallen Alle mit gedämpfter Stimme ein, das rothe Liesli im
+Nebenkäfig mit einem thurmhohen Diskant, die Gemüther beruhigen sich und
+nachdem das alte Lied oft genug wiederholt worden, meint der
+Schlosserlehrling:</p>
+<p>"Hört Ihr läuten? Jetzt ist es neun Uhr, meine Mutter kniet im
+Kirchenstuhle und betet für mich! ... Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe,
+wenn ich nur ein einzigesmal wieder das Inwendige einer Kirche sähe und
+einem Gottesdienste beiwohnen könnte!"</p>
+<p>"Mir ist es gerade so, es ist nicht Recht, daß Untersuchungsgefangene nicht
+einmal einen Betsaal haben und allem Gottesdienste entfremdet werden!"
+meint der Paule.</p>
+<p>"Ich ginge auch gerne in die Kirche, wenn mich Niemand sähe!" seufzt der
+Zuckerhannes.</p>
+<p>"Oho, Ihr Betbrüder, warnet nur, bis Ihr Zuchthaussuppen bekommt, dann
+könnt Ihr den Pfaffen am Altare wieder genugsam betrachten!" versichert der
+Einäugige.</p>
+<p>"Mit dem Zuchthaus wirds so geschwind nicht gehen!" meint der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Du kommst jedenfalls noch hinein, ich sehe es Dir an der Nase ab!"
+prophezeit Jener.</p>
+<p>"Wenn ich draußen wäre, würde ich als aufgeklärter Mann an Sonntagen auch
+wieder in die Messe gehen, nämlich in den Adler oder Hirschen in die
+"Eilfuhrmesse," wo mit Tabakspfeifen und Cigarren geräuchert, mit Gläsern
+geklingelt und mit Messern der Segen gegeben wird!" spottet der Indianer.</p>
+<p>"Ja, ja, das Kirchenrennen, das ist eine verfluchte Gewohnheit und steckt
+noch immer viel zu tief im Volke, besonders in den Weibsleuten. Diese
+halten das Handwerk der "Pfaffen" allein noch aufrecht!" ereifert sich der
+Spaniol.</p>
+<p>"Der Spaniol hat doch einen wahren Höllenhaß gegen Alles was Religion
+heißt. Ich bin calvinisch, lutherisch, evangelisch, kurz, ich weiß es
+selbst nicht recht und er ein geborner Katholik, dazu ein Schulmeister, ein
+Studirter, aber so weit wie er möchte ich es nicht treiben. <I>Der</I> wird den
+Zuchthäuslern gefallen!" brummt der alte Soldat in den Bart.</p>
+<p>"Oho, alte Krähe, hab' Dich wohl verstanden!" sagt der Spaniol und fährt
+fort:</p>
+<p>"Ich habe den "Pfaffen" tief in die Karten geguckt, zuerst Ekel vor ihnen
+und allgemach vor ihrem Geschwätz bekommen und weiß weßhalb, ein alter
+Lehrer muß es wissen, wenn er auch keine Grütze im Kopf hat! ... Denkt nur
+auch ein bischen nach und ich frage: Wenn der Gottesdienst eine so
+nothwendige Sache ist, weßhalb braucht man keinen an diesem Orte? ... Wenn
+es den "Pfaffen" wirklicher Ernst mit ihrem Glauben wäre, weshalb leben sie
+nicht darnach und thun offen oder heimlich wie andere Leute auch? ... Sagt
+Christus nicht, man müsse Gefangene besuchen und erlösen und rechnet die
+Kirche das Besuchen der Gefangenen nicht zu den Werken der Barmherzigkeit?
+Einige von Euch sitzen jetzt sieben volle Monate, die Untersuchung ist
+geschlossen, sie erwarten das Urtheil und wann habt Ihr je auch nur Einen
+Schwarzrock hier gesehen? ... Nicht Einer kommt, wenn er nicht bezahlt
+wird, ein Untersuchungsgefangener kann krank werden, sterben und verderben,
+es kräht selten ein geistlicher Hahn darnach, Ihr dürft nur den alten
+Kerkermeister fragen!"</p>
+<p>"Bravo! ... der Spaniol hat Recht! ... Die Schwarzröcke können uns vom
+Leibe bleiben! ... Christus hat Vieles gesagt, woran seine Nachfolger
+niemals oder selten denken!"&mdash;schreien die Gefangenen.</p>
+<p>"Die protestantischen Geistlichen sind hierin besser!" versichert der alte
+Paul.</p>
+<p>"Ist der Rabbiner nicht schon dreimal bei mir gewesen? ... Verläßt er je
+einen gefangenen Israeliten? ... Wo ist Liebe und Treue, bei Euch
+übermüthigen Christen oder bei uns verachteten Juden?" triumphirt der
+Moses.</p>
+<p>"Wahr ist's, überall halten die Juden zusammen wie Pech!" bemerkt der
+Spaniol.</p>
+<p>"Heute ist Schabbes, wollen wir nicht Eins jaunern wie in einer
+Judenschule?["] fragt der Schlosserlehrling, geht mit gutem Beispiel voran,
+Einige folgen nach, Andere lachen und freuen sich über das böse Gesicht des
+armen Moses, der wenig auf seine Religion, dagegen desto mehr auf sein Volk
+hält und dieses verspottet sieht.</p>
+<p>Auch diese rohe, elende Unterhaltung ist bald wieder verbraucht, das
+Affengesicht lärmt noch fort, Andere gähnen und der Indianer meint:</p>
+<p>"Wenn wir nur auch mehr Bücher bekämen, man könnte in der Nähe des Fensters
+doch ein paar Stunden täglich lesen!"</p>
+<p>"Ein Stümpchen Licht wäre besser, wir könnten dann mit Domino, Neunerstein,
+Würfeln und Karten die Zeit todtschlagen!" wünscht das Affengesicht.</p>
+<p>"Man kann Alles bekommen, wenn Amtmann und Kerkermeister es erlauben und
+bringen, aber der Himmel ist hoch und der Rechte in Karlsruhe drunten; mit
+uns macht man, was man will!" klagt der Paul.</p>
+<p>"Habe ich einmal recht Geld, dann will ich mich der verlassenen Gefangenen
+annehmen. Draußen denkt man eben nicht gerne an sie, ich habe es ebenfalls
+so gehabt, allein jetzt weiß ich, was es heißt, ein Gefangener zu sein!"
+sagt der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Ich glaube gar, unser Roßhannes da will verrückt werden. Woher soll denn
+Geld kommen, wenn Du es nicht stiehlst? Reiche Spitzbuben habe ich noch
+keine getroffen, mindestens nicht im Zuchthause!" versichert der Einäugige.</p>
+<p>"Ich bin kein Narr und auch kein Spitzbube, mag keines von Beiden werden,
+aber Geld muß her, Geld regiert die Welt und ich weiß, daß ich noch Geld
+wie Heu bekomme!" lächelt der Zuckerhannes bedeutungsvoll.</p>
+<p>"Ja, wenn Du deinen Kropf bis zum Bauche herab wachsen läßt, Dich dann in
+einen Kasten stellst und dem Publikum um Geld zeigst, dann kannst Du noch
+reich werden!" spottet der Indianer.</p>
+<p>"Unser Zuckerhannes bekommt Geld, viel Geld und vielleicht in kurzer Zeit,
+das ist gewiß!" versichert der Spaniol sehr bestimmt.</p>
+<p>"Hat jemand für ihn in die Lotterie gesetzt? fragt der Schlosserlehrling.</p>
+<p>"Nein, noch nicht, aber ich habe ihm mein Geheimniß anvertraut und er wird
+jetzt in die Lotterie setzen, falls er frei ausgeht. Das ist sein sicherer
+Reichthum Numero Eins. Ferner hat der Spaniol noch ein Plänlein ausgeheckt,
+welches ich zwar nicht kenne, aber er ist der Musje Genie und darin liegt
+des Zuckerhansen Reichthum Numero Zwei. Das halbe Loos wird ihn schon zum
+gemachten Manne machen, er wird noch weiter hineinsetzen und dann fragen
+können, wie theuer der Schwarzwald sei!" versichert der Paul.</p>
+<p>"Ach, Deine Lotterie hat Dir noch nicht einmal einen guten Rock, höchstens
+einen Zuchthauskittel verschafft, der Zuckerhans wird hübsch blau
+anlaufen!" lacht der Indianer.</p>
+<p>"Ich muß arm bleiben bis zum 70. Jahre und vielleicht die andern 20
+hindurch ebenfalls, das ist und bleibt mein Schicksal!" sagt der Paul sehr
+ernst.</p>
+<p>"Werde ich reich, dann nehme ich den alten Paul zu mir. Er hat mir diesen
+Morgen seinen Rücken gezeigt und ich weiß, was ich zu thun habe. Wäre ich
+nur wieder frei!" meint der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Jetzt, da so große Dinge im Werke sind, wundert es mich nicht mehr, daß Du
+mit dem Paule und dem Spaniolen so gar viel Heimliches in der Nacht zu
+wispern hattest!" sagt der Schlosserlehrling zum Zuckerhannes.</p>
+<p>In diesem Augenblicke nähern sich draußen auf dem Gange die Schritte eines
+Mannes, das Schlüsselbund klirrt, die Thüre geht auf und der Kerkermeister
+steht auf der Schwelle:</p>
+<p>"Zuckerhannes, zieht euch an und kommt mit mir!"</p>
+<p>"Haben die zwei gefangenen Freunde, welche sich vorgestern die Zähne in den
+Hals schlugen, das Versöhnungsfest gefeiert, he?" fragt der Spaniol.</p>
+<p>"Hat man den "Schwanenhals" wieder erwischt? He, <I>der</I> ist Euch schön
+durchgebrannt trotz Eurer Vorsicht?" grinst das Affengesicht.</p>
+<p>"Bringen Sie doch dem Juden da zwei Zentner Knoblauch, er riecht dann
+erträglicher!" spottet der Einäugige.</p>
+<p>Der Kerkermeister gibt kurze Antworten, der Zuckerhannes legt Schuhe und
+Wammes an, bespiegelt sich in den blanken Westenknöpfen des
+Zimmercommandanten, fährt mit dem "Gesellschaftskamm" des
+Schlosserlehrlings ein paarmal durch die Haare und trabt alsdann neben dem
+Kerkermeister mit klopfendem Herzen fort.</p>
+<p>Schlau lächelt der Paul, spöttisch der Spaniol, Beide schauen sich an und
+lachen alsdann laut.</p>
+<p>Verhöre hat der Zuckerhannes genug bestanden.</p>
+<p>Stundenlang vor einem Aktentische stehen, eine Menge Fragen beantworten,
+welche die Unschuld empören, die Schuld verzweifeln machen und oft Beide
+verwirren, geliebten, gehaßten oder unbekannten Zeugen gegenüber gestellt
+werden, viele Monden als Gefangener allen Entbehrungen, allen Qualen der
+Ungewißheit, allen zeitlichen Nachtheilen ausgesetzt sein&mdash;dieses sind
+Dinge, welche Jeden, auch den Unschuldigen treffen können, niemals vergütet
+werden und sich großentheils gar nicht beseitigen lassen, so wenig als die
+Pein eines Untersuchungsrichters, der sich gar oft wöchentlich einige
+Stunden mit dummen oder schlechten Leuten herumbalgen muß, bei denen Lügen
+und Läugnen, Rohheit und Unverschämtheit gemeiniglich der Fünftelsaft ihrer
+Tugenden zu sein pflegen.</p>
+<p>Vor der Thüre der Amtsstube schöpft unser Held noch einigemal Athem aus
+tiefster Brust, dann folgt er dem anmeldenden Begleiter.</p>
+<p>Der Verhörrichter, ein braver, kenntnißreicher Herr, der ordentliche
+Gefangene niemals grob behandelte, nutzlos quälte, ihren Prozeß in bequeme
+Länge zog und selbst bedauerte, daß die Sache des Zuckerhannes langsam
+entschieden wurde, steht jetzt am verhängnißvollen Tische, schaut aber dem
+Eintretenden weit freundlicher als sonst entgegen und ruft sogleich:</p>
+<p>"Hans, Ihr seid frei!"</p>
+<p>Frei!&mdash;dieses Wörtlein trifft den Hans wie ein Donnerschlag, der die
+Wetterwolken gewaltig zertheilt und die Sonne hineinblitzen läßt in die
+liebliche Frühlingslandschaft seiner Heimath.</p>
+<p>Frei!&mdash;Er mag es kaum glauben, starrt den Beamten mit halbgeöffnetem
+Munde wortlos an und fährt mit der Hand über die Stirne, um sich zu
+versichern, von keinem Traume geäfft zu werden.</p>
+<p>Das Erkenntniß des Gerichtshofes wird ihm vorgelesen, der Beamte redet
+einige Worte freundlicher Ermahnung und macht eine entlassende
+Handbewegung, Hans ist vor Rührung nicht im Stande zu reden und während er
+dem Kerkermeister wieder hinaus folgt, stürzen Thränen der Freude über
+seine verblichenen Wangen.</p>
+<p>"Habt Ihr Etwas im Arrest liegen lassen?"</p>
+<p>"Nein!"</p>
+<p>"Gut, dann kehren wir nicht dahin zurück; kommt, ich will das Thor
+aufmachen, dann geht Ihr, wohin Ihr wollt!"</p>
+<p>Hans hätte gerne von den Mitgefangenen Abschied genommen, doch besaß er
+nicht den Muth, diesen Wunsch zu äußern, er hatte ja kein Geld bei sich und
+Geldmangel ist im Kerker oft schlimmer, als in der Freiheit.</p>
+<p>Wir wollen damit nichts weiter sagen als daß Alles, was der Hofpont des
+Augustus im heidnischen Rom von der Macht des Reichthumes gesungen, bis zur
+Stunde auch im Kerker gültig sei.</p>
+<p>Ein großer Dichter des Alterthums nennt das Geld die schnödeste aller
+Erfindungen, der größte deutsche Dichter, nämlich Göthe, behauptet, ein
+gesunder Mensch ohne Geld sei halbkrank und wie sehr beide Dichter Recht
+haben, lehrt die alltägliche Erfahrung zur Genüge.</p>
+<p>Unser Held weinte bei seiner Freilassung Freudenthränen. Wäre es ihm
+vergönnt gewesen, einen Blick in seine Zukunft zu werfen, so würde er
+Thränen des Schmerzes, der Trauer und Angst vergossen haben.</p>
+<p>Schon auf dem Wege zum Hofe seines alten Meisters wurde seine Freude durch
+die Wahrnehmung vermindert, daß Niemand dieselbe theile. Er hätte allen
+Leuten, welche ihm begegneten um den Hals fallen und denselben sagen mögen,
+er sei zwar ein armer Tropf und elender Krüppel, jetzt aber doch wiederum
+ein freier und deßhalb glücklicher Mensch. Die Leute gingen gleichgültig an
+ihm vorüber, in den Blicken manches Bekannten las er die alte Verachtung,
+Mehrere redeten ihn zwar an, doch ihre Fragen und Reden schienen nur darauf
+berechnet, ihn zu verwunden und zu kränken. Sie bezweifelten seine
+Schuldlosigkeit und verwunderten sich, "weßhalb er diesmal dem Zuchthause
+entronnen sei!" Aergerlich und verstimmt verließ er das Wirthshaus, in
+welchem er einen Schoppen getrunken, eilte hinter der Stadtmauer des
+Städtleins zwischen den Gärten dem Feldwege zu, der ihn zum Hofe des
+Moosbauern führte, dachte auf dem Wege über Vieles nach, was er von seinen
+Mitgefangenen gehört hatte, ballte zuweilen die Fäuste und lachte dann
+wieder vor sich hin.</p>
+<p>Ein lautes Wiehern schreckt ihn aus dem Gedankensturme auf; er wendet den
+Kopf und erblickt auf einem nahen, abgemähten Kleeacker den Lieblingsgaul,
+seinen Bleß, welcher ihm mit glänzenden Augen und gespitzten Ohren
+zuwiehert und eine Bewegung macht, als ob er dem Kommenden entgegengehen
+wolle. Den Bleß sehen, zu demselben hineilen, ihn liebkosend anreden,
+küssen und streicheln ist beim Zuckerhannes das Werk eines Augenblickes.</p>
+<p>Während er dem Gaul auf der flachen Hand ein Stück Gefängnißbrod
+hinstreckt, kommt der Oberknecht, der Bläsi, mit der Sense den Acker
+herauf, zieht sein Gesicht in spöttische Falten und fragt hämisch:</p>
+<p>"Hoho, bist wieder da? Das hat kein Mensch geglaubt, denn Jeder meint, Du
+habest die Uhr gestohlen! ... Ich meine es auch, aber Du bist ein pfiffiger
+Bursche, hast's dick hinter den Ohren, so dumm und tappig Du aussiehst! ...
+Bist recht vornehm geworden im Loche, he? ...["]</p>
+<p>Der Zuckerhannes verbeißt Zorn und Schmerz, versetzt dem Bleß einen Schlag,
+daß dieser erschrocken auffährt, wendet sich um und geht, ohne dem Bläsi
+eine Silbe erwiedert zu haben.</p>
+<p>"Zuckerhannesle, s'pressirt nicht so, ich muß Dir ja Etwas sagen!" ruft der
+Knecht ihm nach.</p>
+<p>Er hört nicht darauf.</p>
+<p>"Der Moosbauer braucht Dich nicht mehr, er hat am Georgentag einen Andern
+eingestellt! ... Gehe nur und schaue, ob Du nicht den Bündel schnüren
+mußt!" schreit der Schadenfrohe und geht wieder ans Mähen, während er von
+Bankerten, Spitzbuben und ehrlichen Meisterknechten brummt, welche mit
+diesem unter Einem Dache leben müßten.</p>
+<p>Im Mooshofe findet der Hans die Ehehalten nicht daheim, die Mägde sind
+freundlicher als der rohe Bläsi und freuen sich seiner Rückkehr.</p>
+<p>Er geht in die Bodenkammer hinauf, öffnet seine Kiste, nimmt einen zehnfach
+von Leinwand umwundenen Geldbeutel heraus, zählt das Geld und nach wenigen
+Minuten befindet er sich auf dem Rückwege zum Amtsstädtlein und zum
+Gefängniß.</p>
+<p>Hier übergibt er die meisten Sparpfenninge dem höchlich verwunderten
+Amtsdiener und bittet denselben, sie dem Spaniolen einzuhändigen.</p>
+<p>"<I>Diesem</I> soll ich das Geld geben?" fragt der Gefangenwärter und schüttelt
+den Kopf.</p>
+<p>"Ja, seid so gut und thut es je eher, je lieber, ich bin dem Spaniolen das
+Geld schuldig! ... Behüte Gott!" sagt der Zuckerhannes und eilt zum
+halbgeöffneten Thore hinaus.</p>
+<p>"S'ist mir noch alleweil schwindlig! ... Ich meine, ich ginge auf den
+Welken des Seees statt auf festem Grund und Boden! ... Das macht das
+mondenlange Sitzen und die Augen schmerzen mich auch!" murmelt er und biegt
+in das Gäßchen ein, das hinter die Stadtmauer führt.</p>
+<H4><a name="4"></a>Der Zuckerhannes wandert fort und verliert sich selbst</H4>
+<p>
+Voll und klar schwebt die Mondesscheibe am Sommernachthimmel und zieht eine
+glänzende Silberbrücke über den Untersee. Schwül und heiß war der Tag,
+Alles freut sich der Kühle, welche der Abend brachte und während die Jungen
+des Dorfes scherzend und lachend in Rädchen stehen oder Arm in Arm singend
+durch die Gassen ziehen, sitzen die ältern Leute mit müden Gliedern und
+ruhigem Herzen meist noch auf den Bänkchen vor ihren Häusern im traulichen
+Gespräche.</p>
+<p>Vor einem der letzten und einsam stehenden Häuschen, dessen weiße Wand
+freundlich aus dem Laube eines alten Weinstockes herausschaut, der seine
+Ranken bis auf das niedere Dach entsendet, sitzt mutterseelen allein ein
+Weibsbild und stützt die gebrannten Arme auf die Lehnen eines sogenannten
+Großvaterstuhles, der offenbar dem gewohnten Platze hinter dem Ofen in der
+Stube entrissen wurde und ins Freie wandern mußte, um einer etwas bequemen
+Person einen bequemen Sitz zu bereiten.</p>
+<p>Die Inhaberin schaut gedankenvoll in den See, dessen Grundwellen einförmig
+ans sandige Ufer schlagen; weder die Lieder der Dorfbewohner, noch das
+freudige Quaken der grünen Hüpfer in den vom letzten Regen dagelassenen
+Pfützen oder das hundertstimmige Zirpen der Grillen stören ihr Nachdenken
+und nur wenn Schritte sich nähern, fährt sie empor und späht dem Kommenden
+entgegen.</p>
+<p>"Er ist's nicht!&mdash;der kann mir gestohlen werden, wenn er heute ausbleibt!"
+murmelt die Getäuschte zuweilen ärgerlich und sinkt in die vorige
+nachläßige Lage zurück.</p>
+<p>Das Weib hat wenig Zartes, Feines, Aetherisches an sich, wie es Theetisch-
+Dichter lieben, die Gestalt ist derb und vierschrötig und das keineswegs
+häßliche, aber sonnenverbrannte und bereits ältliche Gesicht mahnt durch
+einen gewissen, unbeschreiblichen Zug von Herbheit und Schwermuth an eine
+alte Jungfer.</p>
+<p>Wir haben in der That eine solche vor uns, nämlich die Emmerenz, deren
+Leben bis zum dreißigsten Jahre sehr einförmig sich gestaltete und erst
+seit einem halben Jahre reicher geworden ist.</p>
+<p>Die Tochter eines blutarmen Fischers, der seine zahlreichen Kinder
+frühzeitig fortschickte, um das Brod bei fremden Leuten zu verdienen, lebte
+die Emmerenz vom neunten Jahre bis zum Zwanzigsten in verschiedenen
+Bauernhäusern der Umgegend und wenn sie von feinen Maniren und Bildung auch
+wenig erfuhr, so erfreute sie sich doch des Rufes einer arbeitsamen,
+ehrlichen und unbescholtenen Magd. Diesem nicht unverdienten Rufe hatte sie
+es zunächst zu verdanken, daß die alte Ursula sie zu sich nahm.</p>
+<p>Diese war eine kinderlose, mit ihren Blutsverwandten aus ziemlich
+nebelhaften Gründen in arger Feindschaft lebende Wittwe, litt viel an
+Gliederschmerzen, mußte mehrere Jahre das Haus und endlich das Bett
+beständig hüten.</p>
+<p>Die Leute redeten von der wunderlichen, menschenfeindlichen und
+zanksüchtigen Ursula nicht allzuviel Gutes und Manche konnten es fast nicht
+fassen, wie die Emmerenz bei solchem "Erzripp" jahrelang auszuhalten und
+derselben mehr Dienste als die beste Tochter zu leisten vermöge, während
+sonst Jede im ersten Vierteljahr genug bekommen hatte.</p>
+<p>Diese aber hielt bei der Alten aus, verpflegte sie zehn geschlagene Jahre,
+erbte vor einem halben Jahre das Häuslein sammt Zubehör der Ursula, sitzt
+jetzt auf eigenem Grund und Boden in einem bequemen Lehnstuhle und paßt
+nicht nur auf Einen, sondern auf Zwei, von denen Einer ihr baldmöglichst
+seinen Namen geben soll.</p>
+<p>Vom Heirathen war sie niemals Feindin gewesen, doch in den Jahren der
+Armuth wollte sie nicht leichtsinnig ins Elend hereinheirathen, so lange
+die Ursula lebte, machte ihr diese mehr als ein halbes Dutzend Männer zu
+schaffen und entleidete ihr auf vielerlei Weisen jede Bekanntschaft.</p>
+<p>Jetzt ist sie todt, seit Ostern schmunzelt und schwänzelt der rothe Fritz
+um die Emmerenz herum, am letzten Sonntag hat er ihr einen förmlichen
+Heirathsantrag gemacht, will längstens nach der Erndte als Hausherr ins
+Häuslein einziehen und gefällt das Ganze der Emmerenz gar nicht übel.</p>
+<p>Hat der Fritz nicht einige prächtige Aecker und Geld auf Zinsen ausstehen?
+Ist er nicht ein stattlicher, großer Bursche und trägt noch den rothen
+Schnurrbart von der "Atollerie" her? Haben seine Verwandten gar nichts im
+Dorfe zu bedeuten, da doch des Vaters leiblicher Bruder im Gemeinderathe
+sitzt und der Mutter Schwestertochter den verwittweten Accisor geheirathet
+hat? Versteht er das Bauerngewerbe nicht aus dem Fundament, arbeitet er
+nicht wie ein Roß und könnte leicht eine bekommen, welche gerade wie die
+Emmerenz über alte Geschichten und bekannte Fehler des Hochzeiters
+hinwegsähe?</p>
+<p>Im besten Rufe stand der Fritz nicht, soll beim Umgange mit der schönern
+Hälfte des menschlichen Geschlechts niemals wählerisch oder gewissenhaft
+gewesen sein, doch in neuerer Zeit läßt sich nichts auf ihn bringen und daß
+er ein Knicker und zornmüthiger Bursche ist, gefällt der Sparsamen und
+machte nicht bange der gleichmüthigen Erbtochter Ursulas.</p>
+<p>Sie würde ihr Jawort sofort gegeben haben, wenn nur ein Anderer nicht eine
+Art von Vorrecht auf sie gehabt hätte, welchen sie noch vorigen Frühling
+fast ordentlich liebte, auch jetzt noch nicht haßt und den ihr die Alte
+sterbend zwar nicht als Hochzeiter, aber doch als Hausgenossen gewaltig
+empfahl.</p>
+<p>Dieser Andere tritt in diesem Augenblicke um die Ecke, ein langgerathener
+Bursche, dessen nicht übles Gesicht durch eine überflüssige Halszierde
+widerlich entstellt wird und der mit dem einen Fuße etwas hinkt.</p>
+<p>Wir erkennen in ihm, der große Schweißtropfen mit der breiten,
+abgearbeiteten Hand vom Gesichte wischt und sich langsam der etwas
+einfältig und verlegen aussehenden Emmerenz nähert, den Zuckerhannes.</p>
+<p>"Was kommst so lange nicht? Wirst recht vornehm, Hans!"</p>
+<p>"Hoh,&mdash;keucht der Angeredete&mdash;der Adlerwirth pressirt mit dem Heuheimthun,
+so eben hab' ich den letzten Wagen voll für heute in die Scheune geführt!
+... Hast mir sagen lassen, daß ich Wichtiges vernehmen soll, bin deßhalb
+aus allen Kräften hergeeilt und jetzt für einen Augenblick da!"</p>
+<p>"Allerdings habe ich Wichtiges mit dir abzumachen, s'ist gut, daß du da
+bist, denn einmal müssen wir Beide ins Reine kommen! ... Du hast im letzten
+Winter der Ursula das Leben gerettet, als während meiner Abwesenheit Feuer
+in der Stube auskam und sie bereits schon erstickt war, hast ihr und auch
+mir lange Alles gethan, was du uns an den Augen absahest!"&mdash;</p>
+<p>"Oh, ich wäre für dich&mdash;für Euch durch das höllische Feuer gegangen! ... Es
+sind Kleinigkeiten, was ich that und hab's gerne gethan!"</p>
+<p>"Die Ursula hat mirs tausendmal auf die Seele gebunden, dich nie zu
+verlassen und Alles mit dir zu theilen, weil du ein so gar armer und
+verlassener Bursche bist. Ich möchte Wort halten!"&mdash;</p>
+<p>Ein Zug voll Ueberraschung und Freude überzieht das Gesicht des
+Zuckerhannes, er hält beinahe den Athem zurück, um kein Wort der Emmerenz
+zu verlieren.</p>
+<p>"Ich habe dich immer gerne gehabt, Hans, hast es wohl bemerkt und ich weiß,
+daß du auch mich nicht verachtest!"</p>
+<p>"Verachten? Was fällt dir denn ein! ... Hab' ich Jemanden auf der Welt
+außer Dir? ... Ach, wenn Du wüßtest, wie&mdash;"</p>
+<p>"Ja, ich weiß es wohl und Vieles, wovon du kein Sterbenswörtlein gesagt!"
+[gesagt!] ... Wenn du nur nicht so jung und hier Bürger wärest, wer weiß,
+was dann geschähe! ... Ich kann nicht mehr lange ledig bleiben!"</p>
+<p>Der Zuckerhannes schrickt sichtbar zusammen und starrt die Emmerenz mit
+großen Augen bewegungslos an.</p>
+<p>"Ja, so ist's, Hans! Ich besitze jetzt eine Hütte, zwei Prachtkühe, einen
+Krautgarten, die Wiese dort und mehrere der besten Aecker des Banns. Allein
+kann ich nicht mehr bleiben, fremde Leute veruntreuen mir Alles, du bist
+grundehrlich, deßhalb frage ich dich, willst du bis Michaeli den Adler
+verlassen und mein&mdash;Knecht werden?"</p>
+<p>"Dein Knecht?" fährt der Zuckerhannes auf, doch als ob er sich verrathen,
+senkt er die Augen und fragt: "Wie verstehst du das?"</p>
+<p>"Nun, ich gebe dir soviel oder noch mehr Lohn als der Adlerwirth, theilst
+Alles mit mir und Alles wird gut werden!"</p>
+<p>"Ich schlage ein, es bleibt dabei, die Hand her, Emmerenz!" ruft der
+Zuckerhannes mit einer freudigen Eile, als ob ein Glück, von welchem er
+schon lange heimlich geträumt, der Erfüllung plötzlich nahe stände.</p>
+<p>Doch die Emmerenz zog die schwielenharte Hand zurück, richtete die blauen
+Augen forschend in das Gesicht des Entzückten und sprach zögernd:</p>
+<p>"Halt, es ist noch eine Bedingung dabei, Hans! ... Kannst es mir nicht
+verübeln! ... Mit dir allein darf ich nicht hausen, die Leute würden mit
+Fingern nach uns weisen und Wunder glauben, was geschähe! ... Hätte ich das
+gewollt, so würde ich es gleich nach Ursulas Tode oder noch bei deren
+Lebzeiten gethan haben! ... Es muß außer dir noch Jemand ins Haus!"</p>
+<p>"Dagegen habe ich nichts, kann mich mit jedem Nebenknechte vertragen! ...
+Ich habe starke Knochen, will schaffen wie ein Gaul und treu sein wie ein
+Hund!" betheuerte der noch immer freudig aufgeregte Zuckerhannes.</p>
+<p>"Nebenknecht? ... Zwei Knechte sind für mich zu viel, wenn du's nicht
+wärest, nähme ich gar keinen! ... Du hörst ja, daß ich nicht mehr lange
+<I>ledig</I> bleibe! Der ganze Ortsvorstand und selbst der Herr Pfarrer plagt
+mich, daß ich an meine Habe denken und heirathen soll! ... Es thuts nicht
+anders mehr!"</p>
+<p>Siedendheiß und eiskalt nach einander überläuft es den Burschen, er zittert
+vor banger Erwartung und schnappt nach Luft, die Emmerenz hat all ihre
+einstudirten Reden vergessen, weiß nicht, was sie weiter sagen soll, knüpft
+den Schurzbändel auf und zu und bindet ungemein lang an den Schuhriemen,
+plötzlich fährt ihr ein glücklicher Gedanke durch den Kopf, womit sie den
+Knoten zerhauen kann, sie erhebt sich und fragt ganz ruhig:</p>
+<p>"Hannes, hast du Geld?"</p>
+<p>"Geld? ... Ich habe Geld, obwohl ich am letzten Jahrmarkt ein paar
+Tuchhosen, ein Schnupftuch, ein paar Schuhe&mdash;"</p>
+<p>"Wieviel hast du Alles in Allem?"</p>
+<p>"Oh, ich bin sparsam, gehe in kein Wirthshaus, spiele nicht, treibe keinen
+Staat und habe seit Georgi sogar das Rauchen aufgesteckt! ... Soviel ich
+weiß, habe ich Alles in Allem baar 17 Gulden und 9 Batzen!"</p>
+<p>Emmerenz lacht laut auf, ihr Lachen ist ebenso erzwungen als kränkend für
+den Liebhaber, denn er weiß, daß sie seine Leidenschaft kennt und früher
+erwiederte, obwohl Beide das Wort "Liebe" selten über die Zunge brachten
+und nie im Ernste.</p>
+<p>"Was lachst du? ... Die reiche Emmerenz hat gut über einen armen Knecht
+lachen! ... Was kann ich für meine Armuth?</p>
+<p>"Oh, die <I>reiche</I> Emmerenz theilt gerne Alles mit dem Hans, wie es Ursula
+noch gewollt, aber an Geld ist die <I>reiche</I> Emmerenz eben auch arm und ohne
+Geld... ja ohne Geld ist&mdash;Vieles nicht zu machen!"</p>
+<p>"Oh, rede nur deutsch und deutlich, ich merke jetzt, wohinaus es geht!"
+sagt der Zuckerhanns etwas bitter und spitzig.</p>
+<p>"Du merkst es? dann brauche ich dir nichts mehr zu sagen. Einen Mann muß
+ich haben. Einen mit 17 Gulden und 9 Batzen kann ich nicht brauchen, das
+Ortsbürgerrecht kostet ja mehr!"</p>
+<p>"Oh, Emmerenz, liebe Emmerenz, hast du denn je daran gedacht, mich zu
+nehmen? Wolltest du mich nicht foppen?"</p>
+<p>"Ich hab' mir allerdings mancherlei Gedanken gemacht und bedauert, weil du
+so blutjung und ich schon so alt bin!"</p>
+<p>"Oh, dann ist Alles gut, man wird täglich älter und mit dem Geld wüßte ich
+mir zu helfen!" lächelte der Erfreute, jeden Groll vergessend und auf einem
+Beine hüpfend.</p>
+<p>Jetzt war die Ueberraschung an der Emmerenz.</p>
+<p>"Woher willst du denn Geld nehmen? Etwa aus deiner Lotterie?"</p>
+<p>"Schweige doch mit der Lotterie, weißt ja, daß ich nicht gerne davon höre!
+... Die Galle läuft mir über, so oft ich daran denke, wie mich der
+Spitzbube, der Spaniol, übertölpelt hat! ... Weiß Gott, wo dieser Schuft in
+der Welt herumfährt, aber dem Zuchthause wird er nicht entrinnen! ...
+Keinen Heller hat er je dem Paul gegeben, um ein halbes Loos im Frankfurter
+Glücksspiel für mich zu kaufen oder am Ende haben sich Beide in in [in]
+meine sauern Ersparnisse getheilt! ... Jeder Heller möge ihnen auf der
+Seele brennen! ... Aber ein gescheidter, grundgelehrter Mann war der
+Spaniol doch, <I>den</I> hättest du einmal hören sollen und Er ist's, der mir
+auch einen Plan auseinandergesetzt hat, wie ich zu Geld kommen kann! ...
+Hab' oft daran gedacht, gethan hab' ich nichts dazu, aber jetzt will ichs
+thun, Geld muß her, Geld wie Heu, wenn du, Emmerenz, liebe, gute Emmerenz
+es haben willst! ... Sprich und ich gehe noch heute Nacht fort, um mein
+Geld zu holen!"</p>
+<p>"<I>Dein</I> Geld? Ein Plan des Spaniolen? ... Da muß was Sauberes dahinter
+stecken ... wirst doch hoffentlich nicht den Schlechten machen wollen? ...
+Du weißt, ich kenne dein Leben in der Heimath und im Hegau drunten, habe
+lange an dir gezweifelt und dich auf manche Probe gestellt!" ... Bist aus
+einem unehrlichen Buben ein ehrlicher Bursche geworden, das ist brav! ...
+Bleibe, wie du bist, ehrliche Hand kommt durchs ganze Land!" ruft die
+Emmerenz, welche ihre Fassung wieder ganz gewonnen, sehr ernst." [ernst.]</p>
+<p>"Schau, Emmerenz, so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr gehört das Geld
+mein, welches ich jetzt holen will, wenn du es sagst!"</p>
+<p>"Ei, weshalb hast du früher nichts davon gesagt? Weßhalb holtest du es
+nicht früher? ... Es wäre vielleicht gut gewesen! ... Hast du geerbt? ...
+Wieviel ist es denn?"</p>
+<p>"Ich sagte nichts, weil ich von andern Dingen reden müßte, von denen ich
+gerne schweige, holte es nicht, weil das Holen eine kleine Plage ist und
+ich bisher immer das Nothwendige hatte. Aber jetzt muß Geld her, jetzt muß
+auch heraus, was mir seit Ostern Tag und Nacht keine Ruhe mehr gelassen und
+mich schier in Verzweiflung gesetzt hat! ... Ich bin in den letzten Wochen
+selten vor deinen Augen, aber gar oft noch spät in der Nacht in deiner Nähe
+gewesen, weil ich wußte, daß Einer da aus und eingehe, der mir nicht
+gefiel!" platzt der Zuckerhannes heraus.</p>
+<p>"Du meinst den rothen Fritz, he?"</p>
+<p>"Ja, <I>den</I> mein ich, <I>der</I> ist mir wie Gift und Popperment und hätte ich in
+meinem Leben einen Menschen umbringen können, so ists dieser rothe Halunke,
+der mich beim Vorbeigehen immer wie ein Basilisk anschaut und spöttisch das
+Maul verzieht!"</p>
+<p>"Er hat doch nichts Besonderes wider dich!"</p>
+<p>"Aber ich desto mehr wider ihn!"</p>
+<p>"Weßhalb denn?"</p>
+<p>"O du weißt es, Emmerenz! ... Du weißt es, aber ich wills dir auch noch
+sagen. Siehe, seit dem Tode meiner Mutter selig bin ich behandelt worden
+und herumgelaufen wie ein herrenloser Hund! ... Keiner hat mir ein gutes
+Wort gegeben, Alles hat mich verachtet und verfolgt, als ob ich ein
+Schandmal auf der Stirne und das Schlechteste verübt hätte, was es geben
+kann! ... Jahrelang habe ich lieber im Stalle oder auf der Weide beim Vieh
+als bei den Menschen gelebt und mir fast angewöhnen müssen, in jedem
+Menschen einen Feind zu sehen! ... Der Moosbauer war gut, allein er hat
+bewiesen, daß er es gegen mich nur aus Eigennutz war, im Gefängniß habe ich
+Freunde gefunden, aber sie haben mich nachträglich verrathen und verkauft!
+... Im Adler drüben lebe ich ruhig, aber das Zutrauen zu den Menschen ist
+bei mir weg! ... Keinen Vater, keine Mutter, keine Geschwister,
+Anverwandte, Freunde, im Grunde gar keine Heimath und keinen Halt in
+Freuden und Leiden zu finden, das ist hart, Emmerenz! ... Wie ich dich
+kennen lernte, wurde es anders, ich hatte für unglücklich mich gehalten und
+fühlte mich bald als der Glücklichste auf dem ganzen Erdboden! ... Nicht
+die Ursula, diese alte, wunderliche, kranke Frau, sondern du warst es, was
+mich in dieses Haus zog! ... Ich kann nicht sagen, was ich empfinde, es ist
+unsäglich! ... Jedesmal kam ich her, um dir zu sagen, für dich sei mir die
+Hölle nicht zu heiß und bei dir der Himmel da oben gleichgültig, weil ich
+ihn da unten und da drinnen habe! ... In neuerer Zeit ist's anders
+geworden, neben dem Himmel ist die Hölle mit allen ihren Qualen in mir wach
+geworden! ... Mehr als einmal hätte ich den See springen mögen vor Jammer
+und Herzeleid! ... An Allem ist der rothe Fritz schuld ... er ist der
+leibhaftige Gottseibeiuns, der mich noch zu ... zu ich weiß nicht was
+treiben könnte!"</p>
+<p>Schweigend hat die Emmerenz diese lange, abgebrochene Rede des Zuckerhannes
+angehört, schweigend und nachdenklich blickt sie zu Boden, bebend vor
+leidenschaftlicher Aufregung steht der Hans vor ihr, endlich richtet sie
+das Haupt empor und sagt mit ruhigem Ernste:</p>
+<p>"Schau, es freut mich, Hans, weil du mich so gar lieb hast, Gott weiß, daß
+ich dich auch nicht hasse und gerne zum Manne hätte, denn du bist
+rechtschaffen, ehrlich, fleißig und geschickt im Bauerngewerbe. Aber in
+meinen Jahren darf man halt nicht das Herz reden lassen, sondern muß dem
+Verstand das erste Wort gönnen! ... An dir weiß ich nichts auszusetzen, als
+daß du für mich wohl zu jung bist und kein Geld hast! ... Der rothe Fritz
+paßt weit eher zu meinen Jahren und er hat Geld und Freunde, ist aus dem
+hiesigen Orte gebürtig und zu jeder Stunde bereit und im Stande, mich zu
+nehmen!"</p>
+<p>Todtenbleich schaut der Zuckerhannes die Emmerenz an, die Lippen beben, die
+Hände zittern, das Herz pocht hörbar, doch kein Wort bringt er hervor.</p>
+<p>"Wie gesagt, ich nähme dich im Grunde lieber als ihn, du darfst es glauben,
+wollte am Ende auch noch von deiner Jugend absehen, aber Geld, Hans, Geld,
+woher nehmen und nicht stehlen?"</p>
+<p>"Geld und immer und überall Geld, verfluchtes Geld!" ruft der Zuckerhannes
+in wilder Aufregung und fährt fort: "Müßte ich mich dem Teufel
+verschreiben, daß er uns Geld herbeischaffte, ich thäte es, ja ich thäte es
+um deinetwillen! ... S'ist, Gottlob, nicht nöthig, ich habe dir schon
+gesagt, daß es mir um einige hundert Gulden nicht bange ist! ... Der
+Spaniol mag auswendig und inwendig nicht viel nutz sein, doch sein Plan ist
+gut! ... Ich habe mehr als Eine halbe Nacht im Loche mit ihm davon geredet
+und er hat mir Alles so oft auseinander gesetzt, daß ich noch jedes Wort
+weiß! ... Emmerenz, liebe Emmerenz, wenn du einen Andern nimmst, springe
+ich in den See oder schneide mir die Gurgel ab! ... Ich kann nicht leben
+und mag nicht leben ohne dich! ... Versprich mir in die Hand hinein, keinen
+Andern zu nehmen, am wenigsten den rothen Fritz, dann will ich Geld genug
+herschaffen und gerne allein bleiben, wie ich bin, wenn ich nur in deiner
+Nähe bleiben darf! ... Versprich es!"</p>
+<p>"Nein, Hans, ich kann und darf es nicht versprechen!"</p>
+<p>"Nun, dann lebe wohl, mich siehst du nicht wieder!" [wieder!] ... Nur noch
+einmal die Hand für diese Welt!" ruft der Arme mit dem Ausdrucke der
+tiefsten Verzweiflung.</p>
+<p>"Sei kein Narr, Hans, thue nicht so, man könnte sich ja schier fürchten und
+vom Adler her schauen Zwei schon lange, was wir mit einander verhandeln!
+... Es wird kühl und ist Zeit, daher höre, was ich jetzt beschlossen habe:
+Ich will den Fritz nichts Bestimmtes sagen vor einem Vierteljahre und
+zuwarten, ob du wirklich zu Geld kommst. Mehr kann ich nicht thun, dabei
+bleibt es! ... Hier hast du die Hand darauf! ... Schlafe wohl!" Mit diesen
+Worten erhebt sich die Emmerenz, trägt den Polsterstuhl ins Häuslein,
+wünscht noch einmal gute Nacht und schließt alsdann die Thüre. Gleich einem
+Träumenden blickt ihr der Zuckerhannes nach, dann hinkte er eilig und mit
+sich selber redend dem Adler zu.</p>
+<p>Am nächsten Morgen ist ein Knecht weniger im Adler, denn der Zuckerhannes
+fehlt und der Meisterknecht weiß nichts zu sagen, als daß derselbe spät
+heimgekommen sei, die Sonntagskleider angezogen und gesagt habe, er müsse
+auf der Stelle eine Wanderung antreten, wenn es ihn auch seinen Dienst
+kostete, werde so bald als möglich wieder zurückkehren und wolle gerne
+einen Taglöhner bezahlen, welcher indessen die Arbeit für ihn verrichte.</p>
+<p>Wohin er ging und weßhalb, vertraute er keiner Seele an und weil der
+Meisterknecht den seltsamen Gast bereits kannte, der nicht gerne und lieber
+mit sich selber als mit Andern redete, drängte man denselben auch nicht mit
+vielen Fragen und ließ ihn gehen.</p>
+<p>Bevor wir den nächtlichen Wanderer einholen, müssen wir Manches nachholen.</p>
+<p>Wir wissen bereits, daß die Schriften desselben, welche aus der Heimath
+gekommen, einen schlimmen Eindruck auf die Bewohner des Mooshofes machten.</p>
+<p>Je wohler dem Zuckerhannes nach dem langen Marterleben bei der frommen
+Sonnenwirthin die milde, freundliche Behandlung im Mooshofe bisher gethan
+und je mehr er sich der Hoffnung hingab, daß auch für ihn endlich bessere
+Tage angebrochen seien, desto herber empfand er jetzt das Herbe und
+Kränkende, welches in dem sichtbar veränderten Benehmen der Hausbewohner
+gegen ihn sich kund gab. Er hatte Fehler begangen, aber die Fehler eines
+unerzogenen und mißhandelten Buben, hatte auch hart genug dafür büßen
+müssen, um das Ende der Strafen erwarten zu dürfen und weil dieses nunmehr
+ausblieb, rannte er sich in dem Gedanken fest, er sei recht eigentlich nur
+für Ungemach und Unglück geboren und für ihn gebe es weder einen
+himmlischen Vater noch einen irdischen Freund, dem er sich anvertrauen
+könne.</p>
+<p>Dieser von trüben Lebenserfahrungen vieler Armen und Notleidenden
+aufgedrungene Gedanke trägt ungemein viel zur Gleichgültigkeit, zum Zweifel
+und oft genug zum Hasse gegen Gott und göttliche Gebote bei, wie ein
+vertrauter Umgang mit Verbrechern und Leuten aus allen, besonders aber aus
+den niedersten und gedrückteren Ständen des Volkes Jeden belehren mag.</p>
+<p>Die entsetzliche Summe des offenliegenden und bekannten Wehe, welches auf
+den Menschen lastet, wurzelt im geheimen Wehe, was Keiner dem Andern leicht
+anvertraut und häufig genug nicht anvertrauen kann, weil Viele es
+schmerzlich empfinden, doch Wenige nur klar und deutlich erkennen.</p>
+<p>Der Bläsi, der beim Moosbauern Alles galt und dem man außer einer stolzen,
+heftigen Gemüthsart nicht Vieles vorwarf, hetzte insgemein die andern
+Knechte und Mägde auf, daß dieselben den Zuckerhannes mit und ohne Anlaß
+mit unverhehlter Geringschätzung und Verachtung betrachteten und mit
+offenem Mißtrauen behandelten, um zu bewirken, daß derselbe den Mooshof
+bald wieder freiwillig meide.</p>
+<p>Solches kränkte den Zuckerhannes gewaltig und weil die Neckereien und
+Quälereien gar nicht aufhörten, er aber jeden Anlaß vermeiden wollte, der
+seine Vertreibung fordern und herbeiführen konnte, mied er alle
+Gesellschaft soviel er vermochte und weil die Knechte und Mägde nicht
+versäumten, auch andern Leuten vom Leben und Treiben des kropfigen,
+hinkenden Schwarzwälders zu erzählen, der hinter irgend einem Zaune
+aufgelesen, schon früh ein Spitzbube geworden und wohl nicht umsonst so
+weit von der Heimath weggegangen sei, so suchte dieser auch außerhalb des
+Mooshofes keine Kameraden und war ihm ein Gang in die Stadt oder in die
+Kirche die schwerste aller Arbeiten.</p>
+<p>Er hielt seine wiehernden und gehörnten Pflegebefohlenen für weit besser
+und gerechter als die Menschen und gab es Einen im ganzen Hegan, der
+ernstlich beklagte, daß Pferde, Rinder und Hunde nicht zu reden vermögen,
+so war ers. Er zweifelte nicht daran, Thierseelen seien auch unsterblich
+und nach dem Absterben des Himmels voll goldener Futterkasten und
+tausendfarbiger Matten würdiger, als die Meisten ihrer Herren. Seitdem ihm
+ein Spaßvogel von Thierarzt versicherte, in jedem Thiere hause eine
+unglückliche, verbannte Menschenseele und die Thierwelt sei eigentlich ein
+wandelndes Fegfeuer, faßte der Zuckerhannes immer mehr Liebe zum
+unvernünftigen Vieh, redete mit seinen Stallbewohnern nicht blos, was
+dieselben zu verstehen pflegen und von andern Knechten auch hören können,
+sondern ganz ernsthafte Dinge, die man sonst nur mit Seinesgleichen redet.</p>
+<p>Plagte ihn die Langeweile an ewiglangen, stillen Sonntagnachmittagen und er
+erzählte dem Vieh von den Thälern und Tannenwäldern des Schwarzwaldes, von
+der Elsbeth und Katzenlene, dem Gestellmacher und Herrn Vikar oder war ihm
+etwas Widriges begegnet und er erzählte von seinem Wehe und Leid, dann
+glotzte zuweilen ihn die Falbe mit ihren großen, schwermüthigen Augen
+aufmerksam an, bewegte die Lippen hin und wieder und brüllte dumpf und
+kläglich oder zornig oder der Bleß richtete die hellen, verständigen Augen
+mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn, schüttelte zuweilen die
+Mähne, spitzte die Ohren, schnaubte, wieherte und scharrte ungeduldig mit
+den Vorderfüßen, der Zuckerhannes aber hielt dies für klare Beweise
+vollkommenen Verständnisses und herzlichen Mitgefühls und gab die Hoffnung
+niemals auf, die Falbe oder der Bleß, seine Lieblinge oder ein anderes
+Stück würde einmal unverhofft den Kopf nach ihm wenden, den Mund aufthun
+und eine ordentlich gesetzte Rede im besten Deutsch etwa beginnen:</p>
+<p>"Schau, Hans, wir dürfen mit Menschen sonst nicht reden, obwohl wir es
+vermögen und warum? Weil so wenig Gerechte auf der Erde wandeln und unter
+den Millionen Menschen auch nicht Einer ist, von welchem der Fluch der
+Sünde genommen wäre. Unsere Vorfahren waren auch besser als wir, sie haben
+im Paradiese mit Adam manche Stunde verplaudert, aber mit der Erbsünde sind
+Menschenseelen in uns gekommen, der Fluch hat sich auf uns vererbt und eine
+unserer größten Qualen besteht darin, daß wir nur mit Gerechten oder höchst
+selten mit einem kleinen Sünder reden können und doch mit Allen reden
+möchten, namentlich mit Thierquälern, deren Seele gemeiniglich in einen
+Postgaul fährt. Du hast zwar noch kleine Mängel an dir, aber bisher ein
+schweres Leben geführt, Gott der Herr hat sich deiner Verlassenheit erbarmt
+und uns für besondere Gelegenheiten gegen dich die Zunge gelöst!"&mdash;</p>
+<p>Die Hoffnung auf derartige Ansprache ging niemals in Erfüllung, Hoffen und
+Harren macht manchen zum Narren und könnte nicht fehlen, daß der
+Zuckerhannes seine absonderlichen Gedanken wie im Stalle so auch manchmal
+bei Leuten laut werden ließ.</p>
+<p>Die Knechte und Mägde lachten, der Moosbauer lachte anfangs mit, aber
+seitdem er wußte, der Schwarzwälder gehe an Sonn- und Feiertagen zwar mit
+andern Leuten bis zur Kirche, dann aber, besonders bei schönem Wetter nicht
+immer in dieselbe hinein, sondern schlendere in Feld und Wald herum oder
+kehre in seinen Stall oder auf den Heuschober verstohlenerweise zurück, da
+schüttelte er bedenklich den Kopf, beobachtete den Zuckerhannes heimlich,
+wurde mindestens an der Religion desselben irre und machte ihn durch die
+Androhung augenblicklicher Entlassung wiederum zu einem fleißigen Anwohner
+des Gottesdienstes.</p>
+<p>Das Gelächter der Knechte und Kichern der Mägde hörte nicht auf, hinter dem
+Gelächter und Kichern steckte bei Diesem und bei Jenem auch etwas Bosheit,
+Neid und Rachsucht und der Schwarzwälder lieh Anlaß dazu.</p>
+<p>Er hielt das Vieh des Mooshofes in einem so trefflichen Zustande, wie es
+noch niemals der Fall gewesen, war beim Arbeiten der Erste und Letzte und
+je mehr ihm der Bauer und die Bäuerin dafür Dank wußten, desto weniger
+wußten ihm dafür die Dienstboten.</p>
+<p>Weil er weit mehr arbeitete, als dies bei sonst fleißigen Knechten der Fall
+zu sein pflegt, so mußten sich seine Mitknechte auch weit mehr anstrengen,
+damit er ihnen nicht immer als Muster vorgestellt und vorgeworfen würde und
+dies war ihnen nicht lieb. Sie behaupteten, der Schwarzwälder schinde und
+plage sich ab aus purem Zorn und Haß gegen sie, thaten Alles, demselben die
+Arbeit zu erschweren und zu entleiden, richteten jedoch wenig aus und
+während sonst wohl sogar der Bläsi mit der Zeit seinen Uebermuth und Groll
+gegen den Zuckerhannes hätte fahren lassen, trug letzterer selbst das
+Meiste dazu bei, die Gemüther der Mitdienenden gegen sich zu erbittern und
+unversöhnlich zu machen.</p>
+<p>Dem Moosbauer war sein Nutzen das Liebste und Höchste, deßhalb liebte er
+auch den Schwarzwälder, erhob ihn vom Roßbuben bald zum Range eines
+Stallbeherrschers und hätte eher dem Bläsi als diesem den Dienst
+aufgekündiget. Dem Stallbeherrscher wuchs der Kamm, er konnte in Manchem
+Befehlerles spielen und wie Zorn und Haß gegen Andere wirklich der Sporn
+seiner Unermüdlichkeit waren, so that er noch mehr, um sich für Unbilden zu
+rächen und das Mißtrauen in seine Ehrlichkeit gründlich zu beseitigen.</p>
+<p>Es gibt wohl selten ein Haus, in welchem eine Anzahl verschiedener Leute
+wohnt, ohne daß Ungeschicklichkeit, Trägheit, Nachlässigkeit und Untreue
+mindestens eine untergeordnete Rolle spielen. Der Mooshof galt als Einer
+der besten Höfe weitum und dies mit vollem Recht, aber verdorben und
+veruntreut wurde doch jahraus jahrein gar Manches, ohne daß die Eigenthümer
+Etwas dagegen zu sagen im Stande waren, sei es, daß die Schuld unbeweisbar
+oder unbekannt war. Nun spielte der Zuckerhannes neben der Rolle eines
+Musterknechtes auch die eines unbestechbaren Polizeikommissärs mit immer
+größerer Lust, um sich recht in der Gunst des Moosbauern zu befestigen und
+an dem Mitdienenden zu rächen. Kein Knecht und keine Magd verdarb eine
+Kleinigkeit oder trug etwas aus dem Hofe, ohne daß die Hofleute es wußten
+und wenn es auf unsern Helden angekommen wäre, so würde es wöchentlich
+einigemal schwere Händel abgesetzt haben. Er log und verläumdete nicht,
+doch steckte er seiner Herrschaft gar Vieles, was weder dieser noch ihm
+Nutzen brachte und besser mit Stillschweigen übergangen worden wäre.</p>
+<p>Die Mitdienenden haßten den "Hungerleider, Wohldiener und Kalfakterer" von
+ganzem Herzen, doch weil der Haß nichts helfen wollte, theilten sie sich
+etwa ein halbes Jahr nach der Ankunft des Zuckerhannes in zwei Partheien,
+nämlich in eine solche, bei welcher der Haß von der Furcht überwogen wurde
+und die gerne friedlich im Neste sitzen bleiben wollte und in die alte
+mißtrauische und feindselige, deren Haupt der geschickte und ehrliche,
+deßhalb auch furchtlose Bläsi blieb, der kein Soldat hätte sein müssen, um
+offenen Krieg nicht einem feigen Frieden vorzuziehen.</p>
+<p>Diese Partheiung fand kurz vor der Kirchweihe statt, das Haupt der
+friedsamen Parthei, die Meistermagd lud den Zuckerhannes ein, jetzt auch
+einmal zu thun wie andere Menschen und mit ihr, der Margreth und dem Jockel
+und einigen Andern ins Wirthshaus und zum Tanze zu gehen, denn wenn er mit
+seinem krummen Fuße auch nicht tanzen könne, so könne er doch Gesundheiten
+trinken und lustig sein mit ihnen.</p>
+<p>Der Moosbauer und die Moosbäurin selbst redeten dem Stallbeherrscher zu,
+der Einladung zu folgen, aber dieser schüttelte das Haupt, daß die
+Zipfelkappe sammt dem Kropfe wackelte und meinte gar patzig:</p>
+<p>"Bin ich Euch vorher nicht gut genug gewesen, so seid Ihr mirs jetzt nicht.
+Geht, tanzt und sauft und schimpft über mich, soviel Ihr wollt, mir ist der
+Bleß lieber als Ihr Alle sammt und sonders, ich will nichts mit Euch zu
+thun haben und fürchte Euch auch nicht. Ich bin nicht so närrisch, mein
+Geld den Wirthen zu geben!"</p>
+<p>Solch unchristliches Gebähren hat der Zuckerhannes schwer gebüßt.</p>
+<p>Er bereute es zwar bald, that freundlich mit den Friedfertigen und gewann
+einige Hausbewohner für sich, doch der Bläsi behielt die Oberhand und
+endlich gelang es, den Zuckerhannes in eine schlimme Falle zu locken.</p>
+<p>An einem Sonntag Mittag schleicht ein guter Freund des einäugigen Stoffel
+zu diesem in den Stall und bietet ihm eine prächtige Ulmerpfeife mit
+silbernem Beschlag und silbernem Kettlein, wie es Fuhrleute und Knechte in
+Schwaben lieben, um einem Spottpreis zum Kaufe an.</p>
+<p>Der Zuckerhannes hat vom Einäugigen, welchen er später im Amtsgefängnisse
+traf, schon manches und zwar nicht viel Gutes gehört, auch hat der
+Antragsteller einen Kopf, der an Füchse und Wölfe mahnt, aber in diesem
+Kopfe stecken zwei gesunde, pfiffig zwinkernde Augen, folglich gehört er
+unmöglich dem Stoffel an und der Inhaber weiß gar ehrlich und freundlich zu
+thun, nennt seinen ehrlichen Namen und ist in nächster Nähe daheim.</p>
+<p>Unser Held besitzt Geld, eine große Freude an glänzenden Sachen, sieht
+nicht ein, warum er die Pfeife nicht kaufen und einen guten Kauf
+vorbeigehen lassen sollte, deßhalb werden Beide handelseinig und scheiden
+in Friede und Freude.</p>
+<p>Es dauert nicht allzu lange, so schleicht der Pfeifenhändler zwischen Licht
+und Dunkel wiederum in den Stall, findet richtig den Zuckerhannes, packt
+prächtigen Zeug zu Hosen und Röcken aus und läßt einen schönen Theil
+zurück, denn die heimlich herbeigerufene Meistermagd hat geschworen, die
+Elle solches Tuchen sei unter Brüdern 3 fl. 30 Kreuzer werth, der
+menschenfreundliche Kaufmann aber hat dieselbe zu zwölf Batzen abgelassen
+lediglich unter der Bedingung, den Mooshofleuten einstweilen Nichts zu
+sagen, weil sie gar stolz seien und derartigen Staat bei einem ihrer
+Knechte sehr ungern sähen.</p>
+<p>Der Falben und dem Bleß hat der erfreute Zuckerhannes die Pfeife und das
+Tuch einzig und allein gewiesen, diese haben kein rechtes Zeichen von sich
+gegeben und als er einige Wochen darauf dem Leitgaul eine silberne
+Repetiruhr in das rechte Ohr hielt und lieblich schlagen ließ, hat das
+Thier ob diesen Silberklängen keine Freude gezeigt, sondern durch sein
+erschrockenes, unruhiges Thun den Zuckerhannes schwer erzürnt, so daß er
+ihm Eins versetzt und brummte: "Bist eben doch ein dummes Vieh."</p>
+<p>Einige Tage darauf ist auch Einer in den Stall gekommen, doch nicht im
+Zwielicht, sondern am frühen Morgen und nicht der billige Krämer, sondern
+ein Gensdarm und dieser war so unbillig, den Zuckerhannes ohne langen
+Abschied vom Mooshofe weg in das Gefängniß der Amtsstadt zu liefern, mit
+den Sachen desselben eine kleine Auswahl anzustellen und Verschiedenes
+mitzunehmen, was ihm gefiel, darunter Alles, was der erschrockene Arrestant
+vom Krämer im Stalle binnen längerer Zeit erhandelt und nicht wieder
+verkauft hatte.</p>
+<p>Mehrere Monde saß der Zuckerhannes im Thurme, lernte manche Gemächer und
+noch weit mehr Bewohner desselben kennen und erfuhr gar Vieles, aber Eines
+nicht, was er vom einäugigen Stoffel, mit welchem er in den letzten Tagen
+der Gefangenschaft zusammen lebte, hätte erfahren können.</p>
+<p>Daß nämlich der seltsame Krämer, von welchem er einige Herrlichkeiten
+spottwohlfeil erhandelte, seines Zeichens ein Spitzbube gewesen, ward dem
+Zuckerhannes schon im ersten Verhöre klar, aber daß dieser Krämer ein alter
+Freund des Stoffel sei, mit letzterm zusammen "gearbeitet" habe und vom
+Oberknechte des Moosbauern, nämlich vom Bläsi an ihn gewiesen sei, dies
+erfuhr er weder in der Amtsstube noch im Kerker, sondern ging ihm das Licht
+darüber erst weit später im Zuchthause auf, wo er mit dem Bläsi
+zusammentraf.</p>
+<p>Für jetzt ward er nach langem Harren wiederum frei, der Verlust, welchen er
+während mehrerer Kerkermonate an leiblicher Kraft, Zeit und Geld erlitten,
+so wenig von Rechtswegen in Betracht gezogen, als die Keime des geistigen
+und sittlichen Verderbnisses, die in Gesellschaft verkehrter und schlechter
+Leidensgefährten mächtige Wurzeln geschlagen oder der Verlust an Ehre, den
+er in den Augen der Mitmenschen wiederum erlitten.</p>
+<p>Es war ein weiteres Unglück, daß er mit dem Spaniolen zusammentraf, sich
+von diesem gewinnen und beschwatzen ließ, ihm fast alles übrige Geld als
+Darlehn zu hohen Zinsen vorzustrecken und das Versprechen in den Kauf zu
+nehmen, der Spaniol wolle eine Glücksnummer des alten Lotterielumpen, des
+Paul, auf eigene Unkosten für Freund Zuckerhannes besetzen.</p>
+<p>Der Moosbauer würde den fleißigen Stallbeherrscher nach der Befreiung wohl
+wieder behalten haben trotz dem Widerwillen und den Stachelreden der
+meisten Knechte und Mägde, aber der Zuckerhannes vergaß nicht, daß er im
+Kerker niemals einen Besuch empfangen, der Mooshof und die Gegend waren ihm
+entleidet, er begnügte sich mit einem vortrefflichen Dienstzeugnisse, nahm
+zärtlichen Abschied von seinen wiehernden und hörnertragenden Freunden und
+ging fort.</p>
+<p>Einige Zeit hinkte er an den wunderlieblichen Ufern des Bodenseees herum,
+die paar Thaler, welche er beim Abschied sorgfältig in den
+vielversprechenden Schuldschein des Spaniolen eingewickelt hatte, wurden in
+Münze verwandelt und schmolzen bei aller Genügsamkeit rasch zu wenigen
+Groschen zusammen, so daß der Wanderer dem Ende der Wanderung sehnsüchtig
+genug entgegenschaute.</p>
+<p>Sein gutes Zeugniß verschaffte ihm einen Dienst als Knecht im besten
+Wirthshause desselben Dorfes, in welchem die kranke Ursula von der Emmerenz
+verpflegt wurde. Das Wirthshaus führte den Schild zum Adler und lag gar
+nicht weit vom Häuslein der Ursula entfernt, der Zuckerhannes kam täglich
+oft daran vorbei, sah die Emmerenz stets freundlich über den Gartenzaun
+herübergrüßen, fand Gelegenheit, derselben als Nachbar manchen kleinen
+Gefallen zu erweisen, trug als dienstfertiger Mensch manchen Kübel voll
+Wasser vom "Gumpbrunnen" des Adlerwirths in ihr Häuslein hinüber und wurde
+so auch mit der lahmen Alten bekannt.</p>
+<p>Am Bodensee erging es dem Zuckerhannes weit besser als drunten im Hegau
+oder gar im Schwarzwalde. Im Dorfe wußte man weiter Nichts von ihm, als was
+er selbst erzählte, der Adlerwirth kümmerte sich lediglich um die Arbeit
+seiner Dienstboten und weil der neue Knecht tapfer arbeitete, Alles frisch
+angriff und sich nichts Besonderes zu Schulden kommen ließ, war und blieb
+er mit demselben zufrieden.</p>
+<p>"Ich weiß Hanns, daß Du ein Bankert und von Hause entlaufen bist; auch
+sollen deine Finger länger als die anderer Leute sein, doch Du bist ein
+rechter Knecht, ich habe Dich bisher aufs Korn genommen, ohne daß Du es
+wußtest und immer als eine ehrliche, treue Haut befunden. Was kümmert mich
+dein Vater, deine Heimath, deine alte Geschichte oder gar deine Religion?
+Nichts, rein Nichts! ... Ja, wir da Oben am See sind nicht so unaufgeklärt
+und aristokratisch, um nach dem glauben zu fragen, damit kann es Jeder
+halten, wie er mag, wir schauen nur auf das Thun. Bisher hast Du recht
+gethan, der Lohn bei mir ist gut, Trinkgelder gibt es auch, Du bleibst im
+Adler, schau, diese zwei Gulden schenke ich Dir, damit Du dir auch einmal
+einen guten Tag machst!"</p>
+<p>Also redete der Adlerwirth nach dem ersten halben Jahr der Einstellung des
+Zuckerhannes und im dritten und vierten Jahre dachte und sprach er auf
+dieselbe Weise. Unser Hans verlebte hier sein goldenes Zeitalter und
+bessere Tage hat er niemals wieder bekommen.</p>
+<p>Weil er von Niemanden besonders mißachtet oder verfolgt wurde, haßte und
+verfolgte er auch Niemanden und kam mit den meisten Hausgenossen gut aus,
+weil er früher Gelegenheit genug gehabt hatte, sich in der Geduld zu üben
+und seine aufbrausende Gemüthsart zu beherrschen, sich auf keine besondere
+Kameradschaften und Partheiungen einließ, sondern seinem Geschäfte nachging
+und sich wenig um die Angelegenheiten Anderer kümmerte.</p>
+<p>Ein großer Trinker war er nicht, Karten und Würfelbecher übten auf ihn
+keine Anziehungskraft aus, von Gesellschaften, wo Gelegenheiten zum
+Geldausgeben zu regnen pflegen, hielt er sich ferne, denn er war sparsam
+und die Meisten nannten ihn einen Knicker und Sonderling, er aber
+behauptete, ein armer Teufel seiner Art sei wohl ein Narr, wenn er
+sauerverdienten Jahreslohn in wenigen Freudentagen aufgehen lasse und nicht
+an die Zukunft denke.</p>
+<p>Der Spaniol ließ sich nimmer hören, der Adlerwirth lachte laut auf, als ihm
+der Zuckerhannes den schönen Schuldschein desselben vorwies und machte es
+ihm klar, der Schein sei lediglich ein Wechsel auf seine Unerfahrenheit in
+Geldsachen und Gesetzen und auf seine Dummheit und Gewinnsucht gewesen und
+wer in eine Lotterie setze, werfe das Geld zum Fenster hinaus, wenn er auch
+Einmal unter hunderten gewinne. Ein Schreiben an das Amt stellte heraus,
+der Spaniol sei längst frei und auf und davon, der alte Paul aber sitze im
+Zuchthaus.</p>
+<p>Der Verlust seiner Sparpfenninge kränkte den Hans gewaltig, hatte aber auch
+sein Gutes, denn er machte ihn vorsichtig und mißtrauisch in Geldsachen und
+während er im Amtsgefängniß beinahe dazu gekommen war, Spitzbuben für
+ehrliche Leute und die Ehrlichen für die durchtriebendsten und größten
+Spitzbuben zu halten, brachte ihn der an ihm selbst verübte Betrug doch
+wieder zu etwas besserer Einsicht.</p>
+<p>Dagegen hatte er im Käfig ganz andere Ansichten über das Weibervolk
+bekommen und diese verloren sich nicht wieder, zumal er täglich größer,
+stärker und älter wurde.</p>
+<p>In einem Wirthshause sprechen vielerlei Leute ein, die Mägde sind häufig
+nicht von bester Butter, der Adlerwirth drückte beide Augen zu, wenn nur
+tapfer gearbeitet wurde und die Wirthin hatte keine Ader von der Elsbeth an
+sich.</p>
+<p>Die Arbeit des Zuckerhannes war nicht immer gleich schwer oder dringend, an
+manchem Wochentag kam er kaum zum Schlafen, im Spätjahr und Frühling kaum
+zum Athemholen, allein manche Stunde hatte er in der Woche doch frei und
+wußte manchmal nicht, womit er sich lange Winterabende vertreiben sollte.</p>
+<p>Wer weiß, was unter solchen Umständen, wo Gelegenheit und Lust zu unnützen
+und verderblichen Dingen nahe traten, geschehen sein würde, wenn unser Held
+nicht mit einem Kropfe und krummen Fuße behaftet, dabei ein schüchterner
+und erschrockener Mensch gewesen wäre, so oft er mit Weibsleuten zusammen
+kam und endlich nicht die Emmerenz insgeheim als Schatz verehrt hätte?
+Jedenfalls war es nicht religiöse Ergriffenheit, sondern die Liebe zur
+Emmerenz was ihn von schlimmen Streichen abhielt, denn er besuchte die
+Kirche gar nicht und später nur deßhalb fleißig, weil die Emmerenz niemals
+in ihrem Stuhle fehlte und sammt der Ursula ihm die Religion und das
+Kirchengehen gewaltig ans Herz legte.</p>
+<p>Die Stallbewohner wurden ebenso pünktlich gefüttert und wohl gepflegt als
+einst die des Moosbauern, doch eine Falbe oder einen Bleß fand der
+Thierfreund nicht wieder; der Umstand, daß manche Gäste weit schönere Rosse
+in die Ställe zogen als die des Adlerwirths waren und vor Allem das
+erträgliche und leidliche Verhältniß, in welchem unser Held zu den
+zweibeinigen Hausbewohnern zu stehen kam, mochten der Zärtlichkeit
+desselben für die vierbeinigen gewaltigen Eintrag thun und je vertrauter er
+mit der Emmerenz wurde, desto weniger dachte er mehr daran, von seinen
+Leiden und Freuden dem lieben Vieh Etwas aufzutischen.</p>
+<p>Angeborne Dienstfertigkeit führte ihn in das benachbarte Häuslein,
+Sparsamkeit und Mitleid mit der verlassenen, alten Ursula hielten ihn darin
+fest und das Spotten und Sticheln der Knechte und Mägde des Adlerwirths
+half lediglich dazu, daß er in arbeitsfreien Stunden fast immer drüben zu
+finden war und eine wundersame Veränderung in seinem Innern vorging.</p>
+<p>Die Absichten, welche er mit seiner Freundlichkeit gegen die Emmerenz
+hatte, mochten anfangs keineswegs die löblichsten sein, allein er war
+schüchtern und merkte bald, er sei ganz an die Unrechte gekommen, denn so
+wenig dieselbe mit zarten Redensarten und sein verdeckten Anspielungen um
+sich warf oder auch nur Einen Funken einer englischen Miß an sich trug, die
+bekanntlich um des Anstandes willen so roth als möglich werden muß, wenn
+auch nur das sündhafte Wort "Hosen" in ihrer ätherischen Nähe laut wird, so
+wußte sie doch recht gut, was wahrhafte Züchtigkeit und Ehre gebieten und
+wer ihr zu nahe trat, mochte leicht ein schmerzendes Andenken an ihre
+wetterharten Fäuste heimtragen. Kurz und gut, der Emmerenz konnte man in
+diesem Punkte nichts Unrechtes nachsagen, der Zuckerhannes wußte täglich
+weniger an ihr auszusetzen, sie kam ihm nach jeder Begegnung schöner und
+besser vor und das Liedlein:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;Kein Feuer, keine Kohle mag brennen so heiß,<br />
+&nbsp;&nbsp;Denn heimliche Liebe, von der Niemand weiß!</p>
+<p>wurde an ihm mindestens zur Hälfte wahr.</p>
+<p>Zur Hälfte, denn die derbe, vielleicht plumpe Emmerenz war und blieb eben
+doch ein Weib und brauchte ihr Niemand zu sagen, woran sie mit dem blöden
+Liebhaber sei, sondern wußte es besser, als er selbst, und Andere haben
+auch Augen.</p>
+<p>Sie war aber ein verständiges und gewissenhaftes Weib, mochte mit einem
+armen Tropf kein herzloses Spiel anfangen, dessen Ende nicht recht
+abgesehen werden konnte, begegnete jenem wie nur die beste Schwester dem
+Bruder begegnet und wenn er besondere Hoffnungen schöpfte, dann kehrte sie
+jedesmal flink den Stiel um, that, als ob sie ihn nicht verstünde oder nahm
+Alles für Scherz auf.</p>
+<p>Sie brachte mit ihrem neckischen, lustigen, altklugen und kaltverständigen
+Gebahren den armen Zuckerhannes schier aus dem Häusle und je mehr er die
+Hoffnung verlor, desto größer wurde seine Sehnsucht und Liebe und fand doch
+in anderthalb Jahren keine rechte Gelegenheit, ordentlich von diesen Dingen
+zu reden und Gehör zu finden.</p>
+<p>Allmählig wurde er pfiffiger, gewann die alte, wunderliche Ursula ganz für
+sich, dies gab Gelegenheit, der vielgeplagten Emmerenz manches Stündlein zu
+versüßen, welches sonst bitter ausgefallen wäre; ferner half er dieser bei
+ihren Arbeiten, soviel er nur vermochte, endlich griff er auch in den
+Geldbeutel und kaufte derselben Manches, was sie schon um der redseligen
+und befehlshaberischen Ursula willen nicht nur annehmen, sondern auch
+tragen mußte, ob es ihr gefiel oder nicht.</p>
+<p>Seitdem die Emmerenz am Sonntag mit einem halbseidenen Halstuch und einer
+Granatenschnur prunkte, was der Hans um schönes Geld vom Randegger Juden
+erhandelt, der auf der Reise zur Konstanzermesse alljährlich zweimal im
+Adler einkehrte, glaubte das ganze Dorf, die Ehe der ältlichen Magd mit dem
+hinkenden Schwarzwälder sei von den Beiden und der alten Urschel dazu fest
+verabredet und beschlossen. Das genannte Kleeblatt waren so ziemlich die
+Einzigen, welche nichts davon wußten und wissen wollten.</p>
+<p>Zwar redete die Alte oft genug von Hochzeiten, welche im Himmel
+abgeschlossen würden, von sonderbaren Fügungen Gottes, von den Vortheilen
+einer Ehe, in welcher die ältere Frau den jüngern Mann für sich recht
+erziehen könne, von der künftigen Erbschaft der Emmerenz und der
+Gutherzigkeit des Knechtes und nachdem letzterer sie gar aus einer
+Lebensgefahr gerettet, redete sie manchmal ganz unverblümt davon, es werde
+das Gescheideste sein, wenn die Emmerenz dem Hans über ihrem Grabe die
+Hände reiche und dem Zuckerhans klangen dergleichen Reden wie himmlische
+Musik&mdash;aber der Fisch wollte niemals herzhaft anbeißen, sondern vorläufig
+vollkommen frei und ledig bleiben und erklärte in unwirschen Augenblicken,
+eher die halbe oder auch ganze Erbschaft verlieren, als sich ewig an irgend
+ein Mannsbild der Welt binden zu wollen, am wenigsten an den "Kropfhannes."</p>
+<p>Es gäbe ein dickes Buch, wenn man Alles beschriebe, was der Zuckerhannes um
+der Emmerenz willen in kaum zwei Jahren ausgestanden; jeder Andere hätte
+alle Geduld verloren und alle Hoffnung aufgegeben, doch wissen wir bereits,
+daß selbst die Dazwischenkunft des rothen Fritz die Leidenschaft unseres
+Helden nicht dämpfte, sondern erst recht zur vollen Flamme und zwar zur
+peinigenden und verzehrenden auflodern machte.</p>
+<p>Dieser kannte Gott nicht recht und liebte Christum nicht, Etwas muß aber
+der Mensch haben, was er liebt und woran er sich hält und bei ihm, in
+dessen Gemüth einmal eingedrungene Gefühle und Leidenschaften tiefe Wurzeln
+schlugen, deren Blüthen zu stark waren, um nach jedem Winde zu flattern,
+war dieses Etwas eben die Emmerenz. Diese wurde der Abgott, den er
+beständig anbetete und weil der Abgott ein zeitliches, wandelbares Geschöpf
+war, wurde der Anbeter auch von allen Stürmen des Tages und des Herzens
+unerquicklich genug mitgenommen.</p>
+<p>Weil die später folgende Geschichte des Duckmäusers voll von Liebe ist und
+wir bereits wissen, wie weit der Zuckerhannes nach dem Tode der Ursula mit
+der verständigen Emmerenz gekommen, wollen wir mit einem kecken Sprunge den
+Wanderer einholen, der mitten in der Nacht aus dem Adler und Dorfe schied.</p>
+<p>Jetzt leuchtet die Abendsonne über die weiten Getreidefelder der Baar,
+schärfer und schärfer malen sich die dunkeln Höhen des Schwarzwaldes im
+tiefblauen Himmel ab, länger und länger werden die Schatten, am Fuße eines
+Kreuzes, das weit in die einförmige Landschaft hinausschaut und seinen
+
+Schatten beinahe bis in den Krautgarten eines stattlichen Meierhofes
+hineinwirft, sitzt der Zuckerhannes mit gefalteten Händen und bewegt die
+Lippen in inbrünstigem Gebete.</p>
+<p>Noth lehrt beten und manchmal auch der Wahn, zumal hinter der Noth oft
+genug nur der kurzsichtige Wahn steht, was gerade bei diesem Beter der Fall
+ist. Befindet er sich nicht in arger Noth, weil er wähnt, ohne die Emmerenz
+gebe es kein Glück mehr für ihn in seinem ganzen Leben, und weil er kein
+Geld hat, um vor derselben als Hochzeiter auftreten zu können?&mdash;</p>
+<p>Einen alten Plan des Spaniolen im Kopfe, die Emmerenz als seinen
+eigentlichen Herrgott im Herzen und all sein Geld in der Tasche tragend,
+ist er Tag und Nacht fortgelaufen und je näher er dem Ziele seiner nächsten
+Wanderung kam, je gründlicher er Alles überlegte, was ihm vom Erfolge
+derselben abzuhängen schien, desto ängstlicher schnürte sich sein Herz
+zusammen.</p>
+<p>Vom ursprünglichen Plane des Spaniolen, sich auf ganz besondere Weise Geld
+zu verschaffen, ist er keineswegs abgegangen, aber von den Mitteln für
+sichere Erreichung dieses Zweckes will er nur im äußersten Nothfalle
+Gebrauch machen und bittet Gott inbrünstig, diesen Fall <I>nicht</I> eintreten
+zu lassen.</p>
+<p>Die Ermahnung der Emmerenz, nichts Schlechtes zu begehen, konnte er nicht
+vergessen und Gott ließ ihn auf dem Wege mit einem geistlichen Herrn
+zusammentreffen, in welchem er denselben Vikar von Ehemals erkannte, der
+seiner Mutter, der Brigitte, so manche leibliche und geistige Wohlthat
+erwiesen und ihn selbst in die Hände der Elsbeth geliefert hat.</p>
+<p>Dieser gute Herr ist indessen ein noch besserer Landpfarrer geworden, hat
+seinen alten Schützling mit sich in den Pfarrhof genommen, gastlich
+bewirthet und beherbergt und sich den ganzen Lebenslauf desselben vom
+letzten Augenblicke der Trennung im Schwarzwalde drunten bis zum ersten der
+Begegnung in der Baar da oben ausführlich erzählen lassen.</p>
+<p>Manchmal hat der Herr den Kopf geschüttelt und den Erzähler scharf
+angeschaut, um aus der Miene desselben zu lesen, ob der wahrheitliebende
+Hannesle nicht zu einem lügenreichen Zuckerhannes geworden, doch log dieser
+nicht zuviel, sondern erzählte Gutes und Schlimmes nach bestem Wissen, denn
+er sah in der Begegnung mit seinem alten Schützer eine Fügung Gottes und
+wenn er in das ernstfreundliche Gesicht und mildklare Auge desselben
+schaute, wollte keine Lüge über die Zunge, es war ihm schier als ob er
+wieder einmal in einem Beichtstuhle säße und keinen Menschen, sondern einen
+Engel vor sich hätte, welcher Gottes Allwissenheit theile.</p>
+<p>Auch von der Emmerenz und vom Plane des Spaniolen hat der Zuckerhannes
+geredet und nicht verschwiegen, daß und weßhalb er sich gerade auf dem Wege
+befinde, diesen Plan auszuführen. Verwundert und fast traurig hat der
+Pfarrer zugehört und dann dem Plane mit unbesiegbaren Gründen
+widersprochen.</p>
+<p>Aber die Leidenschaft hat ein anderes Fühlen, Denken und Wollen, folglich
+auch andere Gründe als die christliche Wahrheit und weil der Knecht
+leidenschaftlich liebte, ist er auch nicht aufrichtig von seinem Plane
+abgegangen, wiewohl er Nichts gegen das Aufgeben einzuwenden und nichts
+Stichhaltiges für das Ausführen desselben vorzubringen wußte.</p>
+<p>Der Geistliche kennt jetzt die Menschen und ist nicht mehr der junge Vikar,
+welchen die nächste, beste Gleißnerin mit frömmelndem Geschwätze lange
+hinters Licht führt, er erkennt die Selbstsucht und den Satan in jeder
+Verkleidung, selbst in der der Frömmigkeit und religiösen Ergriffenheit,
+durchschaut den Zuckerhannes und sieht wohl, derselbe leide an einem Uebel,
+welches sich nicht an Einem Tage und sogar schwerlich in hundert oder
+tausend Tagen heilen lasse.</p>
+<p>Weil dieser offen erklärte, um keinen Preis den Plan des Spaniolen gänzlich
+aufstecken zu wollen, so schrieb der Geistliche für ihn endlich einen Brief
+in der schönen Absicht, mindestens die Gewaltmittel, von denen der Spaniol
+allein guten Erfolg von vornherein gehofft, unnöthig zu machen.</p>
+
+<p>Ganz zufrieden mit diesem Briefe schied der Zuckerhannes von seinem alten
+Schützer. Auf dem Wege las er das Schreiben einmal und zehnmal; je weiter
+er vom Pfarrhofe wegkam, desto deutlicher kam ihm die Einsicht, der
+Geistliche habe die Worte viel zu milde und versöhnlich gestellt, so daß
+wohl ein guter Christ, nicht aber ein schlechter, gottvergessener Kerl sich
+dadurch rühren und zum Geldhergeben bewegen lasse.</p>
+<p>Am Ende erinnerte sich der Verblendete an alle Verdächtigungen und
+Verleumdungen des geistlichen Standes, die er im Amtsgefängnisse und
+anderswo gehört, gelangte zur weitern Einsicht, der Briefschreiber sei eben
+auch ein "Pfaffe," der im Interesse der Großen und Reichen das Volk
+betrügen helfe und habe offenbar nicht gewollt, daß er seinen Zweck
+erreiche, sondern einen Metzgergang mache und am Ende dem rothen Fritz das
+Feld räume.</p>
+<p>Er redet und trinkt sich in argen Groll gegen den Wohlthäter hinein, findet
+einen Winkeladvokaten und dieser macht um Geld und gute Worte einen neuen
+Brief, worin die Worte des Geistlichen mit den wilden Drohungen des
+Spaniolen sich zusammengesellen und welcher zugleich im Namen des
+Ueberbringers, nämlich des Zuckerhannes, geschrieben ist.</p>
+<p>Jetzt sitzt dieser betend am Fuße des Kreuzes und erhebt sich endlich
+entschlossen, um sich dem stattlichen Maierhofe zu nähern, denn der
+Eigenthümer desselben ist gerade derjenige, welcher Geld schwitzen und
+damit ihn mit der Emmerenz zusammenkitten soll.</p>
+<p>Das Gebet hat ihm keinen rechten Muth eingeflößt; langsam, mit klopfendem
+Herzen hinkt er dem Hofe näher, der Kettenhund ist längst unruhig geworden
+und fährt wüthend aus seinem Häuslein heraus, ein Knecht steht unter der
+Stallthüre und betrachtet verwundert den Ankömmling, dessen Anzug
+keineswegs dem eines Bettlers, dessen Gesicht dagegen dem eines armen
+Sünders ziemlich ähnlich sieht. Eine kleine, hagere, unfreundlich
+dreinsehende Bauernfrau erscheint unter der Thüre, bringt den Hund zum
+Schweigen und es entspinnt sich zwischen ihr und dem Zuckerhannes folgendes
+kurze Gespräch:</p>
+<p>"Was wollt Ihr?"</p>
+<p>"Etwas mit dem Hofbauern reden. Ist er daheim?"</p>
+<p>"Nein, er ist noch im Walde bei den Knechten."</p>
+<p>"Wann kommt er heim?"</p>
+<p>"Wenn alle Lumpen heimkehren. Sagt nur gleich, was Ihr wollt, ich habe auch
+ein Maul!"</p>
+<p>"Ich muß unter vier Augen mit ihm reden. Wann treffe ich ihn, morgen?"</p>
+<p>"Mit Tagesanbruch muß er wieder in den Wald, um neun Uhr vielleicht könnt
+Ihr ihn finden. Was soll ich ihm sagen?"</p>
+<p>"Weiter nichts, aber seid so gut und gebt diesen Brief und dieses Päcklein
+mit Schriften an ihn ab. Aufbrechen werdet Ihr es wohl nicht?"</p>
+<p>"Aufbrechen? Gott bewahre, gebt nur her, bei mir ist Alles wohl versorgt!"</p>
+<p>"Ihr seid doch die Hofbäuerin?"</p>
+<p>"Ja, die bin ich und Ihr, wer seid denn Ihr? Ihr werdet nicht dem Galgen
+entlaufen sein und es wohl sagen dürfen!"</p>
+<p>"Ho, werdet's schon noch erfahren, besorgt mir jetzt nur die Schriften und
+behüte Euch Gott bis morgen neun Uhr!"</p>
+<p>"Ei, wenn Ihr gute Nachrichten habt, könnt Ihr ja dableiben und ein
+Gläslein trinken, bis mein Bauer heimkommt."</p>
+<p>"Ich weiß nicht recht, wie er meine Nachrichten aufnehmen wird! sie sind
+schon ein bischen alt, deßhalb behaltet Euer Gläslein und gehabt Euch wohl
+für jetzt!"</p>
+<p>"Ganz wie Ihr wollt!" [wollt!] ... Wer nicht will, hat schon gehabt! ...
+Lebt wohl!"</p>
+<p>Der Zuckerhannes hinkt eilig fort und murmelt auf dem Wege zum Wirthshaus
+des nahen Dorfes:</p>
+<p>"Der erste Schlag ist gefallen, der Tanz fängt an! ... Diese Bäuerin
+scheint auch keine von den Besten zu sein, am Ende gibts noch viele
+Elsbethchen auf der Welt! ... Er hats verdient, wenn er ein Höllenleben
+führt! ... Vielleicht rührt ihn der Brief desto mehr! ... Ja, eine zweite
+Emmerenz gibts halt nirgends mehr! ... Was sie in diesem Augenblicke wohl
+treiben mag!"</p>
+<p>In der Schenke vernahm er Manches, was ihm Zweifel und Sorgen über den
+Erfolg seines Schrittes erweckte und ihn die Gedankenlosigkeit bereuen
+ließ, mit welcher er die Schriften der Bäuerin eingehändigt. Mehr als
+zehnmal stand er auf, um in den Hof zurückzukehren und so oft die
+Stubenthüre sich öffnete, schnappte er nach Luft vor Angst und Erwartung,
+der Empfänger werde kommen und ihm die Antwort selbst bringen, aber er ging
+nicht und Keiner fragte nach ihm. Er brachte diese Nacht, welche er später
+die schwerste seines Lebens nannte, schlaflos zu und die wachsende Sorge
+trieb ihm alle Müdigkeit und Erschöpfung aus den Gliedern.</p>
+<p>Wer die kurze Sommernacht ebenfalls zubrachte, ohne ein Auge zu schließen,
+war der Empfänger des Briefes, nämlich der <I>leibliche Vater des
+Zuckerhannes</I>. Ja, Michel, der Sohn des reichen Fesenbauern, der Verführer
+Brigittens ist keineswegs ein Gastwirth geworden, sondern hat nach
+verschiedenen Irr- und Kreuzfahrten mit dem Reste des Vermögens, welches
+ihm nach mehreren Unglücksfällen geblieben, einen Hof gekauft und ein Weib
+genommen, welches ihm neben einem ordentlichen Geldsacke den leibhaftigen
+Unfrieden als Brautschatz mitbrachte.</p>
+<p>Aus einem wüsten, freudlosen Eheleben ging ein halbes Dutzend ungerathener
+Kinder hervor, von denen gegenwärtig nur noch Zweie im Hofe leben und im
+Bunde mit der Mutter den alternden Michel drangsaliren.</p>
+<p>Heute hat er draußen im Walde gearbeitet und ist Abends mit schwererm
+Herzen als gewöhnlich heimgekommen, auch vom Weibe und den Kindern übel
+genug empfangen worden, denn die Bäuerin hat sofort nach dem Weggehen des
+verdächtigen Fremdlings den Brief desselben erbrochen und sich von der
+Marianne, der ältesten Tochter vorlesen lassen.</p>
+<p>Noch spät in der Nacht hörten die Dienstboten die gellenden Stimmen der
+Bäuerin und Mariannens, die verächtlichen Schimpfreden, welche der lange
+Jörg gegen den Vater ausstieß und das zornige Vertheidigen Michels gegen
+die bittern Vorwürfe der Seinigen und mehr als einmal bekam es den
+Anschein, als ob die Worte wieder zu Prügeln werden wollten. Die Knechte
+und Mägde waren des Unfriedens beim Fesenbauern gewohnt, denn dieser war
+mit Weib und Kindern fast nur darin einig, der Mensch lebe lediglich, um
+Geld zu erwerben und gerade diese Einigkeit führte zu Auftritten, welche
+dem Fesenhof in der Umgegend den Beinamen "Höllenhof" erworben hatten.</p>
+<p>Heute Abend jedoch ging es hier zu, als ob Türken und Heiden sich in den
+Haaren lagen und das Unterste zu Oberst kehren wollten, selbst das
+gewöhnliche lange Nachtgebet der Dienstboten wurde mit schweren Flüchen und
+unerhörten Verwünschungen gewürzt, womit der Fesenbauer und die Seinigen
+sich bombardirten, nachher fing das unidyllische Schimpfiren und Lästern
+erst wieder recht an und hörte nach mehrern Stunden erst allgemach auf,
+nachdem sich der Michel in seiner Schlafkammer verbarricadirte und
+beharrlich jede Antwort verweigerte.</p>
+<p>Den Brief des Zuckerhannes, welcher die Rolle des Zankapfels gespielt,
+wußten die meist liederlichen Knechte und Mägde noch vor dem Einschlafen
+auswendig herzusagen und obwohl es im Fesenhofe als erstes und höchstes
+Gesetz galt, daß nach dem Betläuten kein Dienstbote an Werktagen ohne
+besondern Auftrag sich aus dem Hause entferne, würden die Zungen der
+meisten Bewohner des nahen Dorfes doch noch heute Nacht durch die
+Jugendsünden des "Höllenbauern" tüchtig in Allarm und Bewegung gesetzt
+worden sein, wenn der Spektakel die Neugierigen nicht daheim gehalten
+hätte.</p>
+<p>Ein düsteres Oellämpchen brennt in der Kammer Michels, auf dem Tische liegt
+eine Abschrift des Taufscheines und aller Zeugnisse des Zuckerhannes, die
+schlechten allein ausgenommen, den verhängnißvollen Brief des Verstoßenen
+hält der herzlose Vater in der Hand und ehe er denselben in hundert Fetzen
+zerreißt, wollen auch wir ihn lesen, zumal der Titel, "Brief an Einen aus
+Vielen" recht gut paßt.</p>
+<p>Derselbe aber lautet:</p>
+<p>"Alter Sünder! Zum erstenmal in meinem Leben wende ich mich an Dich,
+nachdem ich bald 21 Jahre das nämliche Recht auf Dich mit Allem was an Dir
+ist, besitze, welches das Kind auf seinen Vater, der junge Tiger auf den
+alten Tiger hat."</p>
+<p>"Du hast 21 lange Jahre hindurch bewiesen, das Gewissen eines Bauern könne
+nicht minder weit als das eines armen oder reichen Lumpen sein, der einem
+andern Stande angehört."</p>
+<p>"An dein weites Gewissen will ich zunächst reden und wenn es nicht ein
+bischen enger dadurch wird, dann sollst Du einen Theil der Belohnung
+empfangen, deren Du Dich würdig gemacht, ohne daß dieselbe auf Erden Dir
+bisher zu Theil wurde."</p>
+<p>"Gelt, Du hast die Tochter des Gestellmachers, die Brigitte, vergessen?"&mdash;</p>
+<p>"Natürlich, was liegt einem Schufte deiner Art an der Ehre und am
+Lebensglücke einer armen Verführten? Größere Herrn als Du Einer bist,
+leuchten dem Volke mit Unzucht und Ehebruch voran, die Welt findet
+derartige Schwachheiten höchst liebenswürdig und nachahmungswerth und was
+Christus der Herr befohlen, soll eigentlich nur für die Armen und Geringen
+Gewicht haben, den Andern Alles erlaubt sein und wenn ihnen beliebt,
+Unerlaubtes zu treiben, dann wird es im mildesten Lichte betrachtet, gar
+sorgfältig vertuscht, häufig genug belacht, belobt und belohnt."</p>
+<p>"Dich aber, Fesenmichel, will ich am Schopfe nehmen, weil ich das nächste
+Recht dazu habe und Dir zunächst sagen, wer Du bist und was Du gethan hast,
+Du Unmensch!"&mdash;</p>
+<p>"Zum Ersten bist Du ein ehrloser Wicht, weil Du von vornherein in der
+Absicht, einem braven Mädchen die Ehre zu rauben, Dich der verlassenen und
+geplagten, unerfahrenen und arglosen Brigitte genähert hast."</p>
+<p>"Zum Zweiten bist Du ein Meineidiger, denn Du hast derselben nicht blos die
+erlogenen Redensarten und Schwüre aufgetischt, welche jeder Verliebte
+aufzutischen pflegt, sondern sie durch gewisse schriftlich gegebene
+Eheversprechen in dein höllisches Garn gelockt, um rascher zum Zwecke
+deiner thierischen Lüsternheit zu gelangen. Sie hat von diesen
+Versprechungen niemals Gebrauch gemacht, weil sie noch als Gefallene mehr
+Ehre im Herzen trug als Du."</p>
+<p>"Zum Dritten bist Du ein Mörder, denn Du hast der Brigitte das Herz
+gebrochen, den Grund zu schwerem Leiden und zeitlichem Unglücke gelegt,
+welches ihren frühen Tod herbeiführte."</p>
+<p>"Das Sterben unter Gefallenen ist zwar nicht sonderlich Mode, aber gar
+Viele erliegen durch Schuld ihres Verführers dem geistigen Tode, der wohl
+mehr als der leibliche bedeutet und die Meisten bleiben einem traurigen,
+verachteten und freudlosen Leben preisgegeben."</p>
+<p>"Die Brigitte modert schon viele Jahre unter dem Boden, Du hast ihr den
+Todestritt und der Todtengräber den Abschiedstritt gegeben, aber wenn ihr
+Gespenst auch niemals deinen Schlaf störte, so sind ihre Thränen und
+Seufzer, ihre Anklagen und Verwünschungen doch von Gott gehört worden, denn
+Er ließ mich leben und am jüngsten Tage wird die Gemordete gegen Dich
+ehrlosen, meineidigen Mörder als Anklägerin auftreten, wenn Du deine Schuld
+nicht auf Erden erkennst und einigermaßen zu sühnen Lust bekommst."</p>
+<p>"Sie hat Dir zwar vor ihrem Tode verziehen, Alles verziehen, aber Gott kann
+und wird Keinem verzeihen, welcher nicht Asche auf das Haupt streut und
+ernste Buße thut."</p>
+<p>"Es ist leider wahr, schrecklich wahr, daß Du, Fesenmichel, vor mehr als 20
+Jahren nicht schlechter an Brigitten gehandelt hast, als Tausende vorher
+und seither, vielleicht in dieser Stunde, an tausend Anderen handeln, aber
+ein Laster bleibt ein Laster, wenn es auch wegen allgemeiner Verbreitung
+schier zum Gesetze und Recht gemacht wird und Du bleibst ein ehrloser,
+meineidiger, mörderischer Wicht, wenn Du auch unter allen Ständen und
+Klassen des Volkes noch so viele Kameraden und die Entschuldigungen:
+Jugend, Mangel an Bildung, guter Gelegenheit und dergleichen hohle
+Redensarten für Dich hast."</p>
+<p>"Weißt Du, weßhalb ich das Recht besitze, dein weites Gewissen aus langem
+Sündenschlafe aufzurütteln und an Brigitten zu mahnen? Weil ich Brigittens
+Sohn, dein eigener, leiblicher Sohn bin, gegen den Du Dich nunmehr seit
+mehr als 20 Jahren täglich versündiget hast."</p>
+<p>"Der zweideutigen, flüchtigen Freude einer Schäferstunde hast Du das
+Lebensglück zweier Menschen geopfert, welche nichts Böses gethan haben und
+die Folgen deiner lustigen Sünde pflanzen sich reichlich und unabsehbar auf
+Erden und hinüber in die endlose Ewigkeit fort. Brigitte ward unglücklich
+auf Erden durch Dich; wäre ihre arme Seele nach dem Tode nicht in den
+Himmel gekommen, sondern den Martern des Fegfeuers oder gar den ewigen
+Qualen der Hölle überantwortet worden, so trügest Du wohl die meiste Schuld
+daran, denn Du hast Alles gethan, um sie zeitlich und ewig zu verderben und
+Nichts, um sie zeitlich und ewig zu beglücken."</p>
+<p>"Ungemach und Unglück aller Art haben mich großgezogen, Dir zumeist habe
+ich alles Widrige zu verdanken, was mir bisher im Laufe vieler Jahre
+begegnete, indem Du mich in die Welt setzen halfst und dann für immer
+verließest, wie das wildeste Raubthier sein Junges nicht zu verlassen
+pflegt."</p>
+<p>"Hyänen, Löwen und Tiger helfen ihre Jungen aufziehen, tragen ja Futter
+herbei und vertheidigen dieselben bis zum letzten Blutstropfen, die Heiden
+befolgen das Beispiel der Thiere und handeln als Menschen dazu, aber in
+christlichen Landen laufen große Haufen viehischer Bauern und viehischer
+Herren, die großartig mit Ehre und Bildung und manchmal sogar mit ihrem
+Christenthum prahlen und pochen, herum und unterlassen, was Raubthiere und
+arme Heiden thun und Christen vor Allem im höchsten Grade thun sollen."</p>
+<p>"Brave Geistliche sehen in solch heillosen Zuständen eine Hauptquelle der
+unermeßlichen Summe von Jammer und Elend, welches auf der Christenheit
+lastet, doch nicht einmal im Beichtstuhle, geschweige auf der Kanzel dürfen
+sie sich mehr als allgemeines Gerede über das sechste Gebot erlauben, wenn
+sie nicht von der empfindsamen, anständigen und doch so grundliederlichen
+und verderbten Welt arg verkannt, verlästert und vom zahllosen Heer der
+Religionsspötter, Staatsverbesserer und Unzüchtigen gesteiniget werden
+sollen."</p>
+<p>"Und die Gesetze? Guter Gott, die Gesetze <I>müssen</I> da aufhören, wo
+allgemeine Liebhabereien des Volkes anfangen; gerade die Gesetze sollen in
+den meisten Ländern das sprechendste Zeugniß ablegen, wie weit es unser
+Anstand und unsere Bildung mit der wahren Schaam und ächten Sittlichkeit
+hinsichtlich des sechsten Gebotes brachten und was die Frucht einer allzu
+zartsinnigen Erziehung sei."</p>
+<p>"Die Gesetze geben mir kein Recht, Dich Fesenbauer am Schopfe zu nehmen,
+ganz im Gegentheil schützen sie Dich ehrlosen, meineidigen Mörder und
+Rabenvater vor jeder unsanften Berührung, aber ich nehme Dich doch am
+Schopfe, mein Recht dazu ist von der Natur und Vernunft und damit von Gott
+gewährleistet und wenn ich Dir eventuell den Hirnkasten einhämmerte, die
+Gesetze mich dafür verdammen, so hast nur Du vor Gottes Richterstuhl die
+alleinige Verantwortung!"&mdash;</p>
+<p>"Nimm Dich in Acht vor mir, Du hast mich zum Waisen gemacht, zum armen,
+verachteten, mißhandelten und verfolgten Bankert und bei Dir steht es,
+meiner Armuth ein Ende zu machen oder mich dahin zu bringen, daß ich die
+bisher unverdiente Verachtung endlich einmal verdiene, die Mißhandlungen,
+welche die Mitmenschen meiner Mutter und mir reichlich angedeihen ließen,
+am Urheber räche, nach weiterer Verfolgung den Teufel frage und Dich in
+alle Ewigkeit in die tiefste Hölle hinabfluche und noch dort erwürge."</p>
+<p>"Kein Mensch gibt sich selbst das Leben und kann dafür, wenn er in einem
+Schweinestalle anstatt in einem Schlosse geboren wird, ein jeder Bettelbube
+würde gewiß bald und gerne zu einem "gnädigen Herrlein" sich ummodeln, wenn
+es nur anginge; ferner ist das Weib schwächer als der Mann, ein
+unerfahrenes Mädchen mit Schwüren und besonders mit schriftlichen
+Versprechungen nicht sonderlich schwer zu übertölpeln.&mdash;Das Kind ist ganz,
+die Mutter in den meisten Fällen sicher mehr als halb unschuldig, doch
+Mutter und Kind tragen in unsern Landen voll einsichtsreicher, gerechter
+Menschen und christlicher Nächstenliebe alle Schuld und alle Folgen der
+Sünde, der Hauptschuldige und Hauptsünder dagegen wird kaum in Heimgärten
+oder in den Prachtzimmern ausgeputzter Kaffeeschwestern ein bischen
+durchgehechelt, fragt gemeiniglich wenig darnach und hat leichte Sorge,
+seine Ehre vor Schiffbruch zu bewahren."</p>
+<p>"Meine Mutter ist an den Folgen deiner Sünde gestorben und ich habe diese
+Folgen vor der Welt nunmehr 21 Jahre herumgeschleppt, Du hast nichts
+darnach gefragt, bist nach wie vor der reiche, angesehene Fesenbauer
+geblieben, hast ein reiches Weib und eheliche Kinder bekommen, aber jetzt
+schreibt Dein Ismael an Dich und wenn es umsonst ist, dann soll die todte
+Hagar gerächt werden von ihrem Ismael und Du wirst mindestens einmal heulen
+wie die Thiere der Wüste, wenn Du nichts Besseres von denselben lernen
+willst!"&mdash;</p>
+<p>"Wäre ich ein Spitzbube, Räuber, Mordbrenner und Mörder geworden, wer trüge
+wohl viele oder die meiste Schuld daran? Nennt Dir das weite Gewissen
+keinen Namen? Hätte ich das schlechte Leben Deiner Jugend auch bereits
+angefangen und mein Elend durch neue Waisen vervielfacht, wer hätte die
+erste Verantwortung dafür? Würde ich mit allen meinen Nachkommen dereinst
+ewig verdammt werden, wer hätte der Hölle diese Rekruten angeworben?"</p>
+<p>"Ich brauche Dir den Namen einstweilen nicht mit einem Dreschflegel hinter
+die Ohren zu schreiben; wenn Du auf Dich selbst hinweisest und sagst: das
+ist der Schuft!&mdash;dann hast Du den Rechten errathen!&mdash;Gelt, der <I>junge</I>
+Fesenmichel hat beim Bärenwirth im Walde drunten keine derartigen Gedanken
+bekommen? Ich vermuthe, der <I>alte</I> Fesenbauer bekomme vom vielen Denken
+noch immer keine Kopfwehe, deßhalb hat der Ismael diese Schrift machen
+lassen und mit Freuden unterzeichnet."</p>
+<p>"Beiliegende Zeugnisse und Schriften enthalten die Beweise, daß ich
+Brigittens Sohn und der Deinige sei vor Gott und daß ich ferner groß
+geworden, ohne eine besondere Schlechtigkeit zu begehen."</p>
+<p>"Von meinen Unglücksnächten und Trauerjahren will ich Dir so wenig erzählen
+als von den zahllosen Flüchen, welche ich Waise auf Dich herabfluchte. Ich
+bin so gut Dein Kind, wie Deine ehelichen es sind, vor Gott dem
+Allmächtigen habe ich von Dir Alles zu fordern, was ein ehelicher Sohn vom
+Vater zu fordern hat und wenn Gerechtigkeit auf Erden zu finden wäre,
+würden die Gesetze einen Menschen Deiner Art ins Zuchthaus zu den
+Leibesmördern und Seelenmördern senden oder jedenfalls weniger, auch gar
+keinen Unterschied zwischen den Rechten ehelicher und unehelicher Kinder
+machen!"&mdash;</p>
+<p>"Aber Brigittens Verzeihung soll gelten, ich will Alles vergeben und
+vergessen, was ich 21 Jahre um Deinetwillen litt und Dein getreuer Sohn
+werden oder Dir angeloben, eidlich angeloben, den Eid schriftlich aufsetzen
+und gerichtlich bestätigen lassen, daß ich niemals wieder einen Anspruch
+irgend einer Art an Dich machen werde, Alles, wie Du es willst&mdash;wenn und
+insofern Du Dich jetzt dazu verstehst, mir nur einen kleinen Antheil von
+Dem zu geben, was jedes Deiner ehelichen Kinder wohl schon gekostet,
+geschweige noch zu erwarten hat."</p>
+<p>"Vier- bis fünfhundert Gulden nämlich reichen aus, aus einem der
+verlassensten Bursche des Landes zeitlebens einen glücklichen Mann zu
+machen, der Dich und die Deinigen niemals belästiget und täglich für Euer
+Wohlergehen betet."</p>
+<p>"Um Christi Barmherzigkeit willen flehe ich Dich an, zum ersten- und
+letztenmal menschlich gegen mich zu sein, zu Füßen will ich Dir fallen um
+Dein Felsenherz zu erweichen und nicht Dich und wohl auch mich zeitlich und
+ewig unselig zu machen."</p>
+<p>"Mit leeren Versprechungen lasse ich mich nicht abspeisen; Dein Geiz darf
+nichts hoffen, ein guter Freund hat mir gesagt, was ich zu thun habe, wenn
+Du Flausen machtest und Gott sei mein Zeuge, daß ich nimmer weiche, nimmer
+ablasse, Dich auf alle möglichen Arten zu quälen und zu verfolgen, wenn Du
+mir nicht einige hundert Gulden, weiche Du wohl stets bereit oder doch sehr
+nahe bei der Hand hast, mir einhändigest, damit ich bald wieder fortkomme."</p>
+<p>"In Betreff der Amtsleute bemerke ich Dir, daß ich Zuchthaus, Galgen und
+Rad weniger scheue, als ein Leben ohne Geld, welches ich bisher ertrug,
+nunmehr aus Gründen, die ich Dir mündlich mittheilen kann, nicht länger
+ertragen mag."</p>
+<p>"Ueberlege wohl, Fesenbauer, bevor Du handelst und handle diesmal
+menschlich und christlich an Deinem</p>
+<p> <I>Ismael Zuckerhannes</I>."</p>
+<p>Dieser Brief wurde vom Leser in hundert Fetzen zerrissen, ohne das Conzept
+des Winkeladvokaten wäre die solide gebildete Welt um ein Muster
+unanständiger Grobheit ärmer geblieben.</p>
+<p>Der Michel hat in dieser Nacht nicht geschlafen und unwillkührlich viel an
+die Brigitte und ihren Bären gedacht.</p>
+<p>Am nächsten Morgen geschah, was der Spaniol einst prophezeit hatte, der
+heranrückende Zuckerhannes wurde nämlich vom Fesenhofe durch den
+Kettenhund, das Schimpfen, Schelten und Drohen der zweibeinigen Bewohner
+schmählich vertrieben und vergaß die rührende Rede, welche er sich während
+der Nacht ausgedacht, bevor er noch ein Wort davon über die Lippen brachte.</p>
+<p>Am dritten Abend später blieb der Fesenmichel ungewöhnlich lange von seinem
+Hofe weg.</p>
+<p>Die Bäuerin und Marianne schalten und lärmten, der lange Jörg, der älteste
+eheliche Sohn des Hauses, fluchte wie ein Türke, später jedoch griff man zu
+Laternen und band den Kettenhund ab, die Knechte suchten mit dem Jörg den
+Hofbauern.</p>
+<p>Sie fanden denselben dem Anscheine nach erschlagen in einem Graben und der
+ganze Verdacht der That fiel auf den Landstreicher, welcher den bitterbösen
+Brief gebracht und vom Hofe verdienterweise weggehetzt worden war.</p>
+<p>Die Bäuerin wälzte sich vor Trauer und zerraufte die Haare sammt zwei
+Kämmen, Marianne schrie, daß die Leute im Dorfe drüben es hörten, der lange
+Jörg stelzte in stummem Schmerze hin und wieder, auf und ab und begann ein
+neues Hausregiment zu führen, als nagelneuer Gebieter zahllose Mängel an
+allen Maßregeln des Vorgängers zu finden und seine Aufmerksamkeit zunächst
+auf die kleinsten Kleinigkeiten zu richten&mdash;aber Alles änderte der
+Physikus, welcher am vierten Tage der entsetzten Bäuerin, der wehmüthigen
+Marianne und dem zornigen Jörg die frohe Nachricht verkündigte, er habe im
+ersten Augenblick recht gesehen, das Gehirn des Fesenmichel sei unverletzt
+und die Herzwunde könne zwar langwierige Folgen haben, doch habe der Stich
+um einer gewissen Rippe willen nicht so tief einzudringen vermögen, um den
+Michel allzufrüh mit dem Himmel in Bekanntschaft zu setzen.&mdash;</p>
+<p>Die Gensdarmen liefen sich schier die Beine, jedenfalls dicke Stiefelsohlen
+ab, um den Zuckerhannes zu fangen, aber sie erwischten ihn nicht und waren
+froh, daß er sich freiwillig den Gerichten überlieferte.</p>
+<p>Er spazirte wiederum in ein Amtsgefängniß und der Prozeß begann ernsthaft
+zu werden, als der Fesenbauer auf den Beinen und so weit hergestellt war,
+um vor Amt erscheinen zu können.</p>
+<p>Kein Unglück ohne Glück!&mdash;Der Zuckerhannes hatte keine Zeit gehabt dem zu
+Boden geschlagenen Hofbauern das Mindeste zu nehmen und deßhalb wurde er
+nicht als Räuber behandelt. Ferner schwor der Fesenmichel, die Brigitte sei
+ein "liederliches Thier" gewesen und der Zuckerhannes sei eher jedes Andern
+Sohn als der seinige. Dieser Schwur war eine große Wohlthat und der Thäter
+so gescheidt, die That für die Folge eines kleinen Mißverständnisses zu
+erklären.</p>
+<p>Einige Monate später trug Brigittens unehrlicher Sohn auch unehrliche
+Kleider.</p>
+<H4><a name="5"></a>Ein Tag im Zuchthause.</H4>
+<p>
+Die Sterne glänzen und flimmern noch hell am Winternachthimmel, der Mond
+schaut noch in die Straßen der Stadt hinab, man könnte dieselben für
+ausgestorben halten, wenn nicht zuweilen die eiligen Schritte eines
+bleichen Nachtschwärmers oder die abgemessenen einer Schildwache auf dem
+Pflaster hohl und dumpf wiedertönten oder eine Wäscherin längs den hohen
+stattlichen Häusern einem Marktweibe begegnete und beide sich guten Morgen
+wünschten&mdash;da zittern hell und schrill die Klänge eines Glöckleins durch
+die Morgenluft und wer sich nicht in holden Träumen wiegt, des Glöckleins
+Stimme hört und kennt, der weiß, daß ein neuer Tag mindestens für die
+modernen Staatssklaven, die Bewohner des Zuchthauses, angebrochen sei.</p>
+<p>Das Zuchthaus liegt am Ende der Stadt, ist ein altes, weitläufiges mit
+einer hohen Mauer umgebenes Gebäude mit mehrern Nebengebäuden und Höfen und
+unseres Wissens sehr sinnvoll und zeitgemäß aus einem ehemaligen Kloster zu
+einer Kaserne und endlich zum Rang einer Strafanstalt erhoben worden, deren
+Bewohnerzahl noch vor 10 Jahren nicht 150 überstieg, in neuerer Zeit aber
+fast nicht mehr unter 330 im Durchschnitt herabsinken will.</p>
+<p>Hochgestellte Staatsbeamte, weltliche und geistliche Herren, rührige
+Werkmeister und vielgeplagte Aufseher sind oft viele Jahre und manchmal ihr
+ganzes Leben hindurch dazu verurtheilt, mit dem den Gesetzen verfallenen
+Abschaum des Volkes zu verkehren, demselben ihre Zeit und ihre Kräfte zu
+opfern, ohne großen Lohn und sonderliche Anerkennung dafür einzuerndten und
+so magst auch Du als Freund des Volkes Dich dazu bequemen, der Stimme jenes
+Glöckleins zu gehorchen, als unsichtbarer und gerade deßhalb als richtig
+sehender Gast in eine Strafanstalt einzutreten, deren Bewohner in Sälen Tag
+und Nacht beisammen hausen und welche den Ruf einer Musteranstalt der
+gemeinschaftlichen Haft vollkommen verdient.</p>
+<p>Dem ersten Anscheine nach geht es in einem derartigen Hause gar einförmig,
+still und dennoch rührig zu; es ist eine wahre Freude, das Leben und
+Treiben der reinlich gekleideten, gut aussehenden, bescheidenen, gehorsamen
+und fleißigen Sträflinge einmal mitanzusehen und könntest beinahe Lust
+bekommen, mit dem nächsten besten Graukittel human oder christlich zu
+fraternisiren&mdash;aber ein Mensch wird eben doch niemals zur vollkommenen
+Maschine, der Wurm, welcher am bessern Selbst des Sträflings nagt, wird von
+der zweckmäßigsten Hausordnung nicht getödtet und das Wehe, welches ihm oft
+so tief im Herzen sitzt, durch die einsichtsvollste, menschenfreundlichste
+Behandlung nur gemildert und niemals gehoben.</p>
+<p>Das Glöcklein hat die Gefangenen nicht geweckt, für das Erwachen derselben
+sorgten schon vorher die Aufseher durch Anpochen an die Thüren der
+Schlafsäle. In ihre Wollteppiche eingewickelt lagen die Sträflinge auf
+ihren Strohsäcken, Mancher schaute bereits gleichgültig oder sehnsüchtig
+dem neuen Tage des alten Elendes entgegen, Andere störte das Rufen und
+Pochen in süßen Träumen und verwandelte lächelnde Gesichter in
+niedergeschlagene Alltagsköpfe, Alle erheben sich, greifen nach ihren
+Zwilchkleidern, Strümpfen und Schuhen und in einer halben Minute ist die
+Toilette schon so weit gediehen, daß nachträglich zum Kamme und zum
+Handtuche gegriffen werden kann.</p>
+<p>Dort im Hintergrunde steht ein gemeinsamer Waschtisch, ein altes Fäßlein
+oben darauf, dahin trabt Einer nach dem Andern, das Lachen, Fluchen und
+Selbstquälen beginnt gemeiniglich schon bei dieser Gelegenheit, denn Jeder
+will zuerst Wasser haben und schön werden und der Gänsewein läuft doch nur
+aus einem Hahnen, den Becher kann nur Einer nach dem Andern bekommen und
+der Flinke ärgert sich über den Langsamen.</p>
+<p>Die Gescheidesten machen einstweilen ihr Bett und geben demselben die
+vorschriftmäßige Glättung, ehe sie sich waschen und kämmen; die
+Unreinlichsten begnügen sich mit einigen Tropfen Wasser, welche auf das
+Handtuch als Ovation der Hausordnung tröpfeln, lassen die ohnehin
+kurzgeschnittenen Haare ungekämmt, die Verzärtelten thun dasselbe, denn der
+Winter hat seine Eisblumen über die Fenster des Saales gewoben, so daß man
+weder Drathgitter und Eisenstäbe vor denselben noch den Sternenhimmel sieht
+und das Wasser ist kalt. Ehe die Langsamsten und diejenigen, denen der
+Aufenthalt in dem dumpfen Saale Kopfweh verursachte oder der von schweren
+Träumen beherrschte Schlaf keine Erquickung gewährte, vollkommen fertig
+geworden, klirren Schlüssel und Ketten, die mächtigen Riegel der
+eisenbeschlagenen Thüre des Saales Nro. 5 werden zurückgezogen, die Thüre
+springt auf, ein schnurrbärtiger Aufseher tritt in den Saal und wird von
+mehr als einem freundlichen "guten Morgen, Meister!" empfangen.</p>
+<p>Ein Fremder würde vielleicht vor der verderbten Luft, welche ihm aus dem
+Schlafsaale entgegenströmt, weichen und etwas von jenem unbeschreiblichen,
+durchdringenden Geruche wittern, welcher der Kerkerluft eigen ist, doch die
+Geruchsnerven eines Aufsehers sind längst gegen derartige Kleinigkeiten
+durch Gewohnheit abgestumpft, der Aufseher nimmt lediglich zu seinem
+Vergnügen eine riesenmäßige Prise und wirft die Augen prüfend rings umher.</p>
+<p>Alles befindet sich in guter Ordnung, jeder Gefangene steht bei seiner
+Bettlade, das Summen und Brummen wird durch den ersten Kommandoruf des
+Tages in lautlose Stille verwandelt.</p>
+<p>"Gebet!"</p>
+<p>Die Reihe des Betens ist heute an Nro. 117, einem Mordbrenner aus der Baar,
+dessen dicker Kopf und ungemein starker Nacken an einen tüchtigen
+Schweizerstier oder an eine englische Bulldogge mahnen. Der Gute haspelt
+Etwas herab, was möglicherweise einem Vaterunser ähnlich lautet, mindestens
+versteht man die Worte "Vater unser" und "Absterbens Amen," die Kameraden
+falten die Hände und schauen in die Nacht hinein.</p>
+<p>"Ab!"</p>
+<p>Jeder greift nach seiner Mütze, Einer nach dem Andern trabt der Thüre zu,
+Einer hinter dem Andern in den Gang hinaus und an den Aufsehern vorüber,
+welche mit Soldaten an einigen Posten aufgestellt sind und Jeden mustern.</p>
+<p>Der Aufseher, welcher der Saalthüre zunächst steht, zählt die
+Herausgehenden, ein Zweiter macht für Jeden derselben einen Strich auf eine
+Schiefertafel, die Zahl wird voll, Keiner der unfreiwilligen Gäste fehlt,
+einige derselben sind uns bekannt.</p>
+<p>Das Affengesicht ist unter den Ersten, welche aus dem Saale Nro. 5
+schleichen, hat die Zwilchkappe sehr herausfordernd auf das linke Ohr
+gesetzt, aber die verloschenen, mit blauen Ringen unterlaufenen Augen, die
+gebückte Haltung, der schlotternde Gang und vor Allem die süßfreundliche
+Frazze, womit er die ernstblickenden Aufseher begrüßt, beweisen, daß Kraft
+und Muth nicht in der Seele dieses Subjektes flammen.</p>
+<p>Ein Faustschlag des hinter ihm gehenden Mordbrenners reichte wohl hin, das
+durch längere Gefangenschaft und andere Dinge erschöpfte Affengesicht zu
+zermalmen. Jetzt kommt Einer, von welchem ein witziger Sträfling behauptet,
+derselbe müsse ein Gärtner sein, weil er das Saamensäcklein beständig am
+Halse hängen habe&mdash;es ist der Zuckerhannes, der lang und faul aus dem Saale
+hinkt und nicht vergißt, jeden Aufseher gutmüthig anzulächeln. Die Wangen
+sind offenbar stark verbleicht und etwas unschlittfarben geworden, doch im
+Ganzen sieht unser Held gar nicht übel und unglücklich aus und die
+reinliche Sträflingstracht kleidet ihn recht gut.</p>
+<p>Dem Zuckerhannes folgt ein eisgrauer Mann mit großen, schwermüthigen Augen
+und kummervollem, gefurchtem Antlitze. Er grüßt Niemanden und man bliebe
+zweifelhaft, ob die langen, schmalen Lippen durch Krampf oder Gebet
+beständig in Bewegung erhalten würden, wenn man nicht wüßte, daß Beides
+zugleich der Fall sei.</p>
+<p>Ja, der alte Melchior betet vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, ein
+Nonplusultra der Frömmigkeit, welches Spott und Hohn der Religionslosen
+verachtet, denn er hat als Mörder seines Sohnes noch zwölf Jahre hier zu
+"brennen," ist ein alter Mann, der die Heimath liebt und nur Einen Wunsch
+hegt, nämlich sein Dörflein wieder zu sehen. Er betet um Befreiung aus
+dieser Jammerhöhle und je länger diese ausbleibt, desto inbrünstiger und
+ausschließlicher fleht er um dieselbe.</p>
+<p>Hinter dem Melchior trabt ein Bube einher, welchen wir ein Kind nennen
+würden, wenn nur noch etwas Kindliches in diesem pfiffigen
+Spitzbubengesichtchen sich entdecken ließe. Blutjung an Jahren übertrifft
+er den alten Melchior an Erfahrung in Sachen der Greiferkunde und
+jedenfalls an Verschmitztheit und Schlechtigkeit. Weil er außergewöhnliche
+Anlagen zu Lastern und Verbrechen bethätigte, sandte ihn die einsichtsvolle
+Gesellschaft auch ungewöhnlich früh auf diese Hochschule der Verbrecher und
+es scheint, daß er die von gründlicher Erfahrung strotzenden Vorträge
+grauer Schelme mit Nutzen hört.</p>
+<p>Mit dem festen Schritte eines Soldaten folgt ein hochgewachsener, noch
+jugendlich aussehender Bursche, dessen edle Gesichtszüge wenig von der
+Resignation eines alten Sträflings, wohl aber von stiller Schwermuth und
+hoffnungsloser Verzweiflung sprechen. Das Feuer der dunkeln Augen ist noch
+nicht verloschen, der Mund, der so mancher Dorfschönen und Stadtmamsell
+freundlich zugelächelt, hat das Lächeln noch nicht verlernt, doch aus den
+Augen sprüht ein innerer Brand und durch das Lächeln zuckt ein tiefer Gram.</p>
+<p>Dieser schöne, interessante Mensch ist ein lebenslänglich Verurtheilter,
+nämlich der Duckmäuser, der erste und letzte Busenfreund des Zuckerhannes.</p>
+<p>Wir werden uns viel mit ihm beschäftigen, der Umstand, daß er kein Gebilde
+dichterischer Einbildungskraft ist, sondern bis heute lebt, vermehrt
+vielleicht das Interesse des Lesers&mdash;doch für jetzt lassen wir den armen
+Duckmäuser abmaschiren und befassen uns lediglich mit der Sträflingsrolle
+desselben.</p>
+<p>Der brave Obermeister, welcher die Namen derjenigen aufzeichnet, die heute
+Nacht im Saale Nro. 5 erkrankt sein wollten und einen sichtbar Erkrankten
+bei sich zurückbehält, grüßt den Duckmäuser freundlich und dieser eilt
+hinaus in den Hof, nimmt in der Geschwindigkeit einen Schluck frischen
+Wassers vom Brunnen mit, blickt zum Monde empor, gedenkt seufzend der
+lieben Schläfer im Heimathdörflein, welches er niemals wiedersehen soll und
+verschwindet dann in der Thüre eines Nebengebäudes.</p>
+<p>Stumm, in ihre dunkeln Mäntel gehüllt, stehen Schildwachen und Aufseher in
+den Höfen umher, außer den Schritten der Sträflinge vernimmt man keinen
+Laut, endlich verhallen auch diese, nur der Bach, der seine raschen, kalten
+Wellen durch die Strafanstalt jagt, murmelt mit dem Morgenwinde.</p>
+<p>Doch hell ist's geworden hinter den großen und kleinen vergitterten
+Fenstern der Arbeitssäle, rasch wird der Lärm der Arbeiter hörbar, dort das
+emsige Klopfen der Schuster, hier das taktfeste Aechzen der Webestühle,
+nicht weit davon das gemüthliche Schnurren der Rädchen der Spuler, Spinner
+und Wollspinner; tief aus dem Bauche der Erde herauf zischen alle Arten von
+Hobeln, kreischen Sägen, donnern schwere Küferhämmer und das wilde Rauschen
+des losgelassenen Wasserrades, das dumpfe Rollen gewichtiger Walzen in der
+Hanfreibe mahnt an die industrielle Neuzeit, wie die frühere Stille an das
+Klosterwesen des Mittelalters.</p>
+<p>Steigen wir hinab in das Gewölbe der Holzarbeiter, so finden wir dasselbe
+hell erleuchtet und voll rühriger Arbeiter, denn schon die empfindliche
+Kälte des Morgens setzt trotz dem knurrenden Veto des leeren Magens Füße
+und Hände in Bewegung.</p>
+<p>Gemessenen Schrittes geht ein unbewaffneter Aufseher ruhig auf und ab,
+während der Werkmeister von dieser Hobelbank hinter jene Reihe doppelt
+aufgethürmter Salzfässer eilt, an jenem Schleifsteine nur verweilt, um dem
+fleißigen Drechsler oder dem geschickten Holzschnitzer oder Leistenmacher
+ein schärferes Instrument zu bringen oder am Schreibtische in der
+hintersten Ecke die Arbeitslisten des Tages zu ordnen.</p>
+<p>Vor dem Ofen steht der Zuckerhannes mit einer Schaufel, schaut behaglich in
+die Flammen, deren röthliches Licht seine Gestalt umflackert und füttert
+von Zeit zu Zeit den Wärmespender mit Abfall und Hobelspänen.</p>
+<p>Befinden sich Aufseher oder Werkmeister nicht gerade in der Nähe, dann
+schaut das Bulldoggengesicht des Mordbrenners vielsagend von der Fügbank
+zum Heitzer herüber oder eine listige Galgenphysiognomie blinzelt für einen
+Augenblick hinter dem Ofen hervor oder ein furchtsamer Neuling zischt ein
+kurzes Wort, der Zuckerhannes aber wirft die Augen spähend umher, bückt
+sich dann rasch, zieht einen dunkeln Gegenstand zwischen den Hobelspänen
+hervor und im nächsten Augenblicke fliegt ein Stück Erlenholz, Nußbaumholz,
+ein Sesselfuß, ein Eichenklotz oder etwas Anderes in die lodernde Gluth und
+die Schaufel sichert der Flamme ihren Raub durch nachgestoßene Hobelspäne.
+"Spart Holz an den Sträflingen, Ihr Kaiben!" murmelt der Zuckerhannes und
+lacht schadenfroh, die Nachbarn lachen, der Schurrbart [Schnurrbart] des
+zurückkehrenden Vorgesetzten zaubert lauter unschuldige Mienen um sich her,
+doch inwendig lacht das Herz fort und das Verschwinden des Argus gibt das
+Signal zur Wiederholung des Manövers.</p>
+<p>Der Werkmeister mag noch so getreu, der Aufseher noch so scharfblickend und
+erfahren sein, dennoch wird an Rohstoffen und Arbeiten in Sträflingssälen
+jährlich Vieles absichtlich verdorben und wer mit Strenge dreinfährt und
+dadurch die Arbeiter erbittert, wird bald arg erfahren, daß keine Macht der
+Erde den Menschen zur willenlosen Maschine und den Sträfling zum getreuen
+Haushalter mit fremdem Eigenthum macht.</p>
+<p>Es gibt manche, vielleicht viele Gefangene, welche das ihnen anvertraute
+Gut sehr sorgfältig und eifersüchtig hüten, dafür ist ihnen das des
+Nachbars vollkommen gleichgültig und Viele haben ihre Freude daran,
+Rohstoffe zu verderben und zu verschleudern.</p>
+<p>"Es gehört dem Staat!" brummt der Exfourier, ein langer Mensch, dessen
+Fuchskopf von einer ungeheuern Adlernase beschattet wird und spedirt im
+Vorübergehen ein hölzernes Arbeitsgeräthe in den Ofen, der sich freudig
+aufflackernd für diesen Morgenbissen bedankt.</p>
+<p>"Es gehört dem Staat!" wiederholt der Zuckerhannes und fügt bei "der Teufel
+soll den Staat holen!"&mdash;Der Staat ist ihm ein ungreifbares Etwas, ein
+reicher, vornehmer, mächtiger Feind, der ihn beherrscht und quält und dafür
+auf jede Weise beschädigt werden muß.</p>
+<p>Manche Sträflinge gehen hin und her, wandeln ein und aus und mehr als Einer
+kehrt freudiger zurück, als er fortgegangen. Die holde Dämmerung ist der
+Mantel, unter welchem der Hausordnung die besten und sichersten Schnippchen
+geschlagen werden, der Abtritt die Börse und das Rathhaus der
+Zuchthauswelt. Hast Du Schick? fragt ein Straßenräuber den Ofenheitzer.
+Dieser zieht ein Päcklein dieser Sträflingsambrosia hervor, der Räuber
+schneidet eine Viertelelle ab, klirrt freudig mit seinen Ketten und ist in
+diesem Augenblicke ein Glücklicher.</p>
+<p>Wie wenig gehört dazu, ein Kind oder einen Gefangenen glücklicher oder
+unglücklicher zu machen!&mdash;</p>
+<p>"An Eure Arbeit!" donnert der Aufseher den Beiden zu; der Zuckerhannes
+springt an seine Fügbank, der Straßenräuber aber schreitet trotzig nach der
+Thüre.</p>
+<p>"Wohin?"</p>
+<p>"Hinaus!"</p>
+<p>"Schon wieder?&mdash;Verfluchtes Geläufe!"</p>
+<p>"Schon wieder!" schnauzt der Kettenträger und murmelt vor sich hin einen
+schweren Fluch über alle Leuteschinder.</p>
+<p>Er trifft einige Andere; der Exfourier erzählt eben, wie bis zur Stunde ein
+ehemaliger Aufseher in der Stadt herumstolpere, welcher eine Perüke und
+darunter einen silbernen Hirnschädel trage, weil ihm der beinerne von einem
+Sträfling eingeschlagen worden sei. Die Zuhörer bewundern die That dieses
+Sträflings und der entzückte Kettenmann schwört, nach der Entlassung dem
+Hungerleider da drunten mindestens die Augen ausdrücken oder die Beine
+abschlagen zu wollen.</p>
+<p>"Weßhalb bist Du da?" fragt der Exfourier einen jungen Burschen, welcher
+erst vor zehn Tagen gekommen und gestern zur Arbeit gesandt wurde.&mdash;"Von
+wegen meiner Religion!"&mdash;"Wirst doch nichts auf die Spitzbuben von Pfaffen
+halten!"&mdash;"Gott bewahre, ich habe meine eigene Religion und deßhalb bin ich
+hier, denn mein Glaube wird verfolgt!"&mdash;"Ja, was glaubst Du denn?"&mdash;"Ich
+habe geglaubt, das Gut Anderer sei das meinige, es ist mein erster und
+letzter Artikel!"&mdash;Alle lachen, Einige gehen, Andere kommen, unter letztern
+der Zuckerhannes mit dem Benedict, wie der Duckmäuser heißt.</p>
+<p>"Ah bonjour, Benedict, mein, ich habe schön von meiner Braunen geträumt!"
+sagt der Exfourier und lacht höhnisch.</p>
+<p>"Kann mir denken, was ein Schwein deiner Art träumt!" meint der Benedict
+trocken.</p>
+<p>"Hört einmal diesen Narren, er vergönnt Einem die Träume!" meint Einer.</p>
+<p>"Der Duckmäuser hat einen haushohen "Krattel," meint immer, er sei Etwas
+Besseres als Andere, das hat ihm das Genick gebrochen! ... Wozu ist denn
+der Mensch auf der Welt, wenn er nicht einmal ein bischen ein Schwein sein
+darf? ... Kannst Dich noch so tugendhaft anstellen, deßhalb siehst Du die
+Marzell, die Susann, das Rosele und wie deine "Menscher" alle geheißen
+haben, doch in den nächsten 10 Jahren nicht wieder!" spottet der Exfourier.</p>
+<p>"Ein düsterer Zug fährt über das Gesicht des Benedict, während er erwidert:</p>
+<p>"Hast Recht! ... es war vielleicht eine Dummheit, daß ich nicht die Grunzer
+meines Rheindörfleins nachahmte! ... Vielleicht wärs mit mir jetzt doch
+schon zu Ende!"</p>
+<p>"Oh, Du kannst noch frei werden!" tröstet der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Ja, wenn die Kuh einen Batzen gibt!" scherzt der Benedict.</p>
+<p>"Wir wollen gehen, das Tagwerk muß heute auch fertig sein!" sagt Einer und
+die Meisten gehen, während Andere kommen.</p>
+<p>Allmählig bricht der Tag heran, die Stunde der Morgensuppe ist nahe, man
+merkt am Arbeiten, sie habe im Magen der Sträflinge bereits geschlagen;
+endlich ertönt die helle, schrille Stimme des Hausglöckleins, in einem Nu
+werden sämmtliche Werkzeuge bei Seiten gelegt, der Straßenräuber brüllt mit
+einer Stimme, welche dem heidnischen Kriegsgotte keine Schande gebracht
+hätte:</p>
+<p>"Suppe!"&mdash;Alle rüsten sich zum Abgehen.</p>
+<p>"Ab!"</p>
+<p>Die Gefangenen drängen sich nach der Thüre durch die Gänge und marschiren
+im Gänsemarsch dem Hauptgebäude zu, still, geordnet, rasch, das einsame
+Klirren der Fußkette eines Räubers gibt zuweilen den Takt an, mit
+befriedigten Blicken lassen die Aufseher die langen Reihen vorbeidefiliren.</p>
+<p>Dort aus jener Thüre tritt ein alter Kerl, wendet das von allen möglichen
+Leidenschaften und Schicksalen durchwühlte Gesicht gegen den Zuckerhannes,
+zwinkert pfiffig mit dem einen Auge und zieht das Maul in eine möglichst
+angenehme Krümmung.</p>
+<p>Das rothe Band unter dem linken Kniee zeigt an, daß er zur alten Garde des
+Zuchthauses gehöre, es ist der einäugige Stoffel, der Besenbinder und
+Erzspitzbube, welchen wir im Amtsgefängnisse kennen lernten und welcher das
+gewohnte Winterquartier wiederum bezogen hat.</p>
+<p>Beim Eingange zum Hauptgebäude trifft er mit dem Zuckerhannes zusammen.</p>
+<p>"Der alte Paul läßt Dich grüßen, Hannes!"</p>
+<p>"So? Was treibt er? wo ist der graue Halunke?"</p>
+<p>"Halunke? Ein braverer Bursche hat noch nicht auf Erden gewandelt, als er,
+aber das Unglück verfolgt ihn. Hab Dir's ja längst auseinandergesetzt, daß
+ihm der Spaniol keinen Kreuzer von deinem Gelde gegeben und daß er deßhalb
+Händel mit ihm bekommen hat. Der alte Paul wird auch bald wieder kommen,
+das Unglück verfolgt ihn bis zum Jahr 1852 und ist nur gut, daß das
+Zuchthaus nicht das größte Unglück ist, was Einem begegnen kann!"</p>
+<p>"Hast Recht, Stoffel, es ist nicht halb so arg, als man draußen meint. Weiß
+Gott, ich will lieber lebenslänglich im Zuchthause, als Ein Jahr bei der
+dicken Sonnenwirthin sein. Ein armer Teufel bleibt ein geplagtes Thier, ob
+er hier hocke oder&mdash;."</p>
+<p>Die beiden werden vom Strome fortgerissen, der am Ende des Hauptganges sich
+in mehrere Arme theilt, welche zu den verschiedenen Speisesälen führen. Der
+Zuckerhannes tritt in einen niedrigen, finstern Saal, aus welchem ein
+verworrenes Gesumme und Gebrumme ertönt. Rasch füllen sich die langen,
+schweren, altersbraunen Tische längs den Wänden, ruhig sieht ein alter
+Schnurrbart von Aufseher am Ofen, der in der Mitte des Saales sich erhebt
+und in Einem fort sprudelt das Wasser aus dem alten Fasse in den Becher,
+der von Hand zu Hand geht.</p>
+<p>Die stumpfen Messer, welche an Ketten angenietet auf dem Tische liegen,
+wüthen in großen Stücken sehr schmackhaften Brodes, die blechernen Löffel
+klirren heimelig und thönerne Schüsselchen, in denen ein Stücklein Butter
+im Wasser schwimmt, laden neben den Salzbüchsen die Gourmands des
+Zuchthauses zu ihrem vornehmsten Genusse ein.</p>
+<p>"Suppe!" schreit der Aufseher.</p>
+<p>Alle Sträflinge fahren wie electrisirt in die Höhe, alle Mützen fliegen von
+den Köpfen, alle Hände werden gefaltet, der Zuckerhannes betet laut ein
+Vaterunser und je lieblicher der Dampf einer gerösteten Mehlsuppe in seine
+Nase dringt, desto beflügelter wird seine Zunge.</p>
+<p>Unser Held ist ein eifriger Beter. Er betet für sich, wenn die Reihe an ihn
+kommt, betet aber auch für manchen Andern, der gerne eine Portion Fleisch
+oder etwas Anderes opfert, um nicht durch ein lautes Vaterunser in den
+Verdacht christlicher Frömmigkeit zu gerathen oder um seine Unwissenheit
+nicht durch Steckenbleiben zu offenbaren.</p>
+<p>"Absterbens Amen!" ruft der Zuckerhannes mit freudiger Hast, die Gefangenen
+setzen sich mit Ausnahme der Aufwärter, welche die zinnernen
+Suppenschüsseln vertheilen und die vornehmsten billigermaßen für sich auf
+die Seite stellen.</p>
+<p>An Appetit fehlt es sehr Wenigen, zudem ist die Suppe vortrefflich und
+viele tausend Arme werden an diesem Morgen wohl nichts Besseres bekommen.
+Die erträgliche Kost Gefangener als zu gut tadeln wollen, hieße
+unmenschlich sein, weil die Gefangenschaft schon an sich zehrt und Viele
+schwer arbeiten, Alle vom frühesten Morgen bis zum späten Abend thätig sein
+müssen; es hieße aber auch unsinnig sein, denn Alles ist möglichst karg
+ausgemessen und der Vortheil, für viele Menschen auf einmal zu kochen, so
+groß, daß trotz aller Beschränkung ein redlicher Kostgeber ordentliche Kost
+bereitet und dennoch seinen billigen Vortheil dabei findet, ein unredlicher
+auf Unkosten armer Mitmenschen zum reichen&mdash;Schuft werden kann.</p>
+<p>Um sich von musterhafter Verwaltung und durchdachter Kontrolle der
+badischen Strafanstalten zu überzeugen, wird ein Blick in die Verköstigung
+der Gefangenen Erklekliches beitragen, was in frühern Jahren nicht immer
+der Fall gewesen sein möchte.</p>
+<p><I>Selbstbereitung der Kost</I> von Seiten der Anstalt, wie dies im
+Zellengefängniß zu Bruchsal seit neuerer Zeit eingeführt wurde, möchte
+übrigens für den Staat und die Gefangenen zugleich sich laut bisheriger
+Erfahrung in einer Zeit der Theuerung aller Lebensmittel stets als das
+Vortheilhafteste bewähren.&mdash;</p>
+<p>Mancher leckt bereits sein Schüsselchen rein, das Affengesicht bettelt
+Ueberreste Anderer zusammen, der Exfourier, der mit Zuckerhannes und dem
+Benedict an Einem Tische sitzt und längst als Wortführer der Sippe
+anerkannt ist, klopft sich behaglich auf den Bauch und läßt den Duckmäuser
+bezeugen, die Morgensuppe der Soldaten übertreffe nimmermehr eine solche
+Mehlsuppe.</p>
+<p>Dieser bejaht, findet nichts zu wünschen übrig, außer einem "Pfifflein vom
+Alten" als Würze und meint, die Heldenkraft der mittelalterlichen Ritter
+müsse sicher auch vom tüchtigen Genusse guter Mehlsuppen mit Wein
+hergestammt und der Rasse die heutige Welt lendenlahm gemacht haben.</p>
+<p>Der Mordbrenner aus der Baar findet nichts Gutes am ganzen Zuchthause,
+geschweige an den Mehlsuppen desselben und beneidet schließlich die
+"Großköpfe" alter Zeiten um Mehlsuppe und Wein.</p>
+<p>Das Gespräch wird gelehrt, der Exfourier gibt die Entscheidung, die Allen
+gefällt, nachdem auch er nichts Gutes am Zuchthause gefunden haben will.</p>
+<p>"Dort drüben auf der Wachtstube," sagt er und deutet mit dem Löffel durch
+das Fenster, "dort drüben habe ich als Wachcommandant viele hundert Ritter-
+und Räubergeschichten gelesen und tief über die heutige Welt und Lumperei
+nachgedacht. Wenn ich die armen Sträflinge so betrachtete, wie sie bleich
+und hungrig an mir vorüberschlichen und die Nase sehnsüchtig nach dem
+Qualme meiner Tabakspfeife richteten, wollte es mich schier versprengen vor
+Zorn und Wehmuth! ... Arme Teufel, dacht' ich, man verherrlicht Euch in
+Büchern, bewundert Euch in den nobelsten Gesellschaften und mißhandelt Euch
+doch im Leben. Was könnt Ihr dafür, weil Ihr zu spät auf die Welt gekommen
+seid, wo das Rauben und Bandensammeln kein Hauptgeschäft adelicher Herren
+mehr sein darf und gemeine Leute dafür eingesperrt und gehängt werden?
+Warum gibt es bei uns in diesem zusammengestohlenen Bändelland keine
+Abruzzen und kein Estremadura? Weßhalb einen Schwarzwald voll Gensdarmen
+statt eines Bakonyerwaldes? ... Mein Seel, wenn viele Soldaten wie ich
+gedacht hätten, wären wir einmal vom Exerzirplatze mit Sack und Pack
+weggelaufen, um als freie Männer zu leben und den Reichen die Schädel
+einzuschießen. Wir hätten uns im Schwarzwalde ganz gut einige Zeit halten,
+leicht vertheidigen und durch die Schweiz nach Italien durchschlagen, auf
+dem Wege unsere Beutel und Schnapssäcke füllen und manchem Schurken den
+wohl verdienten Lohn geben können! ... Ich wäre als Karl Moor
+vorangegangen, meine Braune hätte ich als Amalie oder Emilie oder wie das
+Theatermensch heißt, mit mir genommen! ... Gott straf mich, wenn meine
+Braune nicht auch zur Büchse gegriffen und in die liederliche Welt
+hineingeschossen hatte! ... Aber jetzt hocke ich da und freß unschuldige
+Zuchthaussuppen, sie steht noch immer in einer Küche und hat Abends
+vielleicht einen Andern zwischen Acht und Neune!&mdash;Der Teufel soll die Welt,
+den Himmel und uns Alle dazu holen, wenns nicht bald anders kommt, denn ich
+habe es satt und kann nicht sterben, bevor das Unrecht, was das
+Kriegsgericht an mir verübte, gut gemacht und meine Schmach blutig
+abgewaschen ist!"&mdash;</p>
+<p>Um die Unschuld des Exfouriers, von der er mit seinen Kameraden fest
+überzeugt ist, begreifen zu lernen, bedarf es weniger Worte.</p>
+<p>Er gehörte einst zu jenen Unteroffizieren, welche zehn Wochen nur Ein Hemd
+oder auch gar keines unter der glänzenden Uniform tragen und nach
+zahlreichen Eroberungen innerhalb der Mägdewelt ward endlich auch er
+erobert. Eine handfeste, stämmige Nymphe des Schwarzwaldes mit braunen
+Haaren und rothen Wangen, mit beerenschwarzen Augen und einem Lächeln so
+süß als das der Houris des Paradieses angelte das Herz des Kriegshelden und
+was noch keiner gelungen, gelang ihr. Sie fesselte ihn nicht nur vier
+Wochen, sondern nach vier Monden wurde er erst recht ernstlich gefesselt
+und Liebe und Leichtsinn begingen Streiche, welche mit Pflicht und Ehre
+sich täglich weniger zusammenreimen ließen.</p>
+<p>Der Krug ging lange zum Brunnen, zuletzt zerbrach er doch.</p>
+<p>Die Gebieterin der Nymphe trug einen prächtigen Schawl, die Nymphe wollte
+einen ähnlichen als Hochzeitsschawl einstweilen in ihrer Truhe haben.</p>
+<p>Bitten und Thränen, Vorwürfe und Schmollen brachten den ohnehin stark
+verschuldeten Liebhaber in Verzweiflung. Endlich reichten einige kühne
+Griffe in Kassen und fremde Geldbeutel hin, die Nymphe zu beseligen und ihn
+mit ihr. Er legte den Schawl zu ihren Füßen und erndtete der Minne Sold,
+nur die Angst vor Entdeckung trübte seine Seligkeit. Mindestens Ein
+Pöstlein mußte rasch ersetzt werden, wenn der Fourier ruhig schlafen
+wollte, deßhalb eilte er aus den Armen der Liebe in die der Freundschaft,
+welche sich für ihn in einem feisten Corporal verkörpert hatte.</p>
+<p>Die Freundschaft saß gerade im Bierhause, trank den zehnten Schoppen und
+nebelte Bremerknaster dazu, der Fourier entdeckte Alles unter dem Siegel
+tiefster Verschwiegenheit.</p>
+<p>Die Freundschaft nahm erstaunt die Pfeife aus dem Mund, schaute den
+Kameraden groß an, strich den Schnurrbart lange und eifrig, endlich zog sie
+einen Geldbeutel heraus und warf ihn auf den Tisch. Der Geldbeutel war an
+Münze beinahe so leer, als das reine Nichts Hegels an Bestimmungen und
+während der Fourier denselben noch mit trüber, rathloser Jammermiene
+betrachtete, fand sich die Freundschaft bewogen, dem Unglücklichen zum
+Schluß einen halben Schoppen Bier ins Gesicht zu schütten und ohne
+Entschuldigung fort zu gehen.</p>
+<p>Der Fourier wischte den braunen Nektar ab, betrachtete den Streich als Spaß
+der muntern Freundschaft und hatte zudem keine Zeit zum Zornigwerden, denn
+die Stunde des Zapfenstreiches war da.</p>
+<p>In Todesangst läuft er in aller Geschwindigkeit noch zu einem zweiten,
+dritten und vierten Busenfreund und erhält von Dreien Nichts, vom vierten
+den guten Rath, sich schleunig auf die Socken zu machen, weil die drei
+vermeintlichen Freunde, denen er sich entdeckt habe, wohl in diesem
+Augenblicke ihn bereits verriethen.</p>
+<p>Er weiß nicht mehr, was er thut und eilt statt zur Kaserne zum Thore
+hinaus. Es war eine schöne, mondhelle, lauwarme Sommernacht, welche viele
+poetische und prosaische Seelen ins Freie gelockt hatte und
+unglückseligerweise auch den Hauptmann der Compagnie, welcher der als
+"liederliches Tuch" bekannte Fourier angehört. Der Hauptmann sieht und
+erkennt den Untergebenen, die Eile desselben scheint ihm verdächtig, er
+hält ihn an und arretirt ihn.</p>
+<p>Aber ein Liebhaber der Romantik läßt sich keineswegs mir nichts dir nichts
+auf seiner Heldenlaufbahn hemmen, somit zieht der Fourier vom Leder und
+erst ein glücklicher Hieb des ebenso muthigen als braven und diesmal arg in
+Harnisch gebrachten Offiziers bringt ihn zur Flucht, aber andere Leute
+reden auch ein Wörtlein und eine Stunde später sitzt unser Held
+krummgeschlossen im "Dunkelarrest für Unteroffiziere" und sinnt über
+Schicksalstücke voll Weltschmerz nach.</p>
+<p>Jetzt sitzt er für eine hübsche Zeit im Zuchthause und sucht Licht und
+Aufklärung in demselben zu verbreiten, ist ein belesener Mann und deßhalb
+ein Nebenbuhler seines Tischgenossen, des vielbelesenen Duckmäusers, den er
+übrigens in innerster Seele anwidert.</p>
+<p>Der Duckmäuser ist in seinen schlimmsten Stunden doch noch zehnmal mehr
+werth gewesen, als der grundliederliche Exfourier im Schlafe und während
+jener den Beifall der Beamten, Aufseher und bessern Kameraden erstrebt,
+will dieser Alle sich gleich machen und dabei doch über Alle herrschen.</p>
+<p>Der Ehrgeiz verwirrt Staaten und Zuchthäuser, der Mensch mit seinen
+Leidenschaften bleibt überall derselbe, wenn nicht die übernatürliche Weihe
+der Religion sein Wesen allmählig veredelt.</p>
+<p>Von einer derartigen Veredlung weiß der Exfourier mit seinen Kameraden
+wenig, denn alle sind Kinder des 19. Jahrhunderts, Alle haben den Jugend-
+Glauben verloren und ein langes Sündenleben, oft in Verbindung mit
+mangelhaftem Religionsunterrichte hat ihre Gemüther verwildert und
+verkehrt.</p>
+<p>"Die Mehlsuppe ist mir lieber als die Predigt, welche heute der Pfarrer
+wieder auftischen wird!" sagt Einer, nachdem das:</p>
+<p>"Stille, Stille!"</p>
+<p>des Aufsehers den Redefluß des Exfouriers für eine Weile unterbrochen hat.</p>
+<p>"Im Krankenzimmer ist's schändlich langweilig, die paar alten Schunken,
+welche droben herumfahren, habe ich schon vorigen Sommer gelesen, auch ist
+jetzt wieder der Teufel los, man kann deshalb nicht einmal ein Stück
+Schwarzbrod hinaufschmuggeln und der Doktor bringt Einen mit seiner Diät
+und Viertelskost fast zum Verhungern. Aber ich wäre doch froh, wenn ich
+wieder einige Tage droben sein könnte, um der Abwechslung willen und um aus
+der leidigen Kirche bleiben zu können!" murmelt der Exfourier.</p>
+<p>"Krankenstock? he, he, he! ... Gutes Essen, Ausruhen, keine Grobheiten, he,
+he, he! ... Ich weiß, wie man Doktoren auch im Zuchthause über den Löffel
+barbirt, he, he, he!" schmunzelt der schielende Kilian und schaut
+bedeutungsvoll mit einem Auge zur Stubendecke, mit dem andern zum Fenster
+hinaus!</p>
+<p>"Sag's, wir verrathen Dich nicht! ... Der Kilian ist lange in Frankreich
+gesessen, er weiß Alles! ... Der Kilian kommt zur Krankenkost wenn es ihm
+beliebt."</p>
+<p>"Kilian, sage mir ein Mittel!" fleht der Exfourier.</p>
+<p>"Was krieg ich, he, he, he?"</p>
+<p>"Fünf Päcklein Schick, wenns probat ist!" meint der Duckmäuser.</p>
+<p>"Zehn Päcklein!" bietet der Exfourier.</p>
+<p>"Zehn Päcklein und fünf Portionen Fleisch!" steigert das Affengesicht.</p>
+<p>"Zehn Päcklein Schick und zehn Portionen Fleisch, wer bietet?" entscheidet
+der Kilian.</p>
+<p>"Ich, es gilt, topp!"&mdash;Der Exfourier hat es, geht mit dem Kilian hinaus und
+kehrt nach einer Minute mit der Miene eines Menschen zurück, der ein
+freudebringendes Geheimniß erfahren.</p>
+<p>"Der Kilian ist ein durchtriebener Franzose, er hat mich angeschmiert und
+wieder einen dummen Witz gerissen, aber ich liebe den Witz und dieser ist
+so dumm, daß ich gern zehn Fleischportionen opfere!" versichert der
+Exfourier der ganzen Tischgesellschaft.</p>
+<p>Diese Versicherung ist eine vom Kilian ausbedungene Lüge. Er gab dem
+Exfourier ein probates Mittel an, um nach Belieben Geschwulsten zu erzeugen
+und das Gesicht in wenigen Stunden unkenntlich zu machen. Am Tische sitzt
+kein Verräther, dies wissen die Akkordanten, aber sie wollen Nutzen aus dem
+Geheimnisse ziehen, jeden Verdacht vermeiden und deßhalb hat der Exfourier
+auch "auf Ehre" schwören müssen, in den nächsten vier Wochen noch keinen
+Gebrauch von der Sache zu machen.</p>
+<p>"Gebet!" ruft der Aufseher.</p>
+<p>Die Aufseher legen ihre Schüsselpyramiden weg, alle Gefangenen erheben sich
+und verstummen, der Zuckerhannes betet ein zweites Vaterunser, dann wird es
+lebhafter und lauter als je, 10 Aufseher würden 60 bis 70 Esser dieses
+Saales nicht vollkommen im Zaum halten können.</p>
+<p>"Was hat denn der drüben gemacht, der mit dem Hasenmaul und der rothen
+Nase, he?" schreit der Zuckerhannes zu einem andern Tische hinüber.</p>
+<p>"Ein altes Weib ausgeplündert und alsdann ins Kamin gehängt! ... Nein,
+einem Kleiderkasten das Gehirn eingeschlagen! ... Einem liederlichen
+Amtmann das Genick gebrochen!" rufen Einige herüber.</p>
+<p>Der Rothnasige mit dem Hasenmaule hat Alles gehört, das Gelächter ärgert
+ihn, er kommt zum Zuckerhannes und sagt zitternd vor Zorn:</p>
+<p>"Vefluchter kropfiger, hinkender Halunke, was geht es Dich an, was ich
+machte? Ich bin kein so schlechter Kerl wie Du, wenn Du mich nicht gehen
+läßt, werde ich den Weg auf die Verwaltung finden!"</p>
+<p>"Hier sind Alle gleich, es gibt keinen Unterschied!" bemerkt der Exfourier.</p>
+<p>"Hör, Du, Hasengosche, fährt der Mordbrenner auf, wenn Du Etwas anzeigst,
+dann nimm Dich vor mir in Acht! ... Ich frage den Teufel nach dem
+Verwalter, Zwangstuhl und schwarzem Loch und an <I>dem</I> Tische, wo ich sitze,
+muß Freiheit sein. Der Zuckerhannes sitzt aber da!"</p>
+<p>"Ein schlechter Kerl bist Du, man sieht es Dir an und was Du gethan, ist
+Eins!" meint der Zuckerhannes, der sich vom ersten Schrecken erholt hat.</p>
+<p>"Der Teufel hat mit der wüstesten, ältesten Hexe in der Mainacht das
+Hasenmaul fabrizirt!" lacht der Exfourier.</p>
+<p>"Beleidiget und quält Euch doch nicht selbst, ihr Narren!" erinnert der
+Duckmäuser.</p>
+<p>"Ihr alle seid Spitzbuben, wie Ihr da hockt, aber ich bin unschuldig
+hergekommen, Gott weiß es und wird meine Ankläger, Zeugen und Richter
+finden."</p>
+<p>"Packe Dich oder ich haue Dich viereckig!" droht der Mordbrenner.</p>
+<p>"Bst, der Aufseher kommt!"</p>
+<p>Richtig, er kommt, das unerfahrene, arme Hasenmaul wendet sich an ihn und
+erzählt ihm Alles, der Aufseher verspricht, Alles zu melden. Er wird es
+thun, Alle werden für den Zuckerhannes und den Mordbrenner reden, diese
+werden dann Alles rundweg läugnen und dennoch bestraft werden, aber das
+Hasenmaul wird Alles bitterlich bereuen und sich in diesem Punkte gründlich
+bessern.&mdash;</p>
+<p>Wiederum ruft das Glöcklein zur Arbeit, der Abmarsch beginnt, die
+Speisesäle leeren sich rasch und nach wenigen Minuten steht jeder wieder
+bei seiner Arbeit.</p>
+<p>Der Zuckerhannes hobelt rüstig darauf los, er ist im Zuchthause kein
+heuriges Häslein mehr und weiß seine Zeit so einzutheilen, daß er stets
+bequem mit seinem Tagwerke fertig wird, ohne sich sonderlich zu beeilen
+oder anzustrengen, bis jetzt hat er an der Morgenportion noch wenig
+verfertiget.</p>
+<p>Eine der schwierigsten Aufgaben der Gefängnißbeamten, Erhaltung eines
+lohnenden Gewerbsbetriebes, Vertheilung der Arbeitskräfte und Heranbildung
+von Arbeitern ist in dieser Anstalt so gut gelöst, als die zahlreichen
+Schwierigkeiten von Außen und Innen, Oben und Unten es erlauben.</p>
+<p>Der Zuckerhannes hätte ein Handwerk erlernen können, aber er mochte nicht
+und unterzog sich der schweren Arbeit des Daubenfügens, welche wenig
+Geschicklichkeit, doch Armschmalz genug erfordert; er wäre im Stande ein
+doppeltes Tagwerk zu liefern und seinen Lohn zu erhöhen, aber er that dies
+nur im Anfange und arbeitet seit langer Zeit gerade was er muß, denn
+erstens hat der Staat nicht den Fesenmichel, sondern ihn bestraft und keine
+Macht der Welt wäre im Stande, ihn von der Gerechtigkeit seiner Strafe zu
+überzeugen, folglich will er einem so ungerechten Staate auch so wenig als
+möglich nützen. Zweitens erhalten die Gefangenen ohne doppeltes Tagwerk
+Schnupftaback, diesen mächtigen Beweger eines Sträflingsgemüthes und Butter
+tauscht unser Held für manche Fleischportion ein.</p>
+<p>Er thut somit gemächlich, schaut von Zeit zu Zeit nach dem Ofen und
+plaudert bisweilen mit seinem Nachbarn und frühern Todfeinde, dem Bläsi,
+welcher als Oberknecht des Moosbauern ihm so vieles Herzeleid bereitete.</p>
+<p>Bläsi ist wegen unvorsätzlicher Tödtung bei Raufhändeln auf einem Tanzboden
+zu einer vieljährigen Zuchthausstrafe verurtheilt, die Strafe hat seinen
+Hochmuth furchtbar erschüttert, doch nicht gebrochen, sondern gegen Gott
+und Welt, Gesetze und Menschen gekehrt.</p>
+<p>Er hält seine Strafe lediglich für ein unverdientes Unglück, bleibt zu
+stolz, sich zu Gott zu erheben oder zu den Spitzbuben herabzusteigen, die
+Meinung der Menschen galt ihm stets als höchstes Gesetz, jetzt ist er in
+dieser Meinung tief gesunken und hierin liegt das Wehe, welches sein
+Innerstes beständig durchwühlt.</p>
+<p>Der Zuckerhannes hat die Lehre des Spaniolen, Verbrecher seien Helden der
+Menschheit und Martyrer der großen Zukunft, niemals vergessen, das Leben
+unter Sträflingen und das tägliche Anhören ihrer Geschichten hat ihn gegen
+Verbrechen abgestumpft und für die Leidensgenossen eingenommen.</p>
+<p>Gutmüthig ist er dem Bläsi entgegengekommen, hat alle Unbilden vergessen,
+ist unfähig, den Einfluß zu berechnen, welchen dieser Mensch auf sein
+Schicksal ausübte und hat demselben den Vorfall mit dem Hasenmaul während
+des Morgenessens erzählt.</p>
+<p>Bläsi befindet sich kaum ein Vierteljahr in der Anstalt, gibt mit Herz und
+Mund dem Hasenmaul Recht, insofern dieser seine Ehre wahren wollte, aber
+das Anzeigen desselben findet er nicht schön.</p>
+<p>"Er kriegt seinen Lohn!" meint der Zuckerhannes.</p>
+<p>"Allerdings kann hier Einer dem Andern das Leben arg verbittern und
+entleiden, ohne daß Aufseher und Beamte es recht erfahren oder zu
+verhindern vermögen. Aber Vieles und Hartes kann doch nicht leicht Einer
+dem Andern anthun, ohne dafür bestraft zu werden!" philosophirt der
+Neuling.</p>
+<p>"Ho, wenn Einer den Andern krumm und lahm schlägt oder sogar todt sticht,
+was hilft dem Verwundeten oder Todten die Bestrafung des Thäters? Gewiß
+nicht viel! ... Zudem ist das Beweisen eine schwere Sache und wenn Mehrere
+gegen Einen zusammenhalten, dann ist er verloren, davon weiß ich ein
+Exempel zu erzählen. Ich lag noch keine zehn Nächte im Schlafsaale, da sah
+ich, wie Einer die Laterne, welche die ganze Nacht drinnen brennt, auf
+einmal auslöschte, zwei bis drei Andere von ihren Strohsäcken auf einmal
+aufsprangen und einem Schläfer, der so wenig als ich und Andere an etwas
+Böses gedacht hatte, schnell den Bettteppich über den Kopf zogen. Dann
+hämmerten sie aus allen Kräften mit den schweren Schuhen auf den Kopf und
+Leib des Angepackten los, derselbe schrie wie ein fallender Ochse und der
+ganze Saal wurde unruhig, weil man einen Todschlag fürchtete. Die Wache
+machte Lärm, die Aufseher sprangen herbei, aber weil die Laterne
+ausgelöscht war, erkannten sie keinen Thäter und ehe die vielen Riegel und
+das schwere Schloß geöffnet und Licht im Saale war, lagen Alle mit Ausnahme
+des Geschlagenen so ruhig und schön da, als ob sie kein Wässerlein getrübt
+hätten! ... Der arme Teufel stöhnte, wimmerte, war voll Flecken und Beulen,
+kannte auch die Thäter, aber er hielt das Maul und nannte sie nicht und
+weißt warum? Gerade weil er für einen Spionen galt, hatte man ihm eine gute
+Lehre gegeben! ... Es gab eine Untersuchung, aber Alles wurde geleugnet und
+Keiner konnte gehörig bestraft werden ... Ich für meine Person thue dem
+Hasenmaul nichts, sollte ich auch um seinetwillen ins schwarze Loch kommen,
+aber die Tischkameraden werden ihn dann aufs Korn nehmen, denn erstens hat
+er Unrecht, weil ich ihn ja nicht beleidigen wollte und besonders der
+Baaremer kann keine Ungerechtigkeit sehen, zweitens muß Ordnung unter den
+Sträflingen sein, ein Anzeiger verdirbt Allen das Spiel. Ich lebe nicht
+droben bei den Herren, sondern da unten bei den Gefangenen und richte mich
+doch zehnmal mehr nach diesen als nach jenen!"</p>
+<p>"Der Zuckerhannes hat Recht", spricht der Duckmäuser, der mit seiner
+Leimpfanne beim Vorübergehen eine Weile stehen geblieben; "ja er hat Recht,
+denn die Herren und Aufseher können nur Weniges verhindern und nur mit
+Strafen hintendrein tappen und geradehin strafen geht auch nicht, denn wenn
+sie Einen am Schopfe kriegen, der es wirklich nicht verdiente, dann macht
+es bei diesem und Andern böses Blut!"</p>
+<p>"Ja und wenn sie einen Schuldigen strafen und einen andern Schuldigen
+nicht, weil sie ihm nichts beweisen können, dann macht es auch böses Blut.
+Sie mögen sein und machen, wie und was sie wollen, so bekommen sie eben
+Feinde und Lästerer. Sie sind ja bezahlt, um uns zu hüten und zu quälen,
+das vergißt ihnen der dümmste Kerl nicht leicht und das Elend wird voll,
+weil die Gefangenen sich oft unter einander auf alle Weisen kränken,
+bestehlen, mißhandeln und verfolgen!" sagt der Bartel, ein stiller,
+gutmüthiger Riese.</p>
+<p>"Zur Arbeit!" schreit der Werkmeister.</p>
+<p>"Hinauf!" flüstert der Bläsi, sucht die Thüre und der Zuckerhannes folgt
+ihm, das Gespräch wird fortgesetzt.</p>
+<p>"Schaut, gestern Nacht fand das Affengesicht den Bettteppich in lauter
+kleine Stücke zerschnitten, wer hats gethan? ... Das kommt schwerlich
+heraus. Vorigen Sonntag hatte der Exfourier einen bogenlangen Brief an
+seine Braune just fertig, da kommt der lange Kaiserstühler und schüttet das
+ganze Dintenglas über den Brief. Der Exfourier that wie nicht gescheidt und
+kam in Arrest, der Kaiserstühler behauptete, er habe den Brief aus Versehen
+verdorben und könne nichts dafür und geschah ihm nichts, obwohl er es
+absichtlich gethan hat!" erzählt Einer.</p>
+<p>"Ja und ich habe ein schönes Buch zum Lesen gehabt, der Elias vom
+Hotzenwald wollte nicht haben, daß ich lese, sondern mit ihm plaudere, der
+Kilian dagegen wünschte das Buch selbst zu lesen, Andere ebenfalls, ich
+aber behielt und las es. Wie ich beim Rapport gewesen und wieder in den
+Saal komme, sind mindestens fünf Blätter aus dem nagelneuen Buche
+herausgerissen und wer hats gethan? Ich weiß es nicht und schweige, damit
+nicht ich am Ende noch bestraft werde!" klagt der Bartel.</p>
+<p>"Wißt Ihr, weßhalb das Murmelthier gestern Abend wie ein Bär brummte? Beim
+Schlafengehen versetzt Einer dem alten Kerl von hinten einen Stoß, daß er
+der Länge nach auf die Treppe patschte. Es ist nicht überall gleich hell,
+die Meister können nicht um alle Ecken schauen, ein kleines Gedränge kommt
+oft, das Murmelthier weiß nicht, wer ihn gestern Abend mindstens zum
+zehtnmal [zehntenmal] traktirte und nicht einmal den Grund, denn er hat ja
+die Augen niemals recht auf, schläft alle Augenblicke bei der Arbeit ein
+und begreift nicht, daß sein verdammtes Geschnarche Allen zur Last und Qual
+wird!" meint der Duckmäuser.</p>
+<p>"Das Murmelthier ist ein Tropf! Der alte Esel hat ohne Bedenken über den
+Großherzog, den er doch gar nicht näher kennt und der ihm gewiß noch nichts
+zu Leide gethan, die gröbsten Schimpfreden ausgestoßen und thut es noch,
+wenn er nicht gerade schläft. Dagegen wedelt und schmeichelt er vor dem
+geringsten Aufseher wie ein Hund herum und ließe sich eher kreuzigen, bevor
+er ein Wort gegen den Verwalter spräche!" grollt der Bläsi.</p>
+<p>"Wir wollen wieder hinab, man weiß nicht, ob ein Beamter kommt und wenn er
+Viele auf unserm Rathhause hört oder sieht, muß es der Werkmeister
+entgelten!"</p>
+<p>"Gerade deßhalb bleib' ich und stelle mich recht breit unter die Thüre.
+Mich freuts in der Seele, wenn die Beamten sich schier zu Tode ärgern! ...
+Wenn die Werkmeister und Aufseher recht geschunden werden und sich selbst
+verrathen, fuchsen und plagen, wirds dem Nazi wohler ums Herz!" sagt der
+Mordbrenner und bleibt, während unsere Bekannten gehen.</p>
+<p>Die Arbeit nimmt im Ganzen ihren ungestörten Fortgang, an fleißigen
+Arbeitern mangelt es so wenig als an geschickten und wer wollte im Grunde
+tadeln können, daß man sich zuweilen eine Minute erholt?</p>
+<p>"Weißt was Neues, Hans?" zischt der einäugige Stoffel, der als Hausschänzer
+mit einem Andern eine Tragbahre voll Hobelspäne für die Küche sammelt, dem
+hobelnden Zuckerhannes zu.</p>
+<p>"Na, na, ist eine Kuh fliegend geworden? Machst ja ein ganz verklärtes
+Gesicht!" sagt der Zuckerhannes neugirrig.</p>
+<p>"Der Jost ist begnadiget und der Daniel vom Hotzenwald auch, Beide sind
+schon beim Obermeister, um ihre Kleider anzuziehen. Gelt, daß hättest Du
+nicht geglaubt?"</p>
+<p>Dem Hans geht ein scharfer Stich durchs Herz, denn ihm ist die Begnadigung
+vor Kurzem abgeschlagen worden und das Glück der Beiden macht ihn traurig,
+doch sammelt er sich rasch:</p>
+<p>"Dem Jost gönne ichs, er ist schon lange genug da und hat Weib und Kinder,
+aber der Daniel verdient so wenig Begnadigung, als das Murmelthier. Ich bin
+doch wahrhaftig unschuldiger als er, habe schier meine halbe Strafzeit
+gemacht und weßhalb läßt man mich verschmachten? Der Teufel hole die
+Herren, bin wohl ein Narr, mich da mit Hobeln zu quälen!" seufzt unser Held
+finster und mißmuthig und läßt den Hobel ruhen.</p>
+<p>In fünf Minuten wissen Alle, der Jost und der Daniel seien frei, selbst die
+Aergsten gönnen es dem Jost, die Besten mißgönnen es dem Zweiten und Allen
+thut es wehe, nicht selbst begnadiget worden zu sein.</p>
+<p>Wie schwer erträgt es der Mensch, daß ein Mitmensch glücklicher wird als er
+selbst!&mdash;In einem Augenblicke verminderten Lärmes dringt Weinen und
+Schluchzen in die Werkstätte herein.</p>
+<p>"Was ist das für ein Geheule?" forscht der Werkmeister.</p>
+<p>Der Aufseher geht und kehrt zurück, indem er das Affengesicht vor sich
+hertreibt und zur Arbeit jagt. Das Affengesicht ächzt und weint kläglich
+und schneidet eine Jammermiene dazu, daß selbst die traurigsten stillsten
+Gefangenen sich den Bauch vor Lachen halten müssen, der Aufseher sammt
+Werkmeister minutenlang kein Wort hervorbringt und nur mit der Hand
+vergeblich Ruhe gebietet. Was hat es denn gegeben?</p>
+<p>Das Affengesicht klagt oft über Rückenwehe und Mattigkeit, hat sich heute
+zum Doktor gemeldet und ist von diesem wider Erwarten nicht ins
+Krankenzimmer gesprochen worden.</p>
+<p>"Was liegt daran, ob ein Zuchthäusler abfährt? So wenig als wenn draußen
+ein Dutzend Proletarier, welche von vornherein des Verbrechens der Armuth
+bezüchtiget werden, zu Grunde geht. Gelt, das ganze Jahr geht der Doktor
+keine dreimal in den Sälen herum, um sich vom Gesundheitszustande von Unser
+Einem zu erkundigen? Gelt, die Seegrasspinner können feinen Staub schlucken
+sammt den Hechlern und Andern und kommen schlecht weg, wenn sie dem Doktor
+zumuthen, wöchentlich in den heißesten Monden für ein Bad zu sorgen? ...
+Gelt, der vorige Dreher war ein starker Mann, ist ein halbes Jahr
+brustkrank gewesen und an der Drehbank geblieben, bis er endlich ins
+Krankenzimmer kam und am 9. Tage starb? ... Gelt, wenn Einer schwindsüchtig
+wird, trägt der Doktor erst darauf an, daß er auf Genesung entlassen werde,
+wenn er am Abschnappen ist? Er schnappt alsdann doch in der Freiheit ab!
+... Sauf Zuckerwasser und Thee, wenn Du dumm genug bist, Dich krank zu
+melden! ... Ich hätte dem Doktor die Guttere längst an den Schädel
+geworfen, aber Du bist ein feiges Thier und kannst nur heulen,
+Affengesicht!" sagt der Exfourier zu dem jammernden Kameraden.</p>
+<p>"Oh, der alte Doktor war heute da ... Der ist ein Filz und thut, als ob
+<I>er</I> die Kost und Medizinen für uns bezahlen müsse! ... Der junge hat mir
+Etwas verschrieben und versprochen, mich hinauf zu nehmen, wenns nicht
+besser würde, der alte Knicker hat die Medizin nicht repetirt, sondern
+Bärenzuckerwasser verordnet und mich herabgejagt! ... Auf der Treppe sah
+ich den Jost und den Daniel, habe sie kaum mehr gekannt in ihrer neuen
+Tracht und haben mich nicht angeschaut! ... Ich armer Teufel muß im
+Zuchthause sterben und was habe ich gethan? ... Ich möchte gerade da
+umfallen und hin sein, ganz hin!" wimmert das Affengesicht und heult von
+Neuem auf.</p>
+<p>"Wenn Ihr Euer Maul nicht haltet, geht Ihr mit mir auf die Verwaltung!"
+droht der Aufseher.</p>
+<p>"Wer? Ich? Warum?" trotzt der Exfourier und erbleicht vor Zorn.</p>
+<p>"Nein, nicht Ihr, sondern der Heuler dort!" erklärt Jener.</p>
+<p>Das Affengesicht macht sich eilig an seine Arbeit und wimmert schwere
+Flüche und Verwünschungen leise vor sich hin.</p>
+<p>"Wir sind halt im Zuchthause!" murmelt der Duckmäuser wehmüthig.</p>
+<p>"Man erfährt und erlebt das schändlichste Unrecht und soll dadurch vor dem
+Recht Achtung kriegen, komische Leute das!" denkt der Zuckerhannes.</p>
+<p>Während der Werkmeister mit einem widerspenstigen Burschen schilt, ruft die
+Hofwache vom Gitterfenster ins Gewölbe herab:</p>
+<p>"Zuckerhannes, zieht Euch an und kommt!"</p>
+<p>"Aha, jetzt gibts Arrest, das Hasenmaul hat sich gerührt!" prophezeit der
+Bläsi.</p>
+<p>"Die Sache wird nicht arg werden!" tröstet der Duckmäuser, der von der
+Hobelbank unter dem Vorwande, eine Säge zu holen, herüber gesprungen ist.</p>
+<p>"Meinethalben, im schwarzen Loch kann ich schlafen und brauche nicht zu
+arbeiten!" murmelt der Gerufene und eilt fort.</p>
+<p>Ein grauer, trostloser Winterhimmel schaut in den Gefängnißhof herab, ein
+naßkalter Wind streicht von den Bergen herüber und über die Gefängnißmauern
+herein tönt dumpfes Trommeln.</p>
+<p>Trübes, unfreundliches Wetter lieben die Gefangenen, weil das heitere sie
+herber an ihre Entbehrungen und an die Genüsse der Freien erinnert.
+Unstreitig ist die Aussicht, einen schönen Frühlingstag in einem schwarzen
+Loche zubringen zu müssen, herber als die, welche unser Held gegenwärtig
+vor sich hat.</p>
+<p>Gleichmüthig, gähnend folgt er dem Aufseher, der ihn richtig zum Vorstande
+führt.</p>
+<p>Der Vorfall mit dem Hasenmaul ist nicht minder richtig rapportirt, aber er
+zieht diesmal wider Erwarten nur einen kleinen Verweis nach sich, dann
+erfährt der Zuckerhannes Etwas, was ihn im ersten Augenblicke entzückt, im
+zweiten zu Boden schlägt.</p>
+<p>Drüben im Schwarzwalde ist die alte Bibiane, Brigittens, seiner Mutter Base
+vor einiger Zeit gestorben und hat ihm unerwartet mehrere hundert Gulden
+vermacht.</p>
+<p>"Der Gang zum Fesenmichel war voreilig!" denkt der vor Freude zitternde
+Erbe. Aber die Kosten der Untersuchung sind bedeutend, das Zuchthaus
+beherbergt Vermögliche nur gegen Vergütung von jährlich 80 fl., der
+Zuckerhannes ist zu einer hübschen Reihe von Jahren verurtheilt, hat bisher
+nichts bezahlen können und jetzt werden ihm so viele Abzüge gemacht, daß
+ihm etwa so viel von der Erbschaft bleibt als er vorher besessen, nämlich
+Nichts!</p>
+<p>"Die Base hats gut gemeint und dumm angefangen, für mich gibts kein Glück
+auf der Welt!" stammelt der Arme und weiß vor betäubendem Schrecken kaum,
+was er spricht.</p>
+<p>Ohne zu wissen wie kehrt er in den Arbeitssaal und zu seiner Hobelbank
+zurück, die Kameraden wundern sich über sein zerstörtes Aussehen, der
+Duckmäuser sucht einen Vorwand an den Haaren herbeizuziehen, um seinen
+Platz verlassen zu können, doch findet er keine Zeit mehr dazu.</p>
+<p>Vergeblich redet der Bläsi mit seinem Nebenmanne, dieser gibt keine
+Antwort, fährt gedankenlos mit dem Hobel hin und her und zuweilen fällt
+eine große Thräne auf den Fügebock.</p>
+<p>"Wenn mich nur der Teufel nähme, gleich auf der Stelle und die ganze Welt
+dazu!" seufzt er endlich aus tiefstem Herzensgrunde und schleudert den
+Hobel ingrimmig zu Boden.</p>
+<p>"Bst, bst!" warnt der Aufseher.</p>
+<p>"Wir bekommen Visite!" murmelt der Bläsi, bückt sich und gibt dem
+Zuckerhannes den weggeworfenen Hobel wieder in die Hand.</p>
+<p>Sobald die Nähe eines Beamten angekündigt wird oder ein solcher in den
+Arbeitssaal tritt, verdoppeln die Sträflinge im Nu ihren Arbeitseifer und
+räumen dem <I>Schweigsysteme</I> die Oberherrschaft ein.</p>
+<p>Die Zeit, während welcher gesprochen werden darf, ist bestimmt festgesetzt,
+auf eine strenge Durchführung des sogenannten Schweigsystems verzichtet die
+Hausordnung und bezeugt schon dadurch, daß sie von einsichtsvollen und
+erfahrenen Fachmännern entworfen wurde.</p>
+<p>Während der Arbeit soll jedenfalls nichts Unnöthiges gesprochen werden,
+aber wenn man dieses verhindern wollte, müßte man zunächst den Betrieb
+aller Gewerbe aufstecken, welche Lärm verursachen und vielen Raum
+erheischen, ferner die Zahl der Aufseher mindestens verzehnfachen und auf
+wortkarge, herz- und gemüthlose Dienstmaschinen Rücksicht nehmen, endlich
+jedem Sträfling eine Larve aufsetzen, denselben an seinem Platze festbinden
+und ihm einen Knebel in den Mund stecken, zuletzt die Anzahl der Arreste
+verdoppeln, einen eigenen Schreiber für die Führung des Strafbuches
+besolden, einen kleinen Nero zum Vorstande machen und gewärtigen, daß wenig
+oder schlecht gearbeitet, Vieles verdorben und gelegenheitlich Leib und
+Leben des Personals der Beamten und Aufseher gefährdet und angegriffen
+wird.</p>
+<p>Ohne derartige Maaßregeln würde das sogenannte Schweigsystem zu theurer
+Spielerei, wobei der Staat gar nichts und die Gefangenen noch weniger
+Ersprießliches erzielten.</p>
+<p>Verstünde man sich aber zum Versuche strenger Durchführung, dann liefe das
+Ganze auf eine Menschenquälerei hinaus, welche alle Redensarten von
+Humanität geschweige von christlicher Liebe albern und hohl erscheinen
+ließe, sehr viel edle Kräfte und Geld kostete und Namhaftes beitrüge, um
+das ohnehin gegen Religion und Gesellschaft erbitterte Gemüth des
+Sträflings vollends zu versteinern, jeglicher Art von Belehrung und
+Bekehrung unzugänglich zu machen.</p>
+<p>Wenn es auf uns ankäme, schrieben wir über das Portal von Singsing und
+jeder verwandten Anstalt: "Nichts ist so abgeschmackt und verderblich, daß
+es nicht von irgend einem Gelehrten ausgeheckt werden könnte; Wanderer,
+stehe still, betrachte dieses in Stein ausgehauene Exempel oder gehe hinein
+und überzeuge dich, wie sehr die Menschen sich vom Scheine betrügen
+lassen!" Das Schweigsystem ist das auf dem halben Wege stecken gebliebene
+System der einsamen Haft, eine Zwitterschöpfung, welche die Nachtheile des
+Beisammenlebens der Sträflinge nicht beseitiget, höchstens in ihrer
+Erscheinung ein bischen modificirt und die Vortheile der einsamen Haft
+nimmermehr zu erreichen vermag.</p>
+<p>Es mag wohl aus der Erkenntniß hervorgegangen sein, daß den Uebelständen
+der gemeinsamen Haft künstliche Klasseneintheilungen nimmermehr abhelfen
+und daß Zellengefängnisse eine gefährliche Kur seien, wobei der Sträfling
+leiblich und geistig leicht zu Grunde gehe und nicht zum Freunde Gottes und
+der menschlichen Gesellschaft, sondern zum Verstockten, Wahnsinnigen und
+Selbstmörder werde.</p>
+<p>Statt mit dem Aufheben des Zusammenlebens der Sträflinge alle Folgen
+desselben von selbst verschwinden zu machen und statt zu bedenken, daß die
+einsame Haft ein Problem sei, dessen Durchführung längere Probezeiten und
+reiche Erfahrungen voraussetze, lassen die Anhänger des Schweigsystems die
+Sträflinge beisammen, muthen diesen Menschen zu, freiwillig zu Maschinen
+oder Stockfischen zu werden, <I>sich selbst zu isoliren</I> und weil dies nicht
+angeht, wird zu Hetzpeitschen gegriffen und im Namen des Rechts und der
+Humanität der Mensch unter das Vieh herabgewürdiget, ohne Viehisches zu
+begehen.</p>
+<p>Der Vorstand der Schweiganstalt Sankt Jakob bei Sankt Gallen hat mit
+schweizerischer Biederkeit und edler Selbstverläugnung seine Erfahrungen
+innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren der Welt dargelegt, die
+Unfruchtaarkeit [Unfruchtbarkeit] und Mängel des Schweigsystems auch
+tabellarisch enthüllt; ferner ist der Credit dieses Systems aus guten
+Gründen stark im Abnehmen, deßhalb mag der Leser auf eine ins Einzelne
+gehende Critik desselben hier gerne verzichten und leicht begreifen,
+strenge Aufrechthaltung des Schweigens während der Arbeit sei in den
+meisten Sälen des Zuchthauses, in welches wir ihn einführten, eine
+unmögliche Sache.</p>
+<p>Der Beamte tritt in einen Webersaal; der ihm entgegenströmende starke
+Geruch, für dessen Bezeichnung die deutsche Sprache trotz ihrem
+unerschöpflichen Reichthume uns keinen genügenden Ausdruck darbietet,
+schlägt ihn nicht zurück und er steht in einem Walde voll astloser,
+blätterloser, kahler Bäume; Balken und Webstoffe bilden das
+undurchdringliche Unterholz und schon weil jeder Schritt eine alte Aussicht
+versperrt und eine neue bietet, muß der Beamte forschend durch die schmalen
+Gänge des Saales sich hindurchwinden.</p>
+<p>Wie ächzen, knarren und lärmen die Webstühle, wie lustig zischen hin und
+zischen her die Schiffchen der emsigen Weber, wie anmuthig schnurren die
+Rädlein der Spuler und mitten in diesem Lärm nur Eine Menschenstimme
+hörbar, nämlich die des Werkmeisters.&mdash;</p>
+<p>Angesichts der fleischgewordenen Hausordnung schrumpft jede Sträflingsseele
+für einige Minuten zu ausschließlicher Arbeitskraft zusammen, aber sollte
+dies länger dauern als der Besuch währt?</p>
+<p>Der Werkmeister übersieht stets nur einen Theil des Saales, Weber und
+Spuler können nicht auf Einem Flecke sitzen bleiben, jeder gebrochene Faden
+und jeder Ruf nach frischen Spulen setzt sie in Bewegung, der Werkmeister
+ist auch ein Mensch und muß ein freundlicher, ordentlicher Mann sein, wenn
+gut und viel gearbeitet werden soll, denn dieses läßt sich durch keine
+Gewalt erzwingen.</p>
+<p>Die Erfahrung lehrt, daß Strenge weit größere Unordnungen hervorruft, als
+Nachsicht und Güte, und Sträflinge sind im Allgemeinen fügsame, fleißige
+Leute, wenn man dieselben nur zu behandeln versteht.</p>
+<p>Trotzige, gefährliche Bursche gibts in jedem Saale; diese werden am besten
+in Schach gehalten, wenn der Werkmeister die klügere Mehrzahl für sich
+gewinnt. Unter 20 bis 40 Sträflingen den ganzen Tag leben und den
+unerbittlichen Spielen wollen, hat seine vielfachen Bedenken und es ist
+bald befohlen, aber nicht bald ausgeführt.</p>
+<p>Bei Metallarbeitern und in der Hanfreibe übertönt der Lärm jedes laute
+Gerede und auf der Seilerei würde ein Arbeiter, der mit seinem Radbuben
+durch Grimaßen sich verständigte, eine seltsame Figur spielen. Die Bahn ist
+lang, der Meister muß dem Geschäfte nachgehen und steht er vorn, dann
+plaudern oder flüstern die Radbuben, steht er hinten, dann plaudern die
+Seiler und ein verständiger Beamter darf wohl zufrieden sein, wenn nur
+keine unnützen, verderblichen Gespräche geduldet werden.</p>
+<p>Und bei den Holzhackern!</p>
+<p>Ein Paar, welches Eine schwere Säge handhabt, deren Krächzen im Bunde mit
+dem Schlag der Äxte ein leises Reden selbst für den nahestehenden Aufseher
+unhörbar macht, sollte schweigen vom Tagesanbruch bis zur sinkenden Nacht?
+Der leiblichen Anstrengung und der aufgezwungenen Hausordnung willen noch
+moralischen Zwang beifügen? Und wozu? Fleißiges Arbeiten beseitigt viel
+nutzloses Gerede von selbst und Nothwendiges muß geredet werden.</p>
+<p>Lauter donnern die schweren Küferhämmer gegen die hohlen Fässer,
+vielstimmiger ächzen die Hobel, munterer schwirrt die Drehbank, eifriger
+zischt der Schleifstein, rascher eilen die Sträflinge mit ihren Aufträgen
+hin und her und wenn Einer einen nöthigen Gang verschieben kann, verschiebt
+er denselben gewiß, bis der Beamte den Rücken kehrt.</p>
+<p>Jetzt steht dieser beim Zuckerhannes und sucht den niedergeschlagenen
+Burschen zu trösten, indem er versichert, Alles für baldige Begnadigung
+desselben thun zu wollen, so daß ihm im günstigen Falle immer noch
+Erklekliches von der Erbschaft übrig bliebe.</p>
+<p>Der Angeredete seufzt tief auf und weint:</p>
+<p>"Unser Herrgott wird alles zum Besten lenken, ich für meinen Theil glaube
+an kein Glück mehr!"</p>
+<p>"Da glaubt Ihr zuviel, bleibt brav und fleißig, dann wird noch Alles gut
+werden!" tröstet der Beamte und wendet sich zu einem Andern.</p>
+<p>Hannes berichtet dem Bläsi, was der Beamte heute so freundliches geredet,
+der nahestehende Räuber hört zu und sagt finster:</p>
+<p>"Hans, traue den "Großköpfen" nicht, s'ist Einer so schlecht wie der Andere
+und der dort Einer der Schlimmsten, sonst hätte er sich nicht als
+Oberschinder anstellen lassen! ... In <I>seinen</I> Beutel wird er dein Geld
+gesteckt haben, glaubs, ich kenne mich aus!"</p>
+<p>"Kannst Recht haben, wer weiß? Unsereiner versteht eben nichts von all den
+lumpigen Gesetzen und wird doch bestraft, wenn er über das einfältigste
+hinausstolpert! ... S'ist himmelschreiend, wie man mit armen Leuten umgeht!
+... Wäre nur der Spaniol da oder noch besser die ""große Zukunft!""</p>
+<p>"B'st, er guckt!" flüstert Einer vom Ofen herüber.</p>
+<p>Der Beamte steht beim Duckmäuser und lobt die Arbeiten desselben.</p>
+<p>Will man talenvolle [talentvolle] Handwerker, wahre mechanische Genies
+finden, so muß man in Zuchthäusern nachsuchen, in welches wenige von Natur
+beschränkte Menschen kommen, desto häufiger solche, die bei besserer
+Erziehung und unter günstigeren Lebensverhältnissen ihrem Vaterlande zur
+Ehre und Zierde gereichen würden. Auch der Duckmäuser ist im Zuchthause zu
+einem Sesselmacher, Kunstschreiner, Dreher und Bildschnitzer geworden, der
+es in all diesen Dingen mit dem besten Meister einer Residenz aufzunehmen
+im Stande wäre. Das Arbeiten ist ihm Zerstreuung, Erholung, die
+wohlverdienten Lobsprüche der Beamten und Werkmeister, die Weihrauchwolken
+der Kameraden nimmt er scheinbar gleichgültig hin, aber sie gewähren ihm
+einen Schimmer von Glück, denn er ist ein gefallener Engel, die Natur hat
+ihn mit all ihren Gaben ausgestattet, widrige Schicksale trieben ihn in
+verkehrte Bahnen, der Hochmuth hat ihn gestürzt und ein stolzes,
+ehrgeiziges Herz schlägt noch immer und zuckt schmerzlich unter dem
+entehrenden Sträflingskittel.</p>
+<p>Während der Beamte vom Duckmäuser weggeht, schreit der einäugige Stoffel
+ins Gewölbe herab:</p>
+<p>"Katholiken! ... Katholiken! ... Unterricht!" und alle katholischen
+Sträflinge rüsten, entfernen sich und eilen der Kirche oder vielmehr dem
+schmucklosen Betsaale zu.</p>
+<p>Die vordern Stühle sind bereits von den Frommen der Zuchthauswelt, nämlich
+von den rückfälligen Dieben in Beschlag genommen, die übrigen füllen sich
+rasch, manche Bekannte, welche sonst niemals zusammenkommen, finden sich
+hier zusammen und Gelegenheit, ein vertrautes Wörtlein zu reden.</p>
+<p>So sitzt diesmal der Zuckerhannes neben dem Indianer, der wegen Tödtung
+schwer verurtheilt und dadurch schwermüthig geworden ist, denn in ihm
+steckt ein ursprünglich edler Kern, er fühlt, Einen mit den schlechtesten
+Subjekten zusammenwerfen, heiße so viel, als das bessere Ich desselben zum
+Selbstmorde verdammen. Weit entfernt, das ihm gewordene Urtheil gerecht zu
+finden, hat der Vollzug ihn zum heißen Feinde der Gesellschaft und zu einem
+heißen Anhänger der Ansichten des Spaniolen gemacht.</p>
+<p>Er unterhält sich mit Hannes vom Spaniolen, behauptet, in der Noth sei
+alles erlaubt, Todschlag und Betrug, der Spaniol sei in schwerer Geldnoth
+gewesen, der Betrug, welchen er am Zuckerhannes beging, lediglich ein Akt
+der Selbsthülfe und Nothwehr und schließt:</p>
+<p>"Er hat den Moses anzapfen wollen, aber dieser war ihm zu pfiffig; mit dem
+Murmelthier war gar nichts anzufangen, weil er Gedächtniß und Verstand
+längst verschlafen hat, Martin war vermöglich und freigebig, allein ein
+minderjähriger Schlosserlehrling, der eben nur Taschengeld bekam, wir
+Andern besaßen Alle nichts und so mußte er nothgedrungen <I>dich</I> daran
+kriegen!"</p>
+<p>"Ich verzeihe es ihm doch nicht. Ein sauerverdienter Kreuzer ist Jedem lieb
+und er hätte sich mit Wenigerem begnügen können. Freilich hat mir der Staat
+erst heute zwanzig mal mehr gestohlen und&mdash;"</p>
+<p>"Ruhig!" brummt der Bierbaß eines Aufsehers.</p>
+<p>Aus einem Bretterverschlage, welcher eine Sacristei vorstellen soll, tritt
+der Geistliche im Chorrocke heraus zum Altare, alles Gemurmel und Geflüster
+verstummt.</p>
+<p>Er verkündiget zunächst, die österliche Zeit sei nahe, er wolle am nächsten
+Samstage mit dem Beichthören beginnen und habe vom Erzbischofe besondere
+Ermächtigung, auch die schwersten Sünden zu vergeben, ganz natürlich aber
+nur unter der Bedingung aufrichtiger Buße und Besserung des Sünders.</p>
+<p>Die meisten Gefangenen hören solche Botschaft sehr gleichgültig an, manche
+Gesichter verfinstern sich, über mehr als eines fliegt ein Zug bittern
+Hohnes, im Hintergrunde des Saales setzen sich einige Mundwerke in leise
+Bewegung.</p>
+<p>"Ich glaube gar, die Schwarzröcke halten uns Alle für schlechter als andere
+Leute!" murmelt der Bläsi und schaut ganz verwundert vor sich hin.</p>
+<p>"Hast gut salbadern da vornen mit deinen rothen Bäcklein und dem feisten
+Wampen! ... Kannst auf Erden fressen und saufen, was Dir beliebt und
+hintennach kommt der ewiglange Himmel!" spottet der Exfourier.</p>
+<p>"Wär' doch ein großer Narr, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die ich vor
+Amt verschwieg!" zischt ein Falschmünzer.</p>
+<p>"Der Bischof muß ein rechter Aristokrater sein! ... <I>Wir</I> schwere Sünder?
+Ei, so hole dich doch Dieser und Jener!" brummt der Mordbrenner.</p>
+<p>"Ich lasse das Beichten bleiben und Einige in unserm Saale mit mir, willst
+du mithalten?" fragt der Indianer den Zuckerhannes.</p>
+<p>"Nein, ich beichte und communizire!" erwiedert dieser und flüstert dem
+Nachbar ins Ohr, warum, und&mdash;</p>
+<p>"Seid doch ruhig dort hinten!" bittet der Geistliche.</p>
+<p>"Ruhig, ich sag' es zum letztenmal!" donnert der Aufseher.</p>
+<p>"Herrgott, wenn ich wieder eine Kirche betrete, sobald ich von diesen
+Leuteschindern weg bin, dann soll mich&mdash;!" murmelt ein kleiner Knirps und
+wirft den Kautabak unwillig aus der rechten in die linke Backentasche.</p>
+<p>Der Geistliche will heute eine kleine Prüfung anstellen, um sich zu
+überzeugen, ob die gute Saat, die er treu und emsig gesäet, doch ein
+bischen aufgegangen sei. Er hofft wenig, denn die jüngst Angekommenen
+wissen gemeiniglich fast nichts von Religion, die Andern besitzen nur
+wenige Bücher; Gelegenheit und Zeit mangeln, um auswendig zu lernen oder
+nachzudenken und wie Mancher schläft ein in der schwülen Luft des
+überfüllten Betsaales, wie mancher schweift mit seinen Gedanken außerhalb
+der Gefängnißmauern herum, wie mancher liest während des Unterrichtes ein
+wildfremdes Buch oder paßt nur auf, um den Vortrag entstellen, verspotten
+und critisiren zu können!&mdash;</p>
+<p>Zuerst fragt er jetzt nach den 10 Geboten Gottes. Der erste Gefangene
+bleibt beim fünften stecken, der Zweite findet das achte nicht, der Dritte
+verwechselt Alle, endlich sagt der Vierte sie ordentlich her und fügt auch
+kurze befriedigende Erklärungen bei.</p>
+<p>Ein lautes Aufschnarchen des Murmeltieres erregt arges Gelächter und nach
+Herstellung der Ruhe fragt der Pfarrer nach den Kirchengeboten.</p>
+<p>Diese sind den zwei Ersten, welche er fragt gänzlich, drei Andern nur
+verworren bekannt, zuletzt sagt wiederum derselbe Sträfling, welcher bei
+den 10 Geboten ausgeholfen, auch die 5 Kirchengebote geläufig her und
+Andere müssen dieselben wiederholen.</p>
+<p>Dieser unterrichtete Mensch ist ein eisgrauer Gewohnheitsdieb, der all sein
+Wissen einem vieljährigen Zuchthausleben verdankt. Er hat sich stets als
+stiller, eingezogener Sträfling und fleißiger Arbeiter bewährt, eine Klage
+wird selten innerhalb der Anstalt gegen ihn laut, doch sobald er in die
+Freiheit hinaustritt, um auf eigenen Füßen zu stehen, thut er, was Viele
+seiner ihm ganz ähnlichen Kameraden ebenfalls thun&mdash;er stiehlt eine
+Kleinigkeit und kehrt ruhig, manchmal freudig in seine Versorgungsanstalt,
+nämlich ins Zuchthaus zurück.</p>
+<p>In dieser Thatsache liegt eine furchtbare Anklage gegen unsere
+gesellschaftlichen Zustände. Je ärmer die Kirche und je geringer die Zahl
+der Klöster wurde, desto mehr füllten sich Kasernen, Strafanstalten und
+Spitäler.&mdash;Was die Liebe nicht mehr thut, weiß der Haß zu erzwingen!&mdash;</p>
+<p>Der Exfourier soll die 7 Todsünden nennen, die Nachbarn wecken ihn, er
+hatte sich gerade in Walter Scotts Ivanhoe vertieft, schaut etwas verdutzt
+empor, alle Augen richten sich auf ihn, denn er ist noch niemals vom
+Pfarrer examinirt worden und hat geschworen, demselben auch niemals eine
+ordentliche Antwort zu geben, falls er ihn frage.</p>
+<p>In der That antwortet er mit unverschämter Naivetät: er für seine Person
+wisse nichts von Todsünden und habe den Katechismus über den Kriegsartikeln
+ganz vergessen. Uebrigens meine er, man sollte einen Mann, welcher den
+gebildeten Ständen angehöre, nicht gleich einem Schuljungen examiniren.
+Auch stände nichts davon in der Hausordnung.</p>
+<p>Der gute Geistliche will hier keinen Lärm anfangen, der Exfourier war klug
+genug, so höflich und artig zu reden, daß der Aufseher nichts zu sagen
+weiß, der Zuckerhannes soll die sieben Todsünden nennen.</p>
+<p>Er bringt stotternd nur vier zusammen, der Mordbrenner antwortet durch ein
+unverständliches Brummen und tiefes Grunzen, was Viele wiederum erheitert,
+der Indianer kennt vielleicht alle 7 Todsünden und sagt dieselben
+absichtlich nicht in der rechten Ordnung her, der Kilian ist frech genug,
+um laut zu sagen, es gebe nur Eine Todsünde, nämlich <I>das Erwischtwerden!</I>
+&mdash;Schallendes Gelächter, ungeheure Heiterkeit, vielstimmiges Geflüster,
+denn Viele haben die Rede nicht verstanden oder gehört, alle wollen wissen,
+weßhalb gelacht werde und nachträglich lachen, mit Mühe wird die Stille
+wiederum hergestellt und Kilian erhält zunächst eine ernste Strafpredigt.
+Der Duckmäuser, welcher einen tüchtigen Schulsack in die Anstalt brachte,
+nennt endlich alle Todsünden und während der Stoffel die verschiedenen
+Theile der Beicht aufsagt, läutet das bekannte Glöcklein Mittag, der
+Geistliche tritt in den Verschlag zurück, zieht den Chorrock aus und
+entfernt sich traurig und wehmutsvoll.</p>
+<p>Gewehre fallen klirrend zu Boden, eisenbeschlagene Thüren rasseln auf, die
+Meister stehen auf ihren Posten, die Evangelischen und Juden sind bereits
+von der Arbeit abgeführt, von den Katholiken entfernt sich Einer nach dem
+Andern aus dem Betsaale, um seinen Speisesaal aufzusuchen.</p>
+<p>Selten geht ein Rückfälliger, ohne einen tiefen Knix zu machen, sich mit
+Weihwasser zu besprengen und dreifach zu bekreuzigen. Die Meisten dieser
+Leute zweifeln und grübeln wenig über religiöse Wahrheiten, spotten niemals
+über Gebräuche oder Diener der Kirche, fromme Gesänge und Litaneien sind
+ihre Lust, ihr religiöser Glaube mag oft ein arg verkehrter, noch häufiger
+ein todter Buchstabenglaube sein, doch seltener ein erheuchelter. Hätte
+Luther mit seiner Behauptung, daß der Glaube allein selig mache, Recht,
+dann dürften sich unsere grauen Veteranen der Greiferkunde auf ein nicht
+ganz übles Loos im Jenseits gefaßt machen, hätte gar Amsdorf mit seinem
+Paradoxon Recht, gute Werke seien der Seligkeit schädlich, dann würde sich
+der Spruch: die Letzten werden die Ersten sein, im Himmel vor Allem an den
+Bewohnern unserer Zuchthäuser erfüllen!&mdash;</p>
+<p>In jedem Speisesaal verworrenes Summen und allgemeines Gemurmel, Klirren
+der Löffel, Messer und Schüsseln, jeder Aufseher ist gerade mit dem
+Austheilen vortrefflichen Brodes fertig geworden, bis das Wort: "Suppe!"&mdash;
+allgemeines Aufstehen und allgemeine Stille hervorzaubert.</p>
+<p>Im bekannten Saale betet diesen Mittag der Zuckerhannes nicht, die Lust zum
+Beten und Essen ist ihm vergangen, der Duckmäuser spricht an seiner Stelle
+recht deutlich, kräftig und andächtig das Gebet des Herrn, dann fliegen die
+Aufwärter mit den Suppenschüsseln herbei, der Speisezettel lautet heute
+vortrefflich, deßhalb herrscht eine ziemlich gleichmüthige und oft heitere
+Stimmung unter den Gefangenen.</p>
+<p>"Reissuppe&mdash;Kartoffelschnitze&mdash;Rindfleisch!"</p>
+<p>Morgen wirds lauten:</p>
+<p>"Wassersuppe&mdash;saure Bohnen&mdash;Ende!" und mehr als ein alter oder junger
+Gefangener wird sich mit der Wassersuppe und trockenem Brode begnügen,
+dagegen werden die Vielfraße wiederum einen Freudentag haben. Alte Häuser
+wissen von Manchem zu erzählen, der sich im Zuchthause zu Tode gegessen,
+Mancher hat dem Affengesichte schon einen ähnlichen Tod prophezeit, aber
+dieser läßt sich dadurch nicht rühren, bettelt und erhandelt die Schüsseln
+Anderer zu seiner Portion, manche schieben ihm um des Spasses willen ihre
+Ueberreste zu, er ißt Alles, was er bekommt und hat der Heißhunger den
+Straußenmagen verlassen, dann setzt die Eitelkeit und Ruhmsucht das Ihrige
+oben drauf.</p>
+<p>Doch bereits beginnt die Rache der Natur, das Affengesicht muß heute
+fasten, denn der Magen mag nicht mehr gut verdauen und an seiner Stelle
+entfalten der Mordbrenner und der Kilian ihre Meisterschaft im Ueberessen.</p>
+<p>Ersterer meint, es sei ihm Eins, wenn er auch zu Grunde gehe und der Tod
+eines Vielessers jedenfalls dem Hungertode weit vorzuziehen, letzterer
+versichert, er habe in seinem ganzen Leben noch niemals genug gegessen und
+wenn er auch keinen Bissen mehr hinabbringe, sei er doch noch immer
+hungrig.</p>
+<p>In allen Sälen wird der Heldenmuth, womit der Exfourier dem Pfarrer
+antwortete und der Witz, welchen der Kilian zum Besten gegeben, zum
+Anknüpfungspunkte, die Religion zum Angelpunkte der Unterhaltung.</p>
+<p>Der Obermeister holt den Kilian vom Essen hinweg in das wohlverdiente
+"schwarze Loch" ab, dafür wird das religiöse Gespräch im Saale desselben
+und besonders auch am Tische des Zuckerhannes um so lebhafter.</p>
+<p>Wir werden uns hüten, dem Papiere anzuvertrauen, was wir mit eigenen Ohren
+über die tiefsten Geheimnisse unserer Religion, die h. Sakramente der Buße
+und des Altars, über den Erlöser und dessen jungfräuliche Mutter, über alle
+Heiligen und Diener der Kirche aus dem Munde des Exfouriers und anderer
+Halbgebildeten oft genug anhören mußten und möchten nur dreierlei jedem
+Freunde Gottes, der Regierungen und des Volks ans Herz legen, nämlich:</p>
+<p><I>Erstens</I> liegt der Unglaube von vornherein im falschen Interesse der
+Verbrecher, weil der Glaube ihr Thun am härtesten verdammt und dadurch ihre
+tiefgewurzelte Selbstsucht am schwersten beleidiget. Weil sie sich selbst
+nicht kennen, Alles mit dem Auge der Selbstsucht beschauen, das die Macht
+des Glaubens in der Wirklichkeit nirgens bewährt findet und Alles mit dem
+Ohre der Selbstsucht anhören, das ob dem Weltlärm des Eigennutzes und
+Hasses die Stimme der göttlichen Liebe nicht mehr vernimmt, reden sie sich
+gegenseitig in Zweifel und Unglauben und Feindseligkeit gegen Gott und Welt
+hinein.</p>
+<p>Hierin liegt kein besonderer Tadel gegen Gefangene, im Gegentheil haben
+dieselben mehr Entschuldigungen für ihren Unglauben als Andere.</p>
+<p>Es sind häufig verwahrloste, ungebildete Menschen und haben Ursache, das
+Loos vieler Mitmenschen zu beneiden, sind nicht im Stande, im heutigen
+Staatswesen viel Gerechtigkeit und christliche Liebe zu entdecken, wohl
+aber viel brutale Gewalt und herrische Willkür, welche sich vor Allem nur
+gegen die Armen kehrt und für deren Opfer sie sich halten. Endlich glauben
+die Verbrecher recht fest, daß ein Reicher sehr bequem alle Gesetze
+beobachten und sehr schlecht innerhalb der gesetzlichen Schranken zu leben
+vermöge, überall höfliche Behandlung, Nachsicht, Milde und Schutz auch für
+strafbares Thun finde und wissen zudem, daß auch jeder Arme ein sehr
+schlechter und verworfener Mensch sein könne, ohne mit dem peinlichen
+Richter zu thun zu bekommen.</p>
+<p>Sie sehen keinen Wald vor lauter Bäumen und kein Christenthum vor lauter
+vermeintlichen und wirklichen Heiden, betrachten die Geistlichen als
+gutbesoldete Schildträger der Gewaltigen und Reichen und kümmern sich wenig
+um deren Predigten.</p>
+<p>"Wäre der Himmel so schön und die Hölle so heiß und all das
+Pfaffengeschwätz nicht Lug und Trug, vor dem höchstens alte Weiber Angst
+bekommen, dann würden die Gewaltigen, die Reichen und nicht nur ein
+Häuflein Geistliche, die eben von Natur gute Männer sein mögen, sondern
+Alle ihr schlechtes Leben aufstecken und die Armen, Wittwen und Waisen
+nicht verachten, verfolgen und unterdrücken, sondern denselben helfen, wo
+und wie sie können, um nicht ewig verdammt zu werden! ... Christus war
+sicher ein guter Herr und großer Freund der Armen und Unterdrückten, aber
+wenn er heute käme, würde ihn die Polizei packen, der nächste beste Amtmann
+ins Zuchthaus bringen und wäre Er ein Gott, dann könnte Er solche
+Lumpenwirthschaft und solches Elend, wie es jetzt draußen ist, unmöglich
+dulden! ... Die Religion der Liebe und große Armeen, Vergebung der Sünden
+und Todschießen und Hängen, das schöne Beisammenleben der ersten Christen
+und die Hungerseuchen in Irland und Schlesien, wie reimet Ihr dieses
+zusammen? Die Armen haben die Hölle auf Erden, die Andern machen sich
+dieselbe zum Himmel, fressen und saufen und plagen die Mitmenschen zur
+
+Kurzweil, ein Narr, wer da noch an einen himmlischen Vater Aller glaubt!
+... Gibt es Einen, dann kommen <I>wir</I> in den Himmel, jedenfalls vor den
+Andern, und würde jede Kleinigkeit in die Hölle führen, nun, dann können
+<I>wirs</I> nicht anders machen, die "Großköpfe" werden Gesellschaft leisten und
+wo es so Viele aushalten, muß es lustiger und unterhaltender zugehen als in
+einem leeren Himmel, wo sie sich mit ihrem Alleluja heiser schreien und
+vielleicht nicht einmal Grammisches Bier und Portoriko ohne Rippen dazu
+bekommen! ... Vor alten Zeiten, als die Leute noch stockdumm und
+pfaffenblind waren, mag man Etwas auf leere fromme Redensarten und
+Gaukeleien gegeben haben, die Gescheidten thatens gewiß auch damals nicht
+und heuchelten Glauben aus Furcht vor Scheiterhaufen und der Inquisition,
+aber heute ist's anders! ... Geht in die Kaserne und schaut, wie viele
+Betbrüder drinnen sind! ... Kommt so ein hölzerner Rekrut vom Hotzenwald
+oder da oben von den Bergen, wo sie den Mond noch mit Stangen herabschlagen
+wollen, der wird oft gescheidt, bevor er die Honneurs machen kann und in
+die Stadt hinaus darf!"</p>
+<p>So hat der Exfourier hundertmal gesagt und sagt es heute noch. Der
+Duckmäuser besitzt Rednergabe und andere Ansichten, aber er fürchtet die
+Grobheiten, Spöttereien und Verdächtigungen des Exfouriers, die Andern
+geben diesem Recht und der Mordbrenner meint heute entzückt:</p>
+<p>"<I>Der</I> kanns Einem klar machen! ... Ja, so ists bei Gott! ... Der Exfourier
+sollte Zuchthauspfarrer werden, dann schliefe ich nie in der Kirche ein!"</p>
+<p>An diese unbescheidene während des bescheidenen Mittagsmahles schon oft und
+heute wiederum preisgegebene Rede knüpft sich etwas Weiteres.</p>
+<p><I>Zweitens</I> nämlich ist in unserer Zeit der Auflösung aller Stände der
+Gesellschaft und des bis in die untersten Schichten des Volkes
+eingedrungenen Strebens nach allgemeiner Bildung die Zahl jener Menschen
+sehr groß, welche ihre Bildung aus Zeitungen, Leihbibliotheken und
+Schriften der verschiedenartigsten Tendenzen schöpfen müssen, weil ihnen
+Zeit und Gelegenheit für gründliche Ausbildung mangelt. Aus dem seit der
+Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Deutschland überhand nehmenden
+Mangel an Christenthum in Staat, Leben, Schulen und Büchern erklärt es
+sich, daß die Zahl der oberflächlich oder mangelhaft Gebildeten so ziemlich
+derjenigen, der entschiedenen Gegner des positiven Christenthums
+entspreche. Das an sich gewiß löbliche Streben nach nützlicher Unterhaltung
+und allgemeiner Bildung hat zunächst in Folge der sozialen und
+literarischen Verhältnisse unseres Jahrhunderts zu einer heillosen
+Verwirrung aller Begriffe im Gebiete des Staates, der Wissenschaft, Kunst
+geführt und die Gleichgültigkeit gegen positive Religion hat sich selbst
+bei ursprünglich edeln, geschweige bei gemeinen und verkommenen Naturen zur
+bittern Feindschaft gegen die Kirche und gegen alle positive Religion
+überhaupt gesteigert.</p>
+<p>Unsere genialsten Schriftsteller haben Vorurtheile und Irrthümer in
+religiösen Dingen unabsichtlich und absichtlich in Menge ausgestreut und
+die edelsten Gefühle des menschlichen Herzens besonders gegen den
+Katholicismus in Aufruhr gebracht, eine unübersehbare Schaar
+untergeordneter Geister hat die Ansichten und Meinungen unserer großen
+Dichter, Philosophen und Historiker popularisirt und die
+Unterhaltungsliteratur vor Allem dazu benutzt, das moderne Heidenthum über
+das positive Christenthum, den natürlichen Menschen über den
+Christenmenschen Siege feiern zu lassen.</p>
+<p>Das gegenwärtig lebende Geschlecht hat von seinen Vätern durchgängig eine
+sehr elende religiöse Erziehung ererbt, die der positiven Religion
+gleichgültig, gehässig oder auch todesfeindlich gegenüber stehende
+Literatur erfreut sich bis zur Stunde der entschiedensten Oberherrschaft,
+das Alltagsleben predigt in Einem fort durch zahlreiche Thatsachen
+überwiegend den Unglauben, weil diese Thatsachen den Lehren und
+Vorschriften des Christenthums mehr oder minder herb widersprechen, endlich
+liegt der Unglaube offenbar im Interesse der Selbstsucht jedes Einzelnen
+und wenn gründlich gelehrte Männer oft wie Kinder reden, sobald von der
+katholischen Kirche die Sprache ist, so darf man sich nicht wundern, daß
+die Zahl der Halbgebildeten und Halbgelehrten, welche dem Katholizismus
+fremd, lau, mißtrauisch und feindselig gegenüber stehen erstaunlich groß
+und fortwährend im Zunehmen begriffen bleibt.</p>
+<p>Diese Halbgelehrten und Halbgebildeten leben fortwährend in und mit dem
+Volke, sind die eigentlichen Apostel aller Irrtümer und Lügen der Zeit und
+was ihnen an umfassender Bildung und gründlicher Gelehrsamkeit abgeht,
+ersetzen sie durch absprechendes, brutales Auftreten, volkstümlichen Witz
+und schonungslosen Spott, durch den Fanatismus ihres Unglaubens.</p>
+<p>Es ist erstaunlich, wie aufgeklärt Schustersjungen und Schneidergesellen
+heutzutage in den schwierigsten politischen und sozialen Fragen sich
+geberden, wie tief einfache Handwerker in die Geheimnisse der europäischen
+Kabinette eingeweiht zu sein vermeinen und wie bündig an jedem Biertische
+über den Unwerth der positiven Religion, das Absterben der katholischen
+Kirche und deren Bund mit der weltlichen Gewalt geredet wird.</p>
+<p>Wer das Volk genau kennt und tagtäglich in Berührung mit den
+verschiedenartigsten Menschen tritt, der weiß am besten, wie gewaltig der
+Geist des Widerspruchs und der Empörung geworden und wie scheinbar er
+gebändiget ist und wer nicht sanguinisch genug sein kann, aus leisen
+Anfängen zur Besserung rasche Fortschritte derselben herzuleiten oder gar
+zu wähnen, es ließe sich in einigen Jährlein gut machen, was mehrere
+Menschenalter sündigten, der wird auf eine aufrichtige Rückkehr des jetzt
+lebenden Geschlechtes zur positiven Religion im Ganzen verzichten, in der
+Kraftentfaltung der katholischen Kirche und vor Allem in einer christlichen
+Jugenderziehung die einzige Rettung vor den einfachen Consequenzen
+herrschender Ansichten und Grundsätze, nämlich vor einer sozialen
+Revolution und der schauderhaften "großen Zukunft" des Spaniolen erblicken.</p>
+<p>Bettelsack und Elend bleiben die Propheten und Werboffiziere des
+Communismus, die Halbgelehrten und Halbgebildeten die Apostel des
+Unglaubens, welche mindestens von den Männern des Proletariats am liebsten
+gehört werden.</p>
+<p>Die Welt ist ein großes Zuchthaus und wie es hier zugeht, geht es vielfach
+in kleinen Zuchthäusern zu. In diesen wird wenig Schlimmes von Zeitungen
+und verderblichen Büchern gestiftet, weil solche nicht zu haben sind, eine
+strenge Hausordnung wird möglichst streng gehandhabt, weltliche Lehrer
+suchen rohsinnliche Naturen für höhere und edlere als rohsinnliche Genüsse
+empfänglich zu machen, Geistliche offenbaren die Weltanschauung des
+Christenthums, ein entbehrungsreiches, freudloses, hartes Leben fordert
+jeden Sträfling auf, in der Religion Trost zu suchen und durch dieselbe den
+verlornen sittlichen Halt wiederum zu erringen&mdash;dennoch ist von wahrer
+Besserung in Sträflingssälen wenig oder nichts zu entdecken, Hopfen und
+Malz sind an diesen Felsenherzen und Rohrmenschen verloren, so lange sie
+beisammen bleiben und bei den Bejahrtern gemeiniglich für immer.</p>
+<p>Einen Grund dafür finden wir auch in dem Umstande, daß Halbgelehrte und
+Halbgebildete in jedem Sträflingssaale sich finden und ihre Kameraden im
+Grunde mehr beherrschen, als sämtliche Vorgesetzten zusammengenommen.</p>
+<p>Allenthalben herrscht der Gebildetere über den Unwissenden und Rohen und
+wenn der Sträfling von vornherein geneigt ist, den besten
+Gefängnißgeistlichen mißtrauisch zu betrachten, so glaubt er dagegen von
+Herzen gern einem Leidensgefährten.</p>
+<p>Wie mag ein Geistlicher Vieles ausrichten, dessen Person verdächtigt und
+verläumdet, dessen Lehre verdreht, verachtet und verspottet wird und mit
+welchem ein Sträfling selten ein vertrautes Wort reden kann, ohne sogleich
+verspottet, verhöhnt und verdächtiget zu werden? Was der Geistliche bei
+diesem oder jenem in einer Stunde gut macht, verdirbt der nächste, beste
+Fanatiker des Unglaubens in fünf Minuten oder noch rascher durch einen
+derben Witz.</p>
+<p>Wo bleiben denn die Berichte der Geistlichen in den Schriften jener
+gloriosen Gefängnißkundigen, welche die gemeinsame Haft vertheidigen und
+Großartiges von der Besserung ihrer Pflegbefohlenen glauben machen
+wollen?&mdash;</p>
+<p>Halbgelehrte Fanatiker des Unglaubens üben mächtigen Einfluß auf die Armen
+außerhalb der Gefängnißmauern aus, sie beherrschen auch als Sträflinge die
+Ansichten und das Benehmen ihrer Leidensgefährten und sind eigentliche
+Verderber der Besserungsfähigen unter denselben wie des gesammten
+Proletariates.</p>
+<p>Es ist bekannt, welche Rollen ehemalige Sträflinge gelegenheitlich bei
+Revolutionen spielen und seit 1848 in Frankreich übernahmen, es ist auch
+begreiflich, weßhalb religionslose Proletarier und ungebesserte Entlassene
+den wahnwitzigsten Träumern des Sozialismus in die Arme stürzen und bei der
+wachsenden Anfüllung und Ueberfüllung aller Strafanstalten möchte einsame
+Haft für die verderbtesten, so wie für halbgebildete Verbrecher eine
+Maßregel politischer Klugheit sein, wenn auch diese Leute keine
+unsterbliche Seele besäßen und nicht die Bestimmung hätten, Glieder am
+Leibe Christi zu werden.</p>
+<p>Bessern sie sich nicht in der Zelle, so verschlechtern sie doch keine
+Kameraden und machen Strafhäuser nicht zu Kasernen der Revolution.</p>
+<p><I>Drittens</I> endlich ist das enge Beisammenleben von Sträflingen
+verschiedener Confessionen für die auf den Grundlagen der positiven
+Religion allein mögliche Besserung nichts weniger als vortheilhaft. Der
+Protestant hat am Papste, an der Verehrung der Jungfrau Maria und der
+Heiligen, an der Ohrenbeichte und der Ehelosigkeit der katholischen
+Geistlichen ungemein Vieles auszusetzen, katholische Sträflinge wissen
+gemeiniglich nicht gehörig zu erwidern oder sie mögen weder für Jesuiten
+noch für Dummköpfe oder Heuchler gehalten werden; wenn die Israeliten
+gewöhnlich die Christen bei ihrem Glauben lassen, so thun getaufte
+Sträflinge den Israeliten gegenüber gewöhnlich das Gegentheil und aus all'
+diesem folgt, daß die Religion Aller wenig dabei gewinnt, wenn auch der
+religiöse Frieden ungestört bleibt.</p>
+<p>Der Unglaube scheint im Interesse der Verbrecher zu liegen, halbstudirte
+und etwas belesene Sträflinge vertreten die Rolle der Priester des
+Zeitgeistes, das Zusammenleben der Mitglieder verschiedener Confessionen
+befördert kein Anschmiegen an positive Religion&mdash;woher soll da die
+Besserung kommen?</p>
+<p>Wir wissen es nicht, haben es auch nirgends zu erfahren vermögen und kehren
+nach diesem traurigen Ausflug in den Speisesaal des Zuchthauses zurück, in
+welchem der Exfourier dem Zuckerhannes just den Begriff des "historischen
+Rechtes" in seiner gewohnten Art erläutert.</p>
+<p>Der Aufseher stört diesmal den Redefluß des gelehrten Mannes, der
+Zuckerhannes erfährt nur noch, die großen Fische fräßen die kleinen und das
+sei historisches Recht und das Gespräch wird rasch auf die Begnadigungen
+gelenkt, welche diesen Morgen vorkamen.</p>
+<p>Das Hasenmaul scheint bereits Neigung zur Verträglichkeit zu bekommen,
+setzt sich einen Augenblick neben den Duckmäuser, hört dem Gespräche zu und
+meint, der Jost, dem Alle die Begnadigung gönnten, sei eben doch wegen
+Straßenraub verurtheilt gewesen und ein solcher Kerl jeder Begnadigung
+unwürdig.</p>
+<p>Auf solche Rede hin versetzt der gegenübersitzende Mordbrenner dem armen
+Hasenmaul einen Stoß auf die Brust, daß es über die Bank hinabpurzelt und
+laut aufschreit.</p>
+<p>In diesem Augenblicke ruft das Glöcklein wiederum zur Arbeit der Aufseher
+muß zur Thüre hinaus auf seinen Posten, der Lärm der Sträflinge hat den
+Schrei des Hafenmaules schier erstickt und jetzt drängt Alles der Thüre zu.
+Wie ein kampfbereiter Stier steht der Mordbrenner vor seinem Opfer, ein
+Wort könnte das Hafenmaul in arge Ungelegenheit bringen, der Duckmäuser
+sucht Beide zu beschwichtigen, erklärt letzterm, er habe Unrecht, dem armen
+Jost das bischen Freiheit zu vergönnen und sagt:</p>
+<p>"Jost hat allerdings einen Straßenraub begangen, aber er stand vorher
+niemals vor den Schranken eines Gerichtes als Angeklagter und weniger die
+eigene Noth, als die Noth seines kranken Weibes und fünf unmündiger Kinder
+hat ihn zur Verzweiflung und zu seiner That getrieben! Weißt Du wie wehe
+der Hunger thut?"&mdash;</p>
+<p>Dergleichen Sträflinge beherbergt jedes Zuchthaus, die Meisten sind im
+Grunde wirklich unglücklicher als schuldig; die Geschichte Vieler zeigt zur
+Genüge, wie sehr der Mensch mit Allem was er ist und hat von seinem
+Mitmenschen abhängt und welche Ungerechtigkeit zugleich hinter der
+Lieblosigkeit steckt, mit welcher Sträflinge oft genug beurtheilt und
+Entlassene oft genug behandelt werden.</p>
+<p>An jeglichem Verbrechen, welches verübt wird, hat die Gesellschaft mehr
+oder minder Mitschuld und deßhalb schon die Pflicht, Verbrecher nicht blos
+zu bestrafen, sondern auch zu streben, dieselben für sich zu gewinnen und
+Entlassenen ein ehrliches und friedliches Leben möglich zu machen!&mdash;</p>
+<p>Nach wenigen Minuten ist es in der Strafanstalt wiederum lebhaft und das
+Arbeiten nimmt seinen ungestörten Fortgang. Webstühle knarren,
+Weberschiffchen zischen, Rädlein der Spuler, Wollspinner und Seiler
+schnurren, die Sägen der Holzmacher krächzen und ächzen, die Aexte schlagen
+einen schwerfälligen, unregelmäßigen Takt dazu; dumpfes Rauschen der
+Wasserräder, dröhnendes Umherrollen großer Walzen in der Hanfreibe,
+schrille Feilenmusik und Ohrenbetäubendes Hämmern der Metallarbeiter,
+pickendes Klopfen der Schuster, dumpfdröhnendes Donnern der Küfer, welche
+Reifen um ihre weitbauchigen Fässer schlagen&mdash;dieser hundertstimmige Lärm
+mahnt wiederum an das Zeitalter der Industrie, dieses Haus an
+Industrieritter dazu und die außerhalb der hohen Mauern vorübertösende
+Eisenbahn läßt von Zeit zu Zeit das unheimliche Freudengejauchze des
+sieghaften Erdgeistes in diese traurigen Räume dringen.</p>
+<p>Traurig? Gewiß, doch bei weitem nicht so traurig, als die meisten Menschen
+sich einbilden, davon mag der Zuckerhannes reden, der vor seinem Fügebocke
+steht, ein sehr gleichmüthiges und ruhiges Gesicht macht und von Zeit zu
+Zeit freundlich zum Duckmäuser hinüberlächelt.</p>
+<p>Er weinte bitterlich, als er über die Schwelle dieses verhängnißvollen
+Hauses treten mußte, wollte vergehen vor Schaam, als Räuber und Spitzbuben
+ihn mit dem brüderlichen "Du" begrüßten, wünschte sich anfangs in den
+tiefsten Kerker hinab, als er die unzüchtigen Reden und schauderhaften
+Erzählungen einzelner Mitgefangenen anhören mußte&mdash;doch kein geschaffenes
+Wesen ist zäher und elastischer als der Mensch, <I>tägliche Gewohnheit</I>
+stumpft ihn gegen Alles ab und wenn der Zuckerhannes jetzt ruhig über das
+Leben im Zuchthause und über seine Zukunft in der Freiheit nachdenkt,
+stimmt ihn der Gedanke an den letzten Tag der Gefangenschaft nicht allzu
+freudig. Freilich mahnt ihn jeder vorüberziehende Vogel daran, welch'
+unschätzbares Gut die Freiheit sei, freilich wünscht auch er manchmal einen
+guten Schoppen neben seinem Teller und eine Wurst in seine Erbsen, freilich
+drückt die erbarmungslose Regelmäßigkeit eines Lebens, wo Alles nach dem
+Minutenschlage sich richtet, der Mensch mehr oder minder zur Maschine wird
+und die Eintönigkeit zu laut durch die kleinen Ereignisse jedes Tages
+dringt, noch jetzt zuweilen mit Alpdruck auf seine Seele&mdash;aber hat er
+draußen frei und glücklich gelebt gleich den Vögeln des Waldes? War er
+jemals besonders genußsüchtig gewesen, seitdem ihn die dicke Sonnenwirthin
+im Schwarzwalde seine kindische Naschhaftigkeit so theuer hat büßen lassen?
+War er nicht an rauhe Kost, Schwere Arbeit, freudlose Tage und herbe
+Entbehrungen gewohnt, bevor er hieher kam? Was hat er Großes draußen zu
+erwarten, zumal er nicht weiß, was aus der Emmerenz geworden? Im Zuchthause
+wird er nicht verachtet, erndtet keine herben Vorwürfe, lebt ungeschoren,
+weil er sich in Andere fügt, braucht für Kost, Kleidung und Wohnung keine
+Sorge zu tragen, lauter Gründe, welche die natürliche Reue über die Folgen
+seiner That schwächen, während die übernatürliche niemals in ihm zum
+Durchbruche gelangte.</p>
+<p>Draußen kennt er keine Seele, welche sich liebend um ihn kümmerte, denn die
+Emmerenz hat mehrere seiner Briefe mit keiner Silbe beantwortet, hier
+dagegen besitzt er einen Freund, der ihm Alles in Allem geworden, nämlich
+den Benedikt, welchen er "sein Duckmäuserle" zu nennen pflegt.</p>
+<p>Dieser Duckmäuser gehört bisher noch zu den Halbgebildeten, welche nichts
+von einem Leben in Christo wissen, aber als seltene Ausnahme von der Regel
+ist er kein Fanatiker des Unglaubens, der jeden Andersdenkenden anfeindet
+und verfolgt, wenn dieser sich nicht bekehren lassen will.</p>
+<p>Ein schweres Urtheil machte ihn ernst, ein edles Naturell ließ ihn im
+Zuchthause niemals zu den gemeinsten und niedrigsten Bewohnern herabsinken,
+er wußte stets eine gewisse Würde und Ansehen bei den bessern Gefangenen zu
+behaupten. Der Zuckerhannes kam an seinen Tisch und zeigte, daß ihm
+schaamlose Reden, in welchen ältere und verheirathete Gefangene zumeist
+voranleuchteten und das Affengesicht sammt dem Exfourier zehnfach
+überboten, anwiderten.</p>
+<p>Dies bewog den Benedict, ihm freundlich sich zu nähern und als der
+Ankömmling bald von seiner leidenschaftlichen, doch rein gebliebenen Liebe
+zur Emmerenz erzählte, hatte er das Herz des Duckmäusers gewonnen. Die Zeit
+lehrte, daß sich Beide vielfach in einander getäuscht hatten, aber sie sind
+beide Freunde geblieben.</p>
+<p>Während der Erholungsstunde hat der Duckmäuser die Ursache des Kummers
+erfahren, welcher den Freund niederdrückte; es gelang ihm, denselben
+vollkommen zu trösten und sein Versprechen, ihm bei der Entlassung seine
+Ersparnisse, von denen er als ein lebenslänglich Verurtheilter und gänzlich
+verlassener Mensch doch keinen bessern Gebrauch zu machen vermöge,
+mitzugeben, hat den überraschten Zuckerhannes bis zu Thränen gerührt.</p>
+<p>Jetzt hobelt der Beglückte an seinen Faßdauben, wirft von Zeit zu Zeit
+sehnsüchtige Blicke nach dem Arbeitstische des Benedict und wünscht eine
+Gelegenheit herbei, einen Augenblick hinüber zu springen.</p>
+<p>Er findet keine, denn der Werkmeister ist sehr übel gelaunt vom Mittagessen
+zurückgekommen, mit dem Aufseher in scharfen Wortwechsel gerathen und wird
+jede Gelegenheit benutzen, um den Ingrimm an Gefangenen auszulassen, von
+denen er nichts zu befürchten hat.</p>
+<p>Der bessernde Einfluß, den manche Werkmeister und viele Aufseher auf
+Gefangene ausüben, ist äußerst gering anzuschlagen und je nachdem dieselben
+sind, verlöre der Gefangene wenig, wenn er sie auch den ganzen Tag niemals
+sähe!&mdash;</p>
+<p>Der Zuckerhannes steht in Gefahr, Etwas über sein gewöhnliches Tagwerk zu
+Stande zu bringen, deßhalb wählt er Dauben mit Astlöchern, an denen sich
+der Hobel abstumpft und ist bald beim Schleifsteine, bald beim Wasserfasse,
+bald außerhalb der Werkstätte zu finden, ohne daß er von einem Vorgesetzten
+deßhalb gescholten oder bedroht werden kann.</p>
+<p>Er hofft, der Duckmäuser werde ihm einmal folgen, möchte demselben gerne
+ein freundliches Wörtlein sagen, doch dieser ist ganz vertieft in das
+Laubwerk der Lehne eines prachtvollen Kanapeegestelles und denkt gar nicht
+daran, wie sehr er den empfindsamen Freund durch seine Vernachläßigung
+betrübt! Welch' sentimentale Seelen gibt es oft in unsern Sträflingssälen!</p>
+<p>Sentimentalität ist wohl auch eine der Verirrungen des der positiven
+Religion entfremdeten Gemüthes und findet sich häufig genug bei den
+weichherzigen und geplagten Kindern des Volkes, welche außer dem Kalender,
+der Bibel oder einem Gebetbuche sammt einigen Volksschriften und Liedern
+niemals ein Buch lesen!&mdash;</p>
+<p>Der Zuckerhannes könnte fast weinen und fühlt sich während der ersten
+Mittagsstunden recht unglücklich, denn der Duckmäuser ist sein eigentlicher
+Herrgott und hat das Antlitz von ihm abgewendet!</p>
+<p>"Hof!&mdash;Hof!" ruft es durch das Haus.</p>
+<p>Dieser Ruf gilt weder den Seilern, noch den Holzspaltern, auch nicht den
+Kameraden des betrübten Hannes, denn all' diesen mangelt es nicht an
+Bewegung und sie dürfen zwanglos ausruhen, was wir nur billig, zweckmäßig
+und löblich finden können, dagegen gilt der Ruf Allen, welche sitzende
+Gewerbsleute sind und diese bleiben zum Spazierengehen verpflichtet.</p>
+<p>Zunächst speit der Saal der Spinner und Korbflechter und einer der Weber
+seine Gäste aus, dieselben drängen sich zur Thüre hinaus und eilen die
+Stiege hinab in den Hof.</p>
+<p>Eine Minute später marschiren sie rasch und taktfest, schweigend und streng
+beobachtet, immer Einer hinter dem Andern längs den Mauern eines Hofes hin
+und her, der ein längliches Viereck bildet.</p>
+<p>Auf den Flügeln des laufenden Vierecken stehen Aufseher, in der Mitte
+desselben der Obermeister, welcher bald diesen bald jenen aus dem Zuge
+herausbeschwört und in das Kleidermagazin beordert, damit der alte
+schmutzige und löcherige Mensch mindestens einen neuen Kittel bekomme und
+auswendig erträglich aussehe.</p>
+<p>Der stumme Gänsemarsch einer Sträflingsschaar mag auf den fernstehenden
+Zuschauer wohl einen peinlichen Eindruck machen, aber er ist dem zwanglosen
+Ausruhen und beliebigen Umhergehen während der Erholungszeit weit
+vorzuziehen, weil er Menschen, welche bereits den ganzen Tag auf einem
+Flecke sitzen und jahraus jahrein sitzen müssen, zum Laufen zwingt,
+genauere Bekanntschaften der Bewohner verschiedener Säle verhindern hilft
+und jedem eine Gelegenheit, Andere zu verderben und verdorbener zu werden,
+abschneidet.</p>
+<p>Abgesondert von den Uebrigen stehen Einige, bei denen die eine Seite der
+Montur schwarz, die andere grau ist und welchen die Kette weder große noch
+eilige Schritte zu machen gestattet. Einer hinkt einsam längs den Wänden
+hin und her, zwei Andere athmen schwer und stehen herum.</p>
+<p>"Ab!" commandirt der Obermeister nach einer starken halben Stunde und
+während die Spaziergänger in ihre Säle zurückkehren, treten ihre Nachfolger
+in den Hof hinaus.</p>
+<p>Seltener und matter tönt das Hämmern und Klopfen, nach einer Weile setzt
+der Ruf. "<I>Vier Uhr!</I>"&mdash;dem Fleiße der Seiler und Holzarbeiter ein
+plötzliches Ziel.</p>
+<p>Eifersüchtig bewahren die Sträflinge jedes der kleinen Zugeständnisse,
+welches ihnen zu Theil geworden, der fleißigste Arbeiter wird eher den
+letzten Nagel, welchen er zur Hälfte ins Holz hineingehämmert, stecken
+lassen als noch einen Schlag thun, wenn der Ruf: Vier Uhr!&mdash;hörbar
+geworden.</p>
+<p>Das Vesperbrod wird zur Hand genommen und mit Gänsewein hinabgewürgt, die
+einzige Würze des spartanischen Mahles besteht darin, daß sich Bekannte
+gelegentlich in kleinen Gruppen zusammenfinden dürfen.</p>
+<p>"Komm, Hannes, ich habe etwas Besonderes!" lacht der Duckmäuser, der
+Zuckerhannes hat sich vorgenommen, ein wenig zu schmollen, aber diesem
+Lächeln vermag er nicht zu widerstehen und noch weniger dem Leckerbissen,
+an welchen er Antheil haben soll.</p>
+<p>Er eilt zur Hobelbank hinüber; mit dem gewichtigen Ernste und der
+feierlichen Würde des vornehmsten Kochkünstlers irgend eines modernen
+Heliogabal zieht der Duckmäuser eine Schüssel unter der Hobelbank hervor,
+vor deren Inhalt Mancher zurückschaudern würde, der nicht eine Ader von
+einem Eßkünstler in sich hat.</p>
+<p>Zusammengebettelte Kartoffelschnitze, einige Tropfen elenden Essigs und
+einige Tropfen ranzigen Brennöles daran&mdash;der Zuchthaussalat ist fertig und
+mit vergnügter Miene greift das Freundespaar mit einem Löffel zu, welcher
+aus dem Munde des Einen in den Mund des Andern wandert.</p>
+<p>Mit welchem Appetit wird dieser Leckerbissen verzehrt, mit welchem Neide
+betrachten einige Gefangene die Esser, welche Freude spiegelt sich in den
+Mienen derjenigen, die zum Mithalten eingeladen werden und einen oder zwei
+Bissen der köstlichen Speise zu sich nehmen dürfen!&mdash;</p>
+<p>Der Benedict ist in diesem Augenblicke wiederum der Held, der Wohlthäter
+des Saales, er empfängt den Lohn des Fleißes und der Geschicklichkeit, der
+Werkmeister drückt ein Auge zu, der Verwalter wird nichts von diesem Salate
+erfahren, den die Hausordnung keineswegs ausdrücklich verpönt, aber auch
+nicht ausdrücklich billiget, so daß er möglicherweise eine Zeile im
+Strafbuch nach sich ziehen könnte.</p>
+<p>Die Schüssel wird leer, der Bläsi eingeladen, dieselbe vollends
+auszulecken, er bedankt sich dafür, weil er noch nicht lange genug hier
+ist, um die volle Wonne eines mehrfach zweifelhaften Kartoffelsalates zu
+empfinden, ein halbes Dutzend Anderer wünscht seine Stelle einzunehmen, das
+Affengesicht erhält jedoch den Vorzug.</p>
+<p>Der Gastgeber sucht mit dem Zuckerhannes und Andern die frische Luft und
+steht auf den Treppen der Eingangsthüre.</p>
+<p>Ein Gefangener, in welchem man durch das rothe Band unter dem Knie einen
+Rückfälligen erkennt, schleppt einen Korb voll Garn durch den Hof, bleibt
+plötzlich stehen, setzt die Last nieder, beginnt gewaltig zu schimpfen, zu
+drohen und einen unsichtbaren, stummen Feind herauszufordern. Dann horcht
+er eine Weile und wiederholt das Manöver, bis die Hofwache ihn vertreibt.</p>
+<p>Verwundert hat der Zuckerhannes den Lärmmacher betrachtet, das Gelächter
+der Kameraden ist ihm unbegreiflich, er fragt:</p>
+<p>"Was ist's denn mit diesem Menschen? ... Keine Seele hat Etwas mit ihm
+gehabt und er schimpft und tobt als ob er einen Todfeind auf dem Halse
+habe?"</p>
+<p>"Der Kilian gibt Aufschluß, wenn er aus dem schwarzen Loch kommt, er kennt
+den Kerl genau!" meint der Exfourier, welcher sich der Gruppe näherte.</p>
+<p>"Ich kanns auch thun, denn der Salomon, wie der geschupfte Mensch heißt,
+hat sein Nest neben mir und hat in den ersten Wochen den ganzen Saal
+manchmal allarmirt!" erzählt ein Veteran der Greiferkunde und fährt fort.</p>
+<p>"Der Salomon wurde voriges Jahr entlassen, kehrte vor bald acht Monden ins
+Zuchthaus zurück mit einer neuen Capitulation von zwei Jährchen. Er
+behauptete jedoch in Einem fort, unschuldig zu sein und wollte deßhalb um
+keinen Preis arbeiten. Alle Güte und alle Strenge fruchtete nichts, wir
+selbst ermahnten ihn vergeblich, gescheidt zu sein und zu arbeiten, damit
+er sich nicht für jetzt und für ein andermal das Spiel verderbe."</p>
+<p>"Wie Alles nicht half, wurde der Salomon endlich für so lange in Arrest
+gesprochen bis er sich dazu verstünde, den Kneip zur Hand zu nehmen. Tag
+und Nacht saß er allein in seinem Arreste, bekam weder einen Tisch noch ein
+Buch und durfte sich in der Kirche und in der Schule auch nicht blicken
+lassen. Als Arrestant sah er keinen Bissen Fleisch und damit es ihm nicht
+einfalle, die Zeit mit Schlafen todtzuschlagen, erhielt er Abends seinen
+Spreuersak [Spreuersack] und das Bettzeug, Morgens wurde Alles wieder
+herausgenommen."</p>
+<p>"Sechs Monate hat ers in der Einsamkeit und Langweile ausgehalten und ist
+fest darauf geblieben, er sei unschuldig, gehöre nicht ins Zuchthaus und
+werde deßhalb auch nicht arbeiten. Es wäre leicht möglich, daß die Herren
+Richter eines schönen Morgens nach einem Donnerwetter und Platzregen sich
+übelgelaunet zusammen setzten und zwei Jahre des salomonischen Lebens als
+Gabelfrühstück verspeisten, aber ich für meine Person glaube nicht an
+Salomons Unschuld. Wurde er Einmal unschuldig verurtheilt, so hat er dafür
+Manches gefunden, was nicht verloren war und es kam nicht auf ihn heraus.
+Zwar hat er nicht so Vieles gestohlen und nicht so viele Untersuchungen
+durchgemacht, wie der rothe Philipp, denn dieser ist kaum 30 Jahre alt und
+hat 27 Untersuchungen und einige kleinere Strafen durchgemacht, bevor er
+zum erstenmal hierher kam, aber sauber ist der Salomon schon als Soldat
+nicht gewesen! ..."</p>
+<p>"Kurz und gut, er blieb 6 Monate in Arrest, dann kam er heraus, mußte
+einigemal im Zwangstuhl singen und weil ihm angedroht war, daß er jeden
+andern Tag singen müsse, verstand er sich endlich zur Arbeit. Er arbeitet
+oder thut doch, als ob er guten Willen dazu habe, allein sein Arbeiten ist
+nicht mehr weit her, er hat in der Schusterei Leder verdorben und
+Dummheiten aller Art gemacht und macht jetzt so eine Art Hausschänzer! ..."</p>
+<p>"Er ist in der Zelle ein Narr geworden, wer weiß, ob es mir nicht auch so
+geht, wenn sie bei uns Zellengefängnisse bauen!" murmelt der Duckmäuser
+nachdenklich.</p>
+<p>"Müßte ich heute für Monate und Jahre einsam in einen Arrest, dann machte
+ich es wie der Thorsepp vor acht Tagen, ich sprünge dort in den Bach und
+wenn ich entdeckt und herausgezogen würde, wie es diesem ergangen, hinge
+ich mich am nächsten, besten Nagel auf!" meint der Exfourier.</p>
+<p>"Ja im Menschenquälen ist jeder Esel ein Genie und in der Menschenliebe das
+Genie oft genug ein Esel, ich habe das schon in der Kaserne erlebt!" seufzt
+der Duckmäuser.</p>
+<p>"Überall errichten sie jetzt Vereine gegen Thierquälerei und ich bin ganz
+dafür, weil ich oft gelesen, wie viehische Bauern, Knechte, Fuhrleute und
+Metzger die armen Thiere quälen aber weßhalb fällt es den Herrn niemals
+ein, auch einen <I>Verein gegen Menschenquälerei</I> zu stiften?" fragt der
+Bläsi. Der Zuckerhans schaut dem Bläsi ernst ins Gesicht und dieser wird
+bis über die Ohren roth.</p>
+<p>"Weil der arme Teufel weniger auf der Welt gilt als ein Stück Vieh! ... Das
+Geld macht Alles aus, wer keines hat und nimmt wo ist, wird doch
+eingesperrt! ... Wir leben in einer gang [ganz] verkehrten Welt!" seufzt
+Einer.</p>
+<p>"Wenn ich könnte, packte ich die ganze Welt in eine Beißzange und hämmerte
+sie mit dem schwersten Küferhammer platt!" lacht der Exfourier.</p>
+<p>"Apropos, was macht denn der Salomon, wenn er närrisch wird, he?" fragt der
+Zuckerhannes.</p>
+<p>"Ei, hast ihn ja selbst gesehen und gehört!" erwiedert der Rückfällige.</p>
+<p>"Wenn kein Mensch an Etwas denkt, fängt er an zu schimpfen und behauptet,
+es sei Einer draußen, der ihn in Einem fort schimpfe und ihn schlagen
+wolle. Ist's Tag, dann läuft er oft auf die Verwaltung oder zum Doctor und
+verklagt seinen Feind, von dem Niemand etwas sieht, hört und weiß!"</p>
+<p>"Das ist spaßig! ... Grausig! ... Salomons Feind ist der Teufel! ... So
+ergeht es vielen Franzosen in der Zelle," spricht der Kilian! ...</p>
+<p>"Die Beamten und der Doctor lachen den Salomon aus wie wir Alle, sagen, mit
+der Zeit würden die Einbildungen von selbst verschwinden und es scheint
+auch richtig so zu kommen, denn er ist schon jetzt viel ruhiger als noch
+vor 3 Wochen und&mdash;"</p>
+<p>"Zur Arbeit, Leute!"</p>
+<p>unterbricht der Werkmeister den Rückfälligen, die letzte Minute der
+Erholungszeit ist vorüber, die Sträflinge eilen zu ihrem Geschäfte zurück
+und die Meisten arbeiten eifriger als bisher den ganzen Tag, denn wer am
+Sonntag ein Stücklein Butter oder am Ende des Monats ein halbes Pfund
+Schnupftabak kaufen will, darf mit der Fertigung des vorgeschriebenen
+Tagwerkes nicht zurückbleiben.</p>
+<p>"<I>Schule! ... Zweite Klasse! ... Schule!</I>"</p>
+<p>Der Ruf zur Schule ergeht wöchentlich einigemal an Alle, welche das 36.
+Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben und ihm folgt selten ein Sträfling
+mit Widerwillen.</p>
+<p>Das Amt eines Zuchthauslehrers ist ein schwieriges, aber dafür auch ein
+dankbares und segensreiches.</p>
+<p>Alter und Bildungsstufen der Gefangenen vervielfachen die Mühe des Lehrers
+und erschweren die Eintheilung der Schüler, täglich oder doch wöchentlich
+gehen alte Schüler ab und treten neue ein, nur bei Schwerverurtheilten
+sieht der Lehrer die Früchte seines Wirkens und weiß, daß diese sich
+verdoppeln und vervielfachen würden, wenn die Schüler einige ihrer
+arbeitsfreien Stunden der Selbstbildung widmeten.</p>
+<p>Ueber schlimmen Willen wird ein Zuchthauslehrer selten zu klagen haben,
+Sträflinge sind gewöhnlich aufmerksame und talentvolle Schüler, fertigen
+auch Schulaufgaben, so gut sie es vermögen, doch wer mag in dem
+unvermeidlichen, durch Strenge höchstens zu mildernden, doch nimmermehr zu
+beseitigenden Gesumme, Gebrumme und Hin- und Herrennen eines Saales, wo an
+Sonn- und Feiertagen 40 bis 80 Menschen dichtgedrängt bereits den ganzen
+Tag beisammen sitzen, kopfanstrengende Arbeiten vornehmen? Ein bischen
+Schreiben, Lesen, Zeichnen geht an und wird auch keineswegs
+vernachlässiget, dagegen hat es mit allem Rechnen so ziemlich und mit dem
+Auswendiglernen gänzlich ein Ende.</p>
+<p>Religionsunterricht und Schule müssen die Schuld des Beisammenlebens der
+Verbrecher abbüßen helfen, mögen die Lehrer auch noch so eifrig und
+pflichtgetreu sein, die Gefängnißbeamten fleißige Schüler beloben und
+belohnen und mag die Regierung Alles thun, um die Feinde der Gesellschaft
+durch die Macht der Bildung und der Religion mindestens von Rückfällen in
+neuen Verbrechen abzuhalten.</p>
+<p>Schon Mancher hat den verlornen Schulsack im Zuchthause wieder gefunden,
+Mancher ist hier mindestens so weit gekommen, um aus Klugheit ungesetzliche
+Handlungen künftig zu vermeiden, mancher arme Tropf hat ein Handwerk
+gelernt, in Folge größerer Bildung und menschenfreundlicher Behandlung den
+Haß gegen die Gesellschaft aufgegeben und als Entehrter zum erstenmal eine
+klare Vorstellung der Ehrenhaftigkeit erworben&mdash;doch im Ganzen sind und
+bleiben Strafanstalten Hochschulen des Lasters und Verbrechens, so lange
+die Bewohner derselben Tag und Nacht beisammen leben.</p>
+<p>"An den Früchten sollt ihr sie erkennen!" rufen wir den kurzsichtigen oder
+auch eiteln Vertheidigern der gemeinsamen Haft zu; zum Unglück derselben
+ist die Welt darüber ziemlich im Klaren, daß die schlechten Früchte dieser
+Strafart die guten von jeher kaum sichtbar werden ließen und ein
+beachtenswerther Zwiespalt der Ansichten ergibt sich lediglich in der
+Frage, was Besseres an die Stelle der gemeinsamen Haft zu setzen sei.&mdash;</p>
+<p>Der Zuckerhannes hat in der Schulstube seiner Heimath blutwenig gelernt,
+später sich lieber mit Thieren und Menschen als mit todten Büchern und
+unnütz scheinenden Dingen abgegeben, doch in der Finsterniß des Kerkers ist
+ihm ein besseres Licht aufgegangen, der Duckmäuser brachte ihn zur
+Einsicht, der Brief des Winkeladvokaten an den Fesenmichel sei keineswegs
+ein Diplomatenstreich gewesen, jetzt sitzt unser Held bereits in der
+zweiten Klasse der Zuchthausschule und der Antrag des Lehrers, ihn der
+dritten Klasse einzuverleiben ist ein neues freudiges Ereigniß des heutigen
+ereignißreichen Tages.</p>
+<p>Es dämmert bereits, wie der Zuckerhannes mit seiner Schiefertafel aus der
+Schule in die Werkstätte zurückkehrt. In einem Winkel des Ganges trifft er
+den einäugigen Stoffel, der tiefsinnig an den Nägeln kaut.</p>
+<p>"Was gibts, alter Strolch, was treibst?"</p>
+<p>"Ho, ich blase Trübsal, s'ist ein böses Instrument und morgen werde ichs im
+schwarzen Loch blasen. Wenn nur das ganze Zuchthaus heute Nacht noch
+zusammenbrennen würde und ich damit! ..."</p>
+<p>"Weßhalb? ... Bist ja hier daheim, was hat es gegeben?"</p>
+<p>"Ich erfuhr schon gestern Abend, daß der Jost heute fortkommt, weißt ja,
+daß die alte Garde Manches eher erfährt als die andern. Der freudenvolle
+Jost gab mir das Versprechen, ein paar Päckle Schick und ein Kettchen
+Knackwürste von Außen herein über die Mauer zu werfen, hats auch richtig
+gethan, ich ließ es mir schmecken, fing einen kleinen Krämerhandel an, der
+Meister ist dahinter gekommen, ich habe Alles schön geläugnet, aber man
+fand Zeugen in meinen Strümpfen und jetzt gehts bei diesem kalten Wetter
+wieder einmal in unterirdische Regionen! ... S'ist ein Elend!"</p>
+<p>"Oh, bist im Ganzen hier doch besser daran, als Tausende draußen. Wenn ich
+früher vom Zuchthause reden hörte, dachte ich immer an dunkle Löcher mit
+triefenden Wänden, an Wanzen, Flöhe, Spinnen, steinhartes Brod und
+stinkendes Wasser und hat unser Amtsgefängniß auf etwas Besseres
+hingedeutet? ... Hier habe ich die Hände über den Kopf zusammengeschlagen,
+als ich diese Reinlichkeit und Pracht sah und eine Art Spital fand, an
+welchem die verschlossenen Thüren das Fatalste sind! ... Ich für meine
+Person muß mich dankbar an Vieles erinnern, was ich hier genossen habe!"</p>
+<p>"Oh Narr! lacht der Stoffel; du willst dich für die Schinderei auch noch
+bedanken? ... Glaubst du denn, die ""Großköpfe"" würden uns so gar
+ordentlich betten, wenn sie nicht ihren verfluchten Vortheil dabei hätten?
+... Zudem ist alles armselig genug, gerade so, daß man zur Noth bestehen
+mag! ... Früher gabs Willkomm und Abschied, wie der alte Paul wohl weiß,
+doch hier arbeiteten fast alle in der Stadt und wenn ich all den
+Specksalat, die Würste und Brodstücke auf einen Haufen legen und alle
+Schoppen darüber gießen könnte, welche mir draußen auf der Schanz
+zugesteckt wurden, es gäbe einen Berg, in welchem sich dieses ganze Gebäude
+verbergen ließe! ... Jauchzend und singend zogen wir manchmal Abends durch
+die Stadt heim und klapperten mit unsern Holzschuhen den Takt dazu, s'war
+ein Stolz und eine Freude Graukittel zu sein, aber jetzt? ..."</p>
+<p>"Müßte ich nicht an meinen grauen Stachelbart denken, ich liefe wahrhaftig
+davon! ... Man darf jetzt nur noch das bischen Butter und den Schnupftabak
+wegdecretiren, mit Hungerkost freigebiger werden, dann wird und muß das
+Häfelein überlaufen. Es hapert dann mit der Arbeit, die Krankenstube wird
+voll, wöchentlich einmal kommen die mit den Schlapphüten und tragen Einen
+von uns zu den Studenten. Wir profitiren bei all diesen Dingen nichts, aber
+die großen Herren profitieren auch nichts! ... Unsereins kostet immer viel
+Geld, bevor er unter dem Boden liegt und kommt er wieder aus dem
+Zuchthause, so wird er das nächstemal pfiffiger sein und keine Kleinigkeit
+stehlen, sondern tüchtig zugreifen, anzünden, einen Reichen todschlagen und
+Alles thun, was er vermag!"</p>
+<p>"Warum?"</p>
+<p>"Ho, bist du noch immer so dumm, wie damals, als der Spaniol dich hinters
+Licht führte. Hat Einer recht ""Moos"", dann gehts ihm gut, wenn er damit
+durchkommt. Wird er aber erwischt, nun, dann macht man ihm den Garaus und
+die ganze Lumperei hat ein Ende oder er weiß doch wenigstens, weßhalb er
+ins Zuchthaus gekommen! ... Ich halt's ganz mit dem Spaniolen, der war ein
+gescheidter Mann: je ärger die Großen dreinfahren, desto ärger treibens die
+Kleinen und alles muß so kommen, wenn die ""große Zukunft"" nicht
+ausbleiben&mdash;"</p>
+<p>"Fort, s'kommt Einer!"</p>
+<p>Der Aufseher findet weder den Zuckerhannes noch den Einäugigen mehr, hinter
+ihm traben die Hausschänzer her, um die Lichter in den letzten Werkstätten
+anzuzünden, denn bereits schaut ein neuer sternenloser Winternachthimmel in
+den Hofraum der Strafanstalt herein.</p>
+<p>Die heimelige Zeit der Dämmerung und die ruhige der Nacht bringt Gefangenen
+von selbst eine minder strenge Aufsicht und Vergessenheit ihres Zustandes,
+wirft ihren Schleier über manche Kleinigkeit, die sich nicht streng mit der
+strengen Hausordnung vereinbaren läßt und stimmt die abgematteten
+Werkmeister und müden Aufseher milde und versöhnlich gegen ihre Arbeiter
+und Pflegbefohlenen.</p>
+<p>Wiederum läßt die Hausglocke ihre helle Stimme vernehmen.</p>
+<p>"<I>Sechs Uhr!</I>"</p>
+<p>Jeder legt die Arbeit nieder, die Aufseher ziehen ihre Dienstmützen vom
+Kopfe und machen ernstere Gesichter, die Gefangenen thun dasselbe, mancher
+faltet die Hände und zuweilen bewegt auch einer die Lippen.</p>
+<p>Leben wir nicht in christlichen Landen und ist's nicht Betzeit?</p>
+<p>Nach einigen Minuten wird fortgearbeitet, die Faulen sputen sich um ihr
+Tagwerk fertig zu bringen, die Fleißigen ermüden sichtbar, die Arbeit eines
+Jeden wird in Augenschein genommen, zuweilen belobt, noch öfter mit
+Stillschweigen übergangen, manchmal getadelt und immer aufgezeichnet.</p>
+<p>Allgemach wird es ruhiger in der Werkstätte, Ungeduld spiegelt sich in
+mancher Miene, auch die armen Werkmeister und Meister bleiben zuweilen
+einen Augenblick ruhig und horchen scharf, ob das Glöcklein nicht den
+letzten und besten Ruf, den Heimruf zum Essen und Schlafen anstimme.</p>
+<p>Endlich ertönt es;&mdash;"<I>Feierabend!</I>"&mdash;rasches Verstummen jedes
+Arbeitslärmes, Aufräumen aller Geräthschaften, Abmarsch.</p>
+<p>Nach wenigen Minuten sitzt unsere bekannte Tischgesellschaft wieder
+beisammen, der Zuckerhannes betet wiederum laut vor, dann läßt sich Jeder
+die Wassersuppe und Mancher auch Reste des Mittagsmahles oder ein Stück
+Brod schmecken.</p>
+<p>Kaum hat der Zuckerhannes vom Tische gebetet und kaum sind die
+Zinnschüsselchen verschwunden, so beginnt das Abführen in die Schlafsäle.</p>
+<p>Die Wachen und Aufseher stehen draußen in den Gängen auf ihren Posten, der
+Reihe nach werden die Nummern der Schlafsäle ausgerufen und Einer nach dem
+Andern marschirt ab.</p>
+<p>Wollte man während des Abführens in die Schlafsäle gar zu streng auf Stille
+und Ordnung in den Speisesälen sehen, so würden die Wachen vielleicht erst
+um zehn Uhr in ihre Wachtstube und die ohnehin arg angestrengten Aufseher
+noch später zu ihrem Nachtessen gelangen und solche Verzögerung brächte
+Niemanden Nutzen, während das minutenlange Gehenlassen der Gefangenen wenig
+schadet.</p>
+<p>Wer unter Tags nicht zu einem Bekannten oder Landsmann kam, welcher an
+einem entfernten Tische sitzt, trifft denselben jetzt und wer nicht ein
+bischen heiter war, wird es für eine kleine Weile.</p>
+<p>Der Mordbrenner benutzt das lebhafte Getümmel, um mit gedämpfter Stimme ein
+bischen zu jodeln, der Erfourier tanzt mit dem Affengesichte im
+Hintergrunde und versichert es sei Polka, ein Räuber schnalzt den Takt dazu
+mit Zunge und Fingern, das Hasenmaul theilt mit dem Zuckerhannes ein
+Päcklein Schick und der Duckmäuser hält Einigen eine Vorlesung über den
+hohen Werth einer menschenfreundlichen Behandlung im Zuchthaus.</p>
+<p>Morgen Abend wird es wieder froh um diese Zeit zugehen, denn übermorgen ist
+ein arbeitsfreier Tag und die Ruhe- und Freudentage der freien Bevölkerung
+sind Folter- und Trauertage, jedenfalls Tage peinlicher Langweile für
+Gefangene.</p>
+<p>Freilich nimmt an Festtagen der Gottesdienst und Gänsemarsch im Hofe Zeit
+weg, vielleicht müssen auch die Füße in der Waschküche gewaschen werden und
+manche melden sich zum Rapport beim Vorstande, doch immerhin bleibt manche
+Stunde übrig und während derselben wie angenagelt hinter einem Tische
+sitzen sollen, um St. Johannistag wie um Weihnachten um sechs Uhr Abends
+die Suppe essen und sich alsdann von der noch ziemlich hochstehenden Sonne
+im Bette bescheinen lassen, dazu die Freudentöne der Freien von Weitem
+vernehmen, dies Alles macht arbeitsfreie Tage zu den unbeliebtesten, welche
+die Mehrzahl der Sträflinge erlebt.</p>
+<p>Was sollen dieselben machen?</p>
+<p>Die schwüle Luft macht Aeltere schläfrig und mißmuthig, die Jüngern reden
+und schäckern, zehn Aufseher wären nicht im Stande, sie daran zu hindern,
+Manche laufen beständig ein und aus und es läßt sich nicht verbieten.</p>
+<p>Unsere Bekannten gehören meist zu den geschicktern Gefangenen und diese
+wissen sich zur Nothdurft immer Unterhaltung zu verschaffen. Das
+Murmelthier wird sich in der Kunst immerwährenden Schlafes produciren, der
+Indianer spielt die Rolle eines Porträtmalers und wird Einigen ihre
+Dulcineen malen. Freilich hat er letztere niemals gesehen, allein wenn die
+Farbe und der Schnitt der Sonntagskleider getroffen, der Kopfputz nicht
+ganz verfehlt und das Roth der Wangen und Lippen recht einleuchtend
+hervorstechen wird, dann fühlt sich der Liebhaber schon beseliget, spendet
+Weihrauch und Lohn und seine Einbildungskraft ersetzt die fehlende Kunst.
+Auch das Affengesicht macht Geschäfte als Maler; zum Scheine malt er
+schuldlose Häuser, in unbewachten Augenblicken klekst er unzüchtige Bilder
+zusammen, diese finden reißenden Absatz und Mancher, der das schönste
+Heiligenbild als Geschenk gleichgültig betrachtete oder auch zurückwiese,
+spart sich das Fleisch vom Munde ab, um vom Affengesichte mit einem
+Schandgemälde beglückt zu werden.</p>
+<p>Der Exfourier ist heute durch eine Schildwache von der vollendeten
+Treulosigkeit seiner Braunen überzeugt worden und wird am nächsten Sonntag
+einen herzbrechenden Brief an dieselbe schreiben. Der Mordbrenner wird dem
+Hasenmaul ein langes und unter Sträflingen sehr beliebtes Gesicht, nämlich
+Kotzebue's "Verzweiflung" gleichmüthig ins Schreibheft eintragen und wenn
+ihm das Hasenmaul nur noch ein kleines Stücklein Butter weiter verschafft,
+wird er die furchtbaren Worte:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;Ha, wo bin ich und was soll ich hier<br />
+&nbsp;&nbsp;Unter Tigern, unter Affen?<br />
+&nbsp;&nbsp;Welchen Plan hat Gott mit mir<br />
+&nbsp;&nbsp;Und wozu bin ich erschaffen?</p>
+<p>mit zolldicken lateinischen Buchstaben schreiben.</p>
+<p>Der Duckmäuser, dieser Allerweltskünstler, würde an arbeitsfreien Tagen
+Vieles verdienen, wenn er minder gutmüthig und freigebig wäre. Er wird am
+nächsten Sonntag die niedlichsten Dosen aus Maserholz glänzend poliren,
+welche er unter der Woche neben seinen vielen und schönen Arbeiten für sich
+"gepfuscht" hat, auf Glastafeln mit goldenen Lettern und kunstreichen
+Randverzierungen wiederum ein schönes Gedicht malen und gelegentlich dem
+Zuckerhannes beistehen, der sich mit der Fertigung der Schulaufgaben
+abquält und Auszüge aus Zschockes "Stunden der Andacht" und verwandten
+Schriften zu machen pflegt.</p>
+<p>Auf solche Art wird der nächste Sonntag vorüberschleichen und die Angst auf
+seinen Nachfolger als Angebinde zurücklassen.</p>
+<p>"Numero Fünf!"&mdash;ruft es durch die Gänge.</p>
+<p>Die meisten Gefangenen haben den Speisesaal bereits verlassen, jetzt bricht
+der Zuckerhannes auf und nimmt Abschied vom Duckmäuser, denn dieser liegt
+Nachts in einem andern Saale und sein Wunsch, neben dem Freunde zu
+schlafen, ist bisher unerfüllt geblieben.</p>
+<p>Einer der Letzten hinkt unser Held in den Schlafsaal Numero 5, ein Aufseher
+folgt ihm, der Beter von heute Morgen haspelt wiederum ein Vaterunser
+herab, dann wird die schwere Eichenthüre geschlossen, die gewichtigen
+Riegel klirren vor, der Schnurrbart eines Aufsehers hängt noch eine Minute
+zum Guckfensterlein herein, bis Jeder unter seinem Teppich liegt.</p>
+<p>"Gute Nacht!"</p>
+<p>Fortan hört man von drunten im Hofe nichts mehr außer den langsamen
+Schritten der Schildwachen, die der Aufseher sind nicht mehr hörbar, weil
+sie auf Socken einherwandeln oder doch sehr leise auftreten, dagegen tönt
+vom Guckfenster her manchmal ein ernstes und häufig auch ein grobes Wort,
+wenn nicht Alles hausordnungsmäßig zugeht.</p>
+<p>Wer hart arbeitete, schläft gemeiniglich rasch ein, minder ermüdete oder
+kummervolle Nachbarn flüstern unter ihren Decken hervor oft noch lange
+miteinander, verwegene Bursche lachen oder reden auch laut und lassen
+Verweise und Drohungen zu einem Ohre hinein und zum andern hinaus, Leute,
+welche der nächste Tag oder die nächste Woche zu Entlassenen macht, fragen
+begreiflicherweise nicht immer zu viel nach der Hausordnung die lange genug
+als drohendes Damoclesschwerdt über ihrem Haupte hing. Zuweilen erhebt sich
+auch ein Streit um der Luft willen, denn Einzelne möchten aus guten Gründen
+ein Fenster halb oder ganz offen lassen, dagegen pflegen die abgesagten
+Feinde reiner Luft oft als Mehrheit zu opponiren. Endlich dringt der
+Stundenschlag der Stadtuhren, der Gesang fröhlicher Zecher oder eine ferne
+Musik wehmüthig zu den Ohren der Eingesperrten, im Schlafsaale vernimmt man
+nur noch die Traumredner oder die Schnarcher, welche ihr ohrenzerreißendes,
+rasendmachendes Tutti beginnen.</p>
+<p>Sendet um Mitternacht der Mond sein bleiches Licht durch die trüben, arg
+vergitterten Scheiben des Saales, so wird er von Neuem zum Zeugen der
+Thatsache, daß die schlechtesten Leute und furchtbarsten Verbrecher sehr
+fest und ruhig schlafen und trotz dem harmlosesten Philister manchmal sehr
+gemüthlich schnarchen. Zwar fehlt es selten an offenen Augen, auch
+thränenschwere sind zu entdecken und mancher Seufzer aus tiefster Brust
+klagt in die Mitternacht hinaus, doch übernatürliche Reue mag höchst selten
+ein Auge wach erhalten und ein Herz zu Thränen und Seufzern bringen.</p>
+<p>Neulinge gewöhnen sich nicht immer rasch an das harte Zuchthausleben,
+Familienväter gedenken gerne besserer Tage und die verrathene Liebe zu den
+Ihrigen, welche mit dem Schuldigen büßen und manchmal schwerer büßen als
+dieser selbst, stachelt sie aus ihren Träumen auf.</p>
+<p>Ein Tag vergeht nach dem andern, Gestalten wechseln, aber das Spiel dauert
+fort und wann naht das Ende der Qual?&mdash;</p>
+<H4><a name="6"></a>Die letzten Jahre des Zuckerhannes.</H4>
+<p>
+Wiederum sind wir im Schwarzwalde und zwar in demselben Thale, in welchem
+wir vor einer Reihe von Jahren dem Begräbnisse eines verachteten,
+unbekannten und längst vergebenen Weibes beiwohnten.</p>
+<p>Damals wars ein schwermüthiger Regentag, doch heute steht die Sonne hoch
+und glänzend im tiefblauen Himmelsgewölbe über den dunkelgrünen
+Tannenwäldern und leuchtet freundlich in das Thal mit seinen zerstreuten
+Strohhütten, stattlichen neuen Häusern, wogenden Saatfeldern, blumigen
+Matten und silbern schimmernden Bächlein.</p>
+<p>Tausend Vögel singen ihrem Schöpfer das Alleluja der Thierwelt, tausend
+Schmetterlinge und Käfer flattern und schwirren um die blühenden Obstbäume
+und jagen sich munter aus einem Blumenkelche in den andern, laue Lüfte
+säuseln und ziehen durch das Thal und um dem Frieden und die Freude der
+Natur die höchste Weihe zu geben, dringen Orgelton und Glockenklang und
+fromme Gesänge an unser Ohr.</p>
+<p>Ists heute nicht Pfingstsonntag und gibts einen schönern Tag im ganzen
+Jahre als diesen? Stehen die Hütten und Häuser nicht deßhalb so einsam und
+verwaist da, weil die Thalbewohner in der Kirche dem feierlichen Hochamte
+beiwohnen?</p>
+<p>Beiwohnten! müssen wir sagen, denn in diesem Augenblicke läutets mit allen
+Glocken, die Kirchgänger drängen zum Tempel hinaus, auf allen Wegen und
+Stegen wimmelt es von halbstädtisch gekleideten Männern und Burschen und
+unter dem Weibsvolke entdeckt man nur noch wenige schwefelgelbe Strohhüte,
+dunkelfarbige Leibchen, vielfaltige kurze "Juppen," blaue Strümpfe,
+unförmliche Bauernschuhe, Gebetbücher mit Messingschlössern und altmodische
+Rosenkränze.</p>
+<p>Offenbar hat der Geist der neuen Zeit auch in diesem Thale gewaltige
+Fortschritte gemacht und wenn man an den nagelneuen Häusern, neumodischen
+Trachten und an Vielem, was zu Brigittens Lebzeiten noch nicht dagewesen,
+wenig auszusetzen weiß, so thut Einem doch Manches wehe, weil es den
+Verdacht bestärkt, daß hinter all' dem Flitter, aufgeklärtem Gerede und
+lebhaftern Verkehr weit mehr Armuth, Herzlosigkeit und geistiger Tod
+stecke, als mit dem entschwundenen Geschlechte begraben wurde.</p>
+<p>Greise, Weiber und Kinder begeben sich von der Kirche in ihre meist
+alleinstehenden, zerstreut liegenden Wohnungen, dagegen vermögen viele
+Männer und Bursche nicht an den Wirthshäusern vorbei zu kommen, ohne
+einzukehren und dem Hochamte des Pfarrers die "Eilfuhrmesse" des
+Bärenwirthes oder eines andern Wirthes folgen zu lassen.</p>
+<p>Das Wirthshaus zum Bären an der Steig ist um ein Stockwerk höher, mit einer
+prächtigen Altane versehen und zum Range eines "Hotels" erhoben worden. Der
+ehemalige kleine Krautgarten daneben erinnert jetzt an einen englischen
+Park im Duodezformat, lustig plätschert ein Springbrunnen darin und von der
+bedeckten Kegelbahn herüber erschallt bereits Gelächter, Geschrei und das
+dumpfe Geräusch rollender Kugeln, das lustige fallender Kegel.</p>
+<p>Die alte Nebenbuhlerin, die Sonne da drunten ist indessen auch eine
+vornehme Dame geworden und hinter den herabgelassenen grünen Jalousieladen
+des bedeutend verlängerten und schön angestrichenen Hauses geht es längst
+laut und lustig zu, denn die Zeitungen sind angekommen und da ihr
+gewöhnlicher Erklärer, der bebrillte und beschnurbartete Volksbildner nach
+der Kirche in den Pfarrhof hinübermußte, um eine Festtagsnase für sein gar
+zu munteres Orgeln während des Gottesdienstes einzustecken, so hat ein
+Handlungsreisender, dem das Motto seines himmelanstrebenden Berufes:</p>
+<p>&nbsp;&nbsp;Ich mach' in Tuch und Seide,<br />
+&nbsp;&nbsp;Politik und Religion!<br />
+&nbsp;&nbsp;Und hab' von allen Vieren<br />
+&nbsp;&nbsp;Die allerneuest' Facon!</p>
+<p>im Gesichte geschrieben steht, das Amt des Volksbildners freiwillig
+verwaltet, die Politiker des Thales durch tiefe Einsichten und
+geheimnißvolle Kenntnisse in freudigen Aufruhr und durch die neuesten Witze
+in Entzücken versetzt.</p>
+<p>Der dicke Wirth streckt sein Mastochsenantlitz zum Fenster hinaus und zupft
+mit der einen Hand an den Vatermördern des feingefältelten Hemdes, während
+die andere in den Taschen wühlt und Kronenthalermusik macht. Hinter ihm
+steht&mdash;die Elsbeth etwa? Gott bewahre, das Haus Elsbeth hat längst
+aufgehört, in der Sonne zu regieren, die neue Wirthin ist ein blutjunges
+Ding und trägt nicht nur an ihren dürren Fingern schwere Goldringe und
+einen Schawl, der beinahe den Boden fegt, sondern auch einen Pariserhut mit
+Lyonerblumen, Alles direct aus Freiburg verschrieben.</p>
+<p>Außer dem Bärenhotel und dem Gasthof zur Sonne gibt es nunmehr auch einen
+"Anker" im Thale, der beide an Eleganz übertrifft und eine Bierbrauerei,
+welche an schönen Tagen die "Naturkneiper" der beiden nächsten Städte mit
+Allem versorgt, was ihnen Noth thut, endlich eine Weinwirthschaft, wo auch
+Kaffee und Liqueur zu haben und eine kleine Winkelschenke, welche wir als
+bescheidene Wanderer zunächst besuchen müssen.</p>
+<p>Sitzt denn in dieser Winkelschenke nicht eine gute alte Bekannte, nämlich
+die Elsbeth? Hat sie sich nicht vor vier Jahren aus der prächtigen Sonne
+hieher zurückgezogen mit dem Reste ihrer Habe? Und sitzt nicht neben ihr
+ein guter Bursche, welcher bereits seit fünf Wochen mit ihr für die Sünden
+der Welt trinkt und sich mit dem baldigen Untergange derselben tröstet? Ist
+dieser Bursche nicht der Zuckerhannes, der den Schauplatz seiner
+Kinderjahre nicht nur begrüßen durfte, sondern heimsuchen mußte, nachdem er
+seine Strafe bis auf den Rest eines halben Jahres erstanden.</p>
+<p>Ja, so ist's; der Hannesle, welcher als 15jähriger Bursche aus der Sonne
+Reißaus nahm, ist als 27jähriger wieder zurückgekehrt und dieselbe stolze
+Frau, die ihn um Gottes Barmherzigkeit willen aufnahm, als vermeintliches
+Werkzeug des göttlichen Zornes ihm einen Kropf wachsen ließ und ein Bein
+abschlug, sitzt nunmehr als die herablassende Wirthin einer Winkelschenke
+neben ihm und versichert ihn, er sei einer der ordentlichsten Menschen des
+Thales, weil er alte Unbilden vergesse und einer armen, bedrängten Wittib
+in dem Gomorrha und Sodoma des Schwarzwaldes einige Groschen zukommen
+lasse.</p>
+<p>"Menschen werden mit den Zeiten anders!" hat schon vor bald 2000 Jahren ein
+heidnischer Dichter an den Ufern des kaspischen Meeres geklagt und genau
+dasselbe klagt unser Paar, obwohl es sich niemals sonderlich mit Büchern
+und am allerwenigsten mit Heiden befaßte.</p>
+<p>Fünf volle Wochen bereits hat die Elsbeth ihren ehemaligen Pflegsohn davon
+erzählt, wie es ihr seit seiner Flucht ergangen und ist noch lange nicht am
+Ende, doch wir wollen uns kurz fassen, damit die Geschichte unseres Helden
+nicht allzulang gerathe.</p>
+<p>Die fromme Sonnenwirthin führte ihre Wirthschaft in altgewohnter Weise
+fort, nachdem die Hoffnung, im Zuckerhannes einen arbeitsamen und
+wohlfeilen Knecht zu bekommen, verschwunden.</p>
+<p>Im dritten Jahre darauf verlor sie ihren getreuesten Lobredner, nämlich das
+265 pfündige Dekanat, welches an einem Schlagflusse plötzlich verschied und
+von allen Vieh- und Weinhändlern, Amtsleuten und Wirthen schmerzlich
+vermißt wurde.</p>
+<p>Weil die fromme Elsbeth Niemanden mehr besaß, mit dem sie sich von den
+theologischen Tugenden, von der Erbsünde und andern gottseligen Dingen
+unterhalten konnte, verlegte sie sich auf das Weltliche und wählte sich
+unter den Weltkindern Eines heraus, um dasselbe den Klauen des Satanas zu
+entreißen und für den Himmel einzunehmen.</p>
+<p>Dieses Weltkind hieß Wendel und war der stattliche Sohn eines Bäckers des
+Amtsstädtleins, welcher eine Stubenwirthschaft führte und die Sonne seit
+vielen Jahren mit Brod versah, nämlich mit seinem Weißbrod, Fastenbretzeln,
+Butterwecken, Schildbrod, Milchbrod, Ringen, gebackenen Männern mit
+Zibebenaugen und andern Herrlichkeiten, die der Hannesle schwer verfluchte,
+bevor er zum Zuckerhannes geworden und dies aus triftigen Gründen. Mußte er
+nicht jeden andern Morgen Sommers und Winters mit Tagesanbruch in das
+Städtchen hinab laufen, um den Brodkorb füllen zu lassen, und wiederum
+daheim sein, wenn es Zeit war, den Schulsack vom Nagel hinter der Wanduhr
+herabzulangen? War der Wendel nicht schon damals ein großer und
+muthwilliger Bursche, der seine Freude daran fand, den eingeschüchterten,
+linkischen Buben auf alle Weisen zu quälen? Und als der heranwachsende
+Hannes sich nicht mehr Alles gefallen ließ und herzhaft redete, spielte da
+der Wendel nicht den Stolzen und Vornehmen gegen ihn und pflegte jedesmal,
+wenn der Bäcker oder die Bäckerin nicht in der Stube standen, in die Küche
+
+hinauszurufen. "Vater oder Mutter, kommt, der "Zuckerhannes" will seinen
+Theil haben und notirt alles gut auf?"</p>
+<p>Besagter Wendel zog dann einige Zeit auf die Wanderschaft, stand in Paris
+hinter einem Backofen und brachte ungemein viel Anstand und Bildung aus
+diesem Mittelpunkte der Civilisation nach Hause. Als ein wahres Chamäleon
+wußte er sich in Jedes zu fügen und zu schicken, mit dem er anbinden wollte
+und der Elsbeth, mit welcher er monatlich einmal abrechnete, so viel
+Erbauliches von den prächtigen Kirchen, frommen Häusern und gottseligen
+Personen der Weltstadt zu erzählen, daß sie ihm nicht genug zuhören konnte.
+Sie wußte recht gut, der Wendel mache den Eltern schweres Kreuz, habe von
+der Obrigkeit, Sittlichkeit, Weibern und andern Dingen nagelneue Ansichten,
+welche den bisherigen schnurstraks zuwiderliefen und sprach zu sich:</p>
+<p>"Wär' es nicht Jammerschade, wenn ein Mensch, der auf Erden so schön und
+geputzt wie ein Offizier einherschreitet, ewig im Höllenschlamme versenkt
+würde? Ist er nicht jung und weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, daß die
+Jugend erst mit den Jahren nach mancherlei Fällen und Unfällen zur Tugend
+gelangt? Darf Einer nicht täglich siebenmal fallen und bleibt dennoch ein
+Gerechter? Ist der Wendel nicht gleichsam ein geborner Wirth, der sich in
+Alles und gewiß also auch in Treue und Frommheit zu finden weiß? Besitzt
+derselbe nicht ein ordentliches Vermögen? Und, wenns schlecht geht, hat
+mich der Herr nicht aus fünf Trübsalen errettet und wird Er Seine Dienerin
+schon in der sechsten stecken lassen? Gibt es im Himmel nicht sieben Stufen
+der Seligen, habe ich nicht bereits Anspruch auf die fünfte und kann mich
+zur sechsten und siebenten emporschwingen? Kurz und gut, wenn ich will,
+wird der Wendel nicht Nein sagen und Gott kann nicht anders als Ja sagen
+und uns segnen, weil er mich genau kennt und weiß, daß ich zunächst den
+Leib haben muß, um meine Seele retten zu können. Lebte nur der Herr Dekan
+noch, <I>der</I> brächte Alles ins Geleise; einen bessern Heirathsstifter hats
+im Walde nicht gegeben und der neue ist ein Holzbock im Vergleich zu ihm.
+In Gottes Namen, das Weib ist zum Jochtragen auf der Welt, ich nehme den
+Wendel, die Gottlosen mögen darob heulen und mit den Zähnen knirschen!"&mdash;</p>
+<p>Der Wendel hatte auch Augen und Gedanken, ließ sich herab, das ehemalige
+Brodträgeramt des entlaufenen Zuckerhannes zu verwalten, feierte seine
+Sonntage allgemach in der Sonne und es dauerte nicht lange, so ereignete
+sich das Wunder, daß die Elsbeth eines Sonntages aus der Kirche wegblieb,
+wie dies Gebrauch bei Leuten ist, welche als Brautleute ausgerufen werden
+und nicht drei Wochen später stolzirte der Wendel als Sonnenwirth durch das
+Thal und die Zahl der Freunde, die aus dem Städtlein herüberkamen, um sein
+Glück in der Nähe zu betrachten, wuchs mit jedem Tage.</p>
+<p>Vor der Hochzeit hatte es die ersten schweren Händel abgesetzt, weil es
+sich schwarz auf weiß herausstellte, daß Wendels Vater zwar kein ruinirter,
+aber doch keineswegs ein reicher, der Bräutigam vollends ein armer Mann
+sei, dessen Capitalbriefe nirgends mehr aufgetrieben wurden.</p>
+<p>Freilich besaß er einen Onkel, der ein Triberger Packer und tief in Amerika
+drinnen ein steinreicher Mann geworden war, zur Zeit noch keine Kinder und
+dabei die Absicht haben sollte, die Verwandten in Europa sammt und sonders
+zu kleinen Rothschilden zu machen, doch Elsbeth war in Geldsachen erfahren
+und genau, donnerte und blitzte einige Tage lang und die Leute munkelten,
+der Pariser sei an die Unrechte gekommen.</p>
+<p>Dennoch ward die Hochzeit abgehalten, kein Mensch erfuhr jemals aus
+Elsbethens Mund, weßhalb diese so nachgiebig gewesen, dafür redete der
+Wendel desto unverblümter und prophezeite, sein Weib habe überhaupt den
+Rechten an ihn gefunden, er wisse, was in der großen Welt Mode sei und wie
+man mit Weibern fertig werde.</p>
+<p>Ein Verschwender, Schlemmer, Prozeßkrämer, Spieler, Faullenzer und Anderes
+mehr, wurde er rasch mit dem Vermögen der Sonnenwirthin fertig, doch mit
+ihr selbst ist er keineswegs fertig geworden, denn sie hatte die Freude,
+ihm nach zehn Jahren die Augen zuzudrücken und ließ als "tiefbetrübte, im
+Thale der Zähren allein stehende Wittib" dem "innig geliebten, sanft und
+selig dieser mangelhaften Welt entrückten Gatten, dem ehrenfesten,
+hochachtbaren Herren Wendel" einen Grabstein setzen der noch heute vom
+Kirchhofe herab ins Thal schaut.</p>
+<p>Länger als jeder frühere Mann hat der Pariser mit der Elsbeth gehaust und
+diese unerhörte Thatsache erklärt sich lediglich daraus, daß er sich weder
+von ihr bekehren ließ noch darnach trachtete, sie für sich zu gewinnen,
+sondern mit musterhafter Gleichgültigkeit gegen sie seine Tage verlebte.</p>
+<p>Ihren Predigten setzte er Spott und Hohn, ihrem Zorn lautes Gelächter und
+ihren Todsünden meist die entgegengesetzten Laster entgegen. Der schlaue
+Mann hatte nicht blos die Geldliebe der Sonnenwirthin vor der Hochzeit
+überflügelt, sondern auch durch die gefährliche Drohung, der Welt ohne alle
+Rücksicht auf seine und andere Personen mancherlei Geheimnisse einer für
+fromm geltenden Seele zu enthüllen, einen Ehevertrag zu Stande gebracht,
+welcher Gütergemeinschaft und für den Fall einer Trennung für ihn die
+günstigsten Bedingungen festsetzte.</p>
+<p>Es läßt sich leicht denken, wie die Elsbeth sich geberdete, nachdem sie vor
+dem Ende des ersten Jahres die letzte Hoffnung aufgegeben, den Wendel für
+sich zu erziehen. Bei etwas weniger Leichtsinn und etwas mehr Ehrgefühl
+würde er ein Höllenleben geführt haben, allein er fragte nach Allem nichts,
+was nicht die Befriedigung seiner Leidenschaften betraf und brachte es zu
+Stande, daß sein Weib, welches er niemals mißhandelte, keinen erheblichen
+Vorwand oder Beweise zu finden vermochte, die eine Trennung gerechtfertiget
+hätten.</p>
+<p>So kam es auch, daß die Elsbeth keinen sonderlichen Antheil an seinem
+frühen Tode hatte. Er war nicht ihr Sklave, sondern lebte in der
+Knechtschaft der eigenen Sünden und Laster, welche sich ihre zweideutigen
+Freuden mit Wucherzinsen heimzahlen lassen und richtete sich selbst in der
+Blüthe seiner Jahre zu Grunde.</p>
+<p>Dem Leichenbegängnisse folgte eine Zwangsversteigerung, die Sonnenwirthin
+mußte aus dem ererbten Hause ihrer Väter abziehen und trug außer den stark
+ins Graue gerathenen Haaren nur wenig Geld mit sich fort, mit welchem sie
+die kleine Wirtschaft pachtete und einrichtete, wo wir den Zuckerhannes bei
+ihr gefunden.</p>
+<p>Wendels glorreicher Grabstein erklärt sich namentlich durch den Umstand,
+daß die Elsbeth auf die Ankunft des Vetters aus Amerika hoffte, der
+jährlich geschrieben, er werde kommen und mehr Eagles und Dollars bringen,
+als Kirschensteine im Thale gefunden werden könnten. Geschrieben hat dieser
+Crösus, doch gesandt hat er niemals auch nur einen Penny und ist bis heute
+ausgeblieben, so daß er den prächtigen Grabstein des Neffen niemals mit
+eigenen Augen betrachten konnte. Die Elsbeth aber hofft und hofft in Einem
+fort und weil das Hoffen nicht satt macht, eine Wirthin aber um so
+toleranter werden muß, je weniger sie besitzt und je kleiner und armseliger
+die Wirtschaft ist, hat sie allgemach ihr Häuslein zu einer Zufluchtsstätte
+aller Elenden und Verfolgten gemacht, insofern dieselben noch Einen Kreuzer
+auszugeben hatten und ist bereits so weit gekommen, offen zu predigen, wir
+alle glauben an Einen und denselben Gott und ein braver Evangelischer sei
+ihr tausendmal lieber denn ein zahlungsunfähiger Katholischer. Nicht der
+Glaube, sondern das Rechtthun sei die Hauptsache, man komme zwar auf der
+Welt schlecht damit fort, aber man lege sich dadurch viele Pfunde im Himmel
+an und das irdische Leben sei ja nur ein Augenblick.</p>
+<p>Bei der ehemaligen Pflegmutter haust der Zuckerhannes, dieselbe versichert
+ihn eben, in der Kirche auch für ihn gebetet zu haben und er meint etwas
+grob, das sei ihm ganz Eins, denn ob er bete oder fluche oder Andere es für
+ihn thäten, darob kümmere sich weder Gott noch Teufel. Dieses sei ihm im
+Zuchthause und besonders seit den letzten 5 Wochen klar geworden.</p>
+<p>Eine derartige unwirsche Rede an einem so wunderlieblichen Pfingstmorgen
+tönt nicht gut, zeugt für arg verstimmte Herzenssaiten und bedarf einer
+Erklärung.</p>
+<p>Am letzten Tage, den unser Held im Schlafsaale der Strafanstalt aufdämmern
+sah, ward er auf die Kanzlei gerufen und erhielt seine Freiheit.</p>
+<p>Die Sehnsucht nach der Freiheit war lebhafter als je in ihm geworden, die
+Erfüllung kam früher, als er gehofft und ein Stich ging ihm durchs Herz,
+denn die Trennung vom Duckmäuser erschien ihm plötzlich schwerer als das
+Zuchthausleben und er sah sich vom einzigen Freunde, den er auf der Welt
+kannte, im Nu durch eine fast unübersteigliche Kluft getrennt.</p>
+<p>Ohne den Benedikt noch einmal gesehen und Abschied von demselben genommen
+zu haben, mußte er nagelneue, ungewohnte Kleider anziehen, welche ihm
+großentheils von der Regierung geschenkt wurden und das Gutmachgeld betrug
+ein ganz ordentliches Sümmchen, obwohl er täglich nur 2 Kreuzer erhobelt
+und Manches für Schnupftaback und Butter ausgegeben, auch ein Gebetbuch und
+Schreibbücher gekauft und einiges Porto bezahlt hatte.</p>
+<p>Gleich einem Träumenden nahm er Abschied von den geistlichen und weltlichen
+Beamten, sah die Thüre, welche manches liebe Jahr ihm verschlossen
+geblieben, durch einen ganz leichten Druck auf die Schnalle aufspringen und
+folgte dem Aufseher, der ihn zur Polizei führte.</p>
+<p>Lange hatte er geglaubt, er werde nach der Befreiung kein Jota mehr nach
+der Welt und den Leuten fragen, doch schon auf der ersten Canzlei, welche
+er ohne grauen Kittel betrat, fühlte er, daß dieser Glaube auf einer
+Täuschung beruhe. Manche Anwesenden betrachteten ihn scheel, ein
+dickköpfiger Jüngling, den das blinde Glück aus einem verdorbenen
+Lyzeistlein erst vor Kurzem zu einer handwerksburschenquälenden
+Schreibmaschine umgemodelt, lachte ihm verächtlich und höhnisch in's
+Gesicht, daß er purpurroth wurde von der Stirne bis zum Halse hinab und die
+Augen ganz verwirrt zu Boden schlug.</p>
+<p>Der Zuckerhannes erhielt seinen Laufpaß und las mit Entsetzen, er müße
+geradewegs dahin, wo er wenig Gutes zu erwarten und viel Schlimmes zu
+befürchten, nämlich in die Heimath. Dies war ein Donnerschlag für ihn, er
+nahm sich das Herz heraus, den Beamten zu bitten, ihm doch einen Laufpaß
+nach dem Bodensee oder sonst wohin zu schreiben.</p>
+<p>Das kleine, spindeldürre Männlein machte Augen, als ob der verwegene
+Bittsteller auf den Umsturz aller Staaten und Dintenfässer sinne und
+näselte giftig, er möge sich zum Teufel scheeren, das sei Gesetz im Lande,
+Geschriebenes sei hier stets unfehlbar und unabänderlich und wenn er Einen
+Zoll von der Route abweiche, so werde es nicht gut gehen!</p>
+<p>"Aber ich bekomme keine Arbeit, ist das Gutmachgeld weg, was anfangen,
+lieber Herr? Ich muß doch leben!"</p>
+<p>"Euer Leben ist nach meiner Einsicht durchaus unnöthig, macht, was Ihr
+wollt, Marsch!" Der unbesonnene Zuckerhannes sagte noch Etwas und hätte es
+wahrscheinlich arg bereuen müssen, wenn nicht ein ordentlicher Beamter
+eingetreten wäre, bei dessen Eintritt Jener gar süß lächelte und einem
+Diener winkte.</p>
+<p>Ein Polizeidiener führte unsern Helden zum Thore hinaus, dann nahm dieser
+den Weg in den Schwarzwald unter die Füße und dachte unterwegs ungemein
+viel an die "große Zukunft" des Spaniolen und an die Reden des Exfouriers.</p>
+<p>Abends spät gelangte er in der Heimath an. Vom Kirchhofe herüber wehte eine
+kalte Frühlingsluft, er erkannte keinen Menschen, der ihm begegnete, wollte
+in kein Wirthshaus, sondern bei den Hausleuten der Katzenlene übernachten.
+Er fand das alte Haus und auch die alten Bewohner, wie sich nach einigen
+Minuten herausstellte, aber die Katzenlene fand er nicht mehr, weil diese
+den Glauben Mancher an ihre irdische Unsterblichkeit durch einen sanften,
+obwohl raschen Tod schon vor mehreren Jahren widerlegt hatte. Die Leute
+boten ihm von selbst ein Nachtlager an, nachdem sie jedoch herausgebracht,
+woher ihr Gast geraden Weges komme, da gab es so seltsame Gesichter und
+zweideutige Reden, daß der Zuckerhannes auf seinem Stroh, welches man ihm
+statt des versprochenen Bettes auf den ungedielten Boden der Wohnstube
+geworfen, bittere Thränen weinte und bei Tagesanbruch mit seinem Bündelein
+abzog.</p>
+<p>Er hatte gehofft, es sei Gras über seine Jugendgeschichte gewachsen und der
+Name "Zuckerhannes" den Landsleuten nicht mehr geläufig, wurde jedoch früh
+genug vom Gegentheil überzeugt. Der Vogt, bei welchem er sich melden mußte
+und gar nicht übel aufgenommen wurde, stellte ihn seinen Buben als ihren
+alten Schulkameraden den "Zuckerhannesle, welchen die Brigitte selig ledig
+gehabt" vor und dieser hinkte keine 6 Stunden im Thale herum, so hörte er
+oft genug hinter sich sagen: "Der Zuckerhannes ist wieder gekommen, dort
+der große hinkende Mann. Er hat Einen umgebracht und ist grausam lange im
+Zuchthause gehockt!"</p>
+<p>Der Gestellmacher war längst gestorben, die Leute, bei denen er später
+einige Zeit zugebracht, lebten auch nicht mehr, die alte Welt moderte meist
+auf dem Kirchhofe, die junge war groß geworden und nahm jetzt deren Stelle
+ein, der Nachwuchs, der noch in der Wiege schrie, als der Zuckerhannes aus
+der Sonne entlief, wuchs bereits der Conscription entgegen, gar manches
+Haus hatte andere Bewohner, die alten hölzernen Hütten mit ihren Dächern
+von Stroh und Schindeln waren vielfach durch neue steinerne mit großen
+Fensterscheiben und bunten Ziegeldächern ersetzt, der alten Tracht hatte
+eine neue und stets wechselnde Platz gemacht.</p>
+<p>Kurz, Vieles war anders geworden und selbst die Natur vielfach verändert,
+mancher Wald ausgeholzt und manche öde Trift in Ackerland verwandelt.
+Manches gefiel dem Hannes, namentlich die Nachsicht und Gleichgültigkeit,
+welche jüngere Leute gegen entlassene Zuchthäusler vielfach übten und er
+freute sich heimlich, weil Brigitte fast ein Dutzend Nachfolgerinnen
+zählte, die mit vaterlosen Kindern auf den Armen an sonnenhellen Tagen ganz
+ungescheut umherliefen und selten daran dachten, auf Unterstützung der
+Gemeinde zu verzichten.</p>
+<p>Freilich gab es noch Viele, welche dergleichen Weiber verachteten und
+verlästerten und nicht gerne mit einem zu thun hatten, der Zuchthaussuppen
+gegessen, doch viele Andere, besonders unter den Jüngern und Aufgeklärten,
+waren duldsam und lachten, wo ihre Väter zornig die Fäuste geballt hätten.</p>
+<p>Es geschah mehr als einmal, daß im Wirthshause manche Gäste verstummten,
+die Nase rümpften und wohl vom Tische wegrückten, an welchem sich der
+Zuckerhannes gesetzt, manchmal auch ein peinliches Gespräch vom Zuchthause
+anspannen, was ihm sehr wehe that, dagegen fehlte es ihm nicht an Kameraden
+und sogar an Freunden. Worüber er sich am meisten wunderte, war die
+Einladung, welche er von der alten Sonnenwirthin erhielt, deren Schwelle er
+niemals zu übertreten hoffte.</p>
+<p>Am ersten Tage schon vernahm er auch, daß sie noch immer eine sehr fleißige
+Kirchengängerin sei und namentlich durch den Wendel Grund genug bekommen
+habe, der argen Welt spinnenfeind zu werden, dagegen aber für die Sünden
+der Welt unmenschlich trinke und beide Augen freudig zudrücke, wenn ein
+kleiner Profit vor ihr zu stehen schien.</p>
+<p>Die Elsbeth lud ihn ein, weil er nicht von selbst kam, überhäufte ihn mit
+rührenden und zärtlichen Vorwürfen, redete wie die Güte und Liebe selbst,
+wollte nichts davon hören, daß sie ihm zu einem Kropfe und hinkenden Bein
+verholfen und ruhte nicht, bis er zu ihr zog gegen ein sehr gering
+scheinendes Kostgeld, das er für einige Wochen voraus bezahlte.</p>
+<p>Elsbeth wußte was sie that. Der Hannes brachte Gutmachgeld und von
+Bibianens Hinterlassenschaft ward ihm durch die Sorge des braven
+Zuchthausverwalters noch ein Sümmchen gerettet, welches der Vogt als
+Pfleger in Händen hatte und womit sich in diesem Thale Etwas anfangen ließ.</p>
+<p>Der Vogt und die Elsbeth aber verstanden sich miteinander und hatten ihr
+Plänchen fertig. Zwei Wochen wollte der Zuckerhannes von seinen
+langjährigen Strapazen ausruhen und gemächlich thun, dann im Thale oder
+noch lieber in der Ferne schauen, was zu machen sei. Zunächst mußte ihm die
+Elsbeth an den Adlerwirth in Hegau schreiben, damit er erfahre, was denn
+aus der Emmerenz geworden sei.</p>
+<p>Der Benedict, ein gewaltiger Verehrer der bessern und schönern Hälfte des
+menschlichen Geschlechtes, redete am längsten und liebsten von seinen
+ehemaligen Freundinnen, sorgte auch dafür, daß der Zuckerhannes die
+Emmerenz nicht vergaß und war es, der ihm beim längeren Schweigen derselben
+anrieth, Alles wo möglich im Ungewissen zu lassen, nachdem sie selbst nicht
+geantwortet.</p>
+<p>"Ist sie für Dich verloren, dann erfährst Du es noch immer früh genug und
+sie hat Dich nie recht gerne gehabt; findest Du sie noch ledig, dann weiß
+man nicht was kommen kann, Du hast bis dahin dir doch das Glück mit ihr
+recht ausmalen und mit mir hoffnungsvoll davon plaudern können. Sei
+gescheidt Hannes und denke: Unverhofft kommt oft!" pflegte der pfiffige
+Benedict zu sagen, und der Freund, der sich in Allem gerne von ihm gängeln
+ließ, befolgte auch diesen wohlmeinenden Rath.</p>
+<p>Nach der Freilassung besaß der Zuckerhannes wiederum Keinen, der sich
+seiner aufrichtig annahm und ihn liebte, die Hoffnung, sein "Duckmäuserle"
+jemals auf Erden wieder zu sehen, war gering und er erfuhr, das Leben eines
+Menschen, der ganz allein auf der Welt dastehe und in Allem für sich sorgen
+müsse, sei in vielen Dingen leidenreicher und mühevoller als das eines
+Zuchthäuslers.</p>
+<p>Zudem stand er bereits tief in dem Alter, in welchem sich das Herz des
+Mannes nach einer festen Existenz und bleibenden Stätte, nach einem Weib
+und Kindern sehnt, an denen er den Freund machen kann und bis zum Tode
+nicht von ihnen verlassen wird. Die Meisten, welche mit ihm auf der
+Schulbank gesessen, hatten längst ein eigenes Heimwesen und waren
+verheirathet, Viele schienen recht glücklich zu leben und Manche hausten
+wirklich gut, nur er stand noch immer allein und unbeachtet in der Welt da,
+an seinen Freuden und Leiden nahm Niemand jenen herzlichen Antheil, welchen
+er wünschte und dies that ihm wehe.</p>
+<p>War er doch auch ein Mensch und weßhalb sollte er noch immer als Ausnahme
+unter den Leuten ruhelos und ziellos gleich Ahasverus herumstolpern?</p>
+<p>Es läßt sich denken, wie gewaltig dem Zuckerhannes das Herz klopfte, als er
+Elsbethens wohlgesetzten und siebenfach versiegelten Brief an den
+Adlerwirth im Hegau ins nächste Posthaus trug und wie die Vermuthungen über
+die Antwort den einzigen Stoff seiner vertraulichen Gespräche mit der
+Pflegemutter blieben. Diese sprach dem Zagenden Trost und Muth ein und weil
+er fortwährend ein bischen zweifelte und den Kopf schüttelte, bewies sie
+ihm aus Karten und Kaffeesatz, ein großes Glück stünde ihm bevor, Alles
+laufe auf eine Heirath hinaus und so sicher sie für ihre Person sei, daß
+der Kutscher Sepp einmal an ihrem Häuslein halte und den steinreichen
+Vetter aus Amerika ablade, so zuversichtlich dürfe er hoffen, daß es ihm
+bald prächtig ergehe. Die Kreuzkönigin wolle nicht wanken und weichen, bei
+jedem Spiel liege sie obenauf und das sei eine bedeutsame Person.</p>
+<p>Etwa 14 Tage nach der Absendung des Schreibens kam ein großer Pack mit
+Kleidern, worin trotz der langen Zeit die Schaben wenig Unheil angerichtet.
+In der Seitentasche des fast noch nagelneuen Manchesterkittels steckten
+zwei Briefe statt eines und weil der vor banger Erwartung zitternde
+Zuckerhannes nicht wußte, welchen er zuerst erbrechen sollte, so griff die
+Elsbeth nach demjenigen, der mit einigem Geld belastet war, setzte den
+Nasenklemmer auf und las ihn zuerst allein in der Küche, dann aber laut dem
+nebenstehenden Empfänger. Der Brief kam vom Adlerwirth, doch nicht vom
+Alten, der das Zeitliche auch bereits gesegnet sammt seinem Weibe, sondern
+vom Jungen, welcher seitdem die Wirtschaft führte und den Zuckerhannes als
+einen treuen, geschickten und fleißigen Stallknecht kennen gelernt hatte.</p>
+<p>Er schrieb, der Zuckerhannes werde wohl nicht gerne drunten im Walde und
+noch ohne Arbeit sein, deßhalb möge er, falls er wolle, nur herzhaft hinauf
+an den Untersee wandern und vorläufig im Adler sich als Knecht einstellen
+lassen. Arbeit gäbe es genug und obwohl die Trinkgelder der Fuhrleute
+jährlich sparsamer ausfielen, so mache dieses wenig, weil der Sternenwirth
+an der Straße "ausgelumpt" habe und die alten Gäste desselben jetzt alle im
+Adler einsprächen. Er sende ihm die Kleider, die "rothe Fritzin" habe
+dieselben die vielen Jahre hindurch in ihrem eigenen Kasten und Getüchtrog
+aufbewahrt, Kienholz dazu gelegt, fleißig an die Bohnenstangen ihres
+Gartens gehängt, ausgeklopft und ausgebürstet, wenn ihr Rother just nicht
+daheim gewesen.</p>
+<p>In der Erwartung, der Schwarzwälder werde kommen und weil er kommen könne,
+obwohl das Ziel erst am Jörgentag ausgelaufen, sende er zwei große Thaler,
+welche Dinggeld sein sollten, wenn er komme und als Präsent wenn er nicht
+komme. Neues wisse er weiter nichts zu schreiben, der Klee sei droben sehr
+gerathen, die Weinstöcke hätten fast ausgeblüht und die Felchen könne man
+vor ihrer Unzahl schier mit Händen fangen, was Alles ein ungemein
+fruchtbares Jahr bedeute. Ein Fuhrmann aus der Baar habe ihm erst voriges
+Jahr erzählt, der Fesenmichel habe sich zur Ruhe gesetzt und führe ein
+betrübtes Leben, obwohl sein schlimmes Weib gestorben; die älteste Tochter,
+Marianne, habe bereits zweimal taufen lassen und sei bisher noch niemals
+copulirt worden, der jüngste Sohn, der lange Jörg, hause auf dem Hofe und
+sei dem Aushausen nahe, so daß es ihm ergehen werde, wie dem ältern Bruder,
+der als Knecht bei ihm diene.</p>
+<p>Der Fesenmichel selbst lache ob dem Unglück seiner Kinder, habe noch eine
+große Erbschaft zu erwarten, welche ihn wiederum zum reichen Manne umwandle
+und schwöre täglich hundertmal, eher vor seinem Tode Alles dem Narrenhause
+zu vermachen, als dem Jörg oder einem Geschwister desselben einen Heller
+zukommen zu lassen. Vielleicht gehe der Fesenmichel doch in sich und werde
+das Unrecht gutmachen, welches er dem Zuckerhannes angethan.</p>
+<p>So schrieb der junge Adlerwirth und so las die Elsbeth, aber der Zuhörer
+bekam genug an dem Ausdruck "rothe Fritzin" und hörte von allem Andern
+nichts mehr. Eine Zeitlang stand er ganz versteinert da und schnappte nach
+Luft, dann schlug er mit der Faust auf den Küchentisch, daß dieser in die
+Höhe sprang und wackelte, endlich fing er an zu fluchen, fluchte immer
+lauter, hinkte wüthend zur Thüre hinaus und hätte ihn in diesem Augenblicke
+Keiner schief anschauen oder gar foppen dürfen, der gerade Glieder liebte.</p>
+<p>Im Zuchthause sitzen manche Bursche dieser Art, der Zuckerhannes war keiner
+der Letzten derselben und ist solches Gebahren weder vernünftig noch
+christlich, so entspricht es doch der Bildungsstufe der Stiere, Elephanten,
+Nashörner, der Bergbewohner von Java, in welche der "Amok" fahrt und der
+vielgepriesenen Berserker.</p>
+<p>Die Elsbeth schaute dem davonhinkenden Zuckerhannes verwundert nach, sah
+denselben über die Wiesen dem Walde zueilen und wäre ihm um ein Haar
+nachgesprungen, weil sie sich im ersten Augenblicke vor dem Gedanken
+fürchtete, er könnte sich selber ein Leid anthun. Doch rasch besann sie
+sich eines Bessern und nach einigen Stunden kehrte der Flüchtling wieder
+ganz ruhig und still zurück.</p>
+<p>Man sah an seinen Augen, daß er erbärmlich geweint haben mußte, Thränen
+schwemmten den ersten wilden Schmerz fort und ließen die scheinbare
+Gleichgültigkeit einer stillen Verzweiflung zurück. Er wußte nie, wie
+leidenschaftlich er die Emmerenz geliebt und erfuhr es erst, nachdem er sie
+verloren.</p>
+<p>Abends las er den zweiten Brief, derselbe rührte von der Emmerenz selbst
+her und nachdem er sich durch viele Hahnenfüße und Schreibfehler
+durchgearbeitet hatte, brachte er Folgendes heraus:</p>
+<p>"Lieber Hans! Daß ich den rothen Fritz ein Jahr nach Deinem Unfall
+heirathete, wirst Du wohl wissen und daß ich jetzt recht ordentlich und
+glücklich mit ihm lebe, dafür danke ich Gott alle Tage. Rothhaarige Leute
+sind entweder recht gut oder recht schlimm und ich habe Vieles durchmachen
+müssen und oft bereut, nicht ledig geblieben zu sein, bis ich meinen Mann
+recht im Geschirre hatte. Jetzt ist das Aergste längst überstanden und ich
+wünsche nur, daß auch Du es recht gut bekommen mögest, es wäre endlich Zeit
+und würde damit manches Vaterunser erhört, welches ich für Dich betete,
+während Du eigentlich um meinetwillen, ohne daß ich Etwas dafür konnte, am
+bösen Orte schmachtetest. Die Kleider habe ich dem jungen Adlerwirth
+hinübergetragen, er ist ein braver Mann, in Vielem besser als sein Vater
+und wenn Du gescheidt bist, kommst Du aus Deiner Heimath zu uns herauf."</p>
+<p>"Bevor ich den Fritz heirathete, habe ich mir ausbedungen, für Dich einen
+Antheil von dem zurückzubehalten, was die alte gute Ursula (Gott hab' sie
+selig und erlöse die arme Seele!) im Grunde nicht nur mir, sondern uns
+Beiden zurück ließ."</p>
+<p>"Deßhalb komme und sei ohne Sorgen; so Gott will, stirbst Du nicht als ein
+alter Knecht und wenn's auch so käme, dürftest Du in deinen alten Tagen
+doch keine Noth leiden. Bei mir könntest Du freilich jetzt noch nicht
+wohnen, der Fritz ist in Manchem gar wunderlich aber später kann Alles
+anders werden und einstweilen hast Du ja ein Obdach im Adler."</p>
+<p>"Wie sehr es mich freut, weil Gott Dich endlich vom langen Elend erlöste,
+sollst Du sehen, wenn Du kommst und bis dahin grüßt Dich Deine alte
+Freundin</p>
+<p> <I>Emmerenz</I>."</p>
+<p>"Was gedenkst Du anzustellen?" fragt die Elsbeth.</p>
+<p>"Schier hätt' ich Lust hinaufzugehen, der falschen, treulosen Emmerenz und
+ihrem rothen Sidian das Leben recht bitter zu machen. Aber im Grunde ist es
+nicht der Mühe werth, ich habe die Alte nie recht mögen!"</p>
+<p>"Brav und christlich heiß ich das gesprochen, man muß seinen Feinden eher
+Gutes als Böses anthun, aber das, was die Urschel vermacht hat, würde ich
+ihnen doch nicht schenken!"</p>
+<p>"Aber ich! Ich mag nichts haben, jeder Bissen würde mir zu Gift und wenn
+ich denken müßte, von der Gnade und Barmherzigkeit eines schlechten Weibes
+zu zehren, würde ich mich vorher aufhängen."</p>
+<p>"Nun, mit diesen Dingen ist's noch Zeit. Einstweilen bleibst Du bei mir,
+bei Deiner Pflegmutter. Ich will gut machen, was ich aus gutem Herzen an
+Dir fehlte.&mdash;Apropos, der Bettelvogt hat ausgeschellt, die Grund- und
+Häusersteuer müsse schon wieder bezahlt werden. Bei mir macht es just 4
+Gulden 31 Kreuzer. S'ist ein Elend mit dem Zahlen, jedes Jahr wirds ärger
+und nicht die mindeste Rücksicht auf Wittwen genommen. Ich bin nur froh,
+daß ich außer Dir keine Kinder habe! ... Brauchst Du die zwei großen
+Thaler, welche der Adlerwirth geschickt hat?"</p>
+<p>"Zum Kukuk damit, will sie gar nicht mehr sehen! ... s'thut mir freilich
+leid, wenn die Herren sie bekommen, möchte sie fast eher auf die Straße
+werfen, aber das Zahlen hat auch sein Gutes! ... Wenn der Bauer Heu frißt
+und dem Handwerker die Haut abgezogen wird, dann kommt es anders! sagt der
+Spaniol."</p>
+<p>"Bravo, Ihr seid ein gescheidter Mensch und, soweit ich vernommen, auch
+droben am Bodensee gewesen?" sagt ein Fremder und trinkt mit pfiffigem
+Lächeln sein Braunbier.</p>
+<p>"Seht, fuhr der Fremde fort, während er den Mund abwischte, seht, ich bin
+ein Konstanzer und weiß, wie's mit dem Zahlen steht. Wir gehen zu Grund vor
+lauter Zahlen und Beeinträchtigen, werden als aufrüherische Köpfe
+verschrieen und fragt aber kein Herr, wo uns eigentlich der Schuh drücke,
+so wenig man uns seiner Zeit fragte, ob wir badisch werden wollten oder
+nicht! ... An das Erzhaus Oesterreich hat die Stadt Konstanz in den letzten
+Zeiten jährlich 7000 Gulden bezahlt und seit der Regierung des Kaisers
+Joseph 7 oder 10 Mann jährlich ins Feld stellen müssen und blühten damals
+Handel und Gewerbe, und saßen in der Stadt viele vorderösterreichische
+Regierungsherren, welche viel Geld ausgaben. Jetzt aber muß die Stadt
+jährlich 70,000 allein an den Staat zahlen, Soldaten stellen, soviel Andere
+wollen. Jährlich wird Alles höher hinaufgetrieben, während der Verdienst
+jährlich mehr abnimmt und könnte Einer weinen, wenn er weiß, was die alte
+Stadt noch vor 25 Jahren war und heutzutage ist! ... Wäre Vorderösterreich
+ewig Vorderösterreich geblieben, dann versänken wir nicht jährlich tiefer
+ins Elend und das Steuerbüchlein machte uns schwerlich zu Radicalen!"</p>
+<p>"Das kommt Alles vom Luther her; dieser brachte Empörung gegen Kaiser und
+Reich ins Land und wo gute Katholiken lutherisch regiert werden, müssen sie
+wohl dem Teufel in den Rachen fahren!" seufzt die Elsbeth und blickt
+andächtig nach dem Kruzifix in der Ecke.</p>
+<p>"Da seid ihr ganz auf dem Holzweg, Frau Wirthin. Der Luther war der Schwan,
+von welchem der Huß prophezeite, als ihn das Conzil verbrennen ließ. Wir
+Konstanzer haben auch eine alte Prophezeiung aus jener Zeit und ist gar
+merkwürdig bisher in Erfüllung gegangen. Die Stadt Konstanz (soll nämlich
+der Huß selbst prophezeit haben), die Stadt Konstanz, sage ich, wird so
+lange abnehmen und zerfallen, bis mir an derselben Stelle, wo ich verbrannt
+werde, von ihr ein Denkmal gestiftet wird! ... S'ist so gekommen, man hat
+auch ein Denkmal errichten wollen, aber nicht dürfen, Gott sei's geklagt.
+Was bin ich schuldig?"</p>
+<p>Der Fremde wollte aufbrechen, doch jetzt machte sich der Zuckerhannes
+hinter ihn und fand, derselbe kenne die ganze Seegegend, den jungen
+Adlerwirth, den rothen Fritz und auch die Emmerenz, sogar den Mooshof.</p>
+<p>Die Bauersleute im Mooshofe lebten noch, der Fremde erzählte Vieles dem
+Zuckerhannes und dieser wurde über Alles, was er vorbrachte, so entzückt,
+daß er demselben antrug, ihn über die Steig hinauf zu begleiten.</p>
+<p>Gesagt, gethan! Auf dem Wege ward Mancherlei geredet, der Fremde sagte
+auch, daß er einen treuen und geschickten Knecht wohl brauchen könnte, der
+Hannes säumte nicht, sich als solchen anzutragen und die Unterhandlung
+begann.</p>
+<p>"Schaut, wer geht denn mit dem liederlichen Zuckerhannes?" ließen sich Zwei
+ganz laut vernehmen, welche auf der Staffel des Bären standen.</p>
+<p>Der Fremde hörte es, schielte nach dem Begleiter hinüber, bemerkte, daß
+dieser erbleichte und zitterte, schwieg jedoch und ging weiter.</p>
+<p>"Hat <I>der</I> wieder Einen umzubringen? Wahrscheinlich wird er ihn droben im
+Walde abthun wollen, man sollte den Fremden warnen!" flüsterte später ein
+Weibsbild, welches mit einem Bauern an den Beiden vorüberzog. Der Fremde
+machte ein ernsthafteres Gesicht und blickte nach der Höhe, von wo der
+Tannenwald finster und schweigend herabstarrte.</p>
+<p>"Jokele, sei brav oder der Zuckerhannes muß Dich holen!" rief ein Kind dem
+kleinen Brüderlein zu, welches auf einem Holzstamme vor dem Hause saß und
+ins Blaue hinausschrie, beim Anblicke der beiden Wanderer aber erschrocken
+im vollen Laufe ins Haus hineinrannte.</p>
+<p>Dem Zuckerhannes standen Thränen der Wuth und des Schmerzes in den Augen,
+er vermochte keine Silbe mehr hervorzubringen.</p>
+<p>Nach einer kleinen Weile blieb der Fremde stehen und meinte:</p>
+<p>"Hört, guter Freund, Ihr könnt es mir nicht verübeln, wenn ich mich für
+Eure Begleitung bedanke und dieselbe etwas verdächtig finde. Als
+Handelsmann muß ich in gute und schlechte Wirthshäuser, die Wirthin da
+drunten hat mir gar nicht recht gefallen und Ihr gefallt mir auch nicht.
+Wer ist denn der Zuckerhannes, der sich nicht unter ehrlichen Leuten sehen
+lassen darf? Seid Ihr's, dann laßt Euch nur nicht träumen, daß ich Euch als
+Knecht brauchen kann! Wie steht es, redet ehrlich und aufrichtig!"</p>
+<p>Große Thränen quollen dem Armen über die Wangen, krampfhaft gab er dem
+Fremden die Hand, sagte mit zitternder Stimme:</p>
+<p>"Nichts für ungut! ... Herr! ... ja ich bins!" und ersparte sich eine
+weitere Beichte durch rasches Umkehren.</p>
+<p>Kopfschüttelnd blickte ihm der Konstanzer nach, murmelte in den Bart. "Ja,
+es gibt doch kuriose Menschen auf der Welt, man kann die Nase anrennen!"
+und zog rüstig seine einsame Straße weiter.</p>
+<p>Der Tag, an welchem der Hannes Gewißheit erhielt, die Emmerenz sei für ihn
+verloren und es werde schwer halten, einen zweiten Adlerwirth zu finden,
+welcher ihn in Dienst nehme, endete mit einem gewaltigen Rausche, welchen
+er sich bei der Pflegemutter antrank.</p>
+<p>Aller Muth und alle Lust und Liebe Etwas zu unternehmen, schien ihm
+vergangen, er faßte den Vorsatz, sich mit Essen und Trinken für alles
+Andere zu entschädigen und sein Gutmachgeld sammt dem Reste der Erbschaft
+durchzubringen.</p>
+<p>Diesem Vorsatze blieb er getreu und die Elsbeth hütete sich sammt dem
+Vogte, eine ernsthafte Einwendung dagegen zu manchen.</p>
+<p>Völliger Müßiggang widersprach der Natur des Unglücklichen, er verrichtete
+Hausgeschäfte für die Wirthin, blieb fast immer daheim und ihr bester Gast.
+Hatte er Etwas im Kopfe, dann wurde der einsilbige, düstere Mensch lebhaft,
+zärtlich, freigebig, das Gegentheil von dem, was er im nüchternen Zustande
+zu sein schien. Wo er saß, mußte es lustig zugehen, wollten die Gäste nicht
+aufthauen, so ließ er eine Flasche nach der andern aufstellen und so konnte
+es nicht fehlen, daß er bald unter den Lumpen des Thales unzertrennliche
+Freunde fand, welche er im Rausche für die vortrefflichsten und
+verkanntesten Seelen hielt und dieser Meinung gemäß bewirthete.</p>
+<p>Das Gutmachgeld befand sich bald in fremden Beuteln, jetzt wies er die
+Pflegmutter an den Vogt und ließ sich selbst anfangs wenig auszahlen, weil
+er selten in ein fremdes Wirthshaus ging, am allerwenigsten ins Bärenhotel.</p>
+<p>Jeden Morgen rechnete die Elsbeth mit ihm ab, er mochte wollen oder nicht,
+er staunte zuweilen über die Rechnung und faßte gute Vorsätze.</p>
+<p>"Hannes, beim Vogt liegen nur noch drei große Thaler, welche Dir gehören.
+Was soll jetzt geschehen? fragt die Elsbeth nach einem halben Jahr.</p>
+<p>"Zunächst müssen die drei Thaler fort, damit ich weiß, daß ich Nichts mehr
+habe!"</p>
+<p>"Ho, Närrle, wirst doch der Emmerenz nichts schenken wollen?"</p>
+<p>"Nein! ... Schreibt hinauf!" sagt der Zuckerhannes bestimmt und fest nach
+längerem Besinnen.</p>
+<p>Richtig gibt die Emmerenz bestimmte Versprechungen, doch soll Alles in
+kleinen Terminen abgemacht werden und sie will wissen, wozu das Geld nöthig
+sei und verwendet werde.</p>
+<p>"Schreibt, daß ich Euch heirathe und ein Wirth werde. Ists auch ein Lug, so
+ärgert er sie doch und schadet nicht. Die Termine reichen auch lange Zeit,
+wahrscheinlich kommt indessen der Vetter aus Amerika, habe ich nichts, so
+gebt mir Credit oder verschafft Geld. Man lebt nur einmal und ich habe noch
+nie gelebt!"</p>
+<p>Die fromme Elsbeth lachte heimlich, that, was der Zuckerhannes wollte, die
+alte Wirtschaft dauerte fort, der Bursche fand, man gewöhne sich doch weit
+leichter und rascher ans Nichtsthun als an Arbeit.</p>
+<p>Ein Jahr später war unser Held durchaus nicht mehr demüthig und
+menschenscheu, sondern ging mit Jedem und bald auch mit Jeder um, die nicht
+gut bei den "Großköpfen" angeschrieben stand.</p>
+<p>Ein eigentlicher Säufer wurde er nicht, obwohl es mehr als einmal in der
+Woche sich ereignete, daß er nicht mehr wußte, was er redete. Dagegen
+liebte er die Weiber mit wüthender Leidenschaft; je weniger er sich früher
+mit denselben befaßt hatte und zu befassen vermochte, desto ärger trieb ers
+jetzt. Elsbeth war geizig und that sehr Vieles, um das Geld des Pflegsohnes
+in ihren Kasten zu bringen, doch einen Einzug von zweideutigen Weibern
+duldete sie durchaus nicht in ihrem Hause, der Pflegsohn mußte anderswo
+suchen, wornach er gelüstete.</p>
+<p>Ein Kropf und hinkender Fuß empfehlen weder bei Schönen der Stadt noch des
+Landes. Der Inhaber dieser Mängel war nicht wählerisch und hielt sich fast
+mehr an die Alten als an die Jungen, dennoch mußte er mehr als Ein
+Halstüchlein oder Stück Zeug zwischen seine Gestalt und die Augen der
+Erkornen hängen, wenn er gern gesehen sein wollte. Manche derselben befand
+sich jahraus jahrein in der fatalen Lage, mehrere Anbeter zugleich zu
+besitzen, so daß sie eine schwere Wahl anzustellen hatte, aber dennoch mit
+dem Wählen und Vorziehen nicht fertig zu werden vermochte. Darauf ergaben
+sich manchmal Mißhelligkeiten zwischen Nebenbuhlern und weil Prügel besser
+ziehen als alle Worte, die Nebenbuhler in der Führung des Prügels als
+Thalmenschen wohlbewandert und oft arge Hitzköpfe waren, setzte es auch
+Schlägereien ab. Nahm die Obrigkeit von einer derselben Kenntniß, so
+vergalt sie zwar nicht Gleiches mit Gleichem, nämlich Prügel mit Prügel,
+strafte jedoch mit Gefängniß und nahm dabei auf den Zuckerhannes besonders
+Bedacht, wodurch der Groll und Ingrimm desselben gegen geistliche und
+weltliche Obrigkeit nicht sonderlich verhindert wurde.</p>
+<p>Die Weisheit des Spaniolen, des Exfouriers und ähnlicher Leute wurde in
+diesem einst so stillen und frommen Thale allmählig verbreitet, der
+Zuckerhannes ein Träger der Cultur der "großen Zukunft." Von ihm selbst
+nahmen nur Seinesgleichen etwas an, aber jeder besaß wiederum eine Zunge,
+dazu Verwandte, Bekannte und Freunde und eine ausgesprochene Ansicht mag
+Einem recht gut gefallen, ohne daß der Mensch gefällt, der sie ausspricht.</p>
+<p>Es sah überhaupt im Thale nicht mehr aus, wie zur Zeit des 265 pfündigen
+Dekanats. Viele trugen Pech auf den Köpfen, so daß sie die Hüte nicht mehr
+gut herabbrachten, Haare auf den Zähnen trotz dem feurigsten
+Grünsesselbrutus und einen souveränen Stolz im Herzen, der die Leute
+berghoch machte, so daß sie weit über ihr Thal hinaussahen in den
+heilbringenden Westen.</p>
+<p>Wozu ein wüstes, liederliches Leben genauer schildern?</p>
+<p>Die Gesellschaft hatte den Zuckerhannes auf die Hochschule des Lasters und
+der Verbrechen geschickt und das Heimaththal desselben keinen triftigen
+Grund, ihn deßhalb anzuklagen, weil er Schlechtes sah und hörte, Schlechtes
+endlich selbst ausübte und hierin mit jener Raschheit fortschritt, welche
+seinem ursprünglich heftigen Temperamente und der Natur des Bösen
+entsprach.</p>
+<p>Sein Leben nach der Entlassung drängt zu wenigen Bemerkungen.</p>
+<p>Erstens nämlich halten wir jenes Gesetz, welches entlassene Sträflinge in
+ihre Heimath treibt, deßhalb für unzweckmäßig, weil es in den meisten
+Fällen bei weitem mehr schadet als nützt und die Quelle manches Rückfalles
+wird.</p>
+<p>Zweitens möchte man Entlassene auch ferner polizeilich überwachen, weil
+dadurch manche Verbrechen vorgebeugt wird. Aber die Polizei ist die
+allerletzte Macht, welche auf Gesinnungsänderung und Besserung der Menschen
+einigen Einfluß übt oder es einem Entlassenen erleichtert, sein Fortkommen
+als ehrlicher Mensch zu finden. Hier sollten angesehene und
+menschenfreundliche Leute, Geistliche und Laien, sich ein bischen aus ihrer
+Bequemlichkeit aufraffen und die an vielen Orten in ruhigern Zeiten
+aufgetauchten, doch bald wiederum entschlafenen <I>Vereine für Entlassene</I>
+von Neuem begründen.</p>
+<p>Kleider und Geld besitzt mindestens bei uns wohl jeder Entlassene zur
+Nothdurft, dagegen braucht er eine moralische Macht, welche sich seine
+Hochachtung und Liebe zu erwerben und damit Einfluß auf seine Gesinnungen
+und Handlungen zu gewinnen versteht. Heutzutage, wo viele Arme gerne
+arbeiteten, wenn sie nur Beschäftigung immer fänden, ist es ferner eine
+Hauptsache, Entlassenen Gelegenheit für Arbeit anzuweisen oder dieselben wo
+möglich nach Amerika zu spediren, wo sie Erwerb und je nach Umständen auch
+einen Galgen finden.</p>
+<p>Weßhalb aber soll man sich um Entlassene mehr bekümmern, denn um ehrliche
+Arme? Weil Entlassene gefährlich gewordene Arme sind, die weit leichter als
+andere Menschen sich zu Verbrechen hinreißen lassen, insbesondere wenn sie
+des Glückes der Gesellschaft anderer Verbrecher längere Zeit theilhaftig
+geworden.</p>
+<p>Drittens endlich hat der <I>Stifter der Gesellenbunde</I> den besten Weg
+gezeigt, auf welchem den Grundübeln der Zeit zu Leibe gegangen werden mag.</p>
+<p>Wer ist den Hetzereien und Wühlereien gewissenloser Demagogen und
+politischer Fanatiker zumeist ausgesetzt als der Stand der Handwerker? Der
+kleine Handwerker, der Mittelstand überhaupt, scheint zum Opfer des
+gewaltigen Aufschwunges der Industrie, des Welthandels und neuer
+Erfindungen bestimmt zu sein und im Fabrikproletariat gänzlich verschwinden
+zu wollen. Handwerk hat heutzutage keinen goldenen Boden mehr, das Kapital
+arbeitet sich zum eigentlichen Herrn und König einer neuen Zeit empor; den
+Kleingewerben vermag der edelste Fürst, die wohlwollendste Regierung nicht
+mehr auf die Beine zu helfen oder das Anwachsen und die Gefahren des
+Proletariats zu verhindern.</p>
+<p>Hier kann zumeist nur Gott und können nur die Einzelnen selbst sich retten,
+indem die Religion die Unzufriedenheit und Trostlosigkeit des Gemüthes
+durch ihren Frieden, die steigende Genußwuth und Verdienstlosigkeit durch
+Genügsamkeit und Sparsamkeit der Armen, durch großartige Maßregeln
+christlicher Liebe und politischer Vorsicht von Seite der Reichen ersetzt.</p>
+<p>Ein Mensch ohne Religion ist ein unglückliches Geschöpf, wird zum unseligen
+Spielball der eigenen und zum willenlosen Werkzeuge fremder Leidenschaften
+und das um so eher, je mehr der Druck äußerer Verhältnisse auf ihm lastet
+und je unselbstständiger er in Folge des Mangels an sonstiger Bildung
+dasteht.</p>
+<p>Zeigt den Armen Menschlichkeit und Liebe, zeigt ihnen handelnde Christen,
+Ihr Mächtigen und Reichen der Erde, dann habt Ihr nicht nöthig, für
+Eigenthum, Freiheit und Leben zu zittern, wenn es einer Handvoll
+Flüchtlinge beifällt, Euch die Zweifelhaftigkeit des dauernden Schutzes
+furchtbarer Armeen und rücksichtsloser Handhabung der Gesetze zu beweisen,
+Ihr habt alsdann auch nicht nöthig mit banger Hoffnungslosigkeit Euerer
+Enkel Zukunft zu bedenken.</p>
+<p>Setzt den unmoralischen Waffen Eurer Todfeinde moralische, den
+Verschwörungsplanen derselben offene Gesellschaften der Söhne des Volkes
+entgegen, in welcher ein religiöser Geist auflebt und in <I>diesem</I> Falle
+einzig und allein entwaffnet Ihr Eure Feinde, deren Religionslosigkeit
+vielfach zur Verteuflung fortgeschritten und besiegt einzig und allein die
+Revolution, diese Ausgeburt der Hölle!&mdash;</p>
+<p>Pflege eines religiösen Sinnes unter den Heeren, Stiftung von
+Gesellenbunden und Vereine für Christianisirung des Proletariats sind
+allerdings Anfänge zum Bessern, aber auch nur Anfänge, zu welchen bittere
+Erfahrungen hindrängten.</p>
+<p><I>Sammelt die Dienstboten beiderlei Geschlechtes in Städten und auf dem
+Lande in ähnlichen Vereinen</I>, sorgt für angenehme und nützliche
+Unterhaltung derselben in ihren arbeitsfreien Stunden, kommt ihnen mit Rath
+und That entgegen, dann werdet Ihr zahllose Sünden, Laster und Verbrechen,
+welche unter den Dächern der Dienstgeber, in Wirthshäusern und Tanzsälen,
+in Feld und Wald begangen werden und in ihren Folgen stets auch auf die
+Gesellschaft zurückfallen, verhindern. Die kleinen Opfer und große Mühe
+sind des heilbringenden Zweckes würdig, Ihr befestiget dadurch das
+zeitliche und ewige Glück der eigenen Person und der Nebenmenschen!&mdash;</p>
+<p>Wer aus dem Munde der Leute aus der Hefe des Volkes und alter Verbrecher
+gründlich erfahren, wie es mit unsern sittlichen und religiösen Zuständen
+aussieht, wie weit die Fäulniß der Gesellschaft um sich gegriffen, wird die
+Reden des Spaniolen und des Exfouriers gewiß nicht für Eingebungen der
+Gespensterfurcht und die auf lauter Thatsachen sich stützende Schilderung
+des Lebens, Denkens und Fühlens der Gefangenen für keine Uebertreibung
+halten.</p>
+<p>Kennt doch ein ehemaliger Revolutionär die Revolution und ein ehemaliger
+Gefangener seine Leidensgefährten wohl genauer als mancher Andere!&mdash;</p>
+<p>Der Zuckerhannes lebte leichtsinnig und müßig in den Tag hinein, versank im
+freud- und friedlosen Wandel eines Liederlichen so tief, daß einige Briefe,
+welche der Duckmäuser an ihn schrieb, ihn anwiderten, weil aus denselben
+kein vollkommen verwildertes Gemüth und einiger Sinn für ein ehrbares,
+sittliches und religiöses Leben heraussprach.</p>
+<p>Er beantwortete den ersten, zerriß den zweiten und ließ den dritten bereits
+ungelesen. Endlich wurden die Folgen seines Lebens sichtbar, als Emmerenz
+zuletzt erfuhr, auf welche Weise der alte Liebhaber das Seinige vergeude
+und aufhörte, demselben Etwas zu senden.</p>
+<p>Die Elsbeth wußte stets woran sie war, fand es allgemach räthlich, andere
+Saiten aufzuziehen und dem Pflegsohn in der verschollenen Tonart seiner
+Jugend aufzuspielen. Gerade an demselben Tage, an welchem er den letzten
+Gulden in der Tasche und einige kleine, aber ungestüme Gläubiger auf dem
+Halse hatte, fing die Wirthin schwere Händel an, der Zuckerhannes mußte mit
+dem Bettelvogte ins Loch wandern, weil er sie mißhandelte und
+lebensgefährliche Drohungen ausstieß und erhielt wiederum eine
+mehrwöchentliche Gefängnißstrafe.</p>
+<p>Nach seiner Befreiung sollte und wollte er keineswegs der Gemeinde zur Last
+fallen und suchte Arbeit, doch vergeblich. Der Stachel der Genußflucht ließ
+ihn nicht ruhen, er würde vielleicht nicht mehr Energie genug besessen
+haben, um das ehrliche Brod wiederum zu verdienen, seine Kräfte waren sehr
+geschwächt, die Keime derselben Krankheit, an der seine Mutter gestorben,
+hatte er durch ein qualvolles, zügelloses Leben in sich selbst zum
+Entwickeln gebracht.</p>
+<p>Nach der Achtung ehrbarer und rechtschaffener Menschen fragte er längst
+nichts mehr, aber der Menschenhaß erwachte vollends, als er erleben mußte,
+daß dieselben Weiber und Saufbrüder, denen er so Vieles angehängt, ihm den
+Rücken wandten, sich verächtlich oder gar feindselig gegen ihn kehrten,
+nachdem er mit seinen Mitteln zu Ende gekommen.</p>
+<p>Der Vogt spielte längst den gestrengen Herrn gegen ihn, nirgends im Thale
+fand er Aufnahme, er mußte der Gemeinde übergeben werden und sollte ein
+elendes, entbehrungsreiches Leben führen. Dies überstieg seine Kräfte; der
+einzige Kamerad, welcher ihm treu geblieben, war ein alter Schnapslump und
+Zuchthausbruder, vor welchem Jedermann die Thüren zuschloß und sich
+fürchtete.</p>
+<p>Dieser Mensch brachte den Zuckerhannes bald dazu, mit ihm gemeinsame Sache
+zu machen. Beide lungerten zusammen in der Gegend umher und trieben zum
+Scheine das Korbmachergewerbe, in Wirklichkeit brandschatzten sie
+wohlhabende Bauern und Bäuerinnen, welche aus Respekt vor derartigen
+Bettlern diese oft reichlich bedachten. Zeiten des Genusses wechselten für
+den Zuckerhannes mit denen arger Noth, es ging das Gerede, er sammt seinem
+Kameraden fänden das einfache Mittel für Verbesserung ihrer Glücksumstände
+in außerordentlich langen Fingern. Doch wollte es der Umsicht der
+unermüdlichen Behörden nicht bald gelingen, Etwas auf die hausirenden
+Korbmacher zu bringen.</p>
+<p>In einer Winternacht entstand ein Brand im Hause der Elsbeth, welche am
+Abend zuvor dem halbbetrunkenen Zuckerhannes den Eintritt in ihre
+Wirthsstube verboten und ihn zurückgestoßen hatte.</p>
+<p>Der Brand des steinernen Häusleins wurde bald und glücklich gelöscht, der
+Schaden blieb unbedeutend, aber der dringend verdächtige Pflegsohn wurde
+festgenommen, der Brandstiftung halb und halb überführt und zu einer
+langwierigen Zuchthausstrafe verurtheilt, obwohl er beharrlich Alles
+wegläugnete.</p>
+<p>Im Vorarreste traf er zwei alte Freunde, nämlich den Spaniolen, der seiner
+Wuth ob dem alten Betrug gleichmüthiges Gelächter entgegensetzte und Martin
+den Wirthssohn, den ehemaligen Schlosserlehrling, welchem eine Tödtung im
+Affect eine 15jährige Freiheitsstrafe eingetragen.</p>
+<p>Der Duckmäuser suchte den tiefgesunkenen Freund zu verbessern, es gelang
+ihm auch theilweise, doch die Auszehrung bereitete allen Mühsalen desselben
+ein baldiges Ende und er ist keineswegs als ein <I>Christ</I>, sondern als der
+<I>Zuckerhannes</I> gestorben.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Zuchthausgeschichten von einem
+ehemaligen Züchtling, by Joseph M. Hägele
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZUCHTHAUSGESCHICHTEN ***
+
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Literary Archive Foundation
+
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
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--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #16278 (https://www.gutenberg.org/ebooks/16278)